KBDiese Website zeigt meine sehr persönliche Sicht vom Leben, von der Welt und dem ganzen Rest. Man könnte sie als antikapitalistisch und antiamerikanisch verstehen. Gut so, stimmt schon... Sie will weder politisch "korrekt" sein, noch kümmert sie sich in den meisten Fällen um die Meinung der Duden-Redaktion zu meinen Schreibweisen.
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Mord-Geschichte: Es gibt Aal im Dörpkro

Eine Story aus dem Buch "Wirr im Kopf". Diesmal geht es um Aale und Morde. Alles ganz normal...

 


Wenn im Folgenden von ICH die Rede ist, dann sollten Sie wissen, dass ich meinen Kopf mit drei anderen Persönlichkeiten teile: Da sind also ich, der Jens, und dann Ernst, Rudi und Mari, unser Mädel...


 

Als wir gegen 19.00 Uhr in den Dörpkro kamen, waren schon alle da.

„Moin“, sagte Elsa und nickte uns zu. „Moin“, sagte Henning, drehte sich auf seinem Barhocker ein Stück weit in unsere Richtung und hob grüßend die Hand. „Moin“, sagten Carsten und Hauke in ihre Biere hinein. Sie schauten nicht einmal auf. Warum auch, sie wussten ja wie ich aussehe.

„Moin“, erwiderte ich, „schön wieder da zu sein. Ob Ost, ob West, to huus is best, oder?“

„Du warst ja der, der weg war“, antwortete Carsten und starrte immer noch in sein halb volles respektive leeres Glas, „aber das ist jetzt doch schon ´nen paar Wochen her, oder? Tünst du jetzt total oder bist schon breit? Außerdem: Wir waren ja alle hier. Du warst ja da, also weg. Wir waren hier bei Elsa. Immer. Oder fast immer. Mehr so fast…“

„Mir kommt das so vor, als ob das erst gestern gewesen wäre, ich meine, der Urlaub…“, stöhnte ich „war ja auch richtig was los gewesen.“

„Ja“, nickte Hauke, „wenn man hier nix zu tun hat, denn mag einem das wohl mal so vorkommen… Wir annern können ja auch gaanich weg von hier, gaanich nicht an Urlaub zu denken, von wegen die Arbeit, die tut sich ja nich´von selbst, also jedenfalls bei uns op´n Hof. Bi di ja wohl schon, denn du tust ja gaanix mehr in letzter Zeit. Nur noch in deinem Garten so rumsitzen und so, ward di dat nicht langweelig?“. Er sah wieder in sein Glas, offenbar sinnierte er tiefsinnig über halb voll und halb leer.

Endlich setzte er das Glas an und trank es in einem Schluck leer, dann wischte er sich mit dem Handrücken über den Mund: „Ah“, sagte er seufzend und sah uns das erste Mal an, „tut das guuut nach der Arbeit, Jens. Ach ja, wo ich gerade seh, Jens, du kriegst ja noch Geld von uns, kannst dir demnächst mal abholen kommen, hab´ ich zuhause.“

Das stimmte, ich kriegte ja noch ´was von ihm, wegen seinem Alten, den hatten wir ja erledigt, als der damals gedroht hatte, seinen Sohn Hauke zu enterben und eine knackige, junge Polin aus dem Katalog zu heiraten, um mit ihr „auf einen Schlag“ diverse Kinder zu zeugen. Hauke wäre dann mit seiner Gabi leer ausgegangen. Fast. Trotzdem, mussten wir das verhindern und hatten es auch getan.

„Du hast Geld?“, fragte Carsten, „Wieso das denn?“

„Die neuen EU-Fördermittel sind da.“

„Fördermittel?“, Henning spitzte die Ohren und wollte gleich wissen, „welche denn? Die für die Aprikosen aber noch nicht, das wüsste ich.“

Stimmte auch. Henning hatte einige Aprikosenbäume gepflanzt. Das war hier in Ostholstein anne Ostsee zwar Unsinn, die würden hier ja nie im Leben gedeihen. Aber daran hatte in Brüssel niemand gedacht. Die Förderrichtlinie galt für die ganze EU, naja, typisch, fanden hier alle und hatten wie die Blöden Aprikosenbäume erst angeschafft und dann angepflanzt. Der Landhandel war mit den Lieferungen gar nicht hinterher gekommen, so schnell hatten die Bauern reagiert.

„Aale“, antwortete Hauke.

„Aale?“, fragten Henning und Carsten wie aus einem Mund, und noch einmal: „Aale? Sag´mal, spinnst du. Seit wann werden die jetzt gefördert?“

„Naja, musste ja neue Netze anschaffen für die neuen Regeln. Die ham sie ja nicht alle da in Brüssel. Erst machen sie neue Regeln, dann gehen die in Polen wegen die neuen Maschengrößen auf die Barrikaden und denn machen die ganz schnell einen Rückzieher, diese Schnapsnasen da in Brüssel und denn gibt´s plötzlich Geld. Und zwar gaanich wenig“, gab Hauke mit einem Achselzucken zurück, „sonst hätten die ja wohl nix überwiesen, oder?“

„Und was machst du nun mit all die Aale?“, wollte Carsten genauer wissen.

„Verköpen, du Dösbaddel! Was denn sonst wohl, man, Carsten. Räuchern und verkaufen. An die Touristenlokale anner Küste, dann brauchen die die ja nicht mehr aus Australien zu importieren.“

„Tun die das denn?“, fragte Henning, „ich dachte immer, die kriegen die von hier… oder vom Fischmarkt in Hamburg.“

„Nee, nich´ doch, woher denn? Was glaubst du denn, wo die in Hamburg die Aale her haben, doch nich´ aus der Elbe? Glaubst du doch wohl selber nich´. Die sind ja mehr als armdick, das sind ja die reinsten Boas… Nee, Importware. Hast du mal in so einen ´reingebissen? Fürchterlich, sag´ ich dir, schlimm… Wann hast du denn hier den letzten Aal gefangen?“

„Lange her“, gab Henning zu, „hab´ aber auch lange nicht mehr geangelt. Nur gefischt – mit mienem Kutter. Dafür hab´ ich den ja.“

„Sag´mal, Hauke“, mischte sich Elsa ein, die bis jetzt die BILD studiert hatte und zuletzt interessiert zugehört hatte, „du handelst jetzt mit Aale? Schon geräuchert? Kannst du mir denn auch welche.., ich meine, besorgen, oder so?“

