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Mord-Geschichte aus der Welt des Handballs

"Der Schiri-Job" heißt die Geschichte eigentlich. Sie ist übrigens nix für THW-Fans... Und da kommen garantiert wieder Schlauberger daher, die ´was von Ehrenamt und so labern, und das man das und die ehren soll (daher Ehrenamt) - sollen sie. Dieses ist eine Geschichte aus dem wahren Handballerleben, sie ist eben nix für THW-Fans und auch nix für Weicheier... Vielleicht sollte ich erwähnen, dass ich früher einmal in Kiel Handball gespielt habe - zu einer Zeit als es noch Großfeld-Handball gab!

Ich habe Sie aus menem Buch "Wirr im Kopf" entnommen. Ist auch so eines von meinen Killer-Erlebnissen, ist aber schon ein paar Jahre her... Und sie ist weitgehend wahr! Ehrlich...

Bevor ich anfange, muss ich noch eines erläutern: Im Kopf des Killers leben vier Personen

  1. Jens – der Erstgeborene, der Vernünftige
  2. Mari – die Frau, die 16 Jahre später plötzlich in Jens´ Kopf auftauchte
  3. Rudi – der wiederum Jahre später als Mari plötzlich da war                             und
  4. Ernst – der ist gerade erst vor ein paar Wochen aufgetaucht.

Jens-Mari-Rudi-Ernst lebt in einem Dorf in Ostholstein. Von dort aus starten sie zu ihren Auftragsmorden in ganz Europa.

In dem Ort lebt auch Henning, der oberfaule Dorfpolizist, der nie etwas gewusst hat – bis… ja, bis Jens-Mari-Rudi-Ernst ihm den Arsch retten mussten, weil polizeiliche Prüfer seine ach so kreative Buchführung überprüften.  Die Prüfer haben es nicht überlebt. Seitdem weiß Henning, was Jens-Mari-Rudi-Ernst so macht. Aber er weiß nichts von den vier Persönlichkeiten, er kennt Jens-Mari-Rudi-Ernst nur als Jens. Das ist eine andere Geschichte. Vielleicht erzähle ich sie später einmal.


Jetzt geht die Geschichte los (wie gesagt, ob Sie es glauben oder nicht, sie ist weitgehend genau so passiert):

Bei schönem Wetter sitzen wir an Tagen, wo nix los ist, gerne unter unserem großen Birnenbaum. Der ist Jahrzehnte alt, die Birnen sind nix besonderes – nur Kochbirnen: Klein und knallhart, aber genau richtig, um Bohnen, Birnen und Speck damit zu kochen.

„Man“, denkt mir Rudi dazwischen, „das wär´ mal wieder was: Bohnen, Birnen und Speck…“

„Das ist ein Herbstessen, Rudi“, weist ihn Mari freundlich zurecht, „doch nicht für jetzt…“

„Weiß ich auch, ich mein´ ja auch nur…, schmeckt einfach so lecker…“

Bohnen, Birnen und Speck kennt ja außer hier bei uns fast keiner, was eigentlich schade ist, weil es so gut schmeckt, den richtigen Holsteiner Speck vorausgesetzt. In der Zeit in München konnten wir das nicht kochen, weil es da höchstens Bohnen gab, aber keine harten Birnen und Speck gibt´s da gar nicht, nur Wammerl, und das ist nicht wirklich Speck und schmeckt, wie es sich anhört. Richtiger Speck muss gut geräuchert, abgehangen und hart sein. Wir essen Bohnen, Birnen und Speck alle sehr gerne.

Unter unserem Baum ist es richtig gemütlich. Da steht eine alte Bank und eine Liege. Auf der Bank sitzen wir gerne, um Zeitung zu lesen, Kieler Nachrichten vom Tage, die gibt es her, und die Süddeutsche von gestern: Auf´m Tisch ´nen Kaffee. Oder auch gerne mal ´nen Bier und ´nen Köm – wenn wir Besuch haben… Henning schaut bei uns öfters mal rein oder Hauke oder Carsten.

Wenn keiner da ist, sind wir eben alleine. „Man“, sagt Elsa , die Wirtin vom Dörpkro manchmal, „Jens, du bist der alleinste Mensch, den ich kenn´…“. Elsa irrt, wir sind nie alleine, klar, unser Körper, aber bei uns im Kopf ist immer ´was los.

