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Aus dem Ruder gelaufen

Klaus Bock by Klaus Bock

Internationale Heuschrecken greifen nach einem alten Wohnviertel in München, um die Wohnungen in Luxuswohnungen umzubauen.

Die alten Mieter werden schikaniert, damit sie ausziehen. Es kommt zu „Mord und Totschlag“, als die letzten der alten Mieter sich zu wehren beginnen - und schließlich zu einer überraschenden Wendung. Das zweite Buchvom Hübnerplatz in München. Natürlich mit Frau Z. und Herrn F., Sarah und Udo , die den ersten Band „MORITURI. WIE DIE FLIEGEN...“ überlebt haben. Aber auch neue Figuren spielen Hauptrollen. „MORITURI“ muß man nicht kennen, um „Aus dem Ruder gelaufen“ mit Genuß zu lesen.

In (fast) jedem modernen Krimi …
... spielen Polizisten oder Detektive die Hautrolle – hier nicht
... wird der Mörder erst am Ende erkannt – hier nicht
... sind die Mörder die Bösen – hier ?
... geht es „political correct“ zu – hier ganz und gar nicht
... sind alle Personen frei erfunden – hier nicht, denn den Laden und einige handelnde Personen gibt es wirklich

Ist das hier überhaupt ein richtiger Krimi? Vielleicht - auf jeden Fall ist er anders


Hier der ganze Roman:

Klaus Bock

Aus dem Ruder gelaufen

Neues vom Hübnerplatz

Keine Fortsetzung von „Morituri“,

naja, vielleicht teilweise…

Es spielen ja einige Hauptpersonen daraus mit

Dezember 2013


Einleitung

München 2013. Neuhausen ist ein nicht so schicker Münchner Stadtteil, in dem seit vielen Jahren eine bodenständige städtische Mittelschicht lebt, insbesondere gilt das für den Teil von Neuhausen, in dem unsere Geschichte spielt, also im Dreieck zwischen Dachauer Straße, Leonrodstraße und Landshuter Allee.

Die Häuser an der Ecke Hübnerstraße und Fasaneriestraße in Neuhausen sind nichts Besonderes, eher im Gegenteil. Gebaut wurden sie irgendwann in den 60 er Jahren und so sehen sie auch aus: Schmucklose, viergeschossige Kästen, eher hässlich, ohne jeden Luxus – aber die Menschen darin leben zufrieden, die meisten schon viele Jahre, nicht zuletzt wegen der für Münchner Verhältnisse niedrigen Mieten. Sie vermissten nichts – am wenigsten eine sog. „Heuschrecke“.

Und genau die hatte ihre gierigen Fühler nach den Häusern und weiteren im Quartier ausgestreckt.

Das Eckhaus war inzwischen seit fast einem Jahr eingerüstet, der Kran, den man für den Dachausbau gebraucht hatte, war schon wieder abgebaut. Eine hausgroße fotorealistische Abbildung am Gerüst zeigte den Passanten neuerdings die zukünftige Fassade: Schick und vor allem teuer sah das aus. War es auch - den Mietern waren von den neuen Besitzern Umbauten mit Wohnwertverbesserungen – u.a. neue Küchen und Bäder, neue Böden, ein Fahrstuhl, ein neuer Eingangsbereich etc. – „einfach so“, also ohne jede Absprache, angekündigt und in der Folge sehr saftige Mieterhöhungen angedroht worden – so hoch, dass sie wahrscheinlich gar nicht durchzusetzen wären.

Einige waren daraufhin angstvoll sofort ausgezogen, ohne sich anwaltlich oder vom Mieterverein beraten zu lassen, sie waren geradezu geflohen. Andere hatten genau das getan (sich beraten lassen) und deshalb in Kenntnis ihrer Position bessere Nerven bewiesen und Abfindungen und Umzugskostenersatz ausgehandelt. Wieder andere hatten noch höher gepokert und waren erst ausgezogen, als man ihnen zusätzlich neue Wohnungen angeboten hatte.

Denn das, was hier entstehen sollte, sah eher nach Ambiente und Schöner Wohnen für potente Neumieter als nach tragbaren Mieten für die bisherigen Bewohner, aus.

Aber ganz so einfach stellte sich der Umbau für die neuen Besitzer nicht dar, zwar waren inzwischen die meisten Mietparteien ausgezogen, ein kleiner harter Kern der Bewohner stellte sich stur und zog zum Verdruss der Besitzer einfach nicht fort.

Weder finanzielle Anreize noch die kaum zu ertragenden Begleitumstände der laufenden Baumaßnahmen unter dem Dach, im Treppenhaus und in den leer stehenden Wohnungen schienen sie zum Auszug bewegen zu können.

Eine Keimzelle des Widerstandes, wenn man es denn so nennen wollte, sozusagen das Lutetia in Neuhausen, war der Laden ohne Namen im Erdgeschoss des Eckhauses, in dem Frau Z. und Herr F. seit mehr als 20 Jahren die Nachbarschaft in einem Mittelding aus Supermarkt und Tante-Emma-Laden mit den allerwichtigsten Dingen des Alltages, einem täglich wechselnden Mittagstisch und vor allem mit lokalem Ratsch und Tratsch versorgten.

Die Zeit als Supermarkt hatte der Laden lange hinter sich, die Waage hatte sich eindeutig in Richtung „Tante Emma“ und vielleicht auch schon darüber hinaus geneigt. Von den guten alten Zeiten als Supermarkt träumten allein die beiden verstaubten Kassen im Ausgangsbereich, die seit Jahren nicht mehr benutzt wurden. Heute zahlte man direkt an der Kühltheke hinten im Laden, die als Verkaufstresen diente. Supermarktgerechte Einkaufskörbe geschweige denn –wagen hatte man hier schon lange nicht mehr, denn kein Kunde kaufte hier so viel ein, als dass es sich gelohnt hätte, einen Korb zu nehmen und seine Einkaufstasche oder -tüte brachte man natürlich mit.

Anders als in modernen Supermärkten wurde die zu bezahlende Summe im Kopf - oder wenn es, ungewöhnlich genug, einmal mehr war - mit Zettel und Bleistift errechnet. „Unser Gehirnjogging“, nannte Frau Z. das. Und Herr F. und Frau Z. verrechneten sich nie – jedenfalls hatte sie noch nie jemand dabei ertappt. Was aber auch nicht verwunderte, denn erstens waren die beiden richtig fit im Kopfrechnen, zweitens waren sie ehrlich und welche oder welcher von den alten Kunden konnte drittens so schnell im Kopf mitrechnen?

Das Licht ging im Laden meist erstmals vor fünf Uhr morgens an, dann fuhr Frau Z. zum Einkaufen in den Großmarkt. Wer gestern einen Wunsch geäußert hatte, den die beschränkten Vorräte des Ladens nicht erfüllen konnten, für den brachte Frau Z. die Ware heute mit.

Frau Z.´s alte Assistentin, Frau R., kam auch gegen fünf, meistens jedenfalls. Wenn sie nicht am Abend vorher zum Tanztee gegangen war.

Frau R. war eine Dame von über achtzig Jahren. Sie wohnte oben im Haus in einer besseren Kammer mit Küche. Ihre schmale Rente besserte sie sich im Laden mit Aushilfsarbeiten auf. Sie putzte, sie füllte Regale auf und brachte anderen alten Kunden (viele jünger als sie selber), die „nicht mehr so konnten“, ihre Bestellungen oder warmen Mittagessen in die Wohnungen. Dann sah man die zähe alte Dame mit ihrem kurz geschnittenen, schlohweißen Haar und ihrem von Jahr zu Jahr ausgeprägteren Bechterew langsam durch die Straßen des Quartiers schleichen – mit Betonung auf „langsam“, denn „schnell“ ging bei ihr nicht mehr. Aber sie erreichte ihr Ziele, und darauf kam es an – sowohl den dankbaren Kunden als auch Frau Z.

Zweimal in der Woche lebte Frau R. auf, dann wurde sie wieder jung: Denn dann ging sie zum Tanzen: Rock ‘n Roll! Ausgerüstet mit Tanzschuhen (mit erstaunlich hohen Absätzen) mit Wildledersohlen, die vor dem Tanz gebürstet werden mussten, und im schicken Tanzkleid mit Petticoat. Sie tanzte Rock ‘n Roll – mit manchem Partner auch nur jeden zweiten Takt. Aber es rockte.

Und noch eine Zeit gab es, die Frau R. genoss: Den Fasching. Dann sah man sie schon (oder noch?) morgens um neun „in Maschkara“ im Laden: Mit bunter Perücke, stark geschminkt, im superkurzen Mini-Kleidchen, mit schwarzen Strumpfhosen und weißen Pumps mit schwarzen Punkten - einfach heiß.

Trotz des inzwischen gebeugten Rückens sah, wer genau hinschaute, dass sie früher mal „ein echter Feger“ gewesen sein musste.

Sie bot den Kunden im Fasching gerne mal einen „Berliner“ an, der hier im Laden natürlich „Krapfen“ hieß. Und wenn eine oder einer einen Krapfen mit Senffüllung erwischte, konnte sie sich weglachen - Frau R. lebte einfach gerne.

Sie kam also meist auch kurz vor fünf Uhr morgens. Und wäre ein wahnwitziger Kunde auf die Idee gekommen, jetzt schon zum Einkaufen zu gehen, wäre er von Frau R. natürlich auch bedient worden – aber wer wollte denn um die Zeit schon etwas kaufen? Die frischen Semmeln brachte Frau Z. ja erst mit, wenn sie vom Großmarkt kam, also so gegen sieben Uhr. Und dann kamen die ersten Kunden, jedenfalls zum ersten Mal für diesen Tag. Denn die meisten kamen natürlich mehrmals – was hatten die Alten sonst schon zu tun und natürlich kamen sie auch wegen des Ratschens…

Also machte Frau R. kurz nach fünf Uhr, wenn Frau Z. zum Großmarkt gefahren war, das Licht wieder aus (mit der Rente lernt frau zu sparen!) und wartete in der Küche im Dunkeln auf Frau Z. Manchmal schlief sie wieder ein und dann träumte sie von den guten alten Zeiten und manchmal auch von dem einen oder anderen Tanzpartner, von denen der eine oder andere auch schon einmal von Frau R. träumte…

Der Laden war vor allem zur Mittagszeit, wenn sich die Nichtkochenden der Umgebung ihr vorbestelltes warmes Essen abholten, ein beliebter Treffpunkt, dann toste hier das Leben. Es war beileibe nicht so, dass alle Kunden sich gegenseitig mochten – aber auch Antipathie war für manche interessanter als nichts.

Hier kamen zwar kaum Junge, aber viele Ältere, die meisten Rentner, manche echte Typen, einige sogar skurril und dann tatsächlich auch einige, die laut Frau Z. „noch Bruttosozialprodukt machten“. Als da waren: der Architekt, der Herr Doktor, der Autor, die Frau Anwältin.

Sogar die polnischen Bauarbeiter von der Hausbaustelle versorgten sich hier manchmal mit Leberkäs-Semmel, Pflanzl und/oder – selten - einem Bier.

„Na, na, de können nix dafür, des san‘ d bloß arme Kerl‘ “, erklärte Frau Z. den Stammkunden, die sie schon einmal aufgefordert hatten, „die da“ nicht mehr zu bedienen, weil „die da“ ja die angestammten Hausbewohner vertrieben. „Denn wenn die das nicht machen, dann machen das andere arme Schweine aus Rumänien, Bulgarien oder aus der Ukraine ...“

Und Herr F. meinte dann, „die da“, die seien doch austauschbar, wenn wir etwas machen wollten, dann müssten wir an die Hintermänner heran, an die Investoren, dann müssten wir die packen, denen müssten wir ans Leder, nicht den armen Bauarbeitern …

Weil vor drei Monaten die alte Frau Meisner fast von einem Stein erschlagen worden wäre, der beim Ausbau des Dachgeschosses zu Luxuswohnungen direkt vor dem Eingang eingeschlagen war (der Stein war zwischen Hauswand und Gerüst herunter gekommen), hatte Herr F. mithilfe der etwas jüngeren Kunden Wolfgang und Udo aus Stahlstangen vom Buntmetalllager gleich nebenan in der Fasaneriestraße und Holz im Eingangsbereich ein Schutzgerüst gebaut, das sehr, sehr stabil ausgefallen war. Frau Z. hatte gefragt, ob die drei da etwa einen Bunker bauen wollten, so stabil war das.

Weil die drei selber fanden, dass der Eingang zu dunkel geworden sei, hatten sie noch einige Lampen installiert, die das Ganze illuminierten.

Jetzt, hatte Frau Z. befunden, sähe das Ganze aus, wie der Eingang zu einem Puff, und zwar einem billigen. Wahrscheinlich wegen der roten Glühbirnen, die Herr F. gerade übrig gehabt hatte. Nein, hatte sie entschieden, so kann das nicht bleiben.

Also fuhren die drei grummelnd zum Baumarkt, um weiße Glühbirnen zu kaufen. Und zwar die alten, die die EU verboten hatte oder verbieten wollte – das wäre ja noch schöner, sich die guten alten Glühbirnen verbieten zu lassen. Wenn der Altkanzler Schmidt in Hamburg schon Zigaretten en gros hortete, dann würden sie eben Glühbirnen auf Lager nehmen… Ihre Kunden würden es ihnen danken, denn die hatten keine Lust sich „von Brüssel“ die „guten alten Glühbirnen“ verbieten zu lassen, mit denen man alt geworden war. Außerdem waren die, da waren sich alle einig, für Rentner viel zu teuer – und wer brauchte Glühbirnen, die, wenn man den Versprechungen der Hersteller („alles Lügenbolde“ hatte Herr F. beschieden und man hatte ihm gerne zugestimmt) glauben durfte, einen um Jahre überleben würden?

Udo nahm die Gelegenheit war, sich im Baumarkt mit weiterem Werkzeug zu versorgen, u.a. kaufte er ein Stemmeisen.

„Was wollen sie denn damit?“, hatte Herr F. gefragt, „damit können sie ja ein ganzes Haus abreißen.“ Nun war Udo in seinem früheren Leben unter anderem einmal Werftarbeiter in Hamburg gewesen, da war er „schweres Gerät“ gewohnt, er fand „das Ding“ eher handlich, um nicht zu sagen „niedlich“. Die Frau an der Kasse war unter dem Gewicht allerdings fast zusammengebrochen, als Udo ihr „das Ding“ lässig mit einer Hand zum Scannen reichte.

Als sie die weißen Glühbirnen (die letzten „echten“, die sie bekommen hatten) in die Fassungen geschraubt hatten, befand Frau Z., dass das „Puff-Feeling“ zwar verschwunden sei, schön fand sie es immer noch nicht. Aber das Gestell im Eingang stand nun einmal und seitdem war auch kein Kunde mehr erschlagen worden - oder auch nur fast…

Herr F. war ein mehr als geschickter Bastler, das gab Frau Z. gerne zu: „Mei‘ Jürgen“, sagte sie dann, „kenna dat der scho‘ ois – wenn er mag. Wenn aba net, dann macht er glei‘ gar nix nicht: Da kannt i‘ ewig hi‘warten, bis der bloß a defekte Glühbirn‘ austausch’n dat. Nacha mach i‘s halt dann, ja mei“.

Herr F. war lange Techniker bei der Bundeswehr gewesen (manche Kunden vermuteten auch, dass das eher der BND als der Bund oder sogar ein noch viel geheimerer Geheimdienst gewesen sei, einige vermuteten sogar den israelischen Mossad – Herr Z. hatte seinen Spaß an dem Versteckspiel und gab keine Auflösung dafür), also war er vor allem für „das Elektrische“ bei den Eingangssicherungsmaßnahmen zuständig. Udo hatte auf einer Hamburger Werft Schweißer gelernt – entsprechend stabil war seine Konstruktion, die er in seiner Werkstatt gleich um die Ecke auf dem Gelände des Buntmetallhandels in der Fasaneriestraße zusammengeschweißt hatte. Denn dort gab es eben nur stabile Stahlstangen, nichts Filigranes, hatte er Frau Z. erklärt. Und sicher sollte es ja auch sein, oder?

Wolfgang war der Dritte im Bunde der Erbauer dieses Tunnelbunkers. Von ihm wusste niemand, wer er eigentlich war und wo er herkam. Er konnte alles – manches sehr gut, anderes nur so ein bisschen.

Herr F. dozierte gerne vor seinen Kunden. Meistens fanden die das auch interessant (und das war es objektiv auch), denn er war sehr belesen - aber er konnte in manchen Situationen seine 68er Vergangenheit nicht verhehlen oder wollte das auch gar nicht.

„Uns kriegen die hier nicht raus“, sagte Herr F. immer, wenn die Sprache auf die Entmietung des Hauses zu sprechen kam, „uns nicht – und wenn doch, dann höchstens mit den Füßen voran, also tot!“

Die, die an seine Mossad-Vergangenheit glaubten, tuschelten, dass er eher ein paar alte Kumpels in Tel Aviv anrufen würde, wenn es wirklich Ernst werden würde – und dann Gnade Gott dem Conte … Denn man glaubte hier zu wissen, dass der Gott der Israeliten eher ein strenger, rachsüchtiger war: Auge um Auge und so. Dabei war das mit dem Mossad natürlich Unsinn, sagten die anderen. Aber ein Hauch von Unsicherheit blieb.


11. Juli. Conte Camilleri

„Sagen sie einmal, Frizzoni, sind sie eigentlich wahnsinnig geworden?“, schimpfte der Conte Camilleri, „morgen veranstalten wir hier unseren großen Pressetag und ich muss da diese Bettlaken an unserem Gerüst sehen? Was steht da drauf? Lesen sie einmal vor, sie haben doch junge Augen und ich habe meine Brille nicht dabei.“

Conte Camilleri war stinkwütend. Hatte er es denn immer nur mit Versagern zu tun? Da stand er am Tag vor der Pressekonferenz auf dem zukünftigen Hübnerplatz (der im Moment einfach eine schiefe Kreuzung von Dom Pedro-, Hübner- und Merianstraße war) und was musste er sehen: Sein Eckhaus, dem er – ER! - ein sauteures Großplakat mit dem zukünftigen Ambiente spendiert hatte, wurde durch zu Protestplakaten umfunktionierte Bettlaken verschandelt.

„Nun lesen sie schon“, forderte er seinen Mitarbeiter Frizzoni auf.

„Äh, ja, also da steht ...“

„Was denn nun?“

„Wir wollen hier bleiben!“

„Nun ja. Und?“ Der Conte schüttelt den Kopf ob soviel Unverstand.

„Wohnen ist Leben. Hier!“

„Pah, und was noch?“

„Keine Mietervertreibung durch Heuschrecken!“

„Frechheit! Und?“

„Tod dem Kapital!“

Da musste der Conte vor Empörung tatsächlich schnaufen. Er holte tief Luft und rief: „Unglaublich, das sind alles Kommunisten da drüben, oder Sozis? Eh alles ein Pack“, befand er wütend.

„Äh, ja, wahrscheinlich ...“ stimmte Frizzoni clever seinem Chef zu. Der Mann war ja nicht dumm.

„Holen sie die Dinger da runter, Frizzoni, sofort!“

Frizzoni sah ihn unsicher an. Er? Da rauf? Meinte der Chef das im Ernst?

„Na gut, von mir aus machen sie das später, Frizzoni, morgen früh will ich da keines dieser unseligen Laken mehr flattern sehen. Morgen gegen Mittag kommen die Presse und unsere Freunde aus Italien. Begreifen sie, was das für mich, äh, für uns bedeutet? Da will ich nur noch unser Foto sehen, das war teuer genug. Also, Frizzoni, nehmen sie sich einen der Arbeiter, wenn sie einen brauchen, und klettern sie da rauf. Holen sie die Dinger runter. Und nicht, dass da morgen auch nur ein neues Laken hängt. Ist das klar?“

„Ja, natürlich Conte, ich erledige das! Gleich nachher.“

Der Conte wandte seinen Blick nach halb rechts. Er lächelte.

„Das Bauschild da drüben sieht richtig gut aus, Frizzoni“, lobte er.

Der Conte deutete auf das riesengroße Schild mit seinem aufwendigen Gestänge vor dem gelben Altbau an der Ecke Dom Pedro- und Hübnerstraße, das gestern noch aufgestellt worden war: „Hier entsteht das Hübnerplatz-Palais“, las er laut vor, „elegantes Wohneigentum für gehobene Ansprüche.“

In den nächsten Wochen würden die ersten Speditionswagen vor der Tür stehen. Aus dem Desaster im Eckhaus gegenüber klug geworden (dort wohnten für den Conte völlig unverständlich immer noch welche von den alten Mietern), hatten sie großzügig bemessene Auszugsprämien ausgezahlt. Und dankenswerterweise war außerdem eine von den alten Schachteln vor Schreck gestorben, als sie das Kündigungsschreiben erhalten hatte. So viel Stil hatte der Conte der alten Dame gar nicht zugetraut – fällt einfach und ist tot! Das ließ sich gut an ... Gedankenverloren rieb er sich zufrieden die Hände.

Mit der Bemerkung „Ja, Chef, das haben sie sehr schön entworfen!“, riss Herr Frizzoni den Chef aus seinen Gedanken.

Der Conte blickte seinen Mitarbeiter skeptisch an. Sollte der doch etwas von seinem Job verstehen oder legte er nur eine Schleimspur? Er entschied sich, das später zu entscheiden. So sagte er nur: „Ist schon gut, Frizzoni, ist schon gut.“

Das Schild war objektiv schön, das fand er auch. Eine fotorealistische Architekturzeichnung zeigte einen postmodern eingerichteten riesigen Wohnraum mit enormen Fenstern und einem großzügigen Balkon, mit Blick in einen parkartigen Innenhof. Diese modernen Architekturprogramme konnten fotorealistische Ansichten wie Fisheye-Objektive erzeugen, da sah jede bessere Besenkammer, in die sich höchstens ein Bumm-Bumm-Becker mit Gespielin klemmen konnte, wie ein Ballsaal aus. Aber ihm war das egal, wenn´s half, die Wohnungen an den Mann zu bringen, dann sollte es eben sein. Und schließlich bekam der Architekt einen Haufen Geld für diese Abbildung. Viel zu viel, fand er.

Bei der nächsten Zeile auf dem Plakat, die er sich halblaut vorlas, musste er fast selig lächeln: „ Wohnträume von 150 bis 250 m2 für 2,0 bis 3,5 Millionen Euro!“

„Frizzoni“, sagte er sich die Hände reibend, „ich sage ihnen, das ganze Ding hier wird ein super-super Geschäft ...“ Er drückte es mit „super-super“ so aus, wie der neue Trainer von Bayern München „gut“ gesteigert hätte. Aber das wusste der Conte nicht; Fussball war nicht sein Ding und die Sportschau durfte er nicht sehen; das erlaubte seine Frau, die rapide alternde Schauspielerin, nicht. Die hatte den riesengroßen Fernseher vor allem angeschafft, um alte Filme (gab es neue?) zu sehen, in denen sie – damals noch eher niedlich anzuschauen - mitwirkte.

Der Conte meinte allerdings ein Riesengeschäft für ihn, und lies den Satz vom super-super Geschäft daher unvollendet im Raum stehen.

50 Meter weiter saß Herr F., wie so häufig auf seiner umgekehrten Lieblings-Bierkiste vor der Ladentür, und schaute dem Treiben des Conte und Frizzonis zu. Hören konnte er nichts, aber er sah die weit ausholenden Armbewegungen des Conte, seine bestimmende Körpersprache und das heftige zustimmende Kopfnicken seines Adlatus.

Schade, fand er, dass er sein Richtmikrofon nicht dabei hatte – das ruhte zuhause im Kästchen. Er entschied sich, dass er das unbedingt einmal mitbringen müsste. Für heute war es zu spät. Auf jeden Fall schien da wegen der Häuser etwas im Busche zu sein. Etwas Größeres. Aber was?

„Wir haben Glück, das Wetter scheint so gut zu bleiben“, sagte der Conte zu Frizzoni, „stellen sie morgen den Tisch und die Banner hier auf der kleinen Verkehrsinsel auf, da ist genug Platz und man hat einen guten Blick. Nicht zu früh, aber früh genug, dass sie fertig sind, wenn die Bande kommt. Ich komme mit den Investoren so gegen halb ein Uhr in den Vertriebspoint. Sehen sie zu, dass die Häppchen da sind und der Prosecco kalt ist. Das muss klappen, Frizzoni. Unsere italienischen Freunde investieren hier eine Menge Geld und deshalb muss die Show, die wir ihnen bieten, gut sein. Klar? Was haben wir denn zu essen?“

„Brezn und Obazda, Radi und Chilli-Leberkäs´ als Beitrag der bayerischen Küche und italienische Vorspeisen: Schinken, ich glaube, San Daniele, und Parmigiano als italienische Beiträge. Ein Augustiner Bier vom Fass, Weißwein und Pellegrino gibt es zu trinken.“

„Gut so, Frizzoni, und denken sie daran, wenn die Itaker irgendetwas Kritisches fragen sollten, wir haben keine Probleme, wir haben Lösungen! Verstanden?“

Frizzoni nickte. Das hatte ihm der Conte alles schon so häufig erzählt, dass er es nachts im Schlaf auswendig herbeten könnte.

„Jawohl, Chef, ist mir klar. Den Tisch und die Banner stelle ich gegen zwölf Uhr auf.“

„Und passen sie auf, das die kommunistischen Idioten da drin“, der Conte nickte auf das eingerüstete Haus, „nicht auf die Idee kommen, die Banner umzuwerfen oder so. Am besten schließen sie sie im Haus ein!“

Frizzoni wiegte den Kopf. „Das wird schwer, Chef, wir haben die Haustür doch extra rausgenommen, damit die nachts Angst haben, weil da könnte ja ein Böser kommen und ...“

„Welcher Idiot hat die Idee gehabt? Sie Frizzoni?“

Frizzoni befand sich jetzt in der Bredouille, denn nicht er hatte die Anweisung gegeben, sondern der Conte selber.

„Ja, äh, Chef“, sagte er ängstlich, „das ist so eine Sache, das, äh, waren sie ...“

„Ach so, naja, so schlecht ist die Idee auch gar nicht, kein Wunder, dass sie nicht darauf gekommen sind, Frizzoni, da muss man einfach mal kreativ werden, die Leute sollen da schließlich raus! Dann lassen sie die Tür eben zumauern.“

Frizzoni verzog das Gesicht.

„Was ist denn jetzt schon wieder?“, fragte der Conte.

„Mit der Presse vor der Tür, Chef?“

„Ja, gut, da haben sie recht, ausnahmsweise, Frizzoni, ausnahmsweise! Lassen sie sich etwas einfallen, wofür bezahle ich sie denn? So und jetzt muss ich wieder ... Sehen sie zu, dass sie die Fetzen da drüben runter bekommen.“

Der Conte wies auf das Haus mit dem Laden. Dann drehte er sich um und stieg in seinen Jaguar. Seine Frau würde ihm die Hölle heiß machen, wenn er sie zu spät vom Friseur, äh Coiffeur, abholen würde. Und das würde er nicht wagen. Er könnte es gerade noch in die Belgradstraße schaffen, wenn er sich nicht um alle blöden Ampeln kümmern würde – nur um die wichtigen. Was die bloß an diesem komischen Friseur Frank fand – falsch, ganz falsch, das durfte er nicht vergessen: „Coiffeur Froonk“ musste er ihn nennen, wie diesen Ribery von den Bayern, den mit dem Schmiss im Gesicht, von dem sie alle schwärmten.

Ab und zu war die Contessa, die alternde Schauspielerin, die ihre große Zeit im Film mit Zwanzig, - also vor fast fünfzig Jahren oder waren es noch mehr? - gehabt hatte, ja ganz hilfreich – zum Beispiel, wenn es darum ging, in die Klatschpresse zu kommen oder um die eine oder andere Tür zu öffnen. Gott sei Dank scheute sie sich auch nicht, manches seiner Geschäfte im fremden Bett anzuleiern. Was die Kerle nur immer an ihr fanden? Gut, stöhnen konnte sie ja ganz gut, das musste er zugeben, aber das konnte man von einer Schauspielerin ja wohl auch erwarten, nicht wahr?

Das mit den Bett-Geschäften störte ihn nicht. Aber anderseits war sie manchmal grundlos wieder so verdammt schwierig. Dabei hatte sie ihre Wechseljahre doch wohl lange hinter sich.

Und die letzte Gesichts-OP war irgendwie danebengegangen. Der Schönheitschirurg war das viele Geld wirklich nicht wert gewesen. Aber das traute sich niemand, ihr zu sagen. Er schon mal gar nicht. Er sah lieber weg.

„Scheiß auf die rote Ampel“, dachte er. Er trat das Gaspedal durch und der Jaguar tat das Seine ... Was kümmerte es ihn, das eine Pandafahrerin, die aus einer Querstraße kam, in die Eisen steigen musste, sollte die dumme Kuh doch langsamer fahren oder besser aufpassen, er hatte jedenfalls keine Zeit dafür. Außerdem, wofür fuhr er Jaguar?

11. Juli. Bettlaken

Als der Conte Camilleri verschwunden war, seufzte Herr Frizzoni, atmete tief durch und machte sich auf den kurzen Weg zum Eckhaus.

Herr F. saß immer noch auf seiner Kiste. Erstaunlicherweise grüßte er Herrn Frizzoni von unten, das hatte er noch nie getan: „Möge der Tag ihnen gewogen sein“, sagte er.

„Wie? Was?“, fragte der überraschte Frizzoni, „was soll der Tag mit mir? Welcher Tag?“ Hatte er da etwas verpasst?

„Der Tag. Das Heute“, sagte Herr F. immer noch im Sitzen, „oder besser das Jetzt. Es möge ihnen gewogen oder zugeneigt sein.“

„Ach so, der Tag! Danke. Ja. Guten Tag.“. Frizzoni fragte sich im Stillen, ob der Alte etwa einen an der Birne hatte? „Möge der Tag ihnen gewogen sein“, so ein Blödsinn dachte er, „was war das denn für ein Gruß. Ein schlichtes Grüß Gott tat es doch.“

„Sie sehen so zweifelnd aus, als ob sie glaubten, der Tag wäre ihnen nicht so zugetan“, sagte Herr F. Er sprach manchmal so ... etwas übersteigert. Nicht, dass das seine normale Sprache war, er hatte einfach Spaß daran, in die meist dummen Gesichter der so Angesprochenen zu schauen. Das Gesicht von Herrn Frizzoni machte ihm im Moment besonders viel Spaß. „Probleme?“, fragte er ein Vertrauen heuchelnd, das er nicht hatte, das er dem Gesprächspartner aber vermitteln wollte.

„Ich muss da rauf“, sagte Herr Frizzoni und ihm war anzusehen, dass er das gar nicht wollte, „ich muss da oben rauf und die Bettlaken abschneiden.“

„Aber warum denn? Die hängen da doch schon seit Tagen.“

„Tatsächlich? Mag sein, aber da hat mein Chef sie noch nicht gesehen ...“

„Und deshalb sollen sie auf das Gerüst klettern und ihr Leben riskieren?“

„Naja, wegen der Pressekonferenz ...“

„Welche Pressekonferenz?“

„Darüber darf ich nicht reden. Ich habe schon zu viel gesagt“, versuchte Frizzoni zurück zu rudern.

„Pressekonferenz? Morgen?“

„Wie kommen sie auf morgen?“

„Sonst müssten sie nicht heute auf das Gerüst klettern.“

Frizzoni nickte nur, sagte aber nichts. In dem Moment steckte einer der polnischen Bauarbeiter seinen Kopf aus dem offenen Türrahmen.

„He, du da“, rief Frizzoni und zeigte auf den Bauarbeiter, „komm mal her.“

Der als „Heduda“ angesprochene Bauarbeiter tat so, als hätte er nichts gehört, kippte mit Schwung einen Eimer Bauschutt aus der Tür, erzeugte damit eine Riesenwolke beißenden Staubes und wollte gerade wieder verschwinden. Frizzoni musste zwei oder drei schnelle Schritte zurück machen, damit er, respektive sein Anzug, nicht eingenebelt wurde.

Der Bauarbeiter sah zu, dass er schnell weg kam, denn „He, du da“, bedeutete nach seinen Erfahrungen auf Baustellen mindestens zusätzliche Arbeit, meistens ein Problem und vielleicht sogar ein größeres.

Dann machte Frizzoni ein paar schnelle Schritte in Richtung der Tür und zog den Bauarbeiten am Ärmel hinter sich her. „Heduda“ wehrte sich nicht. Nach seiner Erfahrung gab das die größten Probleme. Er folgte also dem Anzug tragenden Frizzoni.

Der klopfte sich erst einmal das bisschen Staub vom Zwirn, das ihn trotz seines schnellen Rückschrittes erreicht hatte, dann deutete er nach oben und wies den polnischen Bauarbeiter an: „Kollege, du da jetzt husch, husch raufklettern und machen Tücher ab!“

Der Bauarbeiter blickte skeptisch nach oben und sah, dass die Tücher im vierten Stock befestigt waren.

„I bin da als a Maurer und nicht als a Aff´ angestellt. Wennst du des Zeigl da weg haben willst, dann kletterst selber husch. husch nauf oder hol´ dir wen von de‘ Poln. I kletter da jedenfalls net nauf. Des kannst vergessen. Du nicht Chef!“, ahmte er mit den letzten Worten erstaunlich gekonnt einen harten östlichen Akzent nach, „ah, übrigens - i komm aus Degg‘ndorf und net aus Krakau, mit mir kannst deutsch red‘n oder mi am Arsch leckn.“ Damit drehte er sich um und ging wieder ins Haus.

Herr F. meinte noch leise ein „Arschloch, italienisches“ zu vernehmen, und grinste Frizzoni an.

„Tja“, meinte er mit einer bedauernden Geste, „Freitagmittag! Ich glaube, die Polen sind schon fort für dieses Wochenende, da werden sie wohl selber ...“

Er deutete nach oben und schaute zweifelnd am Gerüst hoch. Dann bemerkte er mit etwas Zweifel in der Stimme: „Ganz schön hoch, oder? Aber wie sagt unser Autor immer: „Wat mut, dat mut!“, und ergänzte erläuternd „Der kommt nämlich aus Norddeutschland!“

Und mit einem fröhlichen: „Möge der Tag weiterhin mit ihnen sein“, drehte er sich um und ließ den unglücklich aussehenden Herrn Frizzoni stehen.

„Scheiß drauf“, knurrte der Herrn F. hinterher. Der hob ohne sich umzudrehen, im Weggehen als Antwort zum Abschied immerhin grüßend eine Hand.

Herr Frizzoni schaute noch einmal zweifelnd erst das Gerüst und dann seinen fast neuen Anzug an, den er nur wegen des Treffens mit dem Conte angezogen hatte. Wie hätte er denn ahnen sollen, dass er heute noch auf dem Gerüst rumturnen sollte.

Er blickte noch einmal, dann lächelte er. Die Bettlaken hingen vom vierten und fünften Stockwerk vor dem Plakat herunter. Im vierten Stock waren die fast fertigen Musterwohnungen. Das hieß, er könnte durch das Treppenhaus nach oben gehen und musste dann nur durch ein Fenster zu steigen. Ein Klacks, fand er, für einen Fitnessstudio-gestählten jungen Mann!

Grundsätzlich hatte er recht. Aber allein durch das Treppenhaus zu kommen, war real ein Kampf. Überall lagen Zementsäcke und Bauschutt herum, über die er steigen musste. Zwischen zwei Geschossen fehlte das Treppengeländer und war durch zwei nicht sehr vertrauensvoll zusammengenagelte Stück Bauholz ersetzt worden. Kaum hatte er dieses „polnische Geländer“ angefasst, hatte er auch schon einige Splitter in der Hand. Er fluchte. Im dritten Stock fand er eine riesige Pfütze auf dem nackten Beton vor den Wohnungen, durch die er waten musste. Er wunderte sich, wie die alten Mieter hier durchkommen konnten, wenn er schon solche Probleme hatte.

Mindestens seine italienischen Schleicher an den Füßen konnte er wegwerfen, die waren durch Kalk und das Wasser der dreckigen Pfütze hin. Na gut, dachte er, da würde er einfach ein paar Überstunden aufschreiben ...

Als er oben war, hatte er Glück, „Heduda“ werkelte in einer der beiden Musterwohnungen, die Tür war auf. „Gott sei Dank“, dachte er, denn sonst hätte er wieder runterkraxeln können, um den Schlüssel aus dem Vertriebspoint zu holen.

