Geschichte zur Fortbildung: Vortrag "Morden - warum nicht? Denn aber richtig..."

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Erweiterte Version von 4. Mai 2018 

„Mord. Aus Sicht des Mörders. Tipps und Tricks beim Morden“

Abschrift eines Vortrages anlässlich des 5. Ostholsteinischen Kriminal-Tages in Preetz


Sehr verehrte Damen und sehr geehrte Herren,
liebe Freundinnen und Freunde des Kriminalromans,

ich freue mich sehr, heute hier Ihr Gast beim „5. Ostholsteiner Kriminal-Tag“ sein zu dürfen. Mein Vortragsthema ist einfach und ziemlich kurz. Im Programm lautet es schlicht: „Mord!“.

„Mord“ ost völlig okay, wenn Sie erlauben, möchte ich das Thema ein wenig ergänzen, nämlich um „Aus Sicht des Mörders“. Untertitel: "Tipps und Tricks beim Morden". Und: Worauf man besser aufpassen sollte...

Bevor wir im Programm weiter machen, gestatten Sie eine Frage: Ist jemand von der Polizei da? Kripo, Schutz- oder Bundespolizei, Zoll oder verwandte Berufe? Bitte melden Sie sich! Heben Sie einfach Ihre Hand.

Ich sehe keine Hände. Also nein? Gott sei Dank, das macht mir die Sache einfacher, ich kann ehrlicher zu Ihnen sein – das liegt mir auch mehr. Im Fall der Anwesenheit von Verfolgungsorganen hätte ich manches heiße Eisen auslassen müssen, so kann ich ganz offen reden, und das erwarten Sie ja auch. Eine zweite Frage: Ihre Handies haben Sie alle am Eingang abgegeben? Hat noch jemand ein Zweit- oder Dritthandy in der Tasche? Nein? Sehr gut. Dann können wir eigentlich anfangen.

[Zwischenruf aus dem Publikum]

Was, wie bitte? Entschuldigung, was sagten Sie? Sie müssen bitte lauter sprechen, ich bin ja schon etwas älter…

Ach so, Sie fragen, warum Sie das Handy abgeben mussten? Na ja, verehrte Dame, die Antwort liegt doch auf der Hand... Damit Sie im Laufe des Vortrages nicht die Polizei rufen können, wenn Ihnen danach sein sollte… Bitte haben Sie auch keine Angst, dass die Saaltüren verschlossen wurden…

Gut, das hätten wir geklärt, daher darf ich uns kurz vorstellen. Sehe ich da verdutzte Gesichter? Uns, also wir...?

Nein, es kommt niemand außer mir auf die Bühne, trotzdem möchte ich eben nicht mich sondern „uns“ vorstellen. Normalerweise werde ich ja mit Jens angesprochen, der Nachname tut hier nichts zur Sache, wir lassen ihn heute weg. Natürlich wegen der Anonymität.

Ich frage Sie ja auch nicht nach Ihren Namen… Aber wieder zurück  zu uns: Ich bin also der Jens, manchmal aber auch die Mari, der Rudi oder der Ernst. Nein, nein, meine Damen und Herren, ich wechsle nicht die Namen wie andere das Hemd, um andere zu täuschen.

Der Grund ist ganz einfach und die Sache ist die: In unserem (unserem!) Kopf leben mehrere Persönlichkeiten.

Wie gesagt, ich bin als Jens geboren worden. Als ich ein Teenager war, tauchte zu meiner Überraschung plötzlich die Mari auf, man, das war ein Ding, das kann ich Ihnen sagen, plötzlich hatte ich ein junges Mädchen im Kopf! Das waren, lassen Sie es mich drastisch ausdrücke, Scheißjahre. Ich sage nur Pubertät. Eigentlich Pubertäten – wir waren ja zwei. Und wir hatten nur einen Körper. Sie verstehen, was ich meine? Ich war ja nie alleine mit mir und sie auch nicht. Naja, wir haben uns arrangiert... irgendwie.

Später trudelte dann der Rudi bei uns beiden rein, und vor kurzem erst der Ernst. Das sind alle. Stand jetzt. Zwischendurch hatten wir ein paar Durchreisende in unserem Kopf, die kamen irgendwann und verschwanden sehr schnell wieder. Nein, wir haben sie nicht umgebracht, die waren wohl nicht existenzfähig, glauben wir. Aber ganz ehrlich, vier sind wirklich genug...

Wir sind…, nun ja, wir sind hier jetzt ja unter uns, wir sind Profis, Mörder, Killer, eben Profikiller. Ja, wir leben davon, anderen existenzielle Probleme von der Seele zu nehmen.

Deshalb haben die Veranstalter mich, also uns, ja auch eingeladen, denn sie dachten wohl, wenn einer wirklich kompetent über Mord sprechen kann, dann wir vier. Übriges kriegen wir nur ein Honorar obwohl wir die vierfache Expertise haben

So weit, so gut, jetzt kennen Sie uns. Ich bin der Älteste, unser gemeinsamer Körper ist 64, Mari ist 52 (ehrlich gesagt, nachher kriege ich wieder Ärger mit ihr, weil sie nicht will, dass ich ihr Alter verrate), Rudi ist 48 und Ernst 8 Jahre alt. Aber je später die Individuen in unserem Körper aufgetaucht sind, desto schneller haben sie sich entwickelt. Irgendwie sind wir alle fast gleich alt geworden, reifemäßig meine ich.

Zur Not entscheide ich, wenn die anderen uneinig sind. Heute spreche ich, der Jens. Mag sein, dass Mari oder einer von den Jungs sich irgendwann einmal einmischt, aber das ist unwahrscheinlich.

Ich sollte vielleicht noch sagen, dass die Mari die beste Schützin von uns ist, Rudi manchmal ein bisschen ruppig mit den Opfern umgeht, und Ernst, der ist unser kopfinterner Intellektueller. An Wahlen beteiligen wir uns meist nicht – Mari und Ernst sind eher links, ich konservativ und Rudi tendiert eher rechts von der Mitte.

Kommen wir zurück zum angekündigten Thema. Sie alle hier im Saal sind ja Spezialisten, wenn es um Mord geht. Sie lesen Kriminalromane, wahrscheinlich „vertilgen“ Sie sie geradezu, Sie schauen jeden Kriminalfilm im Fernsehen und Kino.

Daraus ergibt sich für mich die nächste Frage an mein Publikum, also an Sie: Wer weiß denn spätestens nach der Hälfte des Romans schon , wer der Mörder ist?

Ah, hatte ich mir gedacht, fast die Hälfte. Wenn ich ehrlich sein soll, wir schaffen das nie! Daher versuchen wir das auch nicht mehr. Im Fernsehkrimi ist es ja ganz einfach: Da ist es immer der bekannteste Schauspieler!

Aber, ganz ehrlich, wir lesen auch nicht mehr viele Krimis und schauen auch kaum noch welche im Fernsehen an. Zu läppisch, wissen Sie, viel zu läppisch..., viel zu weit weg von der Realität, von meiner Realität, finde ich. Schon, weil die Polizei immer (immer!) den Mörder fasst.