Zum Beispiel zitiert Ernst dort untern Birnbaum gerne Fontanes Birnen-Gedicht „Herr Ribeck von Ribeck“.

„Klar“, mischt sich Ernst ein, „wenn du schon davon sprichst, kannste haben“, und hebt zur ersten Strophe an:

Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland,
Ein Birnbaum in seinem Garten stand…

„Ist schon gut“, seufzt Mari dazwischen: „Ernst, das haben wir jetzt alle schon so oft gehört, wir können das inzwischen auswendig – zwangsweise sozusagen…“

„Ja, denn“, sagt Ernst etwas enttäuscht, „wenn ihr nicht wollt, keine Kultur, denn eben nicht“, und dann lachdenkt er, „aber das muss noch sein:

„Und kam in Pantinen ein Junge daher,
So rief er: »Junge, wiste 'ne Beer?«
Und kam ein Mädel, so rief er: »Lütt Dirn,
Kumm man röwer, ick hebb 'ne Birn.«“

Damit verstummt er.

„Ich finde das immer wieder schön“, denkt Rudi, der sich einfach keine Gedichte merken kann, „von mir aus könntest du gerne weiter...“

„´nen andernmal, Rudi“, denkstimmt Mari halbwegs zu, „´nen andernmal, gerne.“

„Ja denn“, denkt Ernst, unser linker Intellektueller in unserem Kopf, „denn lös ich mal ´nen Sudoku, tschüß denn…“

Ernst ist der einzige Mensch und Geist, den wir kennen, der Sudokus dreidimensional löst… Dreidimensional!

Zweidimensional kann das Karl ja auch (Karl ist unser Dorfchampion für Rätsel aller Art vom Klassischen „Was ist das: Erst läuft es auf vier Beinen, dann auf zwei und schließlich auf drei…?“ bis zum Sudoku eben oder das Kreuzworträtsel in Der Zeit. Karl schafft sogar das Sommerrätsel in der Frankfurter, das schafft hier keiner im Umkreis von dreißig Meilen! Nur Karl…). Und das Beste dabei ist, das muss sich Ernst ja alles im Kopf merken, der muss das in der Birne behalten und lösen, auf Papier geht ja nur zweidimensional, Sie verstehen? Irgendwann kommt er dann wieder raus aus seinem Zimmer, denkt ziemlich geschafft vor sich hin und sagt nur: „Geschafft!“. Mehr nicht. Wir wissen dann, er hat es wieder getan…, das heißt, das dreidimensionale Sudoku bezwungen. Und wir glauben ihm das auch. Wissen Sie, wer sich einen Kopf teilen muss, der weiß mehr von den anderen als normale Menschen von ihren Nachbarn. Er könnte uns da nicht anlügen.

Wenn wir da so unter unserem Birnbaum sitzen, die Sonne vom blauen Himmel scheint und alles ganz ruhig ist, weil wir zum Beispiel keinen neuen Job vorbereiten müssen oder Carsten nicht von seinem Trecker schwärmt oder Henning beim Bier nicht von seiner vielen Arbeit stöhnt, dann denkt jeder von uns auch mal so vor sich hin…

Manchmal ist das ja wirklich erstaunlich, also auch für uns und wir haben ja schon einiges erlebt, warum Leute Leute umbringen lassen…

Neulich, zum Beispiel, da haben wir einen Job in Kiel gehabt. Problemlos, klar, aber darum geht es uns jetzt gar nicht. Da hat einer zwei Handballschiedsrichter von uns umbringen lassen – und zwar siebenundvierzig Jahre nachdem die ihn in einem Spiel unberechtigterweise (sagt der Auftraggeber) vom Platz gestellt haben. Also, das hat der Typ gesagt, dass das unberechtigt war. Aber er hat auch gesagt, dass das Vom-Platz-stellen gar nicht das entscheidende für den Auftrag gewesen sei. Vielmehr habe ihn gewurmt, hat der Typ gesagt, dass die Schiedsrichter im entscheidenden Moment einen entscheidenden Fehler nicht gepfiffen hätten. Es sei, so hat er erzählt (er war wirklich ein Schwätzer) die letzte Sekunde in einem Spiel gewesen, in dem es um den Aufstieg in die neu geschaffene Bundesliga gegangen sei. Das Spiel hätte unentschieden gestanden – 24 zu 24 oder so, so genau hatte er es auch nicht mehr gewusst, aber unentschieden – das sei „klar wie Kloßbrühe“ gewesen, da bisse keine Maus vom Faden ab… Ob es nun 23:23 oder 24:24 oder sogar 25:25 gestanden hätte, sei ja auch völlig Wurst gewesen. Unentschieden, darauf ist es angekommen.

