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Mord-Geschichte: Auf´m Hafendampfer in Kiel

Noch eine von diesen Mord-Geschichten aus Ostholstein mit dem Mörder mit den vier Persönlichkeiten im Kopf.

„Hallo Jens“, ruft Carsten von der Straße als ich gerade die Haustür abschliesse, „willst du weg?“

Ja, natürlich, will ich weg, denke ich, warum schließe ich wohl sonst das Haus ab. Aber Carsten kann man nicht böse sein, er ist einfach ein bisschen zurückgeblieben.

„Ja“, rufe ich also zurück, drehe mich um und winke ihm zu, „muss nach Kiel.“

„Soll ich dich fahren?“, bietet er an, „Du, der neue Trecker macht glatt 50 Sachen auf der Landstraße.“

„Du spinnst“, sage ich, „gib nicht so hemmungslos an, Carsten, „das ist ´n Trecker und du bist nicht Nico!“

„Nico?“, fragt er zurück und bleibt offenbar schwer nachdenkend am Gartentor stehen, „Welcher Nico? Kenn´ ich nich´, sollte ich?“

„Nico Rosberg, Mercedes, Formel eins“, sage ich, „Mensch, Carsten, musst du doch kennen, der Rennfahrer…“

„Ach der“, sagt lachend er, „der immer brumm, brumm, brrrruuummmm…“

„Genau der, Carsten. Nee, ist ganz lieb von dir, aber lass man, fahr du man auf´n Acker, ich nehme meine Karre und fahr nach Laboe, da nehm´ ich denn den Hafendampfer…“

„Du“, widerspricht Carsten, „ich fahr dich aber gerne, Jens, null Problem, und den Acker kriege ich am Nachmittag ja auch noch hin, wenn ich wieder zurück bin, ist ja nicht weit nach Laboe, nich´?“

Mach zu, Junge, denkt Mari mir zu, wir müssen…, Jens.

Ja, denke ich zurück, ich mach´ schon.

„Carsten“, sage ich also, „nochmal danke, ist ganz lieb von dir, wirklich, aber mir bressiert´s…, weißt du, der Hafendampfer geht um zehn vor drei, das ist in 30 Minuten.“. Ich schaue vielsagend auf die Uhr. Man, jetzt wird´s aber wirklich langsam Zeit. Ich sage ihm nicht, dass ich den Dampfer keinesfalls versäumen darf, denn ich bin verabredet. Es geht um einen neuen Job.

„Mach´s gut, Carsten, vielleicht treffen wir uns heute Abend bei Elsa auf ein Bier?“

Man, stöhnt Mari, ihr Männer immer mit eurem Bier… Und von wegen eines, werden doch wieder fünf oder sechs. Und ich kann uns wieder nach Hause bringen.

Wir erreichen den Dampfer gerade noch mit Mühe und Not. Die letzten drei Ampeln habe ich aus Erfahrung einfach nicht ernst genommen – da kommt eh nie einer, heute auch nicht. Und auf dem Parkplatz habe ich mich schnell irgendwie in eine Lücke geklemmt, die für unser Auto eigentlich nicht gedacht war. Naja, wird schon gehen... Dann musste ich im Laufschritt zum Anleger. Mit den Armen habe ich wie blöd gewunken, damit Fiete, das ist der Festmacher auf der „Strande“ ja nicht den Tampen zu früh von der Klampe nimmt. Atemlos schaffe ich den letzten Sprung.

„Na“, lacht Fiete, „alt geworden? Du warst auch schon mal besser drauf, was?“

„Nee“, sage ich, „aber früher haben die Dampfer einfach gewartet, wenn einer, den ihr kanntet, angelaufen kam.“

„Tja“, sagte Fiete und wiegte den Kopf, „da magst du wohl Recht haben, Jens, aber früher sind wir ja auch nicht nach Taktfahrplan gefahren. Der Fahrplan war ja nur ungefähr… Heute müssen wir ja die Linienbusse am Hauptbahnhof erreichen. Und die fahren auf jeden Fall auf die Minute pünktlich ab, die warten auch nicht auf uns, weißt du, ist sowieso alles Scheiße geworden, wenn du mich fragst. Gehst du rein oder rauf?“. Er will wissen, ob ich mich in die große (geheizte und windgeschützte) Kabine setze oder mich oben in der Kälte ins Freie setze.