„Klar, Elsa, kann ich, aber nicht besorgen“, er machte eine typische drehende Bewegung mit der Hand, „aber verkaufen kann ich sie dir, sind ja meine… So drei bis vier pro Woche schon, die anderen sind ja schon verhökert.“

„Die sind jetzt schon weg?“, fragte Carsten ungläubig, „Wie soll das denn gehen, du hast die doch noch nicht ´mal gefangen…“

„Verträge, Carsten“, Hauke wurde jetzt fast amtlich, „da bin ich natürlich vertraglich gebunden, das macht man heute so. Die von den Lokalen kaufen sozusagen Optionsscheine auf meine Aale. Kriegen tun sie die dann zu Festpreisen. Wenn viel Aal am Markt ist, sind die Preise niedrig, ich mach´ deshalb viel Gewinn, wenn wenig da ist, steigen die Marktpreise und ich verdien´ weniger. Relativ gesehen. Ganz einfach.“

„Nee, das versteh´ich nicht, muss ich ja auch nicht, ich fahr´ja nur Trecker. Da komm´ ich nicht mit“, gab unser Ostholsteinmeister im Geradeauspflügen zu, „das ist mir zu hoch...“

Hauke ließ sich aber nicht bremsen: „Da ist Die Fischbude bei Hohwacht, der Strandräuber in Löptin und denn noch Die Vitalienbrüder und Heinz´ Fischrestaurant in Laboe. Beziehen alle ihre Aale bei mir. Bioware. Aus der Region. Das Geschäft geht richtig gut. Aber ein paar könnte ich dir schon noch zusagen, Elsa, wahrscheinlich.“

„Drei bis vier pro Woche könnte ich hier schon losschlagen, glöb´ ich – wenn die gut sind, Hauke, ich meine: Nicht zu klein, nicht zu groß, nicht zu dünn, nicht zu dick. Ungefähr so…“. Elsa hielt ihre Hände von 80 Zentimeter auseinander und zeigte dann mit Daumen und Zeigefinger einen Kreis von circa 5 bis 6 Zentimetern Durchmesser. So ungefähr, sonst nich´ - und gut geräuchert, weiß du.“

„Ja, so sind die wohl“, bestätigte Hauke, „ungefähr jedenfalls. Die Guten.“

„Sag´mal, Elsa, entschuldige bitte, wenn ich mich da so dazwischen drängele, kannst du mir wohl bitte mal mein Bier machen? Ich mein´ ja nur…“, bat ich.

„Klar doch, Jens“, sagte Elsa, „gerne doch. Sach mal, würdest du denn auch mal Aal bei mir essen? Ich stell mir das so im Gedeck vor: Aal mit Schwarzbrot, ´nen Salat dazu und ´nen Bier und Korn. ´nen guten Korn zum Trinken und ´ne Schale mit ´nem Billigkorn zum Händewaschen. So etwa. Für Touristen für 15,00 Euros.“

„So viel?“, wollte Carsten wissen, „Und für uns? Ich meine, so viel kann ich jedenfalls nicht berappen, ist mir viel zu teuer, dafür kriege ich ja…, den ganzen Abend Bier und ein paar Köm, also ich finde…, naja, so 5,00 Euro? Dachte ich mir… Höchstens.“

„Ja, schon“, bestätigte ich, „das kostet das auf Rügen auch, in etwa… Und was ist mit mein´ Bier?“, fragte ich, weil Elsa immer noch nicht mit dem Zapfen begonnen hatte.

Elsa „griff in die Tasten“, was bedeutet, dass sie endlich begann, mein Bier zu zapfen.

„Ja, also, wenn du willst, denn ist das jetzt klar, Elsa, oder?“, meinte Hauke, „ich meine, das ist jetzt fest vereinbart, nich´…“

„Ja, geit klor, Hauke“, bestätigte Elsa vom Zapfhahn her, „oder sollen wir das mit ´ner Runde festmachen?“

„´Ne Runde wäre ja schon gut“, meinte Henning, „ansonsten sind wir ja alle Zeugen, die das bezeugen können, absolut, oder, Leute?“

„Ja, können wir“, nickte Carsten dazu, und ich nickte zustimmend, weil ich endlich mein Bier bekommen hatte und gerade trank.

„Und wo hast du die Aale?“, wollte Carsten wissen.

„Hinten, bei Hinnerks Rapsfeld, da ist doch der Bach, nich´, der durch die feuchte Wiese geht, gehören ja mir… Die Wiese kann´st vergessen, viel zu nass. Und das Wasser hab´ ich ja nie gebraucht, das hat ja Hinnerk gebraucht. Aber ich hab´ das ´nen büsschen aufgestaut und ausgebaggert und ´nen Zaun drum gemacht, damit die Aale nicht abhauen…“

„Wie? Nich´ abhauen?“, fragte Carsten, „´n Zaun für Aale? Hau´n die einfach ab? Nee, nich´? Das sind doch Fische! Die können doch nicht abhauen…, die brauchen doch Wasser? Die haben doch keine Beine. Hatten sie jedenfalls noch nich´, als ich den letzten vertilgt hab´. Ist aber schon lange her…“

„Nee, nee, Carsten, das sind ja man Aale, nich´, die können das und die tun das auch, da musst du aufpassen wie´n Luchs, Carsten, die kommen sogar Wände hoch, wenn´s sein muss… Besser als Schlangen.“

„Jetzt willst du mich aber verarschen, Hauke, das glaub´ ich dir nich´, niemals!“

Jetzt mischte sich Henning Pogwisch ein. Der war zwar in der Schule auch nicht gerade eine Leuchte gewesen, aber er war Beamter, Kriminaler, ein bisschen was wusste er doch. Und wenn schon, denn wollte er das auch los werden: „Die wollen zum Bumsen in die Sarko…, also dieser See da mitten im Meer…, da unten bei Kuba, glaub´ ich, da machen die die kleinen Aale, Carsten, echt.“

„Nee, nich´“, Carsten schaute mich fragend an. In den meisten Dingen waren wir, war ich, die letzte Instanz.

„Ernst?“, fragte ich, willst du?“. Ernst übernahm den Körper. Er war der Intellektuelle in unserem Kopf.

Doch, doch“, belehrte Ernst uns´ Carsten, „das stimmt schon. Das Gebiet, wo die hinschwimmen, um sich fortzupflanzen heißt die Sargasso See und das ist gleich bei den Bahamas…“

„Sag ich doch“, unterbrach ihn Henning, „ungefähr bei Kuba.“

„Naja“, meinte Ernst zu Henning, „das ist schon sehr weit gefasst, Henning, aber im Großen und Ganzen hast du schon recht.“. Henning schaute sich stolz um, dass ich ihm Recht gegeben hatte, jedenfalls beinahe.

