KBDiese Website zeigt meine sehr persönliche Sicht vom Leben, von der Welt und dem ganzen Rest. Man könnte sie als antikapitalistisch und antiamerikanisch verstehen. Gut so, stimmt schon... Sie will weder politisch "korrekt" sein, noch kümmert sie sich in den meisten Fällen um die Meinung der Duden-Redaktion zu meinen Schreibweisen. Was sie aber keinesfalls will, ist a.) Fake-News oder b.) Verschwörungstheorien  verbreiten. "Kommentare" haben eher kabarettistischen Anspruch. Wenn´s gut ist...
Doch, es lohnt sich evtl., hier zu stöbern!

Der Baufuzzi-Job in 3 Teilen

  Eine Geschichte um Baupfusch und was daraus werden kann, unter anderem mit Jens, Ernst, Rudi und Mari, die sich einen Kopf teilen

Einleitung. Sollten Sie lesen!

Aufgeschrieben aus gutem Grund von Slartibartfass im Juli 2020. Um die folgende Geschichte richtig verstehen zu können, ist es sehr hilfreich, die Geschichte „Geiersturzflug“ aus der Geschichtensammlung „Wir im Kopf“ von Klaus Bock oder besser noch das ganze Buch gelesen zu haben. Sollte es im Laufe dieser Geschichte evtl. zu exzessiven Gewaltbeschreibungen kommen – das kann man als Autor am Beginn der Niederschrift einer Geschichte wie dieser nie völlig ausschließen –, versichere ich Ihnen, dass ich und der Autor uns vollkommen in der Gewalt haben, und dass Fantasien Fantasien bleiben. Und ich kann das deshalb so sicher behaupten, weil wir beide im selben Kopf leben, uns das Gehirn also teilen, ich den Autor also ziemlich gut kenne.

„Jetzt laber hier nicht so rum, die Leute wollen die Geschichte lesen, verdammt noch mal und mir gehen schon die Ideen aus...“, denkdachte der Autor.

„Ja doch...“ denkerwiderte ich.

Sehen Sie, so ist das, wenn sich zwei eine Birne teilen: Ich will etwas klarstellen, und der Autor will loslegen. Dabei muss ich noch etwas klarstellen: Die ganze Geschichte ist erfunden.

„Ha ha! Du Tünst doch. Jedes Wort ist wahr!“

Und zwar von vorne bis hinten. Hier in den Städten an der Ostseeküste würden solche Baumogule wie der geschilderte Triebsaal und seine Helfer nie existieren können. Hier ist man auch nicht geldgeil. Hier ist man nett zueinander und hilfreich. Sagen alle, sogar die Touristen. Ansonsten sind aber alle vorkommenden Figuren echt.

„Nett und Hilfreich? Dass ich nicht lache...“ denkgrummelte der Autor. Und „Ist doch alles wahr!“

„Schnauze, Autor!!!“

„Ja doch. Selber Schnauze. Ansonsten sollten Sie aber noch wissen, dass im Kopf meines Killers Jens vier Persönlichkeiten leben, die sich den Körper im Sinne eines TimeShare teilen. Wer den Körper gerade nicht „hat“, zieht sich meist in ein Zimmeräquivalent im gemeinsamen Gehirn zurück. Bei den vier Persönlichkeiten handelt es sich um Jens, Rudi und Ernst sowie um das Mädchen Mari, die meist dann zum Einsatz kommt, wenn es sehr kompliziert wird oder das Erschießen des Opfers aus großer Entfernung stattfinden soll.

Ach ja, damit Sie verstehen, was innen im Kopf und außen in der Welt stattfindet (teilweise zeitgleich), stelle ich die innen stattfindenden Diskussionen eingezogen und kursiv da.

So von mir aus kann´s losgehen...“


Teil 1. Es geht sehr langsam los...

Es war ein warmer Spätsommernachmittag. Es war nicht warm, es war heiß. Oder irgend etwas dazwischen. Nichts zu tun. Es war langweilig. Die nahen Strände wären garantiert gerammelt voll. Die Straßen dahin auch. Trotz Corona. Keine Chance, ins Wasser zu kommen.

Was sollte hier schon passieren? Also zu Elsa! Was sonst.

Am Straßenrand stand ein heißes rotes Cabrio von AMG. 175.000, mindestens, schätzte ich. Aber nicht aufdringlich getunt, eher zurückhaltend. Das hatte ich hier noch nicht gesehen. Das wäre ein Gefährt für unservier...

Wer fuhr denn sowas? Zuhälter oder selbstständige Anwälte von einigem Erfolg. Zuhälter hätten aber das ganze Paket gekauft, viel aufdringlicher! Ärzte nicht, die würden nicht mal einen Standard-Arztkoffer im Kofferraum unterbringen. Zuhälter würde es auch nicht in unser Dorf spülen. Warum auch – keine Mädchen und keine Kundschaft weit und breit. Also, Kundschaft schon, wenn ich an unsere unverheirateten Jungs dachte, aber keine zahlungskräftige. Vielleicht ein Zuhälter auf dem Weg nach Kiel, aber das war weit. Also Anwalt. Was wollte so einer in unserem Dorf? Wahrscheinlich hatte er sich verfahren. Egal, nicht mein Problem.

Ich brauchte jetzt etwas Kaltes. Gut gekühlte Getreidekaltschale in größeren Mengen wäre jetzt richtig. Ein letzter Blick auf das Cabrio: Verdammt schick. Das wäre etwas für uns, wir brauchten ja auch nur einen Sitzplatz.. Naja, vielleicht nach dem nächsten Job...


Kaum hatte ich Elsa´s Kneipe betreten, wedelte Carsten auch schon aufgeregt vom Tresen mit den Armen in meine Richtung. „Jens, Jens“, rief er, „kumm mal eben röver.“ Ich nickte Elsa zu, die gerade mit einem Teller Schinkenbrot mit Krabben aus der Küche kam und auf eine gut anzusehende Dame mittleren Alters plus ein bisschen zusteuerte, die allein an einem Tisch weiter hinten im Raum saß. Elsa nickte zurück und zuckte dann fragend mit den Schultern, vermutlich weil sie auch nicht wusste, warum Carsten so aufgeregt rumwedelte und sie die Hände voll hatte. „Moin, Jens“, rief sie.

„Was´n los, Carsten?“, fragte ich und setzte mich auf den Hocker neben seinem an den Tresen, dabei schlug ich ihm zur Begrüßung auf die Schulter. So war das hier üblich.

„Was bist du denn so aufgeregt? Wieder mal ne supergerade Furche in´ Acker gezogen?“.

„Nee, nich doch. Mensch Jens, guck doch mal, die Braut da“, und damit nickte er auffällig unauffällig auf die propere Rothaarige, die vor dem Teller Schinken mit Krabben saß und darüber offenbar zufrieden nickte bevor sie zu Messer und Gabel griff, „die wartet doch nur auf dich. Verdammt heißer Ofen, mindestens für ihr Alter, findest du nicht? Die ist vorhin reingekommen, weißt du, und hat einfach so nach dir gefragt, als ob sie dich gut kennen würde. Duuu? Jeeens? Geht da was zwischen euch? Ich meine, mich geit ja nix an, aber ich mein´ ja nur... Sieht aber gut aus dein Mädchen. Is´ sie doch, oder? Und die roten Haare erst, man o man, was meinst du, sind die echt? Und ihr Auto erst, die fährt so einen offenen roten Mercedes Zweisitzer mit Stoffverdeck, man o man, das absolute Original, Jens.“

„Woher weißt du das von dem Mercedes denn schon wieder?“

„Hört man doch...“

„Dass die nen roten Mercedes Zweisitzer fährt?“

„Klar doch, nee, nicht dass sie nen roten Schlitten fährt, DAS hört man doch nicht, Jens, aber dass die garantiert nicht untermotorisiert ist mit ihrer Kiste, DAS hört man! Untermotorisiert ist die ganz bestimmt nicht, ich meine, mit zu wenig PS.“

„Das hörst Du alles?“

„Ja, naja fast, nicht? Aber sie hat die Haare so geschüttelt, als sie reingekommen ist, das tut so eine doch nur, wenn sie offen gekommen ist, oder? Und den Türton beim Zuschlagen gibt es nur beim offenen Cabrio mit Stoffverdeck und davon gibt´s nicht viele, eigentlich sogar nur Mercedes. Und so eine“, er nickte wieder in ihre Richtung, „so eine, das kannst du mir glauben, die ist so reingekommen, also, du verstehst schon, die hat das Auto selbst verdient, und nicht so, wie du jetzt denkst, dass ich das denken tu. Nein, die kauft ´nen Zweisitzer ohne Macker ganz für sich alleine, da kannst du einen drauf lassen. Und der muss bei der einfach rot sein, geht gar nicht anners.“

„Jens“, rief Elsa vom Tisch der Fremden, „kannst du mal eben rüberkommen, die Dame hier sagt, sie würde dich suchen tun. ´N Bier für dich? Wie immer? Ich bring´s dir gleich hier annen Tisch, okay? Hier ist auch Platz frei...“, damit wischte sie den Tisch mehr oder weniger imaginär ab.

Und zu der hübschen rothaarigen Vollbusigen gewandt fuhr sie fort: „Das ist unser Jens, das muss der sein, den sie suchen, weil, sonst gibt es hier nämlich keinen vernünftigen Kerl, auf den frau mal ´nen Auge oder zwei werfen würde, oder!“ Sie kniff ihrem weiblichen Gast lächelnd ein Auge.

Mit dem Klingeln der sich öffnenden Tür betrat jetzt Henning den Schankraum. Er brauchte die ganze Breite der Tür. Ganz der wichtige Ortsbulle. Voll des Selbstvertrauens. Das hier war sein Kiez. Sein Auftritt.

„Was soll das denn nun wieder heißen, Elsa?“, fragte er in den Raum, ohne jemanden direkt anzusprechen. Er musste Elsa´s letzten Satz mitbekommen haben, „wie meinst du das denn, von wegen mit die Augen und die Männers? Als ob wir hier nicht echte Sahnestückchen wären, nicht Carsten, was meinst du? Oder meinst du wieder mal nix? Kommt ja öfters mal vor.“

Der angesprochene Carsten grinste Henning an und antwortete: „Henning, mien Jung, aber sowas von Sahne..., guck mal, allein mal du! Ich meine, ich bin ja immerhin der offizielle Ostholstein-Meister im Pflügen, nicht wahr. Also mit sechs bis 24 Pflugscharen, in allen vier Sparten und im Tiefpflügen. Das hat´s vor mich noch nie nicht gegeben. DAS sollte die Dame sich mal ansehen. Das sieht sie so schnell nich wieder, oder?“

„Geradeausflügen, Carsten, Meister bist du nur im Geradeauspflügen“, warf Elsa lachend ein, „und auch nur in Ostholstein... Mit die Kurven auf´m Acker hast du das ja nich so, nicht wahr? Sonst ja schon. Sagen die Deerns hier.“

„Geradeaus ist aber schwerer, Elsa. Viel schwerer, fahr du mal genau geradeaus mit dem riesigen Geschirr am Treckerarsch, krumm kann ja jeder..., krumm geht ja fast von selbst. Aber geradeaus, und das in der hügeligen Landschaft hier, man, das können nur wahre Könner! Und das sage ich dir als Meister der letzten fünf Jahre.“

Inzwischen war ich bei der Dame angekommen. Sie reichte mir im Sitzen ihre Hand elegant über den Tisch und sagte: „Guten Tag, Herr..., Jens? Ist das richtig? Dieser sehr spezielle Herr Jens, von dem mir berichtet wurde?“

In meinem Kopf, genauer im Gehirn, öffnet sich gefühlt die Tür zu Maris Zimmeräquivalent. Aha, denkdachte ich, sie war neugierig geworden. Das war manchmal gar nicht schlecht.

Bevor ich etwas sagen konnte, warf sich Henning gesprächstechnisch offensiv dazwischen. „Speziell, der? DER Jens? DAS kann man wohl sagen“, warf er betont beliebig ein, „dass DER schon „speziell“ ist, und zwar sowas von speziell... Du Elsa, machst du mir mal eins, bitte“, er deutete auf den Zapfhahn, „oder mal gleich zwei, mensch, ich hab´heute aber auch ´nen bannigen Durst. Die Hitze. Und der Stress. Vor allem aber die Hitze. Willst du auch noch eins, Carsten? Damit du weiter geradeaus fährst. Denn also drei“. Carsten nickte nur, sagte nix, wirkte aber sehr zufrieden.

„Jetzt pass bloß gut auf, Jens,“ warndachte Mari.

„Keine Ahnung, meine Gnädigste“, sagte ich, „ich weiß ja nicht, wer ihnen und vor allem was von mir berichtet wurde. Ich kann mir allerdings kaum einen langweiligeren Mann als mich vorstellen, Frau ...? Ich lebe hier schon seit..., seit wie vielen Jahren, Henning? Du musst das doch wissen als die allwissende Ortsgewalt. Fünfundzwanzig? Richtig? So in etwa jedenfalls. Immer hier, fast nie raus... Oder Elsa, was sagst du?“

„Naja“, sagte Elsa, wischte das Glas, das sie in der Hand hielt noch ein wenig intensiver aus und wurde etwas rot im Gesicht.

