Empfehlung

"Wer glaubt, dass man mit Worten lügen könne, könnte meinen, dass es hier geschehe" (Gottfried Benn)


Vorwort
Diese kriminelle Geschichte – ein Krimi ist es irgendwie nicht, auch wenn jemand umgebracht wird, nicht einmal eine richtige Krimikurzgeschichte – habe ich nach einem Besuch in Frauenau geschrieben.
„Auktionsstress“ gehört zu den insgesamt 18 „Wir(r) im Kopf “-Kurzgeschichten (irgendwo an Stelle 8 vielleicht). Sie wird hier aber als eigenständige Geschichte erzählt, weshalb manche Dinge, die die Leser von „Wir(r) im Kopf“ bereits kennen, aus Verständnisgründen noch einmal berichtet werden müssen. Ich bitte diese Leser um Verständnis
Die Geschichten handeln von einem Profikiller aus Norddeutschland – da komme ich her. Sie spielen aber in ganz Deutschland und auch darüber hinaus. Und eben diese eine hier spielt in Frauenau und in Zwiesel.
Wenn einer als Killer arbeitet, dann darf man mit Fug und Recht annehmen, dass er vermutlich schon mal nicht ganz richtig „tickt“ – ein normaler Mensch würde sich schließlich nie (gut, von mir aus: eher selten und dann unter bestimmten Bedingungen) als Killer verdingen.


Dieser Killer hat daneben noch ein weiteres massives Problem: In seinem Kopf hausen mehrere Persönlichkeiten, mal mehr, mal weniger, meistens vier: Jens, das ist der originäre Besitzer des Körper, dann Rudi und Ernst und schließlich, um das Ganze total zu komplizieren, auch noch Mari, eine Frau.
Um Ihnen die Sache etwas einfacher zu machen, sind die internen Diskussionen der vier kursiv und eingezogen gesetzt worden.Und sie reden viel, intern, also im Kopf, unhörbar für die anderen.
Mari ist die treffsichere Scharfschützin mit ihrem Dragu-nov-Gewehr.
Der Killer hat seine Ausbildung an der Akademischen Mörderakademie in Moskau mit einem akademischen Grad (oberhalb vom Master) abgeschlossen, hat dann Praktika in …, ach was, das lesen Sie besser selber in „Wir(r) im Kopf“ nach, das würde hier jetzt zu weit führen, Sie wollen ja die Glassammler-Geschichte lesen. Und nicht das, was in Venedig oder auf Rügen geschah…
Die in dieser Geschichte beschriebenen Menschen (ihre Gedanken und Handlungen) habe ich mir natürlich  ausgedacht – und zwar alle! Und alle zu 100 Prozent. Der Killer, das bin natürlich ich, oder mein alter ego… Sonst könnte ich manches ja gar nicht beschreiben.
Die hier beschriebenen Figuren aus Frauenau sind in Wirklichkeit natürlich viel netter und haben natürlich ganz andere Vitae, sie sprechen auch ganz anders. Ich habe da aus Lust und Laune einfach krass überzogen. Und wenn Sie glauben, jemand erkannt zu haben – falsch! Ganz falsch. Sie liegen garantiert total daneben.
Und trotzdem, oder gerade deshalb, wünsche ich Ihnen jetzt viel Spaß beim Lesen – vielleicht im Hotel in Frauenau?

Klaus Bock
München, Januar 2015
 
    Auktionsstress
„Na hallo, Jens, mein Lieber“, ruft Romy erfreut, als ich durch die Tür ihrer Glasgalerie in Frauenau trete, „mit dir hatte ich ja nun gar nicht gerechnet… Warum hast du nicht angerufen, dass du…? Bis vorhin war der Vladimir da, der…, wenn der gewusst hätte…, hhm, woasst scho… Was treibt dich her? Bist auch bei der Dr. Jäger-Auktion in Zwiesel, oder?“.
Sie nimmt uns erst einmal in den Arm und drückt mich herzlich. „Das ist so schön, dass du da bist…“, bestätigt sie den herzlichen Empfang noch einmal mit Küssen auf die Wange.
Sie freut sich immer so, wenn ich wieder mal bei ihr reinschaue – ist ja auch ein verdammt weiter Weg jetzt von Ostholstein bis nach Frauenau im Bayerischen Wald. Früher, als wir noch in München gewohnt haben, haben wir Romy häufiger gesehen.
Romy ist keine Kundin. Sie ahnt auch nichts von den Vier in unserem Kopf und von unserer Profession. Sie hält mich/uns für jemanden, der sich Glaskunst leisten kann, sie denkt, ich hätte mal im Internet-Business Geld gescheffelt, würde hobbymäßig „so rumknippsen“, und würde mein Geld jetzt für Studioglas ausgeben.
Hatte ich das nicht schon einmal erwähnt?
„Nee, hast du nicht“, unterbrechdenkt Mari mich.
Sie mag Romy auch. Die beiden schwatzen gerne. Mari bewundert bei Romy insgeheim, dass die jeden Bildwerkstress mit den postmenopausalen veganen Kunstgewerblerinnen dort genauso vergisst, wie die Vorwehen der morgigen Auktion, wenn ein Freund auftaucht. Romy weiß natürlich nichts von Mari, ahnt nicht einmal von ihr. Romy denkt, sie palavert immer mit mir, also Jens, über Kunst und Künstler und manchmal auch „so Frauenthemen“, und dass ich mehr als jeder andere Mann „von so etwas“ viel verstehe – dabei redet sie ja dann in Wirklichkeit mit Mari, die Glas genauso liebt und sammelt wie ich und wie inzwischen auch Ernst.
Mari findet, dass das schon okay ist und dass ich Romy nichts von den anderen in unserem Kopf erzählen soll.
„Das verwirrt Romy nur“, findet Mari, „dann fragt sie nachher nur immer, mit wem sie gerade spricht, nee, lass man lieber, Jens. Lass´ es man so, ist besser, glaube ich.“…
Rudi mischt sich im Bayerischen Wald fast nie ein, er interessiert sich erstens nicht für Glas und kommt zweitens mit dem Niederbayerischen oder besser „Waldlerisch“, das sie hier reden, noch weniger zurecht als wir anderen. Die Glasmacher in der Hütte haben sich früher sogar häufig einen Spaß daraus gemacht, besonders „dialektisch“ zu reden, wenn ich kann. Denn dann habe ich nicht das kleinste Wort verstanden. Im Gegenzug zu ihrem Kauderwelsch haben sie mich gebeten, einfach mal ´was zu erzählen, weil, mein Dialekt „von da droben, vom Meer“ so lustig sei …
„Du solltest es aber erzählen“, denkt Mari auf Ernst´s Einwand hin und Ernst macht das, was ich als gedankliches Pendant zum intensiv-bestätigenden Kopfnicken interpretiere, „sonst versteht ja keiner, was wir hier machen!“
Tja, also, nun muss ich für Sie zwischendurch wohl einmal etwas ausholen. Aber wo fange ich am besten an?
„Vielleicht am Anfang“, schlägt Mari vor.
„Mit dem Glas“, ergänzdenkt Ernst. Rudi rührt sich nicht, er hat Bayerwaldschonhaltung.
„Klugscheißer“, denkgifte ich zurück und, „denn mach´ du das doch!“. Das Erste ist in Richtung Mari, das Zweite in Richtung Ernst gedacht.
„Von mir aus“, sagdenkt Ernst lässig. Er ist eh der Intelligenteste von uns. Obwohl, am Anfang war er ja gar nicht dabei, er ist ja erst später in unserem Kopf aufgetaucht. Aber da wir uns ein Gehirn teilen (müssen), verfügt er in weiten Teilen über unseren gemeinsamen Erinnerungsschatz – er weiß also alles, zumindest das Meiste, auf jeden Fall alles Wichtige, auch weil sein Zimmer in der Region unseres Gehirnes liegt, in der wir unsere Glaserinnerungen speichern.
Also übergebe ich und Sie lesen jetzt Ernst.
