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Früher war alles einfacher, da hieß das hier Querdenken, Querdenkereien oder Quer-ich-weiß-nicht-was. Dann kamen diese unegalen Möchtegern-Querdenker, die verrückten Ärzte, Köche, Nazis, Impfgegner und Gates-Feinde, die allesamt Corona ablehnen, und das auch öffentlich abstands- und maskenlos protestieren. Mit denen möchte ich bitte auf keinen Fall in einen Topf geworfen werden. Deshalb kein Querdenken mehr, das könnte verwechselt werden, jetzt bin ich eben am ceterum censeo...
 Bananenbuch
"Wenn Bananen "Wenn Gondeln Trauer tragen" sehen.
Ein außergewöhnlicher Fotocomic, den man gelesen haben muss

Hier in voller Länge

Der Dessous-Schneider. Die 4. Auflage

Empfehlung
Klaus Bock by Klaus Bock

Es handelt sich um die vierte Auflage der Geschichte mit einem neuen Ende 

Vorwort

Dieser erotische Kriminalroman ist vor allem eine Anbetung von Frauen… Zugegeben, nicht alle Frauen werden hier angebetet. Denn in dieser Geschichte wird den etwas Älteren (so ab 44+ Jahre) und den etwas kräftigeren Frauen (so ab Größe 44+) „das Hohe Lied gesungen.“ Es ist ein Lied voller Zuneigung und Bewunderung!

Die Damen dieser Geschichte sind von mir keinesfalls frei erfunden worden – diese mutigen und nicht zuletzt sehr sexy Frauen existieren tatsächlich (irgendwo), ich habe ihre Facetten, Eigenschaften und Vorlieben nur so „durchgerührt“, dass ich nicht glaube, irgendjemand könnte auch nur eine von ihnen identifizieren.

Und wenn Sie doch glauben, Sie erkannten eine oder mehrere von ihnen, seien Sie einfach ein(e) Gentle(wo)man – und schweigen Sie. So geht das nämlich.

Sollten mir fremde Damen oder ihre Herren glauben, ich hätte Aspekte oder Maße von ihnen verwendet, 1.) wie könnte ich und 2.) nix da, nein, die Damen sind alle im Voraus befragt und informiert worden und haben alle gerne zugestimmt.

 

Deshalb bedanke ich mich an dieser Stelle ganz herzlich bei Ruth, Sarah, Jana, Esther und Frau Lucchetta für ihre Unterstützung und die vielen tiefen Einblicke, die sie mir erlaubt haben!

Klaus Bock
im Dezember 2012


fortyfourplus

Die folgende Geschichte spielt weitgehend im und um das fortyfourplus. Das ist ein sehr kleines aber sehr exquisit geführtes Dessousgeschäft in der Münchner Innenstadt, und sie führt den Leser an Handlungsorte in Venedig und Palma de Mallorca.

Das fortyfourplus bietet (Maß-) Dessous und Korsetts für Frauen ab 44 – und damit sind Alter und Größe gemeint!

Besitzer und Chefdesigner von fortyfourplus ist der Schneidermeister Maximilian Xerxes, ein Zugreister, wie die Mün­chner sagen, oder ein Preiss.

Max hat erst Schneider gelernt, dann seinen Meister gemacht und schließlich die Kunstakademie besucht. Später war er Bühnenbildner am Staatstheater.

Seine Chef- und einzige Verkäuferin ist Frau Lucchetta, mit der ihn ein langes vertrauensvoll-freundschaftliches Ver­hältnis verbindet, und die seine rechte Hand in vielen Dingen ist und mit der er nie etwas hatte.

Dann gibt es da noch das allseits unterschätzte Faktotum Wolfgang, einen Alleskönner und den Kater Mr. Spock. Und natürlich sind da die verschiedenen Kundinnen – Sie erinnern sich? Alle ab 44+!

Die Max interessierenden Kundinnen sind also üppige Frauen, viele im besten Alter von 50 plus/minus 10 Jahre, einige sehr, sehr sexy und manche auch ein wenig verliebt in den „Meister“, wie sie ihren Max nennen.

Anfangs interessieren uns vor allem Esther, Ruth und Jana, um nur die wichtigsten zu nennen. Später werden dann noch Rebecca und Sarah hinzukommen.

Die folgenden drei Tage waren der Höhepunkt im Laufe des Jahres in der Geschichte um die, die uns am meisten interessieren sowie Frau Lucchetta und Max und Wolfgang. Es waren nämlich die drei Tage in Venedig mit einer großen Modenschau und verschiedenen wirklich sehr bemerkenswerten Fotosessions. Venedig spricht noch heute davon!

Gerade in diesem Moment ist die Modenschau in der Ca´ Albrizzi kurz vor dem Ende. Weil das der Höhepunkt aller Höhepunkte ist, lassen Sie uns endlich ohne weitere Umschweife beginnen.

Heben wir also den Vorhang zum ersten Akt in Venedig:

Venedig

Gewaltiger Applaus brandete auf als die Models noch ein letztes Mal über den catwalk schritten. Die Linardi lüpfte den Vorhang ein wenig, um neugierig hinaus schauen zu können – Max gab sich cool – das waren seine Mädels!

Obwohl er hinter der Linardi stand, konnte er sehen, wie sie – seine Mädels – das handverlesene Publikum aus Modejournaille und Einkäufern ausgewählter Boutiquen aus halb Europa ein letztes Mal begeisterten, selbst die Grand Dame von der Vogue und die Neue von Cosmopolitan erhoben sich, um sich den Standing Ovations der anderen Gäste anzuschließen.

Gerade neigte sich Esther, ihr eigenes Champagnerglas zier­lich balancierend vor, und zauberte das andere in die Hand des Conte. Dabei schaute sie seine Gattin fragend an und hauchte ihm – nachdem die Gattin fast unmerklich genickt hatte – einen Kuss auf die Wange, der Conte revanchierte sich galant mit einem Handkuss.

Sagenhaft, wie sich der lange Halbmantel aus Straußenfedern an Esthers Rückseite zum Boden schmeichelte, sich auffächerte, Einblicke erlaubte und augenblicklich wieder verhüllte, wie sich die Lichter der prunkvollen Deckenlüster in den Farben der Federn wiederfanden, wie sich die Farbpalette in den Dessous wiederholte.

Esther trug jetzt die gewagteste Kreation des Abends: Ein Halskorsett, pechschwarz, das wie ein V zwischen ihren Brüsten endete und am anderen Ende, knapp unter jedem Ohr in einen Stehkragen mündete. Eingehakt war das V unsichtbar an einem Unterbrustkorsett, gleichfalls schwarz und über den Rücken sehr eng geschnürt.

Sehr lange hatte Max mit Esther diskutiert, ob der Abschluss des V zu ihren Brüsten hin und der Abschluss des Korsetts darunter Pfauenaugen sein sollten, die körbchenbildend ineinander fassten und Esthers üppigen Busen blickdicht umschmeicheln, oder wenigstens ihre Brustwarzen frei lassen sollten. Durchgesetzt hatte sich Max…

Und die sich ansonsten so tough gebende Esther bog gerade ihren Nacken venezianisch elegant zurück, und mehr sicht- als ahnbar grüßten metallicblaue Brustspitzen toppelegant ihren auserwählten Bewunderer…

Das Zusammenspiel ihrer beider Präsentationen war wirklich exzellent geworden, obwohl Max und die Linardi eigentlich nur das Hairstyling abgesprochen hatten, und Haare und Gesichter der Mannequins nun bestimmt nicht die eigentlichen Highlights der Show waren.

Die schmalen langhaarigen Models der Linardi zeigten durchaus ungewohnten Look, denn zu ihrer zarten Wäsche trugen sie strenge Frisuren mit hohen Rädern auf dem Kopf, bei deren Kreation auch Max gestaunt hatte: Der venezianische Figaro hatte die geglätteten Mähnen der Models auf Kissen gedreht (die Max zuerst für Wäschestücke der Linardi gehalten hatte, vielleicht hatte sich der Figaro da auch einen besonderen Gag erlaubt), dann mit Klammern unsichtbar in den verschiedensten Winkeln auf den Köpfen festgesteckt, und schließlich mit langen Nadeln feine Haarvorhänge unter den Haarrädern hervorgezogen.

Die optische Wirkung war sensationell: Feine Haarvorhänge schmeichelten in bizarren, von der Schere anders gezauberten Winkeln vor den Gesichtern der Models, die Winkel veränderten sich, sobald die Mädchen den Kopf wandten, sie verschleierten die Gesichter wie Tüll, sobald die Trägerin auf dem Laufsteg innehielt oder wehten frech nach oben, wenn die Mannequins in die Nähe der Windmaschinen kamen.

Zum zweiten Durchgang hatte der Venezianer dann mit farbigem Gel gearbeitet, alle Haarspitzen hatten blitzschnell die Farbtöne der präsentierten Wäscheteile erhalten und vor dem dritten Durchgang hatte er noch mit zusätzlichen Federn und Pailletten auf den Haarspitzen gearbeitet.

Max selbst hatte die Haar- und Kopfskulpturen für seine Models in München kreiert, hatte dafür viele Stunden mit Frank im Salon Scalp zugebracht. Nach alten Handwerksmethoden und nur mit besten Materialien wurden kunstvolle Perücken gebaut, jede war auf die Trägerin genau abgestimmt.

Esther zum Beispiel hatte bei der ersten Anprobe den neongrün-orange-blauen Bob gar nicht mehr hergeben wollen und konnte kaum aufhören, sich zu schütteln und sich vor den Spiegeln zu verbeugen – erst recht, als Frank noch Körperfarben hervorholte und ihre Augen, ihre Nase, und zur Hälfte auch ihren Mund in eine auf ihr Gesicht gehauchte Maske, hingepinselt wie in asiatischen Kalligrafien, verschwinden ließ.

Max hatte vor der Show mehrfach geübt, die Kunst eines Maskenbildners war ihm heute allerdings ganz hervorragend gelungen.

Esthers Verwandlung im zweiten und dritten Lauf gelang nahtlos. Zum Silberkorsett aus Lederstrick wurde ihre Perücke erst weiß besprüht und streng nach hinten gestylt, weißgrundig wurde auch ihr Gesicht, in dunklem Rot leuchtete nur der Mund. Danach waren ihre Haare in pechschwarz vom Nacken her hochgetrimmt worden, liefen in aufgefächerte Spitzen aus.

Nun muss man, um die fast überbordende Begeisterung des Publikums zu verstehen, wissen, dass „Max´ Mädels“ a) keine Profimodells waren und b) zwischen 40 und 55 Jahre alt und c) üppig gebaut waren – sie trugen Größe 42 bis 46! und d) exquisite Dessous präsentierten.

Sie waren also alles andere als typische Models, sozusagen der Gegenentwurf zum Model.

Als Ruth mit ihren gut 50 Jahren als erste der „Max´ Mädels“ den catwalk betrat (vorher hatten die eher klassischen (dünnen) Modells der Cristina Linardi wohl 15 Minuten lang den Laufsteg beherrscht), war einen Moment lang atemlose Überraschung im Publikum zu spüren – man hätte die berühmte Stecknadel fallen hören können. Dann hatten sich die ersten schüchternen (weiblichen) Hände zum Applaus entschlossen, und schließlich brandete lauter Beifall durch die alten Hallen des Ca´ Albrizzi: Applaus, Applaus und viele Bravos und Bravissimos…

Bei Ruths Perücken hatte Frank mit Ondulierofen und Lockeneisen gearbeitet. Sanfte Fresh-Curls in rostrosè lagen wie eine Kappe um Ruths Kopf als sie den Catwalk eingangs betrat, danach war es vielfarbig-violette Fülle mit asymmetrischem Mittelscheitel, zuletzt wieder eine Kappe mit glattweißem Haar und nur einer Vorderleiste aus Gesichtslocken. Zu jeder Frisur trug Ruth den auf ihre Dessous abgestimmten Hauch von Hütchen.

Wegen der neuen Mode waren die Gäste gekommen, man hatte einiges erwartet, Cristina Linardi und Max Xerxes waren eben „big shots“ im Wäschegeschäft – die Stars des Abends wurden dieses Mal aber nicht die Modeschöpfer – eben die Linardi und Max – sondern die „richtigen Frauen“ Esther, Ruth und Jana. Wunderbar üppige Frauen – aber eben keine Models!

Die anwesenden Damen waren es zufrieden, dass die Mode auch an ihnen richtig gut aussehen würde und nicht nur an den „Hungerhaken“, die anwesenden Herren würden in ihren Clubs von einem „Bild für die Götter“ sprechen oder gleich von den „dive germaniche“, den deutschen Göttinnen, obwohl es Deutsche waren, aus Sicht des Italieners ja eher Barbarinnen.

„S…quisita“, zischte die Linardi begeistert und es war Max völlig egal, ob sie die exquisite gemeinsame Show meinte, ob seine oder die eigenen Kreationen, ob die jetzt überschäumende Stimmung in der Ca‘ Albrizzi oder – und das schien ihm logisch – diese einfach geballte Wucht von gut ausgepackter weiblicher Schönheit. Sinnlichkeit, das hatte er gewollt, sogar Sinnlichkeit pur. Lebendiges Leben mit Elegance, Stil, Perfektion und nicht zuletzt handwerklicher Extraklasse, überzuckert von einem Hauch illustrer Dekadenz. Und genau das war es auch geworden.

Venedig oder jedenfalls ihre handverlesenen geladenen Gäste lagen ihnen zu Füssen, ihnen allen!

„Beeilung“, hatte er „seine“ Drei noch angefeuert, als die ersten Töne von Eric Claptons magischen Fingern das Fi­nale der Modenschau intonierten.

Er hatte ihnen jeweils zwei Champagnergläser, eines in jede Hand, gedrückt, wollte ihnen noch die richtigen Platznummern der wichtigsten der wichtigen Gäste zuflüstern, aber es war bereits alles nur noch wonderful, wonderful tonight.

Carla, Maria und Sophia, die drei italienischen Profimodelle, die Max für diesen Abend zusätzlich angeheuert hatte, um die neuesten Dessous seines Labels MassimoX zu präsentieren, nahmen sich jeweils ein Tablett mit sechs der eleganten Champagnerflöten und schritten hüftenschwingend, einen Fuß gekonnt vor den anderen setzend, über den Laufsteg.

Bei Jana, der Naturblonden, fiel das Deckhaar wie ein großer Champagnerkorken schräg aus dem Wirbel über die rechte Gesichtshälfte, und schwang auf Kinnlänge zu einer feinen Spitze aus, sobald sie den Kopf nur leicht geneigt hielt. Die linke Haarseite hatte Frank in ein Halbrund knapp unter der Augenbraue geschnitten, dass vor dem Wangenbogen endete und das linke Ohr frei ließ.

Janas Metamorphose war ihr kurzes Naturhaar, abwechselnd in Silber und Gold.

Auch Jana hatte ihren Abschlusswalk: Schwarzhaarig auf weiß geschminktes Gesicht, sie trug eine Gesichtsmaske aus grober weißer Gaze, die Max mit riesigen Katzenaugen bemalt und mit überlangen Wimpern versehen hatte.

Zielsicher trippelte Jana auf den 12 cm Höhe ihrer Sandaletten in eine knallrote seidene Winzigkeit an Korsett unter dem Luxusnegligé aus Fee gewandet den Laufsteg entlang; der Hauch ihres Hütchens warf zauberhafte Schatten auf die Maske.

Es waren wirklich die deutschen 42-44-46 Größen, die die Italiener zum Rasen brachten, üppige Dekolletés eben, und nicht die flachbrüstigen, langbeinigen Profimodels nach drei durchgehungerten Dekaden eines entbehrungsreichen Mannequinlebens.

Wir müssen den Lauf der Geschichte hier leider für einen Moment anhalten, um endlich Max vorzustellen:

Das feine, nachtblaue Handschuhleder, aus dem Max Gehrock und die schmale Hose, die er diesem so besonderen Abend trug, geschneidert waren, passte sich jeder noch so kleinen Bewegung seines Körpers an. Er war elegant. Der lang gestreckte Kragen des Jacketts war mit mattschwarzer Seide unterlegt, mattschwarz war auch sein Suitshirt. Und nur, wer wirklich ganz genau hinsah, konnte erkennen, dass in die Seide jeweils winzig klein das Logo MassimoX eingewebt war, ganz so, wie es auf den Wäschezeichen von Max Label zu sehen war.

Dass er sich so auf der Modeschau in Venedig zu zeigen hatte, war die Idee von Frau Lucchetta gewesen, Max selbst hatte lange gezögert. Er wollte keinesfalls auch nur einen Hauch von schwul wirken, und auch nicht wie der typische Designer auftreten.

Aber Frau Lucchetta war hartnäckig geblieben. „Vertrau mir Chef“, hatte sie gesagt, „Du wirst umwerfend aussehen und niemand, wirklich niemand könnte dich jemals für schwul halten, wirklich nicht. An deiner Figur sieht man einfach, wie oft du schwimmst, und dass Du kein Gramm zu viel oder etwa zu wenig hast. Wenn dir dann eine Italienerin zuflüstert, dass du wie ein Bocconchino aussiehst, wirst du wissen, dass sie dich für höchstens vierzig und nicht fünfundfünfzig hält, und ich werde dich nicht verraten.“

Max hatte gelacht. Wie vierzig aussehen, war keine schlechte Vorstellung fand er, der Mitte fünfzig war. Er hatte noch einen prüfenden Blick in den Spiegel geworfen, dabei die immer noch sehr vollen Haare mit nur wenigen Silberfäden darin gesehen, die er mittellang trug.

Das letzte Wort aber hatte sein Schneiderfreund Harry ge­sprochen, der den Anzug gearbeitet hatte und der damit wirklich ein Meisterwerk hingelegt hatte.

„Du nimmst Slipper dazu, wie immer, oder?“, hatte er gefragt.

„Ja klar. Ich werde auch Kniestrümpfe tragen, keine Sorge. Auch wenn ich sie hasse, diese Quälgeister.“

Die Slipper hatte Max aus derselben Quelle bezogen wie der Papst. Wenn er daran dachte, musste er immer noch schmunzeln. Denn das war wirklich das Einzige, was Papst und er gemeinsam hatten.

Gut, genug davon, lassen wir die Show weiterlaufen:

Max grinste die neben ihm durch den Vorhang spechtende Linardi an und sagte glücklich: „Titten und Arsch, die wirken eben, Bella mia“, obwohl sie zumindest das Erste nicht verstehen würde.

Sie verstand „… guarda, Ruthä“ strahlte sie ihn nämlich zur Antwort an und deutete auf die Größe 46, die sich so­eben ganz vorne am Laufsteg lässig bückte.

Dieser strahlende Po! Max war begeistert. Er wollte sich noch­ einmal beglückwünschen zu seiner Idee für gerade diesen Slip, und für die Wahl, dass Ruth in präsentierte – aber dazu kam er nicht mehr.

Denn die Linardi zog in hinaus vor den Vorhang, und Hand in Hand folgten er und die Linardi endlich den immer lauter werdenden Rufen nach ihnen, sie verbeugten sich, sie strahlten mit den Models, mit Jana, mit Esther, mit Ruth um die Wette. Und natürlich der Haute volee. Standing Ovations, Bravorufe – im Hintergrund lief „We are the Champions“, Goldflitter in der Luft. Glückliche Gesichter all überall!

Sie verbeugten sich in alle Richtungen, sie klatschen dem Publikum zu, die Linardi verteilte Luftküsschen, sie grüßten ihnen bekannte Gesichter.

Und die sollten ja in erster Linie ordern, zumindest aber glanzvoll berichten von dieser – wie Max fand – einmaligen ersten München-Venezianischen WäscheTraumShow: Voll satter Erotik, heißer Kurven, üppig wogender Busen und schwingender Pos – das war geballtes Leben auf dem Laufsteg.

Sollten sie sich verlieben in die Labels, und von ihm aus auch in die Frauen, die die Kreationen so unnachahmlich und so selbstsicher trugen. Für „drunter“, natürlich, für be­sondere Momente.

Das in historische venezianische Kostüme gekleidete Personal des Caterers verteilte inzwischen Champagner an alle. Und die Models, darunter die Stars des Abends Esther, Ruth und Jana, sowie Cristina und Max und Frau Lucchetta, ohne die er das hier alles nicht hätte stemmen können, mischten sich unter das Publikum.

Agentur-Fotografen und die lokale Presse ließen ein Blitzlichtgewitter über alle herniedergehen; GALA, Cosmo­politan, ELLE, FashionTale, Glamour oder Harpers Bazar und all die anderen lokalen Hefte wollten versorgt werden – und die Motive der leicht bekleideten Models zwischen den Gästen in Abendgarderobe in den eleganten Räumen der Ca` Albrizzi waren natürlich fantastisch... Hier mischten sich in Jahrhunderten erworbene Eleganz und Stil mit Schönheit, einem Hauch von Dekadenz (nur ein Hauch?) und viel, viel Geld! Boulevard, was willst Du mehr?

Gegen 23 Uhr verzogen sich die letzten Gäste, die Models schminkten sich ab, kleideten sich um und waren schnell fertig für den kurzen Weg zu den bereits wartenden Wassertaxis, die sie zum Fischmarkt bei Rialto bringen würden, hinter dem sich wiederum das Restaurant „Al Peoceto Risorto“ befand, das Max zur Feier des Tages gemietet hatte. Das „Peoceto“ ist ein kleines, intimes Restaurant, das nur in wenigen Reiseführern verzeichnet ist, in dem er aber gerne aß, wenn er in Venedig war.

„Risorto?“, machte sich Wolfgang von der Tür her fragend bemerkbar. Die Musik war verklungen, das Konfetti wurde schon zusammengekehrt. Die letzten Gäste verabschiedeten sich und stellten die ausgetrunkenen Gläser ab. Einer versuchte noch, das letzte Glas Champagner zu ergattern – und dann waren endlich alle fort.

Max nickte Wolfgang zu und vergewisserte sich bei der Linardi, ob man sich verstanden habe: Am Anleger des Palazzo würden schon die Boote warten, die sie alle nach diesem wundervollen Abend zu seinem Lieblingslokal bringen würden.

Selbst diese Fahrt durch die in nächtlicher Stille daliegenden Kanäle Venedigs würde ein besonderes Erlebnis werden – erst durch die durch den fast voll am Himmel hängenden Mond erleuchteten kleinen Canali und dann ein Stück den Canal Grande entlang, an ihrem Hotel vorbei, unter Rialto hindurch zum Fischmarkt.

Er hatte das nahe zum Mercato gelegene Ristorante für diesen Abend exklusiv gebucht, was sich als schwieriger erwiesen hatte als vermutet, denn Freitag war dort Ruhetag und der war dem Besitzer heilig.

Aber dann war Jana zur Verhandlung hinzugekommen, hatte unbefangen ihr tschechisch-deutsch-englisches körperbetontes Kauderwelschitalienisch parliert, hatte den Besitzer gefragt, ob es „Castaure von San Erasmo“ geben würde und sich beim Wirt eingehakt, sich eng an ihn geschmiegt und Max dabei ein Auge gekniffen.

„Peoceto“, wie Max den Inhaber immer falsch, aber liebevoll nannte, schmolz dahin, denn er hatte von Janas Busen einiges gespürt, was er gerne noch einmal spüren würde – und vielleicht hatte er sogar den Hauch von „MassimoX“ unter dem schwarzen Etuikleid geahnt.

Ob sie denn auch kommen würde, hatte er gefragt, und Jana hatte gelacht und ihm ein „naturalmente“ ins Ohr geflüstert und vielleicht noch ein bisschen mehr.

Irgendwann war der Wirt dahin geschmolzen und ihnen das Lokal versprochen.

Eine halbe Stunde nach dem Ende der Show waren alle im „Peoceto“ eingetroffen und feierten den überwältigenden Erfolg mit ein paar Gläsern und einem leichten Essen – mehr nicht, denn morgen würde noch einmal ein arbeitsreicher Tag werden. Jana hatte den Wirt zur Begrüßung noch einmal mit Küssen und Umarmungen belohnt – ziemlich körperbetont!

Max Kerntruppe hatte sich an einem Tisch zusammengefunden.

Esther und Ruth drückten auf ihren Handies herum, sie wollten ihre Ehemänner erreichen, um vom erfolgreich absolvierten Abend zu berichten, schließlich waren sie nicht alle Tage umjubelte „Model“ und „Stars“, also waren sie entsprechend aufgeregt gewesen und wollten ihre Freude jetzt los werden.

Die im Hauptberuf als Künstlerin tätige Jana war nicht verheiratet und meist auch nicht liiert, sie parlierte fröhlich in die Runde, sie musste niemanden anrufen.

Esther gab mit einem Seufzer auf: „Ich glaube, er ist diese Woche in Palma de Mallorca auf der Yacht, wahrscheinlich arbeitet er noch“, erklärte sie in die Runde.

„Wer, bitte schön, arbeitet um diese Zeit auf einer Yacht in Palma?“, fragte Ruth, die ihren Gatten ebenfalls nicht erreicht hatte und die ihr Handy endlich zur Seite legte, „meiner geht auch nicht ran. Entweder hat er Schichtende und pooft oder es ist was los auf der Plattform oder es ist Sturm und das Netz ist zusammengebrochen. Obwohl, seit wann bricht das Satellitentelefon-Netz zusammen? Geht das eigentlich?“

„Nur wenn die Satelliten runterfallen“, erklärte Wolfgang, der Technik-Spezialist. Den Witz, den er versucht hatte, verstand allerdings niemand.

„Er ist Banker“, sagte Esther, ohne auf Ruths Bemerkung einzugehen, „und sie treffen wohl wieder Investoren. Ich glaube, es sind Italiener, die viel Geld investieren wollen. Da ist, sagt er immer, selbst ein Nachtclubbesuch Arbeit Und was macht Deiner, Ruth?“

„Ganz etwas anderes: Er ist Ingenieur auf einer Ölplattform in der Nordsee, da ist immer was los.“

Sie versuchte es doch noch einmal, lauschte eine Zeit lang in ihr Handy und schaltete es dann endgültig aus. „Nee, geht nicht ran, schade, ich hätte ihm gerne gesagt, wie geil der Abend war“.

„Was hat die Vogue-Tante gesagt, Max?“, fragte Jana in ihrem niedlichen tschechisch eingefärbten Deutsch respektlos, „Du hast doch mit sie gesprochen: War sie gutt, oder wie sagt man, zufreiden?“

„Zufrieden“, verbesserte Frau Lucchetta sie.

„Ja, sag ich ja, zufrieden?“

„Sie hat gratuliert! Sie lässt Euch ihre Gratulation ausrichten, Ihr seid die tollsten Modelle, die sie je gesehen hat, hat sie gesagt! Endlich mal richtige Frauen, hat sie außerdem gesagt, die, also ihr, haben die best show on earth geboten… sie war begeistert!“

Er hob sein Glas und fuhr fort: „Ein Hoch auf Euch, meine Damen, ein dreifach Hoch! Und danke, Mädels! Ihr wart supertoll!“

Er drehte sich zum Kellner und hielt sein Glas hoch: „Bekommen wir noch eine Flasche, bitte!“ (Man spricht deutsch im „Peoceto“).

„Und sie hat gesagt, Vogue würde gerne eine Story über Euch machen, sechs Seiten vielleicht, vielleicht sogar eine Titelstory. Wenn die Bilder gut geworden sind, die wir morgen machen wollen“, fuhr er dann fort.

„Oh“, sagte Ruth, „ich sehe schon die Titelzeile „Dicke Deutsche im Korsett mischen Venedig auf!“

„Oder“, überlegte Esther, „German Frauleins –  Rubens on the catwalk“

„Oder“, lachte Ruth „Brunhildes Secret!“

Alle lachten bei der Vorstellung.

„Aber“, wandte Jana ein, „ich bin weder dick noch deutsch – ich habe nur richtige Twitter und Arsch.“

„Du meinst, Du hast Titten und Arsch“, verbesserte Frau Lucchetta.

„Und Du bist wohl ein, wie sagt man… Warte mal… Ein Klugpupser?“

Frau Lucchetta überlegte einen Moment, was Jana gemeint haben könnte, dann lächelte sie: „Klugscheißer“, seufzte sie, „Du meinst Klugscheißer. Ich geb´s auf. Aber Du hast ja Recht. Entschuldige bitte, Jana, war nicht so gemeint. OK?“

Sie hielt Jana ihr Glas zum Anstoßen hin. „Friede? Freunde?“, fragte sie.

„Friede! Freunde!“ antworte Jana und brachte die Gläser zum Klingen. Dabei strahlte Jana sie an: „OK, Klugscheißer-in!“

„Chef“, fragte Ruth, „wann ist morgen früh aufstehen angesagt? Und wann geht´s los?“

Frau Lucchetta antwortete für Max, der gerade aufgestanden war, um einen italienischen Bekannten, der zur Tür hereingeschaut hatte, zu begrüßen: „Frühstück um acht, Fotosession ist um 11.00 Uhr im Hotel, um 13 Uhr in der Gondel und um 16.00 im Palazzo Cavalli-Franchetti.“

Sie wandte sich an Wolfgang: „Die Beleuchter auf der Rialto, wissen die Bescheid? Wann baust Du das Licht im Palazzo auf?“

„Ja, alles klar. Gegen Mittag baue ich im Palazzo auf, ist nicht viel zu tun, das Treppenhaus ist sehr hell, die Fenster liegen günstig. Und der Chef will eh lieber available light. Wir hellen im Grund nur ein wenig auf. Ich nehme auch die Koffer mit den Klamotten mit. Die Pelze habt eh ihr.“

„Gut, dann ist das klar, wir sehen uns nachher noch im Hotel. Kurze Absprache?“

„Ja, aber dann lasst uns hier nicht mehr alt werden.“

„Ich wollte sowieso gehen“, sagte Jana, „ich bin müde“, sie stupste Frau Lucchetta in die Seite, zwinkerte ihr zu und sagte: „So viele Klugpupser hier,“ und nach einer kleinen Pause: „Freundin!“

„Du, sag mal“, antwortete die, „ich habe so langsam das Gefühl, Du verarscht uns hier ganz gewaltig mit Deinem lustigen Deutsch. Du kannst es doch perfekt, oder?“

„Mluvim malo nemecky“ meinte aber Jana auf Tschechisch.

„Und was heißt das nun wieder?“

„Ich spreche nur ein wenig Deutsch“, lachte Jana sie an, „naja, es geht so für den Alltag. Kommt jemand mit?“, fragte sie in die Runde.

Ruth und Esther tranken ihre Gläser aus und erhoben sich.

„Gehen wir, ist ja nicht weit, aus der Tür nach links und dann 250 Meter dann haben wir die Rialto-Brücke und dann sind wir ja schon da!“

Wolfgang stand ebenfalls auf und bot höflich an: „Wenn die Damen meine Begleitung akzeptieren wollen...“

Frau Lucchetta deutete in Richtung Max, der mit seinem Bekannten vor der Tür eine Zigarette rauchte und in ein intensives Gespräch verwickelt war: „Ich warte auf Max, ich meine, der muss ja auch mal ins Bett, eine muss aufpassen, dass der hier nicht versackt! Morgen ist er dran.“

„Na, dann pass mal nicht zu gut auf, Frau Lucchetta“, meinte Esther lächelnd, „oder was meinst Du, Ruth?“

„Gönnen würde ich´s ihm ja“, erwiderte die, „er gehört uns ja nicht alleine.“

„Ach, ihr immer!“ lachte Frau Lucchetta kopfschüttelnd und bemerkte noch, sie sei eben eine sehr ehrbare Frau.

Das seien sie auch, sagte Esther im Rausgehen, eben deshalb. Genau darauf stehe Max. Und der sei jetzt vollgepumpt mit Adrenalin, wenn da noch mehr Glückshormone dazu kämen, würde der platzen.

Die Vier verließen zum Abschied in die Runde winkend das Lokal, wünschten Max noch einen schönen Abend und Jana sagte im Vorbeigehen, dass die „Klugpupser“ auf ihn warten würde. Alle lachten.

Zu viert gingen sie untergehakt nebeneinander, erst die Ruga speziati entlang und dann die Ruga orifici in Richtung Rialto-Brücke, passierten den verlassen daliegenden Campo – aus der Pianobar drangen ein paar Musikfetzen, ansonsten war es in der tagsüber vom Trubel erfüllten Straße mit den Arkaden und den Marktständen vollkommen ruhig.

Sie machten einen kurzen Stopp, um von der Mitte der Rialto-Brücke aus den Blick auf den Canal Grande zu bestaunen – man kann hier bei Mondschein einfach nicht nicht stehenbleiben und „Venedig“ nicht auf sich einwirken lassen, das geht gar nicht... Ihr Venedig, das ihnen eben noch zu Füssen gelegen hatte.

Dann gingen sie weiter, die Stufen der Brücke hinunter. Am Fuß der Brücke bogen sie rechts ab auf den Riva Ferro und hatten mit nur wenigen weiteren Schritten ihr Hotel erreicht, das Hotel Rialto.

Der Nachtportier reichte Ihnen ihre Schlüssel und wünschte ihnen eine Gute Nacht; die Frauen gingen zum Aufzug, Wolfgang setzte sich in einen der Sessel in der kleinen Lobby und meinte, er wolle noch auf Frau Lucchetta warten und die letzten Details für die morgigen Fotosessions zu besprechen.

Eine halbe Stunde später wollte er gerade aufstehen, um ebenfalls ins Bett zu gehen, als Max und Frau Lucchetta untergehakt hereinkamen.

„´tschuldigung“, sagte Frau Lucchetta, „war gar nicht so einfach, ihn loszueisen.“

„Tja,“ meinte Max und lachte entschuldigend, „dafür machen wir hier in Venedig eine Ausstellung in der Galerie von meinem Bekannten: Erotische Fotos und Zeichnungen...“

„Tja, die Palazzi von Venedig hätte ich als Thema jetzt auch nicht unbedingt erwartet“, meinte Wolfgang gähnend, „also wie ist das Programm morgen – bleibt alles so, wie besprochen?“

„Ja, gegen 11 Uhr machen wir die Fotos in den Fenstern vom Hotel. Die Zimmer haben wir?“

„Ja“, sagte Frau Lucchetta, „die Mädels wohnen in den richtigen Zimmern und um 10.30 bekomme ich die Schlüssel von den zweien, die wir nicht haben, die Gäste müssen bis 10 Uhr ausgecheckt haben Schminken ist nicht, weil Du von der anderen Seite des Canal fotografierst“.

„Ist die Linhof fertig und ist die Hasselblad geladen?“, fragte Wolfgang, „und die Magazine?“

„Ja“, sagte Max, „Objektive geputzt und Magazine voll, für die Linhof haben wir 48 Platten, das sollte reichen – ja, alles klar. Sind die Funkgeräte voll?“

„Alle Akkus hängen am Saft!“, antwortete Wolfgang, „die Mädels kriegen ihre morgen früh. Wie wird das Wetter?“

„Bleibt perfekt“, meinte Max, „habe ich gecheckt!“

„Dann ist ja alles klar“, schloss Frau Lucchetta, „ich mach morgen früh noch ein Briefing mit den Mädels. Mit den Profis habe ich vorhin auch noch gesprochen, die sind um 9 Uhr da. Der Hotelchef weiß, dass die Fahnen hängen müssen, dass der Platz vor dem Hotel frei ist, und die beiden Frachtboote, die da am Kai liegen sollen, wissen auch Bescheid. Meines Wissens ist alles klar! Ach, und bleibt es dabei: Ich mache auch auf Model?“

„Klar, unser Star!“, meinte Wolfgang und lächelte sie an, „die Schönste im ganzen Land“.

Frau Lucchetta wurde doch tatsächlich ein bisschen rot, „ach Du, das sagst Du doch nur so.“

„Nein, wirklich – Du bist die Schönste! Finde ich, oder Max?“

Nun muss man wissen, dass Frau Lucchetta, obwohl sie ein wenig kleiner war als die anderen, sich figurmäßig ganz und gar nicht hinter Esther und Ruth zu verstecken brauch­te, denn ihre weiblichen Kurven waren sehr wohl beein­druckend, fand nicht nur Wolfgang.

Und mit ihrem kurzgeschnittenen roten Schopf, der blendend weissen Haut, der niedlichen Stupsnase und dem kleinen herzförmigen Mund und den Sommer­sprossen rund um die schwarzen Augen sah sie viel­leicht nicht so aus, wie man sich eine echte Italienerin vorstellen würde – aber eine Schönheit war sie allemal.

Und zu ihren unübersehbaren äußerlichen Vorzügen kam ein Strahlen aus ihrem Inneren, das alle – zumindest alle Männer und insbesondere Wolfgang, aber keinesfalls nur ihn – bezaubern oder gar verzaubern konnte.

Manch ein Ehemann, der im Laden in München von ihr bedient worden war, hatte beim Verlassen des Ladens eher sie im Kopf, als die teure Gattin, für die er reizvolle Wäsche gekauft hatte.

Ob Frau Lucchetta sich dessen bewußt war, wußte niemand, vielleicht nicht einmal sie selber. Und manch ein Kunde hatte seinen Freunden im „Männergespräch“ von dem „Knaller“ erzählt, der sich da im fortyplus-Wäsche­geschäft an der Münchner Frauenkirche verbarg.

Wie sie 38 Jahre alt werden konnte, ohne verheiratet zu sein (oder es mindestens gewesen zu sein), mochte der Himmel wissen, für Max und Wolfgang war und blieb es ein Rätsel... Auch, weil Frau Lucchetta es immer sehr geschickt verstanden hatte, sie nicht zu nahe an sich heran zu lassen... Sie machte vieles mit, erlebte auch vieles in dem Laden, aber sie wußte eine Grenze zu ziehen, über die niemand – erst Recht nicht Max oder Wolfgang – treten durfte, ohne dass sie sich dessen bewußt war!

Obwohl, sie fand die beiden schon sehr nett, und den Wolfgang fand sie noch ein ganz klein bisschen netter. Er schien ihr manchmal so..., ja, schüchtern und hilflos, ein­fach süß – aber das mußte der ja nicht wissen, fand sie.

Und weil sie im Vergleich zu den anderen Damen etwas jünger war, wurde sie – wenn sie es nicht hörte – von den anderen liebevoll auch als „unser Nesthäkchen“ bezeichnet; was vielleicht ein wenig übertrieben war, denn Frau Lucchetta war keineswegs ein so einsames Wesen, wie die anderen dachten – insbesondere Wolfgang, der sich bei ihr aber einfach nicht traute, dabei hätte er so gerne... also, nicht das sie es „krachen liesse“, sie war eher der ruhige Typ, die auf den Richtigen wartete.

„Ja, dann“, sagte Max, „gehen wir – oder liegt noch was an?“

„Nö“, sagte Wolfgang, stand auf und schaute Frau Lucchetta an und strahlte frech, „soll ich Dich zum Zimmer bringen?“

„Nö“, sagte Frau Lucchetta, Wolfgangs Tonfall aufnehmend und ihn genauso anstrahlend, „das finde ich schon selber.“

Sie liessen sich vom Nachtportier ihre Schlüssel geben und gingen zum Fahrstuhl.

Max und Wolfgang stiegen im ersten Stock aus, Frau Lucchetta wohnte im zweiten. „Tschüß denn“, meinte Wolfgang, „soll ich nicht doch?“ Aber da war der Fahrstuhl schon weg.

„Süß, die Kleine, nicht?“, bemerkte Wolfgang, „eine echte Zuckerschnute.“

„Finger weg!“ ermahnte ihn Max, „niemals beim Personal wildern! Alte Bauernregel.“

„Erstens, mußt ausgerechnet Du sowas sagen...“

Max schaute ihn erstaunt an: „Wieso?“

„Du bumst doch jede zweite Kundin.“

„Kundin, ja manchmal, aber niemals Personal. Und außer­dem entscheiden das immer die Frauen! Ich bin immer das Opfer, ich wiederhole: Immer! Und zweit­ens?“, grinste er.

„Zweitens, ist sie ja nicht mein Personal und ich bin auch nicht Deines, ich bin free lancer, genau betrachtet, sind wir nicht einmal Kollegen!“

„Finger weg, sage ich, free lancer oder Kollege oder nicht, tschüß“, sagte Max und schloss die Tür zu seinem Zimmer auf, das sie inzwischen erreicht hatten, „und dass Du jetzt nicht etwa in den zweiten Stock schleichst.“

„Was denkst Du von mir, alter Freund?“

Wolfgang durfte sich diesen vertrauten Ton leisten, schließlich hatten sie gemeinsam das Studium an der Kunstakademie begonnen, nur hatte Wolfgang das zum Ende des zweiten Semesters geschmissen. Er war von einem auf den anderen Tag aus der Kunstakademie verschwunden – er war überhaupt von der Bildfläche verschwunden und dann wohl irgendwann zur See gefahren, denn er hatte sich alle paar Monate per Postkarte aus einer Hafenstadt aus einem anderen Land gemeldet.

Jahre später, Max war als Bühnenbildner am Staatstheater tätig gewesen, stand Wolfgang plötzlich in der Werkstatt als sei nur auf einen Kaffee fort gewesen.

„Hallo“, hatte er leise gesagt, „da bin ich wieder.“

„Schön“, hatte Max genauso selbstverständlich gesagt und sein Werkzeug ruhig zur Seite gelegt, „gehen wir auf einen Kaffee?“

Damals, und auch später, hatten sie mit keinem Wort darüber gesprochen, was Wolfgang denn in der Zeit getrieben hatte, als er „fort“ gewesen war. Danach war Wolfgang immer da gewesen.

Das heißt, „immer“ stimmte nicht ganz  – Wolfgang war noch einmal abgetaucht. Das war zu der Zeit, als Max die Werkstätten des Staatstheaters verlassen hatte, um sich als Künstler zu versuchen. Max hatte damals schon mit Stoffen experimentiert; die Ergebnisse waren nicht schlecht, er hatte einige Galeristen gefunden und begonnen auszustellen. Er hatte es immerhin bis auf die ART BASEL geschafft. 

Und jetzt arbeitete Wolfgang als free lancer für Max, er erledigte alles, was mit Technik zu tun hatte. „Lass mich das man machen“, sagte er dann zu Max und nahm ihm jedes Werkzeug, das kein Bleistift, keine Nähnadel oder keine Kamera war, aus der Hand, „davon verstehst Du eh nichts, Du – Künstler!“

Deshalb war er auch jetzt in Venedig dabei: Er fuhr den Bus, mit dem sie gekommen waren, er war Elektriker, Beleuchter, Monteur, er konnte alles reparieren, er hatte immer ein nettes Wort für die Damen übrig. Und er konnte verschiedene Sprachen radebrechen, Französisch noch am besten.

Max mochte nicht mehr auf ihn verzichten. Aber anstellen lassen wollte Wolfgang sich nicht. „Dazu habe ich zu viel anderes am Laufen, Alter“, pflegte er zu sagen, wenn Wolfgang ihn wieder einmal fragte und „nee, lass man so, geht doch prima, oder?“

„Nur, dass Du jetzt ins Bett gehen solltest, es ist später geworden als gedacht und morgen haben wir einen anstrengenden Tag!“

„Oui oui, Capitaine, ab in die Falle, sofort“, lachte Wolfgang und salutierte korrekt.

Seit er wieder aufgetaucht war, streute er ab und zu französische gebende Satzfetzen in das Gespräch ein. Einmal darauf angesprochen hatte er behauptet, er sei auch auf französischen Schiffen „um die Welt gesegelt“, und in der Folge hatte Wolfgang dann von Backbord und Steuerbord gesprochen statt links und rechts. Das nervte alle Zuhörer (insbesondere weil er es manchmal ver­wechselte), also ließ er das nach einer Weile gottseidank wieder sein. Das Wort „Fremdenlegion“ war gefallen – aber niemals von ihm aufgegriffen worden. Wolfgang war „fort“ gewesen, das war es, mehr gab es nicht. Max akzeptierte das ebenso wie Frau Lucchetta.

Wolfgang ging die paar Meter zu seinem Zimmer den Flur entlang, schob den Schlüssel ins Schloss, öffnete die Tür und winkte Max noch einmal lachend zu, kniff ihm ein Auge und zog die Tür hinter sich entschieden zu.

Max lag noch eine Weile wach und freute sich, dass sein Galerist ihm nicht nur eine Ausstellung in einer der wenigen wirklich wichtigen Galerien in Venedig ange­bot­en hatte, sondern gleich noch Folgeausstellungen in Amsterdam, Brüssel und New York ins Spiel gebracht hatte, denn dort habe er befreundete Galeristen, die seine (also Max´) Bilder angeblich „mit Kusshand“ ausstellen würden. Und dass er, Max, sich in letzter Zeit fantastisch entwickelt hätte, also künstlerisch!

Als Max von der anstehenden Titelstory in Vogue berichtete, leuchteten die Augen des Galeristen auf und er hatte gesagt, dass das ja eine ganz große Nummer werden könne, denn vielleicht könnten sie die Ausstellung, also zumindest die erste in seiner Galerie ja in dem Vogueartikel mit unterbringen? Ob denn wohl ein Bericht von der Ausstellung möglich wäre? Genug Prominenz würde er schon „ankarren“.

Und wenn das klappt, dann würde er vielleicht sogar eine Abschlußausstellung in einem der großen venezianischen Museen (er meinte das am Markusplatz, ohne es zu nennen) arrangieren – aber das könne er jetzt noch nicht zusagen...

Max war deshalb besonders interessiert, weil es eine Kombinations­ausstellung seiner Fotos und seiner Zeich­nungen werden sollte. Mit Zeichnungen konnte er schon auf eine beeindruckende Liste von Ausstellungen ver­weisen, aber Fotos? Das wäre das erste Mal, dass er in einer der „großen“ Galerien vertreten wäre – und wenn die Ausstellung gleich in verschiedenen Städten gastieren würde, das wäre geil.

Der Galerist fand an den Fotos besonders interessant, dass Max weiterhin analog – also auf „guten alten Film“ – fotografierte und sich nicht der Mode der digitalen „Knippser“ (er hatte wirklich „Knippser“ gesagt) ange­schlossen hatte, wie so viele andere. Er meinte, ein Kenner würde das sofort sehen, analog sei eben analog, Qualität bleibe Qualität. Und mit Photoshop könne schließlich jeder Depp seine Digitalfotos „aufhübschen“.

Bevor er einschlief, dachte Max noch daran, dass er morgen ja perfektes Wetter haben würde – dass es aber interessant sein könnte, wenn er im Herbst noch einmal mit seinen drei Lieblingsmodellen den kurzen Trip aus München nach Venedig machen würde: Er stellte sich die Damen im dichten Nebel auf kleinen Brücken der Stadt oder im Gewimmel der engen Gassen im offenen Pelz mit seiner Wäsche drunter vor und sonst nichts, das wäre ein Knaller. Das würden im wahrsten Sinne des Wortes Traumbilder werden, Bilder aus einer anderen Welt. Und mit dem Galeristen würde er schon darüber reden können, die Ausstellung in den Winter zu verschieben.

Esther lag zu der Zeit im Zimmer neben seinem in ihrem Bett, von dem aus sie durch das offene Fenster die nächtlich erleuchtete Rialto-Brücke sehen und das Wasser des Canal Grande leise glucksen hören konnte – außerdem schien der Mond ins Zimmer und erleuchtete es fahl.

Sie konnte noch nicht einschlafen. In Esther schwirrte es. Sie war Champagner nun wirklich gewohnt, der konnte es nicht sein. Obwohl, naja, es war schon ein wahnsinniger Abend gewesen, sogar ein authentischer Wahnsinnsabend. Das waren Abende mit Max eigentlich immer. Immer schön, auch die Nachmittage mit ihm, er konnte die Leere in ihr einfach wegblasen.

Fuuiii – futschschsch…

Vormittags kam sie nie zu Max in den Laden, für vormittags fand sie sich zu alt, sie fand, sie sähe „einfach deutlich Fünfzig“ aus – oder mehr. Da schlief man sich besser aus, pflegte sich – und shoppen war am Nachmittag einfach gnädiger. Die Tage mussten ja auch gefüllt werden. Anfangs (als sie endlich mal den Mut gefasst hatte, nicht so zu tun, als wäre des Teufels Fußabdruck im Liebfrauendom 25 Meter vom fortyfourplus das Objekt ihrer Begierde) als sie endlich in Max Dessousladen hineingegangen war, da hatte sie einfach an die Platinkarte von American Express gedacht und an sonst nichts, jedenfalls noch nicht an Max.

Sie sah sich noch heute in der Kabine. Mit dem mauvefarbenen Tanga, der dann doch zwischen ihren Pobacken einschnitt – aber nur ganz wenig! Und dem dazu passenden mauvefarbenen Büstenhalterhemdchen, das die Speckfalten über der Blinddarmnarbe verdeckt hatte. „Ihr Licht schwindelt, oder“, hatte sie gefragt  und sofort nachgesetzt, „aber haben Sie das Ding auch in einer anderen Unterbrustweite? Kneifen muss es ja nicht, bei dem Preis“. Dabei war sie sich – warum auch immer – dämlich vorgekommen.

Frau Lucchetta hatte Max gerufen, was Esther für eine Spitzenleistung aus Geschäftssinn und Diskretion gefunden hatte. Denn zuvor hatte sie mit der Platinkarte ziemlich viel Max-Wäsche „für ihre Tochter“ gekauft, Größe 38 – das war das Kleinste, was der Laden hergab. Für eine Tochter, die sie nicht hatte. Sie hatte einen stattlichen Einkauf getätigt, über den sich eines der Patenkinder dann eben würde freuen müssen.

Die gepflegte Konversation mit Frau Lucchetta und Max, ha, die war schon eine Leistung gewesen: Dante, Divina Comedia und so, aber das war wohl eher Max gewesen, wenn sie ehrlich war.

Sie hatte sich im Rausgehen noch einmal umgedreht und dabei das schwarze Negligé mit den Plisseefalten „entdeckt“ und war noch einmal zurückgekommen, um sich vom Max intensiv beraten zu lassen, und es schließlich zu probieren: „Mein Mann mag so etwas.“

Mein Mann, Scheiße. Den hatte sie gleich nach der Show angerufen und dann viermal angesimst. Er war doch auf der Yacht in Palma. Warum war er not available? Warum zum Teufel, war er für sie nie erreichbar, wenn es für sie wichtig war?

Er hatte einen scheißanstrengenden Job, sicher, allein die öden Knaben, die da im Bankenvorstand rumschlau­meierten, konnten echt nerven. Das wusste sie, die waren ja auch immer bei ihnen zuhause mit ihren noch blöderen „Gattinnen“, den so viel dünneren als sie. Da hatte Davide wirklich  ihr ganzes Mitgefühl.

Aber Davide wurde auch immer stromlinienförmiger. Meier-Scheltzig kackte auch braun, Shareholdervalue hin oder her, was sollte das? Seine Tuss auch, wahrscheinlich flüssig, so wie die arschkroch.

Sie hätte es gerne gehabt, wenn Davide heute Abend dabei gewesen wäre, trotzdem! Paff, der Palazzo, das wäre was für die Banker gewesen, allein als Rahmen! Der Palast ein historisches Gebäude, in der Nähe der Rialto-Brücke.  17. Jahrhundert  – da würde sie Max noch fragen – die adlige venezianische Familie hatte dem Bau aus allen Poren gehaucht. Naja, vielleicht ein bisschen muffig rausgemieft, aber trotzdem.

Früher hätten sie und Davide den Palazzo als Luxusferienwohnung mieten können, im Piano Nobile (dem wichtigsten Stockwerk, das hatte ihr die Venezianerin erklärt) mal so richtig die Sau rauslassen. So wie früher.

Naja, Sau rauslassen – das war die Bayerin in ihr. Sie hatten es einfach schön gehabt miteinander, und der Sex war okay gewesen.

„Nichts sagen“, war seine Rede gewesen und: „Lass dich überraschen“. Was sie tat. Er hatte ihr auch immer erzählt, wie die anderen, die vielen Frauen vor ihr, stets gefunden hatten, dass er immer das Richtige machte im Bett. Sie immer so anfasste, wie sie sich das gewünscht hatten. Fand sie doch auch, oder? Fand sie auch, klar, jedenfalls sagte sie es.

In Wirklichkeit fand sie das so..., naja, mehr oder weniger die ersten Jahre lang. Wie alt war sie damals gewesen?

Der Palazzo ist hell und elegant, dachte Esther in ihrem Hotelbett, hat wundervolle antike Möbel – überall. Verfügt über bedeutende Kunstwerke, hätte eigentlich zu ihrem und seinem Leben in Gräfelfing gepasst. Da war ihr ja auch diese saucoole Mischung aus antik und modern gelungen,  warum also nicht einmal im Urlaub ein echtes Kontrastprogramm zu sonst?

Es schwirrt wieder. Sie wird dann auch zum Markt gehen, weiß ja, wo der ist, einen Branzzino bringt sie noch hin, notfalls liefert den Peoceto halb fertig …

Und ihr Davide wird gut aussehen in so einem Sakko von Balbieri, wir werden „un po die vino“ trinken, vorher… Und warum, dreimal geschwänzter Satan, krieg ich ihn nicht an die Strippe, wo es doch etwas zu erzählen gibt?

Aber das alles war ein Traum, das wusste sie, ein Traum, der nie wahr werden würde. Ihr Verhältnis zu Davide  war doch schon lange zerstört, ihr Davide war nicht mehr ihrer. Er hatte sich von ihr zurückgezogen, er hatte sie so gemein behandelt, er hatte sie allein gelassen, er war ausgezogen, sie wusste nicht einmal wohin, und ans Telefon ging er auch nie, wenn sie anrief. Wenn sie etwas von ihm wollte, musste sie jetzt eine seiner arroganten Sekretärinnen anrufen und höflich „bitte bitte“ sagen, betteln. Das war unwürdig, fand sie, so behandelte man nicht seine Frau, die sie schließlich immer noch war.

 Aber sie hatte doch ein Recht zu träumen, oder? Und vielleicht käme er ja auch zurück, wenn er sie nur einmal richtig anschauen würde, wenn er nur wüsste, dass sie eine „Diva germanicha“ wäre… Sie würde, sie wollte ihm ja auch wieder eine liebende, gute und treue Gattin sein!

Da begann Esther zu weinen. Irgendwann, das Taschentuch war lange nass,  stand sie wieder auf, zog den Jogger an und ging auf den kleinen Balkon ihres Zimmers.

Das Bild, das sich ihr bot war, so schön, dass sie neuerlich zu weinen begann. Ganz leise, wie sie meinte, das beruhigte sie ein bisschen. Dabei war sie doch eine so starke Frau, die sich nicht anmerken ließ, wie es tief drinnen in ihr aussah. Niemand wusste das, auch Max nicht, der doch nur eine dünne Wand von ihr getrennt wahrscheinlich tief schlief oder es mit Ruth oder Jana oder Frau Lucchetta trieb – obwohl, mit letzterer eher nicht, glaubte sie. Mit den anderen beiden teilte sie ihn, das wusste sie.

Max lag im Bett, aber er stand noch einmal auf, um den unglaublichen Blick auf den nächtlichen Canal Grande, über dem ein Fastvollmond stand, und auf die Rialto-Brücke, die er von seinem Fenster aus fast greifen konnte, zu genießen.

Er schaute stumm auf dieses wunderschöne Bild, zu hören war nur das Gluckern der kleinen Wellen im Kanal und der Diesel des allerletzten Vaporettos für diese Nacht, das aber noch weit entfernt war – und ein Geräusch, das da nicht hingehörte, ein leises Schluchzen.

Er lehnte sich aus dem Fenster und schaute nach links: Da stand Esther auf dem kleinen Balkon ihres Zimmers und weinte.

„Esther“, fragte Max leise, „was ist?“

Sie schüttelte den Kopf und wischte sich die Tränen ab und sagte nichts.

„Willst Du noch einen Augenblick zu mir kommen?“

Sie schaute ihn an.

„Reden?“

Esther nickte.

„Dann komm!“

Einen Augenblick später schlupfte sie leise durch die Tür, die Max für sie geöffnet hatte, es war ja nicht weit, sie wohnte im Nachbarzimmer. Sie hatte sich das Gesicht gewaschen, die Haare gekämmt und weinte jetzt nicht mehr. Max deutete auf die tiefe Fensterlaibung: „Wollen wir uns ans Fenster setzen? Es ist zu schön da draußen“, schlug er vor. Sie nickte. „Ein Glas Wasser“, fragte er. „Lieber einen Bitter Lemon“, antwortete sie. Er öffnete die Zimmerbar. Er öffnete die kleine Flasche und füllte den Inhalt in ein Glas. Die Kohlensäure zischte leise. Er reichte ihr das Glas und sie nahm einen großen Schluck.

„Ah“, sagte sie, „das tut gut“. Tapfer lächelte sie ihn an: „Ist schon viel besser“, sagte sie.

„Was denn“, fragte er und setzte sich auf die andere Seite des Fensters. Eine Weile schauten sie stumm hinaus.

Dann sagte sie: „Weißt Du, als wir uns kennen lernten, da war Davide noch ein vielversprechender junger Bankangestellter. Sein Vater war unter den ersten Fremdarbeitern, die Anfang der Sechziger aus Italien nach Deutschland gekommen waren. Er ließ Frau und den siebenjährigen Sohn in Neapel zurück – holte sie aber bald nach. Er verdiente wohl ganz gut und war einer der ersten, die eine Pizzeria in München aufmachten. Der Sohn, mein Mann, muss ein schlaues Kerlchen gewesen sein – und ein Sprachgenie. Schnell lernte er deutsch so gut, dass es seine zweite Muttersprache wurde. Die Eltern schickten ihn aufs Gymnasium. Er war immer einer der Besten in seiner Klasse. Die Ferien verbrachte er bei den Großeltern in Neapel. Deshalb kann er perfekt italienisch.

Er hat BWL studiert und in der kürzest möglichen Zeit abgeschlossen, natürlich als Bester! Dann hat er promoviert. Er hat gut ausgeschaut, er war charmant, ein Italiener eben! Dann hat er in Italien bei einer Bank begonnen, die schickten ihn nach Spanien – da hat er spanisch gelernt und dann wechselte er nach München zur Bank, bei der er heute noch ist.

Da habe ich ihn kennen gelernt. „Liebe auf den ersten Blick!“ Sie lachte auf, „das hat sich ja nun…“

Max sagte nichts, sondern blickte auf den Canal.

Nach einem Moment sprach sie weiter: „Große Liebe! Wir haben schnell geheiratet – er wollte Kinder, aber es kamen keine. Ich musste mich untersuchen lassen. Bei mir war alles in Ordnung. Ich habe später eine Diagnose in seinen Unterlagen gefunden. Er hatte sich heimlich untersuchen lassen: Zu wenig Spermien, also lag es an ihm! Das hat er nie zugegeben!

Nach ein paar Jahren, in denen die Ehe eher ganz normal war – außer, dass wir kein Kind hatten, habe ich dann durch Zufall mitbekommen, dass er Alimente zahlte – also hatte er doch ein Kind. Ich weiß nicht, ob es wirklich seines war, oder ob die Frau ihm ein Kuckucksei unterschoben hatte.

Er machte schnell Karriere. Die Stimmung zuhause wurde schlechter, er war immer häufiger fort – bald war ich meist allein. Aber nach draußen spielten wir glückliche Ehe. Ab und zu brachte er Gäste ins Haus. Dann wurde groß aufgefahren – und ich musste die liebevolle Ehefrau geben. Das ist mir ja auch leichtgefallen, weil, ich habe ihn ja auch geliebt, damals – und jetzt auch noch, ein bisschen, vielleicht, glaube ich.

Erst waren es Kollegen aus der Bank und später Geschäftsfreunde, dann kamen die Italiener. Mit denen wurde italienisch geredet, ich habe kaum etwas mitbekommen.

Da ich eine schöne Frau war, zeigte er mich gerne her – aber wehe ich machte einen Fehler. Einmal hat er mich geschlagen. Ich bin damals entsetzt zum Arzt und habe die blauen Flecken dokumentieren lassen. Dann  habe ich ihm gesagt, wenn das noch einmal passieren würde, dann…“

Sie führte den Satz nicht zu Ende.

„Freundinnen konnte ich nichts sagen, die hätten nur gesagt, dass ich da durchmüsse und dass ich es doch ansonsten gut hätte. Meine Eltern haben so getan, als würden sie nichts merken – bei so einem Schwiegersohn, da sei ich wohl selber schuld. Er hätte eben einen Stammhalter haben wollen, Italiener eben. Er hatte sie echt eingewickelt.

Dann starb ein Vorgesetzter bei einem Unfall, ein anderer trat plötzlich zurück und dann war mein Mann im Vorstand. Ich weiß nicht, ob seine Geschäftsfreunde ihn unterstützt haben – möglich!

Und von da an habe ich ihn fast gar nicht mehr gesehen, da war er nur noch unterwegs, häufig in Palma!“

„Warum hast Du Dich nicht scheiden lassen?“, fragte Max leise.

„Unmöglich, Max, er ist Italiener, zumindest vom Kopf her, er ist katholisch, er ist Vorstand, da lässt man sich nicht scheiden. Unmöglich. Und wenn er fremdfickt, dann geht er am nächsten Tag beichten, betet ein paar Rosenkränze und gut ist es. Warum soll er sich scheiden lassen?“. Sie lachte bitter. „Ich habe das einmal vorgeschlagen. Er ist ausgeflippt. Das war dann das zweite Mal, dass ich Prügel bezogen habe.“

„Ach so“, nickte Max.

„Vor zwei Wochen ist er aus unserem Haus in Gräfelfing ausgezogen in eine Wohnung in der Stadt. Ich weiß nicht einmal die Adresse“. Sie schüttelte den Kopf. Traurig.

„Und warum hast Du dann heute Abend versucht, ihn anzurufen?“

Sie schüttelte traurig den Kopf, „Keine Ahnung, vielleicht weil Ruth ihren Mann wieder angerufen hat? Vielleicht wollte ich ihm auch sagen, dass er eine begehrenswerte Frau hat.“

„Das bist Du wahrlich“, sagte Max und nahm ihre Hand, „Du warst keine schöne Frau, Du bist es“.

„Diva germanicha?“ lächelte sie, „vielleicht wollte ich ihm das sagen?“

Dann schaute sie ihn an und sagte: „Danke, Max.“

„Wofür?“

„Dass Du zugehört hast… Das hat gutgetan, das zu erzählen, und jetzt gehe ich wieder rüber, in mein Zimmer“, und dabei schaute sie bedauernd auf sein Bett, „heute mag ich in meinem Bett schlafen.“

Er nickte und beide standen auf. Max küsste sie auf die Stirn und schloss leise die Tür hinter ihr.

„Komm wieder, wenn Du mich brauchst“, murmelte er noch und dann ging er auch ins Bett.

Etwas später ging leise seine Tür wieder auf und einen Moment später spürte er, wie Esther unter seine Decke schlüpfte, ihn sanft küsste und „schlaf weiter“ murmelte, „ich brauche ein bisschen Nähe – mehr nicht“. Und damit kuschelte sie sich an ihn.

Venedig

Mit den fröhlichen Worten „Hallo Mädels, alles klar?“ auf den Lippen betrat Max den für seine Crew reservierten Frühstücksraum im vorderen Teil des Hotel Rialto. Er schaute sich um und sah lauter schöne Frauen – im Jogginganzug oder anderen bequemen Klamotten – und Wolfgang, den man nun beim besten Willen weder als weiblich noch als schön bezeichnen konnte.

Wolfgang war schwierig zu beschreiben – er ist nicht zu groß (knappe einsachtzig), durchtrainiert, flacher Bauch, kurze graue Haare, kühl schauende blaue Augen, immer ein bisschen abwartend. Nicht schön, vielleicht ganz passabel aussehend, mehr hatte er von sich auch nie gedacht. Ein bisschen sah er aus wie Daniel Craig, der neue Bond.

„Hallo Max!“, meinte Jana in ihrem tschechischen Akzent, „das war eine geile Nummer gestern, die Show, oder?“

Max lachte, „Ja, Ihr wart einsame Spitze gestern. Ich denke, das war ein Riesenerfolg! Ich habe es Euch ja schon gestern gesagt, die Chefin von VOGUE hat mir gratuliert – für Euch alle! Das gebe ich hiermit gerne noch einmal weiter. Ich glaube, das geschieht nicht häufig! Sie meinte jedenfalls, ich solle aufpassen, dass andere Euch nicht abwerben.“

„Aber nie, Chef“, sagte Esther laut, „so viel Geld hat keiner!“ Sie schaute sich um und fuhr fort: „Oder Mädels?“

„Wir bleiben Dir treu“, sagte Ruth, „stellt Euch vor, die anderen haben schwule Designer, brrrr… Nee, nix für mich!“

„Stimmt“, meinte Esther, „wo bleibt da der Spaß?“

In dem Moment ging die Tür auf und Carla, Maria und Sophia, die italienischen Profis, die gestern schon ausgeholfen hatten, traten ein: „Buon giorno“, „Buon giorno“ – Küsschen hier, Küsschen da.

Max fragte, ob sie noch frühstücken wollten.

Nein, wollten sie nicht.

„Mensch, Ragazze, so wird das nichts mit Euch bei uns“, sagte Ruth und nahm sich noch ein Schokoladen-Croissant:  „Mahlzeit“.

„Hört mal alle zu, bitte“, rief Max und klatschte in die Hände, „Frau Lucchetta, übersetzen Sie bitte, da reicht mein Küchenitalienisch dann doch nicht, ich verteile jetzt den Plan, wer auf welches Zimmer geht und wie ihr Euch bitte im offenen Fenster platziert und räkelt oder auf dem Balkon. Jede bekommt ein Funkgerät, ich bin auf der anderen Seite des Canal Grande und fotografiere von dort aus mit Tele. Ihr tragt die besprochenen Klamotten, seid sehr sexy, das fällt Euch ja nicht schwer – Schminken ist nicht notwendig, das sieht man nicht auf dem Foto.

Ich fotografiere mehr oder weniger das ganze Haus mit ein bisschen Canal und dem Leben auf den Booten.

Ich gebe das Signal per Funk. Das Funkgerät legt Ihr bitte hinter Euch so, dass ich es nicht sehen kann – dann sieht es auch die Kamera nicht, Ihr könnt mich aber verstehen. Klaro? Gut, jede hat ihren Plan, welche Position in welcher Reihenfolge einzunehmen ist. Das ist wichtig. Wir können keinen Schuss wiederholen, Konzentration ist alles!

Pro Position 30 Sekunden, dann 30 Sekunden Entspannung, dann kommt von mir wieder das Zeichen und Ihr nehmt die nächste Position ein. Für wieder 30 Sekunden.

Die Sonne steht hinter dem Haus, ich fotografiere also ins Gegenlicht – oder besser, die Hausfront liegt im Schatten. Deshalb hat Wolfgang drei Beleuchter organisiert, die strahlen Euch von der Rialto-Brücke und vom Vaporettoanleger aus an.

Wir haben nur 30 Minuten genehmigt bekommen, dann wird gnadenlos abgebaut – geht auch nicht anders bei den vielen Touristen!

Wenn die Touristen Euch sehen, wird es eventuell laut werden. Ihr kümmert Euch einfach nicht drum. Ihr macht weiter, bis ich durchgebe: Ende! Abzug!“

Er schaute in die Runde. „Noch Fragen? Ihr habt Eure Anweisungen? Gut, dann mache ich jetzt die Kameras fertig. Wolfgang hilfst Du mir?“

„Klar, Chef!“, sagte Wolfgang und stand auf, „ich komme… Hast Du gesehen, die Scheinwerfer stehen schon und der Windmacher auch!“

„Die Zimmerschlüssel für die beiden Zusatzzimmer habe ich“, rief Frau Lucchetta, „in eines gehe ich und in das andere Luisa und Maria! Ich werde die beiden hinbringen…“

„Haben die die Anweisungen auf Italienisch?“

„Ja, und die sind ganz clever, glaube ich, das wird klappen.“

„Toi toi toi“, meinte Max und klopfte auf Holz und sagte noch einmal an alle gewandt: „Danach treffen wir uns hier und besprechen die Gondelnummer noch einmal durch, klar?“

Ruth hob die Hand und meinte mit vollem Mund „Wir haben es begriffen, nachher hier“, und deutete mit der Hand auf den Boden.

Eine knappe dreiviertel Stunde später flammten die Scheinwerfer auf, die zahlreich versammelten Zuschauer riefen „Ahhh“ als die Hotelfront erglühte und die Fenster aufgingen, und sehr leicht bekleidete sehr üppige Damen in den Fenstern und auf den Balkonen des Hotel Rialto auftauchten und dort ihre Positionen einnahmen.

„Wolfgang“, rief Max in sein Funkgerät, „misst Du das Licht mal eben“.

„Klar Chef!“ und nach einer Weile „Blende 8/60stel Sekunde im Mittel“.

Wolfgang stelle Blende 8 und 125stel Sekunde ein – er konnte aus dem Film etwas mehr rausholen, wenn er das bei der Entwicklung beachten würde.

Diverse Männer konnten es nicht unterlassen, den sich räkelnden Damen in den Fenstern ihre eigenen körperlichen Vorteile überlaut anzubieten.

Scheißkerle, dachte Max, der sich ärgerte, aber wohl nicht zu vermeiden, Italienern hätte er das gar nicht zugetraut, aber es waren vermutlich gar keine Italiener, es waren eher deutsche Pauschalreisende – drei Tage Venedig für 300,- € inklusive. Naja, Venedig war für alle da.

Irgendeine dumme Tusse hatte in seinem Beisein einmal vorgeschlagen, die Venezianer sollten von Touristen schon am Beginn der Brücke in Mestre Eintritt verlangen, 250 Euro pro Tag, hatte die Tusse gemeint, die gerade im Disneyland gewesen war, das könnte man schon nehmen, das richtige Publikum vorausgesetzt – und einen Vorteil hätte das noch, dann wäre nämlich auch der Pöbel nicht da, man wäre also unter sich.

Unverschämt, dumm und blöd fand Max das und hatte sich mit Grausen von der Gruppe der Mitglieder der Gesellschaft abgewandt, die der Tusse reichlich Zuspruch gaben.

Seine Frauen waren fertig, seine Kamera auch – es war eine moderne Plattenkamera, ja so etwas gab es noch. Das Negativ war 12 mal 18 cm groß, davon konnte er Vergrößerungen machen, um das Empire State Building abzudecken, naja, nicht ganz, aber die Auflösung war gewaltig, da kam keine Digitalkamera mit.

„Achtung“, rief er in das Funkgerät, „drei, zwei, eins… Schuss! Alles klar, meine Damen, zweite Position, bitte.“

Seine Modelle wechselten die Haltung, drehten sich, wendeten sich, auf der Rialto-Brücke wurde gejohlt und gepfiffen. Die Negligés wehten im künstlichen Wind aus der Windmaschine – sah richtig gut aus, fand er.

Er wechselte die Platte, das ging heutzutage fix, dann gab er wieder das Signal: „Achtung, drei, zwei, eins… Schuss! Alles klar, Mädels, dritte Position, bitte.“

Er war fertig – doch halt, was war das?

„Frau Lucchetta“, rief er ins Funkgerät, „was ist los? Was soll das?“

Sie stand stocksteif und hatte die Arme vor den bekanntlich durchaus beeindruckenden Brüsten gekreuzt.

„Ich kann nicht“, hauchte Frau Lucchetta aus dem Funk.

„Warum, verdammt noch mal? Bist Du plötzlich prüde geworden?“

Er wechselte kurz ins vertraute Du.

„Es geht einfach nicht.“

„Warum nicht, kannst Du mir das bitte einmal sagen?“

„Meine Eltern stehen da unten!“

„Spinnst Du? Bist Du nun Profi oder nicht?“

„Na gut“, rief sie plötzlich fröhlich und stellte sich besonders provokant auf, wackelte ein paar Mal mit dem Po in Richtung Brücke, lachte laut, „Naja, vielleicht habe ich mich ja auch geirrt – und es waren Onkel und Tante. Fertig“, rief sie noch, „geht es jetzt weiter oder nicht?“

„Na, warte“, knurrte Max, „über die Nummer reden wir noch.“

Es folgten noch ungefähr 10 Aufnahmen, dann gab er das Zeichen  „fertig für jetzt“.

„Okay“, rief er in das Funkgerät, das wäre es, „Danke, meine Damen. Ende! Abzug! Frau Lucchetta, sagen Sie den Technikern, dass eine Stunde Pause ist. Dann geht es mit den Booten weiter.“

„Jawohl, Chef und Entschuldigung für den kleinen Scherz…“

„Schon gut“, knurrte Max, „da reden wir noch.“

„Aber nicht hauen, Chef“, flehte Frau Lucchetta.