„Was´n los, Elsa?“ wollte Carsten wissen, „du bist ja ganz rot im Gesicht. Kommt das vom Putzen?“

Die Dame ging auf meine Frage nach ihrem Namen nicht weiter ein.

„Jetzt wird es langsam spannend“, denksagte Mari, „was weiß die über uns und vor allem, wer hat da geredet?“

„Ach was, Herr Jens“, antwortete die Rothaarige, „das glaube ich ja nun gar nicht. Das was ich da gehört habe, hörte sich im Gegenteil sehr spannend an“. Sie wechselte abrupt das Thema: „Sie haben ja auch studiert, nicht wahr?“

„Das wissen nur sehr wenige“, denkwarf Mari ein, „und die von der Agentur reden niemals, und dass von der Moskauer Akademie einer geredet haben soll, glaube ich nicht. Niemals! Keinesfalls. Die nicht.“

„Mal sehen“, denksagte nachdenklich Ernst, „ich tippe da auf Scheller...“

„Wieso das denn?“ denkfragte Mari.

Ernst machte das Pendant eines Schulterzuckens: „Ist nur so ein Gefühl.“

„Mal sehn, was sie von uns will?“ denkgab ich zurück, „aber wir müssen verdammt vorsichtig sein.“

„Das allemal“, denkgab Mari ihren Senf dazu.

Rudi hatte noch gar nichts gesagt, erstaunlich.

„Du hast studiert?“, fragte Henning interessiert, „das wusste ich ja gar nicht. Was denn? Wo denn?“. Das würde ich ihm garantiert nicht auf die Nase binden. Warum musste die Rothaarige das jetzt sagen?

Sie tat, als ob nichts gewesen sei: „Haben sie dieses Schinkenbrot mit Nordsee-Krabben schon einmal probiert? Sensationell, sage ich ihnen! Sensationell, wirklich. Ach, was sage ich denn, sie sind hier ja so gut wie zuhause, natürlich kennen sie es. ´Tschuldigung. Sie, Herr Jens, nachdem ich sie nun gefunden habe, wollen wir nicht ein paar Schritte machen? Mir ist nach etwas frischer Luft... Die lange Fahrt, wissen sie...“

„Die ist doch offen gekommen“, murmelte Carsten, „was soll dat denn?“

„Jens!!!“, kam es von Mari gewarndacht, „pass bloß auf!“.

Damit erhob sie sich und zeigte unter einem sehr schicken und offenbar sehr teuren Outfit eine sehr wohl geformte Figur auf hübschen Beinen auf nicht zu hohen Pumps in AMG-Mercedes-Rot. Stilvoll. So wie man Ferrari-Rot zum Ferrari trägt. Passend eben. Ferrari-Rot ist eine Spur anders als AMG-Mercedes-Rot. Vor allem im Blau-Anteil. Die Dame nahm mit einer Hand eine Jacke, die sie achtlos, aber nicht unbeabsichtigt elegant über einen Stuhl am Tisch geworfen hatte und mit der anderen einen DIN A4-Umschlag. Eine Handtasche hatte sie offenbar nicht dabei. „Wir machen nur ein paar Schritte, Elsa“, rief sie in Richtung Küche, „wir kommen gleich wieder. Ich zahle dann später, okay?“

„Schon gut“, kam es von Elsa, die sich bei Carstens Fragen in die Küche geflüchtet hatte, „alles klar!“

Henning hatte bisher weiter nichts mehr gesagt und auch Carsten saß jetzt wortlos vor seinem Bier und überlegte, was mit Elsa los sei? Seinen Auftrag hatte er doch verdammt gut erfüllt, fand er – nämlich Jens Bescheid zu sagen. Das konnte es doch nicht sein. Sollte doch einer die Fuunslüüd verstehen.

Ich hielt der Dame ohne Namen die Tür auf und trat hinter ihr in den warmen Spätsommerabend hinaus. Die Dame glitt die drei Stufen elegant hinab und erwartete mich am unteren Ende der kleinen Treppe.

„Gehen wir doch ein Stückchen“, sagte sie, sonst nichts. Mit dem Umschlag fächelte sie sich etwas Luft zu. Es sah sehr weiblich aus. Sollte es wohl auch, vermutete ich.

Aus dem Stückchen wurde ein stummes Stück. „Das reicht, glaube ich“, sagte sie irgendwann und schaute sich aufmerksam in alle Richtungen um, „hier sind wir ganz allein“. Das glaubte ich ihr sofort. HIER war man immer ganz allein.

Damit drehte sich schließlich graziös zu mir, sich sehr wohl ihrer Wirkung bewußt, „ob sie es glauben oder nicht, Herr Jens, ich weiß, wer sie in Wirklichkeit sind und wie sie ihr Geld verdienen...“

Ich war einen Moment lang baff“. Mit der Gesprächseröffnung hatte ich nicht gerechnet, sagte nichts, schaute sie nur sehr ausdruckslos an – so ausdruckslos, wie ich konnte, so, wie man es mir im Studium an der Moskauer „Feliks E. Dzierżyński“-Akademia beigebracht hatte. Oder war das beim Aufbaustudium in Rom gewesen an der „Accademia della Spada Fiammeggiante presso la Santa Sede[1]“? Könnte Rom gewesen sein, da waren sie etwas hinterhältiger als in Moskau gewesen. Die Moskauer sind direkter, wenn es ums Töten geht, müssen Sie wissen.

„Nein, sie müssen keine Angst haben, eher sollte ich vor ihnen... Aber wir haben einen gemeinsamen Bekannten, den Herrn Scheller vom Kap Arkona...“, fuhr sie fort...

„Sag ich doch, der Scheller“, denkdachte Ernst, „wer sonst? Kennt uns doch sonst keiner.“

„Er ist ein sehr guter Freund von mir, ich kenne ihn seit Jahren und ich habe ihm einige Gefallen getan, damals, als er noch Kapitän war. Da war zum Beispiel die Geschichte, als er den Ärger mit Piraten am Horn von Afrika hatte. Er habe sich nur gegen die Piraten gewehrt, hat er damals in jede Kamera gesagt, aber die Regierung sagte, er dürfe keinesfalls Kriegswaffen an Bord gehabt haben, nicht einmal dort, wo die Piraten Schiffe überfallen, und auch nicht, um sein Schiff, sich und seine Mannschaft zu schützen. Er hätte sich ergeben und in die Gefangenschaft der Piraten begeben sollen und weiteren solchen Unsinn.

Dabei kam schließlich heraus, dass hinter den Piraten eine britische Organisation in London steckte, in der wiederum einige Oberhausmitglieder tätig waren – das wollte und sollte aber niemand wissen... Nun ja, als unsere Kanzlei mit der Bundesregierung etc. fertig war, hörten die Überfälle am Horn von Afrika auf.

Und im Gegenzug hat er mir einige Male geholfen, als ich mit rein juristischen Mitteln nicht mehr weiter kam. Nun, wir vertrauen einander sehr. Sehr sehr!

Er hat mir schon Kontakte zur Akademie in Moskau vermittelt, und er hat mir die Firma Moskau Inkasso empfohlen. MoskInk hat auch gut bearbeitet – meistens, bis auf diesen letzten Fall, um den es mir heute geht. Baubranche haben die von MoskInk gesagt, das wird schwierig. Wurde es auch. Nachdem einer von MoskInk bei einem Einsatz auf einer Baustelle in Hansestadt von einer bulgarischen[2] Baubrigade, resp. dem Brigadier, erschlagen und eingemauert worden war, haben sie aufgegeben...

Dann kam endlich ihr Name ins Spiel. Wenn die bösen Buben es nicht mehr schaffen, müssen es eben die ganz bösen Buben richten! So ist das. So war das schon immer in unserem Spiel. Und das heisst ja nicht Mensch Ärgere Dich Nicht. Nicht, dass ich sie für böse hielte und schon gar nicht für einen Buben... Naja, und dann war da die Sache in Binz...“

Sie sah mich mit einem leichten wissenden Lächeln im Gesicht etwas schräg von unten an, da sie gut einen Kopf kleiner war als ich. Sie wusste um ihre Wirkung: „Wie viel wollen sie wissen oder müssen sie wissen, Jens?“ Jens ohne Herr Jens schien im Moment passend.

„Wofür?“ wollte ich wissen.

„Für einen Job... Ich glaube, sie nennen es doch einen Job, oder?“

„Kommt darauf an, um was es sich handelt. Und ich muss wenig wissen, gerade genug. Ich sage ihnen rechtzeitig, was“.

„Okay, ihr Job: Sie sollen einen Mann erledigen, mindestens einen, wahrscheinlich auch zwei oder drei!“

„Dann etwas mehr“.

„Darf ich? Darf ich?“, denkdrängelte Rudi sich jetzt doch vor, „ich habe schon so lange keinen mehr... Immer darf die Mari!“

„Nun warte doch erst einmal ab, was das wird!“ denkgab Mari zu bedenken, „wir wissen doch noch gar nicht, um wen und um was es gehen soll? Und wie das passieren soll?“

„Aber in einem muss ich Rudi Recht geben“, denkmurmelte Ernst, „er ist in letzter Zeit wenig zum Zuge gekommen...“

Bevor Rudi in Begeisterung ob dieser Bemerkung ausbrechen konnte, denkmeinte ich: „Nun lasst sie erst einmal erzählen“.

„Nun ja, ich habe die Unterlagen hier drinnen“, wedelte sie mit dem Umschlag, „die Agentur hat mir gesagt, welche Dossiers sie brauchen würden: Namen, Daten, Adressen, Gewohn­heiten, Schwächen, Ansatzpunkte, Fotos....“. Sie reichte mir den Umschlag. Ich nahm ihn, ohne ihn zu öffnen. Ich wusste ja was drinnen war. Alles zu seiner Zeit. Und zurück konnte ich bei ihr nicht mehr, sie wusste zu viel.

„Die Agentur steckt auch mit drinnen?“, ich war jetzt echt erstaunt. „Sagen sie mal, gnädige Frau, wer sind sie? Sie kennen Scheller, sie kennen die Agentur, sie kennen die Akademie...“

„Ach, die Accademia della Santa Spada Fiammeggiante di San Michele presso la Santa Sede [3] kenne ich auch... Unheimliche Burschen dort, fand ich immer! Eigentlich kenne ich fast alles, spielt das denn eine Rolle?“, wollte sie wissen, „Dies ist eine persönliche Sache, wenn sie so wollen: Ich mag mich einfach nicht reinlegen lassen. Das nehme ich krumm, das nehme ich persönlich, das sollte man bei mir nicht versuchen, niemals. Ich mag körperlich klein sein und eine Frau obendrein. Aber diese Männer machen einen Fehler: Sie glauben offenbar, sie seien besser als ich – sind sie aber nicht... Glauben sie mir, ich bin besser, wenn es hart auf hart geht. Und ich kann sehr hart sein, wenn´s sein muss. Da können einige ein Liedchen von singen. Oder besser: Konnten!“

Ja, ich glaubte ihr, was sie da über sich gesagt hatte. Vor allem das „konnten“!

Kennen Sie dieses zart aufglimmende Gefühl, jemanden schon einmal gesehen zu haben oder jemandem nahe gewesen zu sein? So ging es mir in diesem Moment. Ich blieb stehen und schaute sie an: „Sagen sie, kann es sein..., das hört sich jetzt irgendwie doof an, wie im Kino: Habe ich sie schon einmal gesehen? Irgendwo?“

Es konnte auch einfach nur ihre Aura von absoluter Konzentration und großer Kraft gewesen sein.

„Möglich“, antwortete sie lässig, „oder eher wahrscheinlich. Ich war damals mit dabei in Binz – allerdings in einer der hinteren Reihen. Ich mag es nicht, wenn meine Sachen blutig werden. Ich habe mich halbwegs heraushalten können aus dem Trubel.“

„Binz?“, fragte ich sehr gedehnt und jetzt sehr auf der Hut, „Sie meinen Binz auf Rügen? Was haben sie in Binz gemacht?“

„Die Interessen meiner Auftraggeber vertreten, oder wenn sie so wollen, ich war der lokale Auftraggeber und habe den Ablauf überwacht. Wir wollten doch wissen, mit wem wir es zu tun hatten.“

„Und?“, fragte ich.

„Ich habe den Auftraggebern meinen allerhöchsten Respekt über ihre Arbeit mitgeteilt. Die drei Schüsse waren allerbest. Perfekt. Auch das Timing. Noch einmal meine Gratulation. Ich bin überzeugt, dass von allen in Frage kommenden Profis nur sie das gekonnt haben. Wenn sie so wollen, gab ich ihnen eine eins mit Sternchen.“

„Ich habe gar nicht gewusst, dass Zensuren vergeben werden...“

„Ich auch nicht, war mehr so eine Plattitüde.“

Schweigend gingen wir ein paar Meter weiter.

