Dieses ist eine sehr persönliche Website mit von mir erstellten oder ausgesuchten Inhalten. Diese sind - v.a. bei Textbeiträgen - weder "politisch" (hoffe ich) noch "gendermäßig" korrekt, und auch bei der Sprache "pfeiffe" ich auf Zustimmungen der Duden-Redaktion.

Was finden Sie hier? Quergedachte Texte, Bilder aus der Wahlheimat = von der wunderschönen Insel Rügen und Filme übers Glasmachen.
Ich hoffe, Sie haben trotzdem oder gerade deswegen Spaß auf dieser Website, die etwas anders sein will!

Empfehlung der Redaktion:
Kunstort auf Rügen:Wassermühle

NEIN, das ist nicht DIE Tankstelle, die ist nicht einmal in der Nähe von Ratzeburg.
NEIN, das ist nicht DIE Tankstelle, die ist nicht einmal in der Nähe von Ratzeburg.
Empfehlung

[Klaus Bock, August 2012] Wir waren zu zweit in Norddeutschland unterwegs. Ich wollte der Bayerin Monika zum ersten Mal (stolz) Land und Leute meiner Heimat in Schleswig-Holstein zeigen. Mit dem Flieger ging es nach Bremen (ja, ich weiß, das ist in Niedersachsen, nicht in Schleswig-Holstein - aber so sind wir eben geflogen und man muss ja bei der Wahrheit bleiben!). In Bremen mieteten wir ein Auto. Einen FORD KA – sie wissen schon, diese kleine Knutschkugel, in die gerade eben zwei ausgewachsene Erwachsene hineinpassen – gerade eben!
Bremen mehr oder weniger links liegen lassend ging es vom Flugplatz unter Absingen von Shanties wie "Hamburger Veermaster" und so (ich kann wirklich nicht singen, aber damals musste das sein) über Land nach Wischhafen und von dort mit der Fähe über die Elbe nach Glückstadt. Von Glückstadt ging es die Nordseeküste rauf in Richtung Dänemark, auf der Höhe von Sylt rüber nach Flensburg und dann zum Pölser-Essen (Pölser sind "leckere" dänische HotDogs, von denen ich vier bis sechs Stück verdrückte während meine Bayerin sie nach einem interessierten Bissen verschmähte) über die dänische Grenze und dann die Ostseeküste wieder runter bis nach Lübeck. Von dort bogen wir dann wieder ab in Richtung Hamburg und Bremen. Das kleine Autochen fuhr uns prima, problemlos.
In der Nähe von Ratzeburg verlangte es erstmals Futter in Form von Benzin. Also fuhren wir in einem kleinen Nest auf eine recht große Tankstelle an der Bundesstrasse.

Wichtig zu wissen ist, dass man die Tankklappe beim Ford Ka von innen öffnet, indem man einen Knopf am Armaturenbrett drückt. Das war damals noch recht neu, fast schon Luxus. Ich – ich fuhr gerade – drücke also auf den Knopf. Nix geschieht. Das heißt, die Tankklappe bleibt zu. Ich drücke nochmal und nochmal und nochmal – das Ergebnis bleibt immer dasselbe, es tut sich immer dasselbe… nämlich nix.
Die Tankklappe bleibt zu, rührt sich keinen Millimeter. Auch der Versuch, sie mit spitzen Fingern oder Monikas Nagelpfeile aus der Verankerung zu hebeln, bringt nix. Die Klappe bleibt zu.
„Ich geh mal rein“, sage ich zu Monika, „der Tankwart kann uns sicher helfen“. Der Tankwart – er war an diesem Sonntagmittag der einzige, der außer uns auf der Tankstelle war – steht hinter seinem Tresen an der Kasse. Ein Trumm von einem Mannsbild. Er liest. Zeitung. BILD! Natürlich, was sonst? Ich gehe zur Kasse und wartete, dass er reagieren würde. Tut er aber nicht. Er liest. Langsam und konzentriert. Sehr konzentriert. Nach einiger Zeit – gefühlte Minuten – räuspere ich mich, um meine Anwesenheit anzudeuten und um seine Aufmerksamkeit zu erregen. Er reagiert aber nicht. So lange kann man BILD gar nicht lesen. Aber ich wartete geduldig noch ein kleines Weilchen…
„Äh“, sage ich schließlich, „darf ich mal stören, ich hab´ da nämlich ein Problem…“.