Ich zucke mit den Schultern. „Mal sehen“, sage ich, „ob und wie es pfeift, weißt du? Ich glaube, ich gehe aufs Mitteldeck, da hab´ ich die freie Wahl.“. Dann verkauft er mir Fahrschein und Dampferzuschlag „hin und zurück“. „Rabatt is´ nich´“, sagt er lachend, „weißt du ja. Hast du was Besonderes vor in Kiel?“, fragt er noch.

„Nö, ich glaube, ich fahr einfach nur mal so, ´n büschen Schiffe gucken, oder so, muss mir mal den Kopf durchblasen lassen, weißt du, hab´ in den letzten Tagen einfach ein büschen zu viel Bier und Korn bei Elsa gehabt, glaube ich. Ich denke, ich werde bis zum Bahnhof fahren und denn gleich wieder mit zurück. Wann sind wir wieder in Laboe?“

Er denkt einen Moment nach, dann schaut er doch lieber auf den Aushangfahrplan,. „Um 17.20 Uhr, wenn alles glatt geht. Ja, klar, mal ´nen klaren Kopf kriegen, verstehe ich. Is´ wichtig, braucht man manchmal...“

Das ist ja das Gute an Fiete, er versteht mich einfach, auch wenn es nichts zu verstehen gibt, denn ich habe eine Verabredung an Bord und ich werde auch im Februar ganz bestimmt oben im Freien sitzen, blauer Himmel mit ein paar weißen Fähnchen ist eh. Zur Abwechslung mal schönes Wetter statt Schietwetter.

„Mach´s gut, Fiete“, sage ich, gebe ihm einen Klapps auf die Schulter und verziehe mich nach oben, „man sieht sich!“. Draußen ist niemand zu sehen. In der Kabine ist eine junge Frau mit einem schreienden Baby im Kinderwagen beschäftigt. Sonst ist keiner da, gut so.

Um viertel nach drei legen wir in Möltenort an. Ein Mann, auf den die Beschreibung zutrifft, wartet auf der Brücke schon auf den Dampfer. Ich stehe ganz hinten zwischen den beiden Schornsteinen und schaue interessiert den Möwen zu, die wie immer hinter den Schiffen hinterherfliegen. Der wird schon kommen… Das mit den Möwen geht übrigens bei jedem Anleger eine ganze Weile so, dann hat auch die dümmste Möwe begriffen, dass es nichts gibt, wo keine Touristen sind, und dann kehren sie um, um an Anleger auf Touristen zu warten, die sie füttern. Das muss sich – nach meinen Beobachtungen – allemal mehr lohnen, als selber auf Fischfang zu gehen.

Der zugestiegene Passagier öffnet nach einem kurzen Moment die Tür der Kabine und tritt ins Freie.

Das ist er, denkt Rudi und Mari gibt dazu: Die Beschreibung stimmt, komischer Mantel, den der an hat, muss ´ne neue Mode sein, die bei uns auf´m Land noch nicht angekommen ist.

Ich winke unauffällig einmal mit der BILD von gestern, er nickt leicht, schaut sich mit verschwörerischer Mine um und kommt dann auf mich zu. Auch er hat die BILD von gestern unterm Arm. Ich habe mich wieder umgedreht und schaue offenbar höchst konzentriert ins verdammt kalte Kielwasser der „Strande“, man, da wird dir ja vom Hingucken schon kalt.

Er stellt sich auffällig unauffällig neben mich und schaut ebenfalls über das Heck ims Wasser und dann in den Himmel – muss ein Anfänger sein, denke ich mir, der macht das das erste Mal.

„Hartmut?“, fragt er leise.

„Ja“, sage ich, „interessanter Ort, Möltenort, nicht wahr?“

„Unbedingt“, antwortet er, „das muss man gesehen haben.“

Damit ist klar, dass wir miteinander verabredet sind. Unsere Codes haben wir ausgetauscht. Glauben Sie bitte nicht, dass das immer so blöd läuft, wenn es um einen Job geht, nein, keinesfalls.

„Haben sie sich den Schwachsinn ausgedacht?“, frage ich und schaue nicht ihn an sondern weiterhin geradeaus ins Kielwasser hinters Schiff.