„Diesmal ist es persönlich?“, fragte ich und hielt den Umschlag hoch, „Das ist es doch eigentlich immer, oder? In dem Job? Wer lässt eine oder einen umbringen, ohne einen sehr persönlichen Grund zu haben? Agenten vielleicht.“

„Mag sein, ja, wahrscheinlich haben sie Recht.“

„Nun frag doch endlich, um was es geht“, denkdrängelte Rudi, „und wie sie es gemacht haben will? Hoffentlich dreckig... Jens, sag ihr, dass wir dreckig können, auch sehr dreckig!“

„Rudi, ruhig – die kommt schon... Die will ja ´was von uns!“

„Denn kann sie das ja man mal sagen..., also, das, was sie will, das hält man doch nicht aus.“

„Lasst mich mal machen“, denkberuhigte ich Rudi.

Wir schwiegen eine Weile. „Um was geht es denn genau?“, fragte ich schließlich nicht zuletzt, um endlich Rudi zu beruhigen. Die Frau schien gute Nerven zu haben – Schweigen konnte sie jedenfalls aushalten.

„Naja, ich habe etwas Geld in Beton angelegt, da in Hansestadt in Vorpommern, eine überschaubare Summe, aber eine Summe. Stichwort Bauträgermodell! Kein Steuersparmodell, kein ermäßigter Steuersatz wg. Denkmalschutz-AfA wie in Prora, wo die Berliner hohl drehten, um noch eine Wohnung zu bekommen. Nein, es geht ganz einfach um Wohnungen als Geld­anlage zum Vermieten oder zum selbst drin wohnen. Die Baufirma Triebsaal-Bau hat die Häuser fertig gebaut und die Wohnungen über die Schwesterfirma Triebsaal ImmoSale verkauft. Außerdem wurde eine weitere eigene Firma Triebsaal ImmoPopertyManagement als Verwalter eingesetzt. Die Fernwärme kommt, wen wundert´s, von Triebsaal CommunityHeating. Irgendwelche notwendigen Gutachter waren gekauft...

Die Leute waren in allen Triebsaal-Firmen sogar dieselben. Die wechselten sozusagen nur die Hüte, wenn sie mit einem über verschiedene Themen sprachen. Wenn! Zunächst war unser Ansprechpartner als Verkäufer eine persönlich haftende Personengesellschaft Triebsaal, im letzten Moment – den Dreh hat damals keiner so schnell mitbekommen, wir waren ja keine WEG-Profis – wurde die Personengesellschaft in eine Triebsaal GmbH & Co. KG umgewandelt. Mit der haben wir beurkundet. Clever. Als nämlich die schnell auflaufenden Reklamationen für den Exbauherren teurer und teurer wurden, wurde die GmbH & CO. KG gegen die Wand gefahren – ist ja ganz einfach. Das schadet Triebsaal persönlich ja nicht. Und seinen anderen Firmen auch nicht. Die arbeiten ja weiter. Es weiß jeder, dass die alle zusammen gehören. Uns nützt das aber nichts. Und wir sitzen jetzt auf einem Haufen Reparaturrechnungen, die die Triebsaals in welcher Organisation auch immer bezahlen sollten aber es nicht tun.

Und Triebsaal hat die Subunternehmer nicht bezahlt. Da sind schon verschiedene kaputt gegangen. Gut, die Rechnungen hauen einen jetzt nicht um, sie betragen irgendwas zwischen überschaubar und happig, aber Scheiße, wenn man sie addiert und vor allem, wenn man finanziert hat.

Und wir können als WEG auch dringend erforderliche Bauarbeiten nicht einmal selbst in Auftrag geben, weil man erst Jahre durch die Gerichte durch muss.

Wir sind schlicht und einfach von vorne herein mit Absicht beschissen worden – von einem cleveren Bauherren, der für uns höchstens noch persönlich aber nicht mehr juristisch greifbar ist. Naja gut, im Vergleich mit der Binzer Sache, bei der das finanzielle Wohl eines ganzen Landes, Argentinien, auf dem Spiel stand, geht es bei uns ja um Peanuts, aber wie gesagt, wir mögen uns als WEG – Verzeihung – einfach nicht bescheißen lassen. Und so dreist schon gar nicht... Und ich schon allemal nicht.

Und die Kerle laufen jetzt grinsend durch die Hansestadt, grüßen freundlich, wenn man sie trifft und verkaufen neue Objekte in anderen Ostseestädten an andere dumme Kunden, die wir ja nicht einmal warnen dürfen. Die arbeiten immer mit derselben Masche. Ab und zu wird einer neuen Stadt ein billigst hingerotzter Kindergarten gespendet, und gut ist´s mit den Verwaltungen. Die sind froh, dass Triebsaal wieder irgendwo 50 oder 100 Eigentumswohnungen baut. Wie auch immer...

Da gibt es dann Jubelarien und bunte Fotos in der Zeitung: „Triebsaal übergibt Kindergarten an ...“ – gibt da ja nur eine. Die spielt vermutlich wegen Anzeigen übrigens gerne mit, das mussten wir erleben.

Und bei uns steht das Wasser in den Kellern, die Entwässerung der Garage funktioniert nicht, die Türen hängen schief in den Rahmen und entsprechen nicht der Norm, die Fenster sind undicht, der Putz wird uns bald von den Wänden fallen, der angebliche Mutterboden, auf dem kein Rasen wachsen mag, stellt sich als Bauschutt heraus. Beschiss, wo sie hinsehen. Oder wo sie nicht hinsehen können, weil Farbe drübergeschmiert wurde. Interessiert keinen.“

„Wer ist wir?“, wollte Jens wissen.

„Circa 60 Wohnungsbesitzer einer WEG in der Hansestadt.“

„Moment, meine werte Dame“, ich hielt für einen Moment die Luft an, „sie wollen doch nicht sagen, die wüssten alle Bescheid? Nee... Danke, kein Interesse, meine Dame! Gehen wir. Ich bringe sie zu ihrem Auto.“

„Nein, um Gottes Willen, Jens, Herr Jens, keiner weiß irgend etwas. Keiner. Ich bin ein Profi wie sie. Die reden alle nur heiße Luft, „man müsste mal...“, „den müsste man mal...“, „die müsste mal mal...“, „ich würde ja, aber ...“.

Da fallen viele Schimpfworte auf unseren Versammlungen, aber keiner tut etwas. Da traut sich keiner. Große Klappe – und dann nix! Sie kennen das. Unser Anwalt kämpft gegen Windmühlen.

Und niemand, absolut niemand weiß von ihnen, von meinem Besuch bei ihnen und überhaupt! Sie, Herr Jens, ich bin doch nicht bescheuert.

Ich habe mir damals das ganze Projekt „Binz“ ausgedacht und durchgezogen, also natürlich mit ihrer Hilfe, oder eigentlich haben sie das ja alles gemacht. Aber ich war die internationale Mastermind..., ich war die, die die drei amerikanischen Finanzverbrecher vor ihr Gewehr nach Binz gelockt hat.

Hat doch riesig Spaß gemacht, wie die US-Navy da plötzlich und unerwartet in ukrainischen Uniformen aus der Ostsee auftauchte.

Und was glauben sie denn, wer die Merkel so auf den Obama gehetzt hat, dass die Rügen-Brücke nicht bombardiert wurde. Und wer hat wohl Putin informiert?“

„Das waren alles sie?“

„Jawohl, ich war das, die kleine Frau, die hier vor ihnen steht...“

„Chapeau, gnädige Frau, Chapeau“, ich fand es an der Zeit, eine Verbeugung anzudeuten, als ob ich einen Kratzfuß machen wollte und zog mir einen imaginären Zylinderhut vom Kopf.

„Das war allerbestes ganz großes internationales Theater vom Feinsten, unglaublich, fantastisch... Und jetzt geht es für uns, mit Verlaub, hinab auf die Kleinkunstbühne in Pommern?“

Sie nickte lachend. „Naja. Wenn sie so wollen. Schon gut. Ist ja schon etwas her, jetzt bin ich Rentnerin, ich habe die große Bühne verlassen, spiele eigentlich auf gar keiner mehr, aber manchmal eben bin ich eine sehr, sehr wütende Rentnerin. Und ich lasse mich nicht verarschen, nicht von dem...! Nur weil ich eine arme alte Frau bin.“ Jetzt musste sie doch laut lachen.

„Das verstehe ich gut“, gab ich zu, „und ganz ehrlich, ich möchte bei ihnen nie der andere sein. Wen soll ich also aus dem Verkehr ziehen? Das geht auch auf der Provinzbühne!“

„Den obersten Baufuzzi, seinen Chefverkäufer und wahrscheinlich seinen wirklich in jeder Hinsicht unsäglichen Firmenjuristen, vielleicht die eine oder andere Ehefrau, mal sehen...“

„Mal sehen, was?“

„Was sich so ergibt. Und was es kostet.“

„Naja, was ist es ihnen wert?“

Die hübsche Dame war auf diese Frage gut vorbereitet und zog einen dicken Umschlag aus einer Jackentasche, der man gar nicht zugetraut hätte, dass sie einen so dicken Umschlag enthalten könnte.

„Kleine nicht nummerierte Scheine! Ich dachte, sie bevorzugen so etwas in der Art... Ist doch so, oder? Keine Rechnung, keine Mehrwertsteuer! Einfach cash. Da, wo das herkommt, ist eventuell noch mehr davon, aber die Quelle ist nicht unendlich! Ich denke, wir werden zum Schluss beide zufrieden sein.“

„Frag endlich, wie sie es haben will“, denkstocherte Rudi, „und sag ihr, wir können auch dreckig!“

„Gnädige Frau, haben sie bestimmte Vorstellungen, wie es passieren soll?“

Sie lächelte bei der Frage ein wenig. „Ich denke, es wäre schön, sollte es in den Zeitungen stehen. „Ungewöhnlicher Tod eines gewöhnlichen Baufuzzis!“. Das würde mir als Headline ge­fall­en, glaube ich. Oder „Baufuzzi auf eigener Baustelle in Betonsarg entdeckt“. Denken sie, dass so etwas möglich sein wird? Oder kann man ihn in sein Auto setzen und Flüssigbeton reinkippen? Das wäre dann: „Unfall am Bau: Firmenchef aus Versehen einbetoniert“. So etwas habe ich einmal bei Barnaby gesehen. Das habe ich mir gemerkt.“

„Frag sie“, denkschrie Rudi.

„Ein ein wenig dreckiger Tod vielleicht?“

„Oh ja, gerne!“.

„Jaaa“, denkschrie Rudi wieder, „jawohl!“

Sie klatschte leicht in die Hände. Die Headline vielleicht so: „Grausamer Unfall auf Baustelle: Baufuzzi fünfmal von eigener Planierraupe überfahren!“

Ich musste lächeln. Das Thema hatte ich schon einmal mit Hauke besprochen, als es um den Bauernhof seines Vaters ging.

„Wollen sie dabei sein?“

„Gerne“, lächelte sie.

„Haben sie außer den genannten noch andere spezielle Wünsche?“

„Sie sind der Fachmann“, lächelte sie jetzt wieder, „nein, das überlasse ich ihnen, aber wenn sie erlauben, Herr Scheller hatte eine kreative Idee...“

„Ja?“

„Naja, der Baufuzzi hat ein ziemlich großes Motorboot in der Hansestadt liegen. Und er benutzt es sogar regelmäßig gemeinsam mit seiner Nummer zwei. Herr Scheller meinte, man könnte das irgendwo draußen vor Rügen in die Luft fliegen lassen... Er hätte da eine Unterwasserdrohne, hat er gesagt, die man mit Sprengstoff versehen, neben dem Boot explodieren lassen könne.“

„Das wäre aber ein vergleichsweise schneller Tod: Bumm! Käme zwar in die regionalen Zeitungen, für den Baufuzzi und seine No. 2 ginge es aber sehr schnell...“

„Das hat Herr Scheller berücksichtigt, deshalb soll die Drohne ja auch nicht am Boot, sondern in ein oder zwei Meter Abstand unter Wasser explodieren. Dann sinkt das Boot langsamer...“

„Ja? Und?“

„Herr Scheller sagt, er hätte ein Schnellboot, ein sehr schnelles Schnellboot, mit dem könne er „zufällig“ in der Nähe sein, schon um die Unterwasserdrohne abzusetzen und zu steuern und um den Baufuzzi und den anderen zu retten.“

„Ich denke, die sollen sterben?“

„Tun sie ja auch. Scheller sagt, da er allein an Bord sei, könne es doch passieren, dass er die beiden dann vielleicht nicht an Bord seines Bootes hieven könnte, weil er es dann vielleicht gerade im Rücken hätte, kann ja mal passieren: Hexenschuss. Gerade auf See. Und deshalb müsste er die beiden Baufuzzis außenbords, so an einer fünf Meter langen Leine anbinden. Und weil der Körper im Wasser schnell auskühlt, müsse er schnell fahren, um Land zu gewinnen...“

Ich musste lachen: „Typisch Scheller. Klar, die Kerle haben da hinten an der Leine keine Chance, nicht einmal den Hauch einer Chance, die werden vom schnell genug fahrenden Boot immer wieder unter Wasser gezogen. Schließlich ersäuft er sie langsam, aber sicher. Außerdem sind sie bald total unterkühlt. Ja, so könnte man das machen... Das wäre „langsam“. Und der dritte Mann?“

„Der kommt in dieser Variante bisher nicht vor, leider.“

Mir kam eine Idee. „Was halten sie davon: Wir legen dem Baufuzzi einen Strick um den Hals und ziehen ihn auf einer seiner Baustellen mit dem Baukran hoch. Da baumelt er dann. Mindestens über das Wochenende. Geht mittelschnell, er erstickt... Die Presse könnte man anonym informieren.“

„Und der zweite und dritte?“

„Hallo, gnädige Frau, das war mein Einwand. Na gut, ich sehe das ein. Was halten sie von zwei Baukränen? Die pendeln dann da im Wind wie die übers Wochenende hochgezogenen Bauwerkzeuge auf vielen Baustellen, damit sie nicht geklaut werden. Der Boss an einem Kran die beiden anderen an einem anderen.“

„Die Leichen werden geklaut?“

„Nein, die Kreissägen oder was die Bauarbeitern da sonst aufhängen.“

„Was ist mit den Frauen? Ehefrauen und Geschäftsführerinnen?“

„Hhm... Gute Frage. Wissen sie was, lassen sie uns umkehren, die anderen werden sonst etwas von uns denken.“

„Wäre das so schlimm?“, lächelte sie verschmitzt.