Er schaut nicht auf, sein Blick bleibt auf der Titelseite der BILD. Es dauert etwas, bis er sagt: „Gleich, ich lese den Artikel noch zu Ende.“
Nun sind Artikel und vor allem die auf der Titelseite von BILD bekanntlich nicht sooo lang. Es handelt sich um kurze Zeilen, sehr kurze Texte, für jeden leicht zu verstehen. Was sage ich, ich will Ihnen nicht zu nahe treten, aber Sie kennen das: Da ist man schnell durch. Sein Auge aber schien von Buchstabe zu Buchstabe, nein, nicht wie bei ihnen und mir, zu gleiten - das wäre die falsche Beschreibung, es ruckelte mehr über den Text, es hangelte sich von Buchstabe zu Buchstabe. Die Zeit fließt gaaanz langsam dahin. Er liest. Ich warte. Ein geübter Leser hätte in der Zeit das erste Kapitel von KRIEG UND FRIEDEN gelesen – endlich faltet der Trumm Tankwart die Zeitung konzentriert zusammen, so wie man eine Zeitung faltet, in der man sich das Feuilleton für das Wochenende aufspart, hebt seinen Blick und schaut mich tatsächlich fragend an.
Bei den folgenden Gesprächsfetzen müssen Sie sich den gedehnten schleswig-holsteinischen Dialekt einfach denken: „Jaaa, biddää?“ fragte er mit sehr gedehntem biddaä, mit „ä“ statt „e“ am Ende und fragte dann nach: „Wass`n los?
„Ich kriege den Tankdeckel nicht auf…“
Er wendet den Kopf langsam zum Fenster, schaut konzentriert auf das Auto mit Monika an der Zapfsäule und wieder zurück zu mir. „Dass`n Ka. Von Ford…“
„Stimmt“, sage ich, „aber der Deckel…“
„Der hat drinnen ´n Knopf, den muss man drücken, denn geht er auf! Is´ganz leicht.“
„Ja, weiß ich, aber trotzdem…“
„Tja“, sagt er, „wie gesaacht, da müssn sie den Knopf drücken, denn geht das schon…, geht immer!“
„Nö“, sage ich, „gedrückt habe ich schon n paar Mal - aber passieren tut nix.“
„Tja“, sagte er, „und was soll ich da jetzt tun?“
Ich sage: „Naja, ich dachte mir, vielleicht könnten sie als Fachmann mal mit rauskommen und gucken, vielleicht fällt Ihnen ja `was ein…“
Er schüttelte – traurig, wie es schien - ob meines unverschämten Anliegens den Kopf, schaute noch einmal mit großem Bedauern auf die zusammengefaltete BILD, er war ja auch noch auf der Titelseite, es warteten also noch viele spannende Artikel auf ihn Mit einem tiefen Seufzen stand er auf und kam langsam hinter seinem Tresen hervor.
„Naja, wenn´s denn sein muss…“
Am Ka angekommen sagt er: „Nun drücken sie man noch mal mal den Knopf, dann geit das schon… Haben sie denn auch den richtigen Knopf…? Und nich den andern…?“. Er schüttelt den Kopf - wohl aus der bitteren Erfahrung, dass die Leute und erst recht andere sooo doof sein konnten. Monika drückt also den Knopf und er steht am hinteren Kotflügel. „Den Knopf drücken, hab ich gesaacht“, sagt er. Monika drückt und drückt nochmal.