„Gott bewahre“, antwortet er, „so etwas könnte ich mir gar nicht ausdenken. Ich hätte wahrscheinlich gefragt, ob, sie „Drei Senkrecht“ im Kreuzworträtsel schon gelöst hätten, oder so etwas in der Richtung.“

„Und ich hätte dann gesagt? Nachtvogel mit drei Buchstaben? Puh, das ist schwer… Oder etwas in der Art? Oder ganz schlau: Haben sie es mal mit Eule versucht, könnte passen, wissen sie?“

„Ich sehe, wir verstehen uns“, lacht er. Wir schauen uns kurz an an und reichen uns die Hände. Er muss erst seine Handschuhe ausziehen, er steckt sie dann in die Manteltasche.

„Hartmut“, sage ich, um mich vorzustellen und um das Eis zu brechen.

„Heinrich“, stellt er sich vor. „Nun ja“, sagt er dann, „ich denke, sie werden genauso wenig Hartmut heißen, wie ich Herrmann, aber was solls? Wir werden keine Freunde werden, glaube ich. Nicht, dass ich etwas gegen sie habe, aber wir sehen uns nur dieses eine Mal, so meinte ich das.“

„Mag sein“, stimme ich zu, „kommen wir zur sache. Sie haben einen Job für mich?“

„Genau.“

„Sie kennen die Bedingungen?“

„Ja, wenn sie sich nicht geändert haben…“

„Haben sie nicht. Wer ist es? Wann? Wie.“

„Wollen wir uns da in den Windschatten setzen?“, fragt er, „da kann ich ihnen die Unterlagen zeigen.“

„Ist gut“, meine ich achselzuckend, „wenn sie meinen…“. Zugegeben, eine gute Idee, hier ist´s schon bannig kalt, wenn ich ehrlich bin.

Wir finden einen fast total im Windschatten liegenden Platz und setzen uns. Das Schiff ist kaum besetzt und wer halbwegs in Besitz seiner geistigen Kräfte war, hatte drinnen im Warmen einen Platz gesucht und gefunden. Wir waren allein. Und hier draußen ist auch kein Abhören möglich.

Er greift unter seinen Mantel und holt eine dünne Mappe heraus, die er mir gibt. Die Mappe enthält nur wenige Blätter, das erste ist ein großformatiges Foto. Es zeigt einen sympathisch aussehenden Mann irgendwo zwischen fünfzig und sechzig Jahren. Auf den weiteren drei Seiten finde ich alle für mich wichtigen Informationen: Name, Beruf, Alter, Wohnadresse und Arbeitgeber und Arbeitsplatz, Hobbies etc. Ein professionell zusammengestelltes Bulletin:

Er heißt Caspar Benedikt, ist freier Journalist, verheiratet, zwei studierende Kinder, wohnt und arbeitet in Hamburg und schreibt für eine unabhängige (eher linke) Wochenzeitung mit geringer Auflage. Kurz, aus meiner Sicht ein ehrenwertes Mitglied der Gesellschaft und offenbar ein sympathischer Kerl. Ich hatte seinen Namen schon einige Male gehört und ich hatte auch Artikel von ihm gelesen, denn Ernst ist Abonnent der Zeitung – und damit wir.

Scheiße, sagt Mari, ausgerechnet der? Ausgerechnet. Nee, nicht? Der ist einer der wenigen unabhängigen Geister in der Republik. Ernst, der sich sonst nie zu Worte meldet, sagt: Das macht ihr nicht wirklich, oder? Also, bitte nicht den, Jungs... und Mari, bitte, ich meine, der wird noch gebraucht...

„Darf ich fragen“, frage ich, Herrmann, „warum? Warum er?“

„Ich dachte, das spielt für sie keine Rolle“, sagt mein Auftraggeber, „ich dachte, sie arbeiten so: Keine Fragen, keine Bedenken... So hat man es mir jedenfalls in der Behörde in Berlin gesagt... Sie kriegen das Geld, also erst das Dossier, dann die erste Hälfte vom Geld und dann machen sie es... Und dann kriegen sie den Rest. Ist das nicht so? Aber wenn es sie interessiert, warum nicht? Mein Gott, sonst will man ja auch immer Mitarbeiter, die mitdenken, nicht wahr? Kennen sie die Presselandschaft der Republik? Ich meine, was da zur Zeit abgeht?“

„So in etwa“, murmele ich, „ich lese Zeitungen, ab und zu den SPIEGEL, schaue Fernsehen, das Übliche, denke ich. Was geht denn ab?“

Herrmann schweigt einen Moment, in dem er über die Förde blickt. Dann sieht er mich an. Es dauert einen Moment, dann beginnt er zu sprechen: „Ukraine“, sagt er dann, „es geht um die Ukraine. Natürlich, was sonst. Geht doch im Moment alles um die Ukraine, verstehen sie. Wir haben die Zeitungen, die Zeitschriften und Fernsehsender im Griff – alle! Die schreiben oder besser, die berichten alle das Richtige! Ohne Ausnahme. Schon schön gleichgeschaltet, wissen sie“, lachte er.

