Dieses ist eine sehr persönliche Website mit von mir erstellten oder ausgesuchten Inhalten. Diese sind - v.a. bei Textbeiträgen - weder "politisch" (hoffe ich) noch "gendermäßig" korrekt, und auch bei der Sprache "pfeiffe" ich auf Zustimmungen der Duden-Redaktion.

Was finden Sie hier? Quergedachte Texte, Bilder aus der Wahlheimat = von der wunderschönen Insel Rügen und Filme übers Glasmachen.
Ich hoffe, Sie haben trotzdem oder gerade deswegen Spaß auf dieser Website, die etwas anders sein will!

Empfehlung der Redaktion:
Kunstort auf Rügen:Wassermühle

Empfehlung

Klaus Bock
Der Münchner Gurkenmord

Eine aberwitzige Geschichte vom Hübnerplatz, die nicht ganz ernst gemeint ist.

Natürlich muss der Autor aus gegebenem Anlass darauf hinweisen, dass alle Personen (bis auf Frau Z, Frau R. und Herrn F.) und die Handlung, die vor allem, frei erfunden sind!!! Den Laden gibt es dagegen tatsächlich - und erst recht die göttlichen Gurken.


©Klaus Bock, 2014, VEB QUERSTROM


Natürlich kennen Sie die Geschichte vom Münchner Gurkenmord, die war ja lange genug in der Presse, der bunten, der mit den roten Balkenüberschriften, den großen Bildern und kurzen Texten. Aber man weiß ja, dass man denen nicht alles glauben darf – oder besser: Nichts! Sie werden sehen …
Und natürlich gibt es eine andere Version dieser Geschichte, die richtige. Die würde ich Ihnen gerne erzählen. Auf die Gefahr hin, dass Sie hinterher enttäuscht sind, weil alles nicht ganz so sensationell war… aber diese Variante hat den Vorteil, dass sie wahr ist. Total wahr. So wahr mir…, gut, mir ist wenig heilig, deshalb vielleicht lieber „beim Leben von Tante Greten“!
Ich muss ein wenig ausholen, damit Sie alles wissen, nur so können Sie´s begreifen.
Also, wo fange ich am besten an. Vielleicht im Sommer letzten Jahres. Da waren wir, Monika und ich, im Urlaub auf Rügen. Oben links, kurz vor Kap Arkona. Ich hatte an dem Tag Küchen- und Kochdienst. Nun kann ich einigermaßen kochen, für den Hausgebrauch geht´s. Nur ein paar einfache Gerichte, die ich mir von Muttern abgeschaut habe, aber die schmecken auch: Rinder-Rouladen, Frikadellen, Kartoffelsalat (die schleswig-holsteinische Variante mit Mayonnaise), Frische Suppe, Königsberger Klops, gefüllte Tomaten, Kotelett mit Bohnen – solche einfachen Sachen. Die komplizierten Gerichte muss eh Monika kochen, damit sie gut werden.

An dem Tag war Königsberger Klops angesagt. Dafür brauche ich Hackfleisch (ohne Brot), Eier, Zwiebeln, Kapern, Gewürzgurken, Pfeffer und Salz, sowie einen Schuss Maggi. Im Netto-Supermarkt wollten wir die Zutaten einkaufen. Ich muss kurz erwähnen, dass Netto auf Rügen einen kleinen Hund im Logo hat, den Netto in München nicht hat – die haben nichts miteinander zu tun die Nettos.