In der Realität ist das natürlich Unsinn – sonst würde ich hier ja nicht stehen können, aber darauf werde ich noch zu sprechen kommen. Und wo gibt es in der Realität ein happy end?

Aber zurück zu den Krimis. Ich will Ihnen auch gerne den wahren Grund nennen, warum ich die nicht mehr sehen mag, indem ich eine kleine Geschichte erzähle: Neulich habe ich mal wieder reingeschaut in so einen Tatort, ich glaube, es war ein Tatort: Wenn ich da die alte Frau Glas in einer Rolle als Kommissarin – ich glaube, sie war Kommissarin – durchs Bild rennen und schießen sehe, nee, das sage ich Ihnen, nee, wirklich nicht… Wenn ich mich recht erinnere, hat sie sogar im Laufen geschossen und auch noch den Richtigen getroffen, nicht einmal richtig gezielt hat sie. Also, wenn Sie einmal geschossen haben, dann verstehen Sie mich- ich kann das nur noch als Lustspiel betrachten. Und nicht einmal als Gutes!

Versuchen Sie einmal a.) in dem Alter b.) mit Pumps c.) zu laufen und d.) zu schießen und e.) zu treffen… Nee, das geht gar nicht. Ich werfe das ja auch nicht der alten Frau Glas vor, als „Schätzchen“ war die damals ja auch recht niedlich, vor allem in der Szene mit dem Korsettchen im Bett, ich werfe das dem Krimi im Fernsehen an sich vor, oder den Drehbuchautoren, die schreiben doch offenbar wirklich nur Scheiße, entschuldigen Sie bitte, aber so ist das doch! Und dann sind die Mörder meistens auch noch unsympathische Typen. Das geht gar nicht, finde ich. Bin ich etwa unsympathisch, gnädige Frau? Nein sehen Sie...

Lassen wir das jetzt. Um mir ein Bild zu verschaffen, stelle ich eine weitere Frage an Sie in den Raum: Wer von Ihnen hat denn schon einmal…, also, ich meine, er- oder gemordet?

Sie müssen jetzt nicht schüchtern sein, meine Damen und Herren, Sie können ehrlich sein, sie können sich ruhig melden… Ist ja keine Polizei da. Das haben wir ja schon festgestellt.

Frage an die Technik: Kann ich mal Licht im Saal haben? Bei der Gelegenheit bitte einen Applaus für Ralle, unseren Techniker, ohne den würde hier nichts gehen.

[Kurze Pause]

Danke, danke, ich finde, das reicht denn doch schon mit dem Geklatsche…

Wie, keiner? Ich sehe keinen einzigen Arm! Oh doch, dahinten reckt sich ein Arm hoch. Ja, Sie, Frau Kollegin, wenn ich Sie so ansprechen darf, wen oder was haben Sie…?
Wie bitte? Bitte etwas lauter… Ach so, ein Huhn. Ha ha, seien Sie mir nicht böse, aber den Witz erlebe ich so gut wie bei jedem Vortrag, der ist so alt wie die Bibel. Ja, also, ein Huhn ist ja auch ein Lebewesen, das könnte ein Veganer zum Beispiel nicht töten. Hühner, das sind doch die Tiere, die auch ohne Kopf noch durch den Hof laufen sollen, oder? Nee, nix für mich.

Sonst niemand? Ich meine jetzt keine Hühner oder andere Tiere, ich meine Menschen? Wenn doch, dann müssen Sie sich nicht schämen. In Deutschland sterben nämlich auch ohne Sie als Mörder oder Mörderin pro Jahr ungefähr 830.000 Menschen.

Davon machen etwa 10.000 Selbstmord.

Nur 800 werden „offiziell“ermordet. Das sind weniger als 1 Promille.

Also, wenn Sie mich fragen, ich glaub´ ja nicht, dass 819.200 Menschen "stinknormal" gestorben sind – also an Krebs, an Schlaganfall, Herzinfarkt oder sonst etwas und erstaunlich wenige an Unfällen oder verstarben.

Sie glauben doch auch nicht wirklich, dass die alle…, also bis auf die offiziell 800 Ermordeten, normal gestorben sind, dazu dürfte Ihnen als Krimileser und -seher der "gemeine Mord" viel zu nahe sein.: denn wenn im Jahr in Deutschland ca. 2.500 Krimis veröffentlicht werden (und ich denke, ich bewege mich im Zeitalter des Selbstpublizierens damit im Rahmen einer sehr konservativen Schätzung) und wir pro Krimi durchschnittlich nur 4 Morde veranschlagen, sind wir schon bei 10.000+ Morden.

Und das ist ja nur das, was in den Büchern geschieht, von den vielen Kriminalfilmen von der Vorabend-SOKO, über Rosenheim-Cops etc. bis zu Tatort und Morden im Norden habe ich die Ermordeten ja noch gar nicht mitgerechnet. Donna Leons Tote, die in Venedig anfallen, habe ich allerdings bereits weggelassen, und die von den Wiederholungen auch!

Nein, nein, ich bin überzeugt davon, dass das in Deutschland schon sehr viel mehr Morde sein werden, überschlagsweise komme ich auf 20.000 Mordopfer ohne die 800 „Offiziellen“ – sehr viel mehr. Ich denke mir, dass das die Politik nur nicht zugeben will...

Und vergessen Sie nicht meine Tätigkeit und die meiner lieben sogenannten „freien“ Kollegen. Und dann die Kollegen, die als „nicht-freie“ für verschiedenen Mafia-Organisationen tätig sind – von den italienischen Mafien sind mindestens drei Arme in Deutschland tätig, dann die russische, die albanische, die kolumbianische und die jugoslawische Mafia. Ja, gauben Sie denn, die seien hier untätig? Ganz im Gegenteil, die hauen ihre Gegner weg wie die Fliegen!

Man redet halt nicht drüber..., man will Sie ja nicht verunsichern.

Naja, und dann die Amateure, die Mörder und Möchte-gerne-Mörder wie Sie hier im Saal. Jeder kommt doch mal in Versuchung, oder?

Bei den unentdeckten Morden werden viele Amateur-Verwandte sorgfältig-liebevoll nachgeholfen haben – mal Omas Tabletten versteckt, mal die falschen gereicht, mal den Opa im Wald versteckt oder besser, unter dem Wald, mal der Oma nachts das Schlafzimmerfenster offengelassen, damit sie eine Lungenentzündung bekommt... Die Polizeistatistiken besagen, dass so gut wie jeder bekannt gewordene Mord in Deutschland aufgeklärt wird. Dass ich nicht lache, das glauben die Polizisten ja selber nicht. Klar, die sind schon ganz gut, unsere Kriminalen, aber sooo gut nun auch wieder nicht. Man muss da allerdings genau hinhören: Es heißt „bekannt gewordene“!