Das darf doch nicht wahr sein, denkt Ernst, habt ihr das gehört, die haben unsere Presse gleichgeschaltet. GLEICHGESCHALTET! Die angeblich freie Presse. Erinnert euch das an was? Ja, haben wir verstanden, riefdachte Mari, Ernst, wir sind auch nicht blöd, nun halt doch mal den Mund. Das ist doch interessant, was der Kerl da erzählt. „Wir, der Westen, die EU und die Amerikaner, wir müssen natürlich die Ukraine retten, Putin ist der Böse, Putin ist Hitler, Putin ist Stalin, der Russe ist gefährlich und wir sind die Guten! Alles gut soweit.“ Ich glaube es nicht es nicht, denkt Ernst verzweifelt, die verarschen uns nach Strich und Faden... Und keiner merkt es!

„Und dann gibt es einige wenige – und dazu gehört unser Journalist hier“, Herrmann klopft auf die Mappe, „der ist nicht für Geld und gute Worte davon zu überzeugen, das auch zu schreiben! Man wir haben alles versucht. Der macht einfach nicht mit, der droht sogar, unsere Anknüpfungsversuche publik zu machen. Die anderen, wissen sie, denen muss man nur einen kleinen Wink geben, hier eine Pressekonferenz, dort ein exklusives Interview, eine hübsche Pressemappe aus Leder, ein paar gut verstandene Tipps, mal ein neues Tablet oder eine Kamera und alles läuft in der richtigen Richtung. Die ganz hartnäckigen kriegen Geld, aber das sind Ausnahmen. Heute ist das ja einfach, nicht wahr, für vielversprechende junge Journalisten ein teures Stipendium in den USA, dort eine Mitgliedschaft in einer transatlantischen Gesellschaft, die bekannteste ist die Transatlantische Brücke, schon ist|sind er|sie|es gefangen. Karriere potenziell garantiert - oder fast garantiert, man darf nur nichts falsch machen... Was von einem erwartet wird, was man schreiben darf, wird einem da früh beigebracht. Hat man das erst einmal begriffen, geht alles wie von selbst: USA ist gut, alles aus den USA ist gut, wir verteidigen die Demokratie, die Menschenrechte... Niemand hinterfragt das. Russland ist schlecht, Putin ist das Böse an sich. Er  ist der Antipode alles Guten.

Wissen Sie, was das Beste daran ist? Nein? Ganz einfach: Man muss diesen jungen Schreiberlingen nicht einmal mehr sagen, was sie schreiben sollen! Das geht von ganz alleine... Das kommt bei denen automatisch von innen heraus, die GLAUBEN das! Jedenfalls glauben sie, dass sie das glauben... Verrückt oder? Und so einfach. Man muss das System nicht lieben - aber man muss es bewundern! Es ist perfekt. Wann haben Sie das letzte Mal etwas Positives über Putin gelesen oder gesehen? ... Sehen Sie!

Aber der? Der schreibt einfach, was er will. Unglaublich! Ein Verbrechen! Ein Verbrecher!“

Und den sollen wir umbringen? Die einzige Stimme, die die Flamme der Wahrheit hoch hält, schreidenkt Ernst, nein, das könnt ihr nicht machen... Mari, du denkst doch auch selber, Mari, sag doch mal ´was...

Ich denke, Ernst, dachte Mari, lass mich einfach nur denken, Ernst, lass mich kurz in Ruhe denken...

Herrmann spricht weiter, er weiß ja nichts von unserem inneren Dialog: „Sie verstehen das sicherlich, wir bemühen uns darum, dass unsere Bevölkerung das Richtige hört und sieht und liest… Man will die Menschen ja auch nicht verunsichern, nicht wahr? Dafür haben wir ja unsere Spezialisten, unsere Think-Tanks, damit die denken. Aber doch nicht der einfache Mann auf der Straße, der doch nicht… Bei dem weiß man ja nicht, was da raus kommt, reicht doch, wenn der Wählen gehen darf, oder?

