Dieses ist eine sehr persönliche Website mit von mir erstellten oder ausgesuchten Inhalten. Diese sind - v.a. bei Textbeiträgen - weder "politisch" (hoffe ich) noch "gendermäßig" korrekt, und auch bei der Sprache "pfeiffe" ich auf Zustimmungen der Duden-Redaktion.

Was finden Sie hier? Quergedachte Texte, Bilder aus der Wahlheimat = von der wunderschönen Insel Rügen und Filme übers Glasmachen.
Ich hoffe, Sie haben trotzdem oder gerade deswegen Spaß auf dieser Website, die etwas anders sein will!

Empfehlung der Redaktion:
Kunstort auf Rügen:Wassermühle

Empfehlung

Aus dem Italienischen von Wolfgang Vultur


I.

Als er sich durch die Tür wuchtete, überfiel mich das Gefühl, dass sich mein Büro in einen Abstellplatz für landwirtschaftliche Nutzfahrzeuge verwandelt hatte.

Wenige Sekunden später hatte der Unimog seinen rechten Vorderreifen auf meinem Schreibtisch geparkt, während der linke weiterhin qualmte.
Er war wohl zu schnell gefahren.

Unerwartet geräuschlos landete plötzlich ein Umschlag mit einem Tausend-Dollar-Schein in meiner Hand, der mir unmissverständlich signalisierte, ohne Aufsehen der Reifenspur zu folgen. Unnötigerweise wurde diese Aufforderung unterstrichen vom rechten Vorderreifen, der die Bewegung einer Winkerkrabbe vollführte, womit klar war, dass ich bei zuwiderhandeln die nächsten fünf Minuten nicht unfallfrei überleben würde.

II.

Die Reifen hielten das Steuer fest umklammert und glühten in jeder Kurve. Als wir nach etwa dreißig Meilen in ein verrostetes Tor einbogen, war außer ein paar übelriechenden Gummifetzen von dem Profil nichts mehr übrig. Ich fragte mich, wie die Felgen wohl aussahen.

Der Unimog betätigte sich nun erneut als Winkerkrabbe und dirigierte mich in Richtung eines bemoosten Wegs, der mit Pfützen übersät war, die ein weitsichtiger Gärtner wohl als Kühlbecken angelegt hatte.

Im Inneren des Hauses, das auch schon mal bessere Zeiten gesehen hatte, empfing mich eine zum Schrank mutierte Bowlingkugel. Zwei der drei Bohrungen erwiesen sich als dunkel verfärbte Augen, die jemand schon vor längerer Zeit mit zwei Fingern tiefer gelegte hatte. Aus der dritten Bohrung ragte eine zentnerschwere Havanna. Ich vermisste nur noch die Blondine.

III.

„Sind Sie der Flachkopf, der für die Kolben gearbeitet hat?“

Zum einen war mir klar, dass ich den „Flachkopf“ aus dem Blickwinkel  einer Bowlingkugel keinesfalls als Kompliment werten durfte. Zum anderen zog ich es vor, gewisse Kolben besser nicht zu kennen. Aber eine Kugel anzuschweigen, an der bislang keine Ohren festgestellt wurden, fiel mir nicht schwer.

Andererseits, den drohenden Ton in seiner knarzigen Stimme durfte ich nicht unterschätzen. Und auf sein baldiges Ableben zu hoffen, wäre ebenfalls leichtfertig. Schließlich geht auch der Havanna-Krebs zwar drei Schritte nach vorne, aber anschließend auch wieder zwei zurück.


IV.

„Flachkopf, Du hast für die Kolben gearbeitet!“

Während kubanische Schwaden an der Bowlingkugel nach oben stiegen, sich in die oberen Bohrungen legten und in der Folge die bräunliche Flüssigkeit verursachte, die an der Rundung herablief, wurde mir klar: Die Fragestunde war beendet.
 
Ein kurzer Blick nach hinten zeigte mir, dass der Unimog sich inzwischen in der Ausfahrt geparkt und die Nebelscheinwerfer angeworfen hatte, sodass sich in deren Lichtkegel zwei Hände mit funkelnden Ringen und karmesinrot gelackten Nägeln aus dem Nebel hervorhoben. Die eine tupfte die rinnende Feuchtigkeit von der Kugel, während die andere offenbar für die Politur zuständig war. Und dahinter entdeckte ich etwas Blondes. Meine Erwartungen wurden nicht enttäuscht.

V.

Genau genommen hätte ich die Frage nach meinen beruflichen  Verpflichtungen mit einem schlichten Ja beantworten müssen. Aber meinen Arbeitsvertrag hatte Hubraum unterschrieben und keine wie auch immer gearteten Kolben. Mein glashartes Nein erreichte die Kugel an einer Stelle, die offensichtlich für die Produktion von noch mehr Flüssigkeit zuständig war, was sich an der gestiegenen Frequenz der wischenden Hände unschwer erkennen ließ.

„Flachkopf, Du lügst!“
dröhnte es aus dem Havanna-Nebel. Das herbei rollende Fass Politur war dahinter nur schemenhaft zu erkennen.

VI.

Die entstandene Situation war mir nicht unbekannt. Erst wenige Tage zuvor war ich in einer ebenfalls sehr dringlichen Angelegenheit aufgesucht worden.

Die ächzenden Stufen meiner Treppe, die ich mit dünnen Fäden überspannt hatte, um mich rechtzeitig vor ungebetenen Gästen zu warnen, sangen ein Lied von Eisen und Stahl. Auf das Geräusch in Folge erwünschter Fallsucht wartete ich vergeblich.