„Jens, untersteh dich“, kam es halblaut durch Maris Tür. Sie müssen wissen, wir vermeiden Sex weitestgehend – zwei Geschlechter in einem Gehirn und einem Körper, das geht eventuell nicht immer gut. Ja, stimmt, es steht hinsichtlich der Geschlechter 3:1, aber aus Rücksicht auf Mari lassen wir Männer es auch. Und Mari ist eben eine tolle Frau, wirklich, die tollste, aber wir haben, wenn es hart auf hart kommt, auch als Mari eben doch einen Schniedel an unserem gemeinsamen Körper... Insofern wäre sie beim Sex arm dran.

„Natürlich nicht, sie sind eine in jeder Hinsicht sehr attraktive Frau, es hätte sicherlich Spaß gemacht, regelmäßig mit ihnen zusammenzuarbeiten.“

„Danke für das Kompliment.“

„Jens,“ denksagte Rudi wieder, „jetzt sage ihr endlich, dass ich es auch gerne machen würde, aber dann kann es dreckig, blutig und hart werden und dann will sie eventuell doch lieber nicht dabei sein“.

„Ich kann es auch so machen, dass sie vielleicht doch nicht direkt dabei sein wollen...“

Sie schaute mich fragend an.

„Ich meine, mit einem Messer zum Beispiel, da könnte ich ohne Anästhesie ein wenig amputieren oder so. Das halten die meist nicht lange aus. Und mit dem Blut könnte man auf einer Baustelle ein rotes Zimmer gestalten...“

Jetzt schaute sie fassungslos: „Um Gottes Willen, haben sie so etwas schon gemacht?“

In diesem Moment passierte etwas, was uns sehr selten passiert – Rudi riss die Körperführerschaft gewaltsam an sich.

„Ja klar“, sagte Rudi als ich, jedenfalls musste die gnädige Frau denken, dass ich das sei, denn von den anderen wusste sie ja nichts, „hat Spaß gemacht, der Kerl war am Schluss reine Blutwurst!“

„Rudi“, denkschrie ich.

„Rudi“, denkschrie Mari.

„Rudi“, denkschrie Ernst.

Und alle zusammen: „Bist du total bescheuert?“

Ich riss die Körperführerschaft noch brutaler an mich zurück, was insbesondere für Rudi ein schmerzhafter Prozess war.

Ich krümmte mich als Rudi vor Schmerz und stöhnte leise – bis ich als Jens die Körperführerschaft wieder übernommen hatte. „Entschuldigung“, murmelte ich und richtete mich wieder auf.

„Muss ich das verstehen?“, fragte sie, „Das war ja, als ob das für einen Moment gar nicht sie gewesen seien.“

„Ist schon vorbei“, sagte ich, „das war die Erinnerung, wissen sie, das war hart...“

„Tatsächlich?“, fragte sie. Sie schob ihren Arm unter meinen und schob mich resolut in Richtung Kneipe. „Nein, Blutwurst, bitte nicht, ich glaube, das würde mir für immer den Appetit verderben – auf Blutwurst.“

Als wir wieder in Elsa Kneipe eintrafen, waren da nur die, die immer da waren: Elsa, Henning und Carsten, ach ja, und Hauke. Letzter lieferte gerade einige geräucherte Aale „Marke Unterarm“ aus. Einer war eher „Marke Popeyes Unterarm“. „Der ist besonders gut“, erklärte Hauke gerade, „den habe ich gerade noch beim Ausbüchsen erwüscht, als der in Richtung Sargasso See abhauen wollte“.

Gerade als Hauke dazu ansetzen wollte, uns zu erklären, dass die Aale bei ihm ja eigentlich ganz zufrieden wären, und nach Kuba ja nur zum... naja, ihr wisst schon was, hinwollen, bemerkte er, dass ich eine Dame am Arm hatte – oder war es umgekehrt? Er stoppte seine lustvoll stotternde Erzählung abrupt, riss sich die Mütze vom Kopf, drehte sie verlegen mit beiden Händen vorm Bauch und stotterte eine Begrüßung in Richtung meiner Begleiterin.

„Ist schon gut, Hauke“, sagte ich, „keine Bange vor fremden Frauen, das ist nur eine alte Bekannte...“

„Wie heißt sie denn, deine alte Bekannte?“, wollte Carsten wissen. Er war jetzt leicht angetrunken, was eigentlich sein Normalzustand war, weshalb das niemanden störte. Ich sah die Dame an und sagte: „Tja, also das ist... Trudi.“

Ich hatte das „T“ von Trudi erst halb ausgesprochen, als die an meinem Arm „Andrea“ sagte.

„Ja, wat denn nun, ich denke, ihr seid alte Bekannte – wie heißt sie denn nun wirklich? Gertrud oder Andrea? Ihr seid wohl schon so alt, dass ihr eure Namen schon wieder vergessen habt. Man o man, Elsa, bei dir ist das ja man einfach, du blivst uns´ Elsa, und dabei blivt dat, oder? Mach mir man noch mal einen. Ihr verdreiht einem ja den Kopf mit eure Namens.“

„Ich bin die Andrea“, sagte die Dame jetzt noch einmal betont, „Trudi nennen mich nur sehr, sehr gute Freunde. Aber heute abend dürft ihr mich alle Trudi nennen. Und wie heißt ihr?“

Henning“, sagte Henning.

„Carsten“, sagte Carsten grinsend, aber schon etwas mühsam.

„Hauke“, stotterte Hauke, „der mit die besten Aale.“

„Elsa“, sagte Elsa, „was meinst du, Trudi, wäre jetzt der Moment für ein Glas Mädchenbrause?“

„Wat soll dat denn sin?“, murmelte Carsten, „Mädchenbrause? Hier sind doch gar keine Mädchen, hier sind doch nur tolle Frunslüüd...“ Für Carsten war das ein sehr seltener Ausbruch von Charme und Intelligenz.

„Mensch, Carsten, was ist denn mit dir los, seit wann bist du so scharmand?“, fragte Elsa, „und Mädchenbrause ist Schampagner.“

„Dieses Sprudelzeugs in den dicken Flaschen?“, wollte Carsten wissen und schüttelte sich bei dem Gedanken, so etwas trinken zu sollen, „kann ich nicht lieber nochn Bier haben, vielleicht als Gedeck statt son Zeugs?“

„Ich auch“, schloss sich Hauke an, „Aal das passt doch nicht zu Mädchenbrause, oder?“

„Ist mir zu süß“, befand Henning.

„Ich glaube, ich muss mir mal die Nase pudern“, sagte Trudi und schaute zu Elsa. Die begriff und ging mit.

„Nun sag mal, was ist das denn nun für eine“, wollte Henning wissen, kaum dass die beiden verschwunden waren. Schließlich war er hier der Vertreter von Recht und Ordnung, „ich meine, die ist ja schon ein heißer Ofen, ich meine für ihr Alter! Dann aber wow! Man o man!“

„Sag ich doch schon lange“, wollte Carsten beigefügt wissen.

„Wie? Sagst du schon lange? Wie meinst du das“, fragte nun Henning.

„Weil ich schon lange vor dir hier war!“

„Und da hast du das gesehen?“

„Was?“

„Dass die ein heißer Feger ist?“

„Ofen“, sagte Carsten betont, „Henning, das heißt, heißer Ofen. Und ihr Auto solltest du erst mal hören. Das ist erst ein heißer Ofen. Roter Mercedes Zweisitzer mit oben offen und ordentlich was unter der Haube! AMG. Getunt.“

„Und das hörst du alles, du oller Tünbüttel?“

„Ja, klar!“

„Spinner!“

„Doofmann...! Naja, hab sie heute Nachmittag schon vom Trecker aus gesehen, da ist sie hier rumgekurvt.“

„Also hast du gar nix gehört?“

„Nö, aber euch zu verarschen tut auch mal sowas von gut! Sonst macht ihr das ja immer mit mir, nur weil ich son büsschen zurück bin... Da könnt ihr das ja.“

Henning tat etwas Erstaunliches: Er legte den Arm um Carstens Schultern, drückte ihn fest an sich und sagte: „Carsten, weiß du, son ganz klein bisschen verarschen ist ja manchmal drin – aber das tun wir doch nur, weil du dazu gehörst, weiß du. Ohne dich wär das ja alles nix hier“.

„Echt?“, fragte ein echt gerührter Carsten.

„Echt“, bestätigte Henning, „ganz echt, Carsten, was wär´ das hier ohne dich? Nix!“

„Gibst du darauf einen aus, Henning?“

„Mach ich, gleich wenn Elsa wieder da ist. Weiß einer von euch Kerls, warum die Mädels immer zu zweit zum Nasepudern gehen, und warum das solange dauert?“

„Die pudern sich echt die Nasen?“, fragte Carsten, „und ich dachte immer, die müssen mal...?“

„Carsten, du Ferkel...“, rief Henning.

„Was ist denn hier für ein Lärm?“, wollte Elsa wissen, die mit Trudi gerade wieder in den Raum gekommen war.

„Wo wart Ihr denn?“, wollte Carsten wissen.

„Carsten“, sagte Henning halblaut in einem warnenden Tonfall.

„Wir haben uns die Nasen gepudert...“

DEN Blick von Carsten in Richtung Henning hätten Sie sehen sollen.

Die beiden Frauen gingen in die Küche, um nach Mädchenbrause zu suchen, die Elsa zwar im Vorrat glaubte, aber nicht wusste, wo.

„Hier“, kam sehr bald ein erfreuter Ruf aus der Küche. Das war Trudi. „Hab´ ihn! Hey, das ist ´n Guter.“

„Hauke“, ertönte es von Elsa, „wir brauchen mal ´was Starkes zum Aufmachen“.

„Jetzt geh ich mir mal die Nase pudern“, erklärte Carsten grinsend und ging in Richtung Klo.

„Jens, was will die hier?“, erkundigte sich Henning.

„Willst Du gar nicht wissen“, gab ich zur Antwort, wohl wissend, dass ich Henning schon einmal beim Verschwinden von zwei Polizei-Rechnungsprüfern geholfen hatte, und dass er mich aus Binz rausgeholt hatte. Wir wussten also viel voneinander, aber er zumindest keinesfalls alles von mir, also von uns.

„Auftrag, Jens?“, beharrte Henning.

Ich zuckte nur mit den Schultern.

„Kannst du mir doch sagen, Jens, ich bin doch nur der Henning, der Bulle vor Ort!“

„Erstens: Nee und zweitens: Eben...“

„Also doch.“ Langsam wurde mir das hier alles ein bisschen zu seltsam – Carsten konnte plötzlich charmante Komplimente und Henning entwickelte sich zu einem investigativen Schlaukopf. Seltsam.

„Irgendwo hier, Jens? Muss ich mal wieder wann wo wegschauen, Jens?“

Finale operative Kooperationen mit der örtlichen Polizeigewalt schienen sich zu lohnen, dachte ich mir, die beiden damals verschwundenen Buchprüfer warfen Dividende ab. Ich schüttelte den Kopf. „Nee, nicht hier. Weit weg, naja, ziemlich weit, ein paar Stunden“. Henning musste ja nicht alles wissen. „Hansestadt“.

„Ach so, also nicht mein Gebiet, sag das doch gleich, das geht mich also nix an?“

„Nee“.

„Denn ist ja gut, Jens“.

„Ja“.

Er nickte weise vor sich hin. „Wenn ich dir was helfen soll..., Jens?“

„Nee, sollst Du nicht“.

„Auch gut!“

„Genau“.

„Willst ´nen Bier, Jens?“

„Ja“.

„Ich auch“, sagte Carsten, der sich noch im Gehen die Hose hochzog.