„Ah“, wurde er von „Heduda“ aus Deggendorf niederbayerisch begrüßt, „der Herr Akademiker haben den leichteren Weg gefunden ...“

Frizzoni sagte nichts, öffnete ein Fenster, sah heraus. Das sah ziemlich hoch aus, fand er. Ihm war noch nie aufgefallen, wie hoch ein vierter Stock eigentlich war.

„Ja“, sagte „Heduda“, „ganz schee hoch, wenn ma`s net g‘wohnt is... Und erst auf‘m G‘rüst!“

Er schaute auf Frizzonis professionell gepflegte Hände. „Haben sie denn Werkzeug dabei? Eine Schere oder ein Messer?“

Frizzoni stöhnte auf. Hatte er nicht! Aber „Heduda“ entwickelte sich zu einem netten Helfer. „I kann‘t dir mei‘ Messer geb‘m“, sagte „Heduda“, „aber bloß, wennst‘s net fall‘n lasst!“ Er war nicht nett, er wollte den eleganten Heini bloß auf dem Gerüst sehen. Darauf freute er sich schon, deshalb sein Hilfsangebot.

Frizzoni begann auf das Fensterbrett zu klettern. Zwischen Haus und Gerüstplattform war ein Zwischenraum von vielleicht dreißig Zentimetern. Er schloss die Augen, stützte sich mit beiden Händen hinter dem Rücken auf dem äußeren Fenstersims ab und ließ sich ganz langsam abwärts gleiten. Dabei tastete er mit einem Fuß nach der Gerüstplattform.

Er fand mit einem Fuß das Gerüst, tastete nach Halt, fand ihn und ließ langsam auch den zweiten Fuß auf die Bretter gleiten. Mit einer Hand ergriff er den Handlauf. Mein Gott, er war froh, dass sein Job es in der Regel nicht erforderte, in der Höhe auf einem Baugerüst zu klettern. Wenn er ehrlich war, war es das erste Mal. Und wenn es nach ihm ging, würde es auch das letzte Mal sein.

Er hielt sich jetzt mit beiden Händen am Geländer fest und sah sich vorsichtig um. Ein guter Blick fand er und er fühlte sich jetzt ein wenig sicherer. Bis ..., ja, bis die Alte im dritten Stock direkt unter ihm, die, von ihm unbemerkt, das Fenster geöffnet hatte und jetzt am Gerüst rüttelte und mit schriller Stimme schrie, dass er ihr Tuch in Ruhe lassen sollte, dass sie doch mit so viel Mühe befestigt hatte.

Er wollte nicht glauben, was er gehört hatte: ...was SIE befestigt haben wollte? Die Alte wollte doch nicht behaupten, hier draußen rumgekrochen zu sein? Alles – nur das nicht!

Das Gerüst wackelte zwar nur leicht, die alte Dame hatte nicht viel Kraft. Frizzoni kam es aber so vor, als befände er sich in einer Nussschale mitten im Sturm auf hoher See, so schien sein Untergrund unter ihrer Wut zu schwanken. Er hielt sich mit wieder zusammengekniffenen Augen krampfhaft fest. Was wollte er hier nur? Was hatte er hier verloren? Nichts, fand er.

Plötzlich fühlte er an der Schulter den kräftigen Griff von „Heduda“.

„I halt di schooo“, sagte der beruhigend, „is net schwer, wenn ma‘s g‘wohnt is... Passiert scho nix. Und jetzt mach d‘ Aug‘n wieder auf, sonst geht glei‘ gar nix!“

An die Alte im dritten Stockwerk gewandt rief er:

„Du lass´ d‘ Finger weg vom G‘rüst, Krampfhenna oide, sonst kimm i oba und hau da ‘n Arsch, da kannst di verlassen!“ Dabei kniff er Frizzoni ein Auge und lachte.

Mit einem empörten „pah“ schloss Frau Wegmann ihr Fenster. „So ein Rohling“, befand sie für sich, „so spricht man doch nicht zu einer Dame... und zu einer alten Dame schon einmal gar nicht.“

Frizzoni hatte die Augen, trotz der Aufforderung von „Heduda“, seit dem Gerüttel der Alten immer noch geschlossen, weil er sich immer noch in der Nussschale glaubte. Doch dann merkte er, dass niemand rüttelte. Er öffnete die Augen. Tatsächlich, er stand ziemlich sicher auf dem Brett. „Heduda“ hielt ihn immer noch lachend fest.

Direkt vor ihm war das erste Bettlaken mit einem Kabelbinder befestigt.

„Kann ich ihr Messer haben“, bat er „Heduda“, „bitte.“

„Hallo“, sagte „Heduda“, „jetzt plötzlich so förmlich. Wir sind ja so etwas wie urbane Berggenossen, oder? Da können wir beim Du bleiben.“

Hätte Herr Frizzoni sich getraut, nach unten zu blicken, hätte er gesehen, dass sich auf der anderen Straßenseite einige Zuschauer eingefunden hatten, die sich das erwartete Spektakel nicht entgehen lassen wollten: Nämlich die, die immer im kleinen Straßenbiergarten des Neuhauser Augustiner saßen, einige Passanten aus der Nachbarschaft und die, die von Herrn F. telefonisch informiert worden waren, dass sich am Haus etwas täte. Dazu gehörten unter anderem Udo und Ernstl, beides kräftige Männer. Udo war so um die Sechzig und hatte nicht nur viele Jahre auf einer Werft in Hamburg gearbeitet, er hatte als Seemann die Weltmeere befahren – wenn man seinen Döntjes und Geschichten Glauben schenkte ... Udo hatte Hände wie Kohlenschaufeln, die aber, wie Sarah, seine Frau bestätigen würde, auch sehr zärtlich sein konnten. Ernstl war etwas jünger. Er hatte sich seine besten Jahre als Rummelboxer auf Jahrmärkten in ganz Deutschland in Boxzelten herumgeschlagen, ein Trumm von einem Mannsbild mit Boxernase und Blumenkohlohren als Andenken an diese Zeit. Ihm gehörte der Kiosk in der Leonrodstraße, wo frau und man sich ab und zu traf. Seine Currywurst war legendär in der Gegend. Und nicht nur da – aus ganz München kamen inzwischen Kenner, um Currywurst mit Ernstls selbst gemachtem Kartoffelsalat zu essen.

Beide schauten genauso gespannt wie die anderen Zuschauer, auf den sich offenbar ziemlich unsicher auf dem Gerüst bewegenden Herrn Frizzoni.

„Heduda“ reichte Frizzoni das Messer durch das Fenster. Er nahm es, ein schneller Schnitt und schnipp, der Kabelbinder war durchgeschnitten. Das war leicht, fand Frizzoni. Und er fand auch einen Teil seiner Sicherheit wieder. Mit drei, vier Schritten hatte er das andere Ende des Bettlakens erreicht. Schnipp und „Wir wollen hierbleiben“ flatterte langsam zu Boden, wo Herr F. wartete.

Von unten hörte Frizzoni das laute „buh“ seiner Zuschauer. Er sah nach unten und erschrak. Was wollten denn die vielen Menschen?

In dem Moment traf ihn etwas an der Wange – ziemlich fest. Zu fest für ein Insekt, das ihm ins Gesicht geflogen war. Was war das? Wurde er etwa beschossen? Er fasste mit einer Hand an die Stelle, wo er den Schmerz spürte: Kein Blut! Aber es tat weh.

Das Volk unten auf der Straße johlte vor Begeisterung. Man sah zwar nicht, was ihn getroffen hatte, nur das ... und dass sich ein Junge einige Fenster weiter aus dem Fenster beugte und immer noch mit einer Zwille auf ihn zielte.

„Hepp, hepp, hepp“, hörte Frizzoni Anfeuerungsrufe von unten. Und er war klug genug, um zu wissen, dass die Anfeuerung nicht ihm galt.

Jetzt wurde er wieder getroffen. Diesmal am Hals. Verdammt, das tat weh! Er blickte zu Boden und sah ein nasses Stück blaues Löschpapier, das mehrfach zusammengefaltet war: Ein typisches Zwillengeschoss, so viel wusste er noch aus seiner Schulzeit. Er schaute dann nach rechts und sah im Augenwinkel gerade noch den roten Haarschopf eines Buben im Fenster verschwinden.

„Weg hier“, hörte er die Stimme eines anderen Jugendlichen rufen. Das mussten die Buben aus dem ersten Stock sein. Dort wohnte die Familie Abraham, die hatte zwei Buben im Alter von 14 und 16 Jahren und einer von denen war rothaarig. Denen traute er glatt zu, dass sie ihn mit einer Zwille beschossen hatten.

Frizzoni brauchte einen Moment, um sich zu beruhigen. Was ging hier vor, was würde noch alles passieren? Das Volk da unten würde jeden Fehltritt von ihm bejubeln! Was wollten die denn bloß? Er tat doch, verdammt noch mal, nur seinen Job ... Und er hatte jedenfalls einen, im Gegensatz zu dem arbeitslosen Gesocks da unten, denn wer sonst konnte um diese Zeit im Biergarten faulenzen? Er atmete einige Male tief durch. Dann hatte er sich wieder im Griff. Er fühlte sich jetzt sicherer auf dem Gerüst.

Ein paar Minuten später flatterten auch die anderen Bettlaken nach unten und Frizzoni kletterte an der starken Hand von „Heduda“ wieder durch sein Fenster. „Auftrag erfüllt“, dachte er. Er war stolz auf sich. Das hatte er doch gut gemacht, oder, fand er.

Als er nach unten blickte, sah er Herrn F. und die beiden Buben zu ihm herauf schauen und winken. Der Rothaarige hatte immer noch die Zwille in der Hand. „Na warte“, dachte Frizzoni, „wenn ich dich mal kriege!“

„Für an Akademiker ganz guat“, lobte „Heduda“, „aber a richtiger Arbeiter vom Bau werd aus dir net.“

Frizzoni nickte. Denn das wollte er auch nicht.

„Mei Messer bitt‘schee“, sagte „Heduda“, „des kriag i no‘.“

Dass unten auf der Straße Herr F., Udo und Ernstl die Bettlaken-Plakate einsammelten und sorgfältig zusammenlegten, sah Frizzoni nicht mehr. Als er das Haus durch die nicht mehr existierende Haustür verließ, hatten sich seine Zuschauer schon wieder verlaufen, Herr F. saß wieder auf der Bierkiste und hatte die Hübnerstraße im Blick. Neben ihm standen zwei kräftige Männer (Udo und Ernstl, aber die kannte er zu dem Zeitpunkt noch nicht) und alle drei hatten lässig eine Flasche Flens mit Bügelverschluss in der Hand. Das Bier hatte Herr F. vor allem wegen Udo ins Angebot des Ladens genommen. Aber inzwischen tranken auch andere Kunden gerne mal „Bölkstoff“.

Herr Frizzoni ging langsam an Herrn F. vorbei und sagte leise: „Prost! Ich denke, der Tag war mir doch zugetan, so oder so ...“

„Es sieht so aus“, antwortete Herr F. und sog an seiner Zigarette und Udo sagte: „Sie sollten an ihrem Outfit arbeiten ... Das sieht sehr nach Bau aus!“

Frizzoni blickte an sich herunter und erschrak. Er konnte nicht nur die Schuhe vergessen, auch der Anzug war auch total versaut. Ob das alles mit „geschriebenen“ Überstunden wieder einzuholen war?

12. Juli. Pressekonferenz

Auf der kleinen dreieckigen Verkehrsinsel, an der die Dom-Pedro-, Hübner- und Merianstraße aufeinander treffen, standen an einem extra aufgestellten Tisch, und vor einigen übermanngroßen Bannern einige Herren und wenige Damen. Auf dem Tisch lagen großformatige Zeichnungen und Architekturpläne sowie ein Stapel Hochglanzbroschüren, man schaute, man blätterte. Man wartete auf das, was da kommen sollte – vor allem auf den Conte Camilleri.

Da, aus der Dom Pedro-Straße rollten ein Mercedes 450 und ein AUDI A8, beide schwarz mit getönten Scheiben, bogen in die Merianstraße ein und parkten verbotswidrig direkt hinter den Bannern. Die Türen öffneten sich und es stiegen der Conte und drei kleine, sehr elegant gekleidete Männer mit dunklem Teint in dunklen Anzügen mit Sonnenbrillen aus. Wenn es nicht ein so abgegriffenes Klischee wäre, hätte man sagen können prototypisch Mafia! Das waren die italienischen Freunde oder – exakter – die Geldgeber für das Neue Hübnerplatz-Projekt aus Italien. Aus dem AUDI entstiegen die Contessa und ein braun gebrannter Mann in einem schwarzen Nappalederanzug mit einem weißen T-Shirt drunter. Auch er trug eine Sonnenbrille, Typ Pilotenbrille. Früher waren diese Brillen als sogenannte „X-Ray-Brillen“ beworben worden, mit denen „man“ durch die Kleidung von „frau“ sehen konnte. Das ganze Outfit des Mannes sah extrem cool aus. Dass er der Banker war, der das Geschäft eingefädelt hatte und jetzt durchführte, würde man bei dem Auftritt so nicht vermuten. Er sah allerdings aus, als ob mit ihm nicht gut Kirschen essen sei ...

Der Conte begrüßte seine Mitarbeiter und die Vertreter der Presse mit Handschlag.

Dann räusperte er sich in das bereitstehende Mikrofon und erheischte damit die Aufmerksamkeit der Anwesenden, die verstummten.

„Meine Damen und Herren, ich wünsche ihnen einen wunderschönen guten Tag! Ich darf mich kurz vorstellen: Mein Name ist Conte Camilleri. Ich bin der Chef der INTERBAVARIA REAL ESTATE. Dort sehen sie meine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die für das Projekt Neuer Hübnerplatz verantwortlich sind. Der Herr im schwarzen Anzug ist mein guter Freund, Herr Mölders von der GERMANIA HYP, einer der großen deutschen Investmentbanken, die ausländische Investoren nach Deutschland holen. Und hier zu meiner Linken darf ich ihnen die drei Vertreter unser Investoren aus Italien vorstellen. Die Herren sprechen leider kein Deutsch. Wenn wir nachher zu ihren Fragen kommen, so wollen sie diese bitte nur an mich stellen.

Kommen wir gleich in medias res.“

Er blickte stolz in die Runde. Das Geld für das Rhetorikseminar hatte sich eben doch gelohnt: In medias res, man, das war so gut, fand er. Er fuhr fort:

„Das was sie dort drüben auf der anderen Straßenseite halb rechts vor uns sehen, also hinter dem großen Bauschild, wird – ich sage einfach so banal, weil es die Sache im Kern trifft – ein, nein, das „Sahnestück“ moderner Münchner Wohnkultur“, erläuterte der Conte mit einer weit ausholenden Handbewegung, „denn dort wird meine Firma, die INTERBAVARIA REAL ESTATE, ein luxuriöses Ambiente für die neue Münchner Wohnkultur auf höchstem Niveau schaffen! Ein Traum, meine Damen und Herren. Fast könnte man so sagen: Schwabing goes Neuhausen ...“

„Schwabing goes Neuhausen“, da war er selbst darauf gekommen.

„Das wird Architektur vom Feinsten, sage ich ihnen, von außen und von innen! Diesen prachtvollen, jetzt noch etwas heruntergekommen aussehenden Altbau mit dem schönen Baumbestand da drüben, den werden wir kernrenovieren und zum eleganten Hübnerplatz-Palais umbauen.“

Er machte wieder einen Pause. „Pausen sind wichtig“, hatte ihm sein Rhetoriktrainer eingepaukt. Deshalb machte der Conte viele Pausen.

„Palais“ betonte er, „Palais – das sagt doch alles, oder? Die Zeichnungen liegen übrigens hier vor ihnen. Ich verspreche ihnen, den Altbau werden sie in einem Jahr nicht wiedererkennen, wie überhaupt die ganze Ecke hier. Das wird München vom Feinsten: Sechs Zimmer, ab 150 Quadratmeter, hohe, lichte, offene Räume, großzügige Terrassen. Ein Wohntraum! Die Contessa hat mich schon gefragt, ob wir nicht hier wohnen wollen, nicht wahr, Schätzchen.“

Er machte wieder eine Pause, lächelte über seinen Witz und schaute stolz in die zwar recht vielköpfige aber, sehr jung aussehende Journalistenrunde. Von denen lachte niemand – „Dumme Bande“, befand der Conte, „nicht einmal einen Witz verstanden die, wenn ihnen keiner sagte, dass es einer war!“.

Der BR hatte ein „richtiges“ Fernsehteam geschickt. Den blau-weißen Wagen hatte er wohlwollend schon bei der Anfahrt wahrgenommen. Aber STADTTV hatte offenbar nur einen Mann mit so einer kleinen Amateurkamera geschickt.

MRadio und MKindl waren natürlich da, das mussten die beiden jungen Tussen in Highheels sein, die da mit ihren Mikrofonen rumfuhrwerkten. Hoffentlich hatten die seine Rede aufgenommen. Zur Not musste er ihnen den Text eben noch einmal in das Mikrofon sprechen. Klar, dass die da waren, bei den Dudelsendern musste man gar nicht so viel Werbung schalten, dann bekam man von denen alles.

Obwohl, die von MRadio sah ganz passabel aus, mit der müsste er sich mal beschäftigen ... später, wenn seine Frau wieder einmal ein Geschäft anleierte!

Die Boulevardblätter hatten wohl abgesprochen, nur Volontäre zu schicken. Unverschämt, bei dem Projekt!

Eigentlich hatte sein Freund, der Oberbürgermeister, heute kommen wollen, aber dem war im letzten Moment etwas dazwischen gekommen. Am Telefon hatte der etwas von Parteiarbeit geredet, als ob das eine Entschuldigung wäre. Mit dem müsste er auch einmal Tacheles reden. Was der wohl glaubte, warum er der Sozialisten-Brut diese Unsummen gespendet hatte? Undankbare Bande diese Sozis, befand der Conte im Stillen. Wahrscheinlich waren das eh verkappte Kommunisten. Denen (den Kommunisten und damit den Sozis, eh ein Gesocks) traute er sowieso jede Schandtat zu.

Mit Frizzoni würde er auch reden müssen, das war doch keine Pressearbeit! Nur Jungspunde, kein ausgewachsener Redakteur, was wollten die denn wohl berichten – zwanzig Zeilen und ein Bild, mehr würde dabei garantiert nicht herauskommen.

Laut fuhr er fort: „Dahinter, sie blicken von hier aus genau auf die Ecke des Hauses an der Ecke Hübner-/Fasanerie­straße, das ist das Haus mit dem Gerüst mit diesem seltsam unzeitgemäßen Tante Emma-Laden, sind wir dabei, großzügige Wohnungen für anspruchsvolle Familien zu schaffen. Auch wenn ihnen das im Moment unvorstellbar erscheinen dürfte, auch dort werden wir etwas Elegantes schaffen, von der jetzigen Proloschicht-Schäbigkeit wird nichts bleiben! Sie brauchen sich ja bloß das Foto auf dem Gerüst anzuschauen, schön, nicht wahr? Und weiter dahinter in der Fasaneriestraße, von hier aus ahnen sie ihn eher, als dass sie ihn sehen, finden sie im Moment noch – ich betone: Noch! - einen echten Schandfleck im Viertel, einen Schrottplatz! Schrottplatz! Mitten im schönen Neuhausen! Rattenverseucht! Ich mag gar nicht daran denken, was wir dort noch alles im Boden finden werden. Die Entsorgung wird richtig teuer werden, aber wir schrecken vor nichts zurück, wir machen das, das kriegen wir in den Griff! Unglaublich, dass es so etwas mitten im Wohnviertel noch geben darf, aber keine Sorge, meine Herren, das Grundstück werden wir in den nächsten Wochen erwerben, wir sind da in den Endzügen der Verhandlungen und werden dieses Filetgrundstück ebenfalls einer sehr anspruchsvollen Wohnbebauung zuführen. Dort werden wir auch eine Nursery mit viersprachiger Ganztagsbetreuung einrichten. Die Kinder können dann mit der Muttermilch gleich Englisch, Chinesisch, Koreanisch und natürlich auch Deutsch einsaugen. Diese Kinder sind für die Zukunft bestens vorbereitet. Denn – wenn ich das so sagen darf – „unsere Mütter“ stellen sich den Bedingungen der globalisierten Wirtschaft, arbeiten hart, sind erfolgreich, die erwarten eine liebevolle 24Stunden-/365Tage-Betreuung für ihre lieben Kleinen, die ihnen mehr gibt als nur Spielzeug. In unser „quadrolingual Nursery“ werden die kleinen Scheißer von der ersten Minute auf den in der Zukunft ja noch härter werdenden Wettbewerb vorbereitet. DAS nennen wir Service für Familien von heute, meine Herren.“

Inzwischen hatte sich auf der gegenüberliegenden Seite der Dom Pedro-Straße eine kleine Gruppe Neugieriger versammelt, die zu der Pressekonferenz herüber sah. Der Conte sah sie mit Bangen. Er hatte heute Nacht geträumt, dass eine schwarze Wand von Protestierern seine Pressekonferenz stören würde. Er hatte von faulen Eiern und Tomaten geträumt und von einer stummen Wand, die ihn und die anderen wegfegen würde. Aber im Moment waren da nur ca. 10 Leute. Genauer gesagt, es waren Herr F., Udo und Ernstl, beide im Blaumann, Frau Wegmann, Frau R. mit ihrem krummen Rücken, Herr und Frau Bratling vom Metallhandel (dem angeblichen Schrottplatz), Herr Brandt mit seinen unvermeidlichen Plastiktüten, Fräulein Concetta aus dem Kosmetiksalon in der Hübnerstraße und Pille, der Wirt von Neuhauser Augustiner. Sie standen still und sahen dem Treiben der Pressekonferenz stumm zu.

Der Conte blickte zu ihnen herüber, führte aber weiter aus: „Uns gegenüber zur Linken sehen sie diesen grauslich-grauen Komplex von drei Häusern aus den Sechzigern, der sich aus der Dom-Pedro-Straße bis in die Fasaneriestraße hineinzieht. Auch nichts, auf das München stolz sein darf, meine Herren, oder? Diese Häuser haben wir bereits erworben – die werden wir im zweiten Bauabschnitt des Hübnerplatzprojektes entkernen und vollständig umbauen. Dort werden ca. 100 Top-Wohnungen für erfolgreiche, anspruchsvolle junge Familien und Singles entstehen. Der Architekturwettbewerb wird in den nächsten Tagen in enger Zusammenarbeit mit den zuständigen städtischen Behörden ausgeschrieben werden.“

Der Conte machte eine kurze Pause, blickte zu der rapide wachsenden Gruppe auf der anderen Straßenseite und dann hinter sich. Seine italienischen Freunde schienen trotz der drohenden Gruppe zufrieden zu sein. Einer nickte ihm hinter seiner Sonnenbrille aufmunternd zu.

Er fuhr fort: „Wir haben mit der Stadtverwaltung vereinbart, dass die Dom Pedro-Straße in die erste Münchner Radler- und Fußgängerstraße umgewandelt wird. Und bevor sie fragen, meine Herren von der Presse, wie die Anwohner in ihre Tiefgaragen kommen, das wird der Clou: Unterirdisch! Die ganze Dom Pedro-Straße wird zweistöckig: Unten die Autos, oben die Menschen. Aus meiner Sicht einer der ersten wirklichen Fortschritte in der Stadtentwicklung seit Erfindung des Autos! Und mein Freund, der Oberbürgermeister, hat mir versprochen, dass die Stadt eine Radler- und Fußgängerbrücke in Verlängerung der Dom Pedro-Straße über den tiefen Einschnitt des Mittleren Ringes bauen wird, damit das Neue Hübnerplatz-Viertel an die Gegend um den Rot Kreuz-Platz angebunden wird.“

Der Conte nickte höflich lächelnd den Italienern zu, die wahrscheinlich nichts verstanden aber genauso höflich applaudierten.

„Ich darf noch auf die diversen Ladengeschäfte in der Dom Pedro-Straße und den umliegenden Straßen hinweisen, die wir weitestgehend erworben haben. In denen werden wir schicke Läden platzieren, genau das, was unser anspruchsvolles Publikum erwartet: Von der eleganten Espresso-Bar im italienischen Stil für das schnelle Frühstück, über einen Lebensmittelladen für mediterrane Bioprodukte über mehrere Serviceangebote, die vielsprachige Nursery habe ich schon erwähnt, die in ihrer Vielfalt unseren Mietern das Leben erleichtern sollen, bis zum kleinen aber feinen Restaurant, Sterne nicht ausgeschlossen“, lachte er stolz in die Runde, „das wird ein Boulevard im Pariser Stil!“.

„Sie sehen, wir denken an alles, wir heben das Niveau hier gewaltig an. Das sind aber erst die ersten Schritte, denn wir denken durchaus in größerem Rahmen: Unsere sehr potenten Freunde,“ er deutete kurz auf die Italiener, „interessiert nämlich der ganze Bereich zwischen Dachauer und Leonrodstraße bis zur Landshuter Allee, das ist ein sehr entwicklungsfähiges Gebiet, innenstadtnah, verkehrstechnisch gut angebunden und doch ein ruhiges Wohnviertel - im Moment allerdings völlig unterbewertet, finden wir von der INTERBAVARIA REAL ESTATE. Aber wir wollen unser Projekt hier beginnen, genau hier, wo wir im Moment stehen, hier am Hübnerplatz, der übrigens eine öffentliche Tiefgarage erhalten wird, die natürlich auch unterirdisch angefahren wird. Insgesamt entsteht hier das, wie wir es nennen, Neue Hübnerplatzviertel!“

Die angewachsene Zuschauermenge war allmählich - immer noch stumm - näher gerückt. Der Conte bekam es langsam mit der Angst zu tun. Was wollten die? Etwa Ärger machen? Den konnte er jetzt gar nicht brauchen. Er dachte an seinen Rhetorikkurs und sagte deshalb:

„Ja, kommen sie nur näher, meine lieben Freunde, wenn es sie interessiert. Vielleicht bleiben sie da am Randstein stehen. Da können sie gut hören. Danke schön ...“

Dann wandte er sich wieder seinen Journalisten zu: „Ich bin mir sehr sicher, in ein paar Jahren wird man genauso stolz sein, im Neuen Hübnerplatzviertel zu leben, zu LEBEN, ich sage leben und nicht wohnen, meine Herren, wie heute rund um den Gärtnerplatz – ich möchte es mit Charles Darwin so sagen: München entwickelt sich ...“

Er machte eine Pause und trank einen Schluck Wasser, den Frau Schade, seine Sekretärin, ihm reichte. Dann sagte er: „Ihre Fragen, meine Damen und Herren ...“

Als erster fragte der mz-Reporter: „Herr Camilleri ...“

„Ich bitte sie“, unterbrach ihn der Angesprochene, „Conte Camilleri, das ist korrekt, so viel Höflichkeit muss sein, Herr ...?“

„Ja“, dachte der Redakteur von der mz, „aber vor allem, weil dich die Adoption soviel Geld gekostet hat, sonst würdest du doch noch genauso heißen wie ich: Müller ... und zwar Johannes Müller und nicht Giovanni Camilleri, du alter Lackaffe.“

Laut sagte er allerdings: „Natürlich, Conte, Müller von der mz! Entschuldigen sie bitte. Also, Conte Camilleri...

Der Conte verdrehte die Augen, weil Müller Camilleri auf dem „mill“ betonte und die folgenden Buchstaben sehr kurz und alles andere als italienisch sprach. Aber Müller fuhr ungerührt fort: „Was passiert mit den jetzigen Bewohnern? Wenn sie schon Darwin zitieren: Die – ich ergänze: finanziell – Starken überleben eben, so ist das ... Die jetzigen Mieter werden ja wohl raus müssen aus ihren Wohnungen?“

„Natürlich. Aber von wegen der Finanzstarken, die überleben, was hat das mit Darwin zu tun?“

Er würde Frizzoni fragen müssen, der hatte ihm den Quatsch schließlich aufgeschrieben. Dann antwortete er lächelnd: „Aber den jetzigen Mietern will ja niemand etwas Böses, ganz im Gegenteil, denen bieten wir sehr entgegenkommende, sehr soziale Lösungen an, Herr Müller ...“

Die ersten Zuschauer pfiffen jetzt laut, andere lachten abfällig. Was den Conte offenbar nicht störte, denn er fuhr ungerührt fort: „...großzügige Entschädigungen, preiswerte Neubauwohnungen – alles absolut sozial verträglich. Und alles mit dem Bezirksausschuss abgesprochen und der ist schließlich sozialistisch, äh, ich meine, sozialdemokratisch dominiert! Wir haben das alles prüfen lassen. Die Studie besagt, die Leute werden gerne umziehen und in ihren neuen Wohnungen sehr glücklich sein, nicht wahr, Schatz?“

Seine Gattin, die ehemals bekannte Schauspielerin, schreckte kurz zusammen, nahm den ihr zugespielten Ball dann aber professionell auf, sie war eben in jeder Hinsicht professionell:

„Wissen‘s, wir, mein Mann und ich, wir fühlen diese soziale Verantwortung natürlich, die wir als Prominente haben – ich glaube sagen zu dürfen, mehr als andere, viel mehr, gell, Schatz?“

Der Conte nickte bestätigend. Die Contessa fuhr fort:

„Und es ist ja auch so: Die meisten, die hier wohnen“, sagte sie nur leicht münchnerisch eingefärbt, gerade so, dass sie als echtes Münchner Kindl durchging. „können sich das Leben in der Stadt ja eigentlich gar nicht mehr leisten, das weiß man ja. Und weil die meisten, die hier wohnen, Rentner sind, leben die weiter draußen viel besser ... also, auf dem Lande, meine ich, an frischer Luft und so... die müssen ja nicht mehr zur Arbeit... und g‘sünder ist das auch! Das Klientel, das wir, also, das mein Mann, anspricht, arbeitet in der City, die wollen und die brauchen kurze Wege, nicht wahr? Und die bringen München doch voran, das muss man doch mal sehen. Die gut verdienenden jungen Leute, die Manager und die Banker, die verdienen doch heute das Geld. Und die geben es auch aus! Bloß, weil einer ein Banker ist, ist er doch nicht schlecht, oder? Auch wenn sie das immer schreiben! Für die wollen, müssen wir eine leistungskorrelierte Lebensumgebung schaffen, also, das heißt, das wollen wir, also eigentlich natürlich, mein Mann.“

Der dachte, was zum Teufel heißt in dem Zusammenhang „leistungskorreliert“? Hat der Frizzoni etwa etwas mit ihr? Woher hatte die sonst solche Worte? Aus der Bunten bestimmt nicht, vielleicht aus der Gala? Aber auch das bezweifelte er.

Seine Frau sprach inzwischen weiter:

„Wissen’s auch das ist sozial, wissen sie. Wir können uns doch nicht nur immer um die Alten kümmern, die kein Nettosozialperfekt mehr schaffen, wo kämen wir denn da hin?“

„Nettosozialperfekt? Sie meinen Bruttosozialprodukt?“, fragte einer der Journalisten.

„Natürlich meint sie das“, fauchte der Conte den Journalisten an, „ein kleiner Versprecher, das kann passieren nicht wahr, Spätzchen“. Der Spatz schaute leicht verwirrt, sagte aber nichts. Das war in solchen Situationen meistens besser, hatte sie gelernt.

„Soll das heißen, sie deportieren die jetzigen Bewohner ...“ begann Herr Müller von der mz seine Frage.

„Ach, papperlapapp“, unterbrach ihn wieder Conte Camilleri, „so hat meine Frau das doch nicht gemeint ...“

Er sah ihn kurz böse an und machte sich gedanklich eine Notiz, dass er den Herausgeber der mz beim nächsten Treffen auf dem Golfplatz einmal zurechtstoßen müsste, so ginge das doch nicht, so ein Sozialneider dieser Müller. Dann fuhr er nach einer kurzen Pause fort: „Wir sind doch nicht die Bösen! Wir entwickeln München weiter - für die Fleißigen, die Erfolgreichen, die Leistungsträger der Gesellschaft! Das ist nicht schlecht, das ist gut! Wir brauchen die Erfolgreichen. Wir sind die Guten“.

Er betonte jeweils das „wir“.

„Ich versichere sie, das ist alles in jeder Richtung abgesichert.“

Weil die Zuschauer immer mehr geworden waren, bekam er es doch immer mehr mit der Angst zu tun. Deshalb ließ er die Einladung an die Journalisten zu einer Runde durch das alte Neue Hübnerplatzviertel unter seiner Führung lieber ausfallen. Verdammt noch einmal, dachte er, müssen Demos nicht angemeldet werden? Vor allem kommunistisch gesteuerte? Wo blieb denn die Polizei? Diese verdammte Kommunisten-Bande machte ihm die ganze Show zunichte.

Ziemlich lahm sagte er zu den Presseleuten: „Ich schlage vor, wir nehmen einen kleinen Imbiss und ein Gläschen Champagner oder zwei“, er lächelte charmant in die Runde der Volontäre, „in unserem Vertriebspoint, den sie dort drüben an der Ecke Raglovichstraße sehen, dort, wo die Luftballons wehen, dort können sie dann auch ihre weiteren Fragen stellen. Dort bekommen sie auch ihre Pressemappen, echt Leder! Will der Herr Fotograf noch ein paar Bilder mit mir und meiner bezaubernden Frau machen? Das kommt immer gut ...“

Er nahm „Spätzchen“ in den Arm und lachte in die Runde. Sein Zahnarzt ließ weithin grüßen ... Seine Frau lächelte nur leicht aber sehr gekonnt in die Kamera, die gezückt wurde - nur leicht, mehr war nicht drin, denn das Gesicht schmerzte nach der letzten Straffung immer noch.

In dem Moment blickten die Journalisten und seine Italiener an ihm vorbei auf das Gebäude hinter dem Conte. Niemand sah noch ihn und seine Frau an. Er drehte sich langsam um. Er erwartete Schlimmes und wurde nicht enttäuscht ...

Sein Gesicht lief rot an: „Frizzoni!“, brüllte er, „was soll das?“ Frizzoni schaute genauso fassungslos wie sein Chef.

Die Zuschauer lachten und zeigten mit den Fingern auf das Eckhaus mit dem Gerüst. Auf dem Gerüst, das er gestern noch von den Bettlaken hatte befreien lassen, standen im vierten Stock vier Männer und Frauen. Sie entrollten die zusammengenähten Bettlaken, die gegenüber den vier Laken von gestern offenbar um weitere zu einer riesigen Fahne ergänzt waren:

„Wir wollen hier bleiben!“, stand da in roter Farbe und „Wohnen ist Leben. Hier!“, „Keine Mietervertreibung durch Heuschrecken!“, „Tod dem Kapital!“, „Wir sind München, wir bleiben hier!“, „Entmieter = Mieterschänder“ und als letztes „Investoren haut ab“. Ganz unten stand noch: „StadtGuerilla Hübnerstraße.“

Die Zuschauer johlten und begannen zu skandieren: „Investoren weg, Investorendreck ...“ Der Conte wäre am liebsten im Boden versunken!

Die Kameras surrten (keine moderne Kamera surrt tatsächlich noch, denn die TV-Kameras arbeiten heute digital, also muss kein Film mehr surrend durch die Kamera gezogen werden – aber der Conte meinte, das Surren der Kameras zu hören) und die jetzt doch in den Händen der Journalisten aufgetauchten Fotoapparate klickten (einige klicken tatsächlich, selbst wenn sie keinen Spiegel mehr haben, denn manche haben extra einen kleinen Tongenerator eingebaut, der das professionelle Klicken erzeugt): Das war doch mal etwas für die Journaille.

„Frizzoni“, flüsterte der Conte, „das werden sie mir büßen!“

„Aber“, stotterte Frizzoni, „ich kann doch nichts dafür, sie haben doch gesagt, ich soll die nicht rauslassen aus dem Haus ...“

„Und wer sind die da?“, zischte der Conte und zeigte auf die johlende Menge. „Nicht aus dem Haus ...“, sagte Frizzoni leise.

In diesem Moment erschienen feixend die beiden Buben im zweiten Stock auf dem Gerüst und banden die unteren Enden der riesigen Fahne fest. Um den Kopf trugen sie rote Bänder, in denen jeweils eine Feder steckte. Stadtguerilla eben.

„Herr Müller“, fragte den Conte ein sein Grinsen kaum unterdrückender Müller von der mz: „Ihre Stellungnahme zu dem Protest? Das sieht mir insgesamt nicht nach freiwilligem Auszug oder gar „sozial verträglich“ aus - oder täusche ich mich da? Guerilla sogar? Das ist neu für München, oder?“

Die Italiener fragten Herrn Frizzoni, was auf den Plakaten stehen würde. Der lallte nur: „Nix parlare Italiano!“ Was glatt gelogen war, denn seine Eltern waren sizilianische Einwanderer der ersten Welle gewesen und er sprach ganz gut italienisch, sogar einen sizilianischen Dialekt beherrschte er halbwegs. Aber in diesem Moment verschlug es ihm die Sprache.

