Diese Möwen habe ich in Juliusruh am Strand fotografiert, das sind nicht die, von denen in der Geschichte die Rede ist.
Diese Möwen habe ich in Juliusruh am Strand fotografiert, das sind nicht die, von denen in der Geschichte die Rede ist.

Ich stamme aus dem hohen Norden Deutschlands und lebe im Süden, in München. Ab und zu fahre ich gerne für ein paar Tage an die Nordsee, um mir den Wind um die Nase wehen zu lassen. Ich tue dann so, als ob ich immer noch Biologe sei (das habe ich tatsächlich mal studiert). Naja, ist lange her: In Gummistiefeln und Öljacke mit Bestimmungsbuch und (an geraden Tagen) eindrucksvollen Fernglas (an ungeraden Tagen mit ebenso eindrucksvoller Nikon) stapfe ich irgendwo an der Nordsee doch durchs Vordeichland und versuche, die anwesenden Piepmätze zu identifizieren. Ab und zu habe ich einen „Treffer“, selten zwar ab immerhin ab und zu! Ich müßte eben mehr üben.

Moewen4

Man nehme...

eine Krähe und mache ihr andere Füße, lackiere den Schnabel orange/rot und das ganze Tier weiß. Dann lange genug trocknen lassen... Fertig sind seltene Möwenarten!

Die hier sind eindeutig zu früh losgeflogen, da hat die Farbe nicht gehalten

Ab und zu treffe ich auch ein Touristen auf dem Deich, die mich manchmal (mehr oder weniger) bewundernd anschauen und mich aufgrund meiner technischen Ausrüstung und der ölverschmierten Mütze offenbar für einen Profi halten. "Was ist denn das da?", fragen sie mich dann vielleicht und zeigen auf eine Durchschnittsmöwe.

Ich antworte dann (nach prüfendem Blick in den Himmel), das es sich nach dem abgeflauten Sturm der letzten Tage vermutlich um eine der sehr seltenen Buntköpfigen Kleinen Sturmmöwen handele, die eigentlich nur in Schottland vorkommen (und da auch selten, weil die eigentliche Heimat dieses Vogel die Äußeren Hebriden seien - Fantasie ist alles!) und die hier eigentlich nix zu suchen habe. Naja, vielleicht wurde der arme Vogel durch den Sturm hierher verweht wie anne dunnemals die Große Armada rund Engeland...?

Man muss seine Bewunderer einfach zu beindrucken wissen... Also mache ich weiter: Nach dem Federkleid zu urteilen, sei es noch ein Jungtier, wahrscheinlich höchstens 2 Jahre alt, füge ich dann noch hinzu, um mit der Bemerkung abzuschließen: "Da haben Sie aber Glück gehabt, hier ein so seltenes Tier zu sehen... Das ist sogar erst meine vierte oder fünfte!"

Dann tippe ich mit zwei Fingern an den Schirm meines abgegriffenen Elbseglers (die ebenfalls weit verbreitete Prinz Heinrich-Mütze finde ich eher affig) und verabschiede mich mit einem landschaftstypischen "Na denn, tschüss nich, ..." und gehe beschwingten gummistiefelbewehrten Fußes weiter den Deich längs (Süddeutsche würden „entlang“ sagen). 

Ab und zu bleibe ich stehen und stiere durchs Fernglas an den Spülsaum, als gäbe es dort Wunder was für ornithologische Sensationen zu sehen. Man muss den Touristen schließlich eine gute Show bieten. Aber ganz ehrlich, es ist einfach schön, hier zu sein, den Wind um die Ohren zu haben und einfach nix anderes zu sehen als blauen Himmel, weiße Wolken, grünen Deich betupft mit weißen  und wenigen schwarzen Schafen und blaues Meer. Der Geruch ist einmalig... Bei gutem Wetter!