Im Netto mit dem Hund auf Rügen gab es Gewürzgurken von der Firma ODEGA im Angebot. Sehr günstig. Warum nicht auch einmal sparen? Also nahmen wir die. Die gibt es in einem kleinen Plastikeimerchen, in den (gefühlt) stücka sieben oder acht Gurken passen. Um es kurz zu sagen, die Gurken waren göttlich! Ich fand, dass wir noch nie so gute Gurken gehabt hatten. Ja, auch die Klopse waren gut geworden, geschmacklich getragen von den göttlichen Gurken.
Soviel zum Kennenlernen der Gurken aus dem Oderbruch. Oderbruch, das ist östlich von Berlin und nördlich von Frankfurt an der Oder dicht an der Grenze zu Polen - nicht zu verwechseln mit der anderen berühmten Gurkenlandschaft bei Berlin, dem Spreewald. Nichtgourmets kennen den Spreewald vermutlich eher als eine Landschaft, in der eine Krimireihe im TV spielt, wo die Figuren dauernd im Boot unterwegs sind. Den Oderbruch kennt in München eh „keine Sau“ …
Zurück zu unseren Gewürzgurken! Von dem Tag an kauften wir jeden zweiten oder dritten Tag ein Eimerchen mit den göttlichen Gurken. Vor und nach dem Strand musste einfach eine Gurke sein. Dann war der Urlaub zu Ende und wir fuhren wieder heim nach München – im Gepäck der gesamte Restbestand an Eimerchen des Wieker Netto-Marktes, der mit dem Hund.
Zuhause führte mich der zweite, dritte oder vierte Weg – ich will mich da nicht festlegen - zum Bayerischen Netto – dem ohne Hund. Ich möchte fast sagen, „natürlich“ hatten die da „meine“ Gurken nicht. Die (ohne Hund) waren auch nicht willens oder bereit, sie zu besorgen. Kein Gedanke! Die meinten, sie hätten schon Gurken, die wollten sie mir verkaufen, die seien angeblich „auch sehr gut“ … Mag ja sein, aber eben nicht „göttlich“. Irgendwie war ich auch nicht enttäuscht, denn die da hatten sich schon geweigert, für uns das richtige Katzenfutter zu besorgen, das einzige, das Bruno und Sofie geneigt waren, zu sich zu nehmen. Dabei war das nichts Besonderes, das Katzenfutter.
Meine weiteren Versuche bei örtlichen Tengelmann-, Lidl-, EDEKA- oder ALDI-Läden waren allesamt ebenfalls nicht von Erfolg gekrönt. Gurken, ja, die hatten sie alle, Hausmarke oder“Brand“, aber eben die falschen – ich will gar nichts sagen, das sind sicherlich auch alles gute Gurken, aber ich wollte unbedingt „meine“, die göttliche Gurke aus Letschin.
Es mag schon sein, dass ich die – also meine, die aus Letschin - inzwischen in der Erinnerung, weil alle mitgebrachten Eimerchen leer gegessen waren, ein bisschen zu sehr überhöht hatte. Ja, wahrscheinlich sogar. Statt die anderen „auch ganz guten“ Gewürzgurken zu kaufen, verzichtete ich lieber ganz auf die Gewürzgurke an sich. Das ging Wochen und dann Monate so. In der Erinnerung wurden die – „meine“ - immer besser, immer würziger, immer knackiger, immer schmackiger. Kurz, immer göttlicher. Ich war drauf und dran, eine Sekte zu gründen, die die „große Gurke“ anbeten sollte. Aus heutiger Sicht weiß ich natürlich, dass das Unsinn war. Aber damals, im Entzug, erschien mir das schon als eine realistische Option – mit Pilgerfahrt nach Letschin!
Irgendwann, in einem kurzen lichten Moment während meines kalten Gurkenentzuges, hielt ich es dann nicht mehr aus. Ich muss zugeben, ich hatte den Herstellernamen inzwischen vergessen und konnte nicht einmal nach der Firma suchen.
Eines Tages lief im Fernsehen wieder einmal der alte Schinken „Die Akte Odessa“… ODESSA! Da war er plötzlich wieder da, der Name! Zwar nicht ODESSA, aber ODEGA! ODEGA hieß der Laden. Nun war es nur noch eine Google-Recherche „ODEGA und Gewürzgurke“, bis ich die Firma gefunden hatte: ODEGA in Letschin. Gott sei Dank, auf einer knappen Website stand da auch die Telefonnummer. Ein Blick auf die Uhr zeigte mir, dass, wenn ich Glück hätte, da noch jemand wäre, der einen Telefonhörer abnehmen würde.
Also, ich drehe die Wählscheibe an meinem alten schwarzen Bakelit-Telefon, mit dessen Hörer man zur Not auch einen erschlagen könnte. Manchen Dingen bin ich einfach treu: Katzen, Marx/Engels, meinem Gurkenlieferanten und meinem uralten Telefon zum Beispiel! Tuut, Tuut, Tuut…
„ODEGA Sauerkonserven! Frau B. am Gerät. Womit kann ich ihnen helfen?“, höre ich eine sympathische Frauenstimme in diesem coolen, frechen Berliner Tonfall. Mag auch sein, dass das nicht Berliner sondern typischer Letschiner Dialekt war. Das war mir in diesem glücklichen Moment, in dem ich glaubte, nur noch Minuten von einer Bestellung entfernt zu sein, so etwas von egal, das glauben Sie mir gar nicht.
„Gott sein Dank“,  stammle ich, „habe ich sie endlich, sind sie es wirklich…“
„Kommt darauf an“, sagt die hübsche Schwarzhaarige am anderen Ende der Leitung. Woher ich das wusste, von wegen schwarzhaarig und hübsch? Keine Ahnung, aber die Stimme hörte sich genau so an: Schwarzhaarig, ganz hübsch und auch nicht zu jung, mit der würde man reden können. Außerdem war ich der sofort verfallen, weil die Dame ja auf meinen Gurken „saß“.
„Jawoll, ick bin es!“. Wahrlich süße Worte, fand ich, widerhallten in meinem Ohr am Hörer, wunderbar!
„Sie, ihre Gurken …“, haspelte ich.
„Gewürz oder Senf?“, kam es beherrscht zurück. Jetzt wusste ich, sie war schwarzhaarig und kräftig. So musste es sein. Ich persönlich stehe ja mehr auf kleiner, blond und gerne etwas wenig üppig. Aber das war mir egal. Ich wollte ja auch keine Frau, ich wollte nur meine göttlichen Gurken. Das einzige, was jetzt noch zwischen mir und den Gurken stand, war diese Frau mit der rauen Letschiner Stimme.
„Äh, Gewürz, glaube ich, was meinen sie?“, fragte ich atem- und irgendwie sinnlos.
„Det müssen sie schon selber wissen, junger Mann… Aber wenn´se mich schon fragen, ich persönlich ziehe Gewürz vor.“ Aus dem Hörer drang ein Geräusch, als würde sie an einer Gurke knabbern. „Kundennummer?“
Auf „junger Mann“ reagiere ich normalerweise allergisch, denn wenn man das hört, wird man in der U-Bahn als nächstes aufgefordert, seinen hart erkämpften Platz für jemand anders herzugeben. Dafür bin ich inzwischen zu alt (64) und auch zu schlapp. Als nächstes kommt diese unsägliche Diskussion auf, bis seufzend jemand anders mit vorwurfsvollem Blick auf mich aufsteht und sagt: „Dann nehmen sie doch gerne meinen Platz …, bitte!“. Und alle schauen mich mit diesem Blick an…
