Ehrlich gesagt, ich kenne diese Kühe nicht. Wahrscheinlich sind sie auch ganz leise...
Ehrlich gesagt, ich kenne diese Kühe nicht. Wahrscheinlich sind sie auch ganz leise...

Wahre Geschichte. Lärm op´n Dörp

Empfehlung

Ein guter Freund ist vor einem Jahr raus aufs Land gezogen, ins Schwäbische. Früher har er oft und viel über den Lärm in der großen Stadt geklagt - der Hausmeister mit dem Laubpuster, der Hausmeister mit dem Rasenmäher (beide morgens um 7 Uhr), um nur zwei Lärmquellen zu nennen, ach ja, und hupende Autos ... Ich finde, er war schon ein bisschen sehr empfindlich!
Ich habe ihn jetzt weit draußen auf dem Lande besucht und gefragt, wie schön ruhig er es denn jetzt habe? Da hat er nur bissig gelacht: „Ruhig???", hat er fast drohend gesagt, "Ruhig? Wie kommst du auf ruhig? Dass ich nicht lache...“
Und dann hat er an die Redaktion geschrieben. Wir veröffentlichen hier den Wortlaut seines Briefes. Viel Spaß…:

Lieber K.,
war schön, dass Ihr uns neulich hier auf dem Lande besucht habt.
Deine Frage, ob das Leben auf dem Lande ruhiger als in der großen Stadt ist, d.h. ob man auf dem Dorfe weniger von Lärm geplagt wird, kann ich nur so beantworten: Nein, es ist nicht leiser… Nur ist der Lärm hier ein anderer.
Nach 15 Jahren in München leben wir hier in einem typischen Dorf im Schwabenländle. Es gibt hier also den "alten" Dorfkern (noch mit Bauern) und ein neues (im Vergleich mit Münchener Neubaugebieten relativ kleines) Wohngebiet mit Neubau-Einzelhäusern (so wie am Rand von München).
Beginnen wir mit dem Verkehr. Durch unser Dorf führt die Hauptstraße in Richtung Kreisstadt. Und folglich gibt es hier ein allmorgendliches Autorennen in Richtung Arbeitsplatz.
Das beginnt so gegen 5:45 Uhr und geht bis ca. 8:30 Uhr; und natürlich fährt jede(r) deutlich über 50 Km/h (man hat ja schließlich genügend PS unter der Haube).
Die resultierende Lautstärke verlangt auch in 100 Metern Entfernung von der Hauptstraße geschlossene Fenster, sonst kann man getrost auf Radio oder ARD-Morgenmagazin verzichten. Andere Dörfer in der Nähe hatten bis vor einigen Monaten, vor den jetzt durchgezogenen Straßensperrungen, noch ein großes zusätzliches Problem: Die  "Mautflüchtlinge", sprich die LKWs von der A7 – das sind bis zu 800 LKW/Tag !!!. Und die rollen – um das klarzustellen – Tag für Tag mitten durch die idyllischen Dörfer.
Aber das ist es ja noch nicht…
Kommen wir also zur Landwirtschaft. Es gibt hier noch richtige Bauern, und deren Herz schlägt höher, wenn die Ernte funktioniert. Dank PS-starker Schlepper bekommen wir das trommelfellnah mit.
So ca. zwei Wochen vor Eurem Besuch war Heu-Silage angesagt, und das bedeutet, dass auf der Dorfstraße alle 10 Minuten ein Silagehänger hinter einem Schlepper gezogen wird, der seine 350 PS natürlich deutlich mitteilt, bis dann gegen 23:00 Uhr das Gräserfutter für das kommende Jahr gesichert war (die Mais-Silage kommt bekanntlich im Spätherbst, nach den Mähdreschern, darauf warten wir also noch…). Also: Fenster zu oder ignorieren.