Dann wandte Ernst sich wieder Carsten zu: „Also die kleinen Aalbabies, nich´, die kommen ja mit dem Golfstrom zurück nach Europa, das Wasser ist ja auch muggelig warm, und wenn die da sind, schwimmen die hier die Flüsse rauf. Hier werden sie erwachsen, die Männchen nach 6 Jahren, die Weibchen nach 12 bis 15. Die Weibchen werden auch viel größer als die Männchen, glaube ich. Und wenn die Aale brünftig werden, denn treiben die´s eben nicht hier auf der Wiese oder im Bach mit die Aalinnen, nee, denn treibst es die allesamt wieder heim in die Sargasso See.“. Wir nahmen einen Schluck Bier.

„Heim?“, grübelte Carsten, „ich dachte, die wären hier zuhause?“

„Naja, sind sie ja auch, zumindest für ´ne Weile, Carsten. Das ist wie mit den Zugvögeln, die sind ja auch mal hier und mal in Afrika zuhause. Das ist eigentlich alles. Ach nee, eins noch, die sind ja ziemlich fett, die Aale´, nich´, also, wenn Hauke sie fängt, das ist, weil die, bevor sie hier losschwimmen, den ganzen Magen und Darm zurückbilden und alles in Geschlechtsorgane verwandeln. Die essen dann gaanix mehr. Den ganzen Weg. Das sind dann geradezu schwimmende Pimmel…“

„Is´ nich´ wahr?“. Das war Elsa. „Woher weißt du das alles? Bist du jetzt auch Fischer, oder so?“

Ernst zuckte mit den Schultern, „weiß ich auch nicht, hab´ ich wohl mal gelesen und interessant gefunden.“

„Tja“, sagte ein offenbar auch durch unser Wissen beeindruckter Hauke, „so soll das mit die Aale wohl sein. Aber ich denke mir, Elsa, es wäre gerade recht, wenn du uns mal die Bekräftigungsrunde machen würdest, damit unsere Absprache auch hält!“.

Papier braucht man hier nicht. Hier gilt noch das gesprochene Wort. Schon wegen dem Finanzamt. Sie verstehen?

Elsa ließ sich nicht zweimal bitten. Bei „Prost“ trank jeder erst sein Bierchen und dann den Köm. Brrr, da muss man sich ja schütteln, so guuut tut das, Sie, ehrlich.

Wir tranken denn noch zwei oder drei Gedecke, können auch vier gewesen sein, so genau weiß man das hinterher ja nicht mehr.

„Ja, ja“, dachte Mari, „ich bring´ uns schon nach Hause, Jungs.“

Seit wir zugestimmt hatten, den größten Teil unseres Honorares für die drei Jobs in Binz für ihre Wohnung in Kiel auszugeben, war sie irgendwie immer gut drauf. Sogar jetzt.

Wir haben noch über dies und das geredet, viel über die Invasion der Amerikaner auf Rügen, wo wir ja quasi Zeugen gewesen waren[1]. Zeitzeugen. Henning sah uns wissend an, sagte wohlweislich aber nix. Er hatte uns ja mit seinem Kutter das Gewehr aus unserem Haus nach Rügen gebracht, mit denen wir diese Geierfond-Manager abgeschossen hatten, also, genauer gesagt, Mari. Und hinterher hatte er uns aus dem ausbrechenden Chaos in Binz ´rausgeholt. Sie, ehrlich, da war vielleicht ´was los… Auch mit´m Kutter. Er hat damals die halbe US-Kriegsflotte ausgetrickst, die da gerade kreuzte. Bemerkenswert.

Carsten meinte noch, wenn er da gewesen wäre, er hätte die Kerle, also die Amis, mit seinem Trecker glatt ins Meer geschoben, weil sein Trecker, also, das sei ja fast ein Panzer, nich´ wahr…

Gegen 23.00 Uhr sind wir dann ziemlich beschickert nach Hause…, marschiert wäre nicht das richtige Wort, getorkelt wäre übertrieben – also, die Mari hat das irgendwie gedeichselt. Kann sie gut. Hat sie ja auch genügend Übung drin. Sie, hier im Dorf ist ja auch sonst nix los, da kannst du nirgendwo anders hin, nur in den Dörpkro zu Elsa.

Unterwegs fing Mari damit an, dass wir die nächsten Tage dem Alkohol entsagen müssten, von wegen dem anstehenden Job! Klar, sie hatte ja Recht.

„Wer kommt eigentlich als erstes dran“, wollte Ernst irgendwann unterwegs wissen, „und wo? Die Richterin oder der Anwalt oder der Ex?“

„Die Richterin“, schlug ich vor, „weil, wenn wir mit dem Anwalt oder dem Ex anfangen, könnte einer auf die Idee kommen, dass man dann besser ein Auge auf die Richterin haben müsste… Dann den Anwalt und als letztes den Ex-Mann. Der ist am wenigsten prominent.“

„Mir ist´s egal“, dachte Mari, „wird eh keine große Sache…“

„Naja, ich weiß nicht“, ließ sich Rudi vernehmdenken, „eine Richterin und dann ein Anwalt und dann noch einer – und die beiden aus einem Verfahren bei der Richterin… Ihr meint nicht, dass das Aufsehen erregt? Die Scheidung ist doch damals in allen Zeitungen gewesen…“

„Ja, klar“, gabdachte Mari ihm teilweise Recht, „aber ist schon lange her, schon über ein Jahr, da ist Gras drüber gewachsen, bestimmt, glaube ich.“

„Die Auftraggeberin ist lange fort, die lebt jetzt in München“, überlegdachte ich, „außerdem ist sie auf Urlaub auf irgendeiner Kreuzfahrt, da hat sie ein perfektes Alibi, vor allem, wenn sie tatsächlich mit diesem Kapitän, diesem Sascha…, wie heißt der noch? Ist doch dauernd im Fernsehen…“

„Hähnchen“, halfdachte Rudi mir aus der Verlegenheit, „Hähnchen oder so, ich glaube Hahn heißt der, oder so ähnlich… Sieht doch auch so aus.“. Wenn Rudi den Körper hatte, nutzte er das aus und schaute sich „Trumschiff“ und „DSDS“ und solche Sachen an. Da kannte er sich echt aus. Im Gegensatz zu uns anderen.