„Nase gepudert, Carsten?“, wollte Henning wissen.

„Aber sowas von...“

„Elsa“, mahnte Henning, „geht das hier am Tresen auch mal weiter, oder sollen wir lieber auf Selbstbedienung umstellen? Musst nur was sagen...“

„Komme schon“, flötete Elsa mit einer Sektflöte in der Hand.

„Soll ich?“, fragte Trudie, die direkt nach Elsa aus der Küche kam, und deutete fragend auf die Zapfhähne. Sie hatte auch eine Sektflöte in der Hand, in der es ganz leicht sprudelte, „ich habe früher bei meinen Eltern hinterm Tresen bedient. Davor ja nicht, da waren ja die Kerle, nur dahinter, da war Vadder davor. Also, was wollt ihr? Bier für alle? Ja, was denn sonst?“

Sie zapfte gekonnt, das mussten die Jungs nach einigen Runden zugeben. Die Gläser waren wie gemalt und gut voll.

Nach einer Weile hinter dem Tresen stellte sie sich neben mich. Die anderen waren schon gut lustig und hatten miteinander zu tun. „Ich habe es mir doch überlegt“, sagte sie leise, „machen wir es wie in Binz... Saubere Arbeit, kein Schweinkram: Kopfschutz für die Männer, in die Knie für die Frauen“.

Mit einem pseudolauten Rumms und einem laut gedenkdachten „Scheiße“ schmiss Rudi seine Tür hinter sich zu.

„Wann?“ fragte ich.

„Bald“, sagte sie, „ich glaube, sie werden bald wieder einen Kindergarten in Hansestadt eröffnen – das passt doch. Presse ist garantiert. Ich sage ihnen rechtzeitig wann und wo.“

Ich nahm den Umschlag mit dem Geld, entnahm ihm ein paar Scheine (einen ungefähr einen Finger dicken Stapel) und steckte die Scheine lose in die Hosentasche.

„Wissen sie was?“, fragte ich und schob ihr den Umschlag mit dem restlichen Geld hin. Sie schaute mich fragend an. „Sie steigen aus? Warum? Habe ich etwas Falsches gesagt?“

„Nein“, sagte ich, „gar nicht, ganz im Gegenteil, ich mache es“, und klopfte bedeutungsvoll auf meine Hosentasche, „das ist für Spesen und Auslagen. Mit dem Rest im Umschlag kaufe ihren Wagen, das ist er mir wert.“

Sie sah mich erstaunt an, sie überlegte einen Moment, dann lachte sie: „Okay, ungewöhnlich, aber gut, von mir aus... Und wie komme ich hier ohne Auto weg?“, wollte sie dann wissen, Wir sind hier ziemlich, und das mag sich jetzt nicht sehr damenhaft anhören, am Arsch der Welt“.

„Genau, und deshalb kann Carsten sie mit dem Trecker nach Schönberg fahren, von dort nehmen sie die Bahn.“

„Mit dem Trecker?“, staunte sie schon wieder.

„Der hat mindestens so viele PS wie ihr roter Flitzer..., ist nur nicht so schnell. Dabei ist er gleichzeitig auch SUV, allerdings echt geländegängig, 24 Gänge, vorwärts und rückwärts. Und Carsten hat sogar eine Fernsteuerung. Jetzt kommen sie.“

Sie blickte mich aus großen staunenden Augen an. „Sie meinen das nicht im Ernst“, sagte sie.

„Nein“, lachte ich, „Sie können selbst zum Bahnhof fahren. Ich komme mit, und da übergeben sie mir ihren Mercedes, wollte ich schon immer mal fahren, war mir nur zu teuer...!“


Einschub


„Wie willst Du sie umbringen?“, denkdachte ich in Richtung Autor.

„Im Moment keine Ahnung, das kommt schon noch“, denkdachte er zurück. „Du kennst das doch, die Ideen kommen beim Schreiben... Aber die guten Ideen habe ich schon alle in anderen Büchern verbraten. Am schönsten fand ich: Mit Raupe, die die Schaufel voll mit Fässern mit Superbenzin und Diesel, einem Sack Ammoniumchlorat und ein paar Schaufeln fein gemahlenes Magnesiumpulver geladen hat. Das Ganze nachts ferngesteuert ins Haus der Triebsaals fahren, und die ganze Chose dort zur Explosion bringen. Das ist besser als Napalm.“

„Ja, hatten wir schon in Pharmageddon[4]“, denkdachte ich mit Bedauern im Gedanken, „das gab einen ziemlichen Bumms.“

„Das kannst du laut sagen...“, denkbedauerte der Autor

„Sag mal, ich weiß, du magst das nicht, wenn man dir in die Geschichte reinredet...“

„Sag´schon...“, denkbrummte der Autor, „kann ja mal was Gutes sein.“

„Naja“, ich denkordnete meine Gedanken, „also..., die wohnen doch in diesem Gutshaus oder Schlösschen, das die unter Denkmalschutz von diesem Superarchtekten Calavetra restaurieren liessen, der, der auch die Brücke in Venedig..., weißt du...“

„Hhm, weiter...“

„Naja, das Restaurieren muss doch sauteuer gewesen sein, auch wenn´s alles polnische Arbeiter gemacht haben. Und die Fassade von der Trudi, die ist doch Scheiße. Also könnte Jens die neue Fassade von dem Schlösschen zum Ausgleich kauttschiessen.Aus der Entfernung. Aus einem getarnten Kleinlaster. Das sieht keiner.“

„Na toll?“

„Nee, warte, und die Fenster und Türen auch[5]. Und die müssen dann neu gemacht werden. Immer wenn Arbeiten anstehen, wird aus 1.000 Meter oder mehr ein paar Mal geschossen. Da traut sich doch kein Arbeiter mehr hin.“

„Ja?“, denkinteressierte sich der Autor.

„Und die haben doch diese tollen Paneele im Haus, das stand in einer Zeitschrift – Landleben oder so. Hinter die könnte man etwas Quecksilber kippen und dann die Behörden informieren, dann ist Schluss mit Schlösschenleben.“

„Wie kommst du da drauf?“, denkfragte der Autor.

„Naja, das haben die doch selbst schon mal mit ihren Arbeitern gemacht, schutzlos Quecksilber-verseuchte Paneele abreisen lassen.“

„Und das Ende? Wie stellst du dir das Ende vor?“

„Tja, also, ich weiß auch nicht... Aber du bist ja der Autor.“

„Habe ich mir doch gedacht“, denklachte der Autor, „zum Schluss muss ich es wieder schreiben. Schicksal. Aber war schon nicht sooo schlecht“, denklobte er mich.


Teil 2. Vorbereitungen für den "Job"

 Es gingen wohl vier Wochen ins Land, in denen nix passierte. Wir fuhren unseren Mercedes. Nicht immer. Wenn wir Lust hatten. Meistens wollte Mari fahren.

„Ist doch ein Frauenauto“, denkdachte sie frech, „nix für euch Kerle.“

Henning sah das anders, der wusste zwar von dem Binzer Job[6] – aber nix von den anderen, außer von dem, als es um seinen eigenen Hals gegangen war. Vor allem wusste er nichts von Mari, Ernst und Rudi. Er sprach mich an, wie er es immer tat, wenn wir uns trafen, weil er ein oller Schnackbüddel ist. Diesmal traf er uns vorm Supermarkt.

„Moin, Jens. Na, Jens, mien Jung, also das musst du mir irgendwann mal erklären, wie du das angestellt hast, dass du DAS Auto von Trudi bekommen hast. Da läuft doch was, oder? Das wird mir sonst immer ein Rätsel bleiben.“

„Ist schon gut, Henning, wie kommt man an ein Auto? Man kauft es. Und Trudi hat es mir verkauft, ganz einfach!“

„Nee, nee, Jens, so löppt dat nich, ich hab mal bei der Bank gefragt, da ist keine Überweisung gelaufen...“

„Du hast bei der BANK nachgefragt?“, fragte ich bannig erstaunt, „und die haben DIR Auskunft über MEINE Konten gegeben?“. Gut, dachte ich, dass ich über mehrere Konten verfügte, von denen Henning nix wusste und an die würde Henning nicht rankommen, nicht bei der Banco Katholico. Die hielten seit 500 Jahren oder so die Schnauze, weil, wenn nicht, werden die exkommuniziert. Sofort. Mit Höllenqualen-Garantie.

„Du weißt doch, was hier los ist, Jens, hier auf dem Land weiß ich doch im Endeffekt alles, wenn ich nur will!“

Gut, dachte ich, dass Henning so faul war und deshalb möglichst wenig wissen wollte.

Mein Handy klingelte. Ich schaute aufs Display. Trudi.

„Du Henning“, sagte ich mit so etwas wie Bedauern in der Stimme, „das ist Trudi, da muss ich ran...“

„Der Job?“, fragte Henning, der manchmal – sehr manchmal – ganz schön fix in der Birne war, „grüß sie schön von mir, tolle Frau übrigens, sie soll doch mal wieder vorbei kommen, wenn eure Sache erledigt ist. Vielleicht komme ich dann auch an so einen Boliden.“

Damit klopfte er zum Abschied liebevoll auf die Motorhaube von Rotkäppchen. So nannte Mari den Mercedes, wenn er ihrer war.

„Hallo Trudi“, sagte ich, „was gibt es?“

„Da wird ein Kindergarten eingeweiht. Heute in 14 Tagen in der Hansestadt.“

„Alles klar, ich melde mich“, sagte ich und betätigte die Auflegen-Taste. Man redet hier nicht so viel, müssen Sie wissen. Das waren noch Zeiten, als man ein Telefon noch richtiggehend auf die Gabel legen konnte, bedauerte ich stets. DAMIT war ein Gespräch richtig beendet, nicht mit so einem albernen „Wisch“ auf dem Bildschirm. Mit einem bedauernden Stöhnen machte ich mich nun auf den Weg in den Supermarkt, um ein paar notwendige Sachen einzukaufen. Danach fuhren wir alle vierzum SATURN, um einige Billighandys und Prepaidkarten zu erwerben. Die Dame an der Kasse war nicht sehr interessiert daran, unsere Kundendaten für eine Registrierung zu erfahren. Gut so, fanden wir, das würde die Sache noch einfacher machen[7].

Im Rotkäppchen setzte ich die erste Prepaid-Karte in eines der Billighandys ein und rief Trudi an. Ihre Nummer hatte ich ja auf meinem Normalhandy, das ich aber auch bald entsorgen würde. Immer wenn wir ein Job hatten, verwendeten wir ausschließlich diese billigen Wegwerfhandys – und die auch nur für wenige Tage oder Telefonate. Sie glauben gar nicht, was man alles aus einem Handy an Daten herausholen kann. Wir schon. Deshalb werfen wir sie ja auch so schnell wieder weg.

Ich tippte also die Trudis Nummer ein und sagte, als sie das Gespräch angenommen hatte, nur ganz kurz: „Merken sie sich diese Nummer, aber rufen sie nur im Notfall an. Ich melde mich. Nicht aufschreiben – merken!“

„Kapiert“, sagte sie kurz und legte auf.

„Gute Frau“, denkdachte ich.

„Die hat´s schnell begriffen“, denkdachte Ernst.

„Oder es ist nicht ihr erstes Mal“, denkgab Mari zu bedenken.

„Ganz sicher nicht,“ denkgab ich zu.

Rudi war offenbar immer noch beleidigt.

Ein paar Tage später fuhren wir nach Hansestadt. Als erstes zur Adresse des zur Übergabe anstehenden Kindergartens. Dort erwartete uns, wie nicht anders erwartet, eine Baustelle. Fast fertig, aber eben nur fast. Die restlichen Tage hätten die Handwerker noch gut zu tun. Innen. Außen war eh alles Kraut und Rüben.

Wir gingen zum Eingang des zukünftigen Kindergartens, KITA hieß das inzwischen wohl. Wir schauten uns prüfend um. Typische Baustelle, alles lag rum.

Plötzlich wurden wir von hinten angesprochen: „Was wollen sie denn hier? Ist Baustelle. Runter vom Hof...“

„Sagt wer?“

„Ich!“

„Gestatten Sie die Frage, wer sind sie, bitteschön?

„Warum?“

„Ach, nur so... Ist ihr Boss da?“

„PPP oder PPM?“

„Äh, ich meinte den Herrn Triebsaal...“. Wir wussten, dass er nicht hier sein konnte.

„PPM? PPP? Entschuldigung, wer sind das?“, hakte ich nach.

„PuffPuffPapa und PuffPuffMutti.“

Ich schaute sehr fragend.

„Naja, Triebbsaal: Vorne Trieb“, er machte eine eindeutig befriedigende Handbewegung, „und hinten Saal. Großer Puff! Triebsaal. Ist doch ganz einfach, Mann!“

„Ach so, ja, wo sie es sagen, klar, dumm von mir...“

„Nee, keiner da, die kommen erst zur Übergabe!“

„Ja. Danke. Ich gehe dann mal.“

„Vorsicht, ist gefährlich auf Baustellen, die sparen an allem, auch an der Bauabsperrung, wissen sie.“ Wir gingen sehr vorsichtig und schauten uns noch einmal um.