„Mal sehen, ich denke drüber nach. Also, wir treffen uns gleich im Hotel!“

Die wenig bekleideten Damen verschwanden von den Fenstern und Balkonen und die Menge verlief sich – aber nur ein bisschen, weil, auf der Rialto-Brücke ist immer viel los, und die Leute hatten jetzt was zu reden. Insbesondere die kleinen Japaner schwatzen aufgeregt umeinander. Aber das verstand ja keiner – außer den Japanern…

Max packte die Großbildkamera zusammen – ein Vorgang, der ziemlich viel technischen Verstand erforderte, denn so eine Kamera wird dabei mehr oder weniger auseinander gebaut. Er war sehr sorgfältig, schließlich wurde er von den kritischen Augen von Wolfgang beobachtet, der das lieber selber gemacht hätte (Technik war schließlich „sein Ding“). Dann nahm Wolfgang Max den Koffer mit der Kamera und das schwere Stativ ab. „Zufrieden?“, fragte er Max.

„Ja, ich glaube, das war gut, könnte eine Doppelseite werden in Vogue oder Cosmopolitan oder so. So etwas haben die, glaube ich, noch nicht gehabt.  Naja, und wenn nicht, bieten wir`s Hasselblad an, als Werbefotos“, grinste er Wolfgang an.

„Aber das war doch Linhof und nicht Hasselblad“, wandte Wolfgang ein.

„Na und“, Max zuckte mit den Schultern, „wen interessiert es, etwa die Jungs von Hasselblad?“

„Aber“, stotterte Wolfgang und verstand die Welt nicht mehr. Manchmal erschien er Max doch recht einfältig, ehrlich zwar, aber einfältig – oder gab er sich nur so?. Nach einer Weile meinte Wolfgang: „Ach so, Du meinst…“, den Rest des Satzes und den Mund ließ er offen.

„Genau“, sagte Max, „und mach den Mund wieder zu, wenn wir das Ende der Brücke erreicht haben, also – jetzt!“

Wolfgang bat ihn, den Koffer zu nehmen, er wollte noch einmal nach den Technikern vom Lichtverleih schauen und ihnen sagen, wo sie anschließend das Licht brauchten.

Als Max zum Hoteleingang kam, der nur 25 Meter von der Brücke entfernt war, fand er Ruth, Esther und Jana mit Zigaretten in der Hand am Eingang. Sie trugen jetzt wieder Trainingsanzüge.

„Und…“, fragte Esther, und Ruth ergänzte „zufrieden?“

„Hhm“, nickte Max „ich glaube, das wird ganz nett!“

„Ganz nett“ war aus seinem Mund ein großes Lob – ungefähr so, als wenn er nach dem Geschmack eins Essens gefragt würde und er antwortete: „Kannst mal wieder machen“. Höchstes Lob also, allerhöchstes.

Jana wusste das nicht und fragte: „Nix gurt?“

Ruth stupste sie an und meinte, dass, wenn Max „ganz nett sagen“ würde, wäre das so, als wenn… Sie suchte nach einem Vergleich und fand ihn darin zu sagen: „Als wenn die Tschechen die Russen im Endspiel einer Weltmeisterschaft 10: 0 schlagen würden, kapiert?“

Jana bekam große Augen und meinte nur „Ssso gurt?“

„Noch besser!“ meinte Ruth und lachte los, „noch besser, Jana!“

Jetzt strahlten alle vier um die Wette.

Ruth bot Max eine Zigarette mit den Worten an: „Auch ´ne Fluppe?“

„Ich dachte schon, Du würdest das nie sagen“, meinte Max, nahm die Zigarette und meinte an Esther gewandt „Hast Du mal Feuer?“

„Ich habe immer Feuer!“ meinte die lächelnd und gab ihm Feuer.

„Wann geht es weiter?“, fragte Jana.

Max drehte sich zum Canal und deutete auf zwei Gondeln und zwei Motoscaffis: „Ich glaube, unsere Boote sind schon da.“

Sofort hatten es die Damen eilig: „Na denn“, meinte Esther, „rein in BH und Höschen und in den Pelz, bin mal gespannt, was sie Zuschauer jetzt sagen werden? Kommt, meine Damen, umziehen!“

In der Tür drehte Esther sich noch einmal um und wandte sich an Max: „Du, Max, der Typ da gestern auf der Modenschau, der Carla das Tablett mit dem Champagner geklaut hat, Du weißt schon, ganz am Ende, der hat in der ersten Reihe gesessen und der hatte ein paar ganz junge Dinger dabei, kennst Du den?“

„Carla?“ unterbrach Max sie, „welche Carla?“

„Eine von unseren Italienerinnen, die Blonde, die ein paar Brocken Deutsch spricht. Irgendwie kam der mir bekannt vor! Aber ich kann den nicht richtig unterbringen…“

„Nein“, meinte Max, „ich weiß zwar, wen Du meinst – aber ich kenne den nicht. Unangenehmer Typ, irgendwie hatte der eine brutale Ausstrahlung. Teuer angezogen, dicke Brillos im Ohr – aber total geschmacklos! Unnatürlich für einen Italiener – und die Mädchen sahen eher wie junge Nutten aus, oder?“

Esther nickte bestätigend und ergänzte „und ganz tote Augen hatte der, das war richtig gruselig, wenn der einen angeschaut hat…“, und Max fuhr fort: „Ich weiß gar nicht, wie der da reingekommen ist. Ich werde Cristina mal fragen, interessiert mich jetzt auch.“

„Na gut“, meinte Esther, „ist ja eigentlich auch nicht wichtig, aber irgendwoher kenne ich den. Ich habe den schon mal gesehen – die Augen, weißt Du, die Augen!“

„Hhm, vielleicht kenne ich jemanden, den ich anrufen kann“, meinte Max nachdenklich, atmete tief durch, klatsche in die Hände und sagte laut: „Los Esther, es geht weiter…“

Als sie sich umdrehte haute er ihr leicht auf den Po. „Aua“, rief sie, „Du wolltest die Lucchetta verhauen, nicht mich, naja, vielleicht ein bisschen“, grinste sie ihn frech an, „Sag mal, wo hattest Du gestern nach der Modenschau plötzlich die scharfe Reitgerte her?“

„Aus meinem Geschäftsführer-Equipment – als Führungs­instru­ment.“

„Na also“, meinte sie, „geschieht mir Recht, was stelle ich auch so eine blöde Frage. Auf den Mund warst Du ja noch nie gefallen.“

„Siehste“, antwortete er.

„Und das letzte Wort musst Du auch immer haben, oder?“

„Ja!“

Tränen sind blöd und Tagträume doof. Da hatte Esther eine ganz klare Meinung. Auch die saudumme süße Katze, die sich gestern an ihre Beine geschmiegt und gejammert hatte, würde das nicht ändern. Mäuse gibt’s genug, fand Esther.

Sie hatte am Morgen ausgeschlafen, hatte die Hochzeitsmaske von La Prairie aufgelegt und war fit für die Fotosessions, die für den Tag vorgesehen waren. Naja, Hochzeitsmaske, celluaire energisant, so what?

Dann begann die Arbeit und sie hatte wieder Spaß gemacht, vor allem bei den Fotos in der Gondel! Und der Gondoliere hatte auch sehr nett ausgeschaut.

Das Setting im Palazzo an der Accademia war einfach klasse gewesen. Schönheit und Luxus pur! Sie hatten das Shooting im prächtigen Treppenhaus gehabt: Ruth, Jana, Frau Lucchetta und sie hatten dort vor den Marmorsäulen und in Türen posiert und waren xmal die Treppen herauf- und hinabgeschritten.

Ja, sie fand auch, dass das die richtige Umgebung war, um die Schönheit von Max´ Dessous zu präsentieren. Der Hintergrund passte in seiner Üppigkeit des Marmors perfekt zur Üppigkeit ihrer Körper und der Korsetts und Corsagen, die sie im Palazzo unter den Mänteln getragen hatten – es waren andere Pelzmäntel gewesen als die, die sie in der Gondel getragen hatten. Der Max hatte das richtig gut drauf, fand sie, da war er unübertroffen. Naja, und wenn sie Sex hatten, da war er auch richtig gut. Oder war sie unkritisch geworden, weil sie mit ihrem Mann schon lange keinen Sex mehr hatte.

Der trieb es außer Haus, das wusste sie inzwischen, und irgendwann hatte es zwischen Max und ihr gefunkt. Natürlich wusste sie, dass er es auch mit Ruth trieb, wahrscheinlich auch mit Jana; Bei Frau Lucchetta war sie fast ganz sicher, dass da nichts lief, aber das Verhältnis zwischen allen war einvernehmlich und freundschaftlich. Wäre ja auch noch schöner, wenn es Eifersüchteleien gäbe.

Am späten Nachmittag waren sie fertig geworden, waren ins Hotel gegangen, hatten sich einen Moment ausgeruht und dann wieder fertig gemacht für das Essen in Murano.

Frau Lucchetta hatte das organisiert. Sie hatte sehr geheimnisvoll getan aber durchblicken lassen, dass sie etwas Besonderes erwarten dürften.

Jetzt saßen sie im Taxiboot, das sie erst durch den Canal Grande fuhr, um dann in einen Kanal nach rechts abzubiegen, um in der Nähe vom Fondamente nove die Lagune zu erreichen. Sie waren jetzt im etwas bewegteren Wasser der Lagune unterwegs, das Boot sprang von Welle zu Welle, als Ihr iPhone schnurrte – endlich. Davide, das musste er sein. Das Gerüttel im Boot verhinderte, dass Esther rechtzeitig das Mobilteil aus der Handtasche fischen konnte. Mist aber auch!

Die Mailbox war leer, aber da war eine Nachricht. MMS, Donnerwetter! Und dann hätte sie kotzen können. So gemein kann doch niemand sein:

Es war schon Davide, ja, aber er kniete. Vor einem – ja, was war das denn eigentlich? – also vermutlich vor einem Signalhorn, und auf und an dem räkelte sich, blanke Brüstchen spitz raus, sich gegen die Sonne streckend, ein weibliches Wesen. Esther schluckte, nahm verstohlen ihre Brille, Lesebrille für Notfälle, versteht sich, aber sie hasste sie trotzdem.

Obszön, als Szene vielleicht nicht schlecht – es fuhr ihr ein Blitz ins Vötzchen.

Was wollte Davide ihr zeigen? Was Erotik wirklich ist? Dass sie – mal wieder, der Herr Gemahl hätte schließlich immer Recht, er war schließlich Spartenvorstand bei der Bank und sie nur eine dick gewordene Hausfrau – einfach schief gewickelt war, wenn sie dachte, Dessous wären sexy? An ihr etwa? Dessous, die sie vorgeführt hatte und die in Italien Begeisterungsstürme hervorgerufen hatten?

Esther machte sich ganz klein, wurde innerlich zu einer Kugel, dann aber wütend. Subito! Denn sie sah, dass ein zweites Foto angefügt war. Hei, wie sie das i-iPhone plötzlich beherrschte!

Das junge Ding, mein Gott, 16 vielleicht, höchstens, wand sich auch dort um das Signalhorn einer Yacht. Aber der Mann – wieder Davide – hatte sich erhoben. Spreizte ihre Pobacken und war dazwischen mit seinem Teil verschwunden. Ihm fehlte die Hose, ihr wohl auch.

Und es gab Text dazu, das hatte sie gar nicht bemerkt „ Banking, ranking – eine wohlmeinende Freundin, liebe Esther. Besitos.“

Das Boot hatte Murano erreicht und bog an der Haltestelle Colonna in den kleineren Hauptkanal von Murano ein, wurde langsamer und glitt dann langsam zu einer Treppe, an der sie aussteigen konnten.

Frau Lucchetta führte sie zu einem Restaurant: Ai Vetrai hieß es und lag nur wenige Schritte den Fondamente Manin hinauf.

Am Fondamente saßen Touristen in der späten Sonne direkt am Canale. „Wir gehen durch“, sagte Frau Lucchetta, „am besten gehe ich voraus.“

Sie gingen durch das kahl anmutende Ristorante und dann durch einen engen Gang, der fast durch die Küche führte und gelangten nach einigen Metern in einen weiteren gut besuchten Raum, wo ein Tisch für sie reserviert war. „Hierher“, erläuterte Frau Lucchetta, „kommen nur Einheimische.“

„Und wir“, sagte Ruth. „Und wir“, bestätigte Frau Lucchetta, „hier sind schon meine Eltern immer her gegangen. Hier gibt es das beste Risotto – nach dem von meiner Mutter“, lachte sie, „nehmt Platz…“

„Hallo Max“, hieß es plötzlich von einem der Tische, „was macht ihr den hier?“

„Meine Damen“, sagte Max, „darf ich Euch einen der größten Glaskünstler Muranos und damit der Welt vorstellen: Mein Freund Lucio.“

„Oh, no no no“, sagte Lucio und wedelte abwehrend mit den Händen, „zu viel der Ehre! Ganz im Gegenteil, wissen Sie, dass Sie mit einem der begabtesten Zeichner hier sind, er könnte ein Venezianer sein, so gut ist er.“

„Genug der Komplimente ausgetauscht“, lachte Max, „willst Du Dich zu uns setzen...“

„Gerne“, sagte Lucio, „so viel geballter Schönheit kann kein Mann widerstehen, erst recht kein Italiener und schon gar nicht ich“. Er schaute sich um und stockte, als er Jana sah: „Jana, wie kommst Du in diese Bande, deren Anführer mein Freund Max ist?“

Er schaute in die Runde und fragte: „Sie wissen schon, wen Sie da bei sich haben? Jana – sie ist eine der besten Glaskünstlerinnen Tschechiens und sie hat in Venedig gelernt – oder hinzugelernt, nicht wahr, Jana? Lass Dich in den Arm nehmen – wie lange haben wir uns nicht mehr gesehen?“

„Voriges Jahr auf der GAS Conference – als Du den Großen Preis bekommen hast.“

„Länger nicht? Es kommt mir wie eine Ewigkeit vor“.

„Max“, fragte Lucio, „was machst Du mit so vielen so schönen Frauen – und ich weiß nichts davon, dass Ihr in Venedig seid? Sind wir keine Freunde mehr? Freunde teilen doch alles.“

„Arbeit“, antwortete Max, „wir haben eine Modenschau und Fotosessions gemacht. Und die Damen waren die Modelle!“

„O dio mio. Dann haben diese wundervollen Frauen so eher nichts über den Laufsteg getragen? Ohne mich?“

Frau Lucchetta mischte sich lachend auf Italienisch ein und meinte, dass es so vielleicht besser gewesen sei, denn wenn er dabei gewesen wäre, o mein Gott, wer hätte sich dann noch auf die Arbeit konzentrieren können?“

Lucio schaute sie an und war hin und weg – er holte sich einen Stuhl und setzte sich neben diese milchhäutige, rothaarige üppige Schönheit, die das Leben selbst widerzuspiegeln schien.

Sie plauderten eine ganze Weile, dann rief Frau Lucchetta „Max, ich soll ihm Modell stehen, wie findest Du das?“

„Grandios! Nur weißt Du, was er macht?“

„Nö“, meinte Frau Lucchetta und schüttelte den Kopf, „Glaskunst, halt.“

„Du kennst doch diese kleinen Figuren, die wir im Laden stehen haben“.

„Die mit den Peitschen und den unten offenen Lackanzügen, vor denen die Herren knien, die eine Banane oder eine Rose im Po haben, doch nicht etwa?“

„Genau die – die sind von Lucio!“

Lucio grinste über alle vier Backen und nickte.

„Oh man“, sagte Frau Lucchetta, „da muss ich erst noch einmal nachdenken… andererseits“, grinste sie jetzt, „könnte doch auch ganz reizvoll sein, eine neue Erfahrung, Wolfgang, was meinst Du?“

„Ich lass mir jedenfalls keine Rose in den Arsch stecken – das kannst Du vergessen“, maulte der.

„Nicht doch, will doch gar keiner… Was meinst Du, soll ich das machen?“

Der nahm einen Schluck Rotwein, der inzwischen serviert war und nickte: „Kriege ich das dann? Das Stück Glas, meine ich?“

„Wer weiß“, meinte Max, „der Sammler bin ja eigentlich ich, und wer Lucios Arbeiten „als Stück Glas“ bezeichnet, hat kaum Chancen, eines zu erwerben.“

Dann kam das Risotto – und es war göttlich! Fast so gut wie bei Frau Lucchettas Mutter, bestätigte deren Tochter.

Nach dem Hauptgang, Fisch, bat Esther Ruth mit ihr rauszugehen: „Ich muss Dir mal etwas zeigen“, sagte sie. Sie standen auf, gingen durch das Lokal zum Fondamente. Esther bot Ruth mit der Bemerkung, dass sie die brauchen werde, eine Zigarette an und gab ihr Feuer.

„Was ist los?“, fragte Ruth neugierig. Wortlos reichte Esther ihr das Handy. „Da, schau Dir mal die Mail an“.

Ruth schaute und fragte „Ja? Alter Knacker mit Frischgemüse – zu jung für meinen Geschmack? Was soll das?“

„Das ist mein Mann“, antworte Esther tonlos, „das ist mein Mann auf dem Boot in Palma“.

„Nee nicht, das ist jetzt nicht wahr, oder?“, fragte Ruth, „wo hast Du das her?“

„Anonym zugesandt bekommen. Da ist noch eines, da fickt er die Kleine, von hinten.“

Ruth öffnete das nächste Bild. „Aua“, sagte sie, „das tut ja schon bei Zuschauen weh!“

„Es kotzt mich an!“, entgegnete Esther, „Da ist man 25 Jahre lang mit einem Kerl verheiratet, vertraut dem – naja fast, dass der was laufen hatte, habe ich ja schon lange geahnt… Sonst hätte ich ja auch nie etwas mit Max angefangen, so ab und zu, also nur ab und zu ins Bett, wegen dem Sex, genau wie Du, wahrscheinlich. Da geht bei meinem Mann seit zehn Jahren nichts mehr. Betablocker, weißt Du, wegen der vielen Arbeit. Jetzt weiß ich auch warum. Scheiß auf die Betablocker, der fickt viel zu junge Mädchen, da geht’s bei ihm plötzlich... Jung müssen die sein, das ist alles, und am besten noch jünger! Kein Wunder, dass der von mir nichts mehr wissen will…“

„Was willst Du tun?“, fragte Ruth.

„Weiß ich nicht, muss erst einmal nachdenken – aber es reicht mit jetzt, wie der mich behandelt. Der soll bluten, das Schwein… Der ist doch ein Tier, oder, wenn er es mit so jungen Dingern treibt, das sind doch noch Kinder.“

„Komm, lass uns ein paar Meter laufen“, schlug Ruth vor, „das macht einen ja ganz fertig... Also, dass es so was geben soll, das hat man ja schon gehört, aber das dann tatsächlich zu sehen, so im Nahbereich.“

„Das haut einen um, oder?“, sagte Esther leise.

„Komm, lass uns wieder reingehen, die vermissen uns sonst.“

„Geh Du vor, ich komme gleich nach. Ich brauche noch ein wenig Luft. Ich muss nachdenken… Ich setze mich da auf die Treppe“, sie deutete auf eine der Brücken, die den Kanal überquerten.

„Aber Du kommst dann nach?“, insistierte Ruth.

„Ja, ja, keine Sorge, ich komme schon. Bald.“

Als Ruth wieder an den Tisch kam, fragte Max, was los sei, Esther sei ja weiß wie die Wand gewesen? Ach, der sei nur ein wenig schlecht nach all der Arbeit, hatte Ruth ihn beruhigt.

Jana und Lucio diskutierten auf Englisch die Vorzüge bestimmter Glassorten und Frau Lucchetta gluckste mit Wolfgang herum.

„Du Max“, sagte Ruth, „wenn wir in München sind, müssen wir mal reden…“

„Esther?“

Sie nickte „Ja, Esther, aber nicht jetzt!“

Venedig

Esther hatte sich mit Ruth verabredet: Frühstück um neun, dann noch einmal „das Näschen putzen“ und gegen 10 Uhr wollten sie einen kleinen Stadtbummel machen, viel Zeit hatten sie eh nicht, weil um 12 Uhr das Taxiboot zum Piazzale Roma fahren würde. Vom Piazzale wären es sechs oder sieben Stunden nach München.

Der Morgen war frei – Shopping oder ausschlafen oder einfach nur ein bisschen durch die Stadt bummeln. Es war frei – frei Schnauze.

Nachdem Esther und Ruth gemeinsam das Hotel verlassen hatten, traf Jana Frau Lucchetta in der Lobby. „Gehst du zur Mama zu Besuch, Lucchettova?“ wollte Jana wissen. Die schüttelte den Kopf.

„Wie kommst du auf so eine Idee, wegen gestern? Das war doch nicht mein Ernst, meine Eltern leben bei Rom. Mama stammt nur von hier. Ich habe Max reingelegt, er sollte sich einfach lockern.“

Sie trat an die Türe, sah sich suchend um, schüttelte den Kopf und wandte sich wieder Jana zu.

„Willst du Tipps, wo du hingehen solltest oder trinken wir einen Eistee da draußen zusammen, schauen einfach so den Passanten zu? Ich finde das immer lustig.“

Jana stand zwar auf, um ihr Gesellschaft zu leisten, sie war aber immer noch damit beschäftigt, was Frau Lucchetta über Max gesagt hatte.

Max war der Boss, Frau Lucchetta nannte ihn Chef oder hier auch Maestro, aber immer irgendwie respektvoll. Deutsch war wahrscheinlich nicht nur eine schwierige, sondern ebenfalls eine komische Sprache. Reinlegen, das machte man doch anders.

„Ich finde Max eigentlich den nettesten deutschen Mann, den ich kenne. Ich lege mich auch besonders gerne rein mit ihm. Sagt man doch so?“

Frau Lucchetta verzog keine Miene, murmelte „Ach, na so etwas, daaas weiß ich längst.“

Laut sagte sie: „Deutsche Männer? Hm. Siehst du diesen da? Den mit den kurzen Hosen? Und den mit den Socken in den Plastiksandalen daneben, der die Karierten trägt, trotz seinem Bauch? Das würde Max nie tun, da ist er wie Italiener: Kurze Hosen am Strand, aber lange auf der Straße. Und nett? Nett wäre zu wenig für Max. Max macht immer Bella Figura, er ist auch so. Come Wolfgang – fast.“

„Uih du Spezialistin. Hörst du zu? Die karierte Hose, die du mir gezeigt hast, hat nicht Deutsch, sie hat slowakisch geredet. Der andere war ein Tscheche, die sind auch nicht besser. Oder warum glaubst du, dass ich meine Glasfiguren als Frauentorsi mache?“

Die beiden nippten eine Weile schweigend an ihrem noch zu heißen grünen Tee.  Denn natürlich hatte Jana die Bestellung aufgegeben, in ihrem italienisch und Frau Lucchetta wollte nicht schon wieder klugpupsen, sondern hatte ganz im Gegenteil sehr genossen, wie Jana rote Ohren kriegte, als die Kellnerin mit der Bestellung gekommen war.

„Mein Papa ist ein schöner Mann“, nahm Frau Lucchetta den Gesprächsfaden wieder auf. „An dem könntest du heute noch Maß nehmen, der würde dir gefallen. Er wird bald siebzig, aber“, sie schnalzte auf besondere Art mit der Zunge und warf dabei den Kopf zurück „o-lala!“. Jana verstand.

„Du meinst, die Proportionen stimmen einfach, und seine Kleidung passt zu ihm, zu seinem Alter?“

„Genau. Papa würde nie in Bluejeans herumlaufen oder in Turn­schuhen. Selbst wenn er die Sportzeitung kaufen geht. Er trägt eine Leinen- oder eine leichte Baumwollhose im Sommer, da ist sie meistens weiß und im Winter ist „sportivo“ eben schwerer Cord. Und er hat Schuhe an, weißt du. So richtige, in Leder. Er wechselt sie jeden Tag und er hat immer ein Stofftaschentuch, niemals so ein Papierzeug in der Hosentasche.“

„Trägt er auch Hut?“

„Ja, selbstverständlich. Seine Hüte sucht Mama aus. Hier ganz in der Nähe“ sie zeigte mit der Hand über die Schulter quasi übers Hotel hinweg, „da  kauft sie immer Hüte für ihn, wenn sie in Venedig ist. Die kennen dort seine Hutgröße. Du weiß schon, dass ein Borsalino nicht einfach ein toller männlicher Strohhut ist, sondern eine Marke?“ Das wusste Jana nicht und weil sie Frau Lucchetta anmerkte, wie sie „Papa“ liebte, wollte sie mehr von den Hüten wissen.

 „Für die Fedoras ist Borsalino bekannt. Ich glaube, vor mehr als hundert Jahren war es Signore Giuseppe Borsalino, der das Hutunternehmen gegründet hat. Im Piemont war das, ich frage Papa aber noch mal, der war dort viele Jahre als Richter. Aber die Filzhüte von Papa im Winter, die  sind aus Kaninchen- oder aus Nutriahaaren gemacht, sie halten Wasser ab, sind aber sehr kleidsam. Du musst mal alte Fotos anschauen, sogar Al Capone trägt sie.“

Jana staunte nicht schlecht, aber es passte zu Frau Lucchetta, dass sie das alles wusste und Jana war sicher, auch Piemont stimmte und „Papa“ musste nicht gefragt, der sollte nur im Gespräch gehalten werden.

„Ist Piemont die Gegend um Rom? Oder warum sind deine Eltern dort, sie hätten doch auch hierherziehen können, dein Papa ist doch sicher pensioniert?“

„Pensioniert ist er eigentlich schon, aber wir sind sehr viel umgezogen, besonders Mama und wir Kinder. In Sizilien waren wir nicht dabei, das war zu gefährlich.“

Frau Lucchetta wurde sehr leise und Jana überlegte, was sie Falsches gesagt haben könnte.

„Du bist im Ostblock geboren, Jana, du wirst es verstehen. Papa war Mafiajäger früher, da war er noch – ach das italienische Wort ist jetzt egal, sagen wir Staatsanwalt.“

Und ob Jana Frau Lucchetta verstand. Mafiosi erkannte man zunehmend in Prag, Jana glaubte sogar, die könne sie riechen. Tambowskaja, Solntsewskaja fielen ihr ein, aber das sagte auch sie nicht laut. Sondern eher gedämpft und zum Tisch hinunter „hast du den übrigens gestern gesehen, in der Ca’ Albrici, der in dem doppelreihigen Anzug mit der Rolex und den toten Augen?“

„Wie kommst du auf den jetzt? Das war bestimmt kein Italiener, und chic war der auch nicht, nur teuer ausgestattet. Aber ich erinnere mich, klar. Ich würde ihn aber lieber vergessen, solltest du auch.“

Das war nun wirklich einfachst, denn nun wurden sie entschädigt für alle kurzen und karierten Hosen, für Flipflops, Birkenstocks und kichernde, knipsende Japaner: Es nahten junge männliche Uniformen.

Aber was für welche und mit was für Inhalten! Janas Herz (Herz?) hüpfte, Frau Lucchetta hob ganz schnell die Sonnenbrille in ihr Haar: Die wabernden Touristen wurden optisch völlig verdrängt von zwei Reihen weißer und blauer Uniformen, die mit gleich langen Schritten, die linken Arme angewinkelt, die rechten knapp an den Säbeln, Capes an einer Schulter an der Bar vorbei promenierten.

In keiner Uniform steckten weniger als 180 cm drin, pechschwarze kurze Haare, mattglänzende dunkelbraune Haut ohne jeden Schatten. Wären die Kopfbedeckungen nicht gewesen, Jana hätte geschworen, alle Augen wären tief blau.

„Scuola Navale“ hauchte Frau Lucchetta und „wir haben bezahlt. Kennst du eigentlich das Arsenale?“

Jana wusste das nicht, es war ihr aber egal. Sie hakte Frau Lucchetta unter und machte sich ganz bereitwillig auf den langen Fußmarsch dorthin. Mit ein wenig Abstand zu den knackigen Popos („Pö-en“, sagte Frau Lucchetta, „das sind doch immer zwei Bäckchen“),  am Markusplatz war der beste Blick auf die Kadetten, frau weiß ja zu genießen.

Esther war froh, dass sie mit Ruth verabredet war, vielleicht würde sie dann nicht immer an die Bilder denken müssen, die ihr die „wohlmeinende Freundin“ zugeschickt hatte.

„Na komm jetzt, Esther“, Ruth boxte sie in die Seite. “Wir sind in Venedig, da hast du gar keine Zeit für das Arschloch, sei keine Spielverderberin, wir gehen shoppen. Ohne die Männer, ich will nicht beraten werden und Geschäfte wie die hier, gibt’s in München nicht.“

„Hhm, was denn?“ Esther musste ernsthaft „knocked out“ sein. Shoppen ging sie doch immer gerne und vorgenommen hatten sich die beiden das ohnehin. Ruth nahm neuerlich Anlauf, Schuhen konnte Esther nämlich nie widerstehen „Ich habe Manolos gesehen gestern auf dem Weg.“ Was glatt gelogen war, denn auf welchem Weg sollte denn wer was erkannt haben, sie waren doch vollkommen auf den vor ihnen liegenden Abend konzentriert gewesen.

Nicht einmal dieses Label wirkte, Ruth plapperte also weiter, „Kannst dich nicht erinnern, bloß wo das nun wieder genau lag... Du hast doch noch was eingegeben in dein supergeiles Handy, oder nicht? Ich kenn mich doch da nicht so.“

Scheiße – das Handy! Das war jetzt kein gutes Intro gewesen, maßregelte sich Ruth innerlich, wie kam sie da bloß wieder raus?

Esther begann aber tatsächlich in ihrer Lupo Handtasche zu kramen. Ein flottes Faltenteil in Weiß mit mitternachtsblauen Rändern, nur zu groß und zu schwer bepackt für Ruths Geschmack.

Sie hasste es, so viel mit sich herum zu schleppen. Esther suchte immer noch, jetzt legte sie Handschuhe auf den Tisch, die waren wohl zu sehr im Weg gewesen in den Untiefen der Tasche.

„Roeckl, Theatinerstrasse?“ wollte Ruth vorsichtshalber wissen und bewunderte das Innenteil der zweifächerigen Handschuhe aus ebenfalls mitternachtsblauem Kaschmir, mit Lederschlupf fürs Autofahren darüber. Heiße Kombi, wirklich.

„Hhm, ja“, war die einzige Reaktion von Esther.

„Also echt, eine größere Auswahl bei Handschuhen als in Venedig, das findest du nicht. Solche da würden mir übrigens auch gefallen. Natürlich in anderer Farbe. Wenn wir über San Moise gehen, da sind gleich mehrere Läden. Kommst du?“

Ruth beglückwünschte sich zu dieser Volte, denn Esther stand auf und schob resolut den Stuhl zurück. Schuhe, Handschuhe, das zog bei ihr, das war einfach bombensicher. Wenn sie immer noch nicht käme, wären gleich noch Schals, Tücher und zur Not noch Ohrclips dran, dachte sich Ruth noch, denn wer wie Esther Konfektionsgröße 46 trägt, der schlägt vor allem bei den Accessoires gnadenlos zu. Die Läden mit den „Elefantenzelten“, Rinaldi oder Punte Roma würde Ruth schon links liegen zu lassen wissen. Ganzkörperspiegel brauchte heute niemand, dachte sie bei sich, da konnten die Fetzen noch so kleidsam sein.

„Das Handy ist nicht da“, informierte Esther die verblüffte Ruth. Das war zwar Quatsch vorhin mit dem Google Marker von dir, aber nett gemeint. Danke. Ich hol jetzt das iPhone noch aus dem Zimmer, denn diese Fotos müssen gesichert werden, dass mir das Ding womöglich abhandenkommt, geht gar nicht. Das kommt in den Hotelsafe, den großen, und in München schlage ich zurück. Aber richtig. Ob das kleine Hurending überhaupt schon 16 ist? Der soll bluten, der Kerl, aber wie, so wahr ich hier stehe! Ich habe die Schnauze endgültig voll!“

Sie zwinkerte – Träne oder Wut? – und als sie dann in der Hotelhalle erschien, hatte sich ihr Rücken gestrafft, der dunkle Lippenstift einen Glossüberzug erhalten und man nahm den angenehm leisen Hauch von Bond No. 9 wahr.

Oha, dachte Ruth, jetzt geht’s aber auf und erhob sich.

Es wurden keine Handschuhe für Ruth, sondern Stipeline für Esther, aber nicht Manolo Blahnik machte das Geschäft, sondern ein venezianischer Schuhmachermeister, der sie als Unikate herstellte.

„Das sind wir Max eigentlich auch schuldig, so exklusive Handarbeit“ kicherte sich Esther über den exorbitanten Preis hinweg und sie verzieh der Freundin großmütig, dass die sie in ein Wollgeschäft geschleppt hatte, gleich vor der kleinen Ponte, wo es Leinenseide in geradezu atemberaubenden Farben gab. Vor allem, nachdem Ruth unaufgefordert mitteilte, dass sie ja weder stricken noch häkeln könne, das bestimmt auch nicht lernen werde, aber einmal eine Anwältin gehabt hatte, die ein so heißes halbdurchsichtiges Strick Twinset getragen habe, bei dem äußerst raffiniert der Busen zur Geltung kam, wenn sie sich räkelte.

Die würde sie in München fragen, wer so was für sie machen könne, so ein Teil wolle sie bis zum Sommer auch haben. Überzeugend.

Esther und Ruth waren sogar noch einmal zurückgegangen und hatten der verdutzten Häkeldame tatsächlich alle Vorräte dieses Hexengarnes abgekauft.

Was hatten sie gelacht, als sie sich ausmalten, wo man sich wie in aller gebotenen Unschuld rekeln könne und werde!

„Ich muss noch meine Lesebrille abholen“ eröffnete Ruth, als sie in der Nähe des Markusplatzes waren. „Geht das okay, oder soll ich sie mir schicken lassen?“

Es war an Esther, erneut zu staunen. „Lesebrille in Venedig? Das traust du dich?” Bis Ruth alle Vorteile dieser Investition erläutert hatte, war der Markusplatz überquert, sie hatten die Calle Valleresso links liegen gelassen und sich fest versprochen, dort nächstes Mal der legendären Harrys Bar einen Besuch abzustatten und den unvergleichlichen Bellini dort zu trinken, von dem die Linardi geschwärmt hatte.

Sie flanierten vorbei an Auslagen mit Traditionsprodukten wie Spitzen, handbedruckten Stoffen, handgeschöpftem, marmoriertem Papier; sie besahen sich auch die Unmengen an Touristenkitsch.

Dann lenkte Ruth zurück in ein kleines Gässchen und bald wurden sie dort freundlich hinter Schaufensterglas begrüßt, jemand winkte. „Meint der uns?“ wollte Esther wissen und kommentierte leise, aber vernehmbar „der ist aber gaaanz andere Liga als der vorhin ...“, als Ruth nickte, sie kurz schubste, eintrat und den Gruß des eleganten, eher zierlichen Herrn mit den angegrauten Schläfen, der eine Horn-mit-Holz-Brille in sonnengelb trug, auf Deutsch erwiderte.

Ruth wurde höflich nach ihrer Familie befragt, nach dem Wohlergehen ihres jüngsten Sohnes, des Piloten, sie verzog keine Miene trotz dieses hanebüchenen Unsinns, den sich Esther belustigt anhörte, sondern nahm den angebotenen „Prosechino“ und in die andere Hand kurz entschlossen einen Spiegel. Den drückte sie Esther in die Hand.

„Meine Freundin möchte auch so eine Klappsonnenbrille, wie ich sie habe“ forderte Ruth den Italiener auf, sein Sortiment zu zeigen. Esther kam aus dem Staunen nicht heraus. In Windeseile lagen vier knallbunte Sonnenbrillen auf dem Tresen, alle in verschiedenen Farben und Zusammenstellungen. Die mit einem roten und einem grünen Seitenbügel, dem blauen Mittelstück, einem weißen links und einem lila gefassten Sonnenglas rechts, hatte es ihr besonders angetan.

„Die nicht“ beschied Ruth kurz und knapp, „die ist meiner zu ähnlich“. Ruth griff in die eigene Handtasche und zog ein weißes Leder­etui heraus, das ihr der Italiener sofort abnahm. Er öffnete es und holte Ruths achtmal zusammengeklappte Sonnenbrille heraus, faltete sie auf und hielt sie gegen das Licht. Er nickte, verschwand damit und kam nach wenigen Minuten – Ruth anstrahlend – wieder zurück.

Die Brille blinkte, sie sah aus wie neu. Der Italiener klappte sie geschickt wieder ein, griff in eine Schublade, holte ein schwarzes kleines Etui heraus und sah Ruth fragend an. Dann aber strahlte er noch mal. So richtig über das ganze Gesicht und seine Augen blitzen.

Wieder ein Griff in die Schublade und in seiner Hand lag das kleine Etui diesmal in feuerrotem Leder. „Geschenk für Sie, Signora. Ihre persönliche Farbe, prego.“

Lächelnd nahm Ruth das so liebenswürdig präsentierte Geschenk, lächelnd wandte sie sich zu Esther. „Ist dir jetzt schon klar, warum ich hierher wollte?“

Aber Esther musste gar nicht mehr überzeugt werden, sie schwelgte selbst. Wenn Ruth eine Klappsonnenbrille hatte, dann nähme sie doch ganz etwas anderes, das war ihr sowieso klar. Diese rote Brille zum Beispiel, bei der die Gläser in kaum als solche erkennbaren, stilisierten Gondelblättern lagen – wow –, das Modell gab es ja auch in schwarz!

Auch das – gleichfalls schwarzgrundige – Americanoteilchen war ja zu süß.

Aber die Audrey-Hepburn-Form mit je einem rotem, einem blauen, einem orangem, einem grünen und einem weißen Punkt, die jeweils zur Mitte hin kleiner wurde, die begeisterte sie rückhaltlos.

“Limited edition, naturalmente“ kam der kleine Hinweis, aber der Italiener drängte nicht, im Gegenteil: Die Sonnenbrille mit dem Gestell wie aus Spitze, die Esther schon aufgesetzt hatte, nahm er ihr mit zarter Hand von der Nase, ein klares, freundlich-sachkundiges „No!“ folgte.

Von der Seite des Tresens zog Ruth nun eine Ausgabe des Guardian heran, sie stammte vom letzten Jahr. Sie blätterte geduldig.

Da sah Esther „ihre“ Brille. Die und keine andere sollte es sein. Sie wurde es auch. Aber erst, nachdem die beiden den Italiener nach langer in mehreren Sprachen gestalteter Diskussion davon überzeugt hatten, dass ja in München eine venezianische Sonnenbrille vom Vorjahr immer noch Top sei – und auf keinen Fall – nein,  bloß nicht! – ein anderer, ein niedrigerer Preis als üblich daher angemessen sei. Sondern auf jeden Fall seine Kreation, die schwarze große Brille mit den goldigen und auch großen weißen Punkten auf Esther gewartet habe. Ihr wie niemandem sonst so gut stehe, das verstand er doch? „Si.“

„Setz sie auf, zahl einfach und komm jetzt. Hier waren wir bestimmt nicht zum letzten Mal, aber die anderen werden schon warten. Und Dein Handy brauchen wir ja noch, wir nehmen jetzt ein Wassertaxi.“

Das war Ruth. Typisch. Esther tat wie geheißen, beide bekamen noch einen formvollendet angedeuteten Handkuss, dann nahmen sie Fahrt auf.

Die Erwähnung des Handys hatte jetzt eine andere Wirkung als im Hotel, vielleicht war es aber doch Gischt, die unter (Ruth war sich nicht so sicher) die Tupfenbrille gespritzt hatte.

Ruths Lesebrille schickte Ottica urbani jedenfalls nach München, die hatten sie vergessen.

Um Punkt zwölf scherte ein elegantes Taxiboot aus der Fahrwasser­mitte zum Kai vor dem Hotel Rialto. Ah, ihr Boot war da.

Drei Taxifahrer schlugen sich fast darum, den zwar nicht zu elegant gekleideten aber ganz offenbar sehr üppigen Damen ins Boot zu helfen. Dann wurde das Gepäck verstaut und ab ging es…

Der Weg entlang des Canal Grande bietet eines der beeindruckendsten Städtebilder, die die Welt zu bieten hat! Was ist schon eine moderne Skyline gegen 600 Jahre prachtvollsten Städtebaus, mag die Skyline auch noch so hoch sein. Esther schaute versonnen auf die vorbeiziehenden Prachtbauten – mancher war so kaputt, wie einige Stadtteile in Dresden oder Leipzig, dachte sie bei sich.

Und die venezianischen Händler, die die Paläste gebaut hatten, waren in ihrer Zeit ganz sicher keine besseren oder moralischeren Menschen gewesen als die Investmentbanker, die ihrer Meinung nach heute in den Hochhäusern der modernen Skylines von London, New York oder Singapur oder … ihr Unwesen trieben – aber die Venezianer hatten garantiert mehr Geschmack gehabt und ein anderes Maß aller Dinge.

Wenn die Menschheit sich weiterentwickelt hatte, dann in ihrer Gier. Ihrer Gier nach Geld, nach Macht – und Fleisch.

Die Bilder, die ihr die Unbekannte gestern geschickt hatte, hatten sie nicht mehr losgelassen. Sie war erschreckt, verstört. Konnte das wirklich ihr Davide sein, der es da mit den jungen Dingern trieb, die sogar zu jung waren, um seine Töchter sein zu können? Konnte ein Mann in seinem Alter so junge Mädels ficken wollen? Das war krank…

In dem Moment fühlte sie, dass Ruth ihre Hand nahm, sie hatte wohl die Tränen in Esthers Augenwinkeln entdeckt. „Schön nicht?“, fragte diese und nickte in Richtung der vorbeigleitenden Palazzi.

Esther konnte nur nicken, wenn sie jetzt ein Wort gesagt hätte, müsste sie einfach nur losheulen – was ihr vielleicht sogar geholfen hätte.

Neben ihnen plauderten Jana und Frau Lucchetta über die Chancen, im Casino, an dem sie gerade vorüberglitten, Geld zu gewinnen. Jana meinte, das habe für sie aber auch so etwas von keinem Reiz, da würde sie nie reingehen. Während Frau Lucchetta von der Freundin eines Freundes erzählte, der dort drin – sie zeigte auf die Fenster des Casinos – ein Vermögen gewonnen haben sollte. „Glaube ich nicht“, meinte Jana, „die Bank gewinnt immer… Reine Mathematik!“

Ruth hatte inzwischen den Arm um die Schultern von Esther gelegt und sagte ihr leise ins Ohr, dass das schon wieder werde, und vielleicht würde sich ja alles nur als ein mieses Spiel rausstellen?

Esther wischte sich die Tränen aus den Augenwinkeln, richtete sich auf und meinte leise: „Hoffen wir´s.“

Bald waren sie am Piazzale Roma. Sie passierten das Bootsgewurle am Bahnhof und bogen vor dem Hotel Santa Clara in den Canale ein, um am Fondomente Cossetti anzulegen, damit sie das Boot bequem verlassen konnten. Der Bootsführer reichte ihnen ihr Gepäck, das nicht viel war, weil der größte Teil des Gepäcks und der Technik von einer Spedition nach München gebracht wurde.

Als alle wieder festen Boden unter den Füßen hatten, ergriffen sie ihre Rollkoffer und Max den großen Koffer mit den Filmmagazinen und Platten – die waren ihm das Wichtigste.

„Da müssen wir durch“, sagte er und zeigte auf den kleinen Park, „dahinten wird Wolfgang uns abholen, bei den Bussen. Ist am einfachsten, ich gehe voran.“

So schritt er voran und Esther, Ruth, Jana und Frau Lucchetta folgten ihm. Der Bus war noch nicht da.

Heimfahrt

„Wer muss, sollte noch mal zur Toilette gehen, unten im Parkhaus ist eine, die ist sehr sauber“, erläuterte Frau Lucchetta, „kostet einen Euro! Braucht jemand Kleingeld?“

Jana meldete sich, sie hätte nur Scheine, also gab Frau Lucchetta ihr einen Euro und meinte grinsend: „So nun kannst Du klugpupsen gehen“. Jana grinste zurück und meinte „Freundin!“. „Na klar“, bestätigte Frau Lucchetta „Freundin, Jana! Nun geh mal, sonst sind wir weg bis Du fertig bist, ich glaube nämlich, hier kommt Wolfgang.“

Da bog Wolfgang auch schon mit ihrem Bus um das riesige 10stöckige Parkhaus herum in den Kreisverkehr ein.

Die Ankunft des Busses war ein Ereignis: Optisch und akustisch!

Wolfgang hatte sich den durch und durch schwarzen Bus von einer bekannten Rock-Band geliehen, die Musikanlage lief auf vollen Touren: „Highway to Hell“ von ACDC schallte es über den Platz – man hörte den Autoverkehr nicht mehr, nur noch „Highway to Hell“.

Mehr noch als die Akustik beeindruckte das Äußere des Busses. Auf der Frontpartie prangte formatfüllend ein Foto von Ruths Busen – Wolfgang saß sozusagen im linken Körbchen ihres BHs. Er hatte sie entdeckt und winkte ihnen laut lachend zu (wobei das Lachen im „Hiiighway to Hell“ unterging). Auf der einen Seite des Busses lag von vorne bis hinten Jana auf dem Bauch, stützte sich auf die Ellenbogen und schaute die an, die den Bus überholten…

Auf der anderen Seite lag Frau Lucchetta auf der Seite, nur mit einem Korsett bekleidet. Sie kniff den Passanten ein Auge.

Und hinten am Bus prangte Esthers beeindruckender Po formatfüllend (und so ein Busende ist 3 mal 4 Meter groß!) – mitten im Schwingen von der Kamera eingefangen. Und sie hielt die Faust hinter sich, den Mittelfinger ausgestreckt.

Da schauten alle, die sich gerade am Piazzale Roma aufhielten, die Gespräche stockten, viele deuteten mit ausgestreckten Armen auf Wolfgang, respektive den Bus.

Immer noch wummerte „Hiiighway to Hell“ (mit ganz langem „high“) aus den übergroßen Lautsprechern. Dann stoppte Wolfgang vor ihnen, riss die Tür auf und sprang aus dem Bus – immer noch laut lachend deute er auf sein schwarzes T-Shirt auf dem gedruckt stand „Max and the Brunhildes“ und schrie, um den infernalischen Lärm aus den Boxen zu übertönen: „Mesdames, Monsieur, your personal Hiiighway to Hell is ready for boarding…“

Er verstand überhaupt nicht, warum Esther anfing zu weinen. Er schaute Max fragend an, aber der konnte auch nur die Achseln hochziehen.

„Kannst mal ein bisschen leiser machen“, bat er Wolfgang „aber wow, was für ein Auftritt – geil!“

Ruth legte Esther den Arm um die Schultern und führte die Weinende fürsorglich zur Bustür, „Komm sagte sie, Esther, nützt ja nichts, wir müssen da mit“, und zu Wolfgang leise im Vorbeigehen: „Du bist ein Idiot!“

Wolfgang verstand nichts – wie sollte er auch?

Der Bus hatte zwei Abteilungen: Vorne acht bequeme Sessel, dann einen Tisch mit einer Bank und hinten abgeteilt einige Betten. Vorne, hinter Wolfgang, hing ein 50-Zoll-Bildschirm von der Decke, auf dem Szenen von der Modenschau liefen – weiß Gott, wo Wolfgang die schon organisiert hatte?

Und immer noch tönte es lautstark „Hiiighway to hell…“ um dann übergangslos in „Leader oft the Pack“ überzugehen. Wolfgang nahm das Mikrofon und begrüßte seine Mitfahrerinnen und natürlich den „Leader of he Pack, unseren Max!“

Damit schloss er die Tür, regelte die Lautstärke herunter und meinte, dass sie in ungefähr sieben Stunden plus ein bisschen München erreichen würden, denn das sei zwar ein richtig geiler Bus, aber er dürfe eben nur achtzig fahren. Und dann bat er darum, evtl. erforderliche Champagner-Rauslass- vulgo Pinkelpausenbedürfnisse rechtzeitig bei der Tour-Leitung, also ihm, anzumelden und für Notfälle hätten sie zwar einen Eimer, aber das müsse ja nun wirklich nicht sein.

Damit ließ er den Bus anrollen. „Erstes Zwischenziel  aber ohne Halt, auch nicht am größten Supermarkt Norditaliens an der nächsten Ausfahrt nach Soave, ist Verona! Dort geht es von der Mailänder Autobahn ab in Richtung Brenner und dann über Garmisch nach München!“

Langsam rollte Ihr Bus über die breite Brücke, die Venedig mit dem Festland verbindet, über die seichten Wasser der Lagune. Damit war die große Venedig-Show nun endgültig zu Ende.

Beim großen Kreisel hinter Mestre wechselten sie auf die Autobahn und es wurde ruhig im Bus.

Auf dem Bildschirm lief weiterhin die Modenschau von vorgestern.

„Was waren das eigentlich für Filmausschnitte, die da während der Show am Ende des Laufstegs an die Wand projiziert wurden?“, fragte Jana.

„Das waren die Göttinnen des italienischen Films“, antwortete Max, „Sophia Loren, das war die, die im Reisfeld stand, Gina Lollobrigida mit dem Glöckner von Notre Dame, Anita Ekberg im Trevi-Brunnen und Claudia Cardinale – aber die waren alle vor Deiner Zeit die ganz großen Kurvenstars… Wir haben damit den Bogen von Euch zu den Ikonen Italiens geschlagen.“

„Ach so“, meinte Jana und schaute wieder aus dem Fenster.

„Esther“, fragte Max und drehte sich zu ihr um, „was ist mit Dir? Ist was los?“

Esther schien die Frage gar nicht gehört zu haben, sie re­agierte nicht.

„Lass sie“, sagte statt ihrer Ruth, die neben Esther saß „lass sie mal in Ruhe.“

Wolfgang fuhr einen „ganz ruhigen Stremel“, es schien, als glitte der Bus auf der Autostrada dahin.

Wenn sie überholt wurden, dann meist gaaanz langsam, weil die Fahrer die Fotos am Bus anschauten.

Frau Lucchetta hatte sich auf den Reiseleiter-Platz neben Wolfgang gesetzt. Sie unterhielten sich leise. Wolfgang hatte die Musik leise gestellt und es liefen jetzt auch nicht mehr die treibenden Rocksongs, jetzt spielten die Beatles.

Kurz hinter Verona stand Ruth auf und setzte sich zu Jana.

Max nahm den Platz neben Esther ein, der Tränen über die Wangen liefen. „Esther, was ist los“, fragte Max, „da stimmt doch etwas nicht.“

Esther schaltete ihr Handy ein, suchte eine bestimmte Nachricht und gab es ihm. Er schaute es an: Ein älterer Mann mit einem offenbar viel zu jungen Mädchen, das seinen Schwanz im Mund hatte.

Er schaute Esther fragend an.

„Mein Mann… Auf der Yacht in Palma… Da sind noch mehr solche…“. Sie schluchzte. „Mein Mann… Ein richtiges Schwein… Er fickt Kinder…!“

In dem Moment fiepte das Handy in seiner Hand.

Esther schaute aus dem Fenster und sagte leise in Richtung Scheibe: „Da ist wieder eines! Die kommen alle halbe Stunde! Und er ist es! Jedes Mal.“

„Puh“, stöhnte Max, „das ist harter Tobak… Jetzt verstehe ich Dich… Ich weiß jetzt auch nichts zu sagen…“. Er nahm ihre Hand und drückte sie. „Wenn Du Hilfe brauchst, ich bin für Dich da… Immer. Jederzeit!“

Sie nickte: „Danke!“ Das war alles, was sie sagen konnte und nach einem Moment: „Bleib einfach ein bisschen dasitzen, bitte, Du musst auch nichts sagen… Was soll man da schon sagen?“

So saßen sie schweigend wohl 80 oder 100 Kilometer lang nebeneinander. Esther war eingenickt oder sie hatte die Augengeschlossen und tat nur so. Überhaupt war es im Bus sehr ruhig geworden. Nur Wolfgang saß am Steuer und fuhr sie durch den Nachmittag – die Musik hörte er jetzt über dicke Kopfhörer.

Bei Bozen erhob Max sich vorsichtig, um Esther nicht zu wecken und setzte sich neben die schlafende Ruth. Die aber trotzdem in der Lage war, seine Hand zu greifen und festzuhalten. Er schaute in die vorbeigleitenden Berge, die langsam immer höher aufragten.

Seine Gedanken glitten ab: Knapp zwei Jahre mochte es jetzt her sein, das Ruth plötzlich im Laden gestanden und gesagt hatte, sie solle von einer Freundin grüßen und diese hätte ihr bei einem Kaffeepläuschchen unter Freundinnen gesagt, dass dieses Wäschegeschäft in München am Dom „für Dicke“ vielleicht ihre modische Rettung sei.

Sie hätte nun ja wirklich ein bisschen zugelegt, hatte sich dabei mit einer Hand unter ihre die Brust und mit der anderen auf den Po gefasst, sie bräuchte einfach neue Wäsche, also die Basics mindestens, hatte sie dann gemeint, die bei ihrer Größe trotzdem schick sei, man müsse dem Mann ja auch etwas bieten, auch im Alter und gleichzeitig sollte sie ja auch ein bisschen bequem sein und ob die Freundin in dem denn Recht gehabt hätte?

Auf den ersten Blick war sie keine Schönheit, ihre weißen Haare hätten einen neuen Schnitt vertragen und sie war nicht geschminkt, hatte er damals gedacht.

Aber ihre Augen strahlten um die Wette, und sie steckte ihn mit ihrem Lachen einfach an. An ihren Lachfalten sah er, dass sie gerne und häufig lachte, an ihren Händen, dass sie gut und gerne Fünfzig sein müsste.

Er hatte sich von seinem Schreibtisch erhoben, einige Schritte nach vorne gemacht und sie dabei routiniert taxiert: „Wenn nicht bei uns, wo dann?“, hatte er gesagt und sie freundlich angelächelt, „doch, ich glaube schon, dass wir etwas für Sie finden werden… BH und Slip?“

„Ja!“

Er schaute sie noch einmal mit leicht schief gehaltenem Kopf und fragte „100 E?“

„Ja, leider“, hatte sie geseufzt, „wahrscheinlich. Die Zeiten von 95 D sind lange her“.

„Da haben wir schöne Sachen, schauen wir einmal“, hatte er geantwortet und begonnen, einige Schubladen zu öffnen. Er präsentierte ihr verschiedene BH-Formen und Farben. Sie wollte die Basics, glatt, ohne Stickereien, damit sich die Wäsche unter einem Pulli oder so nicht abzeichnete.

„Probieren Sie den einmal, von dem können wir dann ausgehen“, hatte er gesagt und ihr einen schwarzen BH hingehalten, „dort ist die Umkleidekabine.“

Sie verschwand darin, zog sich um und er hörte  wie sie leicht vor sich hin brummte „Hhm…“. Das hörte sich nicht nach Begeisterung an.

„Passt er?“, hatte er gefragt.

„Ziemlich!“

„Nicht gut?“

„Naja…“

„Darf ich mal schauen“, hatte er gefragt und als sie ja gesagt hatte, hatte er die Kabine betreten. Sie hatte den Rolli ausgezogen und trug den BH, den sie anprobierte. Er schaute sie prüfend an: „Im Großen und Ganzen kommen wir der Sache schon nahe, ich hole mal einen anderen.“

Zwei andere passten auch nur „im Großen und Ganzen“, aber eben nicht „wunderbar“.

„Darf ich sie mal anfassen?“ hatte er gefragt und auf ihren Busen gedeutet und als sie nickte, hatte er den Sitz des BHs überprüft und auch „Hhm“ gesagt (allerdings in der begeisterten Form), „warten sie mal…“, und war wieder in den Laden gegangen. Sie hörte es rumoren, dann kam er mit einem anderen BH in Rot wieder: „Probieren Sie den einmal.“

„Super“, hatte sie gesagt, als sie ihn anhatte „was ist an dem anders?“

„Ein BH aus der kommenden Kollektion – für die kräftigere Brust. Ein geringfügig anderer Schnitt. „Darf ich Sie noch einmal anfassen?“. Sie hatte wieder genickt. Diesmal nahm er die Brust  hinter ihr stehend in die Hand als ob er sie wöge, „Sie brauchen nur etwas mehr Halt von der Seite, wissen Sie, und die Träger sind bei dem hier auch besser für Sie.“

„Ja, scheint so“, stimmte sie zu und fasste selber nach den Schalen „sitzt perfekt“, meinte sie, „aber Rot?“

„Das ist ein, beim Auto würde man sagen „Vorserien-Modell“, die Kollektion müsste in den nächsten Tagen eintreffen… Da haben wir dann auch andere Farben. Können Sie nächste Woche noch einmal kommen?“

Natürlich konnte sie.

Sie war an einem Samstag wiedergekommen, als Frau Lucchetta frei hatte. Sie hatte groß eingekauft (fünf BHs und jeweils zwei passende Höschen und zwei Hemdchen). Das Anprobieren und die Entscheidungsprozesse – „der oder doch lieber der oder nicht…, nee, ich probiere den da noch einmal“ – hatten sich über den halben Nachmittag bis so spät in den Abend hineingezogen, dass er sie anschließend in sein Lieblingsrestaurant im Königshof eingeladen hatte.

Sie war beim Friseur gewesen, der hatte ihr eine flotte blonde Kurzhaarfrisur verpasst, sie war geschminkt, sie trug ein schlichtes dunkles Wollkleid, passende Strümpfe und elegante Pumps – kurz sie war richtig schick!

Sie hatten sich im Restaurant über Gott und die Welt unterhalten, sie hatten viel gelacht, sie hatten Spaß gehabt und sich gegenseitig ganz offenbar gerne gemocht. Sie hatte beim Essen kräftig mit der Bemerkung zugelangt, dass jetzt ja nichts mehr kneife, und überhaupt sei es egal, aber es schmecke einfach so gut. Zwei Flaschen Wein hatten sie getrunken – es war ein schöner runder Abend geworden.

Ihr Mann, hatte er im Laufe der zweiten Flasche erfahren, arbeitete als Chefingenieur auf einer norwegischen Ölproduktionsplattform in der Nordsee: Vier Wochen Arbeit, dann vier Wochen Freizeit, dann wieder vier Wochen Arbeit. Wenn er von der Plattform nach München kam, war er früher immer so scharf wie eine Chillischote gewesen, aber seit einigen Monaten hatte er den Heimflug manchmal ausfallen lassen weil es angeblich oder wirklich „technische Probleme“ an Bord gab oder das Wetter sei so schlecht gewesen, dass angeblich oder wirklich der Hubschrauber nicht landen konnte oder er musste zu Besprechungen in die Zentrale nach Stavanger. All das mochte stimmen, aber die Häufung hatte sie stutzig werden lassen. Inzwischen glaubte sie ihm all das nicht mehr, sie glaubte vielmehr, er hätte „eine Neue“ in Norwegen.

Beim letzten Törn wäre er schon nach 14 Tagen wieder abgeflogen – diesmal hatte sie in den TV-Nachrichten gesehen, dass es auf der Nachbarplattform zu einer Explosion gekommen war, da musste er offenbar wirklich hin, man hatte ihm sogar ein kleines Flugzeug nach München geschickt, das ihn abholte. Vorgestern war er wieder abgeflogen mit der Bemerkung, es könnte sein, dass er diesmal vermutlich drei Monate wegbleiben würde.

„Scheiß Job“,  hatte sie geschimpft, „das ist doch kein Leben, oder? Weder für ihn noch für mich.“ Sie hatte intensiv in ihr Taschentuch geschnäuzt.

Er räkelte sich jetzt auch halb in Gedanken daran, wie er Ruth kennen gelernt hatte und deshalb, weil sein sich langsam regender Schwanz etwas mehr Platz brauchte. Und ob sie wirklich schlief? Das schien fraglich, denn ihre Hand lag jetzt auf seinem Oberschenkel und rutsche langsam immer weiter in die Mitte. Ihr Griff war eindeutig fester geworden und sie schien etwas zu lächeln, bei dem Gedanken, was mit ihm da gerade passierte.

Er rief sich die Szene ins Gedächtnis zurück... Wo war er gewesen? Ach ja: Und dann hatte sie gesagt, dass sie doch schließlich auch keine Nonne sei und das letzte Mal hätte er sie vor drei Monaten gefickt. Sie sagte wirklich „gefickt“.

„O Gott“, hatte sie gesagt, „ich habe einen Schwips, sonst würde ich das nie sagen“, und ihm tief in die Augen geschaut.

„Was würden Sie nicht sagen?“

„Gefickt!“

Das sei schon okay, hatte er gesagt, er sei ja schließlich auch nicht in die Sonntagsschule gegangen, manchmal müsste man einfach deutlich werden, hatte er ergänzt und sie angelächelt. Dann hatte er ihre Hand genommen und gesagt, das würde schon wieder werden.

Nein, hatte sie geantwortet, das wolle sie vielleicht auch gar nicht, denn sie hätte das Foto einer Jüngeren in seinen Unterlagen gefunden – und die sei so dünn und so „norwegisch“, das sei doch ungerecht. Und insgesamt: Männer seien ja so blöd…

„Entschuldigung“, sagte sie dann „nicht alle“, und hatte zurückgelächelt. Und nach einem Moment sagte sie „Ich habe Lust. Jetzt – auf Dich…“. Und nach einer Pause, in der er nichts gesagt hatte, hatte sie noch einmal hinzugefügt: „Jetzt!“

Und dann hatte sie ihn direkt angeschaut und gesagt: „Ich habe das noch nie so gespürt und erst recht noch nie gesagt. Aber ich möchte das jetzt so sehr, ich bin ganz nass, glaube ich“. Sie schaute ihn erschrocken an: „Oh Gott, was habe ich da gesagt?“ Sie machte eine lange Pause, um dann fortzufahren: „Wie ist es mit Dir? Lust auf eine leicht angetrunkene Dicke, die vom Ehemann zum alten Eisen abgelegt worden ist? Gesehen hast Du mich ja schon, Du weißt also, was Dich erwartet – ´ne ganze Menge!“

Er hatte sich statt einer Antwort nach dem Kellner umgedreht und dem „Zahlen!“ zugerufen, „schnell, es eilt! Wo wohnst Du?“

„In Haimhausen“.

„Gehen wir ins Geschäft, das ist näher, ich habe da eine Wohnung“.

Und so waren sie das erste Mal im Bett gelandet. Sie hatte Recht. Sie war nass gewesen und sie war eine Chillischote, mindestens, was die „Schärfe“ anging, andere hätten gesagt, sie sei „eine Granate“.

Ihr Körper war üppig, ja, sie war sogar ein bisschen dick und sie war sehr weich und sehr gelenkig – und ein bisschen kitzelig. Als sie zum ersten Mal seinen Schwanz in die Hand nahm, hatte sie einen festen Griff und als sie ihn das erste Mal in den Mund nahm, dachte er, er würde explodieren.

Sie konnte ihm sagen, was sie wollte und sie ließ ihn tun, was er wollte… In jeder Sekunde strahlte sie Sex pur aus. Es war perfekt. Für beide.

Er öffnete die Augen, schaute sich um. Alles ruhig. Jana und Frau Lucchetta schliefen leise schnarchend, Lucchetta etwas lauter als Jana. Ruth hatte ihren Kopf auf seine Schulter gelegt. Sie lächelte – jetzt eindeutig schlafend und hatte da etwas in der Hand, was beiden ganz offenbar gefiel.

Und Esther saß da drüben – ein Häufchen Elend… Er würde sich nachher um sie kümmern müssen…

Dann war er wieder in Gedanken bei „Chillischote“ Ruth.

Nach dem Sex hatten sie entspannt am Arbeitstisch im Atelier eine Etage tiefer gesessen und ein Glas Champagner getrunken. „Garantiert das letzte für heute oder diese Woche“, hatte sie in Bezug auf das Glas gesagt. Sie hatte nebenbei in einem Stapel Fotos geblättert, der dort lag, weil er an einem neuen Prospekt arbeitete.  „Schöne Fotos von lauter dicken Frauen“, hatte sie gesagt und „wo bekommst Du diese molligen Models her?“

„Lauter Amateure, manche sind meine Kundinnen.“

„Ob ich das auch könnte?“, fragte Ruth leise mehr an sich selbst als an ihn gerichtet, „aber die sind alle rasiert? Ist das Voraussetzung?“

„Warum solltest Du das nicht können? Hast Du schon mal gemodelt?“

„Nein, aber ich war früher schon fotogen!“, sagte sie, lachte und fasste sich an den Bauch, „bevor der da war und die“. Mit „die“ meinte sie die Speckröllchen an ihrer Seite.

„Ach, das ist bei uns kein Problem – und außerdem gibt es Schminke und nicht zuletzt Photoshop.“

„Lust hätte ich schon – aber ob ich das kann? Und wie ist das mit den „abben“ Schamhaaren?“

„Ob Du es kannst, müsste man probieren und, ja, Du müsstest rasiert sein.“

„Naja, dann muss ich mich eben rasieren, geht schon, machen heute ja fast alle. Müsste ich auch auf den Laufsteg? Das ist, glaube ich, schwieriger…“

„Das wäre schön, denk mal drüber nach. Wenn Du Lust hast, können wir ein Probeshooting machen. Bleibst Du?“, fragte er, morgen ist Sonntag, wir sind ganz allein.“

Sie blieb. Das Probeshooting fand am Nachmittag des nächsten Tages statt. Er hatte es vorgeschlagen und sie hatte darauf bestanden, dass sie „nach der Nacht erst ihren Schönheitsschlaf brauchte.“

Er fotografierte sie nackt, mit verschiedenen Wäschestücken, im Negligé – die Ergebnisse waren sensationell, fand er, sie war nicht ganz so begeistert, meinte schließlich aber doch, dass sie ganz passabel aussähe – sie war wirklich fotogen, sehr fotogen!

Auf den Fotos war sie keine „kleine Dicke“ mehr – ihre Fotos hatten Ausstrahlung und Persönlichkeit. Sie wurde sofort sein Lieblingsmodell.

Das Hupen eines Alfa voll junger Italiener, die den so geil gestalteten Bus überholten und aus den Fenstern johlten, ließ ihn aufschrecken.

Lieblingsmodell Ruth erwachte ebenfalls, setzte sich gerade hin, blinzelte und gähnte. Dann beugte sie sich zu ihm, drehte sein Gesicht mit der Hand zu sich und küsste ihn auf den Mund. Dann schaute sie ihn an. „An was denkst Du?“, fragte sie und fasste in seinen Schoß: „Daran?“

„Nein“, sagte er und sie zog die Hand nicht fort, „daran, wie wir uns kennengelernt haben.“

„Ach so, an die ersten Male...“

„Hhm.“

Sie holte ihr Handy aus der Tasche – kein Anruf ihres Mannes. „Der treibt es bestimmt mit irgendeiner norwegischen Schlampe… Irgendwann bringe ich den um“, sagte sie leise.

„Ist er das wert?“, fragte Max, „das Risiko ist verdammt hoch“.

„Es gibt Situationen, da nimmt man jedes Risiko auf sich… Aber das habe ich doch nicht ernst gemeint. Untreue allein ist kein Grund für ein Todesurteil. Denk mal, was Esthers Mann ihr antut, ich meine im Vergleich. Dass der fremdgeht, weiß die auch schon lange, aber sie hätte gedacht, er bliebe in ihrer Gewichtsklasse oder mindestens Altersklasse minus 10 Jahre, das könnte man zur Not ja noch einsehen. Das wäre zwar auch schon schlimm genug für Esther… Aber so, dass der die kleinen Mädchen fickt, ne, das ist zu viel für sie. Das ist widerlich, dem Kerl sollte man den Schniedel abschneiden und ihn unter der Yacht kielholen oder ihn am besten gleich umbringen.“

„Dann geht sie in den Knast… Noch einmal: Ist es das wert?“

„Wenn sie`s gut macht, nicht…“

„Da muss sie es aber schon sehr gut machen und sie darf niemandem davon ein Sterbenswörtchen sagen.“

„Oder sie hat gute Freunde, die zu ihr stehen.“

„Holla, Ruth, wie meinst Du das?“

„Nichts, ich meine gar nichts…“

Für eine ganze Zeit glitt der Bus dahin, dann sagte sie: „Ich würde ihr jedenfalls helfen… Kann der denn keinen Herzinfarkt kriegen, das Schwein?“

Und wieder nach einer Weile: „Herzinfarkt kann man doch ruhig nachweisen, oder? In seinem Alter. Und bei dem Stress, den der hat.“

„Und wie soll der einen Herzinfarkt kriegen? Soll Esther plötzlich „huch“ machen und ihn erschrecken? Das klappt doch nicht.“

Ruth schwieg.

„Denkst Du jetzt darüber nach, wie der einen Herzinfarkt bekommt?“

Ruth nickte und meinte „So einem Schwein muss geholfen werden können… Könnte man ihn nicht einfach auf hoher See über Bord schubsen?“

„Wer kommt auf die Yacht? Du bestimmt nicht, dazu bist Du zu alt, wenn ich mir die Bilder anschaue. Und Esther ist viel zu nahe dran. 95 % aller Morde werden von Verwandten ausgeführt. Die haben sie gleich!“

„Und wenn es nicht Esther macht?“

„Wer dann?“

„Tja, wer dann? Ich muss nachdenken…“, und damit schlief sie ein.

Max schaute sich im Bus um – die Stimmung war gekippt. Alles war bestens gelaufen und jetzt diese miese Stimmung. Passte irgendwie zum schwarzen Bus.

Klein und verloren saß die ansonsten so prächtige Frau in ihrem Sessel und schaute ins Leere, am Boden zerstört, voller Angst vor dem nächsten Foto, das garantiert kommen würde, so viel ahnte sie.

Und es kamen noch welche. Eines widerliches als das andere. Aber sie schaute sie schon gar nicht mehr an. Sie holte sich den Eimer – für alle Fälle, falls sie bei den Gedanken an ihren Ehemann doch kotzen musste.

Dass er fremdging, so what, das tat sie auch, das taten fast alle, die sie kannte… Sie selbst allerdings aus „Notwehr“ mit einem gestandenen Mann, Davide dagegen lebte seinen kranken Trieb mit mehr oder weniger hilflosen Mädchen aus.

Und da fiel ihr ein, wer der brutale Kotzbrocken in der Modenschau gewesen war, der mit den toten Augen und den jungen Nutten. Die Mädchen waren der Schlüssel! Sie hatte ihn auf Fotos gesehen, die ihr Mann einmal aus Palma mitgebracht hatte. „Oh Gott“, hatte er gesagt und war richtig blass geworden, „wenn der wüsste, das er auf den Fotos ist, na dann, gute Nacht!“ Damit zerriss er das Foto und zündete die Schnipsel im Ascher an, wo sie verbrannten.

Sie hatte ihn gefragt, wer das denn sei und was so schlimm daran sei, auf einem Foto abgebildet zu sein?

Für Dich nichts, hatte er gesagt, aber es gibt Menschen, von denen darf es kein Foto geben.

Es fiel ihr wie Schuppen von den Augen: Sie hätte ja nur 1+1 zusammenzählen müssen, dann wäre es gleich klar gewesen – obwohl, geändert hätte es nichts.

Der „Brutalo“ war auf einem Foto. Das Foto war von einem Boot aus auf eine Yacht gemacht worden. Die Yacht war die Yacht der Bank. Also war „Brutalo“ auf der Yacht gewesen. Auf dem Foto war auch Davide  abgebildet. Und Davide machte Geschäfte auf der Yacht, unter anderem mit „Brutalo“. „Brutalo“ hatte junge Nutten (wie auf der Modenschau gesehen) und er würde auch noch jüngere zur Verfügung haben, das hieß: Mädchenhandel. Mädchenhandel ging mit Drogenhandel Hand in Hand. Mädchenhandel und Drogenhandel bedeutete Geld, viel Geld – unendlich viel Geld. Und es bedeutete Mafia! Aus welchem Land auch immer.

Die Mafia legte die Gelder aus Mädchen- und Drogenhandel unter anderem in Immobilien an, das hatte sie neulich erst im Spiegel gelesen: In München, in Frankfurt, in Hamburg, da, wo die Wirtschaft florierte bauten oder finanzierten die Mafiosi ein Bürogebäude nach dem anderen und sie scherten sich einen Dreck drum, ob sie zu vermieten waren oder nicht. Stand der Bau erst einmal, war das Geld gewaschen … und Davide dealte mit ihnen in München, mindestens in München, wahrscheinlich in ganz Deutschland.

Vielleicht war er selber ein Teil der Mafia? Vielleicht hatte ihn die Mafia in der Bank platziert? Ihm sogar den Weg nach oben geebnet?

Die willigen jungen Dinger kamen vermutlich aus Russland oder den Folgestaaten der UdSSR – als „Handelsware“… Und sie waren wahrscheinlich überhaupt nicht willig, sondern wurden mit Gewalt und Drogen zu ihrem Unglück gezwungen. Und wenn sie „ausgebrannt“ und leer waren, wurden sie verkauft und endeten schließlich auf bulgarischen Straßenstrichs – auch das hatte sie neulich im Fernsehen gelernt. 