„Danke“, dachte ich ihm rüber, „ich glaube nicht, dass jemand auf die als Auftraggeber kommt, die denken doch alle, die Ex ist glücklich und froh. Den Typen losgeworden zu sein…“

„Und ihr Anwalt, den hat der Gegentyp, also dieses miesepetrige Arschloch von einem Anwalt doch auch ziemlich angepisst…?“

„Der weiß doch von nichts. Außerdem: Anwälte sind nicht nachtragend, für die ist Streit doch das Normalste der Welt. Das nehmen die nicht persönlich. Die gehen nach der Verhandlung doch eher noch einen miteinander trinken, also glaube ich. Vor Gericht geben die es sich grob… Die große Show für die Mandanten und danach, wenn die Mandanten weg sind, dann war nix, also nix Persönliches. Und selbst wenn…, dann vermutet das keiner. Sonst würden Anwälte ja sterben wie die Fliegen.“. Das beendete die kopfinterne Diskussion.

Denn wir waren zuhause und gingen ins Bett.

Die nächste Tage waren schöne Herbsttage. Wir ernteten ein paar Birnen für Birnen, Bohnen und Speck. Unser Leibgericht. Für alle. Wir haben noch einen alten Baum mit Kochbirnen, die können Sie nirgends mehr kaufen. Die Kochbirne wird ja auch nicht gefördert. Großer Fehler, finden wir. Aprikosen schon. Aber Aprikosen, Bohnen und Speck schmeckt nicht. Aprikosen kann man höchstens in getrockneter Form in Gefüllter Rippe verwenden – aber nur zusammen mit getrockneten Äpfeln und Rosinen, denn schon… Müssen Sie mal probieren. Schmeckt.

„Wie wollen wir es machen?“, fragte in einem ruhigen Moment Ernst, „schon irgendwelche Ideen?“. Mari war gerade beim Kochen. Nicht dass Sie glauben, die Mari müsste immer Haushaltsarbeiten übernehmen, nein, so ist das bei uns nicht. Aber manchmal macht sie das gerne – zur Entspannung, denkt sie.

„Die Richterin mit dem Gewehr wenn sie ihr Boot fertig macht“, schlugdachte Mari vor, „da wird sich eine Gelegenheit ergeben… Jedenfalls aus größerer Entfernung, finde ich. Kann euch auch nicht sagen warum. Ich hab´ da einfach so´n Gefühl. Die beiden anderen mit der Pistole.“

„Genügend Waffen haben wir noch“, ergänzdachte ich, „die müssen ja auch mal weg – das wird wieder nix mit der Fährfahrt, Ernst“, lächeldachte ich.

Er gab das kopfinterne Pendant eines Abwinkens von sich, weil er sich damit schon abgefunden hatte, dass das mit der STENA-Line wohl nichts werden würde, jedenfalls nicht, um Waffen aus Göteborg zu holen. Wir hatten ja noch…

„Hört sich für mich gut an“, stimmdachte ich Mari zu.

„Und was ist mit mir?“, fragdachte Rudi. Er hat ja so seine Vorlieben.

„Vielleicht beim Anwalt?“, lächeldachte Mari, „der könnte eine etwas härtere Gangart vertragen, wie ich das verstanden habe.“

„Dann machen wir das so“, beendetdachte Ernst die Diskussion. Rudi war auch zufrieden. Ich merkte, wie er trällerdachte – ein gutes Zeichen bei ihm. Ein schlechtes für sein Opfer. Aber Rudi musste sich ja auch mal verwirklichen, nicht wahr. Das dauert denn ja auch nicht so lange, da passen wir anderen schon auf. Oder wie sehen Sie das?

Naja, Diskussion, Sie, wenn sie zu mehreren in einem Kopf leben müssen, dann lernen sie sich gut kennen, das dürfen Sie mir glauben, da müssen Sie vieles nicht mehr ernsthaft diskutieren. Da geht vieles einfach so.

Mari erwischte die Richterin aus gut fünfhundert Metern mit einem Kopfschuss. Das ging so:

Die Richterin hatte ein Segelboot im Sportboothafen Wik in der Förde liegen. Dahinter kommt ja gleich der Tirpitzhafen für die Marine. Es war ein schöner Herbsttag. Wir hatten vier oder fünf Tage im Restaurant des Segelvereines gewartet – heute wollte sie endlich mal mit Lebensgefährten und Tochter auslaufen: Ein kleiner spätnachmittäglicher Schlag in der Förde. Machen viele Kieler. Die mit Boot jedenfalls. Wir verließen das Restaurant, holten das Gewehr aus dem Auto und brachten uns in Position.

Sie machten gerade ihr 9-Meter-Boot zum Auslaufen fertig. Lebensgefährte und Tochter waren unter Deck, sie fummelte irgend etwas an der Rollfock. Die Situation war perfekt für uns. Wir standen auf halber Höhe zwischen Bäumen und Gestrüpp verborgen am Steilufer zwischen der Hafenbadeanstalt und der alten Grammersdorf-Brücke, da wo wir als Kinder in den alten Bunkern, die im zweiten Weltkrieg in das Steilufer gegraben worden waren, gespielt und uns gegruselt hatten. Heute waren die Bunker verschlossen. Hier im Unterholz hatte sich auch nach so vielen Jahren offenbar nichts verändert. Da kam auch so schnell keiner hin. Nicht einmal Kinder. Das Schussfeld zum Boot war zwischen den Bäumen frei. Die Schussentfernung betrug ungefähr 600 Meter. Für das Gewehr und Mari ein Klacks.

Mari legte das Gewehr an, sie zielte, sie wurde eins mit der Waffe, das Fadenkreuz lag ganz ruhig auf dem Kopf der Richterin, Mari überwand den Druckpunkt und schoss. Das Gewehr gab nur ein leises Peng“chen“ von sich. Der Schalldämpfer tat seine Wirkung. Keinen halben Wimpernschlag später schlug das Geschoss in den Kopf der Richterin ein. Sie machte – Mari sah das noch durch das Zielfernrohr bevor sie das Gewehr absetzte und auf den Boden neben sich legte – noch eine merkwürdig zappelnde z-förmige Bewegung, da war sie aber eigentlich schon tot. Ihr Gehirn war in Sekundenbruchteilen verkocht und explodiert, ihre Hände lösten sich von der Fock, sie fiel über die niedrige Reling ins Wasser – genauer betrachtet glitt sie eher. Das sah sogar ein wenig elegant aus.