Bei schlechtem Wetter ist natürlich alles grau: Himmel, Meer, Deich - einfach alles. Dann weht eine steife Brise und der Regen kommt einem fast waagerecht entgegen. Einheimische sagen dann manchmal, dass die Heringe heute tief fliegen würden. Naja, das stimmt, glaube ich, nicht. Ich habe hier lange keine Heringe mehr gesehen, weder im Regen (wo sie deshalb nicht hingehören, weil das Süßwasser ist) noch auf den Fischkuttern im Hafen. Nee, Heringe gibt es hier nur noch in der Dose, glaube ich, und die kommen aus Sassnitz von Rügenfisch, egal, was auf der Dose außen drauf steht.

Jeden Tag endet mein biologischer Spaziergang im kleinen Fischerhafen. Also, der ist schon sehr klein, gleich hinter dem Deich. Modern, gepflastert, nicht romantisch. Und damit kommen wir zur "Käpt´n Baubär". Im Sommer fährt die "Käpt’n Baubär" von hier aus Sommerurlauber ins Watt, wo ihnen ein paar Robben als Wattsensation gezeigt werden. Ich selber bin mir gar nicht so sicher, ob da draußen sich wirklich Robben auf den Sandbänken rumtreiben. Die fressen nämlich eigentlich... genau, Heringe! Und genau die sind nicht mehr da. Weggefangen oder abgehauen! Und wo keine Nahrung, da keine Robbe. Also eigentlich, so habe ich mal gelernt.

Ich hege ja den Verdacht, dass der relativ clevere Kapitän der "Käpt’n Baubär" da draußen ein paar funkferngesteuerte Attrappen installiert hat. Für alle Fälle. Er hat gelernt, dass es am Ende der Fahrt mit Robben mehr Trinkgeld gibt als bei einer ohne Robben.  Eine Attrappe ist ja gar nicht so schwer zu bauen: Es gibt Kuschelrobben fast in Originalgröße für Kinder zu kaufen. Davon hat er einige mit ein Hochleistungsbatterien und ein paar Servomotoren so "aufgepeppt", dass die sich nach Fernbedienungsbefehl ein wenig aufrichten und den Kopf drehen können. Die Babies können zusätzlich Laut geben: "Quaack!"

Aus der Nähe geradezu albern, aber von Bord aus gesehen, fast echt anzuschauen!  

Und wenn wieder mal keine echten Robben aufzutreiben sind, also immer oder genauer nie, fährt der da hin - "aber nicht zu nahe ran!" - und ruft aufgeregt durch sein Mikrofon, dass an Steuerbord zwei Robbenmamas mit ihren ach so süßen Babies zu sehen seien. Aber wegen der strengen Vorschriften - auch außerhalb des Naturschutzgebietes! - dürfe er leider nicht näher ranfahren..., "ach Scheiß, was soll`s", sagt er dann mit großer Geste, "schließlich haben Sie ja bezahlt und außer uns ist ja keiner da", ein bisschen ginge vielleicht noch, aber nur wenn sie an Land die Schnauze halten und nix erzählen würden...

Aber dann müsse er doch Abstand halten wegen der süßen Babies..., nicht wahr, und da hätten die Passagiere aber Glück gehabt, dass sie überhauptwas gesehen hätten.  Und dann dreht er sein Boot und sagt noch, dass jetzt alle die, die eben Backbord mit Steuerbord verwechselt hätten und deshalb ins Leere gestiert hätten, jetzt noch einmal die einmalige Chance hätten... und so weiter. Ehrlich, er macht das richtig gut.

Und jetzt sei denn aus Anlass des freudigen Ereignisses mit den süßen Babies der Baubär-Shop unten im Kutter geöffnet, in dem trotz strengstem Verbotes kleine Mengen des unter Kennern hochgeschätzten selbstgebrannten Lotsenschnapps zu sensationellen Sonderangebotspreisen abgegeben würden. Das und ganz frisch geräucherten Fisch aus der Räuchertonne am Heck. Schnaps würde es ja sonst nicht geben, aber dass man gleich mehrere Robbenbabies gesehen hätte, sei schließlich ein triftiger Grund, weil, die sehe man ja nicht alle Tage, nicht einmal er! Aber nur eine kleine Flasche pro Mann, bitte! Das Zeug ist so stark, das kann den stärksten Matrosen nämlich "aus den Pantinen hauen"... das Rezept ist nämlich noch aus der Zeit der Großsegler, also aus der Zeit, als Matrosen noch Männer aus Eisen waren und gar keine Lebern hatten, die hätten das Zeug weggelitert... Frunslüüd müssten - aber nur ´n büschen - aus der Buddel von ihrem Angetrauten oder Begleiter ihres Vertrauens suupen. Damen ohne Begleitung könnten zu ihm auf die Brücke kommen, er hätte da auch ´ne Buddl. So sei das nun mal Brauch an Bord von der "Käpt´n Baubär". Und so weiter...