Und ihr Davide mitten drin, damit ihre Familie, damit sie…

Als sie bei diesem Gedanken angekommen war, übergab sie sich in dickem Strahl in den Eimer, den sie die ganze Zeit zwischen den Knien gehalten hatte, als ob sie gewusst hätte, was da kommt.

Nein, sie war da nicht drin in der Gemengelage – das war Davide, und ihr Davide war das keinesfalls mehr. Mit dem war sie jetzt durch!

All die anderen Bankoberfuzzis, die sich bei ihnen mit ihren betrogenen Ehegattinnen die Tür in die Hand gegeben hatten, die konnten sie mal gepflegt…

Morgen würde sie sich scheiden lassen, gleich morgen! Ruth kannte da eine Anwältin in München, die in dem roten Strick-Twinset, die sollte richtig gut sein und sehr tough, genau die brauchte sie jetzt!

Wolfgang hatte das Geräusch gehört, mit dem sie sich übergeben hatte und fuhr den nächsten Parkplatz an, stellte den Motor ab und kam zu ihr: „Eine kleine Pause? Gib mal den Eimer, den mache ich schon sauber…“. Er war jetzt gar nicht mehr frech, er wirkte nur noch besorgt. „Ist Dir schlecht? Willst Du ein Glas Wasser? Wir haben welches an Bord!“

Ja, ein Wasser wäre jetzt gut. Sie trank ein Glas und kippte sich den Rest der Flasche über das Gesicht.

Zu Ruth sagte sie: „Ich weiß jetzt, was los ist, Mafia! Das Schwein bandelt mit der Mafia, und da hat der auch die Mädchen her! Und vielleicht ist er selber ein Mafioso…“

Ruth wurde blass und meinte leise: „O Gott, Mafia, ach du Scheiße… Das hat uns noch gefehlt… Wir müssen mit den Männern reden – oder hast Du sonst jemanden?“

„Ja, müssen wir… Nein, ich habe keinen, dem ich vertrauen kann, aber nicht jetzt. Morgen!“

„Du darfst Dir nichts anmerken lassen, ich meine, wenn wir zuhause sind. Und heute kommst Du mit zu mir“, sagte Ruth schon wieder ganz pragmatisch und resolut zu Wolfgang gewandt: „Geht schon wieder mit ihr, wir können weiter…“

Wolfgang klatschte in die Hände und rief: „Jana, Max, Frau Lucchetta – es geht weiter!“

Als der Bus wieder rollte, sagte Ruth laut von hinten zu Wolfgang: „Leg doch noch mal „Highway to Hell“ auf, ich glaube das passt, oder Esther?“

„Absolut“, meinte Esther, „von wem ist das eigentlich? Rolling Stones?“ Sie gab sich jetzt „tough“.

„ACDC“ rief Max und schaute sie über den Spiegel an und drehte den Lautstärkeregler auf. Und dann kam es: „Hiiigh­way to Hell…“, und alle, inklusive Esther sangen inbrünstig mit, d.h., sie brüllten den Refrain mit:

„I'm on the highway to hell
On the highway to hell
Highway to hell
I'm on the highway to hell …“

“Alles klar?“, fragte Max Esther wenig später.

„Nee“, sagte die, „nichts ist klar, im Gegenteil, nur mir ist jetzt klar, dass ich den Kerl loswerden muss. Unbedingt. Für immer. Bald!“

„Mach bloß keinen Scheiß“, meinte Max warnend und sehr laut, weil ACDC immer noch „volle Kanne“ wummerten, „die Bullen haben Dich gleich. 95% aller Morde werden von Familienangehörigen gemacht.“

„Umbringen? Auch keine schlechte Idee… Aber seinetwegen in den Knast? Nee, ich habe eher an so etwas Kultiviertes wie eine Scheidung gedacht. Sogar die richtige Anwältin hätte Ruth für mich… Die räkelt sich immer so sexy…“

Max schaute sie verständnislos an.

„Okay, Max, musst Du nicht verstehen“, lachte Esther bitter.

„Na, geht`s wieder besser?“, fragte Ruth Esther. Die nickte.

„Komm mal mit nach hinten, ich muss was mit Dir besprechen, das ist nichts für Männerohren“.

Esther schaute Max entschuldigend an und zuckte mit den Schultern: „Du verstehst, bitte, Frauensachen…“

„Da wäre ich mir nicht ganz sicher“, meinte der skeptisch, „dass Ihr Frauensachen zu besprechen habt. Mädels, macht bloß keinen Scheiß!“

Aber da waren die beiden schon hinter dem Vorhang im Bettenabteil verschwunden.

Und jetzt lief wieder „Leader of he Pack“, „Locomotion“ und dann kam Suzie Quatros „Can the Can“ und dann hatten sie die Mautstelle bei Sterzing erreicht und Wolfgang stellte die Musik ab als Brigitte Bardot ihr „Harley Davidson“ zum Besten gab.

„Oben am Brenner kannst Du bitte mal halten. Pinkelpause!“ meinte Max.

Es war fast 18 Uhr als sie oben am Brenner hielten. Nach Wegfall der Grenzen und dem Wegfall der Umtauschnotwendigkeit wegen des Euros und des sich über Jahre hinziehenden Umbaus der Station zum „Outlet“, hielt hier fast kein Auto mehr.

Max stieg aus dem Bus und streckte sich, auf der Passhöhe war es frisch geworden. Er rieb sich die Hände und rief „Schattig hier! Muss noch wer?“

„Ich komme auch gleich“, sagte Wolfgang.

Max ging zur Herrentoilette, die nicht sehr appetitlich roch – rund um die Pissbecken war der Boden fleckig. Max suchte sich das am wenigsten unappetitlich aussehende Becken und wollte gerade die Hose öffnen, als er hinter sich einen sich schnell bewegenden Schatten wahrnahm, der offenbar sehr aus dem Mund roch und am Hals spürte er plötzlich etwas Scharfes. Die raue Stimme flüsterte im zu „Geld! Schnell!“

„Ich habe alles im Bus…“.

„Leise“, zischte der eindeutig stinkende Schatten hinter ihm und: “Gelügt. Ich spüre hinten in Hose… Geld!  Sofort!“

Max hörte Wolfgang rufen „Max, wo bist du? Bist Du im Fernfahrerklo?“

„Still!“ zischte es hinter ihm und das scharfe Ding, das sich im letzten Spiegelscherben, der noch an der Wand hing, als rostiges Messer herausstellte, wurde ihm fester an den Hals gepresst.

Dann ging alles sehr schnell. Plötzlich hörte er leise schnelle Schritte, der stinkende Schatten schrie auf, Max hörte ein, zwei dumpfe Laute, dann flog das Messer, das der Schatten ihm an den Hals gepresst hatte, in hohem Bogen in das übernächste Pinkelbecken, und der Schatten mutierte zu einem erstaunlich dreckigen jungen Mann, der sich unter den Becken vor Schmerz krümmte.

Wolfgang nahm Max am Arm und führte ihn aus dem ekligen Klohäuschen und meinte: „Hier geht man doch nicht her. Hier treffen sich Junkies und Strichjungen mit ihren Dealern und Freiern. Das ist nichts für Dich! Unsere Toilette ist da drüben, alles piekfein und sauber. Ich warte hier und passe auf, Herr… Künstler!“

Als Max wiedergekommen war, fragte er Wolfgang, wo er das denn gelernt hätte, das war ja GSG9-like oder so…

Wolfgang meinte nur, das könne man auch wo anders lernen… Und der arme Kerl sei doch selber ein Opfer, kein Gegner, eigentlich ein armes Schwein… Der wäre doch fast von alleine umgefallen… Da hätte er schon mit anderen Kalibern zu tun gehabt…

Dann sagte er nichts mehr, als ob er schon zu viel gesagt hätte.

„Gehen wir zum Bus“, meinte er und man müsse ja den Frauen nichts erzählen, die würden sich nur ängstigen.

„Was ist denn eigentlich mit Esther und Ruth los? Ich sehe ja nur im Spiegel, dass mit der Esther irgendetwas nicht stimmen kann. Und dann das Kotzen? Ist die etwa schwanger? Denn an meinem Fahrstil kann´s nicht liegen…“

Max blieb stehen und erzählte ihm kurz, was er wusste.

„Das hört sich, verdammt noch mal gar nicht gut an. Du sagst der Ehemann ist Banker und verhandelt mit Italienern auf einer Yacht in Palma? Hört sich für mich verdammt nach Mafia an. Drogen oder Geldwäsche… Da geht viel Drogengeld über Mallorca, weiß Du!“

„Das ist das Erste was ich höre, woher weißt Du das denn?“, fragte Max.

„Gehört!“ meinte Wolfgang, „nur so gehört… Vielleicht müssen wir Esther helfen?“

„Ich wüsste nicht, wie?“

Wolfgang schlug Max auf die Schulter. „Das lass man den guten Onkel Wolfgang machen… Wir müssen uns mal zusammensetzen, weißt Du.“

„Okay“, sagte Max, „aber erst einmal sehen wir zu, dass wir nach München kommen. Ach ja, bevor ich´s vergesse: Danke, Max! Du hast jetzt einen gut.“

„Na gut, fahren wir“. Sie enterten den Bus, Wolfgang nahm wieder hinter dem Volant Platz, startete den Motor, und sie nahmen die österreichische Autobahn in Angriff.

Wolfgang fuhr gut, sehr gut. Ruhig, vorausschauend – wie ein professioneller Fahrer. Das war er in gewisser Weise ja auch. Manchmal fuhr Wolfgang ihn zu  wichtigen Besprechungen, die sich meist als Besuche bei reichen Kundinnen herausstellten, die nicht nach München kommen wollten oder um Einzelstücke auszuliefern – manche Kundinnen bestanden auf „persönlicher Lieferung“.

Im ersten Fall hatte der Chef ein Maßband, Zeichenblock und seine Lieblingsbleistifte sowie eine Palette an Körperfarben dabei. Nie war der Hausherr anwesend – immer hieß es, er sei „zu wichtigen Terminen im Ausland“ von der Hausherrin und „wir haben sehr viel Zeit – ich hoffe, sie haben Zeit mitgebracht?“

Wolfgang nahm sich dann ein Hotelzimmer und wartete bis er am nächsten Tag gerufen wurde.

Im zweiten Fall hatte er eigentlich nur ein klitzekleines Päckchen dabei und seinen kleinen „Werkzeugkasten“, der eine kleine Schere, Nadeln und Fäden in den verwendeten Farben für eventuelle letzte Anpassungen, enthielt. Der Werkzeugkasten passte gut in eine Anzugtasche.

Bei solchen Fahrten machte Wolfgang sich einen Spaß daraus, zum dunkelgrauen Anzug eine Mütze zu tragen und den Chauffeur zu geben und ihm vor dem Haus der Kundin den Schlag auf zu reißen und sich tief zu verbeugen. „Chef“, ließ er sich dann überlaut vernehmen, „wir sind da… Ich poliere in der Zwischenzeit die Kalesche.“

Gab es überraschende Übernachtungen, stellte Wolfgang abends diskret einen kleinen Reisekoffer des Chefs mit frischem Hemd, Wäsche und Necessaire vor die Tür der Villa oder in den Garten. Den Chef informierte er ebenso diskret per SMS, wo die Tasche zu finden sei. 

Kurz vor Innsbruck drehte Wolfgang sich um und fragte „Max, sollen wir mit dem Bus nicht lieber über Rosenheim fahren, satt ihn den Zirler Berg hoch zu quälen.“

„Wie Du willst“, antwortete Max, „das nimmt sich eh nichts.“

Wolfgang wechselte im Tunnel vor Innsbruck auf die linken Spuren und folgte den Schildern nach München und Salzburg, während für die rechten Spuren die Strecke über Garmisch-Partenkirchen ausgeschildert war. Dort würde es den wirklich steilen Zirler Berg hinaufgehen – eigentlich ein Spaß mit einem gut motorisierten PKW aber wahrscheinlich wirklich eher eine Quälerei mit dem Bus, der zwar über eine super Verstärkeranlage verfügte, aber wohl nicht so viele PS.

So glitten sie weiter auf der Autobahn dahin.

Bei Holzkirchen fragte Wolfgang über die Schulter in die Runde: „Meine Damen, wer muss wo hin in München?“

„Wir wollen nach Haimhausen“, sagte Ruth und deute auf Esther und sich, „Esther übernachtet bei mir.“

„Ich muss irgendwo zur U-Bahn“, sagte Frau Lucchetta, „U2 wäre super…“

„Mich kannst Du irgendwo in der Stadt absetzen“, meinte Max.

„Mich auch“, ergänzte Jana, „ich gehe in ein Hotel in der Stadt, oder?“, wandte sie sich an Max und grinste ihn an.

„Dann fahre ich erst einmal über die Autobahnumfahrung zum Autobahnkreuz A8/A92 und von dort in Richtung Stuttgart nach Haimhausen, das ist doch bei Oberschleißheim, oder?“

„Genau, die erste Ausfahrt nach dem Kreuz!“

Als sie Ruth und Esther vor Ruths Haus abgesetzt und den großen Abschied (“grande Opera“ mit ein paar Tränchen und viel Winke-Winke sowie der Verabredung, sich morgen um 17 Uhr im fortyfourplus zu treffen) hinter sich hatten und der Bus schon wieder in Richtung München rollte, sagte Wolfgang zu Max: „Du wohnst doch in Schwabing, da kommen wir doch vorbei.“

„Ich will aber noch ins Geschäft.“

„Auch kein Problem.“

„Mit dem dicken Bus?“, zweifelte Max.

„Kein Problem“, meinte Wolfgang, „vielleicht müsst Ihr die letzten paar Meter zu Fuß gehen…“

„Und Dich fahre ich auch nach Hause“, sagte er an Frau Lucchetta gewandt. Ausnahmsweise widersprach sie nicht.

München

Mit der Ankunft in München gingen die Erlebnisse der sechs in Venedig zu Ende und Normalität drohte sie einzuholen.

Und tatsächlich sollte es trotz der Erlebnisse von und mit Esther jetzt ein paar Tage geben, in denen das Leben „business as usual“ war – zumindest für Max, Wolfgang und Frau Lucchetta.

Aber zunächst einmal setzte Wolfgang Max und Jana vor dem Hotel Bayerischer Hof ab, von da war es ein Katzensprung zum Geschäft, das wenige hundert Meter entfernt hinter dem Dom gelegen war.

„Spendierst Du mir ein Hotelzimmer“, fragte Jana spitz, „oder ziehst Du die preiswerte Lösung vor, Dein Bett zu teilen, vor?“

„Ich bin schon immer geizig gewesen“, antwortete Max, „komm lieber mit zu mir, da können wir noch einen Absacker trinken. Oder willst Du noch etwas essen?“

„Als Star-Model muss ich jetzt auf meine Figur achten“, antwortete sie, „nein, lieber gleich absacken… Oder vielleicht noch besser „danach“ absacken.“

„Gut“, sagte Max, legte seinen Arm um sie und sagte „Gehen wir.“

Im Geschäft angekommen, stellte er den Koffer mit den Filmen irgendwo im Laden ab, schloss hinter ihnen ab und sagte „Endlich…“

„Endlich mit mir allein“, fragte Jana spitzbübisch.

„Das auch – endlich zu Hause, habe ich eigentlich gemeint. Komm, wir gehen rauf…“

„Endlich“, sagte Jana, „aber endlich mit Dir allein!“

„Jana“, lächelte Max, „Du bist ein kleiner Frechdachs.“

„Frechdachs?“, fragte sie, „ist das so etwas wie ein Klugpupser?“

Er lachte. „Nein, Du bist ein Frechdachs – ein besonders lieber und vor allem ein besonders hübscher!“

„Sie drehte sich vor ihm und ließ dabei schon die ersten Hüllen fallen: „Hübsch genug für Dich?“

Er nickte und schaute ihr beim Ausziehen zu.

„Ich bin völlig verschwitzt“, sagte sie, „ich muss mich erst einmal duschen.“

Wenig später hörte er, wie die Dusche wieder abgestellt wurde, und durch die Badezimmertür trat die völlig nackte Jana und bürstete sich die blonden Haare.

Sie war eine echte Blondine und hatte eine helle Haut mit einigen Sommersprossen, die ihm gut gefielen und ihr weniger. Weil sie sich als klein empfand, was sie mit 168 cm Körpergröße wahrlich nicht war, trug sie immer Schuhe mit hohen Absätzen, die sie angeblich „streckten“ – jetzt hatte sie irgendwo Pantoletten hergezaubert.

„Hallo, amore mio“, sagte sie mit dunkler Stimme, „ich bin einfach mitgekommen, stört Dich das?“

Das fast perfekte Deutsch hätte sie von ihrer Großmutter gelernt, hatte sie ihm einmal erklärt, und sie hätte in der DDR studiert. Wie übrigens bemerkenswert viele Tschechen recht gut Deutsch können (zumindest verstehen sie es), das aber nie zugeben würden.

Sie drehte sich in der Tür einmal um sich selbst und sagte: „Ich habe alles mitgebracht, was meine böhmischen Köchinnengene her­geben…“

Sie kokettierte ständig mit ihrer angeblichen Leibesfülle. Sie sei eine von diesen energiegeladenen „kleinen Dicken“ (sie brachte, um es genau zu sagen, 65 „plusminus“ Kilogramm „Lebendgewicht“ bei 168 Zentimetern Länge auf die Waage), die auch mit Anfang Fünfzig noch einen festen muskulösen Körper haben, an dem nichts „wackelt“ – außer vielleicht die Brüste.

Aber weibliche Brüste „wackeln“ nicht, versuchte Max ihr beizubringen, die wogen nur, und dieses Wogen liebte er, da konnte er gar nicht genug davon kriegen. Und wahrscheinlich hatte ihn dieses eindrucksvolle Wogen großer Brüste auch dazu gebracht, Dessous-Schneider zu werden.

In dem Beruf konnte er seine Passion für Frauen (bloß nicht für Dünne, die ließ er aus) und weibliches „Wogen“ und nicht zu vergessen für weiblich-runde Formen ausleben.

Wäre er Dichter geworden, hätte er Lobeshymnen oder Elogen auf wogende Busen, schmale Taillen und runde Pos  geschrieben. Aber so… – er konnte nur zeichnen und nähen. Am liebsten nähte er BHs ab Größe D, die die Brüste von unten und seitlich stützten und die Brüste nur bis über die Brustwarzen bedeckten, denn dann konnte „es“ wogen.

Im Hauptberuf war Jana Glaskünstlerin. Sie hantierte ständig mit schweren Objekten, das trainierte ihren Körper. Sie war „fit wie ein Turnschuh“ – auch im Bett, wie Max nur zu gut wusste.

„Ach ja, Max, ich bin nicht alleine gekommen“. Max schaute sie erstaunt an. Jana öffnete ihren Rollkoffer: „Ich habe Dir noch etwas mitgebracht – Numero 12! Da, in dem Päckchen.“

In ihrer Hand hielt sie ein unspektakulär in braunes Packpapier eingewickeltes und mit einem rotblauen Band verschnürtes Päckchen und lächelte.

„Klasse. Dann warst Du fleißig und wir sind fertig! Ich schaue es mir gleich an, komm erst einmal ins Bett, ich bin so müde.“

Sie schritt die sechs Meter wie eine „Königin“ (eine tschechische), eine nackte allerdings, sie umgab eine Aura von „Klasse“, wie er immer wieder fand.

Sie trafen sich drei- bis viermal im Jahr, um gemeinsame Kunstprojekte zu besprechen – und jedes Mal landeten sie im Bett. Mal in ihrer Wohnung in Prag, mal in München, mal irgendwo auf der Welt bei einem Kongress der Glaskünstler. 

Sie waren gute Freunde – und der Sex hatte sie gepackt. Er funkte zwischen ihnen, „es“ klappte einfach und sie nutzen den Funken bei jedem Treffen, um „Flammen der Begierde“ zu entzünden, wie Jana es nannte. Sie neigte schon ein bisschen zu „Gefühl“ und „Kitsch“. Auch das seien die Köchinnengene, wie sie dann zur Entschuldigung sagte.

Er nahm sie fest in die Arme, sie küssten sich. Ihre Brüste drückten sich an seinen Bauch – gut, dachte er, sehr gut. Und er fühlte, wie er sofort zu reagieren begann. Sie fühlte es auch und presste ihren Bauch gegen seinen.

„Ahrrr, Du marrgst mirrchch noch, irrch fühle…“, sagte sie in einem gespielt harten östlichen Akzent, den sie sonst gar nicht sprach. Sie löste sich von ihm.

„Firrck mirrrch, ich brrauche guten Fick…“, sagte sie, „aberr errst isst Du Austerrrn. Macht Mann stark!“

Beide lachten laut ob ihrer „scharfen Russinnen“-Nummer.

„Ich hätte Austern mitbringen sollen“, sagte sie ganz normal, „die hätten wir zuerst vertilgen sollen – macht Männer scharf…“. Sie kniff ihm ein Auge. „Auch wirst älter…“

Er gab ihr einen leichten Klaps auf den Po: „Geht schon noch“, sagte er, „ich habe gespart!“

„Lügnrrr“, gab sie wieder die „scharfe Russin“, „aber charmant! Kaviar!“, rief sie, „Kaviar geht auch… Hast Du Kaviar im Haus?“. Nein, hatte er nicht.

 „Hast Du jedenfalls Champagner?“, fragte sie. Den hatte er. Immer! „Im Kühlschrank!“, antwortete er.

Sie stand auf, ging zum Kühlschrank und nahm die Flasche heraus. „Taittinger!“, sagte sie anerkennend, „nichts von Aldi. Du bist ein Mann mit Stil, Alter!“

Sie reichte ihm die Flasche. „Mach mal auf, das ist Männersache.“

Er erhob sich, öffnete die Flasche, derweil sie Gläser holte. Sie kam zwar aus der armen Tschechischen Republik, aber sie betonte bei jeder sich bietenden Gelegenheit, dass da aber ein europäisches Völkchen voller Stil wohne, eigentlich sei Prag das Zentrum Europas gewesen – gut, vor langer Zeit… Aber immerhin – „wir Tschechen haben den Stil erfunden, dann haben die Habsburger ihn uns geklaut.“

Auch wenn Ihre Urgroßmutter und Großmutter „nur“ Köchinnen waren (daher die Köchinnengene), sie hatte es geschafft, sie war eine international anerkannte Künstlerin, ihr wurden ihre Werke aus der Hand gerissen, ihr ging es finanziell sehr gut. Ivan, der männliche Torso im Geschäft unten, war zum Beispiel von ihr, angeblich stellte sie damit den jungen Max dar, aber das wussten nur Jana und Max.

Bei uns, sagte sie manchmal, bei uns in Tschechien ist ein Bauch noch ein Zeichen für Wohlstand – und wenn das so ist, bin ich eine reiche Frau, lachte sie dann immer zum Abschluss. Du magst doch reiche Frauen, oder? Ja, er mochte…

Er goss den Champagner ein und nahm das Päckchen. Er ante, was darin eingewickelt war.

Vor ein paar Jahren hatten sie zum ersten Mal miteinander geschlafen – sanft und gleichzeitig wild, wunderbar. Und sie waren dabeigeblieben und schliefen immer miteinander, wenn sich die Gelegenheit ergab.

An dem Abend hatte er einen Glaskasten skizziert: 120 Zentimeter breit, dreißig Zentimeter weit und 15 cm hoch, mit 11 Scheiben in 12 Fächer unterteilt. In jedem Fach sollte ein Glasdildo liegen – von Form und Größe ziemlich naturgetreu – und jeder Dildo sollte ursprünglich von einem anderen Glaskünstler bearbeitet oder verziert werden.

Die Idee, andere Glaskünstler in die Realisierung einzubeziehen, hatten sie aufgegeben – Jana hatte alle elf gemacht, die bereits fertig waren und jetzt den letzten, den zwölften mitgebracht. 

Die Basis-Dildos waren in der Glashütte Ajeto in Novy Bor produziert worden und Jana hatte jeden einzelnen individuell gestaltet: Beschliffen, gechippt, drei mit roten Lippen aus Glas versehen (die hießen „Loveless. Deep Throat 1 bis 3“. Die ersten Lippen schlossen sich gleich vor der Eichel und die Schwanzspitze aus Glas, die zweiten gleich hinter der Eichel und die dritten, die waren „tief“) – so waren jetzt zwölf Unikate entstanden. Bei jedem Treffen hatte sie Max einen ausgehändigt und der hatte sie Stück für Stück in den Glaskasten gelegt, der jetzt auf der Fensterbank gegenüberstand.

„Schauen kannst Du hinterher“, sagte Jana, die bemerkte, dass er ihr letztes Werk auspacken wollte, „Austern hatten wir zwar nicht, aber Muscheln hast Du gestern Abend ja einige vertilgt, Du bist ja ein vorausschauender Mann, jetzt wollen wir das mal wieder rauslassen…“, und lachte und wechselte wieder in den „scharfe Russinnen“-Akzent: „Jetzt will irrch geilen Fick! Ausziehen. Rrrunter mit Klamotten“.

Er lachte und zog sich aus. „Ich dusche schnell!“

„Nein, ich mag Deinen Geruch! Irrch will Gerrruch von starrrkerrr (C)Hengst.“

Sie hatte sich mit leicht geöffneten Beinen malerisch auf dem Bett ausgebreitet, Egon Schieles „Liegender weiblicher Akt“ ließ grüßen – nur war sie viel schöner. Wo Schiele Gesellschaftskritik untergebracht hatte, hatte der Schöpfer bei ihr nur an Schönheit gedacht: sie war viel weiblicher, runder und viel besser genährt als Schiele es je gemalt hatte – also viel appetitlicher: „Komm her!“

Er hatte „Appetit“, also kam er ins Bett.

Sie küssten sich, sich streichelten sich, sie spürten sich und sie spürten die steigende Erregung, sie kratzte ihn am Rücken (ein bisschen, um „ihre Marke zu setzen“, wie sie einmal gesagt hatte, „dann wissen die anderen, ich war schon da!“).

Er griff ihr fest ins blonde Haar, zog ihr den Kopf nach hinten, um erst ihren Mund und dann ihre Kehle zu küssen, er drehte sie (sie half willig dabei) auf den Bauch, küsste ihren Nacken, dann ihren Rücken und wanderte dabei langsam tiefer, küsste ihren Po, seine Zunge glitt in ihre Pospalte, sie stöhnte (sie wusste, er hörte sie gerne stöhnen – aber er wusste nicht, dass sie es wusste. Frauen haben eben so ihre Geheimnisse), sie hob ihm ihren Po entgegen, sie öffnete die Beine, erst ein wenig, dann deutlich, damit er ihr Vötzchen lecken konnte, aber sie war schon ganz nass, er schmeckte sie – und er fand, dass es gut war!

Nach einer Weile drehte sich wieder so, dass sie auf dem Rücken zu liegen kam und er sie von vorne mit der Zunge bedienen konnte. Da sie wie immer rasiert war, war die schneeweiße Haut ihrer Scham ganz glatt, was er genoss.

Er leckte die Scham da, wo keine Schamhaare mehr waren, küsste sie und ließ seine Zunge immer wieder in ihrer Spalte verschwinden. Sie wand sich unter seiner Beschmusung… Ihre Hände griffen in sein Haar, und sie hielt ihn auf ihrem Schoß fest. Selbst wenn er gewollt hätte (um Gottes willen, nein!), er hätte von dort nicht fortgekonnt.

Dann drückte  sie seinen Kopf fest auf ihren Schamhügel  und sagte „Stopp! Jchetzt bist Du drrran…“. Sie beugte sich über seinen Schwanz, leckte in von hinten nach vorne, leckte seine Eier, saugte an ihnen und nahm dann den Schwanz, an dem sie bisher nur geleckt hatte, in den Mund. Mal leckte ihre Zunge über seine Eichel, dann nahm sie ihn in den Mund, sog ihn weiter hinein und hatte ihn schließlich tief im Mund, um ihn dann auszulassen und das Spielchen zu wiederholen.

Jetzt stöhnte er – aber nicht, weil sie ihn gebissen hatte (das hatte sie leicht) und auch nicht, weil er meinte, es gefalle ihr, sondern weil ihm danach war. Er merkte es nicht einmal und er konnte gar nicht anders.

Schließlich ließ sie seinen Schwanz aus ihrem Mund gleiten und sagte leise: „Genug der Worte“, und setzt sich auf seinen Bauch. Mit der Hand führte sie seinen Schwanz in sich ein. Der Schwanz war prall, dick und hart und glitt leicht in sie hinein, und sie begann sich zu bewegen, erst leicht, tastend fast, dann sicherer, intensiver, härter – es wurde ein wilder Ritt.

Sie stöhnte jetzt nicht mehr für ihn, sondern weil sie das Gefühl seines Schwanzes tief drin in ihr so unglaublich gut fand, nur noch für sich. Er stöhnte sowieso auch.

Dann entlud er sich nach ein paar besonders zackigen Bewegungen von ihr in ihr, sie zuckte ein paarmal, schrie einmal laut auf und ließ dann von ihm ab, indem sie sich zur Seite gleiten ließ.

Eine Weile war absolute Stille im Bett, beide lagen ohne Bewegung da – außer, dass sie tief, sehr tief atmeten, und keiner sagte etwas.

Dann stützte er sich auf einen Ellbogen, beugte sich über sie und küsste sie mehrfach sanft auf den Mund und ihre geschlossenen Augenlider. Sie atmete jetzt ganz ruhig. Dann schlug sie die Augen auf, lächelte ihn frech an und sagte: „Warrr sich guterrr Fick!“

Sie kuschelte sich an ihn und schlief ein. Er hielt sie fest im Arm und zog nach einer Weile eine Decke über sie beide.

Später wachten sie auf und duschten gemeinsam, rubbelten sich gegenseitig trocken, küssten sich dabei und jeder genoss den anderen. Sie lachten viel und alberten miteinander herum. Dann zogen sie sich an.

„Jetzt kannst Du auspacken“, sagte sie lächelnd und reichte ihm das Päckchen. Er wusste ja, was drin sein würde, er nahm es, löste den Bindfaden und wickelte das Glasteil aus. Es war – wie erwartet – natürlich der zwölfte Dildo. Er war ganz glattpoliert, auf dem steifen Glied war ein kopulierendes Pärchen eingraviert – ganz zart, Details eher angedeutet als ausgearbeitet. Wunderschön. Eine etwas dickere Frau hatte einen Mann zwischen den Beinen auf sich liegen, der eine gewisse Ähnlichkeit mit ihm hatte. Aus der Eichel lief ein dicker Glastropfen heraus.

„Sind wir das?“, fragte er leise.

Sie nickte, „wir beide, ganz lieb!“

Er nahm sie in den Arm und drückte sie und fast hätte er gesagt „Ich liebe Dich“. Er wischte sich unauffällig eine Träne aus dem Augenwinkel. „Wunderbar“, sagte er stattdessen – alles andere wäre falsch gewesen, fand er, denn dieses Versprechen konnte er nicht geben.

Als sie ein paar Stunden später mitten in der Nacht aufwachten, fragte Jana, ob sie nicht eine Zigarette rauchen und ein Glas Wasser trinken wollten?

Sie standen also auf, gingen ins Atelier hinab und setzten sich an den kleinen Tisch. Er bot ihr eine Zigarette und Feuer an und dann holte er Wasser und Gläser.

Einen Moment saßen sie sich still gegenüber, dann fragte Jana, was denn mit Esther und Ruth los gewesen sei?

Max überlegte einen Moment, ob er Jana einweihen sollte – dann erzählte er ihr seine und Wolfgangs Vermutungen.

„Mafia“, sagte Jana leise, „das ist schlimm… Das kenne ich aus Prag, da sind es die Russen, aber in Italien wird es schon das Original sein, oder? Und in Mallorca können es alle sein.“

Sie schwiegen wieder.

„Unser Klugpupser“, Jana lächelte schwach, „also, meine Freundin, Frau Lucchetta, hat erzählt, ihr Vater sei Mafiajäger gewesen. Vielleicht weiß sie ein bisschen mehr?“

Dann gingen sie wieder schlafen.

Geweckt wurden sie von der Sonne und den Geräuschen, die Frau Lucchetta extra laut machte, als sie das fortyfourplus aufschloss…

Die beiden machten eine Katzenwäsche, zogen etwas an, was gerade so herumlag und gingen nach unten.

„Hallo“, sagte Frau Lucchetta, „habe ich mir doch gedacht, dass ich unsere tschechische Klugpupserin hier treffe, hallo Freundin!“

„Gehen wir zum Frühstück zu Giovane?“, fragte Max, „der Laden war so viele Tage geschlossen, da kommt es auf die zwei Stunden auch nicht an“. Er schaute seine beiden Frauen an, die nickten. „Okay, let´s go“, sagte Max und ging voraus. Ausnahmsweise war er einmal nicht elegant gekleidet.

Es waren nur zehn Meter zu Giovane`s original italiensicher Cafeteria.

Er bestellte bei Giovane (mit „e“ am Ende nach Elber, dem ehemaligen Bayern-Stürmer, nicht mit „i“), der eigentlich Johannes hieß und rein gar nicht Italienisches an sich hatte, weil er aus Deggendorf kam und kein Wort Italienisch konnte, zuerst einmal „tre Doppie“. Das verstand Giovane, der es auch gelernt hatte auf pseudoitalienisch bis „tre“ zu zählen und gelegentlich „tre Expressos“ servierte.

In der Bar hingen die Fahnen von Inter Mailand und Lazio Rom. Giovane war zwar eingeschriebener Bayern-Fan, aber er fand, die Fahnen der italienischen Fußballclubs gaben seiner Cafébar mehr „Flair“. „Weißt Du“, hatte er Max mehr als einmal erläutert, „die Leute wollen sich hier zuhause fühlen – wie in Italien“.

Als Giovane die drei „Café“ brachte, bestellten sie alle das Frühstück Venezia: „Zwei Croissants, Butter und Marmelade, aber die Gute!“

Die angeblich eine italienische Tante („irgend so ein abgebrochener Familienzweig ganz unten am Stiefel“, hatte er erläutert) von Giovane selber kochte.

Als Max ihn einmal gefragt hatte, wieso eigentlich so viele Marmeladengläser mit dem Lübecker Wappen im gemeinsamen Mülleimer lägen, hatte er nur „gosh“ gemeint, was angeblich „Schnauze“ heißen sollte und mit zusammengekniffenen Augen in die Runde geschaut.

Und dann hatte Giovane eine schlimme Geschichte vom einbeinigen Mann der Tante (das andere Bein hatte ihm angeblich ein vier Meter langer Hai abgebissen [„ein Happs und weg war es“]) begonnen, und ihm, als Max an der Stelle sehr skeptisch schaute, glaubhaft versicherte, dass es solche Monster im Mittelmeer gäbe, nicht nur in Australien, dass könne er schon nachlesen, wenn er ihm, Giovane, schon nicht glauben wolle.

Also der Mann, der einbeinige Fischer, sei eines Morgens nicht mehr vom Fischen heimgekommen und wohl auf See ertrunken. Und dass die Tante von der kleinen italienischen Rente depressiv geworden sei, sei ja wahrlich kein Wunder (früher hätten die Seefahrerfrauen viel mehr ausgehalten). Ihre schöne aber faule Tochter hätte es zwar versucht, aber die Marmelade nicht so hingebracht wie die Mutter, die wirklich eine wunderbare Marmeladenköchin gewesen sei.

Und die italienische Post hätte das versprochene Paket mit den neuen von der depressiven Mutter nur für ihn doch noch gekochten Gläsern auch 12 Wochen nach Abschicken in Palermo nicht geliefert.

Scheißmafia, hatte er zwischendurch geschlossen und die klauen jetzt sogar Marmeladenpakete von alten Witwen, die haben ja gar keine Scham mehr. Dann, war  er doch fortgefahren, was er denn, bitte schön,  wohl hätte machen sollen?

Sollte er sich etwa selber an den Herd stellen und Marmelade kochen? Und wer würde dann das Café betreiben? Siehste!

Und so schlecht sei die Dreifruchtkonfitüre aus Schwartau doch auch nicht, die würden die bei Käfer im Keller, vermute er, doch auch nur aus Eimern in arschteure mundgeblasene Gläser aus indischen Glashütten für die doofen Reichen umfüllen, die glauben würden, irgendeine Oma im Bayerischen Wald hätte die Früchte noch selber gepflückt und dann am Herd auf dem Holzfeuer zu Konfitüre gerührt, stundenlang. Also das hätte er zumindest gehört, aber seine Hand würde er dafür nicht ins Feuer legen wollen…

Ich habe nichts gesagt, Max, aber wenn man so mitten drin in der Branche sei, wie er, dann höre man eben doch das eine oder andere… Wenn Du wüsstest, was ich so mitkriege (und dabei hatte er die Stimme gesenkt), hey, Du würdest nirgendwo mehr essen gehen – und erst recht nicht bei den Sternefritzen, ich sage nichts mehr!

Max, hatte er gesagt, da seien die Chinesen ja 1A, auch wenn da mal ein Dackel in der Gegend verschwinden würde. Aber die wären in Deutschland so gut ernährt und so gesund, die können man bedenkenlos verputzen. Gut, das tut man ja nicht, aber man könnte. Und er, Giovane, würde ja besser auf seine Katze aufpassen, wenn er eine hätte so wie Max, sonst würde die noch als Karnickel auf irgendwelchen Restauranttellern enden.

Da hob Max beide Hände und meinte, davon wolle er nun nichts mehr hören. Von wegen sein Mr. Spock als Kaninchen…

„Gut“, sagte Giovane und wischte intensiv den Tresen, „ich sag ja schon nichts mehr“. Aber bei mir ist natürlich alles picobello, also vom Feinsten! Aber das weißt Du ja auch und deshalb kommst Du ja auch immer, oder?“

Schmecken tut das von denen (und dabei hatte er eine abfällige Handbewegung über seine Gästeschar gemacht) doch eh niemand – für die sei ein WLAN wichtiger als die Marmelade. Die würden das nicht einmal merken, wenn er sie selber kochen würde, schloss er, alles Banausen, eine Generation von telefonierenden Banausen.

„Willst Du noch Konfitüre“, hatte er Max dann noch frech grinsend gefragt, „von der Guten?“.

Aber das war schon ein paar Tage her, das war vor der Modenschau gewesen.

Heute besprachen die drei noch einmal, was sie in Venedig erlebt hatten: Die Modenschau, das Fotoshooting in der Gondel, im Palazzo.

Als sie über die Modenschau sprachen, fiel Max ein, dass er den Galeristen anrufen wollte, ob er wüsste, wer denn dieser brutale Typ mit den jungen Prostituierten gewesen sei – vielleicht würde er ihn ja kennen?

Warum nicht gleich anrufen, die Zeit war günstig. Er bat Frau Lucchetta um ihr Handy, fischte aus irgendeiner Tasche die Visitenkarte des Galeristen und wählte.

Tatsächlich, der Galerist nahm das Gespräch an, freute sich überschwänglich, dass es Max war, der ihn anrief und fragte, ob Max schon was von der VOGUE gehört hätte. Schade, dass nicht, aber das werde sicherlich klappen und er erzählte, dass er gleich am Nachmittag mit einem Bekannten in New York wegen der Ausstellungsfortsetzung im big apple telefonieren werde und, und, und…

Endlich konnte Max ihn unterbrechen und seine Frage stellen.

Schlagartig wurde es ruhig am anderen Ende der Verbindung.

Und nach einer Weile hörte Max, ja, den kenne er, warum er frage?

Nur so, meinte Max, der sei eben da gewesen und keiner hätte gewusst, wie er an Karten gekommen sei. So einer brauche keine Karten, der komme immer und überall rein, erklärte der Galerist, den hält auch keine Polizei ab. Mafia, sei das, jeder kenne ihn in Venedig und keiner könne etwas gegen ihn tun. Er genieße höchste Protektion von ganz oben… Von ganz oben, er verstehe? Er liefere eben Bunga Bunga, und ob jetzt der Groschen fiele?

Er fiel bei Max. Er wollte sich bedanken, da sagte sein Galerist noch: „Max, lassen Sie die Finger von dem… Was immer Sie mit dem zu tun haben, lassen Sie es sein! Sie verbrennen sie sich nicht nur die Finger, da verbrennen sie total! Es heißt, er sei der Finanzchef der Mafia im Norden Italiens. Er wäscht das Geld, viel Geld! Wie man hört in Deutschland, denn da könne er sich noch auf die Banken und die Banker verlassen. Kann sein, dass der eines Tages in Ihrem Laden steht. Er soll öfter in Süddeutschland sein… Dann ist es besser, Sie wissen von nichts… Tun Sie einfach, was er will! Der Mann ist gefährlich!“

Max bedankte sich und klickte die Verbindung nachdenklich weg.

„Puh“, sagte er dann zu seinen beiden Frauen, „das wird ein dickes Ding mit der Esther… Naja, wir treffen uns ja nachher.“

„Was hat er gesagt?“, fragte Frau Lucchetta.

Max erzählte es ihr. Frau Lucchetta schaute erschrocken und meinte dann: „Wenn der tatsächlich ein Obermafioso ist, und so sieht es aus, dann kann ich nur sagen Finger weg! Ich würde ja Papa fragen, aber man weiß nie, ob die Gespräche nicht abgehört werden… Das ist heiß!“

Max schaute sie fragend an: „Wieso Papa fragen?“

„Er ist ein Mafiajager“, erläuterte Jana.

„-jäger“ verbesserte Frau Lucchetta sie gedankenverloren, „und um es genau zu sagen, er war Mafiajäger… Das war früher“, und Jana hielt ausnahmsweise einmal die Klappe. Überhaupt schwiegen sie alle eine Weile und hingen ihren Gedanken nach.

„Wie spät ist es?“, fragte Max dann.

Frau Lucchetta schaute auf ihre Armbanduhr: „Kurz nach eins.“

„Dann gehe ich noch ein paar Besorgungen machen“, sagte Jana und Max ergänzte: „Und ich räume oben auf und dann werde ich noch ein wenig arbeiten“.

„Klar, Chef – und dann werde ich noch ein wenig am Fenster arbeiten.“

Jetzt standen auch Jana und Frau Lucchetta auf, Max zahlte bei Giovane und alle drei gingen die paar Meter zum fortyfourplus. Max ging hinauf, Jana holte ihre Handtasche und Frau Lucchetta begann, erst einmal die Post zu sortieren.

As Jana schon ein paar Minuten gegangen war, kam Frau Lucchetta zu Max hinauf. „Chef“, sagte sie, „wenn da die Mafia ihre Finger drin hat, dann sollten wir unsere draußen lassen… Das sage ich Ihnen als Tochter eines Mannes, der die Mafia gejagt hat… nicht sehr erfolgreich übrigens, weil die immer und überall Protektion haben.“

„Aber wir können Esther nicht alleine lassen…“

„Nein, aber warum lässt sie sich nicht einfach scheiden, dann ist sie den Kerl los, mit einer guten Anwältin muss der richtig bluten – und alle sind happy…“

Max nickte: „Das wäre ein Weg.“

fortyfourplus

Kurz vor fünf öffnete ein gut gelaunter Wolfgang die Tür des fortyfourplus, um sie der ebenfalls gerade eintreffenden Jana offen zu halten. „Pünktlich auf die Minute!“ rief sie, „oder komme ich zu spät?“

„Nein, Esther und Ruth müssen auch gleich kommen… Kaffee?“, fragte Max.

„Nein“, sagte Jana und „nö“, sagte Wolfgang. Sie schauten sich an und lachten über die Gleichzeitigkeit der Absage und wie aus einem Mund kam es: „Wenn Du sonst nichts hast…“ Alle lachten.

„Nee, bitte“, sagte Frau Lucchetta, „keinen Schampus jetzt… Davon habe ich die letzten Tage zu viel gehabt.“

„Genau“, stimmte Jana zu, „genug von dem Prickelwasser.“

Sie standen im Verkaufsraum. „Sind das die kleinen Sado-Maso-Mädchen von Lucio?“, fragte Wolfgang und deutete auf die kleine Vitrine. „Nee, nicht – das ist nicht wahr“, sagte Frau Lucchetta empört, „nee, das kann er vergessen, dass ich ihm dafür Modell stehe…“

„Ich glaube, der braucht dafür gar keine Modelle“, sagte Jana, „so wie ich den kenne, will der Dich nur nackt ausziehen und Deine süßen Möpse auspacken…“

„Das kann der aber so etwas von vergessen“, sagte Frau Lucchetta immer noch empört.

„Naja“, sagte Wolfgang, „mir hat er noch erklärt, dass er nur nach der Natur arbeite, nie nach Fotos…“, und lachte.

„Ich bin eine ehrbare Frau“, japste Frau Lucchetta und meinte das offenbar ernst…

„Wer ist eine ehrbare Frau?“ tönte es von der sich öffnenden Tür, „Du, Frau Lucchetta? Ja das glaube ich wirklich…“, sagte Ruth, die gerade mit Esther im Schlepptau durch die Tür trat, „ganz im Gegensatz zu uns… oder besser – zu mir…, nicht wahr Max… Du hast es gerne nicht ganz so ehrbar, oder?“

„Doch“, antwortete Max, „ich ziehe ehrbar verheiratete Frauen vor…“, und alle lachten – Esther vielleicht weniger.

„Gehen wir hinauf“, schlug Max vor, „da haben wir mehr Platz und müssen nicht stehen.“

„Ich bleibe unten und passe auf den Laden auf“, sagte Frau Lucchetta, „es könnte ja doch mal jemand kommen… wenn Ihr mich braucht, können Sie mich ja rufen, Chef.“

„Esther, Ruth – wie ist es mit Euch, wollt Ihr etwas trinken? Die anderen haben ein Gläschen abgelehnt.“

„Ein Glas Wasser, vielleicht“, sagte Esther und wehrte ab, als Max es holen wollte, „ich weiß schon wo ich das finde – aber das wissen ja wohl alle hier“, lächelte sie in die Runde, „hier sind ja alles Freunde, oder?“

Als sie mit einem Glas in der Hand wiederkam, begann Max: „Also, wo soll ich beginnen…“

„Am Anfang?“, schlug die immer etwas freche Jana vor.

„Gut, also am Anfang… Ich glaube, das war ein großer Erfolg in Venedig… Die Modenschau… Ihr Mädels habt den Italienern die Schuhe ausgezogen…“

„Ja, das war schon etwas überraschend, wie die reagiert haben“, sagte Ruth, „als ich da raus bin auf den Laufsteg, da war ich schon verdammt nervös – ich meine, die anderen Models, also die von der Linardi waren so schlank und schön“.

„Klapperdürre Bohnenstangen“, ließ sich Wolfgang abfällig vernehmen, „doch nicht schön.“

„Naja“, sagte Ruth, „die einen sagen so, die anderen so…“

„Klar, die hatten auch Applaus – aber bei Euch hat die Bude gebebt“, erwiderte Max, „Ihr wart die Sensation…“

„Dicke Titten und Ärsche“, gab Jana zu bedenken, „die hauen jeden Italiener um. Und dann noch die blonden Perücken… wie hat einer uns zugerufen, als wir da neben­einander über diesen Katzensteg gelaufen sind: „Dive germaniche“!“

„Ehrlich?“, fragte Esther und behauptete, „das habe ich gar nicht gehört…“

„Ich schon“, darauf bestand Jana, „als ob ich eine „germaniche“ wäre… Ich habe…“

„Böhmische Köchinnengene“, ergänzte die feixende Ruth, „das wissen wir inzwischen alle…“

„Hat uns wirklich einer als „deutsche Göttinnen“ bezeichnet, ein Italiener?“

„Einer“, lachte Ruth, „alle!“

Esther schüttelte den Kopf: „Und dann macht mein Alter mit Mädchen rum, die seine Enkelinnen sein könnten…“

Einen Moment lang, in dem sich alle betroffen anschauten, herrschte Ruhe, dann sagte Max: „Esther können wir das ein wenig zurückstellen… Bitte, lass uns erst mal den anderen Kram abhandeln…“. Dann fuhr er fort: „Die Fotosessions waren sehr gut, ich glaube, das werden super Bilder.“

„Wann werden die entwickelt sein?“. Das war Wolfgang, der wie immer eine technische Frage hatte.

„Ich habe vorhin den Kurier ins Labor geschickt… Ich denke übermorgen.“

Mein Galerist in Venedig hat mir vorgeschlagen, im Spätherbst eine Ausstellung mit den Fotos und ein paar Zeichnungen zu machen.

„Super!“, rief Jana, „das wolltest Du doch schon lange – ich meine, Fotos! Eine Ausstellung mit Deinen Fotos…“. Sie klatschte in die Hände, „sag mal, wie wäre es, wenn eine von uns die Laudatio sprechen würde?“

Jetzt klatschten alle…

„Also, ich nicht“, sagte Esther, „ich kann so etwas nicht… Nicht vor so vielen Leuten.“

„Ach nee,“ erwiderte Ruth, „Du kannst vor Hunderten von Leuten Deine fast nackten Möpse spazieren führen und mit dem Hintern wackeln… Das kannst Du… Du machst das wirklich gut, da bebt Italien! Aber in ein züchtiges Kostüm gewandet, kannst Du keine kleine Rede halten? Ja, wo sind wir denn?“

„Könntest Du das denn?“, erwiderte Esther, „halb nackt oder nicht, und dann bestimmt noch auf Italienisch…“

„Ach ja“, meinte Ruth schon auf dem Rückzug, „Italienisch… Scheiße, nee…“

„Dann bleibt das also doch an mir hängen“, meinte Jana.

„Und deine sogenannten Köchinnengene parlare italiano?“, fragte Ruth.

„Mit ein wenig Unterstützung von Lucio? Und dann haben wir ja auch noch unsere Chefübersetzerin, Frau Lucchetta. Also, Max, wenn Du mich fragen würdest, ich würde das machen.“

„Gut“, lachte Max, „dann wäre ja zumindest das geklärt. Aber da wäre noch eine Kleinigkeit“.

„Machst Du jetzt auf Steven Jobs?“, fragte Wolfgang und als ihn alle fragend anschauten, erläuterte er, „das war der Chef von apple, der hat auch immer ganz zum Schluss einer Rede den großen Hammer rausgeholt.“

„Den großen Hammer…? Wirklich rausgeholt?“, fragte Jana interessiert und grinste.

„Die große Überraschung hat er rausgeholt, meine ich“, sagte Wolfgang, „nicht das, was Du jetzt wieder meinst.“

„Was meint sie denn?“, lächelte Ruth Wolfgang an.

Der winkte nur ab. „Ach ihr…“

Max stand auf, ging die paar Meter zum Grafikschrank und holte vier kleine Päckchen heraus. Dann rief er nach unten „Frau Lucchetta, Sie werden hier gebraucht“, und dann schaute er in die Runde, „Moment, sie kommt schon, da brauchen wir sie dabei.“

„Ja, Chef“, sagte Frau Lucchetta und kam die Treppe rauf, „was ist denn?“

„Sie sollen herkommen“, sagte Wolfgang, „sonst geht es offenbar nicht weiter.“

„Also“, sagte Max, „ich wollte mich bei jeder von Euch Mädels ganz persönlich bedanken.“

„Ich dachte“, sagte Jana schon wieder frech dazwischen, „das machst Du mit jeder von uns ganz allein – sozusagen…, reingelegt…“, und dabei prustete sie los, schlug sich die Hand vor den Mund und meinte: „Oh Gott, dass ich aber auch nie den Mund halten kann. Entschuldigung“. Aber ihre Augen blitzten vor Schalk.

„Das werden Deine verdammt schwatzhaften böhmischen Köchinnengene sein“, meinte Max, „aber wenn Du schon so vorlaut bist, dann bist Du auch als Erste dran.“

„Hier? Jetzt? Vor allen oder mit allen?“ feixte Jana, sie konnte es einfach nicht lassen, „auch mit Frau Lucchetta?“

Die wurde prompt rot.

„Ach, Jana, nun halt mal für einen Moment den Mund“, sagte Esther streng.

„Ja, also ich habe ein kleines Päckchen für jede – ein ganz dickes Danke“. Jana prustete schon wieder los: „Dickes Danke?“

Dann öffnete sie das Schächtelchen und wurde still. Auch die anderen klappten ihr Kästchen auf. „Ein Hochzeitsring?“, fragte Jana, die es einfach nicht lassen konnte. „Für jede einen?“

„Mensch Max“, sagte Esther, „das haut mich um, der ist ja schön.“

„Puuuhh“, war alles, was Ruth rausbekam.

„Herr Chef“, fragte Frau Lucchetta, „ist etwas Besonderes?“

„Ja“, sagte Max ganz ernst, „Ihr! Ihr seid so besonders. Ein kleines Dankeschön für Euren Einsatz in Venedig. Ach ja, Wolfgang, einen Brillantring für Dich, das fand ich irgendwie nicht passend – für Dich habe ich das hier. Und holte ein größeres und schweres Päckchen als die Frauen es bekommen hatten, aus der Tasche: „Die neue Leica! Richtig für Dich?“

„Mensch, Alter, wofür das denn? Das hätte doch wirklich nicht nötig getan“, antwortete Wolfgang offenbar gerührt, „wofür das denn?“

„Wenn ihr in die Innenseiten der Ringe schaut, seht ihr das Datum der Modenschau eingraviert – als Erinnerung und Dank! Und jetzt hole ich doch noch den Schampus.“

„Lassen Sie mal, Chef“, wandte Frau Lucchetta ein, „das ist meine Sache… Für den Ring würde ich den auch zu Fuß aus Reims holen.“

Als sie angestoßen hatten, sagte Ruth, die sich den Ring noch einmal genau angeschaut hatte, leise in die Runde, „Naja, der Ring hat schon etwas von einem Ehering, oder – und irgendwie sind wir ja auch“, sie suchte nach dem richtigen Wort und fand es in „verbunden, nicht wahr, über Max, meine ich. Meine Damen, darf ich Max als erste küssen?“

Esther deutete zustimmend auf Max: „Bitte, sei die Erste, die ihn küsst, aber bedenke, wir haben die gleichen Rechte an ihm, vielleicht sogar mehr als Du, weil wir – soviel ich weiß – schon länger mit ihm in die Kiste steigen oder wie es unsere tschechische Freundin es ausdrücken würde, ihn reingelegt haben. Also lass uns etwas übrig von unserem Mann, ich betone von unserem.“

Jana klatschte ihr zu und fragte „Und was ist mit Wolfgang? Der soll sich um unser Nesthäkchen hier kümmern und deutete auf Frau Lucchetta, die braucht doch auch mal einen Mann...“. Jetzt liefen Frau Lucchetta und Wolfgang rot an.

Ruth küsste Max lange und gab ihn dann mit den Worten frei: „Meine Damen, wer will als nächste?“

Etwas später waren alle wieder „runtergekommen“, und Max schenkte das zweite Glas Champagner ein. Als alle saßen und als  Ruhe eingekehrt war, fragte er: „Und Esther, was ist nun mit Dir? Ich glaube, alle hier wissen was los war mit Dir.“

Er schaute sich um und alle nickten.

„Ach“, sagte Esther und holte tief Luft, was in jeder anderen Situation bei männlichen Zuschauern für eine kleine Sensation gesorgt hätte, „ich habe jetzt eine Nacht drüber geschlafen, ich denke, ich meine, ich habe mich entschieden… Ich werde mich scheiden lassen. Ruth hat gesagt, sie kenne eine sehr toughe Anwältin, da kann das Schwein sich schon einmal warm anziehen.“

„Naja“, sagte Ruth leise, „vielleicht komme ich da gleich mit, weil – vielleicht wird eine Doppelscheidung billiger.“

„Das wäre wohl das Beste für Dich, Esther. Hältst Du uns auf dem Laufenden?“

Esther hatte Max Ring aufgesteckt und drehte ihn am Finger: „Ja, klar.“

Wolfgang packte seine Leica aus und bestaunte sie und zielte auf Frau Lucchetta, die ihm ins Objektiv lächelte.

Max

Als Max in seiner Wohnung in Schwabing (alleine!) aufwachte war Mr. Spock durch das offene Küchenfenster verschwunden – entweder hatte er Appetit auf ein Mäusefrühstück oder er hatte eine Verabredung… auch gut, für alle Fälle stellte Max ihm Futter hin, falls sich keine Maus erwischen liesse.

Er duschte, zog sich an und ging ins Café, um zu frühstücken: Milch-Café, zwei Croissants mit Butter und extra Marmelade. Er brauchte der Kellnerin nichts zu sagen, man kannte ihn hier und er aß jeden Tag das gleiche Frühstück.

In der Zeitung stand wie immer nichts Besonderes, nur das Übliche der Münchner Zeitung: Ein Hohelied auf den Oberbürgermeister, der so gerne Landesvater werden würde, was er nach Max Meinung im Leben nicht werden würde, weil er „es nicht drauf hatte“, wieder einmal war ein Radler angefahren worden, weil er trotz Fahrradweg ohne Licht auf der Straße gestrampelt war. Trotzdem strotzte der einseitig geschriebene Artikel vor Empörung, was dem armen Radler – der als Radler an sich dargestellt wurde – von dem archetypisch bösen Autofahrer angetan worden war.

Auf der Sportseite fand er eine lesbare Würdigung des Bayern-Spieles in der Champions-League – Robben würde mal wieder für ein paar Spiele ausfallen wegen „muskulärer Probleme“, das Übliche.

Dann noch ein Bericht über die städtische Wohnungsbaugesellschaft: Ein Skandal, ein Hausmeister hatte einem kleinen Rowdy von 13 Jahren eine Ohrfeige gegeben, weil er ihn dabei erwischt hatte, wie der ins Treppenhaus gepisst und dabei gerufen hatte: „Das kann Deine Alte aufwischen, ist ja der reinste Schweinestall hier.“

Der Skandal bestand natürlich in der Ohrfeige, die er sich dafür eingefangen hatte, nicht etwa im Instreppenhauspinkeln. Die Eltern forderten öffentlich die Entlassung des Hausmeisters!

Natürlich wurden im Bericht Nachricht und Kommentar vermischt, denn wegen der Ohrfeige würde der Rowdy jetzt wohl auf die  schiefe Bahn kommen und wie brutal die Hausmeister seien und wir hätten gedacht, die Zeiten der Prügelstrafe ein für alle Mal hinter uns gelassen zu haben und so weiter et cetera pp, schrieb die junge Journalistin.

Unsinn, was da steht, fand Max – die Ohrfeige war absolut gerechtfertigt –, sollten die Eltern doch auf ihre Gören aufpassen – aber auch kein Wunder, dachte er, bei den jungen Journalisten, die da schrieben. Wahrscheinlich hat denen das Schreiben in ihrem Kurzstudium keiner beigebracht.

Bevor er sich tiefschürfende Gedanken um die Zukunft der Welt und der Menschheit  und der MZ im Besonderen machen konnte, stand er auf, legte das Geld für die Kellnerin auf den Tisch und ging zurück zu seinem Auto, um zum fortyfourplus zu fahren.

Frau Lucchetta

Lehnen wir uns kurz zurück, atmen durch und betrachten interessiert unser Nesthäkchen –von oben bis unten

Frau Lucchetta ist „um und bei“ 38 Jahre.  Sie ist eine echte Rothaarige mit schneeweißer Haut und vielen Sommersprossen (ehrlich gesagt, am ganzen Körper – aber das spielt für den Fortgang der Geschichte eigentlich keine Rolle, es sollte nur mal gesagt sein). Ihre Haare trägt sie frech-fetzig sehr kurz geschnitten – irgendwie zottelig. Sie sieht jünger aus als sie ist.

Sie war  knapp eins siebzig groß und trotz oder wegen ihrer Formen als vollschlank zu bezeichnen (für Kenner: Größe 44, 90-85-100). Sie war sehr gut proportioniert – nicht gerade üppig, aber sie hatte was „in der Bluse“ und sie hatte kräftige Hüften, sonst wäre sie in diesem Laden auch deplatziert gewesen. Ihre ebenfalls kräftigen – und gerade deshalb – wohlgeformten Beine zeigte sie offenbar gerne her, denn ihre Röcke waren immer kurz. Und die Pumps, die sie im Laden immer trug, unterstützten den Eindruck nur.

Venedig hatte ihr Spaß gemacht und sie empfand den Erfolg der Truppe auch als ihren ganz persönlichen Erfolg – trotz der vielen Arbeit, die das für sie bedeutete.

Jetzt wollte sie sich ein paar Tage lang „aktiv entspannen“ und das ging am besten, wenn sie wieder einmal ihrer Lieblingstätigkeit nachgehen kann: Also dekoriert sie das Schaufenster neu – genauer, sie zieht einer der beiden Schaufensterpuppen einen quietschbunten BH, das passende Höschen und ein Negligé an. Dessous, die Esther („die arme Esther“, dachte sie) in Venedig vorgeführt hatte.

Im Fenster werden übrigens immer nur zwei Puppen ausgestellt – auch das ist so etwas wie ein Markenzeichen.

Das zum Set passende Hemdchen drapiert sie ebenso auf einem Stuhl wie ein Negligé und zwei weitere Höschen in verschiedenen Schnitten. Den Stuhl rückt sie näher zur Puppe. Auf dem Kopf trägt die Figur eine bunt bemalte Brille und einen schwarzen Zylinder mit Hutband, das so gemustert ist wie BH und Höschen, auch die Beine haben dort, wo normalerweise die halterlose Strümpfe sitzen, bunte  Bänder, – am Boden liegt wie achtlos hingeworfen ein Frack mit einem – natürlich – genauso bunten Einstecktuch in der Brusttasche. Das Ganze sieht frech, witzig und sehr sexy aus, es wird der Eindruck erzeugt, dass die Puppe gerade einen Mann ins Bett lotse.

Dieses unernste Gestalten des Schaufensters war es, woran sie bei der Arbeit mit am meisten Spaß hatte. Und da sie im Laufe des Tages normalerweise recht viel Zeit hatte, dekorierte sie das Fenster meist einmal in der Woche um – woran die Passanten ebenfalls ihren Spaß hatten und häufig blieben Herren stehen, viele, um zu schauen, manche, um in den Laden zu kommen und zu kaufen.

Das ganze Fenster – es war nicht groß, vielleicht drei Meter und ein bisschen breit – war mit schwarzem Samt ausgeschlagen. Die Fensterdecke war ein „Sternenhimmel“ aus vielen kleinen Lichtpunkten.  Bunte Lichteffekte wurden mit Strahlern im Boden und in den Seitenwänden auf die beiden Puppen gesetzt.

Auf dem Boden lag wie achtlos hingeworfen eine Lichterkette mit weiteren  Lichtern – dabei hatte Frau Lucchetta besonders sorgfältig und raffiniert drapiert... Außen vor dem Fenster hatte sie weiß gestrichene Bäumchen aufgestellt, die ebenfalls mit Lichterketten umwickelt waren. Bei Dunkelheit sah das Fenster noch bezaubernder aus als tagsüber, ein echter Hingucker!

Viele Menschen blieben vor „ihrem“ Fenster stehen und schauten die meist leicht erotischen Szenen der Frau Lucchetta – manchmal sogar erregt – an. Andere schauten schnell weg, wenn sie aus der Kaufinger Straße kommend durch die Liebfrauenstraße in den Frauenplatz einbogen und gingen schnell am Fenster vorbei: „Bloß nicht hinschauen“. Naja,  direkt gegenüber lag schließlich der Dom. 

Zentral auf der Rückwand des Fensters war mitten im schwarzen Samt ein großer Bildschirm angebracht, auf dem noch ein Film der letzten Modenschau der Wäsche von fortyfourplus in Florenz gezeigt wurde. In ein paar Tagen würde hier der Film aus Venedig laufen.

Diese Filme, die einmal jährlich anlässlich von fortyfourplus-Modenschauen entstanden, hatten „in der Szene“ (also bei Männern die auf „older, big & beautiful“ standen) den Status von Geheimtipps lange hinter sich gelassen und signierte Originale wurden unter den Freunden „starker Frauen“ weltweit hoch gehandelt. Die vollbusigen Modelle galten unter ihren Bewunderern inzwischen als Stars.

Doch zurück zum Fenster: Die zweite Puppe stand in der gegenüber liegenden Ecke des Schaufensters. Deren Blick war vom Betrachter vor dem Fenster weggedreht. Sie hatte den Kopf über die Schulter zum Fenster gedreht, allerdings waren ihr die Augen mit einem roten, hinter dem Kopf verknoteten Tuch verbunden, so dass sie nicht „sehen“ konnte, ob jemand sie betrachtete.

Diese Figur trug ein rotes Korsett zu roten Strümpfen und roten Pumps. Die Arme der Puppe waren hinter ihrem Rücken weit gespreizt. Die Bänder des Korsetts hingen über die Hände herab als ob sie den Betrachter vor dem Fenster bitten würde, sie einzubinden.

Um den Hals trug sie einen roten Reif, an dem eine Kette ins Schwarz des Hintergrundes führte.

Hinter ihrem Rücken lag ein schwarzes Negligé mit roten Stickereien auf durchscheinendem Stoff, durch den für den Betrachter ein aufgerolltes Seil nur noch zu ahnen war.

Wer genau hinschaute, erkannte auch in den Stickereien leicht sadomasochistische Elemente – nichts wirklich „Hartes“, alles nur angedeutet – aber immerhin, und zwischen den Füssen der Puppe lag seit gestern wieder die knallrote Ledergerte. Ansonsten war das Fenster leer, vor allem waren keine Preisschilder zu sehen. Die Botschaft des Fensters war: Schicke Exklusivität.

Das Schaufenster mit seinen ständig wechselnden Installationen war der ganze Stolz von Frau Lucchetta – „weniger ist mehr“, sagte sie, wenn sie lobend auf ihre Dekorationen angesprochen wurde, „mit Liebe gestaltet“, sagten die Kundinnen.

Um in den Laden zu gelangen, musste man eine Stufe hochsteigen und gelangte zunächst in einen Vorraum mit zwei weiteren eher kleinen Fenstern, eines links und eines dem Zugang gegenüber. In ihm waren gläserne Torsi in Lebensgröße ausgestellt, die jeweils einen besonderen BH und das passende Höschen trugen. Der aufmerksamen Betrachterin fiel auf, dass es sich nicht um die typischen Ausstellungspuppen handelte, die man auch bei Kaufhäusern sehen konnte, diese fortyfourplus-Figuren gab es dort nie! Diese waren aus Glas und die Körper waren füllig, raffiniert und künstlerisch anspruchsvoll. Und natürlich waren die fortyfourplus-Figuren teuer – aber das nahmen die Kunden nicht wahr, mussten sie ja auch nicht… Auch nicht, dass sie mit „Jana“ signiert waren.

Niemals würde man woanders vergleichbare Schaufensterpuppen (und schon gar nicht mit diesen „Proportionen“) sehen.

Wenn tatsächlich mal jemand fragte, was das denn für Puppen wären, erzählte der Chef gerne und ausführlich, dass es sich um Kunstwerke einer bedeutenden tschechischen Glaskünstlerin handelte, die hier mehr oder weniger als Modepuppen missbraucht würden, eigentlich gehörten sie in ein Museum.

Der Tag verlief im Weiteren belanglos. Eine ehedem bekannte alternde Schauspielerin, die jetzt viel „in sozial“ machte, hatte erstmals bei ihnen eingekauft und locker knapp 2.500 Euro „berappt“, erzählte Frau Lucchetta Max, als der für einen Moment herab kam, um ein wenig mit ihr zu plaudern, und meinte, die müsse einen neuen Mann haben, vorher hätte die nie bei ihnen eingekauft.

„Sie glaubt wohl, sie sei immer noch 19, dabei ist die ja überall operiert“, hatte sie gesagt, „Gesicht gestrafft, Busen vergrößert (steht wie ein Wackelpudding, brrr), am Bauch und an den Oberschenkeln Fett abgesaugt, am Po Fett eingespritzt. An der war nix mehr echt… Und nicht einmal gut gemacht das Ganze, man sah die Narben!“, hatte Frau Lucchetta mit Abscheu ergänzt.

„Die hat unsere Sachen gar nicht ausgefüllt, aber es musste unser Label sein. Da wirst Du ganz schön nacharbeiten müssen… Nee, Chef, so möchte ich nicht aussehen, niemals, dann lieber dick, so wie ich!“

„Da besteht ja bei Ihnen keine Gefahr“, hatte Max geantwortet, „dick? Überhaupt nicht, Sie haben offenbar die richtigen Gene für gutes Aussehen!“

Sie hatte ihn angestrahlt „Meinen Sie das wirklich?“

„Ja. Ganz wirklich.“

„Wissen Sie, ich glaube, die war sogar ein bisschen eifersüchtig auf mich, die wurde ziemlich schnippisch und hat so Bemerkungen gemacht…“

„Was für Bemerkungen?“

„Naja, dass dicke Titten ja auch nicht alles sind, außer für die Kerle. Und dabei hat sie mich so angeschaut… Als ob ich Titten hätte, und, warte mal, ach ja, richtige Mode würde nur an schlanken Frauen gut aussehen. Am liebsten hätte ich ja gesagt, wieso sie denn glaube, dass sie ihr stehen würde?“

„Und warum hast Du nicht?“

„Was?“

„Gesagt, dann würden ihr unsere Sachen auch nicht stehen.“

„Chef, das kann ich doch nicht machen, schauen Sie mal, die hat für…“, sie schaute auf den Kassenstreifen, „2.345,50 Euro gekauft – ohne die Änderungen…“

„Das nächste Mal sagst Du es! Oder Du holst mich.“

„Ja, schon, aber würden sie so was sagen? Das wäre aber frech“, kicherte sie vergnügt. Danach war sie sehr vergnügt gewesen und hatte eine Puppe besonders aufregend dekoriert.

Max hatte ihr verschwörerisch zugeblinzelt und sich an seinen Schreibtisch im Laden gesetzt und ihr bei ihrer Lieblingstätigkeit des Umdekorierens zugeschaut.

Etwas später am Vormittag hatte sie ihn erinnert: „Sie können mir ja von mir aus  gerne weiter zuschauen, aber Sie haben heute Mittag das Essen im Königshof. Um zwölf –mit einem Herrn!“

Er schaute auf seine Uhr, „verdammt, dann muss ich los. Tschüss, bis nachher, so gegen 14 Uhr. Ich muss noch ein paar Stiche am Badeanzug machen, die Kundin holt ihn gegen fünf Uhr ab“. Sagte es und verschwand durch die Tür.

Zum Königshof sind es fußläufig wohl fünfzehn Minuten.

Da der S-Bahnhof Marienplatz – wie er fand – „unangenehm“ umgebaut wurde, ging er zu Fuß durch die Kaufinger Straße, die später zur Neuhauser Straße wurde, zum Stachus. Früher war das eine schöne Einkaufsstraße gewesen, die vor Leben nur so brummte und in denen sich ein Fachgeschäft an das andere reihte.

Inzwischen war die Fußgängerzone Kaufinger/Neuhauser eine Aneinanderreihung von gesichtslosen Kettenläden geworden, die sich in jeder größeren Stadt fanden, vom Modegeschäft Hirmer für Männer vielleicht einmal abgesehen. Aber auch Hirmer vermietete seit einigen Jahren zunehmend shop-in-shop Flächen an mehr oder weniger exklusive Brands, die sich aber auch überall in der Welt fanden und damit eben nicht mehr exklusiv waren. Teuer ja , aber nicht mehr exklusiv!

Die Fußgängerzone wurde dominiert von Karstadt, C&A, H+M, United Colors of Benetton, der Parfümeriekette Douglas und so weiter.

Ins Schuhgeschäft Salamander war er als Kind mit seiner Mutter gerne gegangen, weil es da das Lurchi-Heft gab und als Höhepunkt des Besuches ein Blick durch das Röntgengerät, mit der er seine wackelnden Zehen bestaunen konnte, wenn die Schuhverkäuferin und Mutter die Schuhgröße überprüften. Undenkbar heute!

Zumindest um Heftchen mit den Abenteuern des gestiefelten Salamanders Lurchi und seiner Freunde war es schade, fand er. Obwohl: Im Internet hatte er neulich aus purer Neugierde einmal das Suchwort „Salamander“ eingegeben und tatsächlich: Da gab es doch in der Tat Heft 1 von 1952 bis zum Heft 148, das aus dem Jahre 2012 datierte. Lurchi und seine Freunde schienen also noch zu leben…

Wenn er da jetzt reinginge, um sich ein Paar Schuhe zu kaufen – ob er dann das aktuelle Heft bekommen würde? Er konnte es sich kaum vorstellen. Egal, er würde da jetzt nicht reingehen und das lustige Durchleuchten gab es ja auch nicht mehr, das garantiert nicht.

Unten im Jagdmuseum gab es noch das Juweliergeschäft Bucherer und ein paar andere „alte Geschäfte“ aber dann kamen GEOX und Vodafone, brrr.

Die St. Michael-Kirche war hinter großen Planen versteckt und wurde grundüberholt. Gleich um die Ecke war die Polizeizentrale der Ett-Straße, die wohl jeder Tatort-Zu­schauer aus dem ff kennt. Gegenüber von St. Michael war eines der alten Karstadt-Häuser gewesen. Inzwischen war es  abgerissen worden, natürlich, dort wurden jetzt die supermodernen Pschorr-Höfe gebaut. Er ahnte weder wegen der Architektur noch wegen der kommenden Mieter etwas Gutes.