Und dieser miese Schreiberling macht einfach nicht mit. Der macht uns alles kaputt! Was meinen sie“, redet Hartmut sich langsam in Rage, „was das allein kostet, diese Filmstudios einzurichten, aus denen diese Fernsehreporter angeblich aus Kiev oder sonstwo aus der Ukraine berichten“, Hartmut muss laut lachen, dann fährt er fort: "Da fährt doch kein vernünftiger Fernsehreporter mehr hin, viel zu riskant! Das muss man erst einmal so hinkriegen, dass die Bevölkerung denen das als Ukraine abnimmt..., schon die komische Schrift, die die da haben… Und dann der dauernde Umbau: Erst Kiew, dann die Krim, dann wieder Kiev, dann der Donbaz. Man, als ob die sich nicht entscheiden können. Die Kohlegruben sind ja noch einfach zu machen, da gehen wir in irgend so eine alte Mine im Ruhrpott... Aber der Rest, wissen sie... ich sage ihnen: Da war die Berichterstattung der Amis vom Mond oder von 9/11 ja ein Klacks dagegen.“

Hat der eben gesagt, der Flug zum Mond war getürkt, fragt Rudi ungläubig dazwischen, und 9/11 auch? Ich fasse es nicht. Alles gelogen...

Offenbar schon, denkt Ernst, die lügen nur..., alle!

„Von 9/11 ganz besonders, da konnte man ja direkt aus den tatsächlich vorhandenen Trümmern berichten, man, das war aber trotzdem richtig gut gemacht, ich meine, emotional und so… Ich glaube, die Tränen waren sogar echt. Naja, wird sie nicht interessieren. Sie, Hartmut, wenn der Benedikt uns drauf kommt, wo die Ukraine-Studios in Wirklichkeit stehen…, gleich hinter Anklam nämlich, man, dann ist die Kacke aber echt am Dampfen. Ich glaube, der weiß schon etwas, kann sich nur noch um Tage handeln… Sie, da müssen sie schnell arbeiten, Hartmut, ruck zuck muss der weg! Sie sind doch einer von uns, das verstehen Sie doch, das muss ich IHNEN doch nicht erklären.

Und am allerschlimmsten, dann müssen wir weiterhin dieses miese russische Gas von Gasprom kaufen statt das gute Fracking-Zeug von unseren Freunden in den USA.

Sagt mal, denkt Ernst, will der sagen, dass sich die ganze-Ukraine-Scheiße irgendjemand in irgendeinem US-Ölkonzern ausgedacht hat, um uns das amerikanische Gas statt russischen unterzujubeln?

Das kommt bestimmt noch, denkt Rudi. Ich verhalte mich erst einmal still.

„Man darf ja auch nicht vergessen“, spricht Herrman weiter, „dass die da in USA die ganze arsch-teure Fracking-Technik aufgebaut haben, die müssen ihr Zeug ja auch los werden, nicht? Und wo denn, wenn nicht bei uns? Ich meine, die Araber sind ja leider nicht so doof, den Amis das Gas abzukaufen, die haben ja selber genug. Nee, der Plan war schon verdammt gut, das muss man einfach zugeben: Die Ukraine aufputschen, die Ukrainer dazu bringen, Gas aus den Pipelines nach Europa abzuzweigen, weil sie pleite sind, die Russen zur Intervention zwingen, schließlich ein Embargo ausrufen und – Bingo, kein Gas mehr für Europa aus Russland! Ist ja Embargo! Und spätestens, wenn´s kalt wird, schreien unsere Leute dann nach US-Gas. Genial. Ich meine, der Plan… finden sie nicht? Man muss das ja nicht mögen, aber der Plan ist so geil...“

„Ist das so?“, frage ich, und mir wird richtig kalt, „ist das wichtig für meinen Job?“

„Das werden sie schon erleben“, lacht der Typ, der mir langsam unsympathisch wird, „gar keine Frage. Und sie werden es erleben...“

„Dann geht es also nur ums Geld?“, fragte ich.

„Es geht immer ums Geld“, sagte er, „und zwar nur ums Geld, immer.“

„Scheiße“, sage ich und habe mich entschieden, „darauf muss ich mir erst einmal einen Moment lang Wind um die Nase wehen lassen.“. Ich stehe auf und gehe ans Heck.

„Sie machen den Job doch?“, fragt er und folgt mir, „sie werden doch keiner von denen sein? Auf sie kann man sich immer verlassen, haben die anderen gesagt.“

„Von welchen „denen“ ?“, will ich wissen.