So, hallo, wir sind Glassammler. „Glas“ ist – salopp gesprochen – eine der am wenigsten anerkannten Kunstformen, kommt in der Masse der Bevölkerung vom Interesse her wahrscheinlich noch weit hinter „Kunstfurzen“…
„Ernst!“, warndenke ich, „das hätte ich jetzt vielleicht von Rudi erwartet, aber nicht von dir.“
„Was ist los?“, knurrdenkt Rudi durch die angelehnte Tür, „Wieso von mir…? Wieso bin ich hier eigentlich immer der Primitivling?“
„Schon gut“, beruhigdenke ich in Richtung Rudis Tür, „war nicht so gemeint, Rudi.“
„Dann denke das auch nicht“, kommt es noch durch den Türschlitz, dann ist wieder Ruhe auf der Agora. Mari schmunzeldenkt indifferent.
Glaskunst, von Künstlern gestaltetes Glas, wird nur von wenigen Menschen gesammelt – von uns schon. Es ist ja auch so, dass der „durchschnittliche“ Glaskünstler keine künstlerische oder gar akademische Ausbildung hat, er kommt eher von der handwerklichen Glasmacherseite. Deshalb sind trotzdem sehr viele sehr schöne Objekte entstanden. Einige davon könnten Sie bei uns betrachten, wenn Sie mal herein schauten. Aber dass akademisch ausgebildete Künstler Glasobjekte gestalten und sie von Glasmachermeistern ausführen lassen, gibt es nur selten. Romy hat dazu eigens ein Programm mit der Glashütte laufen, das sich ARTIST IN RESIDENCE nennt, ansonsten gibt es unseres Wissens so ein schöpferisches Zusammenwirken nur noch in Venedig.
Jedenfalls, in unseren beiden Wohnungen in München, also in der von uns Jungens und in der von der Mari, stehen diverse Vitrinen voller Glas: Vasen, Gläser, Plastiken. Studioglas nennt das der Fachmann. Und außerhalb der Vitrinen steht auch noch einiges. Wir haben relativ viel Geld darin investiert – aber bei manchen Aufträgen kommt ja ganz schön ´was rum…  
Für „versenktes Geld“ hält Rudi das, wir anderen nicht, wir lieben unsere kleinen und großen Schätze. Als Mari, Rudi und Jens sich entschlossen, für einige Jahre in das Haus unserer Eltern zwischen Kiel, Preetz und Plön zu ziehen, haben sie eine Vitrine und ihre Lieblingsstücke mitgenommen.
Jetzt kommt aber Romy wieder ins Spiel – sie leitet also eine Glasgalerie in Frauenau. Frauenau ist neben dem nur wenige Kilometer entfernten Zwiesel eines der letzten „Herzen“ der deutschen Glasindustrie. Hier gibt es noch richtige Glashütten, in denen Gebrauchsglas mit dem Mund geblasen wird. Und ein Museum. Und natürlich die von Romy geführte Galerie, die ganz besonders.
Die gehört zwar zu einer der Glashütten am Ort, aber Romy ist der künstlerische Kopf der Galerie: Romy sucht die Künstler aus, die hier vertreten sind. Romy hat da echt ein Händchen ´für… Und nicht nur deshalb hat sich eine tiefe Freundschaft zwischen uns und Romy entwickelt.
Wenn wir gerade mal keinen Job hatten, haben wir ihr manchmal geholfen. Zum Beispiel haben wir Fotos oder Skizzen von Objekten gemacht, Hilfsarbeiten eben.
Nun sind wir wieder mal da, denn morgen wird in Zwiesel eine Versteigerung von Glasobjekten stattfinden. Das Auktionshaus Dr. Jäger macht sie schon seit langem, jeweils einmal im Jahr. Hier in Zwiesel werden (das wissen die Sammler) zwar nicht die „Sahnestücke“ verkauft, aber schon auch gutes Zeugs… Zu dieser Auktion kommen nicht nur aus der Bundesrepublik die Sammler nach Zwiesel.
Die ganz Wichtigen und Museen bieten via Telefon, das gehört sich so. Uns interessiert nur modernes Studioglas, das andere, der „alte Kram“, das sogenannte historische Glas, dagegen nicht. Gar nicht.
Aber wenn wir schon in Zwiesel sind, besuchen wir natürlich Romy in ihrer Galerie. Nach Frauenau ist es von Zwiesel aus ja nur ein Katzensprung. Und ganz ehrlich, wahrscheinlich wollten wir Romy gerne mal wieder treffen, und wir haben die Versteigerung im Nachbarort als Vorwand genommen, um herzufahren. Jetzt wissen Sie Bescheid. Ach so, damit Sie Romy auch immer verstehen: Sie spricht eine Art Code, bei dem der wichtigste Inhalt häufig unausgesprochen bleibt: „Woasst scho, hhm…“ oder „ja, hhm.“
Zuerst, also nach den Umarmungen, gibt es immer einen von ihren sagenhaften Kaffees. Ohne den geht gar nichts.
Natürlich nur einen für uns vier, sie weiß ja nichts von der ganzen Rasselbande in unserem Kopf – andererseits haben wir vier ja nur einen Körper mit zwei Nieren, da wäre mehr als ein Kaffee vielleicht zuviel…
Zum Kaffee wird natürlich geplaudert: „Hast du schon…? Kennst du schon? Du, der…, hhm, woasst scho…! Ach, ich hab´ da noch etwas für dich…“.
Romy kriegt nix davon mit, dass wir vier (oder nur drei, Rudi kommt ja nicht aus seinem „Zimmer“) sind, auf ihrer Seite schafft sie das Inhaltliche ganz alleine. Wobei ich bei den Antworten davon ausgehe, dass in ihrem Kopf nur eine Romy lebt, nicht mehrere wie bei uns - aber man weiß ja nie… Manchmal erscheint sie im Gespräch so abgelenkt („Hhm, woasst scho…“, sagt sie oft), da erinnert sie mich durchaus an unsere Situation, wenn wir nach außen mit jemandem reden und intern diskutieren! Aber lassen wir das jetzt.
Sie erzählt uns jetzt gerade, dass Ezechiel und sein Intimfeind Dr. Miesmann „natürlich“ auch da sind – wegen der Versteigerung „und so“.
Ezechiel ist ein guter Bekannter von uns, fast so etwas wie ein Freund. Er sammelt Glas des Historismus. Dr. Miesmann auch, das heißt, er sammelt auch „Historismus“, ein Freund ist er nicht, keinesfalls, man grüßt sich, wenn man sich sieht, das ist alles.
Zwischen Ezechiel und Dr. Miesmann besteht eine langjährige Intimfeindschaft. Klar, Ezechiel versteht etwas von Glas, andererseits verfügt er aber im Vergleich zu seinem Konkurrenten nur über beschränkte finanzielle Mittel. Wobei sein „beschränkt“ nicht sooo beschränkt bedeutet, er kann sich schon ´was leisten, mehr als der Durchschnittssammler allemal.
Dr. Miesmann ist dagegen so richtig reich. Manche munkeln über die Herkunft des Vermögens, dass der Vater es damals im Dritten Reich auf sehr obskure Art und Weise peu á peu von jüdischen Mitbürgern „übernommen“ habe – und Miesmann senior soll da auch nicht sehr etepetete gewesen sein, wenn ich das mal so burschikos sagen darf… Sie verstehen?
Na gut, weil Sie es sind: Es gibt Fotos in der einschlägigen Literatur (z.B. „Deutsche Panzerverbände im Osten“, erschienen 1942 in Berlin), auf denen Vater Miesmann immer ganz in schwarzer Uniform mit Reitstiefeln abgebildet ist. Eine Bildunterschrift lautet zum Beispiel: „Immer voran: Der Husarenritt des Rittmeisters“. Der Rittmeister ist unverkennbar Miesmanns Vater. Ich denke, ich muss nicht mehr sagen, oder? Schlussendlich hat unser Dr. Miesmann junior unbegrenzte Mittel geerbt.
Von Glas verstünde der Miesmann wenig, sagt Ezechiel, sogar eher so gar nichts. Aber er hat eine bedeutende Sammlung, wie Ezechiel sagt, zusammengerafft. Mehr so im Stil des Seniors. Sage keiner, angelerntes Verhalten vererbe sich nicht. Tut es offenbar doch, wie die Miesmänner belegen.
Irgendwann einmal müssen sie ernsthaft aneinandergeraten sein, der Ezechiel und der Dr. Miesmann. Ob das bei einer Versteigerung begann, oder als ein anderer Sammler seine Sammlung aufgelöst hat, das wissen wir nicht. Jedenfalls muss Ezechiel da Glück gehabt haben, weil er dem Miesmann das Paradestück aus der Sammlung in einer Nacht- und Nebelaktion vor der Nase weggekauft hat: Genau das eine Teil, das der Miesmann unbedingt hätte haben müssen, um eine wichtige Lücke in der eigenen Sammlung schließen zu können.