Wie er überhaupt das Gefühl hatte, dass die ganze Münchner Innenstadt eine einzige Baustelle war, seit die Gebäude des Süddeutschen Verlages weitgehend abgerissen worden waren. Irgendwie war er wohl zu alt für so viel Veränderung geworden.

Er fragte sich, wieso die Menschen ihre Städte dauernd abreißen und umbauen mussten, nur um dann im Urlaub in die mittelalterlichen Städte Norditaliens zu fahren, um die dann zu bewundern und es gut zu finden, dass die Italiener ihre Städte so bewahrten, wie sie sie von den Altvorderen übernommen hatten: Klein, eng und verwinkelt, lebens- und liebenswert und schön! Und trotzdem lebten moderne Italiener in ihnen. Und die sahen zufrieden und glücklich aus.

Wir aber nicht, fand Max, wir müssen alles abreißen und bauen neu  – modern! Oder postmodern. Und kein postmoderner Architekt, kommt auf die Idee, sich und seiner Familie das Wohnen in einem seiner modernen Quader zuzumuten; nein, „die“ wohnten in der renovierten Sechszimmerwohnung in Schwabing – Deckenhöhe Dreimeterfünfzig und mehr, Zimmergrößen ab 35 Quadratmeter. Und „scheiß auf die Isolierung“, ist ja denkmalsgeschützt.

Wer will schon in ein sog. „Loft“, doch höchstens ein Banker, der dreckiges Geld in einer Dritt- oder Viertwohnung anlegen wollte.

Max konnte bei solchen Überlegungen fuchsteufelswild werden, wenn er durch „sein“ München schlenderte, das schon lange nicht mehr seines war.

Schräg gegenüber von den Pschorr-Höfen befand sich eines seiner Lieblingsgebäude, in dem u.a. das statistische Landesamt residierte. Erbaut war das imposante Gebäude in der Neuhauser Straße – zunächst als Gymnasium der Jesuiten gebaut, beheimatete es später u.a. die Akademie der Wissenschaften, die Staatsbibliothek und das Kadettenkorps.

Immerhin etwas war also geblieben, nicht alles war von H+M und Zoozies und anderen Billigmarken eingenommen worden, die in Bangladesch oder China produzierten und den jungen Mädchen das Taschengeld aus der Nase zogen.

Vor dem Haus plätscherte im Sommer der besonders schöne Richard Strauß-Brunnen. Inmitten eines rechteckigen Beckens streckt sich eine nach oben im Durchmesser verjüngte gefühlt 10 Meter hohe Rundsäule empor, die mit einer Schale bekrönt wird. In diese Schale wird Wasser eingeleitet, um dann über den Rand in die Tiefe zu stürzen. Dabei entsteht bei Sonnenlicht ein wunderschönes Farbenspiel.

Rund um den Brunnen stehen im Sommer viele Gartenstühle, auf denen er ab und zu gerne saß und seine Zeitung las – mitten im Trubel der Fußgängerzone und doch ganz in Ruhe gelassen – wenn man denn von den ewig plappernden Handynutzern absah – aber da hatte er ja jetzt seinen Spammer… Ein Knopfdruck und es herrschte himmlische Ruhe – bis der Typ auftrat, der dort häufig laut vom kommenden Weltuntergang predigte. Bei dem half kein geheimer Schalter in der Tasche. Aber für 20 Euro hielt der auch schon mal eine halbe Stunde lang die Klappe!

Der Rest der Neuhauser Straße bestand dann aus den Läden von Christ, HELA, Saturn-Hansa und vor allem dem riesigen Karstadt-Haus Oberpollinger, das er seit dem Umbau zum „Karstadt-Haus der Zukunft“ nicht mehr betreten hatte!

Dann kam bald das Karls-Tor und dann der runde Platz des Stachus, den er meist unterquerte, und auf der anderen Seite der Sonnenstraße das Hotel Königshof. Sein Ziel.

Herr Mölders

Der Oberkellner empfing ihn sehr persönlich, da er häufig hier aß und manchmal auch seine Kundinnen im Hotel Königshof untergebracht hatte.

„Herr Xerxes, eine nette Überraschung! Guten Tag, Sie haben nicht reserviert… Kommt noch eine Dame?“, fragte der die Augenbrauen hochziehend, „kein Problem, für Sie haben wir immer einen Tisch.“

„Nein, nein, ich bin eingeladen. Ich soll hier einen Herrn Mölders treffen, ist der schon da?“

„Einen Moment, bitte…“, er schaute in den Belegungsplan des Restaurants, „Ja, der Herr ist schon eingetroffen. Tisch vier. Hier entlang, bitte“. Er führte Max zu einem Tisch am Panoramafenster mit dem berühmten Blick auf das Stachus-Rondell. „Hier bitte“, sagte er, „Herr Mölders, der Herr ist Ihr Gastgeber.“

Max begrüßte den Herrn, den er nur von einem Telefonat her kannte. Der stand auf und reichte ihm die Hand: „Guten Tag, Mölders, danke, dass Sie Zeit für mich haben“, und gab ihm seine Visitenkarte. Eindrucksvoll! Syndikus las er, von einer großen Bank. Naja, dachte Max, dann kann er sich mich ja leisten.

„Keine Ursache, Ihr Wunsch hat sich interessant angehört… Wie ich sehe, stehen Sie auf Leder?“

Die letzte Bemerkung bezog sich auf den Anzug von Herrn Mölders, der ganz aus schwarzem Leder bestand, wenn man von dem weißen T-Shirt unter dem Jackett absah – DAS sah nun nicht nach Syndikus einer Bank aus, aber der Herr Mölders hatte sicherlich auch Konservatives im Schrank hängen, etwas, was für die Bank geeignet war.

„Ja, eine kleine Macke von mir und meiner Frau“, antwortete er lächelnd, „naja“, fügte er hinzu, „um ehrlich zu sein, ich fürchte, das kommt wohl eher von mir… Aber meine Frau hat sich daran gewöhnt und jetzt gefällt es ihr auch. Ihnen machen so kleine Absonderlichkeiten keine Probleme, oder? Beruflich trage ich natürlich teures Tuch…“

Er lächelte und schaute Max genau an.

„Nein“, sagte Max, „ich lebe davon, dass Menschen einen etwas anderen Geschmack haben als andere oder sogar einem Fetisch anhängen. Und Leder kann sehr erotisch sein“.

„Genau“, sagte sein Gegenüber, „aber wir wollen auch essen. Haben Sie schon in die Karte geschaut?“

„Ich nehme den Business-Lunch. Klein aber lecker, mein Bauch, wissen Sie, ich muss ein wenig aufpassen – in meinem Job wird das von mir erwartet“.

Sie bestellten, sie plauderten ein wenig über das Wetter, über Bayern München, über Harley Davidson – was Männer so schwatzen, um die Zeit totzuschlagen.

Schließlich kamen Sie zum Thema.

„Sie wollen also ein Korsett für Ihre Frau“, stellte Max fest.

„Ja“, Mölders nickte bestätigend, „ein Lederkorsett – aber auch etwas Passendes für darüber. Aus Leder natürlich… Und ein Halskorsett und eine Maske.“

„Das volle Programm, also.“

„Ja. Genau!“

„Und nichts, was Sie woanders bekommen…“

Mölders nickte und sagte: „Ja, wir haben uns verschiedene Anbieter angeschaut, die Szene ist ja nicht besonders groß: The Right Place, Völlers oder Oxford oder, wie heißen die gleich, Toto – aber das haben ja alle aus der Szene. Wir wollen das Besondere. Geld spielt keine Rolle“, er blickte selbstkritisch an sich herab, „auch wenn es auf den ersten Blick nicht so aussehen mag.“

Max ging nicht darauf ein, sondern fragte stattdessen: „Haben Sie schon spezielle Vorstellungen?“

„Wir haben uns im Internet umgeschaut. Aber wissen Sie, da gibt es nur wenige gute Seiten, eigentlich keine – und Anregungen gibt`s da auch kaum. Immer dieselbe Standard-Kost. Nein, das wollten wir Ihnen gerne überlassen“. Er machte eine Pause und nippte an seinem Wasser.

“Wissen Sie, wir gehen gelegentlich zu diesen Korsett-Parties… Haben Sie davon gehört?“ Als Max nickte, fuhr er fort, „in drei Monaten wollen wir nach Venedig, da findet die größte Sause dieses Jahres statt. Mit Preisverleihung für das schönste Outfit“.

„Und diesen Wettbewerb soll natürlich Ihre Gattin gewinnen?“, stellte Max nüchtern fest.

„Natürlich, ja, wenn´s geht… Können Sie uns da etwas Besonderes machen?“

„Sicher“, antwortete Max, „das kann ich, ich kann nur nicht garantieren, dass Ihre Frau auch gewinnt. Da sind so viele Unwägbarkeiten dabei.“

„Das ist uns klar. Wir vertrauen Ihnen – und wenn wir dieses Jahr nicht gewinnen, probieren wir`s im nächsten Jahr wieder!“

„Gut“, sagte Max, „aber ich muss Ihre Gattin kennenlernen, Sie verstehen? Ich brauche Ihre Maße, das sind etwa 30 oder 40 Werte, die ich alle messen muss. Ich muss wissen, wie sie aussieht, wie sie sich bewegt. Sie soll meine Entwürfe ja auch tragen können und sich darin wohlfühlen.“

„Och“, grinste Mölders Max an, „so ein bisschen eng darf es gerne sein…, finde ich.“

„Ja, schon, aber Ihre Frau soll doch den Spaß an der Sache nicht verlieren, oder – sonst geht nach der Party nämlich nichts mehr – und das wollen Sie auch nicht…“

„Nee, nicht, ganz bestimmt nicht!“, lachte Herr Mölders.

Er winkte dem Kellner ab, der sich dem Tisch näherte: „Danke, alles OK, wir brauchen nichts mehr. Machen Sie mir die Rechnung, bitte!“

Dann schaute er wieder Max an, der erläuterte gerade: „Das kann ja so aussehen, als ob sie total fest eingeschnürt wäre – gerade auch mit dem Halskorsett – und trotzdem kann sie sich über den Abend wohler fühlen als die anderen Damen in ihren Billigteilen!“

„Natürlich“, antwortete der andere, „das wäre in der Tat schön.“ Er sagte tatsächlich „in der Tat“, dachte Max.

„Klar, Sie müssen sie treffen… Das heute soll ja auch erst ein Vorgespräch sein. Ach so, ja, also... Auch wenn Geld nicht die erste Geige spielt, mit welcher Summe müssen wir rechnen?“

„Warten Sie, Korsett, Kleid, Mantel, Halskorsett und Maske...“. Er murmelte vor sich hin, dann rechnete er im Kopf und sagte dann: „So um und bei 12.000 Euro oder mehr…“

Mölders nickte. „Damit haben wir gerechnet.“

„Ein Drittel im Voraus, Rest bei Lieferung.“

„Hört sich nur fair an.“

„Also wann kann ich Ihre Frau treffen? Sie müssen nicht dabei sein, Sie können zwar, aber lieber wäre es mir, sie käme allein.“

„Kein Problem, nächste Woche?“

Max war ein altmodischer Mann – was seinen Terminkalender anging, hatte er ein Lederbüchlein, in das trug er seine Termine ein, von Outlook oder ähnlichem hielt er nichts. Er blätterte ein wenig, dann sagte er: „Nächsten Donnerstag?“

„Sicher, wann?“

„Wir werden 2 Stunden brauchen, eventuell ein bisschen mehr… Gegen 15 Uhr!“

„Gut, Donnerstag um 15 Uhr. Ich werde uns hier im Hotel ein Zimmer buchen. Essen wir dann noch zusammen?“

„Zu nett, aber nach so einem Termin bin ich fix und fertig, dann mag ich niemanden mehr sehen. Verstehen Sie das?“

Der andere nickte. „Das kenne ich – ausgepowert.“

„Genau! Noch einmal, haben Sie Ideen oder Wünsche? Themen?“

„Nein, leider nicht.“

„Haben Sie ein Bild Ihrer Frau dabei?“

„Ja, natürlich“, er griff in die Tasche und holte sein iPhone heraus, suchte das richtige Bild und gab Max das Smartphone.

„Hier, das und die nächsten drei… Sie wissen, wie die Dinger funktionieren?“

Max nahm das Handy, schaute es skeptisch an, nickte aber und schaute sich das Bild einer großen Frau von Mitte 50 an. Lange Haare, graue Augen und eine passable Figur, soweit er das aus den Bildern urteilen konnte. Mit einem Wisch rief er das nächste Bild auf.

„Wissen Sie“, sagte Herr Mölders, „mir würde es ja schon gefallen, wenn Sie ihr eine sehr schmale Taille machen könnten und ihre Brüste betonen würden und natürlich die Hüften. Und sie hat einen sehr knackigen Po…“

„Schön gewachsene Beine hat sie scheinbar auch“, sagte Max und schaute sich die nächsten Bilder an, „sie ist eine gutaussehende Frau. Kompliment“, damit gab er das Handy zurück.

„Ja, das ist sie, das ist sie wirklich“, bestätigte Mölders nachdenklich lächelnd, „wir sind sehr glücklich...“

„Ich habe da eine Idee, mal sehen, ob sie Ihnen gefällt: Also das Korsett machen wir als Unterbrustkorsett, das die Brüste frei lässt.  Dann machen wir einen Leder-BH, der die Brüste hebt und nach vorne schiebt. Korsett und BH verbinden wir durch ein paar Metallringe. Dann vielleicht ein knöchellanges Lederkleid, das oben mit einem sehr breiten und tiefen Ausschnitt die Brust frei lässt (das hat man schon vor 4.000 Jahren auf Kreta gemacht), der den Blick auf den Busen lenkt. Ihre Frau hat einen eher kleinen Busen, stimmt das?“

Mölders nickte zustimmend.

„Gut, damit betonen wir den Busen und vergrößern ihn scheinbar. Und unten ist das Kleid bis zum Bauchnabel geschlitzt und wird offen getragen, dazu ein Leder- oder vielleicht auch einen Pelzslip – wie knallbunt gefärbtes Schamhaar – ich gehe davon aus, dass sie rasiert ist?“

Mölders nickte begeistert. „Gut. Sehr klein, der Slip, den kann sie tragen oder auch weglassen. Das wäre aber schade wegen des Farbtupfers... Über allem ein weit offenstehender bodenlanger Ledermantel mit Pelzapplikationen am unteren Rand, ca. 30 Zentimeter, in verschiedenen Farben und einem extrem hoch stehenden Pelzkragen, der Mantel mit weiten Armausschnitten aber ohne Ärmel…“

„Toll, hört sich super an“, sagte Mölders, „wirklich geil! Und das fällt Ihnen einfach so ein?“

„Mein Job, Herr Mölders, wobei ich zugeben muss, die Idee mit den Pelzen hatte ich gerade eben erst. Ihnen fallen bestimmt auch trickreiche Klauseln „einfach so“ ein, wenn Sie sie brauchen, oder?“

Mölders nickte verstehend und lächelte zustimmend.

„Ich mache ein paar Skizzen und erwarte Ihre Gattin dann am nächsten Donnerstag um drei Uhr in meinem Atelier. Sie wissen wo das ist? Direkt am Dom“, sagte Max und erhob sich, „ich muss dann mal wieder. Hier ist meine Karte, für alle Fälle… Danke für die Einladung. Kommen Sie gut nach Hause und grüßen Sie mir Ihre Gattin. Ach ja, wie heißt sie denn mit Vornamen? Bei uns laufen alle Aufträge wegen der Diskretion nur unter dem Vornamen. Das kennen Sie ja auch in Ihrem Beruf: Schweigepflicht!“

„Rebecca“

„Gut, dann läuft der Auftrag unter „Rebecca“, das hatten wir noch nicht“. Damit verließ er den Mann im schwarzen Lederanzug.

Der Auftrag hörte sich interessant an. Er freute sich darauf, mal wieder mit Leder und Pelz arbeiten zu können.

Jammer

Weitere zwei oder drei Tage vergingen. Nix Besonderes nicht los, sagte Wolfgang zu solchen Tagen, der sie jetzt täglich besuchte – wobei sich das „sie“ vor allem auf „Sie“ bezog, auf Frau Lucchetta.

Max saß wieder einmal oben im Atelier und arbeitete eine Weile, schaute auf seine Armbanduhr – oh, schon fast vier Uhr dachte er – dann klappte er die Zeichenmappe zu und erhob sich vom Zeichentisch, reckte und streckte sich, atmete ein- oder zweimal tief durch.

Er zog seine Künstlerklamotten (weißes T-Shirt und Jeans und Turnschuhe) aus und ein weißes Hemd und den blauen Anzug, den er immer im Geschäft trug,  an, band eine handgemalte Seidenkrawatte um, steckte sich ein passendes Tuch ein. Dann schlupfte er in seine schwarzen Slipper, steckte die goldenen Manschettenknöpfe seines verstorbenen Vaters in die Manschetten, zog die Hemdärmel genau zwei Zentimeteraus dem Jackettärmeln und ging die Wendeltreppe hinunter ins Geschäft.

Jetzt war er Chef und sah auch so aus. Er wusste, seine Kundinnen erwarteten einen geschmackvoll gekleideten Herrn, wenn sie schon bei ihm so viel Geld für Wäsche ließen.

Er ließ sich einen Kaffee aus der Maschine und trank ihn in kleinen Schlucken, dann ging er zu dem kleinen Schreibtisch, den er im Laden stehen hatte und an dem nur er sitzen durfte, darauf legte er Wert. Wenn Frau Lucchetta sich setzen wollte (und dass sie das wollte, verstand er sehr wohl), hatte sie einen Stuhl hinter dem kleinen Bauhaus-Tisch aus Glas und Stahl, an dem sie auch die Wäsche präsentierte, oder sie ging in den kleinen Ruheraum, der sich ebenfalls im ersten Stock befand.

Er setzte sich und schaute unkonzentriert ein paar Kataloge von Konkurrenten durch, die Frau Lucchetta ihm hingelegt hatte, nein, da war nichts drin, was ihn interessierte. Die aktuellen Modehefte mit den Berichten von der Modenschau in Venedig waren noch nicht gedruckt. Auch der große Bericht in der Vogue würde noch auf sich warten lassen, weil die in Venedig gemachten Fotos noch nicht vorlagen. Außerdem wollte die Redaktion noch eine Journalistin vorbeischicken, die ein Interview mit ihm machen würde.

Er schob die Kataloge zur Seite und griff in die Schublade und holte seinen Terminkalender heraus. Er schlug die laufende Woche auf.  Da stand für morgen nichts, gut! Post gab es auch nicht, doch, ein Päckchen aus Polen, auf das er sich schon diebisch freute.

Er hatte bereits befürchtet, dass es nicht durch den Zoll kommen würde – gab es überhaupt noch eine Zollkontrolle innerhalb der EU?

Er öffnete es und fand das bestellte Gerät – ein Jammer, mit dem man im Umkreis einiger Meter den Handyempfang unterbinden konnte. Er grinste bei dem Gedanken, das Teil demnächst einmal auszuprobieren – zum Beispiel in der U- oder Straßenbahn, im Café oder im Kino.

Die Dauermobilquatscher, die er, das gab er gerne zu, weder verstand (was gab es dauernd zu bequatschen?) noch leiden konnte, würden ziemlich blöd schauen, wenn ihre heiligen „Sankt iPhones“ etc. plötzlich nicht mehr funktionierten.

Außerdem hatte Frau de la Paz angefragt, wegen Ihrer Anprobe in der nächsten Woche, er war im Plan, da waren nur noch ein paar Stiche zu machen, nichts, was brannte.

Er spielte mit dem kleinen Gerät aus dem Päckchen herum, schaute kurz in die 24sprachige Bedienungsanleitung, setzte dann die für den Betrieb notwendigen Batterien ein und schaltete es ein. Er sah keine Aktion, wie sollte er auch, wahrscheinlich würden sich jetzt ein paar Mobilfunker vor dem Dom wundern, dass ihr Handy nicht ging. So what, dachte er, schaltete es wieder aus und freute sich, es bald „richtig“ auszuprobieren.

Das war zwar verboten – aber waren nicht die meisten Dinge, die Spaß machten, verboten? Und setzten sich nicht viele Leute über alle möglichen Verbote einfach hinweg. Auf die kleinen Dinge passte die Staatsmacht ja gut auf: Raucher und Falschparker wurden intensiv verfolgt, Banker bei ihren Wetten dagegen nicht. Und Esthers Mann bei seinen Geschäften (und v.a. bei seinem „Hobby“) ja offenbar auch nicht! Warum sollte also er nicht seinen harmlosen Jammer zur Selbstverteidigung einsetzen?

 „Irgendetwas Besonderes?“, fragte er Frau Lucchetta, die kleidungsmäßig sein weibliches Pendant war. Wenn er regelmäßig einen dunklen Anzug und weisses Hemd trug, trug sie meist eine weiße Bluse und eine locker gebundene bunte Krawatte unter dem blauen Kostüm. Sogar ein Tuch trug sie wie er in der Brusttasche ihrer Kostümjacke. Dabei sah sie auch in Jeans verdammt gut aus, fand er – und vor allem fand das Wolfgang.

Er nahm ihre sehr weibliche Figur immer wieder gerne wahr, sie war natürlich viel runder als diese modernen jungen schlanken Frauen mit ihren viel zu harten Gesichtszügen, die nie lächelten und denen Charme und Humor abging.

Er nickte ihr bewundernd zu: „Gut schaust`s aus, sehr schick! Warst Du beim Friseur?“

„Danke“, antwortete sie lächelnd mit der Andeutung eines Knicks, „Friseur ja, im Laden nein, da war nichts Besonderes, ich habe zwei Sets aus der Kollektion verkauft – 850 Euro. Und eine Kundin hat eine Reparatur gebracht, der muss jemand das Höschen vom Körper gerissen haben…“

Er nickte ihr zu und lachte: „Hoffen wir es für sie, und hoffen wir, es war der Richtige. Schicken Sie es zur Reparatur, wie üblich, nach Tölz. Okay! Wie spät haben wir es?“

„Kurz nach sechs. Noch zwei Stunden. Wann gehen Sie heute?“

„Wieso?“

„Baden, Sie wollten doch das Schwimmen von gestern nachholen. Sie waren gestern doch nicht. Sie waren doch in der Allianz-Arena…“

Er nickte. „Halb acht. Ich will heute mal ins Dantebad – ins Außenbecken. Immer mal etwas anderes, nicht immer dasselbe Schwimmbad, wird sonst langweilig. Wissen Sie…“

„Wieder 1500 Meter?“

„Ja, klar!“

„Und das wird Ihnen nicht zu viel?“

Er schüttelte den Kopf: „Nee, ist Gewöhnung, schätze ich. Ich brauche das. Und ist gut für die Figur“. Er klopfte sich auf den festen Bauch – kein Sixpack mehr, aber für einen Mann um die 50 sehr passabel.

Er verkaufte dann auch noch einen BH (E) und zwei passende Höschen (44) dazu an eine rotblonde Kundin, die ab und zu bei ihm einkaufte und die sich immer von ihm beraten ließ.

Bei Giovane

Gegen 18.45 Uhr zog er sich wieder um, holte seine Sporttasche und sagte zu seiner Verkäuferin: „Ich mach mich auf den Weg. Schließen Sie nachher ab, bitte?“

„Ja, natürlich“, sagte sie, „ich mache nur noch ein wenig Ordnung hier.“ Sie zeigte auf die Wäschestapel, die er hinterlassen hatte.

„Ja, gut, machen Sie das. Danke!“,  sagte er und damit verließ er den Laden. Er ging mit seiner Sporttasche in der Hand nur ein paar Meter weit in Giovanes italienisches Café, das seit ein paar Monaten ihr Nachbar war.

Max und Giovane plauderten über das nächste Bayern-Spiel ohne Robben.

In der Ecke saßen ein paar junge Frauen, die intensiv mit ihren iPhones beschäftigt waren. Giovane nickte in deren Richtung: „Heiß, oder, die Bräute?“. Max drehte den Kopf, schaute zu den Frauen, schätze sie kurz ab und meinte: „Nee, aber auch so was von uninteressant. Aber bevor Du weiter schaust, kriege ich meinen Café, bitte!“

Max mochte diesen Typ Frauen nicht. Erstens waren sie jung, also um genau zu sein, so ab bis Mitte Dreißig. Wahrscheinlich hatten sie eines dieser modernen Kurzstudien absolviert, mit der die Jugend zwar nicht für das Leben, wohl aber für die Industrie fit gemacht wurde. Schnell verwendbar, kritikarm und schnell wegzuwerfen, wenn sie nicht mehr gebraucht würden. Mit anderen Worten, sie waren „dem Kapital“ hoffnungslos ausgesetzt – aber das merkten sie nicht einmal, frühestens dann, wenn sie entlassen wurden, weil sie doch nicht funktio­nierten….

Das waren Gedanken, die Max ab und zu durch den Kopf schossen… Was war er froh, dass er tun und lassen konnte, was er wollte und vor allem, dass er es dabei mit „richtigen Frauen“ zu tun hatte: Und dabei meinte er jetzt die „inneren Werte“, seine Frauen, das waren Persönlichkeiten, die mindestens ein halbes Leben hinter sich hatten – und denen man ansah, dass sie Persön­lich­keiten waren.

Neulich hatte er eine 80jährige Dame fotografiert. Gut, sie gehörte zur Gesellschaft (was er von sich nicht dachte) – d.h., es ging ihr im Alter zumindest finanziell gut. Aber sie hatte ein Leben lang hart gearbeitet, nicht gerade mit den Händen, aber doch gearbeitet. Mein Gott, was hatte diese Frau für eine Aura, was für ein Gesicht: Von tiefen Falten durchfurcht, dichte weiße Haare, schön frisiert, und strahlend blaue Augen! Und dann die Ausstrahlung – als sie das Atelier betreten hatte, war dort „etwas“ geschehen (nur, dass sie hereingekommen war, nichts weiter).Ein Traum. Eine Traumfrau von gut 80 Jahren!

Und im Vergleich zu ihr diese 35+/-jährigen, die hier bei Giovane saßen, ihre „Latte“ tranken (fettfrei natürlich) und ihre Smartphones anbeteten. Bei denen, da war nichts… Außerdem waren sie mehr als schlank („vorne nichts dran, hinten nichts dran“, sagte Wolfgang), gaben sich so, was sie wohl als „professionell“ betrachteten: Hart, unnahbar, unterkühlt – sie fanden sich so wichtig in ihren Jobs („Jobs“ – schon das Wort!) als Assistentinnen oder Juniormanagerinnen und waren es wahrscheinlich doch nicht. Wahrscheinlich waren sie tief drinnen nur unsicher.

Vor ein paar Jahren hätten sie – weil es damals ein Trend gewesen war – alle weiße Turnschuhe zum Business­kostüm getragen, heute waren es – weil es Trend war – High heels – viel zu „high“ für den Berufsalltag, fand er. Ihre iPhones kamen nie zur Ruhe – ununterbrochen mussten sie SMS schreiben oder ohne Rücksicht auf die Umgebung lautstark telefonieren, unwichtiges Zeug… aber viel lautes Gequatsche.

Neulich hatte er eine Unendlichtelefoniererin hier im Café gebeten, endlich aufzuhören. Sie hatte nicht aufgehört und ihn nur gefragt, ob es ihn etwa störe? Als er dies bejaht hatte, meinte sie, dann könne er ja rausgehen. Er war kurz davor gewesen, ihr das iPhone wegzunehmen und auf die Straße zu werfen. Giovane hatte so getan, als ob er nichts gemerkt hätte. Später hatte er zu Max gesagt, dass er mit diesen Tussen leider sein Geschäft mache, da könne er das Telefonieren nicht verbieten – und außerdem sei das heute eben so… und dabei mit den Schultern gezuckt. „Den Café übernimmt das Haus“, hatte er entschuldigend gesagt.

Max freute sich auf die kleine Rache, denn er glaubte die „dumme Ziege“ dort hinten in der Ecke wieder zu erkennen. Er langte in die Hosentasche und schaltete den Jammer an, den er sich aus Polen besorgt hatte. Das Resultat trat sofort ein: Die Handies hatten keinen Empfang mehr.

Nicht nur die jungen Frauen schauten verblüfft ihre Handies an, auch die Männer (die ebenfalls nicht von ihren Smartphones lassen konnten) waren perplex.

Die „Ziege“ war besonders laut: „Ey, was ist los?“ rief sie, „bei mir geht nichts mehr“. „Bei mir auch nicht“. Allgemeine Aufregung und Gewurle. Da es alle Provider betraf, kam jemand auf die Idee, dass das Handynetz in der Innenstadt zusammengebrochen war.

Und nun? Nicht, dass man die Gelegenheit ergriffen hätte, sich zusammenzusetzen, um miteinander zu reden, nein, fast alle zahlten, standen frustriert auf und gingen.

Direkt vor der Tür probierten die meisten Gäste ihre iPhones und Samsungs etc. aus. Nichts – da hätten sie zwanzig Meter weit gehen müssen – soweit reichte der Jammer, der, wie gesagt, in Deutschland natürlich streng verboten ist.

„Wenn Du das öfters machst, kann ich den Laden dicht machen“, sagte Giovane, der lässig ein paar Gläser polierte, „die brauchen das einfach, ohne ihr IPhone können die nicht sein. Aber ab und zu tut die Ruhe gut.“

„Keine Sorge“, meinte Max und legte das Geld auf den Tresen, „denn dann haben sie mich bald, Grüß Gott, ich muss los“, sagte es, bückte sich nach seiner Tasche und ging in Richtung Tiefgarage in der  Löwengrube. Dort stand sein „kleiner Liebling“, sein Lancia HF Delta integrale, Baujahr 1987, heute schon ein echter Oldtimer im typischen Ferrari-Rot.

Irgendwer hatte ihn einmal als Golf mit Hamsterbacken bezeichnet. Nun, von außen betrachtet, mochte die Dame recht gehabt haben, aber unter dem Blechkleid verbarg sich high tech vom Allerfeinsten – aus den  80er Jahren: Turbolader, 260 PS (er hatte einen „aufgebohrten“ Chip einbauen lassen), permanenter Allradantrieb – das Autochen fuhr bei jedem Wetter auf jedem Untergrund „wie auf Schienen“. Der Integrale war mit 210 Stundenkilometern gar nicht so schnell, aber die Beschleunigung (auch im vierten Gang) war atemberaubend… Die Ralleyversion mit über 600 PS war sechs Mal Weltmeister geworden und hatte den Konkurrenten Audi quattro mehrfach „versägt“. Er mochte die Kiste einfach.

Zum Dantebad brauchte er eine knappe halbe Stunde, weil er trödelte und die Dachauer Straße wieder einmal verstopft war. Am Dantebad suchte er einen Parkplatz und fand ihn halblegal irgendwo im Dunkeln neben einem alten Golf, neben den er den Integrale quetschte. Gut, es war etwas eng, aber jeder halbwegs geschickte Golf-Fahrer würde das Ausparken schaffen.

Sarah

Er zog sich um und sprang ins Wasser, wo er ruhig seine Bahnen zog.  Er war ein Brustschwimmer, er schwamm eine Bahn nach der anderen, ab und zu kraulte er auch eine. Viel war um die Zeit nicht mehr los, und je länger er schwamm, desto mehr leerte sich das Becken.

Plötzlich, er hatte gerade die 22. Wende gemacht, macht es einen Riesenplatscher direkt neben ihm, irgendetwas oder besser irgendwer streifte ihn gerade noch am Bein. Er erschrak und schluckte Wasser. Da taucht neben ihm ein Kopf auf – er will gerade eine Schimpfkanonade beginnen, als ihn ein hübsches rundes Frauengesicht anlacht. „Mein Gott“, sagt sie lächelnd, „Entschuldigung, wie dumm von mir, ich habe Sie einfach nicht gesehen. Ist Ihnen was passiert?“

„Nein“, sagt er zu dem hübschen Gesicht mit kurzen schwarzen Haaren, „ist schon gut, Sie haben mich ja nicht getroffen!“

Sie entschuldigt sich noch einmal und meint, dass sie wohl lieber doch in die Sauna gehen sollte, bevor sie noch andere ertränkt. Dann schwimmt sie auf die andere Seite des Beckens, wo sie eine Wasserfahne hinter sich herziehend, schwungvoll aus dem Wasser steigt und im Dunkel verschwindet.

Als er seine 30 Bahnen gezogen hat, steigt auch er aus dem Bassin, duscht noch kurz und geht zur Umkleide.

Dort ist er ganz allein, er geht zum großen Spiegel, zieht sich nackt aus und schaut sich prüfend an: Für 55 noch ganz OK, befindet er – volle dunkelbraune Haare, ein jugendlich-freundliches Gesicht mit den ersten Falten an den Augenwinkeln, abends ist der schwarze Schatten seines Bartes doch rasierbedürftig, befindet er, Schultern und Brust sieht man das ständige Schwimmtraining der letzten Jahre an, den Armen auch – alles fest und muskulös. Der Bauch ist flach und fest. Die Beine sind kräftig. Die ganzen 180 Zentimeter Schneidermeister sind ganz ansehnlich. Nichts wackelt, nichts ist übertrieben ausgebildet, auch nicht sein Schwanz, der gerade sehr entspannt ist und daher in seinen Augen etwas mickrig rumhängt. Aber die Frauen sind sehr zufrieden… sagen sie (hinterher).  Seinen Po sieht er nicht, aber auch von dem weiß er, dass die Frauen ihn „knackig“ finden.

Die anderen Schwimmer sind schon alle fort oder sitzen im Restaurant des Schwimmbades, also zieht er sich langsam an: Jeans, Hemd, Pullover, Slipper. Er nimmt seine Jacke, den Schal und die Tasche und geht mit seinen nassen Haaren zu den zweigeschlechtlichen Föhnplätzen am Gang vor den Spinden.

Am Spiegel will er zum Föhn greifen, als eine weibliche Hand ihm den Föhn wegschnappt.

„Oh, Entschuldigung“, sagt die Frau mit dem hübschen Gesicht, die ihm fast auf den Rücken gesprungen war, „seien Sie bitte ein Schatz und lassen mich erst…, ich habe es furchtbar eilig, wissen Sie. Danke!“

Sagt es und nimmt „seinen“ Föhn, „Oh, Sie haben Glück, da drüben ist einer frei, ein Föhn, meine ich“ fährt sie fort und zeigt mit dem ausgestreckten Zeigefinger  ein paar Meter weiter und lacht ihn an. Irgendwie sehr frech, aber irgendwie auch sehr nett, findet er.

Er schaut sich um und sagt leicht grummelnd: „Aber gerne, gnädige Frau, gut dann gehe ich da rüber.“

Er trottet hinüber, nimmt den Föhn und schaut in die Spiegel, gleich neben seinem Spiegelbild erscheint die „Platscherin“. Sie steht irgendwie rückwärts zurückgebeugt verdreht vor dem Spiegel, mit einer Hand rubbelt sie die kurzen Haare, mit der anderen führt sie den Föhn.

Jetzt erst kommt er dazu, sie genauer betrachten. Sie hat tatsächlich ein hübsches Gesicht unter den kurzen Haaren, sie ist groß und kräftig gebaut. Er taxiert sie auf ungefähr 40, mindestens und Kleidergröße 44. Da sie ein enges dunkelgraues kurzes Wollkleid mit weitem Rollkragen über gleichfarbigen Leggins trägt, zeigt sie erfreulich viel „Figur“ – und davon hat sie wahrlich eine Menge zu bieten. Sie hat, als er sie von oben nach unten im Spiegel prüfend anschaut, einen Busen (wenn Max von einer Frau sagt, sie hätte „Busen“, dann hatte sie in der Tat einen großen), einen leichten Bauchansatz, kräftige Hüften über einem runden Po und kräftige muskulöse Beine.

Wenn Max so etwas hätte oder sich einem bewusst wäre, würde sie perfekt in sein „Beuteschema“ passen. Aber da Max ein Mann mit Stil ist, hat er keines.

Dann ist Max mit seiner Betrachtung und sie mit dem Föhnen fertig, sie steckt den Föhn in die Halterung, beugt sich weit zum Spiegel vor um ihr Gesicht prüfen anzuschauen, strubbelt dabei noch einmal wild mit beiden Händen ihre kurzen Haare, scheint zufrieden mit sich und wirft einen Poncho über, nimmt ihre Tasche, winkt ihm noch einmal in den Spiegel zu und ruft ihm ein fröhliches „Tschüss! Ich muss los, vielleicht sieht man sich ja mal wieder“ zu.

Er dreht sich um, winkt ihr auch zu und sagt „Vielleicht! Wäre nett! Auf Wiedersehen!“

Er trödelt noch ein wenig herum, überlegt, ob er auf ein Bier ins Restaurant gehen soll, entscheidet sich dagegen und geht schließlich zu seinem Integrale.

Es stehen nur noch drei Wagen in „seiner“ Ecke auf den Parkplatz, weiter hinten stehen versprengt noch andere herum – wahrscheinlich sitzen die Fahrer noch im Restaurant: Sein Lancia, ein Seat und dazwischen der alte Golf, an dem wütend die Frau lehnt und raucht, die sich eben noch so fröhlich von ihm verabschiedet hat.

Als er sein Auto fast erreicht hat, sagt sie: „Ach Sie sind das, ich hatte ja nicht gedacht, dass wir uns so schnell wiedersehen, als ich eben gesagt habe, dass wir uns vielleicht ja mal sehen…

„Ja, Zufall nicht? Habe ich Sie eingeklemmt? Das tut mir leid, ich fahre gleich weg.“

„Nein“, sagt sie wütend, „ich kann Autofahren, da kommt ja jeder Depp raus, sogar eine Frau, und ich bin nicht blond – nein, die Mistkarre springt nicht an. Haben Sie ein Start­er­­kabel?“

„Keine Ahnung, ich muss mal schauen. Können sie denn damit umgehen? Ich jedenfalls nicht! Keine Ahnung, wie das geht.“

„Ja klar, ich war mal mit einem Autohandel mit Werkstatt verheiratet – oder besser, mit dem Besitzer, kein Problem“. Sie nickt in Richtung seines Oldtimers. „So was da, Fiat und Lancia. War aber nichts, der Kerl, meine ich, hat mich wegen einer dünnen und jüngeren Blondine schnöde sitzen lassen. Wahrscheinlich fährt die inzwischen SUV und kann nicht einmal vorwärts einparken.“

Er hatte inzwischen die Heckklappe geöffnet und im Kofferraum gesucht. Erfolglos. „Nein“, sagte er, „so ein Kabel habe ich nicht. Gar keines.“

„Mist“, sagte sie, „jetzt kann ich ein Telefon suchen gehen, um den ADAC zu rufen. Ich habe kein Handy dabei! Oder“, sie schaute ihn fragend an, „kann ich Ihres bitte benutzen?“ Sie hatte die Arme über ihren Brüsten gekreuzt und sagte zitternd „Und kalt ist´s auch“.

„Tut mir leid“, antwortete er, „ich habe meines nicht dabei, weil ich es eigentlich nie dabeihabe. Im Restaurant am Schwimmbad vielleicht? Könnte nicht Ihr Mann mit der Werkstatt…“

„Mein Ex! Pah, keine Sorge, der kommt garantiert nicht!“ schimpf­te sie.

Er schaute sie ihn, sie ihn. Plötzlich mussten beide lachen.

„Wenn das keine verrückte Situation ist, könnte es aus einer Soap sein“, sagte sie ihn anlächelnd.

„Ja“, sagte er, „dann müsste ich jetzt wahrscheinlich sagen: Wo wollen Sie denn hin, meine Dame? Vielleicht kann ich Sie mitnehmen?“

„Genau“, sagte sie lachend, „und ich müsste sagen – nein danke, mein Herr, ich kann mir schon helfen und der ADAC kommt ja auch gleich…“

„Und ich könnte Sie um eine Zigarette bitten.“

„Um die Zeit zu überbrücken.“

„Genau – und dann müsste ich etwas Witziges sagen.“

„Ich würde glockenhell darüber lachen. Dann würde eine Pause eintreten und wir beide würden verlegen und betreten in der Gegend herumschauen.“

„Und schließlich würde ich sagen: Aber es würde mir rein gar nichts ausmachen, und ich würde Sie sehr gerne mitnehmen, und ich fahre doch in Ihre Richtung…“

„Nein, würde ich dann wieder sagen, Sie wissen ja gar nicht, wo meine Richtung ist.“

„Gnädige Frau, würde ich wieder antworten, jede Richtung, in die Sie wollen, ist auch meine Richtung.“

„Gut“, sagte sie, „gewonnen oder vielleicht verloren – quatschen wir nicht lange rum, mir wird richtig kalt“, warf die Zigarette auf den Boden und trat sie aus, „wenn Sie wollen, kürzen wie´s ab – ich muss nach Neuhausen. Volkartstraße. Nehmen Sie mich mit, oder besser, bringen Sie mich, bitte? Um mein Auto kümmere ich mich morgen. Scheißkarre!“, und gab der „Scheißkarre“ einen Tritt gegen den Reifen.

Let’s go!“, sagte sie, öffnete die Fahrertür des Golfs, griff rüber auf den Beifahrersitz und griff ihre Tasche.  „Fertig! Aber Sie benehmen sich wie ein Gentleman, bitte.”

Sie schloss ihr Auto ab und ging zum Lancia.

Er öffnete die Fahrertür des Integrale, setzte sich hinein, griff hinüber zur Beifahrertür und öffnete sie von innen. „Geht schon einmal nicht sehr gentlemanlike los“, sagte er, „aber der Türöffner ist kaputt, geht nur von innen auf. Es ist eben ein Oldtimer.“

„Aber ein schönes Auto“, antwortete sie und stieg ein „und eine geile Kiste!“. Sie lachte. „Sechs Mal Ralleyweltmeister. Klasse. Walter Röhrl und so…“

„Den können Sie doch gar nicht mehr kennen!“

„Da täuschen Sie sich aber, aber danke für das Kompliment, nein, welche Bauserie ist das. Eine frühe, oder?“

„Aus der ersten Homologationsserie.“

„Wow, ein richtig gutes Stück. Gratuliere. Und gut gepflegt ist er auch.“

„Ein kleines Hobby von mir!“

Inzwischen fuhren sie an der Dachauer Straße auf den Mittleren Ring, kurz hinter der Tankstelle sagte sie: „Da vorne müssen Sie rechts ab vom Ring und dann noch ein Stück die Volkartstraße rauf.“

Sie schwiegen eine Weile, dann sagte sie: „Wir sind da! Da in dem Eckhaus mit der Kneipe, da wohne ich. Lassen Sie mich hier raus, in der zweiten Reihe, Parkplätze gibt es hier nicht, ich springe einfach raus.“

„Nein“, sagte er ganz gentlemanlike, „gnädige Frau, da ist ein Parkplatz“. Er fuhr drei Autos vor und parkte rückwärts ein.

„Hier gibt es sonst nie Parkplätze“, sagte sie, „und schon gar nicht um diese Zeit.“

„Genau deshalb ist das jetzt ein Zeichen, dass wir in Ihrer Kneipe noch ein Glas Wein zusammen trinken sollen.“

„Da gehe ich nie rein, da sind nur junge Leute drin!“

„Genau das richtige für uns, wir sind sportlich, also sind wir jung…“

„Na, ich weiß nicht“, sagte sie, „wenn ich so in den Spiegel schaue.“

„Dann sehen sie eine wunderschöne Frau!“

„Na, Sie sind mir einer“, lachte sie, „ein Kompliment nach dem anderen, da muss ich mich ja schwer vorsehen.“

„Warum“, fragte er lächelnd, „kommen Sie“, sagte er dann Ihren Arm nehmend und sie ganz leicht in Richtung Kneipe schiebend, „ein Glas Wein hat noch niemandem geschadet…“

Sie gingen in das Lokal, fanden einen gemütlichen Eckplatz, und es war auch gar nicht so voll und deshalb auch gar nicht laut. Und der Rotwein „vom Haus“ schmeckte passabel.

Nein, essen wollte sie nichts, sagte sie zur Kellnerin. Während er auch abwinkte klopfte sie sich auf den Bauch: „Meine Figur“, sagte sie mit einem Bedauern in der Stimme, „nach der Scheidung habe ich aus lauter Frust gefressen. Und das Ergebnis…“, sie zuckte mit den Achseln, „eine Dicke! Dabei war ich früher nie dick!“

„Das sind Sie auch jetzt nicht, Sie sind vielleicht ein wenig stärker geworden, das ist alles, aber wissen Sie, es gibt Männer, die mögen das“, lächelte er sie an.

„Außer sie landen als Arschbombe auf Ihnen“, lachte sie, „noch einmal, Entschuldigung, das war keine Absicht vorhin. Ich habe Sie in  dem dunklen Bassin wirklich nicht gesehen – und ich hatte so eine Lust, mal so einen Platscher mit Anlauf zu machen…“

„Schon gut“, sagte er, „ist ja nichts passiert.“

„Das sagen Sie! Mir ist der Badeanzug geplatzt! Gut, dass ich im Wasser war, an Land wäre es peinlich geworden.“

„Echt“, fragte er, „naja, halb so schlimm, ein Badeanzug lässt sich ersetzen, vielleicht kann man den auch reparieren. Lassen Sie mal sehen!“

„Warum? Was verstehen Sie von Badeanzugreparaturen?“

„Ich bin Schneider.“

„Ach nee“, sagte sie und begann bereitwillig in der Badetasche zu graben, „dann sind Sie ja Fachmann“. Sie hatte den Badeanzug gefunden und reichte ihn ihm. „Vorsicht“, sagte sie, „der tropft fast noch, der ist noch patschnass.“

„Hhm“, sagte er und schaute sich den Schaden an, „ein schönes Stück, aber da ist nicht die Naht gerissen, sondern der Riss liegt daneben im Stoff, kann man eigentlich nichts mehr machen. Da müssen Sie einen neuen kaufen. Aber der war teuer, nicht wahr?“

„Ja“, sagte sie, „der stammt noch aus glücklichen Tagen. Da wird das Baden erst einmal ausfallen müssen. Zurzeit kann ich mir keinen neuen leisten, wissen sie – schlechte Scheidung, da bin ich damals als junges Mädchen einfach zu doof gewesen. Er hat sich jetzt eine jüngere genommen und ich Idiot hatte am Anfang unterschrieben, auf alles zu verzichten, saudoof eben…“

Sie nahm den Badeanzug und packte ihn wieder ein. „Der Abend war so schön“, sagte sie und schaute ihn traurig an, „und dann das Auto und jetzt der Badeanzug, Scheiße, zum Heulen“, schüttelte sie den Kopf, „oh, Entschuldigung, Sie können ja nichts dafür. Aber erstens sind die Dinger teuer und zweitens kriege ich in meiner Größe doch nichts mehr – und wenn, dann sehe ich aus wie meine Oma. Naja, wer weiß wofür das gut ist. Wissen Sie“, fügte sie schon wieder etwas lächelnd hinzu, „ich denke nämlich grundsätzlich positiv.“

„Ja“, sagte er, „ich auch. Und das Positive ist, das ich Schneider bin…“

Sie schaute ihn fragend an.

„Ich schneidere Wäsche, Damenwäsche.“

„Nee, nicht“, sagte sie, „ein richtiger Schneider? So mit Maschine und so? Das ist jetzt nicht wahr, oder? Jetzt verarschen Sie mich doch, so was gibt es doch gar nicht. Es gibt doch nur noch Änderungsschneidereien.“

„Doch“, sagte er, „ich habe ein Geschäft in der Innenstadt – das gleich am Dom.“

„Doch nicht etwa das kleine Wäschegeschäft mit den arschteuren Dessous?“. Sie schlug sich mit der Hand auf den Mund, „das wollte ich so nicht sagen, also arschteuer meine ich. Nur, für mich ist das viel zu teuer. So etwas habe ich früher getragen, als ich mir das noch leisten konnte. Und dann bei meiner Kleidergröße, nein, das geht gar nicht…“

Sie schüttelte den Kopf – halb erstaunt, halb bedauernd.

„Doch“, sagte er noch einmal, „das geht. Wir sind spezialisiert auf kräftigere Frauen, Sie fallen genau in unser Portefeuille, ich meine“, sagte er als er ihren fragenden Blick sah, „also, ich bin sicher, wir haben da etwas für Sie.

Er schaute sie taxierend an: „Ich schätze Größe 44 bis 46 und Cup Größe E…“

Sie nickte.

„Und wenn wir es nicht haben – wir machen es“, fuhr er fort, „ich lade Sie ein. Muss ich ja geradezu, wo ich doch Schuld bin an dem Malheur. Sie zahlen nichts, das geht aufs Haus. Machen Sie mir die Freude, bitte.“

„Ich glaube es nicht“, sagte sie immer noch zweifelnd und schüttelte dann energisch den Kopf, „nein, das kann ich nicht annehmen.“

„Doch können Sie“, widersprach er lachend, „wie gesagt, machen Sie mir das Vergnügen, bitte!“. Und nach einer kurzen Pause fragte er: „Morgen Vormittag? Passt Ihnen 11.00 Uhr?“

Sie schüttelte den Kopf. „Da muss ich arbeiten, ich kann erst ab vier Uhr.“

„Okay“, sagte er, „dann gegen 17 Uhr? Sie kennen das Geschäft – oder… “, er langte in seine Tasche und angelte nach einer Visitenkarte, „hier ist meine Karte“. Sie nahm sie wortlos und schaute ihn staunend an.

„Ach nein“, sagte sie traurig, „ da muss ich doch mein Auto holen“.

Jetzt war es an ihm, den Kopf zu schütteln. „Das machen wir hinterher – ich habe da so ein Faktotum, der kann alles, reparieren, meine ich. Während wir etwas essen, holt der Ihr Auto. Also, morgen um fünf im Geschäft. Abgemacht? Sonst komme ich mit einer Kollektion zu ihnen.“

„Ja, abgemacht“, sagte sie den Widerstand aufgebend mit einem tiefen Seufzer und trank den Rest ihres Weines in einem großen Schluck, „jetzt muss ich aber rauf – und außerdem, sonst überlegen Sie es sich noch. Als Gentleman übernehmen Sie sicher auch noch die Rechnung, oder? Danke!“. Sie erhob sich schnell.

Er nickte, „klar, kein Problem“, er drehte sich zur Kellnerin „Fräulein, zahlen bitte.“

Er stand ebenfalls auf, um sich zu verabschieden. Sie nahm seine Hand (fand sie angenehm warm und fest) und beugte sich dann vor, um ihm einen flüchtigen Kuss zu geben. Er berührte kurz ihre Lippen mit seinen und fand Ihre Lippen… aufregend.

Sie schauten sich noch einmal an und sie sagte: „Dann bis morgen 17 Uhr, ich glaube es ja noch nicht“, schüttelte den Kopf, lachte ihn noch einmal an und ging mit ihrer Tasche in der einen Hand und in der anderen den traurigen Rest eines einstmals schönen Badeanzuges.

„Halt!“, rief er ihr nach, „der Autoschlüssel – geben Sie mir den Autoschlüssel, damit ich das Auto reparieren lassen kann!“

Sie drehte um, langte tief in das Seitenfach Ihrer Badetasche und löste dann den Autoschlüssel vom Rest des Schlüsselbundes. „Da bin ich ja gespannt“, sagte sie und gab Max den Schlüssel. „Jetzt aber wirklich“, und damit ging sie. Er zahlte und ging auch.

Mr. Spock

Der alte Integrale schnurrte wie ein Kätzchen auf dem Weg nach Schwabing.

Als er in seiner Wohnung ankam, erwartete ihn hinter der Tür ein sehr  hungriger Mr. Spock – sein Kater. Mr. Spock hieß er, weil er so spitze Ohren hatte.

„Na, bist du auch mal zuhause? Was machen die Katzendamen? Irgendeine neue Vaterschaft anstehend?“ Er hatte es nie übers Herz gebracht, den Kater kastrieren zu lassen, so unter zwei Männern…  Deshalb liefen in der Nachbarschaft ein paar Katzen rum, die Mr. Spock schon sehr ähnlich sahen.

Mr. Spock brummte und schnurrte mit geschlossenen Augen in seinen Armen und tat so, als  versuche er, sich aus dem Griff zu winden. Aber er tat nur so, er mochte das Schmusen mit Herrchen viel zu gerne, als dass er es  schnell beenden würde – wenn keiner zuschaute.

Schließlich sprang er ihm doch aus den Armen, um endlich in die Küche zu kommen, wo sein Futternapf stand.

„Ja, ich komme schon, Hungerleider, hier kommt Dein Felix.“

Mr. Spock fraß nur und ausschließlich dieses Futter, wenn das im Supermarkt aus war, fraß er lieber nichts als etwas anderes – und schon gar kein Whiskas, ein charaktervoller Kater, fand sein Herrchen.

Max

„Frau Lucchetta, was haben wir an Badeanzügen da – 44 bis 46?“

„Nicht viel, vier oder fünf – aber nichts Besonderes…“

„Hhm“, brummte er „schade, da muss ich mir was einfallen lassen. Ich bin im Studio, falls Sie mich brauchen.“

 Dort holte er einen neuen Zeichenblock, mit dem setzte er sich an den Zeichentisch, öffnete den Block, griff nach einem Bleistift und Bleistiftspitzer und spitzte den Stift sorgfältig an.

Dabei überlegte er einen Moment lang, dann warf er mit wenigen Strichen eine Szene auf das Papier: Eine üppige Frau schwebte über einem Schwimmbecken, in dem ein Mann schwamm – es wurde mehr eine Karikatur als eine Zeichnung. An die Seite zeichnete er den Moment, in dem sie ins Wasser eintauchte – mit großer Welle und viel Gespritze. An einer anderen Stelle des Blattes platzierte er das hübsche runde Gesicht beim Auftauchen. Dann zeichnete er noch ihre Brüste und den Po.

Er schaute seine Collage einen Moment lang an, lachte leise vor sich hin, riss das Blatt ab und legte es zur Seite.

Er konzentrierte sich wieder, schloss einen Moment lang die Augen und zeichnete dann mit wenigen entschiedenen Strichen die nackte Badende, die, mit leicht gespreizten Beinen und Händen in die Hüften gestützt, aufrecht da stand und dem Betrachter (oder Zeichner) in die Augen schaute.

Er schaute sich das Ergebnis an. Nicht schlecht fand er, nur die Oberschenkel müssten etwas voller werden. Er hatte sie ja nur kurz im Dunklen im Badeanzug gesehen, aber für seinen geschulten Blick hatte das gereicht.

Er korrigierte die Formen, schaute sein Werk prüfend an und war fast zufrieden. Nur noch die leicht vorgewölbte Scham mit ganz wenigen Schamhaaren fehlte ihm noch. Mit knappen Strichen war auch das getan. Perfekt!

Er stand auf, ging zum Fotokopierer und machte einige A2-Kopien. Mit denen kehrte er zum Schreibtisch zurück, legte eines auf die Arbeitsplatte und die anderen daneben, dann griff er zum Pinsel, feuchtete ihn an und nahm rote Farbe auf.

Mit kräftigen Strichen entstand in kurzer Zeit ein viel Busen zeigender roter Badeanzug. Gut, das gefiel ihm. Das war aus seiner Sicht etwas bieder, aber als Schwimmanzug ganz brauchbar.

Er legte das feuchte Blatt zur Seite, nahm eine der anderen Kopien und brachte wieder mit wenigen Strichen eine am Busen etwas bravere, an der Hüfte etwas freiere Variante der ersten Skizze zu Papier. Auch OK.

So entstanden in kurzer Zeit 12 Skizzen in Rot, Blau, Grün und Schwarz. Er war fürs Erste zufrieden.

„Frau Lucchetta, trinken wir einen Kaffee zusammen?“, rief er in den Laden hinunter.

„Ja gerne, gleich, lassen Sie mich nur noch die Puppe anziehen. Ich komme dann rauf“, rief sie von unten.

Zehn Minuten später tauchten erst ihr Kopf und dann ein Tablett mit zwei Tassen, einer Kanne, Zucker- und Milchtöpfchen und zwei Gläsern Wasser auf der Wendeltreppe auf. Sie kam ins Atelier und stellte das Tablett auf dem Tischchen am Fenster ab.

„Nanu, was ist denn das“, fragte sie mit Blick auf die noch feuchten Entwürfe, „Badeanzüge? Ein neues Betätigungsfeld?“, und fügte dann ihn anlächelnd hinzu: „So brav?“

„Nein“, antwortete er, „oder doch: Ja, Badeanzüge. Ich habe gestern beim Schwimmen einer Schwimmerin den Badeanzug zerrissen!“

Sie schaute ihn mit einem Gesicht an, das man getrost als einziges Fragezeichen bezeichnen durfte: „Frau beim Baden den Badeanzug zerrissen? Das hört sich nach einer interessanten Geschichte an, so eine habe ich, glaube ich, noch nicht gehört. Da wäre ich gerne dabei gewesen – nur so aus Neugierde. Ich glaube, ich sollte häufiger Schwimmen gehen. Sie gehen doch immer ins Dantebad, oder? Hat sich die Dame so sehr gewehrt?“. Sie schüttelte den Kopf. „Nein, glaube ich nicht, nicht bei Ihnen, sonst würde man das bei Ihnen sehen. Kein blauer Fleck.“

„Ja“, lachte er, „das hört sich jetzt vermutlich blöd an, aber da ist mir eine Frau quasi auf den Kopf gesprungen oder dicht daneben und dabei ist ihr Badeanzug gerissen“.

„Das muss ich jetzt nicht verstehen, oder?“, bemerkte Frau Lucchetta, „warum kauft die sich keinen neuen?“

Sie schaute noch einmal auf die Zeichnungen, hob dann den Blick, schaute ihn wissend an und sagte dann grinsend: „Ich verstehe: Größe 44, Cup E. Passt in Ihr Schema, Ihr Beuteschema – Entschuldigung, ich meinte natürlich, passt zu Ihnen...“

„Sie kennen mich zu gut, ich muss mir überlegen, ob das so weitergehen kann, wenn ich keine Geheimnisse mehr vor ihnen haben kann.“

Sie hob abwehrend beide Hände: „Nicht mein Ding, Chef. Sie machen, was Sie wollen, Chef“, jeweils mit Betonung auf Chef. „Ich bin nur Ihre Verkäuferin“, mit Betonung auf nur, „und nicht Ihre Frau, von mir aus können Sie alles machen.“

„OK“, sagte er nun lachend, „ Sie haben mich durchschaut. Nein, im Ernst, sie kann sich gerade keinen neuen Badeanzug leisten, Scheidung, wissen Sie, scheint irgendwie blöd gelaufen zu sein... Naja, hat sie gesagt. Haben Sie übrigens was von Wolfgang gehört, der muss ihr Auto abholen.“

Sie schaute ihn mit großen Augen an: „Erst der Badeanzug zerrissen, dann das Auto kaputt. Chef, mit Verlaub gesagt, glauben Sie, die Frau ist ehrlich mit Ihnen? Hört sich für mich irgendwie seltsam an, für meinen Geschmack sind das zu viele Zufälle. Ich sag´ ja nichts, ich meine ja nur.“

„Ich will sie ja nicht heiraten, ich will ihr ja nur einen neuen Badeanzug nähen, und Wolfgang soll die Karre zum Laufen bringen, wissen Sie, wo der sich rumtreibt?“

Dass sie ein bisschen rot wurde, sah er nicht.

„Ich glaube, der schaut nachher sowieso mal rein.“

Wolfgang

In dem Moment klingelte die Ladentür und von unten rief Wolfgangs Stimme: „Seid Ihr oben – ich komm schnell mal rauf“. Sprach´s und sprang die Treppe rauf.

„Hallo Frau Lucchetta, guten Morgen, hallo Chef, ich hatte gerade nichts zu tun, da habe ich mal reingeschaut. Gut schauen Sie aus Frau Lucchetta – man könnte sich jeden Tag neu in sie verlieben, nicht wahr, Chef?“

„Ist was“, fragte der Chef, der diesmal sehr wohl gesehen hatte, wie sie rot wurde. Frau Lucchetta und Wolfgang schauten sich an und schüttelten intensiv die Köpfe, um dann synchron zu sagen „Nein, nichts!“

„Ist ja gut“, murmelte der Chef, der schon wieder an den Badeanzug dachte, „da könnte man noch eine kleine Applikation machen“. Er ging zum Zeichentisch, nahm einen Stift und malte etwas herum. Schließlich sagte er: „Das ist es, jetzt passt es“.

Damit drehte er sich zu Frau Lucchetta und Wolfgang um und sagte „Du, Wolfgang, kannst Du einen alten Golf wieder zum Laufen bringen? Der steht am Dantebad. Hier ist seine Nummer und hier sind die Schlüssel. Kannst Du es gleich machen, und den Wagen dann in die Tiefgarage stellen?“

„Klar, Chef“, sagte Wolfgang, kein Problem – das Auto steht schon so gut wie in der Garage. Was machst Du mit so einer Schrottkarre von Golf?“

„Gehört einer Freundin“.

„E- oder F-Cup?“

Der Chef lachte: „Hau ab, Kerl…“, und nach einer Pause leise und lächelnd „E. Natürlich“.

Wolfgang stand am Zeichentisch und schaute sich die noch feuchten Entwürfe an. „Ist sie das? Schaut nett aus. Warum hast Du nur immer so ein Glück? Für uns Normalsterbliche bleiben immer nur die hageren, dünnen, diese Miesepetrigen, an denen vorne und hinten nix dran ist“.

Frau Lucchetta schaute irgendwie empört drein.

„Nun hau ab und mach Deinen Job“, sagte Max. Wolfgang nahm den Schlüssel und ging.

Max ging hinüber ins Stofflager und suchte ein paar passende Stoffe aus – Rot hatte er genug, Blau könnte eng werden, und Schwarz war eh kein Problem.

Dann ging er zum Essen und kam gegen drei zurück.

„Hallo“, sagte Frau Luchetta zur Begrüßung als er den Laden betrat, „Der Wagen steht in der Tiefgarage“, soll ich von Wolfgang sagen, und „hier ist der Schlüssel. Die Kiste läuft wieder. Hat er genau so gesagt, ich zitiere nur. Wann kommt denn die Dame?“

„Gegen fünf, vermute ich“, antwortete er, „wenn Sie mich nicht brauchen, gehe ich nach oben“.

„Ich habe mir erlaubt, unsere Badeanzüge in 44 auf die Puppen oben zu ziehen.“

„Wunderbar“, antwortete er, „gute Idee! Es gibt Situationen, Frau Luchetta, da könnte ich mich geradezu in Sie verlieben“.

Worauf sie schon wieder empört schaute.

Damit verschwand er über die Wendeltreppe nach oben und räumte das Atelier auf. Vor allem packte er alle Skizzenblöcke und Zeichenmappen weg, sie braucht ja nicht gleich alles zu sehen, wer weiß, wie sie reagieren würde.

Sarah

Kurz vor 17 Uhr rief Frau Lucchetta aus dem Laden nach oben: „Chef, ich glaube, Ihre Schwimmbekanntschaft ist da und traut sich nicht herein. Die da draußen sieht jedenfalls ziemlich so aus, wie die auf den Zeichnungen. Vielleicht holen Sie sie besser rein, sonst verduftet die noch. Mir scheint, die traut sich nicht.“

Max flitzte die Treppe herunter, rief Frau Lucchetta ein „Danke Ihnen“ zu und trat auf die Straße. Er erkannte sie sofort, obwohl sie Jeans und einen Parka trug.

„Da sind Sie ja! Kommen Sie herein, ist doch ungemütlich hier draußen.“

„Nein, ja, ich weiß nicht – aber mein Auto ist weg vom Dantebad.“

„Das steht sicher in meiner Tiefgarage, nun kommen Sie herein, hier beißt keiner.“

Sie folgte ihm zögernd und wurde freundlich von Frau Lucchetta begrüßt: „Guten Tag, Sie werden schon erwartet – möchten Sie etwas trinken?“

„Ja, gerne, ein Kaffee vielleicht, das wäre sehr freundlich.“

Max nahm sie leicht am Arm. „Kommen Sie“, sagte er, „hier entlang“, und führte sie zur Treppe hinten im Geschäft.

Oben angekommen fragte er: „Darf ich Ihnen den Mantel abnehmen?“ Sie schaute auf die sechs Puppen, denen Frau Lucchetta die Badeanzüge angezogen hatte und schlüpfte dabei aus dem Parka.

„Geht schon alleine. Wohin damit“, fragte sie, um fortzufahren, „die sind aber schön!“. Sie zeigte auf die Puppen. „Sehen nach meiner Größe aus, aber ziemlich teuer, oder? Hier ist alles so teuer. Das kann ich mir nicht leisten!“

„Das lassen Sie meine Sorge sein, ich habe Ihren Badeanzug kaputt gemacht, oder ich war der Grund dafür – jetzt bekommen Sie einen Neuen von mir. Die gefallen Ihnen?“

Sie nickte „Ja, sehr! So schön sind die.“

„Hier kommt der Kaffee“, tönte es fröhlich von der Treppe. Frau Lucchetta trug ein anderes Tablett als heute Morgen die Treppe rauf und servierte den Kaffee aber am gleichen Platz.

Sie lächelte der Kundin zu: „Ich muss wieder nach unten in den Laden. Suchen Sie sich nur den Schönsten aus, er kann sich das leisten, wissen Sie“. Sie kniff der Kundin ein Auge.

„Ich würde ja den ganz rechts nehmen, der hat einen guten BH, trägt sich gut und formt sehr schön.“

Sie schaute die Kundin von oben bis unten an: „Sie haben ja genug…“

„Schon gut, Frau Lucchetta, wir schaffen den Rest schon“, warf Max ein.

„Bin schon weg“, flötete Frau Lucchetta, warf den Kopf hoch und schritt die Treppe hinab, deutete auffällig unauffällig auf die rechte Puppe und kniff der Kundin noch einmal ein Auge.

In dem Moment ging unten die Türklingel.

„Erst einmal einen Kaffee?“, fragte Max sie. Sie nickte und nahm dankbar die Tasse, „hhm“, machte sie, „tut gut. Und was ist mit meinem Auto?“

„Geht wieder, kein Problem, sagen Sie, wie soll ich Sie anreden, ich weiß keinen Namen von Ihnen.“

„Ach so, Entschuldigung – also Sarah, sagen Sie man Sarah. Sarah Hansen, so heiße ich nämlich! Das ist mein Mädchenname, den habe ich wieder angenommen.“

„Und ich bin Max“, stellte er sich vor, „Max, manchmal mit zwei X.“

„Zwei X“, fragte sie, „was ist das denn? Geht das denn – also mit zwei X gleich?“

„Ich heiße eigentlich Max Xerxes  – bescheuert, aber wahr, also Max mit zwei X, eigentlich ja sogar drei.“

Er deutete auf die Badeanzüge: „Wollen Sie mal probieren? Da drüben ist eine Umkleidekabine. Ich habe die Anzüge hier in 44 noch einmal verpackt. Mit welchem wollen Sie anfangen?“

Sarah zeigte auf den von Frau Lucchetta vorgeschlagenen. „Den da? Gute Wahl, der ist schön, der würde Ihnen auch gut stehen“. Max reichte ihr das entsprechende Originalpäckchen. „Hier ist er, mal schauen, ob er gut passt?“

Sie ging in die Kabine, zog den Vorhang hinter sich zu und zog sich aus. Den Slip behielt sie an. Sie zog den Badeanzug an. „Passt!“ rief sie, „haben Sie mal einen Spiegel?“

„Ja, hier drüben…“, antwortete er. Sie trat aus der Kabine.

Sie sah gut aus mit ihrer kräftigen Figur, den strammen Beinen und den großen runden Brüsten. Sie drehte sich vor dem Spiegel. „Der ist klasse“, meinte sie und musste einfach laut lachen, sie wusste selber nicht, warum. Er trat neben sie. „Darf ich Sie mal anfassen?“, fragte er in den Spiegel, „nicht, dass es Ihnen unangenehm ist“. Sie nickte. „Ja, klar, Sie sind ja Schneider. Das ist ja eigentlich wie Arzt, nicht wahr?“

Er lächelte Sie an. „Gut. Keinen Schreck kriegen jetzt, ich fasse Ihnen unter Ihren Busen“. Sie ließ es zu, stand in dem Moment sehr steif und zuckte leicht zurück.

„Tut nicht weh“, sagte er beruhigend und griff sanft unter ihre Brust, „hier müsste ein bisschen gerafft werden, dann ist es wirklich gut. Sie haben Recht, der steht Ihnen gut.“

„Ich glaube, Sie können jetzt wieder loslassen“, sagte sie leicht spöttisch, es ging ihr also wieder besser.

„Ja, natürlich“, sagte er, „Entschuldigung! Drehen Sie sich mal um, bitte. Ja, hier am Po können wir es ein bisserl enger machen. Das kann ich mir merken… Wollen Sie einen anderen probieren?“

„Nee, der ist so schön, den nehme ich. Das heißt, was kostet der?“

„Für Sie? Nichts! Inklusive Änderungen. Morgen ist er fertig, wenn Sie wollen, wieder gegen 5 Uhr?“

Sie ging zurück in die Kabine, um sich wieder anzuziehen. Einen Moment später kam sie wieder heraus. Sie trug Pumps zu den Jeans und einen weißen flauschigen Pulli mit weitem Schalkragen.

„Schick, Sie haben Sie sich richtig schick gemacht – haben Sie schon gegessen?“

Nein, sie hatte nicht. Ja, sie würde sich freuen, wenn er sie einlüde. Aber bitte nicht zu vornehm, nicht in dem legeren Outfit, und überhaupt...

„Sie können überall hingehen“, sagte er und betonte das Sie, „Ihre Ausstrahlung überstrahlt alles. Und außerdem müssen wir ja noch Ihr Auto abholen.“

Sie stand am Zeichentisch und schaute auf die Skizze, die er vorhin von ihr gemacht hatte. „Soll ich das etwa sein?“

Sie schaute ihn fragend an. „Ja, ich habe mir ein paar Gedanken gemacht, was Ihnen stehen würde, wenn wir keinen Badeanzug gefunden hätten…“

„Aber das ist so schön?“

„Das hoffe ich doch sehr, im Hauptberuf sehe ich mich als Künstler, wissen Sie.“

„So habe ich das nicht gemeint. Aber der Anzug sieht noch schöner aus als der andere, mit mehr Sex.“

„Das ist meine Spezialität.“

„Sex?“

„Eher Frauen sexy aussehen zu lassen.“

„Ach so? Aber hier sehe ich sehr nackt drauf aus – mit den Brustwarzen und den Schamhaaren. Haben Sie das alles bei mir gesehen?“

„Nein“, sagte er, „die Fantasie des Künstlers“, lachte er, „das Eine sieht er, das Andere malt er – aber so sind Künstler eben, sie leben eigentlich in einer Fantasiewelt, die anderen nur über ihre Bilder zugänglich ist. Wollen Sie die anderen Entwürfe sehen?“

Sie wollte. Sie war baff. „Das bin ich? In Ihren Augen? So sehen Sie mich?“

„Ja. In etwa.“

„Dann bin ich schön. Schöner als in natura, viel schöner“.

„Nein, das stimmt nicht. Ich habe Sie so gemalt, wie ich Sie gesehen habe. Das da“, er zeigt auf die Skizzen, „das ist die Realität, wenn Sie so wollen meine Realität. Aber in Wirklichkeit sehen Sie genau so aus, so wie ich Sie sehe. Wollen Sie die Zeichnung haben? Ehrlich gesagt, andere müssten viel Geld dafür zahlen. Nein, nicht für diese“, fügte er hinzu als er Ihr entsetztes Gesicht sah, „für ähnliche…“

„Dann nehme ich sie lieber, bevor Sie auf die Idee kommen, sie doch zu verkaufen.“

„Geben Sie her“, sagte er, „ich packe es Ihnen ein“. Er nahm eine leere Mappe und legte die Bilder hinein. Dann band er die Mappe zu.

„Kommen Sie, ich habe Hunger!“

Er angelte nach ihrem Badeanzug: „Nicht vergessen!“. Er schaute sich suchend um, „Die Packung muss hier doch sein. Ach, da ist sie ja!“. Er legte den Badeanzug sorgfältig zusammen und dann in die Packung. „Eine Tüte nehmen wir von unten mit“.

Damit gingen sie über die Treppe hinunter in den Laden. Dort saßen Wolfgang und Frau Lucchetta bei einer Tasse Tee und sprachen leise miteinander.

„Darf ich vorstellen“, sagte Max, „das ist Frau Sarah. Sarah mit dem alten Golf, und das ist Wolfgang, der Mann mit den goldenen Händen.“

„Sie haben die Karre wieder zu Laufen gebracht? Danke schön! Was kriegen Sie denn von mir?“

Wolfgang wehrte verlegen ab. „Ach, das war doch nichts, nur ein bisschen Zauberstaub über den Motor geblasen, einen verwunschenen Spruch gemurmelt – und alles ging wieder. Hat mir Spaß gemacht, gnädige Frau. Gerne mal wieder.“

„Na dann, noch mal danke“, sagte Sarah und gab ihm die Hand.