„Die, die meinen, selber denken zu müssen…“, sagt er mit einer Frage in der Stimme, „ich meine, von mir aus können Sie das ja ruhig – aber für mich ist entscheidend, dass Sie den Job schnell und sauber erledigen.“

„Nein, nein“, sage ich, „ich denke nicht, kann ich mir gar nicht erlauben. Ich bin nur der Finger, der krumm gemacht wird oder besser der, der den Finger krumm macht. Aber selber denken? Brrr!“. Ich schüttele den Kopf, „da hätte ich häufig nachdenken können oder Mitleid haben können… Nee, nich´ in dem Job. Geht nich´, geht ja gar nich´“.

Ich schaue wieder übers Wasser. Wir haben gerade den Anleger Mönkeberg hinter uns gelassen und queren den Hafen schräg, um als nächstes die Haltestelle Bellevue auf der anderen Seite der Förde anzulaufen. Die Route der großen Schiffe, die den Kanal anlaufen, haben wir bereits hinter uns gelassen. Segelboote gibt es im Februar nicht auf dem Wasser, viel zu kalt. Nur ein paar Möwen sind zu sehen, die scheinen nie zu frieren. Ja, es war verdammt kalt, die Wassertemperatur mochte zwei oder drei Grad betragen, höchstens.

Ich schaue mich um, die anderen Passagiere scheinen das Schiff in Mönkeberg verlassen zu haben. Von Fiete ist auch nichts zu sehen. Der wird in seinem Kabäuschen an einer Taschenflasche Rum nuckeln, schätze ich. Würde ich jetzt auch gerne.

„Was ist das denn da Komisches?“, frage ich plötzlich laut und beuge mich weit über die Reling, „das ist ja seltsam… Sehen Sie mal.“

„Was denn?“, will Herrmann wissen.

„Das da“, sage ich und weise ins Schraubenwasser, „das sieht ja seltsam aus…“

Herrmann beugt sich ebenfalls weit vor - und dann helfe ich mit einem ordentlichen Schubs nach. Er verliert das Gleichgewicht und fällt über die Reling. Er schreit nur ein ganz klein bisschen vor Schreck, es ist mehr ein mittellautes „Huch“, dann klatscht er schon ins eiskalte Wasser. Ich sehe, wie er einmal kurz jappst, dann wird er sehr schnell ruhig. Der Schock von dem kalten Wasser! In so kaltem Wasser geht ganz schnell gar nichts mehr. Man gerät in Panik, man kann nicht mehr atmen, man kann die Luft nur noch für Sekunden anhalten, dann aspiriert man Wasser in die Lungen, selbst gute Schwimmer können plötzlich nicht mehr schwimmen, sie verlieren die Orientierung (nicht nur links und rechts, auch oben und unten), sie gehen unter. Es ist interessant das alles bei Herrmann zu sehen. Interessant und komischerweise befriedigend. Durch den Sog wird er in Richtung der Schiffsschraube gezogen. Dann ist er weg, unter dem Schiffsrumpf verborgen, und dann wird das Kielwasser plötzlich ein wenig rot, wie es mir scheint. Aber das ist egal, denn selbst wenn er nicht in die Schraube gekommen ist, kann er bei der Wassertemperatur höchstens fünf Minuten durchhalten, höchstens, schätze ich. Ich schaue auf die Uhr. Noch zwei Minuten. Nichts von ihm zu sehen.

Ob er wieder hoch kommt, will Ernst wissen. Glaube ich nicht, meint Mari. Das geht schnell, denkt Rudi. Zufrieden, Leute, frage ich nach innen. Ja, sie sind es. Gott sei seiner Seele gnädig, lächelt Ernst mild. Dann denkt er: Mein erster Toter, jetzt gehöre ich zu euch, oder?

„Na“, sagt Fiete plötzlich neben mir, „was stierst du denn so ins Wasser als ob es da etwas zu sehen gäbe… Da ist aber nix, da ist nämlich nie etwas… Da hab´ ich schon oft genug was gesucht. Naja, außer dem ollen Mantel da oder was ist das? Er pustet sich in die Hände, um die zu wärmen. Wie wär´s jetzt mit ´nem heißen Grog, Jens? Durchgeblasen musst du doch inzwischen genug sein. Aber drinnen, hier draußen frierst du dir ja den Arsch ab, Jens.“

„Wo war da ´n Mantel? Und wieso Mantel?“, fragte ich.