Dahinten“, denkdachte Mari und denkdeutete in Richtung Westsüdwest.

„Dahinten“ erwies sich als ein Gelände, das nix Ganzes und nix Halbes war. So wie es von hieraus aussah, gab es dort nur Bauschutt, ein paar armselige Büsche, schrottreife Autos, einige Werbeschilder, die schon Jahre lang nicht mehr angeschaut worden waren. Gegenüber unserem Standort um vielleicht 5 bis 6 Meter erhöht.

„Perfekt“, denkdachte Mari, „das wird ´n Klacks“

„Ja“, denkgab Ernst seinen Senf dazu, „ich schätze 600 Meter, nix in der Schusslinie, kein Baum, kein Schild...“

„Bis auf den Bus, der da gerade fährt“, danksagte Mari, „der könnte uns im entscheidenden Moment in die Quere kommen.“

„Ein Problem?“, denkfragte ich, „müssen wir da etwas einrichten, dass der nicht kommen kann?“

„Ach was“, denkmeinte Mari, „der ist in ein paar Sekunden durch...“

„Es sind übrigens genau 703 Meter“, denkschlaumeierte Mari.

„Das ist für dich doch kein Problem“, denkgab Ernst zu.

Wir wussten alle nicht, wie Mari das machte. Aber wir hatten es ausprobiert und Entfernungen, die sie geschätzt hatte, gemessen. Sie lang immer richtig bis auf ein oder zwei Meter – das aber nur bei Distanzen über 1.000 Meter. Es war unglaublich. Mari wusste es übrigens auch nicht, wie sie das machte. Sie schaute kurz hin und wusste, wie weit die Entfernung zwischen ihr und dem Opfer wäre. Genauso handhabte sie die Windabdrift einer Kugel. Sie fühlte den Wind, stellte das Zielfernrohr um ein paar Klicks anders ein, und der Schuss war auch mit Wind immer perfekt im Ziel.Unglaublich. Wirklich unglaublich.Gut für uns, dumm für die Opfer. In diesem Fall für die Triebsaals. Aber 700 Meter waren für Mari kein Ding.

„Lasst uns mal rüberfahren“, denkschlug Ernst vor, „mal sehen, wie es aus der Nähe aussieht.“

Es sah genauso aus, wie aus der Ferne: Ein paar Haufen wild abgekippter Bauschutt, ein paar armselige Büsche kurz vor dem Vertrocknen, drei schrottreife Autos, ein paar teerige Bahnschwellen und einige Werbeschilder (unter anderem für ein Laufhaus in Düsseldorf – hier??? Welcher kranke Geist kommt auf die Idee, DAFÜR gerade HIER zu werben?) sowie harter Sandboden (den gibt es hier überall, aber den hatten wir von der KITA aus nicht sehen können). Dumm war nur die Schranke mit einem soliden Schloss. Aber die würde kein Problem für uns sein. Wir hatten Werkzeug dabei.

Alles in allem ein perfekter Platz für unseren optisch auf alt getrimmten Lieferwagen mit der löcherigen Plane über der Ladefläche. Technisch war der Wagen allerdings perfekt ausgestattet und auf dem neusten Stand, wirklich, für alle Fälle... Das hatten wir aber noch nie gebraucht. Gute Planung ersetzte unser Meinung nach jede miese Flucht! Dort würden wir, also Mari, mit dem Sniper-Gewehr im Anschlag auf der Pritsche hocken und durch ein Loch in der Plane schießen[8]. Und wenn sie wollte, konnte Trudi mit einem starken Fernglas neben mir – uns – sitzen und alles aus nächster Nähe genießen.

Wir riefen Trudi an. „Wir sind da. Treffen wir uns?“

„Gerne.“

„Wo?“

„Am Hafen. Bei der Gorch Fock. Unten an der Gangway. Nicht zu verfehlen.“

„Wann?“

„Geben sie mir 45 Minuten.“

Ich legte auf. Die Frau hatte etwas...

„Ich finde sie auch nett...“ denksagte Mari leiseäquivalent in unserem Kopf.

„Trotzdem...“, denkantwortete ich, „es bleibt dabei. Da geht nix!“

„Klar,“ denksagte Ernst, „ganz klar, ist aber irgendwie auch schade. Versteh das jetzt nicht falsch Mari, aber mal..., die Frau hat irgend etwas Anziehendes. Nicht einmal sexuell...“

„Vielleicht“, denkkam es vorsichtig aus Rudis Zimmer, „mag sie es ja ein wenig..., ich meine ja nur, soll es ja geben, oder?“

„Nee, vergiss es“, denkantwortete Mari, „Rudi, die nicht, glaube mir – aber schön, dass du wieder da bist!“

„Komm man wieder raus“, denksagte ich.

„Genau“, denkkam es von Ernst, „hallo, Kumpel!“

Wir konnten direkt an der Gorch Fock parken und hatten die Gangway im Blick. 45 Minuten waren um, sie war nicht zu sehen, 50 Minuten, 55...

„Wo bleibt sie denn?“, denkfragte ich, „die machte doch bisher nicht den Eindruck, eine Verabredung zu vergessen... Ob da etwas...?“

„Das da, das ist sie“, denklachte Mari, „ihr Jungs habt so von der Frau geschwärmt, dass ihr sie gar nicht erkannt habt, bloß weil sie etwas anderes an hat.“

Es stimmte, da stand eine schlanke jugendlich aussehende Frau in einem schwarzen Hosenanzug mit kurzen schwarzen Haaren unter der Gangway. Ich stieg aus und ging auf sie zu. „Fast hätte ich sie nicht erkannt, sie sehen so... streng aus. Steht ihnen aber!“

Sie lächelte mich mit ihrem rätselhaften Lächeln an. „Alles klar?“

„Ja, alles klar. Wir haben uns umgeschaut, sieht alles gut aus...“

„Wir?“

„Ich“, lächelte ich zurück, „wollte sagen, ich habe mich umgeschaut. Alles gut!“

„Wann ist der Event, die große Schau?“

„Übermorgen. 11 Uhr 30.“

„Ich werde da sein.“

„Ich auch.“

„Ja, stimmt, von wo aus wollen sie zusehen? Von unserem Schusslaster aus?“ Ich deutete in die Richtung unseres Lieferwagens.

„Nein, zu weit weg, ich werde direkt da sein. Ich bin angemeldet...“

„Angemeldet?“ ich zog die Augenbrauen fragend hoch. „Wie? Angemeldet?“

„Als Journalistin von der Hamburger Zeitung...“

„Sie meinen Abendblatt?“

„Nein Hamburger Zeitung.“

„Die gibt es doch gar nicht.“

„Das wissen sie und das weiß ich, die wissen das nicht. Und weil sie pressegeil sind, haben sie mich gleich akkreditiert.“

„Gleich akkreditiert? Darunter geht´s nicht, oder?“

„Ich sage ja, pressegeil!“

Wir gingen schweigend ein paar Meter am Schiff entlang. An der See ist es immer schön. An einem Dreimaster immer noch schöner. Da muss man nicht viel reden. Das ergibt sich oder nicht.

„Von wo aus werden Sie...?“

„Schießen?“

Sie nickte.

„Da ist so ein Platz, etwas erhöht, ca. 703 Meter entfernt.“

Sie nickte wieder. Zustimmend. Als ob sie ihn kennte. „Ja“, sagte sie, „kenn´ ich. Habe ich mir schon gedacht. Hätte ich auch gewählt.“

Wir gingen weiter. Stumm. Jetzt waren wir am Bug des Schiffes, fast unter dem stolzen Bugsprit, angekommen – nur eben an Land. „Schön nicht?“, fragte sie einfach so, nicht einmal mich.

„Ich habe da vor ungefähr zwei Wochen ein paar Jungens hingeschickt, dass sie ein wenig aufräumen. Nicht viel, nur so viel, dass sie ein freies Schussfeld haben. Die Jungens sind schon wieder zurück in Polen, keine Sorge, Jens. Ach ja, und sie haben das Schloss an der Schranke ausgetauscht. Hier ist der Schlüssel. Damit sie keine unangenehme Überraschung erleben...“

Sie lächelte mich wieder rätselhaft an, als sie uns den Schlüssel gab. Mir gefiel das. Ernst auch. Und Rudi. Sogar Mari. Gesagt hat keiner etwas.

Nach dem Schlüssel zu urteilen, musste es sich um ein massives Schloss handeln. Das, was da hing sah so aus, als würde der Schlüssel passen. Egal, Wir hatten jetzt den Schlüssel und zur Not das schwere Werkzeug. Das haben wir immer dabei. In unserem Beruf liebt man keine Überraschungen.

„Danke“, sagte ich und hielt den Schlüssel hoch, „nicht nur dafür, überhaupt...“

„Werden wir uns noch einmal sehen?“, fragte sie. Schwang da etwas in ihrer Stimme mit, was man bei einer anderen Frau als „bange“ bezeichnet hätte?

„Ich glaube nicht“, sagte ich, „das ist nicht üblich.“ Und dann fügte ich ein „leider“ an.

„Schade“, sagte sie. „Profi eben“, lächelte sie dann, „durch und durch! Muss wohl so sein...“

Ich nickte nur, drehte mich um und ging zu unserem Auto.

„Such is life“, denkschlaumeierte Ernst.

„Ja“, denkkam es von Mari, „manchmal ist´s Scheiße, das Leben“. Und nach einer Weile denkkam von ihr: „Aber jetzt reißt euch zusammen, Jungs, we are professionals.“

 

Einschub

„Willst Du sie nicht endlich umbringen?“, denkfragte ich meinen Gehrinkollegen, den Autor, „die Leute wollen doch, dass du mal zum Ende kommst. Ist doch eh klar, wie es ausgehen wird.“

„Echt? Ja, hast Recht, wird langsam Zeit!“

„Wie willst Du es machen?“

Der Autor machte das gehirninterne Äquivalent des Schulterzuckens: „Wart´s doch ab, kommt Zeit , kommt Tod!“

„Und vergiss den Hund nicht, der muss rein!“

„Ja doch, verdammt, lass mich in Ruhe.“

Naja, es ist wie jedes Mal. Er weiß es immer noch nicht.

Übrigens, wenn Sie sich wundern, dass in diesem Romanchen so viele Menschen mit gespaltener Persönlichkeit vorkommen – das ist viiieeel verbreiteter, als Sie glauben. Schauen Sie sich unter diesem Aspekt mal kritisch Verwandte, Freunde und Kollegen an... Sehen Sie!


 

Teil 3. Jetzt geht´s aber wirklich ab...

Heute war es soweit. Es war 11 Uhr 15. Unser Lieferwagen stand richtig am Platz. Die Löcher in der Plane hatten wir kontrolliert. Sie saßen perfekt. Weit und breit war niemand zu sehen. Mari hatte das Gewehr zusammengebaut, sechs Patronen ins Magazin geladen – eine für jedes Opfer plus eine „für alle Fälle“, das tat sie immer und hatte sie doch noch nie gebraucht. Wenn Mari schoß, traf sie sicher. Todsicher – ja, ich weiß, das war ein mauer Kalauer.

Wir waren fertig. Was wir brauchten waren die Opfer. Die waren inzwischen eingetroffen. Mehrere große Audi-SUV parkten in unmittelbarer Nähe der KITA. Aber sie wuselten noch rum, begrüßten einander. Luftküsschen. Smalltalk.

Mari konnte das ganze Schussfeld mit beeindruckender Vergrößerung einwandfrei durch das Zielfernrohr des Dragunov-Gewehres betrachten. Sie benutzt ausschließlich Dragunovs. Sie schwenkte den Lauf behutsam von links nach rechts. Da sah sie alles glasklar.

Der Bürgermeister war im Business-Anzug mit hellblauer Krawatte professionell gekleidet erschienen und einige andere Vertreter der Stadt. Einer stolzierte in weißen Sneakers, roter Baumwoll-Hose, orangefarbenem Pulli mit hochgeschobenen Ärmeln ohne Hemd und hellgrünem Schal stolz wie ein Gockel rund ums Haus, als ob es seines wäre. Das war der von den Grünen. Der war offenbar besonders – schlimm. Zum Vergessen. Optisch und auch sonst. Er sah aus wie eine Parodie eines grünen Lokal-Politikers. Ab und zu streichelte er einen Baum, wie gesagt, schlimm...

Die Presse war auch vertreten: Ein Volontär mit CANON um den Hals probierte mehrfach den besten „Schuss“ – wenn der wüsste, dass er gleich die Chance auf die Story seines Lebens haben würde. Er trug die für Journalisten offenbar bundesweit unvermeidliche Ausrüstung: Schwarze Lederjacke, schwarzes T-Shirt und enge schwarze Jeans zu Stiefeletten. Diese Journalisten musste es irgendwo von der Stange zu kaufen geben. Als modischen Höhepunkt hatte er ein schwarzes Tuch á la Störtebeker um den offenbar kahlen Kopf gewickelt.