„Wir gehen eine Kleinigkeit essen, macht Feierabend und den Laden bitte zu. Da kommt heute doch keiner mehr, ist viel zu kalt!“, sagte Max.

„Klar, machen wir“, sagte Wolfgang, „nicht wahr, Frau Lucchetta? Ach übrigens“, sagte Wolfgang leise zu Sarah, „ab und zu mal tanken wäre gut, der war knochentrocken“.

„Oh Gott“, sagte Sarah und wurde rot bis hinter die Ohren, „und das mir“.

Dann gingen sie essen, trinken, quatschen und viel lachen…

Es war sehr nett, fanden beide, und sie tranken noch ein Glas und noch eines und dann hatten sie einen kleinen Schwipps und… Ja, warum eigentlich nicht? Sie würde gerne einen handgenähten Maßbadeanzug von ihm haben. Sie hatte gar nicht gewusst, dass es so etwas gäbe. Und ja, warum nicht gleich die Maße nehmen.

Er öffnete die Ladentür mit seinem Schlüssel, machte Licht, ließ sie ein und schloss die Tür hinter ihr wieder ab.

„Gehen wir nach oben“, sagte er und ging voraus, „ich muss Deine Maße nehmen, am besten Du ziehst Dich aus – ganz, bis auf die Schuhe“.

Sie hängte Ihre Sachen wieder auf die Haken in der Umkleidekabine. Diesmal zog sie auch den Slip aus. Völlig nackt trat sie vor ihn. Er schaute Sarah von oben bis unten an.

„Du bist wirklich schön“, sagte er, „nicht nur gutaussehend, nein, das wäre zu wenig. Du bist richtiggehend schön! Makellos.“

Dann schaltete er die Studio-Schweinwerfer an, die unter der Decke hingen. Sie fragte: „Was soll ich tun?“

„Gar nichts. Stell Dich da hin, da habe ich das beste Licht“, wies er sie an. Nimm die Beine etwas auseinander und halte die Arme zur Seite und dann bleib so stehen.“

Sie stellte sich wie gesagt in Positur. „Richtig so?“, fragte sie.

„Perfekt“, antwortete er, bleib genauso. Aber sag sofort, wenn die Arme schwer werden, ja?“

Er nahm einen Stift und begann mit sicheren Strichen die Umrisse eines Badeanzuges auf ihren Körper zu malen: Den Hals- und Rückenausschnitt, die Beinausschnitte über den Hüften. Einmal zuckte sie, als er mit der Hand zwischen ihre Beine fasste und die Beinausschnitte skizzierte.

Sie atmete tief durch, hielt aber still. Dann war er fertig: „Das war der erste Streich, die Konturen. Jetzt nehme ich eine leicht abwaschbare Farbe und fülle die Badeanzugsform aus. Welche Farbe willst du: Rot, Blau oder Schwarz?“ Sie zögerte „Du malst mich an? Am ganzen Körper?“

„Ja!“

Sie atmete noch einmal tief durch. Dann sagte sie „Schwarz!“

Er nickte. „Schwarz oder Rot hätte ich auch genommen. Gute Wahl!“

„Oder“, sagte sie, „vielleicht doch lieber Rot?“

„Auch gut“, sagte er. Er nahm einen weichen Pinsel und ein Glas mit roter Farbe. „Das kitzelt jetzt vielleicht ein bisschen.“

Er begann mit sanften Strichen, die Schulterhalter zu malen, trat dann hinter sie und malte  die Rückenseite bis zur Taille. Er machte kurz Pause, dann bemalte er ihren Po, besonders sorgfältig malte er zwischen den Pobacken. Dann trat er vor sie und bemalte ihre Brüste. Dabei nahm er die Brust in die Hand und hob sie an, um unter den Brüsten malen zu können. Schließlich trug er Farbe auf den Bauch auf.

„Jetzt noch das Vötzchen“, sagte er, „dann sind wir fertig. Mach mal die Beine etwas breiter“.

Zu ihrer eigenen Überraschung tat sie es.

„Gut so“, sagte er und bemalte Ihre Scham auch zwischen den Beinen. Dann erhob er sich, schaute sie prüfend an und sagte „dreh Dich bitte mal“. Er schaute kritisch, dann sagte er „Perfekt!“

Er führte sie am Arm vor den Spiegel. „So wird es aussehen, genauso. Ich sage es ja: Perfekt!“

Sie schaute sich im Spiegel an. Sie kam sich etwas komisch vor so splitternackt neben einem fast fremden Mann im dunklen Anzug mit Tüchlein. Aber sie fand sich schön!

„Gut so“, sagte sie, „das wird schön!“

„Du wirst schön“, sagte er, nahm ihre Hand führte sie zu seinem Mund und gab ihr galant einen Handkuss. Sie lachte und machte einen Knicks. Im Spiegel sahen sie wirklich witzig aus.

„Ist Dir kalt?“, fragte er.

„Nein“, sagte sie, „der Anzug wärmt“. Beide mussten sie lachen.

 „Kann ich jetzt duschen?“

„Gleich, erst muss ich die Maße nehmen“, sagte er und griff nach einem Maßband, das auf dem Arbeitstisch lag.

„Erst einmal die Unterbrustweite, komm her ins Licht“. Er legte das Maßband um ihren Rücken, dann hob er ihre Brüste hoch und las die Weite ab: „93 cm“, sagte er und notierte die Zahl. „Jetzt der Brustumfang!“

Er legte das Maßband wieder um den Rücken und maß über der Brust: 117 cm“, notierte er. „Jetzt die Taille: 90 cm und die Hüfte: 105 cm.“

„Du hast eine perfekte Figur sagte er, „absolute Traummaße. In der Tat, das sind Modell-Maße! Jetzt müssen wir noch Längen messen. Vom Schritt zum Nabel und vom Po zum Nacken“.

Auch mit diesen Werten war er zufrieden.

„Magst Du ein Glas Champagner?“ Sie nickte. „Bleib so, zieh Dich nicht an, bitte, ich hole nur schnell eine Flasche und Gläser“.

Er verschwand durch eine Tür, sie hörte eine Kühlschranktür klappen und schon war er wieder da. Sie stand da, wie er sie verlassen hatte – etwas steif, die Beine eng zusammen, die Arme vor dem Busen gekreuzt.

„Zu kalt?“, fragte er besorgt.

„Nein, ist schon gut“, antwortete sie.

„Ein bisserl g´schamig“, lächelte er sie fragend an.

Sie nickte und lächelte zurück. Er goss die Gläser ein, reichte ihr ihres und nahm seines. „Zum Wohle“, sagte er, „auf dein Wohl“.

Sie nahmen jeder einen Schluck.

„Und warum soll ich mich nicht anziehen?“, fragte sie, „kommt da noch etwas?“

„Nein“, lachte er, „ich wollte Dich nur anschauen, Deinen Anblick genießen, mein Honorar, sozusagen… Aber natürlich kannst Du duschen. Sogar warm. Da durch die zweite Tür“.

Sie duschte und kam nackt und ohne Farbe heraus. „Ich ziehe mich jetzt aber doch an, ist irgendwie komisch, hier nackt rumzusitzen…“

„Es wird keiner kommen“.

„Macht nichts“, sagte sie, „ist mir trotzdem lieber. Ich bin ein wenig schüchtern“.

Sie zog sich an, ohne den Vorhang vor der Kabine zu schließen.

„Können wir jetzt mein Auto holen?“

Er nahm einen Schluck, schaute das Glas an: „Oh, schon leer, willst Du auch noch ein bisschen?“

„Nur einen Schluck, bitte“.

Er goss beiden noch einmal ein. „Ja, jetzt holen wir Dein Auto, sind nur ein paar Schritte.“

Sie stießen noch einmal an: „Auf Dein Werk“, sagte sie.

„Auf Dich“, antwortete er. Sie tranken.

„Ich stelle die Gläser weg, dann gehen wir“, sagte er und ergriff ihr Glas.

Sie schaute auf die Scheinwerfer, die an Schienen von der Decke hingen und deutete auf mehrere Fotoobjektive, die auf dem Tisch lagen: „Du fotografierst?“

„Ja“, lachte er, „eine meiner vielen Professionen, soll ich Dich mal knipsen?“

„Vielleicht später mal“, antwortete sie, „Du fotografierst bestimmt sehr gut. Wer so zeichnen kann…“

„Ja“, sagte er, „bei aller Bescheidenheit, ich kann`s ganz gut. Ich habe es schließlich gelernt. Irgendwann werde ich es Dir beweisen – mit Bildern von Dir. Komm, gehen wir.“

Es waren wirklich nur zwei Ecken, dann waren sie an der Tiefgarage. „Da drin steht er“, sagte er und nickte in Richtung eines Garagentores. Er öffnete das Tor mit einer Fernbedienung, die er aus der Tasche gezaubert hatte.

Unten angekommen sah sie, dass nur drei Autos in der Garage standen – sein Integrale, den sie schon kannte, ein Alfa Romeo 159 und ihr alter Golf.

„Deine Garage?“, fragte sie. Er nickte: „Ja, ein kleiner Luxus, den ich mir gönne. Soll ich Dich nach Hause bringen?“, fragte er.

„Danke“, sagte sie, „aber für heute habe ich schon genug Abenteuer erlebt“. Sie küsste ihn auf den Mund. „Danke für alles. Bis morgen fünf Uhr.“

Dann stieg sie ein, startete den Motor und lachte glücklich als er tatsächlich gleich ansprang. Sie zeigte ihm den nach oben gereckten Daumen und fuhr los. Sie winkte ihm noch einmal zu, dann war sie fort.

Er schaute ihr hinterher, winkte auch. Als sie fort war, stieg er in den Integrale und fuhr nach Hause. Dort erwartete ihn ein hungriger Mr. Spock.

„Hallo Spock“, sagte Max, „schön, dass Du da bist. Keine Verabredung heute mit einer netten Katzendame? Komm, gehen wir essen…“

Er öffnete eine Tüte Felix, gab sie in Mr. Spocks Napf und schaute zu, wie der Kater sein Futter erstaunlich schnell vertilgte.

„Hat`s geschmeckt?“

„Brrr!“ Mr. Spock rieb sich an seinem Bein, er fasste hinunter und kraulte den Kater hinter den Ohren. Der Kater fing an zu schnurren und drückte sich noch fester an ihn.

„Ein bisschen Schmusen tut gut, oder“, fragte Max. Der Kater schaute ihn statt einer Antwort verständnisvoll an, dann setzte er sich und begann seinen kleinen Pimmel zu lecken.

„Nein“, schmunzelte Max, „die Idee ist zwar grundsätzlich gut, aber keine Lösung für heute. Komm, gehen wir schlafen.“

Damit war der Tag beendet. Morgen kam ein neuer – und Sarah würde kommen.

Sarah

Im Atelier holte er sich den Badeanzug, den Sarah sich ausgesucht hatte, an seinen Arbeitsplatz und machte mit ein paar routinierten Stichen mit der Nadel  die erforderlichen Änderungen – er arbeitete trotz der Routine, über die er verfügte, sehr konzentriert. Nach einer knappen halben Stunde war er fertig.

„Frau Lucchetta, der Champagner ist aus, besorgen Sie ein paar Flaschen, bitte!“, rief er hinunter in den Laden.  „Ja, klar mache ich“, antwortete sie.

Nach einem Moment erschien ihr Kopf im Treppenausschnitt. „Wenn Sie auf den Laden aufpassen, gehe ich gleich, wir brauchen auch Kaffee und ein paar Plätzchen“.

„Mache ich“, nickte er ihr zu, „ich komme gleich runter!“ Er drapierte Sarah´s geänderten Badeanzug auf dem Arbeitstisch und ging dann die Treppe hinunter. Frau Lucchetta war bereits in „Hut und Mantel“ – das darf man wörtlich nehmen, denn sie trug gerne ein kleines freches Hütchen, eher ein Nichts...

„In einer halben Stunde bin ich wieder da!“, sagte sie. In dem Moment öffnete sich die Ladentür und Wolfgang stand darin.

„Oh“, sagte Frau Lucchetta und hakte sich lachend bei Wolfgang ein und drehte ihn gleich wieder zum Ausgang um, „da habe ich ja einen starken Mann zum Tragen. Komm Seemann, Du..., äh, Sie dürfen mir helfen!“

Sie ging locker über den vertrauten Versprecher hinweg und dirigierte Wolfgang gleich wieder aus dem Laden. Wolfgang drehte sich noch einmal und schnitt Max über die Schulter eine Grimasse und zuckte mit den Achseln. Er ging sehr dicht neben Frau Lucchetta und spürte gerne, wie sich ihre Hüfte an seinem Oberschenkel bewegte.

Wolfgang sagte im Hinausgeführtwerden auch noch etwas zu Max, der verstand in etwa „Frauen, da kann man nichts machen…“

Frau Lucchetta schien keine Anstalten zu machen, von Wolfgang abzurücken, ganz im Gegenteil, sie hielt seinen Arm sehr fest und presste sich an ihn. Wolfgang war es offenbar zufrieden, schien es Max, der ihnen durch das Schaufenster hindurch nachschaute – und Frau Lucchetta offenbar auch.

Er winkte den beiden nach und nickte Wolfgang zu, der jetzt vermutlich zufrieden grinste. Max wusste, dass Wolfgang Frau Lucchetta schon lange mochte – aber in letzter Zeit kam er verdächtig häufig. Und Frau Lucchetta wurde auch immer netter zu ihm, und dann redete der eher und viel länger mit Frau Lucchetta als mit ihm, irgendwie anders als früher.

Lief da etwas, von dem er nichts wusste? Er zuckte mit den Schultern, trat vor die Tür und schaute auf die Uhr am Uhrengeschäft ein paar Häuser weiter: Gleich fünf! Gleich würde Sarah kommen.

Kaum war er im Geschäft, ging die Türklingel. „Da bin ich schon wieder“, hörte er Sarah`s vergnügte Stimme.

„Komm mit rauf“, sagte er das vertraute Du verwendend, „oben kannst Du ablegen“.

„Ablegen? Warum? Ich wollte nur den Badeanzug abholen…“

„Der wird probiert, ich habe ein paar Änderungen vorgenommen“.

„Der wird schon passen…“

„Anprobieren!“

Sie gab auf und er schloss die Tür und folgte ihr nach oben ins Atelier.

„Du kennst ja die Umkleide, hier ist der Anzug“.

Sie verschwand in der Kabine, er hörte, wie sie sich umzog. Dann kam sie wieder heraus. „Unglaublich“, sagte sie mit beiden Händen an die Brüste fassend, „der hat gestern doch schon gepasst – aber jetzt ist er perfekt. Was hast Du gemacht?“

Max zuckte lässig mit den Schultern und sagte leichthin: „Hier ein paar Stiche, dort ein paar Stiche. Eigentlich gar nichts Besonderes“.

Sie schüttelte den Kopf, „Junge, Junge, wenn ich darin ins Schwimmbad komme…“

„…werden ein paar Jungens Dir nachpfeifen. Zu Recht“, lächelte er, „ich hoffe, wir gehen einmal gemeinsam schwimmen“, er schaute sie prüfend an, „ja der Anzug steht Dir verdammt gut! Du kannst Dich wieder umziehen und den Vorhang dabei auflassen“.

Sie schaute ihn verblüfft an.

„Warum sollte ich? Spinnst Du?“. Sie verwendete jetzt auch das Du.

„Mein Honorar! Schon vergessen?“

„Ach ja. Ja dann“. Sie ließ den Vorhang auf, zog sich sehr sorgfältig und sehr langsam um, und er genoss ihren Anblick.

Als sie ihren BH anziehen wollte, sagte er: „Warte mal eben, probiere den hier mal“. Er reichte ihr einen schwarzen BH, ein besonders schönes Stück aus Seide. „Der müsste Dir eigentlich passen, den hat mal eine Kundin nicht abgeholt“.

Sie nahm ihn und zog ihn an.

„Komm“, sagte er, „dreh Dich mal um, ich mache ihn Dir zu“.

„Das kann ich ganz alleine…“

„Wir sind hier nicht in der Sesamstraße…“

Sie schaute in fragend an: „Sesamstraße?“

„Ach ja“, lachte er, „dafür bist Du zu jung, das war lange vor Deiner Zeit“.

„Hatten die BHs in der Sesamstraße?“, wollte sie wissen.

Er antwortete nur mit einem Kopfschütteln und schloss ihr den BH. Denn fasste er sie an den Schultern und drehte sie um.

„Du erlaubst einmal“, sagte er ohne es als Frage zu meinen, dann umfasste er beide Brüste und fühlte prüfend. Er schien es zufrieden zu sein. „Müsste perfekt passen. Wie fühlst Du Dich?“

„Als ob ich keinen BH tragen würde und doch sicher…“

„Das ist ein Entwurf von mir und von mir genäht – ein Geschenk!“

„Macht es Sinn, wenn ich nein sage?“, fragte sie.

„Nein!“

„Darf ich ihn gleich anbehalten?“

„Aber ja!“

„Dann kannst Du jetzt loslassen, und ich kann mich weiter anziehen…“

Er trat zurück: „Schön!“, sagte er, „Du bist schön“.

„Das sagst Du immer, nein“, sagte sie, „nein, ich bin zu dick!“

„Keinesfalls, alles ist am richtigen Platz!“

„Auch der dicke Bauch? Und die Röllchen hier an der Seite? Und mein Busen ist viel zu groß!“

„No! Never, Mädchen! Ich beweise es Dir!“

„Wie?“

Er nahm die Hasselblad in die Hand und sagte „Hiermit… Und mit ein paar Fotos!“

„Ich mag aber nicht fotografiert werden, die Bilder werden nie gut und nackt schon gar nicht – denn so wie ich das sehe, wirst Du das wollen. Nein, es gibt keine schönen Bilder von mir, gab es noch nie, nicht einmal in der Schule. Ich hasse das“.

„Ich garantiere Dir schöne Bilder…“

„Weil Du so gut fotografieren kannst…“

„Nein, ich fotografiere nur, was da ist… Deine Schönheit!“

„Reizen würde es mich ja schon“, sagte sie zögernd, „aber nicht nackt! Bitte nicht!“

Er lächelte sie an: „Alles was Du willst bzw. nicht willst!“

Von unten kamen Geräusche. „Oh, ich glaube, unser Champagner ist da!“

„Schon wieder Champagner? Wir hatten doch erst gestern welchen. Ich bin das nicht gewohnt, ich werde ganz schwippsig von dem Kribbelwasser!“

„Es gibt nichts Besseres“.

„Findest Du? Naja. Wenn Du meinst, aber nur ein einziges Glas!“

Von unten rief Wolfgang: „Wir sind wieder da – und der Champagner ist kalt!“

„Was habe ich gesagt?“, fragte Max, „der Champagner ist bereitet“. Und nach unten rief er: „Ich komme…“

Er lief die Treppe hinunter, griff sich zwei Flaschen und wollte gerade wieder hinauf, als Wolfgang ihn grinsend fragte: „Gleich zwei Flaschen? Ein schwerer Fall?“

Max sagte: „Duuu, halt Du Dein freches Mundwerk, das ist nur Vorrat“.

„Aber raufkommen sollen wir nicht?“. Wolfgang deutete auf Frau Lucchetta und sich.

„Nein, ist nicht notwendig, Ihr könnt ja abschließen und hier unten ein Fläschchen zwitschern…“

„Oder zwei?“, fragte Wolfgang.

„Ein so schwerer Fall?“, fragte Max und nickte in Richtung von Frau Lucchetta. Die lief prompt knallrot an.

Wolfgang sagte nichts, grinste nur wieder. Dann sagte er: „Nein, äh ja – also, was soll denn das. Das ist doch Scheiße, alles was ich jetzt sagen kann, wird doch falsch verstanden, oder?“

Er schaute fragend auf Frau Lucchetta – aber die musste gerade dringend einen für andere unsichtbaren Fleck von der Glasscheibe des Verkaufstresens wischen, und das dauerte…

Schließlich sagte Max: „Na, viel Spaß noch, Ihr beiden. Ich gehe wieder rauf. Ach, Frau Lucchetta, machen Sie Schluss für heute, und nehmen Sie den da“, er deutete auf Wolfgang, „gleich mit!“

Frau Lucchetta wurde wieder rot und fragte leise „Ist das eine dienstliche Anweisung, Chef?“

„Klar“, sagte der und zu Wolfgang gewandt „benimm Dich gefälligst, Sie ist meine beste Kraft!“

Frau Lucchetta strahlte ihn an. „Schön das zu hören“.

Wolfgang sagte: „Ich komme um vor Hunger, darf ich Sie auf eine Pizza einladen?“

Sie nickte strahlend: „Gerne, ich liebe Pizza…“

An der Treppe angekommen, drehte Max sich um und sagte: „Seit wann das denn, ich denke, Sie sind die einzige Italienerin, die Pizza hasst?“

Ihr Blick, den sie ihm in diesem Moment zuwarf, hätte töten können.

„Ja, denn“, fragte Wolfgang, „wie wäre es mit…“

„Sie ist mit allem einverstanden“, rief Max von der Treppe, „am liebsten mag sie den Salat im Steakhaus am Rindermarkt“.

Hinter ihm zerplatzte Frau Lucchettas Champagnerglas (das eigentlich nur ein Sektglas war) an der Wand. „Scheißkerl“, hörte er sie leise flüstern.

Er hörte Wolfgang noch “Steakhaus?“, fragen und sie antwortete: „Nein, Pasta! Und damit basta!“

Von oben hörte er noch ein bisschen Geraschel im Laden und Gekicher. Dann fiel die Tür zu, und er hörte, wie der Schlüssel im Schloss von außen umgedreht wurde.

Er suchte und suchte, er fand seinen Schlüssel nicht. „Wir kommen hier nicht raus“, sagte er ziemlich baff zu Sarah, „ich habe keinen Schlüssel – meinen muss Frau Lucchetta ala kleine Rache eingesteckt haben, weil ich vorhin so gemein zu ihr war. Und ich habe keinen Reserveschlüssel“.

„Das ist jetzt nicht Ihr Ernst, dass ich hier mit Ihnen eingeschlossen bin…“

„Doch. Todernst. Mit mir und einer Menge Champagner“.

„Und was machen wir jetzt? Die Feuerwehr rufen?“

„Das wäre die letzte Möglichkeit, die würde ich gerne vermeiden.“

„Andere Optionen?“, fragte Sarah

„Hhm, überlegen wir einmal. Die schlechte Nachricht ist, Sie sind mit mir hier eingeschlossen“.

„Und was ist die gute Nachricht?“

„Ich habe oben eine kleine Wohnung…“

„Vermutlich mit einem Matrimoniale?“

Er schaute sie fragend an: „Ach so, ja, mit einem Doppelbett!“

„Einem – das ist dann die zweite schlechte Nachricht, oder?“, fragte sie.

„Naja, wie man es nimmt, eine frische Zahnbürste hätte ich auch für Sie, äh Dich. Und Nachthemden, naja, bediene Dich, da haben wir genug zur Auswahl“.

„Also, ich finde das jetzt nicht witzig…“

„Nee, witzig soll das auch nicht sein, ich mache das auch nicht wieder“.

„Was?“

„Frech zu Frau Lucchetta sein!“

„Wie groß ist das Bett?“

„Zwei mal zwei Meter“.

„Du bleibst auf Deiner Seite!“

„Versprochen!“

„Na, dann komm, wo geht es rauf?“

Er zeigte auf eine Tür. „Da!“

„Vergiss den Champagner nicht, vielleicht brauche ich den doch noch…“

„Klar, Chef!“, sagte er und folgte ihr.

In den Nachrichten

Am Abend kam in den Nachrichten die Meldung, dass in einer Bucht bei Palma de Mallorca die Leichen von vier jungen Mädchen gefunden worden waren – alle waren offenbar mit Genickschuss hingerichtet worden.

Rebecca

Am Donnerstag hatten die Uhren in der Stadtmitte gerade drei geschlagen, als sich die Tür zum Laden öffnete und eine große stattliche Frau hereinkam.

„Guten Tag“, sagte sie, „mein Name ist Rebecca Mölders, ich habe eine Verabredung“.

„Guten Tag, Frau Mölders“, sagte Frau Lucchetta, „ja, wir haben Sie schon erwarte“.

„Bin ich zu spät?“

„Nein, nein, überhaupt nicht, bitte kommen sie mit“, und führte sie die Treppe herauf in den ersten Stock.

Dort begrüßte Max die große Frau.

„Darf ich Ihnen den Mantel abnehmen“, fragte er und half seiner Kundin aus demselben, „mögen Sie etwas trinken? Einen Kaffee vielleicht? Sie sind also Rebecca?“

„Ja, richtig“, sagte diese, „ein Kaffee wäre schön“. Sie schaute sich um und ergänzte „so arbeitet also ein Dessousschneider? Sieht mehr wie ein Studio aus – eines Malers oder eines Fotografen. Viel Papier und wenig Stoff“.

„Richtig“, sagte Max und schaute sich um als ob er sein Studio zum ersten Mal betrachten würde, „sieht ein bisschen so aus – aber nur, weil ich nicht sehr aufgeräumt habe! Aber schauen Sie“, er deutete auf die beiden Nähmaschinen und doch einen – kleinen – Haufen Stoff, „ein bisschen was von Schneiderei haben wir hier auch.  Kommen Sie, nehmen Sie hier Platz“, und er führte sie zum Tisch am Fenster.

„Sie wollen also in Venedig ein Preis gewinnen?“.

„Naja, ich eigentlich nicht, das ist eher die Idee meines Mannes, er führt mich so gerne vor“. Sie lächelte bei der Bemerkung, „aber ich mache das ja auch gerne mit. Ich empfinde die Situation schon als prickelnd, also, ich meine, so vorgeführt zu werden – alle die Blicke auf mir. Mein Mann hat mir von Ihrer Idee erzählt – die vom Korsett mit dem Kleid und dem Mantel mit dem Pelz. Gefällt mir schon“.

„Hier kommt der Kaffee“, sagte in dem Moment Frau Lucchetta und kam mit einem Tablett aus der Pantry, das stellte sie auf den Tisch. „Alles da – Kaffee, Sahne, Milch, Zucker, Kekse für den kleinen Hunger… Ich lasse Euch jetzt allein und passe auf, dass Ihr nicht gestört werdet“. Damit ging sie wieder nach unten.

„Ja“, meinte Max, „die Idee kam mir so. Ich habe ein paar Skizzen gemacht, die ich Ihnen gerne zeigen würde“. Er stand auf, ging zum Grafikschrank, öffnete eine Schublade und entnahm ihr eine Mappe mit der Aufschrift Rebecca.

„Hier“, sagte er und nahm ein paar Blätter heraus, die er vor Rebecca auf den Boden legte, „so in etwa stelle ich mir das vor… Allerdings bevor ich Sie gesehen hatte. Es sind natürlich einfach nur erste Skizzen, verstehen Sie, wenn sie Ihnen gefallen, können wir auf der Basis weiterarbeiten“.

Rebecca erhob sich und ging um die Blätter herum. „Sehr schön, sehr erotisch… Aber so schön bin ich nicht, wie die da, die Sie gezeichnet haben“, und zeigte auf die Zeichnungen.

Sie schaute Max an: „Ich bin größer und viel schwerer gebaut“.

„Ja“, bestätigte Max, „das mag schon sein, aber das macht sie eventuell noch reizvoller“!

„Tatsächlich?“

„Ja, lassen Sie uns mit der Arbeit beginnen, bitte ziehen Sie sich aus – ganz. Die Schuhe können Sie anbehalten“, er schaute auf ihre Füße, „oder haben Sie Pumps dabei? Das wäre besser“!

Statt einer Antwort zeigte sie auf die kleine Reisetasche, die sie mitgebracht hatte und sagte nur „da!“

„Gut“, sagte er, „dann ziehen Sie sich in der Kabine aus, bitte“, und zeigte auf den Vorhang im Hintergrund des Studios.

Sie tat wie ihr geheißen. Nach kurzer Zeit kam sie völlig nackt heraus – ein bisschen gschamig, aber wirklich nur ein ganz kleines Bisschen.

Sie drehte sich vor ihm: „Da ist sie, die ganze Wahrheit“, sagte sie, „und…? Können Sie tatsächlich zaubern?“

„Muss ich nicht können – Sie haben eine richtig gute Figur. Sie sind groß, sie haben kräftige Beine, sehr runde Hüften, die Taille werden wir etwas einschnüren, aber dafür sind sie ja hier, und der Busen ist nicht zu groß. Schön! Damit können wir arbeiten“.

Er schaute sie an, bat sie, sich so zu drehen und so und so…

„Ist Ihnen kalt?“

„Nein“.

„Gut, dann stellen Sie sich dort einmal ins Licht, ich mache schnell eine Skizze“!

Er nahm einen Skizzenblock, setzte sich an den Arbeitstisch und legte den Block vor sich. Mit schnellen, entschiedenen Strichen warf er ihren Körper auf das Blatt.

„Nein, nicht schauen, bleiben Sie so stehen – das hier können Sie hinterher sehen. Bleiben Sie einfach stehen. Es dauert nicht mehr lange“.

Nur noch ein paar Striche, dann sagte er: „So, jetzt können Sie kommen“.

Sie kam und schaute auf das Blatt: „Das bin ich? Nicht wirklich, oder? Ich sehe doch nicht so gut aus“.

„Doch“, sagte er, „das sind Sie – ein wenig von innen gesehen, vielleicht. Ich mache ein paar Kopien und dann können wir damit spielen.

Wollen Sie einen Hausmantel anziehen“? Er deutete auf einige leichte Hausmäntel aus Seide und etwas aus Cashmere, die auf einer Garderobe an der Wand hingen. „Bedienen Sie sich, ich bin gleich wieder bei Ihnen“.

Er ging zum Kopierer und ließ ihn zehn Kopien machen, dann kam er wieder zum Arbeitsplatz, an dem er eben gezeichnet hatte.

Er zeichnete ein Korsett über Ihre Figur; die Brüste ließ er frei, dafür zog er das Korsett an den Seiten, ihrer Körperlinie folgend, weit über die Hüften nach unten. Die Taille machte er sehr schlank.

Plötzlich nahm er das Blatt, zerknüllte es und warf es weg, nahm ein neues Blatt und begann von vorn. So ging es zwei oder drei Mal.

„Aber das war doch sehr schön“, protestierte Rebecca jedes Mal, „Warum werfen sie das weg? Das ist doch schade“.

Er lächelte sie an: „Nicht schön genug – für Sie! Und das viele Geld!“

Dann war er zufrieden. „So“, sagte er, „jetzt aber… Was halten sie davon?“

Sie stand hinter ihm und schaute ihm über seine Schulter. „So eng“? fragte sie, „das hat bestimmt mein Mann gewollt“. Sie zuckte mit den Schultern, „er muss es ja nicht tragen – aber ich kriege jetzt schon Beklemmungen!“

„Ihre Brüste werden wir etwas puschen, ich meine, anheben“.

Er zeichnete Ihr einen eher kleinen BH, der die Brüste von der Seite nach vorne schob und die Brustwarzen gerade zur Hälfte bedeckte.

Von den Brüsten bis zur Scham machte er einige gekreuzte Linien.

„Ich denke“, erläuterte er, „wir werden das Korsett vorne und hinten binden, das könnte richtig geil aussehen…“

Nach einer Pause malte er ihr den Hals schwarz. „Außerdem würde ich Ihnen ein Halskorsett empfehlen“. Er lächelte sie an: „Zugegeben, ist nicht sehr bequem, sieht aber gut aus und gibt Ihnen eine wirklich gute Haltung. Nur können Sie den Kopf nicht drehen… Und dann, wir sind schließlich in Venedig, eine venezianische Maske“. Die zeichnete er ihr auch schnell hin.

„Ich würde überhaupt das Leder mit venezianischen Maskenmotiven besticken“.

„Hört sich sehr aufwendig an“, sagte Rebecca, „alles für mich?“

„Ja“, sagte Max, „Sie werden sehen, sie werden eine Wucht sein!“

„Und dann“, sagte Max und nahm das nächste Blatt und übertrug die Außenlinien von Korsett, Halskorsett und Maske schnell auf ein anderes Blatt, „nähen wir Ihnen einen Hauch von Lederkleid und einen Mantel.

Mit wenigen weiteren Strichen zeichnete er Ihr ein Kleid, das den Busen völlig frei ließ und vom Nabel an nach unten geschlitzt war und dessen Schlitz nach unten immer breiter wurde.

Dann zeichnete er einen ärmellosen, vorne weit offenstehenden Mantel mit einem riesigen Stehkragen aus farbigem Pelz, der fast die Höhe Ihres Scheitels erreichte.

„Na“, fragte er, „was sagen Sie?“

„Wow“, sagte sie, „einfach toll! Und sie meinen, ich kann das tragen“?

Sie schaute die Zeichnung noch einmal an: „Mein Vötzchen bleibt nackt? Unbedeckt?“

„Wollen Sie einen Slip“?

Sie nickte: „Bitte… Die anderen werden alle viel angezogener sein…“

„Gut“, sagte er, „bekommen Sie – auch gefärbter Pelz – das wird aussehen, als ob sie gefärbte Schamhaare tragen würden. Sie können vor Ort entscheiden, ob sie ihn tragen…“

„Naja“, sagte sie „aber ich wohl doch schon. Mein Mann wird es lieber mögen, ohne…“

„Gut“, sagte Max, dann hätten wir das, „jetzt müssen Sie sich wieder ausziehen. Jetzt muss ich Ihre Masse nehmen. Ich werde Sie dabei überall anfassen müssen“.

Sie nickte. „Überall? Na gut“. 

Sie stand auf, zog den Hausmantel aus, stellte sich vor ihn, nahm die Arme hoch und sagte lächelnd: „Na, dann bedienen Sie sich, mein Herr…“

Für ein gutes Maßkorsett muss viel gemessen werden – rund um den Körper, unter den Brüsten, auf den Brüsten, die Taille, die Hüfte und von oben nach unten, insgesamt sind es fast 40 Maße, die genommen werden.

Ihr Körper war fest und doch weich, der Po groß – ein richtig geiler Arsch, fand er insgeheim. Mit der eingeschnürten Taille und den hochgepuschten Brüsten würde sie „ein Hammer“ sein…

Richtig gut, fand Max. Er war in seinem Element. Und wenn er ganz ehrlich war, nahm er das eine oder andere Maß zu viel und das eine oder andere Maß zweimal (deshalb hatte er ja den Job gewählt. Und er glaubte nicht, dass Rebecca seine Erregung bemerkt hatte).

„Das muss ich noch einmal prüfen“, murmelte er dann.

Rebecca musste dabei mehrfach ihre Stellung ändern. Im Laufe der knappen Stunde, die die Prozedur dauerte, wurde sie irgendwann lockerer, das Ganze fing an ihr zu gefallen, und das Schneiderlein war eh „süß“, fand sie.

Und da sie nackt war, sah Max natürlich die langsam härter werdenden Brustwarzen.

Schließlich war Max fertig, ihm fiel nichts mehr ein, wo er sie hätte berühren „müssen“: „Fertig für heute“, meinte er, „Sie können sich wieder anziehen“.

Als sie aus der Umkleidekabine kam sagte er ihr, dass er jetzt ca. drei Wochen brauchen würde, um das Leder und die Pelze zu bestellen, zuzuschneiden und zu besticken. Am Freitag nach drei Wochen sollte sie bitte zur ersten Anprobe kommen.

Und dann sagte er „Warten Sie einmal, ich habe noch eine Idee. Was halten sie davon: Nur Korsett und Mantel – das Kleid lassen wir weg? Als Material nahmen wir zusammengenähte Lederflicken von 2 mal 4 Zentimetern in Gold, Silber und Schwarz und dann natürlich gefärbten Nerz in Regenbogenfarben?“.

Sie schaute ihn erstaunt an. „Ja?“, fragte sie gedehnt, „und?“

„Fangen wir mit dem Mantel an: „Die Form um den Oberköper bleibt mit dem hohen Stehkragen gleich, der Mantel öffnet sich gleich unter den Armen und bekommt eine lange runde Schleppe… Das wird in seiner Farbigkeit wie ein Hochzeitskleid einer Königin eines Zauberreiches wirken!“

Er zeichnete blitzschnell, so schnell wie er redete!

„Der Mantel bekommt ein Motiv, das sich aus den verschiedenfarbigen Lederplättchen ergibt: „Einen fliegenden Seeadler, Sie wissen, der amerikanische,  mit ausgebreiteten Schwingen und in den Fängen hält er ihr Korsett…“

Sie schaute ihn wortlos an.

„Vom Halskorsett in Gold lassen die Fänge des Adlers von außen ihre Brüste greifen!“

Seine Hände flogen über das Papier…

„Das Korsett machen wir in Gold und Schwarz, die Bindung in Silber… Der Pelzrand, das wird richtig exklusiv“.

Er machte letzte Striche, dann war er fertig. Er drehte das Blatt und hielt es ihr hin: „Na?“

„Unglaublich“, hauchte Rebecca, „schön, so schön, fast schon zu schön. Sie haben Recht, wie aus einem Zauberreich… So machen wir es. Und ich sage nichts zu meinem Mann, der wird Augen machen in Venedig. Sie haben Recht, das wird wie ein Hochzeitskleid, das darf er erst im letzten Moment sehen!“

Nein, ein Taxi wollte sie nicht, sie würde zum Hotel am Stachus gehen, „ein bisschen Auslüften und Runterkommen“, meinte sie lächelnd, und dass er sehr begabte Hände hätte.

Als letztes bemerkte sie beim Herabsteigen der Treppe noch einmal lächelnd zu ihm aufschauend: „Hat Spaß gemacht mit Ihnen – aber Ihnen auch, oder? Ich hatte jedenfalls das Gefühl. Schön, wenn Männer doch noch auf einen reagieren. In meinem Alter passiert das nicht mehr oft! Bis dann!“

Sprach´s und war verschwunden. Von unten hörte er sie noch sagen, dass sie sich für den Kaffee bedanke und dafür, dass niemand gekommen sei, wo sie doch so völlig nackt… Und dass der Meister aber sehr nett sei. Mit Betonung auf „sehr“.

Als die Tür ins Schloss gefallen war, kam Frau Lucchetta herauf, räumte das Tablett mit den Tassen ab und sagte: „Na, Chef, da haben Sie einen neuen Fan gewonnen, waren Sie so gut?“

Max hob abwehrend beide Hände und meinte nur, dass er nichts Besonderes gemacht hätte, nur seine Arbeit.

Sie nahm die Zeichnungen in die Hand, um sie zu studieren.

„Da haben Sie sich aber mal wieder selber übertroffen“, sagte sie, „ist der Besatz Pelz?“

„Ja. Gefärbter Nerz, wenn´s klappt, oder etwas in der Art.“

Seit wann arbeiten wir Dessous mit Pelz?“

„Seit heute. Ist ja auch nicht wirklich Dessous. Ich hoffe, wir können die Pelzapplikationen machen lassen.“

„Ach ja, Sie kennen ja diese Star-Kürschnerei in Stralsund... Sollen die das machen?“

„Ja, wenn das zeitlich klappt, die sind immer ziemlich voll mit Arbeit...“

„Müssen Sie nach Stralsund fahren? Soll ich eine Verbindung heraussuchen?“

„Noch nicht. Mal sehen, was am Telefon geht. Die sind da ziemlich schnell beim Kapieren.“

„Und wenn die das nicht hinkriegen in der Zeit?“

„Das muss einfach gehen...“

„Na, hoffen wir´s. Doch, das wird wirklich schön. Schön und ungewöhnlich. Nichts für mich – aber wer´s mag... Da wird sich der Herr Mölders aber freuen“, meinte Frau Lucchetta, legte das Blatt, das sie angeschaut hatte wieder ab und verschwand lächelnd in der Pantry.

Unten ging die Tür, und er hörte Wolfgang rufen: „Hallo? Keiner da?“

Frau Lucchetta kam flugs aus der Pantry und rief herunter, dass sie oben seien!

„Ich komme“, kam die Antwort von unten und dann hörte man Wolfgang schon die Treppe herauf stürmen.

„Hallo“, sagte er oben angekommen, „bekomme ich einen Kaffee?“

Frau Lucchetta drehte sich flugs wieder um, sagte: „Klar!“, und kam mit einem Kaffeepott aus der Pantry zurück.

Wolfgang schaute derweil interessiert auf die Skizzen. „Ist das für die, die ich gerade im Eingang getroffen habe?“

„Ja“!

Er schaute noch einmal auf die Blätter: „Geil!“, befand er, „vor allem der Pelz.“

Beschlussfassung

Wieder sind ein paar Tage ins Land gegangen…

Frau Lucchetta schloss die Ladentür ab – es war genau 20 Uhr: Geschäftsschluss!

Als erste war Esther gekommen, dann Wolfgang und dann Ruth. Jana wurde nicht erwartet, die war schon vor Tagen heimgefahren nach Prag.

„Also, Esther, sag an – was ist los?“, fragte Max.

„Ich war letzte Woche bei der Anwältin“, hob Esther an.

„Und?“, fragte Wolfgang, „wann bist Du den fiesen Typen los?“

Esther atmete tief durch: „Erst einmal gar nicht. Weil, ... das Trennungsjahr!“

„Wie – Trennungsjahr?“, fragte Frau Lucchetta, „Was ist das denn?“

„Du musste ein Jahr getrennt sein, getrennt leben, bevor Du Dich scheiden lassen kannst“, erläuterte Max ihr.

„Und das hast Du gewusst?“, fragte Frau Lucchetta, „und nichts davon gesagt? Ich dachte, wir kriegen jetzt schnell die Scheidung und sind den Mistkerl los“, regte sich Frau Lucchetta auf, „also, ich meine, klar, Esther ist, wird ihn los, also losgeworden sein.“

„Naja, gewusst, irgendwie schon – aber nicht so richtig, mehr so davon gehört, wisst Ihr“.

„Aber der war doch eh dauernd weg, gilt das nicht als Trennung, ich meine, wenn der es da immer in Malle getrieben hat“.

„Nein“, sagte Esther, „leider nicht“.

„So ein Scheiß aber auch“, meinte wiederum Frau Lucchetta.

„Ist doch egal“, ging Wolfgang dazwischen, „und was nun?“

„In Italien würde man so einen Kerl umbringen, so ein Schwein, das da mit dem Mädchen rummacht“, schrie Frau Lucchetta fast, „mit einer Schrotflinte – oder mit einer Mistgabel...“.

Die anderen schauten sie erstaunt an.

„... naja, mit der Mistgabel natürlich nicht erschossen, mit der erstochen und dann an Schweine verfüttert, oder so.“

„Ja“, sagte Wolfgang ohne Betonung, „das wäre eine Möglichkeit. Eine“.

„Nun mal halblang“, wandte Max ein, „erst einmal, Esther, was willst Du nun machen?“

„Habt Ihr gestern die Nachrichten gehört, diese jungen Mädchen… Vier tote Mädchen? In Palma. Hingerichtet. Ins Meer geworfen. Und dann angeschwemmt. Und mein Mann ist da, in Palma – seit einer Woche! Ich warte jedenfalls kein Jahr ab. Ich will den Kerl los werden – sofort!“

„Du könntest zuhause ausziehen und das Trennungsjahr abwarten“, sagte die bedachte Ruth, „so würde man das machen“.

„Der dreht Ihr doch den Geldhahn ab“,  meinte Frau Lucchetta, „no, no, bumm bumm!“

„In Italien“, das wissen wir, „sagte Ruth wieder betont ruhig, „aber wir sind hier in Deutschland“.

„Ja, leider“, seufzte Esther leise, „ich war eine Woche in unserem Haus, er ist ein paar Mal gekommen, um Sachen zu holen. Wir haben wenig gesprochen, dafür habe ich jeden Tag gekotzt. Erst habe ich ja noch gedacht, die Bilder wären gefälscht, irgendwie ein mieser Scherz – aber dann“, sie holte ihr iPhone aus der Handtasche und aktivierte es, „dann habe ich das gesehen“, sie öffnete ein weiteres Bild mit ihrem Davide, der ein sehr junges Mädchen vögelte, vergrößerte den Kopf ihres Ehemannes und deutete auf einen tiefen Kratzer am Hals, dann legte sie das Telefon auf den Tisch und die anderen schauten sich das Bild der Reihe nach an, „den Kratzer hatte er, als er nach Hause kam!“

Er sei gestolpert und habe sich an einem Tau verletzt, hat er  gesagt, aber er hatte den Kratzer, dann sind die Bilder echt und aktuell, oder?

„Sieht sehr danach aus“, brach Wolfgang die entsetzte Stille, „und was heißt das nun?“

„Ich halte das nicht mehr aus! Keine Minute mehr will ich mit dem verheiratet sein. Stellt Euch mal vor, der kommt auf die Idee, wieder in unser Haus einzuziehen…“

„Du kannst bei mir wohnen“, sagte die ruhige Ruth, die begonnen hatte, ihre Fingernägel zu feilen und deshalb nicht aufschaute, „von meinem untreuen Mistkerl habe ich seit Wochen nichts mehr gehört und er wird so schnell auch nicht kommen“.

„Ich bringe den um“, sagte Esther sehr leise, um dann laut zu wiederholen, „ich bringe ihn um! Dieses Schwein…“

„Hhm“, machte Max und noch einmal „Hhm, so etwas will allerdings überlegt sein“.

„Das ist mir egal, ich will den Kerl weg haben, auch wegen der Mädchen!“

„Wenn Du das machst, haben sie Dich gleich“, sagte Wolfgang, „95 Prozent…“

„Das weiß ich schon“, unterbrach ihn Esther aufgeregt, „das hängt mir zum Halse raus und außerdem ist es mir egal, aber auch so etwas von egal…“. Sie begann zu weinen…

„Und wenn ich das mache?“, fragte Frau Lucchetta, „kriegen die mich auch?“

„Wahrscheinlich“, bog Wolfgang ab, „sehr wahrscheinlich“.

„Ich mache das schon ganz alleine“, schluchzte Esther jetzt laut, „da muss sich keiner von Euch reinziehen lassen“.

„Ja“, sagte Ruth, die immer noch auf ihre Fingernägel schaute, „und dann haben sie Dich und dann bist Du für 10 Jahre im Knast oder so… Das soll nicht lustig sein, gar nicht lustig, habe ich mir sagen lassen!“. Sie schüttelte den Kopf, „siehst Du denn keine Krimis im Fernsehen?“

Sie schaute jetzt von ihren Nägeln auf und in die Runde – sie schaute von Max zu Wolfgang zu Frau Lucchetta und sagte dann: „Ich sage das jetzt in vollem Ernst – und so ernst meine ich selten etwas: Ich bin dabei“, und damit legte sie Esther die Hand auf den Arm: „Das ziehen wir gemeinsam durch, meine Liebe“.

Esther schaute sie durch die Tränen hindurch an: „Echt? Das würdest Du tun?“. Sie weinte noch lauter.

„Naja“, sagte Frau Lucchetta, „wenn unsere Herren sonst nichts tun..., Max, haben Sie dann zumindest mal ein Taschentuch für Esther?“

„Oh, Entschuldigung“, sagte Max und sprang auf, griff in die Tasche, holte ein Tuch heraus und reichte es Esther, „ich war in Gedanken. Und wie wollen wir es machen?“

„Du bist dabei?“, fragte Ruth. Max nickte.

„Und was macht unser Held zu meiner Rechten?“, fragte Frau Lucchetta und schaute Wolfgang fragend und auffordernd an.

„Bin dabei“, nickte der, „das kann man doch Euch Frauen nicht alleine überlassen, das kriegt Ihr doch gar nicht hin – so wie ich das sehe, ist da viel zu viel Technik dabei!“

„Gut“, nickte Frau Lucchetta, „dann hätten wir das. Und wie machen wir´s?“. Sie schaute wieder alle an.

„Tja“, sagte die nun die Nägel polierende Ruth, „irgendwelche Ideen?“

„Im Krimi werden solche Typen einfach erschossen“, sagte Frau Lucchetta.

„Und woher haben die Mörder die Pistolen“, fragte Max, „hat irgendwer von uns eine?“. Niemand meldete sich.

Frau Lucchetta zog die Achseln hoch „Keine Ahnung? Vom Bahnhof? Irgendwer wird doch eine haben?“. Immer noch hatte keine eine Waffe.

„Kann man da denn keine kaufen?“

„Du gehst zum Hauptbahnhof, schaust Dir einen aus, der wie ein Waffenhändler aussieht, gehst hin und sagst, Sie, Guten Morgen, ich bräuchte da was… Und der öffnet den Mantel, zeigt Dir seine Auswahl an Hauspistolen und fragt Dich höflich, ob es eine Glock oder ein Revolver oder sonst etwas sein darf, und ob Du auch Munition brauchst – oder wie? Stellst Du Dir das so vor“, fragte Wolfgang spöttisch.

„Naja, irgendwie schon… Vielleicht in einer der Kneipen rund um den Hauptbahnhof? Die sehen schon von außen gefährlich aus.“

„Und wie geht das in Wirklichkeit“, fragte Max unschuldig.

„Eher in Riem auf dem großen Flohmarkt hinter der Messe, bei den Jugos, da könnte was gehen“, sagte Wolfgang leise, „aber man muss vorsichtig sein, sogar sehr vorsichtig. Und dann brauchst Du noch Munition! Auch nicht einfach, da ran zu kommen“.

„Männer“, sagte Ruth lächelnd, „kaum braucht man sie wirklich einmal, fallen ihnen nur noch Ausflüchte ein. Kein Beitrag, der uns weiterbringt. Gut, wenn man keine Schusswaffen kaufen kann, wie sieht es mit Hausmitteln aus?“

„Hausmittel?“, fragte Frau Lucchetta.

„Messer, Schere, Hammer, Bohrmaschine...“.

„Bohrmaschine“, fragte Wolfgang interessiert, „jetzt wird´s spannend. Wie geht das denn?“.

„Ich meinte ja nur, Werkzeug aus dem Haushalt, zum Beispiel Messer. Das müsste doch gehen, oder?“.

„Man muss zu dicht ans Opfer ran, es kostet Überwindung und dann muss man richtig treffen, sonst wird´s nur eine Fleischwunde. Mit dem Messer muss man umgehen können, das lass´ Dir gesagt sein. Da gibt es nicht umsonst Spezialisten für. Und es wird eine große Sauerei – Blut! Viel Blut..., unangenehm, für manche eklig und schwierig wegzumachen“.

„Ihn mit dem Auto zu überfahren, dagegen wirst Du auch etwas haben“, meinte Ruth seufzend.

„Ja. Leider. Erstens: Schwierig auf dem Boot und zweitens: Viele Zeugen. Also hohes Risiko!“.

„Okay, das leuchtet ein. Wie hoch wohnt der jetzt eigentlich?“, fragte Ruth als nächstes.

„Erdgeschoss“.

„Dann fällt auch das „aus dem Fenster schubsen“ aus“.

„Wir gehen in den Wald und suchen Pilze“, schlug Frau Lucchetta vor: „Pilzvergiftung!“, sie schaute triumphierend in die Runde.

„Er isst keine Pilze“.

„Scheiße“, sagte Frau Lucchetta, „wie kann man denn noch jemanden umbringen?“

„Wenn er in der Badewanne sitzt, einen Föhn reinfallen lassen?“, schlug Ruth vor und schaute prüfend auf ihre Nägel.

„Früher, ja, früher hätte das geklappt, heute gibt es Scheiß-FI-Schalter“, wandte Wolfgang ein, „geht nicht mehr…“

„Was für Schalter?“, fragte Frau Lucchetta, „FI, was ist das denn?“

„Kompliziert zu erklären“, sagte Wolfgang, „geht aber nicht“.

„Kannst Du ihn die Kellertreppe runterschubsen?“, fragte die immer praktisch denkende Ruth.

„Wenn da eine ist“.

„Sehr unsicher“, wandte Wolfgang ein, „nachher bricht er sich nicht den Hals, sondern nur den Haxen…“.

„Oh Gott“, sagte Frau Lucchetta, „dann kannst Du ihn als seine liebende Ehefrau auch noch 30 Jahre lang pflegen, ach Du grüne neune“.

Sie dachten nach, dann brach Max die Stille: „Ich war mal vor Jahren im Lesesaal in der Staatsbibliothek und habe da – rein zufällig – ein Buch über Rechtsmedizin gefunden – da standen alle Mordmethoden drin, und wie man sie nachweist. Vielleicht gibt es das Buch noch, wäre mal wieder einen Besuch wert, unsere Staatsbibliothek“.

„Kenn ich“, meinte Wolfgang, „eine der dort genannten Methoden ist, das Opfer von Eisbären töten und auffressen zu lassen..., das wird in Malle schwierig, glaube ich“.

Nach einer Pause schaute Max Wolfgang an: „Wolfgang, Du bist doch unser Technikgenie, fällt Dir etwas ein? Etwas realistisches?“

Wolfgang zuckte die Achseln, sagte einen Moment lang nichts, schaute in die Runde und sagte dann ganz cool: „Logisch, Gewehr auf tausend Meter, ist todsicher!“, lächelte er und fuhr fort: „Zum Beispiel, wenn er auf dem Boot in Palma ist, kann man von einem der Balkone der Appartementhäuser an der Avenida Gabriel Roca aus schießen, oder – noch besser – aus einer Wohnung heraus! Man müsste halt nur eine Wohnung mieten mit Blick aus Meer. Das sind nicht einmal tausend Meter, eher nur vierhundert…“.

„Und wer soll schießen“, fragte Max, „ich würde nicht einmal den Hafen treffen, glaube ich, kannst Du das? Triffst Du denn?“

„Vielleicht“, sagte Wolfgang, „ja doch, sehr wahrscheinlich, aber sicherer wäre ein Hitman…“

„Ein was?“, fragte Ruth und blies den letzten Feilstaub von den Fingernägeln.

„Ein Hitman, einer der so etwas professionell macht…“

„Kennen wir einen?“, fragte die praktisch veranlagte Ruth und schaute Wolfgang jetzt scharf an.

„Mal sehen, vielleicht…“, sagte Wolfgang leise.

„Wolfgang“, sagte Max, „Du überrascht mich ein ums andere Mal wieder, Du kennst einen Killer? Hast vielleicht sogar seine Telefonnummer?“

„Und was kostet so einer?“, fragte Ruth.

„Zwanzigtausend, schätze ich, also, habe ich mal gehört – irgendwo“.

Ruth schaute Esther an, die nickte und meinte, das schiene ihr ein fairer Preis zu sein, ihr Mann sei ja doch so etwas wie ein Prominenter, da stiege der Preis sicherlich. Die Summe selbst wäre kein Problem. Die wäre eben der Preis der Freiheit. Und die Scheidung hätte sicherlich nicht weniger gekostet.

„Woher kennst Du einen Killer?“, fragte Frau Lucchetta Wolfgang plötzlich empört.

„Ich habe nicht gesagt, ich kenne einen, ich habe gesagt, vielleicht könne ich einen besorgen – das ist ein Unterschied!“

„Findest Du“, sagte Frau Lucchetta, „wenn, dann aber nur ein kleiner…“

„Wollt Ihr ihn nun umbringen oder nicht“, fragte Wolfgang. Das beendete die Diskussion.

„So ein Hitman könnte das auch im Gewühle auf der Straße machen, zum Beispiel im Gewühle in der Innenstadt von Palma“, erläuterte Wolfgang, „er wird ja wohl auch mal in die Stadt gehen, Dein Davide, oder?“

„Vermutlich, klar, ich denke schon, dass ihm das Boot irgendwann zu klein wird. Geht das schnell?“, fragte Esther

„Was?“, fragte Wolfgang.

„Beides“, meinte Esther.

„Mit dem Gewehr merkt er nicht einmal, dass er tot ist, so schnell geht das“, wollte Wolfgang zur Erläuterung ansetzen, aber Esther unterbrach ihn mit tonloser Stimme: „Dann fällt das aus, er soll wissen, dass seine letzte Stunde geschlagen hat. Und die könnte meinetwegen auch lang sein, diese Stunde, sehr lang“.

„Bauchschuss im Gewurle an der Placa Mayor“, sagte Ruth wieder praktisch denkend, „soll verdammt weh tun… Sagt man, ich meine, habe ich gelesen“.

„Ja“, stimmte Wolfgang zu, „aber wenn er rechtzeitig ins Hospital kommt, ist ein Bauchschuss auch nicht unbedingt tödlich…“

Sie schwiegen eine Weile, Ruth polierte konzentriert ihre Fingernägel.

„Dann wird Dir mein nächster Vorschlag auch nicht gefallen“, sagte Wolfgang, „aber ich sage ihn trotzdem: Ein Octocopter wird mit zwei Kilogramm Semtex beladen und von einem anderen Boot aus zur Yacht gesteuert, wenn die den Hafen verlassen hat, und dann per Funkzündung so zur Explosion gebracht, dass die Yacht sinkt…“

„Geil“, flüsterte Max.

„Was ist ein Octocopter“, wollte die neugierige Ruth wissen.

„Ein ferngesteuerter Modellhubschrauber mit acht Rotoren, kann bis zu fünf Kilo Last tragen – wird zum Beispiel verwendet, um Filmkameras an unzugängliche Plätze zu steuern, für Luftaufnahmen. Kann ca. zwei Stunden in der Luft bleiben, GPS gesteuert könnte das für uns eine Art fire and forget-Bombe sein. Ich weiß gar nicht, was die auf den Flugplätzen immer haben mit ihrem „unbeaufsichtigten Gepäck“? So ein Ocotcopter ist viel besser, damit würden Terroristen voll besetzte Flieger auf dem Vorfeld oder auf der Rollbahn kriegen und vielleicht auch in der Luft…“

Max schaute ihn zweifelnd an, was war denn in seinen Wolfgang gefahren? „Machst Du jetzt auf Terrorist?“

„Nee“, sagte Wolfgang, „aber stimmt doch…“

„Aber da sterben die Mädchen an Bord auch, also, ich meine, wenn da welche sind“, fragte Esther.

„Vielleicht…“

„Nein, das möchte ich nicht. Können wir uns“, Esther stoppte einen Moment, um dann fortzufahren, „können wir uns nicht an Bord schleichen und ihn auf See einfach über die Reling werfen? Er kann schlecht schwimmen, wisst Ihr“.

„Da werden sie uns kaum rauf lassen“, meinte Max und fuhr fort: „ich habe neulich einen Krimi gesehen, da haben sie jemanden mit Insulin umgebracht“.

„Ja, den habe ich auch gesehen“, sagte Wolfgang, „aber der lag auf der Intensivstation und das Insulin haben sie in einen Infusionsbeutel gespritzt, den der als nächstes kriegen sollte. Vergiss es, zu kompliziert. Im krimi mag das gehen, da geht ja jeder Scheiß, aber in der Realität muss es einfach sein, sogar so einfach wie möglich. Denn alles was schiefgehen kann, geht auch schief, wisst Ihr. Ihr könnt mir glauben“.

„Und“, fragte Ruth, die mit den Nägeln fertig war „hört sich eigentlich clever an. Andererseits ist es wirklich kompliziert. Und die entscheidende Frage lautet doch: benötigt Davide denn Insulin? Du, Max, kann ich mir eben meinen Nagellack von oben holen?“

„Hat nicht einmal im Krimi geklappt, weil die einen anderen Beutel genommen haben“, überging Wolfgang Esthers und Ruths Bemerkungen.

Ruth war zwar aufgestanden, als Max ihr zustimmend zugenickt hatte, hatte sich dann aber gleich wieder gesetzt und eine von Max herumliegenden Zeichenmappen geöffnet und blätterte gedankenverloren darin herum.

Plötzlich stockte sie: „Du, Max…, was sind das für Zeichnungen?“

Max schaute auf: „Weiß nicht, kann sie nicht sehen“.

Ruth hielt ein Blatt hoch und sagte: „Das soll ich doch sein, oder? Und irgendwer Vollpigmentierter fickt mich da von hinten, oder sogar mehrere… Was soll denn das?“

„Ach das? Das habe ich nur so hingekritzelt, dunkle Fantasien halt, nichts Ernstes“.

„Lass mal sehen“, sagte Wolfgang, nahm die Mappe von Ruth und blätterte darin, dann schaute er Max an. „Man, Alter, welche Abgründe tun sich da auf. Das ist reine Pornografie… Nee, eher dreckige. Hätte ich Dir gar nicht zugetraut so einen Schweinkram. Das mit dem Esel ist allerdings tatsächlich heiß“.

„Mit ´nem Esel“, fragte Ruth entsetzt, „das habe ich gar nicht gesehen“, sie ließ sich das Blatt von Wolfgang reichen und sagte: „Das bin ja wieder ich. Ach nö, also Max, bitte“

„Das arme Tier“, flachste Wolfgang und Ruth schaute ihn mit wütend blitzenden Augen an.

„Muss das jetzt sein“, fragte Esther, „können wir das nicht ein anders mal besprechen, was Max in dunklen Stunden seiner Seele so zeichnet?“

„Nee, wartet Mal – mir kommt da eine Idee, sagte da leise Frau Lucchetta, „wie wäre es, wenn wir es mit Kultur machen würden?“

„Was?“, fragte Wolfgang „Kultur? Pornos? Oder Kulturpornos?“

„Nein“, sagte Frau Lucchetta, „Zeichnung statt Pumpgun…“

„Und wie soll das gehen?“, fragte Ruth, „sollen wir ihm mit einem Blatt Papier erschlagen?“

„Nein, warte“, sagte Max, „ich ahne, worauf du hinauswillst…“

„Na, da bin ich ja mal gespannt“, schmunzelte Frau Lucchetta und lehnte sich zurück.

„Wie ist es um das Herz Deines Mannes bestellt“, fragte er Esther.

Die zuckte mit den Schultern: „Er ist über sechzig, manchmal klagt er über Beklemmungen in der Brust und manchmal muss er sich einfach Hinsetzen“.

„Gut“, sagte Max, „sehr gut, das könnte passen. Nimmt er irgendwelche Medikamente?“

„Betablocker, deshalb kann er ja auch angeblich nicht mehr mit mir schlafen. Für die jungen Dinger reicht es aber offenbar“.

„Betablocker, das ist sehr gut! Wir haben zwei Möglichkeiten“. Er lächelte Frau Lucchetta an, „ich denke, die hatten Sie auch im Kopf.“

„Nun macht´s nicht so spannend“, sagte Wolfgang, „was schwebt Euch vor?“

„Ein Skandal!“, sagte Max, „erst einmal ein Skandal! Und was können wir am besten?“. Er schaute grinsend in die Runde: „Sex! Und Zeichnen und Fotografieren, und der Herr Esther – wie heißt der eigentlich“, er winkte ab, „ist auch egal“.

„Davide“.

„Also Davide! Der werte Herr Davide arbeitet im Vorstand einer Bank, sogar einer großen Bank, einer internationalen Bank! Die mögen zwar viel Dreck am Stecken haben, aber es darf keiner davon wissen, und es weiß ja auch kaum jemand etwas Genaues, nicht wahr! Alle sind nach außen hin absolut sauber, was sich darunter (auch in den Familien abspielt), darüber redet man nicht, da wird der Deckel draufgehalten, mein Gott, das darf niemand wissen.

Das mit den jungen Mädchen spielte sich auf einer Yacht ab. Woher die Mädchen kamen, wer sie ermordet hat und wie? Welche Mädchen? Wieso überhaupt Mädchen? Wer hat Mädchen je gesehen? Und reden konnten die auch nicht mehr, weil sie tot waren, als man sie nicht mehr benutzt hat! Keine Zeugen dank Mafia. Die sind perfekt – glauben sie.

Aber sie sind angreifbar, verwundbar, denn von den Mädchen oder anderen... Lastern oder von Pornos darf keiner etwas wissen! Wir haben eine Bankenkrise, eine Vertrauenskrise der Banken, selbst die Deutsche Bank haben sie jetzt am Kanthaken, Banker können sich grundsätzlich eigentlich nichts erlauben, was sie negativ in die Presse bringen könnte. Und Banken, die Mafiagelder waschen, erst recht nicht. Ich meine, die Zeit ist günstig…“

„Ja, was nun“, sagte Ruth, die inzwischen Max und nicht mehr ihre Fingernägel anschaute, „komm zur Sache, Max!“

„Ganz einfach, Ruth, wir tun was wir am besten können: Wir machen noch viel bösere Zeichnungen als die da, und zwar von Esther…“. Dabei zeigte er auf die Mappe, die Ruth immer noch entsetzt durchblätterte.

„Geht ja gar nicht“, wandte Ruth ein und blätterte weiter, „ich meine, noch böser! Mein lieber Max, darüber reden wir noch“.

„Von mir aus, aber später!“, sagte Max, „später Ruth, also solche Bilder, eine Ausstellung, der Vorstand wird eingeladen, die Presse auch, die erkennen natürlich die Vorstandsgattin… Der Skandal ist da!“

„Und ihr Mann?“, fragte Ruth.

„Kriegt ´nen Herzinfarkt und stirbt!“

„Oder wird gestorben“, meinte Wolfgang lakonisch, „vielleicht muss ja wer noch ein wenig nachhelfen? Am besten in Malle auf der Yacht. Mir gefällt das Hochgeschwindigkeitsgewehr zwar besser – weil es sicherer ist, todsicher!“

„Pass auf“, sagte Max, „oder die machen es selber und schieben dem Toten allen Mist in die Schuhe, den sie weg haben wollen…“

Wolfgang schaute noch immer skeptisch, deshalb sagte Max zu ihm: „Das Ding mit dem Gewehr machen wir, wenn mein Plan nicht klappt – und dann haben „die“ es gemacht“.

„So machen wir`s“, stimmte Wolfgang zu und lächelte, „Esther, was meinst Du?“

„Von mir aus, ist mir eigentlich egal, aber ich hoffe, er stirbt gaaanz langsam am Infarkt“.

„Das wird er“, sagte eine entschlossene Ruth sehr bestimmt, „das wird er! Und, ja – Infarkt tut weh! Vielleicht stirbt er ja auch an beidem“.

Als Esther sie fragend anschaute sagte sie: „Erst ein Infarktchen und dann ein Kügelchen“, und dabei lächelte sie. Sie hatte wieder einmal die pragmatische Lösung.

Als sie vom Tisch aufstanden, nahm Frau Lucchetta Wolfgang zur Seite und sagte leise: „Wolfgang, wer bist Du eigentlich?“

„Ich?“, lachte der, „ich bin Wolfgang das olle Faktotum – kann alles und nichts richtig, ich bin Wolfgang der Fahrer“.

„Nein“, sagte Frau Lucchetta bedächtig, „das glaube ich nicht und das bist Du ganz bestimmt nicht. Du bist ganz wer anders! Ich kenne solche Typen wie Dich, aus Italien, die sind gefährlich. Gegen Euch ist eine Kobra ein Schmusetier…“

„Ach, Zuckerschnute“, lachte Wolfgang sie an, „ich bin so etwas von ungefährlich. Wenn Du mir doch nur eine Chance geben würdest, Dir zu beweisen, wie ungefährlich ich bin. Und wenn Du mal die Flöte blasen würdest, würde ich auch ganz brav steigen und mich in Deinem Takt wiegen“.

„Naja“, grinste Frau Lucchetta, „mal schauen, ich weiß nicht, ob mir heute noch der Sinn nach Flötenmusik steht, vielleicht später!“

Später sagte Wolfgang zu Max, dass er die Idee mit dem Skandal und dem Herzinfarkt für absoluten Quatsch halte, klar die Bilder könnten ganz lustig werden und das Malen ganz sicher auch, und er beneide ihn, denn die Esther müsse ihm für die Bilder bestimmt „sitzen“, aber er werde sich schon mal lieber um ein Präzisionsgewehr kümmern. Und 800 Meter, das sei ein sicherer Schuss, mit einem Laserzielgerät gar kein Problem, ein Klacks für einen Fachmann.

„Bist Du denn einer?“, fragte Max. Aber Wolfgang sagte nichts, sondern schaute nur ziemlich ausdruckslos und drehte sich um, um Frau Lucchetta zu suchen.

Esther

Frau Lucchetta war einmal wieder unterwegs, um Kaffee und Kekse zu holen; also hatte Max „Ladendienst“. Wie üblich blätterte er die Post durch – nichts Besonderes. Die Zeitung – nichts Besonderes.

Kaum dachte er, dass Esther eigentlich schon aus Mallorca zurück sein müsste, da ging auch schon die Tür auf und Esther stand lächelnd im Laden und vermeldete: „Auftrag erfolgreich ausgeführt“.

„Komm rein, Esther“, sagte er überflüssigerweise, denn sie war ja schon drinnen, „erzähle… Wie war es?“.

„Easy“, antwortete Esther, „Deine Vorarbeit war Spitze und der Anruf aus Venedig hat Wunder gewirkt“.

„Und die Galerie?“.

„Super gelegen, nicht direkt am Hafen, aber ganz in der Nähe in der Altstadt… Wirklich perfekt“. Sie nickte bestätigend. „Klasse, schöne Räume, nicht zu groß – irgendwie sogar intim, also passend zu unseren, äh, also Deinen Bildern“.

„Und der Galerist?“

„Also, erst einmal: Ich bin Deine Managerin. Berechtigt über alles zu verhandeln. Er braucht Geld. Ich habe ihm genügend geboten. 25.000 Euros. Ausstellung für sechs Wochen. Einladung an ca. 1000 Gäste, 500 in Malle, 500 in Europa. Geldige Leute, die da eine Finca haben, Leute, die wiederkommen. Gute Leute, hat er gesagt, Käufer.“

Sie verschluckte sich fast vor Lachen. „Was heißt da gut? Geldadel eben. Ich habe ihm unsere zusätzlichen Adressen gegeben – die Bankleute fand er super. Einige hatte er schon, wegen dem Boot. Ach ja, ein kleiner Prospekt mit vier Bildern in Farbe wird mit der Einladung als Teaser verschickt.“

„Und was hat er zu den Motiven gesagt?“

„Da hat´s ihn gerissen, echt! Der ist richtig bremsig geworden. Als er dann noch gemerkt hat, dass ich das Modell bin, wollte er mir gleich an die Wäsche! Nix da, habe ich ihm gesagt, ich sei eine ehrbare Frau, künstlerisch sei das natürlich ganz etwas anderes. Da könne ich schon mal aus mir rausgehen. Aber wenn er jetzt nicht aufhörte, dann würde ich ja vielleicht schwach werden, aber dann würde mein Mann sicherlich richtig sauer werden, so etwas von sauer…

Als ich ihm gesagt habe, auf welchem Boot der immer ist, wurde er schnell richtig handzahm. Sofort. Als ob er Schiss hätte, weißt Du. Vielleicht läuft da ja doch noch mehr, als nur junges Gemüse?“

„Hoffentlich nicht“, sagte Max, „nicht, dass der nicht nur keinen Infarkt kriegt, sondern uns auch noch die Mafia auf den Hals schickt“.

Jetzt schaute Esther skeptisch. „Du meinst, die könnten uns an die Wäsche wollen, also ich meine, ernsthaft? Das wäre aber echte Scheiße! Damit habe ich ja nun gar nicht gerechnet, ich habe das immer für Gerede von Euch gehalten!“

„Nee, nee… Aber wird schon nicht…“

„Ja, wir ziehen das jetzt durch, oder?“

„Natürlich, Esther, keine Frage! Wann müssen die Bilder in Malle sein? Rahmen die sie selber?“

„Ja, irgendwas müssen die ja auch tun für das viele Geld!“

„Apropos Geld – wie sind die Konditionen?“

„Fifty-fifty“.

„Gut. Und die Preise?“

„Ab 8.000 für die großen Zeichnungen, 2.500 bis 4.000 für die kleineren.“

„So hoch – für Zeichnungen?“

„Er meint, das sei okay für Malle und dass er lieber weniger teuer als viele preiswert verkaufen wolle“.

„Da hat er auch wieder Recht! Wie viele Bilder braucht er?“

„So um die 15 im Format 60 mal 80 Zentimeter und 25 von den kleineren. Und gerne ein ganz großes – da hat er eine Wand dem Eingang direkt gegenüber, der Platz ist richtig gut. Da hat er gefragt, ob Du auch ein quadratisches Gemälde zwei Meter mal zwei Meter anfertigen könntest? Gerne in einem protzigen Goldrahmen... Preis: 75.000 Euro plus... Das hätte schon etwas, Max, der Platz ist wirklich geil. Von den Bildern hat er gemeint, sie wären je härter, desto besser, er hätte das richtige Publikum dafür. Ich glaube ja, der will mich nur angaffen, solange die Bilder bei ihm hängen. Aber egal, der Zweck heiligt die Mittel!“

„Wie viele hast Du denn schon?“

„So um die zehn muss ich noch machen… Und das Gemälde.“

„Dann müssen wir also wieder ran?“

„Ja!“

„Heute noch?“

„Nein, heute kann ich nicht. Morgen?“

„Ich muss mich erst einmal zuhause blicken lassen. Übermorgen? Den ganzen Tag?“

„Gut, übermorgen! Magst Du etwas trinken?“

„Nein, aber einen Kuss hätte ich gerne – den habe ich mir verdient – oben! Nicht hier im Laden. Und Du hast auch einen verdient“. Sie nahm seine Hand. „Kannst Du den Laden einen Moment unbeaufsichtigt lassen?“

„Ja, klar“, sagte er und folgte ihr die Treppe hinauf.