Wenig später kämpften schon die ersten Möwen um den Teil ihres Hinterkopfes, das der Schuss aus ihrem Schädel heraus gerissen und auf den Steg geschleudert hatte. Ihr offen liegendes Resthirn löste sich im Wasser der Förde langsam auf, lange Blutfahnen gingen davon aus. Über ihr kreischten gierige Möwen. Unten warteten Krebse auf die Leckerbissen, die da von oben kamen. Krebse, deren Ururur­urgroßeltern wir als Kinder schon mit einer Schnur im Hafen geangelt hatten.

Lebensgefährte und Tochter hatten zunächst gar nichts mitbekommen. Erst als andere Segler den leblos im rot verfärbten Wasser treibenden Körper entdeckt hatten und Alarm schlugen, kamen sie an Deck. Das Mädchen fiel erst in Ohnmacht und dann ins Wasser und musste mit Bootshaken aus dem Wasser gezogen werden, der Lebensgefährte brach zusammen – wahrscheinlich Herzinfarkt. Vielleicht, weil seine langjährige Lebensgefährtin aus fadenscheinigen Gründen noch nicht geheiratet hatte, und er die schöne Richterinnenpension jetzt nicht beziehen können würde…

Uns war es egal. Für den konnten wir ja nichts. War ein Kollateralschaden. Da waren wir schon weit fort. Wir fuhren schon Kilometer entfernt in Höhe des Finanzamtes entlang der unteren Feldstraße, als wir die ersten aufgeregten Sirenen hörten.

Da war sie also dahin, die dumme Richterin. Warum hatte sie unsere Auftraggeberin und deren Anwalt vor den Schranken ihres Gerichtes auch so ungerecht behandelt. Soll man nicht machen. Auch nicht als Richterin. Oder gerade als Richterin. Die Leute verlieren ja den Glauben an Recht und Ordnung. Jedenfalls sollte man es nicht mit den Falschen machen. Nicht mit denen, die sich vielleicht einmal wehren könnten. So eine, wie unsere. Die war taff. Die nahm irgendetwas in die Hand, vielleicht nicht gerade das Recht und wohl auch nicht die Ordnung – aber einen Telefonhörer…

Mit einer SMS „Holstein Kiel gewinnt 1:0“ informierten wir die Auftraggeberin. Klar, dass Holstein gerade gespielt und 1:0 gewonnen hatte, sonst hätte das ja schon auffallen können. Sie, wir sind Profis!

Die Kieler Nachrichten brachte die Meldung am ersten Tag nur klein: Redaktionsschluss, Sie verstehen. Am nächsten Tag größer. Am dritten Tag noch größer: Mit diversen Vermutungen. Die Richterin hatte aktuell gerade ein große Sache zu verhandeln, hatte ´was mit der Landesbank zu tun, die an Geschäften im Baltikum so gut wie pleite gegangen war. Niemand äußerte einen Verdacht in die Richtung unser Auftraggeberin. Eher in Richtung Russenmafia. Gut so. Dann kehrte erst einmal Ruhe hinsichtlich der Richterin ein.

Denn im Kiel-Kanal waren Blauwale gesichtet worden, die sich offenbar verschwommen hatten! Bei Rendsburg hatte ein „Blast“ fast die Schwebefähre unter der Eisenbahnbrücke lahmgelegt. Das war ein Ding! Tagelang mussten die großen Kieler Schleusen geöffnet werden, bis diese Kerle sich endlich entschlossen, den Kanal zu verlassen. Norwegische Walfänger hatten sich angeboten, die Tiere zu Forschungszwecken mit Explosionsharpunen zu erledigen. „Zu Forschungszwecken“ schon deshalb, weil sie sie sonst nicht hätten erlegen dürfen. Außerdem gab es in Japan zufällig gerade gutes Geld für Walfleisch…

Die Landesregierung musste unter dem Druck der Öffentlichkeit von dem schon angenommenen Angebot Abstand nehmen: Grüne hatten eine Tag- und Nacht-Wachkette am Kanalufer eingerichtet – da ging nichts. Nicht einmal nachts. Da im Kanal beim besten Willen kein arktischer Krill, die Hauptnahrung der Wale, vorkommt, hatte LIDL mehrere Tonnen gerade eben „abgelaufene“ grönländische Tiefseegarnelen gespendet, an denen sich die beiden Wale den Magen verdorben hatten. Sie DAS waren Flatulenzen…

Diese noch größere Sensation verdrängte den Mord an der Richterin.

Den gegnerischen Anwalt erwischten wir zwei Wochen später in der Tiefgarage seiner Kanzlei. Die einzige Überwachungskamera war so blöd angebracht worden, dass wir sie vorher ungesehen zerlegen konnten. Als er merkte, um was es für ihn ging, hatte er das ganze Programm abgerufen, das ganze Programm: Wieso er denn? Warum denn er? Als ob das etwas ausmachen würden…. Wer ihn denn umbringen lassen wollte? Ob das der… oder der… war? Er kam jedenfalls nicht auf unsere Auftraggeberin. Gut so. Dann die Bullen wahrscheinlich auch nicht. Und seine Mutter sei krank, seine Frau noch kränker, sogar im Krankenhaus, die brauchten ihn doch, die Kinder seien noch klein (er log, das wussten wir. Sie, das können Sie uns glauben: Die lügen alle in diesen Momenten, dass sich die Balken biegen… Denen können Sie rein gar nichts glauben, wenn es mal so weit ist!).

In solchen Momenten reden wir nicht. Wir hören höchstens zu – gut, für eine Weile, dann wird´s langweilig. Wir haben ihm auch nicht gesagt, dass unsere Klientin, dass ziemlich Scheiße gefunden hatte, dass ihr Ex ihr die Latifundien wieder abgenommen hatte und dass er als sein Anwalt sie mit seinem Schmierentheater vor Gericht und den Lügen und gefälschten Beweisen schließlich hohnlachend um alles gebracht hatte. Und dass die Richterin entweder so dumm gewesen war, nichts zu merken, oder dass es ihr egal gewesen war. Vielleicht war es auch eine Mischung von Dummheit und Faulheit gewesen. Außergerichtliche Todesstrafe? Warum denn in diesen Fällen nicht. War ja auch nicht unserer Sache, das zu entscheiden. Wir waren ja nur der Zeigefinger, der im richtigen Moment gekrümmt wurde.