Die Journalistin von HALLO versuchte zu helfen. Sie klaubte ihr bestes Italienisch zusammen, lächelte die Italiener freundlich an und begann zu übersetzen: „Credo, che voglia dire in italiano.

Vogliamo stare qui!
Live è la vita. Ecco!
Nessuno sfratto dell'inquilino di cavallette!
Morte al capitale!
Siamo di Monaco, restiamo qui!
Entmieter = Mieterschänder. Non riesco a tradurre.
Gli investitori scompare”

Und dann fügte sie entschuldigend hinzu: “In ogni caso, una cosa del genere. Il mio italiano non è così buono.”

Es war furchterregend.

“Grazie. Ho capito”, bedankte sich der Italiener höflich und lächelte sie freundlich an. Die Journalistin lächelte ihn gleichfalls unter ihrem roten Pagenkopfschnitt an und kramte gedanklich ihr Italienisch für die erste Frage eines Interviews zusammen. „Quello che dici circa la situazione?” Das sollte heißen: Was sagen sie zu der Situation?

Aber der Italiener wehrte mit einer knappen Handbewegung diese und alle weiteren Fragen ab. Dann nickte er den beiden anderen Italienern zu und sie verließen mit ihren Sonnenbrillen den Schauplatz in Richtung ihres schwarzen Mercedes.

“Signori”, rief der Conte ihnen nach, “so warten sie doch. Bitte! Ich kann das erklären ...” (er hatte keine Ahnung, wie) und seiner Frau zischte er zu: “Mach etwas, kümmere dich um sie. Los!” Er schubste sie in Richtung der sich entfernenden Italiener.

Herr Müller von der mz machte ein paar Fotos von der Situation, die ins Chaos abzugleiten drohte - als guter Journalist hatte er das Gefühl, die vielleicht noch einmal brauchen zu können. Er fotografierte den Platz, die aufgestellten Banner, die stummen Zuschauer, das Eckhaus mit den Bettlaken und ganz zum Schluss die durch die Merianstraße abfahrenden schwarzen Autos.

„Meine Damen und die Herren von der Presse, kommen sie doch bitte in unseren Vertriebspoint an der Ecke Raglovichstraße, wir haben dort einen Imbiss für sie vorbereitet und sie erhalten dort auch die Pressemappen aus Leder! Aus echtem Leder! Die wollen sie doch sonst immer so gerne ...“ Der Conte zog seine letzte Trumpfkarte: „Und ich habe auch noch einen Mont Blanc-Füller für jeden von ihnen ...“

Doch die Journalisten und Kameramänner ließen ihn und Frizzoni stehen und rannten mehr als dass sie gingen zum Haus mit dem Gerüst. Das war doch einmal eine Story! Was war dagegen die erste Radler- und Fußgängerstraße?

Ein oder zwei Volontäre schienen einen Moment zu zögern (Mont Blanc, das bedeutete mindestens 300 Euro!), rannten dann aber den Kollegen hinterher.

Am Haus angekommen, kamen sie erst einmal nicht weiter. Zwar hatte das Haus keinen passierbaren Zugang – denn statt einer Haustür hatte Frizzoni eine Mischmaschine und alles an Baumaterial und Werkzeugen im Eingang aufschichten lassen, was er gefunden hatte. Da war kein Hineinkommen.

Die Zuschauer versammelten sich inzwischen gut gelaunt vor dem Neuhauser Augustiner. Wirt Pille nahm die ersten Bestellungen entgegen.

Vor der Ladentür fragte Herr F. die ankommende Journalistenmeute eher leise, ob er denn helfen könne?

Ja, klar doch – ob er denn auch zu den Protestierern gehöre?

„Erstens: Ja! Und zweitens: Die anderen kommen auch gleich, die müssen nur hinten die Leiter hinunterklettern ...“

Das veranlasste als erstes den Kameramann vom BR und dann auch den von STADTTV die Beine in die Hand zu nehmen, um in den Hof zu laufen. Das versprach – um es in der Sprache der Fernsehleute zu sagen – geile Bilder: Verrentete Hausbesetzer auf der Leiter ... vielleicht fiel ja auch einer runter?

„Und drittens“, sagt Herr F., „haben auch wir einen kleinen Imbiss vorbereitet. Und viertens kommen gleich ein paar Helfer, um den Flur frei zu räumen, dann können sie auch in die Wohnungen – wenn sie wollen?“

Und wie die Journalisten wollten.

„Das ist die erste Hausbesetzung mit PR-Abteilung“, befand Herr Müller von der mz.

„Als Hausbesetzer verstehen wir uns gar nicht“, korrigierte Herr F., „wir sind ja nicht in der Hafenstraße in St. Pauli, wir sind Mieter mit gültigen Mietverträgen, die man versucht zu vertreiben!“

In dem Moment kam Frau Z. aus der Küche und verteilte eine heiße Ochsenschwanzsuppe – eines ihrer Highlight-Rezepte.

„Mei“, sagte sie in die Runde, „sie müssen doch einen Hunger haben, nach all der Aufregung! So was erleben sie auch nicht alle Tage, gell? Das ist aber auch, dass die alten Leut‘ hier im Haus auf ihre alten Tage noch auf das Gerüst klettern müssen. Und die Frau Wegmann, die hat sich ja fast die Finger wund genäht heut` Nacht, um die Betttücher z’samm zum nähen. Mit der Hand! Den Strom haben sie uns ja abg‘stellt, da geht ja keine Nähmaschine nicht! Alles mit der Hand. Bei Kerzenlicht, jawoll, weil ohne Strom gibt es ja auch kein Licht nicht. Hoffentlich hält das jetzt ... Ah, die Suppe schmeckt ihnen aber, junger Mann gell, noch eine Tasse? Ja, das brauchen sie, in ihrem Alter, da braucht es etwas Kräftiges, gell? Mein Gott, ich red hier und die anderen haben noch gar nichts... Mach du mal weiter hier“, sagte sie zu Herrn F. „du sagst ja gar nichts. Die Herrschaften sind doch nicht da herin, Jürgen, um Dich stumm wie einen Fisch zu erleben, die wollen doch wissen, was los ist, gell. Sonst ist er nämlich nicht so stumm, der Jürgen!“

Und damit verschwand sie in der Küche, in der Frau R. die Teller vorbereitet hatte, um die nächsten Portionen Suppe zu holen.

In der Zwischenzeit hatten Udo und Ernstl die Zementsäcke und Bretter aus dem Hauseingang entfernt und die Mischmaschine zur Seite geschoben.

„Naja“, sagte Herr F. „ich dachte einfach, wir warten, bis die anderen da sind. Das kann nicht mehr lange dauern. Ein Bier? Ein Flens? Kennen sie, oder? Manche sagen auch Bölkstoff dazu! Das kommt von dicht bei St. Pauli“, ergänzte er für die Unbedarften. „Oder einen Saft? Steht alles hier rum“, er wies auf die am Boden stehenden Getränkekästen, „bedienen sie sich einfach. Heute geht es auf`s Haus!“, lachte er, „aber wenn sie Schampus wollen, dann müssen sie in das Verkaufsbüro, den können wir uns nicht leisten als Rentnergang!“ Er lachte wieder.

„Nein“, bedankte sich die Dame von Hallo, „wir sind nicht wegen Champagner hier, wir sind wegen der Story hier! Und eine Pressemappe erwarten wir auch nicht.“

„Haben wir auch nicht“, bestätigte Herr F., „aber ich habe hier ein paar USB-Sticks, da sind Fotos von den Mietern drauf und ein paar Bilder, wie es hier im Haus manchmal aussieht, wenn die mal wieder anziehen, ich meine, wenn die uns mal wieder härter anpacken ... Wer will?“ Alle wollten.

„Die Bilder können wir verwenden?“

„Kostenlos und ohne Nennung des Fotografen“, grinste Herr F. „Und hier habe ich noch ein paar Texte ausgedruckt. Lebensläufe der Mieter, die noch da sind und so etwas ... Facts und Figures nennt man das bei ihnen, glaube ich...“

„Sie sind gut vorbereitet“, lobte Herr Müller von der mz, „professionell. Wer hat sie beraten?“

„Niemand. Nur gesunder Menschenverstand. Man muss halt mal nachdenken, was ihr Jungens so brauchen könntet. Oh, Entschuldigung, die Damen natürlich auch.“

„Ist schon gut“, sagte die Dame von Hallo.

„Haben sie auch O-Töne für uns?“, fragte eine der Dudelsender-Reporterinnen.

„Nee,“ antwortete Herr F., „daran haben wir nicht gedacht, aber er gibt O-Suppe ...“

In dem Moment tat sich etwas an der Tür zum Laden und die beiden Kameraleute kamen mit den Alten vom Gerüst herein. „Geile Bilder“, beschied der BR-Kameramann seinem Redakteur, „hast du die Story?“

„Die kriegen wir jetzt! Hast du Hunger? Die Ochsenschwanzsuppe ist sensationell!“

Jetzt betraten Udo und Ernstl in mit Zementstaub überpuderten Blaumännern den Laden. „Der Eingang ist frei“, sagte Udo lächelnd sich den Staub aus dem Blaumann klopfend, „war eine böse Schinderei!“ Die beiden O-Ton-Reporterinnen wichen entsetzt ob so viel „Reality“ hustend zurück.

„Erst einmal diese göttliche Suppe, dann habe ich Kraft, um nach oben zu steigen“, sagte Müller von der mz und löffelte sein Süppchen.

„Sie, Frau...?“, fragte er.

„Frau Z.“, sagte die, „ja?“.

„Das Rezept von dieser Suppe, die ist ja reines Manna, das wäre mal etwas für unsere Wochenendausgabe ... rücken sie das raus?“

„Für die mz?“, mischte sich Herr F. ein, „sie, da haben wir ganz schlechte Erfahrungen ...“

Herr Müller schaute ihn an, lächelte leicht: „Ach ja? Wegen dem Herrn Pfeifferle[1]...? Der Geschichte vor einem Jahr? Mit dem Kiosk?“

„Genau“, mischte sich Udo auch noch ein, „wegen dem... Schwein! Mit der mz hat hier niemand mehr etwas am Hut!“

„Das kann ich sogar verstehen“, sagte Müller, „aber wir sind jetzt die Nach-Pfeifferle-mz. Der war unfair, das weiß ich. Aber ich bin Manni Müller von der mz, nicht der Pfeifferle! Ich kann und will ihnen helfen ...“

„Jetza“, sagte Frau Z., „jetza essen‘s zerscht amal. Über‘s Rezept red’n kann ma immer no‘ ...“

„Wenn wir gelesen haben, was sie schreiben, Herr ...?“, ergänzte Udo.

„Müller. Müller von der mz. Hier ist meine Karte. Ich bin sicher, sie werden zufrieden sein ... Ich gehe jetzt noch einmal durchs Haus, darf ich?“

Herr F. sagte nichts, sondern deutete nur einladend auf die Ladentür. Dann sagte er doch noch etwas: „Da raus und dann links, erste Tür! Viel Spaß. Brechen sie sich nicht die Beine!“

„Wird schon gut gehen“, meinte Herr Müller, stand auf und ging den beschriebenen Weg.

13. Juli. Im Büro

Conte Camilleri betrat sein Büro gegen 11.00 Uhr. Offenbar war er verkatert. Kein Wunder, er hatte sich am Vorabend mehr als eine Flasche des guten Rotweines gegeben. Seine Frau war auf einem dieser beschissenen Charity-Events, die er so hasste. Er war froh, dass er frühzeitig wegen der Italiener abgesagt hatte, er hatte ja geglaubt, die den ganzen Tag an der Backe zu haben ... Er hatte ja nicht ahnen können, was da passiert war. Jedenfalls musste er vergessen, was am Mittag gewesen war, wenn er die Nacht schlafen wollte. Und dafür war die Flasche Barolo hilfreich gewesen, und die zweite noch mehr.

Frau Schade erwartete ihn schon ungeduldig. Aber sie war eine so erfahrene Sekretärin, dass sie ihn nicht gleich mit dem überfiel, was ihr auf den Nägeln brannte.

„Oh“, sagte sie stattdessen, „ich sehe schon ... Aspirin und Wasser, Kaffee später ... War es so schlimm?“

Natürlich wusste sie, was passiert war und dass es schlimm gewesen war. Sie war schließlich am Hübnerplatz dabei gewesen. Aber als gute und erfahrene Sekretärin (und die war sie ohne Frage) hielt sie ohne Wenn und Aber zu ihrem Chef. Daher brachte sie als erstes Wasser und Aspirin – beides in ausreichend hoher Dosierung.

„Jetzt trinken sie erst einmal, Chef“, wies sie den Conte an. Der trank das ihm dargebotene Wasser gierig und schüttete eine Überdosis Aspirin hinterher.

„Die Presse?“, fragte er angstvoll, „haben sie die Übersicht?“.

„Nichts“, sagte Frau Schade, „ nur in der mz eine kurze Story, aber nichts zu Schlimmes! Aber der Mölders hat schon dreimal angerufen. Sie sollen sofort zurückrufen, wenn sie ins Büro kommen. Chef, wenn ich das so sagen darf, der hat sich sauwütend angehört ... Sie sollten wirklich gleich ...“

„Schon gut“, sagte der Conte, „bringen wir`s hinter uns. Verbinden sie mich, bitte.“ Er nahm noch einen Schluck Wasser. Dann klingelte das Telefon. Er nahm den Hörer und meldete sich: „Conte Camilleri!“

„Lassen sie den Quatsch, Müller“, bellte ihn der Banker an, „wir wissen beide, wem und wie viel sie für diesen albernen Titel bezahlt haben. Haben sie vergessen, das Geschäft habe ich vermittelt ...“

Der Conte alias Müller seufzte nur.

„Sagen sie einmal“, brüllte es dann aus dem Hörer, „sind sie von allen guten Geistern verlassen, unseren Geldgebern eine so miese Show zu bieten? Wenn sie die Sache da nicht im Griff haben, dann ist das ihr verdammtes Problem ... Aber vor den Itakern ... Sie müssen doch völlig durchgeknallt sein, Müller, total wahnsinnig! Was habe ich ihnen gesagt: Das muss klappen, habe ich gesagt. Um jeden Preis, habe ich gesagt. Die müssen wissen, wir haben das alles im Griff, habe ich gesagt. Die sollen die nächste Tranche überweisen. Wissen sie wie viel, sie Gnom von einem Conte?“

„Nein!“, japste der Conte leise ins Telefon.

„Fünfzig Millionen! Fünfzig. Wissen sie überhaupt wie viel Geld das ist? Wissen sie oder ahnen sie zumindest, wie viel Arbeit ich da rein gesteckt habe? Sauviel ...“

Herr Mölders musste kurz Luft holen, der Conte nutzte die kurze Pause klugerweise nicht zu einem Einwurf.

„Und wissen sie, was sie mit ihrer traurigen Nummer da gestern geschafft haben? Wissen sie das?“

„Nein.“

„Die fragen sich jetzt, ob wir die Richtigen sind ... Und wissen sie was, ich frage mich auch, ob sie noch der Richtige sind. Sie mit ihrer Interbavaria Real Estate – dass ich nicht lache, sie und ihre Laienspielgruppe vom Hübnerplatz! Sie schaffen es ja nicht einmal, ein einziges Haus zu räumen ...“

Der Conte wagte weiterhin nicht, etwas zu sagen.

„Was soll ich den Burschen mit den Sonnenbrillen jetzt sagen, Müller? Was?“, das letzte Wort brüllte er.

„Äh. Ja, also, wir schaffen das ...“

„Sie schaffen das? Was denn? Wie denn? Wie denn, sie Kretin? Bis wann?“

„Geben sie mir sechs Monate ...“

„Sechs Monate, sie haben ja den Arsch offen, Müller, drei Monate. Maximal drei ... Und dann ist das verdammte Eckhaus leer oder sie gehen im Mittelmeer schwimmen – mit Betonfüssen! Haben sie das verstanden?“

„Ja, Chef ... äh, ich meine, ja, Herr Mölders, verstanden.“

„Das will ich hoffen!“

Es entstand eine Pause, dann fragte der Banker gefährlich leise: „Müller, was haben sie wegen der Presse unternommen?“

„Ich verstehe nicht ...“

„Was haben sie unternommen, damit keine Berichte von ihrer Blamage erscheinen? Das meine ich!“

„Äh, ja, das wollte ich gerade in Angriff nehmen ...“

„Mensch, Müller, was sind sie bloß für eine Pflaume, wie bin ich nur auf sie gekommen? Lassen sie die Finger davon, das habe ich erledigt. Über die Partei, über das Ministerbüro. Da passiert nichts mehr. Gott sei Dank waren ja fast nur Volontäre da. Also BR und STADTTV bringen nichts, die Chips waren nach dem Anruf plötzlich dummerweise nicht mehr bespielt“, lachte Herr Mölders, „so Sachen passieren halt! Wenn man´s kann Müller, und diese unerträglichen Dudelsender haben einen Auftrag von meiner Bank erhalten. Die halten auch still. Gott, das ist so einfach, Müller, man muss es nur können – und machen! Und nicht bis in die Puppen mit besoffener Birne im Bett liegen, wenn die Kacke am Dampfen ist, Müller... In den Boulevardblättern war´s etwas teurer, da haben wir Anzeigenkampagnen geschaltet – die Kerle bringen auch nichts. Die einzigen, die sich renitent verhalten sind die von diesem linken Kampfblatt, der mz. Spielen sie nicht mit dem Chefredakteur Golf?“

„Äh, ja, stimmt ..., also, mit dem Herausgeber!“

„Na, noch besser ... Dann tun sie endlich etwas, Müller, das können sie doch wohl, einfach einmal mit dieser linken Socke telefonieren?“

„Ja, Natürlich ...“

Als er weitersprechen wollte – er wollte nämlich sagen, dass er es zumindest versuchen wolle - hatte sein Gesprächspartner schon grußlos aufgelegt.

Er trank einen weiteren großen Schluck Wasser. Man, war der Mölders wütend – aber es hätte schlimmer sein können. Noch war er ja im Geschäft. Und er hatte drei Monate rausgeholt, mindestens, wahrscheinlich vier oder fünf, dachte er bei sich.

Er bat Frau Schade jetzt doch um einen Kaffee - und dann sollte sie eine Verbindung zum Herausgeber der mz herstellen.

Das Telefon klingelte und das Vorzimmer des Herausgebers der mz meldete sich. Glück gehabt, der Kerl war da und nicht auf dem Golfplatz. Er wurde verbunden.

„Ja?“, fragte der Herausgeber vorsichtig.

„Klaus“, sagte der Conte betont gut gelaunt, „wie geht es dir? Haben uns ewig nicht mehr gesehen, was? Wir müssen unbedingt mal wieder eine Runde spielen! Was macht dein Handicap?“

„Geht so“, antworte der Herausgeber, „du rufst doch nicht wegen meines Handicaps an, nicht nach der Story von gestern, was willst du wirklich, Müller?“

Müller! Verdammt, das war kein gutes Zeichen. Er war der Conte Camilleri. Müller - das war lange her, mehr als ein Jahr! Mindestens ein Jahr. Seit der Adoption.

„Ja, äh, gut ... Also deswegen rufe ich an. Also, sag einmal, Klaus“ haspelte der Conte, „ganz ehrlich, du, müsst ihr das unbedingt bringen? Das müsst ihr doch nicht, oder? Das würde mich wirklich in die Bredouille bringen… also, ich meine, richtig tief in die, äh, Scheiße, weißt du.“

„Die Story nicht bringen? Sag einmal, lebst du auf dem Mond, Müller? Weißt du, was du da von mir verlangst? Ganz abgesehen davon, dass bei der mz die Chefredaktion die redaktionelle Hoheit hat. Wir sind hier nicht bei der Zeitung mit den großen Buchstaben! Selbst wenn ich wollte, ich könnte der Redaktion da gar nicht reinregieren. Das Pressegesetz, weißt du?“

Das Pressegesetz hatte zwar rein gar nichts damit zu tun, aber der Herausgeber wusste, dass der Conte das nicht wusste.

„Natürlich bringen wir das. Morgen! Junge, das ist so gut!“ Er schnalzte mit der Zunge: „StadtGuerilla gegen Heuschrecken! Rentner wehren sich. Gentrifizierung vertreibt Sozialmieter. Deportation von Mietern in Banlieues geplant. So oder ähnlich. Mensch, Müller, da steckt Stoff für Tage drin... Dazu ein paar Bilder von deiner Frau vor und nach der OP. Klasse!“

Der Conte stöhnte gequält auf. „Warum tust du das? Ich habe dir doch nichts getan? Oder?“ Dann verlegte er sich aufs Betteln: „Klaus, bitte, habe doch Mitleid mit mir, das kannst du mir doch nicht antun… vielleicht können wir euch ja eine andere Geschichte exklusiv geben, da fällt uns schon etwas ein, Klaus. Klaus, wir sind doch alte Kumpel…“

Der Herausgeber fuhr ungerührt fort: „Kumpel, wir? Ganz bestimmt nicht, du warst immer nur dein eigener Kumpel, Müller! Und dann, Junge, du wurdest gestern ja immer besser: Oberbürgermeister setzt sich über Stadtrat hinweg und verspricht für Bauprojekt von Duzfreund Brücke über den Mittleren Ring. Mensch, Müller, das ist Manna für jeden richtigen Journalisten.“

„Nein“, bettelte der Conte, „das kannst du nicht tun, bitte nicht ..., bitte Klaus. Warum denn nur?“

„Wenn du schon so fragst, Müller, zwei Gründe: Erstens, das ist Auflage, sage ich Dir. Eigentlich müsste ich dich küssen, Müller! Die Story ist so gut. Und dein Banker hat offenbar alle anderen geschmiert. Mit Geld, mit Anzeigen, beim Rundfunk hat sogar das Ministerbüro angerufen! Und wir? Nichts, nada! Wir machen dafür jetzt in gutem Journalismus – als einzige! Müller, das reicht für den Deutschen Pressepreis! Vielleicht für den Pulitzerpreis! Für unsere mz! Wir sind ab morgen ganz oben. Ich sag´s ja: Küssen könnte ich dich dafür! Und zweitens: Du hast mich beim Golf beschissen. Und das macht man nicht. Nicht mit mir!“

„Was muss ich tun, Klaus, damit du das unterbindest? Was kostet das? Ich zahle jeden Preis“, flüsterte der Conte.

„Du willst mich bestechen?“, fragte der Herausgeber der mz, „weißt du, wir mögen ein echtes Schmierblatt, vielleicht sogar ein Scheißblatt sein, das will ich gar nicht bestreiten. Aber von dir lasse ich mich nicht schmieren. Nicht von dir! Und vor allem nicht mehr! Nicht, wenn der Pressepreis schon für uns graviert wird. Ich sehe ihn schon vor mir, geschnitten in den Silberpokal: „Für die Unbestechlichen von der mz“. Und unser Müller wird der deutsche „Woodstein“…

„Die bringen mich um“, flüsterte der Conte, „die lassen mich im Mittelmeer baden gehen ...“

„Soll doch schön warm sein um die Jahreszeit“, entgegnete der Herausgeber kalt.

„Ja“, antwortete der Conte, „aber mit Badeschuhen aus Beton ...“

„Sag mir, wann und wo! Ich schicke ein Reporterteam hin egal wo – das bringen wir dann auch ganz groß: Makler aus dem Hochadel in Mittelmeer ersäuft! Die mz war dabei! War es die Mafia, Fragezeichen. Schon geplant: Sein Leben als Film. Seine Frau spielt sich selber… Mensch, Müller, die Geschichte wird immer besser. Ich muss bei der Technik anfragen, ob wir überhaupt genug Rotationspapier haben ...“

Dann lachte er: „Müller. Mach dir nicht in die Hosen, so ein Ende einer Geschichte gibt es nur im Film, nicht in der Wirklichkeit... Wird schon nicht so schlimm werden!“ Damit legte er lachend auf.

Der Conte saß bewegungslos an seinem Schreibtisch, er hielt den tutenden Hörer weiterhin in der Hand. So fand ihn ein paar Minuten später Frau Schade, die auf dem kleinen Silbertablett seinen Kaffee brachte.

„Chef“, sagte sie besorgt, „sie sehen ja aus, als ob sie den Tod gesehen hätten ...“, dabei ließ sie mit der Zuckerzange zwei Stückchen Wiener Rohrzucker in die Tasse gleiten.

„Habe ich“, antworte er, „genau das habe ich! Verbinden sie mich noch einmal mit Mölders, bitte.“

Als das Telefon klingelte, sagte Frau Schade: „Er ist im Meeting, für ungefähr eine halbe Stunde. Er meldet sich.“

Das Meeting dauerte offenbar länger als geplant, Mölders rief erst nach mehr als einer Stunde zurück: „Na, Camilleri“, meldete er sich offenbar wieder gut gelaunt und der Conte atmete auf: Camilleri hörte sich schon viel besser an als Müller. Mölders fuhr inzwischen fort „Was haben sie erreicht? Antworten sie nicht, Camilleri, lassen sie mich raten: Nichts! Diese linke Socke von einem Herausgeber hat sie locker abblitzen lassen, nicht wahr? Wahrscheinlich sieht er sich schon als Superjournalist mit dem Bambi oder so in der Hand…“

„Ja“, antwortete der Conte vorsichtig, „woher wissen sie das?“

„Sein Redakteur, der Müller, hat mich angerufen, er wollte eine Stellungnahme der Bank…“

„Und?“, fragte Müller, „haben sie ihn abblitzen lassen?“

„Wo denken sie hin, Camilleri? Schadensbegrenzung, Camilleri, Schadensbegrenzung… Wir hatten ein gutes Gespräch!“

„Und der Bericht?“, fragte der Conte.

„Mein Gott“, lachte Herr Mölders, „soll er schreiben, was er will, was kümmert es die Eiche, wenn der Hund sie anpinkelt? Und die Sache mit dem OB ist doch lustig, da kriegt der endlich auch mal ein Problem! Die sollen ihren Spaß haben und in einer Woche denkt keiner mehr an uns! Wir halten uns 14 Tage lang bedeckt und dann geht es weiter, Camilleri, wie gehabt. Wir halten den Kurs. Stürme kommen und gehen! Und wissen sie, was das Beste ist, Camilleri?“

„Nein?“, fragte der Conte vorsichtig, „was denn?“

„Die Italiener zahlen. Ich weiß zwar nicht wieso und warum? Nicht nach gestern. Aber irgendwie war denen das egal. Wahrscheinlich denken die nur im Großen und das gestern war in ihren Augen nur eine Petitesse. Vielleicht kennen die sich im Geschäft auch nur besser aus, als ich gedacht hatte. Man muss ja auch nicht alles auf der Welt verstehen. Sie verstehe ich ja auch nur selten, Camilleri, na egal! Auf jeden Fall zahlen sie. Und sie haben sich schiefgelacht über irgend so eine Journalistentusse und ihr Italienisch. Die konnten sich gar nicht mehr einkriegen… Auch egal. Hauptsache das Geld ist da. Oder so gut wie. Ich habe die Zusage von der Bank in Palermo schon vor mir auf dem Tisch liegen. Das Geld müsste in den nächsten Stunden eintreffen. Camilleri, das Leben kann so schön sein! Vielleicht kann ich mit ihrer Frau ja auch mal wieder über Geschäfte plaudern, Camilleri ...?“

Und dann hörte der Conte nur noch ein Tuten in der Leitung. Mölders hatte wieder einmal grußlos aufgelegt.

„Irgendwann einmal“, dachte der Conte, „irgendwann drehe ich den Spieß um - und dann lege ich einfach auf.“

14. Juli. Im Vertriebspoint

Sie saßen still und bedrückt um den Tisch herum und warteten angstvoll auf den Chef, den Conte: Herr Frizzoni, der Leiter des Vertriebspoint, Herr Sack, sein Vertreter, Frau Sieburg und Frau Waschinski, die beiden Sachbearbeiterinnen und der Praktikant, Herr Helldorf (BWL-Bachelor). Denn der Conte konnte verdammt unangenehm werden, wenn ihm irgendetwas nicht passte oder jemand nicht so funktionierte, wie er es erwartete. Und gestern war schließlich so ziemlich alles schief gegangen ...

Sie alle wussten, wie und warum die Pressekonferenz „in die Grütze“ gegangen war. Die große, die gute Show, die sie - oder besser der Conte - geplant hatten, hatte sich ins Gegenteil verkehrt. Gewinner waren ohne Zweifel die Mieter im Eckhaus gewesen.

Dass die Pressekonferenz an sich und dann auch noch in der Öffentlichkeit vielleicht keine gute Idee gewesen war, würde keiner auszusprechen wagen: Das war die Idee des Chefs gewesen, also war sie (die Idee) sakrosankt.

Als der Conte das Besprechungszimmer betrat, herrschte betretenes Schweigen.

„Guten Morgen“, sagte er erstaunlich gelassen, „kommen wir gleich zur Sache, reden wir gar nicht drum herum – das war große Scheiße gestern!“

Frau Sieburg begann zu schluchzen – sie hatte „dicht am Wasser gebaut“, bei ihr liefen die Tränen schnell.

„Ist ja schon gut, Frau Sieburg“, herrschte der Conte sie an, „ist ja schon gut ... Ich tue ihnen ja nichts. Aber hören sie in Gottes Namen auf zu flennen. Noch gibt es keinen Grund dafür! Ich will jetzt gar nicht diskutieren, wer was falsch gemacht hat ...“

„Ja“, dachte der Praktikant Helldorf, während Frau Sieburg noch einmal laut schniefte, und sich für eine Dame zu laut, in ihr Taschentuch schnäuzte um dann erstaunlich schnell in der Lage zu sein, den Tränenstrom zu bremsen, „weil du alles falsch gemacht hast – wir doch nicht.“

„Was haben sie da eben gemurmelt, Helldorf?“, fragte der Conte gefährlich leise. Helldorf sah verblüfft hoch. „Ich? Gar nichts!“

„Ich dachte, ich hätte da eine Frechheit gehört ...“ sagte der Conte, „Seien sie vorsichtig, junger Mann, sehr vorsichtig!“ Er schaute jeden einzelnen am Tisch intensiv an, was Frau Sieburg fast schon wieder zu einem Tränenschwall veranlasste – aber sie beherrschte sich. Nach einer Pause fuhr der Conte fort: „Also, ich habe mit dem Herrn Mölders von der GERMANIA HYP gesprochen. Wir sind da völlig d´accord, wir müssen bei denen im Eckhaus jetzt mal die Zügel anziehen. Diese Kommunisten da drin, die müssen endlich raus. Wir haben die Faxen dicke ...“

„Ja, aber ...“ begann Frau Waschinski, „wir haben doch alles versucht. Allein ich habe mindestens zweimal mit jedem Mieter gesprochen, die gehen einfach nicht. Wir können doch nicht ...“

„Was können WIR nicht?“, fragte der Conte, „WIR können alles – und ich erwarte von ihnen nur noch Vollzugsmeldungen, verstanden? Kein Gejammer mehr, von wegen, die wollen nicht raus! Ich akzeptiere ab sofort keine Gefühlsduseleien mehr! Von heute an gilt: Ex und hopp ... Muss ich das übersetzen?“

Alle schüttelten mit den Köpfen.

„Und um ihnen das ein bisschen schmackhaft zu machen, für jede Wohnung, die in den nächsten drei Monaten frei wird, gibt es ab sofort eine Prämie von 5.000 Euros! Bar auf die Kralle ... steuerfrei!“

Alle schauten den Conte erstaunt an.

„Ich weiß gar nicht, warum ich so großzügig mit ihnen bin? Das ist schließlich ihr Job! Und ich will gar nicht wissen, wie sie das machen, lassen sie sich gefälligst etwas einfallen. Seien sie kreativ, werden sie endlich mal massiv! Sie werden doch wohl ein paar Beknackte da raus kriegen, oder?“

„Klar, Chef!“, sagte der Praktikant, „gilt die Prämie auch für mich?“

„Wer eine Wohnung frei macht, kriegt das Geld!“

„Ab sofort?“, fragte wieder Helldorf.

„Junger Mann, reden sie hier nicht lange rum, spucken sie hier keine großen Töne, sie sind hier nicht im BWL-Seminar, handeln sie endlich.“

„Ja, aber ...“ begann Frau Waschinski. Bevor sie den Satz zu Ende bringen konnte, unterbrach sie der Conte: „Frau Waschinski, ich will hier kein „ja aber ...“ mehr hören. Sie packen´s oder sie packen ihre Sachen. So einfach ist das!“

Jetzt begann Frau Waschinski zu weinen und Frau Sieburg fiel aus Sympathie gleich mit ein.

„Aber ich bin doch als Verkäuferin hier“, sagte Frau Waschinski unter dem Weinen, „ich sollte doch Wohnungen verkaufen, nicht entmieten ... ich habe doch Verkaufen gelernt – und jetzt soll ich die Leute rauswerfen ...“

Jetzt griff Frizzoni ein und sprach die beiden Frauen im Team entschieden an: „Schluss jetzt mit dem Geheule, Mädels“, sagte er, „wir packen das jetzt. Gemeinsam! Alle zusammen. Und wir können erst Wohnungen verkaufen, wenn sie leer sind! Ist das klar, Frau Waschinski?“

„Genau“, stimmte der Conte zu und wunderte sich, sollte Frizzoni etwa Führungsqualitäten entwickeln? „Und machen sie beim Palais gleich weiter!“

„Gibt´s da auch die Prämie?“, wollte der Praktikant vorlaut wissen.

„Siieee“, brüllte der Conte, das „sie“ gefährlich in die Länge ziehend, „noch ein Wort und sie können einpacken. Und ihre Karriere gleich mit ...! Schluss jetzt. Noch Fragen?“

Der Praktikant duckte sich zwar etwas unter dem „Orkan“, schaute aber doch irgendwie frech, fand der Conte, andererseits schien dieser junge Mann etwas bewegen zu wollen. Er würde ihn im Auge behalten, vielleicht entwickelte sich da ja etwas ...

Als keine Fragen mehr kamen, meldete sich Herr Frizzoni noch einmal: „Also, wenn ich das richtig verstanden habe, wir haben völlig freie Hand in den Maßnahmen?“

Der Conte nickte zustimmend.

„Und wir reden gar nicht darüber, welche Maßnahmen wir ergreifen?“

Wieder nickte der Conte.

„Und wenn wir´s schaffen, gibt es pro Wohnung eine Prämie in Höhe von 5.000 Euro. Schwarz?“

„Das will ich nicht gehört haben, das habe ich so auch nie gesagt – aber: Ja!“

„Und wenn wir´s nicht schaffen, dann fliegen wir?“

„In hohem Bogen!“, bestätigte der Conte und dachte daran, dass es ihn genauso treffen würde. Warum war er bloß nicht im Hemden-Geschäft geblieben? Warum hatte er bloß die großväterliche Fabrik verlassen? Das wäre alles so einfach gewesen ...

Er dachte daran, dass seine Mitarbeiter (er kam überhaupt nicht auf die Idee „gendermäßig“ korrekt auch von Mitarbeiterinnen zu denken geschweige denn zu reden) vielleicht rausfliegen würden, er aber auch – allerdings mit dem Unterschied, dass seine Landung evtl. eine Wasserlandung im Mittelmeer werden würde ... mit Betonfüßen, hatte der Mölders angedeutet. Er schüttelte sich.

Die anderen blickten ihn erstaunt an. Er schaute zurück und raunzte: „Dann haben ja wohl alle alles begriffen, oder? Dann mal los ...“ Er erhob sich. „Auf Wiedersehen!“ Damit verließ er den Vertriebspoint.

Als der Conte den Raum verlassen hatte, sagte Frizzoni: „So, Mädels, geht ihr jetzt einmal Nase pudern oder so, was jetzt kommt, ist nichts für Eure schwachen Nerven. Sack und ich müssen mal bereden, wie wir die Bandagen etwas härter machen können. Ach ja, und unser vorlauter Herr Praktikant geht auch, bitte.“

„Warum ich denn?“, fragte der junge Herr Helldorf.

„Weil das hier etwas für Männer wird, nichts für Praktikanten, deshalb – also bitte!“

Die beiden Frauen waren froh gehen zu dürfen, sie wollten gar nicht wissen, was die beiden Männer bereden würden. Der Praktikant maulte, „wie er denn da etwas lernen solle, wenn er immer dann raus müsse, wenn`s interessant würde?“

„Helldorf“, sagte Frizzoni, „ganz einfach, weil das hier ein Gespräch unter alten Fahrensleuten wird. Sei froh drum, wenn wir dich rausschicken. Capito?“

Herr Helldorf schüttelte den Kopf, nein, er hatte nicht verstanden.