„Nee“, sagte er kopfschüttelnd, „das is jan Ding… das geht ja nicht auf, oder?“. Er geht ums Auto rum, öffnete die Fahrertür, beugte seinen Trumm Tankwart-Körper in die Fahrertür und zeigt mit einem riesigen leicht ölverschmierten Finger auf den Knopf, den Monika schon dauernd betätigt und sagt zu Monika: „Den da mein ich, mien Deern“ ("mien Deern" steht da oben freundschaftlich für "junge Frau"). Dann geht er wieder nach hinten zum Tankdeckel und ruft: „Jetzt! Nochmal - drüüücken!“, Monika drückte und wieder geschieht nix.
„Man o man, der geht ja wirklich nich“, sagt unser Tankwart, „das ja komisch!“
In dem Moment geht an der Tankstelle ein Mann vorbei, sieht uns und ruft neugierig zum Tankwart: „Oi, wassn bei euch los?“
„Nix, was Dich was angehen könnte“, winkt unser Tankwart ab, „bliev man, wo du bist…“
„Nööö, ick kumm mal röber…“
„Nee, Heiner, Dich bruuk wir hier nich´…, wirklich nich´“. Der andere, Heiner, war aber schon da.
„Was`n looos?“, will er wissen.
„Nix, was dich was angehen täte!“
„Na, was denn?“
„Tja“, sagt unser Tankwart zu Heiner, „das is jetzt ziemlich kompliziert, viel zu kompliziert für Dich – der Tankdeckel geht nämlich nich auf…“
„Dat is doch ´n KA“, sagte der Neuankömmling, „der hat vorne ´n Knopf, wenn man den drückt, geht der Deckel auf, is doch gaaanz einfach.“
„Ach nee, Du Dösbaddl“, sagt unser Tankwartziemlich abfällig und winkte ab, „was du nich alles wissen tust, aber so kluch sind wir auch schon gewest.“
„Ja, aber, denn drück doch mal“, sagt Heiner, „wirst schon sehen…“
Monika drückt mal wieder – wieder ohne Erfolg…
„Ham´se gedrückt?" fragte Heiner, "Dasja komisch, da sollte er aber aufgehn!“
„Tut er aber nich“, sagt der Tankwart mit Triumpf in der Stimme, „nu haste alles gesehen, nun geh man mal weiter…“
Da ruft von der Straße ein weiterer männlicher Passant „Ey, kann ich helfen?“
Tankwart und Heiner drehen sich um, stöhnen kurz auf und rufen una voce „Nööö, is nix! Kannst man ruhig weitergehen…“
Der Dritte läßt sich natürlich nicht abweisen und kommt zu uns rüber. „Was`n los, hier?“, fragt er.
Heiner antwortete ihm genervt: „Der Tankdeckel von dem Auto da, der geht nich´ auf…“
„Das is doch ´n Ka“, sagte der Dritte, „der hat da doch son Knopf am Ammaturnbrett, und wenn Du den drücken tust…“
„Ach nee“, sagte der Tankwart empört, „was glaubst du, wo du hier bist, sooo schlau sind wir schon lange…“
„Ja, denn drücken sie doch mal, meine Dame“, sagte der zweite Ankömmling höflich zu Monika und zu den anderen gewandt: „Ihr werdet schon sehen…“. Die beiden anderen schütteln nur den Kopf, Heiner tippt sich mit Blick zum Tankwart kurz an die Stirn, der Tankwart nickt ihm zustimmend zu und zuckt mit den Schultern: „Da kannste nix machen“, heißt das wohl.
Monika drückt den Knopf, es ist das xte mal und – oh Wunder – der Tankdeckel springt auf.
„Siehste“, sagt der Dritte da, „saaach ich doch, geht doch!“, und schlägt den Tankdeckel mit großer Begeisterung in einer schnellen Bewegung wieder zu. Triumphierend schaute er in die Runde „Man muss eben was von der Sache verstehen, denn geit dat schon…“
Der Tankwart und Heiner schauen ihn entgeistert mit großen Augen und offenen Mündern an - was war das denn, steht in ihre verblüfften Mienen geschrieben und wieso denn ausgerechnet bei dem?