Über die nicht bekannt gewordenen sagt diese Statistik nämlich nix… Was glauben Sie, wie viele falsche Totenscheine tagtäglich von unerfahrenen oder gutgläubigen resp. gutmeinenden Ärzten in Deutschland ausgestellt werden? Ganz abgesehen von den Hausärzten, ob die denn immer wissen, was sie tun...?

Und dann unsere Stars, die sogenannten Massenmörder – ja, da läuft es einen schon kalt den Rücken runter: Ich meine die Pfleger. Einer der Besten stand ja neulich vor Gericht – über 100 Morde hat er eingeräumt. Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen. Er hat sie eingeräumt, nicht etwa gestanden. Er wird schon noch ein paar mehr Menschen ins Jenseits gehofen haben. Er hat das etwa so verstanden, als Hilfeleistung, wie Sie einem Blinden über die Straße helfen. Also, ich muss schon sagen: Chapeau!

 

Und was ist mit denen, die mit den Opfern zum Sterben ins Ausland fahren? Sterbehilfe einmal anders – nämlich ohne Einwilligungserklärung! Rauf auf den Berg mit der österreichischen Gondelbahn, runter im freien Fall, solche Sachen meine ich. Oder eine gemeinsame Wattwanderung in die auflaufende Flut hinein und Oma kann ja nicht mehr so gut schwimmen! Schon gar nicht bei 10°C Wassertemperatur. Die finden dann nur noch die Aale…

Das wird man doch einmal hinterfragen dürfen? Und: Allein meine Anwesenheit im Saal beweist ja schon, dass bei weitem nicht alle Morde bekannt und aufgeklärt werden… Ich könnte Ihnen da Geschichten erzählen… Aber kaufen Sie lieber meine Bücher, da ist alles ganz genau geschildert! Hinzu kommt ja noch, es werden ja auch nicht reihenweise Kollegen verhaftet und verurteilt…

Na gut, dann bin ich also der einzige hier im Raum mit einschlägigen Erfahrungen… Das hatte ich so nicht erwartet, mit vier bis fünf Händen hatte ich schon gerechnet, hier in einer bäuerlich dominierten Gegend, wo sicherlich nicht jeder Altbauer zu rechten Zeiten aufs Altenteil will…

Ich war neulich zu einem Vortrag in einem österreichischen Hochtal eingeladen, weit weg, ziemlich düster, da haben sich – zugegeben nach Zögern und gutem Zureden von Bekannten – doch vier oder fünf gemeldet. Und da war das Publikum nur halb so groß wie hier… ich meine, das ist ja auch gemein, dass die Alten im älter werden. Da wird ja immer eine Generation beim erben überschlagen. Ist das noch gerecht? Ich meine, da will doch jeder mal Chef werden. Ist ja nicht jeder so wie der englische Prinzgemahl oder Charly, offiziell natürlich His Royal Highness Charles Philip Arthur George, Prince of Wales und Duke of Cornwall. Der wurde 1948 geboren und hat immer noch seine Queen vor sich... Klar, der kriegt eine Menge Geld fürs warten, aber der möchte doch irgendwann einmal ran... Mich wundert schon, dass da nicht schon lange Mal ein Reitunfall passiert ist oder so... Also ich hätte da schon ein paar Ideen.

Und wenn wir uns schon in diesen Kreisen bewegen, beim Trump wundert mich ja auch, dass sich da nicht einmal wer aufrafft und eine anständige Prämie aussetzt. Dafür gibt es uns doch schließlich!

Na gut, lassen wir das. Also, wir sind Profis, ganz echte Profikiller! Nein, nein, nun kriegen Sie man keinen Schreck, Sie müssen auch nicht gleich zurückrutschen, meine Dame, ich bin heute „gut drauf“, viel zu gut, um irgend jemandem im Saal etwas antun zu können. Oder zu wollen. Sind auch zu viele neugierige Zeugen da.

[Lachen im Saal]

Also, ich bin ein Mörder, ein richtiger Mörder, ein Killer, ein Auftragskiller…

[Beifall im Saal]

Und ich möchte Ihnen heute ein wenig aus dem Nähkästchen eines Auftragskillers erzählen.

[Atemlose Stille im Saal]

Aber um das vorweg zu nehmen, nein, meine Damen und Herren, wir geben keine Mord-Kurse mehr, „Mord an der Küste“ war zwar immer ausgebucht, wissen Sie, aber uns sind einfach die geeigneten Opfer für die Abschlussprüfungen ausgegangen. Leider verkaufen wir auch unseren Baukasten „Der kleine Mörder. Für Kinder ab 8 Jahre“ mehr. Da hatten wir Probleme mit der Qualität der Gifte. Das alles war früher einmal, heute nicht mehr.

Reden wir endlich über das Thema, für das ich honoriert werde, dessentwegen Sie gekommen sind: Mord!

Ein Mord ist ja eigentlich immer das Ende, für das Opfer das wahrscheinlich bittere Ende einer mal kürzeren, mal längeren Geschichte – das „bitter“ bezieht sich, wie gesagt, auf die Sicht des oder der Ermordeten.

Sagen Sie einmal, legen Sie in diesem Zusammenhang Wert auf dieses neumodische Gegendere? Dass ich also immer Mörder/Mörderin oder Opfer/Opferin sage? Nein? Gut, das macht die Sache für mich einfacher, denn ich stamme aus der Vor-Gender-Generation. Wenn ich im Folgenden also von „ihm“ spreche, ist auch immer „ihr“ gemeint.

Also, dem Mord geht in der Regel einiges voraus: Meist eine Verletzung – eine seelische oder eine pekuniäre Verletzung, also ein Fremdgehen oder ein Geldverlust, evtl. auch nur ein virtueller Geldverlust, wenn also der Opa nicht sterben will, wo der Enkel doch dringend die Erbschaft braucht. So etwas meine ich mit Verletzung. Oder einfach ein mieser Charakter des Mörders, der sich in Neid und Gewaltbereitschaft äußert.

Ich lasse hier einmal die sogenannten Beschaffungsmorde weg. Natürlich ist ein Mord wegen einer Erbschaft im erweiterten Sinne auch ein Beschaffungsmord, aber das meine ich nicht, mit Beschaffungsmord meine ich ein Tötungsdelikt wegen oder unter Drogen. Damit habe ich nix am Hut, damit will ich auch nix zu tun haben. Deshalb gehe ich darauf nicht ein.

Ich rede über den ganz normalen tagtäglichen Durchschnittsmord und –mörder, den Mörder wie Du und wir, wenn Sie erlauben, oder wenn Ihnen das denn doch zu nahe ist, den Mord in der Nachbarschaft .

Selbst beim sogenannten Mord im Affekt dauert es bekanntlich etwas, bis es tatsächlich zum Mord kommt. Man mordet ja eigentlich nicht sofort, aus Jux und Tollerei, oder wenn doch, dann selten.