In diesem Moment war mir das egal. Ich war ja nicht in der U-Bahn, ich wollte endlich an meine Gurken, Gewürzgurken! Da konnte die mich von mir aus auch „junger Mann“ nennen.
„Kundennummer? Nö, hab´ ich nicht …“
„Also Neukunde? Erstbestellung?“ tönte es aus dem Hörer.
„Ja, schon, junge Frau …“. Was die konnte, von wegen „junger Mann“, konnte ich schon lange.
„Nun werden sie mal nicht komisch“, sagte die kräftig gebaute Schwarzhaarige mit der guten Figur, „die Zeiten sind lange vorbei …“
„Glaube ich nicht“, charmierte ich.
„Was glauben sie nicht?“
„Dass das lange her ist mit der „jungen Frau“.“
„Doch, doch …“
„Aber wenn, dann man gerade eben“, wagte ich einzuwenden, „höchstens ein paar Jahre, allerhöchstens, also… Neukunde und Erstbestellung!“
„Dann muss ich die Firmendaten aufnehmen“, sagte sie und ich hörte sie auf einer Tastatur klappern. Dann fragte sie: „Postleitzahl?“
„80637 in München“, gab ich geschwind an.
Einen Moment lang war es ruhig in der Leitung, dann kam die erstaunte Frage: „München? Das in Bayern?“
„Ja“, sagte ich, „ich hätte gerne 48 oder so von ihren kleinen Eimerchen“.
„Det is´ja ´nen richtiger Großauftrag, junger Mann, da wees ich gar nicht, ob wir einen so großen Laster haben?“
„Ja“, sagte ich, „ich weiß, der Auftrag ist eher klein. Aber die sind ja auch nur für uns, die Gurken, für meine Frau und mich, wissen sie. Das könnten sie ja auch als Paket schicken. In unser Büro, da ist immer jemand da. Oder sie sagen mir einfach, wo ich ihre göttlichen Gurken in München kaufen kann?“
„Nee“, sagte sie, offenbar auch enttäuscht, „Post is´ nich´. Das halten unsere Verpackungen nicht aus. Die gehen kaputt und det jibt ´ne ziemliche Sauerei. Det haben wir einmal gemacht. Nie wieder, wissen Sie. Tut mir Leid! Das wird nichts.“
„Und wo kriege ich sie dann?“, fragte ich kleinlaut zurück.
„Gar nicht, junger Mann, wir werden in Bayern nicht gelistet. Det is´ unmöglich. Det ham wir alles probiert. Erfolglos.“ Sie hörte sich jetzt irgendwie ein wenig grauhaarig an, mindestens an den Schläfen.
„Mist, und wie kriege ich meine Gurken jetzt?“
„Ehrlich gesagt, gar nich´, globe ich. Ich sehe da keenen Weg.“. Jetzt war sie definitiv traurig.
„Ja, und wenn ich vorbei gefahren komme?“, fragte ich hoffnungsvoll, „kriege ich dann welche?“
„Aus München?“, fragte sie überrascht, „Sie wollen janz aus München kommen? Für een paar Gurken?“
„Naja“, meinte ich, „vielleicht kriege ich ja eine Sammelbestellung zusammen. Wir haben hier unten an der Ecke nämlich einen Laden, die verkaufen Gurken aus dem Glas. Einzeln.“
„Ach nee? In´ner Tüte?“
„So ähnlich. Wie viel muss ich denn mindestens abnehmen, wenn ich vorbeikomme?“
„Aus München? Ick globe det ja nich´… Wenn sie aus München kommen? Sie, denn verkoofe ich ihnen auch eine einzelne Gurke …“. Und nach einer Pause sagte sie: „Die schenke ich ihnen sogar. Wenn sie aus München kommen! Wissen sie, wenn sie so verrückt sind, dann kriegen sie sie so, umsonst“.
Wir haben dann noch eine wenig geplaudert über dies und das, Preußen und Bayern und so, aber das Was tut hier nichts zur Sache, ist total uninteressant für Sie. Auf jeden Fall haben wir uns darauf geeinigt, dass ich mich irgendwann noch einmal bei ihr melden würde. Ich habe sie dann noch gefragt, ob sie groß, kräftig und schwarzhaarig sei?
Sie fragte ziemlich erstaunt zurück: „Warum? Wieso?“. Und ich habe geantwortet: „Nichts, nur so, sie hören sich so an …“. Bevor sie auflegte, habe ich sie noch murmeln hören: „Die spinnen ja total, die Bayern!“.
Dann habe ich lange nichts mehr von ihr gehört.
Aber ich habe im Laden unten an der Ecke die Frau Z., das ist die Besitzern zusammen mit Herrn F., gefragt, ob sie eventuell gegebenenfalls vielleicht von ihrer Gurken-Stammmarke auf andere, viel göttlichere Gurken umsteigen würde, wenn die genauso günstig wären, weil ich da eventuell eine Quelle hätte …
„Warum nicht?“, hat Frau Z. geantwortet, „wenn´s schmeck´n tun, schon.“
An dieser Stelle muss ich einen weiteren Exkurs starten, Sie also noch einmal um Geduld bitten, aber ich verspreche Ihnen, ich komme noch zur wahren Geschichte vom Gurkenmord zurück.
Ich muss Ihnen vorher, damit Sie nachher alles verstehen, einfach den Laden von Frau Z. und Herrn F. vorstellen: Stellen Sie sich ein Mittelding zwischen kleinem Supermarkt und einem alten Tante Emma Laden vor. Viel mehr Tante Emma als super. Super war das hier früher vielleicht einmal gewesen. So vor 25 Jahren. Da hatte der Begriff Supermarkt noch eine andere Bedeutung, eben kleiner und weniger super. Frau Z. und Herr. F. sind mit ihrem Laden unmerklich gealtert, inzwischen sind sie knapp über siebzig – aber still going verdammt strong!
Im Eingangsbereich erinnern zwei nicht mehr benutzte Kassen an bessere, weil umsatzstärkere Tage. Der Laden, einen Namen hat er nicht, liegt an der Ecke Hübner- und Fasaneriestraße in München-Neuhausen. In den manchmal – je nach Wetter - beschlagenen Schaufenstern stehen wöchentlich wechselnde Getränkekisten vor sich hin, weil Frau Z. einmal in der Woche zum Großmarkt fährt, um die Vorräte aufzufrischen. Niemand arrangiert in diesem Fenster Waren, denn die Kunden kommen so oder so. Viele kurzsichtig, manche fast blind – alle auf jeden Fall aber uninteressiert am Schaufenster. Es sind vorwiegend alte Männer und Frauen, die hier ein- bis dreimal pro Tag kommen. Denen muss man sich nicht mehr präsentieren …
Denn morgens kaufen sie eine Semmel (eher weich und hell, als knusprig braun, wegen der Zähne, Sie verstehen?) und eine Zeitung (man will ja informiert sein).
Nachmittags kommen sie, um sich fürs Abendbrot auszustatten: Wieder eine Semmel oder drei Scheiben Brot, fünfzig Gramm Leberwurst und etwas Käse. Manch einer kauft dann als Highlight der Woche eine (eine!) Gewürzgurke frisch aus dem Glasl. Glasl, so heißt das in Bayern. Sie merken schon, das Publikum hier im Laden ist etwas Besonderes, weil es anders ist.
Als aufmerksame Leser werden Sie bemerkt haben, dass ich den Mittag ausgelassen habe. Das hat seinen Grund: Denn mittags… Mittags ist hier im Laden echt die Hölle los.
Frau Z. kocht jeden Mittag am Montag, Mittwoch, Donnerstag, Freitag und Sonnabend zwei warme Essen, die richtig gut schmecken … Keine Cuisine, nicht einmal „Restaurant“ - in etwa wie bei Muttern, wissen Sie.