Und dann pfeifen diese bei den „Pfeifen“ in der letzten Sekunde einen Strafwurf gegen die Mannschaft meines Mandanten. Wir sagen manchmal Mandanten zu unseren Kunden/Auftraggebern oder was auch immer, ist ja eigentlich auch egal. Selbst der Strafwurf sei schon eine Farce gewesen, hat mein… Mandant gesagt, das sei nie im Leben ein Freiwurf gewesen, niemals, irgendeine Nichtigkeit, wie sie 100mal im Spiel vorkommt und nie gepfiffen wird. Da aber schon. Die Schiedsrichter hätten schon gewusst, warum sie für wen gepfiffen hatten, hat er gesagt, ganz klar, das sei schon das ganze Spiel zu merken gewesen. Die Zuschauer hätten getobt, also einige Zuschauer, hat er gesagt, die, die seine Mannschaft unterstützt hätten mindestens – ein paar Hundert seien das gewesen. Naja, und dann dieser lächerliche Freiwurf in letzter Sekunde…

Also, hat er gesagt, nach so vielen Jahren sollte mir das ja egal sein – ist es aber nicht, hat er gesagt, er wolle das Unrecht einfach nicht hinnehmen. Da sitze er nun in seinem Alters- und Pflegeheim und denke den ganzen lieben langen Tag an nichts anderes mehr. Stellen Sie sich das einmal vor…

Das sei, hat er gesagt, wie eine Platte, bei der der Plattenspieler auf unendliche Wiederholung eingestellt sei. Das laufe immer und immer wieder ab – und er wolle die Erinnerung endlich los werden.

Seine Pflegeheimkollegen könnten das auch schon nicht mehr hören. Selbst die Dementen, die immer alles gleich wieder vergessen, wollten die Geschichte nicht mehr hören. Obwohl, meinte er, den Dementen könne es doch egal sein, wenn sie es doch gleich wieder vergessen würden. Irgendwann, hat er gesagt, hätten die alles Geld zusammengekratzt, die einen hätten 5 Euro gegeben, die anderen 50, einige 500 und einer, den sie im Heim Dagobert nennen, sogar 5.000 Euro. Einer von den Dementen hat sechs Wochen lang jeden Tag 5 Euro gespendet… Er hatte es ja am nächsten Tag immer schon wieder vergessen – aber die Geschichte offenbar nicht! Jedenfalls hatten sie eines Tages eine aus ihrer Sicht ganz schöne Summe zusammen gehabt – hat ja auch tatsächlich gereicht, um uns anzuheuern!

Große Angst hatten sie vor der Heimleiterin gehabt, weil die „so Haare auf den Zähnen hat“, und weil sie fürchteten, dass die ihnen das Geld wegnehmen würde, wenn die gewusst hätte, dass das Geld a) da war und b) wofür es gedacht war.

Einer im Heim, ein ehemaliger Kapitän, hatte irgendwie bei einem Heimausflug nach Rügen Wind von Der Agentur bekommen. Beim Kaffeetrinken… Na, was die Leute alles erzählen…[1]

Ich hatte ja erst Henning Pogwisch, unseren Dorf-Kriminalen im Verdacht, der hat in dem Heim nämlich eine Tante so oder so am Sitzen oder Liegen… Und da liegt es doch nahe, finden wir, dass der da ´was am Laufen hatte, ich meine, was uns betrifft… Seit wir ihm damals mal mit seinen Vorgesetzten geholfen haben, weiß der ja von unserer Profession. Ich meine, er hält ja schön den Mund, vor allem bei dem Kollegen, aber das ist ja nur naheliegend, weil er damals ja ordentlich mitgemacht hat, als wir seine beiden Vorgesetzten oder Prüfer oder was die waren, auf seinem Kutter… Sie verstehen schon, nicht wahr?