Er bot uns Geld an, sogar relativ viel, wenn wir ihn leben liessen, er bettelte, er winselte, er fiel auf die Knie, er kroch auf allen Vieren, er machte vor Angst in die Hose. Ich habe es Ihnen ja gesagt: Das ganze Programm! Abstoßend. Eklig. Für uns nur olle Kamelle, mein Gott, wie häufig hatten diese Häufchen Elend schon vor uns gelegen. Ich weiß nicht, ob ich es schon einmal erwähnt hatte: Gerade Opfer aus der oberen Mittelklasse tun sich verdammt schwer dabei, gestorben zu werden. Die von ganz oben tun sich da offenbar leichter – vielleicht, weil sie grundsätzlich ein schlechtes Gewissen haben oder weil sie schon alles erlebt haben? Müssen wir beim nächsten passenden Opfer mal fragen… Fällt aber auf.

Irgendwann fielen in unserem Kopf angewidert die Türen von Mari und Ernst zu. Sie konnten oder mochten sich das jämmerliche Gewinsel nicht mehr antun.

Rudi konnte übernehmen und ihm erst ein wenig auf die Hände treten (Sie, das tut offenbar richtig weh) und in die Knie schießen und ich überwachte Rudis Maßnahmen und übernahm irgendwann den Rest, weil Rudi, der alte Sadist, begann, zuviel Spaß zu haben. Ein Schuss in die Stirn erlöste den Anwalt endlich. Es hatte keine fünf Minuten gedauert. Höchstens fünf. Zu lange lassen wir Rudi nämlich nie „spielen“.

Die Leiche liessen wir einfach liegen.

Die SMS lautete: „Zweiter Sieg in Folge“. Auf Holstein war in dieser Saison Verlass. Unsere Auftraggeberin war sehr zufrieden. An Bord des Traumschiffes spendierte sie sich und Sascha eine Flasche Champagner, Nicht den teuersten, frau ist ja schließlich kein Angeber.

Das anonyme Prepaid-Handy zerstörten wir anschließend abends am Strand mittels zweier großer Steine, es blieben nur Fitzelchen im Sand übrig, und das auch nicht lange, die zunehmende Brandung leckte schon an den Steinen. Morgen wären die Teilchen schon irgendwo tief in der Ostsee oder an einem dänischen Strand.

Diesmal brachten Zeitung und Rundfunk die Morde in Zusammenhang. Aber immer noch nicht mit uns.

Im Dörpkro gab es inzwischen „Aal satt“ auf der Karte. Elsa präsentierte den Gästen den „Aal des Tages“. Die zeigten, ein wie großes Stück sie wollten, und das schnitt Elsa dann für sie vor ihren Augen ab. Bezahlt wurde nach Gewicht. Meistens mehr, als die Gäste Hunger hatten. Das Geschäftsmodell „Aal satt“ lief gut. Hauke musste schon an seine Reserven, was Aal anging, ´rangehen, um Elsas zunehmenden Bedarf zu befriedigen.

Normal zahlende Gäste bekamen ihren Aal „in der Haut“ (die war ja auch mitgewogen worden) - manche Gäste legten Wert auf das Unterhautfett, weil das angeblich besonders gut schmecken würde.

Weil man die Aale eigentlich nur unter Zuhilfenahme der Finger aus ihrer Haut herausgelöst bekam, gab es den billigen Korn in einer Schale, um sich die Finger darin zu waschen – ist übrigens die einzige Methode, um den Aalfettgeruch sofort wieder los zu werden. Manche glaubten ja, den Schnaps sollte man trinken… Sie, Leute gibt´s.

Für uns filetierte Elsa die Aale in der Küche.. Jeder von uns bekam also vier circa 12 Zentimeter lange Stücke Aalfilet mit Schwarzbrot und Salat. Lecker, sage ich Ihnen, ganz lecker. Also dass musste man dem Hauke lassen – seine Aale waren allererste Sahne und sein Räucherofen offenbar auch. Dabei hatte er gar keine Buchen für den Räucherofen – naja, sein Ding oder höchstens Hennings.

Hauke stand stolz daneben. Er aß keinen Aal. „Krieg´ ich zuhaus´ genug“, sagte er, „schon, wenn ich die Qualitätskontrolle mache… Ich kann Aal bald nicht mehr sehen, wisst ihr.“

Wir schon. Also nicht jeden Tag, das nicht. Aber jeden dritten oder so. Aal war ja auch eine gute Grundlage für so´n lütten Korn oder zwei… und ´nen Bierchen. Fisch will ja auch schwimmen, sagt man.

Dann kam der Tag, an dem wir den Job mit dem Ex von unser Auftraggeberin erledigen wollten. Wir hatten gemeint, dass es besser sei, zwei, drei Wochen zu warten. Es waren sechs Wochen geworden. Aber wir hatten ja keine Eile. Und es war ja auch nicht so, dass wir unserem Opfer nicht noch ein paar Tage gönnen würden.

Nach dem Motto: „Herr, es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß…, spendiere ihm noch ein paar schöne Tage…“ oder wie Rilke das auch genau ausformuliert haben mochte, „dränge ihn zur Vollendung hin und jage…“[2].

Naja, wir ließen uns jedenfalls nicht drängeln. Auch nicht von Rilke. Der war ja auch schon lange tot. Komisch, mit wie vielen Toten wir es immer zu tun haben… Trotzdem, ihre Lebensuhr lief ja doch ab. Schnell. Schneller als sie wussten. Das Ticken wurde immer lauter – nur sie hörten es nicht.

Der Typ lebte inzwischen seit der Scheidung allein in einer Villa am Düsternbrooker Gehölz. Teuerste Gegend in Kiel. Naja, er konnte es sich wohl leisten. Frühzeitig hatte er Geld in Kampen auf Sylt in Immobilien angelegt. Inzwischen waren die Preise auf allen Nordseeinseln explodiert, auf Sylt sogar durch die Decke gegangen. Er war einer der Hauptprofiteure. Ein Immobilien-Hai. Eher sogar ein Walhai. Das sind die größten (Haie). Und er war der Größte auf Sylt. Und auf Ibiza. Und auf Usedom. Und so weiter…

Geld war für ihn inzwischen etwas Abstraktes. Das hatte man sowieso. Und man gab es nur äußerst ungern wieder her. Er hatte, nur um ein Beispiel zu nennen, seiner Exfrau, unser Auftraggeberin, zwei oder drei ansehnliche Anwesen auf Sylt übertragen, geschenkt. Und ihr klammheimlich wieder weggenommen. Sozusagen unterm Arsch weggeklaut. Sie hatte das erst im Scheidungsverfahren gemerkt. Da war es zu spät gewesen. An der Richterin waren alle Argumente abgeprallt, wie Regentropfen von einem Schirm.

Außerdem hatte er sie nach Strich und Faden betrogen – finanziell. Für „körperlich“ war er zu desinteressiert gewesen.