Der Miesmann hätte, sagt Ezechiel, ja gar nicht gewusst, dass ihm das Stück überhaupt gefehlt hätte, aber mit seinem Geld hatte er sich damals eine wissenschaftliche Beraterin gekauft, eine Holländerin, die echt Ahnung gehabt hätte, die ihm die Sammlung zusammengestellt hätte, und die hat er wohl schlecht behandelt oder sie angegrabscht oder so – was weiss man denn – jedenfalls hat diese Holländerin eines Tages beim Ezechiel angerufen und ihm gesagt, sie würde „übermorgen“ zu dem Sammler xyz fahren, der Name ist uns entfallen, tut aber auch nichts zur Sache, um ihm das Superstück für den Miesmann abzukaufen, falls ihr nichts dazwischen käme.
Ezechiel hat sofort begriffen, hat sich irgendwie das viele Geld besorgt, ist zu dem Sammler gefahren und hat ihm das Teil abgekauft. Die Holländerin kam dann leider zu spät und Dr. Miesmann hat sie nach diesem Misserfolg rausgeworfen. (Inzwischen leitet sie ein anerkanntes Glasmuseum in Holland. Ezechiel besucht sie ab und zu, um mit ihr über die alten Tage zu quatschen… )
Seit damals besteht die offene Feindschaft zwischen Ezechiel und dem Miesmann, bei dem der Name wirklich Programm ist.
Seitdem kauft Dr. Miesmann dem Ezechiel einfach jedes Stück, das der zur Vervollständigung seiner Sammlung braucht, vor der Nase weg. Deshalb kommt der Ezechiel einfach nicht dazu, letzte Lücken seiner eigenen Sammlung zu schließen, auch wenn er das Geld dazu hat.
Und nur eine lückenlose Sammlung ist eine „gute Sammlung“. Nur mit einer „guten Sammlung“ hat man im Kreis der Sammler, die sich untereinander und alle Exponate natürlich genau kennen, das angestrebte Renommé.
Und, last but not least, nur eine gute (= möglichst vollständige) Sammlung hat eine Chance, dass ein renommiertes Museum sie ausstellt oder im Sinne eines Vorlasses annimmt.
„Boah, der hat vielleicht ´ne Sammlung“, heißt es dann und „der hat schon in Düsseldorf ausgestellt“ oder in Frauenau oder in Ebeltoft oder sogar in Corning. Das ist dann der Ritterschlag… Besser geht nicht.
Übrigens ist bei Ezechiel später mal eingebrochen worden und dabei ist genau das teure Stück kaputt gegangen, das er dem Miesmann weggeschnappt hatte. Ein Schelm, der etwas Böses dabei denkt…, sowas von Pech aber auch!
Besonders bei Versteigerungen hat der Ezechiel keine Chance, da zahlt Dr. Miesmann einfach jeden Preis, er überbietet Ezechiel zum Schluss immer – und dann lacht er auch noch dreckig zum Ezechiel rüber.
Wenn es hier heißt „jeder Preis“, sind für einen reichen Mann wie Dr. Miesmann überschaubare Summen gemeint – wenn es ganz hoch geht, vielleicht 5.000 oder 6.000 Euro, meistens bewegen sich die Aufrufpreise der Versteigerungsobjekte bei einigen Hundert Euro und die Versteigerung geht dann maximal bis auf knapp unter 1.000 Euro hinauf. Aber viele Stücke summieren sich natürlich gewaltig. Und Ezechiel braucht noch „einige“ Stücke…
Die anstehende Versteigerung in Zwiesel bietet zwei oder drei Objekte an, die Ezechiel haben will, ganz sicher.
„Du, hhm, der Ezechiel…“, informiert uns also Romy, „habt ihr euch schon getroffen? Der wohnt im WALDKRISTALL.“. Nein, wir haben uns nicht getroffen, weil wir – wie immer – im HOTEL FLORIAN untergekommen sind. Mari mag Luxus.
„Nee“, sagt Ernst für uns, „wir sind ja im FLORIAN…“
„Ach“, sagt Romy, „ihr seid im FLORIAN, habt ihr da noch ein Zimmer bekommen? Ich dachte, die sind… hhm…“
„Wir haben Glück gehabt, da hat jemand abgesagt…“
„Ezechiel wohnt…, woasst scho? Da ist er ja immer…, der geht ja nie irgendwo anders hin, da ist übrigens gerade renoviert worden, soll schön geworden sein, habe ich mir sagen lassen. Der Ezechiel wollte nachher übrigens noch einmal reinschauen, um sich meine Ausstellung oben anzuschauen. Vielleicht trefft ihr euch?“

Zwei Stunden später sind wir wieder bei Romy. Es gibt noch einen Kaffee und dazu selbst gebackenen Kuchen.
„Warst du schon im Museum, ich mein´, sie ist…, woasst scho?“, will Romy wissen. Sie meint das Glasmuseum gleich nebenan.
„Ja, hat sich nicht viel verändert, seit ich das letzte Mal da gewesen bin…“
„Und wie findest du die Ausstellung?, Also, ja… hhm…“
„Geht so, du weißt ja, ich stehe nicht so auf den historischen Kram… Ist ganz nett, finde ich. Typisch Museum, halt. Ich fand früher diese kleinen Ausstellungen in Foyer gut, als die einzelne aktuelle Künstler präsentiert haben. Diese Mikros“
„Ja, die waren schön, hhm…, vor allem die von der Fachschule.“. Bevor sie ins Schwärmen kommt, dass damals endlich einmal Arbeiten aus der Fachschule in Zwiesel in Frauenau gezeigt wurden, trotz der „Feindschaft“ zwischen den benachbarten Gemeinden, geht die Tür auf und Ezechiel erscheint.
„Hallo Ezechiel“, ruft Romy, „dass ist ja schön, dass du kommst… Einen Kaffee? Wie immer mit viel Zucker und einem Schuss Bärlauchschnaps?“
„Gerne“, sagt Ezechiel, „hallo Jens, auch da? Wegen morgen? Willst du kaufen oder nur schauen? Servus, Romy.“
Er nimmt Romy in den Arm, um sie abzubusseln. Romy busselt zurück. Man sieht, die beiden mögen sich. Dann wendet er sich wieder an mich: „Lange nicht gesehen, Jens, was macht die Sammelleidenschaft?“
„Geht so“, antworten wir, „ich habe ein wenig gespart, um mir die eine Vase leisten zu können…“
„Dann kann es sich nur um den LINO TAGLIAPETRA handeln…, tolles Stück…“
„Genau.“
„Wie ist der Aufrufpreis?“
„25.000.“
„Wow. Ist aber auch ein schönes Stück. Wie hoch wird das gehen? Du hast ja Glück, dass das den Miesepeter nicht interessiert… Und selbst wenn, du bist ja nicht ich…“
„Ich schätze, bis auf 40.000 Euro.“
„Und wie weit wirst du gehen?“
„Open end…“
„Du hast es gut, dass du dir das leisten kannst…“
„Und du, auf welches Stück bist du scharf?“
„Auf den Bielmann.“
„Wie teuer?“
„20.000, als Beginn…“
„Und du? Dein Maximum?“
„25.000, du weißt doch, ich habe es finanziell nicht so im Kreuz wie du und andere…“
„Kriegst du es denn?“
„Vielleicht, aber nur, wenn dieses Arschloch nicht da ist…“
„Du meinst …, hhm…“, fragt Romy, „der ist da, den habe ich …, woasst scho, ich meine, der war hier in der Galerie. Der hat gesagt, der Bielmann sei Mist, vielleicht sogar eine Fälschung, aber bevor dieser…, er meinte dich, Ezechiel, ihn bekommen würde, würde er ihn steigern – aber nur, um ihn wahrscheinlich anschließend in den Regen zu werfen.“
Ich sollte an dieser Stelle vielleicht einwerfen, dass der Regen der Fluss ist, der durch Zwiesel fließt.