„Naaa“, sagte der Tankwart in Richtung Monika, die – mit fast wunden Drückefinger – immer noch im KA saß, „wenn´s jetzt wieder geht, dann drücken sie man noch mal, denn könn´ wir ja jetzt tanken…“
Monika drückt, der Tankdeckel bleibt zu, sie drückt noch einmal, der Tankdeckel bleibt wieder zu. Sie drückt und drückt, sie wechselt den Finger, der Tankdeckel rührt sich nicht. Wie festgewachsen.
„Du Idiot“, brüllte der Tankwart den Dritten an, „was musst Du Affe denn die Klappe wieder zuhaun, wenn die schon mal auf iss, was?“
Der Dritte steht da wie ein begossener Pudel, schaut niemanden an und sagt: „Aber er ging doch, der Knopf…“
„Wie kann man nur so blöd sein“, sagt Heiner abfällig zum Dritten, „jetzt kann Jan kein Benzin verkaufen; alles nur Deinetwegen…“
„Ja, aber…, ich hab doch gaa nix…“
„Iss egal, war auf und nu isser wieder zu…, man, man, man…“, schüttelt Heiner verzweifelt ob so viel Dummheit den Kopf.
In dem Moment hält ein VW-Bus mit sechs bis acht Frauen an der Tanksäule nebenan.
„Nee, nich´“, stöhnt der Tankwart.
„Was wollt Ihr den hier“? fragt Heiner.
„Die nich´ auch noch“ stammelt der Dritte.
„Was wir wollen? Benzin, was sonst. Habt ihr ´n Problem oder was? Was steht ihr hier so belämmert rum, Jungs“, tönt es fröhlich aus dem Bus, „solln wir euch helfen?“
„Nööö, laßt man, das kriegen wir schon ganz alleine hin…“
„Was denn“?
„Ach, der Tankdeckel von dem Auto tut nich aufgehn…“
„Dasn KA“, sagt eine der Frauen, „so einen hat meine Tochter auch, der hat…“
„Man, das wissen wir“, explodiert der Tankwart, „so schlau sind wir schon laaange…“
„Ja, und wo issn das Problem?“
„Er geht nich´ auf!“
„Habt Ihr gedrückt?“
„Ja, verdammich, ham wir – und denn geht der auch einmal auf und da kommt Jörn, der Idiot hier, auf die glorreiche Idee, die Klappe gleich wieder zuzuhaun, ohne zu tanken…. Du Idiot“. Jörn wurde über beide Ohren rot und schrumpfte auch irgendwie etwas ein.
„Ach, Jörn“, sagt eine der Frauen und Jörn wurde noch ein bisschen roter, „du bist schon n kleiner Dussel, was, machst die Klappe einfach wieder zu, und nu?“
„Klaus“, sagt Monika, „weißt Du wie spät das ist? Wir müssen… Sonst verpassen wir unseren Flieger, wenn wir sparsam fahren, könnte das Benzin reichen.
„Ja denn“, sage ich in die Runde, meine Damen, meine Herren, vielen Dank für Ihre Mühen…“
„Ach, nich dafür“, sagte der Tankwart mit einer kleinen Verbeugung, „aber eigentlich hätte der Knopf funktionieren müssen, dafür isser nämlich da…“
Das Benzin reichte dann bis 500 Meter vor den Flugplatz in Bremen. Der ist ja nur klein, eher niedlich, da konnten wir das Auto in der Zufahrt stehen lassen. Weil wir so langsam benzinsparend gefahren waren, haben wir den Flieger tatsächlich rennend mit hängender Zunge erreicht, weil wir die letzten paar Hundert Meter so laufen mussten.
Von München aus haben wir dann die Autovermietung in Bremen angerufen und ihnen gesagt, wo sie sich ihren Sch… KA abholen könnten. Sie sollten man lieber ein bisschen Benzin und eine Zange mitnehmen.
Von denen haben wir dann nix mehr gehört. Von denen an der Tankstelle auch nix. Aber wahrscheinlich erzählen die heute noch von den beiden mit dem KA, denen Jörn die Tankklappe blöderweise zugehauen hatte.