In den Verfahren hatte er ungestraft lügen und betrügen können. Die Richterin hatte es hingenommen und Anträge ihres Anwaltes abgewimmelt oder seine Argumentation hohnlachend nicht beachtet. Die gefälschten Argumente der anderen Seite hatte sie dagegen mit Wohlwollen akzeptiert. Es war im Prozess ziemlich dumm gelaufen. Fragt sich abschließend für wen.

Sein Anwalt hatte unsere Auftraggeberin und ihren Anwalt im Scheidungsverfahren und einigen sich anschließenden zivilrechtlichen Auseinandersetzungen vor der Richterin wie ein kleines, dummes Mädchen behandelt – ein sehr dummes. Das war das Schlimmste gewesen, fand unsere Auftraggeberin. Das hatte sie nicht gut gefunden. Gar nicht.

Irgendwann hatte sie sich entschieden, dass sie kein kleines, dummes Mädchen sein wollte. Rein gar nicht. Sie hatte begonnen, sich vorsichtig umzuhören. Sie hatte von Der Agentur gehört, die „ungewöhnliche Lösungen“ anbot und an Leute wie uns vermittelte. Mords Aufträge. Mordaufträge. Sie raffte die letzten Gelder zusammen und gab den Auftrag.

Der Leiche ihres Ex wollten wir nicht auch noch liegen lassen. Wir nahmen sie mit. Er war einfach verschwunden. Da er allein lebte und kaum Kontakt zur Außenwelt hatte, wurde er wochenlang nicht vermisst. Seiner Leiche entledigten wir uns in Haukes Aalteich.

Der war inzwischen von einem Tümpel zu einem ansehnlichen Teich ausgebaggert worden. Aale mögen es ja gerne schön modderig und schlammig – wir auch! Gut, wenn man nicht auf´n Boden sehen kann. Zumindest wenn wir eine tote Leich´ loswerden wollen. Und Aale fressen ja alles, wirklich alles. Gerne Fleisch. Auch Aas. Letzteres eigentlich sogar ganz gerne. Gut so. In der Nacht schleppten wir die Leiche so gegen drei in den Tümpel. Um drei schlafen hier wirklich alle. Wir lieben sportliche Opfer – die sind nicht so schwer und lassen sich besser anfassen und damit transportieren, weil sie nicht so schwabbelig sind.

Trotzdem war es eine ziemliche Plackerei, den Typen vom Weg zum Teich zu schleppen. Man, wenn Sie das machen sollten, würden Sie unsere Preise verstehen… Wir sind dann noch einmal zum Auto gegangen, um das alte Fischernetz und ein paar Gewichte und Steine zu holen, damit er unten blieb. Wir wickelten die Leiche und die Gewichte in das Netz und warfen alles ins Wasser. Mit ein paar Stöcken halfen wir nach – bald war der Kerl verschwunden. „Guten Appetit, Aale“, dachten wir noch. Ich glaube, es war Ernst. Niemand hat den Ex je wiedergesehen. Fast.

Monate später. Die Aalbegeisterung hatte etwas nachgelassen, aber Elsa machte immer noch ganz gute Umsätze damit.

Eines Abends kam Hauke in den Dörpkro.

„Henning“, sagte er, „kannst mal mitkommen, bitte?“.

„Wieso?“, fragte Henning und schob seinen Aal, den er gerade mit Appetit vertilgt hatte zur Seite, „Kann ich erst noch meinen Schnaps austrinken, oder brennt dat doll?“

„Nee“, meinte Hauke, „brennen tut das ja nich´ mehr, also glöv ick, eigentlich könnte ich auch einen ab, is´ vielleicht besser so, Elsa, mach´ uns man noch einen, nich´, so´was sieht unserein´ ja nicht jeden Tag. Elsa, machst du uns mal zwei… Tach Jens, willst du auch einen?“. Ich nickte.

„Also drei Elsa, es sei denn du brauchst auch einen, denn vier. Brauchst du bestimmt…“

„Was ist denn los, mein Hauke?“, fragte Elsa, während sie die Köm einschenkte – schön kalt in extra gekühlte Gläser, „du bist ja ganz aufgeregt. Bist du doch sonst nich´… Bist doch eigentlich ´n ganz Ruhiger.“

„Nee“, meinte Hauke, „heute nun mal nich´, nun trinkt man erst mal, Prost! Bist du endlich fertig mit dein´ Aal, Henning?“

„Ja. War wieder prima, Elsa. Sind echt gut, deine Aale, Hauke.“

„Denn is´ ja man gut, Henning, denn hast ja ´was im Magen, nich´, denn komm´ man…“

„Was is´ denn nun los?“, wollte Henning wissen, bevor er sich erhob.

„Ja, nun, ich hab´ da was gefunden…“

„Was denn?“

„Knochen.“

„Knochen?“

„Jawoll.“

„Und dafür machst du so´n Aufstand? Was denn für Knochen?“

„´nen Schädel, und Arme…“

„Was denn für´n Schädel?“

„Weiss ich doch nicht, Henning, woher denn wohl – jedenfalls von ´nen Menschen…“

„Mensch? Mensch, Hauke, und das sagst du jetzt erst…“

„Wo denn?“, wollten wir wissen.

„Na, wo wohl, im Aalteich…“

Das war der Moment, in dem Henning sich ganz plötzlich in hohem Bogen übergeben musste.

„Du olles Ferkel!“, schimpfte Elsa, „was machst du hier denn für ´ne Sauerei. Und denn noch den teuren Aal, ist doch schade drum. Und wer soll das jetzt wieder weg machen? Du etwa? Mensch, Henning Pogwisch, wenn du nix mehr abkannst, denn lass das Saufen doch.“

Henning würgte immer noch. „Tut mir leid“, brachte er unter Würgen heraus, „tut mir echt leid, Elsa, aber als er…“, Henning deutete mit dem Daumen auf Hauke, „das von der Leiche im Aalteich gesagt hat…“

„War ja keine richtige Leiche“, korrigierte Hauke Henning, „eigentlich mehr so´n Skeltt, den Rest haben die Aale ja schon…Ihr wißt ja, die mögen das ja.“

Wieder musste Henning sich plötzlich übergeben.

„Mensch, Henning…“, schimpfte Elsa wieder, „nun is´ aber langsam mal gut. was hast du denn, ich denke, du kennst dich mit Toten aus, ob nun Leiche oder Skelett… was kotzt du hier denn so rum. Hauke, nun nimm ihn schon mit, sonst kotzt der mir den restlichen Laden auch noch voll.“

Eine Stunde später waren die beiden wieder da. Henning sah nicht mehr so blass aus, wie er den Dörpkro verlassen hatte. Elsa hatte inzwischen gewischt.