Als die drei den Raum verlassen hatten, sagte Herr Frizzoni: „Also, Sack, was machen wir? Sind wir Gute oder Böse? Haben wir Charakter und gehen hier oder ziehen wir alle Register?“

„Gute Frage“, meinte Herr Sack nachdenklich, „ich habe Familie, meine Frau ist schwanger, wir haben eine Eigentumswohnung an der Backe ...“

„Also ziehen wir das durch?“

„Müssen wir ja wohl.“

„Bist du bereit dazu, Sack? Kannst du das? Kannst du wirklich ein Schwein sein? Sogar ein fieses? Kannst du zum Beispiel eine alte Frau die Treppe hinunter schubsen?“

„So weit willst du gehen?“ Sack wurde blass.

„Was denkst du denn, wir sagen einmal laut „buh“ und die verschwinden vor Schreck? Nee, das sind welche von der ganz harten Sorte. Vor allem, die, denen der Laden gehört. Bei denen müssen wir uns etwas einfallen lassen, etwas Besonderes!“

„Ich weiß nicht“, sagte Herr Sack leise, „ob ich das kann. Und ob ich das will?“

„Ja oder nein – das ist hier die Frage“, sagte Herr Frizzoni, „du musst dich entscheiden. Hic Rhodos, hic salta!“

„Was?“, meinte Herr Sack, „haben wir jetzt auch die Griechen im Genick?“

„Das heißt, du musst dich entscheiden, hier und jetzt. Entweder du machst mit oder du gehst.“

Herr Sack ergriff eine Wasserflasche aus der Tischmitte, schraubte sie auf, füllte sein Glas, nahm einen Schluck – alles in Zeitlupe, um Zeit zu gewinnen. Dann schraubte er immer noch wortlos die Flasche wieder zu, stellte sie wieder auf ihren Platz.

Er sah seinen Kollegen an. Dann sagte er: „Du willst das also durchziehen? Zur Not auch alleine“

Frizzoni nickte.

„Na gut“, sagte Herr Sack, „dann mache ich mit, kann dich doch nicht alleine lassen ...“

Herr Frizzoni steckte ihm seine Hand entgegen: „Handschlag drauf!“, sagte er und Herr Sack schlug ein.

„Willst du das selber machen, die Gemeinheiten, meine ich“, sagte Herr Sack, „oder kennst du ein paar von den ganz harten Jungens?

„Naja“, antwortete Frizzoni, „man hat da seine Beziehungen, nicht wahr ...“ Das war glatt gelogen, denn in Wirklichkeit hatte er gar keine.

„Ja, klar“, bestätigte Herr Sack, „ohne die kommt man in der Branche ja nicht aus, oder?“ Er hatte auch keine.

Im Grunde waren sie beide – Sack und Frizzoni - harmlos. Ganz im Gegensatz zu ihrem Praktikanten, der sie über das hausinterne Telefon heimlich belauscht hatte. Der kam aus einer ganz „anderen Schule“, er war durch die Schule der Straße - und zwar einer harten - gestählt worden, er kannte das Leben eines Gangmitgliedes, er kannte keine Skrupel. Er wollte hinauf, egal wie.

Als sie die Tür des Besprechungsraumes öffneten, sahen Frau Sieburg, Frau Waschinski und der Praktikant sie neugierig an. „Und?“, fragte der vorlaute Praktikant, „geht`s jetzt los? Ich meine, richtig?“

Herr Frizzoni und Herr Sack nickten. „Gut“, sagte der Praktikant und rieb sich die Hände, „womit fangen wir an? Welchen der apokalyptischen Reiter lassen wir zuerst von der Leine? Pest oder Cholera? Krieg, Feuer, Wasser, Prügel? Mord oder Totschlag?“ Man könnte glauben, er meinte tatsächlich ernst, was er sagte.

Frau Sieburg begann sofort wieder zu weinen, als sie hörte, was der Praktikant sagte, nach einem Moment heulte sie wie ein Schlosshund.

„Nicht doch“, japste Frau Waschinski, „wir müssen doch Menschen bleiben ... das war doch nicht so gemeint“, und nach einer Weile fügte sie hinzu: „Oder?“

„Genau, war nicht so gemeint“, lenkte der Praktikant lachend ein - obwohl er es genau so gemeint hatte.

„Nichts da“, lenkte Herr Frizzoni ein, „ich muss jetzt erst einmal nachdenken, was wir machen. Wir brauchen ja auch Eskalationsstufen.“

Damit hatte er zumindest etwas Zeit gewonnen. Er schaute den Praktikanten nachdenklich an. Der schien aus härterem Holz geschnitzt zu sein als alle anderen hier. Vielleicht war das eine Chance?

16. Juli. Bericht in der mz

mz exklusiv

Unter der Rubrik mz exklusiv wird die mz in Zukunft eigenrecherchierte Text- und Bildberichte auf hohem journalistischem Niveau bringen. Wir beginnen heute mit dem folgenden Artikel unseres Chefreporters Manni Müller. Als er mit der Story in die Redaktion kam, waren alle so betroffen, dass wir uns dazu entschlossen haben, unseren Lesern in Zukunft unter der Rubrik mz exklusiv „Journalismus at its best“ zu liefern! Jetzt ist es an ihnen, unseren Lesern, sich für Qualität im Boulevard zu entscheiden. Das wird spannend.

Doch lesen sie, was Manni Müller zu berichten hat:

Mieter wehren sich gegen Deportation

(MaMü) München ist ein teures Pflaster, das ist bekannt. Und es wird immer noch teurer werden, weil der Zustrom gut bezahlter Spezialisten immer größer wird. Das bedeutet u. a. eine Miet-Explosion in bisher unbekanntem Ausmaß und in der Folge große Probleme für die angestammten Mieter! Hinzu kommt: Die Mietpreisbremse greift einfach nicht ...

Internationale Investoren haben die Situation erkannt und kaufen Wohnungen en gros, um sie in Luxuswohnungen für Betuchte umzuwandeln: Stichwort: Luxussanierung.

[Foto eines Eckhauses Georgen-/Tengstraße]

In Neuhausen wurde gestern das Projekt „Neuer Hübnerplatz“ vorgestellt. 3,5 Millionen Euro sollen Wohnungen von 250 qm dort kosten. So plant es jedenfalls die INTERBAVARIA REAL ESTATE, ein Bauträger, der hier offenbar als „Strohmann“ für italienische Investoren plant und baut. Und die Möchtegern-Welt-Radl-Hauptstadt spielt offenbar gerne mit: Sie plant, aus der Dom Pedro-Straße die erste Münchner Fußgänger- und Radlerstraße zu machen. Autos sollen in einen Tunnel darunter verbannt werden.

Und die vorgestellten Maßnahmen am Hübnerplatz sind bei Weitem noch nicht alles: Das ganze Viertel zwischen Leonrod- und Dachauer Straße und Mittlerer Ring droht in die Fänge internationaler Investoren zu geraten. Für die Mieter ist vorgesehen, sie in Vorstädte („Banlieues“, Pariser Verhältnisse lassen grüßen) zu deportieren. Und wenn man den Planern glauben darf, spielen Bezirksausschüsse gerne mit.

Aber die Macher haben sich vielleicht verrechnet: Die alten Mieter (und das „alt“ darf hier wörtlich genommen werden) beginnen sich zu wehren. Noch nicht militant – sie weigern sich bisher vor allem auszuziehen, und nehmen dafür alles in Kauf, was das Arsenal des Entmieters an Gemeinheiten hergibt (siehe Fotoserie): Mieterhöhungen, unglaublichen Dreck, nicht benutzbare Treppenhäuser, wohl sorgfältig geplante regelmäßige Stromausfälle, unangekündigtes tagelanges Abstellen des Wassers, ein Winter fast ohne Heizung, Lärm, Dreck und Staub von Baumaßnahmen. Und sogar vor handfesten Übergriffen scheute sich der Entmieter nicht.

Das alles haben die Mieterinnen und Mieter bisher mehr oder weniger stumm in Kauf genommen. Doch seit gestern löcken die Mieter offenbar ernsthaft gegen den Stachel.

Als die Entmieter eine Pressekonferenz zur „schönen neuen Wohnwelt“, zu „Sahnestücken der Münchner Wohnkultur“ und zum „neuen Hübnerplatz-Palais“ abhielten, nutzten sie die Gelegenheit, der Öffentlichkeit ihre Probleme zu schildern (siehe großes Foto).

„StadtGuerilla München“ nennen sich die meist alten Mieter jetzt. Wir dürfen darauf gespannt sein, was der „StadtGuerilla“ in den nächsten Tagen und Wochen alles einfallen wird, um an Ort und Stelle bleiben zu können. Die mz wird regelmäßig dabei sein.

Lesen sie morgen an dieser Stelle, wie der Oberbürgermeister sich offenbar über den Stadtrat hinwegsetzen will: Er hat seinem Bauherren-Duzfreund eine Brücke über den Mittleren Ring versprochen!

16. Juli. Der Mann mit den Plastiktüten

Alle fanden, dass Herr Brandt, mit vollem Namen Aurelius Lucius Brandt, ein seltsamer Typ war. Er sprach so gut wie mit niemandem, nicht einmal im Laden konnte Frau Z. ihm mehr als das notwendigste Wort entlocken.

Er war einer von denen, die vom Nachlass „der Frau Doktor“ profitierte. Die Hanna, von einigen als „Engel vom Hübnerplatz“ bezeichnet, die vor mehr als einem Jahr unter merkwürdigen Umständen oben an der Flensburger Förde Selbstmord begangen hatte, hatte Sarah das Haus an der Ecke Hübner-/Fuertererstraße vermacht und dem Laden ein Legat hinterlassen, aus dem für die ganz Bedürftigen im Quartier, das Mittagessen bezahlt wurde.

Das ging so: Frau Z. und Herr F. verwalteten eine gut gefüllte Kasse, aus der sie für ausgewählte Kundinnen und Kunden mit mickrigen Renten das Essen bezahlten. Und damit niemand von den anderen merkte, dass jemand sein Essen nicht bezahlen konnte, bezahlten auch diese Kunden ihr Essen ganz normal – nur erhielten sie das Geld zurück, wenn gerade niemand zusah.

Herr Brandt kam am Montagmorgen grußlos in den Laden, nahm sich die für ihn immer an derselben Stelle ausliegende Essenliste für die nächste Woche, kreuzte wortlos seine Essenswünsche an und ließ die Liste wortlos an genau der Stelle liegen, von der er sie aufgenommen hatte. In sehr seltenen kommunikativen Anfällen übergab er sie auch wortlos Herrn F. (nie Frau Z.), dann verließ er grußlos wieder den Laden.

Sein Essen holte er genauso wortlos ab, das Geld hatte er auf den Cent abgezählt in der Hand, legte die Münzen auf den Tresen und verschwand ohne ein Wort gesagt zu haben. Wäre er stumm gewesen, hätte er auch nicht mehr gesprochen.

Früher hatte er sich ab und an mit der „Frau Doktor“ über Mathematik und Physik unterhalten, seit die tot war redete er nur mit Udo – und auch das selten genug.

Er litt am Asperger-Syndrom, natürlich konnte er sprechen, er war aber unfähig zu dem, was andere als auch nur halbwegs normale Kommunikation bezeichneten. Und wie so viele Aspergerpatienten war er ein herausragender Mathematiker.

Er hatte die Riemannsche Vermutung bewiesen, die in der Fachwelt zu den großen ungelösten Fragestellungen der Mathematik gehört, seinen Erfolg aber niemandem mitgeteilt, weil er niemanden kannte, der auch nur die Fragestellung verstand. Dabei war die ganz klar, wie er fand: Geradezu läppisch!

Wenn er seine Lösung einem Fachmann mitgeteilt hätte, hätte er wahrscheinlich die Fields-Medaille (den inoffiziellen Nobelpreis der Mathematik) und die Million Dollar, die der Amerikaner Clay für die Lösung ausgesetzt hatte, erhalten. So aber wusste nur er davon und niemand anders.

Die anderen im Quartier hielten ihn für einen harmlosen Irren, der irgendwann oder irgendwo einmal sein Hirn verloren haben musste.

Jetzt lief Aurelius Lucius Brandt jeden späten Nachmittag oder frühen Abend, wenn die Dämmerung einsetzte, mit wohl 50 Plastiktaschen von Lidl (und nur von Lidl!), die er in einem sorgfältig ausbaldowerten System ineinander gepackt hatte, in die Stadt, wanderte jeden Tag denselben Weg in haargenau derselben Geschwindigkeit und kam demzufolge jeden Tag zu genau derselben Zeit wieder nach Hause.

Was niemand auch nur im entferntesten ahnen konnte, war, dass die Taschen auf einigen sorgfältig zwischen die Lidl-Tüten gefalteten Blättern die Lösungen für mathematische Probleme enthielten, die so kompliziert waren, dass noch nicht einmal andere Mathematiker auf die Problemstellungen, geschweige denn die Lösungen, gekommen waren.

Aurelius Lucius Brandt war eines der größten lebenden Genies – er dachte und rechnete in einer Liga mit Einstein und Heisenberg! - und seine Umwelt war nicht in der Lage, das wahrzunehmen.

Brandt lebte in einer kleinen Wohnung, mehr eine Abstellkammer, oben im Eckhaus neben Wolfgang. Der hatte nie Kontakt zu ihm aufnehmen können – aber zumindest ließ er Herrn Brandt in Ruhe und wenn die anderen zum Beispiel im Laden über „den Irren“ herziehen wollten, warf er sich für ihn in die Bresche und verteidigte ihn: „Soll er doch nach seiner Facon selig werden“, beschied er die anderen, „ihr wisst doch gar nicht ob und was der im Grips hat … Bloß weil er ein wenig anders ist, ist der doch nicht doof!“

Wieso Aurelius Lucius Brandt manchmal stockend, aber immerhin, ausgerechnet mit Udo redete, wusste der auch nicht zu erklären. Sie saßen dann in Udos Werkstatt, am liebsten jeder mit einer Katze auf dem Schoß (wenn welche da waren, was aber meistens der Fall war) und schwiegen sich lange an. Irgendwann begann Herr Brandt dann Formeln auf Papierblätter zu malen, von denen der gelernte Werftarbeiter Udo auch nicht im Entferntesten ahnte, was sie bedeuten sollten … Aber er fand sie … schön!

Er sah ganz genau hin, was sein Gegenüber schrieb, hörte die Erklärungen wohl, verstand aber nicht einmal den ersten erläuternden Halbsatz, meistens lachte er Herrn Brandt irgendwann an und beschied ihm, dass er „jetzt gerade im Moment“ ausgestiegen sei aus dessen Gedankengängen! In dem Moment schob er die Katze von seinem Schoß, ging zum Kühlschrank, öffnete zwei Flaschen Bier, reichte eine Herrn Brandt, dann prostete er ihm zu.

Herr Brandt prostete nie zurück und stieß auch nie mit ihm an, das war viel zu kommunikativ für ihn, sondern er trank sein Bier mit großer Sorgfalt langsam bis zum letzten Tropfen aus.

Da Udo nur zwei Biersorten trank – das gute Augustiner, da kannte er den Technikchef und fand, dem könne man jedenfalls vertrauen und „Flens“ aus der Drittelliterflasche mit dem Schnappverschluss (die große Halbliterflasche fand er stillos und lehnte sie strikt ab) - trank auch Herr Brandt nur Augustiner oder Flens, denn nie würde er auf die Idee kommen, sich Bier zu kaufen. Diese Idee lag außerhalb seines gedanklichen Spektrums und außerdem hatte er kein Geld dafür.

Niemand wusste übrigens, woher Herr Brandt an das bisschen Geld kam, über das er verfügen konnte, denn ein bisschen hatte er ja. Aber man wunderte sich, schließlich war er nicht imstande, einer Arbeit nachzugehen oder auch nur Hartz IV zu beantragen. Diese Frage war in der Hübnerstraße ein ungelöstes Rätsel und würde es bleiben …

Nun, tatsächlich hatte er als junger Mann unter den Fittichen seiner für ihn sorgenden Mutter einige Formeln für die Flugzeugindustrie, die südöstlich von München beheimatet ist, entwickelt und aus den Patenten „tröpfelten“ immer noch einige Tantiemen auf ein Konto … Wenn man so wollte, flog jeder Airbus nur, weil der junge Brandt Lösungen für eine Handvoll Formeln entwickelt hatte, auf die außer ihm niemand gekommen war. Damals hatte man ihm eine große Zukunft vorhergesagt, aber er war eines Tages wie vom Erdboden verschwunden. Seine Mutter ahnte damals schon, dass er für ein „normales Leben“ nicht fähig sein würde, deshalb hatte sie jeden Pfennig für ihn gespart. Es war nicht viel, aber er brauchte ja auch nicht viel zum Leben, eigentlich nur die Miete für seine Abstellkammer und ein paar Nebenkosten. Die drei Euro pro Tag für das Essen aus dem Laden bekam er von Frau Z. ja jeweils wieder zugesteckt.

Die „Frau Dokter“, war die einzige gewesen, die ihn und seine Gedankengänge und vor allem was ihn mathematisch bewegte so halbwegs ( eher sechszehntelwegs) verstanden hatte, weil sie unter anderem eine Mathematikerin und irgendwie ein verwandter Geist war, hatte sein Konto vor ihrem Tode ein wenig aufgefüllt – bemerkt hatte er das nie und würde er auch nie bemerken. Geld war für ihn ein seltsames Ding, das verstand er nicht, damit wollte er auch nichts zu tun haben.

In lauen Nächten schlief er zu gerne bei offenen Türen in Udos Werkstatt, im Winter blubberte der eiserne Ofen gemütliche Wärme für Mann und Katzen in den Raum. Udo wusste das und ließ es gerne zu. Er mochte diesen seltsamen Kauz, er genoss es, mit ihm am Abend bei einem oder zwei Bier gemeinsam zu schweigen. Die Zettel mit den seltsamen und doch so ästhetischen Formel-Kritzeleien bewahrte er ab und zu auf, wenn sie ihm besonders bizarr erschienen, und heftete sie mit Nadeln oder kleinen Nägeln an die Werkstattwand. Wenn das ein anderer – allerdings hervorragender! - Mathematiker gesehen und vielleicht halbwegs verstanden hätte, dann wäre die Werkstatt schon lange ein Wallfahrtsort der Rechenkünstler und Logiker geworden!

So war und blieb es tagsüber nur Udos Werkstatt und nachts manchmal Herrn Brandts Lieblingsschlafstätte. Mancher der Brandtschen Zettel hatten eine Zweitverwendung gefunden, zum Beispiel wenn Udo auf der Rückseite eine Skizze gemacht hatte, wie er einige Stahlstücke zusammenschweißen wollte.

In einer Ecke hatte Udo für Aurelius Lucius Brandt eine Schlafstätte aus Stahlstücken, die im Metallhandel übrig geblieben waren, zusammengeschweißt und mit einer einfachen Matratze und einem alten Schlafsack zu einem einfachen Lager hergerichtet. Mehr brauchte und wollte das verkannte Genie nicht. Ihm reichte es, hier ungestört zu sein – gestört höchstens durch eine rollige Katze mit ihren heißen Verehrern, die sich um sie prügelten, während die sich schon mit einem jungen Favoriten irgendwo zurückgezogen hatte, wo sie es dann mit ihm trieb … Aber das empfand Herr Brandt nicht als Störung, das war einfach nur Natur, das konnte er verstehen, wenn es auch nicht für ihn in Frage gekommen wäre. Frauen standen auf seiner Agenda nicht weit oben, eher weit unten …

Was wahrscheinlich für beide Seiten sinnvoll war.

Manchmal „raubte“ Udo Sarah Kühlschrank ein wenig aus – so, dass die das nicht merken konnte (sie tat es natürlich doch). Dann verschwanden ein wenig Käse, etwas gekochter Schinken, einige Radl Wurst, um in der Werkstatt für Herrn Brandt bereit gelegt zu werden. Der würde nie auf die Idee kommen sich zu bedanken – viel zu viel „Kommunikation“ oder „menschliche Nähe“, aber Udo wusste, dass Herr Brandt das goutieren würde. „Der arme Kerl musste ja von etwas leben“, dachte er und stellte noch ein oder zwei Bier dazu.

Wenn Udo am nächsten Morgen in die Werkstatt kam, hatte Herr Brandt aufgeräumt, sein Teller, sein Glas und sein Messer waren geputzt und standen haargenau so da, wie Udo es hingestellt hatte.

Herr Brandt war dann schon wieder verschwunden – morgens ohne die Tüten!

17. Juli. Im Laden

Das Mittagstischangebot im Laden hatte für heute wie folgt gelautet:

Blumenkohlsuppe mit Hackfleischknöderl

Pizza

Gemüse-Kalbshack-Nudelpfanne

Aber gegen 10 Uhr hatte der Bauleiter für die Läden und Wohnungen im Haus einmal wieder den Strom abgestellt und die Stahltür zum Verteilerraum im Keller abgeschlossen. Die Bohrhammer der polnischen Bauarbeiter wurden unterdessen über eine gesonderte Baustrom Leitung versorgt, was weithin unüberhörbar war. Dann war der Bauleiter verschwunden – zumindest war er unauffindbar.

Ohne Strom konnte Frau Z. nicht kochen. Schließlich war Herr F. zu Ernstls Kiosk in der Leonrodstraße gefahren und hatte den „auf Knien“ um jede Portion Kartoffelsalat angefleht, die der hergeben konnte. Er hatte Glück, denn Ernstl schien die Situation vorausgesehen zu haben - er hatte eine besonders große Menge angesetzt.

Jedenfalls konnte Herr F. genügend von Ernstls Kartoffelsalat für seine Kunden beschaffen. Seine Notfallplanung sah vor, immer einen Eimer Bockwürste vorrätig zu halten. Und er hatte, aus Erfahrung klug geworden, einen großen Campingkocher, den er mit Gas aus einer Bombe betrieb. Also gab es Kartoffelsalat und heiße Würstchen für alle.

Was keineswegs alle Kunden glücklich machen würde, das wusste Herr F., denn erstens hatte es in den letzten Wochen schon mehrfach Kartoffelsalat geben müssen – allerdings den guten bayerischen Kartoffelsalat von Frau Z. - und zweitens war Ernstls Kartoffelsalat ein artfremder, nämlich ein „norddeutscher“ mit Mayonnaise, Gewürzgurken und Äpfeln, und den mochte nicht jeder Bayer.

Das Gegrummel der Kunden und Kundinnen war entsprechend groß. Und es kamen ja nicht nur Kunden aus dem Haus, die das Theater mit Strom haben und Strom nicht haben am eigenen Leib miterlebten, und deshalb wieder froh waren, dass Frau Z. überhaupt ein Essen hergezaubert hatte. Die anderen aus der Nachbarschaft hatten schon einmal gedroht, in Zukunft zum Türken oder zum „Pizzamenschen“ in der Dom Pedro-Straße zu wechseln.

„Ja mei“, sagte Frau Z. dann, „dann kann i’ des auch nicht ändern. Ohne Strom kann i’ net ...“ (kochen, meinte sie), „und an Gasherd hab’ ich schon lang nicht mehr. Und selbst wenn, dann tät’ s’ uns eben das Gas abstellen, die.“

„Das ist ja wie damals im Krieg“ hatte Frau Zeiller wütend gesagt.

„Ja“, hatte Herr F. geantwortet, „dann zeigen sie mal ihre Essensmarken her. Und in welchem Krieg wollen sie denn wohl dabei gewesen sein? Sie mit ihren 70 Jahren?“

„Pah“, hatte Frau Zeiller entrüstet gesagt, „pah, ich bin doch keine Siebzig! Ich bin erst 68...“

„Siehste“, hatte Herr F. gesagt, „und welchen Krieg meinen sie dann? Als sie geboren wurden, war der 2. Weltkrieg doch schon aus! Wer ist als nächster dran? Ach, die Frau Anwältin, kommen sie nach vorne, sie haben es bestimmt eilig, oder? Sie müssen ja die Kanzlei führen ... Sagen sie einmal, war das vorgestern diese Schauspielerin, die da zu ihnen wollte, wie heißt die noch gleich?“

Herr F. war immer gut informiert, schon wegen seines Aussichtsplatzes auf der Bierkiste vor der Tür. Denn im Laden durfte er nicht rauchen. Und nicht erst seit dem bayerischen Rauchverbot, das interessierte ihn nicht. Sein persönliches Rauchverbot hatte Frau Z. schon vor mehr als 10 Jahren verfügt. „Im Laden wird gearbeitet“, hatte sie bestimmt, „rauchen kannst du draußen vor der Tür – oder Bier trinken ...“

„Herr F.“ lachte die Anwältin, „Sie versuchen es doch immer wieder. Dabei wissen sie doch: Ich unterliege strikter Schweigepflicht! Und selbst wenn ich dürfte, ich würde es nicht sagen ...“

„Hört doch keiner, oder seh’n Sie wen“, grinste Herr in die Runde der sechs oder sieben Kunden, die alle geduldig auf ihren Kartoffelsalat warteten oder genauer gesagt, auf die heißen Bockwürste, die bald kommen mussten.

„Ich sage aber trotzdem nichts ...“

„Aber seitdem sie wieder in der Focusliste der besten Anwälte waren, laufen ihnen die Kunden doch die Tür ein ... Sagen sie mal, sie sind doch Mieteranwältin, oder? Können sie uns nicht helfen?“

„Nein“, seufzte die Anwältin, „Mietrecht mache ich seit 15 Jahren nicht mehr, da sollten sie sich jemand anders suchen. Tut mir echt leid, aber ich bin ziemlich raus aus dem Fachgebiet ...“

„Das wird immer schlimmer in dem Haus“, warf Herr Moser von hinten aus der Reihe, der um Kartoffelsalat respektive nach Bockwurst Anstehenden ein, „langsam ist es nicht mehr auszuhalten. Ich denke ernsthaft daran, doch auszuziehen ...“

„Mensch, Herr Moser, das dürfen sie nicht“, wandte Herr F. besorgt ein, „wir müssen doch zusammen halten, wir haben doch gesagt, das stehen wir zusammen durch. Wir sind doch eine verschworene Gemeinschaft. Und wo wollen sie denn auch hin? Nach Goslar etwa? Da sind die Mieten noch niedrig, aber doch nur, weil da keiner wohnen will. Da ziehen doch alle weg, sogar die Alten, die es sich noch leisten können. Da können sie doch gleich auf den Friedhof umziehen, also, im übertragenen Sinne, meine ich. Die Mieten, die in München bei einem Umzug heute verlangt werden, geben unsere Renten doch gar nicht her. Wo wollen sie denn in München hinziehen? Geht doch gar nicht. Da können sie sich lieber gleich die Kugel geben.“

Als er die entsetzten Gesichter vor sich sah, versuchte er zurückzurudern. „Naja, das sagt man so... das habe ich ja nicht wirklich gemeint, nicht!“

„Nana“, sagte Herr Moser, „Sie haben schon recht. Von der Rente kannst du in München nicht mehr leben, oder nur, wenn du schon 25 Jahre in der Wohnung wohnst, und selbst dann ...“

„Ich war letztes Jahr in Rügen in Urlaub“, sagte die Anwältin, „Sie, da kostet im Supermarkt alles nur die Hälfte gegenüber München. Das Leben dort ist viel billiger.“

„Ja, aber möchten sie da leben?“, fragte Frau Zeiller, „da an der Küste, die reden ja ganz falsch, da verstehst als Bayerin ja nichts. Das weiß ich nämlich, weil ich habe immer „Ein Bayer auf Rügen gesehen“ – das wär‘ nichts für mich dort droben!“

„Und der Wind erst“, sagte die Anwältin, „da weht es immer so ... andererseits, die Alleestraßen, die sind schon sehr schön. Am schönsten sind die, wo noch Kopfsteinpflaster ist!“

Herr F. ging nicht darauf ein, sondern sagte stattdessen: „Wehe, wenn die Vermieter eine thermische Isolierung des Hauses vornehmen und vielleicht einen Fahrstuhl einbauen oder auch nur eine neue zugdichte Haustür, das können die alles auf die Mieter umlegen – für immer! Und die Mieten steigen ins Unendliche. Das kann unsereiner nicht mehr zahlen.“

„Mei früher, da hatten wir die Kriege, die was alles kaputt und alle arm gemacht haben, heute sind es die Mieten!“, gab Frau R. zu bedenken. „Und wie wird das nur das mit der Ladenmiete? Die wird doch bald ins Unendliche steigen ...“

Da grinste Herr F. hintergründig und sagte: „Nein, bei uns ist das anders. Vor ein paar Jahren war der Vermieter schwach auf der Brust, verkaufen wollte er aber nicht – und da haben wir die Miete für zwölf Jahre einfach im Voraus bezahlt. Wir haben noch fünf Jahre Kündigungsschutz und uns kann man die Miete auch nicht erhöhen! Dumm für die Kerle aus dem Vertriebspoint dahinten um die Ecke. Uns kriegen die erst einmal nicht los!“

Mit einem Topf in beiden Händen kam Frau Z. aus der Küche. Den letzten Satz hatte sie gehört. „Wen krieg‘n die net los? Ach so, uns gell? Ja, wir sitz‘n dene im Pelz. Ich glaub‘, über uns ärgern die sich richtig. G‘schieht dene ganz recht! So“, sagte sie und stellte den Topf mit Schwung ab, „da san’s, de Bockwürscht. Jürgen, hast du den Kartoffelsalat abgefüllt? Na, natürli‘ net …, wahrscheinlich hat er wieder politisiert, der Jürgen gell?“, fragte Frau Z. mit einem Lächeln im Gesicht, und viel Zuneigung zu ihrem Jürgen in der Stimme, in die Runde „das macht er ja zu gern und dann vergisst er d‘ Arbeit. Jürgen, wie viele Portionen brauchen wir denn jetzt noch?“

Sie kontrollierte die Bestellliste. „Aha, no‘amal acht Portionen. Des gibt der Topf noch her. Jürgen!! Jetzt füll doch amal ab bitt‘schön. Ich kann doch nicht alles alleine machen“, klagte sie jetzt , „alles muss ma‘ selber machen... Mannsbilder, gell!“

Als Herr Z. zum Löffel greifen wollte, um den Salat portionsweise zu verteilen, schüttelte sie den Kopf: „Jürgen, das mache ich doch schon. Füll du den Senf ab. Wer will denn jetzt an Senf zur Bockwurscht?“

Aus der Schlange waren einige „ichs“ zu vernehmen. „Hast du mitgezählt, Jürgen? Nein, net gell?“ Sie seufzte: „Viermal Senf, Jürgen!“

Der grinste frech zu den wartenden Kunden und Kundinnen und sagte in ihre Richtung: „Yes, Massa, viermal Senf!“, und in die Runde fragte er noch: „Wie hätten´s es denn lieber, aus dem Glasl oder aus der Tube?“

„Ach, Jürgen“, seufzte Frau Z. milde lächelnd, „das ist doch egal! Aber so ist er halt einfach, mein Jürgen ...“

Irgendjemand sagte „Glas“, jemand anders „Tube“ – darum kümmerte Herr F. sich nicht, er nahm die Tube und drückte ...

Inzwischen war Wolfgang aus dem dritten Stock in den Laden gekommen. Mit ihm kam der Autor aus dem Nachbarhaus. Offenbar plauderten Sie über das nächste Buch des Autors. Es ging um Häuser und um einen Hacker ...

Wolfgang kam immer ein paar Minuten nach eins, wenn der Laden offiziell schon geschlossen war, aber das nahm man hier nicht so genau. „Gibt es noch etwas für uns?“, fragte er über die Reihe der vor der Kühltheke Anstehenden hinweg.

„A‘ einzige Portion Kartoffelsalat – aber dann krieg‘ i‘ nix mehr raus da“, antwortete Frau Z.

„Ach nein“, winkte Wolfgang ab, „die letzte will ich nicht, Frau Z., ich werde ihnen doch nicht ihr Mittagessen wegessen, nein, wir brauchen sie doch noch, nicht wahr. Dann gehe ich eben zum Augustiner und esse Schinkennudeln oder ich gehe zum Kiosk auf eine Currywurst. Jürgen, hast du nachher Zeit? Ich wollte etwas mit dir bereden ... Vielleicht am Kiosk? Gegen zwei Uhr oder halb drei? Paßt das?“ Dabei blickte er Frau Z. fragend an, wohl wissend, dass Jürgen sich nach ihr richten würde.

„Geh nur zua, Jürgen“, sagte Frau Z. und atmete dabei tief durch, „g‘wiss wieder Männersachen, oder? Aber dann isst du dort‘n auch was, gell, dann bleibt nämlich mir die letzte Wurscht ... oder woll‘n Sie die?“, fragte sie den Autor. Der winkte ab und bestellte zwei Wurstsemmeln.

Dann wandte er sich wieder dem Autor zu: „Also es geht um Entmietung und ein Hacker hackt sich in das städtische Grundbuch ein und überträgt heimlich das Eigentum an dem Haus an einen der Bewohner?“

Der Autor nickte: „Genau, oder so in etwa ... genau weiß ich es selber noch nicht. Das ergibt sich teilweise erst beim Schreiben.“

„Hört sich gut an“, bestätigte Wolfgang, der alle Thriller des Autors gelesen hatte, „und unter welchem Namen wird es veröffentlicht?“

Der Autor zuckte die Schultern: „Darf ich doch nicht sagen!“

„Schwede? Norweger? Däne?“, bohrte Wolfgang.

„Nix da“, lachte der Autor, „ich sage nichts ...“ und bediente sich eines Singsangs, der auf Schweden oder Dänemark schließen ließ.

„Sie, Frau Z.“, sagte er dann noch, „ich nehme noch einen Apfelsaft. Haben Sie noch den Guten, den Naturtrüben?“

Frau Z. deutete in die Ecke am Fenster: „Da drüben, da müsst‘ no‘ a‘ Kist‘n steh‘n.“ Sie addierte die Bestellung des Autors, „zwei Wurstsemmeln, ein Saft ... Sie, Herr Cabra, das macht genau sechs Euro. Brauchen sie eine Tüte?“

17 Juli. Am Kiosk

Als Herr F. am Kiosk in der Leonrodstraße eintraf, standen Wolfgang, Udo und Ernstl am schon Stehtisch hinter dem Kiosk und warteten auf ihn. Vor jedem der drei stand eine Tasse Kaffee. Herr F. wusste, dass das „Kaffee plus“ war, also Kaffee mit Schuss. Wobei der Schuss je nach Geschmack Rum, Wodka oder Cognac und größer oder kleiner sein konnte. Jetzt am frühen Nachmittag vermutete er eher ein Schüsschen, gerade genug, um den Geschmack ein wenig abzurunden.

„Mahlzeit Jürgen“, sagte Ernstl, als Herr F. sich dazu stellte, „ich weiß schon, Currywurst mit Salat? Wolfgang hat`s gesagt, dass du zuhause nichts mehr abbekommen hast ...“

„Ja“, nickte Herr F., „ich habe Hunger: Currywurst, schön braun, schön scharf, viel Salat und extra Soße und ein Alkoholfreies!“

Die Soße bereitete Ernstl genauso selber zu wie den Salat, sie war das eigentliche Geheimnis an der Currywurst. Das Rezept verriet Ernstl niemanden, nicht einmal seinen Freunden und Lieblingskunden. Auf jeden Fall kam sie nicht aus Flaschen von Heinz und auch nicht aus der bräunlich-roten Plastikflasche mit Gewürzketchup von HELA.

Er verschwand in seinem Kiosk, legte die Wurst in die Bratpfanne und servierte Herrn F. das alkoholfreie Bier. Mit einem „komme gleich wieder!“, verschwand er in seiner Bude, um sich um die Wurst zu kümmern.

„Ich finde“, sagte Wolfgang, „wir müssen etwas tun ...“

Er sah Udo und Herrn F. an, die ihn gespannt anschauten.