Mittwochs gibt es immer den im Gäu inzwischen sagenumwobenen Schweinebraten, da kommen eh alle! Und wenn ich „alle“ sage, dann meine ich auch alle. Freitags immer Panfisch mit Kartoffelsalat. Bayerischen Kartoffelsalat, einen anderen würden die Stammkunden nicht akzeptieren. Wer will, kann ja einen Gurkensalat dazu nehmen und den mit dem Kartoffelsalat zu einem österreichischen Kartoffel-/Gurkensalat mischen. Schmeckt.
Frau Z.`s Zielgruppe sind die Alten und Älteren oder die cleveren Jüngeren bis Mittelalten im Carré, die sich darüber im Klaren sind, dass sie sich für die „kleine Mark“, die Frau Z. verlangt, selber kein vergleichbares Mittagessen kochen können.
Dann sind da noch ein paar andere Stammkunden: Der Herr Architekt, die Frau Anwalt, „unser“ Pilot, die Frau Doktor, der Goldschmied von nebenan, der Herr Scribent (oder Autor, das bin ich) und zwei oder drei andere, die noch im Berufsleben stehen. Wenn die oben Genannten in den Laden kommen, um sich ihr Mittagessen abzuholen, dann sagt Frau Z. „Kommen´s vor, Herr Pilot, sie haben´s sicher wieder eilig, von wegen ihrem Flugplan, gell, der ist sicher wieder so eng, gell? Wo geht´s denn heute hin? Wieder Hawaii oder diesmal nur New York?“. Und in die Runde sagt sie dann stolz: „Er fliegt ja so gerne, unser junger Pilot, gell, und immer die schwierigsten Strecken! Ich bin ja neulich mit ihm geflogen, nicht wahr. Sie, der war wirklich gut. Und so sanft, wie er gelandet ist … wie ein Engel auf einer Nadelspitze, wunderbar, gell.“. Es fehlt bloß noch, dass sie ihm eine Scheibe Wurst über den Tresen reichen würde…
Dann müssen die in einer Schlange brav wartenden Alten einen Schritt zurücktreten, weil „unser Pilot“ oder „der Herr Architekt“ schließlich noch Bruttosozialprodukt machen und deshalb wenig Zeit haben.
Die Alten verstehen das und warten geduldig ohne zu murren. Gut, man nutzt die Zeit und „ratscht“ ein wenig über die Neuigkeiten aus dem Viertel oder der Abendzeitung oder zieht über den einen oder anderen Kunden respektive Kundin her, der/die gerade nicht anwesend ist. Die Atmosphäre im Laden hat in diesen Momenten ein bisschen italienisches Flair: Wer hier einkauft, erwirbt damit auch das Recht, ausgiebig mit Frau Z. zu ratschen. Jeder, wenn er/sie dran ist… Fünfzig Gramm von der Wurst und drei Scheiben Käse – das kann dauern. Vor allem wenn es sich um Frau Plüschke handelt.
Frau Plüschke kommt immer – und das bedeutet täglich – exakt um 12.55 Uhr in den Laden, fünf Minuten vor der Mittagspause, in der Frau Z. auch mal etwas essen könnte. Könnte! Wenn Frau Plüschke nicht käme. Denn Frau Plüschke braucht …, wehe, man kommt noch nach ihr, dann braucht es viel Geduld, sehr viel.
Herr F. kann sie eigentlich gar nicht ab. Aber er lässt sich das nicht anmerken, Profi, der er ist. „Aber gerne, gnädige Frau“, zischelt er dann, „die Salami noch etwas dünner als dünn geschnitten? Kein Problem, Hauptsache sie finden die Scheiben noch im Einwickelpapier. Wie, den Käse dafür etwas dicker? Selbstverständlich, gnädige Frau“. Frau Plüschke steht auf die Anrede „gnä´ige Frau“.
Und wenn Frau Plüschke mit „gnä´ige Frau“ oder gar „Gnädigste“ angeredet wurde, erzählt sie auch gerne von den Schicksalsschlägen aus ihrem Leben – das waren einige! Sie erzählt gut und die Geschichten sind irre, ehrlich.
Oder sie erzählt, dass die dumme Frau Wegmann, diese Unverschämte aus dem dritten Stock gestern Nacht wieder Herrenbesuch hatte. „Herrenbesuch! Dabei ist die fünfundsiebzig, mindestens, sie sieht ja noch älter aus als sie ist, und wie das da oben über mir abgegangen ist. Sie, da hat die Lampe bei mir gewackelt, das glauben sie gar nicht …“.
Herr F. hat ihr vor Jahren wegen des billigeren Stroms eine Neonröhre im Schlafzimmer eingebaut und weiß, dass die wegen der von ihm verwendeten 8er Dübel garantiert nicht wackeln kann. Deshalb wagt er einzuwenden, dass sie ja gar keine Lampe habe, die wackeln könne …
„Pah“, sagt Frau Plüschke erzürnt in die Runde (sie spricht immer in die Runde): „Gott sei Dank, dass ich die habe, denn wenn nicht, dann wäre mir die Lampe heute Nacht auf den Kopf gefallen. Und die Schreie von der Alten, sie, wenn ich nicht wüsste, dass die das nur macht, damit ich neidisch werde auf die alte Vettel, dann hätte ich die Polizei holen müssen. In unserem Alter da schreit man doch nicht mehr, wissen sie, da ist ja alles schon etwas gedämpft … Ich weiss, wovon ich rede. Also, fast hatte ich aus Angst, dass die da oben über mir gerade umgebracht wird, die Polizei gerufen, so wild war das! Bin ich froh, dass ich das alles hinter mir habe …“
Herr F. sagt nichts, kann er auch nicht, weil er sein Lachen unterdrücken muss, aber er würde gerne … Frau Plüschke muss dann noch bezahlen. Wenn sie das schließlich getan hat, fällt ihr noch ein, dass sie für ihren Nachbarn, Herrn Großkreuz, noch etwas Wurst, Käse und eine Scheibe Leberkäs´ mitbringen sollte. Das dauert dann wieder …
Und ganz zum Schluss braucht sie noch zwei Gutl (Bonbons) aus dem Gefäß für Kioskware, der auf den Glasbord der Verkaufstheke steht. Dafür muss sie in allen Manteltaschen nach zwanzig Cent suchen, denn die Gutl bezahlt sie von dem Taschengeld, dass sie sich selber zuteilt. So gegen 13.15 Uhr ist sie fertig - und Frau Z. und Herr F. auch, mit den Nerven nämlich, und falls noch ein Kunde für das warme Essen da ist, schlägt Frau Z. von sich aus vor, das Essen noch einmal kurz aufzuwärmen.
Frau Wegmann und Frau Plüschke können nicht mehr miteinander. Früher ja, da waren sie dicke Freundinnen. Aber seitdem beide kurz nacheinander Witwen geworden sind, ist das vorbei. Augenscheinlich hassen sie sich inzwischen. Es gibt verschiedene Varianten der Geschichte, wie es mit der Feindschaft begann – es soll um einen gut situierten Witwer gegangen sein, auf den beide ein Auge geworfen hatten. Genaues weiß man aber nicht. Sehr zum Leidwesen der anderen Kunden und Herrn F.
Wobei Herr F. behauptet, er kenne die ganze Geschichte, aber Frau Z. winkt dann nur ab; wenn er das wieder einmal behauptet, und sagt zu ihm: „A, geh …“ und den anderen zwickt sie ein Auge und sagt: „Ja, er …, unser Manderl, er glaubt wieder alles zu wissen …“
Im Laden hat es schon unangenehme – andere, die dabei waren, sagen interessante - Auseinandersetzungen zwischen den beiden alten Damen gegeben – zum Beispiel vor ein paar Tagen, als beide unbedingt das letzte Glas der von der Frau Georgias selbst gekochten Aprikosen-Rhabarber-Bananen-Marmelade haben wollten. Da wäre es fast zu einer Schlägerei der beiden im Laden gekommen.