„Darauf einen Dujardin“, sagte Henning im Hereinkommen, „da müssen wir einen drauf trinken…, so ein Mist aber auch. So´ne Scheiße.“

„Und?“, wollte Elsa wissen, „Was war los? Echt ´ne Leiche?“

„Ein Gerippe“, stellte Henning fest, „keine Leiche. War ja nix mehr an den Knochen dran. Scheiß Aale… Eines sag´ ich dir, Elsa, nie wieder Aal, nie wieder. Ich kann die Kerle nicht mehr sehen. Ehrlich. Da wird mir gleich schlecht von, wenn ich da nur dran denke…“

„Und wer war´s nun? Ich meine das Gerippe. Buh, wie greislich“, schauderte die immer neugierige Elsa, „jemand den wir kennen?“

„Wie denn?“, fragte Henning zurück, „Hier wird doch keiner vermisst, oder?“

„Also Mord?“, fragte Elsa als nächstes, „an einem Fremden?“. Sie dachte einen Moment lang nach und zählte irgend etwas an den Fingern ab, dann sagte sie erleichtert: „Nee, sind alle da…“

„Nee“, Henning schüttelte bestimmt den Kopf, „keinesfalls. Eindeutig ein Unfall. Der arme Kerl hatte sich in einem Fischernetz verfangen und ist in den Teich gefallen. Dumm gelaufen, finde ich. Ganz eindeutig ein tragischer Unfall… Mach mal noch einen, Elsa.“.

Henning machte die kreisende Bewegung mit dem schräg nach unten ausgestreckten Zeigefinger, die Elsa so gut kannte.

„Im Netz verfangen, Henning?“, Elsa schüttelte den Kopf, „Denn ist das doch kein Unfall, niemals, erstens ist da hinten kein Fischernetz, weil Hauke die Aale ja mit Reusen fängt und zweitens, selbst wenn da eines wäre, Henning, denn verfängt sich niemand da draußen in dem Fischernetz, das da gaanich is´, und fällt dann in Haukes Teich.“

„Naja“, gab Hauke zu bedenken, „da hat sie irgendwie schon Recht, Henning, und außerdem waren da ja noch die Gewichte im Netz, Henning…, also, ich weiß nich´…“

„Welche Gewichte, hab´ da keine Gewichte nich´ gesehen, Hauke. Gaakeine! Und du auch nicht. Wär´ besser für dich…“

„Ach“, gaben wir unseren Senf dazu und bezogen uns noch auf Hennings Worte, „ich weiß nich´…, könnt´ doch sein. Was alles so vorkommt.“

„Das Schicksal jedes Menschen wird vom Zufall gestaltet, in Abhängigkeit von seiner Umgebung“, lachdachte Ernst, sich seiner Zeit erinnernd, in denen er mit solchen Sprüchen um sich geworfen hatte.

„Nicht jetzt, Ernst“, dachte Mari, „ich will das mitbekommen.“

Ernst konnte einfach nicht aufhören: „Überall herrscht der Zufall. Lass´ deine Angel nur hängen. Wo du's am wenigsten glaubst, sitzt im Strudel der Fisch. Ovid, glaube ich. Passt das nicht?“

„Ernst“, strengdachte ich, „Schluss jetzt…“

„DU bist mal ganz ruhig“. Ich merkte jetzt erst, dass Henning mich warnend aus zusammengekniffenen Augen ansah, „DU hältst dich da raus, Jens, gerade DU.“. Er legte die Betonung jeweils auf das „du“. „Und du auch, Hauke, du auch – sag´ ich einfach nur mal so…“

Elsa hatte das mitbekommen. „Wieso das denn wieder? Was meinst du denn? Hab´ ich da ´was verpasst?“

„Ja, wenn du meinst, Henning“, stimmte Hauke schnell zu, „also, wenn ich genau nachdenke, denn könntest du ja schon Recht haben, ich hab´ da neulich nämlich schon ein altes Netz hingebracht, fällt mir gerade ein. Ich wollte nämlich die ollen Kraniche davon abhalten, sich an meinen Aalen gütlich zutun. Genau…“

„Nee, du hast nix verpasst, Elsa, gaanix… Aber den ollen Klogschieter von Jens kann ich dabei überhaupt nicht brauchen. Ist ja meine Arbeit. Hab´ich ja gelernt und er nich´. Und mit Haukes Netz ist ja nun auch alles klar. Unfall. Wahrscheinlich wollte der sich ´n Aal klauen, der Typ, also das Gerippe, also, als dass noch keines war…“

Henning machte ein Pause, in der er nachdachte.

„Wisst ihr, das ist doch so: Das bleibt wieder alles an mir hängen, also, die Arbeit, meine ich. Habt ihr eine Ahnung, was da auf mich zukommt, wenn das kein Unfall war? Allein der Papierkram.

Nicht zu vergessen, all die andern Klogschieter von Kiel, die Bullen, die wieder mal alles besser wissen. Allein dieser Borowski… Und denn noch die Brandt… Nee, die sollen man bleiben wo sie sind. Sonst kann ich mir mit Kaffeekochen und Kopieren den Arsch aufreißen und bin doch der Doofie, kennt man doch. Nee, nee, am besten hast du gar nichts gefunden, Hauke, gaaanix, hast du gehört?“. Diesmal betonte er „gaanix“ besonders. Und ihr anderen haltet ganz einfach die Schnauze. Alle. Verstanden? Hauke ist hier gaanich´ reingekommen. Nicht heute.“

Elsa, Hauke und ich nickten zustimmend. Nee, die Kieler Schlauberger-Bullen konnte hier keiner brauchen. Wir schon einmal gar nicht.

„Verstanden, Henning“, stimmte Elsa zu, „und du hast hier auch nicht rumgekotzt, oder?“

„Ich kotz´ nie“, war alles, was Henning noch sagte.

„Ist auch besser für´s Geschäft“, stimmte Hauke zu, „wenn die anderen Kneipen nix erfahren. Irgendwo muss ich ja meine Aale noch loswerden, nich´? Elsa…“.

Er machte die Bewegung mit dem nach unten gehaltenem Zeigefinger.

Ende

 


[1] Siehe „Geiersturzflug. Geierjagd auf Rügen“. Ein Kurzroman

[2] Genauer nachzulesen im Herbsttag“ von Rainer Maria Rilke

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