„Hat so ausgesehen wie ein Mantel... Wie der von einem, der vorhin eingestiegen ist, naja, egal, was geht mich das an? Hauptsache is´ ja, der hatte ´nen Fahrschein, oder? Denn kann der von mir aus überall aussteigen… Kommst du?“. Damit gehen wir rein.

Auf der Fahrt von Laboe nach Hause ist es in unsererm Kopf ziemlich still. Zum ersten Mal haben wir einen Job nicht nur in Frage gestellt, sondern auch noch nicht ausgeführt. Noch besser, wir haben den Auftraggeber auch noch umgebracht. Wir sind vom Werkzeug zum Richter geworden. Das ist schlecht. Für die Zukunft!

Leute, denke ich an alle gerichtet, das machen wir nicht wieder. Wir sind nicht Richter. Das steht uns nicht zu. Das macht alles viel komplizierter. Nix für uns, finde ich, nicht, wenn wir im Geschäft bleiben wollen.

Mag sein, denkt Ernst zurück, aber manchmal ist die Situation so, dass man sich gegen die Mächtigen wehren muss... Denkt nur einmal, was die immer sagen: eder einzelne hätte vor und nach 1933 Hitler verhindern müssen. Jeder damals hätte sich wehren sollen, jeder! Oder in der DDR: Die Wessi-Schlauberger, die verlangt haben, dass 18jährige Soldaten sich Befehlen ihrer Vorgesetzten konsequent hätten widersetzen sollten. Da sagen sie, man soll sich wehren. Bei uns natürlich nicht, das sei ja etwas anderes... Wir haben nichts anderes getan. Nichts anderes! Wir haben nur Widerstand geleistet.

Sollen wir diesen Typen informieren, wie heißt der noch, fragt Mari. Caspar Benedikt, antwortete ich. Genau, Caspar..., ich glaube nicht, denke ich zurück, ich glaube es ist besser für ihn. Man könnte ihm höchstens sagen, er solle auf sich aufpassen..., aus gutem Grund oder so.

Als ich die Haustür wieder aufschliesse, höre ich Carsten schon wieder rufen: „Na, Jens, schon wieder da? War ja man ´nen kurzen Ausflug. Nix los in der großen Stadt, was?“. Er bezeichnet Kiel immer als „die große Stadt“. Jeder, der schon einmal eine wirklich große Stadt erlebt hat, würde sich über die Einordnung von Kiel in die Kategorie „große Stadt“ kaputtlachen... Nee, da ist nie ´was los – höchstens mal, wenn THW in der Ostseehalle spielt.

„Nö, Carsten, war man bloss hin und zurück mit dem Dampfer. War aber banning kalt auf´m Dampfer. Schönen Gruß von Fiete, soll ich sagen. Sag mal, bist du schon wieder fertig mit dein´ Acker? Du, nur mal sone Frage: Was machst du eigentlich im Februar auf´m Feld? Ich dachte, der Sähmann verschläft den Winter?“

„Nee, wie kümmst du auf die Idee? Muss mich doch an den neuen Trecker gewöhnen, Jens, was meinst du denn? Dass das alles so geht? Nee, nee... Du, der Trecker is´ man wirklich allererste Sahne... Is´ echt ein fixen Dutt, ehrlich. Sehen wir uns nachher noch bei Elsa?“

„Na klor, Jens, denn kannst´ ja auch ´n büsschen vom Trecker erzählen, hört sich spannend an, also, denn man bis denn!“

Nee, nicht, denkt Mari mir ärgerlich rüber, das ist jetzt nicht dein Ernst, Jens, oder? Jetzt kann ich mir den ganzen Abend das trostlose Gelaber von Carsten anhören – über einen Trecker... Man o man, der erzählt von jeden einzelnem Schalter. Jens, wie kannst du mir das antun?

„Ja, tschüß.“

Ach Mari, wird schon nicht so schlimm werden... Aber da war ihre Tür schon zu.

Ein paar Tage später konnte man in der KN eine Meldung lesen, nach der aus dem Kieler Hafen ein Mantel gefischt worden war – das alleine war ja noch keine Meldung wert, aber man hatte 15.000 Euros in den Taschen gefunden, in kleinen nicht durchgängig nummerierten Scheinen. Von einem toten Besitzer war keine Rede. Hat sich übrigens auch nie wieder einer von der Behörde gemeldet.

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