In Hamburg auf der Hafenrundfahrt nennen sie solche Kerle "He lücht", was nix anderes heißt als "Er lügt". Aber die Burschen sind manchmal wirklich charmant... Und manche von den Passagierinnen ohne Begleitung findet den Kapitän der "Käpt’n Baubär" nach dem Besuch auf der Brücke, wo sie denn auch mal in´n Käpt´n sein Stuerrad greifen darf, denn auch gleich so umwerfend charmant, dass der erst am nächsten Morgen wieder auftaucht.

Ach ja, die "Käpt’n Baubär" heißt wirklich so und nicht, wie man vermuten sollte, "Käpt’n Blaubär"! Das liegt nun an ihrem Matrosen, der die Leinen beim Ablegen und Anlegen bedient und manch betütelten Passagier nach Genuss von genügend Lotsenschaps an Land tragen muss. Das ist Pit. Pit ist ein bisschen zurückgeblieben – er ist völlig harmlos, aber in der Schule ist er nur bis zu sechsten Klasse in der Volksschule NORDLAND gekommen.

Pit ist groß, sehr kräftig, auf beschränkte Art nett, sieht sogar ganz gut aus – ist aber, wie gesagt, ein büschen doof. Sie können ihn sich in der Tat wie Hein Doof, den Matrosen des echten Käpt´n Blaubar vorstellen inkl. der Physiognomie!

Als der den alten Kahn vot ein paar Jahren neu pönen sollte (pönen heißt „mit neuem Farbkleid versehen“) hat er sich verschrieben und das "L" weggelassen. Eigentlich hatte der Käpt’n ihm gesagt, den Bug mit dem Schiffsnamen würde er selber malen. Aber da kam ihm erst eine sehr attraktive, wegen der Robbenbabies sehr dankbare, Touristin dazwischen und dann eine Buddl Schnapps - und als er nach drei Tagen wieder auftauchte, war das Unglück mit dem "L", also eigentlich ohne das "L" schon geschehen. Und deshalb heißt der Kahn jetzt "Käpt’n Baubär".

Aber das wollte ich ja eigentlich gar nicht erzählen sondern das, was ich neulich im Hafen erlebt habe: Hatte ich schon erwähnt, dass Jan und Hinnerk da einen Stand betreiben, an dem es Fischbrötchen, Bier und Cola etc. gibt? Aber keine Currywurst, denn die gibt es nur bei Heinz in der Kneipe hinterm Deich. Dafür gibt es bei Heinz keine Fischbrötchen, bier und Cola schon. Nun, das mag verstehen wer will, das ist aber so. Vermutöich aben sie sich irgendwann einmal darauf geeinigt, undd as Kartellamt hat mal wieder nix mitgekriegt.

Wenn ich hier bin, esse ich bei Jan jeden Nachmittag ein Fischbrötchen oder zwei mit einem Bier. Das Fischbrötchen ist immer mit Brathering. Brathering ist tatsächlich in der Pfanne gebratener Hering, der dann aber mit Zwiebeln in eine süß-saure Marinade eingelegt wird. Lecker, sage ich Ihnen, wirklich lecker, müssen Sie mal probieren. Wäre den Besuch allein schon wert.