Sie küssten sich. Lange. Dann löste Esther sich von Max und ging vor ihm in die Knie, öffnete seinen Hosenschlitz und holte das fast steife Glied heraus.

„Habe ich mir doch gedacht…“, sagte sie leise und begann den Schwanz zu küssen und zu lecken. „Geht doch“, sagte sie mit vollem Mund als der Schwanz ganz steif wurde und leckte weiter. Max versteifte auch den Rest seines Körpers als er in ihrem Mund kam.

„Lassen sie sich bitte nicht stören“, sagte Frau Lucchetta, die eigentlich nicht sehr leise die Treppe heraufgekommen war, von den beiden aber nicht bemerkt worden war, „ich bringe nur den Kaffee in die Küche.“

Esther ließ sich nicht stören, sondern saugte ihn aus. Als Frau Lucchetta wieder unten war, ließ sie Max Schwanz aus dem Mund, schluckte die Ladung herunter und prustete dann vor Lachen los: „Das ist mir auch noch nicht passiert, hat aber was. He, was ist“, fragte sie immer noch in der Hocke vor Max knieend ihn von unten anlächelnd, „war Dir das jetzt unangenehm?“

„Naja, irgendwie schon, sie ist halt meine Verkäuferin…“

„Eben, Verkäuferin, nicht Ehefrau!“, meinte Esther mit Betonung auf „Verkäuferin“ und fuhr fort: „Dann hast Du ja keine Schwierigkeiten zu befürchten – oder läuft da etwas zwischen Euch beiden?“

Sie brachten ihre Kleidung wieder in Ordnung, dann bat sie noch um ein Glas Wasser, und schließlich geleitete er sie durch den Laden zur Tür und verabschiedete sich.

Als er sich in der Tür umdrehte, prustete Frau Lucchetta los: „Das braucht ihnen nicht peinlich zu sein, Chef, wirklich nicht, echt, so etwas passiert doch fast täglich, also Ihnen, glaube ich. Ich weiß oder ahne zumindest schließlich, was oben so ab geht. Nicht alle Damen kommen nur wegen der Wäsche. Ihr Geschäftsprinzip… Ein Kaffee? Wir haben wieder welchen“.

„Ja, danke“, sagte er perplex, „wieso Geschäftsprinzip?“ Aber da war Frau Lucchetta schon an der Treppe und lief immer noch lachend hinauf.

Als sie mit der dampfenden Tasse wieder herunterkam, öffnete sich die Tür und Wolfgang kam herein: „Hallo, allerseits, gibt es etwas Neues?“

„Naja“, sagte Frau Lucchetta grinsend, „der Chef wird unvorsichtig…“

„Wieso?“, fragte Wolfgang neugierig, „war ein Ehemann da?“

„Nein, soweit ist es noch nicht“, und trotz Max warnendem Gesichtsausdruck fuhr sie fort, „er lässt sich jetzt schon von mir ertappen, dass Kundinnen ihm einen blasen“. Sie wollte sich wegschmeißen vor Lachen und steckte Wolfgang damit an.

„Echt?“, fragte der, „im Laden?“

„Oben“, korrigierte Frau Lucchetta, „ich musste den Kaffee verstauen und habe sie überrascht. Übrigens, willst Du auch einen?“

„Ja, gerne“, antwortete Wolfgang.

„Komm mit rauf“, antwortete Frau Lucchetta schelmisch und schaute Max herausfordernd an, „ich mach´s Dir oben. Das geht doch okay, Chef, oder? Auch wenn ich nur die Angestellte bin? Halten Sie die Stellung hier unten? Damit keiner raufkommt. Komm mit, Wolfgang!“

Der schaute erstens leicht dümmlich aus der Wäsche und zweitens Max verblüfft ob der überraschenden Wende seines Besuches an und folgte ihr brav, als Max nur nickte.

Nach zehn Minuten kamen sie wieder herunter. Jetzt lächelte Frau Lucchetta und Wolfgang strahlte mit den Lampen des Ladens um die Wette.

„Wolfgang“, sagte Max, „hast Du einen Moment Zeit für mich?“

„Klar, immer!“

„Lass uns nach oben gehen“.

Einen Moment schaute Wolfgang ihn verdutzt an.

„Keine Sorge, ich mache garantiert nichts, was Frau Lucchetta doch schon gemacht hat“.

„Häh?“, war alles, was Wolfgang herausbekam, „ach so, ja… Na denn“.

Oben erläuterte Max Wolfgang, dass es fast so weit sei. Dass er erst einmal eine Ladung Bilder nach Mallorca zu transportieren hätte und fragte, ob Wolfgang das übernehmen könne.

Gerne, antwortete Wolfgang, und fragte nur, mit welcher Fähre – über Barcelona oder Valencia? Und das Gewehr müsse ja auch nach Mallorca gebracht werden, das können man ja schlecht per Luftfracht schicken, oder? Da passe der Autotransport doch super.

Stimmt, sagte Max, das mit der Route, das könne er halten, wie er wolle. Oder die ihm am sichersten erscheinende nehmen.

„Aber da ist noch ein Problem“, sagte Max und erläuterte, dass der untreue Ehemann in noch mehr miese Dinge verstrickt sein könne, als sie wüssten. Wolfgang wisse ja, dass in Malle angeblich viel Mafiageld unterwegs sei, und wenn der Banker, der Davide, auch bei der Mafia sei, dann brauchten sie alle vielleicht Schutz, zumindest während der Tage rund um die Vernissage, nicht wahr.

„Kein Problem, Chef“, meinte Wolfgang nachdenklich, „da habe ich auch schon dran gedacht, ich hätte Dich da auch noch darauf angesprochen; aber mit ein bisschen Geld kann ich das schon lösen, das Problem. Ich müsste nur ein paar Leute anrufen, ich weiß auch schon wen. Harte Burschen! Genau die richtigen für den Job. Das machen die nicht das erste Mal“.

„Gut“, meinte Max, „dann mach das! Sind die verlässlich?“

Wolfgang schaute ihn nur an und in dem Blick lag die Frage, für wie blöd Max Wolfgang eigentlich halte?

Nach einem Moment fragte Max, „Wolfgang, nun mal ehrlich, woher kennst Du so harte Burschen?“

„Von früher…“, grinste Wolfgang.

„Aus der schwarzen Zeit?“

„Welche schwarze Zeit?“

„Über die Du nicht redest“.

„Ach so, ja, aus der Zeit…“, lachte Wolfgang, „in der ich auch französisch gelernt habe, also so ein bisschen, eher spezifisches Fachfranzösisch als Französisch“.

„Du warst in der Fremdenlegion“, erkannte Max erstaunt, wenn man seiner Stimme glauben durfte.

„Schwarze Zeit!“, sagte Wolfgang und machte die Geste, als ob er über dem Mund einen Reißverschluss zuziehen würde, „da darf ich nichts drüber erzählen. Will ich übrigens auch gar nicht“.

Max schaute ihn eine Zeit lang an. „Jetzt verstehe ich manches“.

Wolfgang schüttelte den Kopf und sagte: „Tatsächlich? Sollte mich wundern, Max... Ist aber besser, wenn Du nicht weiter fragst, Max. Manchmal ist es besser, nicht zu viel zu wissen. Und die Sache in Malle, da ist es auch besser, wenn Du nicht weiter fragst! Lass man. Ich regle das und Ende. Ach so, ich brauche so zwanzig Mille, ohne Fragen!“

Max nickte und meinte, dass er verstanden hätte. „Kriegst Du, ich meine das Geld. Ist übermorgen hier. Ich vermute, Du willst es nicht aufs Konto…“

Wolfgang fragte, ob er die „schweinischen Bilder“ denn mal sehen können (er würde sie ja eh im Auto haben, wenn er nach Barcelona zur Fähre führe) und Max sagte: „Klar. Ich habe sie hier“.

Er öffnete eine dicke Mappe und ließ sie Wolfgang durchblättern, der ja auch zwei Semester Kunst an der Akademie studiert hatte, bevor es ihn in die Welt gezogen hatte.

„Wow“, sagte der, „gute Arbeit! Ich habe gar nicht gewusst, dass Du so starken Tobak malst. Aber echt geil!“

„Naja“, meinte Max und fügte hinzu, dass Kunst zum Geld ginge und dass ihm das natürlich schon Spaß gemacht habe. „der Galerist will ein Gemälde in Goldrahmen, ca. zwei Meter im Quadrat. Das muss ich noch machen“.

„Das wird aber nicht ins Auto passen“.

„Nee, das schicken wir per Spedition oder per Luftfracht, je nachdem, wann es fertig wird“.

„Anders wird es nicht gehen“, brummte Wolfgang abwesend, denn er hatte die ganze Zeit die Zeichnungen durchgeblättert. „Dass Du auch Esel malen kannst… erstaunlich! Naja, Du hast ja eine abgeschlossene Akademieausbildung. Und ich habe ja immer gesagt, dass da viele Esel sind…“

Er lachte auf und knuffte Max in die Seite: „Und Esthers Mann weiß noch nichts davon? Na, der wird Augen machen, wenn er das sieht… Und Du meinst, Ihr braucht erst in Palma Schutz? Was, wenn der durchdreht, wenn die Einladung in der Bank auf die Tische flattert – mit den ja vermutlich noch vergleichsweise harmlosen Zeichnungen? Was, wenn der nicht umkippt, sondern nach Hause fährt und seine Frau zur Rechenschaft zieht oder schlimmer, jemanden anruft, der das für ihn tut? Der ist doch fertig in der Bank nach der Ausstellung, das ist doch klar. Und wenn ich der wäre, würde ich versuchen, Euch zu stoppen – am einfachsten ginge das über die Gemahlin...“

Max schaute Wolfgang skeptisch an. „Guter Einwand! Du scheinst doch der Profi unter uns Anfängern zu sein. Ja, die Esther darf da nicht zuhause sein, das könnte gefährlich werden, wenn der wirklich mehr am Stecken hat als nur junge Dinger… Mensch, Wolfgang, gut dass wir Dich haben. Ich bin eben doch nur ein kleines Schneiderlein…“

„Sag´ ich ja immer…“

„Am besten versteckst Du sie möglichst bald auf Malle. Da wird er sie am wenigsten vermuten, sozusagen in der Höhle des Löwen. Das muss ich mit ihr besprechen! Danke Dir für den Tipp!“

Mr. Spock

Abends saß Max in seiner Küche und schaute Mr. Spock dabei zu, wie er sein Lieblingsfutter vertilgte. Eine Tüte war nicht genug.

„Na, brauchst Du eine zweite? Sind die Katzendamen so anstrengend? Aber Austern magst Du ja nicht…“

Er ging zum Küchenschrank und holte eine weitere Tüte Felix, das einzige Katzenfutter, das Mr. Spock genehm war.

„Du“, sagte Max, „Spockie, ich muss bald für ein paar Tage fort. Was machen wir mit Dir? Dich hierlassen mit offenem Fenster und jemand bitten, Dich mit Felix zu versorgen?“

Mr. Spock schnurrte laut, weil er gerade mit kugelrundem Bauch auf Max Schoß sprang, sich drehte ein paarmal auf seinem Schoß und legte sich dann (immer noch schnurrend) hin. Schläfrig langte Mr. Spock mit einer Pfote nach der Hand von Max, um dem klar zu machen, dass jetzt Schmuse- und Streicheltime sei.

Nach ein paar Minuten war er eingeschlafen und Max fast auch. Katzen sind eben so beruhigend.

„Ich hab´s, ich werde Sarah fragen, ob sie dich betreuen kann“, flüsterte er dem schlafenden Mr. Spock zu. „Sarah, die ist nämlich so ein Katzentyp, glaube ich, und weich ist sie auch“. Mr. Spock zuckte nur mit den Ohren und schlief weiter.

Max ließ ihn noch eine ganze Zeit liegen, rührte sich nicht, um den Kater nicht zu wecken, weil der sonst beleidigt aufgestanden und gegangen wäre. Nein, dazu liebte er seinen Mr. Spock zu sehr.

Schließlich wachte Mr. Spock auf, gähnte mit imponierend weit aufgerissenem Maul, reckte und streckte sich erst im Liegen und stand dann auf, um alle Muskeln seines geschmeidigen Körpers zu dehnen.

Er schaute Max noch einmal an, sagte leise „Miau“ (auf kätzisch heißt das in diesem Falle „Adieu, muss mal raus“) und ging zum Fenster. Nachts warteten seine Damen auf ihn. Da gab es nichts anderes - und wer war Max, wenn er nicht jedes Verständnis der Welt für ihn hätte.

Esther

Zwei Tage später kam Esther, um für die letzten Zeichnungen zu sitzen.

„Esther“, meinte Max zu seinem nackten Modell, „der Wolfgang meint, ihr solltet schon vor der Ausstellung nach Palma fahren, möglichst bald sogar, das sei sicherer… Er glaubt, Dein Alter könnte ein paar böse Verbindungen haben und sie spielen lassen…“

„Was meinst Du mit „böse Verbindungen“?“

„Mafia“.

„Oh Gott, in was geraten wir da? Scheiße!“

„Wolfgang meint, er habe das schon im Griff… gemeinsam mit ein paar Kumpels.“

„Wolfgang? Dein Wolfgang? Sprechen wir von dem Wolfgang, der es mit Deiner Verkäuferin treibt?“

„Wie, was? Was treibt der mit Frau Lucchetta?“. Er schaute Esther verblüfft an, und ließ die Hand mit dem Zeichenstift sinken, „habe ich da was verpasst? Das war kein Quatsch neulich?“

„Du musst Eier auf den Augen haben, wenn Du nichts bemerkt hast“.

„Hhm, tatsächlich? Naja, eigentlich gönne ich es ihnen ja beiden“.

„Also dieser Wolfgang soll uns beschützen? Das ist nicht dein Ernst – er gegen die Mafia?“

„Naja, erstens wissen wir nicht, ob Dein Mann wirklich Beziehungen zu denen hat…“

„Ich habe in den letzten Tagen darüber nachgedacht“.

„Isst er gerne Pizza?“, lachte Max.

„Nein, sei doch mal ernst, wenn ich mir genau überlege, könnte das schon sein. Nicht Pizza, Max, Mafia! Man hört doch so viel davon, dass die Mafia Gelder in deutsche Bürohochhäuser investiert. Und genau das ist der Geschäftsbereich von Arschloch, ich meine meinem Gatten! Und er, der eigentlich eine Plaudertasche ist, redet nie darüber. Darf er nicht, behauptet er. Und – er kriegt dicke Prämien, ganz dicke…“

„Oh je“, meinte Max, „nichts Genaues weiß man nicht, aber Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste“.

Er zeichnete weiter.

Schließlich holte er einen von Janas Glasdildos und gab ihn ihr. „Nö“, sagte sie, „erstens ist der ganz kalt und zweitens, der ist viel zu groß für mich“.

„Wird schon gehen… Du sollst ihn Dir ja auch nur hinhalten, ich zeichne ihn Dir schon rein…“. Er zeichnete sie so, wie es sich der Galerist wohl vorgestellt hatte – ziemlich happig eben.

Sie wechselte ein paar Mal die Positionen.

„Das wird der reinste Porno“, meinte sie nach einer Weile.

„Das wolltest Du doch“, antwortete Max, „das soll ihn doch umhauen, oder? Das wird „soft“ nicht gehen. Nicht süßes „Knocking on heavens door“, wir brauchen eher hartes „Highway to hell“, glaube ich. Der ist doch Hardcore gewohnt, wenn man Deinen Fotos glauben darf”.

„Ja, ja, schon, mag ja sein, Max! Aber langsam reicht es mir, Max, es langweilt mich. Das bin doch nicht ich“. Sie deutete auf die Mappen mit den bereits fertigen Zeichnungen. „Die haben zwar mein Gesicht und meinen Körper, aber der Rest...“

„... ist reine Fantasie, meine Fantasie“, meinte Max, „aber ich gebe zu, ich finde es ziemlich stark, Dich da als mein Modell so vor mir zu haben. Aber gut, es reicht wirklich, Esther, den Rest kann ich ohne Dich machen, da brauche ich Dich nicht für… Aber sollten wir uns oben noch ein wenig entspannen? Ich meine, ich bin ziemlich verspannt“, und deutete auf seinen Schoß. „Dich immer so anschauen zu müssen, das macht scharf!“

„Wie scharf?“, fragte Esther

„Auf einem Maßstab von einer bis zehn Chillischoten bin ich bei zwölf…“

„Dann“, sagte sie und erhob sich aus ihrer Model-Lage, angelte mit einem Fuß nach der noch nicht angezogenen Pantolette und mit der Hand nach ihrem Negligé (sie war eben immer perfekt ausgestattet – ganz so, wie die Situation es erforderte, wie sie glaubte), „sollten wir das ausnutzen bevor die Mafia uns findet! Gehen wir, zwölf Chillis, das hört sich gut an, mein lieber Pancho Villa – irgendwie nach Waffengleichheit… Ich bin nämlich auch da bei zwölf, glaube ich.“

Als er die einige herumliegende Zeichenblätter noch in der Mappe verstaute, rief sie ihm von der Treppe zu: „mann trödelt nicht so rum, wenn frau scharf ist. Das könnte frau als unhöflich betrachten…“

In den nächsten Minuten war er sehr höflich, und er führte sie – oder war sie es, die ihn führte? – zu mehreren Höhepunkten. Der Alpenhauptkamm sei ein Scheiß dagegen, sagte sie hinterher ganz undamenhaft und fragte dann, wer denn schon eine richtige Dame im Bett wolle? Doch wohl kein Mann von Verstand?

Dem konnte er bedingungslos zustimmen. Er befand, dass die Sportart des Nacktgipfelns seine volle Gnade fände, aber es brauche eben vor allem die richtige Gipfel-Partnerin…

Worauf sie wiederum erwiderte, dass sie immerhin eine verheiratete Frau sei und nur manchmal Zeit für die Berge habe, nacktgifeln hin oder her. Und auch, wenn das nächste Ziel in Mallorca erreicht sei, wollte sie die noch zu gewinnende Freiheit erst einmal genießen. Dabei könne sich natürlich herausstellen, dass er als Bergführer der am besten geeignete sei. Aber davor stünde noch ein großes „vielleicht“ und viele Tests.

Max schaute sie nachdenklich an.

Sarah

Ein paar Tage vergehen. Die Zeichnungen für die Ausstellung in Palma waren fertig geworden. Das Gemälde war gerahmt und per Kurier an die Galerie verschickt worden. Das Plakat war in Druck – alles im Plan, befand Max.

Wolfgang hatte sich die zwanzigtausend Euro abgeholt und – wie er es formulierte – „gut angelegt“. Sicher wie in Abrahams Schoß wären sie auf Malle, hatte er betont, sie brauchten sich keine Sorgen zu machen. Alles sehr professionell, hatte er betont und sonst nichts weitergesagt.

Max hatte ihn gefragt, ob er den Alfa für die Fahrt haben wolle, denn schließlich habe er ja nur ein paar Mappen und das Reisegepäck für zwei Personen zu transportieren. Wolfgang hatte dankend abgelehnt und betont, bei der Summe sei auch ein „sicheres“ Auto inklusive gewesen.

Max arbeitete nun bereits am Plakat für die Ausstellung in Venedig, als Frau Lucchetta von unten heraufrief, dass die Nixe da sei und ob er Zeit habe?

Er lief die Treppe hinunter und umarmte Sarah herzlich: „Schön Dich zu sehen, Zeit für einen Café?“

Ja, die Zeit habe sie, sie wolle nur mal reinschauen und hallo sagen, schließlich habe man sich diverse Tage nicht gesehen…

„Warte einen Moment, bitte“, sagte er, „ich habe da etwas für Dich…“

Sarah schaute Frau Lucchetta fragend an, die zuckte nur mit den Schultern: „Keine Ahnung, was er meint“, sagte sie.

Da kam er aber schon wieder die Treppe hinunter, ein großes flaches Paket in der Hand. „Für Dich!“, sagte er, „Dein Ersatzbadeanzug!“

„Ehrlich?“, stammelte sie, „der Maßanzug…?“

Max nickte. „Ja“, sagte er, „nichts Besonderes…“

„Da können Sie sich aber Sie schreiben“, kommentierte die erstaunte Frau Lucchetta, „das ist das erste Mal, dass er so etwas verschenkt…“

Als Sarah das Paket öffnen wollte, stoppte Max sie: „Zuhause aufmachen!“, sagte er, „Überraschung! Komm“, er nahm sie an der Hand, „gehen wir zu Giovane nach nebenan, Frau Lucchetta…“

„Schon klar, Chef, ich halte die Stellung. Außerdem wollte Wolfgang auf einen Sprung hereinschauen“.

„Schließt hinter Euch ab“, meinte Max grinsend, „wenn Ihr nach oben geht“.

Frau Lucchetta griff mit der Hand hinter sich auf den Verkaufstresen, fand ein Höschen, warf es in Richtung Max: „Sieee…“, schimpfte sie und lachte gleichzeitig.

Sarah schaute Max auf den paar Metern zu Giovane fragend an: „Das muss ich jetzt nicht verstehen, oder?“

„Nein, musst Du nicht, sind Geschäftsinterna“.

„Aha!“

Sie bestellten „due Espressi“ (was Giovane in zwei Espressos übersetzte) und Wasser „con Gas“ (mit Kohlensäure) und setzten sich. Rundherum wurde telefoniert – als Max fragend in Richtung Giovane blickte, schaute der ihn bittend an und schüttelte leicht mit dem Kopf. Max nickte ihm zu und zog die Schultern etwas hoch, er hatte den Jammer eh nicht dabei, das empfand er zwar als einen Jammer, aber was soll`s, dachte er.

Als Giovane Espresso und Wasser an den Tisch brachte, sagte er leise „danke“ zu Max. Sarah schaute Max an und fragte, warum er sich bedankt habe? „Männergeschichten“, antwortete Max.

„Hast Du Geheimnisse vor mir?“, fragte Sarah, „erst die Sache mit Frau Lucchetta, dann Giovane?“

„Nein“, sagte Max, er habe keine Geheimnisse und erzählte vom Jammer, den er ab und zu in der Hosentasche trug.

„Ach so“, sagte Sarah, „dann ist es ja nur gut, dass ich mein Handy nie verwende – oder fast nie“.

Naja, so schlimm sei das ja auch nicht, sagte Max, nur nicht immer und überall. Und dass sie damals auf dem Parkplatz vor dem Dantebad kein Handy dabeigehabt habe, sei doch nur gut für sie gewesen, oder? Sonst hätte sie den ADAC gerufen und er hätte keine Chance bekommen, ihr einen Badeanzug anzupassen.

Da stimmte sie zu und lachte.

„Sag mal“, sagte er etwas später als sie „Gott und die Welt“ durch hatten (es sei nicht verschwiegen, dass Max sehr wohl auch mal ein Schwätzer sein konnte), „könntest Du für ein paar Tage Mr. Spock versorgen. Ich muss drei oder vier Tage nach Mallorca?“

„Mit welcher Dame denn diesmal?“, fragte Sarah mit etwas Spitzigkeit in der Stimme.

„Für eine Ausstellungseröffnung, und die Sache ist etwas heikel…“

„Wegen eines Ehemannes?“, lachte sie etwas unfroh.

„Naja, in gewisser Weise schon, aber anders als Du denkst. Glaub mir, es könnte sein, dass es besser ist, wenn Du weniger weißt. Jetzt jedenfalls. Später kann ich Dir`s vielleicht erzählen. Du musst mir jetzt bitte einfach glauben. “

„Also die Katze und ich…?“

„Ja, Du kannst bei mir einziehen, oder Du musst zweimal am Tag hingehen: Füttern, Katzenklo säubern und Schmusen… Er ist eben ein Kater.“

„Schmusen liegt mir“.

„Ich weiß“.

„Mit Katzen“.

„Ach so, ich dachte, eher generell…“

„Ja!“

„Ja, was?“

„Ich mach`s.“

„Danke, willst Du bei mir einziehen?“

„Aber nur für die drei Tage!“

„Könnten aber auch vier oder fünf werden“.

„Schon gut! Was soll ich den Damen sagen, die kommen werden?“

„Da wird keine kommen!“

Sie schaute ihn skeptisch an: „Das kannst Du sonst wem erzählen“.

„Nee, ehrlich. Da kommt niemand!“

„Wir werden es ja sehen – und wenn eine anruft?“

„Da ruft auch keine an!“

„Seit wann lebst Du ohnegam?“

„Ohnegam?“

„Monogam wäre mit einer Frau, ohnegam ist ohne Frau – oder so…, glaube ich.“

Er lächelte sie an: „In meiner Wohnung: Ohnegam! Immer! Seit ich Witwer bin“.

„Du warst verheiratet? Sie ist gestorben?“

„Ja und ja!“

„Willst Du darüber reden?“

„Jetzt nicht – vielleicht, wenn ich zurückkomme“.

„Du musst nicht darüber reden, wenn Du nicht willst, nicht mit mir.“

Er schaute an ihr vorbei: „Ach, vielleicht wäre es mal ganz gut – und gerne mit Dir; gib mir nur ein bisschen Zeit. Und behandle Mr. Spock gut…“

„Mr. Spock?“

„Den Kater. Er hat so spitze Ohren. Wie Mr. Spock“.

Sie lachte. „Ist er auch so trocken?“

Jetzt schaute er sie blöd an.

„Sein Humor, meine ich, ist der auch so trocken?“

„Weiß nicht“, sagte Max, „er redet so wenig…“

„Ist Spock auch so ein Frauentyp wie Du?“

„Mein Mr. Spock ist, glaube ich, schon ein Frauentyp, wenn´s Katzen sind“.

„Hast Du Schlüssel für mich? Und die Adresse brauche ich, wir haben uns ja nur immer im Laden getroffen“.

„Stimmt, das war mit gar nicht bewusst. Hättest Du denn noch etwa eine halbe Stunde? Wir nehmen uns ein Taxi und ich stelle Dir Mr. Spock vor, darauf wird er Wert legen, schätze ich.“

Sarah hatte mindestens noch eine Stunde, bestand allerdings darauf, mit dem Integrale nach Schwabing zu fahren, er habe doch sicher einen Parkplatz dort?

Sie nahmen den Aufzug aus der Tiefgarage in das oberste Stockwerk und Max sperrte an der aus massivem Eichholz gefertigten alten Flügeltüre drei Schlösser auf. „Wohnst Du in der Bank von England“, wollte die verdutzte Sarah wissen, Max lachte.

„Nein, aber mach es Dir auch zur Gewohnheit, Du wirst den Grund gleich sehen.“

Sie betraten einen breiten Flur, alle Zimmertüren, die man dort sehen konnte, standen leicht offen. Max legte seinen Schüsselbund ab, sah sich suchend um und rief laut „Kommkommkomm, Besuch“, aber nichts tat sich. „Wir beide sind hier immer allein“, meinte Max schon fast entschuldigend zu Sarah, „die Putzfrau erkennt er am Schritt, und Hunger hat er wohl gerade nicht. Setz Dich mal, ich suche Dir inzwischen die Zweitschlüssel und dann noch etwas“. Damit verschwand er in einem Nebenraum.

Was Sarah in dem großen Zimmer sah, gefiel ihr. Das war Max Wohnraum, vermutete sie. Sehr viel Licht fiel auf den blanken, honigfarbenen Holzparkettboden, wenig Mobiliar, modern und schlicht, ein alter, ziemlich großer Bauernschrank neben einer intensivfarbigen Plastik. Hinter ihr klirrte leise Glas, dann noch mal, und dann machte sich auf dem Bauernschrank ein Schatten an der Wand bemerkbar. Mit erstaunlich spitzen Ohren. „Kommkommkomm“, lockte jetzt auch Sarah, allerdings bedeutend leiser als vorhin Max. Sie blieb ganz ruhig sitzen und wiederholte „Kommkommkomm“.

An der vorderen Kante des Bauernschrankes erschien eine weiße Pfote, man sah die Ballen, sie waren schwarz. Oh, dachte Sarah. Ein Dreckspatz oder was ganz Edles, mal sehen. Sie lockte jetzt fast unhörbar: Ein Katzenkopf schob sich neben die Pfote. Grüngraue Augen musterten Sarah genau.

„Na?“, Sarah streckte langsam den Arm aus und es dauerte nur wenige Minuten bis – ein eleganter Sprung – ein ganzer Kater vom Bauernschrank sprang, neben ihrem Sessel sanft landete, sich mit den Vorderpfoten auf ihre Oberschenkel aufstützte, unverhohlen schnupperte und – ein geschmeidiger Satz – auf Sarahs Schoß Platz nahm. Grüngraue Augen waren mit ihren Augen nun fast gleichauf.

Was sie sahen, schien nicht nur Max zu gefallen: Der Kater drehte sich zweimal, dann ließ er sich mit einem tiefen Brummen auf Sarahs Schoß nieder, drückte sich an ihren Bauch und schnurrte laut. Sarah saß nicht sehr bequem, wollte sich aber nicht bewegen, so gerührt war sie über das – wie ihr schien – zutrauliche und schöne Tier. Ganz leicht nur streichelte sie den Kopf des Katers zwischen den Ohren, ja, Spock ließ grüßen.

„Ich wusste es! Frau Lucchetta würde wieder sagen, dass Du Dich Sie schreiben kannst. Das macht er nämlich sonst nie, nur bei mir“. Max war hereingekommen, ein bisschen stolz sah er ja schon aus. Sarah streichelte weiter.

„Ab jetzt, Mr. Spock“, Max nahm den Kater von Sarahs Schoß, setzte ihn auf seinen Arm. „Wir sollten Sarah zeigen, wo das Futter ist und Deine sonstigen Vorräte und ein paar Geheimnisse. Ihr werdet noch genug Zeit für Euch haben. Kommst Du auch Sarah?“

Der Wohnungsrundgang hielt noch einige Überraschungen für Sarah bereit. Sie lernte den ganz anderen Max kennen, aber der gefiel ihr nicht weniger, als der Mann, den sie schon kannte.

Und Mr. Spock hatte eine Eroberung gemacht oder war es umgekehrt?

Als sich Max und Sarah endgültig von Mr. Spock „für heute“ verabschiedeten, sprang der Kater ansatzlos auf die Klinke der Wohnungseingangstüre.

„Heißt das jetzt, ich soll endlich verschwinden?“

„Nein, kannst mal wiederkommen, heißt das“ beruhigte sie Max laut und leise sagte er, „aber absperren, wir teilen nicht gerne, was uns lieb ist.“

Sarah

Zuhause legte Sarah das Paket auf den Couchtisch, schlupfte aus den Pumps, holte sich barfuß ein Glas Wein und die Zigaretten aus der Küche, setzte sich in ihren Lieblingssessel und zündete sich eine Zigarette an, inhalierte einmal tief, atmete aus (der Rauch ringelte sich langsam durch die Luft)  und legte dann die Zigarette in den Aschenbecher.

Dann nahm sie das ganz in Schwarz eingepackte Paket – schwarzes, sich teuer anfühlendes Papier und eine schwarze Schleife, die alles zusammenhielt – in die Hand. Das Paket war nicht verklebt, es war zugenäht… – stilvoll, fand sie. Es war wirklich groß, aber ziemlich flach. In der Mitte war eine Verdickung.

Sie öffnete die Schleife des breiten Bandes, das das Paket zusammenhielt, öffnete nun eine Naht und nahm zuerst das ebenfalls ganz in Schwarz eingepackte Innenpäckchen heraus und öffnete dessen Schleife – es enthielt den Badeanzug: Ganz schlicht monochrom in Rot. Er sah schon bequem aus, als sie ihn nur in der Hand hielt, das Material seidigste Elastizität in mattem Glanz.

Sie nahm einen weiteren Zug aus der Zigarette, dachte einen Moment nach, dann zog sie sich schnell aus und den Badeanzug an: Auf den ersten und zweiten Blick: Perfekt.

Sie probierte ihn gleich an. Er saß „wie eine eins“ und obwohl sie nur den weichen Stoff auf ihrer Haut spürte, fühlte sie sich irgendwie gehoben und verschlankt, einfach schön. Sie ging zum Spiegel und schaute sich an: Verdammt gut, fand sie, sah sie aus. Sie drehte sich und wendete sich, der Eindruck blieb: Klasse!

„Wenn Dir etwas Gutes widerfährt… Darauf einen Dujardin“, kam ihr plötzlich in den Sinn und sie trank einen Schluck Wein. Prost, Max, dachte sie, Du hast es wirklich drauf. Nähen kannst Du – und bumsen wie ein Junger, nur viel zarter! Zwei Gründe mehr, sich bald mal wieder mit ihm zum Schwimmen und so zu verabreden, fand sie. Wenn er aus Mallorca zurück wäre – dann aber bald.

Sie setzte sich wieder und öffnete die Mappe, die – wie konnte es anders sein – natürlich auch schwarz war und mit einer schwarzen Schleife verschlossen. Eine Handbewegung und die Schleife war auf. Sie legte die Mappe auf den Tisch, räumte Aschenbecher und Glas beiseite, weil die Mappe sonst nicht plan gelegen hätte und sah… Sich! Das oberste Blatt war ein Porträt von ihr, darunter fanden sich verschiedene Akte (immer nur sie) und darunter Blätter, auf denen er Sarah und sich selbst in sparsamsten Strichen dargestellt hatte.

Jedes einzelne Bild ein Kunstwerk, fand sie. Nun war sie nicht unbedingt als Kunstexpertin zu bezeichnen, aber die Blätter gefielen ihr und das sprach doch für ein bisschen Kunstverstand, denn sie waren wirklich gut. Objektiv betrachtet!

Ganz unten in der Mappe fand sie einen Zettel, auf dem er geschrieben hatte: „Für mein Lieblingsmodell Sarah“, und dann noch „vielleicht ja auch mal mehr? Dein Max“.

Sie blätterte die Mappe mehrfach durch. Ihr Kopf war irgendwie leer, sie sah nur, wie liebevoll die Zeichnungen gestaltet waren. Das waren keine schnell hingehuschten Zeichnungen, keine Entwürfe oder Skizzen – das waren vollständig ausgearbeitete Kunstwerke!

Max, dachte sie, was soll ich davon halten? Und was von „vielleicht auch mal mehr?“.

Dann nahm sie den Umschlag – er war nicht schwarz, ein ganz normaler gefütterter brauner Standardumschlag wie Tausend andere auch.

Als sie ihn öffnete, fiel ihr zuerst ein Schlüssel in die Hand, sie schaute ihn verwirrt an: „Was soll das denn?“. Sie schaute in den Umschlag, und siehe da, da war noch ein Blatt drin. Sie fingerte es heraus und las, dass sie, wenn ihm in nächster Zeit etwas zustoßen sollte, zur Bank unter der angegebenen Adresse gehen, und dort ein Schließfach öffnen sollte – der Schlüssel sei Ausweis genug. Alles Weitere würde sie dort erfahren. Aber es werde schon nichts passieren, weil es auch keinen Grund gäbe, und er wäre auch bald wieder da, heil natürlich, dann solle sie ihm den Schlüssel einfach wiedergeben.  

Und dann stand da noch, sie solle bitte gut auf Mr. Spock aufpassen, nicht dass der in einen Beamer geraten würde.

Tausend Küsse und Danke und Auf Bald…

Sie zündete ihre Zigarette wieder an, zog ein paarmal daran und trank den Rest Wein. Was sollte das denn sein? Und was befürchtete er, du lieber Himmel? Hatte er sich auf irgendetwas eingelassen, was gefährlich werden konnte? Spielte er womöglich tapferes kleines Schneiderlein?

Sie saß noch lange in ihrem Badeanzug da und dachte nach – kam aber zu keinem Ergebnis. Wie sollte sie auch? Dann wurde ihr etwas kalt und der Boden der Flasche war sowieso erreicht, also ging sie schlafen. Sie träumte wirres Zeug und schlief unruhig.

Mallorca.

Die Einladungen waren verschickt, alles war vorbereitet.

Esther hatte ihren Mann angerufen und ihm erzählt, sie würde die Ausstellung unbedingt sehen wollen, schließlich sei es ja „ihr“ Künstler und sie sei auch eines der Modelle gewesen – hatte ihm dabei ein paar „harmlose“ Bilder gezeigt, u.a. von der Ausstellung in Venedig.

Und sie würde natürlich gerne „in Begleitung“ gehen – und mit wem sonst, bitteschön, als mit ihm, ihrem angetrauten Ehegespons… Und schließlich habe sie ja auch häufig genug für ihn die treue Gattin gespielt, obwohl sie doch beide alles gewusst hätten… Und einmal könne er ihr doch noch einen Gefallen tun, er würde es sicher nicht bedauern!

Davide hatte schließlich zugesagt und er hatte ihr hoch und heilig versprochen, zur Vernissage zu kommen, denn er sei in den Tagen eh auf der Yacht in Palma – Geschäfte, hatte er ergänzt. Von der Yacht, die er meist abfällig nur als Boot bezeichnete, wären es ja nur ein paar Hundert Meter in die Innenstadt von Palma.

Wahrscheinlich kämen dann auch die italienischen Geschäftspartner, denn ein intensives Arbeitstreffen stünde an. Es sei ein großes Projekt zu besprechen, es gehe um sehr viel Geld, naja, Business as usual, eigentlich.

Ja, hatte sie sich gedacht und ihn dabei angelächelt als wüsste sie von nichts, ihr wascht mal wieder Drogengeld oder Gewinne aus Menschenhandel und dann fickt Ihr Euch die Seele aus dem Hals – und Du hast wieder die Jüngsten, die noch nicht nach Frau aussehen, die, die so schwach sind, dass sie sich nicht wehren können und die so aussehen, als wären sie noch Kinder, Du Schwein.

Er hatte weitergeredet, als ob es sie interessiert hätte:  Richtig beladen mit Verantwortung hatte er ausgeschaut! Welch ein Schauspieler ist an ihm verloren gegangen, hatte sie gedacht.

Aber er tue das ja nicht für sich, hatte er ihr erzählt, als ob sie noch zusammenleben würden und er ihr etwas vormachen müsse, die deutsche Wirtschaft brauche das Geld, damit sie weiter brummen kann. Da habe er schon eine größere Verantwortung, als die meisten sich vorstellten. Und die dummen Politiker erst, das Geld nehmen sie und dann wollten sie von nichts wissen…

Da müsse er durch, andererseits, dafür werde er ja auch gut bezahlt und sie genieße das ja ganz offenbar auch ziemlich, seit er ausgezogen sei, er brauche sich ja nur die letzten Kreditkartenauszüge anzuschauen. Aber er wolle nicht vom Geld reden, das könne sie ruhig ausgeben, über Geld rede man nicht, man habe es oder man gebe es aus, hahah…

Eine Bitte habe er auch: Mit Männern müsse sie bitte diskret sein, er können sich keinen Skandal leisten nicht einmal den kleinsten – in seiner Position stehe man schließlich unter Beobachtung. Wenn sie da nicht spure, dann könne er richtig unangenehm werden, das wisse sie ja wohl noch und die letzte Abreibung sei ein Nichts gewesen, gegen das, was sie erwarte, wenn sie ihm irgendwie in die Quere komme mit Männergeschichten. Wen sie durch ihr Bett treibe, sei ihm inzwischen scheißegal, nur: „Diskretion!“. Aber das scheine sie ja auch zu beherzigen – aber wehe, wenn nicht.

Dass sie es mit Männern treibe, das sei schon okay, hatte er sie nochmals beruhigt, er freue sich ja, wenn es seiner geliebten Esther gut ginge, und brauchen täte sie es ja auch…

Wenn die Ausstellung so wichtig für sie sei, würde er gerne kommen, vielleicht müsse sie sich einmal revanchieren, man wisse ja nie. Wo sie denn wohne auf Mallorca?

Gedacht hatte sie: „Du Schwein, Du dummes Schwein – Du willst doch wieder Deine jungen Mädels vögeln, naja, nicht mehr lange“.

Gesagt hatte sie und ihn dabei angelächelt, sie würde die nächsten Tage auf der Finca einer Freundin in der Nähe von Portocolom verbringen; telefonisch sei sie schwer zu erreichen – das spanische Telefonnetz, auch das Mobilnetz, falle ja andauernd aus, er kenne das ja, er sei ja schließlich auch nicht zu erreichen, wenn er auf der Yacht sei.

Sie solle nur froh sein, hatte er erwidert, dass sie auf dieser Finca sicherlich von sehr viel netteren Menschen umgeben sei als er, der doch nur arbeiten müsse und sich „diese dummen Menschen“ antun müsse. Um welche Freundin es sich handelte, hatte ihn nicht weiter interessiert.

Klar, hatte er erwidert, er sei ja telefonisch auch fast nicht zu kriegen; höchstens über das Sekretariat, aber die wüssten ja schließlich immer, wo er sei.

So hatte man sich mit Küsschen! (sie hatte sich fast übergeben müssen) verabschiedet und für ein Treffen in der Galerie in Palma verabredet.

Wolfgang hatte sich für die Fahrt nach Mallorca verabschiedet. Er würde über Zürich, Genf, Grenoble und Nimes nach Barcelona fahren und von dort die Fähre nach Palma de Mallorca benutzen.

Er hatte gesagt, er würde sich viel Zeit lassen und in der Nähe von Perpignan einen Freund aus alten Tagen besuchen und deshalb insgesamt drei Tage unterwegs sein.

Max und Esther sollten vier Tage später nach Palma fliegen. Sie würden ab sofort unter Beobachtung stehen. Gebt Euch keine Mühe, Ihr werdet sie nicht wahrnehmen, geschweige denn erkennen, hatte er gesagt. Ihr seid sicher.

Er hatte Recht behalten. So sehr sich Max und Esther auf dem Flughafen auch bemühten, sie konnten keinen Schutzengel entdecken. Immer wenn sie glaubten, jetzt hätten sie zumindest einen identifiziert, war der bald darauf auf nimmer wiedersehen verschwunden.

Die Maschine ging erstaunlich pünktlich und landete nach ziemlich genau zwei Stunden auf dem Flughafen von Palma.

Der Weg vom Gate zur Gepäckausgabe zieht sich in Palma bekanntlich, er scheint nicht mehr enden zu wollen.

Als sie ihr Gepäck endlich vom Band genommen und die restlichen wenigen Schritte zum Ausgang gemacht hatten, überfiel sie mit einem Schlag die Hitze.

„Da drüben ist er“, sagte Max und deutete auf den winkenden Wolfgang, „komm lass uns gehen – ich schmelze sonst“.

Wolfgang kam ihnen entgegen und nahm Esthers Gepäck. „Hallo“, sagte er, „willkommen in der Hitze von Palma, alles klar? Ist irgendetwas passiert?“

„Nein“, sagte Max, „problemlos. Und hier?“

„Die Bilder sind gerahmt und gehängt, und ich habe ein nettes Nest für uns gefunden. Lasst Euch überraschen“.

Damit hievte er das Gepäck in den Gepäckraum des Mercedes. Als die Türen satt ins Schloss fielen, streichelte er das Lenkrad und dreht sich zu Max im Fond um: „Der reinste Panzer!“

Er ließ den Motor an, den man fast nicht hören konnte, so leise lief der und fuhr los. Er nahm die Autobahn in Richtung Palma, fuhr dann in Palma zunächst die Autopistade Llevant am Hafen entlang. Sie alle hatten im Moment nicht den Sinn dafür, die schöne Strandpromenade oder den grandiosen Blick auf die Kathedrale La Seu zu genießen, ließ das Museum der modernen Kunst Es Baluard rechter Hand liegen – sie hingen ihren Gedanken nach… Schließlich fuhr Wolfgang auf dem Passeig Maritim am unendlich groß erscheinenden Yachthafen entlang, der Platz für (gefühlte) Tausende Boote und Yachten bot.

„Irgendwo dort ist er jetzt wahrscheinlich und vögelt ein Mädchen, das wahrscheinlich noch zur Schule geht“, sagte Esther abfällig, „das Schwein!“, und schaute demonstrativ vom Hafen weg auf die Hotels an der Promenade. „Das Schwein!“, flüsterte sie noch einmal leise und weinte vor sich hin. „Wie konnte ich den nur einmal geliebt haben, wie konnte ich nur?“. Aber das verstanden die beiden Männer nicht, so leise war es.

Wolfgang gelangte schließlich auf die Autobahn in Richtung Port d´Andratx. Sie passierten Palmanova und Wolfgang nahm die nächste Ausfahrt nach Magaluf.

Aber bevor er in den Ort kam, der als Ganzes der „Ballermann“ der Engländer ist – bog er nach rechts ab und folgte der bergigen Straße nach Sol de Mallorca. Hinter dem alten Kasino bog er nach links ab, dann noch ein oder zweimal nach rechts und links – sie fuhren an großen Villen hinter hohen Mauern vorbei, viele wurden zum Verkauf angeboten.

Schließlich hielt er am Ende einer kurzen Sackgasse, die vom Carrerer Illa del Sack wirklich wie ein Sack abging, vor einem supermodernen Bau aus Stahl und Glas.

„Wow“, sagte Max und ging die wenigen Schritte auf das Tor zu, „schönes Häuschen…“

„Nix da“, meinte Wolfgang und zeigte auf einen kleinen Eingang ein paar Meter weiter, „da geht`s rein, das da“, er zeigte auf den Prachtbau „hat viel zu viel Glas für unsere Zwecke. Das nicht sicher genug. Wir haben ein klassisches mallorquinisches Haus: Viel Mauern, kleine Fenster. Sehr sicher!“

Er nahm das meiste Gepäck, Max nahm den Rest und sie gingen zu der kleinen Tür, für die Wolfgang einen Schlüssel hatte.

„Eine Garage ist auch da“, Wolfgang zeigte auf ein verstecktes Garagentor, „wichtig für die Sicherheit, dass unser Auto nicht auf der Straße bleibt!“. Er schloss die Haustür auf und sagte: „Sucht Euch Eure Zimmer aus, ich fahre den Wagen rein“.

Nach einem kurzen Rundgang fanden sie das Haus ausgesprochen hübsch und von innen größer als es von außen geschienen hatte – und es war kühl!

Sie richteten sich ein, jeder hatte sein Zimmer gefunden und am Abend fuhren sie nach Palma, um den Galeristen zu begrüßen und die Hängung der Bilder zu überprüfen. Der Galerist begrüßte Esther mit Handkuss und gratulierte Max zur Qualität der Bilder und dazu, dass diese „Göttin“ von Frau Esther ihm offenbar wochenlang Modell gesessen hätte. Er sei ein Glückspilz, ein unglaublicher…

Sie fanden alles OK.

Den besten Platz hatte das übergroße Gemälde mit dem Esel – man sah es direkt, wenn man die Galerie betrat, da es dem Eingang gegenüber hing.

„Gut so“, befanden sie und gingen auf ein für deutsche Verhältnisse spätes Abendessen mit dem Galeristen, der sie in Erwartung der kommenden Geschäfte gerne in ein Restaurant in der Nähe der Placa Espanya einlud.

Das Restaurant brodelte vor Menschen, die Kellner waren zuvorkommend, das Essen gut und der Wein hervorragend.

Wolfgang blieb draußen vor dem Restaurant und wachte, so gehörte es sich für einen Bodyguard, erklärte er Esther und Max.

Bei dem Wort Bodyguard wurde der Galerist etwas nervös: „Ist da etwas, was ich wissen sollte?“, fragte er Max, als Esther sich einmal die Nase pudern war. Max beruhigte ihn mit dem Hinweis, dass sie eine sehr, sehr reiche Erbin sei und eine Prominente, die nur zu ihrem Vergnügen als seine Managerin und sein Modell „arbeitete“.

Der Galerist lachte befreit auf und gab vor, alles verstanden zu haben.

Sie sprachen über alle möglichen Themen. Unter anderem über den gemeinsamen Bekannten, den Galeristen in Venedig und natürlich über Max´ in wenigen Wochen geplante Ausstellung dort.

Wolfgang war ein wenig nervös gewesen wegen der vielen Menschen im Restaurant – aber es war ein netter Abend und man verabredete noch ein paar Tappas aus dem Lokal für die Vernissage am übernächsten Abend kommen zu lassen.

Am späteren Abend saßen Esther, Max und Wolfgang bei einem Glas Wein zusammen.

„Und wenn er nicht umfällt?“, fragte Esther.

„Bei den Bildern? Der kriegt seinen Infarkt, so sicher ich hier stehe“, meinte Wolfgang nachdenklich und schaute in sein Glas Rotwein und roch daran, „gut“, meinte er.

„Was ist gut?“, fragte Max.

„Der Wein“.

„Ach so“.

„Ja“.

Pause

„Aber wenn er nun den Infarkt kriegt und nicht… äh… ich meine…“, stotterte Esther.

„Nicht tot umfällt, meinst Du“, antwortete Wolfgang leise.

„Ja“.

„Keine Sorge, wenn er zusammensackt, stirbt er auch!“

„Woher willst Du das wissen?“, fragte Esther.

„Frag nicht, ich weiß es“.

„Ja“, sagte Max, „manchmal ist es besser, nicht alles zu wissen“.

„Aber woher will Wolfgang das wissen, ich meine, nachher sitze ich mit einem Pflegefall von Schwein da“, insistierte Esther.

„Das wirst Du nicht – basta!“, sagte Wolfgang bestimmt, „garantiert nicht!“

Esther schaute ihn lange nachdenklich an. „Okay“, sagte sie schließlich, „ich glaube, ich habe verstanden“.

„Gut so“, antwortete Max, „darauf trinke ich…“, und hob sein Glas.

„Prosit! Auf die Sicherheit!“, sagte Wolfgang und erhob sein Glas.

„Auf Euch!“, sagte Esther und erhob ihr Glas als letzte, „auf Euch, meine Freunde!“

Sie tranken.

Und noch eine Flasche.

Dann gingen sie zu Bett, jeder in seines – Esther und Max war an diesem Abend nach nichts anderem zumute. Wolfgang telefonierte noch lange mit Frau Lucchetta…

Vernissage

Es kamen viele Gäste zur Vernissage, erstaunlich viele – meistens Männer ohne weiblichen Anhang, die Motive der ausgestellten Bilder schienen sich herumgesprochen zu haben.

Max und Esther kamen eine halbe Stunde nach der Eröffnung. Mit Erstaunen nahm Max zur Kenntnis, dass schon erstaunlich viele Bilder mit einem roten Punkt gekennzeichnet, also schon verkauft waren.

Der Galerist hielt eine kurze launige und erstaunlich kompetente Rede über erotische Kunst im Allgemeinen und die von Max im Besonderen. Und mit einer tiefen Verbeugung stellte er Esther als die Muse des Künstlers vor, als eine Frau, die man nur bewundern könne, ob ihrer Schönheit und ihres Mutes. Und nicht zuletzt wegen ihrer Geschäftstüchtigkeit als Max Managerin – da könne er ein Lied von singen. Die Ausstellung mache er übrigens nur der Kunst wegen, verdient sei bei den Preisen kaum ein Euro daran.

Bei den Konditionen sei sie, die Muse eher Managerin, also knochenhart gewesen, die Verhandlungen seien schwierig gewesen. Es sei ein Glücksfall diese einmalige Ausstellung hier in seine Galerie zu bekommen – aber schließlich habe man sich ja vor allem im Sinne der Kunstinteressierten und der Kunden, immerhin sei dieses ja eine Verkaufsausstellung, geeinigt.

Und die Gäste sähen ja, welche üppigen und anregenden Zeichnungen Max gemacht hätte – alles in Schwarz/Weiss. Farbe wäre wahrscheinlich sogar zuviel gewesen, so könne sich der Betrachter doch viel mehr auf die Motive konzentrieren, die es ja schließlich „in sich hätten…“

Er erhob sein Glas auf die Kunst ansich, auf den Künstler und seine Muse und - last but not least - auf die vielen interessierten Gäste. So viele Interessierte hätte er noch nie auf einer Vernissage gehabt – und sie seien ja sogar aus ganz Europa gekommen. Insbesondere begrüße er einige Herren von einer Bank, die er hier aber nicht nennen wolle, denn deutsche Banken und Spanien, das passe im Moment einfach nicht immer zusammen, haha…

Aber man sähe ja, dass die Deutschen es offenbar ganz schön faustisch oder hieße das faustdick hinter den Ohren hätten. Diese Motive hätte man doch eher einem mediterranen Künstler und dessen auch mediterraner Muse zugetraut als ausgerechnet den angeblich so trockenen und stocksteifen Deutschen.

Zum Schluss wiederholte er, die Gäste sollten doch bitte im Köpfchen haben, warum man sich hier versammelt habe – es sei eine Verkaufsausstellung mit Betonung auf „Verkauf“. Schließlich müssten Galeristen und Künstler ja auch von etwas leben...

Und wer sich umschaue, würde die roten Punkte an einigen Bildern sehen, die seien schon verkauft – man solle sich also schnell entscheiden, wenn man eines dieser einmaligen Werke besitzen wolle. Preisanstieg garantiert, denn diese Sujets würden immer gesucht! Die Assistenten würden den Kaufwunsch eines jeden gerne vermerken.

Damit war er fertig mit seiner Rede. Die Gäste holten sich Nachschub an Wein und Pappas und schauten sich neugierig die Bilder (sehr genau) an und diskutierten die Vorzüge der Muse (sehr genau), die auch in natural eine bella figural sei, eine wunderschöne Frau, man müsse Gott danken, dass er manchmal solche Frauen schaffe, solche Wunder der Natur – Göttinnen. 

Manch einer sprach Esther an, die an Max Arm durch die Ausstellung schritt, huldvoll lächelte und sich tief im Innersten doch in Grund und Boden schämte. Sie sammelte viele Komplimente ein und so manches unzweideutige Angebot.

Wolfgang schlenderte nicht weit von ihnen, jederzeit bereit zum Einschreiten.

Esthers Mann war noch nicht eingetroffen. Aber einige seiner Vorstandskollegen waren schon da, sie standen irgendwie unglücklich herum und schauten ziemlich bedröppelt, einige wütend! Einer grüßte Esther mit einem kurzen Kopfnicken und drehte sich wieder zu seinen Kollegen um, die in einer Gruppe zusammenstanden, als ob sie eine Wagenburg bilden müssten.

Einer nach dem anderen aus der Gruppe schaute in ihre Richtung. Schließlich löste sich einer und kam auf Esther und Max zu.

„Jetzt kommt der Obermotz“, sagte Esther leise zu Max. „Dann wird es jetzt spannend…“, antwortete der. Esther nickte zustimmend und hielt seinen Arm fester. Wolfgang stand plötzlich in ihrer unmittelbaren Nähe.

„Guten Abend, gnädige Frau“, sagte der Bankobermotz, „das da“ (und er zeigte mit dem Finger rund um sich auf die Bilder), „mag Kunst sein, wenn man dem galeristen Glauben schenken will. Ich nenne es Schweinkram und das wird Folgen haben für Ihren Mann, das werden wir uns nicht bieten lassen, dass die Gattin eines Vorstandes unseres Hauses sich zu so etwas herablässt, unbegreiflich. Haben Sie denn keinen Anstand im Leibe?“

In diesem Moment kam Esthers Mann flott durch die Tür, schaute auf das Bild mit dem Esel, blieb abrupt stehen, als ob er gegen eine Wand gelaufen wäre, und wurde blass, sah einige der anderen Bilder, die sich in seinem Blickfeld befanden, nahm wahr, was sie darstellten und dass es immer nur seine Frau war, die da in jeder Art und Weise in in jeder Körperöffnung sexuell benutzt wurde und es auch noch zu genießen schien. Die letzten Worte seines Chefs mochte er gehört haben oder auch nicht, jedenfalls fasste er sich an die Brust, schaute sich mit leeren Augen um, sank auf einen Stuhl, der in der Nähe stand, und glitt von dort auf den Boden.

„Was ist, Schatz“, rief Esther und: „Das ist mein Mann. Was ist denn los, Davide? Was hast Du? Was ist mit Dir? Ist denn kein Arzt da?“. Liebevoll kümmerte sie sich um den am Boden Liegenden.

„Da sehen Sie, was Sie angerichtet haben“, schimpfte sie den Bankobermotz an, „schämen sollten Sie sich und von Kunst keine Ahnung. Sie können ja nicht einmal eine zufällige Ähnlichkeit von Identität unterscheiden. Sie..., Sie... Kommafurzer, Sie! Die da, die auf den Bildern, die ist doch viel jünger als ich, das könnte ja meine Tochter sein, wenn Davide denn in der Lage gewesen wäre, mir eine zu schenken. Und glauben Sie im Ernst, ich würde mit einem Esel… Aber vielleicht doch eher mit einem Esel als mit Ihnen, Sie Esel… Da ist der Künstler – fragen Sie ihn doch, Sie…, Sie Idiot!“.

„Schatz!“, rief sie wieder und schlug Davide leicht auf die Wangen, „Schatz, Du darfst mich jetzt nicht verlassen! Ich liebe Dich doch, ich brauche Dich doch, Liebster!“, weinte sie. Sie war echt gut! Jetzt lag sie fast auf ihm und raunte ihm ins Ohr: „Du Schwein, glaubst Du, ich wüsste nicht was Du da im Hafen mit den Kindern treibst?“.

„Ein Arzt“, rief Wolfgang, der hinzugetreten war und andere Gäste davon abhielt, sich den beiden zu sehr zu nähern, „ist ein Arzt anwesend?“.

Er bückte sich und nahm Esthers Mann die Fliege ab und öffnete ihm dann den Hemdkragen. „Luft“, sagte er, „er braucht Luft! Wo bleibt denn der Arzt, verdammt?“.

Max betätigte den Schalter seines Jammers. In der allgemeinen Erregung fiel nicht auf, dass kein Handy, außer dem von Wolfgang zu funktionieren schien.

Denn Wolfgang hielt sein handy ans Ohr und schien jemanden in der Leitung zu haben: „Es kommt gleich Hilfe!“, rief Wolfgang, „pronto!“.

Da kamen auch schon zwei Männer herein, einer meinte, er sei ein deutscher Arzt, man solle bitte zurücktreten. Er zog ein Stethoskop aus der Tasche und horchte den Patienten ab. „Nicht so schlimm“, rief er laut in den Raum, „beruhigen Sie sich – es ist nicht so schlimm! Er wird es überstehen“.

Er holte sein Handy heraus, sah, dass es nicht funktionierte und sagte laut, dass das Netz offenbar ausgefallen sei und mit einem Krankenwagen daher nicht zu rechnen sei. Er habe aber seine Praxis glücklicherweise gleich um die Ecke, dort könne er dem Manne helfen, keine Sorge, das werde schon wieder, er sei schließlich Kardiologe.

Er bat den anderen, der mit ihm hereingekommen war, ihm zu helfen. Gemeinsam richteten sie Esthers Mann auf und führten ihn langsam hinaus. Davide machte sehr unsichere kleine Schritte zwischen ihnen.

Das sei nun seine Sache, sagte der Arzt sehr bestimmt in den Raum, ohne jemanden bestimmtes anzusprechen, und die anderen sollten doch einfach weitermachen, sie könnten eh nicht helfen…

„Bringen Sie ihn auf unsere Yacht, die liegt im Hafen“, darauf bestand der Obermotz, „wir haben selbst einen Arzt an Bord!“

Er nannte Liegeplatz und Bootsnamen. „Ich sage dem Hafenmeister und dem Kapitän Bescheid – man wird Sie erwarten“.

Aber auch sein Handy funktionierte nicht, weil Max immer noch den Jammer in Betrieb hatte. „Das geht bestimmt gleich wieder“, rief der Galerist, „das Netz fällt hier öfter mal aus“.

Was nicht stimmte, aber der Mann wollte rasch wieder Ruhe haben, nachdem sein Geschäft mit den geilen Bildern der Bankiersgattin so gut angelaufen war. Geschäft ist schließlich Geschäft!

Als Esther dem Patienten folgen wollte, wies der Arzt sie zurück. „Sie können nicht helfen, kommen Sie in einer halben Stunde nach… Wir bringen ihn zum Boot. Mein Wagen steht um die Ecke“.

Alle kümmerten sich jetzt plötzlich um Esther und bedauerten Sie, die arme und so schön üppige Gattin des beneidenswerten Davide.

Am nächsten Tag fand man die Leiche eines deutschen Bankers unter dem Bug „seiner“ Yacht im Hafen von Palma de Mallorca. Ertrunken nach einem Herzinfarkt, vermutete die Polizei. Wahrscheinlich sei er im Schmerz des Infarktes über Bord gefallen und ertrunken. Das sei ja vorstellbar, nicht wahr?

Ansonsten tat sie nicht viel, die Polizei, offenbar waren die richtigen Kanäle großzügig „bestückt“ worden – nicht zuletzt von einer deutschen Bank, die Geschäfte u.a. auf einer Yacht machte, die kaum jemals den Hafen verlassen hatte.

Alle Bilder waren noch während der Vernissage verkauft, bezahlt und in derselben Nacht abtransportiert worden. Was mit den Bildern geschah? Sie tauchten jedenfalls nie wieder auf.

Der Galerist war es zufrieden – das hatte es noch nie gegeben: Alle Bilder auf der Vernissage verkauft. Und dann zu den Preisen... Ebenfalls alle Plakate und Kataloge und sogar die übrig gebliebenen Einladungen hatten Käufer gefunden. Ihm waren nicht einmal Belegexemplare verblieben, nachdem der Hauptkäufer etwas (etwas?) Druck ausgeübt hatte. Nichts war geblieben, was auf die Ausstellung hingedeutet hätte. No, Senor, wirklich nicht… Alles in allem war es ein grandioses Geschäft gewesen!

Auf der Finca

Die Autofahrt hinaus aus Palma war erstaunlich ruhig, ja ganz still, verlaufen. Esther war sich nicht sicher, ob „es“ nun geklappt hatte oder nicht, sie wagte auch nicht zu fragen. Wolfgang war einsilbig, er sprach fast nicht.

Beim Abzweiger nach Portals Nous schreckte Esther hoch. „Fahr raus, Wolfgang, vielleicht haben wir einen Fehler gemacht?“, rief sie. Wolfgang schaute ihr im Rückspiegel direkt in die Augen: „Warum?“, hatte er geknurrt, aber doch den Blinker gesetzt und war von der Autobahn abgebogen.

„Esther, was für ein Fehler soll das sein? Du meine Güte, Du warst derartig überzeugend“, Max drehte sich um „Du warst allerste Sahne, was ist denn los? Was für ein Fehler?“

„Mir ist eingefallen, dass ich ihm erzählt habe, ich würde auf der Finca meiner Freundin wohnen. Es war ihm völlig egal, wer das sein könnte, nicht mal nach dem Namen hat er gefragt. Aber wenn die mich jetzt suchen sollten und er hätte das einfach so erzählt? Mit deren Beziehungen finden die mich doch sofort oder die Finca! Und dann bin ich nicht dort!“

„Aber jeder weiß doch, dass wir zusammen sind. Der Galerist zum Beispiel, wir waren doch auch gestern gemeinsam zugange“, wunderte sich Max.

Wolfgang nickte: „Ja, Esther, kein Fehler, alles gut! Aber sie hat trotzdem Recht, Max. Gestern, das war ja Business und logo, war sie da mit ihrem… Künstler unterwegs. Man wird sie brauchen in den nächsten Tagen“, Wolfgang sah Max scharf und eindringlich an und sagte zu Esther: „Du hast diese Freundin doch wirklich, oder? Die Finca ist weit genug von Palma weg und schwer zu finden?“

„Ja, sehr schwer.“

„Dann drehe ich um, und Du nimmst von Palma aus ein Taxi zur Finca, okay. Aber ruf vielleicht besser die Freundin an und sag ihr, Du brauchst heute jemand zum Reden, willst nicht in ein Hotel. Sonst sagst Du nichts, besonders nicht am Telefon. Und morgen fährst Du mit Deiner Freundin nach Palma. Na, und dann kreuzt Du beim Hafenmeister auf und willst zur Yacht, machst einen Aufstand, weil du heute nicht mitkommen durftest“.

Der mallorquinische Taxifahrer, bei dem eine wirklich blasse Esther ins Auto stieg, war zu ihrer Erleichterung ein Heavy Metall-Fan und drehte die Anlage ziemlich weit auf, nachdem er gemerkt hatte, dass sein attraktiver weiblicher Fahrgast nicht an Smalltalk interessiert war.

Max und Wolfgang hatten Esther noch fürsorglich auf die Schulter geklopft, als sie ins Taxi gestiegen war und mitfühlende Wort für sie gehabt. Sie solle jetzt schlafen, alles sei gut, die Ärzte hier super, Constanze warte sicher schon… Morgen sei auch noch ein Tag – die ganze Palette eben.

Constanze hatte zwar nicht direkt auf Esther gewartet, denn sie wusste von ihrem Glück ja gar nichts, aber das verrückte Huhn freute sich, als Esther klingelte. Die Finca auf dem riesigen Gelände tief in der Pampa hinter Santanyi war hell erleuchtet, Musik war zu hören. Bach.

„Hast du Gäste?“, fragte Esther besorgt.

„I wo“, lärmte Constanze gegen Johann Sebastian an, „ich weihe gerade meinen Tennisplatz ein und spiele mit mir ein gemischtes Doppel“.

„???? - wer gewinnt?“, fragte Esther und staunte nicht schlecht über die Festbeleuchtung auf der hinteren Grundstücksfläche.

 „Das Netz“, kicherte Constanze eine Kolloratur hinauf, wollte gar nicht mehr damit aufhören und Esther hatte das sichere Gefühl, dass auch ein kleiner, aber feiner Joint ein paar Bälle geschlagen hatte. Treffer!

Constanze verriet ihr sogleich, wo auf ihrem Grundstück Esther selbst ernten könne, wenn sie an der unvergleichlichen Mischung von Constanze interessiert sei. Der Mondstand sei doch so entscheidend, wenn man pflanze …

Der Mond stand offenbar gut, dachte Esther bei sich, hakte sie unter und lenkte beider Schritte zum Haus. Sie ergriff im Vorbeigehen ihre Handtasche und fragte aufgesetzt fröhlich, ob sie morgen Frühstück machen solle oder Constanze das Cappucchino an der Placa de la Reina bevorzuge.

Und weil ihr einfiel, dass sie rein gar nichts anzuziehen mitgebracht hatte, wollte sie wissen, ob es denn dabei bleibe, morgen shoppen zu fahren?

Es war eine kurze und kurzweilige Nacht gewesen, die die alten Schulfreundinnen hinter sich hatten, als sie am nächsten Morgen in Constanzes Mercedes stiegen. Daher war es auch der Tag der Sonnenbrille – für beide – und im Cappucchino erst einmal der Tag des grünen Tees.

Der Hafenmeister im Yachthafen wurde eine eher leichte Übung für Esther: Als sie den Wunsch nach Einlass zur Yacht geäußert und ihren Pass vorgezeigt hatte, war er sofort sehr ernst und förmlich geworden, hatte ihr kondoliert und mitgeteilt, dass es ihm so leid täte, was dem Herrn Davide, der sich immer so großzügig gezeigt hatte, und der die jungen Damen doch so sehr gemocht hatte, oh nein, nicht, dass da etwas gewesen wäre, no Señora, nicht in diesem Hafen, geschehen sei.

„Tot?“, haucht Esther und sank etwas zusammen. „Wieso tot? Er war krank, nicht einmal schwer, hat man mir gesagt... Wieso ist er tot? Ich muss mich setzen, bitte!“. Ihre Freundin führte sie zu einer Bank, die wenige Schritte entfernt stand, auf die Esther ermattet sank. Sie war großartig in ihrer Rolle, Oscar-würdig!

„Davide“, schluchzte sie, „Davide, was hast Du mir angetan? Du kannst mich doch nicht...“, ihr versagte die Stimme. Sie schlug im Sitzen auf den armen Hafenmeister ein, der ja für gar nichts dafür konnte. Deshalb schlug sie ja auch meistens daneben und traf nur Luft.

Sie wurde immer besser!

Constanze hatte sie in den Arm genommen und versuchte sie zu trösten. Esther schien sich zu beruhigen.

Niemand könne sich erklären, wie es zu dem schrecklichen Unglück kommen konnte, und dann gerade der Herr Davide, ein so netter Mann und immer so großzügig. Aber, es täte ihm leid, die Yacht sei ausgelaufen. Der Herr Davide, also Entschuldigung, aber was solle er sonst sagen, der Rest, also die Leiche sei schon fortgebracht worden. Die Polizei sei auch da gewesen, aber die seien kurz darauf wieder gegangen.

Es war eindeutig ein tragischer Unfall gewesen. Er hätte aber vom Kapitän der Yacht gehört, dass sich die Besitzer bereits um alle Formalitäten kümmern würden.

Esther machte perfekt auf trauernde Witwe, aber sie hätte in der Nacht die Nachricht von den Besitzern der Yacht erhalten, dass es Davide nicht so schlecht gehen würde, er würde den Infarkt überleben.

Wieso hieß es jetzt, es sei ein Unfall gewesen? Was ist da los gewesen?

Der Hafenmeister war immer kleiner geworden, er sei nur Hafenmeister, sonst wisse er nichts.

Nein, sie wusste nicht, dass die Yacht auslaufen würde. Ob das denn üblich sei nach so einem Vorfall?

Der Hafenmeister zuckte nur mit den Schultern und murmelte etwas auf Spanisch, was Esther nicht verstand. Sie beruhigte sich dann doch wieder ziemlich schnell und dankte ihm würdig. Weiter nachzufragen, erschien ihr nicht klug und sie ging an Constanzes Arm gemessenen Schrittes zurück zum Auto.

Auf halben Weg klingelte ihr Handy. Das musste Max sein. Sie suchte das Telefon in den Tiefen ihrer Handtasche und wurde fündig. Glück gehabt. Sie schaute auf das Display.

Das war nicht Max. Das war eine Nummer aus der Bank, das erkannte sie. Am Ende mit drei Nullen. Das musste einer von ganz oben sein.

„Ja?“, fragte sie mit halbwegs gebrochener Stimme.

Eine Sekretärin meldete sich sehr neutral und fragte, wer sie sei und ob sie verbinden dürfe?

Esther wurde mit dem Obermotz verbunden. „Frau Esther? Ich darf Sie doch so nennen in dieser schweren Stunde?“

Esther sagte nichts, schluchzte leise.

„Liebe Frau Esther, Sie wissen es schon, nehme ich an… Ich meine, Ihr Gatte… Also Davide, mein Freund Davide…, Er…“. Der Obermotz stockte, suchte nach den richtigen Worten. Na warte, Du Arsch, dachte Esther, mal sehen, was Dir einfällt…

„… sind Sie noch da, Frau Esther?“

Er erhielt ein weiteres Schluchzen als Antwort, hollywoodreif fand Esther ihre akustische Darstellung selber. „Ja“.

„Es tut mir sehr leid, Ihnen das sagen zu müssen: Davide hat die Nacht leider nicht überlebt“

Esther fand einen lauten Schluchzer für angebracht! Und noch einen!

„Man hat mir im Hafen gesagt, es sei ein Unfall gewesen? Was war los gewesen? Wieso Unfall?“.

„Wir verstehen das alle nicht… Er war doch ins Bordlazarett gebracht worden… Der Herzinfarkt war eigentlich gar nicht so schlimm, also, natürlich war er schlimm… Aber der Arzt hatte nur einen leichten Infarkt festgestellt und unser Bordarzt hat das bestätigt, doch nicht so, dass er daran gestorben wäre…, Sie verstehen, Frau Esther?“

Esther verstand nicht und gab wieder schluchzende Laute von sich.

„… und dann?“, brachte sie heraus.

„Ja, das versteht eben keiner, es ist rätselhaft…  Am frühen Morgen fand ihn ein Gast einer anderen Yacht im Wasser treibend. Tot!“

Sehr lauter Schluchzer, befahl Esther sich.

„Also…, niemand weiß, wie er über Bord fallen konnte… Und er kannte die Yacht doch so gut…“

„Ja“, dachte Esther, vor allem das Signalhorn und die jungen Dinger, die ihr hier auf der Yacht vernascht habt“. Sie blieb stumm.

„Mein Beileid, gnädige Frau, mein tief empfundenes Beileid… Also, ich meine, wir wissen, wie schwer das für sie sein muss…, also ist… Aber glauben Sie mir, auch die Bank hat einen sehr schweren Verlust erlitten. Er war einer unser besten Mitarbeiter. Sogar als mein Nachfolger war er im Gespräch“.