Jedenfalls sind wir damals mit seinem Kutter von Laboe aus mit vier Mann „zum Angeln“ rausgefahren und nur zwei Mann, also Henning und wir, sind zurückgekommen. Angeln war nicht, jedenfalls hat keiner gebissen… War man gut, dass wir auf der Rückfahrt getrödelt haben, so dass es mitten in der Nacht war, als wir wieder angelegt haben, aber noch früh genug, dass die Frühaufsteher unter den anderen Fischern noch nicht im Hafen gewesen waren, die uns nach den Fischen hätten fragen können oder nach den Leuten, die zwar eingestiegen aber nicht wieder ausstiegen waren.

Den Kutter haben wir draußen ordentlich geschrubbt – viel Blut war ja gar nicht geflossen. Einfach nur ein Schlag für jeden mit dem Belegnagel, das hat gereicht, ein Kinderspiel.

Rudi ist mal wieder nicht auf seine Kosten gekommen. Rudi ist, aber das wissen Sie ja inzwischen aus den anderen Geschichten, ein Sadist, einer, der es gerne mag, wenn es unseren Opfern ein wenig oder gerne auch ein wenig mehr weh tut… ja, unser Rudi… Mari mag das gar nicht, die will es immer kurz und schmerzlos, naja, vielleicht ist kurz und schmerzlos nicht der richtige Ausdruck, aber „kurz und bündig“ trifft es sicherlich.

Mari macht es am liebsten ganz nach Vorschrift, so, wie man es uns damals auf der Akademie in Moskau beigebracht hat: Puff, puff, zwei Schüsse, das reicht. Der erste ins Herz und der zweite in den Schädel. Schon den ersten überlebt keiner und trotzdem noch den zweiten – sicher ist sicher, sagte damals unser Professor, und sagt heute Mari! Mari war übrigens schon damals in den Moskauer Tagen die beste Schützin im Kursus. Vor allem in den Praktika in Tschetschenien und im Kaukasus hat sie Bestnoten bekommen. Am stolzesten ist sie auf die Urkunde „Best in VLRS“ (natürlich auf russisch und in kyrillisch). VLRS steht für very long range shooting und das bedeutet wiederum Schießen auf mehr als 1000 Meter. Wir haben sogar an einem akademischen Austauschprogramm mit den USA teilgenommen, die CIA wollte Mari gleich abwerben, aber wir wollten erst einmal das Studium abschließen. Später haben sich dann die USA-Pläne zerschlagen und wir haben uns nach dem Kuba-Praktikum mit dem Einsatz in Florida selbstständig gemacht. War keine schlechte Entscheidung. In ein paar Monaten werden wir zum 40jährigen Abschlussjubiläum nach Moskau fahren, wir sind ja so gespannt, wer von den anderen Kommilitonen bis heute überlebt hat…

Zu Rudis Entschuldigung muss gesagt werden, finde ich, dass er ja erst nach dem Studium in unserem Kopf aufgetaucht ist, er hat also gar keine akademische Ausbildung, er ist so etwas wie eine virtuelle self-made Idee, wirklich studiert haben ja nur nur Mari und ich – академически подготовленных убийца, also akademisch ausgebildeter Mörder (AM) dürfen wir uns seitdem nennen. Das AM steht für Akademie Moskau. Das ist so ähnlich, wie wenn bei Zahnarzt steht Dr. med. (Universität Budapest).

Zurück zu Henning und auf´n Kutter: Nachdem die beiden, die Henning ja wirklich an den Kragen wollten, also existenziell, kurz und intensiv Bekanntschaft mit dem Belegnagel gemacht hatten, haben wir sie jeweils in eine Tonne gesteckt, Haukes Beton drauf und ab über Bord mit ihnen… Da waren wir nämlich gerade da, wo auf der Seekarte ein Fischereisperrgebiet eingezeichnet ist, weil da nach dem zweiten Weltkrieg Gasmunition und anderes so gemeines Zeug versenkt worden ist. Da fischt keiner, nee, wirklich, das ist da bannig schwer verboten… Wichtiger als jedes Verbot ist aber, dass die Netze da immer zerreißen…

Jedenfalls wird da zu unseren Lebzeiten nicht mehr gefischt – und danach…? Ist uns doch egal.

Ich erzähl das alles mit Henning und seinem Problem ja auch nur, um klar zu machen, wie unser Auftraggeber auf uns gekommen sein könnte. Ist er aber gar nicht. War gaanich´ Henning, das ist mir klar!