Nun zur deutschen Spaßgesellschaft. Kaum scheint mal Sonne (ich denke so ab Mai), beginnt die große Landplage auf 2 Rädern. Von morgens bis in die Nacht durchfahren Pulks von Motorrädern das Dorf. Nach der Kurve in der Dorfmitte ist dann "richtig Aufdrehen, Stoffgeben, Roooahrrfrei“ angesagt.
Die "Reiskocher" bieten kreischend-jaulende PS-Beweise und dann kommen - noch schlimmer! - die Harleys. Da donnert und bollert es aus Rohren, die wohl mal als Auspuff vom TÜV abgenommen wurden, vor dem Ausritt aufs Land dann aber zum Ofenrohr mutiert wurden.
Ehrlich gesagt, das geht richtig auf die Nerven, wenn man z.B. im Garten den Grill aktiviert hat und sich auf eine" ruhige" Wurst freut.
Und dann folgt unter Einsatz aller Martinshörner wohl so drei- bis viermal am Tag der Rettungswagen gefolgt vom Notarztwagen, weil manche Kurven hier auf dem Lande wohl doch anders sind, als die in der Stadt. Oder die Jungs haben ihre Motorräder nicht so im Griff… Da hilft nur ignorieren oder ein Bier mehr trinken.
Nun ist es endlich dunkel und Ruhe kehrt ein – denkst Du. Aber - falsch gedacht! Man hat hier auf dem Lande natürlich einen Gemüsegarten. Soweit so gut, der ist leise sollte man denken, vielleicht ein bisschen Grillenzirpen oder so…
Im Frühjahr ist unser Garten Treffpunkt aller paarungswilligen Katzen aus der Gegend, glaube ich. Das Katzenmachen geht bekanntlich mit einem rüpelhaften Vor- und Nachspiel einher. Und auch die Kater prügeln sich lautstark um die Dame(n).
Doch die wahre Spitzenleistung bieten uns Igel. Ja, genau: Igel!
Wenn so einer als Nachtmahl vorm Schlafzimmerfenster nachts eine Weinbergschnecke durchkaut, dann durchdringt das glatt das ruhende Trommelfell.  Mit einfachem Schmatzen wären die Geräusche deutlich zu schwach beschrieben.
Aber es geht noch besser! Wenn Katzen schon laut sind beim Paarungsspiel, dann ist das nichts gegen das, was die Igelpärchen zustande bringen: Geräuschmäßige Spitzenleistung sind  Paarungsgeräusche von Igeln.
Beim letzten Igeltreffen war ich mir nicht sicher, ob nicht doch nebenan einer Frau Gewalt angetan wird und bin knüppelbewaffnet raus in den Garten. Allerdings ließen sich die Stachelträger davon überhaupt nicht beeindrucken . Also hilft nur eines: Schlafzimmerfenster zu und an etwas anderes denken - ignorieren geht nämlich nicht. Nun denn… durchhalten.
Wenn der Winter dann kommt,  wird alles ruhiger, sollte man denken.
Falsch gedacht! Durch die zwei Neubaugebiete entstanden natürlich auch mehr Straßen, und die müssen bei Schnee kostenbedingt mit dem gleichen Bestand an Räumgerät befahrbar gemacht werden. Folglich beginnt der dezibelstärkste Schneeräumer schon um 3:00 Uhr in der Nacht mit der Arbeit, damit um 5:45 Uhr pünktlich das berufsbedingte Autorennen in Richtung Kreisstadt beginnen kann (siehe oben im Text).
Das war´s eigentlich. Wir haben Glück, dass wir keine Milchbauern im Dorf haben; d.h., kein Milchkannengeklapper, kein Milchlaster, keine brüllenden Kühe usw. Uns fehlt auch der Misthaufen  beim Nachbarn und damit der dämliche Hahn, der dort kräht.
Fazit: Dies sind nur Beispiele. Wer ohne Lärm leben will, darf eben nicht in ein Dorf ziehen. Wer absolute Ruhe will, kann es nur mit einem Haus abseits jeglicher menschlicher Aktivität versuchen, vielleicht auf einer "geheimen" Alm. Oder?
Dein W.