„So geht das nicht weiter, mal ist der Strom weg, dann das Wasser, dann ist wieder so viel Spannung auf der Leitung, dass es mir das Radio durchgehauen hat. Meine Katze ist schon ganz dappisch von dem ewigen Lärm ... ich glaube, die ist ausgezogen...“

„Ja“, bestätigte Udo, „die ist seit ein paar Tagen bei mir in der Werkstatt. Scheint ihr zu gefallen mit all den anderen Katzen aus der Umgebung!“

Die Katzen der Umgebung trafen sich regelmäßig in den beiden Werkstätten auf dem Gelände des Metallhandels in der Fasaneriestraße. Dort gab es Mäuse ohne Ende (aber keine Ratten!). Und wenn die Mäuse einmal weggefangen waren, sorgten Udo und Herr Bartling, dem der Buntmetallhandel gehörte, für Futternachschub aus der Tüte. Im Sommer standen die Türen der Werkstätten offen, im Winter bediente katze sich der extra eingebauten Katzenklappen. Katzen waren hier willkommen! Im Winter bullerten die eisernen Öfen gemütlich vor sich hin und die Katzen dösten in der Wärme auf ihren Lieblingsplätzen. Ab und zu gab es Raufereien – aber die gehörten dazu und hörten sich für menschliche Ohren weitaus schlimmer an als sie waren. Noch lauter wurde es nur, wenn eine Kätzin rollig war.

Kurz und gut, den Katzen ging es hier richtig gut.

„Dann ist es ja gut“, meinte Wolfgang und trank noch einen Schluck Kaffee mit Schuss. Er wusste, seine Katze würde wiederkommen.

„Sag mal,“ fragte Udo nach einiger Zeit, „wie machst Du das eigentlich im Laden. Wenn ich das richtig sehe, habt ihr sechs Tiefkühlschränke, zwei Kühltheken, einen Warmhalteschrank und dann noch die Küche...?“

„Ja“, sagte Herr F., der einen Moment nachgedacht hatte, „stimmt – gut gezählt. Und?“

„Was ist mit der Ware, da drin... ich meine, wenn der Strom ausfällt?“

„Mensch, mal nicht den Teufel an die Wand, so lange haben die uns den Strom noch nicht abgestellt, dass die Ware verdorben ist! Aber wenn ..., dann Gnade uns Gott, da liegen für Tausende Euros Vorräte drin...“. Herr F. wurde ein wenig blass, „da darf ich gar nicht dran denken!“

„Solltest Du aber“, meinte Wolfgang, „die ziehen die Daumenschrauben bei uns noch an, garantiert, gerade bei Dir! Dich kriegen sie doch nur raus, wenn ihr aufgebt!“

Ja“, dachte Herr F. laut nach, „da ist etwas dran!“

„Deshalb sollten wir da vorbereitet sein“, sagte Udo, „ich will doch nicht jeden Tag Kartoffelsalat essen, so gut er auch schmecken mag ...“

„Liegt die Lösung nicht auf der Hand?“, fragte Wolfgang.

„Was meinst du denn?“, fragte Udo.

„Naja, ich bin ja kein Elektriker, aber ich frage mich, kann man nicht von woanders her Strom bekommen, wenn diese Saubande uns mal wieder den Strom abgeschaltet hat? Aus dem Nachbarhaus vielleicht? Stichwort: Fliegende Leitungen oder so?“

Er sah Herrn F. erwartungsvoll an, denn er wusste, dass der bei allem „Elektrischen“ ein echter Crack war.

„Ganz so einfach ist das nicht“, sagte Herr F. nachdenklich, „außerdem ist´s streng verboten, an den Kabeln zu manipulieren ... Andererseits, es ist inzwischen schon sehr ärgerlich ... Die spielen ja richtig mit uns. Uns schalten sie den Strom immer öfter ab, meist genau dann, wenn wir kochen müssen!“

„Das meine ich ja“, sagte Wolfgang, „kannst du da nicht etwas machen? Du kannst doch so gut „elektrisch“!“

„Und wenn ihr den Strom von uns holt? Ich meine, aus den Werkstätten?“, warf Udo fragend ein, „ich habe ja so nicht viel Ahnung davon wie unser Herr F. hier, aber wir müssten doch eine ziemlich dicke Leitung haben, oder wie man das nennt, bei all den Maschinen.“

Herr F. schaute ihn nachdenklich an.

„Und wir klauen ja auch keinen Strom von den Stadtwerken, den könnte man doch nach unserem Zähler abzwacken, oder? Ihr müsstet dem Bartling halt etwas zahlen für den Strom, den Ihr abzieht.“

„Vielleicht“, sagte Herr F., „aber erwischen lassen dürfen wir uns nicht!“

„Ist ja nicht für immer“, warf Wolfgang ein, „nur übergangsweise ...“

„Das könnte klappen“, dachte Herr F. laut nach, „meint ihr, wir müssen alle noch bewohnten Wohnungen versorgen oder nur den Laden?“

„Zu allererst den Laden, das ist klar“, sagte Udo, „naja, wäre schön, wenn ich auch immer Strom hätte ... aber ist nicht so wichtig, wieder Laden! Sag mal, da müsste doch fast ein fliegendes Kabel reichen, mit einem Mehrfachstecker ...“

„Nee“, nicht, wenn die Herde dabei sind“, dachte Herr F. laut nach, „und eine Sicherung brauchen wir auch!“

Wo kommt denn bei Euch das Kabel von den Stadtwerken an?“, fragte er Udo, „weißt du das?“

„In der Werkstatt, gleich an der Hauswand zu Eurem Haus“, grinste Udo jetzt breit, „an der Wand sind auch die großen Kästen der Stadtwerke und die Verteiler und die Stromzähler“.

„Das ist gut“, sagte Herr F., „da ist bei uns auf der anderen Seite der Hauswand unser Keller ...“

Ernstl brachte den Teller und das in eine Serviette eingewickelte Besteck für Herrn F.

„Guten Appetit“, sagte er, „lass es Dir schmecken! Mit besonders viel Curry, wie du es immer willst.“

Herr F. schnitt sich ein Stück Wurst ab, tauchte es mit Bedacht in die Soße, tunkte das Ganze noch einmal da ein, wo besonders viel Curry war und biss dann genüsslich hinein. Als nächstes nahm er eine Gabel voll Kartoffelsalat und nahm auch da eine gehörige Portion Soße mit. Er kaute, er schmeckte, dann blickte er Ernstl einen Moment lang an und sagte „“Köstlich, Ernstl!“ Und nach einem Moment des Überlegens fuhr er fort: „Könnte ich nicht besser machen ...“

„Ja“, sagte Ernstl, „vielleicht - aber dazu braucht es Strom – und den hast du nicht. Also sei zufrieden mit dem, was du bei mir bekommst ... Etwas anderes bekommst du nämlich nicht.“

„Ist er“, stimmte Udo ein, „er ist zufrieden, Ernstl! Keine Sorge!“ und Herr F. nickte nur. Gerade wollte er ansetzen, dass er einmal ein fünfgängiges Menü mit einer französischen Wurst bereitet hatte, als Wolfgang weiter sprach: „Die großen Wohnungen im vierten Stock und im Dachgeschoss scheinen übrigens fertig zu sein. Ich habe gestern mal einen Blick hinein werfen können. Dieser Maurer aus Deggendorf war da, alleine, der ist ganz in Ordnung ... Der hat mich rein gelassen. Man, ich sage Euch, die sind klasse, die Wohnungen, vom Feinsten: Parkettboden, echt Eiche, Marmor – stark! Da geht jetzt der Verkauf los, hat er gesagt.“

„Dann kriegt ihr ja vielleicht Strom im Haus, ich meine, wenn sich ein Kaufinteressierter die Wohnung anschauen will, dann will der ja auch Licht haben, oder?“, warf Udo ein.

„Die Wohnungen haben im Verteilerraum schon neue Leitungen, nicht so ein Bruch wie die alten Bewohner, die sind einzeln abgesichert, die Bande kann Strom nur für die beiden Wohnungen anschalten, sogar einzeln“, sagte Herr F., „ich habe mir das einmal angesehen. Das bringt uns nicht weiter!“

„Nee, das meine ich auch nicht“, sagte Wolfgang, „ich dachte da an etwas anderes ...“ Die anderen schauten ihn neugierig an.

„Lass uns vorher noch einmal auf den Strom zurückkommen“, bat Herr F., „das könnte doch so gehen ...“ Als er fertig war, lachten Udo und Wolfgang ihn an.

„Sag´ ich doch“, sagte Udo, „einfacher als ich dachte ...“

„Ja“, gab Wolfgang etwas traurig zu, „für den Laden! Ich habe deshalb noch keine sichere Versorgung ... Aber ich sehe ein, der Laden ist wichtiger! Wann machen wir´s?“

„Bald, denke ich“, sagte Herr F., „da müssen nur die Bauarbeiter aus dem Haus sein ...“

„Also am Samstag oder Sonntag!“, meinte Wolfgang, „wie lange brauchen wir?“

„Im Haus?“, dachte Udo laut nach, „zwei Stunden? Ich besorge die Kabel. Herr F. welche Spezifikationen?“

„Muss ich drüber nachdenken… Das sage ich noch...“!

„Gut, dann haben wir das! Sagt einmal, können wir denen nicht die Suppe so richtig versalzen, den Verkäufern, meine ich. Also, irgendwie ... Die spielen mit uns doch auch nicht sauber ...“ fragte Wolfgang als nächstes.

„Und an was denkst du?“, fragte Udo.

Als Wolfgang seinen Plan erläutert hatte, grinsten sie „über alle vier Backen“...

„Das müsste zu machen sein“, sagte Udo lächelnd.

„Aber wie kommen wir an die Schlüssel?“, fragte Herr F., „der Rest ist vergleichsweise einfach.“

„Ach“, sagte Udo, „auch da habe ich so eine Idee. Eine vage zwar, aber immerhin ... Ich sage Euch morgen Bescheid, ob das etwas wird.“

Udo und Wolfgang blieben noch eine Weile am Kiosk, um noch einen Kaffee zu trinken, Herr F. verabschiedete sich, satt und „weil die Arbeit wartete“, wie er sagte, dabei hätte er gerne noch ein bisschen geschwätzt.

20. Juli. Im Laden

Gegen halb vier Uhr betrat Wolfgang den Laden, in dem Herr F. den unvermeidlichen Baustellenstaub zusammenkehrte.

„Kannst du einmal mit herauf zu mir kommen?“, fragte Wolfgang, „ich muss dir etwas zeigen, sonst glaubst du es nicht!“

Herr F. stellte dankbar den Besen zur Seite und rief Frau Z., die in der Küche werkelte, zu, dass er gleich wieder da sein würde. Dann wischte er seine Hände an einem Geschirrtuch ab und sagte: „Gehen wir! Was gibt`s denn?“

„Das musst du sehen ...“

Sie kletterten im Treppenhaus über alle möglichen Hindernisse, die die Bauarbeiter hinterlassen hatten, bis in den dritten Stock. Dann zeigte Wolfgang auf seine Wohnungstür ... oder das, wo einmal seine Wohnungstür gewesen war. Jetzt war da – eine Mauer! Statt einer Tür sah Herr F. vom Boden bis zur Decke nur schnell aufgemauerte Hohlsteine. Die Maurer hatten sich keine Mühe gegeben, der Mörtel quellte aus den Fugen, die Wand war weder sehr gerade noch sonst wie sorgfältig gemauert. Nur, dass da eben keine Tür mehr war, durch die Wolfgang seine Wohnung betreten konnte.

Herr F. klingelte an der gegenüber liegenden Wohnungstür von Frau Wegmann.

„Ja“, hörte er die Stimme der alten Dame leise hinter der Tür, „wer ist da?“

„Ich bin`s“, sagte Herr F.

„Wer ist „ich“?“, fragte die Stimme.

„Wir – Herr F. aus dem Laden im Erdgeschoss und ihr Nachbar, der Wolfgang“, antwortete Herr F.

Er hörte, wie ein Riegel zurückgeschoben wurde, dann öffnete sich die Tür gerade so weit, wie es die vorgelegte Kette erlaubte. Eine vorsichtige Frau Wegmann lugte mit einem Auge durch den Türspalt. Als sie sah, dass da wirklich Herr F. und ihr Nachbar standen, sagte sie „Moment, bitte!“, schloss die Tür, entfernte die Kette und öffnete die Tür jetzt ganz.

„Ja?“, fragte sie, „was wollen sie?“

„Sehen sie mal auf die Tür da drüben“, bat Herr F. und zeigte in Richtung von Wolfgangs Wohnung.

Sie schaute, ihre Augen weiteten sich, vor Schreck schlug sie sich die Hand vor den Mund: „Wo ist denn die Tür? Was ist da denn los?“

„Tja“, sagte Wolfgang, „die haben sie heute zugemauert ...“

„Einfach so?“, fragte Frau Wegmann, „und wenn sie drinnen gewesen wären?“

„Einfach so“, sagte Wolfgang und zuckte mit den Achseln, „keine Ahnung, was die gemacht hätten wenn ich zuhause gewesen wäre. Wahrscheinlich nichts. Heute! Sonst hätten sie´s ein anderes Mal gemacht, glaube ich. Haben sie etwas gesehen oder gehört, Frau Wegmann? Mehr wollen wir gar nicht wissen.“

„Ich höre ja nicht mehr so gut, wissen sie“, sagte Frau Wegmann entschuldigend, „aber ich glaube, dass da schon Lärm war vorhin! Da habe ich durch den Spion geschaut. Nicht dass ich neugierig wäre, ich blicke nur selten durch den Spion, wissen Sie! Da war aber nicht viel zu sehen ... Nur zwei Männer waren da, der eine, der neulich auf dem Gerüst war, glaube ich, und ein noch jüngerer, ein Blonder. Die haben zwei Arbeitern Anweisungen gegeben. Gesehen habe ich die aber nicht, die Arbeiter, meine ich, nur die beiden im Anzug – und die mauern ja wohl nicht, nicht wahr?“, fragte Frau Wegmann. „Aber die beiden, die ich gesehen habe, die wollten sich weglachen ... Und dann waren die weg. Und weil es dann endlich einmal nicht so laut war, bin ich im Sessel eingeschlafen, glaube ich, ich schlafe viel in letzter Zeit. Ich bin ja eine alte Frau. Ich bin immer so müde, wissen sie. Vor allem nach der Nachtarbeit mit den Betttuch, das war ganz schön anstrengend. Wenn mir die Frau R. da nicht geholfen hätte, hätte ich das eh nicht geschafft. Die ist vielleicht zäh, die R., die hält etwas aus! Ob dass das Tanzen ist?“ Sie macht eine Pause, als ob sie nachdenken müsse: „Und was hätte ich denn auch tun können?“

„Nichts, Frau Wegmann“, beruhigte Wolfgang seine Nachbarin, „nichts hätten sie machen können, nein, sie haben uns schon sehr geholfen! Vielen Dank!“

„Ja“, sagte die, „da nicht für – aber was machen sie denn nun?“

„Wahrscheinlich ein wenig Lärm, wenn ich die Mauer einreiße, Frau Wegmann“.

„Naja, ich bin ja eh schon fast taub von all dem Lärm hier. Das werde ich kaum hören. Ich glaube, die machen das absichtlich ..., den Lärm, meine ich“, sagte Frau Wegmann, „und sie müssen ja auch in ihre Wohnung, nicht wahr? Ist denn Ihre Miezekatze da drinnen eingesperrt?“

„Nein, die ist über das Gerüst unterwegs“, sagte Wolfgang, „aber jetzt muss ich mir erst einmal ein Brecheisen besorgen ...“

„Ich rufe Udo an“, sagte Herr F., „der hat schweres Gerät!“

Eine viertel Stunde später kam Udo mit zwei Brecheisen. Nach zehn Minuten und einigen kraftvollen Schläge mit dem schweren Werkzeug war die Wohnungstür wieder freigelegt.

„Den Dreck, also die Steine, sollen die wegschaffen“, sagte Wolfgang und betonte das „die“, „wir machen nur noch den Weg für Frau Wegmann frei, damit sie raus kann ... Und ich muss erst einmal duschen“.

„Falls du Wasser hast!“, gab Udo zu bedenken, „sonst komm mit zu uns ...“

Wie befürchtet, hatten die Maurer oder wer auch immer ganze Arbeit geleistet, denn das Wasser war abgestellt. Sie hatten erst überlegt, ob sie das Wasser im Keller wieder anstellen sollten. Aber die Tür war abgeschlossen und Wolfgang meinte, er hätte jetzt keine Lust, das würde er nachher machen, wenn Udo zu seiner Duscheinladung stehen würde, würde er die gerne annehmen. Das mit dem Wasser würde er in Angriff nehmen, wenn er wieder nach Hause kommen würde. Und die Wegmann würde jetzt auch schon wieder schlafen und sich nicht gerade einen Tee kochen wollen. Außerdem hatten alle, die noch im Hause wohnten, aus Erfahrung einen kleinen Wasservorrat in der Wohnung.

Also zogen die beiden dreckigen Männer mit den großen Brecheisen in den Händen durch die Hübnerstraße.

„Wie seht ihr denn aus?“, fragte Sarah, als die beiden staubüberkrusteten Männer ihre Wohnung betraten. „mal wieder Ärger im Eckhaus?“

„Und wie“, bestätigte Udo und erzählte ihr, was passiert war.

„Ich glaube“, sagte eine empörte Sarah, „es wird Zeit, dass wir uns ernsthaft zu wehren beginnen ... oder was meint ihr?“

Beide nickten zustimmend.

„Nun duscht erst einmal“, wies sie, typisch Frau, Udo und Wolfgang an, „Wolfgang braucht etwas anzuziehen - Unterhose, Socken, ein Hemd und eine Hose ... Ich suche ihm etwas von Dir raus! Du bist zwar dicker, aber das muss gehen ... Und er muss ja auch nur die 100 Meter bis nach Hause damit. Und dann mache ich uns ein Bier auf, oder? Ach ja, Handtücher braucht er auch ..., der Arme.“

Abends saßen Udo, Sarah und die Kommissarin, die kurz nach Hannas Tod in das Haus Hübnerstraße Ecke Fuetererstraße eingezogen war, wie an so manchem gemütlichen Abend, in Sarahs und Udos großer Küche zusammen. Sie plauderten über Gott und die Welt. Natürlich auch über die neuesten Entwicklungen im Eckhaus, das nur einen Block entfernt war.

Als Udo erzählte, dass Herr F. versuchen würde, eine unabhängige Stromversorgung für die noch bewohnten Wohnungen im Eckhaus herzustellen, indem er die Stromversorgung des Buntmetallhandels nebenan anzapfen würde, sagte die Kommissarin: „Udo, erzähl mir nichts, davon will ich gar nichts wissen. Du weißt doch, dass ich das gar nicht wissen darf ... Wir haben auch gar nicht darüber gesprochen!“

Udo lächelte sie an. „Ist schon klar“, sagte er, „aber Du gehörst doch inzwischen zu uns, oder?“

Die Kommissarin hatte vor mehr als einem Jahr in einigen Mordfällen ermittelt, die Polizei hatte die Täter nicht fassen können. Zu diesen Todesfällen gehörten der Tod der ehemaligen Hausbesitzerin Dr. Hanna und von einem Wirt aus der Barerstraße, eines Kunsthändlers aus der Türkenstraße und eines Stadtrates und, nicht zu vergessen, eines Wirtes eines Promilokales in der Innenstadt. Außerdem waren da noch die rätselhaften Morde an einer Möchtegern-Rockerband aus der Messestadt Riem. Keine der Taten konnte aufgeklärt werden. Die Kommissarin hatte zwar angedeutet, wen sie verdächtigte, nämlich einen Mann aus dem Freundeskreis von Sarah und Udo. Der sogenannte „Graf“ war in Portugal untergetaucht und blieb bis heute verschwunden. Seit er fort war, hatte es keine rätselhaften Morde mehr in München gegeben.

„Ja“, bestätigte die Kommissarin, „ich gehöre zu Euch, aber ich bin immer noch Polizistin, Udo, das weißt Du, da darf ich manches einfach nicht erfahren, geschweige denn wissen, denn ich müsste sonst handeln – und zwar als Polizistin! Das will ich aber lieber nicht, das wollt Ihr nicht, das will keiner von uns!“

„Klar“, sagte Sarah und als sie sah, dass Udo offenbar zum Widersprechen ansetzte, fuhr sie dem über den Mund: „Nun lass es gut sein, Udo!“

„Schade“, sagte Udo, „dabei bräuchte ich eigentlich nur zu wissen, wie man ein Türschloss aufmacht ...“

„Udo“, warnte Sarah jetzt deutlich lauter, „was hat sie gesagt?“

„Ich meine ja nur, weil ich den Schlüssel zur Werkstatt verloren habe ...“ wagte Udo kleinlaut einen letzten Einwand.

„Ein Sicherheitsschloss?“, fragte die Kommissarin.

„Ja“, meinte Udo, „ein mittelmäßiges Schloss, nichts Besonderes ...“

„Und warum keinen Schlüsseldienst?“, fragte die Kommissarin.

„Ist so teuer“, maulte Udo.

„Und wo hast Du den Schlüssel verloren?“, fragte Sarah dazwischen, „hast Du Dich wieder einmal dumm angestellt?“ Ihr Busen wogte, was Udo veranlasste genau hinzusehen.

„Du sollst MICH anschauen... nicht DA!“, sagte sie.

„Tue ich ja“, grinste Udo, „genau auf die Augen!“

„Gott“, schimpfte Sarah, die ein Lachen kaum unterdrücken konnte, „Udo, IN die Augen nicht AUF DIE Augen!“

„Da kann ich Dir nicht helfen“, sagte die Kommissarin, „ich kann Dir schließlich keinen Schlossknacker empfehlen, nicht wahr?“

„Nee“, sagte Udo, „leider nicht? Würdest Du denn welche kennen ...?“

„Nein“, sagte die Kommissarin, „natürlich nicht, gar nicht mein Fach!“ Dann nahm sie einen Block aus der Tischmitte, der dort für Einkaufslisten etc. lag, und einen Stift, schrieb eine Zahlenreihe auf, erhob sich und sagte: „So ihr beiden, ich muss jetzt ins Bett, es war ein langer Tag, ich bin hundemüde, wisst ihr, immer dieses Ermitteln den ganzen Tag ...“

Sie schob den Zettel leicht in Udos Richtung über den Tisch: „Das hast Du nicht von mir ...“, warnte sie, „sonst bin ich dran! Und sage ja nicht danke.“

Udo nickte ihr zu, sagte nicht danke und steckte den Zettel ein. „Tschüss“, sagte er zur Kommissarin, „gute Nacht, schlaf schön!“

Als die Kommissarin die Tür hinter sich ins Schloss gezogen hatte, blickte er Sarah lächelnd und meinte: „Du hast immer noch die schönsten Augen, könnte ich mich glatt drin verlieben ... wenn ich´s nicht schon wäre!“

„Und welche meinst Du?“, fragte Sarah lächelnd und riss die Augen auf. „Die? Oder die?“, und damit streckte sie den bemerkenswerten Busen heraus, was einiges bewirkte. Vor allem bei Udo.

„Alle vier“, sagte der, „komm, lass uns auch ins Bett gehen, Du hast mich da auf eine Idee gebracht ...“

22. Juli. mz berichtet

(Manni Müller) Gestern haben wir an dieser Stelle von den Plänen der INTERBAVARIA REAL ESTATE zur Umgestaltung des sogenannten Neuen Hübnerplatz-Viertels berichtet. Heute bringen wir an dieser Stelle das Interview mit dem Oberbürgermeister zu seiner Zusage, seinem Spezi Conte Camilleri (früher in einschlägigen Kreisen noch als Johannes Müller bekannt), dass die Stadt eine Brücke über den tiefen Graben der Landsberger Allee spendieren würde, womit der „neue Hübnerplatz“ besser als bisher an das attraktive Rot-Kreuz-Platz-Viertel angebunden wäre.

mz: Herr Oberbürgermeister, da liegt ein Vorwurf in der Luft: „Spezlwirtschaft in München?“

OB: Ich ahne, worauf sie hinaus wollen: Die Brücke in Neu-hausen! Nein, das muss ich an dieser Stelle einmal ganz deutlich festhalten, davon kann absolut keine Rede sein. Natürlich kenne ich den Conte Camilleri, weil er der Stadt seine Pläne zur Neugestaltung der Dom Pedro-Straße und einiger umliegender Straßen vorgestellt hat. Die sind ja auch genehmigt worden.

mz: Sie sind keine „alten Freunde“?

OB: Weder „alt“ (lacht) noch „Freunde“ (schüttelt den Kopf) ...

mz: In welcher Höhe hat Conte Camilleri ihre Partei im letzten Jahr finanziell unterstützt?

OB: Hat er? Das weiß ich nicht, das ist auch nicht meine Sache, da müssen sie unseren Schatzmeister fragen... Ich kümmere mich aus Prinzip nicht um Spenden oder Spender! In unserer Partei trennen wir das scharf…

mz: Das haben wir, nach dessen Auskunft war die Summe beträchtlich, hoch im fünfstelligen Bereich!

OB: Wenn es so war, dann begrüße ich das natürlich, der Mann scheint ja politischen Verstand zu haben ... (lacht laut). Ich betone das an dieser Stelle noch einmal: Persönlich weiß ich nichts, meine Stadtverwaltung muss überparteilich sein, ist sie auch, sie lässt sich durch Spenden, in welcher Höhe auch immer, nicht beeinflussen. Wir halten uns Wort für Wort an unsere Antikorruptionsvorschriften! Das erwarten meine Wählerinnen und Wähler von uns zu Recht! Wir sind hier doch nicht in Kolumbien oder so!

mz: Nun gut, lassen wir das Thema, sie haben nach Aussagen des Conte Camilleri – wir betrachten es jetzt einmal als unerheblich, ob und wie gut sie mit dem Mann befreundet sind – angeblich zugesagt, dass die Stadt eine Fußgänger- und Radlerbrücke als Verlängerung der zur Radler- und Fußgängerstraße umgebauten Dom Pedro-Straße bauen würden. Ihre Stellungnahme?

OB: Ich weiß nicht, wie dieser Mann darauf kommen kann? Nie würde ich eine solche Zusage machen, ohne dass die entsprechenden Gremien vorher – ich betone ausdrücklich „vorher“! – eine entsprechende Entscheidung getroffen hätten. Niemals!

mz: Wie kann der Mann darauf kommen, dass eine solche Zu-sage bestünde? Hat der sich das ausgedacht?

OB: Das weiß ich nicht – es erschließt sich mir auch nicht, wie er zu so einer, ich muss es so deutlich sagen: Falschaussage kommt.

mz: Nach Unterlagen, die der mz-Redaktion vorliegen, haben sie das anlässlich eines Treffens bei einem Charity-Event im Dezember letzten Jahres vor Zeugen zugesagt. Die Zeugen können wir aufzählen ...“

OB: Das brauchen sie nicht! Ich erinnere mich jetzt - vage. Ja, wir mögen da einmal an einem dieser Stehtische über die Idee einer Brücke – die Idee! - geredet haben, ganz hypothetisch natürlich ... Das war von mir weder eine Zusage noch ein Versprechen, wahrscheinlich habe ich gesagt, dass das eine interessante Idee sei und ich könne das bei Gelegenheit einmal beim Verkehrsreferat ansprechen, das wird es gewesen sein. Ja, ich erinnere mich jetzt genau, so war es – eines dieser typischen Partygespräche, wo ein Wort das andere gibt, weil man ja über irgendetwas miteinander reden muss. Niemand nimmt das hinterher ernst, mehr nicht! Natürlich sprechen mich da laufend Menschen an – manches ist interessant, das meiste ist am nächsten Tag vergessen ...

mz: Offenbar Conte Camilleri, der scheint das als eine feste Zusage begriffen zu haben, es gibt Aktenvermerke! Es soll danach auch noch zu weiteren Gesprächen mit der Contessa gekommen sein ...

OB: Ganz bestimmt nicht!

mz: Vielen Dank für das Gespräch!

Lesen sie morgen: Die Dokumente, die der Redaktion zu der angeblich nie versprochenen Brücke vorliegen.

28. Juli. „Es geht um ein Schloss“

Am Tag „danach“ war Udo trotz seines Alters immer sehr gut drauf. Er holte dann Brötchen und frische Eier im Laden, machte Frühstück und Komplimente und verwöhnte seine Sarah überhaupt nach Strich und Faden.

Da gutes Wetter war, hatte er auf der Dachterrasse gedeckt. Sarah kam im durchsichtigen Negligé und mittelhohen Sandaletten. Sie wusste, wie sehr Udo diesen Anblick liebte und sie bot ihm ihn gerne. Besonders am Tag „danach“. Sie küssten sich, dann nahmen Sie Platz. Udo rückte ihr den Stuhl zurecht.

„Du“, sagte er, „Herr F. hat mir eine nette Geschichte erzählt ...“ Er griff nach dem Korb mit den frischen Semmeln, nahm sich eine und reichte den Brotkorb an Sarah weiter.

„Fang an“, forderte Sarah ihn auf, nahm sich eine Mohnsemmel und schnitt sie auf.

„Sonntagabend sehen sich die beiden immer den Krimi im Ersten an. Und meistens schläft Frau Z. dabei ein“.

„Kein Wunder, bei der vielen Arbeit ...“

„Ja, und so auch an diesem Sonntag. Sie schlummerte selig. Herr F. fand den Krimi auch langweilig und wollte lieber zum, wie er sagte „betreuten Alterstrinken“. Und damit sich Frau Z. nicht ängstigen sollte, wenn sie alleine aufwachte und das Haus offen vorfand, schloss Herr F. also von außen ab. In dem Moment streckte Frau Z. den Kopf durch das Klofenster und sagte: Naja, wenn du dich schon selber ausschließt ...“

Beide stellten sich die Situation vor und lachten.

Als sie Frühstück auf der Dachterrasse beendet hatten, trug er das Geschirr ab, stellte es in den Geschirrspüler und startete das Programm. Jetzt hatte er Zeit, weil Sarah sich „hübsch“ machen würde – das dauerte, obwohl sie das „Hübsch machen“ seiner Meinung nach gar nicht nötig hatte, denn, so fand er, die Natur hatte Sarah mit allem üppigst ausgestattet, was eine Frau zum „Hübsch sein“ brauchte. Das war nach Udos Meinung nicht vieles, aber davon bitte möglichst viel ... Er war eben ein Junge von der Waterkant.

Er fand den Zettel, den die Kommissarin geschrieben hatte, in der Hose, die er gestern angehabt hatte. Er wählte die Nummer, es tutete – einmal, zweimal, mehrfach, viele Male. Gerade wollte er auflegen, als eine männliche Stimme vorsichtig fragte: „Ja?“

„Ja“, sagte Udo, „guten Morgen ... Ich bin der Udo und wir kennen uns nicht ...“

„Was wollen sie dann?“, fragte die Stimme immer noch vorsichtig.

„Ja, das ist so eine Sache. Also, wir haben eine gemeinsame Bekannte ...“

„Wen?“

„Die Kommissarin“.

„Ja und ...?“

„Die hat sie empfohlen!“

„Tatsächlich? Wofür?“

„Es geht um ein Schloss ...“

„Welche Kommissarin, sagten sie noch?“

„Unsere, also, die, die hier wohnt. In München. Sie ist so um die Vierzig. Mittelgroß, mittelschlank, mittellange, so dackelbraune Haare ...“

„Ach die ... Haben sie einen Schlüssel für das Schloss?“

„Das ist das Problem ...“ sagte Udo.

„Ja, das ist es meistens ... was ist hinter dem Schloss? Ein Banksafe? Nein danke, ich bin nicht interessiert!“

„Nein, nein“, beeilte Udo sich zu sagen, „kein Safe, nur eine Wohnung und die ist leer ...“

„Warum wollen sie denn da rein? Ohne Schlüssel? Das ist nicht ihre Wohnung, oder?“

„Nein, sagen Sie einmal, das ist eine lange Geschichte, können wir uns nicht treffen, dann kann ich ihnen das besser erzählen als über dieses dämliche Telefon“.

„Warum sollte ich kommen? Und wohin?“

„Ich zahle gut. Nach Neuhausen“, mehr musste Udo seiner Meinung nach nicht sagen, denn die Nummer, die die Kommissarin ihm gegeben hatte, war eine Münchner Nummer. „Kennen sie sich da aus?“

„Ja“.

„Kennen sie den Kiosk in der Leonrodstraße?“

„Laden sie mich auf eine Currywurst bei Ernstl ein?“

„Ach, dann kennen sie den! Ja, gerne – auch auf mehr, vielleicht auf einen Kaffee?“

„Mit Schuss?“, lachte die Stimme, „ich kann in einer dreiviertel Stunde da sein. Aber keine Polizei! Auch nicht die Kommissarin! Ich rieche sofort, wenn da Bullen sind – und das verdirbt mir den Appetit!“

„Gut“, sagte Udo, „woran erkenne ich sie?“

„So viele werden da schon nicht sein um die Zeit. Sonst stellt Ernstl uns einander vor - sie sind Udo, nicht wahr? Ich bin Jens.“ Damit legte Jens auf.

Sarah kam ins Zimmer. Sie rubbelte die nassen Haare mit einem Handtuch. „Mit wem hast du telefoniert?“, fragte sie.

„Mit Jens“, antwortete Udo.

Sarah hob fragend eine Augenbraue (sie konnte das perfekt).

„Die Nummer“, erläuterte Udo, „die mir die Kommissarin gestern aufgeschrieben hat. Der Mann mit den magischen Fingern, der Mann, vor dem kein Schloss sicher ist. Jens!“

„Ach so. Deine Werkstatt. Ich habe deinen Schlüssel gefunden – er war übrigens am Schlüsselbund. Und?“

„Ich treffe ihn nachher am Kiosk“.

„Viel Erfolg“, wünschte Sarah. Damit verschwand sie wieder im Badezimmer für weitere Verschönerungsmaßnahmen.

Eine halbe Stunde später stand Udo am Kiosk. Ernstl erzählte ihm den neuesten Tratsch aus der Comic-Szene. Er war auf dem Münchner Comic-Festival gewesen und bodenlos enttäuscht worden. Viele Verkaufstische und viele Möchtegern-Zeichner hätte es da gegeben – aber nichts Besonderes, erläuterte er. Er hatte einige Comic-Bände von Moebius und Jodorowsky gekauft, aber die hätte er auch im Comic-Laden in der Fraunhoferstraße bekommen. Einfacher sogar, meinte er.

Dann kam ein schmächtiger Mann so um die 60 oder älter um die Kioskecke geschlurft.

„Mensch, das glaube ich nicht, Jens“, freute sich Ernstl, „wie lange haben wir uns nicht gesehen?“

„Lange“, antwortete der Ankömmling, „wie ist´s? Hast Du eine Currywurst für einen alten Kumpel, superscharf!“

„Klaro“, sagte Ernstl, „mit Salat und allem?“

„Ja“, sagte Jens, „mit allem, was die Küche hergibt. Ich bin übrigens eingeladen, wahrscheinlich von dem da“. Er deutete auf Udo. „Du bist Udo? Ich bin Jens“.

Sie gaben sich die Hände. Udo bemerkte, dass Jens Hände extrem gut gepflegt waren.

„Die Story?“, fragte Jens. „jetzt ist Zeit...“

Udo erzählte die ganze Geschichte von den Entmietungen und wie die Mieter sich zur Wehr setzten und was sie jetzt vorhatten.

Als er fertig erzählt hatte, servierte Ernstl die Currywurst. „Willst Du auch eine?“, fragte er Udo, „ich habe noch eine in der Pfanne, ist keine Sache, die für dich fertigzumachen ...“

Udo schaute auf Jens Teller. Das sah zu gut aus, als dass er widerstehen konnte. Er nickte. „Ja, bitte – aber mehr Curry als Jens!“

„Noch mehr?“, fragte Ernstl, „na, du willst Dir ja die Schnauze verbrennen ...“

Er brachte den Teller mit den Worten: „Supersuperscharf! Soll ich schon mal die Feuerwehr rufen? Prophylaktisch?“

„Nee, lass man, das geht schon“, meinte Udo und putzte die Wurst weg wie nichts.

„Das ist keine große Sache“, nahm Jens den Gesprächsfaden wieder auf. Das wird sogar nur ein Bauschloss sein. Höchstens ein normales Sicherheitsschloss. Das haben wir sofort auf. Aber ich würde mir die Türen gerne mal ansehen. Und ihr wollt da nur rein, nichts klauen?“, wunderte er sich.

„Wir sind keine Diebe. Da wird nicht einmal etwas sein, was sich lohnen würde“, vermutete Udo, „nee, nur rein und ein wenig ...“, er machte eine Pause, „Unsinn machen ... Und dafür brauchen wir Nachschlüssel ...“

Jens winkte ab. „Ist ein Klacks, dauert einen Tag, höchstens ... Aber erzähl der Kommissarin nichts. Am besten hast Du nie angerufen.“ Er schaute auf seine Uhr. „Gleich 12.30 Uhr. Treffen wir uns gegen 20.00 Uhr an der Ecke Hübner und Fasanerie? Dann sind die Arbeiter weg und wir können uns das in Ruhe ansehen.“

Udo nickte und sagte zu Ernstl: „Zahlen, bitte – das geht auf mich. Alles!“ Dabei machte er eine kreisförmige Bewegung mit dem rechten Zeigefinger, die alles einschloss.