Ezechiel schüttelte den Kopf. „Das ist so ein abartiger Nebochant“, stöhnt er, „Ahnung hat er keine. Seit seine Holländerin weg ist, schon einmal gar nicht. Fälschung? Wer hat ihm denn den Quatsch erzählt? Das ist eines von den ganz wichtigen Stücken von Bielmann, ein Hauptwerk, so etwas haben die nicht einmal in Passau, und das will etwas heißen, und die in Frauenau, die träumen höchstens davon, obwohl die sich das neuerdings eigentlich leisten können sollten, seitdem das Museum neulich staatlich geworden ist. Das ist doch wirklich eine dumme Sau, entschuldigung, aber das stimmt doch, der heißt ja nicht umsonst Miesmann…“
„Aber deine Sammlung ist doch unglaublich gut, I´ moan…, du woasst scho…, das sagt doch jeder, der etwas davon versteht“, wirft Romy ein, „du hast doch wirklich viel.“
„Ja, aber nur, weil ich etwas von der Sache verstehe, viele in der Branche mich kennen und mir ab und zu einen Tipp geben, wenn ein Sammler ein wichtiges Stück losschlagen will. Dann flitze ich los und versuche es zu kaufen, bevor der Mistkerl Wind von der Sache bekommt. Nur so geht es. Der Saupreiss zahlt sonst ohne Sinn und Verstand jeden Preis – nur um mich zu ärgern. Und ich weiß nicht einmal, was ich ihm getan habe?“. Ezechiel muss eine Pause machen, um durchzuschnaufen. Dann fragt er: „Romy, krieg´ ich noch einen Kaffee, bitte?“
Romy ist die Galeristin hier, aber für Freunde macht sie auch gerne Kaffee.
„Mit oder ohne?“, fragt sie Ezechiel.
„Mit – doppelt“, bittet Ezechiel, „das kann ich jetzt brauchen… Das Riesenarschloch ist also doch da, naja, hätte ich mir ja denken können… Wohnt der wieder in der WALDBAHN?“, will er noch wissen.
„Ja, da ist der doch immer, also, glaube ich“, sagt Romy, „ich meine, er hat so etwas gesagt, dass man sich heute Abend ja wieder treffen wird. Damit kann er nur die WALDBAHN gemeint haben.“
DIE WALDBAHN ist DAS Hotel in Zwiesel, da wohnt, wer im Glasbusiness etwas auf sich hält. Das Restaurant ist jedenfalls sehr nett und die Küche ist bekannt gut. In der ALTEN STUBE sitzt „man“ am späten Abend um den Kachelofen und trinkt noch einen oder zwei Absacker – heißt da nur anders…
„Wenn ich den Mut hätte, ich würde dem wirklich irgendwann einmal den Kragen umdrehen. Grund genug hätte ich ja.“. Ezechiel lacht bitter auf und trinkt dann seinen Kaffee mit einem Zug, als wäre es es nur der kalte Schnaps. Natürlich verbrennt er sich höllisch den Mund. Romy reicht ihm schnell ein Glas kaltes Wasser in einem dieser für die Galerie typischen blauen Wassergläser, die in der Hütte leider nicht mehr hergestellt werden. Vor Wut und Enttäuschung bemerkt er kaum, dass er sich verbrüht hatte.
„Noch´an Schnaps, bitte, Romy“, fleht er, „aber ohne Kaffee – den brauch´ ich jetzt, den Schnaps, meine ich, den Kaffee nicht, und dann gehe ich wieder.“
Er bekommt seinen Kräuterschnaps, kippt ihn hinunter, schüttelt sich wie es sich gehört und steht auf. „Ich muss dann mal“, sagt er, „auf Wiedersehen Romy, danke für Kaffee und Schnäpse…, Jens.“
„Warte“, sage ich, „ich komme mit…“. Ich stehe auch auf. Bezahlen muss man den Kaffee bei Romy nicht, wenn man Freund des Hauses ist. Ab und zu kauft Romy selbst eine Tüte Kaffee, ohne sie abzurechnen, das gleicht dann die nicht bezahlten Tassen aus.
„Wo wohnst du?“, fragt Ezechiel, als wir draußen sind.
„Florian.“
„Ach ja, hätte ich mir denken können, da bist du ja immer…“
„Fast, wenn da frei ist.“
„Dann gehst du linksrum ums Museum? Ich gehe vorne rum zur Strasse…“
„Nö, ich glaub´, ich begleite dich noch ein Stückchen, ich komme mit vorne rum, am Spielplatz kann ich immer noch abbiegen.“
Da biegt der Weg durch die Gläsernen Gärten ab, um vorbei an diversen schönen, von international bekannten Künstlern geschaffenen Glasobjekten hoch zur Glashütte Eisch und zum Hotel Florian zu führen.
Unsere Lieblingsobjekte kommen ganz oben bei der Hütte: Die an Holzstelen kletternden und darauf sitzenden Glasfiguren von Carmelo Lopez.
Stumm gehen Ezechiel und wir die paar Meter in Richtung Glasmuseum. Als wir den Holzanbau – und damit die vor dem Café Sitzenden – hinter uns haben, sagt Ezechiel leise: „Du hast das gut, deinen Tagliapetra hätten wahrscheinlich einige gerne, aber kaum welche werden den Preis zahlen wollen oder können… Und selbst wenn, dann wird es eine faire Versteigerung: Zwei Anonyme am Telefon, außer dir vielleicht noch einer im Saal – so muss es sein, das macht Spaß… Aber bei mir…“
Er macht ein Gesicht, aus dem Wut, Enttäuschung und Schmerz sprechen, dann fährt er fort: „Dieser Miesmann bietet jeden Preis, bloß damit ich das Objekt nicht bekomme. Und ich traue dem wirklich zu, dass er es anschließend in den Regen wirft…“
„Du glaubst das wirklich?“, frage ich.
„Und ob, am liebsten würde er haben, dass ich auch noch zuschaue…“
Inzwischen sind Ezechiel und wir schweigend bis zum gläsernen Segel von Santarossa im Teich vor dem Museum geschlendert. Die Großplastik ist immer wieder berückend schön. Wir schauen sie gedankenvoll an. Jeder hat so seine eigenen Gedanken…
Wir machen noch ein paar Schritte, bleiben vor der verstörenden Plastik von Sandra de Clerck stehen: Sieben tote Lämmer. Oder schlafen die nur? Nein, die sehen viel zu tot aus, als dass sie schlafen würden. Warum macht eine Frau so eine Plastik? Naja, ihre Sache, nicht unsere. Wir haben ja auch diverse Sachen gemacht, die andere wohl nicht verstehen werden. Und wenn ich „wir“ sage, dann meine ich auch „ich“.
Ich zucke die Schultern. Schließlich sage ich: „Mein Gott, Ezechiel, schau mal, die toten Tiere, irgendwann ´mal ist man wie die: Tot!“
Ich deute auf die toten gläsernen Tiere auf ihrer Schlachtbank: „Sag´ mal, Ezechiel, wie kommt man nur auf die Idee, sieben tote Lämmer in Glas zu machen?“.
„Ach das“, winkt Ezechiel mit Blick auf die Schlachtbank ab, „sag´ mir lieber, wie kommt man auf die Idee, einen Menschen umzubringen?“, fragt Ezechiel leicht lächelnd, um dann fortzufahren: „Könntest du das? Ich meine, einem den Hals umdrehen?“
„Und ob“, denkt Rudi, der jetzt doch aus seinem „Zimmer gekommen ist, „was denkt der denn? Ist doch ´nen Klacks…“
„Kommt immer darauf an“, gibt Ernst zu bedenken, „ich habe mich jedenfalls erst dran gewöhnen müssen…“
„Aber du hast dich schnell daran gewöhnt“, lachtdenkt Rudi, „ging schnell, wenn ich mich recht erinnere, zum Beispiel auf der „Strande“, da warst du das doch, oder?“
„Ihr habt mir ja keine Wahl gelassen, sonst wäre ich so geendet, wie Drews – einfach irgendwie verpufft…“
Wir sind vorsichtig. „Naja, kommt wohl auf die Situation an, denke ich mir…“
„Tatsächlich?“, will Ezechiel wissen, „ also der Miesmann, den würde ich ja wirklich gerne…, ich meine“, Ezechiel dreht sich um, nein, niemand da, „den würde ich ja schon…, aber ich trau mich nicht, ich weiß nicht, ich glaube, im entscheidenden Moment, würde ich es dann doch nicht bringen... Und außerdem, wie denn? Ich habe keine Pistole oder so, so was braucht man doch, oder? Ich meine, ihn oben an der Talsperre in den Trinkwasserstausee zu schubsen, wäre ja ´ne Schweinerei, bei all den Leuten, die das Wasser dann noch trinken sollen…“. Er lacht leise. „Und einen Killer kenne ich nicht… Leider!“
„Typisch Mann“, ärgerdenkt sich Mari, „Mann kann sich natürlich nur Männer als Killer vorstellen…“
Wir schauen immer noch nebeneinander her auf die toten Lämmer, sehen uns nicht an. Wir schweigen. Irgend etwas liegt in der Luft.