Herr F. hat das Problem schließlich salomonisch gelöst, indem er erst „Ruhe“ gebrüllt hat, und dann das Glas geöffnet und halb in ein anderes umgefüllt hat und somit beiden jeweils ein halbes Glasl verkaufte.
Ich habe bereits erwähnt, dass vorwiegend Alte als (zahlende) Kunden kommen. Junge kommen schon auch – manchmal, aber nur um hier ihre Amazon- und Zalando-Pakte abzuholen, die die Paketboten hier im Laden abgeben, wenn die Adressaten nicht zuhause waren. Die kommen herein, wedeln mit ihren Benachrichtigungszetteln und drängen sich mit der Frage vor, „ob sie mal eben ihr Paket … sie hätten nicht so viel Zeit?“.
Mit knirschenden Zähnen sucht Herr F. dann das Paket und der/die geht häufig ohne ein Wort des Dankes wieder hinaus. Kaufen tun die hier eh nichts, diese Jungen. Herr F. hat nämlich erstens kein Schild „Leberkäs-Semmel ToGo“ im Fenster hängen und stellt zweitens die Leberkäs-Semmel nicht zu und hat drittens auch keine Website.
Obwohl das so gar nicht stimmt. Eine Website hat der Laden wirklich nicht, braucht er auch nicht. Die Stammkunden würden sie mangels Internetzugang nie sehen.
Und auch der Wochenessensplan wird nicht per What´sApp verschickt, per Email schon. Das mit der App könnte Herr F. zwar locker, denn er versteht viel mehr vom Internet, als seine jungen Kunden ahnen (es taucht immer wieder das Gerücht auf, er habe damals in Los Alamos an den letzten Wasserstoffbomben der Amerikaner mitentwickelt und sei danach am CERN an der Entwicklung des allerersten Mozilla-Vorgängers beteiligt gewesen), aber er redet nicht davon und tut es nicht (whatsappen, meine ich) – aus Prinzip!
Dabei wird das Essen doch schon auch zugestellt, wenn es sein muss. Wenn nämlich einer der Kunden krank ist, dann wird die alte Frau R. aktiv. Frau R. hilft im Laden aus: Putzt das Gemüse, räumt die Waren in die Regale oder am Nachmittag die Küche sauber.
Frau R. ist mit ihren knapp 85 Jahren nicht böse, wenn man sie die „alte Frau R.“ nennt, weil, meint sie, mit 85 sei frau schon alt. Dabei geht sie jede Woche mit Petticoat und Tanzschuhen mit Wildledersohle zum Rock´n Roll-Tanztee. Und dann geht die Post ab. Wenn ihre Tanzpartner nicht mehr ganz so fit sind, dann tanzt sie nur jeden zweiten Takt. Aber sie rockt. Wegen ihres vom Bechterew gebeugten Rückens kann sie in den letzten zehn Jahren nicht mehr so schnell flitzen wie früher. Und ihren rosa Motorroller hat sie schon lange nicht mehr gefahren, aber sie bringt den Kranken und Maladen im Quartier ihr warmes Essen – bis vor drei vier Jahren mit dem Motorroller, jetzt zu Fuß.
Gut, das soll jetzt aber genug sein vom Laden. Kommen wir jetzt zum, wie die Boulevard-Zeitungen ihn nannten, grausamen Gurkenmord in Neuhausen. Die Zutaten haben wir zusammen: Den Laden, die Kunden, die Feindschaft …
Doch halt, uns fehlt ja noch die Tatwaffe: Die knackige Gurke aus Letschin! Die muss ja noch nach München kommen. Kam sie. Und das ging so:
Sie erinnern sich, wir waren auf Rügen im Urlaub gewesen. Das war im Hochsommer. Ende November musste ich nach Swinoujscie auf Usedom zur Kur. An einem Samstag sollte ich wieder abreisen. Ein Blick auf die Landkarte zeigt Ihnen, dass der Weg von Usedom nach München über Berlin führt. Und Berlin ist auf der Landkarte nicht weit von Frankfurt/Oder und das wiederum nicht weit von Letschin.
Also habe ich in Letschin angerufen. Ich hatte zum Glück wieder meine hübsche Schwarzhaarige am Telefon.
„Hallo“, sagte ich, „ich bin´s, der Typ aus München! Sie erinnern sich? Der wegen ihrer göttlichen Gurken kommen wollte …“
„Ach“, sagte sie, „seien sie mir nicht böse, wenn ich das so sage: Der Verrückte aus München …?“
„Naja“, sagte ich wiederum, „wenn sie es so ausdrücken wollen, ich würde ja „Der nach ihren Gurken Verrückte aus München“ vorziehen! Ja, der bin ich. Wie lange ist den am Freitag ihr Fabrikverkauf geöffnet?“
Sie lachte, konnte sich gar nicht mehr fassen: „Der watt? Fabrikverkoof? Nee, so watt gibt’s hier nicht. Fabrikverkoof!“. Ich sah sie geradezu, wie sie sich schüttelte vor Lachen.
„Ich bin nämlich auf Usedom“, erläuterte ich in das Lachen hinein, „und ich könnte morgen schnell bei ihnen reinschauen. Wie lange ist denn jemand da, der mir meine, also ihre Gurken verkauft?“
„Sie sind auf Usedom? Und dann können sie hier schnell reinspringen? Auf dem Weg von der Insel nach München? Sie, kennen sie die Landkarte?“
„Ja“, ich schaute auf mein Navi, das ich als Kartenersatz vor mir liegen hatte, „das ist nur einen Finger breit weg von der Autobahn …“
„Nur einen Finger breit?“. Sie wollte schon wieder platzen vor Lachen. Als sie wieder reden konnte, sagte sie prustend: „Wissen sie was, kommen sie einfach am Freitag bei uns vorbei. Für so einen Verrückten bin ich am Freitag da, egal, wann sie kommen. Kommen sie man einfach her, ich erwarte Sie!“
„Okay“, sagte ich noch, „bis morgen!“
Der „Finger breit“ entpuppte sich als gut einhundert Kilometer. Gut, ich gebe zu, das ist schon verrückt, für ein paar Gurken zweihundert Kilometer Umweg zu fahren. Aber ich hatte Zeit und es waren schließlich „göttliche Gurken“, nicht wahr, die erschienen es mir wert. Und außerdem hatte ich ja keine Ahnung, dass es zweihundert Kilometer waren. Ach, egal. Die Landschaft im Oderbruch erwies sich als wunderschön. Platt wie die Marsch mit wunderbaren kilometerlangen Eichenalleen. Dann wieder Alleen aus Kopfweiden. Schön, wunderschön ist es dort. Es war November, über den Wiesen neben den Alleen lag dichter Nebel, durch den die Sonne im Gegenlicht gerade durchschien – mit anderen Worten, die Landschaft und das Licht waren hochromantisch. Ich habe keinen Kilometer bereut, ehrlich!
Schließlich meinte mein Navi, das nächste Dorf da vor mir das sei schon Letschin und gleich sei ich da. „Noch fünfzig Meter, dann links abbiegen. Sie haben ihr Ziel erreicht!“.  Sie kennen das von Ihrem Navi, ich brauche das nicht weiter zu schildern.