„So?“

„Ja. Gnädige Frau, wir haben uns erlaubt, Ihnen in diesen schweren Stunden ein wenig zur Seite zu stehen und – Ihre Erlaubnis vorausgesetzt – haben wir veranlasst, alle Formalitäten durch unsere Anwälte vor Ort erledigen zu lassen… Natürlich nur, wenn Sie einverstanden sind… Aber die Spanier, wissen Sie…, das würde für Sie nicht so einfach. Und auch mit der Polizei, also, das ist erledigt… Ich glaube, das ist auch in Ihrem Sinne. Ich gehe davon aus, dass Sie – Sie entschuldigen bitte meine Direktheit – meinen verstorbenen Freund Davide überführen wollen? Das übernehmen wir natürlich!“

„Ja“, schluchzte Esther.

„Sie müssen jetzt sehr tapfer sein, Frau Esther, das ist alles so schlimm… Aber wir stehen natürlich zu Ihnen, das verspreche ich Ihnen! Wenn Sie Hilfe brauchen, Sie wissen ja, wo Sie mich finden… Und finanziell stehen Sie als seine Witwe recht gut da, das kann ich Ihnen versichern“.

„Danke!“, flüsterte Esther.

„Ich werde Ihnen die Adresse unseres Anwalts in Palma per SMS schicken lassen. Mein Sekretariat kann Sie weiterhin unter dieser Nummer erreichen, um gegebenenfalls einen Termin zu vereinbaren, gnädige Frau? Und falls das Handynetz nicht wieder ausfällt… Ach, Frau Esther, eine letzte Bitte…“.

„Ja?“, schluchzte Esther.

„Falls sich die Presse bei Ihnen melden sollte…“.

„Ja?“ (aufmerksam).

„Sprechen Sie nicht mit denen, die suchen nur eine Sensation in dieser tragischen Geschichte, zur Not verweisen Sie an unsere Pressestelle. Diese Schreiber, wissen Sie, die können sehr gemein sein…!“.

Esther nickte und dachte dann, dass er das ja nicht sehen würde und schob schnell ein „Ja, danke“ hinterher, um dann noch einmal abschließend zu schluchzen und dann die Austaste zu betätigen.

Dann ging sie die restlichen Meter zu Constanzes Mercedes.

„Das war die Bank“, erläuterte Esther, „ich erzähle Dir gleich alles… Jetzt nicht“, und damit schaute sie die nächsten Minuten stur geradeaus.

Der Mercedes rollte zurück zur Altstadt, Constanze ließ Esther aussteigen, bevor sie in die Tiefgarage einfuhr.

„Warte am Wasserbecken bei der Kathedrale auf mich, das kann dauern da unten. Aber geh nicht hinauf zu den Blumenmädchen“, zwinkerte sie Esther zu, „Du weißt doch, wie schnell dann die Geldscheine Füßchen kriegen, Touristin.“

Esther wusste das, hatte aber ohnehin nichts anderes vor, als ein Infogespräch mit Max zu führen, zückte ihr Handy.

Sie erreichte ihn, vernahm (für „alle Fälle“) erneut kondolierende Worte verbunden mit der Empfehlung, chice, aber schwarze Kleider und vor allem einen Hut, am besten mit Schleier zu kaufen, im El Corte Ingles werde sie sicher fündig werden. Gegen Sonnenuntergang wolle er sie und Constanze auf der Terrasse des Museums Es Balear dann  treffen.

Esther hatte nun die bestätigte Bestätigung: Sie hatten es geschafft! Ihr war so leicht zumute, wie sie es von sich selbst nie geglaubt hätte. Spürte sie den Hauch von Bedauern? Nein.

Aber sie war sehr nachdenklich. Sie fragte sich, ob das, was sie getan hatten, richtig gewesen sei? Und was hatten sie eigentlich getan? Gut, Sie hatten ihren Mann in einen Herzinfarkt gejagt… Sie hatten ihn töten wollen – WOLLEN! Aber hatten sie das auch getan?

Wer hatte Davide über Bord geworfen –

warum und wann? Wolfgang und Max waren die ganze Zeit bei ihr gewesen, die konnten es doch nicht gewesen sein.

Der Arzt, der zufällig gekommen war? Ein Arzt, von denen gibt es viele auf Mallorca, aber die bringen doch niemanden um? Und wenn, warum hätte er es tun sollen? Wer hatte eigentlich was getan? Oder hatten sie einfach nur Glück gehabt und Davide war zufällig über Bord gefallen? Das schien die Version der Polizei zu sein…

Sie fingen ihren Altstadtbummel dort an, wo Palma zu jeder, aber auch wirklich jeder Jahreszeit am schönsten ist, am Passeig de Born. Der Prachtboulevard war jetzt in der Hitze des Sommers eine Oase an Kühle und Schatten, weil sich zu beiden Seiten riesige Platanen ausbereiteten.

Esther steuerte gleich auf eine der Bänke zu und bat Constanze, sich einen Augenblick mit ihr zu setzen, sie müsse ihr etwas sagen: „Ich bin seit heute Nacht Witwe“, sagte Esther.

„Ja, das habe ich im Hafen ja mitbekommen. Mein Gott! Esther…?“, sagte Constanze fassungslos, „Davide… tot? Wie das denn? Was ist passiert?“

Dann folgte ein langer und fragender Blick. „Seit heute Nacht? Da warst Du bei mir, ist es da passiert? Wie ist Davide gestorben?“

Constanze legte Esther die Hand auf den Arm: „Willst Du reden?“

Esther nickte und erzählte Constanze in kurzen trockenen Worten, dass es ein Herzinfarkt gewesen sei, den Davide letztlich nicht überlebt habe. Das „letztlich“ betonte sie, um dann noch anzufügen, dass er danach von dieser merkwürdigen Yacht ins Meer gefallen und ertrunken sei, weil sich die Banker – typisch – nicht richtig um ihn gekümmert hätten. Das habe ihr der Hafenmeister zwar nicht gesagt, aber der „Obermotz“ ihr deutlich zu verstehen gegeben am Telefon.

„Das Ende einer Vorstandskarriere geht also auch so“, erwiderte Constanze, und dann fragte sie, wie es ihr ginge.

Esther fing an, zu erzählen, dass sie sich ja schon getrennt hätten, weil es gar nicht mehr geklappt hatte zwischen ihnen und dass er sie geschlagen hätte (in dem Moment schlug sich Constanze die Hand vor den Mund). Und in letzter Zeit habe er es mit immer jüngeren Mädchen getrieben, auch hier auf der Yacht. Junge Mädchen, also fast noch Kinder, wahrscheinlich Zwangsprostituierte aus Russland oder so… Und ganz ehrlich, sie sei weniger traurig als erleichtert, dass das jetzt ein Ende habe…

Constanze sagte eine ganze Weile nichts. „Du Arme, was musst Du gelitten haben. Deine Andeutungen habe ich so nie verstanden, weißt Du? Mein Gott – Davide? Mit so jungen Mädchen? Dann bist Du wohl froh, dass Du wieder solo bist, oder? Ich habe das manchmal gedacht, wenn ich Dich in München gesehen habe…, aber die Einzelheiten sind ja fürchterlich! Wie geht es Dir?“

„Ganz gut“, antwortete Esther, „ganz gut – jetzt, wo ich es begriffen habe, dass er nie mehr wiederkommen wird!“.

Constanze holte tief Luft und fuhr fort: „Junge, Junge, da muss man ja erst einmal durchschnaufen“, was sie tat, „na komm, schwarz kleidet Dich gut, putzt auch die Figura – los.“

Nachdem sie sich geeinigt hatten, ob sie am Ende des Passeig de Born nach links abzweigen sollten – dort war ein El Corte Ingles – oder nach rechts – dort war, allerdings deutlich weiter entfernt, die größere Niederlassung – bummelten Esther und Constanze durch die Gässchen der Altstadt bergan. Vorbei an eleganten Herrenhäusern, errichtet in einem bombastischen Gemisch aus europäischem Barock mit mallorquinischen Baustilelementen, adeligen Treppenaufgängen und Jugendstilfassaden.

Überall gab es kleine und im Sortiment ziemlich einzigartige Geschäfte. Zwar wenig Dessousläden, fiel Esther auf, aber Schaufenster mit Fächern, edlem Leinen, Houte Couture und vor allen Dingen: Schuhen, Esthers wahrer Leidenschaft. Bis sie die Placa Major, den eher italienisch anmutenden viereckigen Platz erreicht hatten, der von mehrstöckigen Häusern mit Arkaden umfasst, jetzt aber zum Touristenrummelplatz geworden, war Esther mit bereits vier mittelgroßen Schachteln  unterschiedlichster, selbstverständlich schwarzer Schuhe bewaffnet: Halbhohe Pumps mit einer winzigen grünschwarzen Feder und einem grünschwarzen Absatz, höhere, die ein durchsichtiges Mittelteil hatten und zum Schweben verhalfen, sommerliche Stiefeletten in Strickdesign aus Wildleder, die ein „must“ waren zur langen schwarzen Hose, und natürlich hochelegante Sandaletten, die (unsichtbar) eine Korkwattierung eingearbeitet hatten, die sich an den Fuß anpassen und allerhöchsten Tragekomfort garantieren würde.

Ihr Ziel war nun, die Placa Major rasch zu überqueren und Richtung Placa Olivar zu flanieren. Heute werde sie nicht in den Mercat , dem Bauch Palmas einschwenken, trotz der verlockenden und frischen Köstlichkeiten Mallorcas, versprach Constanze, aber es sei eine Abkürzung zum Zielkaufhaus und an der einen Ecke, da gäbe es ein ganz neues Vintagelädchen, da bekomme man unter Umständen ein fast echtes Grace-Kelly-Kleid, das habe doch auch Stil.

Im El Corte Ingles erstand Ester ein Jackenkleid mit Hütchen, zwei Kostüme und mehreren Tops, einen Hosenanzug, aber auch Wäsche, Jeans, T-Shirts und eine Windjacke. Damit war sie für alles, was da käme, bestens gerüstet.

Esther kaufte noch im Untergeschoss ausreichend viele Leckereien für den Abend mit Max und Wolfgang ein, während Constanze den Mercedes holte.

Max und Wolfgang hatten die versteckt liegende Finca, dank des Navigationssystemes, problemlos gefunden. Die Frauen hatten das leichte Abendessen vorbereitet, bei dem sie auf der Terrasse zusammensaßen und über alles Mögliche plauderten. Wolfgang gab einige Geschichten „aus seiner Jugend“ (inkl. seines Abschiedes aus der Kunstakademie) zum Besten, sie lachten viel und tranken auch die eine oder andere Flasche Wein. Esther hörte meist nur zu, sie trug wenig zur Unterhaltung bei, war andererseits aber auch nicht „die trauernde Witwe“.

Nur Davides Tod war kein Thema an diesem Abend.

„Du, Max“, fragte Esther dann, „gehst Du ein paar Meter mit mir?“

„Ihr könnt gerne am Tisch rauchen“, bot Constanze an und wollte aufstehen, um einen Aschenbecher zu holen.

„Ach, ein paar Schritte werden mir guttun“, meinte Esther und ging vor Max, der ihr wortlos folgte, ein paar Hundert Meter vom Haus weg, dann fanden sie einen idyllisch daliegenden Mauerrest, auf den sie sich setzten.

Sie rauchten die ersten Züge schweigend, dann fragte Esther:

„Sag mal, Max, was ist denn nun eigentlich passiert? Ich weiß das wirklich nicht: Haben wir Davide nun umgebracht oder nicht?“

„Gute Frage!“

„Ja, was nun? Ich muss das wissen! Du weißt es doch…“.

„Nein!“

„Nein, was?“

„Ich weiß es auch nicht, wirklich nicht!“

„Das glaube ich nicht“.

„Das solltest Du aber. Schau mal, was ist genau passiert:

1.) Wir haben Davide einen Schock versetzt.

2.) Seine Vorstandskollegen aus der Bank haben mit Konsequenzen gedroht.

3) Es kam ein Arzt, der ihn

4.) auf Veranlassung seiner Chefs auf die Yacht gebracht hat, weil es dort

5.) ein Lazarett gab.

6.) Dort ist er angekommen und

7.) medizinisch versorgt worden. Und

8.) ist er irgendwann in der Nacht aufgestanden, vielleicht weil er pieseln musste, und über Bord gefallen und

9.) ertrunken.

10.) Die Polizei war da und hat den Fall untersucht und als Unfall abgeschlossen.

Wo, bitte schön, siehst Du eine Schuld von uns?“

„Naja, wenn Du das so sagst… Aber wir wollten ihn doch umbringen, Wolfgang hat sogar ein Gewehr gekauft und eine Wohnung über dem Yachthafen gemietet“.

„Hast Du das Gewehr gesehen? Warst Du in der Wohnung?“

„Nein“.

„Na, siehst Du“.

„Was?“

„Wir haben nichts gemacht“.

„Ja gut, aber wo kam der Arzt plötzlich im richtigen Moment her? Ich glaube nicht an Zufall“, sagte Esther leise.

„Zufälle gibt es, shit happens…“, antwortete Max, „der hätte uns fast den ganzen Plan versaut“.

„Meinst Du?“

„Ja!“

„Aber wofür haben wir dann so viel Geld ausgegeben?“

„Er ist doch tot!“

„Ja, schon…“.

„Und wir sind beschützt worden, wir hatten doch Angst oder nicht, Esther?“

„Doch“.

„Na also…“.

„Und jetzt ist alles vorbei?“

„Sieht so aus!“

„Dann können wir nach Hause?“

„Fast… Bald, wenn Du die Formalitäten erledigt hast… Ein paar Unterschriften noch beim Anwalt, dann können wir nach Hause fahren“.

„Gott sei Dank“, schluchzte Esther und diesmal waren die Tränen nicht gespielt, diesmal waren sie echt – und es kamen eine ganze Menge. Max ließ sie weinen, denn der Schmerz und die Angst und all das andere musste ja raus aus Esther.

Sie fiel ihm in den Arm, er hielt sie fest. Eine ganze Weile standen sie so. Dann sagte Esther: „Dann haben wir eigentlich fast nichts gemacht!“, und nach einer Weile kam ein leises: „Oder?“.

„Nein“, sagte Max, „Wir haben fast nichts gemacht, „außer eine Menge Bilder verkauft – sie sind alle weg…“

Leise lächelte Esther Max an: „Dann bin ich eine gute Managerin?“

„Eine verdammt gute Managerin, die beste, und ein verdammt gutes Modell, das Beste!“.

Er küsste sie liebevoll.

„Max?“

„Ja?“

„Ich bin lieber Managerin“.

Und nach einer Weile sagte sie: „Gehen wir wieder zu den anderen!“

Es wurde noch ein netter langer Abend mit einigen Flaschen Wein und vielen Geschichten… Nur die von Davide, die Esther hätte erzählen können, die wurden nicht erzählt. Schließlich übernachteten die Männer im Gästehaus, jedenfalls Max.

Am nächsten Morgen verabschiedeten sich Max und Wolfgang sehr früh herzlich von „den Mädels“, holten ihre Sachen aus dem Haus in Sol de Mallorca und erreichten gerade rechtzeitig die Mittags-Fähre, um ohne Wartezeit an Bord fahren zu können.

Noch eine ganze Woche harrte Esther in Mallorca aus, es war aber auch zu schön auf Constanzes Finca. Sie hatten herrliche Badeausflüge unternommen, hatten sich im feinen Sand der Bucht von Cala Santanyi geaalt, beschützt von steilen Felsen, bis ein bisschen zu viele andere Touristen gekommen waren.

Constanze kannte genügend Alternativen, die mit einem für die Touris zu lästigem Fußmarsch verbundene Calau S’Amarador oder Mondrago-Bucht zum Beispiel, in der man Natur pur weitgehend allein hatte. Die Schatten unter Esthers Augen waren ebenso verblichen, wie die in ihrer Seele.

Die Ära Davide war vorbei, die Freiheit war endgültig.

Ihre allerletzten Zweifel waren vergangen, als sie irgendwann den Anruf bekam und noch genau drei Unterschriften beim spanischen Anwalt zu leisten hatte. Die eine für die dem Klima auf der Insel geschuldete Einäscherung, die andere für den Firstclass-Flug der Urne nach Neapel (!) und die dritte und letzte zum Zeichen ihres Einverständnisses als Davides Erbin, damit, dass die Urne in der italienischen Familiengruft beigesetzt werden durfte, das hatte Davides Familie  – welche eigentlich? – bei der Bank angeblich ausdrücklich gewünscht.

Ihr war es recht – und nur aus alleräußerster Vorsicht hatte Esther auf dem Rückweg vom Anwaltsbüro in Palma doch noch schnell die Eglesia de Sant Andreu in Santanyi aufgesucht und eine dicke Kerze angesteckt.

Sicher war sicher, hatte sie sich gedacht, der Verstorbene war schließlich katholisch gewesen…

Eines von Esthers Lieblingszielen war das kleine Fischerdörfchen Cala Figuera, mit seiner fjordartigen schmalen Bucht eigentlich ganz untypisch für die Insel aber mit einer Stimmung besonders in der Dämmerung, die Esther schon mehrfach darüber nachdenken ließ, ob man ein so großes Erbe wie ihres nicht auch in eine Immobilie dort investieren sollte. Sie musste wirklich lachen bei solchen Gedanken…

Constanze plädierte für nicht so ein altes Haus, wenigstens eines mit Pool brauche Esther, wo doch der Strand fehle… wie wäre es mit einer Finca?

Aber all das wollte Esther nicht. Auch nicht diskutieren. Von einem Leben mit Gärtnern, Tennisplatz, Hausbesorgern, Poolrobotern, und zwangsläufig verlogenem angeberischen Partygesindel, hatte sie die Nase voll. Und sie hatte ja Zeit, sie hatte echte Freunde und Berater wollte sie in keiner Form um sich herum haben. Auch keine so netten wie Constanze.

Die lud sie stattdessen in Portocolom zum Essen ein, den Tipp hatte Esther von Max:

„Wenn du mediterrane Spitzenküche willst“, hatte Max zum Abschied gesagt, „dann geht zum Sögner an den Hafen und lasst es Euch gut gehen. Nehmt eine klare Tomatensuppe und grüßt ihn von mir. Falls Du aber Heimweh haben solltest, bestell einen Tafelspitz.“

Max brachte Esther immer wieder zum Staunen. Wo hatte dieser Mann eigentlich keine Bekannten? Na, das würde sie alles in Erfahrung bringen. Und Heimweh bekam Esther wirklich so langsam – nur nicht nach heimischen Mahlzeiten.

Sie buchte den Spätflieger nach München.

Heimfahrt.

Am frühen Abend erreichten Wolfgang und Max nach einer ereignislosen Überfahrt Barcelona. Sie entschieden sich für ein leichtes Essen in der Stadt und dafür, danach durchzufahren.

Gegen 22 Uhr hatten sie die Stadt hinter sich gelassen und befanden sich auf der Autobahn in Richtung München. Das Mercedes-Navi zeigte 1.375 Kilometer und errechnete eine Fahrtzeit von zwölfeinhalb Stunden.

Wolfgang fuhr. Der schwere Mercedes lief wie ein Uhrwerk, es waren nur Roll- und Windgeräusche zu hören, der Motor schnurrte leise wie eine gut geölte Nähmaschine, fand Max und schlief bald ein.

Er erwachte ein paar Stunden später. Sie waren bereits in Frankreich und Wolfgang steuerte eine Raststation an. „Na, wieder da? Wir müssen tanken“, klärte er Max auf „und ich muss pieseln und eine Tasse Kaffee brauche ich auch“.

„Gute Idee“, murmelte Max und streckte sich, soweit das im Autositz ging. „Wo sind wir?“

„Fast in Nimes!“

„Wie spät?“, gähnte Max.

„Kurz nach eins“.

„Dann bist Du ganz schön gebrettert“.

„War wenig los. Aber jetzt brauche ich eine Pause“.

„Soll ich dann mal fahren?“.

„Ach, geht schon noch, ich sage dann Bescheid“.

Eine halbe Stunde später „bohrten“ sie wieder durch die Nacht. Draußen war es stockdunkel, ab und zu waren in der Ferne ein paar Lichter zu sehen, ansonsten waren sie fast allein unterwegs. Ein paar LKW überholten sie wie im Flug – Wolfgang ließ den Mercedes wirklich „fliegen“, er schien München nicht schnell genug erreichen zu können.

„Sag einmal“, fragte Max irgendwann, „was war jetzt eigentlich los?“

„Du meinst mit Davide?“

„Ja“.

„Naja, der ist jetzt tot – wie bestellt, oder“.

„Das weiß ich. Aber – haben wir ihn umgebracht?“

„Wie denn?“, fragte Wolfgang, „wir hatten doch gar keine Chance“.

„Da bin ich mir nicht so sicher“, sagte Max leise, „gar nicht sicher“.

„Na, wie denn?“, fragte Wolfgang, „erst ist er umgekippt, dann war ein Arzt da und dann wurde er an Bord gebracht, dort medizinisch versorgt und dann ist er ersoffen. Wo hätten wir eingreifen sollen?“

„Tja, genau das frage ich mich auch. Aber mal theoretisch… Wenn er nun überlebt hätte, hättest Du ihn dann am nächsten Tag erschossen?“

Wolfgang antwortete nicht. Es entstand eine lange Pause, in der Max nach seinen Zigaretten griff.

„Nichtraucherauto!“, sagte Wolfgang, „Wenn Du rauchen willst, muss ich halten. Da vorne kommt ein Parkplatz“. Er hielt dort, sie stiegen aus und zündeten sich Zigaretten an.

„Du hast meine Frage nicht beantwortet“.

„Nein. Wahrscheinlich“.

„Nein was? Wahrscheinlich was? Hättest Du geschossen?“

„Nein“, lächelte Wolfgang, „ich habe die Frage nicht beantwortet. Wahrscheinlich, ja wahrscheinlich hätte ich geschossen“.

„Hattest Du denn eine Wohnung am Hafen gemietet, also eine, von der Du das Schussfeld gehabt hättest?“

„Ja“.

„Wow, ich dachte, das gibt es nur im Film“.

„Das war doch so abgesprochen“.

„Ja, klar – aber trotzdem… Sag mal, Wolfgang, bist Du ein Profi? Du bist doch sonst nur unser Wolfgang“.

„Profi? Du meinst wie in dem Film „Leon. Der Profi?“

„Kenne ich nicht. Wer ist das?“.

„Ein Film von Luc Besson. 1994.“

„Ach so, nee, kenne ich nicht. Hättest Du denn getroffen? Aus ein paar hundert Metern?“

„Ich denke schon“.

„Und hättest Du auch abdrücken können?“

„Ja, natürlich“.

„Hast Du schon einmal…, ich meine, einen Menschen getötet?“

„Das willst Du nicht wirklich wissen, musst Du auch nicht, finde ich“.

„Wolfgang, wer bist Du  wirklich?“

„Ein guter Freund, denke ich…“. Er warf die Zigarette weg. „Komm, lass uns fahren!“

Sie stiegen wieder ein, Wolfgang fuhr los.

„Und Du hättest wirklich abgedrückt?“

„Natürlich“.

„Muss man das nicht lernen? Auf einen Menschen zu schießen?“

„Doch, das würde helfen“.

„Dann hast du das gelernt?“

„Ja!“

„Wo?“

„In Afrika“.

„Du warst in Afrika?“

„Was meinst Du, wo ich all die Jahre war?“

„Hast Du dort gekämpft?“

„Was hätte ich da sonst tun sollen?“

„Für wen? Für Geld?“

„Sag´ ich nicht!“, Wolfgang schaute Max ernst an, „Max, das reicht jetzt… Das musst Du alles nicht wissen, wirklich nicht. Und ich habe Dir das auch nie gesagt. Und Frau Lucchetta sagst Du nichts davon… Und zwar absolut nichts. Das war und ist vorbei. Das interessiert jetzt keinen Menschen mehr. Vor allem nicht mich. Und Euch auch nicht. Kein Sterbenswörtchen! Verstanden? Sonst kann ich wirklich sehr böse werden… Glaube mir! Ich will aber nicht böse werden müssen, nicht gegenüber meinen Freunden.“

„Nein, kein Wort, versprochen!“

Das musste Max jetzt erst einmal verdauen. Nach einer Weile fragte er dennoch weiter: „Dieser Arzt, der da plötzlich in die Galerie kam, war das wirklich einer?“

„Na klar!“

„War der von Dir?“

„Was glaubst Du?“

„Ja, den hattest Du bestellt“.

„Natürlich, damit kein anderer kommen konnte. Keine Zufälle, weißt Du. Nicht in dem Moment. Und Dein Jammer war doch auch im Einsatz, oder?“

„Ich glaube schon“, lächelte Max.

„Du glaubst?“

„Wie hätten wir sonst die Handies ausgeschaltet?“

„Mit meinem“, lachte Wolfgang.

„Du hattest auch einen?“

„Na klar, ich wusste ja nicht, wie Du in dem Moment reagiert hättest? Vielleicht hättest Du vergessen, ihn einzuschalten“.

„Du hältst mich wohl für ein „tapferes Schneiderlein“, wie?“

„Eher für ein Schneiderlein“, lächelte Wolfgang ihn an.

„Und auf dem Schiff, waren das Deine Leute?“

„Sagen wir es einmal so: Sie wären da gewesen…“

„Aber er ist von alleine über Bord gefallen?“

„Naja…“

„Ohne, dass jemand nachgeholfen hat?“

„Das ist ja das Komische – es hat jemand nachgeholfen…“

„Wie?“

„keine Ahnung, es war keiner von uns“.

„Dann ist er umgebracht worden?“

„Ja!“

„Aber von jemand anderem?“

„Ja!“

„Wow. Von wem?“

„Keine Ahnung, aber meine Leute haben mir gesagt, dass es Profis gewesen sein müssen, war eine saubere Arbeit!“

„Ich fasse mal zusammen“, sagte Max, „wir wollten ihn umbringen, wir hätten ihn umgebracht – aber wir haben nicht…?“

„Genau!“

„Zufall?“

„Glaube ich nicht“.

„Was denn?“

„Ich denke, das war die Mafia! Er hat angefangen, mit seinen Mädchengeschichten aufzufallen. Denk mal an die Bilder, die Esther bekommen hat, wir wissen bis heute nicht, von wem. Und einen Skandal konnten die nicht brauchen – schmutzige Geschäfte wickelt man am Besten in Ruhe ab. Da kann man keine Öffentlichkeit brauchen! Und was der mit den Mädchen getrieben hat, das hatte das Potenzial für viel öffentliche Aufmerksamkeit, zu viel Öffentlichkeit. Der musste einfach weg…“

„Glück gehabt?“, murmelte Max.

„Wer?“

„Wir!“

„Das kann man so sagen“.

Danach fuhren sie wieder schweigend durch die Nacht.

Als Max schon wieder schlief, schaute Wolfgang zu ihm hinüber und sagte leise: „Und was glaubst Du wohl, wer all Deine Bilder gekauft hat? Die anderen natürlich, um Ruhe zu haben!“

Sarah und Mr. Spock

Wolfgang setzte Max gegen 14 Uhr vor dessen Haustüre ab. Die letzte Strecke durch die Schweiz und Deutschland waren sie deutlich langsamer gefahren, auch weil Max Wolfgang am Steuer abgelöst hatte.

„Mach`s gut, Alter“, sagte Wolfgang und schaute Max mit seinem typisch-frechen Grinsen an. Der hatte schon die Tür auf seiner Seite geöffnet. „Ist doch alles gut gelaufen. Und für Deine Seele ist es auch nur gut, dass wir fast nichts gemacht haben – außer einer verdammt geilen Vernissage“.

Max nickte, lächelt und meinte im Aussteigen: „Da hast Du schon recht. Ich bin froh, dass es so gelaufen ist“. Er schaute Wolfgang jetzt an. „Vorher, also hier in München, da schien alles so einfach und so klar, weißt Du. Nachdem der Kerl tot war, nicht mehr, also da war nichts mehr so einfach, meine ich“.

„Gewissensbisse?“, fragte Wolfgang, sich zur offenen Beifahrertür hinüber beugend. „Denk dran, kein Wort zu Frau Lucchetta!“. Er lachte: „Sonst lernst Du den bösen Onkel Wolfgang kennen! Und glaube mir, den willst Du gar nicht kennen“.

Max spürte hinter „seinem“ Wolfgang einen Mann, den er nicht kannte. Eisenhart. Und der ganz bestimmt meinte, was er sagte. Das war nicht mehr das Faktotum Wolfgang, der Mann, der alles konnte, der Mann, den man eben mal zu Autoreparieren schickte. Heute spürte er plötzlich – eigentlich zum ersten Mal – den Profi in Wolfgang. Und so blöd es klang – eine gewisse Kälte!

Max stand nun zwischen Auto und offener Tür und beugte sich zu Wolfgang: „Wahrscheinlich“, sagte er und meinte die Gewissensbisse, „gut, dass wir drüber gesprochen haben. Nein, ich halte den Mund. Du kannst Dich auf mich verlassen“. Er lächelte Wolfgang zu und sah doch wieder „seinen“ Wolfgang. „Tschüss und danke für alles. Wir sehen uns im Laden, ja?“.  

Der nickte: „Klar!“

Max öffnete den Kofferraum, nahm seine Tasche und das Päckchen für Sarah heraus und winkte Wolfgang noch einmal grüßend zu. Die Kofferraumhaube schloss sich behutsam und lautlos. Dann fuhr Wolfgang an. Max schaute ihm und dem Auto eine Weile sinnend nach, dann gab er sich einen Ruck und ging zur Haustür.

Er klingelte zwar unten bei seinem Namen, nahm aber seinen Schlüssel, öffnete sich die Haustüre und lief dann die Treppen hinauf. Er freute sich jetzt doch sehr auf Sarah und auf Mr. Spock! „Zuhause“, dachte er, „ich bin zuhause. Endlich!“. Seine Wohnungstüre stand ein paar Zentimeter offen, von innen hörte er Sarahs Stimme rufen: „Die Tür ist offen… Ich kann gerade nicht…“

Er betrat seine Wohnung und schloss die Wohnungstür hinter sich.

Im Wohnzimmer erwartete ihn Sarah in einem Sessel sitzend. Sie schaute ihn wie um Entschuldigung bittend an und deutete auf ihren Schoss. Auf dem saß ein sich lässig gebender Mr. Spock, räkelte sich, streckte erst die eine Vorderpfote, dann die andere… Dann erhob er sich (langsam!) und ging Max ein paar Schritte entgegen. Dabei gähnte er ausgiebig und schaute zurück zu Sarah. Die nickte ihm zu und sagte: „Nun begrüß mal Herrchen, Spockie“. Mr. Spock begrüßte Max mit einigen „Köpfchen“, ließ sich kraulen und schließlich auf den Arm nehmen. Dabei gab er mehrere leise Miau von sich.

Sarah war inzwischen aufgestanden und lachte Max an, der jetzt die Katze auf dem Arm hatte.

„Ich würde Dich ja auch gerne richtig begrüßen“, sie deutete auf Mr. Spock, der sich inzwischen in Max Armen bequem gemacht hatte und leise schnurrte, „aber das geht ja nicht“.

„Geht doch!“, sagte Max und setzte den Kater ab, der mit erhobenem Schwanz (mit leicht abgebogener Schwanzspitze) in Richtung Küche marschierte. „Geht doch“, wiederholte Max.

Und damit nahm er Sarah endlich in die Arme. Endlich! Er war sich gar nicht bewusst gewesen, wie sehr er sich danach gesehnt hatte! Sie war so warm, so wunderbar weich und doch gleichzeitig so fest… Und sie roch so gut! Sie küssten sich, jetzt eng umschlungen.

Dann sagte Sarah: „lass mich auch mal Luft holen, Du tust ja so, als hättest Du Entzugserscheinungen, oder“, und damit deutete sie auf seinen Schoss, „besser gesagt, der Kleine da, der sich gerade zu regen beginnt“.

Sie lächelte ihn an, „was sag´ ich denn da, ich habe doch nicht etwa „der Kleine“ gesagt?“

„Doch“, sagte Max, „das hast du… Und Du hast ja völlig recht, also, ich meine mit Entzug!“

„Hast Du Hunger?“, fragte Sarah.

„Und wie“. Dabei lächelte nun er sie fragend an.

„Erst einmal“, fragte sie neckisch, „willst Du erst die Hauptspeise oder erst die Nachspeise?“.

„Was gibt es denn?“

„Steak mit Salat, das geht schnell. Ich wusste ja nicht genau, wann Ihr kommen werdet.“

„Und als Nachspeise?“

„Mich!“

„Dann bitte erst als Vorspeise, ich betone: Vorspeise, Steak und Salat und dann als krönenden Hauptgang Dich! Dich und vielleicht noch einmal Dich!“

„Nett gesagt!“, lächelte sie ihn an, „willkommen zuhause!“ Sie küsste ihn noch einmal und schmiegte sich ganz dicht an ihn, damit er sie auch ja genau spürte. Und sie spürte seine Reaktion auf sie. Sie lächelte. Glücklich.

„Komm mit in die Küche, dann kannst Du mir von Eurem spannenden Abenteuer erzählen“.

„Spannendes Abenteuer?“, fragte er in der Küche, als sie die Pfanne auf den Herd gestellt hatte und das Fett schon leise brutzelte.

„Stand doch alles in der Zeitung: Münchner Banker in Palma gestorben! Skandal in der Galerie! Mein, Gott, wir haben uns solche Sorgen gemacht. Ihr hättet uns ja auch mal anrufen können“.

„Uns?“

„Frau Lucchetta und mich. Und Ruth“. Max staunte, ging aber nicht darauf ein.

„In der Zeitung? Hier? Tatsächlich? Naja, Skandal ist schon mal übertrieben. Aber…, wir haben alle Bilder während der Vernissage verkauft! Das ist zwar kein Skandal aber eine Sensation. Ich wüsste nicht, dass es so etwas schon einmal gegeben hätte.“

„Die Zeichnungen sollen so heiß gewesen sein, dass der arme Kerl einen Herzinfarkt bekam, als er die Bilder von seiner Frau sah. Sag mal, was war denn das?“

„Ach was“, wiegelte Max etwas ab, „alles maßlos übertrieben, Du kennst doch die Zeitungsfritzen – der hatte ein vorgeschädigtes Herz, Betablocker und so… Und der kam direkt von superharten Verhandlungen mit Großinvestoren. Du kennst das ja“. Nein, das kannte sie nicht. Sie war mit einer Autowerkstatt verheiratet gewesen, von Großinvestoren keine Spur. Wenn eine Rechnung mehr als 5.000 Euro betragen hatte, war die „groß“. „Sind die Bilder denn abgebildet worden?“, fragte Max betont unbetont.

„Nein, leider nicht, hast Du noch welche? Die würden mich ja schon interessieren…“

„Ein paar Skizzen, vielleicht“, sagte Max und dachte sich, dass neue unverfängliche Skizzen schnell gemacht seien, „wenn Du das nächste Mal in den Laden kommst, zeige ich sie Dir. Klar, der Mann da… Ja, also nicht einmal richtig zusammengebrochen ist der, das war alles gar nicht so aufregend. Er ist irgendwie mehr so auf einen Stuhl gesunken. Und dann war auch gleich ein Arzt da, der ihn versorgt hat. Sah irgendwie alles halb so schlimm aus. Das hat auch keiner so ernst genommen. Und dann haben seine Chefs, die auch da waren, veranlasst, dass er ins Schiffslazarett gebracht wird“.

„Schiffslazarett?“, fragte Sarah und legte die Steaks in die Pfanne, „davon stand aber nichts in der Zeitung“.

„Hhm, die haben da halt eine riesige Yacht, fast einhundert Meter lang und neben einer Mannschaft gibt es auch einen Arzt an Bord, weiß Gott warum? Und da muss der Davide nachts aufgestanden sein und ist dann wohl über Bord gefallen…“

„Die arme Esther“.

„Wieso arme Esther?“

„Ich habe mit Frau Lucchetta gesprochen, ob ich Dich anrufen sollte, aber sie meinte, lieber nicht, erst wäret Ihr da im Stress mit der Ausstellung und dann mit den Behörden wegen des Unglücks von Esthers Mann, wie heißt er gleich – David?“

Als Max sie erstaunt anschaute, erläuterte sie, was noch so alles in den Zeitungen gestanden hätte. Auch dass Esther keine Interviews gegeben hatte. Aber Fotos gab es, zum Beispiel von Esther im Yachthafen. Und auch über Skandale werde gemunkelt, habe es in den Zeitungen geheißen, aber man wusste nichts Genaues.

„Davide. Er hieß Davide. Und über einen Skandal weiß ich nichts, vielleicht ging es um Geldwäsche – das wäre möglich. Und das mit dem Anrufen ging nicht so einfach, da ist dauernd das Handynetz ausgefallen. Also nicht direkt dauernd, aber mehrfach“.

„Hat es sie schwer getroffen? Ich meine, das ist doch fürchterlich, wenn der Mann da vor ihren Augen zusammenbricht und stirbt“.

„Ist er ja nicht“, korrigierte Max leichthin, „wie gesagt, er ist vor ihren Augen nur ein wenig zusammengesackt. Dass er in der Nacht sterben würde, damit hat doch niemand gerechnet. Nein, so sehr betroffen war sie eigentlich gar nicht. Weißt Du, Esther hat uns dann Sachen erzählt, dass ihr Mann sie geschlagen habe und so… Aber mehr weiß ich nicht. Vielleicht erzählt sie ja mehr, wenn sie wieder da ist“.

„Wie magst Du Dein Steak?“, fragte Sarah, jetzt ganz Hausfrau, das Thema wechselnd.

„Medium“.

„Dann sollten sie jetzt gut sein“. Sie stellte den Salat auf den Tisch, „die Salatsoße habe ich schon fertig. Ich hoffe, sie schmeckt Dir. Ganz klassisch: Essig und Öl, etwas Kernöl! Und, klar, Pfeffer und Salz und ein wenig Zucker“, und damit goss sie die Soße über den Salat, hob ihn einmal an und füllte die Teller.

Max probierte, Salat und Soße waren perfekt. Auch das Steak fand seine volle Anerkennung.

„Ich habe nicht gewusst, dass Du so gut kochen kannst“, lobte er sie.

„Du weißt wenig von mir… Außer meine Maße und wie ich mehr oder weniger nackt aussehe!“

Er wischte die letzten Soßenreste mit einem Stück Weißbrot, das sie aus dem Ofen gezaubert hatte,  vom Teller.

„A pro pos“, lachte er, „wie Du nackt aussiehst, das habe ich fast ganz vergessen in all dem Trubel, würde mich aber sehr interessieren. Außerdem habe ich Appetit auf Nachtisch. Sag mal“, und damit deutete er auf Mr. Spock, der neben ihnen eine Portion Thunfisch verzehrte, „was frisst denn Mr. Spock da eigentlich, das ist doch kein Felix?“

„Thunfisch“.

„Thunfisch? Seit wann isst er denn das?“

„Ach, ich habe ich mir am ersten Abend in Deiner Wohnung Tramezzini gemacht, etwas anderes habe ich in der Küche nicht gefunden: Nur Weißbrot, Tomaten, Mayonnaise und Thunfisch. Und als ich das gegessen habe, ist mir Mr. Spock auf den Schoss gesprungen, sein Hals wurde immer länger und dann haben wir die Tramezzini eben gemeinsam gegessen. Seitdem essen wir“, sie betonte das „wir“ besonders und  deutete mit einer Kopfbewegung auf den Kater „Thunfisch. Mit Begeisterung!“

„Ich fasse es nicht!“

Er schaute sie gespielt lüstern an: „Kriege ich jetzt Nachtisch?“

„Willst Du ihn serviert haben oder als Buffet?“

Max schaute sie fragend an. „Serviert heißt: Ich ziehe mich aus. Buffet: Du machst das?“

„Ach so“, lachte Max, „dann also Buffet, im Schlafzimmer“. und begann dort, an ihrem Hemd herumzunesteln. Aber Fachmann, der er schließlich war, ging das recht flott, na gut, Sarah hatte kaum etwas an. Außerdem half sie ein wenig, indem sie sich unter den flinken Fingern jeweils richtig drehte und wand. In der kurzen Zeit hatte er ihren gesamten Körper wieder kennengelernt – vor allem die Brüste. Schließlich war sie nackt.

„Wow“, sagte Max, „Du bist so schön, wunderschön und so schier und so glatt!“

„Ach Du, das sagst Du doch allen“.

Er bedeckte sie mit Küssen. „Wer bitte ist alle?“. Max wandte sich von ihrem Gesicht mit dem Mund ab und erst den Brüsten und dann der Region darunter zu. Schließlich, bevor er sich dem Vötzchen zuwandte, bedeutete er ihr sich umzudrehen, damit er Rücken und Po küssen und ablecken konnte. Er brauchte seine Zeit, denn er war sehr sorgfältig und passte genau auf, keinen Fleck ihres Körpers auszulassen. Sie lachte und wand sich, weil es angeblich so sehr kitzelte… Schließlich fand er für seinen Kopf und vor allem seine Zunge den Weg zwischen ihre Schenkel, die sie „brav“ öffnete. Wieder nahm er sich viel Zeit. Sie quiekte und strampelte (etwas, damit er ja nicht meinte, er solle aufhören). Dann kam er endlich wieder hoch und schaute sie an.

„Wem sage ich was?“

„Dass sie schön sind. Alle Deine Frauen!“

Er stützte sich auf einen Ellenbogen und schaute sie ernst an: „Sarah, ich habe keine…“

„Naja, vielleicht, es hat jedenfalls wirklich keine angerufen und es stand auch keine vor der Tür. Ich denke da eher an Deine Kundinnen. Ich war und bin doch nicht die einzige, mit der Du es getrieben hast“.

„Nein“, schüttelte er den Kopf, „aber vielleicht die letzte?“

Sie schob ihn ein Stück von ihrem warmen und so verlockend riechenden Körper fort, schaute ihn jetzt auch tief in die Augen und fragte ernst: „Wie meinst Du das?“

„Naja“, antwortete er und schaute sie nun etwas lächelnd an, „ich denke daran, mein ohnegames Leben in ein monogames Leben zu verändern“.

„Was soll das sein? Ohnegam?“

„Ohnegam hast Du doch erfunden, ohnegam ist ohne jede Frau, monogam ist eines mit Dir?“, sagte er leise, „nur mit Dir!?“

„Duuuu“, sagte sie lächelnd und rubbelte durch seine Haare, „da denken wir noch einmal drüber nach, glaube ich, also DU! Hörst sich aber hübsch an! Und was ist mit Mr. Spock?“

„Mit dem auch, eine echte Dreiecksbeziehung!“

Und damit schlief er einfach ein. Sarah hielt ihn noch eine Weile. Sie lächelte glücklich und murmelte „Monogam… Ja, warum nicht? Wenn Du monogam sein kannst“. Von der Tür her maunzte Mr. Spock sie an. „Na, Spockie, wie wäre es mit uns dreien? Da muss ja ziemlich ´was passiert sein in Malle, wenn unser Meister hier“ (sie deutete auf den schlafenden Max), „so geläutert von einer Reise zurückkommt“.

Sie schaute ihn an, irgendwie sah er in diesem Moment wie ein Junge aus. Später stand sie leise auf, räumte kurz in der Küche auf, gab Mr. Spock noch etwas Thunfisch („Zur Feier des Tages – Herrchen ist wieder da und Herrchen will mich, Spockie“) dann ließ sie den Kater durch das Fenster hinaus, schlich wieder ins Bett und schlupfte vorsichtig unter die Decke, um ihn nicht zu wecken. An späten Nachmittag wachte Max auf und schaute Sarah an, die neben ihm lag und las.

„Das ist mal ein Liebhaber, was?“, fragte er, „schläft einfach ein…“.

„Ach“, meinte Sarah, „so ein Nachtisch wird ja nicht schlecht. Magst Du noch?“. Max nickte, Sarah lächelte – beide hatten Appetit auf „Nachtisch“. Wunderbar.

„Mal sehen, was Du mir mitgebracht hast“, sagte sie dann „und ob Du schön gespart hast? Das ist bei Euch Männern ja leicht zu prüfen…“

Damit griff sie liebevoll direkt nach seinem Schwanz. „Klappt doch“, nuschelte sie, als der gleich größer und härter wurde. „Jetzt legst Du Dich mal hin!“, sagte Sarah, „und ich bin dran“.

Er folgte willig ihren immer interessanter werden Anweisungen, die sie teilweise aussprach und teilweise in Körpersprache gab. Schließlich setzte sie sich auf ihn und führte sein steifes Glied mit einer eleganten Bewegung ihres Beckens in sich ein. Es dauerte wirklich nicht lange und er kam und kam und kam…

Und die Schuhe, die er für sie in Palma gekauft und ganz vergessen hatte, ihr gleich bei der Heimkehr zu geben, fanden am nächsten Morgen nicht nur ihre volle Gnade, sie lachte auch herzlich. „United Nude? Von Dir für mich ganz allein? – Max Du bist einfach unvergleichlich!“. Max schaute später unauffällig nach: „United Nude“ stand da wirklich als Brand drin!

Max war über sich selbst und Sarahs vielfältige Kenntnisse erstaunt. Und nahm sich vor, weder die Wohnungsschlüssel noch den Umschlag mit dem Schließfachschlüssel wieder zu verlangen.

München

Als alle wieder in München waren, trafen Sie sich zum Frühstück bei Giovane.

„Na, wie war`s?“, fragte der neugierig, „Erfolg gehabt? Man hat ja einiges gelesen…“.

„Nichts Besonderes“, antwortete Wolfgang mit vollem Mund, da er gerade ein Hörnchen im Mund hatte, „das Übliche, oder?“. Er schaute in die Runde „und was in den Zeitungen stand, alles haltlos übertrieben“.

„Nee, nee“, schüttelten Max und Esther den Kopf, „nur das Übliche, eine ganz normale Vernissage. Chaotisch, Südländer eben!“

Giovane wusste nicht recht, was da vorging. „Ja was nun“, fragte er, „das Übliche oder Chaos? Ach ja, Max“, fügte er hinzu, „die anderen möchten auch mal wieder telefonieren, bitte“.

„Okay“, sagte Max und langte in die Hosentasche, „wir brauchen noch Kaffee!“

Als Giovane mit seiner Kaffeemaschine beschäftigt war, sagte Max  zu Wolfgang: „Gute Arbeit, Kumpel! Danke“.

Und Esther stand auf und küsste ihn auf den Mund – lange! „Danke“, sagte sie, „wirklich gute Arbeit…“.

„Wie, was?“, sagte Wolfgang, „ich weiß gar nicht, was Ihr meint“.

„Naja, die Sache mit dem Arzt und so“.

„Welcher Arzt? Ach so, der… Den kannte ich nicht“, und er tauchte das Hörnchen noch einmal in den Kaffee, „ich weiß gar nicht, was Ihr habt. Ich habe nur das Auto gefahren und das Haus besorgt, den Rest habt Ihr doch gemacht“.

„Giovane“, rief Esther laut, „hast Du Champagner?“

„Können Sie nicht mal den Mund halten, hier versteht man ja sein eigenes iPhone nicht mehr“, meckerte eine lange Dünne so um die 35 von zwei Tische weiter, „das ist doch keine Art, hier so rum zu grölen. Da nimmt man doch Rücksicht. Haben Sie denn keine Kinderstube?“

„Oh Verzeihung“, sagte Max, „doch die haben wir…“, und langte wieder in die Hosentasche „und wie!“.

„Chef“, rief Frau Lucchetta laut als sie wieder im Geschäft waren, „die VOGUE hat eine PDF-Datei des Artikels geschickt!“.

Hastig kam Max die Treppe herabgelaufen, um Frau Lucchetta zu fragen: „Und…, wie sieht`s aus?“

„Ich habe die Mail noch nicht geöffnet, die ist doch an Sie adressiert“.

„Aufmachen, Mädel!“, sagte Max fast ein wenig aufgeregt. Frau Lucchetta ließ sich das nicht zweimal sagen, weil sie selber so neugierig war. Also betätigte sie die entsprechende Taste auf der Tastatur ihres PC. Die Datei wurde downgeloadet. Es dauerte. „Ich bin ja so gespannt“, sagte sie.

„Ich auch“, ergänzte Max, „mal schauen, was sie draus gemacht haben – genug Material hatten sie ja“.

Und da öffnete der PDF-Reader die Datei: Die VOGUE-Redaktion hatte mit einem der Bilder der Max Mädels als Titel aufgemacht, in denen die vier in ihren offenen Pelzmänteln mit der Wäsche „drunter“ schräg versetzt hintereinander im Treppenhaus des Palazzo Cavalli-Franchetti standen. Grandios, fanden sowohl Frau Lucchetta als auch Max. „Mensch…, Klasse…“, das war alles was die Lucchetta herausbekam. Max nickte und meinte selbstkritisch „Ziemlich gut…, doch…, ist okay, finde ich… Und was haben sie drinnen im Heft?“

Frau Lucchetta öffnete die zweite Datei, es dauerte etwas länger, weil sie deutlich größer war  – dann war sie vollständig downgeloadet: Acht Seiten! Die hatten es wahrlich „fliegen lassen“ bei der VOGUE, fand Max.

Unter der Überschrift „Venezianische Träume“ wurde ein über zwei Seiten laufendes Panorama-Foto von der Modenschau gezeigt, über die halbe Höhe der Seiten sah man alle sechs Modelle auf dem Laufsteg und wer genau hinsah und ihn erkennen wollte, sah Max durch den Vorhang spechten.

„Schauen Sie mal, da sind sie“, sagte Frau Lucchetta und zeigte auf den halben Kopf, den man von ihm erkennen konnte.

Eine ganze Seite nahm die Front des Hotel Rialto mit den Frauen in den Fenstern und auf den Balkonen ein. „Ich sehe gar nicht so schlecht aus“, meinte Frau Lucchetta zufrieden.

 „Obwohl die Eltern da waren?“, fragte Max.

„Ach Sie, ich dachte sie hätten das lange vergessen“, lächelte die Lucchetta ihn an.

„Super, was?“, meinte sie dann, „ich meine der Bericht, „das hätte ich nicht erwartet, so lang – Sie etwa?“

„Nee“, schüttelte Max den Kopf, „das ist einsame Klasse…“. Er bat Frau Lucchetta, noch einmal zu dem Panoramabild zurückzublättern und schaute es sich kritisch an. „Gute Arbeit“, sagte er schließlich und meinte den Agenturfotografen, „den sollten wir uns merken“.

„Aber Chef“, widersprach Frau Lucchetta, „ich finde Ihre Bilder einfach besser, irgendwie liebevoller…, oder so?“

„Danke“, meinte Max, „das ist sehr lieb von ihnen, vielleicht weil…, um mit dem alten DDR-General Mielcke zu sprechen: Ich liebe Euch doch, ich liebe Euch doch alle…“

„Aber hoffentlich anders als der alte Mielcke“, meinte sie trocken.

„Wann erscheint das Heft?“, fragte Max, „steht das in der Mail?“

Frau Lucchetta schaltete die PDF-Datei weg und las. „Nein“, sagte sie schließlich, da stehen nur viele liebe Grüße von der Chefredakteurin, und dass Ihnen der Artikel hoffentlich gefallen wird. Mehr nicht“.

„Ich rufe mal in der Bahnhofsbuchhandlung an, die werden das Heft ja wohl sofort bekommen“, sagte Frau Lucchetta.

„Gute Idee“, meinte Max, „bestellen Sie gleich 10 Hefte für uns“.

„Zehn?“, fragte die Lucchetta.

„Ja“, begann Max aufzuzählen, „Sie, ich, Ruth, Esther, Wolfgang, Sarah – das wären fünf, eines schicken wir an das Hotel in Venedig, eines für den Galeristen und eines für den Gondoliere, dem hatten Sie doch eines versprochen, macht schon einmal acht. Da reichen zehn gar nicht aus, wenn wir noch zwei im Geschäft auslegen. Giovane will bestimmt auch eines. Also fünfzehn kommt da schon eher hin…“.

„Sarah ist Ihre Badenixe, oder? Ich habe lange nichts mehr von der gehört – die war doch nett“.

„Ist sie auch noch“, antwortete Max und „können Sie mir den Artikel ausdrucken? Mal schauen, was die geschrieben haben?“

Frau Lucchetta meinte, das müsse sie oben machen, da wäre schließlich der Drucker. Erst einmal würde sie in der Buchhandlung anrufen und dann drucken. Okay?

„Ja, dann gehe ich zu Giovane, um einen Café zu trinken – oder  nein, ich warte auf den Ausdruck und lese ihn da.

Zehn Minuten später gab ihm Frau Lucchetta den Ausdruck und erläuterte, dass die 15 Hefte morgen ab elf Uhr für sie bereit lägen.

Er begrüßte Giovane mit einem Kopfnicken und ging zu einem Platz am Fenster. „Das Übliche“, rief er Giovane zu und setzte sich. Das Übliche war ein doppelter Espresso mit einem Glas Leitungswasser und einem Schokoladenkeks.

Als Giovane ihn bediente, legte er den Kopf schief, um neugierig zu sehen, was Max da lesen würde. „Eure VOGUE?“, fragte er.

„Hhm“, nickte Max, „Titelseite und acht Seiten…“.

„Wow“, bewunderte Giovane ihn, „Na dann wird es ja bald noch mehr brummen bei Euch. Was schreiben die denn über Euch?“

„Habe ich noch gar nicht gelesen, ich habe bisher nur die Fotos gesehen“.

„Lass mal sehen“, meinte Giovane und nahm die Blätter und blätterte sie durch, „geil!“, meinte er abschließend und meinte es nur positiv. „Sag mal“, fragte er Max, „die Fotos hast Du doch auch im Original, nicht?“

„Klar“, nickte Max, „warum?“

„Kannst Du mir da nicht das Titelbild und das Panoramafoto ausdrucken, damit ich hier aufhängen kann, statt der ollen Fahnen?“

„Das Titelbild schon, oder eines, das dem sehr ähnlich ist, aber das Panorama ist nicht von mir“.

„Du wirst schon noch ein anderes haben“.

„Das mit der Gondel“.

„Super, ich reiße gleich die Fahnen runter, damit Du es Dir nicht anders überlegen kannst!“

„Wie groß?“

„So groß wie möglich!“

„A0?“

„Das ist ungefähr 60 mal 80 Zentimeter, oder?“

„Größer, eher 80 mal 120 Zentimeter!“

Giovane maß im Geiste den zur Verfügung stehenden Platz hinter der Theke ab und war es zufrieden, „Super!“

„Willst Du auch die Autogramme der Damen?“

„Wenn´s geht“.

„Wird schon gehen, die Mädels werden sich daran gewöhnen müssen, dass sie jetzt prominent sind“, lachte Max.

Als er wieder in den Laden kam, legte Frau Lucchetta gerade den Telefonhörer auf und überfiel ihn mit der Mitteilung, dass das Telefon jetzt ununterbrochen klingeln würde: Die AZ wolle einen Bericht machen und Fotos haben, die Münchner Zeitung wolle einen Hintergrundbericht im  Feuilleton bringen und und und… Ach ja, und die Bildzeitung wolle die „dicken Models“ unbedingt, das habe die Redakteurin wortwörtlich gesagt, also ich weiß nicht, Chef…

„Was soll ich nur sagen, Chef?“

„Keine Ahnung“, lachte der, „ich glaube wir müssen ein PowWow machen“.

„Ein was?“

„PowWow – großes Treffen aller Häuptlinge“.

„Aber wir haben doch nur einen Häuptling: Sie!“, widersprach die Lucchetta, „das wäre ja noch schöner, wenn es auch noch andere Häuptlinge geben würde!“.

„Trotzdem“, sagte Max, „rufen Sie mal alle zusammen. Wollen wir uns im Augustiner treffen? Da waren wir doch noch nie“.

„Wann?“, fragte Frau Lucchetta.

„Egal, wir haben doch Zeit“.

„Chef, ganz ehrlich, das bezweifle ich, denn…“, sie deutete auf das Telefon, das schon wieder eindringlich klingelte. Nach dem fünften Klingeln nahm sie den Hörer ab, meldete sich als Sekretariat von fortyfourplus und lauschte erst eine Weile, um dann den Hörer mit der Hand zuzuhalten und sagte leise zu Max: „Holiday on Ice! Chef, ob Sie Kostüme für die entwerfen wollen?“.

Später kam sie und meinte, sie hätte alle erreicht – übermorgen um 16 Uhr im Augustiner würde das PowWow stattfinden und sie hätte auch schon einen Tisch reserviert. Im Raum mit der Muscheldecke, weil, einen Indianerraum hätten die da nicht, hätten sie gesagt, sie seien ein bayrisches Lokal hätten die gesagt und Muscheln seien am nächsten dran an Indianern, habe sie sich gedacht.

Zwei Tage später, gegen 15.35 Uhr, steckte die Lucchetta ihren Kopf über die Wendeltreppe und meinte, dass es Zeit wäre, in zwanzig Minuten sei das PowWow. Sie ginge schon los, er solle bitte abschließen. Wolfgang sei gerade gekommen, er würde ihr das Paket mit den VOGUE-Heften für die anderen tragen.

Max nickte und sagte, dass er gleich komme – er müsse nur noch zusammenpacken.

Er betrat den wie immer vollen Augustiner, ging durch den ersten Raum und sah schon von weitem den Tisch mit seinen Max-Mädeln. Mitten auf dem Tisch lag noch eingewickelt das Paket mit den VOGUE-Heften.

Er wurde mit lautem Hallo begrüßt.

„Die Lucchetta will uns die Hefte erst geben, wenn Du da bist“, beschwerte sich Esther und fauchte (im Spaß) Frau Lucchetta an: „Jetzt ist er da – also her damit“.

„Nun lass ihn sich doch erst einmal hinsetzten“, entgegnete diese, „und etwas bestellen und dann können wir doch noch ein wenig plaudern“.

„Her damit“, schimpfte jetzt auch Ruth, „ich bin doch kein Kind mehr und Weihnachten ist auch nicht“.

„Ich halt´ das auch nicht mehr aus“, stimmte Wolfgang zu und schaute Max an, „Du, die hat mir nichts gesagt, den ganzen Weg vom Laden bis hierher nicht, nur schleppen habe ich gedurft!“

„Hallo“, sagte Max und begrüßte Esther, Ruth und dann Wolfgang, „ja, ist recht schön geworden – unser Artikel! Frau Lucchetta, wenn ich bitten darf“.

Frau Lucchetta öffnete langsam das Päckchen mit den Heften und verteilte sie.

„Paaah“, machte Ruth, als sie das Titelblatt sah, „das sind wir? Haben die retuschiert?“, fragte sie Max.

„Ich glaube nicht“, antwortete der, „sieht gut aus, nicht?“

„Starkes Foto!“, stimmte Wolfgang zu.

„Starke Frauen!“, korrigierte ihn Frau Lucchetta, die ja sonst immer Max die Stange hielt, „und ein guter Fotograf!“, lächelte sie.

Esther hatte das Heft durchgeblättert und war auf den Artikel gestoßen: „Das Bild von der Modenschau… Man o man! Das ist ja noch schöner als in echt, und wir sind alle drauf!“

„Der Mafiosi auch“, gab Frau Lucchetta zu bedenken.

„War wohl nicht zu vermeiden“, gab Wolfgang zu bedenken, „der sieht auch hier fies aus, dabei ist er ja nur ganz klein im Hintergrund zu sehen“.

„Ich finde die Fotos geil, auf denen wir halb nackt zwischen den Gästen stehen“, befand Ruth, „das hat etwas,finde ich…“.

„Etwas verrucht, oder?“, bemerkte Esther, „es ist so schade, dass mein Verblichener das nicht mehr sehen kann. Er wäre so stolz auf mich gewesen, oder etwa nicht?“, fragte sie spöttisch in die Runde.

„Na, ich weiß nicht“, sagte Ruth, „aber meinem Ölbohrer werde ich das Heft schicken, das kann er sich an seine Kabinenwand kleben, gleich neben die dünne Norwegerin…“.

„Hast Du was von ihm gehört in letzter Zeit?“, fragte Frau Lucchetta.

„Wenig, er kommt kaum noch nach Hause“, antwortete Ruth, „und wenn, dann nur, um irgendwelchen Papierkram zu erledigen oder Sachen zu holen. Irgendwie sind wir beide jetzt durch damit. Aber das da“, Ruth tippte mit dem Zeigefinger auf die VOGUE-Ausgabe vor ihr, „das wird ihn ärgern. Geschieht ihm recht!“

In diesem Moment wurden die „Hellen“ geliefert, die Biere, und Wolfgang verteilte sie am Tisch und sagte dann: „Ein Hoch auf uns!“ und alle stimmten ein und nahmen einen großen Schluck, wie man oder frau das in Bayern eben so macht.

Dann erzählte Max, wer sich alles gemeldet hätte: Die Zeitungen, Rundfunk und Fernsehen, Holiday on Ice. was Ruth zu der Bemerkung veranlasste, dass sie, solange sie nicht auf Schlittschuhe müsse, ja alles mitmachen würde – aber das nicht…

Sie waren sich schnell einig, dass sie einiges mitmachen würden, solange es ernst zu nehmende Angebote seien – BILD wollten sie auslassen, weil „man denen nicht vertrauen kann“, wie Ruth meinte.

Max erzählte, dass heute noch ein Anruf gekommen sei: Ein Veranstaltungsmanager aus Landsberg wollte mit ihnen eine „sensationelle Welttournee“ machen, beginnend im Zirkus Krone in München sollte es ein Jahr lang rund um die Welt gehen.

Nee, waren sie sich gleich einig, das nun nicht, der könne das ja mit Doubles machen, die würde es bestimmt geben. Ja, meinte Frau Lucchetta, aber nur, wenn sie Tantiemen bekämen. Dafür bekam sie ein dickes Lob von Wolfgang!

Dann klingelte ihr Telefon, sie hatte sich seit ein paar Tagen angewöhnt, immer ihr Handy dabei zu haben. Sie nahm das Gespräch an, lauschte, wurde blass und gab den anderen das Zeichen ruhig zu sein, sie lauschte weiter, sehr konzentriert. Dann sagte sie: „Yes, Sir, I understand… Yes. I will call back under this number within one hour. Thank you very much, Sir, and greetings to Micky, I love him since I was a little girl“. Dann machte sie das Handy aus und schaute in die Runde. Sie nahm einen Schluck Bier und sagte dann: „Ihr glaubt das nicht, wer das war… Das erratet Ihr nie“.

Und als keiner etwas sagte und alle sie nur gespannt anschauten, sagte sie fast flüsternd: „Das war das Tour-Management“. Sie macht noch eine Pause, „der Rolling Stones! Sie wollen uns in einer Show in Buenos Aires haben, wir mit Mick Jagger und den anderen auf einer Bühne – und ich soll innerhalb einer Stunde sagen, ob wir wollen oder nicht“.

„Mick ist inzwischen so alt, dass der keine jungen Mädels mehr neben sich haben kann, ohne abzufallen“, vermutete Ruth und sagte dann „Geil! Ich würde das machen“.

„Ich auch!“, sagte Esther ganz entschieden, „das schon und wenn wir alles andere dafür auslassen“.

„Soll ich?“, fragte Frau Lucchetta Wolfgang.

Der nickte: „Unbedingt“.

„Und was ist mit Jana?“, fragte Ruth.

Keine Frage, die macht mit“, meinte Max, „so wie ich die kenne – mit Kusshand!“.

„Also, ruf an“, forderte Wolfgang sie auf, „äh, warte mal, wann soll die Party steigen?“

„Im Februar“, sagte Frau Lucchetta, „da ist da Sommer, ach ja, die Tickets kriegen wir natürlich und auch ein Auftrittshonorar“.

„Wie viel?“, fragte die wieder einmal praktische Ruth.

„Keine Ahnung“, antwortete Frau Lucchetta, „ich habe nicht gefragt“.

„Scheißegal“, meinte Esther, „den Flug würde ich auch noch selber bezahlen“.

„Sag mal“, fragte Wolfgang, „was ist eigentlich mit Deiner Ausstellung in Venedig?“

„Ach ja“, sagte Max, „gut, dass Du fragst, hätte ich fast vergessen. Also“, holte er erst einmal Luft, „auch wenn Ihr jetzt Stars seid, mit den Stones auftretet und so, würdet Ihr Euch denn noch einmal mit einem kleinen unbedeutenden Fotografen nach Venedig begeben, um ein paar Fotos im Pelz auf Brücken, in Calles und Höfen zu machen? Könnte zwar eine kalte Nummer für Euch werden, aber echte Stars halten das aus“.

„Klar, Chef“, meinte Ruth und stupste Esther an, „wir Alten sind dabei, oder?“.

Esther nickte, „und ein kleiner Schnupfen, naja, was tut frau nicht alles für die Kunst“.

„Und unser Nesthäkchen hier?“, fragte Ruth.

„Macht auch mit“, sagte Wolfgang.

„Ruth schaute Esther an: „Hast Du das gesehen, meine Liebe? So weit sind sie schon, dass Wolfgang für die Lucchetta zusagt“.

„Tja, sagte Esther, so fängt das Unglück immer an…“.

„Werden Deine Eltern da sein?“, fragte Max.

Frau Lucchetta nickte: „Ich bin dabei!“.

„Ich werde fahren müssen“, fragte Wolfgang, „oder, Chef? Wann soll es losgehen?“

„Passt Euch nächste Woche?“

Alle stimmten zu.

„Soll ich wieder das Hotel Rialto buchen?“, fragte Frau Lucchetta.

„Ja“, sagte Max, „das wäre schön – oder?“, fragte er in die Runde.

„Das liegt doch super - mitten in der Stadt!“

„Gut“, bestimmte Max, „dann machen wir das diesmal ohne Jana, der Aufwand ist mir zu groß“

„Nehmen Sie doch Ihre Nixe mit“, schlug Frau Lucchetta vor.

„Ola“, meinte die stets aufmerksame Ruth, „gibt es da eine Neue in unserem Kreise?“

„Kann die mit uns mithalten?“, ergänzte Esther.

„Doch, doch“, meinte die Lucchetta, „figurmäßig schon! Und ganz nett scheint sie auch zu sein…“.

„Hat sie auch schon einen Ring?“, fragte Ruth weiter.

„Nein“, antwortete Max, „so einen nicht“.

„Einen anderen?“

„Nicht von mir“.

„Na gut“, meinte Ruth, „wenn es künstlerisch notwendig ist“, und dann lachte sie, „der Chef bist Du, Max“.

Damit war die Sache klar.

Venedig

Die Ausstellungseröffnung war für  morgen um 20 Uhr angesetzt.

Max war mit Frau Lucchetta, Sarah und Wolfgang im Alfa nach Venedig gefahren. Wie immer übernachteten sie im Hotel Rialto, Frau Lucchetta hatte drei Doppelzimmer (Max und Sarah, sie und Wolfgang sowie Jana und Lucio) gebucht. Jana würde mit dem Flieger aus Prag kommen und sie im Hotel treffen.

Den morgigen Tag über würde Max die letzten Handgriffe in der Ausstellung vornehmen, das eine oder andere Bild umhängen oder auch Bilder austauschen und wieder zurücktauschen – eben das tun, was aufgeregte Künstler unmittelbar vor einer Ausstellung so taten.

Er war sehr gespannt, wie das eingeladene venezianische Publikum vor allem seine Fotos aufnehmen würde?

Selber war er sehr zufrieden mit den ausgestellten Fotos – es  handelte sich um einige der Bilder, die er damals anlässlich der Fotosessions rund um die Modenschau auf dem Canal Grande und im Palazzo Cavalli-Franchetti gemacht hatte, sowie um die, für die sie im Herbst noch einmal nach Venedig gefahren waren.

Letztere fand er besonders schön – wie gehofft hatte es stark „genebelt“, die Frauen in ihren dicken Pelzen präsentierten ihre schönen Körper mit den MassimoX-Dessous und sonst nichts unter den Mänteln im spärlichen Licht der öffentlichen Beleuchtung auf ausgewählten Brücken und in geheimnisvollen Gassen. Auf einigen trugen sie venezianische Masken, auf anderen nicht… Auf künstliches Licht hatte er weitestgehend verzichtet und die Ergebnisse hatten ihm recht gegeben.

Einige Fotografien hatte er nachts auf den im gelben Licht liegenden Anlegestellen der Vaporetti am Canal Grande gemacht: Entstanden waren einmalig verwunschene Bilder, die den Zauber eines nächtlich eingenebelten Venedigs mit dem der schönen Frauenkörper vermischten. Frauenkörper, deren üppige Nacktheit meist nur angedeutet wurde und die den Rest der Fantasie der Betrachter überließen.

Ein besonders schönes Foto, fand er, war auf dem nur spärlich beleuchteten Steg entstanden, der wie an die hohe Mauer hinter dem Arsenale kurz vor dem Ospedale angeklebt schien. Ruth und Esther schritten ihm hier im fahlen Licht seiner Kamera im Gleichschritt entgegen, die Pelze schwangen weit um ihre Körper und gaben dem Betrachter den Blick auf die üppigen Körper frei – das hatte etwas von Newton, war aber doch ganz anders, irgendwie „lieber“.

Die Fotos waren so groß auf Acrylplatten belichtet worden, dass die Frauen fast in Lebensgröße abgebildet waren.

Ein weiteres Highlight der Ausstellung war eine mehr als drei Meter breite und knapp einen Meter hohe Zeichnung, auf der Fronten von Dogenpalast,  San Marco, Glockenturm und den Gebäuden des Markusplatzes nebeneinander dargestellt waren. Belebt wurde die Szene von hunderten Gestalten, die hinsichtlich Formen und Bekleidung alle den Max Mädels nachempfunden waren.

Eine ähnliche Zeichnung, nur viel kleiner, zeigte das Café Florian mit lauter üppigen Damen in Dessous an kleinen Tischen.

Alle Zeichnungen waren von Max sehr liebevoll ausgearbeitet worden. Die Arbeit an ihnen war ihm in der Entstehungsphase nach den pornografischen Zeichnungen, die er für die Ausstellung in Palma angefertigt hatte, wie ein Labsal vorgekommen. Die Zeichnungen für die venezianische Ausstellung hatten seine Seele, die durch die  Arbeiten an den verdammten Pornothemen etwas gelitten hatte, gestreichelt, und er hatte sich damit selber beruhigt.

Seine Ausstellung war etwas Besonderes, hier in Venedig…

Selbst sein Galerist war begeistert und war sich sicher, dass sie „einiges“ verkaufen würden. Max war sich darüber im Klaren, dass das bedeuten würde, dass er für die Folgeausstellungen, die letztlich für Amsterdam, Barcelona, London, New York und Tokyo vereinbart worden waren, in großem Rahmen würde nacharbeiten müssen.

Der Galerist rechnete mit bis zu 200 „zahlungskräftigen und interessierten“ Gästen, andere habe er nicht eingeladen, „was sollen wir mit Voyeuren?“ hatte er gemeint und Max hatte ihm recht gegeben.

Max hatte außerdem Jana gebeten, dass er die Glastorsi, die sie für das fortyfourplus angefertigt hatte, ausstellen durfte. Sie hatte nach kurzem Zögern zugestimmt – und jetzt war sie ebenso glücklich darüber wie Max und der Galerist.

Denn die lebensgroßen Torsi waren ein eigenes Highlight der Ausstellung geworden, oder besser, hatten die Fotos und Zeichnungen perfekt abgerundet, ohne mit den Blättern zu konkurrieren.

Jana schaute sich im Publikum um. Es waren schließlich doch mehr als die vom Galeristen erwarteten 200 Gäste erschienen – die lokale Tageszeitung hatte einen großen Vorbericht gebracht.

Sie räusperte sich noch einmal, blickte in die Gesichter, die sie erwartungsvoll anschauten. Sie griff zum Mikrofon und begann die Laudatio. Sie sprach besser Italienisch, seit sie eine Zeit hier in der  Stadt des Glases verbracht hatte, um Erfahrungen auf ihrem Gebiet der Kunst des Glases  zu sammeln.

Ihr Freund Lucio, der sich natürlich unter den Gästen befand, hatte ihr mit der Sprache ebenso geholfen wie Frau Lucchetta – deshalb war Jana sich ziemlich sicher, dass das Publikum sie verstehen würde

Ihre Laudatio war keine Darstellung des künstlerischen Lebenslaufes von Max, sie zählte auch nicht seine Aufstellungen auf und sie gab auch kein kunsthistorisches Kolleg – dazu würde es Berufenere geben als sie, meinte sie.

Sie schilderte Max! Wie sie ihn kennen gelernt hatte. Wie sie künstlerisch zusammenarbeiteten, gemeinsam Ideen entwickelten und dann doch völlig verschieden interpretierten – jeder auf seine Weise eben…

Sie erzählte dem Publikum etwas Neues, etwas Anderes über Max. Sie erzählte auch, wie es war, für Max ein Fotomodell gewesen zu sein – anstrengend und erfüllend. Und wie verdammt kalt es sein konnte, nachts in Venedig nur im Pelz mit fast nichts drunter, Model zu sein. Sooo kalt…

Natürlich sprach sie auch über den Modeschöpfer des MassimoX Labels und seine Arbeitsweise und wies dabei auf die spezielle Ausgabe der VOGUE hin, die an verschiedenen Stellen in der Galerie auslag.