„Nun mach´ schon“, drängeldenkt Mari an mich gerichtet, „du willst doch, du sagst es ja doch…“
„Genau!“, provozierdenkt Rudi.
„100%ig“, gibt Ernst dazu, „für irgendetwas hat man Freunde, oder?“
„Von mir aus“, stimmdenke ich zu.
Dann brach ich das Schweigen.
„Tja, und wenn ich einen kennen würde?“. Da war es heraus.
„Wen?“, will Ezechiel wissen.
„Einen…, einen, der es macht… Für dich…“
„Du kennst einen Killer?“
„Naja…, vielleicht“, stimme ich vorsichtig zu, „man sagt es jedenfalls, dass er…“
„Einen der es so macht?“. Ezechiel schnippt mit den Fingern.
„Ja.“
„Wirklich? Einfach so?“. Er schnippt noch einmal mit den Fingern.
„Einfach so, klar, ja, warum nicht? Wie bei den Lämmern im richtigen Leben, nicht bei denen hier aus Glas: Schnipps und aus…“. Ich schnippe auch mit den Fingern: „Von mir aus auch ohne Schnippen, Ezechiel, ganz egal. Ich denke sogar, eher ohne Schnippen, die Jungs, die Profis, also die Echten, die sind da eher banal, die machen keine Show, glaube ich.“
„Leider!“, stöhndenkt Rudi.
„Wofür?“, fragt Ezechiel und schaut mich an, „Ich meine, für was? Äh, was würde der Spaß kosten? Also, nur mal unverbindlich gefragt, Jens, nur so, interessehalber, meine ich… Nicht, dass ich tatsächlich an tote Lämmer oder so denken würde… Oder an tote Miesmänner…“
„Tust du aber“, antworte ich, „und wenn du schon fragst: Du hast da so zwei oder drei tschechische Teile, die passen eh nicht in deine Sammlung, wenn du mich fragst…“
„Du meinst die beiden Libenskys und den Petr Hora?“
„Genau.“
„Die sind gut, frühe Stücke, vor allem die Libenskys, so etwas bekommst du heute nicht mehr, weißt du… Und dafür… ?“. Lange Pause.
„Dafür, denke ich mir, könnte ich ihn bewegen…“
„Echt?“, fragt Ezechiel, „kein Scheiß?“. Und nach einer Pause: „Du meinst das wirklich ernst, glaube ich…“
„Ja, kein Scheiß, ich bin allergisch auf Lamm! Und der Miesmann ist wirklich ein Arschloch…, das wäre auch noch eine gute Tat!“
Überschlagsmäßig sind das summa summarum mehr als 100.000 Euros, dafür lohnt es sich auch für uns schon, ein paar Stunden zu arbeiten. Da waren wir Sammler im Kopf uns einig.
„Also für die Tschechen?“, fragte er.
„Ja, die drei, die wollten wir, äh, ich meine, ich, schon immer haben!“
„Abgemacht?“. Das ist eher eine Frage von Ezechiel.
„Abgemacht!“, bestätige ich und reiche ihm die Hand. Er nimmt sie, schüttelt sie.
„Das war jetzt ein… Mordauftrag, oder?“, fragt Ezechiel und schaut sich vorsichtig um. Laie.
„Ich denke schon“, bestätige ich.
„Na, dann…“, sagt Ezechiel und lässt mich vor den toten Lämmern stehen, „ich packe schon mal gedanklich die drei Objekte ein… Diese verdammten Lämmer sind wirklich mies, also, ich meine, sie machen eine miese Stimmung, finde ich, so tot, wie die aussehen.“
„Mach das! Und dreh dich um, die drei Tropfen von Gölker hellen deine Stimmung auf! Hast du die nachts schon mal gesehen, die sind beleuchtet…“
„Kenn´ ich“, murmelt er und schaut sich die riesigen gläsernen Wassertropfen nicht an, die aus dem Rasen nach dem Einschlag wieder hochzuspringen scheinen, „die erinnern mich an Regenwetter, auch nicht viel besser, wenn du mich fragst, ich meine, für die Stimmung… Als Objekte sind sie aber schön!“
Wir trennen uns, ohne uns zu verabschieden. Als ich ihm nachschaue, habe ich den Eindruck, dass er seinen Spazierstock beschwingter schwingt als vorher.

Um 21.00 Uhr sind wir in der WALDBAHN. Romy hatte mir die Handy-Nummer von Dr. Miesmann überlassen. Nein, also nicht wirklich aktiv rausgegeben… In Wirklichkeit wusste sie nicht einmal etwas davon: Weil gerade Kunden in ihrer Galerie waren, als ich nach dem Spaziergang mit Ezechiel wieder herein kam, schaute sie mich nur verwundert an und kümmerte sich um die Leute. Die wollten offenbar ein großes Schiff aus Glas von Vladimir Klein kaufen. Gute Wahl, hatte ich mir gedacht. Wir haben auch einiges von Vladimir. Unter anderem einen Film, in dem man sieht, wie er einen großen Glasbrocken zunächst mit einer Flex und später mit Hammer und Meißel bearbeitet. Als Romy mit den Kunden nach oben in den Ausstellungsraum verschwunden war, hatte ich mir ihr Telefonbuch neben der Kasse genommen und mir Dr. Miesmanns Nummer notiert.

Ich habe Glück: Um 22.30 sitzt Dr. Miesmann als letzter vor einem Schoppen Wein vor der WALDBAHN. Wir gehen zu seinem Tisch. Mari hat den Körper, und sie hat ihn respektive sich entsprechend herausgeputzt. Wenn Miesmann nicht schwul ist, muss er reagieren. Tut er auch. Den ganzen Abend hat er schon zu uns herüber geschielt. Wir trinken seit einer Stunde – ganz damenhaft! Und gegen Rudis empörten Protest – das zweite Wasser. Wenn Elsa vom DÖRPKRO das sehen könnte, sie würde es nicht glauben – Jens trinkt Wasser! Unmöglich. Nee, ist es nicht. Heute Abend sind wir Profi. Da ist absolutes Alkoholverbot.
„Tag Miesmann“, flöten wir mit Maris Stimme, als wir an seinem Tisch stehen und er erstaunt zu Maris Augen aufschaut „schöner Tag heute, oder? Könnte ihr Glückstag sein, Miesmann…“. Den akademischen Titel lassen wir weg.
Er schaut uns erstaunt an. Vielleicht wegen der Stimme. Mari spricht zwar höher, als wenn einer der Männer den Körper hat, aber so richtig fraulich hört es sich nicht an, eher rau und tief. Auf Männer wirkt es meistens ziemlich sexy.
„Wieso, meine Schöne?“, fragt er.
„Weil ich ihnen ein Wahnsinnsgeschäft anbiete…“
„Nicht interessiert“, antwortet er uninteressiert, „ich zahle nicht für Sex.“
„Um Gottes Willen“, lacht Mari, „ich bin doch nicht so eine, was denken sie denn von mir. Ich sollte tatsächlich beleidigt sein und einfach gehen“, seufzt sie, „aber es geht ums Geschäft, aber nicht, was sie denken, na gut, dann rufe ich jetzt ihren Freund, den Ezechiel, an, der wird den Bielmann schon haben wollen…“
„Welchen Bielmann?“, fragt der miese Typ nur geringfügig interessierter. Aber er schaut uns jetzt anders an.
„Den aus dem Museum in Murano!“
„Die haben keinen“, antwortet er, „das wüsste ich, was soll das?“
„Falsch! Oder eigentlich richtig! Ja, die haben keinen mehr, da haben sie Recht“, sage ich, „aber sie hatten einen… Bis vor ein paar Tagen. Inzwischen habe ich ihn.“
„Glaube ich nicht“, sagt er. Wir sehen an seinen Augen, dass das Desinteresse nicht stimmt. Er ist kurz davor, unseren Köder zumindest für potenziell sehr schmackhaft zu halten.