Meistens bin ich da ganz allein mit Jan, dem Fischbrötchenfachverkäufer.  Jan macht sich meist auch ein Bier auf, es gibt nur FLENS oder BECKS. Alles anderes schmeckt Jan nicht und deshalb gibt’s auch nix anderes. Süddeutsches Bier schon mal gar nicht. Das kommt bei Jan nicht in den Kühlschrank. „Zu süß“, findet Jan, „nix für hier. Hier gibt´s nur richtiges Männerbier: Flens oder Becks eben. Und auch keines von den den Fernsehbieren: „Kommt mir nich´ annen Stand“, sagt Jens. Basta.

Also, ich beiße an dem Tag in mein zweites Brötchen (diesmal ausnahmsweise das mit der Krabben - aber ich nehme das mit der Extraportion Krabben - bei den normalen Brötchen schmeckt mir das Brot zu sehr durch, wissen sie) und schlendere zu einem der pilzförmigen Poller am Kai. Die sind so groß (nur um das klar zu stellen: Die Poller, nicht die Brötchen!), da könntest du glatt einen Überseedampfer dran festmachen. Die gibt es hier zwar nicht und die passen auch gar nicht in den Hafen, aber irgendein cleverer Pollerverkäufer hat sie der Gemeinde aufgeschwätzt („für alle Fälle…, falls doch mal so ein großer Pott kommen sollte“), und jetzt sind die Poller da.

Ich setze mich also auf einen von diesen großen Lümmeln und kaue lustvoll mein Brötchen vor mich hin. Gute Krabben, denke ich noch... und summe beziehungsvoll das Lied von Torfrock, in dem sie von "Renate Granate, ick hev´Di Krabben puhlen sehn" singen. Kenne Sie nicht? Müssen Sie sich mal besorgen, lohnt sich.

Da setzt sich auf den nächsten Poller ein Junge. Auch mit Fischbrötchen - Barthering. Er trinkt ´ne Cola dazu, kein Bier. Dazu ist er auch zu jung, er dürfte so 10 jahre alt sein.

"Naaa“, spreche ich ihn mit gaaanz lang gezogenem „na“ an, "ganz alleine hier?"

"Nein“, antwortet er höflich und schaut zu mir herüber, "ich warte auf meinen Papa. Der kommt gleich".

"So“, sage ich, "und wo kommst Du her?". Nicht dass mich das wirklich interessieren würde, aber man hier unter dem Himmel nicht so viele Gelegenheiten für eine Konversation, wissen sie.

"Bochum", sagt er mit vollem Mund. Dann herrscht erst einmal Ruhe.

"Und“, breche ich die lastende Stille nach mehreren Bissen, „gefällt es dir hier?".

Er nickt. "Geht so...", sagt er und macht eine Pause, "ist ja nichts los hier. Nur Strand und Sand...". Und nach einer weiteren Pause sagt er noch: "... und Scheißmöwen...". Damit deutet er auf drei oder vier einjährige Möwen, die im Hafenwasser vor sich hin paddeln.

"Wieso Möwen?", reitet mich der Teufel, "das sind doch keine Möwen..."

Er schaut mich entgeistert an. "Klar sind das Möwen, was denn sonst?"

"Tja",  seufze ich und lasse den Satz ausklingen mit: "So ist das mit den Binnenländern, die fallen eben auf alles rein..."

"Was sollen die denn sonst sein?"

"Krähen“, sage ich bestimmt, "Krähen!"

"Krähen sind schwarz“, sagt der Junge aus Bochum überzeugt, "das weiß ich, und die da sind alle weiß!". Wo er Recht hat, hat er Recht, der kleine Lausebengel.

"Tja“, beginne ich meinen Satz wieder – das „tja“ schon wegen des Lokalkolorits, "man darf eben nicht allem trauen, was man sieht. Man muss schon genauer hinsehen". Ich drehe mich um und deute auf eine große Winkraftanlage in der Ferne. „Was glaubst Du denn, was das da ist?"

"Eine Windturbine."