Sie streute manch eine Story ein, die sie mit Max erlebt hatte. An den Lachern des Publikums merkte sie, dass sie „das Publikum hatte“.

Was sie nicht ansprach, war Max sehr persönliche Beziehung zu seinen Models.

Nach fünfzehn Minuten, fand sie, sie hätte genug geredet und eröffnete das kleine Buffet.

Sie hatte es gut gemacht. Das Publikum applaudierte und Max kam zu ihr, um sich für diese wunderschöne Rede zu bedanken. Der Galerist beglückwünschte sie und dann belegte Lucio sie mit Beschlag.

Frau Lucchetta und Wolfgang warteten im Hintergrund, bis sich die Menschentraube um Max aufgelöst hatte und gratulierten ihm zu der fantastischen Ausstellung – die viel schöner sei, als die in Malle, wie Wolfgang meinte, das konnte Max nur bestätigen.

Der Galerist und einige Gehilfen vermerkten die ersten Reservierungen. Was Max besonders stolz machte, war der Fakt, dass es sich vor allem um seine geliebten Fotografien handelte, die das Publikum interessierten. Dort sah er bereits rote Punkte.

Jeder wollte mit Max sprechen, Max hier, Max da, Max hier auch noch, und Herr Max… Frau Lucchetta wich nicht von seiner Seite und übersetzte sich „die Zunge fusselig“, wie sie in einer kurzen Pause bemerkte.

Und Wolfgang passte auf. Er dachte an das, was sie in Palma de Mallorca veranstaltet hatten, und dass sie sich sozusagen auf dem „Homeground“ des eventuellen Feindes aufhielten.

„Vorsicht ist besser!“, hatte er gestern beim Abendessen im Peoceto Risorto gesagt und es sehr ernst gemeint. Sarah hatte daraufhin gefragt, was denn da eigentlich auf Mallorca passiert sei? Ihr würde ja niemand etwas erzählen.

Bevor Max noch zu Ende überlegen konnte, was er sagen könne, ohne etwas zu sagen, hatte Wolfgang begonnen, ihr zu erzählen, das sei nur, weil er Max gebeten hätte, den Mund zu halten. Denn er sei während der Ausstellung in eine alte Geschichte verwickelt worden, damals aus der Zeit in Südafrika – mehr dürfe er darüber nicht erzählen – und dass da zufällig alte Bekannte gewesen wären, die er lieber nie wieder getroffen hätte.

Und Max habe ihn in Palma mit ein paar schnellen Worten und Hilfe des Galeristen, der für einen Spanier erstaunlicherweise ein Bär von einem Mann gewesen sei, rausgeholt und er, Wolfgang, hätte sich dafür eigentlich nie bei ihm bedankt und deshalb gäbe er jetzt eine ganz besondere Flasche aus.

Und dann fragte er Sarah, auf was Sie, Sarah, denn gerade getränkemäßig Appetit hätte und sie solle ja nicht auf den Preis schauen.

Danach hatte Wolfgang sogleich den Kellner gerufen und mit dem diskutiert, was der Weinkeller des Hauses den dive germaniche am Tisch (und damit deutete er auf Frau Lucchetta und Sarah) als etwas ganz Besonderes bieten könne und dann war das Gespräch in ungefährliche Themen abgedriftet, weil Wolfgang vom Hütchen über das Stöckchen auf einen angeblichen Freund im Perigord kam, der ihm da Geschichten über Trüffel und Trüffelschweine erzählt hätte, da würde man nur mit den Ohren schlackern können.

Max Augen hatten Wolfgang sehr dankbar zugeleuchtet.

Aber weder gestern noch heute tauchte ein ihm verdächtig erscheinender Typ in der Gästemenge auf und auch niemand mit zu großen Brillanten und toten Augen.

„Ich muss jetzt mal raus“, informierte Max Wolfgang, „nur eine Minute, ich brauche ein paar Züge“.

Max nahm sich also seinen Mantel von der Graderobe und gab Frau Lucchetta ein Zeichen, dass er vor die Türe gehen würde.

Es war dunkel und neblig, die schmale Calle hatte fast so etwas wie Edgar-Wallace-Flair aus den alten deutschen Filmen aus den 60ern, im dichten Nebel konnte Max nur wenige Meter weit sehen oder hören. Auch durch den Türschlitz drang nur ein schmaler Streifen Licht nach draußen.

Max schüttelte eine Zigarette aus der Packung, steckte sie in den Mund und suchte sein Feuerzeug. Nach einer Weile intensiven Suchens in den verschiedenen Taschen von Mantel und Anzug wollte er gerade wieder hineingehen, um einen der Gäste oder Jana um Feuer zu bitten, als er am Haus schräg gegenüber in einem engen Eingang  eine Zigarette aufglühen sah, an der gerade jemand sog.

Zwei Figuren traten aus dem dunklen Schatten in die Nebelfetzen und machten die drei vier Schritte auf ihn zu.

„Ascendere? Bitte, brauchen Sie Feuer, Herr Xerxes?“, hörte er den Älteren der beiden sagen, dessen Gesicht von einem tief in die Stirn gezogenen Hut verdeckt wurde und der ihm gegenübertrat, während der Jüngere einen Schritt zurück stehen geblieben war.

Sein Gegenüber fasste in eine Manteltasche und holte ein Päckchen mit Cerini heraus und gab ihm Feuer. Der junge Mann, der wohl einen Meter schräg versetzt hinter ihm stand, rührte sich nicht.

Max beugte sich über die Hand, die das Streichholz hielt, zog an der Zigarette und richtete sich wieder auf.

„Ja“, sagte er, „Danke – da Sie Deutsch sprechen und mich offenbar kennen, darf ich fragen, mit wem ich die Ehre habe?“

„Sie sind ein sehr höflicher Mann, Herr Xerxes“, sagte der andere, „aber es tut nichts zur Sache. Insofern bin ich leider nicht so höflich wie Sie, weil ich um Verständnis bitte, dass ich im Moment unbekannt bleiben möchte. Aber seien Sie versichert, dass ich jedenfalls ein großer Anbeter ihrer Kunst bin.“

„Tatsächlich?“, fragte Max ob der kurzen Ansprache eher kühl.

„Ja“, bestätigte ihm sein Gegenüber und hob das Gesicht, so dass Max ihn jetzt anschauen konnte. Er sah in die „toten Augen“ des Mannes, den er auf der Modenschau gesehen hatte. Es war der, der mit den jungen Nutten gekommen war!

„Doch“, sagte der andere, „meine Freunde und ich haben alle übrig gebliebenen Bilder von ihnen gekauft, damals in Palma de Mallorca – das sollte für Sie doch Beweis genug sein, oder? So viel Geld für ein paar Schmuddelzeichnungen.“

Der Mann nahm nun auch einen Zug an der Zigarette und fuhr dann mit seiner rauen Stimme fort: „Sie mögen ein großer Künstler sein, Herr Xerxes“, er deutete auf die Galerie, „ich verstehe nicht viel von Kunst, eher gar nichts, ich glaube das unserem gemeinsamer Freund in der Galerie da drinnen, sagt es zumindest, und wenn der es sagt, dann muss es stimmen!“

Max schaute ihn jetzt erstaunt an. „Nun, vielleicht ist er nicht mein Freund in Ihrem Sinne, Herr Xerxes, aber wir legen viel Geld in Kunst an – auch über Ihren Freund“.

Er betonte „Freund“ dabei in besonderer Art und fuhr mit seiner unangenehmen Stimme fort: „Wissen Sie, ich mag nicht viel von moderner Kunst verstehen, dazu gibt es ja Menschen wie Ihren Freund, aber ich habe gelernt, dass die Preise meist steigen, wenn ein Künstler gestorben ist, denn davon verstehe ich etwas, vom Sterben meine ich – ein großer Künstler wohlgemerkt, um die anderen schert sich doch niemand. Und wir werden hier also erneut einige Bilder von Ihnen kaufen.“

Er sog einen letzten Zug an seiner Zigarette, warf sie zu Boden und trat sie aus, dann schaute er Max wieder an, „denn, das darf ich sagen, Sie, Herr Max, sind so ein Künstler: Groß, doch, sicherlich – und leider fast schon tot! Sie sind es bloß noch nicht ganz, und Sie wussten es bis jetzt auch noch nicht… Ich schon, Herr Max, ich schon... Ich weiß nämlich, dass Sie sterben werden. Bald. Wissen Sie, großer Künstler oder nicht, das ist mir persönlich egal, aber sie waren einmal nicht sehr klug, denn mit uns legt man sich einfach nicht an, niemals – das war ein Fehler, Herr Max, ein großer Fehler... Ihr Fehler!“. Wie wenn er das bedauern würde, schüttelte er leicht den Kopf.

Er lüftete seinen Hut etwas, nickte Max zu und sagte abschließend, „Gute Nacht, Herr Max, entschuldigen Sie mich, bitte. Gestatten Sie mir einen Tipp: Genießen Sie die Zeit, die ihnen bleibt, mit Ihren wunderschönen Frauen. Da sind Sie wahrlich zu beneiden, bei den Frauen“.

Max schaute ihn stumm und völlig entgeistert an.

„Ach so, Herr Max, falls es Sie beruhigen sollte, um die Damen brauchen Sie sich keine Sorgen zu machen. Auch nicht um die Dame, die Ihr Modell für die Bilder der Ausstellung in Palma de Mallorca war. Wir wissen wahre Kunst UND wahre Schönheit zu schätzen! Wir lassen sie leben, naturalmente. Und irgendwie haben Sie und Ihre Männer uns mit dem unerwarteten Unfalltod Davides auch einen Gefallen getan. Er fing an, zu stören, uns Probleme mit seinen unkontrollierten Mädchengeschichten zu erzeugen. In unser Branche muss man sehr beherrscht sein...“

Der Mann verneigte sich ein wenig steif, drehte sich um und ging ein paar Schritte. Der jüngere, der hinter ihm, der kein Wort gesagt hatte, folgte ihm wie sein Schatten, dann stockte der Alte und kam noch einmal zwei oder drei Schritte zurück und sagte zu Max: „Wie dumm von mir, Herr Max, entschuldigen Sie bitte meine Unhöflichkeit, ich habe Ihnen Gianluca nicht vorgestellt…“

Er deutete auf den jungen Mann hinter sich. „Gestatten Sie, Herr Max, das ist Gianluca“.

Gianluca verbeugte sich jetzt ebenfalls leicht aber gar nicht steif und tippte mit zwei Fingern an seinen Hut. Er verzog keine Mine dabei.

„Um Gianluca sollten Sie, erlauben Sie mir diesen Hinweis, Herr Max, möglichst einen Bogen machen – solange und falls Sie können, Herr Max! Sie beide verbindet nämlich etwas: Ihr Tod, Herr Max… Gianluca´s Job ist ab sofort Ihr Tod. Sie werden ihn nur noch einmal zu sehen bekommen, glaube ich – wenn Sie sterben. Gute Nacht, Herr Max!“

Max stand atemlos (er hatte den Atem angehalten) und vollkommen perplex da – bis ihm die Glut der Zigarette, die er  noch immer – allerdings achtlos und vergessen – in der Hand hielt, die Finger verbrannte.

„Autsch!“, rief er, warf die Zigarette weg und steckte den verbrannten Finger in den Mund. So blieb er eine ganze Weile bewegungslos und starr stehen.

Da steckte Frau Lucchetta den Kopf durch die Tür, schaute ihn an und fragte: „Ich wollte nur mal nach Dir schauen, nachdem Du gar nicht wieder herein gekommen bist. Man fragt nach Dir. Die Bilder, weißt Du..., deine Ausstellung?“

Sie unterbrach sich. „Du bist ja schneeweiß, ist Dir nicht gut? Oder hast Du ein Gespenst gesehen?“

„Nein, nein, alles gut, Frau Lucchetta! Aber fast so etwas wie ein Gespenst...“, sagte Max langsam und sehr leise, „aber es war kein kein Gespenst, ich habe nur den Tod gesehen, wissen Sie – meinen Tod!“, hauchte er noch leiser, schüttelte einmal den Kopf und folgte ihr dann in die Galerie.

„Was war los?“, fragte Frau Lucchetta drinnen erschrocken. Sie hatte seine leise gesprochenen Worte nicht gehört hatte.

„Später“, antwortete Max, „später, nachher im Hotel. Jetzt erst einmal die Ausstellung,“ riss er sich zusammen.

Damit schob er sie vor sich her zurück in die Ausstellungsräume. Nur wer ihn genau kannte, und das waren in diesem Kreise wenige, konnte an seinem Gesichtsausdruck und seiner Gesichtsfarbe bemerken, dass etwas sehr Besonderes passiert sein musste. Jana und Wolfgang bemerkten es natürlich auf den ersten Blick. Auf ihre besorgten Fragen antwortete Max ebenfalls, dass er später im Hotel berichten würde, was vorgefallen sei, jetzt nicht.

Fragen von Vernissage-Besuchern beantwortete er unkonzentriert und teilweise unpassend. Er war zwar körperlich noch anwesend – aber abwesend.

Ca. zwei Stunden und für die Gäste diverse Gläser Rotwein später war die Vernissage endlich beendet. Max war derweil jeder Appetit auf Alkohol vergangen. Für ihn waren die Stunden seit der Begegnung mit Gianluca eine Qual gewesen.

Diverse rote Punkte an Bildern zeigten, wie erfolgreich die Ausstellung jetzt schon war – finanziell gesehen. Für die angekündigten Folgeausstellung würde Max viele neue Zeichnungen anfertigen müssen. Die Fotos waren überhaupt kein Problem, die mussten nur neu vergrößert und gerahmt werden – bis zu fünf Abzüge von einem Negativ galten im Kunsthandel ja als Originale.

Von der Galerie war es nur ein Katzensprung ins Hotel. Den kurzen Weg durch die im nassen Nebel liegenden Gassen und am Canal Grande entlang, legten die Vier schweigend zurück, nachdem Frau Lucchetta den Kopf geschüttelt hatte, als Jana gleich nachdem sie die Galerie verlassen hatte, gefragt hatte, was denn nun los sei?

Da die Hotelbar schon geschlossen war, ließ Max sich vom Concierge zwei Flaschen Amarone und vier Gläser geben. „Kommt, wir gehen auf mein Zimmer“, sagte er und ging voran. Die anderen folgten in seinem Schlepptau. Dort angekommen, drückte er Wolfgang die beiden Flaschen in die Hände und sagte: „Mach Du die mal auf, ich brauche jetzt einen Schluck – und Ihr wahrscheinlich auch gleich.“

Wolfgang erledigte seinen Job, und als alle ein Glas in der Hand hielten, sagte Max: „Tja, also... Die Ausstellung war ja ein Erfolg, glaube ich, die war ziemlich okay, aber da war noch etwas, was Ihr wissen müsst...“

Er machte eine kurze Pause, nahm einen großen Schluck und deutete mit einer kurzen Handbewegung an, dass er gleich weitersprechen würde. Dann erzählte er, was in der Gasse geschehen war. Einen Moment lang herrschte verblüffte Ruhe.

„Scheiße“, sagte Wolfgang dann, „Scheiße, Scheiße, Scheiße...“. Er hätte gut und gerne so weitermachen können, fand er.

„Ogottogott“, seufzte Jana.

„Mist“, sagte Frau Lucchetta und griff nach Wolfgangs Hand, um sie fest zu drücken und nicht mehr los zu lassen..

„Und nun?“, fragte Jana, „was nun?“

„Naja, bis München wird nichts passieren, denke ich mir“, sagte Max leise.

„Und dann?“, wollte Wolfgang wissen, „In München? Dort dann schon, oder wie? Und wann? Wer ist das? Kennen wir den aus Palma? Wartet der Kerl schon in München auf Dich, wenn wir heimkommen? Wie heißt der?“

Max zuckte hilflos die Schultern. „Weiß ich nicht?“. Er zuckte mit den Schultern. „keine Ahnung, Wolfgang. Gianluca,“ sagte er dann, „Gianluca heißt der. So wurde er mir vorgestellt. Er ist jung und sieht irgendwie gut und gleichzeitig gefährlich wie eine aufgescheuchte Viper aus. ER trägt Hut...“

„Hhm, tolle Beschreibung, Max. Egal, das wird echt schwierig werden, Dich in München zu bewachen und Dich vor ihm zu schützen, der Kerl kann ja überall auf Dich warten...“, sagte Wolfgang langsam. Offenbar überlegte er.

„Ja“, sagte Frau Lucchetta, „das glaube ich auch, das wird sicherlich schwierig bis unmöglich – selbst beim Schwimmen im Dantebad könnte der Kerl auf Dich warten. Ganz einfach, liegt da auf der Wiese und hat die Pistole ins Handtuch eingewickelt. Die Mafia hat vieles aber eines ganz besonders – Geduld! Das habe ich von meinem Papa.“

„Er kann Dich in der U-Bahn..., naja, da vielleicht weniger. Aber zuhause oder im Laden! Er braucht bloß ein paar Wochen zu warten bis unsere Aufmerksamkeit nachgelassen hat. Je länger er wartet, desto einfacher wird es für ihn, denn Du wirst irgendwann unvorsichtig werden, Max, da beißt keine Maus etwas vom Faden ab. Wie gesagt, der Job ist fast unmöglich. Trotzdem müssen wir ihn machen, wenn Du überleben willst... Ich brauche mindestens 8 Mann dafür.“

„Wofür?“, wolle Jana wissen, „wofür brauchst Du acht Männer?

„24-Stunden rund um die Uhr Bewachung“, antwortete Wolfgang, „die Leute müssen ja auch mal schlafen. Deshalb acht.“

„Das wird doch nichts“, wagte Max einzuwerfen, „das ist doch unmöglich... Vielleicht war das ja auch nur eine Drohung, um mir Angst zu machen!“

„Vielleicht, aber ich glaube das nicht,“ sagte Frau Lucchetta, „mein Vater...“

„Der Mafiajager, äh, -jäger“, warf Jana erläuternd ein und lächelte Frau Lucchetta zu.

Die lächelte schwach zurück und schüttelte ganz leicht den Kopf, „... hat immer gesagt, die Mafia sei absolut humorlos, wenn die wen bedrohe, sei der...“. Hier brach sie ab.

„... schon so gut wie tot“, vollendete Max den Satz und fügte ein „Scheiße“ hinten dran.

„Tja“, meinte Wolfgang trocken, „das kann man wenden, wie man will, es bleibt bei acht Mann! Ich kann noch einmal drüber nachdenken, aber es wird auf acht hinauslaufen. Und die muss ich erst einmal herankriegen. In München gibt es die nicht. Und selbst wenn, ich würde nur meinen Jungs trauen... Teuer wird´s werden!“

„Ach was“, sagte Jana, „das schaffen wir schon, da liegen wir zusammen.“

„Legen wir zusammen“, lächelte Frau Lucchetta Jana an und fügte leise hinzu: „Ich weiß schon, ich bin ein Klugpupser...“

„Das ist lieb, Jana, aber das werde ich mir schon leisten müssen – ist ja schließlich mein Leben. Da muss ich auch bezahlen, finde ich,“ seufzte Max, „ich werde rechtzeitig um einen Kredit bitte, wenn meine Mittel zu Ende gehen.“

Alle schwiegen.

„Schenk noch mal ein, Wolfgang, und dann gehen wir schlafen, finde ich.“, sagte Max nach einiger Zeit in das gemeinsame Schweigen hinein.

Frau Lucchetta schenkte ein. Nachdenklich drehte sie danach die Flasche in einer Hand.

Sie tranken einen Schluck, dann noch einen. Sie schaute auf das Etikett. „Amarone,“ flüsterte sie, „das ist der Lieblingswein meiner Mutter“, sagte sie schließlich, „also nicht genau dieser, aber Amarone, den trinkt sie am liebsten. Immer wenn ich ein Gals Amarone trinke, muss ich an sie und Papa denken.“

„Tatsächlich, ist das ein Amarone?“, meinte Wolfgang, „ich habe, ehrlich gesagt, gar nicht gemerkt, was wir da trinken. Scheint mir aber ein feines Gesöff zu sein..., schmeckt.“

„Wolfgang!“, wies Frau Lucchetta ihn zurecht.

„Na, gut, dann eben feiner Stoff, wenn´s genehm ist.“

„Chef,“ fragte Frau Lucchetta entschlossen, „ich würde gerne für zwei oder drei Tage zu meinen Eltern fahren, geht das?“

„Natürlich“, stimmte Max zu, „selbstverständlich! Soll Wolfgang mitfahren?“

„Nix da,“ brummte der, „so gerne ich auch würde, aber im Moment bin ich Dein einziger Bodyguard, Max, alles, was recht ist. Das wird unser Mädchen hier verstehen.“

Damit nickte er in Richtung von Frau Lucchetta, „nämlich dass Du im Moment meine erste Priorität hast.“

Frau Lucchetta nahm seine Hand, streichelte sie, schaute Wolfgang dann kurz an und nickte.

„Okay“, sagte Wolfgang dann und schlug die Hände zusammen. „Das wäre es für heute! War genug. Ab in die Betten, Mädels, Programmänderung: Ich schlafe bei Max auf der Couch, so schwer es mir auch fällt. Aber Dienst ist Dienst!“

Damit schob er Jana und Frau Lucchetta resolut aus dem Zimmer. „Hast Du eine Decke für mich?“, fragte er Max.

München erreichten sie am nächsten Tag problemlos. Und auch sonst geschah erst einmal nichts Bemerkenswertes.

München. Frau Lucchetta ist aus Viterbo zurück

Frau Lucchetta hatte auf einem langen Spaziergang ohne die Mutter, die das Essen vorbereitete, mit ihrem so geliebten Vater über das gesprochen, was in Palma de Mallorca und in Venedig passiert war. Er hatte zugehört und ab und zu eine Frage gestellt, er war sehr bestürzt und hatte Angst um seine Tochter und ihre Freunde – vor allem aber um sie. Er war schließlich IHR Vater. Nein, er könne nicht mehr helfen – und schon gar nicht im fernen Germania.

Der Nightjet-Zug war mit Frau Lucchetta an Bord um 19.00 abends in Rom Termini abgefahren und hatte gegen 08.00 morgens Uhr den Münchner Hauptbahnhof erreicht.

Den schnelleren Flieger hatte sie wegen der Gepäckkontrollen nicht nehmen können, da ihr Vater ihr ein besonderes Mitbringsel mitgegeben hatte: Eine kleine Pistole, die perfekt in ihre Hand passte. Er hoffe zwar, hatte er gesagt, dass sie sie nie brauchen werde, aber so ganz ohne, hatte er hinzugefügt, das ginge in ihrer Situation ja auch nicht. Sie wisse ja noch von früher, als sie zusammen geübt hatten, wie so ein Ding funktioniere. Denn die Polizei, hatte er noch hinzugefügt und mit dem Kopf geschüttelt, die komme ja immer erst, wenn schon etwas passiert sei. Und er würde sich nie verzeihen können, wenn ihr etwas passieren würde. Ihrer Mutter hatten sie aus gutem Grund nichts von der Pistole gesagt.

Um 08.30 hatte sie das fortyfourplus erreicht und als erstes die Pistole in der obersten Schublade zwischen die roten Höschen der Größen 42 bis 46 gesteckt. Da konnte sie sie jederzeit schnell ergreifen.

Sie wusste selbst nicht, ob sie sich jetzt sicherer fühlte oder nicht.

Ab und zu, wenn Max und Wolfgang gerade mal nicht im Laden waren, fasste sie zwischen die Höschen, um sich des kalten Stahls zu vergewissern. Jedes Mal überlief sie ein Schaudern, wenn sie die Pistole berührte.

Ein weiblicher Bodyguard war sie deshalb jedenfalls nicht, fand sie. Und einen Mafiakiller würde sie mit dem Damen-Pistöl“chen“ bestimmt auch nicht verjagen können – aber wie hatte der Papa gesagt, ganz ohne..., das ginge in ihrer Situation auch nicht.

München

92 Tage und 13 Stunden waren seit dem beängstigenden Ereignis in Venedig vergangen. Max hätte auch noch die Minuten angeben können, so genau zählte er „seine geliehene Zeit“, wie er das nannte.

Trotz der im Raume stehenden Bedrohung genossen er und Sarah ihr gemeinsames Zusammenleben. Mr. Spock fand, dass Sarah eine super Dosenöffnerin sei, und außerdem hatte sie ihm den Thunfisch beigebracht und ein weiches Kissen in eine für ihn gerade richtig große Kiste im Schlafzimmer gelegt. Das war neuerdings ein Dreibettzimmer. „Spockie“ war es zufrieden. Denn manche Nacht begann er vorschriftsmäßig in seinem Kistenbett, um irgendwann, wenn die anderen beiden schliefen, ganz, wirklich gaaanz vorsichtig seinen seiner Meinung nach wahren Platz zwischen den beiden im Ehebett einzunehmen. Dann war er wirklich zufrieden.

Er glaubte ja, das würden die beiden nicht merken. Das stimmte aber nicht – Sarah und Max hatten sich unter dem Druck einen sehr leichten Schlaf angewöhnt und bemerkten das kätzische Entermanöver meistens. Sie taten dann so, als ob sie tief schliefen und ließen den Kater, wo er sich sicher wähnte.

Max und Sarah hatten sich, man mag es kaum glauben, irgendwie an die über ihnen schwebende Drohung gewöhnt und lebten, so gut es eben ging, mit ihr. Sie sprachen wenig davon und wenn, dann versuchten sie, rational damit umzugehen – was schwierig genug war. Sie hielten sich häufig im Arm, tauschten bei jeder sich bietenden Gelegenheit kleine Zärtlichkeiten aus, küssten sich und waren sich überhaupt so oft so nahe wie möglich.

Manchmal weinte Sarah leise in ihr Kissen (auch wenn Spockie das Seine tat, um sie zu trösten), wenn sie glaubte Max würde neben ihr schlafen – was der aber nicht immer tat. Es brach ihm fast das Herz, seine Sarah weinen zu hören. Er nahm sie dann noch fester in den Arm als sonst. Sie kroch unter seine Decke und auch Mr. Spock kroch zu ihnen heran. So lagen sie drei, bis einer oder alle eingeschlafen waren. Nach solchen Nächten standen sie alle spät auf. Sogar Mr. Spock hatte dann ein Einsehen und verzichtete auf die erste Felix-Tüte.

Das Dantebad mieden sie im Moment allerdings – wegen der Handtücher und was in ihnen alles eingewickelt sein mochte.

Nach 10 Wochen hatte Max Wolfgang angewiesen, die Bewachungsaktion einzustellen. Er hatte es einfach nicht mehr ausgehalten, sich ständig beobachtet zu fühlen.

„Ich fühle mich nicht sicherer, Wolfgang“, hatte er gesagt, „nicht mehr, und wer weiß, ob Gianluca jemals kommen wird. Ich kann nicht mehr frei atmen, im übertragenen Sinne, nicht mehr frei denken und deshalb auch nicht mehr künstlerisch tätig sein, wenn ich immer jemand in der Nähe weiß, der auf mich schaut. Nee, Wolfgang, so gut es gemeint ist, so geht es einfach nicht weiter – und wenn es mich dann doch irgendwann erwischen sollte, dann ist Gianluca hoffentlich ein echter Profi, zwei schnelle Kugeln und das war´s dann. Dann ist es eben aus, verstehst Du? Ich habe ein so gutes Leben gehabt, besser geht es doch gar nicht, dann muss es das eben gewesen sein... Ich hoffe ja, dass es für mich im Falle eines Falles schnell gehen wird. Und wenn nicht, mein Gott, dann kann ich auch nichts mehr ändern. Man wird unter dieser Drohung irgendwann zum Fatalisten, Wolfgang, zum so what-Menschen. Wenn es anders wäre, würde man verrückt werden, glaube ich. Vielleicht ist es ja auch das, was die Kerle wollen? Egal, meine Dinge habe ich jedenfalls geklärt. Wie sagt ein Bekannter immer: Alles gut!“  

Wolfgang argumentierte nicht herum. Irgendwie verstand er Max gut. Und außerdem, die Bewachung konnte ja keine endlose Geschichte werden...

Gianluca

Am Morgen war der junge Mann mit demselben Zug aus Italien am Münchner Hauptbahnhof eingetroffen, mit dem Wochen vorher Frau Lucchetta gekommen war. Mit dem Bus der Linie 100 war er die wenigen Stationen bis zur Amalienstraße gefahren.

Sein Ziel war eine wenig bekannte Pension, die sich im ersten Geschoss eines Hinterhauses in der Amalienstrasse befand.

Die Pension – die nur über drei Gästezimmer verfügte – bot keinerlei Service, von Luxus gar nicht zu reden, nicht einmal Toiletten und Duschen hatten die Zimmer. Die gab es „auf der Etage“, eine für alle. Wer etwas zu essen bekommen wollte, musste in die Küche kommen, wo die „Mama“ vielleicht etwas zubereitete.

Die wenigen Gäste, die hierher kamen, schätzten, dass sie sich in dieser kleinen Absteige vollkommen anonym aufhielten, das war ihnen das Wichtigste. Und man sprach Italienisch. Meldezettel gab es für sie nicht. Da ließ sich die Wirtin etwas einfallen. Und noch nie hatte ein Sonnenstrahl die Fenster der Gastzimmer erreicht. Die lagen mehr so im Halbdunkel – doch, nur um das klarzustellen, über elektrisches Licht verfügten die Zimmer.

Die Pensionsgäste waren nicht einmal zu Wiesn-Zeiten Touristen, und man konnte sein Zimmer nicht über book­ing.com oder ähnliche Online-Dienste reservieren. Einen Facebook-Account oder eine Website würde man vergeblich suchen. Wozu auch? Diese Pension brauchte keine Gäste, um es modern zu sagen: Sie war kein Profitzenter. Es war anders herum: Ausgewählte Gäste brauchten die Pension. Und kannten sie.

In der Amalienstraße wies kein Schild am Vorderhaus auf die Pension hin. Natürlich zahlte man (geringe!) Steuern, und man spendete jedes Jahr (etwas!) für Witwen und Waisen von im Dienst umgekommenen Polizisten. Man hielt sich an die Gesetze und wusste, was gut für´s Geschäft war, für das eigentliche Geschäft: Unauffälligkeit und Anonymität.

Man ging man nicht einfach in diese namenlose Pension (für das Finanzamt hieß sie „Con la mamma“ und lief unter ferner liefen) hinein, um nach einem Zimmer zu fragen... Um hier ein Zimmer zu bekommen, brauchte man eine spezielle Empfehlung und Referenzen von mehreren im Haus bekannten Gästen.

Unser junger Mann war von den richtigen Leuten angekündigt worden oder hatte offenbar ausreichende Referenzen vorweisen können.

Für ihn war ein – allerdings im Vergleich zu anderen Hotels außergewöhnlicher – Service vorbereitet worden. Beim Ein­treffen hatte die alte Pensionswirtin ihm ein handliches kleines Päckchen von einigem Gewicht mit den Worten „Da ist von Ihren Freunden etwas für Sie abgegeben worden“ ausgehändigt. Inhalt waren eine perfekt ausgewogenen Pistole Kaliber 22 ohne Seriennummer aber mit Schalldämpfer und zwei Patronen. Mehr brauchte es für einen Profi nicht.

Der junge Mann lag jetzt in seinem zwar großen, aber sehr einfach eingerichteten Zimmer, das er am Vortag bezogen hatte, auf einer Chaiselongue.

Ein Flügel eines der beiden Fenster des Zimmers zum Hof war geöffnet. Ein Besucher, der einen Blick durch die Zimmertür geworfen hätte, hätte ihn wahrscheinlich gar nicht wahrgenommen, so still lag der junge Mann im Halbdunkel. Schon seit diversen Minuten lag er regungslos da.

Hätte der junge Mann einen Blick durch eines der beiden Fenster geworfen, hätte er in einen sehr kleinen, sehr trostlosen Hof geschaut, dessen einzige Attraktion aus drei Mülltonnen bestand, die dort offenbar einmal vergessen worden waren.

Es handelte sich weniger um einen Hof als vielmehr um einen Lichtschacht, der von den Mülltonnen aus insgesamt sechs Stockwerke hoch reichte. Dem jungen Mann war das egal. Er hatte keinen Blick weder für einen Lichtschacht noch für einen Hof gehabt. Er dachte an... mehr oder weniger nichts! Doch, das soll möglich sein!

Einzig die Rauchfahne seiner Zigarette zog langsam in Richtung geöffnetes Fenster, das war die einzige Bewegung im Raum.

Es war sehr still. Den einzigen Ton, der zu hören war, es war eigentlich ein Doppelton, der sich wie „ping ping“ anhörte, erzeugte ein einsamer Fink in einem Vogelbauer, das auf einem Tischchen zwischen den Fenstern stand. Der Fink hüpfte zwischen zwei Stangen hin und her. Dabei brachte er die Metallstangen des Vogelbauers zu einer Art klirrenden Singen. „Ping ping“. Er hüpfte sehr langsam, fast traurig, als ob er wüsste, dass er dieses Vogelbauer nie mehr verlassen würde, jedenfalls nicht lebend. Unter diesen Bedingungen ist „ping ping“ eigentlich schon sehr viel.

Durch das offene Fenster drangen leise Geräusche der Stadt, die unseren jungen Mann weder interessierten noch berührten, wie gesagt, er dachte an... nichts.

Vielleicht dachte er ja auch an seinen rechten Zeigefinger, der sich um einen Trigger krümmen, den Druckpunkt erreichen und überwinden würde. Damit würde ein Mechanismus in Gang gesetzt, in dessen Ablauf ein Schlagbolzen auf eine Patrone treffen, dessen Ladung zur Explosion bringen und die Kugel durch den Lauf jagen würde.

Die Kugel würde auf einer wegen der Gravitation wirklich nur ganz leicht nach unten gebeugten Geraden durch die Luft fliegen, um schließlich ihr Ziel – in der Regel einen Menschen, wahrscheinlich dessen Kopf – zu treffen. Sie würde den Knochen zwischen den Augen des Opfers durchschlagen und dann ihren tödlichen Weg in das Gehirn des Opfers nehmen. Ende der Geschichte. Der junge Mann kannte sie auswendig, weil er sie schon so oft – zu oft? – als der Mann mit dem Zeigefinger erlebt hatte.

Eine traurige Geschichte? Nicht für den jungen Mann. Für den war es eine ganz normale Geschichte, allerdings eine, ohne Happy End. Er kannte weder Happy End noch Trauer, denn Gefühle hatte er nie kennen gelernt. Da war er leer. Etwas anderes als Töten hatte er nicht gelernt.

Seine Schulfächer waren Töten mit der Pistole, Töten mit dem Gewehr, Töten mit dem Messer, Töten mit einer Schlinge und Gehorsam gewesen. Er war ein gelehriger Schüler gewesen und hatte seine Schule mit Bestnoten abgeschlossen. Mit seinen Noten hatte er es leicht gehabt, einen Job zu finden, der seinem Können entsprach. Die Bezahlung war gut.

Er folgte seinen Befehlen, denen aber absolut. Er kannte seit seiner Kindheit nur Gehorsam, der war ihm eingebleut worden.

Für ihn galt: Der andere oder er. So war sein Leben, und zwar genau so lange, bis er einen Fehler machen, auf einen besseren und schnelleren Schützen treffen oder von seinem Nachfolger umgebracht werden würde. So einfach war das. Er stand auf einfache Lösungen, kompliziert – das war nichts für ihn.

So oder so, auch er würde eines Tages durch eine Kugel sterben, da war er sich sicher, und das hatte er zu akzeptieren. Sonst wäre gleich Schluss, das wusste er.  

Der sehr gut aussehende schlanke junge Mann, dem eine große Ähnlichkeit mit dem jungen Alain Delon nicht abzusprechen war, bewegte sich immer noch nicht. Mit seinem Aussehen hätte er leicht Frauen haben können, hatte er aber nicht. Denn was hätte er mit ihnen anfangen sollen, er, ein Mann ohne Gefühle? Das, was er brauchte, nahm er sich. Manchmal. Gefühllos, skrupellos.

So wie er da lag, hätte er tot sein können – oder mindestens gelähmt. Jedenfalls lag er regungslos da. Lange. Was hätte er sonst auch tun sollen? Man hatte ihm nur seinen Job genannt. Es war, als ob er seine Umgebung gar nicht wahrnahm, oder als ob er in der Umgebung gar nicht wirklich vorhanden war.

Sollte er versagen, was praktisch ausgeschlossen war, würden keinerlei Spuren zu seinen Auftraggebern führen, dafür hatte man gesorgt, das war business as usual. Ja, sogar ihn zu identifizieren, wäre sehr schwer gewesen. Und vermissen würde ihn auch niemand. Niemand würde ihn als vermisst melden.

In seiner Hand lag die elegante kleine Pistole mit Schalldämpfer aus dem Päckchen und daneben ein Portacenere (Aschenbecher auf Italienisch). Rauchverbot kannte man in der Pension nicht. Das wäre bei den Gästen auch nicht durchzusetzen gewesen. Die Pistole lag in seiner Hand, als ob sie ein Teil von ihm wäre – und so fühlte sie sich für ihn auch tatsächlich an, als Teil von ihm.

Der junge Mann war vollständig angezogen – mit Anzug, Hemd und Krawatte. Wielange er schon so da lag? Unwichtig, jedenfalls lange.

Sein hellgrauer Staubmantel hing auf einem Bügel an einer Garderobe. Daneben ein Hut.

Urplötzlich bewegte sich der junge Mann doch. Er stand in einer elegant-flüssigen Bewegung auf. Dabei hielt er die Pistole weiter in der Hand. Anzug, Hemd und Krawatte sassen immer noch perfekt, obwohl er sicherlich eine Stunde oder mehr auf der Chaiselongue gelegen hatte.

Er ging zur Garderobe, nahm den Staubmantel vom Bügel, zog ihn an, stellte sich vor den Spiegel und setzte sorgfältig den Hut auf, den er in beiden Händen hielt. Sein Gesicht war schön aber seltsam unbewegt. Er rückte den Hut einige Male in kleinen sparsamen Bewegungen zurecht, bis er mit dem Sitz zufrieden war, und strich dann mit der rechten Hand die Hutkrempe zurecht.

Er warf einen langen Blick auf den Finken, als ob er sich von einem stummen Freund verabschieden wollte. Er machte drei oder vier Schritte zum Vogelbauer und öffnete dessen Tür. Der Fink saß ganz still auf einer seiner beiden Stangen, so, als ob er darüber nachdenken würde, was er von der neuen Situation halten sollte.

Der Mann drehte sich um und verließ das Zimmer nicht, ohne eine ausreichende Summe auch für einen neuen Vogel auf dem Tisch hinterlegt zu haben. Er würde das Zimmer nicht wieder betreten.

Spuren hatte er keine hinterlassen. Ein Profi, das war jetzt klar.

Zwei oder drei Minuten nachdem er die Zimmertür hinter sich geschlossen hatte, nahm der Fink die Herausforderungen der neuen Freiheit an und hüpfte aus dem Bauer. Er prüfte die Tragfähigkeit seiner Flügel – siehe sie, sie trugen ihn. Allerdings flog er zum falschen Fester, nämlich dem Geschlossenen. Sekunden später lag er mit ausgebreiteten Flügeln und gebrochenem Hals regungslos auf dem Fensterbrett. Auch ein Preis der Freiheit.

Auf der Straße schaute sich der junge Mann um. Es hatte leicht geregnet. Die Straßen waren nass, ab und zu standen ein paar Pfützen auf dem Pflaster. Aber er hatte es ja nicht weit. Ein paar zig Meter weiter parkte sein alter Citroën DS mit französischem Kennzeichen. Wenn es oben geheißen hatte, dass er über keine Gefühle verfüge, dann galt das nicht für diesen Oldtimer. Wenn er überhaupt etwas mochte, dann den.

Er schlug den Mantelkragen hoch und ging leicht vorgebeugt zur DS und stieg ein. Er streifte seine Handschuhe über, startete den Motor und lenkte den Wagen in den Straßenverkehr. Er fuhr sicher und unauffällig ziellos durch die Stadt, die ihn nicht interessierte. Er musste nur etwas Zeit totschlagen. Für die Erledigung seines Jobs war es noch zu früh.

Gegen 10.30 Uhr erreichte er die Parkgarage am Rindermarkt. Er hatte Glück, denn gerade als er in die Einfahrt fuhr, verließ ein Mercedes seinen Platz im Erdgeschoss. Den nahm er, indem er rückwärts einparkte – natürlich rückwärts, er war eben ein Profi, man weiß ja nie...

Von hier aus hatte Gianluca vielleicht 400 Meter Fußweg schräg über den Marienplatz zu seinem Ziel dem fortyfourplus.

Noch weitaus weniger weit hatte es fast gleichzeitig Wolfgang vom Goldschmiede-Laden in der Sporerstraße, in dem er einen Spannring mit durchaus beeindruckendem Diamanten für hoffentlich bald seine Frau Lucchetta bestellt hatte. Heute hatte er ihn um endlich abholen können.

Um elf Uhr öffnete der Laden. Er hatte schon früher vor der Tür gestanden und gewartet, dass man ihn endlich einlassen würde. Um 10.40 Uhr hatte eine Verkäuferin Mitleid mit ihm und ließ ihn herein, um 10.45 Uhr hatte er das kleine Päckchen bezahlt und eingesteckt. Um 10.46 war er auf dem kurzen Weg zum fortyfourplus.

Er brauchte eigentlich nur ca. 100 Meter am Dom entlang zu gehen, dann war er schon im fortyfourplus. Er war aufgeregt, er hatte es eilig, denn er hatte etwas ganz Besonderes vor: Heute wollte er endlich um Frau Lucchettas Hand anhalten. Fast lief er schon, denn er wollte natürlich vor Max im Laden sein, weil der nur gestört hätte, fand er. Auf die Idee eines romantischen Abendessens mit einem Glas Rotwein im Kerzenschein war er gar nicht gekommen – er war Wolfgang, fand er, und nicht Rotkäppchen oder so... und deshalb wollte er Frau Lucchetta JETZT erobern, auf seine Art eben – mehr so im Sturm! Wer brauchte schon Romantik.

Max saß aber schon mit Frau Lucchetta im Laden, gemeinsam gingen sie an der Ladentheke die eingegangene Post durch – es war nichts Wichtiges dabei. Doch, ein Brief vom Galeristen in Venedig – er hatte nach so langer Zeit noch einmal fünf Bilder auf einmal an einen venezianischen Sammler verkauft. Das sei doch sehr schön, oder?

Die nächsten Ereignisse spielten sich im Verlaufe weniger Sekunden, maximal ein oder zwei Minuten ab. Für die Beteiligten war es, als wenn die Zeit stehen geblieben wäre:

Plötzlich sah Wolfgang einen Widergänger des jungen Alain Delon aus „Der eiskalte Engel“ auf das fortyfourplus zusteuern. Der junge Mann mit Hut, Trenchcoat und Handschuhen hatte nur noch wenige Schritte bis zum Laden.

Wolfgang wusste sofort, wen er da sah: Das war niemand anders als der lange erwartete Gianluca! Der hatte sich noch mehr Zeit gelassen, als sie erwartet hatten, aber jetzt war er da!

Wolfgang begann zu rennen.

Seine Hand langte nach der Pistole in seiner Jackentasche, bekam sie aber nicht gleich zu fassen.

Die Tür des fortyfourplus öffnete sich, und ein junger Mann kam herein. Er trug einen hellgrauen Trenchcoat und dazu einen hellen Hut mit breitem Hutband und Handschuhe, einen dunklen Anzug, weißes Hemd mit Krawatte sowie blitzsauber gewienerte Schuhe – ungewöhnlich für einen Mann seines Alters, fand Max, der das alles im Bruchteil einer Sekunde wahrnahm. Mode war schließlich sein Geschäft, wenn auch nicht unbedingt Männermode. Die Tür fiel hinter Alain Delon zu. Er sah nämlich ein bisschen zu sehr aus wie der junge Killer in „Der eiskalte Engel“, um real zu sein. Tatsächlich fragte sich Max in diesem Moment, ob das ein Film sei, was da gerade ablief.

Wolfgang war die letzten Meter bis zum fortyfourplus gerannt, was Beine und Lunge hergaben. Seine Pistole hatte er inzwischen in der Hand.

„Halt!“, hatte er gebrüllt, aber niemand hatte von ihm Kenntnis genommen, der Delon-Verschnitt erst recht nicht. Der hatte die Tür geöffnet, als Wolfgang noch etwa acht Meter von ihm entfernt war. Dann schloss sich die Tür. Wolfgang nahm sich nicht einmal die Zeit zu fluchen...

Drinnen im fortyfourplus ließ der junge Mann den linken Arm bewegungslos herabhängen, die rechte Hand steckte in seiner Manteltasche.

Wolfgang machte einen letzten großen Schritt und rutschte auf den beiden nassen Stufen, die zur Ladentür führten, aus.

Bevor Max oder Frau Lucchetta etwas sagen konnten, sagte der Gast höflich und eher leise: „Buon giorno…, Signore Max Xerxes?“. Max nickte, stand auf.

Frau Lucchetta hatte hinter ihm die Hände vor den Mund geschlagen und schrie auf vor Entsetzen – aber ohne einen Laut heraus zu bringen. Einen Moment lang war sie wie gelähmt, aber nur einen Moment lang...

„Ja, bitte?“, fragte Max. Er erstarrte, denn er erkannte Gianluca, der jetzt eine kleine Pistole mit Schalldämpfer aus der Tasche zog und auf Max richtete. Die Pistole sah eher wie ein Spielzeug aus, nicht wie ein tödliches Werkzeug aus, das es aber zweifelsohne war… Er hob die Pistole, zielte eher nachlässig auf Max Kopf...

In dem Moment flogen mit Urgewalt und Getöse die in mehrere Teile unter dem anstürmenden, ja fliegenden Wolfgang zerbrochene Tür und der in der Luft strampelnde Wolfgang (mit dem Hintern voran) in den Laden.

Mindestens eines der großen Türteile und Tausende Splitter der Tür trafen die Gianluca von hinten. Der bekam das Gewicht der halben Tür und der 100 Kilogramm des ganzen Wolfgangs in den Rücken. Masse mal Geschwindigkeit ist Kraft... Und da kam einiges zusammen! Er geriet erst ins Stolpern und dann ins Fallen.

Er machte zwei oder drei unkontrollierte Schritte. Und dann machte es erstaunlich leise erst zweimal plopp, als er den Zeigefinger unbewusst beugte – die 22er Kugeln krachten aus dem Lauf und trafen den mit Dessous arrangierten Glastorso von Jana, der unter lautem Knall in Millionen bunte Glassplitter zerbarst, die auf den im Fallen befindlichen Gianluca mit hoher Geschwindigkeit entgegenflogen. Sie trafen sein ungeschütztes Gesicht. Das war für Gianluca nicht gut, gar nicht gut!

Inzwischen hatte Frau Lucchetta zwischen die Höschen gegriffen, hatte ihre „Mafiajäger-Pistole“ gefunden, hatte kurz, aber wirklich sehr kurz auf Gianluca gezielt und geschossen. Es war purer Zufall, dass sie Gianluca in seinem Fall da traf, wo er Max hatte treffen wollen: Genau zwischen die Augen.

Die Kugel brach sich mit Urgewalt ihren Weg durch Gianlucas Stirnknochen und verlor dabei so viel Energie, dass sie nicht mehr durch den Schädelknochen auf der Rückseite austreten konnte, sondern stattdessen immer wieder von den Knochen der Schädelkalotte abprallend ein paarmal durchs Gehirn schoss und dieses dabei zermuste – und dem jungen Mann damit auch nicht den Hauch einer Chance ließ. Für einen zweiten Schuss hatte ihr plötzlich die Kraft gefehlt.

Frau Lucchetta sank unmittelbar nach dem Schuss in die Knie, ließ ihre Waffe fallen, schlug die Hände vor das Gesicht und weinte bitterlich.

Von nun an können wir die Zeit wieder„normal“ weiterlaufen lassen:

Wolfgang brauchte einige Momente, um sich zu berappeln und aufzustehen. Normalerweise hätte er nach seinem Sturz? Flug? nicht gleich aufstehen können. Aber die Natur ist gnädig, wenn es sich um die Liebe dreht. Also konnte er aufstehen und Frau Lucchetta in den Arm nehmen.

Frau Lucchetta flüsterte immer wieder: „Mein Gott, was war denn nur los? Mein Gott, was war denn nur los? Mein Gott, was war denn nur los? ...“

Er nahm sie noch fester in die Arme und fragte sie: „Alles gut, Lucchetta, alles gut. Ach so ja, wo wir gerade dabei sind, dass alles gut ist oder wird: Willst Du meine Frau werden?“

Frau Lucchetta schaute ihn wirklich total fassungslos an und brach gleich wieder in Tränen aus.

„Verdammt“, rief Wolfgang, der das kleine Päckchen mit dem Ring suchte, „hier muss irgendwo Dein Ring in all dem Tohuwabohu liegen, gerade hatte ich ihn doch noch... Der war zu teuer, um plötzlich weg zu sein...“

„Klar, Wolfgang, jetzt ist auch noch der Ring weg. Erst keine Romantik und dann kein Ring da, typisch mein Wolfgang“, sagte Frau Lucchetta jetzt unter Tränen und Lachen, „da liegt ein Toter, und für Dich ist das jetzt genau der richtige Moment, in dem man um die Hand seiner geliebten Frau anhält. Wolfgang, Wolfgang...

Ich dachte ja schon, Du würdest das nie fragen, und ich müsste das wieder selber machen, also Dich fragen! Aber der Herr Wolfgang muss sich ja den passendsten Moment aussuchen. Na klar, ich will... Aber erst einmal müssen wir den Saukram hier aufräumen, oder? Sonst finden wir meinen Ring nie...“

Sie wischte sich die Tränen ab und schaute sich in dem Chaos um. „Habe ich den erschossen?“, wollte sie schließlich wissen, „Naja, wer sonst, eine muss ja die Eier dazu haben.“

Wolfgang war absolut platt und wusste nicht, was er sagen sollte.

„Mach Dich mal nützlich, mein zukünftiger Ehemann, denn darauf läuft Deine Frage doch wohl hinaus, oder? Und... kannst Du mal bitte unseren Max wiederbeleben? Der ist vor Schreck ohnmächtig geworden, glaube ich, denn getroffen wurde er doch nicht, oder?“

Sie war inzwischen aufgestanden und hatte Gianluca mit dem Fuß mehrfach angestoßen. Sie schob dessen Pistole mit einer Fußbewegung unter die Ladentheke. Für alle Fälle.

„Der hier ist jedenfalls mausetot. Armes Schwein. Das muss Gianluca sein. Guter Schuss.“

Sie bückte sich nach einem kleinen Päckchen in Geschenkpapier, das fast unter einem der Türteile lag. „Hier ist der kleine Schlingel ja, ich meine den Ring... Gianluca wird kein Geschenk mitgebracht haben. Soll ich es aufmachen?“

Wolfgang nickte nur mit dem Kopf.

Frau Lucchetta schaffte die Verpackung in Rekordzeit. Sie steckte sich den Ring an den Finger, streckte den Arm aus und begutachtete den Ring.

„Mein Gott, Wolfgang, der ist aber schön... Den nehme ich auch als Ehering, einverstanden? Das ist doch mehr als ein Karat, oder? Mindestens, wenn nicht zwei. Da hast Du Dich aber ins Zeug geschmissen...“

Sie sprang Wolfgang in die Arme, der hielt sie stöhnend fest – sein Rücken und die harte Landung!

„Irgendwer muss Sarah anrufen und ihr erzählen, dass die ganze Sache ein Ende hat, und dass sie ihren Max abholen soll. Sie können auch wieder schwimmen gehen. Erst einmal, jedenfalls“, sagte sie dann, „und dann muss ich ihr die Neuigkeiten erzählen!“

„Dass der Mörder tot ist und Du das warst?“

„Unsinn, wen interessiert das schon? Männer! Natürlich über den Ring und so! Eben wichtige Sachen.“

„Frauen“, murmelte Wolfgang, „wer soll die je verstehen?“

„Hast Du ´was gesagt, Schatz?“

„Nein, nein, mein Schatz, alles gut!“

Dann riefen sie die Polizei an, was das Chaos keinesfalls verkleinerte.


Postfinal. Ein Brief

Der folgende Brief kam zwei oder drei Tage später in den Laden. Adressiert war er an Herrn Max Xerxes – persönlich/vertraulich.

Er lautete:

Sehr geehrter Herr Schneidermeister Max,
mein Lieber,
lieber Max,

ich wollte Ihnen doch berichten, wie der Korsettwettbewerb in Venedig ausgegangen ist!

Der war vorgestern, gestern ist mein Mann beruflich bedingt überraschend nach Palma geflogen, ich bin noch für ein paar Tage in Venedig geblieben und sitze gerade im Fenster meines Zimmers, das sich wunderbar zum Canal Grande öffnet – ich schaue direkt auf die „Salute“!“

Ich trage nur den Mantel, den Sie so liebevoll für mich angefertigt haben, das reicht, weil – erstaunlich! – die Heizung des Hotels perfekt funktioniert. Ich denke im Moment gerade an Sie, ganz speziell… da schien mir der Mantel das passende Outfit zu sein.

Ihr Besuch, bei dem Sie Korsett und Mantel bei mir zuhause abgeliefert haben, war für mich sooo schön!

Ach ja, ich will Sie nicht länger auf die Folter spannen: Ich habe… natürlich gewonnen! Und wie. Ich war die Sensation des Abends, wirklich!

Alle anderen kannten sich schon mehr oder weniger von vorausgegangenen Events dieser Art, man wusste von den anderen Frauen ziemlich genau, was sie tragen würden – und das waren Korsetts und Korsettkleider von der Stange! Manche sogar ganz nett.

Da kam ich natürlich ganz anders raus – Gott, was haben die anderen Augen und Ohren aufgesperrt (und nicht wiederzubekommen, hihi!), als ich kam…

Wow, ich war aber auch eine Schau: Das Korsett mit dem Halskorsett, die haben mir eine gerade königliche Haltung aufgezwungen, jedenfalls haben mir das hinterher einige Anwesende gesagt.

Die Schmetterlingsmaske habe ich nach Ihrem Vorschlag wie ein Lorgnon getragen. Über dem Korsett den Mantel. Ach, das muss ich Ihnen doch nicht schildern, Sie haben es schließlich entworfen!

Mein Mann war hin und weg, das dürfen Sie mir glauben. Er hatte mir die Taille so eng eingebunden, dass mein ja wahrlich nicht kleiner Po (den Sie offenbar so sehr lieben und konsequent als „geilen A…“ zu bezeichnen belieben – so etwas sagt man doch nicht, oder doch?) besonders betont wurde und ich kaum Luft bekam, von Bücken konnte gar keine Rede sein!

Ich sage Ihnen, da war schon einiges los im Saal, als ich mit dem Mantel und dem Korsett auf den Laufsteg getreten bin.

So etwas hatten DIE noch nicht gesehen! Ich war einmalig! Ich habe sofort standing ovations bekommen. Ich bin dann zur Musik von Brigitte Bardots „Harley Davidson“ den Steg entlang geschritten und das Motorgeräusch haben alle, wirklich alle. Glaube ich, mitgesungen beim „Brumm, brumm, brumm“und beim „Harley Davidssson“ – es war, entschuldigen Sie, aber es ist das einzig zutreffende Wort: Geil!

Und dann habe ich den Mantel hinter mir zu Boden gleiten lassen, natürlich elegant… Und wie konnte ich plötzlich mit dem Po wackeln. Da war dann wirklich die Hölle los in Venedig!

„Zugabe“ haben sie gerufen, ehrlich! Aber ich hatte ja nichts mehr, was ich noch hinabgleiten lassen konnte.

Schließlich war ich richtig stolz auf den Anblick, den ich geboten habe. Es gibt übrigens einige Fotos! Ich habe in dem Moment so an Sie, meinen Schneidermeister und so an Dich denken müssen.

Und mein Mann war so richtig stolz auf mich, ich glaube, so hat er mich noch nie gesehen – und ich meine jetzt mehr „innerlich“. Es war wunderbar!

Aber es begann ja schon vor dem Wettbewerb: Wie viel Spaß haben mir die Anproben bei Ihnen gemacht… Erst war es ja schon komisch, so nackt vor ihnen zu stehen, das war schwer, glauben Sie mir!

Aber Ihre (so weichen und liebevoll agierenden) Hände haben mir ganz schnell diese Angst genommen… Und dann war es aufregend! Es ist wahrlich kein Wunder, dass so viele Frauen sich von Ihnen Wäsche anfertigen lassen!

Beim Wettbewerb waren übrigens noch zwei ganz junge Frauen dabei, die mit einem Italiener gekommen waren: Er sah irgendwie... seltsam, fast brutal aus, die Frauen waren, mein Gott, so schlank!

Ich bin sicher, die hatten auch nichts von der Stange an. Aber das kam keinesfalls an Ihre Sachen heran… Sie wurden gemeinsam zweite.

Den Mann kannte mein Mann sogar beruflich, was mir schon sehr peinlich war, dem so nackt (zumindest die Brüste auf dem Präsentierteller ihrer wunderbaren Hebe und im Pelzhöschen im hoch bis zum Bauchnabel geschlitzten Mantel)  vorgeführt zu werden. Aber ich gebe zu, es hatte auch etwas Reizvolles… 

Irgendwie schien es mir, dass es meinem Mann auch gar nicht so Recht war, dass wir diesen Mann da getroffen haben… Ich habe den Meinigen noch nie so, ja wie, irgendwie so servil (ist das das richtige Wort?) gesehen.

Er wollte uns schon aus dem Wettbewerb nehmen und einfach verschwinden… Aber da habe ich gesagt, jetzt hast Du mich so vielen Leuten so vorgeführt, jetzt kommt es auf einen Italiener mehr oder weniger auch nicht an! Jetzt will ich gewinnen!

Dieser Italiener hat sehr ungewöhnliche Augen gehabt, irgendwie…, ja tot! Und dann hat er noch gefragt, ob mein unglaublich schönes Outfit (das hat er wortwörtlich gesagt!) von Ihnen, Max, dem Münchner Dessous-Künstler, sei?

Ich habe übrigens als schönste Frau der Nacht einen schönen Glaspokal erhalten! Er stellt eine tanzende Frau im Korsett dar. Der ist sogar signiert. „Lucio“ lese ich daraus.

Habe ich schon erzählt, dass mein Mann Karriere gemacht hat? Er hat den Arbeitgeber gewechselt und arbeitet jetzt in einer großen Bank als Syndikus. Da ist ein Vorstandsmitglied auf tragische Weise auf Mallorca ertrunken, und jetzt leitet mein Mann zunächst in Vertretung der Vakanz diesen Investmentbereich der Bank.

Schön für ihn… Er hat mir schon angekündigt, dass mit dieser Veränderung verbunden ist, dass er jetzt öfter und dann fast immer eine ganze Woche unterwegs sein muss.

Erscheint es Ihnen, mein lieber Max, unter diesen Bedingungen vorstellbar, mich in Zukunft ab und zu zu besuchen? Muss ich mehr sagen?

Was muss ich tun, damit Sie zusagen?

Ihre Frau Rebecca M.

PS. Der Italiener bat mich, da mein Outfit doch von Ihnen sei, Ihnen auszurichten, dass Gianluca in München wäre. Sie wüssten dann schon…



Nach dem Schluss

Mit der Polizei hatte man sich darauf geeinigt, dass die Story für die Presse anders ausgegangen sei, um Max für die Zukunft zu schützen – nämlich so, wie Gianlucas Auftraggeber sich das vorgestellt hatten. Allerdings mit der kleinen Änderung, dass ein namentlich nicht genannter Bodyguard Gianluca nach dessen tödlichen Schüssen „final auf die Bretter geschickt hätte“.

Die Zeitungen spielten ein paar Tage lang verrückt – aber bald beruhigte sich alles wieder, andere Themen hatten sich in die Schlagzeilen gedrängt, z.B. ein neuerlicher Skandal einer städtischen Wohnungsbaugesellschaft: Diesmal hatte ein Hausmeister durch den Briefschlitz in der Wohnungstür gepisst und sollte dabei gerufen haben, „jetzt kann Deine Mutter wischen, Dreckskerl!“

Die MZ schrieb, „Dreckskerl“ hätte er nie und nimmer rufen dürfen.

Eine großformatige Hochglanzzeitschrift mit Zielgruppe „Obere Zehntausend“ berichtete von einem exklusiven Begräbnis auf dem Waldfriedhof mit vielen Breitwandfotos und stellte u.a. die Frage, ob es wohl je eine Versammlung so viel reifer üppiger Weiblichkeit gegeben hätte oder je wieder geben würde und hatte nach dem Begräbnis fünfhundertsiebzehn nasse Papiertaschentücher rund um das Grab gezählt. Nun ja, das ist ja bekannt, Society-Redakteure scheuen offenbar vor nichts zurück.

Ein Papiertaschentuchhersteller hatte das Bild später mit dem Slogan „Wenn es Frauen nass wird“ bundesweit groß plakatieren lassen. Auf Druck der Kurie musste die Werbung nach wenigen Tagen wegen Mißverständlichkeit eingestellt werden.

Sarah, Max und Mr. Spock zogen im Rahmen eines Zeugenschutz-Programmes nach Rügen, wo Max unter dem Namen Moritz als Bühnenbildner am kleinen aber feinen Kürfürstlichen Theater in Putbus als Bühnenbilder arbeitet.

Mr. Spock hat immer noch sein Kistenbett. Auch er musste aus Sicherheitsgründen ein Pseudonym annehmen – er hört jetzt meistens auf den Namen „Pille“ (mehr oder weniger). Ach ja, er wurde kastriert, aber er hat nichts davon gemerkt, und die rüganischen Katzendamen haben seine Vorzüge nie kennengelernt.!

Sarah führt unter dem Namen Rosie ein beliebtes Kosmetikstudio in der Stralsunder Innenstadt.

Das fortyfourplus wurde zunächst von Frau Lucchetta und Wolfgang weitergeführt – allerdings stellten sie das Angebot auf schicke Dessous „von der Stange“ zu normalen Preisen für starke Frauen um. Wenig später sind sie nach Lübeck umgezogen, wo es sich dessousmäßig um eine Diaspora handelt, und wo es wohl kaum eine Mafia gibt – da ist einfach zu wenig Geld in Schleswig-Holstein!

Ab und zu erreicht das Lübecker fortyfourplus II ein kleines Paket aus Putbus ohne Absender mit handgenähten Wäschestücken, in denen kleine Namensschilder „Ruth“ oder „Esther“ besagen, für welche liebe Kundin das jeweilige Teil bestimmt war.

Als neueste Kreation hat Max gemeinsam mit dem Kürschner in der Stralsunder Heilgeiststraße auch aus Anonymitäts- und Zeugenschutzgründen einen – vom ihm keinesfalls erwarteten – PushUp-BH für die niedliche Brust mit in diversen Farben gefärbten Innenpelz (entgrannter tiefgeschorener Nerz!) entworfen. Passend dazu gibt es Pelz-Slips für Wintertage für die rasierte Dame. Diese Kombination verkauft sich im fortyfourplus II (Flagship Store Lübeck) unter der Bezeichnung „Stralsunder Kombi“ wie „geschnitten Brot“, nachdem die Damen der Lübecker Gesellschaft bemerkt hatten, dass sie mit diesem Höschen auf den sog. „Brazilian Butt Lift“ verzichten konnten... Das sprach sich über Hamburg und Sylt bis nach Kopenhagen herum.

Jene gealterte Schauspielerin, die im fortyfourplus für 2.345,50 € eingekauft hatte, hat im Lübecker Flagstore Shop mehrfach vergeblich versucht, ein halbes Dutzend „Stralsunder Kombis“ zu erwerben. Ging nicht. Sie hatte bei Frau Luchetta einfach keine Chance. Die hat ihr empfohlen, es mit Lübecker Marzipan zu versuchen, das trage, in der richtigen Dosierung genommen, auch schön auf.

Und wenn Frau Lucchetta und Wolfgang nicht gestorben sind, treiben sie es noch heute im hohen Norden in glücklicher Gemeinsamkeit. Ab und zu schließen sie den Laden einfach ab und gehen nach oben, weil es auch da einen ersten Stock gibt.

Wolfgang verschwindet ab und zu für ein paar Tage, meistens dann, wenn irgendwo in der Welt etwas „Seltsames“ passiert. Wolfgang ist dann für ein paar Tage sehr schweigsam. Ab und zu muss er in den Folgetagen zuhause kleinere Blessuren ausheilen. Nicht immer berichtet die Presse über das „Seltsame“ korrekt! Und nie kommt Wolfgang in der Berichterstattung vor! Er grummelt dann manchmal „so ein Scheiß, was die das schreiben“ oder so...

Frau Lucchetta fragt dann auch nicht weiter nach; sie ist eben eine weise Frau…

Die kleinen Spockies haben Vaters Job bei den Katzendamen des Viertels in München übernommen. Natürlich zur vollen Zufriedenheit aller Katzendamen.

Jana, Esther, Ruth und Rebecca hat das normale Leben eingeholt. Manchmal treffen sie sich und gehen gemeinsam an Max „Grab“, um dort ein Glas Champagner zu trinken – und tragen Max zu Ehren „drunter“ ihre schönste Wäsche.

In der Nordsee explodierte übrigens eine Ölbohrplattform –ohne Überlebende. Interessante Bankgeschäfte wickelt Herr Mölders gerne auf einer Yacht in Palma ab.

Das Dessous-Geschäft in München gibt es heute noch heute – gehen Sie ruhig mal hin: Die Auswahl ist groß, die Beratung/Bedienung ist sehr nett und ausgesprochen kompetent. Aber bitte, nennen sie die Verkäuferin keinesfalls Frau Lucchetta. Die Zielgruppe der Kundinnen ist übrigens größenmäßig nach unten erweitert worden. Frau muss nicht mehr mindestens „44“ sein/haben.

Schließlich sei auf Anraten der Anwältin im roten Strick­Twinset der juristisch angeblich notwendige Hinweis ergänzt, dass die Geschichte frei erfunden wurde. Falls es Ähnlichkeiten zum „wahren“ Leben geben sollte: Das wäre so etwas von purem Zufall… Also wirklich!

Damit ist den juristischen Vorgaben Genüge getan. Basta.

Allerdings legt der Autor wert auf die Feststellung, dass sich die Geschichte in Wirklichkeit genau so, wie er sie hier erzählt hat, zugetragen hat – aber wenn die Anwältin es meint (und dise Meinung war teuer genug!), dann lesen Sie eben diesen Satz da oben. Klar, und der stimmt natürlich! Aber jetzt einmal ganz ehrlich, liebe Leserinnen: Frauen wie Esther, Ruth, Sarah, Jana, Rebecca und Frau Lucchetta kann sich doch niemand ausdenken, oder?

Tatsächliche „künstlerische Freiheiten“, die sich der Autor im Rahmen der Handlung erlaubt hat, sind:

  1. Die Momente, in denen Max seinen Jammer einsetzt. Er hat natürlich keinen, denn so etwas darf man ja nicht besitzen! (Aber so ein Ding in der U-Bahn einzusetzen... Man o man, glauben Sie mir, die Gesichter sind das Risiko wert)
  2. Die Meldung, dass in einer Bucht bei Palma de Mallorca die Leichen von vier jungen Mädchen gefunden worden waren – in Wirklichkeit waren es nur drei.
  3. Der Esel war ein Muli
  4. Das Managent der Rolling Stones hat nicht angerufen
  5. Schleswig-Holstein ist nicht „Mafia-frei“, nur „Mafia-arm“, und Lübeck ist keine Dessous-Diaspora, fama est, dass dort schon Damen „mit“ gesehen wurden

Leider muss es abschließend offen bleiben, ob, wo und wann als was Wolfgang tatsächlich in der Fremdenlegion gedient hat, aber dass er seit der „schwarzen Zeit“ ein harter Hund sein konnte, dass steht fest. Ach ja, er hätte geschossen!


Anhang. Wolfgangs CD im Bus

Rock and roll music - Chuck Berry

Blue suede shoes – Elvis Presley

Let's have a party  - Wanda Jackson

Surfin USA - Beach Boys

Matchbox" - Carl Perkins

Honey Don't -  Carl Perkins

Be Bop A Lula - Gene Vincent

Roadrunner - Bo Diddley

Lucille - Little Richard

Tutti Frutti - Little Richard

Blueberry Hill - Fats Domino

Summertime Blues - Eddie Cochran

Twenty Flight Rock - Eddie Cochran

Jeannie, Jeannie, Jeannie - Eddie Cochran

That’ll Be the Day - Buddy Holly

Rave on - Buddy Holly

Oh Boy - Buddy Holly

Peggy Sue - Buddy Holly

Locomotion – Little Eva

Leader of the Pack - Shangri Las

HighWay to Hell - ACDC

Harley Davidson - Brigitte Bardot

Paradise by the Dashboard Light - Meat Loaf

Sympathy for the Devil - Rolling Stones

Will You Love Me Tomorrow - The Shirelles

I Can Never Go Home Anymore - The Shangri Las

Da Doo Ron Ron 1963 - The Crystalls

Then He Kissed Me 1963 - The Crystalls

Radar Love - Golden Earring

Born To Be Wild - Steppenwolf

Highway Star - Deep Purple

Bat Out Of Hell - Meat Loaf

Freebird - Lynyrd Skynyrd

More Than A Feeling - Boston

Born to Run - Bruce Springsteen

Speed King - Deep Purple

1Ace Of Spades - Motorhead

Bohemian Rhapsody - Queen

Alright Now - Free

Sweet Home Alabama - Lynyrd Skynyrd



Das Allerletzte

Die ersten drei Auflagen dieses Buches hatten einen anderen Schluss als die Ihnen vorliegendeAusgabe. Und der ging so:

Gianluca erschießt Max in dessen Laden, Frau Lucchetta hat keine Waffe und erschießt Gianluca NICHT. Gianluca spaziert einfach wieder zur Tür hinaus.

Mr. Spock lebt mit Frau Sarah, die von Max gut versorgt wurde. Die familiären Verhältnisse von Frau Lucchetta und Wolfgang bleiben ungeklärt.

Dieses literarisch viel wertvollere Ende fanden erstaunlich viele Leserinnen so unbefriedigend, dass sie resolut auf einem optimistischeren Schluss bestanden, einen, bei dem Max überlebt. Nun gut, mit der 4. Auflage haben sie ihn...

Der Autor vermutet, diese Leserinnen wollen v.a. die Chance haben, Max selbst kennenzulernen, denn einen Fortsetzungsband wird es so oder so nicht geben.

Nun ja, liebe Leserinnen, mit der 4. Auflage haben Sie ab Seite 294 Ihre Chance – allerdings werden Sie sich nach Putbus auf Rügen begeben müssen, um Max VIELLEICHT zu treffen. Es fährt übrigens ein „Ohne-Umsteigen-ICE“ von Wien über München und Berlin nach Binz, das ist nur wenige Kilometer von Putbus entfernt. Die vorletzte Station ist Bergen/Rügen, dort können Sie in den ZUG-BRINGER nach Putbus umsteigen. Oder Sie fahren von Binz mit dem Dampflok-Zug nach Putbus – geht auch.

Diesen Hinweis erlauben Sie mir, bitte: Versprechen Sie sich nicht zu viel – Sarah passt auf Ihren Max auf! „Weil“, sagt sie, „frau ja nie wisse, was in Mann vorgehe...“

Ach ja, das ursprüngliche Ende finden Sie bei Interesse auf www.vebquerstrom.de



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Weil hier absolut nichts "Wirtschaftliches" stattfindet und ich als Websitebetreiber keine juristische Person/Firma bin, habe ich von einer Angabe von Steuer(Ident)nummer und Bankverbindung abgesehen. Ich hoffe, das ist für Sie okay - ansonsten können Sie mich ja fragen... (wenn es Sinn macht). Es handelt sich bei VEBQUERSTROM um eine sehr private Website, die Ihrer Unterhaltung dienen und - manchmal mit unsäglichen Kommentaren - auch zum Nachdenken anregen will. Irgendwelche wirtschaftlichen Interessen stehen an keinem Punkt dahinter! Sie können die Artikel und Bilderserien nur konsumieren, nicht kommentieren, also können Sie sich auch nicht als User registrieren. Ein Email-Versand findet nicht statt, das wäre mir viel zu viel Arbeit...

Ob die Website Cookies verwendet oder irgendwelche Daten von Ihnen speichert? Ob irgendwelche Google-Tools im Hintergrund laufen? Ehrlich, liebe User, ich weiss es nicht - und wenn, dann komme ich an diese - Ihre - Daten nicht heran. Ihre Daten interessieren mich auch nicht. Und andere kommen auch nicht an Ihre Daten, hoffe ich. Ich weiß allerdings nicht, ob irgendwelche UK-/US-Geheimdienste mitlesen!!! Also seien Sie lieber vorsichtig...