Jens nickte beiden zum Abschied zu und verschwand.

„Woher kennt ihr euch denn?“, fragte Udo.

„Ach“, sagte Ernstl, „von früher, Du wirst es nicht glauben, aber das war einmal ein echter Fighter. Nicht groß, aber schnell und zäh. Und Boxen konnte der. Der hatte die schnellsten Beine. Den hat keiner auf die Bretter geschickt ... Der war viel zu gut als Boxer für den Rummel, naja, war eine andere Zeit. Toller Hecht, der – damals!“

„Dann war der mit dir im Boxzelt unterwegs?“

„Hhm, ´ne ganze Zeit lang, ein Jahr oder so, dann haben wir uns aus den Augen verloren. Irgendwann war er lange im Knast, wegen einer völlig unklaren Sache, in die er reingeschlittert ist. Da muss ihn wer schwer verladen haben, hat man gemunkelt. Aber der soll das bitter gebüßt haben, als Jens wieder draußen war ... Soll als Wrack im Rollstuhl gelandet sein, der andere – aber wie gesagt, nichts Genaues weiß man nicht ... Und Jens soll nur die Fäuste benutzt haben ... Geradezu chirurgisch!“

Punkt acht Uhr standen Udo und Wolfgang an der Ecke vor dem Laden. Eine Minute später tauchte Jens auf der anderen Straßenseite aus dem Neuhauser Augustiner auf.

„Verdammt gut, die Schinkennudeln da drin“, sagte er im Kommen. Er gab Udo die Hand. „Wer ist der da?“, fragte er auf Wolfgang deutend.

„Ein Freund“, sagte Udo, „das ist Wolfgang, der hatte die Idee“.

„Ist er in Ordnung?“

„Und wie“, antwortete Udo.

„Ich arbeite lieber allein“, sagte Jens. Mehr nicht. Und nach einem Moment: „Gehen wir oder schlagen wir hier Wurzeln?“

Wolfgang ging voran. Sie stiegen das Treppenhaus hoch. Jens schaute sich die Schlösser an, lachte und sagte „Pah, Kinderkram!“. Er holte zwei kleine Werkzeuge aus der Tasche, fummelte ein wenig herum, dann schnappt etwas im Schloss, Jens murmelte „Simsalabim“, gab der Tür einen leichten Stoß und siehe da, die Tür schwang auf. Jens nahm einen Schraubenzieher aus der Tasche und schraubt das Schloss aus dem Türblatt, sah es sich genau an und sagte: „Dachte ich es mir doch“. Er murmelte einen Code, den er notierte. Dann baute er das Schloss wieder ein und zog die Tür zu.

Mit ein paar schnellen Schritten wandte er sich der anderen Tür zu und die kurze Prozedur wiederholte sich. Insgesamt hatte es für beide Türen deutlich weniger als fünf Minuten gedauert.

„So einfach geht das?“, fragte Wolfgang verblüfft.

„Ja, so einfach – wenn man´s kann. Willst Du es mal versuchen?“, fragte Jens. Wolfgang lehnte lachend ab. „Nein“, sagte er, „ich habe auch nicht einfach gemeint, ich habe schnell gemeint. Ich erkenne einen Fachmann, wenn ich einen sehe ... Und Du bist verdammt gut!“

„Morgen könnt ihr die Schlüssel haben. Um sieben am Kiosk?“, sagte er in Richtung Udo. „Allein!“

„Um sieben am Kiosk“, bestätigte der, „was kostet das?“

„Siebenhundertfünfzig“, sagte Jens, „ist ein wenig teurer als der Schlüsseldienst, aber bei dem musst du dich ausweisen und der liefert Dir auch keine Nachschlüssel! Natürlich in kleinen gebrauchten Scheinen“, sagte er noch. Damit drehte er sich um und begann das Treppenhaus wieder herunter zu steigen. Udo und Wolfgang folgten ihm. Unten verschwand Jens wie ein Schatten um die Ecke, ohne sich zu verabschieden. Als ob er gar nicht da gewesen wäre.

„Was war das denn für ein Vogel?“, fragte Wolfgang.

„Der? Das war Jens, ein ganz großer Kämpfer!“

„Der Wichtel? Ein Kämpfer?“, fragte Wolfgang zweifelnd.

„Ja, frag mal Ernstl, der kennt den von früher. Muss im Ring ein toller Hecht gewesen sein ...“

30. Juli. Scherben

Gegen fünf Uhr am Morgen tat es zwei mächtige Schepperer an der Ecke Hübnerstraße und Fasaneriestraße und dann hörten die, die um diese Zeit noch immer oder schon wieder wach waren, durchdrehende Reifen und die aufheulenden Motoren von zwei schnellen Motorrädern. Bevor irgendjemand reagieren konnte, war es schon wieder ruhig in den Straßen um den zukünftigen Hübnerplatz und die Motorräder waren lange verschwunden. Und selbst wenn jemand etwas gesehen hätte, er hätte ja nur zwei vermummte Männer in Motorradkleidung beschreiben können.

Aber die Schaufensterscheiben des Goldschmiedes und von Fräulein Concettas Kosmetiksalons lagen in Scherben in den Läden.

Gegen halb sieben rief Herr F. den Goldschmied und Fräulein Concetta an, um sie zu informieren, was passiert war, und bat sie zu kommen – die Polizei, die er gerufen hatte, würde gleich da sein.

Als Fräulein Concetta am Kosmetiksalon ankam, kehrte der Goldschmied schon die Scherben zusammen. „Geklaut haben sie nichts“, rief er ihr durch die kaputte Scheibe zu, „nur die Scheibe eingeschlagen“.

Fräulein Concetta begann zu weinen, als sie ihren Salon betrat: Alles voller Scherben und voll Staub – die Behandlungskabinen und vor allem die Liegen, die Vorhänge, die Vorräte, alles. Kosmetika und feine Instrumente würde sie wegwerfen müssen. Ob das eine Versicherung bezahlen würde? Wahrscheinlich nicht.

Die Polizei kam, nahm die Personalien und den Schaden auf, machte ein paar Fotos. Das war es dann im Großen und Ganzen und Hoffnung machten die Beamten Fräulein Concetta und dem Goldschmied nicht. Sie fanden keine Zeugen, nichts.

Als die Polizei gegangen war, entdeckte Fräulein Concetta einen um einen Stein gewickelten Zettel mit der Aufschrift „Fuori di qui, porca puttana“ [2] Sie ließ sich an der Wand zu Boden gleiten und brach wieder in Tränen aus. So fand sie wenig später ihre Schwester, die sie wortlos in den Arm nahm.

„Schwesterherz“, flüsterte Chiara ihrer Schwester zu, „Conci, die kriegen wir, die Schweine, die das gemacht haben, das verspreche ich dir!“

Fräulein Concetta reichte ihr den Zettel. „Das hat doch kein Italiener geschrieben“, sagte Chiara, „das sieht mir aus, wie mit Google ins Italienische übersetzt. Das sind doch bestimmt diese Entmieter gewesen, die euch alle hier raushaben wollen ... wer sonst? Und dafür spricht ja auch, dass die auch die Scheibe vom Goldschmied eingeworfen haben. Das riecht doch nicht nur nach den Entmietern, das stinkt doch zum Himmel!“

Sie machte eine nachdenkliche Pause. „Obwohl, einer von denen ist doch Italiener, oder?“ Fräulein Concetta nickte. „Dann hätten die das besser gemacht, das Italienisch, meine ich, garantiert! Komisch ...“

Sie schaute ihre Schwester nachdenklich an und fragte: „Und, Schwesterherz, was machst du? Nachgeben? Ausziehen?“

Fräulein Concetta wischte sich die Tränen aus dem Gesicht, verwischte dabei das Make-up, ohne das sie auch heute nicht aus dem Haus gegangen war. Das verschmierte Make-up verlieh ihrem Gesicht etwas von einem Indianer auf Kriegspfad: StadtGuerilla!

Dann schüttelte sie entschieden den Kopf: „Nein“, sagte sie, „so schnell kriegt mich keiner klein. Wir stammen schließlich aus Sizilien! Und meine Kundinnen brauchen mich doch auch. Ich habe das hier über zehn Jahre lang aufgebaut. Aus dem Nichts! Und jetzt muss ich erst einmal eine Holzplatte anstatt der kaputten Schaufensterscheibe besorgen. Und dann muss ich hier sauber machen“.

„Komm“, sagte Chiara, „ ich helfe dir, ich habe mir heute eh freigenommen“.

Gegen halb zehn stand plötzlich der Autor in der Ladentür. In der Hand hielt er ein Tablett mit Kaffeehaferl, einer Thermoskanne und ein paar von ihm persönlich geschmierten und belegten Brötchen.

„Eine kleine Stärkung für die Damen gefällig?“, fragte er.

„Sie schickt echt der Himmel“, lachte Fräulein Concetta schon wieder und stellte den Besen zur Seite. „Pause, Chiara“, rief sie, „es gibt Kaffee und Brötchen ...“

Chiara tauchte aus dem hinteren Raum auf. „Ach siiie“, sagte sie gedehnt, „da haben sie ja einmal eine brauchbare Idee gehabt! Aus welchem ihrer Bücher stammt die denn?“

„Chiara!“, wies Fräulein Concetta ihre Schwester zurecht, „jetzt benimm Dich.“

„Entschuldigung“, sagte Chiara, „meine Schwester hat natürlich recht. Danke ihnen. Das tut uns jetzt schon gut. Ich habe einen Bärenhunger ... Mahlzeit!“

Damit nahm sie sich eines der Brötchen und eines der Haferl mit dem dampfenden Kaffee. Alle drei setzten sie sich auf den Boden. Der Autor sah sich um. „So eine Gemeinheit“, sagte er, „wissen sie, wer`s war?“

„Nein“, sagte Chiara kauend, „wissen wir nicht. Aber garantiert die Typen aus dem Vertriebspoint da um die Ecke! Und wenn die es nicht selber gemacht haben, dann stecken die garantiert dahinter... Wer sollte es sonst tun? Es gibt doch sonst keinen Grund! Die wollen uns vertreiben, das ist es. Ein paar Blödmänner mit Motorrad finden sich immer, die so etwas für ein paar Euros machen, oder?“ Sie schaute den Autor fragend an.

„Wahrscheinlich“, sagte der, „haben sie recht. Aber recht haben und Recht bekommen, ist zweierlei ...“

„Soll heißen“, fragte Chiara.

„Man wird es ihnen nicht beweisen können und ohne Beweis tut die Polizei nichts.“

„Aber das ist doch völlig klar, dass die dahinter stecken, das sagen sie doch auch, Herr Cabra“, sagte Fräulein Concetta.

„Tja“, sagte der Autor, „wir sagen es, aber das Dumme ist, dass wir es ihnen nicht beweisen können ...“

„Vielleicht“, sagte Chiara, „könnte ich ja einmal einen Blick in ihre Computer werfen?“

„Und was wollen sie da finden? Eine E-Mail mit einem schriftlichen Auftrag? Glaube ich eher nicht ...“

„Ja, da haben sie wohl recht“.

Cabra erhob sich. „Ich glaube, ich habe zwei große Holzplatten im Keller, die könnten für das Fenster passen. Sie müssen dafür heute Nacht etwas vor machen, das können sie ja nicht so offenlassen, Fräulein Concetta“.

Er deutete auf die leere Fensteröffnung. „Ich werde mal Udo fragen, ob er mir hilft“.

Zwei Stunden und einige Tischlerarbeiten später, war das Fenster verschlossen. Die Zwillingsschwestern hatten noch bis in den Abend mit Reinigungsarbeiten zu tun.

30. Juli. Im Vertriebspoint

„Was ist denn da drüben im Eckhaus los?“, fragte Herr Frizzoni in die Runde, „da hat wer die Scheiben vom Kosmetiksalon und beim Goldschmied eingeschlagen! Weiß da jemand mehr als ich? Was dahinter steckt?“

Frau Waschinski und Frau Sieburg schüttelten die Köpfe.

„Weißt Du etwas, Sack?“

„Nein, keine Ahnung ...“

„Und Sie, unser Herr Praktikant?“

Der schüttelte den Kopf und machte „hhm, hhm“ - dabei lächelte er leicht.

„Sieht sehr danach aus, als ob uns jemand helfen wollte“, dachte Herr Frizzoni laut nach, „der Verdacht drängt sich jedenfalls auf, finde ich“. Er winkte den Praktikanten mit dem Finger, „Kommen Sie, Herr Helldorf, wir sehen uns das einmal an ...“

Als die beiden vor dem Neuhauser Augustiner standen, sahen Sie, dass die beiden großen Fensterscheiben durch Holzplatten ersetzt waren.

„Helldorf, haben Sie ihre Finger da drin? Sie haben vorhin so gegrinst“, fragte Herr Frizzoni den jungen Mann.

„Nö“, sagte der.

„Helldorf! Ich will und muss das wissen. Wenn Sie das waren, dann ist das ihre Sache – aber ich muss das wissen, verdammt noch einmal!“ Er schaute seinen Praktikanten an. Der nickte leicht mit dem Kopf.

„Ich habe ein paar alte Freunde gebeten ...“

„Mein Gott“, sagte Herr Frizzoni, „unser Jüngster hat „ein paar Freunde gebeten“..., was kommt da noch, Helldorf?“

Der sah an Frizzoni vorbei auf die andere Straßenseite und zuckte die Achseln. Dann sagte er leise: „Was sie wollen, Chef!“

„Vaffanculo! Das wart Ihr!“, rief Fräulein Concetta von der anderen Straßenseite, „nehmt Euch bloß in Acht, das bleibt nicht ungesühnt, Ihr Schweine!“

„Gehen wir lieber“, sagte Herr Frizzoni, „bevor die da drüben Ernst machen ... Übrigens, haben sie sich die falschen Opfer ausgesucht, die beiden Alten vom Tante Emma-Laden, das sind die harten Brocken. Die beiden kriegen wir für die nächsten Jahre nicht raus, wenn die nicht von sich aus den Schwanz einziehen!“

„Wieso?“

„Weil die noch einen Mietvertrag auf Jahre hinaus haben und die haben die Miete im Voraus bezahlt, da geht gar nichts ...“

„Ernsthaft?“

„Ganz ernsthaft, und ich bin sicher, wenn die fort sind, dann geben die anderen im Haus auch auf.“

„Was soll ich ...?“

„Warten wir noch ein wenig ab ... Aber nicht lange! Jetzt kommen in den nächsten Tagen erst einmal Interessenten für die beiden Dachgeschosswohnungen. Da brauchen wir ein wenig Ruhe. Ist das Treppenhaus aufgeräumt?“

31. Juli. Schlüssel

Kurz vor sieben ging Udo mit einer Handvoll Fünfzigeuroscheine zum Kiosk. Dort traf er Jens, der ihm die blitzenden neuen Schlüssel gab. „Am besten haben wir uns nie gesehen“, sagte er und ging.

„Warte mal“, bat Udo, „und wenn die nicht passen?“ Er hielt die beiden Schlüssel hoch.

„Die passen“, sagte Jens, „willst Du mich beleidigen? Und grüße die Kommissarin nicht von mir. Wir haben uns nie getroffen! Denke daran!“

Udo ging zum Eckhaus in der Hübnerstraße und stieg die Treppen hoch. Er war ganz allein und wunderte sich, dass jemand aufgeräumt hatte. Im Erdgeschoss waren die Sandhaufen zur Seite geschaufelt worden, man konnte das Haus jetzt mühelos betreten. Die Zementsäcke und ein paar Steine lagen in den Stockwerken an den Wänden aufgestapelt, die Maurerwannen waren fort, der Kalk auch. Irgendwer hatte gefegt. Das Licht im Treppenhaus ließ sich einschalten. Die Pfütze im dritten Stock war zum ersten Mal seit Wochen getrocknet und das lebensgefährliche Hilfsgeländer zwischen dem zweiten und dritten Stockwerk war durch eine feste Latte aus gehobeltem Holz und rot-weiße Warnbänder ersetzt worden. Da hatte jemand ganz schön gearbeitet. Das sah aus, als würden bald die ersten gut betuchten Interessenten in den beiden Musterwohnungen erwartet werden.

Udo grinste. „Gerade noch rechtzeitig“, dachte er. Oben angekommen probierte er die Schlüssel. Sie passten. Er zog die Türen leise wieder zu und lächelte in sich hinein, dann stieg er wieder herab.

Unten traf er Wolfgang. „Die Schlüssel passen“, sagte er, „wir können oben anfangen“.

„Mal sehen, was uns alles einfällt?“, antwortete der, „so aufgeräumt wie es im Treppenhaus aussieht, werden die ersten Interessenten bald auftauchen“ Er sollte recht behalten.

2. August. Knapp daneben

Wolfgang wohnt im dritten Stock des Eckhauses, seine Fenster gehen zur Fasaneriestraße hinaus. Vor dem Haus steht das Gerüst, an dem vom vierten bis zum ersten Stockwerk die Plane mit der hausgroßen Architekturzeichnung des geplanten Anblickes nach dem Umbau hing.

Er hatte es schon vor Wochen ausprobiert: Wenn er den Kopf von innen dicht an die Plane hielt, konnte er durch die kleinen Löcher der Perforation gut nach außen sehen, ihn selbst konnte man von außen aber nicht sehen. Mal schauen, ob man damit etwas anfangen konnte, hatte er sich gedacht.

Wie immer war er um Punkt ein Uhr nach unten in den Laden gegangen, um sein Mittagessen abzuholen: Heute gab es Schweinebraten mit Knödel. Er hatte zwei Portionen bestellt, Frau Wegman wollte heute ebenfalls den Braten essen, denn der war immer besonders gut.

Als er gerade den Laden mit den Essen verließ, sah er, dass ein alter extrem gepflegter Jaguar vor dem Haus in der Fasaneriestraße hielt. Ein elegant gekleidetes Paar stieg aus, schaute sich suchend um und wurde von einem der Männer aus dem Vertriebspoint begrüßt: „“Guten Tag“, stellte sich der Verkäufer vor, „mein Name ist Frizzoni. Ich bin von der INTERBAVARIA REAL ESTATE. Sie kommen wegen der Wohnung, nicht wahr?“

Der Mann bestätigte das und schaute sich ein wenig irritiert um: „Ich hatte gedacht, das wäre schon alles fertig hier… Sieht mir mehr nach einer Baustelle aus…“

„Ach das“, sagte Herr Frizzoni, „das sind nur Kleinigkeiten!“ Er machte eine abwinkende Handbewegung. „Das sieht hier bald ganz anders aus, glauben Sie mir. Gnädige Frau, wenn ich voran gehen darf, folgen Sie mir, bitte!“

„Kann ich den Wagen hier stehen lassen?“, fragte der Fahrer.

„Ja, natürlich, das ist vollkommen okay hier“, beruhigte Frizzoni, „ein schöner Wagen! Oldtimer?“

Im Weggehen streichelte der Kunde mit einer liebevollen Handbewegung kurz den Kotflügel des Jaguar - man sah, dass ihm viel an seinem Auto lag. Dann folgte er Herrn Frizzoni und seiner Frau um die Straßenecke, an dem Herr Frizzoni stehen geblieben war, um auf ihn zu warten. „Folgen Sie mir bitte, der Eingang ist um die Ecke…“

Wolfgang, der die Szene von seinem Platz vor dem Laden beobachtet hatte, beachtete er nicht. Wolfgang tat ebenfalls unbeteiligt. Als die drei im Hauseingang verschwunden waren, schaute er nach oben, peilte mit einem Auge, nahm Maß. Der Wagen stand genau unter seinem Fenster…

Er ging in den dritten Stock und klingelte bei Frau Wegmann. „Ich habe unser Essen“, sagte Wolfgang, „aber das muss noch ein wenig warten. Gehen Sie am besten gleich hinunter in den Laden und sagen sie Herrn F., er muss heute ein wenig länger auf haben…“

„Wie? Was?“, fragte Frau Wegmann, die nichts verstand, wie sollte sie auch.

„Gehen Sie“, drängte Wolfgang, „haben Sie ihre Schlüssel? Es eilt!“

Frau Wegmann nahm ihren Schlüssel, zog die Wohnungstür hinter sich zu und ging so schnell sie konnte – also sehr langsam - nach unten. Wolfgang schaute ihr nach.

Den neuen Fahrstuhl konnte sie nicht nehmen, um den in Bewegung zu setzen, brauchte es einen Schlüssel und den hatte man den alten Mietern nicht ausgehändigt.

Als sie ein Stockwerk tiefer war und ihn nicht mehr sehen konnte, ergriff er einen der Mauersteine, die die Maurer neuerdings freundlicherweise ordentlich neben seiner Tür aufgestapelt hatten, schloss seine Wohnungstür auf und ging zu seinem Küchenfenster. Er kletterte über einen Stuhl hinaus aufs Gerüst und schaute sich um: Niemand zu sehen! „Gut so“, lächelte er. Dann griff er nach oben, steckte den Stein in den Schlitz zwischen Oberkante des Großplakats und Gerüst, und stieß ihn mit einem Schubs und guten Wünschen mit auf den Weg hinaus.

Er war noch nicht wieder an seinem Küchenfenster, da hörte er den Stein mit einem seltsamen Geräusch unten aufschlagen. Schnell kroch er wieder in seine Wohnung, schloss das Küchenfenster sorgfältig und lief zur Tür, schloss diese leise hinter sich und sprang dann die Treppen hinunter.

Als er den Laden betrat, fragte Herr F., was das denn solle und dass er schließlich immer noch Herr der Ladenöffnungszeiten war, von Frau Z. natürlich einmal abgesehen. Frau Wegmann saß auf einer umgekehrten Bierkiste und zuckte mit den Achseln. „Er wollte unbedingt schließen“, sagte sie, „ich bin gerade noch hineingehuscht“.

„Gut so!“, sagte Wolfgang, „Herr F., wir waren die ganze Zeit hier im Laden, seit mindestens viertel vor eins! Klar?“

„Nein“, sagte Herr F., „nicht klar. Aber wenn es so war, warum?“

„Das werden wir spätestens dann merken, wenn die Besitzer von dem Jaguar da draußen wieder da sind…“, sagte Wolfgang, „denn dann gibt es wahrscheinlich Ärger!“

„Ärger?“, fragte Frau Wegmann, „wieso?“

„Warten Sie ab“, beruhigte Wolfgang sie und fügte grinsend hinzu, „ich hatte so das Gefühl, dass da oben ein Stein lose war…“

„Ach so“, grinste jetzt Herr F., „und der ist jetzt eventuell herabgefallen? Wie damals der, wegen dem wir unseren Schutztunnel gebaut haben?“ Er deutete auf das massive Bauwerk rund um den Ladeneingang.

„In etwa so“, sagte Wolfgang, „und deshalb waren wir die ganze Zeit im Laden und haben ein Bierchen getrunken und geratscht…“

„Dann“, meinte Herr F. und griff zwei Flaschen aus einer Bierkiste, um sie zu öffnen, „sollten wir auch ein Bier in der Hand halten. Und Sie, Frau Wegmann, ein Glas Milch?“

„Wo denken sie denn hin“, lehnte die alte Dame empört ab, „wofür halten Sie mich… Ich will auch ein Bier!“

„Gut so“, meinte Herr F. und öffnete die dritte Flasche Flens, die er Frau Wegmann reichte, „ein Glas?“

„Nichts da“, lachte die, „ich kann schon aus der Flasche trinken… bin schließlich alt genug!“

Mit den Worten „Was ist hier denn los, Jürgen?“, kam Frau Z. aus der Küche, „ich denke, wir haben Mittagspause?“

„Ein Notfall“, sagte Wolfgang.

„Die beiden haben ein Alibi“, erklärte Herr F., „ich meine, die brauchen eines und das sind wir. Die sind schon seit fast halb eins hier und wir schwatzen… Ein Bier?“

„Her damit“, sagte Frau Z., „ aba ausnahmsweis‘!“

Sie warteten eine ganze Weile, dann gingen Herr Frizzoni und das Interessentenehepaar plaudernd am Schaufenster des Ladens vorbei. Sie hatte einige Broschüren in der Hand – man lachte. Dann verschwanden die drei um die Ecke. Im Laden wurde es mucksmäuschenstill – man wartete auf das, was da kommen musste!

Und es kam! Plötzlich wurde es laut in der Fasaneriestraße. Die Dame hatte den Schaden am Wagen bemerkt.

Herr F., Frau Z., Wolfgang und Frau Wegmann kamen sehr gelassen um die Ecke geschlendert, um nach dem Lärm zu schauen.

„Was ist denn los?“, fragte Wolfgang betont gelassen.

Die Interessentin zeigt auf die Beifahrertür, die einige eindrucksvolle Beulen und eine paar lange senkrechte Kratzer aufwies. „Das da“, sagte sie empört, „das da war vorhin noch nicht!“

Der Besitzer des Jaguar erholte sich gerade von dem Schrecken und der damit verbundenen Sprachlosigkeit: „Unglaublich“, schnaufte er Frizzoni an, „wissen sie, was so ein Wagen kostet? Der ist unbezahlbar… Das ist fast nicht zu reparieren!“ Er war fassungslos.

Herr Frizzoni schaute betroffen. „Ja, das ist sehr schlimm“, sagte er, „aber dafür können wir doch nichts…“

„Sieht so aus“, mischte Wolfgang sich interessiert ein, „als ob der Mauerstein da…“ er deutete auf den Stein, den er durch den Schlitz geschubst hatte und der jetzt einen Meter vom Auto entfernt lag, als ob er kein Wässerchen trüben könnte, „vom Gerüst gefallen ist. Das passiert hier öfter!“

Frizzoni schaute ihn empört an: „Was sagen sie denn da? Das stimmt doch gar nicht! Hier ist noch nie…“

Jetzt mischte sich Herr F. ein: „Stimmt doch!“ Sagte er, „warum haben wir uns wohl den massiven Schutz da über unser Tür bauen müssen? Uns hätten die herabstürzenden Steine fast die Kunden erschlagen!“

„Ja“, ergänzte Frau Z., „scho‘ oft! Also wenigstens a paar Mal scho‘, gell?. Vier oder fünf Mal, moan i… Wer hat‘s denn ihnen g‘sagt, dass ausg‘rechnet da steh’blei’m soll’n??“

„Da hören Sie es doch“, fauchte die Dame aus dem Jaguar, „das scheint hier Gang und Gäbe zu sein… Sie hören von uns, Herr Frizzoni, ganz bestimmt! Weil, sie haben gesagt, wir sollen hier parken!“ Sie warf die Broschüren auf den Gehsteig. „Und das Geschäft können Sie sich auch abschminken! Wir ziehen doch nicht auf eine Baustelle. Nein“, sagte sie, als Herr Frizzoni offenbar zum Widerspruch ansetzen wollte, „sagen sie jetzt nichts, sie hören von unserem Anwalt. Komm Hans-Peter, wir fahren!“ Damit stieg sie wutschnaubend in den ehemals wunderschönen Jaguar mit der jetzt kaputten Tür und warf die mit Schwung zu – was nicht mehr das satte Geräusch erzeugte, das sie erwartete, sondern nur mehr ein Scheppern. Das hörte sich ganz und gar nicht mehr nach Jaguar an. Nicht einmal nach früher russischer Produktion.

Herr Frizzoni blickte dem Wagen nach: „Scheiße!“, sagte er, „was ist da nur passiert?“

„Jaja“, sagte Wolfgang tröstend, „shit happens… da kann man nichts machen. Die Kunden sind sie wohl los“.

Herr Frizzoni sah den grinsenden Wolfgang an: „Das waren Sie doch? Sie wohnen doch da oben, oder?“

„Ich?“, fragte Wolfgang, „also hören Sie einmal ... Ich war die ganze Zeit hier unten! Da waren Sie noch gar nicht oben mit denen da! Wir haben sie nämlich mit denen“, er deute in Richtung des nicht mehr sichtbaren Jaguars, „ins Haus gehen sehen, war so viertel vor. Das können alle hier bestätigen! Oder?“ Alle nickten. „Sehen Sie…“

„Und sie waren es doch“, sagte Frizzoni und stapfte davon, „ihr steckt doch alle unter einer Decke, Kommunistenpack verdammtes“. Im Weggehen drehte er sich noch einmal um und drohte: „Das werden sie mir büßen, sie alle!“

„So“, sagte Herr F. als Herr Frizzoni in die Dom-Pedro-Straße eingebogen war, „jetzt trinken wir unser Bier aus und dann machen wir endlich Mittagspause! Hätten sie dem Stein nicht mehr Schwung geben können? Dann wäre der auf dem Dach von der Angeberkarre gelandet.“

Wolfgang zuckte mit den Schultern. „Wenn ich es gewesen wäre, dann schon, aber war ich es denn? Glaube ich nicht! Da liegen so viele Steine auf dem Gerüst herum, manche ganz schön dicht an der der Kante, einige kippelig – richtig gefährlich ist das. Die müsste man direkt einmal einsammeln. Wegen der Gefahr, da könnte ja jemand erschlagen werden.“ Er schüttelte den Kopf. „Nee, ich war das nicht, ich war ja hier unten…“

„Ja klar“, lachte Frau Wegmann, „das haben wir alle gesehen. Und wir essen endlich unseren Schweinebraten, der ist bestimmt schon kalt… Wolfgang, nehmen sie uns noch ein Bier mit hinauf, heute habe ich Durst!“

„Und ich habe Hunger“, meinte Wolfgang, „nachher muss ich noch in die Stadt, zwei Türschlösser kaufen“.

„Schlösser?“, fragte Frau Z., „in dem Haus da, da wo alle Tür‘n offen steh‘n?“

„Genau deswegen!“, sagte Wolfgang, „für den nächsten Akt und außerdem muss ich noch zur Post, um ein Päckchen abzuholen!“

4. August. Schlösser

Die Idee war eigentlich ganz einfach und eher ein Dummerjungenstreich, aber Udo und Wolfgang versprachen sich von ihr großen Ärger für die Verkäufer und Spaß für sich!

Die nächsten Kunden würden kommen, und die würden Ihr Auto natürlich woanders parken, selbstverständlich außerhalb der Reichweite vom Gerüst fallender Steine. Außerdem war es nicht Wolfgangs und Udos Sache, zweimal den gleichen Trick anzuwenden.

Sie hatten es ausprobiert und die Zeit gestoppt: Für den Austausch eines Schlosses brauchte Udo weniger als eine Minute.

Als die Bauarbeiter das Haus verlassen hatten, schlich Udo von Wolfgangs Wohnung aus in den vierten Stock und schloss die Tür zu der ersten der beiden Dachgeschosswohnungen auf, entfernte die Schraube, die es in der Tür befestigte, und setzte eines der beiden Schlösser ein, die Wolfgang gestern gekauft hatte. Dann zog er die Tür wieder zu. Abschließen musste er nicht.

Dann lief er schnell die paar Schritte zur zweiten Wohnungstür auf der Etage und wiederholte die Prozedur.

Als Herr Frizzoni mit den neuen Kaufinteressenten im Fahrstuhl ins oberste Geschoss fuhr, war Udo schon wieder in Wolfgangs Wohnung verschwunden. Er öffnete die Wohnungstür leise, und lauschte in den Flur, weil er hören wollte, was oben passierte.

Die Fahrstuhltür öffnete sich und er hörte Frizzoni die Vorteile der Wohnungen anpreisen. Dann hörte er Geräusche, die darauf schließen ließen, dass er die Tür aufzuschließen versuchte. Was natürlich nicht gelingen konnte, denn Udo hatte ja ein Schloss eingesetzt, für das Herr Frizzoni keinen Schlüssel hatte. Frizzoni probierte offenbar alle Schlüssel, schimpfte, fluchte – schließlich entschuldigte er sich bei dem Kundenehepaar, er habe offenbar die falschen Schlüssel.

Als Nächstes fragte er die Kunden, ob sie bitte fünf Minuten warten könnten, er müsse schnell in den Vertriebspoint laufen, offenbar habe man ihm die falschen Schlüssel ausgehändigt, es täte ihm sehr leid…

Gnädig sagte das Paar, dass sie fünf Minuten warten würden, keinesfalls länger und dass das ihrer Meinung nach kein professionelles Verkäuferverhalten sei.

Frizzoni stürmte die Treppe hinunter, das schien ihm schneller als der Fahrstuhl zu sein und rannte in den Vertriebspoint, wo er verzweifelt die richtigen Schlüssel suchte.

„Was ist denn los?“, wollte Frau Waschinski wissen, „was suchen sie denn?“

„Die Schlüssel ...“, fauchte Frizzoni nervös, „für die Dachwohnungen“.

„Aber das SIND die Schlüssel für die beiden Dachwohnungen“, wandte Frau Sieburg ein, „da ist doch der blaue Anhänger mit der Adresse dran. Blau ist für das Eckhaus“.

„Passen aber nicht“, sagte Frizzoni gehetzt, „egal, was da dran hängt, Blau oder sonst eine Farbe, ist mir scheißegal, sie schließen nicht!“

Er griff ein anderes Schlüsselbund mit einem gelben Anhänger: „Die hier“, sagte er hastig, „das müssen sie sein!“ Und damit rannte er wieder los.

„Aber der Anhänger ist gelb“, reif Frau Waschinski ihm nach, „die passen auch nicht!“ Frizzoni war schon aus dem Vertriebspoint gerannt – außerdem war ihm die Farbe in dem Moment völlig egal.

Dass Herr F. ihm beim Vorbeilaufen einen besonders huldvollen Tag wünschte, nahm er gar nicht zur Kenntnis. Wieder nahm er die Treppe; völlig ausgepumpt, und um Atem ringend, kam er oben an. Die Interessentin schaute angelegentlicht auf ihre Armbanduhr. „Junger Mann“, sagte die Dame pikiert, „das waren zehn Minuten, mindestens!“

Frizzoni stand vornübergebeugt, die Hände auf die Knie gestützt, und zuckte wortlos um Entschuldigung heischend mit den Schultern und versuchte dabei erst einmal wieder zu Atem zu kommen.

„Tut...“, schnaufte er um Luft ringend, „tut mir Leid, ging nicht schneller!“

Dann startete er den zweiten Versuch, die Tür zu öffnen – dass das hoffnungslos war, wusste er ja nicht. Der Kunde schaute ihm kopfschüttelnd zu und meinte schließlich, dass er es einmal versuchen wolle. Als der Schlüssel partout nicht ins Schloss passen wollte, schaute er sich erst den Schlüssel und dann das Schloss an, schließlich schüttelte er den Kopf und gab Frizzoni den Schlüssel mit der Bemerkung zurück, dass Schlüssel und Schloss nicht zueinander passten – das sehe doch ein Blinder mit einem Krückstock!

„Komm“, sagte die Dame zu ihm, „ich glaube, hier haben wir nichts mehr verloren, das hier sind einfach Anfänger, bei denen kaufe ich doch keine Immobilie für zwei Millionen! Da gibt es andere Angebote – die haben sogar einen Schlüssel, einen, der passt!“.

Damit ließen die beiden den immer noch atemlosen Frizzoni stehen und stiegen in den Lift. Gleich darauf öffnete sich die Lifttür noch einmal: „Dafür haben sie doch wohl den Schlüssel, junger Mann?“, fragte die Dame spitz, „oder müssen wir jetzt zu Fuß hinunter steigen?“

Nein, Frizzoni fuhr sie hinunter. Dann ging er als geschlagener Mann in den Vertriebspoint.

In der Zwischenzeit baute Udo die Originalschlösser wieder ein.

Im Vertriebspoint erzählte Herr Frizzoni den anderen, was passiert war.

„Das glaube ich einfach nicht“, sagte Herr Sack, „das will ich sehen! Gib mir mal die Schlüssel, alle. Wollen sie mitkommen, Herr Helldorf?“ Klar wollte der.

Kurz darauf waren Sack und Helldorf wieder im Vertriebspoint.

„Und?“, fragte ein entmutigter Herr Frizzoni.