"Könnte man denken", sage ich langsam, "könnte eine sein, grundsätzlich", ich nicke ihm zu. "Aber in diesem Falle", ich nehme den vorletzten Bissen Krabben, "liegst Du leider schon wieder falsch, mein Junge, leider. Denn das da“, ich schaue ihn inzwischen wieder an und deute mit dem Daumen über meine Schulter in Richtung Growian, "ist eine ausgefuchste Krähenfanganlage. sehr selten. Wie sollst Du sie also kennen, wo Du doch aus Bochum kommst?".

Er schaut mich sehr skeptisch aber doch mit einem Hauch von Interesse an, was da gleich kommen soll. Um die Spannung zu erhöhen, beiße ich noch einmal in mein Brötchen. Dann deute ich in den Herbsthimmel, wo sich sehr weit entfernt ein kleiner Vogelschwarm sammelt. "Da hinten sammeln sich die Krähen zu ihrem Flug in den Süden, siehst Du?"

Ich bin mir in dem Moment völlig unsicher, ob Krähen überhaupt in den Süden fliegen, aber jetzt bin ich in meiner Story gefangen. Also egal, weiter...

"Also, die kommen da angeflogen und sehen diese riesigen Flügel, die sich in der Luft gaaanz langsam drehen. Für die Krähen – Krähen sind keine sooo schlauen Tiere, weißt du - ist das so eine Art übergroße Mutterkrähe. Und was machen Krähen, wenn Sie ihre Mutter sehen? Sie machen ihnen alles nach. Das nennt man Erziehung, weißt Du?"

Ich brauche einen Moment Zeit, um zu überlegen, wie das weitergehen soll. Was soll´s? Also: "Die Krähen fangen also an, sich im Flug zu drehen..."

"Aber das Ding hat drei Flügel und Krähen haben nur zwei...", wendet er völlig logisch ein.

"Richt, sehr richtig beobachtet, mein Junge, aber Krähen können nicht zählen, das kommt in ihrem Leben nicht vor, weißt Du. Und deshalb ist es für sie egal, ob Mama zwei oder drei Flügel hat. Wenn sie das überhaupt merken."

Er schaut mich mit schief gelegten Kopf an und überlegt offenbar, ob er dem Schwachsinn trauen soll oder nicht. Ich rede also schnell weiter: "Also, die Krähen, die drehen sich jetzt im Flug wie die Flügel von der Krähenfanganlage um ihre Längsachse. Davon wird denen natürlich kotzübel... Bist Du mit der „Käpt’n Baubär" draußen gewesen?" Er nickt. "Und ist dir schlecht geworden?" Er nickt wieder. "Siehst du, genauso geht das den Krähen..."

Er schaut mich zwar immer noch skeptisch an, aber nicht mehr ganz so...

"Okay, also, die Krähen landen, weil ihnen so schlecht ist, um zu kotzen. Es kotzt sich beim Fliegen wohl schlechter... Die sind richtig Luftkrank. Und dann kommen die Bauernlümmel aus der Gegend hier ins Spiel. Die sind fast alle arbeitslos."

Er nickt, davon hat er in Bochum gehört.

„Also die Bauernjungs sammeln die Krähen, denen immer noch kotzübel ist und die deshslb noch nicht wieder fliegen können und denen im Moment alles egal ist, ein und liefern sie da hinten ab. Ich deute auf eine große Scheune in ein paar Hundert Metern Entfernung.

"Das ist ein Schweinestall!" sagt er.

Ich nicke verständnisvoll, woher soll der kleine Lümmel auch wissen, was das wirklich ist, jedenfalls in meiner Fantasie: "Was habe ich Dir vorhin gesagt? Hier muss man vorsichtig sein, hast Du auf der "Käpt´n Baubär" Robben mit ihren Babies gehen?"

"Siehst Du?", sage ich bedeutungsschwer, und er versteht mich nicht, wie soll er auch.

"Nix, aber auch gaa nix,  ist hier so, wie es aussieht. Auszusehen scheint, meine ich. Denn das...," sage ich triumphierend, "ist eine Krähenspritzanlage!"

Er schaut mich in dem MOment irgendwie blöd an, wirklich.