Nur, als ich nach fünfzig Metern links abbog (aus dem Augenwinkel hatte ich ein ODEGA-Schild wahrgenommen und glaubte mich richtig) und aufblickte, stand ich in einer großen Garage. Naja, vielleicht nicht gerade Garage, es war eine große Halle, richtig, aber es war ein Kuhstall mit gefühlten 500 Kühen, die mich neugierig und erstaunt anschauten und muhten. Nichts wie raus, dachte ich mir, bevor da noch ein Bulle kommt. Ich darf an dieser Stelle darauf hinweisen, dass ich zwar kein richtiger Münchner, aber immerhin durch und durch Städter bin und weder von Kühen noch von Bullen Ahnung habe. Ich habe mir später sagen lassen, dass die Wahrscheinlichkeit, hier einen Bullen zu treffen, sehr, sehr-sehr gering gewesen sei. Naja, jetzt weiß ich das auch…
Trotzdem, in dem Moment war ich froh, dass ich den Kuhstall ohne Bullenkontakt verlassen konnte. Mein Navi meldete sich wieder, entschuldigte sich übrigens nicht, und behaupte wiederum, dass ich in fünfzig Meter links abbiegen sollte, dann hätte ich mein Ziel tatsächlich erreicht. Mein Navi muss auch ein Städter sein: Dieses Mal landete ich im Silo. Also, wieder raus.
Bevor das Navi wieder etwas Altkluges sagen konnte, habe ich den Stecker ge- und ihm damit den Saft entzogen. Es meinte beleidigt, dass es sich in zehn Sekunden abschalten und seinen unschätzbaren Dienst einstellen würde. Gut, dachte ich, schlimmer kann´s nicht werden.
Ich hielt an einem der fünfzehn (oder so) Häuser, klingelte und wollte gerade fragen, wo denn bitteschön die Sauerkonserven-Zentrale der ODEGA sei, als ein kleines Mädchen sich unter der durchaus sehenswerten Mutter hindurch wand und aus dreckigem Gesicht und vorne mehr oder weniger zahnlosem Mund fragte, ob ich der Verrückte aus München sei. Der Mutti war das zwar sichtbar peinlich, aber sie lachte und wies mir den Weg. Besser als mein Navi es je machen konnte – zumindest in Letschin.
Ich fuhr nach der Beschreibung um zwei Kurven und fand die Sauerkonservenfabrik sofort. In der Luft lag der Geruch von frischen Sauerkraut. Auf der Verladerampe (einen Fabrikladen gab es offenbar wirklich nicht) standen in weißen Overalls mit weißen Gummistiefeln: Eine lachende große kräftige Frau mit schwarzen Haaren, eine interessierte Kollegin und drei sehr coole (offenbar) Sauerkrautkonservenarbeiter. Außerdem stand da ein Gabelstapler mit einer Palette meiner „göttlichen Gurken“. Heissa, ich war im gelobten Land!
„Guten Tag“, sagte die große kräftige Schwarzhaarige lachend, „wenn sie der aus München sind, haben wir miteinander telefoniert. Und die hier“, und damit wies sie auf die anderen, „die haben zwar schon lange Feierabend, aber die wollten sie unbedingt sehen!“
„Den Verrückten“, sagte ich, „den aus München. Moin!“
„Ja, sagen sie denn nicht Grüß Gott? In den Fernsehserien aus München sagen die immer Grüß Gott …“
„Nee“, sagte ich, „ich nicht. Ich sag´ Moin! Oder an hohen Feiertagen Moin-Moin oder Tach…“
„Tach“, sagten die Arbeiter und nahmen artig die Mützen ab. „Wie viele Paletten wollen sie denn … Obwohl“, der Sprecher schaute fragend auf meinen Citroen, „da geht ja nicht mal eine rein, oder?“
„Naja“, meinte ich, „so viel wie reingehen tut. Ich schätze so 48 Eimerchen …“
„Jungs, denn packt mal ein“, sagte die Schwarzhaarige und zu mir sagte sie, „wir gehen ins Büro. Wegen der Rechnung“. Wir verschwanden, sie bot Kaffee und Gebäck an, wir quatschten. Ganz zum Schluss sagte ich endlich, „sie, ich muss denn mal wieder …“
„Ach, wie schade“, sagte sie, „wir haben heute unsere Weihnachtsfeier, also heute Abend, wir hatten gehofft, sie würden bleiben, die anderen hätten sie so gerne kennen gelernt. Und vielleicht hätten sie ja auch die eine oder andere Geschichte zum Besten geben können. Mal ´was anderes als immer nur den Dorfklatsch, wissen sie?“
„Tut mir Leid“, musste ich abwehren, „in München warten sie ja schon auf die Gurken!“
„Auf die göttlichen“, lachte sie, „schade, wäre nett gewesen. Wir essen heute nämlich auch spezielle Weihnachtsgurken! Die sind ganz lecker …“
„Weihnachtsgurken?“, fragte ich fassungslos.
„Ja. Sie nicht? Mit Weihrauch und Myrrhe und Lebkuchengewürz.“
Ich muss sie richtig blöd angeschaut haben, denn plötzlich lachte sie laut los und meinte nur „Blödsinn! War ´nen Spaß! Gute Fahrt!“
„Und die Rechnung?“, fragte ich.
„Geschenkt“, winkte sie ab, „für den Verrückten aus München und außerdem ist bald Weihnachten.“
„Ach so“, sagte ich, „also doch Weihnachtsgurken?“
„Wenn sie so wollen …“
Acht Stunden später waren die Gurken und ich in München. Herr F. und Frau Z. warteten mit Frau R. schon in der Ladentür auf die Lieferung. Herr F. hatte einen Zettel mit Vorbestellungen in der Hand, fehlte bloß, dass er á la Harry Belafonte das Lied vom „Tallyman“ angestimmt hätte.
„Frau Plüschke bekommt drei, Frau Wegmann zwei, der Architekt fünf, eine für jeden im Büro, und die Anwältin bekommt vier, weil die morgen eine Besprechung im Büro hat.“
„Dann reicht das ja nicht lange, wenn die Plüschke allein drei Eimer will…“
„Falsch“, sagte Herr F. und schmiss die Zigarettenkippe weg, die er die ganze Zeit wie ein alter Franzose im Mundwinkel kleben hatte, „nicht Eimer – Stück! Die will drei Gurken…“
„Ach so“, sagte ich, „wer hilft beim Ausladen?“. Die Hälfte der Eimerchen kam in den Laden, die andere Hälfte blieb Monika und mir zum Selberessen und als besondere Weihnachtsge¬schenke. Sind übrigens gut angekommen. Erst haben die Beschenkten unterm Weihnachtsbaum ziemlich belämmert aus der Wäsche geschaut, dann hat der erste und dann alle probiert und dann strahlten die Äuglein um die Wette. Mein Gott, welche Freude man mit ein paar Gewürzgurken bereiten kann … Es muss nicht immer Gold oder anderer teurer Tand sein zu Weihnachten.
Jetzt waren die Gurken also da. Und es dauerte nicht mehr lange, bis die Frau Wegmann tot aufgefunden werden sollte. Tot, mit einer Gurke im Mund, an der sie offenbar erstickt war.
Es war übrigens eine der großen Gurken aus dem Eimer. Die Eimer sind mit 14 Zentimeter Durchmesser und Höhe ja nicht sehr groß. Die Gurken darin variieren in Länge und Dicke. Wenn man richtig Glück hat, erwischt man schon einmal einen richtigen „Lümmel“ von Gurke. Bis zu 16 Zentimeter lang und 4 Zentimeter dick. Keine Ahnung, wie die in Letschin solche Oschies in die Eimer kriegen. Wenn man (oder in diesem Fall frau) versucht, so einen Gurkenboliden auf einmal zu schlucken, das kann schon tragisch enden. Nun versucht das niemand von Verstand, nicht einmal die Frau Wegmann!