Wenn Sie mich fragen, gibt es Mord im Affekt gar nicht, der kommt vielleicht etwas plötzlich, aber keinesfalls im Affekt. „Affekt“ ist etwas Gutes für den Anwalt, der kann mit „Affekt“ argumentieren, das Strafmaß damit etwas herunterhandeln, das ist alles… Aber mal ganz ehrlich, wenn ich von „Affekt“ in Bezug zu Mord höre, muss ich immer schmunzeln. Ich würde nie im Affekt…, und kein Kollege auch nicht, ich finde, der Qualitätsmord will geplant sein.

Gut mancher Mörder mag etwas überrascht tun, wenn das Opfer plötzlich (?) tot vor ihm liegt, aber ich glaube da nicht dran. Obwohl da oben in dem Bergtal, da waren schon einige, die waren so schlicht gebaut, dass ich denen das abnehmen würde – aber auch nur denen. Denen, und vor allem den Frauen dort, würde ich jeden Grund abnehmen, den Alten beiseite geschafft zu haben. Häufig sehr gerechtfertigt.

Der ernsthafte Mord passiert eben nicht im Affekt, der ernsthafte Mord ist immer mehr oder weniger geplant. Je besser geplant, desto kunstvoller kann der Mord durchgeführt werden. Und man kann den Mord durchaus als Kunstform sehen, wahrscheinlich als eine ultimative Kunstform – zumindest für das Opfer. Und insofern kann dem Mord durchaus eine gewisse Schönheit zu eigen sein. Ich habe neulich einen interessanten Artikel über die Schönheit in mathematischen Beweisen gelesen. Schön war der Beweis, so der Tenor des Berichtes, wenn er kompliziert mit überraschenden Ideen und Wendungen versehen war und zum ultimativen Ende kommt. Aber das kann man doch wörtlich für den Mord übernehmen: Kompliziert, überraschend, ultimativ.

Und das ist doch auch für Sie schön, wenn Sie Ihren Mord (real oder virtuell) als Kunstwerk betrachten können, der Mörder als Künstler... wunderbar. Insofern sind ein Barneby, ein Poirot oder eine Miss Marple dann als Störfaktor zu betrachten, der eigentlich eliminiert gehört.

Wichtig für jeden Mord und Mörder ist die Planung. Die Planung ist das A und O eines jeden erfolgreichen Mordes. Und erfolgreich bedeutet hier, das Opfer ist tot, der Mörder wird nicht gefasst.

Diese Vorbereitungszeit können und sollten Sie genießen. Sie ist eigentlich das Schönste an einem Mord – wenn die Hormone anfangen vor Begeisterung zu kreischen, mein Gott, lassen Sie sich das von mir sagen: Das ist S C H Ö N. Etwa so, wie ein gutes Vorspiel so lange wie möglich dauern sollte, nicht wahr, meine Damen, der Rest geht dann ganz fix. Und dann nichts wie weg, nicht wahr, meine Herren?

Der ganze, nennen wir ihn „Mordprozess“ dauert in der Regel etwas oder auch etwas länger… In der Zeit passiert ja noch einiges. Sie kennen das aus den Romanen oder Filmen – Streite, Schreiereien, Auseinandersetzungen (auch mal körperlich) zwischen späterem Mörder und späterem Opfer, das Motiv wird verstärkt.

Der Wille zum Töten kommt hinter irgendeiner Gehirnwindung hervor wie ein Drache hinter einem…, ja, wo kommen Drachen eigentlich hinter heraus? Meistens aus einer Höhle, glaube ich. Na gut, dann kraucht der Mordgedanke eben auch aus einer unbewussten Höhle im Gehirn des Mörders heraus – huhuhu!

Egal, aber Sie verstehen, was ich meine, er taucht langsam auf, langsam und verschwommen, dann wird der konkreter – zuerst der Mordgedanke, ein schöner Moment, wenn er erst einmal da ist, dann der Plan, zuerst einfach, schließlich brillant, und schließlich der orgiastische Höhepunkt, die Durchführung.

Erst ist vermutlich nur er da, der Gedanke, zunächst wird er erst einmal verscheucht, aber er kommt wieder… Erst wie ein lästiger Gast, dann wird er immer vertrauter und schließlich bleibt er als ein vertrauter Gedanke: Mord!

Irgendwann lässt er sich dann nicht mehr verscheuchen, dann entschließt man sich zum Mord. Aber der Weg war vorgezeichnet. Gut – aus meiner Sicht. Ich finde Morde ja per se ganz gut.

Über das Opfer und seine Gefühle kann ich aus eigener Erfahrung wenig sagen, ich war ja nie Opfer.

Vermutlich kommt das potenzielle Opfer zunächst gar nicht auf die Idee, dass es Opfer sein wird. Das weiß ja noch von nichts, das lebt ja noch ganz friedlich-schiedlich vor sich hin. Gönnen wir ihm diese Zeit. Möge sie sogar schön sein. Es hat ja nicht mehr lange. Und glauben Sie mir, glückliche Opfer sind die schöneren Opfer. Womit wir schon wieder bei der Schönheit eines Mordes sind.

In dieser Zeit hat es der potenzielle Mörder sogar schwerer als das Opfer, das ja von nichts ahnt, denn der Möchtegernmörder geht jetzt mit der Idee des Mordes schwanger. Eine Schwangerschaft ist eine schwere Zeit, fragen Sie einmal Ihre Mutter! Mit einem Mord, vor allem dem ersten, schwanger zu gehen, ist eine verdammt schwierige Zeit für einen Laien oder für den Erstmord-Täter. Das mit der Schönheit, kann einem helfen, wenn man sich darüber bewusst ist. Der Mörder muss sich entscheiden, wann und wie? Er muss, er sollte sich ein Alibi verschaffen. Er muss sich eine Waffe verschaffen.

Damit sind wir beim nächsten Kernpunkt eines Mordes.

Die Frage nach der Waffe ist entscheidend. Wenn Sie erst einmal die ersten Morde hinter sich haben, wenn Sie auf dem Weg vom Ersttäter über den Amateurmörder den Weg zum Profikiller eingeschlagen haben, wird Ihnen klar geworden sein, was „Ihre“ Waffe ist, Ihre Lieblingswaffe oder Ihre Lieblingsmethode.

Klar, ein Küchenmesser ist schnell gefunden, ein Hammer auch… Wenige denken an ein Bolzenschussgerät (sehr zu empfehlen, aber bitte im Baumarkt 500 km entfernt kaufen!) oder an eine selbst gemachte Garotte (den Draht weit weg kaufen!).

In amerikanischen Krimis ist der Eispickel sehr beliebt. Der Eispickel ist eines der gemeingefährlichsten amerikanischen Werkzeuge. Aber finden Sie hier bei uns mal einen geeigneten Eispickel! Dass der Eispickel bei Mördern in den USA so beliebt ist, muss daran liegen, dass der Kühlschrank in den USA noch nicht so weit verbreitet ist, und man dort deshalb sehr viel Natureis einsetzt…

Bei Morden auf Segelschiffen wird auch gerne mal ein Belegnagel oder ein Marlspieker verwendet – Werkzeuge, die man an Land oder auf Motorschiffen kaum noch findet. Also, wenn Sie ein Boot mit Belegnagel oder Marlspieker haben: Hände weg! Klar, die sind verlockend – aber die sind verräterisch, die haben sie gleich…

Bleiben wir beim Boot: Boot ist gut! Im Winter, bei 2°C Wassertemperatur, überlebt keiner, der über Bord fällt – Sie dürfen dann dem Opfer eben nicht wieder ins Boot helfen, da braucht man Nerven, aber das geht ganz fix, maximal nach 4 Minuten ist Schluss mit dem Geplantsche und Gelabere im Wasser!