Als der Hohlkörper schließlich meine Tür geentert hatte, bemerkte ich sofort die tubengroße Spritze, die er sich umgehend in die Seite rammte. Das metallische Dröhnen legte sich augenblicklich und wich einem allerdings immer noch rostigen Reiben, das sich stöhnend im Raum verbreitete. Die Kubikmeter dieser Erscheinung waren nur schwer zu ermitteln.

 „Holzkopf, arbeitest Du für das Center?“

Auch dauerhaft wiederholte Verneinungen gehören nicht zu den Argumenten, die überhitzte Metallkörper ihre Mission vergessen lassen.
 
Einige Stunden später, in denen sich die charakteristischen Merkmale meiner Physiognomie nasenabwärts erheblich verschoben hatten, war Hubraum von meinem Nein überzeugt.

Lügen kann in meinem Gewerbe tödlich sein. Außer bei Rothaarigen mit smaragdgrünen Augen.

Erheblichen Anteil an meiner Wahrheitsliebe hatten auch die in seinem Inneren auf und nieder sausenden Kolben, die mir nicht entgangen waren.


VII.

Die Kraft der Nebelleuchten des Unimogs hatte nicht nachgelassen und verlieh der Bowlingkugel nun einen mondscheinartigen Glanz am oberen Rundlauf, der so etwas wie eine Stirn andeutete und sich jetzt langsam zu kräuseln begann. Die Feuchtigkeit hatte ihre Spuren hinterlassen.
 
In mir stieg langsam ein drängendes Verlangen auf, das sich nicht unterdrücken ließ und unkontrollierbar sich meiner besitzergreifend bemächtigte. Jeder Versuch des Verdrängens oder der Gegenwehr schlug fehl und Hilflosigkeit machte sich in mir breit.

Das Rundholz war nicht mehr das einzige Wesen, das sich nach karmesinroten Fingerspitzen sehnte.

VIII.


Zu sehr mit dem Verlust des Anblicks der Blondine beschäftigt, bemerkte ich erst jetzt den kantigen Schatten, der sich im Kegel des Lichts abzeichnete, die kubanischen Schwaden durchdrang und den Blick freigab auf eine ölig im schwarzen Licht glänzende Bahn, die vor geraumer Zeit wohl für schwere Transportflugzeuge konzipiert wurde. An ihrem Ende tanzten unkenntliche Figuren hin und her.

Während aus den seitlich der Landebahn angelegten Rinnen ein dumpfes Grollen zu vernehmen war, das sich von Minute zu Minute verstärkte und schließlich die Phonstärke unzähliger Donner annahm, die sich unmittelbar vor mir hintereinander entluden, begannen die Kolben in Hubraums Innenteil so entfesselt auf und ab zu stampfen, dass der gesamte Hohlkörper in einen wilden, kaum noch zu bändigenden Veitstanz verfiel, der keinen Zweifel aufkommen ließ, dass Armageddon für ihn kein Fremdwort war.

IX.

Zu meiner Überraschung hatte Hubraum sich offenbar mit einem Nachtsichtgerät ausgestattet, das es ihm ermöglichte, jenseits von Dunst und Nebel das Ende der Bahn zu erkennen. Und damit auch eines Anblicks teilhaftig wurde, der sein Innenleben so maßgeblich zum Rasen brachte. An den Seilen hingen dort anstatt der gewöhnlichen Pins unzählige kleine Kolben, die bei jedem Schub von den Beinen gerissen wurden, um sofort von einer unsichtbaren Maschine wieder in ihre ursprüngliche Position verbracht zu werden, auf dass die Happy Hour des Rundlings, der mich Flachkopf genannt hatte, von Neuem beginnen konnte.

Für Hubraum lag angesichts seiner außer Kontrolle geratenen Innereien eine geordnete Befreiungs-Attacke nicht mehr im Bereich des Möglichen. Zu hohe Drehzahlen drohten den Ölfilm an den unaufhörlich stampfenden Kolben aufzulösen. Zudem spien die seitlichen Rinnen der Bahn eine Kugel nach der anderen aus, die sich nun wie Lemminge aus dem Nebel lösten und in Richtung von mir und der hinter mir veitstanzenden Röhren bewegten.

In diesem Augenblick tauchte aus dem Halbdunkel der Reifen auf, warf einen mit schweren Schlaufen besetzten Gürtel in die Höhe des Lichtkegels, wodurch Hubraum keine Mühe hatte, das Rettungspaket aufzufangen. Sekunden später umschlang das Teil, gespickt mit schmiermittelgefüllten Spritzdüsen seine metallische Erscheinung, die er umgehend durchlöcherte, um das Chaos in seinem Innenleben unter Kontrolle zu bringen.

Ich hatte mich gerade mit einem mächtigen Sprung aus dem Bereich der Scheinwerfer verabschiedet, als der erste Lemming in umgekehrter Richtung an mir vorbei flog. Nur geometrische Kugeln sind perfekt.


X.

Unterhalb des Lichtkegels robbte ich in Richtung des Unimogs, auf dessen Ladefläche die dunkle Plane lag, die bis vor kurzem noch den Erste-Hilfe-Gürtel für Hubraum verborgen hatte. Ohne das tobende Schlachtfeld, das in einem übel riechenden Gemisch aus Öl und Qualm versank, noch eines Blickes zu würdigen, hob ich die Plane an, schlüpfte auf die Ladefläche und verschwand unter der schützenden Hülle. Ich nahm kaum noch wahr, dass der Unimog sich bereits in Bewegung gesetzt hatte, denn plötzlich spürte ich tastende Fingerspitzen auf meiner Haut.

Eine Ahnung von Karmesinrot stieg in mir auf.