In der B-Zeitung stand:
Witwe an Supergurke erstickt
Gestern ereignete sich ein ungewöhnlich tragischer Unfall in München-Neuhausen, als die 75ig-jährige Rentnerin Bertha W. offenbar an einer riesigen Gurke erstickte. Die Polizei fand die Rentnerin tot in der Küche ihrer Wohnung. Der Hund des Nachbarn W.M. hatte vor der Wohnungstür des Opfers immer wieder angeschlagen.
„… Da habe ich geklingelt und schließlich die Polizei geholt, weil Piefi (der Hund, siehe kleines Bild) gar nicht mehr aufhören wollte mit dem Gebelle und sie nicht aufgemacht hat. Wir Alten haben hier nämlich eine gute Nachbarschaft, naja meistens…“, sagte W.M. der Redaktion.
Die Polizei brach daraufhin die Tür auf und fand die Leiche der Rentnerin (siehe großes Foto). „Wir gehen von einem tragischen Unfall aus“, sagte der Polizeisprecher auf Nachfrage, „aber natürlich ermitteln wir in alle Richtungen.“
Das war eine kleine Meldung auf Seite 2 am ersten Tag. Da hat noch niemand an Mord gedacht. Am nächsten Tag hatte sich das Blatt im Sinne des Wortes gewendet. Da stand auf Seite 1:
War es Mord?
Eifersuchtsdrama: Rentnerin (75) erstickt Nachbarin (75) mit gefrorener Gurke.
Wie gestern berichtet, fand die Polizei vorgestern eine Leiche einer 75ig-jährigen Frau in ihrer Wohnung München-Neuhausen. Offenbar hat es zwischen dem Opfer Bertha W. und ihrer Nachbarin S.P. (75) eine handgreifliche Auseinandersetzung um die Gunst des gut situierten Rentners W.M. (78) gegeben! Untersuchungen der Polizei ergaben, dass die Gurke, an der die Rentnerin Bertha W. grausam erstickte, tiefgefroren war. Die Polizei geht davon aus, dass die Nachbarin S.P. das Opfer in einem Beziehungsdrama mit einer auf minus 170°C tiefgefrorenen Gurke im Rahmen einer handgreiflichen Auseinandersetzung erstickte.
Die Polizei fand im Keller des Hauses in der Hübnerstraße eine Profitiefkühltruhe, wie sie ansonsten in wissenschaftlichen Instituten verwendet werden und die mit Flüssigstickstoff auf minus 170° C herabgekühlt werden können. Die Münchner Kriminalbeamten trauten ihren Augen kaum, als sie die Truhe öffneten: Diverse Katzen- und Hundeleichen lagen da säuberlich beschriftet in Plastiktüten und ein Eimerchen mit Gewürzgurken, das – das Ergaben die Ermittlungen – in München nicht im Handel ist.
S.P. gab vor der Polizei zu Protokoll: „Ja, das ist meine Tiefkühltruhe. Die habe ich mir angeschafft, um die Tiere wieder auferstehen zu lassen, wenn die Tiermedizin soweit ist!“
Die Polizei bittet die Bevölkerung um Mithilfe: Wer weiß etwas von verschwundenen Tieren und wer kennt die Gewürzgurken der Marke ODEGA.
Die Artikel in der A-Zeitung waren etwas anders formuliert, schilderten aber im Großen und Ganzen dasselbe. Deren Reporter hatten allerdings einen Clou geschafft, sie hatten als Quelle der Gurke den Laden in der Hübnerstraße ermittelt.
Die seriöse SPD-nahe S-Zeitung wusste zu berichten, dass die gefrorenen Gurken vor dem Einfrieren der Länge nach auf Schaschlikspieße aufgesteckt worden waren. „Was wollte die Rentnerin mit den tödlichen Gurkenspießen?“ fragte die Lokalredaktion.
Die M-Zeitung hatte einen Gutachter befragt und konnte vermelden, dass eine auf minus 170°C tiefgefrorene Gurke sofort an Zunge und Gaumen festfrieren würde, wenn jemand denn so doof sei, sie in den Mund zu nehmen und dass es Stunden dauern würde, bis sie im Mund wieder soweit aufgetaut sei, dass das Opfer sie wieder heraus-spucken könne. „Ausspucken konnte sie die nicht mehr, die war sofort festgefroren“, sagte Prof. Dr. Dr. K.B. der M-Zeitung, „das kann schon grausam wehtun, so eine riesige minus-170°C-Gurke im Mund, da erstickt die sofort, die an so einer Gurke lutscht …“, führte der Wissenschaftler erläuternd aus, „weil die Gurke kriegen sie nicht mehr raus ...“.
S.P. war natürlich Frau Plüschke, die im Laden Stein und Bein schwor, dass sie es nicht gewesen war, die der armen Frau B.W. (das war natürlich Frau Wegmann, die die Gurke im Mund stecken hatte), die Gurke verpasst hatte. „Obwohl“, sagte sie noch, „Grund genug hätte ich schon gehabt, es der alten Ziege einmal so richtig zu zeigen“. Frau Plüschke gab auch zu, dass sie ein ganzes Eimerchen gekauft hatte, „weil die so sensationell schmecken, nicht wahr!“. Und dann fügte sie noch hinzu, „Die Wegmann. Die kannte ja meine Kühltruhe, die war ja auch nicht abgeschlossen, warum auch, wer soll denn einen tiefgefrorenen Hund stehlen, oder? Oder eine Katze? Die muss sich die Gurke geklaut haben, weil unser Herr F. hier, ihr keine mehr verkauft hat. Die war ja ganz süchtig nach dem Geschmack. Naja, irgendwie verständlich. Und Herr F. hat ihr an dem Nachmittag definitiv gesagt, ihr Kontingent sei für diese Lieferung erschöpft und nur der Herr im Himmel wisse, ob vor Ostern noch eine komme, nicht wahr? War doch so, Herr F., oder?“. Herr F. nickte nur. „Ja, und dann muss sie in den Keller gegangen sein, um sich die Gurke zu klauen … Die hat wohl nicht gewusst, wie kalt die sind, die dumme Kuh, anders ist das ja nicht vorstellbar. Und ich habe die Gurken aufgespießt, weil ich die ja sonst selber nicht anfassen könnte, wenn ich eine wollte, nicht wahr? Und am Spieß kann ich die mit einem guten Handschuh problemlos herausholen.“
In der A-Zeitung wurde ein Interview mit Herrn F. veröffentlicht:
Der Mann aus dem Laden mit den Supergurken
lautete die Überschrift
AZ: „Sie verkaufen die Gurken, an der die Rentnerin im Nachbarhaus erstickt ist“
Herr F.: „Ja, ist wohl so“ (siehe Foto rechts)
AZ:  „Die Gurken gibt es in München nur bei Ihnen, wie sind sie darauf gekommen?“
Herr F.:  „Die sind so gut, geradezu göttlich … Wie wir auf die gekommen sind? Naja, wir haben da natürlich unsere Quellen. Eigentlich bin ich ja Koch, ein sehr guter, in aller Bescheidenheit, das habe ich damals am CERN gelernt, in den Nachtschichten, wissen sie. Sterne und Hauben habe ich immer abgelehnt, die habe ich einfach weitergeschenkt, wenn die hereinflatterten, ich mag diese Lodhudeleien nicht, wissen sie. Aber als vor ein paar Wochen ein Nachbar, einer meiner Gourmet-Scouts, hier mit der Gurke in der Hand hier hereinkam und sagte: „Die musst du mal probieren“, da habe ich nach dem ersten Bissen gewusst: Die oder keine! Das ist die göttliche Gurke“
AZ: „Stimmt es, dass die Gurke zum Renner in ihrem Laden geworden ist?“
Herr F.: „Ja, wir bekommen jetzt wöchentlich eine Lieferung …“ (siehe Foto oben)
AZ.: „… aus dem Spreewald, das ist weit …“
Herr F.:     „Nein, eben nicht. Nicht aus dem Spreewald, aus dem märkischen Oderbruch! Das ist ganz etwas anderes. Wo die anderen und die Kollegen geschmacklich und vom Sponsoring her noch bei der – zugegeben ganz guten - Spreewaldgurke stehen geblieben sind, meine ich, haben wir den nächsten Schritt zur Perfektion getan. Wollen sie einmal probieren?“
AZ: „Aber gerne … Mein Gott, ist das gut … Sie, kann ich noch eine …? … Hhm …Ja, doch, ich verstehe. Sie, das ist ja das Gurkenparadies hier“
Damit endete das Interview. In den nächsten Tagen stürmten die Münchner den Laden ohne Namen. An den Ecken der Hübnerstraße am Mittleren Ring und an der Dom-Pedro-Straße standen ortskundige Einweiser, die den Suchenden den Weg zum Laden wiesen, der MVG hatte an der Heideckstraße eine Sonderhaltestelle für die Tram 21 eingerichtet, an der die „alten Kunden“ des Ladens Marken für die Position in der Warteschlange ausgaben und den Weg zum Laden wiesen. Außerdem gab es kleine Probestückchen für die echten Leckermäulchen, die es gar nicht mehr aushielten.
Frau Plüschke, die immer noch nicht verhaftet war, verkaufte an einem speziellen Tisch die Gurken – die höchste Abgabemenge pro Person betrug ein Eimerchen! Endlich kamen die beiden Kassen im Eingangsbereich nach jahrelangem Tiefschlaf wieder zu Ehren. Hier saßen Udo und Sarah und kassierten . Die Umsätze erreichten Rekordniveaus. Zweimal am Tag kam ein Geldbote, um die Einnahmen abzuholen. Der benachbarte Goldschmied hatte schnell reagiert und bot Gürkchen aus Gold und Silber an, die er „wie geschnitten Brot“ an die in der Schlange wartenden Tussies verkaufte. Die Kosmetikerin von nebenan bot Sofort-Schnellschminken an für die, die in der Warteschlange Contenance und/oder angstschweißbedingt das Make-up verloren oder verwischt hatten.
Im Laden gab es als Besonderes „Gewürzgurke am Spieß – von der Erfinderin“. Wer die wollte, musste sich schriftlich verpflichten, die Gurke am Spieß weder einzufrieren noch als Waffe einzusetzen.
Draußen standen Kinder aus der Gegend mit Schildern: „Ich stelle mich für sie an“ und klein darunter „10 Minuten 1 €“ oder „Wir stehen für Sie. 3 in der Schlange = 3 Eimer“.
In Solln tauchten erste Gurken-Fälschungen auf. Aber sehr primitiv – die Gurken weich, zu süß, billig. Teilweise aus Kürbis gemacht! Mehrfach musste die Sollner Polizei Fälscher vor den wütenden Sollner Kundinnen schützen, die sich übertölpelt fühlten.
Dann erreichten die Polizei erste Meldungen von Besitzern verstorbener Katzen und Hunde, denen Frau Plüschke einen Platz in der Truhe verkauft hatte, damit die Tiere irgendwann von der Tiermedizin zum Leben erweckt würden, „wenn die Wissenschaft so weit wäre“.
Das schlagende Argument der Plüschke war, dass ja eh alles Medizinische erst im Tierversuch ausprobiert würde … Das hatte einigen eingeleuchtet. Die Kühltruhe und den Flüssigstickstoff hatte Frau Plüschke über Ebay bezogen resp., was den Stickstoff anging, bezog sie ihn immer noch.
Das Angebot war zwar dämlich - aber nicht strafbar! Und die Dummen sterben nie aus, das wusste Frau Plüschke aus eigener Erfahrung. Der grausame Gurkenmord hatte sich schließlich als simpler Unfall erwiesen.
Die A-Zeitung brachte nach dem Freispruch von Frau Plüschke ihre Lebengeschichte außerordentlich erfolgreich als Fortsetzungsge¬schichte, später als Buch wurde ein internationaler Megaseller daraus – allein in der Mongolei wurde 300 Exemplare verkauft. Amazon musste eine eigene Website für Buch und Ebook einrichten.
Ein viertel Jahr später war urplötzlich Schluss mit den sagenhaften Gurkenumsätzen im Laden: Die „Großen“ waren eingestiegen und hatten die ODEGA-Produkte endlich gelistet. Herr F. war froh, dass nun wieder die normalen Kunden aus der Hübnerstraße kamen und die Tussis mit ihren Geländewagen nicht mehr die Hübner- und Fasaneriestraße dichtparkten.
Die ODEGA-Hauptverwaltung zog aus Letschin ins SONY-Hochhaus nach Berlin. Ein chinesischer Investor (einer der großen Staatskonzerne) stieg bei ODEGA ein, die Fabriken mussten ausgebaut werden, ganze Containerschiffe transportierten „Oliginal Göttliche Gulken aus der Malk Blandenbulg“ ins Reich der Mitte. MacDonalds stellte sein Hamburger-Rezept weltweit von Salz- auf Göttliche Gewürzgurke um und erhöhte seine Marktanteile damit signifikant, die Arbeitslosenquote in Mecklenburg fiel auf Rekordtiefs, aus Rumänien und Bulgarien mussten Aushilfskräfte angeworben werden, die sich allerdings weigerten, in Bayern bei Zulieferern zu arbeiten („wir sind keine Armutszeugnisse“), der Bayerische Ministerpräsident musste deshalb in Bukarest vor dem Arbeitsamt auf die Knie fallen, das Foto wurde später als „der Brandt der CSU“ berühmt, Kanzlerin Merkel tischte Staatsgästen „Göttliche Gurken aus meiner Heimat“ auf – die Live-Übertragung von Obama unterm Brandenburger Tor mit Gurke am Spieß im Mund schauten weltweit mehr als eine Milliarde Menschen an.