Denn da kam ja eines Tages der Anruf von Der Agentur, ob ich mal an dem Altersheim in Holtenau vorbeigehen könne. Konnte ich.

Ich bin ja solche Anbahnungsgespräche gewöhnt, in denen der potenzielle Auftraggeber sehr vorsichtig ist und eigentlich so mehr oder weniger nichts sagt, nicht einmal etwas andeutet. So muss das ja auch sein. Der kann ja nicht einfach sagen: „Sagen Sie mal, bin ich da richtig bei Mörders? Ich hätte da jemand umbringen zu lassen. Können sie mir da nicht mal ein Angebot mit Fristen, Methoden und Kosten unterbreiten, ich meine, ganz unverbindlich?“.

So geht das ja nicht. Erstens könnte ja unsere Putzfrau am Telefon sein, weil wir gerade mal im Garten sind oder auf´m Klo oder im Dörpkro bei Elsa oder unterwegs bei der Arbeit. Und zweitens könnte der sich ja auch verwählt haben und Henning anrufen – der ist, telefonisch betrachtet, nur eine Nummer weiter als ich. Im Telefonbuch stehe nur ich, Mari nicht und Rudi nicht und Ernst auch nicht. Nur ich. Die anderen wissen ja auch nichts von den anderen in unserem Kopf, die würde ja keiner anrufen wollen. Wir brauchen ja auch schon deshalb nur ein Telefon, weil wir ja auch nur einen Kopf haben, selbst wenn wir wollten, wir könnten ja auch gar nicht jeder parallel zu den anderen reden. Ich sage nur: Wir parlieren mit einer Zunge, Sie verstehen?

Also nur ein Telefon, also nur eine Nummer! Wir haben die 324, und Henning hat privat die 325 – im Büro hat er natürlich die 112 und so. Und wenn der oder die sich da verwählen würde, das wäre ja richtig blöd – für beide!

Dem Anrufer würde vielleicht das Herz stehen bleiben, wenn er merkt, mit wem er da spricht – vor allem, wenn er gleich losgeplappert hat, wie manche Leute das zu tun pflegen – und Henning, weil er dann ja arbeiten müsste… Das tut er ja nur im Notfall, arbeiten, meine ich. Deshalb hatte er ja auch solche Probleme damals, die wir auf dem Kutter gelöst haben. Da ging es ja nicht nur um seine Spesenabrechnung von all den Rechnungen von Elsa vom Dörpkro sondern auch um seinen Arbeitseinsatz. Wir können ja eigentlich nicht klagen, uns kann das ja nur lieb sein, dass Henning nicht der Schlaueste und – das vor allem – auch nicht der Fleißigsten einer ist. Sonst hätten wir uns das ja auch nie leisten können, den einen damals gleich in den Dünen am Strand…, Sie verstehen?

Aber irgendwie bin ich vom Thema abgekommen. Wir waren doch bei dem mit den Schiedsrichtern…

Also, ich fasse das noch einmal für Sie zusammen, falls Sie den Faden verloren haben sollten: Die Heimbewohner hatten das Geld zusammen und der Typ hatte uns angerufen. Wir also hin ins Heim.

Der Typ saß im Rollstuhl vor dem Heim und erwartete mich. Uns. Aber er wusste ja nur von mir. Also doch „mich“. War ja auch egal, mit wem er redete, ob mit Mari, Rudi, Ernst oder mir, Jens.

Ja, hat er gesagt, er sei der, der angerufen hätte bei Der Agentur. Er war ein wenig erstaunt, dass wir so normal aussahen.

Später hat er uns gesagt, dass er schon ein etwas anderes Aussehen erwartet hätte: Mehr so á la Bruce Willis oder mindestens wie John Wayne, aber jünger als John Wayne, wenngleich der ja eigentlich nie einen Killer gespielt hat, nur schießenden Cowboys, aber mindestens einen in die Stirn gezogenen Hut hätte er erwartet, also das schon, und einen unauffälligen Regenmantel wie Alain Delon. Der hatte ja schon Killer gespielt…

Wir haben ihm dann erklärt, dass wir uns immer unauffällig bewegten, und Hut und Regenmantel bei 28°C irgendwie das Gegenteil von unauffällig wären. Das hat ihm dann schon eingeleuchtet.