„Müssen sie auch nicht, glauben, meine ich, aber sie können sich überzeugen…“
„Haben sie ihn denn dabei?“. Jetzt ist er definitiv am Haken, er hat zugebissen.
„Im Auto“, erwidert Mari jetzt offenbar uninteressiert, „draußen, auf dem Parkplatz, gegenüber, am Bahnhof. Aber wenn sie nicht wollen… Keine Sorge, ich werde schon einen Käufer finden…“
Dr. Miesmann winkt ab und beginnt sich zu erheben. „Vielleicht bin ich ja interessiert? Gehen wir“, sagt er. Keine Kellnerin zu sehen. „Na, dann zahle ich nachher!“.
„Welch ein Irrtum“, lächeldenkt Mari, „welch ein gewaltiger Irrtum, mein lieber Miesmann!“
„Der ist schon so gut wie hin“, freudenkt sich Rudi, „er weiß es nur noch nicht...“. Rudi kennt sich mit solchen Situationen aus, da ist er sozusagen Fachmann. Und zwar einer der besten.
Miesmann steht schwerfällig auf. Es ist nicht ganz klar, ob es sein Alter oder der Wein ist… Er schwankt etwas, als er neben Mari her geht.
„Wie haben sie denen den Bielmann abgeluchst?“, fragt er.
„Der Direktor brauchte Geld“, antwortet Mari, „er spielt ab und zu, hatte eine Pechsträhne. Geld und ein bisschen Sex… Erstaunlich, was man dafür von älteren Männern alles bekommen kann, wirklich erstaunlich.“
Denn Rest des Weges schweigen wir. Es sind ja nur einhundert Meter.
„Das ist ja nur ein Golf“, wundert sich Dr. Miesmann, „und damit fahren sie einen Bielmann spazieren?“
„Sie werden es nicht glauben“, antwortet Mari, „dem ist es in der Tat egal. Er ist hinten drin…“.
Sie schaut sich um, weit und breit niemand zu sehen. Kein Wunder um diese Zeit. Glasmacher gehen früh ins Bett. Und Zwiesel ist immer noch Glasmacherstadt. Gut so. Wir öffnen die Hecktür, nehmen die darin in einem Kasten im Dunkeln liegende 22er mit Schalldämpfer aus ihrem Behältnis, drehen uns mit erhobener und schussbereiter Pistole um und schießen Dr. Miesmann in Herz und Kopf. Er ist sofort tot. Zwei Schüsse. Lehrbuchhaft. Kein Mensch hat die beiden leisen „Puffs“ auf dem Parkplatz gehört – wie gesagt, um die Zeit schlafen Zwiesel und seine Gäste.
Gott sei Dank fällt Dr. Miesmann vornüber und liegt schon halb im Kofferraum, das erleichtert es ungemein, ihn gänzlich hinein zu befördern. Wir müssen ihn nur noch an den Füßen packen und ganz in den Kofferraum schubsen (das geht sogar im engen Rock und mit Pumps an den Füssen) und dann die Heckklappe leise schließen. Wir wollen schließlich niemand wecken, die Leute brauchen ihren Schlaf hier in Zwiesel, denn da steht man früh auf.
Inzwischen ist es nach 23.00 Uhr – fast Mitternacht, Geisterstunde, gut, dass wir mit einer Leiche im Auto nicht an Geister glauben. Als wir Dr. Miesmann für seine letzte Fahrt verstaut haben, fährt Mari los. Am Museumsschlösschen Theresienthal biegt sie links ab und fährt den kleinen Berg hinab zur gleichnamigen Glashütte. Auf dem Parkplatz unten fahren wir ganz nach hinten. Hier leuchtet keine Lampe, nur die Sterne – mit anderen Worten: Es ist stockdunkel. Hier kommen nachts nicht einmal Pärchen zum Schmusen her, da gibt es in der Gegend besser geeignete Plätze, hier sagen sich höchsten Luchs (wir sind im Bayerischen Wald) und Hase Gute Nacht.
Mari zieht sich um: Das körperbetonte Kleid, die formgebende Wäsche und die Pumps zieht sie aus, und zieht statt dessen Jeans, Hemd und Lederjacke an, die blonde Perücke nimmt sie ab, und mit ein paar Strichen mit der Bürste trimmt sie die Haare wieder auf „männlich“. Dann übergibt sie den Körper.
Bis um 02.00 bleiben wir hier im Stockdunklen stehen. Ernst übernimmt die Nachtwache. Das macht er bei solchen Gelegenheiten häufig, er schläft einfach schlecht oder er braucht nicht soviel Schlaf, keine Ahnung. Auch wenn wir uns ein Gehirn teilen, haben wir doch unsere kleinen Geheimnisse. Dieses gehört dazu. Wir anderen schlafen etwas, aufgeregt sind wir nicht. Das war ja auch keine Sache, deretwegen man sich aufregen muss, da haben wir anderes erlebt! Ich denke da nur an die Sachen damals in Algerien oder im Jugoslawienkrieg, man o man… – aber das interessiert Sie bestimmt nicht.
Um 02.00 weckt Ernst mich, dann übernehme ich als Körperältester. Ich bin mit dem Körper geboren worden, die anderen sind später gekommen, Ernst erst viel später, er ist sozusagen noch ein Körperfrischling. Das mag er zwar nicht hören… Aber in solchen Situation übergibt er, ohne Sperenzchen zu machen, an mich, den Jens. Ist auch besser so, ich habe halt die Erfahrung…
Erst fahren wir zurück zur Glasfachschule. Da habe ich auf der Herfahrt zur WALDBAHN eine Schubkarre vor dem Eingang stehen sehen. Die werden wir brauchen. Mit der umgedrehten Schubkarre hinten drin, die die Leiche darunter ziemlich verdeckt, fahren wir über die B11 an Ludwigsthal und Regenhütte vorbei in Richtung Tschechische Republik. Eine halbe Stunde später passieren wir den alten Grenzübergang bei Bayrisch Eisenstein. Wo früher mal der Eiserne Vorhang verlief, stehen noch die alten Grenzgebäude. Niemand hat noch Verwendung für sie, denn es gibt – dank der EU – keine Grenze mehr. Hier wird jedenfalls nicht mehr kontrolliert.
Auch die Wechselstuben, Zigarettenshops und Vietnamesenmärkte, wo man eineinhalb Meter große (beleuchtete!) Gartenzwerge oder pinkelnde Matrosen, noch größere Modelle holländischer Windmühlen, Schnaps, Glas- und Flechtwaren, Fussballshirts mit jedem Aufdruck und Schuhe etc. (alles made in Vietnam) bekommt, liegen im Dunkeln. Ehrlich gesagt, ich verstehe nicht, wer hier warum einkauft. Vielleicht weil man hier angeblich CRYSTALL METH in jeder Menge bekommen kann. Aber um die Zeit ist alles still, totenstill.
Wir fahren weiter. An der Tankstelle biegen wir links ab und fahren hinauf nach Sumava, den tschechischen Teil des Nationalparks. Bis jetzt ist uns kein Auto begegnet. Die Wahrscheinlichkeit, ein durch die Nacht fahrendes Auto zu treffen, wird jetzt noch geringer – und wenn schon, niemand vermutet eine Leiche in unserem Kofferraum. Obwohl, kontrollieren könnten sie einen hier schon noch, auch ohne Grenzschlagbaum… Also, lieber kein fremdes Auto!
Ich suche einen bestimmten Waldweg, der oben im Wald nach rechts von der Straße abgeht. Da haben wir früher einmal eine Wildschweinfütterungsstation besucht: Sehr niedliche Tiere – solange sie klein und gestreift sind! Später sind sie dann weniger niedlich aber dafür umso eindrucksvoller. Und immer auf der Suche nach Fressbarem… Für die soll Dr. Miesmann jetzt als „happi happi“ dienen. Ihn braucht es nicht mehr zu stören, er ist so tot, wie man nur tot sein kann. Das Gute ist: Das Wildschwein ist ein Allesfresser. Schauen Sie sich nur einmal die Zähne an: Die kriegen alles klein. Alles, wirklich alles! Auch den Miesmann. Im Moment werden die lieben Tierchen nicht gefüttert. Aber sie kommen immer noch regelmäßig zur Fütterungsstelle, um mal nachzuschauen, ob es nicht doch etwas gibt. Heute haben sie Glück, heute gibt es „leckeren Dr. Miesmann“. Und zwar Miesmann satt!