„Einwandfrei“, antwortete Herr Helldorf, „ich habe beide Türen öffnen können. Die Schlüssel sind rein wie eine eins…“, er hielt das Schlüsselbund mit den Anhänger „Eckhaus“ hoch, „kein Problem!“

„Wie Butter“, stimmte Herr Sack zu, „gleich beim ersten Versuch!“

„Ich bin doch nicht zu doof, um eine Tür zu öffnen“, sagte Herr Frizzoni, „ich kann doch mit einem Schlüssel umgehen…“

„Die Kunden sind jedenfalls fort“, sagte der Praktikant, „vielleicht sollte ich das nächste Mal…“

„Still, Helldorf!“, fauchte Herr Sack, „machen sie sich hier nicht unbeliebt. Aber morgen kommen Kunden, die ich akquiriert habe, da werde ich mit denen hinüber gehen. Und ich werde gut aufpassen, das verspreche ich Ihnen!“

„Gibt es denn viele potenzielle Kunden, die zwei Millionen für eine Wohnung ausgeben?“, fragte der Praktikant, „allzu häufig werden wir uns so etwas doch wohl nicht leisten können, ohne dass uns der Conte aufmischt?“

„Nein“, stimmte Herr Frizzoni zu, „besser nicht mehr!“

Aber sie hatten die Rechnung ohne Udo und Wolfgang gemacht ... Die Schlüssel waren „ein Geschenk Gottes“ (im übertragenen Sinne). Wenn sie auch weder ein Geschenk waren - und wenn schon dann doch eher von Jens als von Gott. Letzterer hatte wahrscheinlich wahrlich anderes zu tun, als sich um Udos und Wolfgangs Dummejungenstreiche zu kümmern. Schließlich musste er sich gerade um kritische Zusammenballungen dunkler Energie und Materie am anderen Ende des Universums kümmern – die Raumzeit drohte dort zu kollabieren. Und wenn er die wieder hergestellt hatte, würde er wahrscheinlich wieder endlos über universelle Kleinigkeiten mit Gottkollegen aus Paralleluniversen streiten...

Die Kunden von Herrn Sack, die am nächsten Tag kamen, konnten sie leicht durch ein paar Tropfen Buttersäure vergraulen, die sie auf die zur Dekoration aufgehängte Rolle Toilettenpapier im Master-Badezimmer geträufelt hatten. Das gab der ganzen Luxuswohnung das Odeur einer wenig gepflegten öffentlichen Toilette ... Die Buttersäure war in dem Päckchen gewesen, das Wolfgang von der Post in der Arnulfstraße abgeholt hatte. Buttersäure konnte man problemlos im Internet bestellen. Dort wurde sie sehr preiswert als eine der wenigen Substanzen angepriesen, mit denen man Maulwürfe aus ihren Bauten vertreiben konnte: Einfach ein paar Tropfen von dem Teufelszeug auf einen Lappen und den in einen Maulwurfgang gesteckt – und es hieß „hasta la vista, Maulwürfe“ (oder Kunden)!

Gleich, als Herr Sack die Wohnungstür öffnete, zog die potenzielle Käuferin der Wohnung die Nase noch in der Tür kraus und sagte entsetzt: „Mein Gott, wie riecht es hier denn?“ Das stinkt ja bestialisch! Da kommt man sich ja vor wie im Tigerkäfig! Werner, das kann noch so toll aussehen hier, da ziehe ich im Leben nicht ein ..., das kannst du gleich vergessen!“

Was objektiv betrachtet, eine deutlich überzogene Aussage war, sooo schlimm war es nun auch wieder nicht. Denn sie hatten ja wirklich nur ein paar Tropfen verwendet ... Und das ein Tiger im Zoo keine Chance hat, dem Geruch seines eigenen Urins zu entkommen, liegt am Zoo, nicht am Tiger, deshalb ist die Aussage zwar vielleicht richtig, dem Tiger gegenüber aber unfair!

Unangenehm war der Geruch, sicherlich, unannehmbar für den geforderten Preis, wahrscheinlich ... aber „bestialisch“? Nein, da war Schlimmeres vorstellbar ... Zum Beispiel eine höhere Buttersäure-Dosierung!

Als Nächstes kamen einige tote Ratten zum Einsatz, die Udo in Fallen im Olympiaparkgelände gefangen hatte: Mitten im Wohnzimmer der Luxusapartments drapiert, taten die toten Tiere schaurig das ihrige, um die nächste Interessentin, eine Kundin von Frau Waschinski, in die Flucht zu schlagen. Die Schreckensschreie beider Damen nachdem sie der kunstvoll drapierten Rattenleichen ansichtig geworden waren, konnte man über den Hof bis in die Volkartstraße hören ...

Klar war, dass beide Damen – sowohl Frau Waschinski als auch ihre potenzielle Kundin - die Wohnungen im Dachgeschoss unter keinen Umständen mehr betreten würden – Frau Sieburg erklärte sogar, sie würde das Haus nicht mehr betreten: „Nicht, wenn da Ratten sind! Ich habe ja schon vieles erlebt als Maklerin“, erklärte sie Herrn Frizzoni als Vertriebspoint-Leiter, „mein persönlicher Rubikon ist damit überquert, denn das geht eindeutig zu weit, da ist eine rote Linie ... Ich habe schon vieles in meinem Leben als Maklerin gemacht, auf das ich gar nicht stolz bin, für manches schäme ich mich sogar! Aber Ratten ...“ sie schüttelte sich vor Ekel. Mit Ratten konnte und wollte sie gar nichts zu tun haben. Egal, ob lebendig oder tot.

Als Frizzoni sie spöttisch anschaute, betonte sie: „Doch, ich habe einen Ehrenkodex – er mag vielleicht nicht viel wert sein! Aber Ratten, nein danke und schon gar keine toten! Ich wäre tot umgefallen, wenn mir das passiert wäre. Ich verlasse die Firma. Sofort!“ Sie packte tatsächlich ihre Sachen und ging.

Später schickte Herr Frizzoni den Praktikanten hinüber, um die Wohnungstür abzuschließen. Der fand übrigens trotz Suche keine Ratte. Aber trotz intensiven Lüftens lag immer noch ein Hauch von dem unangenehmen Geruch in der Luft.

Mit dem „rat pack“ war der Krieg endgültig erklärt!

5. August. Der Conte

Am nächsten Mittag erschien der Conte unangemeldet im Vertriebspoint.

„Frizzoni“, sagte er, ließ die Tür ins Schloss fallen und fuhr statt einer Begrüßung ungnädig fort, „auf ein Wort ins Besprechungszimmer! Sofort!“

Frau Waschinski, Herrn Sack und den Praktikanten schien er gar nicht wahrzunehmen, grußlos rauschte er an ihnen vorbei.

„Ja, Conte“, war alles, was Herr Frizzoni sagen konnte.

Als Frizzoni die Tür hinter sich geschlossen hatte, wollte der Conte sofort wissen, was hier los sei? Frau Sieburg hatte ihn unmittelbar, nachdem sie den Vertriebspoint verlassen hatte, angerufen, um ihm mitzuteilen, dass sie „da“ nicht mehr arbeiten könne, nicht bei den Verrückten!

„Also?“, fragte der Conte, „was ist passiert, Frizzoni? Warum hat ausgerechnet meine beste Kraft gestern fristlos gekündigt? Fristlos! Da muss doch etwas passiert sein?“

„Naja“, dachte Herr Frizzoni, „hat er gesagt, die beste Kraft? Darüber könnte man diskutieren“, was er klugerweise aber nicht tat. Was dem Conte wiederum angenehm auffiel.

„Nun“, sagte Herr Frizzoni bedacht, „Conte, es sind einige ... sagen wir, ungewöhnliche Dinge passiert ...“

„Ich höre“, sagte der Conte.

Frizzoni versuchte sich zu sammeln. „Warum“, dachte Herr Frizzoni, „verdammt, bin ich nur immer so nervös, wenn ich mit dem Conte rede? Warum komme ich mir immer wie ein kleiner Junge vor, der seinem strengen Vater eine Schandtat gestehen muss? Ich habe doch nichts verbrochen?“

„Ja, also ...“, stammelte Herr Frizzoni.

„Frizzoni, ich höre, stammeln sie hier nicht so herum, sagen sie wie ein Mann, was passiert ist. Niemand reißt ihnen den Kopf ab!“

„Das sagst du“, dachte Frizzoni, der sich nicht darauf verlassen wollte. Er brauchte diesen beschissenen Job! Er holte tief Luft und setze noch einmal an: „Das war also vorgestern, da hatte die Sieburg zwar nichts mit zu tun, aber da fing es an ...“

„Was, Frizzoni, was fing an?“

„Diese seltsamen Sachen ...“

„Kommen sie zum Punkt, Frizzoni, ich habe meine Zeit nicht gestohlen!“

„Ja. Also. Erst einmal ist ein Stein vom Gerüst gefallen, als der Jaguar eines Kunden darunter parkte. Also nicht direkt drauf auf den Jaguar! Mehr so daneben, also, fast daneben...“

„Frizzoni“, sagte der Conte, „drauf oder daneben? Was nun?“

„Sag ich ja, mehr so fast daneben! Der Stein ist eben heruntergefallen und haarscharf an der Beifahrertür am Wagen entlang gerutscht und hat eine kleine Beule in das Dach und die Tür gemacht und ein paar Schrammen in die Beifahrertür ...“

„Na gut, soll nicht passieren, darf nicht passieren, passiert aber doch – im Grunde ein Fall für die Haftpflichtversicherung“, war alles, was der Conte sagte, „weiter, Frizzoni, deswegen hat die Sieburg doch nicht gekündigt ...“.

„Nein, nein, sicherlich nicht. Aber es ging ja weiter ...“. Frizzoni machte eine kurze Pause, der Conte schaute ihn genau an.

„Als Nächstes passten die Schlüssel plötzlich nicht mehr – oben in den beiden Neubauwohnungen unter dem Dach. Ich habe die Eingangstüren nicht mehr öffnen können ...“

Der Conte schaute ihn mit einem sehr skeptischen Gesichtsausdruck an.

„Nein“, sagte Herr Frizzoni, „Conte, ich bin nicht zu blöd, um eine Tür aufzuschließen ... dafür nicht!“

Der Conte wiegte den Kopf.

„Als Herr Sack und der Praktikant hinterher hinübergegangen sind, haben die Schlüssel dann einwandfrei funktioniert! Bei mir vorher aber nicht, ich meine, als ich mit den Interessenten drüben war.“

Der Conte sagte nichts, er schaute nur – immer noch skeptisch.

„Am nächsten Tag hat es in der Wohnung fürchterlich gestunken - als ob ..., ja, als ob jemand mitten ins Zimmer geschissen hätte. Aber da war nichts! Und einen Tag später lagen die toten Ratten im Eingangsbereich und im Living Room!“

Der Conte dachte einen Moment lang nach, dann sagte er: „Da spielt doch jemand mit ihnen, Frizzoni, und zwar ein gutes, ein intelligentes Spielchen. Fast bin ich geneigt, den oder die zu bewundern! In Grenzen natürlich! Aber ich muss zugeben, Frizzoni, die sind nicht schlecht ... Sind sie auf die Idee gekommen, dass sich jemand einen Nachschlüssel gemacht hat und die Schlösser aus- und wieder zurückgetauscht hat? Innerhalb von Minuten?“

Herr Frizzoni, war froh, das Schlimmste offenbar hinter sich zu haben, ohne das der Conte explodiert war oder ihm den Kopf abgerissen hatte – das hatte er nämlich erwartet.

„Ja, Chef, daran habe ich auch schon gedacht“, stimmte Frizzoni zu, „aber wer, bitte schön, kann das machen? Da muss doch ein professioneller Schlossknacker dabei gewesen sein ...“

Der Conte schaute seinen Mitarbeiter nachdenklich an.

„Ob er darüber nachdenkt, ob ich noch der Richtige für den Job bin?“, dachte Frizzoni bei sich. Und genau daran dachte der Conte.

„Wissen Sie, was ich glaube, was da passiert ist, Frizzoni?“

Der Angesprochene schüttelte den Kopf. Einen Teufel würde er tun, jetzt irgendetwas zu sagen. Deshalb schaute er seinen Chef fragend an.

„Ich glaube“, sagte der Conte sehr langsam, als ob er darüber sinnierte, was er sagen sollte, „da hat sich jemand Nachschlüssel besorgt ...“

Frizzoni nickt zustimmend.

„... und hat dann die Schlösser ausgetauscht. Ein Klacks, wenn die Tür erst einmal offen ist. Dann sind sie gekommen und wollten mit ihrem Schlüssel, dem richtigen, der jetzt aber der falsche war, die Tür aufschließen. Das konnte natürlich nicht funktionieren ...“

Frizzoni nickte wieder.

„Als sie mit den Interessenten wieder gegangen waren, hat der oder haben die das alte Schloss wieder eingesetzt ... Und als Sack und Helldorf kamen, haben die Schlüssel natürlich gepasst. Voilà! So muss es gewesen sein ...“

„Genial!“, sagte Herr Frizzoni und meinte die Einbrecher.

„Na na“, wehrte der Conte ab, der glaubte, sein Mitarbeiter meinte ihn und seine Schlussfolgerungen, „die Frage ist doch die, wo hatten die die Nachschlüssel her? Sind die tatsächlich eingebrochen – dann waren die verdammt gut, an den Schlössern sieht man nichts, oder? Das haben sie geprüft?“

Frizzoni hatte das zwar nicht geprüft, nickte aber bestätigend.

„Oder“, fuhr der Conte fort, „haben wir eine verräterische Wanze im Team? Irgend so eine linke Socke, die mit den Kommunisten da drüben gemeinsame Sache macht, Frizzoni?“

Frizzoni schaute seinen Chef erschrocken an: „Sie meinen, einer von uns ... oder eine? Nein, das glaube ich nicht! Das will ich auch nicht glauben, Chef. Ich kenne doch meine Leute. Nein, das war keiner von uns ...“, wehrte er die Vermutung ab.

„Würden sie für jeden Einzelnen die Hand ins Feuer legen, Frizzoni?“

„Ja“, sagte Frizzoni langsam, „ich glaube schon“.

„Sehen Sie, Frizzoni, ganz sicher sind sie auch nicht!“

„Wie immer die es gemacht haben, Frizzoni, das hat die eine schöne Stange Geld gekostet ... Entweder hatten die einen Profi – der kostet gutes Geld - oder die haben eine oder einen aus dem Vertriebspoint geschmiert ... Mein Gott“, fuhr der Conte fort, „für ´nen Tausender mal eben die Schlüssel für eine halbe Stunde hergeben? Da ist doch kein Risiko dabei, oder?“

Der Conte schaute Herrn Frizzoni an, der staunend zurückschaute.

„Sehen sie, Frizzoni, jetzt staunen sie, oder? Beginnt es, bei ihnen im Gehirnkasten zu klickern?“

Es begann. Es begann sogar intensiv zu rattern ... Er schaute den Conte mit großen Augen an, er sah einen Lichtschein am Horizont, „Sie meinen ...“

„Das liegt doch auf der Hand: Die Sieburg hat sich schmieren lassen und dann die Sache mit den Ratten als Anlass genommen, blitzartig den Laden hier zu verlassen. Die konnte sich doch denken, dass wir darauf kommen, dass sie das war ... Die Ratte verlässt das sinkende Schiff, Frizzoni, wenn ich das mal so sagen darf!“

„Aber für Tausend Euro?“, fragte Frizzoni, „so viel Geld ist das ja nun auch nicht ...“

„Die bekommt doch sofort wieder einen Job bei der Situation hier in München, wahrscheinlich sogar besser bezahlt, Makler werden gesucht wie nichts ... dabei kann die doch wirklich nichts ...“

„Nanu“, dachte Herr Frizzoni, „vorhin war sie noch die beste Kraft ...?“ Das sagte er aber nicht, stattdessen warf er ein: „Also, Chef, wie sie das so rausbekommen haben, ganz ohne die zu fragen ...“

„Mein Gott, Frizzoni, ich bin ja nicht ganz ohne Grund in die Position gekommen“, er tippte sich an die Stirn und fuhr fort, „Man braucht Köpfchen, Frizzoni, Köpfchen und ...“ er tippte sich jetzt mit dem Zeigefinger an die Nase, „und Näschen! Frizzoni, das hat man oder man hat es nicht. Ich befürchte, sie haben beides nicht ... Aber dafür haben sie ja mich!“

Der Conte lächelte selbstgefällig. „Doch“, dachte er, „manchmal bin ich richtig gut! Ach was, was heißt manchmal ... ich bin richtig gut!“

Jetzt war so ein Moment, in dem er gerne eine Zigarre rauchen würde, so eine dicke kubanische, wie früher in den guten alten Zeiten, und im Sessel weit zurückgelehnt genussvoll ein paar Rauchringe in die Luft über sich ablassen und ihnen beim Auflösen zuschauen ... Mein Gott, wie das ihn entspannte! Wie sehr vermisste er das! Aber die blöde Kuh zuhause würde wieder an seinen Sachen schnüffeln, ob er geraucht hätte. Und wehe, wenn ja, dann konnte er sich auf eine Abreibung gefasst machen, die sich gewaschen hatte.

Dass sie mit der neuen Nase, oder dem, was davon übrig geblieben war, überhaupt noch riechen konnte, war ihm völlig schleierhaft.

Seit der letzten völlig daneben gegangen Gesichtsoperation sah sie aus wie ein Affe, fand er. Alles was sich zwischen den Ohren befand, war so straff, dass sogar die Nase eingeebnet worden war ... alles platt.

Er konnte sie nicht mehr anschauen, selbst bei den seltenen Malen, bei denen sie ihn „ran ließ“, musste er sie von hinten … sonst würde sich bei ihm nichts regen! Er musste sich schütteln bei dem Gedanken.

Er hatte sogar von einem Anwalt prüfen lassen, ob man den Operateur bei DEM Honorar in die Haftung nehmen könne? Gut, die Kosten hatte nicht er bezahlt, zumindest das hatte die Filmfirma übernommen ...

Der Anwalt hatte sich nach Ansicht der Vorher-/Nachher-Bilder erst geschüttelt, dann abgewinkt und ihm schließlich als „Mann und Vater“ sein Beileid ausgesprochen und schließlich als Jurist gemeint, dass das neue Gesicht kein familienrechtliches Problem sei ...

Was denn sonst, hatte er gedacht, wenn das kein Scheidungsgrund ist, was dann?

... sondern vielleicht eher eine Frage des ärztlichen Copyrights, man müsse das vielleicht einmal höchstrichterlich prüfen lassen, schließlich hätten auch Architekten eine Art Copyright auf das, was sie in die Gegend stellen ließen, nicht wahr, und das dürfe man als Bauherr ja auch nicht baulich verändern ...

Er würde sich doch einmal um die hübsche Kleine von dem Dudelsender kümmern müssen, die hatte zwar alles, was er brauchte, gut, sie könnte mehr davon haben - aber sie schien angenehm wenig in der Birne zu haben, das würde die Sache für ihn besser verdaulich machen. Für ein Wochenende würde sein „Barterl“ schon reichen, da würde er eben ein paar Tage vorher aufs Masturbieren verzichten.

Und mit dem Grips? Er würde ihr schon beibringen, wann sie den Mund zu halten und wann und wofür sie ihn zu öffnen hätte. Er wollte schließlich nur ein bisschen Spaß haben.

Er wollte abschalten und seinen Saft los werden ... Und sie sollte das bewerkstelligen. Das war alles. Mehr wollte er nicht von ihr. Und dann wollte er seine Ruhe haben. Und bloß kein Getue von wegen „Liebe“ oder so, so ein Schwachsinn ... Das hatte er lange hinter sich. Schließlich gilt im ganzen Leben: Wer zahlt, schafft an ... Und außerdem wollte er sie ja nicht gleich heiraten.

Mein Gott, dachte er noch, wer brauchte schon Grips bei einer Frau – er jedenfalls nicht. Denn Grips hatte er für zwei, das hatte er doch eben bewiesen ...

Bei Frizzoni, dachte er, müsste das anders sein, da müsste die Frau in der Familie den Grips für zwei haben, denn Frizzoni hatte keinen - das brachte ihn zurück zu seinem Mitarbeiter.

Er schaute Herrn Frizzoni wieder an, der die ganze Zeit, die er in Gedanken geschwelgt hatte, brav geschwiegen und sich nicht gerührt hatte.

„Ich glaube, Frizzoni, die haben eine Linie überschritten, die wir nicht akzeptieren können ...“ sagte der Conte nachdenklich, „wenn sie auch gut waren, die haben uns mit ihren Dummejungenstreichen den Krieg erklärt! Wir können uns das nicht gefallen lassen, Frizzoni!

Frizzoni, von heute an wird zurückgeschossen, wenn ich einen großen Deutschen so in etwa zitieren darf, den man leider weder als groß bezeichnen noch auch nur zitieren darf ...

Frizzoni, vergessen sie das, das wird ihnen leicht fallen, das habe ich so nie gesagt.“

„Ja, Chef, was haben sie gesagt? Ist schon weg! Ich habe verstanden“, nickte Frizzoni, „ich spreche am besten mit unserem Praktikanten ...“

„Mit wem wollen sie sprechen, Frizzoni?“ Der Conte betonte das „wem“.

„Mit dem Praktikanten, Conte, sie haben völlig richtig gehört, der Junge ist der kreativste hier, wenn es ums Zuschlagen geht, glauben sie mir“.

„Tatsächlich, Frizzoni? Na gut, ehrlich gesagt, ich hatte mir fast so etwas gedacht ... Der Junge kommt – trotz Studium - von ganz unten und will, glaube ich, ganz nach oben ...“

„Ja, der geht über Leichen ...“

„Frizzoni“ sagte der Conte mit Verschwörermiene, „so etwas sagt man einfach nicht ... Wenn sie die Leute schon umbringen wollen… da spricht man nicht darüber! Nie und zu niemandem! Ich will das nicht wissen! Sie können machen, was sie wollen, aber SAGEN sie es nicht! Ich wiederhole: Niemals! Zu niemandem! Nicht einmal zu mir - oder schon gar nicht zu mir! Ist das klar, Frizzoni? Wiedersehen ...“

In der Tür dreht er sich noch einmal zum im Gesicht weiß gewordenen Mitarbeiter um: „Frizzoni, ich habe eine gute Idee, die ihnen helfen könnte: Die Stelle von der Sieburg ist doch frei – setzen sie den Helldorf drauf, soll der Junge sehen, dass man bei uns mit den richtigen Ideen Karriere machen kann ...“

„Jawohl, Chef“, antworte Herr Frizzoni.

„... und – Frizzoni? Ein gut gemeinter Rat von mir: Nehmen sie sich in Acht, sonst hat der Junge eines Tages noch ihren Job ... seien sie wachsam, ich an ihrer Stelle, wäre es jedenfalls!“

Im Hinausgehen blieb er am Tisch des Praktikanten stehen. Der blieb lässig sitzen.

„Guten Tag, Helldorf“, sprach der Conte ihn an, „ich glaube, Herr Frizzoni braucht sie jetzt, gehen sie mal hinein. Übrigens, Helldorf, von Mann zu Mann – und sie scheinen mir trotz ihrer Jugend einer zu sein - gute Leute, Leute mit Ideen und Initiative – vor allem Initiative! - haben bei uns unbegrenzte Chancen! Wissen Sie, Leute, die ein Problem an den Hörnern zu packen wissen, ohne groß zu fragen! Macher! Problemlöser eben! Schweigsame Problemlöser vor allem.“

An Frau Waschinski und Herrn Sack, die auch an ihren Schreibtischen saßen, ging er wieder grußlos vorbei und verließ den Vertriebspoint.

9. August. Notstromversorgung

Für den Samstag hatte Herr F. sich bei Frau Z. abgemeldet. Das fand die gar nicht witzig, denn samstags hatte Frau R. frei, dann mussten die beiden den Laden alleine „schmeißen“ – und ohne Herrn F. wäre sie ja ganz alleine.

Als Herr F. ihr aber erläutert hatte, es gehe darum, die Stromversorgung für den Laden sicherzustellen, hatte Frau Z. ein Einsehen und Frau R. für Samstag aktiviert.

Die wiederum fand das auch nicht besonders witzig, denn am Samstag war ab fünfzehn Uhr Tanztee im Seehaus in Starnberg – das war für Frau R. seit Jahren eine Jour fixe, denn dann kamen „die Herren“, mit denen Frau R. Rock´n Roll tanzte - jeden zweiten Takt (wegen der Herren, nur deretwegen, Frau R. hätte auch die volle Geschwindigkeit „gepackt“). Um pünktlich im Seehaus zu sein, musste sie gegen ein Uhr mittags ihre Wohnung verlassen, erst zuckelte die S-Bahn, dann war es noch ein Stück zu Fuß und ein Eis musste unterwegs unbedingt auch noch sein.

Aber auch sie sah ein, dass die Stromversorgung eine wichtige Sache war, also hatte sie „den Herren“ bekümmert abgesagt und war ab acht Uhr morgens im Laden: Putzen, Regale auffüllen, ab und zu einen Kunden bedienen, Gemüse putzen, Frau Z. beim Kochen zur Hand gehen – das ganze tägliche Programm eben!

Udo hatte inzwischen das erforderliche Kabel besorgt: Eine ganze Rolle würden sie brauchen, das hatten sie ausgemessen. Und das „schwere Gerät“, das sie brauchen würden, hatte Udo auch: Den Bohrhammer und den großen Schlagbohrer mit dem ganz langen 30 mm-Bohrer – alles, was einer im Laufe der Jahre so angeschafft hatte, der gerne körperlich arbeitete und auf der Werft groß geworden war. Denn auf einer Werft gab es kein „Kleinzeug“. Da war der Hammer eine Nummer größer (was heißt da „eine“, drei!“) und alles andere Werkzeug eben auch. Wenn das zu bearbeitende Teil, nämlich das Schiff, dreihundert Meter lang war, mussten die Werkzeuge größenmäßig dazu passen. Und Udo hatte auch die passenden Hände: Größe Marke Klodeckel ...

Sie waren in den Keller des Eckhauses gestiegen, hatten die Werkzeuge hinuntergeschleppt und mehrfach gemessen und diskutiert. Schließlich hatten sie den Punkt festgelegt, an dem Udo den Bohrhammer ansetzen sollte. Der holte tief Luft, setzte das Ding an und ließ den Bohrhammer losrattern.

In dem Lärm sang er laut den Refrain des Liedes „Presslufthammer Bernhard“ von Torfrock: „Ratatazong ratatazong weg ist der Balkon dong“...

Der pneumatische Bohrhammer zog sich fast wie von selbst durch die alten Mauersteine. Kein Wunder, denn er war für härtesten Beton konzipiert worden, nicht für solche Weicheier wie alte Backsteine der Nachkriegszeit. Schnell war Udo „durch“, er hatte Mühe, den Bohrhammer früh genug wieder auszuschalten, sonst wäre das ganze Gerät durch die Mauer gerauscht... Und das wäre ja auch nicht in ihrem Sinne gewesen, denn sie wollten ja nur ein kleines „unauffälliges Löchlein“ von dreißig Millimeter Durchmesser (oder so) durch die sechzig Zentimeter dicke Fundamentwand bohren.

„Fertig“, sagte Udo, „jetzt müssen wir wieder rüber aufs Gelände“ – er meinte den Metallhandel – „und das Loch suchen. Habt ihr noch einmal gemessen, wie weit wir von der Ecke weg sind?“

„Gut drei Meter“, sagte Wolfgang, „ oder ...“ er maß noch einmal nach „genau, warte einmal, dreimeterzwanzig.“

Sie gingen auf das Gelände des Metallhandels, auf dem Udo bekanntlich seine Werkstatt hatte, also dort ein- und ausging. Sie schritten die Wand des Eckhauses ab. „Hier“, sagte Wolfgang nach drei langen Schritten und deutete auf den Boden, „da musst du rausgekommen sein. Hier müssen wir graben.“

Er nahm eine der bereitstehenden Schaufeln und begann direkt an der Hauswand zu graben. Nachdem er vierzig Zentimeter tief gegraben hatte, schaute er grinsend hoch, deute in das Loch und meinte: „Auf den Zentimeter genau, da ist das Loch!“

Tatsächlich, da war das Loch, das Udo gebohrt hatte. Der rollte zwei Meter Kabel von der Rolle ab und steckte das Ende in das Loch, dann schob er den ersten Meter Kabel hinein, dann den zweiten.

„Das muss reichen“, meinte er, „den Rest ziehen wir von drinnen rein. Wolfgang, bleib du hier und schieb eventuell vorsichtig nach, Herr F. und ich verlegen es im Keller“. Damit verschwanden er und Herr F. wieder im Keller des Eckhauses.

„Das war einfacher, als ich dachte“, sagte Udo.

„Ja“, bestätigte Herr F., „das ging gut“, und fügte bewundernd hinzu „und schnell!“

Im Keller zogen sie vorsichtig so um die fünfzehn Meter Kabel in das Kellerabteil, das zur Wohnung von Herrn Moser gehörte, der ihnen gerne den Schlüssel für sein Schloss gegeben hatte. Von da aus ging es durch den Kellergang zum Keller, der zum Laden gehörte und der genau darunter lag.

„Wo?“, fragte Udo und meinte, wo er das Loch in und durch die Decke bohren sollte.

„Herr F. fummelte eine Weile mit dem Zollstock herum, maß erst von der einen Wand, dann von der anderen, kratzte sich nachdenklich am Kopf, doch schließlich zeichnete er entschieden ein Kreuz an die nicht sehr hohe Kellerdecke über sich und meinte: „Genau hier!“

Diesmal verwendete Udo den Schlagbohrer, der auch von einer beeindruckenden Größe war – jedenfalls war er deutlich größer als das, was der Familienvorstand des durchschnittlichen Haushalts verwendet.

Er hob den schweren Schlagbohrer über den Kopf, sagte „Feuer“ er mehr zu sich selber als zu Herrn F. Er meinte damit, dass er den Bohrer anschaltete. Brrrruummmmm machte es und kreeiiissssccchhhh, dann hatte die gehärtete Bohrspitze gegriffen und „drehschlagbohrhämmerte“ sich durch die alte Decke, die dem Hochleistungsbohrer wenig mehr als ihre beeindruckende Dicke entgegenzusetzen hatte. Dementsprechend überlang war der Bohrer und es dauerte deutlich länger, als es mit dem Bohrhammer gedauert hätte, den Udo aber nicht einsetzen wollte: „Da kommt uns eventuell die halbe Küche entgegen“, hatte er zu Herr F. gesagt, „und deinen Damen bleibt das Herz, wenn wir loslegen ...“

Als der Boden unter Frau R. erst leicht, dann heftiger zu beben begann, war diese nervös zur Seite getreten. „Jetzt fangen s‘ an, Frau Z.“, hatte sie gesagt „hoffentlich fällt der Boden nicht runter ... in dem alten Haus?“ Da sie nicht orten konnte, von wo die Vibrationen ihren Ausgang nahmen, bewegte sie sich auf der Flucht vor den „good vibrations“ durch den halben Laden. Fast war es ein Tanz, nur eben kein Rock`n Roll ...

„Was ham s‘ g‘sagt?“, fragte Frau Z. zurück, die in dem Lärm nichts verstanden hatte, „des is da doch so laut hier, da verstest ja s‘ eigne Wort nicht ... Wahrscheinlich fanga‘s jetzt an ...“

„Was?“, schrie Frau R. zurück, „ich verstehe sie nicht ...“

„Die bohr‘n jetzt“, schrie wiederum Frau F. und Frau R. antworte ins Blaue: „Die bohren! Wahrscheinlich direkt unter uns“.

Im Laden klirrten die Flaschen, die Kühlschränke rutschten, bedingt durch die „vibs“, etwas hin und her, in der Kühltheke hüpften die Wiener, die Matjesheringe bewegten sich in ihrer Lake, als würden sie wieder leben, so sehr vibrierte der Boden.

„Was ist denn hier los?“, fragte Herr Moser, der gerade herein kam, „das ist ja schlimmer, als wenn unter der Woche die Polen arbeiten ...“

„I‘ versteh‘ sie net ...“ schrie Frau Z.

„Was haben sie gesagt?“, fragte Herr Moser sehr laut zurück.

„Mir müss‘ma an Moment wart‘n, glei‘ müss’n‘s fertig sei‘, glei gell?“, sagte Frau Z., die aber weder der Herr Moser noch die Frau R. verstand.

„Warten wir lieber bis das aufhört..“ sagte Herr Moser in den Lärm.

Frau Z. zuckte mit den Schultern und hob die Arme, um anzudeuten, dass es zu laut für jedwede Verständigung sei.

Plötzlich zuckte Frau R., die hinter dem Verkaufstresen mit den offenbar wieder zum Leben erweckten Matjes und den hüpfenden Würstchen stand, zusammen. Irgendetwas oder irgendwer hatte ihren Schuh berührt – von unten! Das war Udos Bohrer, der seinen Weg durch die Kellerdecke und damit gleichzeitig durch den Ladenboden geschafft hatte.

„Puh“, sagte Udo (unten), „man, das war schwer!“ Er setzte, glücklich fertig zu sein, den Schlagbohrer mit einem Seufzer ab. „Junge“, sagte er, „das Ding ist vielleicht schwer geworden, man o man, man wird alt. Früher wäre das ein Klacks gewesen ...“

Oben juchzte Frau R.: „Da hat mich wer berührt, Frau Z., da ist etwas ... unter mir, unter meinem Fuß! Ihh, das kitzelt vielleicht! Haben wir jetzt elektrische Maulwürfe im Laden?“

„Nana“, lachte Frau Z. „kein Maulwurf nicht, de derfa net da rei‘, ja schon weg‘n der Hygiene gell, und erscht recht koa elektrischer net, das war sicher da‘ Jürgen!“, und an Herrn Moser gewandt: „Sie, Herr Moser. Sie, de leg‘n uns g‘rad an Strom vo‘ drüb‘m, die drei Mander. Z‘wegs de‘ Kühltruh‘n und so ... dass de‘ nimmer ausfall’n. Sie gell, wenn‘ s da was hab‘n, in der G’fiertruh’n daoam, mein‘ ich, dann können‘s des scho‘ gern daherbringen! Damit eahna des net auftaut gell. Des geht scho‘ ... Platz ha‘ma mir genug daherinnen.“

„Ja, ja“, sagte Herr Moser stolz, „ich weiß, was die Männer machen, das Kabel geht ja durch meinen Keller! Wir müssen ja zusammenhalten! Woanders kämen die ja gar nicht rein ins Haus. Danke, Frau Z., aber eine Kühltruhe habe ich gar nicht. Das lohnt sich ja nicht für einen alten, alleinstehenden Mann. Nein, da hole ich mir lieber mein Mittagessen bei ihnen, das schmeckt viel besser, als wenn ich da am Herd herumpfuschen würde.“ Er winkte ab, „´s reichte mir schon, wenn ich mir am Sonntagmorgen einmal ein Ei kochen täte“.

„Sie, das mit den elektrischen Maulwürfen, ist interessant! Da gibt es ein sehr empfehlenswertes Buch“. Herr Moser war viel belesener, als es den Anschein hatte. „Warten sie, wie heißt das noch gleich? Ich hab`s: G.A.S. Die Trilogie der Stadtwerke. Ist von Matt Ruff, einem Ami. Die mag ich ja eigentlich nicht so, mit ihren amerikanischen Superhelden, die immer die Welt retten müssen, aber das ist so schräg, das ist schon wieder gut! In dem Buch gibt es elektrische Neger und elektrische Biber, das sage ich ihnen, und – genauso verrückt - einen intelligenten Haifisch, sie, der ist sogar superintelligent… Das müssen sie mal lesen, nicht immer den Kram, den sie seit einiger Zeit hier verkaufen…“

„Ehrlich?“, fragte Frau Z., die sich weder für elektrische Neger noch ebensolche Biber interessierte, „ also … i‘ weiß net recht, des is‘ vielleicht eher was für mein‘n Jürgen oder für den Herrn Autor, den Cabra wissen’s …“

„So, glauben sie“, meinte Herr Moser, „der Autor behauptet nachher bloß wieder, er hätte das selber geschrieben, so wie neulich, als ich ihm einen U-Boot-Thriller empfohlen habe… Dem Aufschneider, dem glaube ich kein Wort mehr!“

Inzwischen kniete Frau R., die sich offenbar auch nicht für die elektrischen Neger und Biber von Herrn Moser interessierte, über dem Loch, durch das fast ihr Fuß angebohrt worden wäre, und blies den Staub hinein, der rund um das Bohrloch lag – Ordnung musste sein und Dreck im Laden? Das ging gar nicht. Wenn schon niedliche Maulwürfe wegen der Hygiene verboten waren, dann galt das es Dreck erst recht, fand die.

Weil in dem Moment, in dem Frau R. in das Loch blies, unten gerade Herr F. stand und mit einem Auge durch das Loch nach oben hindurch blicken wollte, um zu prüfen, ob sie wirklich „durch“ waren, bekam er die beißende Ladung Dreck „voll ins Auge“. Das brannte und tat ziemlich weh und er schrie dementsprechend, tanzte einäugig herum und fluchte gotteslästerlich.