Ob wir nicht ein paar Meter gehen wollten, hat er gefragt, denn drinnen wären wir hier nicht sicher… Weil, die anderen seien so neugierig, das würde ich nicht glauben… Aber ich müsste das verstehen, da wäre ja nie ´was los – außer, es stirbt mal eine(r)… Aber selbst der Tod wird langweilig, wenn er dauernd reinschaut, das können sie glauben, hat er betont, als ob wir das nicht wüssten. Hier unterhielten sich zwei Fachleute was den Tod anging – er als Wartender und wir als Machende... Ich unterließ es, ihm zu versichern, dass ich das wirklich verstünde, sozusagen von Berufs wegen.

Wir sind ein paar Meter weit gegangen, genauer bis zur dritten Bank. Das sei die einzige, bei der wir vom Heim fort schauen würden, hat er gesagt, ich würde schon verstehen.

Nein, nicht wirklich.

Er seufzte – „Lippenleser“, sagte er nur, „seit der Weltmeisterschaft weiß man doch, dass überall Lippenleser sind, die einem die Worte von den Lippen…“.

Jetzt verstand ich. Darauf waren wir noch gar nicht gekommen.

„Ich kümmere mich mal drum“, dachte Ernst, „das könnte ein wichtiger Hinweis sein.“

„Blödsinn“, widerdachte Rudi, „wenn wir reden, also miteinander, bewegen wir doch keine Lippen, so ein Quatsch…“

„Wo er Recht hat, hat er Recht“, stimmte Mari zu, „unser Rudi, meine ich…“

„Auch wieder wahr“, stimmte auch Ernst zu. In seinen Gedanken schwang ein Hauch Ärger mit, dass er nicht darauf gekommen war. „Aber wir reden ja auch mit unseren Auftraggebern, da sollten wir schon drauf achten…“

Unser Auftraggeber bekam von unserer internen Diskussion nichts mit, schließlich bewegten wir keine Lippen dabei. Und dann erzählte er mir von dem Unrecht, das sein Leben verändert hatte, weil sie dann eben nicht in die Bundesliga aufgestiegen waren, er deshalb „natürlich“ nicht Nationalspieler werden konnte, in der Folge nicht zu Barcelona transferiert wurde, nicht das große Geld mit Handball verdienen konnte und schließlich und endlich immer unbekannt blieb und deshalb nicht in das EU-Parlament gewählt wurde, wo er „ein Schweinegeld und das auch noch steuerfrei“ verdient hätte. Vielleicht wäre er sogar Kommissar geworden…, weil die doch nichts können müssen, und darin wäre er gut. Die in der EU, die verdienen sich nämlich auch dumm und blöd. Und so schlau wie ein…, wie hieß der noch, der Typ aus Stuttgart, dieser Energieheini, ich wüsste schon…

Ja, ich wusste.

Und das alles nur deshalb nicht, weil eine Pfeife von Schiedsrichter ihm mit einem Pfiff alles versaut hatte. Und dann, der Freiwurf war es ja noch gar nicht gewesen, der ihm alles versaut hatte, vor allem sein Leben… Da wäre er dann Schweißer auf der Werft gewesen bis sie ihn in die Dauerarbeitslosigkeit entlassen hätten. Klar hätte er als Schweißer weiterarbeiten können – in Korea, da wären dann die Schiffbauaufträge hin gegangen, aber sein Koreanisch sei halt mies gewesen… So mies, da hätte er sich gar nicht erst beworben… Und von Reis hätte er Verstopfungen bekommen, aber was für welche…, man o man, ich verstünde doch wohl?

Ich verstand.

Ja, und jetzt würde er hier im Heim sitzen, so schlimm wäre das ja gar nicht, aber die 35 Jahre davor, die wären die Hölle gewesen. Jeder Sieg von THW wäre für ihn die persönliche Tiefsthölle gewesen, ich verstünde doch wohl…

Aber zu THW zu wechseln, nein, das wäre für ihn nicht in Frage gekommen, da wäre er ja noch eher zu denen in Flensburg gewechselt – aber deren kleine Werft war ja auch in die Grütze gegangen, ich verstünde?

Ich verstand.

Also, der Schiedsrichter von damals, um den ginge es ihm, ich verstünde?