"Ja, das ist eine Krähenspritzanlage. Also, die Bauernlümmel liefern die Krähen da ab. Pro Krähe gibt es einen Euro oder so, das ist hier viel Geld, weißt du“, bemerke ich vertrauenserheischend, "dann kriegen die Krähen sobald sie nicht mehr kotzen, wieder was zu fressen und da ist ein Beruhigungsmittel drin, damit sie auf dem Laufband ruhig stehen bleiben."

"Laufband?", rutscht ihm die naheliegende Frage raus.

"Ja, Laufband…, ungefähr wie in einer Autowaschanlage, warst Du da schon einmal drin?" Er nickt. "Siehst Du, da stehen die Krähen drauf und werden weiß gespritzt statt gewaschen, und der Schnabel wird einmal in gelbe Lebensmittelfarbe getaucht. Das soll ja nicht giftig sein."

"Und warum das Ganze?", fragt er relativ intelligent. Jetzt hat er mich – fast, doch nicht ganz... Gute Frage, denke ich mir noch, als ich auch schon antworte - das geht bei mir manchmal schneller, als das gehrn denken kann.

"Naja, du weißt doch, alles soll hier anne Küste bio sein und gesund, und die Landschaft frisch und sauber. Und so ist das ja nicht mehr überall und erst recht nicht an der See“,  rede ich totalen Schwachsinn, "und dann ist die Tourismusorganisation von hier auf die Idee gekommen, dass, wo viele Möwen sind, die Natur noch in Ordnung ist, verstehst du?“

Man, was`n Blödsinn, aber der beginnt sogar mir Spaß zu machen!

"Ach so“, sagt er. Überzeugt? Ich weiß nicht. Dann deutet er auf die drei Möwen, die da im Hafen schwimmen und fragt: "Und warum haben die da braune Flügelspitzen?". Ich schaue hin, tatsächlich, da sind so braun gesprenkelte Möwen, das sind junge Möwen, im letzten Jahr geschlüpft, die haben eben noch braune Flügelspitzen. Möwen werden nämlich erst im zweiten oder dritten Jahr in Gänze schneeweiß.

"Die“, sage ich mit sehr lang gezogenem "die", "die sind zu früh losgeflogen. Da war die Farbe einfach noch nicht völlig trocken.". Das überzeugt ihn schließlich total.

Kurz darauf sagt von hinten eine Männerstimme: "Da bin ich wieder!". Das muss Papa sein. "War`s langweilig? Aber es ging nicht schneller."

"Nö“, sagt der Junge, "ich habe die Krähen beobachtet, das war nett..."

"Krähen?" sagt Papa, "Wo siehst du hier Krähen?"

"Na, die da!" sagt der Junge und deutet auf die drei Jungmöwen im Wasser.

"Das sind doch keine Krähen, das sind doch Möwen". Vater verliert langsam die Geduld.

"Das sind Krähen!", widerspricht Sohnemann.

"Wer hat dir denn den Blödsinn erzählt?"

„Der da“, sagt Sohnemann und deutet dabei grinsend auf mich. Papa schaut mich wütend an. "Sagen sie mal, wie kommen sie darauf, meinem Sohn so einen ausgemachten Unsinn zu erzählen?"

"Na, guter Mann, " höre ich mich beschwichtigend sagen, "ich bin schließlich Biologe!"

Ein Augenblick herrscht Stille - durchbrochen vom jetzt dramaturgisch unbedingt notwendigen Geschrei entfernter Krähen, äh, Möwen...

"Ach so“, sagt schließlich der Vater, als ob man ihm die Luft raus gelassen hätte, „ach so... Na denn, äh, nichts für Ungut.". Und zu seinem Sohn: "Komm!"

Kurz darauf verlässt ein Wagen mit kreischenden Pneus den Hafenplatz.

Dann herrscht wieder himmlische Ruhe - abgesehen von ein paar Möwen, die sich laut um einen alten Heringskopf aus Jan`s Fischbude streiten. Das ist Nordsee vom Feinsten...

So vergehen die Tage am Meer wie im Fluge und ich muss viel zu schnell wieder heim.
 

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