Ein paar Kinder – sichtlichbestellt für ein Foto mit dem Bürgermeister – waren bunt gekleidet und mit Luftballons versehen. Sie wurden im Moment mit jeweils einem Eis ruhiggestellt.

„Das ist Pech“, denksagte Mari, „das hätte nicht sein müssen...“

„Sie werden es überleben“, denkantwortete Ernst.

„Sicher...“. Das war wieder Mari.

Ich schwieg denkmäßig, war über die Anwesenheit der Kinder aber auch nicht froh.

In der Nähe des Eingangs stand ein kleiner Mann mit dichtem schwarzen Haar und erstaunlich großer schwarzer RayBan-Sonnenbrille, die viel von seinem Gesicht verdeckte, im grauen Anzug und hellblauem Hemd etwas abseits von der Gruppe der Triebsaal-Vertreter. Er hatte eine „mittelgroße“ Nikon mit ebenfalls „mittelgroßem“ Zoom-Objektiv in der Hand. Offenbar der nächste Journalist.

Alles war wunderbar durch das Spektiv des Gewehres zu beobachten.

Triebsaal stand neben einer (seiner?) großen schlanken Frau, nicht der Typ, mit dem man sich freiwillig anlegen wollte. Die hatte garantiert Haare auf den Zähnen. Konnte kein leichtes Leben für ihn sein. Neben dem Paar ein weiteres Paar, das mit den Triebsaals offenbar sehr vertraut war. Nach den Fotos, die den Dossiers beigelegen hatten, mussten das der Vertriebschef und seine Frau sein. Die vier stellten folglich den harten Kern der Triebsaal-Firmen-Familie dar. Trudi würde wahrscheinlich der betrügerischen Triebsaals sagen. Das waren Mari´s Opfer. Eineinhalb Schritte entfernt stand etwas hölzern der Jurist der Triebsaals und schaute deren geselligen Treiben zu. Zum Leitungskern der Triebsaals gehörig, aber nicht zum engsten Kreis, das war den Körpersprachen der fünf deutlich anzumerken.

Der kleine Mann in Schwarz schaute jetzt eine kurze Weile direkt zum Standplatz unseres Lieferwagens. Das fiel uns auf.

„Der Kleine Schwarze da“, denkbemerkte Mari, „ich glaube, ich erkenne sie, das ist doch unsere Trudi, oder? Klar, doch, sie ist es.“

„Gut verkleidet“, denkgab ich zu.

„Die will irgend etwas...“ denksagte Ernst.

„Ich glaube, es geht um die Kinder“, denksagte ein erstaunlich sorgsamer Rudi.

Der Mann ging auf die Kindergärtnerin oder wer das war, zu, sprach kurz mit ihr, zeigte ihr die Kamera und deutete schließlich auf die Sonne. Die nickte und rief die Kinder zusammen.

„Ich glaube“, denkmeinte Mari, „er, also Trudi, will die Kinder hinters Haus holen, um sie fotografieren.“

„Sieht so aus“, denkstimmte ich zu, „gute Idee! Er, ich meine Trudi, bringt sie in Sicherheit.“

Der Bürgermeister blickte demonstrativ auf seine Uhr und ging auf die Triebsaals zu, wechselte einige Worte mit ihnen. Triebsaal, der Boss der Bosse und Bossinnen nickte kurz, fasste in seine Tasche und holte einige Blätter Papier heraus, offenbar sein Manuskript.

„Mari“, denkwisperte ich unnötigerweise, denn außerhalb unseres Kopfes konnte uns niemand hören, selbst wenn wir von Menschen umgeben gewesen wären.

„Bin soweit“, kam es von Mari zurück.

Irgendeine helfende Hand gab Triebsaal ein Mikrofon in die Hand. Er blickte kurz zum Bürgermeister, der nickt fast unsichtbar. Das hieß wohl, er solle loslegen. Triebsaal trat einen Schritt vor, wie man das so macht, wenn man eine Rede zu halten hat. Er machte den Schritt nach vorne und unhöflicherweise auch einen schräg zur Seite. Er stand jetzt genau vor seinem Vertriebsgeschäftsführer. Er holte noch einmal tief Luft, um mit seiner Rede zu beginnen. Das Mikrofon war das letzte was er fühlte.

Er kam nicht mehr dazu, es zu gebrauchen, denn Mari sah das Zielkreuz auf der Stirn des Opfers, das er gleich wäre, fühlte den Druckpunkt unter ihrem rechten Zeigefinger und gab noch ein Millipondchen mehr Druck auf den Trigger. Der Schuss löste sich. Mari hörte ihn, Triebsaal nicht mehr. Die Kugel flog auf einer ganz leicht nach unten geneigten Parabel mit Überschallgeschwindigkeit. Wenn die Kugel es gekonnt hätte, wäre sie stolz auf die Schönheit der die Kurve beschreibenden Formel und die Exaktheit der Kurve gewesen. Ein Hauch Wind von links trieb sie minimal nach rechts. Machte nichts, der Kugel wäre es Wurst gewesen, sie hätte gewusst, das Mari das vorausberechnet gehabt hätte. Es dauerte 703 Meter und keine Sekunde, dann war die Kugel dort, wo sie hin wollte. Treffer, hätte sie vor Glück gejauchzt – wenn sie gekonnt hätte. Jauchzen konnte sie nicht, aber treffen... Das wenigstens und zwar perfekt. Denn sie war ja einerseits nur eine ganz gewöhnliche Präzisionskugel, die von einem Präzisionsgewehr abgefeuert worden war. Andererseits war sie von Mari abgefeuert worden. Von Mari, die noch nie nicht getroffen hatte.

Als Ergebnis ihres Parabelfluges erschien vorne in der Stirn von Triebsaal ein kleines Loch und fast gleichzeitig, in Wirklichkeit Millisekundenbruchteile später, an seinem Hinterkopf ein großes. So ist es eben, wenn ein Hochge­schwindig­keits­geschoss auf die Kopfkalotte eines Menschen trifft. Das geht meistens schlecht aus. Für den Kopf. Es gibt wenig Beschreibungen in der Literatur, in denen es für die Kugel schlecht ausgeht, eigentlich keine. Die sehr hohe Bewegungsenergie der Kugel wird beim Auftreffen auf den Kopf und beim Durchdringen desselben zum Teil in Hitze und zum Teil in Druck verwandelt. Der Rest bleibt als Impuls in der Ursprungsrichtung der Kugel. Das alles geht sehr schnell, rasend schnell, und immer gleich, das ist ein Naturgesetz. Naturgesetze müssen nicht rechnen, die geschehen einfach. Zumindest seit Erfindung von Gewehr und Munition. Triebsaals Stirnknochen merken fast gar nicht, dass sie getroffen wurden, so schnell geht das. Deshalb zerspringen sie auch nicht, es entsteht nur dieses geradezu niedlich kleine Löchlein. Die durch die teilweise Verformung der Kugel entstehende Hitze verkocht das hinter der Stirn befindliche Gewebe-Flüssigkeitsgemisch, das wir gemeinhin als Gehirn bezeichnen. Der dabei entstehende explosionsartig ansteigende Druck sprengt den Hinterteil des Kopfes ab und verteilt das gekochte Gehirn ziemlich gleichmäßig und weitwinklig auf alles, was sich hinter dem Kopf befindet. Vor allem aber großräumig!

Hinter Triebsaal, der noch nicht einmal begreifen konnte, dass er kein Gehirn mehr hatte, und der damit nach allen gültigen Regeln der Medizin schon als tot galt, dessen toter Körper aber noch keine Zeit gefunden hatte, damit zu beginnen, zusammenzubrechen, stand sein Co-Geschäftsführer. Lebend. Strahlend. Stolz. Falls einer ein Foto machen wollte. Er war bereit. Für ein Foto. Nicht für das, was jetzt kam. Noch stand er so da. Gerade eben. Bevor er sich über Naturgesetze, mit denen er bisher nicht in Kontakt gekommen war, wundern konnte, hatte auch seine Stirn ein kleines Loch. Das von Gehirn und Schädelkalotte hatten wir eben schon erörtert, das können wir uns hier also sparen. Das ist ja eh nicht so schön.

Maris Schuss war ein seltener Kunstschuss: Zwei Tote von einer Kugel. Soll es schon gegeben haben. Irgendwo irgendwann. Selbst Mari hatte das irgendwie noch nicht mitbekommen. Erst als eine halbe Sekunde später, beide Opfer begannen, nacheinander und doch fast synchron zusammenzubrechen, begriff sie, dass der Co-Geschäftsführer keiner zweiten Kugel mehr bedurfte. Sie schwenkte den Lauf um wenige Grad nach rechts und nach unten.

Sie musste nicht nachdenken. Trigger finden. Finger krümmen. Druckpunkt überwinden. Ein Gedanke, ein Bewegungsablauf. Tausendfach geübt. Die zweite Kugel wäre über ihre Flugkurve genauso stolz gewesen wie die erste. Warum auch nicht. Perfektion ist bewundernswert! Aber auch ihr fehlte leider das Vermögen dazu. Sie traf auch nicht in den Kopf des immer noch etwas abseits stehenden Firmenjuristen. Aber sein rechtes Knie. Der Erfolg des Treffers war erstaunlich. Das ganze Bein schien plötzlich lebendig zu sein. Immerhin. Mit den Gehirnen war das ja anders gewesen. Gehirne können in ihrem Schädel nicht zucken. Beine schon. Dieses Bein zuckte zur Seite wie eine geköpfte Schlange. Oder wie ein gehäuteter Aal. Wild jedenfalls. Unberechenbar. Dem Juristen wurde für ihn völlig überraschend das Standbein genommen. Weggeschossen. Ich meine, wer rechnet schon mit so etwas? Mitten im Leben. Niemand, das musste man zur Entschuldigung des Getroffenen zugeben. Also, das Bein war schon noch da, nur die Standfähigkeit war sehr massiv negativ beeinflusst. Eigentlich war sie fort. Weggeschossen. Man kann auf einem Bein stehen, klar, aber nicht, wenn das andere plötzlich ohne Knie... – naja, da stand kann man ja kaum sagen, eher noch da hing. Ja, das passt.

Das Knie sagte dem Gehirn (das war ja noch da), dass der Knierest und damit eigentlich das ganze Bein jetzt scheiß weh täten. Außerdem hatte der Jurist sich beim Fallen die linke Hand gebrochen. Auch die reklamierte beim Gehirn, dass es scheiß weh täte. Nehmen Sie mir die Häufung von „Scheiße“ jetzt bitte nicht übel. Wenn Sie einmal in die Position des Juristen kommen sollten, werden Sie mich verstehen, dass es wenige andere passende oder passendere Begriffe als „Scheiße“ gibt, um diese Schmerzen zu beschreiben. Echt.

Wir befinden uns in Sekunde fünf oder sechs des aktuellen Geschehens. Es ist bereits ziemlich viel passiert, vor allem, wenn man betrachtet, was sich in dieser Geschichte bisher zugetragen hat. Bis vor sechs Sekunden war das ja noch ziemlich lau...

Die beiden Ehefrauen fingen gerade an, zu begreifen, was sich in diesen sechs Sekunden abgespielt hat. Die Gehirne ihrer Männer hingen – schön verteilt – von oben bis unten auf ihnen, ihren sehr schicken teuren Klamotten, und auf der Mauer hinter ihnen. Das alles sah nicht gut aus. Das war ihren Gehirnen im Moment eigentlich ziemlich schnurz... Ihre Gehirne wechselten in den Panik-Modus: Schreien, in die Knie gehen, Hände vors Gesicht knallen. Weiter schreien. Die Hände merkten, dass dort schon ziemlich viel rot-glibbrige Masse hing, die da eigentlich nicht hingehörte. Das bedingte Panikmodus 2.0. Kurz vor der Ohnmacht.

Die beiden sanken in die Knie, ihre Oberkörper wankten vor und zurück, vor und zurück. Ihre Gehirne waren mehr oder weniger auf Null-Leistung. Das hat die Natur so vorgesehen, weil sie sonst kaputt gehen würden. Irgendwann würden sie schon wieder funktionieren. Aber das würde dauern. Bis dahin: Vor und zurück und Schreien und Hände auf und zu. Das ganze Programm, das Mutter Natur für diese Situation vorgesehen hatte.

Panikmodus 3.0 wäre Ohnmacht.

Dann kam Panikmodus 3.0. Mutter Natur war gnädig.

Wer überhaupt bis gar nicht reagierte, war der Volontär in Schwarz. Der staunte nur, wenn überhaupt, begriff nichts von dem, was da gerade vor seinen Augen passierte. Panikmodus 1B: Starre, bloß nicht rühren, das Schicksal ja nicht darauf hinweisen, dass da noch wer war, den es treffen könnte. Das Schicksal, nicht eine Kugel. Die CANON blieb total unbenutzt. Gut so, dass er sich auf Panikmodus 1B herausreden konnte, sonst hätte sein Chefredakteur nämlich gemerkt, das der Akku der CANON absolut leer gewesen war. Die hätte keine einzige Aufnahme gemacht. Das konnte zwar mal passieren, sollte in so einer Situation aber nicht.