Ich verstand und macht eine entsprechende Handbewegung…

„Genau“, sagte er, „der muss weg, dieses alte Arschloch, weil, der hat doch damals den anderen Spieler beim Freiwurf einfach hochspringen lassen und das geht ja nun gar nicht, das weiß man doch, oder?“

„Klar“, hatte ich gesagt, und das wusste ich wirklich: Beim Freiwurf muss man mindestens mit einem Bein stehen bleiben!

„Genau“, sagte er, „der ist einfach hochgesprungen – so hoch! Und hat dann geworfen. Unser Torwart hat sich gar nicht um den Ball gekümmert, das war ja verboten, nich´, und hat ja jeder gesehen… Geht ja nicht, einfach hochzuspringen…“

„Nee“, sagte ich.

„Genau“, sagte er, „und denn war der Ball drin und wir haben gedacht: Hochgesprungen, gilt nich´, jetzt die Verlängerung… Da kommen wir noch mal ganz groß raus… War aber nicht, die Arschlöcher von Schiedsrichtern haben auf Tor entschieden und wir waren nich´ in der Bundesliga, denk´ste Puppe, die anderen waren drin. Man, wir haben vielleicht blöd geschaut, das kann´ste glauben.“

Glaubten wir.

„Naja“, sagte er, „das gab denn so´n Kuddelmuddel mit die Schiedsrichters, und dann lag der eine am Boden, bewusstlos, und der andere rannte nur noch… Mich haben sie dann später gesperrt: Auf Lebenszeit! Weil ich dem Schiedsrichter eine verpasst haben soll… War ich aber gar nicht, war ein anderer…“

„Wer denn?“, wollte ich wissen.

„Er winkte ab. „Is´ doch egal, wer´s war, war schon gerecht… Und der, der da von den anderen hochgesprungen ist, den haben sie dann doch noch an die Eier gekriegt, als das mit dem Ministerpräsidenten, dem vonne CDU, dem…, wie hieß der bloß noch? Der, den sie damals in der Schweiz umgebracht haben, die… Naja, egal, ach so, ja, jetzt weiß ich wieder, der Barschel, den haben sie da umgebracht. Und von dem war der „Hochspringer“ irgend so ein HiWi, wissen sie…“

Nein, wusste ich nicht, aber das war eh egal. Ich war wegen dem Job hier.

„Also, der eine Schiedsrichter von damals, der ist ja schon tot. Überfahren! Dumme Sache. Überfahren übrigens von einem Hafendampfer…“

„Von einem Hafendampfer?“, fragte ich, „Das ist ungewöhnlich!“

„Ja, nich´? War im Winter, war mal wieder bannig kalt, auf der Brücke war´s wohl gefroren. Und als der Hafendampfer beim Anlegen gegen die Brücke gerumst ist, muss der Kerl ausgerutscht und ins Wasser gefallen sein. War einfach weg, der Kerl. Naja, war nicht schade um den, finde ich. Das wir übrigens der, dem ich keine verpasst hatte, der dann aber bewusstlos in unser Mannschaftstraube gelegen war. Ich war das aber nicht, wirklich nicht – weil, ich fahr nie mit den Hafendampfern im Winter – ist mir viel zu kalt, bin doch nich´ doof. Wenn ich allerdings gewusst hätte, dass der jeden Tag von und nach Mönkeberg gefahren ist, denn hätte ich mir das ja vielleicht überlegt…, wusste ich aber nicht.“

„Und der andere?“, wollte ich wissen, „Mein Ziel? Der muss ja wohl noch leben, oder?“

„Ja“, lachte mein Auftraggeber in seinem Rollstuhl, „noch lebt er, aber nicht so doll, hoffe ich… Ist jetzt auch im Heim, eigentlich auch ´nen armes Schwein… Sein Heim soll ja noch ´ne Nummer schlimmer sein als unseres… Er soll noch ganz fit für seine 70 Jahre sein, geht jeden Tag am Hafen spazieren. Morgens. An der Kiellinie. Immer so gegen 10 Uhr ist er an der Badeanstalt. Jeden Tag, also täglich. Ich will dabei sein – geht das?“. Die letzte Frage stellte er fast angstvoll.

„Klaro“, sagte ich, „kein Problem, wissen sie. Sie können im Auto sitzen, wenn ich ihn umlege…“

„Können sie das ganz langsam machen?“, fragte er wieder, diesmal hoffnungsvoll.