Im Sommer braucht es deutlich länger, warten Sie auch nicht auf den vorbeischwimmenden Haifisch, der beißt nur vor Australiens Stränden zu, der kleine Knabberer… Nein, ein Wassermord in hiesigen Breiten nur im Januar-Februar!

Oder im Sommer mit der Schiffsschraube mehrfach drüberfahren. Wenn das Wasser so richtig rot geworden ist, haben Sie getroffen. Hinterher noch lange hin und her fahren, um die Schiffsschraube zu säubern. Pril im Nord- oder Ostseewasser hilft übrigens nicht. Da kriegt man sie nur wegen Umweltvergehen an den Kanthaken.

Gut ist es, wenn Sie über keinen Bootsführerschein verfügen, dann können Sie immer sagen, Sie wussten nicht, was Sie tun sollten...

Und passen Sie auf, dass andere Schiffe weitgenug weg sind, wenn Sie „SOS, Mann über Bord“ funken, sonst sind die zu schnell da.

Am häufigsten wird in Krimis eine Schusswaffe verwendet: Von Pfeil und Bogen über diverse Pistolentypen bis hin zur israelischen Uzi.

Bei Pfeil und Bogen gilt: Das muss man gelernt haben, das muss man können – und die, die das können, die sind polizeibekannt. Ohne Übung schießen Sie sich eher in den eigenen Fuß als dem anderen in den Hals. Und tragen Sie als Mann nicht plötzlich grüne Strumpfhosen, weil Sie das in Robin Hood so gesehen haben, Sie verstehen? Wenn Sie also ein Bogenschütze sind und in Ihrem Bekanntenkreis wird jemand mit Pfeil und Bogen erschossen… - verabschieden Sie sich schon mal von Ihren überlebenden Lieben, Sie werden sicher bald hinter Schloss und Riegel sitzen, wenn in Ihrem Freundeskreis nicht viele Mitglieder im Bogenschützenverein sind, denen Sie das anhängen können. Aber das geht sogar bei INSPECTOR BARNABY regelmäßig schief.

An eine Uzi werden Sie wahrscheinlich nicht herankommen, es sei denn Sie waren beim IS – aber dann stehen Sie unter Beobachtung, auch, wenn Sie es noch nicht bemerkt haben sollten. Lassen Sie für die nächsten dreißig Jahre besser die Finger von Ihrer Uzi, ehrlich. Die ist dann etwas für Ihren persönlichen Altersmord.

Überhaupt, ist Ihnen schon einmal aufgefallen, wie viele Menschen in Fernsehkrimis mit Waffen herumlaufen? Oder jedenfalls eine Pistole in der Schreibtischschublade liegen haben? Jederzeit griffbereit!

Wenn das in der Realität tatsächlich so wäre, bräuchten wir uns hier in Deutschland nicht mehr über die US-amerikanische Waffenlobby aufzuregen, das wären dann nämlich Anfänger.

Ich frage das jetzt nicht, sie müssen sich also nicht melden, aber Sie können ja mal darüber nachdenken, wem Sie hier im Saal zutrauen, zuhause eine Waffe zu haben?

[Bewegung und Raunen im Saal]

Sehen Sie, genau das habe ich gemeint. Wenn Sie eine haben, kann ich Ihnen nur raten, verstecken Sie sie gut, reden Sie auch nicht darüber – für alle Fälle, Sie wissen ja nie. Sie können ja nicht wissen, ob Sie nicht vielleicht auch mal in Versuchung kommen könnten… Falls Ihr Ehepartner es mal mit jemand anders treibt, oder so… Sie verstehen?

Von wegen „nicht darüber reden“ – das gilt natürlich für jeden Mörder und für jeden Auftraggeber. Jedes Wort in der Beziehung ist ein Wort zu viel, ist ein Wort auf dem Weg zum „lebenslänglich“, in Deutschland zu „15 Jahren“.

Fakt ist – Stand heute: Wenn Sie keine Waffe besitzen, haben Sie verdammt gute Chancen, auch keine zu kriegen.

Es sei denn, Sie fragen im einschlägigen Teil Ihres Freundeskreises, wer Ihnen eine leihen könnte – aber auch da kann ich nur sagen: Vorsicht! Sie können sich erfahrungsgemäß einfach nicht darauf verlassen, dass der Leihgeber dauerhaft die Schnauze hält, oder wenn doch, dass er sie dann nicht irgendwann mit seinem Wissen erpresst. Menschen sind so gemein, ehrlich! Wenn es einer weiß, dann ich.

Also geben Sie die Waffe besser nicht zurück, dann haben Sie im Falle einer Erpressung schlussendlich das bessere Argument in der Hand – und zwar im wahrsten Sinne des Wortes.

Sie wollen aber doch lieber wissen, wo Sie eine eigene Schusswaffe her bekommen könnten? Was fällt Ihnen denn dazu ein? Hamburg-St. Georg? Läge nahe. In Kiel am Puff im Hafen? Möglich. Und wie machen Sie das? Sie schlendern in einer regnerischen Nacht durch St. Georg, und wenn Ihnen ein besonders finsterer Typ entgegenkommt, dann fragen Sie ihn freundlich: „He, Sie, sagen Sie mal, Sie sehen so aus, als würden Sie mit Pistolen handeln…, was haben Sie denn im Angebot…“? Ehrlich? Wahrscheinlich doch nicht.

Gut, nehmen wir an, Sie meiden die finsteren Typen in den dunklen Straßen, Sie gehen statt dessen in eine miese Pinte (gerne eine jugoslawische), in der die anderen finsteren Typen verkehren, und fragen den Mann hintern Tresen, ob er jemand kennen würde, der mit Pistolen handelt? Also nicht en gros, nur Einzelhandel? Hhm, auch nicht sehr wahrscheinlich, dass Sie tatsächlich eine bekommen, die Wahrscheinlichkeit tendiert auch nicht gegen Null, aber viel wahrscheinlicher ist, dass er Ihnen erstens eine aufs Maul haut, und Sie zweitens mit Balkan-Akzent hochkant rauswirft!