Der Bürgermeister war der einzige, der richtig reagierte. Kaum hatten die Schüsse knallmäßig ausgepeitscht, schrie er: „Runter, runter, alles runter, Deckung. Hier wird geschossen!“

Und einen Moment später rief er dem Grünen zu: „Du doch nicht, du Trottel! Mach einmal im Leben etwas politisch Richtiges: Gib uns Deckung!“ Dann spürte er die Hand des kleinen Mannes in grauen Anzug, der erstaunlich lässig und wenig gebückt neben im hockte: „Kommen Sie, hinterm Haus ist es sicher!“

Der Bürgermeister erinnerte sich an seine Militärzeit bei der Volksarmee und robbte blitzschnell um die Ecke. Hier setzte er sich an die Wand und atmete tief durch. „Was ist denn hier los?“, fragte er den kleinen Mann, der ihn gerettet hatte, „Wer schießt denn hier? Und auf wen?“

„Keine Ahnung“, sagte Trudi, „keine Ahnung, wer macht den sowas? Und was macht der Hund hier?“

Bei dem Hund handelte es sich um einen außergewöhnlich hübschen Beagle, wahrscheinlich noch ziemlich jung. In der Ferne rief jemand mit steigender Lautstärke Hundenamen und pfiff sich die Lunge aus dem Hals. Das musste Herrchen sein. Herrchen interessierte den Beagle aber einen Scheißdreck, hier war offenbar wahres Manna von Himmel geeregnet. Es roch für eine Beaglenase wirklich wie ..., keine Ahnung, wovon Beaglenasen träumen. Selbst erlegte Beute vielleicht? Fleisch? Knochen? Rintintin? Nee, letztes eher nicht. Dosen riechen nicht. Aber dieses inzwischen lauwarme rote Glibberzeug, das hier überall rumhing, das war so verdammt lecker! Um Herrchen könnte der Beagle sich immer noch kümmern, fand er. Den hatte er noch immer wiedergefunden. Menschen können komisch sein, fand der Beagle: Hier regnet es endlich mal Manna in vernünftigen Mengen, und keinen Menschen interessiert es.

Wenn es ihm gegeben gewesen wäre, wäre er in diesem Moment mit hoher Wahrscheinlichkeit gläubig geworden. Sie stimmten also doch – die Geschichten aus dem alten Ägypten, in denen Der Herr wahrscheinlich aus Versehen aber immerhin, Hundemanna vom Himmel regnen ließ. Dieser Moment war für den Beagle eine Offenbarung... Was ist im Vergleich mit dem Erscheinen eines Gottes ein tobendes Herrchen. Den würde er schon wieder finden. Und überhaupt, warum schreien die hier so? Laut, viel zu laut, fand der Beagle und schnappte sich den nächsten Brocken Manna.

Der Bürgermeister ergriff Tudis für einen Mann erstaunlich kleine und weiche Hand, was der Bürgermeister in seiner Angst aber nicht wahrnahm. Ihm war nur wichtig, dass er etwas hatte, an das er sich klammern konnte und sagte: „Sie wenn sie mal was brauchen, ´ne Baugenehmigung oder so, dann kommen sie zu mir. Wenn´s nicht gerade im Außenbereich ist, dann kriegen wir das hin! Sagen sie mal, tragen sie immer so große Sonnenbrillen?“

„Ich werde es mir merken“, sagte Trudi. Zu der Sonnenbrille sagte sie nix.

In diesem Moment kroch der Grüne um die Hausecke. „Was willst du denn hier?“, zischte ihn der Bürgermeister wütend an, „los raus, zieh das Feuer auf dich, sei einmal im Leben ein Mann. Verpiss dich. Sonst hast du doch auch immer eine große Klappe. Außerdem schießt doch gar keiner mehr...“

Zitternd schlich der Grüne mit vollgepissten Hosen und erhobenen Händen wieder zurück: „Ich ergebe mich, ich ergebe mich!“, flüsterte er dabei.

„Lauter!“, brüllte der Bürgermeister, „sonst erschießen die dich noch...“

Als Antwort kam nur ein jammervolles Heulen um die Hausecke.

Ein einzelner Schuss peitschte.

„Bist du getroffen?“, rief der Bürgermeister in Richtung Ecke.

„Nein“, jaulte der Grüne, als ob er getroffen worden wäre.

„Schade“, murmelte der Bürgermeister.

Getroffen wurde dagegen das zweite Knie des Juristen, der in seinen Sch...schmerzen vor der KITA rumlag. Seine Reaktion war ein schlimmer Schrei. Wir hatten die Sache mit den Schmerzen schon ausführlich diskutiert, weshalb wir uns das böse Wort ersparen.

Außerdem schrien und jammerten die Ehefrauen der beiden Toten, dazwischen mussten sie sich übergeben. Eine Kakophonie des Schreien, Weinens, Würgens und Kotzens. Fällt Ihnen noch etwas ein. Nein.

„Ich denke, das war´s“, denkdachte ich rüber zu Mari, „guter Job!“

„Die Frauen?“, denkfragte sie zurück.

„Lass sie leben, die werden´s schwer haben. Und wenn Trudi es richtig anfängt, werden sie ihr aus der Hand fressen...“

„Hübscher Hund da drüben...“

„Erschiess ihn“, denkraunte Rudi, „er ist ein Zeuge! Wer weiß, was er weiß?“

„Blödsinn“, denkwies ich Rudi zurecht, „beherrsch dich doch einmal, nur einmal...“

„Lets go“, denkpfiff Ernst, „lasst uns abbrechen und abhauen. Hier sind wir fertig. Und wenn Jens sich irrt, dann kann Rudi ja vielleicht doch mal...“

„Das nenne ich einen echten Freund!“, denkdachte Rudi, denkdachte es und verschwand in seinem Zimmer. „Du Arsch“, kam da noch nach. Das galt mir.

Eine halbe Stunde später waren wir mit unserem Liefer­wagen mit einer neuen Plane auf der A20 in Richtung Ostholstein unterwegs. Das Gewehr hatten wir in einem der Schrottautos versteckt. Klar, irgendwann würde es gefunden werden. Aber das half der Polizei nicht weiter. Es würde keine Spur sein. Niemals eine Waffe zweimal verwenden! Unsere eiserne Regel.

Elsa, Henning, Carsten und Hauke würden wir mal wieder nichts erzählen. Was führen wir doch für ein langweiliges Leben.

 


In den Zeitungen stand etwas vom rätselhaften Anschlag auf einen regionalen Baumogul. Ergebnis: Zwei Tote und ein Rollstuhlfahrer. Der Rest war Spekulation. Von einem heldenhaften Bürgermeister war zu lesen, von einem rätselhaften Fremden, der 12 Kinder und eine KITA-Angestellte gerettet hatte, und von einem leicht verletzten Politiker der Grünen, der auf irgendetwas Glitschigen ausgerutscht war. Fotos gab es nicht. Täter auch nicht.


 

 Drei Monate später...


... gab es eine kleine Nachricht in der lokalen Presse, von zwei Unternehmerinnen, die geheiratet hätten, und die eine ganz neue Geschäftsidee hatten: „Wir haben unser Kerngeschäft im Immobilienbereich bisher ja immer völlig falsch bewertet: Service wird hier ja völlig unterbewertet! Unser Service wird ab sofort Service sein. Und die ersten Schwerpunkte haben wir auch schon in der Hansestadt identifiziert. Da haben unsere Vorgänger es geradezu sträflich an Garantie- und Reparaturarbeiten schleifen lassen“, wurde die eine der beiden zitiert. Auf die Frage, wie sie denn auf die Idee gekommen seien, antwortete die andere: „Wir hatten da eine fantastische Beraterin! Die hat uns die Augen geöffnet.“


 

Danke

Ich möchte mich noch bedanken, das machen andere Schreiber auch. Ich hoffe, Sie schließen sich an?

  1. Bei meiner Familie posthum, das tun die anderen auch alle! Sie ließ mich schließlich zu dem werden, was ich geworden bin. Naja..., gibt ja keinen mehr von uns außer mich
  2. Bei meinen Figuren, natürlich, dafür dass ich sie verwenden durfte: An erster Stelle bei Jens, Ernst, Rudi und – natürlich der Höhepunkt – Mari. Jetzt wird sie wieder ein wenig rot, da bin ich mir sicher
  3. Bei Elsa, die nur wollte, dass nicht rauskommt, dass sie ein ganz klein wenig in Jens (sie kennt ihn ja nur als Jens, obwohl er doch manchmal komisch ist) verliebt ist. Aber nur ein „büschen“...
  4. Bei Henning, dem Ortsbullen+, dem es peinlich ist, dass die Sache mit den beiden Rechnungsprüfern, die er gemeinsam mit Jens+ in Fässern von Hauke einbetoniert und in der Ostsee versenkt hat, jetzt doch rausgekommen ist. Darüber sollte ich eigentlich nicht reden. „Interessiert doch keinen mehr“, habe ich gesagt – das hat ihn überzeugt.
  5. Bei Carsten, Ostholsteins Champion im Geradeaus- und Tiefpflügen – betrunken oder nicht, er zieht den geradesten Strich...
  6. Bei Hauke, der mich bat, darauf hinzuweisen, dass seine Aale die Einzig Echten aus dem Echten Norden sind. Triple E!
  7. Bei Trudi. Mehr darf ich zu ihr nicht sagen, hat sie gesagt. Na gut, belassen wir´s dabei
  8. Bei den Triebsaals und ihren Mitarbeitern*innen aus den Triebsaal-Imperium eigentlich nicht. Wofür auch? Gut, sie haben uns auf die Idee zu dieser Geschichte gebracht. Also gut: ´n ganz lütten Dank... Sie hätten gerne ein anderes Ende gehabt. Versteht man ja. Ging aber nicht. Strafe muss sein
  9. Bei dem Beagle
  10. Bei Monika, die hat die Arbeit gemacht! Das weiß sie auch.

Sonderdänke

(ist das die korrekte Mehrzahl?) gehen an

  1. Slartibartfass. Er ist sehr erfahrener Planetendesigner und -bauer auf dem Planeten Magratea und hat sich auf Küst­en­linien spezialisiert – für Norwegen erhielt er einen galaktischen Preis. Er weiß also, wovon er schreibt...
  1. Dougla Adams. Er schrieb die unglaubliche, manchmal kopierte und nie erreichte Romanfolge „Per Anhalter durch die Galaxis“ usw. Durch ihn hat unser Redakteur Slartibartfass kennengelernt.

 

Quellenverzeichnis

„Morituri. Wie die Fliegen“. Eine realitätsnahe Geschichte, die immer und überall spielen könnte von Klaus Bock

4. ergänzte Auflage, 2018
VEB Querstrom

 

„Wir im Kopf“. Ungewöhnlich absurde Geschichten von Auftragskillern, die sich einen Kopf teilen müssen von Klaus Bock; enthält den Kurzroman „Geiersturzflug. Geier-Fonds auf Rügen.“

4. ergänzte Auflage, 2020
VEB Querstrom

 

„Pharmageddon“. Eine krachende Geschichte aus der Pharmaindustrie von Klaus Bock.

4. Auflage, 2020
VEB Querstrom

Alle Bücher erhalten Sie nur bei Klaus Bock:
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Übrigens

Wikipedia sagt: Pfusch (am Bau) wird auch als Murks bezeichnet. Pfusch = Murks, ist eine umgangssprachliche Bezeichnung für die Arbeit einer Person ohne ausreichende Fachkenntnisse – beziehungsweise deren Ergebnis, ein fehlerhaftes Produkt, einen Baumangel oder eine miserable, stümperhafte Dienstleistung.

Erinnert Sie das an etwas?

Des Weiteren versteht man unter Pfusch und Murks (im Allgemeinen) auch etwas Misslungenes, oder das Gefühl, wenn alle Dinge falsch laufen. Der Begriff wird in Sätzen wie „Du hast das total vermurkst/verpfuscht“ verwendet.

Daneben steht noch die Bedeutung abmurksen‚ umbringen: „Jetzt murks ich dich ab“ = „Ich bring Dich um“, womit wir dann wieder bei Jens, Mari, Rudi und Ernst wären...


 

[1] Akademie des Flammenschwertes (des Heiligen Michael) beim Heiligen Stuhl

[2] Das darf man schon noch schreiben, oder? Oder ist das schon zu rassistisch?

[3] Akademie des Heiligen Flammenschwerts des Heiligen Michaels am Heiligen Stuhl im Vatikan

[4] „Pharmageddon“, 4. Auflage, 2020, ein Pharmakrimi von Klaus Bock

[5] „Morituri“. 4. Ergänzte und überarbeitete Auflage, 2018, ein Alterskrimi von Klaus Bock

[6] „Geiersturzflug“. Kurzroman aus „Wir im Kopf“ von Klaus Bock. 4. Auflage, 2020, mörderische Kurzgeschichten

[7] „Morituri“. 4. Ergänzte und überarbeitete Auflage, 2018, ein Alterskrimi von Klaus Bock

[8] „Morituri“. 4. Ergänzte und überarbeitete Auflage, 2018, ein Alterskrimi von Klaus Bock

 

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