„Nee“, sagte ich, „zwei Schüsse: Einer ins Herz, einer innen Kopf… So macht man das.“

„Schade“, sagte er, „ich dachte…“

„Nee“, sagte ich, „wir machen das so oder gar nicht!“

„Na gut“, maulte er ein wenig, „aber ich darf zuschauen?“

„Ja“, sagte ich, „zuschauen geht…“

Eine Woche später holte ich ihn ab und wir fuhren zur Kiellinie. Ich setzte ihn auf eine der Banken, die es da direkt am Wasser gibt. Da sind alle zweihundert Meter oder so Vorbauten, die so einen oder zwei Meter vorkragen und darauf steht immer eine Bank. Mehr nicht, weil da ist ja doch nicht so oft gutes Wetter…

Mit anderen Worten, da sitzen nicht häufig welche. Ich habe ihn also da abgesetzt. Die paar Meter vom Auto zur Bank hat er ohne Rollstuhl geschafft. Den Rollstuhl habe ich aber neben ihn gestellt. Ich bin dann weitergefahren bis zur alten Grammersdorf-Brücke, die ist so vier- oder fünfhundert Meter weiter. Da habe ich den Wagen bei den Gebäuden der alten Militärregierung abgestellt, und wir sind auf die Brücke. Das mickrige Schloss hat Rudis flinken Fingern nicht lange widerstanden. Vom Brückenkopf hatte Mari ein super Schussfeld. 475 Meter hat sie gemessen. Für Mari ein Katzenssprung.

Als der Typ an unserem Auftraggeber vorbei kam, hat der sich nur einmal kurz an die Prinz Heinrich Mütze gefasst – das war das Zeichen. Der andere hat zurückgegrüßt. Mari hat das mit der Mütze im Zielfernrohr gesehen und den anderen mit zwei Schüssen (zwei! Sie verstehen?) erledigt. Dann haben wir unsere Sachen eingepackt und sind ganz ruhig zum Auto gegangen – niemand schaut auf dich als Killer, wenn du einen halben Kilometer entfernt dein Gewehr verstaust, niemand, Sie verstehen?

„Sauberer Schuss“, meindachte Ernst, „perfekt, wie du das machst…, und denn noch bei Wind…“

„Danke für das Kompliment“, schmunzeldachte Mari zurück, „gelernt ist gelernt, weißt du. Da geht nix über eine akademische Ausbildung…“

„Hab´ schon verstanden“, war das Letzte, was man in der Beziehung von Rudi mitbekam, dann hatte der das virtuelle Pendant seiner Tür hinter sich zugeschlagen.

„Was hat er denn?“, wollte Ernst wissen, „Habe ich etwas Falsches gesagt?“

„Nein, du nicht“, beruhigdachte Mari ihn, „ich… Ich habe „akademisch“ gesagt – und er ist doch erst nach dem Studium aufgetaucht. Seitdem hat er einen Komplex…“

Als wir wieder bei unserem Auftraggeber angekommen waren, hatte sich eine kleine neugierige Gruppe um die Leiche versammelt, die intensiv diskutierte (die Gruppe, natürlich, nicht die Leiche). Einer wollte einen Schuss von einem der gerade draußen vorbeifahrenden Hafendampfer gesehen haben, einer einen von der anderen Seite der Förde, ein anderer einen vom obersten Stockwerk des Hotel Bellevue.

Das mit nur einem Schuss erklärte sich vielleicht dadurch, dass die Treffer so dicht beieinander lagen, dass es wie ein Einschuss in der Brust aussah. Die Schüsse von der Grammersdorf-Brücke hatte niemand gesehen.

Wir luden unseren Auftraggeber und seinen Rollstuhl ein und fuhren los.

Er hatte zugeschaut und war es zufrieden – bis zum Heim hat er kein Wort gesprochen. Die im Heim waren auch zufrieden, denn er erzählte nie wieder seine Geschichte.

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Ob die Website Cookies verwendet oder irgendwelche Daten von Ihnen speichert? Ob irgendwelche Google-Tools im Hintergrund laufen? Ehrlich, liebe User, ich weiss es nicht - und wenn, dann komme ich an diese - Ihre - Daten nicht heran. Ihre Daten interessieren mich auch nicht. Und andere kommen auch nicht an Ihre Daten, hoffe ich. Ich weiß allerdings nicht, ob irgendwelche UK-/US-Geheimdienste mitlesen!!! Also seien Sie lieber vorsichtig...


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