Ach so, Sie fahren nach Polen, weil da haufenweise Waffen am Straßenrand verkauft werden? Unwahrscheinlich aber möglich. Sie können polnisch? Sie können auf polnisch fragen: „Haddu Pistole?“. Sie glauben wahrscheinlich, dass man mit dem Polen in einfachen kurzen Sätzen sprechen muss, damit er Sie versteht? Damit haben es sich unsere Großväter schon in Polen versaut. Aber muss ich mehr sagen? Wahrscheinlich kriegen Sie wieder eine aufs Maul. Besonders, wenn Sie in kurzen Sätzen auf deutsch fragen. Diesmal mit polnischem Akzent – und zwar völlig zu Recht.
So ähnlich wird es Ihnen auf großen Märkten gehen. Sie geraten höchstens an einen V-Mann, nicht gut, gar nicht gut!

Letzte Möglichkeit: Ukraine. Da gibt es Waffen en mass! Wahrscheinlich sogar zu kaufen, glauben Sie? Na, denn fragen Sie man mal eine Mutti, die in Kiew irgendeinen Prospekt entlang schlendert. Außerdem müssen Sie die Waffe, wenn Sie eine bekommen haben sollten, durch die EU-Außengrenze schmuggeln. Und wehe, die erwischen Sie! Die Wahrscheinlichkeit ist nämlich groß, dass Sie vom Verkäufer an den Zoll verraten wurden. Das ist gar nicht persönlich gemeint, es dient nur der atmosphärischen Verbesserung zwischen Zoll und Waffenhändler für die wirklich wichtigen Waffengeschäfte – wenn etwas amerikanische Waffenlieferungen für die Ukraine kommen. Seien Sie Ihrem Verkäufer nicht böse…, das Geschäft läuft eben einfach so, die Amateure werden verhaftet, damit die Profis überleben können.

Bleiben das Messer oder der Hammer. Beides funktioniert, keine Frage. Sie brauchen gewisse Grundkenntnisse in Anatomie, damit Sie wissen, wo sie hin- und wo sie nicht hinstechen müssen. Gut, die kann man sich aneignen. Machen Sie einfach einen guten Erste Hilfe-Kursus.

Das Dumme ist, mit Messer oder Hammer müssen Sie dicht an Ihr Opfer heran, am besten von hinten, da ist es einfacher. Und wenn Sie endlich soweit sind und Ihr Opfer hört Sie, dreht sich um und schaut Sie treu an, erst in die Augen, dann auf das Messer in Ihrer Hand und schließlich wieder in Ihre Augen, und fragt Sie dann, was denn jetzt werden soll, willst du mich etwa umbringen und warum denn, dann dürfen Sie nicht weich werden, bleiben Sie stahlhart: Opa muss jetzt sterben, weil Opa schon zu lange gelebt und gespart hat – zumindest in Ihren Augen. Sagen Sie nichts, denn das könnte jetzt in ein Gespräch ausarten. Nicht gut. Stechen Sie einfach zu oder hauen Sie mit dem Hammer zu. Und treffen Sie gut. Am besten mehrfach. Nur zur Sicherheit. Wir reden übrigens nie mit unseren Opfern, schon aus Erfahrung.

Nehmen wir an, Sie überwinden allerletzte nicht erwartete Hemmungen und stechen zu, dann denken Sie daran: Nicht nur so ein bisschen, da müssen Sie schon richtig hinlangen, der erste Stich muss mindestens fast tödlich sein, besser ganz.

Und dann fängt das Opfer an zu bluten – erlauben Sie mir die Offenheit –, es blutet jetzt wie eine Sau, die abgestochen wird. Das Blut spritzt vielleicht meterweit! Trifft Sie vielleicht. Bleiben Sie tapfer, schon wegen der DNA-Spuren dürfen Sie sich jetzt nicht übergeben – außerdem müssen Sie noch zwei- oder dreimal gezielt zustechen, damit das Opfer tatsächlich stirbt.

Stellen Sie sich mal vor, Sie würden nicht richtig zustechen, und das Opfer überlebt, und Sie müssen Opa beim 90sten Geburtstag oder so irgendwann einmal wieder unter die Augen treten: Die Situation könnte dann sehr, sehr peinlich werden… Außer er hat Alzheimer, dann hat es es vergessen…

[Lachen im Saal]

Mit einer Schusswaffe geht das Morden natürlich deutlich „sauberer“. Allerdings nur, wenn Sie schießen können!

Ich habe neulich einen Bekannten zum Schießtraining mitgenommen und ihm eine Glock mit 15 Schuss im Magazin in die Hände gedrückt. Sie, ehrlich, erst war´s lustig, dann nur noch peinlich. Sie müssen wissen, man schießt dort auf 25 Meter auf Scheiben von circa einem Meter Durchmesser. Mein Bekannter hat alles getroffen: Die Lichtleitung an der Decke, mehrere Kakerlaken am Boden, die nur er gesehen hat (es war ein Massaker), die Scheibe auf der Nachbarbahn – nur die eigene Scheibe nicht.

Nein, wenn der sich mal entschließen sollte, jemanden zu erschießen, kann ich ihm nur raten, nicht weiter als einen halben Meter vom Opfer entfernt abzudrücken, am besten aufgesetzt, sonst fällt das Opfer höchstens vor Lachen um.

Ich habe Ihnen bis jetzt von jeder Mordmethode abgeraten. Das gilt übrigens auch für Gift (das ist eher für italienische Päpste geeignet) oder Strom (das ist besser für intensive Verhöre á la Abu Ghraib) oder Überfahren mit dem Auto. Alles unsicher, alles hinterlässt Spuren, die zu Ihnen führen können!

Spätestens beim dritten oder viertem Mord haben die sie.

Ich hoffe, ich habe Sie nicht enttäuscht oder Ihnen die Freude am Mord genommen. Ich will Sie ja auch gar nicht vom Morden abhalten. Das kann schon auch Spaß machen. Es ist nur so, die meisten Hobbies machen ja erst dann richtig Spaß, wenn man sie beherrscht. Das gilt für das Schachspielen, wie für das Segeln, das postmenopausale Malen und natürlich auch für das Morden. Meine Botschaft lautet: Man muss es nur richtig machen!

Eines möchte Ihnen für den Fall, dass Sie es dennoch selber machen wollen, mitgeben: Übertöten ist grundsätzlich schlecht. Was das heißt? Nun, Ihr Opfer kann relativ unauffällig die Treppe herunterfallen oder vom Balkon. So etwas passiert. Da kommt nicht einmal unbedingt ein Verdacht auf.
Wenn der zum Tatort gerufene Polizist aber ein Opfer mit zwei Einschüssen in der Brust und einem im Kopf vor sich hat, fällt es ihm schon schwerer, so zu tun, als ob nichts geschehen sei, so sehr auch der Kindergeburtstag bei seiner Lebensgefährtin drängeln mag, bei dem er sein Kommen garantiert hat (Kommissare im Buch oder Film haben immer solche Probleme). Die in der Realität auch.

Beim Treppensturz oder einem einzelnen Hammerschlag auf den Vorderkopf kann der Kommissar mit zu vielen Überstunden sagen, dass er keinen Verdacht hat, das sei ein selbst verschuldeter Unfall, er gehe jetzt „abbummeln“… Vielleicht schreibt er auch "Selbstmord" oder (wenn er Hauptkommissar ist) „Suizid“ in das entsprechende Formular.