Denn, so ist unsere Überlegung, wo keine Leiche, da auch kein Mord! Hinzu kommt, dass überhaupt erst einmal jemand auf die Idee kommen muss, dass hier Dr. Miesmann fütterungstechnisch anwesend war. Kriminaltechnische Spuren? Kaum! Die putzigen Tierchen fressen ja doch alles bis zum letzten Fitzelchen auf. Und dann pflügen sie alles intensivst um, um zu schauen, ob sie nicht etwas vergessen haben… Brave Tierchen. Die Idee ist aus Erfahrung gut, sagen wir es einmal so.
„Was das Wildschwein in den Karpaten schafft, schafft das tschechische doch wohl auch“, meintdenkt Rudi dazu.
„Wo er Recht hat, hat er Recht“, denkstimmt Mari zu meinem Erstaunen zu, wo sie sich doch sonst bei jeder Gelegenheit mit Rudi anlegt.
Der Weg vom letztmöglichen Parkplatz zu den hungrigen Wildschweinen in den Wald muss so knapp fünfhundert Meter lang sein. Und Dr. Miesmann bringt sicher mehr als zwei Zentner auf die Waage. Das könnte ein Problem sein! Einhundert Kilo schleppen Sie erst einmal… und dann noch 500 Meter über Stock und Stein. Deshalb auch die Schubkarre, verstehen Sie?
Ohne die ausgeliehene Schubkarre hätten wir es tatsächlich nie geschafft, Dr. Miesmann seiner letzten Aufgabe zuzuführen – mit der Schubkarre war es ein Klacks, weil es in den letzten Tagen nicht geregnet hatte. Irgendwo im Dunkeln glauben wir das Grunzen von Wildschweinen zu hören.
„Hoffentlich sind die hungrig. Na denn: Guten Appetit, Jungs!“. Das ist Ernst.
„Wildschweine sind immer hungrig!“. Das ist Mari.
Der Rückweg ist problemlos, wieder niemand nirgendwo da. Die Schubkarre kommt zurück an ihren Platz an der Fachschule. Wir sind doch ehrlich.
Im Hotel können wir uns sogar noch drei Stunden ins Bett legen. Nach dem Frühstück fahren wir dann zur Versteigerung nach Zwiesel. Die Schubkarre ist nicht mehr da, wo wir sie abgestellt haben, ist wohl im Einsatz. Gut so. Braver Hausmeister.

Dr. Miesmann taucht zum Erstaunen aller Bieter nicht auf. Der Auktionator, so ein geldgieriger Schleimer, findet Rudi, schlägt vor, noch etwas zu warten, weil ein angekündigter Interessent – nämlich Miesmann – offenbar verschlafen hätte, denn man hätte ihn ja gestern schon in Zwiesel gesehen. Auch ein Telefonanruf im Hotel führt zu nichts, keine Antwort. Eine Nachfrage beim Hotelportier bietet auch keine Lösung. Also geht die Auktion schließlich doch los.
Natürlich erhält Ezechiel den Zuschlag für den „Bielmann“ – zum Aufrufpreis. Glück gehabt. Wir gratulieren ihm als erste.

Vier Wochen später ruft Romy bei uns in Ostholstein an, um uns mitzuteilen, dass der Ezechiel drei Pakete für mich bei ihr… „Hhm, woasst …“, sagt sie. Ja, wir schon, sie nicht: Unser Honorar.

Ende
 


    Bonus-Geschichte:
Lärm im Naturschutzgebiet
Ich gebe ja zu, die Verbindung von Frauenau nach Rügen zu finden, ist schwer (ich spreche nicht vom Navi!) – vielleicht, weil es auch ein Urlaubsgebiet ist? Seit ein paar Jahren sogar mein Lieblingsurlaubsziel, dem Klima¬wechsel sei Dank…
Also, eine Geschichte aus Rügen:

Hier im Naturschutzgebiet sollte man Stille erwarten dürfen (nicht, dass wir`s täten, wir leben ja noch!) – aber hier ist vielleicht ein Lärm in der Luft… Und die Krachmacher sind Vögel! Und es ist weder die Nachtigall, und nicht die Lerche, auch rauschen keine Wildgänse durch die Nacht nach Norden…, es sind Kraniche die morgens und abends einen Höllenlärm in der Luft veranstalten.
Gut, das hätte man wissen können, wir sind hier in Vier-egge, das ist am östlichen Rand eines Gebietes, das sich von Ummanz (eine Teilinsel von Rügen), über die Insel Hiddensee, den Bock (ein Küstenstrich in Mecklenburg-Vorpommern) bis zum Zingst hinzieht. Hier ist von August bis Oktober mit bis zu 40.000 – manche behaupten auch 50.000 – Kranichen die größte Kranichkolonie der Welt zu Gast.
Kraniche als groß gewordene Piepmätze zu bezeichnen, würde den Tieren wirklich nicht gerecht… es sind nämlich ziemlich beeindruckende Vögel, ausgewachsen haben sie eine Flügelspannweite von über zwei Metern und sie sind so um die 5 Kilogramm schwer, also die Kerle, die Damen sind etwas schlanker, natürlich. Bei den Maßen ist es kein Wunder, dass die in der Luft einen ziemlichen Krach veranstalten, ein Jumbo-Jet ist ja auch ziemlich laut.
Über uns ist offenbar ein Flugübungsgebiet der Kraniche, in dem sie den Formationsflug für den weiten Weg nach Spanien und Portugal trainieren.
Einige können es offenbar schon perfekt so gut halten sie die flugphysikalisch optimale V-Formation ein. Man hat sogar den Eindruck, die haben Spaß an der Sache. Wie beim Sechstagerennen wechselt der Flügelmann (sehr verehrte Damen, auch wenn es sich um Vögelinnen handeln mag, ja ungefähr zur Hälfte handeln wird, bleibe ich hier bei „der Vogel“ und seinen Ableitungen), schert aus, lässt sich zurückfallen und ordnet sich hinten ein während der bislang Zweite die anstrengende Führungs-position im V für einige Zeit übernimmt, um sich dann ebenfalls zurückfallen zu lassen. Die Führungsposition ist flugphysikalisch besonders kraftraubend, deshalb der stete Wechsel, der jeden Kranich mal in die kraftraubende Führungsposition bringt und meistens in einer kraftschonenden „Flügelmann-“Position lässt („Top Gun“ lässt grüßen).
Nun lassen sich aus dem häuslichen Liegestuhl im Garten vielerlei Flugformationen beobachten: Einmal das schon beschriebene perfekte V aus meistens 10 bis 12 Vögeln, dann „V´s“ aus bis zu 50 Tieren, die man höchstens als krampfhafte V-Versuche bezeichnen kann: Krumm und schief, ungleich lange Arme, abgerissene Arme. Daneben gibt es Flugformationen, die nur „Sch…“ sind, weil kein V und kein gar nichts…
Heute habe ich mehrere Fast-Aufflugunfälle beobachtet, die beinahe zu Prügeleien der beteiligten Kraniche in der Luft geführt haben – also, hatte ich den Eindruck!
Vom Boden aus sieht das echt witzig aus, wenn der Hintermann plötzlich die Luftnotbremse zieht, um nicht in den Vordermann hineinzufliegen und den dann in seinen Vordermann hinein zu stoßen...
Verehrte gender-gerecht-orientierte Leserinnen, Sie verstehen jetzt, warum ich bei „Flugmann“ geblieben bin, man hätte mir spätestens an dieser Stelle der Beobachtungen unterschoben, ich würde keine Blondinen mögen, erst recht keine am Steuer (was in München sogar zutrifft, wenn diese Damen ihren SUV nicht einmal vorwärts in eine Parklücke hineinbekommen… Aber wir waren ja beim Fliegen und bei Vögeln, kommen wir also wieder zu unseren Kranichen):
Hier wird vom späten Morgen bis in den frühen Abend fleißig V-Fliegen geübt. Ich habe auch den Eindruck, dass sich das Flugvermögen der Kraniche in den letzten Tagen deutlich verbessert hat – gut, wir hatten gutes Flugwetter: Sonnig mit einigen Wolken, 4 bis 5 Windstärken (ohne Böen) – da fliegt sich`s gut und leicht, denke ich mir. Also, wenn ich Kranich wäre, bei dem Wetter würde ich fliegen. Wenn ich nicht gerade fressen würde. Fressen ist natürlich auch wichtig, schließlich braucht man Kraft für den Non-Stop-Flug von Groß-Rügen bis Spanien (sowohl die Hiddenseer, als auch die Bockster und Zingster und schließlich die Portugiesen mögen mir verzeihen, das ich sie hier nicht aufgezählt habe, aber man kann nicht immer alle Beteiligten nennen – auch bei Bayern München werden meist nur Ribery und Robben und – wenn er denn spielt – Schweinsteiger genannt…).