So. Jetzt kennen Sie die Geschichte vom Mord mit der Gurke, der letztendlich gar keiner war.

Anhang

Weitere Bücher von Klaus Bock aus der Hübnerstrasse:
MORITURI. WIE DIE FLIEGEN
Alte und Kranke aus der Hübnerstrasse begreifen, dass ihnen niemand mehr etwas verbieten kann. Sie rächen sich tödlich für manches, was sie früher erlebt haben.

AUS DEM RUDER GELAUFEN
Internationale Heuschrecken greifen nach Wohnungen am Hübnerplatz, um sie in Luxuswohnungen umzuwandeln. Die Entmieter greifen zu allen Tricks, um die Wohnungen leer zu bekommen – die Mieter auch, aber um zu bleiben. Sie wehren sich mit privatem Drohnenkrieg und mit einer Hackerin.

DER DESSOUSSCHNEIDER
Ein erotischer München-Venedig-Mallorca-Krimi. Unter anderem eine Hommage an die etwas ältere und etwas üppigere Frau.

Die Bücher gibt es als Ebooks bei allen wichtigen Ebook-Anbietern.



Gedruckt gibt es sie beim Autor:
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resp. Telefon +49 (89) 28808239
oder
im Laden, der in der Geschichte beschrieben ist, in der
Hübnerstrasse 26 in 80637 München,
Telefon +49 (89) 1291794.