Das ist übrigens der wahre Grund, warum Kommissare im Krimi immer im Pärchen auftreten: Dann kann das Faul-Gen sich nicht so leicht durchsetzen, denn dann sagt der erste Kommissar vielleicht „Scheußlicher Selbstmord, was? Selten gesehen. Drei tödliche Kugeln…“, aber der zweite Kommissar wendet eventuell ein (außer sie ist die Mutter zum Kindergeburtstag oder er ist auch zum Kindergeburtstag eingeladen): „Hhm, ich weiß nicht, ich weiß nicht, kommt mir irgendwie spanisch vor, drei Schüsse, keine Waffe da, die Tür von außen abgeschlossen - sollten wir nicht lieber die Spurensicherung…? Das wäre sonst der erste dokumentierte Suizid mit drei tödlichen Kugeln...“

Dasselbe gilt übrigens auch bei zu vielen Messerstichen. Ein Stich im Bauch ist noch okay, vor allem wenn das Opfer ein Japaner ist, da kann das sogar eine gute Idee sein, aber fragen Sie sich mal ehrlich, wie viele Japaner wollen Sie abmurksen?

Sehen Sie - das habe ich gemeint: Machen Sie es richtig, tun Sie genug aber nicht zuviel des Guten! Das Opfer muss richtig tot sein – aber eben nicht zu tot!

Sie wollen es tatsächlich richtig machen? Gut, was rate ich Ihnen denn nun als Professioneller?

Wenn Ihnen egal ist, dass Sie erwischt werden, wenn Sie jemanden „nur so“ umbringen wollen, und wenn sie unheilbar krank sind, und wenn Sie nur noch ein Jahr zu leben haben, dann (aber nur dann) gehen Sie los, und bringen Sie Ihr Opfer ruhig um. Dann können Sie auch mit rauchender Leihpistole neben dem Opfer stehen bleiben… Wenn Sie Glück haben, sagt der Bulle sogar: „Nun mach´ mal Platz hier, Omchen, das ist jetzt ein Tatort, geh man lieber nach Hause – aber lass die Pistole da…“

Wenn Sie dagegen, wie eigentlich jeder normale Mörder, einen Profit aus dem Mord schlagen wollen (sei es Befriedigung oder Geld), dann sollten Sie besser nicht gefasst werden. Das wird schwer, weil, die Polizei mag ziemlich doof sein, aber sie sind nachtragend! Die lassen nicht locker – außer Sie sind gut befreundet…

Im Endeffekt ist es eigentlich immer am besten, Sie wenden sich an einen Profi! Geben Sie den Mordauftrag, fahren Sie mit Freunden oder Familie (Freunde ist besser, Ihr Ehepartner lässt Sie evtl. mit seinem Aussageverweigerungsrecht beim Alibi hängen) fort, kommen Sie erst wieder, wenn der Mord in der lokalen Zeitung berichtet wurde. Wenden Sie sich sehr betroffen (!) an die Polizei...Seien Sie bereit zu helfen – oder seien Sie so betroffen, dass Sie noch nicht aussagen können.
Aber auch hier gilt: Nicht zu viel des Guten ist besser!

Sie treffen den von Ihnen beauftragten Profi höchstens einmal, besser gar nicht. Überweisen Sie kein Geld, erwarten Sie keine Rechnung, machen Sie keine Unkosten bei der Steuererklärung und keine Mehrwertsteuererstattung geltend. Seien Sie also nicht geizig, Geiz ist in Zusammenhang mit Mord gar nicht geil! Das Geld hinterlegen Sie bar in einem Versteck… Keine Spur führt zu Ihnen, Sie haben mit keiner Sauerei zu tun alles geht blitzschnell und blitzsauber.

Ich sehe die Frage geradezu in Ihre Gesichtern geschrieben: Und wie komme ich an so einen Profi?

Wer ernsthaftes Interesse hat, kann sich nach dem Vortrag gerne an mich wenden, ich verkaufe dann mein Buch „Morden – aber richtig“ im Foyer, gerne mit Signatur, und lege unauffällig eine Visitenkarte einer international tätigen Organisation hinein, auf der Sie die Kontaktdaten finden.

Diese Adresse ist aus einsehbaren Gründen allerdings höchstens 14 Tage gültig. Dort erfahren Sie auch das allfällige Honorar und das weitere Vorgehen.

Meine Damen und Herren, das war´s. Ich habe heute noch zu tun, schauen Sie morgen mal in die Zeitung... Haha, war nur ein Witz - oder nicht? Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit

[Lang anhaltender Applaus und "Zugabe"-Rufe]

Ja, also, sind da noch Fragen?

Ja, Sie, da vorne links, bitte...

Frage
Danke, ich meine, vielleicht ist das ja eine dumme Frage, aber wissen Sie, mein Sohn, der würde vielleicht gerne.., also berufsmäßig..., ich meine, dasselbe werden wie Sie. Was meinen Sie, ist das denn ein Beruf für einen Jungen, einer von dem er leben kann?

Antwort
Tja, das fragt man sich als Eltern ja immer, was soll mein Junge mal werden, nicht wahr? Na gut, also, ein Lehrberuf ist das jedenfalls nicht, nicht bei uns, vielleicht in Sizilien, da ja, aber bei uns nicht. Wenn ein Junge Interesse hat, den Beruf zu ergreifen, dann würde ich ihm ein paar Fragen stellen. 1.) Kannst Du schweigen? Das ist ja schon wichtig, dass er sich nicht verquasselt, verstehen Sie. 2.) Eine gewisse Vorbildung wäre schon angebracht. Ich denke da an Sniper bei der Bundeswehr. Das würde ihm gewisse Grundbegriffe vermitteln. Oder auch bei der Bundeswehr: Eine Einzelkämpferausbildung, das wäre natürlich eine gute Voraussetzung. Da werden einem die Flausen aus dem Kopf getrieben und gewisse Bedenken vor dem Leben ansich genommen. Das würde helfen. 3.) Wenn er das nicht machen will, würde ein fleischverarbeitender Beruf, Metzer oder Schlachter oder Tierzerleger hilfreich sein. Zumindest, wenn er später einmal vor allem mit dem Messer arbeiten will. 4.) Als Pfleger wäre er auch prädestiniert, aber vielleich nicht als Auftragskiller, mehr als Hobby-Serienmörder. Reicht Ihnen das fürs Erste?

Der nächste, bitte.

Frage
Sie haben über Pistolen gesprochen. Was würden sie da empfehlen?

Antwort
Gute Frage, mein Herr. Es gibt Auftragskiller, die bevorzugen eine .22er – zwei Schüsse ins herz und einer in den Kopf. Da gibt es viele sehr positive Berichte in der Literatur und ich habe auch selber gute Erfahrungen damit gemacht. Andere Kollegen sagen, dass ginge ja gar nicht, die würden immer eine 9 mm nehmen... Für mich als Profi ist das eine reine Geschmackssache. Es geht so und so... Für Sie als Amateur, ich denke, das sind Sie doch, kommt es eher darauf an, an was für eine Waffe kommen sie am leichtesten heran, welche Waffe besitzen Sie bereits. Die die Sie haben, ist für Sie die beste.