Ich denke mir, dass die alten Kraniche, also die, die schon zwei oder dreimal in Spanien (ja, und Portugal) waren, der jungen Brut das Formationsfliegen beibringen.
Aber die Doofen können nicht nur die Jungen sein, auch ein paar von den Alten müssen das Formationsfliegen offenbar jedes Jahr neu lernen…
Ich stelle mir das so vor: Jede Formation – nennen wir sie einmal Staffel – hat natürlich einen Staffel-Capo, der hat das Schnattern (ich meine natürlich das Sagen, aber unter Kranichen wird nun einmal geschnattert). Und der Capo ist für seine Staffel verantwortlich. Wahrscheinlich treffen sich die Staffel-Capos der verschiedenen Staffeln abends am Boden am Bodden und erzählen sich, dass sie nun gerade die Allerdümmsten erwischt hätten…, aber, keine Sorge, dass sie das natürlich noch hinkriegen würden, es seien schließlich ein paar Tage Zeit bis zum großen Abflug…
Die ersten Übungseinheiten werden vermutlich am Boden stattfinden – nennen wir es Positionsstehen; dabei muss jeder Kranich seine Startposition (in der Luft) erst einmal am Boden einnehmen. Das wird schwierig genug sein für den Capo, bis er alle da stehen hat, wo er sie haben will (ja, meine gender-gerecht-orientierten Damen, es kann auch eine Capeuse sein! Von mir aus).
Garantiert werden zwei oder drei Kraniche zum Positionsstehen zu spät kommen, andere interessieren sich mehr für das leckere Gras am Positionsstehplatz, dem sie nicht widerstehen können und wieder andere werden irgendwelche alten Geschichten ´rumtröten (Sie erinnern sich an den anfangs erwähnten Lärm, den die Vögel zu machen im Stande sind?), die sie bei dem berühmten Sturmflug vor drei Jahren über den Pyrenäen erlebt haben, als nur drei von 20 gestarteten Vögeln durchkamen – und das alles nur, weil sie damals…
Schnauze, werden sie vom Capo unterbrochen (eine Capeuse hätte höflich gebeten und wäre schon an dieser Stelle gescheitert), Schnauze habe ich gesagt, stillgestanden an der Position. Ist das etwa eine Position? Ist das etwa eine Haltung? Ist das etwa Gras im Schnabel. Ja, wo sind wir denn hier und so weiter, wer beim Bund war (egal ob männlich oder weiblich) weiss, wie das geht…
Weil ein paar ganz blöde Gänse (unter Kranichen ist „Gans“ ein schweres Schimpfwort) ihre Position nicht finden werden alle losgeschickt, sich einen kleinen Stein zu holen und an die Stelle zu legen, wo ihre Position sein soll. Langes Hin- und Hergerenne nach den richtigen Steinen, dann langes Hin- und Hergeschiebe der Steinchen bis die richtige Position gefunden wurde.
Der Capo rennt derweil flügelschlagend um die Staffel. Dann zeichnet er mit einem Stöckchen ein V in den Boden, alle müssen kommen und es anschauen. Das ist unsere Formation erklärt er! Dann ist wieder Formationsstehen angesagt. Jeder muss sich seinen Vorder- und Hinterkranich merken. Anschließend müssen alle (wild schnatternd) durcheinanderlaufen und dann ihre Position wiederfinden.
Schließlich müssen sich alle beim Durcheinanderlaufen die Augen mit den Flügeln zuhalten und ihre Position „blind“ finden – Nachtflugübung nennt der Capo das, weil wir auch nachts fliegen, ohne Positionslichter. Top Gun weiß, wie schwierig das ist! Und wehe, ein Kranich bescheißt und pliert durch die Flügel… Ja, das gibt Ärger und mindestens eine Stunde Strafpositionsstehen.
Endlich, endlich heißt es, aufgemerkt, in dieser Formation will ich euch in der Luft sehen und jetzt Abflug und Einnahme der Position in 30 Sekunden, Flughöhe 100 – ab jetzt!
Allgemeines Geflatter (Lärm!), Durchstarten, Kraniche rauschen durch die Luft (Achtung, auch wenn Sie jetzt mitsingen wollen, es geht weder um Gänse, noch in der Nacht!), finden sich in Flughöhe 100 ein (Noch ein Hinweis: Flughöhe 100 reicht, Kraniche rechnen nicht in Metern!). Ein trompetenartiges Tröten des Capos und die Kraniche nehmen ihre Position ein. Jetzt ist es endlich ein Positionsfliegen, kein Positionsstehen mehr wie am Boden…
Das V sieht zunächst wieder grauenhaft aus, der Capo ist entsetzt – er fliegt leicht außerhalb des V´s, um die Formation zu überwachen. Großer Kranich, denkt er (ein Mensch würde an dieser Stelle entweder Mein Gott denken oder gotteslästerlich fluchen), was soll das denn sein?
Letzteres trötet er auch heraus. Er fliegt zu einem Flügelmann und schnauzt ihn an, ob das etwa eine „Position“ sei? Der fällt fast vom Himmel, weil er vor Schreck das Flügelschlagen vergisst… Fliegen, brüllt ihn der Capo daher an, Fliegen geht mit Flügeln, ohne geht das tragisch aus…
Dann muss er zwei Kraniche zusammenscheißen, die im Flug Witze erzählen und deshalb die anderen vor Lachen  aus der Reihe fliegen.
An dieser Stelle sollte eigentlich das Gespräch von mehreren Kranichinnen kommen, die sich während der Flugversuche über Nestbau, Nestpflege und das Eierlegen unterhalten. Aber die Redakteursgattin meinte nur süffisant, wenn DU meinst, DU könntest dich in Eier legende Kranichinnen hineinversetzen… Um den Familienfrieden im Urlaubsdomizil zu erhalten, verzichtet der Redakteur an dieser Stelle auf diesen Teil der Geschichte, schade.
So geht das den lieben langen Tag, starten, V-Fliegen, landen, starten, V-Fliegen und dabei Schnabel halten - unterbrochen nur, wenn unten ein leckeres Feld zur Rast lädt. Ich hatte schon erwähnt, auch das Dickfressen gehört in der Gegend zwischen Ummanz und Zingst dazu. Auch gilt unter Kranichmännchen ein rundliches BBW-Weibchen als besonders schön, welches sie gerne unter Abschmettern von Liebeströtern umfliegen (glaube ich, das ist aber wissenschaftlich ausnahmsweise nicht belegt, aber nur vom Schreien der Capos bzw. Capeusen kann der unsägliche Lärm nicht kommen).
Das gibt natürlich Ärger mit dem Capo, kommt bei den Kranichinnen aber gut an. Erklären würde es aber einige der abstrusesten Luftbilder, die ich beobachtet habe. Vielleicht ist das Beinahe-von-hinten-Auffliegen ja auch gar kein Unfall, sondern ganz etwas anderes?
Das ist natürlich nicht alles, was sich in der Luft so abspielt, aber irgendwann sind die V´s in Ordnung und der große Flug gen Süden kann kommen. Eines Tages im Oktober sind plötzlich alle Kraniche weg. Und himmlische Ruhe herrscht im herbstlich-nebligen Naturschutzgebiet, aber dann sind wir schon lange nicht mehr da… Denn dann ist das Wetter hier ungemütlich, nur für Einheimische zu ertragen, die eh nix anderes kennen. Und im März rauscht es wieder in der Luft, dann kommen die Kraniche (nicht alle! Wir gedenken ihnen still einen Moment, wenn Sie bitte aufstehen wollen… Danke!) zurück aus dem Süden, sie bleiben nur kurz und fliegen dann weiter in ihre Brutgebiete im Norden (und der ist weit).
Aber im nächsten August ist hier wieder die Hölle los.
 
 
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