 

Frage
Ich werden manchmal so wütend und würde dann gerne..., also, Sie wissen schon, was ich meine, oder?

Antwort
Das verstehe ich voll und ganz, das geht mir ganz genauso, z.B. manchmal im Straßenverkehr oder beim Nachbarn. Das meinen Sie doch sicherlich? Ich gebe zu, das ist schon mal verlockend, so einen Raudi einfach wegzuputzen. Aber das wäre im Affekt. Und Affekt ist schlecht. Affekt ist unüberlegt und dreckig, nein, das kann ich nicht empfehlen. Für mich ist die angesprochene Schönheit im Mord ein wichtiges Element. Ich will den Mord planen, voraussehen, vorbereiten, im Kopf schon mehrfach ausführen, bevor ich es dann tatsächlich mache, verstehen Sie. Die Schönheit... und die Einfachheit der Ausführung mit einem Überraschungsmoment, das ist schön. Aber einfach so, quasi mal eben, so nebenbei – nein, das ist nicht mein Anspruch. Und Ihrer sollte es auch nicht sein. Aber das ist meine Meinung, ich weiss, dass menschen das tagtäglich anders sehen. Das kann ich dann auch verstehen. Aber es wäre nicht mein Ding.

Frage
Würden Sie den Beruf noch einmal ergreifen?

Antwort
Eindeutig ja. Ich meine, man hat viel Freizeit, man kommt herum, letzte Woche erst hatte ich einen Kontrakt auf Sizilien, doch ja, ich würde es wieder machen... ich würde sicherlich nicht mehr jeden Kontrakt annehmen, da wäre ich vorsichtiger, wissen Sie. Aber ich habe Karriere gemacht, so war ich z.B. „Europäischer Killer des Jahres“ – gewählt von 100 Berufskollegen, die im europäischen Verband vertreten sind. Doch so etwas macht dann schon Spaß. Da ist der Beruf nicht anders als andere.

Frage
Haben Sie Kontakt zu Kollegen?

Antwort
Direkten Kontakt? Selten. Erfahrungsaustausch? Nie. Konkurrenz? Manchmal.

Am ehesten noch über den Berufsbundesverband „NFK“ (Nie gefasste Killer, die Red.), da haben wir alle 5 Jahre einen Kongress. Aber bei dem geht es v.a. um Altersgrenzen, Rentenfragen, Ethikfragen, internationale Konkurrenz, die auf den deutschen Markt drückt. Stichwort „Bulgarische Billigmorde“. Aber mal auf ein Bier mit einem Kollegen – und das meinten Sie doch wohl mit Ihrer Frage - eher nicht.

 

Frage
Haben Sie Angst vor der Polizei?

Antwort
Angst? Nein, Respekt? Ja. Wissen Sie man ist ja irgendwie Kollege, gut, man steht jeweils auf der anderen Seite des Mordes, aber man ist ja auch aufeinander angewiesen. Die Kriminalpolizei braucht uns ja. So ein Mord ist für viele Kriminale DAS Highlight des Berufsjahres. Und wenn es keiner von uns war, ich meine Mitglieder im NFK, dann helfen wir auch schon mal mit dem einen oder anderen Hinweis , und die Damen und Herren Kriminalen, revanchieren sich dann bei einem „unserer Fälle“, indem sie mal wegschauen oder so. Es werden ja auch nicht alle Morde aufgeklärt – und wer sagt Ihnen, dass bei den aufgeklärten Fällen immer der richtige Täter gefasst wird.

Außerdem ist die Polizei ja saumäßig schlecht ausgestattet. Wir vom NFK griefen den Beamten und Beamtinnen schon mal mit einer Spende unter die Arme, damit sie mal ein neues Auto bekommen oder ein technisches Gerät. Wissen Sie, je höher die Aufklärungsrate, desto höher der Risikozuschlag für uns, das rechnet sich, wissen Sie.

In der Zukunft wird es schwerer werden... Unterstützen Sie mal einen Algorithmus, verstehen Sie. Wenn überall Kameras hängen, die auch noch mit Identifikationssoftware gekoppelt werden können – und ich spreche nicht von Gesichtserkennung, nein ich meine Ganzkörpererkennung z.B. durch individualtypische Bewegungsmuster – also dann wird es schwerer für uns. Aber meine Nachfolger werden auch da Mittel und Wege finde, künstliche Intelligenz auszuspielen. Der Kriminalkommissar als Kollege Computer, das wird schon noch etwas dauern. Schon wegen der Kosten... Schwerer wird es für die Amateur- und Hobbymörder werden, da bin ich mir sicher. Aber gleichzeitig wird der Bedarf an Morden mindestens gleichbleiben, und bei immer älter werdender Bevölkerung – Sie erinnern sich an meine Ausführungen zur Erbschaftssituation – wird er sogar zunehmen. „Gefühlt“ bemerke ich diesen sehr positiven Effekt ja schon heute. Denn die Alten, die sind ja einfach zu eliminieren.

Noch eine Frage? Die letzte, bitte.

Frage
Was verdient man denn so als Profikiller?

Antwort
Sie waren die Dame, die wegen Ihres Sohnes gefragt hatte, nicht wahr?

Ja, also, eine sehr intime Frage, finde ich. Aber gut. Am Anfang wird das Problem sein, überhaupt Kontrakte zu erhalten. Man ist ja noch ein Niemand, nicht wahr. Und man hat noch keine Referenzen vorzuweisen. Ehrlich gesagt, da werden Sie ihn finanziell noch unterstutzen müssen – es sei denn, er folgt meinem Rat und geht zur Bundeswehr. Und dann vielleicht als Söldner in Krisengebiete. Das wäre ein Weg, den er gehen könnte. Als Söldner hängt es natürlich auch von der Dreckigkeit der Aufträge ab, aber 4000 bis 5000 US$ sollte er da bekommen. Da kann es sich einen Namen machen... Danach kann er sich selbstständig machen. Für einen Durchschnittsauftrag wird er im Erfolgsfall so um die 10.000 $ erhalten, für Spitzenjobs bis zu 100.000 $ vielleicht plus Spesen. Aber die sind dann schon gefährlich. Also das Geld bekommt man auch in dem Job nicht geschenkt.

[Blick auf die Uhr]

Meine Damen und Herren, das war eine passende Überleitung in den Schluss dieses Vortrages. Es hat mir hier bei Ihnen viel Spaß gemacht, ich muss jetzt sehen, dass ich hier wegkomme, bevor doch noch einige Greifereinheiten auftauchen. Und ich muss auch noch ein paar Dollars verdienen.

Meine Damen und Herren, zehn Minuten habe ich noch für Bücher mit Autogramm etc. Dann wird es allerhöchste Zeit für mich, da wartet noch jemand...