„Wir sind durch“, beruhigte ihn Udo, „kannst ganz sicher sein, Herr F., sonst hätte da keiner durchblasen können ... Gehen sie mal rauf, ich schiebe das Kabel hoch“.

Als Herr F. sich das Auge reibend in den Laden kam, fragte ihn Frau Z., ob er eigentlich noch blöder sei, da zum herauskommen, also genau da hinter der Thek‘n? Ob‘s an der Wand net a‘ vielleicht g‘anga wär...“

Herr F. wollte davon schon wegen Herrn Moser jetzt gar nichts hören und sagte nur, dass sie davon nichts verstünde ... Natürlich hatte er einen Schreck bekommen, als er sah, wo sie sich durchgebohrt hatten, denn da, wo er, respektive Udo, durchgekommen war, hatte er nach seiner Messerei keinesfalls durchkommen wollen – aber das würde er nie und nimmer zugeben. Und Udo würde er gleich im Keller Bescheid geben, was er zu sagen, oder besser nicht zu sagen hätte.

„Ist schon richtig so“, sagte er und zog das Kabel hoch.

Dann ging er wieder in den Keller, um einerseits Udo zu vergattern was er zu sagen hätte und zweitens dabei zu helfen, das Kabel unauffällig mit Schellen an der Decke entlang zu befestigen. Danach strichen sie noch etwas Leim auf das Kabel und rieben es mit Staub aus dem Keller ein, damit es alt und dreckig aussah. Denn ein neues Kabel, hatten sie beschlossen, wäre doch zu auffällig gewesen.

Wieder zwei Stunden später hatte Wolfgang das Loch an der Wand wieder zugeschaufelt und Herr F. hatte das Kabel an Udos Stromversorgung angeschlossen – hinter dem Stromzähler und mit einem großen Schalter, der so aussah, als wäre er aus einem alten Frankenstein-Film entwendet worden und hinter einer korrekt ausgelegten Sicherung. Da konnte nichts passieren, da war er sicher.

Jetzt brauchte er nur noch die Anschlusssteckdosen im Laden zu montieren, aber das war ein Klacks, fand er, das würde er Montag machen. Dann konnten ihn die anderen einmal ...

Jetzt mussten alle erst einmal eine Pause einlegen!

10. August. Kennenlernen

Der Kosmetiksalon von Fräulein Concetta war von Dienstag bis Samstag ab 10 Uhr morgens geöffnet, am Montag nahm sie frei. In der Regel kam sie so gegen halb zehn in Studio, trank im hinteren Behandlungsraum, wo kein Kunde sie sehen konnte, in Ruhe eine erste Tasse Kaffee – seit das Haus eine Baustelle war, nur dann, wenn es Strom für die Kaffeemaschine gab – und bereitete sich auf die ersten Kunden vor. In den ersten Jahren waren nur Frauen zu ihr gekommen, seit ungefähr zwei Jahren kamen immer häufiger Männer zur Pediküre und in letzter Zeit gehäuft auch zur Maniküre.

Auch an diesem Morgen schaute sie zuerst in den Tagesplaner: Der Tag war eng verplant – einige Kosmetikbehandlungen, die erste gleich kurz nach 10 Uhr mit der Anwältin, zwei Maniküre- und drei Pediküre-Kunden. Unter den Letzteren auch der Autor. Der würde wie immer gegen zwölf Uhr kommen. Sie freute sich, denn sowohl die Anwältin als auch der Autor erzählten manchmal schöne Geschichten.

Kurz vor zehn hörte sie die Glocken, die sie an der Tür hatte, bimmeln. Sie schaute auf die Uhr – nanu? So früh? Die Anwältin war für viertel nach zehn eingetragen. Vielleicht war das jemand, der einen Termin verschieben wollte? Das kam immer wieder vor und ärgerte sie, denn das bedeutete viele Telefonate, um den frei gewordenen Termin wieder zu füllen, gut, dass die älteren Kundinnen zeitlich sehr flexibel waren.

Sie erhob sich und ging nach vorne in den kleinen Laden, in dem sie Kosmetika verkaufte und die einfachen Maniküre-Behandlungen vornahm, die komplizierteren machte sie hinten.

Nein, es war keine Kundin, die einen Termin verschieben wollte. Ein blonder Mann drehte ihr den breiten Rücken zu und blätterte in Broschüren, die sie ausgelegt hatte. Ein neuer Kunde? Und dann noch ein junger Mann? Das wäre nett, fand sie, nicht immer nur alte Schrumpelfüße – einmal etwas anderes, vielleicht etwas „Leckeres“? Das würde ihr Spaß machen ...

„Ja, bitte“ sagte sie freundlich zu dem Rücken. Der Rücken ließ die Broschüre sinken und drehte sich zu ihr um. Nein, das durfte nicht wahr sein, nicht der – das war dieses junge Arschloch aus dem Vertriebspoint! Einer von denen, die sie hier aus ihrem geliebten Ladengeschäft vertreiben wollten.

„Ich bin voll!“, sagte sie harsch und „für die nächsten sechs Wochen habe ich keinen Termin frei! Und für sie schon einmal gar nicht ... Seien sie so gut, verlassen sie bitte meinen Laden!“

Der junge Mann lächelte sie unter seinen kurzen blonden Haaren aus eisblauen Augen an – eher kühl, denn besonders freundlich. Er sah schon gut aus, wenn frau auf den Typ „Wikinger“ stand: So um die 178 Zentimeter groß, breite Schultern, schmale Hüften, blonde, kurz geschnittene gegelte Haare, wasserblaue Augen, Dreitagebart.

„Oh“, lachte er, weiterhin ohne besonders freundlich zu wirken, „was haben wir denn da? Eine kleine Wildkatze, eine italienische - uno gattopardo! Wie nett! Schade“, sagte er, „dabei könnte ich ihnen helfen ... und ich glaube, sie brauchen Hilfe ...“

„Raus!“, sagte Concetta und wies ihm mit ausgestreckten Arm die Tür.

„Na, na“, sagte der Blonde und machte unbeeindruckt keinerlei Anstalten, den Laden zu verlassen, „ und dann noch „un gatto selvatico combattimento“, heißt das so auf italienisch? Ja? Das gefällt mir und – wie lieb - fauchen kann sie auch, die Kleine ...“ Er lachte.

Nun war Fräulein Concetta alles andere als klein, schlank ja, aber mit ihren 174 Zentimetern war sie fast so groß wie der Herr Helldorf und eine Kämpferin war sie allemal – das Leben mit mehreren Brüdern und deren Freunden hatte sie Kämpfen gelehrt. Deshalb zuckte sie auch nicht zurück und wies dem jungen Mann noch einmal die Tür, „Raus habe ich gesagt!“

„Gleich, Fräulein Concetta“, versuchte Herr Helldorf sie zu beruhigen, „sie sollten mich anhören ...“

„Wollen sie mir noch einmal die Scheibe einwerfen?“

„Das“, sagte er, „war ich erstens nicht und zweitens dürfen sie so etwas nicht persönlich nehmen!“

„Und wie soll ich es nehmen? Als Gruß? Statt eines Blumenstraußes?“

„Nun“, sagte er betont ruhig, „wie gesagt, ich war es nicht ... Aber an ihrer Stelle würde ich es als eine Warnung begreifen!“

„Vor was? Vor ihnen?“

„Tja“, dachte er laut, „was könnten die bewirken wollen, Concetta?“

„Für sie immer noch Frau Concetta ...“

„Also, Fräulein Concetta, was könnten die gemeint haben? Dass sie ausziehen sollen aus dem Laden? Oder haben sie noch andere, die ihnen wehtun wollen?“

„Warum sagen sie es nicht, sie stecken doch dahinter! Das kostet mich übrigens ein Schweinegeld, die Scheibe ersetzen zu lassen, wissen sie oder ahnen sie auch nur, wie viele Füße ich dafür machen muss?“

„Keine Ahnung“, er zuckte mit den Achseln, „viele?“

„Verdammt viele ... und jetzt endlich raus!“

„Concetta, oh, Verzeihung, Frau Concetta, ich will ihnen wirklich helfen ...“

„Warum sollten sie das tun wollen? Da ist doch ein Trick dabei...“

„Nein“, er zeigte seine Hände und drehte sie, als ob er beweise wollte, dass da nichts drin verborgen sei, „Ich mag sie! So einfach ist das. Ich mag ihr Temperament ... Sie gefallen mir gut! Ihre Schwester übrigens auch“.

„Wir mögen sie aber nicht ...“

„Ach,“ winkte er lässig ab „keine Sorge, das kommt schon noch! Die Zeit, wissen sie ... Ich kann Ihnen helfen, dass sie bleiben können ... Ein etwas geänderter Mietvertrag, eine etwas andere, eine elegantere Ausstattung, ein bisschen mehr Licht, alles nicht so ...“, er schaute sich kritisch um und zögerte einen Moment, bevor er das Wort aussprach: „...einfach! Ich kann ihnen das notwendige Geld verschaffen ... Kein Problem! Oder ich kann ihnen auch einen anderen Laden in besserer Lage verschaffen. Wir haben viele für sie besser geeignete Läden in der Stadt zu vermieten ...“

„Zum letzten Mal: Begreifen sie es endlich“, sie sprach jetzt ganz langsam, die Buchstaben fast einzeln betonen: „Ich bleibe hier!“ Dann wurde sie sehr deutlich: „Und zwar ohne ihre Hilfe. Nein, danke, die brauche ich nicht ... Von ihnen brauche ich gar nichts. Nur ihre Rückansicht, wenn sie den Laden jetzt verlassen, meinen einfachen Laden, ohne das richtige Licht ... Ich finde hier alles ganz okay und meine Kunden auch. Gehen sie! Jetzt! Immediatamente – sofort!“

„Gut“ lächelte er sie an, „ich gehe!“

Er zögerte immer noch. Nach einer kurzen Pause fragte er: „Aber wollen Sie mir essen gehen, Fräulein Concetta? Ich lade sie ein! Italienisch? Was sie wollen - ich kenne da ein fantastisches Restaurant, das wird ihnen gefallen, sehr schick – da können wir alles besprechen! Laden, Geld, Ausstattung! Und hinterher ... wer weiß? Sie werden mich mögen, sie werden sehen!“ Er grinste sie frech an.

Fräulein Concetta ging an ihm vorbei zur Tür, öffnete die und sagte leise: „Zum letzten Mal: Sie gehen jetzt – oder sie lernen die Wildkatze beim Kämpfen kennen ... Raus! Sofort! Segaiolo, vaffanculo ti...“

Jetzt hatte er offenbar begriffen, dass er seine Zeit vergeudete, er ging tatsächlich, nicht ohne ihr in der Tür „Idiota!“, zuzufauchen. Er dreht sich noch einmal um, um zu sagen „Das ist dumm von Ihnen, Frau Concetta, sehr dumm! Das war das letzte Angebot, von nun an kann ich nicht mehr nett zu Ihnen sein. Schade, ich hätte dich mögen können, Concetta!“

In dem Moment erschien ihre erste Kundin, die Anwältin. Als Concetta die Tür hinter ihr geschlossen hatte, blinzelte sie Concetta mit einem Auge zu und sagte: „Concetta, sie behandeln auch Sahnestücke? Sogar vor der offiziellen Öffnungszeit? Was soll ich denn davon halten?“

„Den?“, sagte Concetta, „ganz bestimmt nicht, und wenn er gekrochen käme ...“

„Oha“, sagte die Kundin lächelnd, „das hört sich sehr nach etwas Privatem an ...“

Der Autor kam pünktlich. Concetta bat ihn, im Behandlungsstuhl Platz zu nehmen, und bot ihm - wie immer - einen Espresso an, den er auch heute gerne nahm.

Während er Schuhe und Strümpfe auszog und die Hosenbeine hochkrempelte, servierte Fräulein Concetta den Kaffee mit einem Keks. Dann ließ sie Wasser in eine kleine Wanne ein und bat ihn, die Füße zu baden.

Einen Moment später setzte sie sich ihm gegenüber auf ihren Platz und trocknete ihm die Füße. Dann begann die circa zwanzigminütige Behandlung – wie immer erst mit einer Fußwaschung, dann mit dem rechten Fuß.

Beide kannten das Prozedere. Concetta begann in dem Moment immer, etwas zu erzählen. Das gehörte zur Fußpflege irgendwie dazu, fanden beide. Concetta erzählte viel und gerne – auch mal Persönliches von ihren Eltern, von früher, von ihrem Freund oder von ihrer Zwillingsschwester Chiara.

Der Autor versorgte sie im Gegenzug ungebeten mit gut gemeinten Ratschlägen, die sie nie befolgte.

Im Laufe des Gespräches schaffte er es irgendwie immer, auf ihre Frisur zu sprechen zu kommen: Sie trug die schwarzen Haare streng zurückgebunden in einem sehr langen Zopf. Er wollte ihr seit Monaten eine freche Kurzhaarfrisur einreden – vergeblich. Inzwischen wusste er, dass das vergebliche Liebesmühe war – es war einfach „Ihr Spiel“ geworden. Dabei lachte sie gerne und laut.

Heute begann sie damit, dass am Morgen das blonde Arschloch aus dem Vertriebspoint zu ihr in den Laden gekommen sei und sich wie der große Mafioso benommen hätte und ihr „unwiderstehliche“ Angebote gemacht hatte - unter anderem sich!

Schließlich erzählte sie, wie sie ihn rausgeworfen und was er zum Abschluss gesagt hatte.

„Hhm“, machte der Autor, „das hört sich für mich gar nicht gut an, Fräulein Concetta – an ihrer Stelle wäre ich in der nächsten Zeit sehr vorsichtig!“

„Was soll er denn schon machen?“

„Die Schaufensterscheibe hat er ihnen schon eingeworfen oder einwerfen lassen ... Vor Gewalt scheint er nicht zurückzuschrecken. Wer weiß, was dem als Nächstes einfällt?“

„Noch einmal die Scheibe einwerfen?“, lachte Concetta kurz auf, „ich habe ja noch gar keine neue, da ist ja noch Ihre Holzplatte ... und die hält etwas aus!“

Der Autor behielt für sich, dass er der Sperrholzplatte so viel nun auch nicht zutrauen würde: Er dabei unter anderem an Vorschlaghammer, Molotowcocktails, Geschosse – sagte aber nichts, um „sein“ Fräulein Concetta nicht zu verunsichern.

„Mir gefällt nicht, das er offenbar mit ihnen anbandeln wollte ...“

„Der?“, schnaubte Concetta, „niemals! Ein Kotzbrocken!“

„Mag sein, aber aus seiner Sicht haben sie nicht nur sein Angebot, sie haben sogar sein - vielleicht sogar gut gemeintes - Hilfsangebot zurückgewiesen ... Und schlimmer noch! Sie haben IHN zurückgewiesen!“

„Gott sein Dank!“ Sie bekreuzigte sich schnell.

„Hoffentlich wird er nichts gegen sie unternehmen, Fräulein Concetta ...“

„Ach was“, winkte sie mit blitzenden Augen ab, „ich kann schon auf mich aufpassen ...“

„Hoffentlich“, dachte der Autor bei sich, „täuscht du dich da nicht, Concetta“ – was sollte eine junge Frau schon machen, wenn ein oder zwei entschlossene Gangster sie sich abends irgendwo in einer dunklen Ecke vornehmen würden? Er litt in diesem Moment an seiner Fantasie, die ihm sehr unschöne Szenen vor sein inneres Auge projizierte. Er sprach die Gedanken aus den oben genannten Gründen wieder nicht aus. Statt dessen sagte er: „Ich drücke ihnen die Daumen, Fräulein Concetta, vielleicht sind das ja auch nur die Albträume eines alten Mannes, auch noch eines Schreiberlings mit absurder Fantasie ... Ich wünsche es Ihnen. Aber tun sie mir den Gefallen, seien sie sehr vorsichtig!“

„Ja, klar, Herr Cabra, versprochen – ich passe auf! A pro pos, was macht das Schreiben?“

„Hhm, geht so ... geht im Moment ein wenig zäh! Ich könnte die Unterstützung ihrer Schwester gut brauchen!“

„Was schreiben sie denn gerade?“

„Das wissen sie doch, Fräulein Concetta, das darf ich doch nicht erzählen ...“

„Ich weiß“, winkte die über seinen Fuß gebeugt, lachend ab, „das sagen sie immer – und dann erzählen Sie´s doch ...“

„Ehrlich?“, fragte Herr Cabra erstaunt, „tue ich das? Tatsächlich? Bin ich ein Schwätzer?“

„Ja, doch“, erwiderte Concetta, ließ den Fuß aus und schaute hoch, „denken sie nur an den U-Boot-Thriller, in dem die Israelis mithilfe eines geklauten russischen U-Bootes einen amerikanischen Flugzeugträger mit einem Atom-Torpedo vernichten, um das den Iranern in die Schuhe zu schieben, damit die Amis ....“

„Schon gut“, winkte der Autor lachend ab, „schon gut, hören sie auf, bitte, ich kenne die Handlung ...“

Fräulein Concetta war jetzt offenbar wieder konzentriert mit dem Nagel des großen Zehs beschäftigt.

„Na gut“, sagte der Autor, „also ich hänge ein wenig ... es geht um einen Hacker, der sich in das elektronische Grundbuch einer großen Stadt hackt, um das Eigentum an diversen Häusern auf sich zu übertragen ...“

„Geht das?“, fragte Fräulein Concetta wenig interessiert.

„Ich glaube schon“, sagte der Autor und lächelte, „das ist ja das Schöne am Romanschreiben, zumindest im Roman kann ich Dinge gehen machen, die in der Realität so nicht oder noch nicht gehen! Das nennt man dann Fantasie ... Das macht Spaß! Aber an der Stelle könnte ich ein wenig Unterstützung durch ihre Schwester brauchen. So gerne ich auch fantasieren mag, irgendwo muss ich ja doch möglichst nahe an der Realität bleiben, damit der Leser mir die Story abnimmt, also glaubt, auch das, was ich fantasiert habe, stimmt ...“

„Ach so?“, sagte Concetta intensiv feilend, „Und was macht der Hacker damit? Ich meine, mit den gemopsten Häusern?“

„Er bietet den Besitzern der Häuser für „nen Appl und´n Ei“ an, sie wieder als Eigentümer einzutragen, für viel weniger als es kosten würde, den offiziellen Weg zu gehen...“

„Und das ist alles?“, fragte Concetta, „Sie, seien sie mir nicht bös, bitte, das haut mich jetzt nicht um ... Keine Liebesgeschichte? Keine Superhelden mit ihren Superfrauen wie bei den U-Booten? Kein US-Präsident, der die Welt im letzten Moment retten muss?“

„Doch, das natürlich auch – da ist natürlich viel Drumherum, natürlich auch Emotionales und Spannendes, Dinge, die den Leser mitnehmen, wissen sie, und Tote gibt es und menschelnde Kommissare mit ihren Problemen aus dem richtigen Leben, klar, aber das zu erzählen, dauert zu lange ... Sehen Sie, sie sind schon beim kleinen Zeh am linken Fuß ... gleich sind wir fertig!“

„Stimmt“, sagte Concetta und begann mit dem letzten Akt der Fußpflege, indem sie erst den einen und dann den anderen Fuß einkremte. Schließlich nahm sie ein Stückchen saugfähiges Papier aus einem kleinen Kästchen, drehte es lose zu einer länglichen Rolle und zog es zwischen den Zehen durch. Dann gab sie jedem Fuß einen Klaps und sagte, den Autoren anlächelnd: „Fertig!“ Es entstand eine Pause, dann fragte sie: „Aber eine Frage habe ich noch?“

„Ja?“

„Warum besteht die Hälfte aller Krimigeschichten – auch die im Fernsehen, Tatort und so – aus den privaten Problemen der Kommissare und Kommissarinnen? Wen interessiert das, ob der Kommissar eine 14jährige pubertierende Tochter hat oder die Kommissarin einen blöden Freund, der fremdgeht?“

„Ist das so?“, fragte der Autor und zog sich die Socken an, „ist mir noch gar nicht aufgefallen...“

„Ja, und mir geht das gehörig auf den Senkel“, lachte Concetta, „statt Krimi kriege ich dann Uta Danella zu sehen, irgend so ein romantisches Zeugs ... fürchterlich!“

„Hhm“, machte der Autor, „jetzt wo sie es sagen...“

„Früher“, meinte Concetta, „ in den alten klassischen Krimis, da stand der Fall im Vordergrund, jetzt sind es die verschiedenen Nebenhandlungen, sie, Herr Cabra, das ist, wie wenn den Autoren nicht mehr genug einfällt und die die restliche Zeit mit Müll auffüllen müssen ... also im Tatort oder bei SoKo“.

„So schlimm, Fräulein Concetta?“

„Naja ... oder so ..., doch, finde ich schon!“

Beim Zahlen sagte der Autor zu Fräulein Concetta: „Fragen Sie doch, bitte, noch einmal ihre Schwester, Fräulein Concetta, ob sie mich nicht doch unterstützen mag? Ich zahle ja auch nicht schlecht ... Und je mehr ich über das Hacken schreiben kann, desto weniger muss ich diese Danella-Stränge schreiben. Das allein wäre doch schon ein Grund, sie zu überzeugen, oder?“

13. August. Frau Wegmann

Gegen 20 Uhr verließ Wolfgang seine Wohnung, um am Kiosk noch ein oder zwei Bierchen zu trinken. Vielleicht, hoffte er, würde er ja auch einen interessanten Menschen treffen, um ein wenig zu plaudern – und last but not least wäre da ja auch noch Ernstl, der immer eine Geschichte zu erzählen hatte, die anzuhören, sich meist lohnte: Zum Beispiel Geschichten aus seiner Zeit als Rummelplatz-Boxer. „Vielleicht“, dachte Wolfgang, „kann ich ihm ein bisschen etwas über Jens entlocken“. Eventuell waren auch Udo und Sarah da, das wäre auch eine nette Gesellschaft ... und allein Sarahs üppiger Anblick wäre das Kommen wert!

Als er die Tür abschloss, öffnete Frau Wegmann, die in der Wohnung auf dem Flur gegenüber wohnte, ihre Wohnungstür. „Sie gehen noch fort?“, fragte sie. Das machte sie manchmal, wenn Wolfgang fort ging. Wolfgang empfand das nicht als Neugierde – die Wegmann hatte sonst kaum jemanden, mit dem sie sprechen konnte. Ab und zu ging sie in den Laden, um eine Kleinigkeit zu kaufen, die sie gar nicht brauchte – nur, um ein wenig Ratsch zu hören ...

„Ja, ein Bierchen oder zwei am Kiosk“, antwortete Wolfgang, „meine Kehle ist so trocken!“ Dabei lachte er Frau Wegmann an.

„Ja, ja“, antwortete sie, „was ein Mann ist, braucht er ab und zu einen Schluck oder zwei ...“

„Ich sehe“, sagte Wolfgang, „sie verstehen die Männer!“

„Natürlich, habe ja selber welche gehabt ... da war ich natürlich noch jünger und hübscher!“ Sie schaute ihn ernst an. „Ich war einmal eine hübsche junge Frau, nach mir haben sich die Männer umgedreht – einige haben mir auch schon einmal nachgepfiffen ...“

„Frau Wegmann“, antwortete Wolfgang charmant, „das glaube ich sofort, das sieht man doch ...“

Sie winkte lachend ab. „Ach, sie Charmeur, das sagen sie doch nur, um einer alten Frau eine Freude zu machen. Aber ich habe alte Fotos von mir, da können sie das sehen, wie hübsch ich ausgesehen habe ...“

„Die müssen sie mir mal zeigen!“

„Ehrlich? Das interessiert sie doch gar nicht ...“

„Doch“, sagte Wolfgang, „schöne Frauen interessieren mich immer – obwohl, mich schaut keine mehr an – viel zu alt!“

„Sie sind doch nicht alt, Wolfgang, gegen mich sind sie doch noch ein junger Hüpfer! Und sie sind doch ein gut aussehender Mann“. Dass sie das sagte, meinte Wolfgang, müsse daran liegen, dass sie wenig Kontakt zu anderen Menschen hatte. Er brauchte ja nur in den Spiegel zu schauen, nein, er war kein gut aussehender Mann, fand er, zu alt und zu grau für die gut Sechzig, die er war. Interessant, vielleicht, aber ganz bestimmt nicht gut aussehend.

„Na, ich weiß nicht, mit dem Hüpfen habe ich es nicht mehr so! Schon lange nicht mehr ...“

„Wissen Sie was“, schlug Frau Wegmann vor, „wenn es nicht zu spät wird mit den ein oder zwei Schluck am Kiosk, dann klingeln sie nachher doch bei mir, wenn sie heimkommen. Ich suche ein paar alte Fotos raus und dann können wir von den guten alten Zeiten träumen“.

„Gute Idee“, bestätigte Wolfgang, „ich bringe Bier mit“.

„Und für mich einen Jägermeister“, bat Frau Wegmann und lachte, „nicht das ich mich betrinken will, um Gottes Willen nein, aber da hätte ich einmal wieder Lust darauf! Muss Jahre her sein, dass ich den das letzte Mal getrunken habe.“

„Abgemacht“, rief Wolfgang und lief die Treppe hinunter.

Kurz vor halb zehn Uhr betrat Herr Helldorf, unauffällig in Jeans und Hoodie gekleidet, das Haus. Er hörte sich im Treppenhaus um – wie er erwartet hatte, war es mucksmäuschenstill im Haus – allerdings schien da ein Fernseher zu laufen. Das musste bei den Abrahams sein. In einem Fenster im ersten Stock hatte der das fahl flackernde Licht eines laufende Fernsehgerätes wahrgenommen. Er stieg hinab in den Keller. Er öffnete mit seinem Schlüssel die Tür für den Elektroraum und schaltete die Sicherung für das Treppenhauslicht aus. Dann nahm er die für solche Fälle dort vorhandene Taschenlampe, schaltete sie an, und schloss die Stahltür wieder hinter sich ab. Dann stieg er im Licht der Taschenlampe die Stiegen hoch.

Gegen halb zehn klingelte er an Frau Wegmanns Tür. Sie hatte auf das Klingeln gewartet, allerdings nicht so früh mit Wolfgang gerechnet, strich sich schnell noch einmal mit einem Kamm durch die grauen Haare, schaute in den Spiegel, fand sich okay und öffnete die Wohnungstür und sagte erfreut: „Na, da haben sie sich aber beeilt, Wolfgang ...“ Sie wunderte sich einen Moment lang, dass Wolfgang kein Licht gemacht hatte.

Da erst sah sie im dunklen Hausflur, dass es gar nicht Wolfgang war – die Figur war irgendwie anders, vor allem der Kopf! - sondern ein junger Mann mit einem dieser hässlichen Pullover mit angenähter Kapuze. Erkennen konnte sie ihn nicht, denn erstens stand er im Dunklen und zweitens blendete er sie, indem er ihr mit der Taschenlampe ins Gesicht leuchtete und drittens hatte er die Kapuze über den Kopf gezogen. Frau Wegmann wunderte sich darüber und empfand das als ausgesprochen unhöflich. Sie konnte nur sehen, dass er kurze blonde Haare hatte. Sie war zwar sehr alt, aber das konnte sie in einem kurzen Moment erkennen.

Der Mann ergriff sie sofort wortlos am Arm und zog sie aus der Tür. Sie versuchte sich zu wehren – vergeblich. „Was soll denn das?“, rief sie, „sind sie wahnsinnig? He, sie tun mir weh ...“

„Schnauze, Alte!“ war alles war er sagte. Er schlug ihr auf die Hand, mit der sie sich am Türrahmen festzuhalten versuchte. Er musste gar nicht hart zuschlagen, denn er war so viel stärker als sie, ihren Widerstand hatte er schnell gebrochen.

Dann zog er sie immer noch stumm aus der Tür zur Treppe. „Sind sie wahnsinnig?“, rief sie, „lassen sie mich los, Sie Grobian!“ Er ließ sie nicht los. Noch nicht ...

Als er ihr dann einen Stoß gab, konnte sie nur noch „Nein!“, rufen, dann fiel sie schon. Sie flog circa zwei Meter durch die Luft, dann schlug sie auf der Treppe auf, rutschte die halbe Treppe hinunter bis sie bewusstlos auf dem Zwischenabsatz liegen blieb.

Herr Helldorf schaute sich um – niemand hatte etwas gemerkt. Dann stieg er langsam die Treppenstufen hinunter – dabei sorgfältig darauf achtend, dass er nicht in die Blutlachen trat, die ihr Sturz verursacht hatte. Er machte einen letzten großen Schritt über sie hinweg, schaute die kleine Person, die da wie eine zerbrochene und von einem Kind achtlos in eine Ecke geworfene Puppe lag, noch einmal prüfend an.

„Die ist hin“, dachte er ohne jede Rührung, „gut. So wie der Kopf da liegt, hat sie sich das Genick gebrochen. Die ist also schon einmal so gut wie ausgezogen“. Und dann sagte er sich leise: „Das macht fünf Riesen – schnell verdientes Geld!“

„Den Hoodie muss ich los werden“, dachte er, „und zwar schnell“.

Er ging durch die Dom-Pedro-Straße in Richtung Leonrod. An der Straßenbahnhaltestelle stieg er in die Tram (er löste sogar eine Karte! „Bloß keinen Fehler machen“, dachte er, „jetzt bloß nicht als Schwarzfahrer erwischt werden“.) und fuhr einige Stationen weit. Am Hohenzollernplatz stieg er aus und ging in die um diese Zeit menschenleere Kurfürstenstraße. Er schaute sich um und zog, als er niemand sah, den Hoodie aus und steckte ihn in eine Mülltonne.

Ziemlich genau um diese Zeit betrat Wolfgang das Haus. Er griff nach dem Lichtschalter – nichts passierte. „Scheiße“, dachte er, „haben die mal wieder den Strom ausgeschaltet. Aber weil das in den letzten Wochen immer wieder passierte, hatten die restlichen Bewohner mehrere Taschenlampen angeschafft und die im Treppenhaus verteilt. Wenn er Glück hatte, würde eine hinter der Eingangstür stehen. Er angelte im Dunkeln danach und siehe da, da war eine. Er schalte sie an, die Batterien waren offenbar voll und der Lichtschein erhellte den Eingangsbereich und die erste Treppe. Langsam stieg er die Treppen hinauf. Normalerweise, mit Licht, wäre er gelaufen, das war sein tägliches Training – das Pensum musste reichen, fand er, er war schließlich nicht mehr jung.

Als er die Stiege zwischen zweitem und dritten Stockwerk erreicht hatte, sah er Frau Wegmann im Licht der Taschenlampe auf dem Zwischenabsatz liegen.

„Frau Wegmann“, rief er und ließ die beiden Flaschen Bier, die er in einer Hand hielt, einfach fallen. Eine zerplatzte auf dem Boden, die andere kullerte über den Treppenabsatz bis sie an der ersten Treppenstufe liegen blieb. Wolfgang nahm nichts davon wahr.

Er legte die Taschenlampe vorsichtig auf den Boden und kniete sich neben die alte Frau. So wie ihr Kopf lag, wagte er nicht, sie anzufassen oder gar zu bewegen. Das sah verdammt nach einem Genickbruch aus. So kniete er nur dicht neben ihr und sagte: „Frau Wegmann, so sagen sie doch etwas! Was ist passiert, in Gottes Namen?“

Frau Wegmann sagte nichts, sie lag im Licht der Taschenlampe still da, rührte sich nicht.

Wolfgang wusste nicht, was er tun sollte und da war niemand, den er fragen konnte.

Laut schrie er: Hilfe! Zur Hilfe!“

Unten im Treppenhaus ging die Tür der Abrahams auf: „Was ist denn hier los, verdammt noch einmal?“, brüllte Herr Abraham, „was soll denn der Lärm ...“ Scheinbar hatte er versucht, das Treppenhauslicht anzuschalten, denn als Nächstes hörte Wolfgang ihn fluchen: „Verdammte Scheiße, mal wieder kein Licht ...“

„Rufen Sie den Notarzt!“, brüllte Wolfgang so laut er konnte nach unten, „Frau Wegmann ist gestürzt, schnell!“

Herr Abraham reagierte in der Tat schnell. Er lief zum Telefon, wählte die 112 und gab an, wo was passiert war. Dann kamen er und seine Frau mit Taschenlampen in der Hand die Treppe herauf. Im Schlepptau die beiden neugierigen Buben - endlich war einmal etwas los in dieser Bruchbude, fanden die.

Als Herr Abraham Frau Wegmann auf dem Treppenabsatz liegen sah, scheuchte er die beiden Buben lautstark zurück in die Wohnung. „Haut ab!“, rief er, „das ist nichts für euch!“

„O Gott“, sagte Frau Abraham und schlug sich mit der Hand auf den Mund, „das ist die arme Frau Wegmann, ist sie tot?“

Nein, war sie nicht, jedenfalls noch nicht - in diesem Moment schlug sie die Augen auf. Wolfgang kniete immer noch neben ihr. „Frau Wegmann“, sagte er, „nicht bewegen, der Notarzt kommt gleich!“

Frau Wegmann war das egal, ihr war klar, dass sie nur noch Minuten zu leben hatte.

Ihren Tod hatte sie sich immer ganz anders vorgestellt – irgendwie romantischer, im Bett oder auf einer Blumenwiese unter blühenden Obstbäumen in den Armen ihres Mannes. Aber der war ja schon 25 Jahre tot. Waren es 25 Jahre? Auch das war ihr egal. Er würde jedenfalls nicht da sein, wenn sie starb, so viel verstand sie.

Sie konnte sich nicht rühren, aber sie konnte denken - erstaunlich klar sogar, aber sie fühlte nichts, auch keinen Schmerz - und sie konnte keinen Finger und keinen Zeh bewegen, nichts! Das war das Nächste, was ihr in diesem Moment egal war.

Nur eines war ihr jetzt wichtig: Sie wollte, musste nur noch eine Sache loswerden. Sie versuchte zu sprechen ... mein Gott, es fiel ihr so schwer. Nie war ihr das Sprechen schwer gefallen, manche Menschen hatten früher sogar gefunden, sie wäre ein Plappermaul gewesen – dabei war sie nur – heute würde man sagen: Kommunikativ!

Schließlich hatte sie genug Kraft gesammelt, um endlich etwas zu sagen, aber es war nur ein leises Lallen, niemand schien sie zu hören.

„Ich glaube“, sagte Frau Abraham leise und deutete mit dem Zeigefinger auf Frau Wegmann, „sie will etwas sagen ...“

Und wie sie wollte, das war sogar das Einzige, was Frau Wegmann noch wollte! Sie wusste, dass sie starb, sie war ganz klar!

Sie glaubte sich in einem Tunnel, dessen Wände rosa glühten, das entfernte Tunnelende zog sie an: Es war ein alles verheißendes weißes Licht, das sie dort erwartet. Es waren nur noch ein paar Schritte, dann wäre sie dort ...

„Einen Moment, bitte, noch“, dachte sie tatsächlich, „bitte ...“ Es war ihr klar, dass sie das nur denken musste, hier, wo sie sich befand, bedurfte es keiner Sprache mehr, hier verstand man sie auch so. Sie war nicht gläubig, aber irgendwer musste hier zuständig sein, dem oder der galt ihr Gedanke „Bitte“.

Sie würde ja auch nur einen klitzekleinen Moment brauchen, nur für ein paar Worte. Das war alles, mehr wollte sie nicht – dann wäre sie bereit…

Sie versuchte, die letzten Kräfte zu mobilisieren, die ihr verblieben waren, um diesen steuerlosen Flug ins Nichts zu unterbrechen. Es war so schwer! Und sie war so kraftlos.

Wolfgang hatte sein Ohr auf ihren Mund gelegt, sie flüsterte, er konnte es nicht verstehen.

„Verdammt“, fluchte er, „Ruhe! Ich kann es nicht verstehen ...“ Dabei sagte niemand ein Wort.

Er schaute Frau Wegmann an, sie schien einen allerletzten Versuch machen zu wollen. Er beugte sich wieder ganz dicht über sie und dann verstand er: „Junger Mann. Blond!“

Und das war das Letzte, was Frau Wegmann von sich gab, damit waren die ihr verbliebenen Restkräfte verbraucht. Als zehn Minuten später der Notarzt die Treppe herauf kam, war sie seit drei oder vier Minuten tot. Sie hatte das weiße Licht am Ende des Tunnels erreicht. Ihr Mann war da gewesen, um sie auf einer Blumenwiese zu empfangen und die Obstbäume blühten auch. Aber hier beginnt eine ganz andere Geschichte ...

Wolfgang kniete immer noch neben ihr, als der Notarzt ihm sachte die Hand auf die Schulter legte, ihn hochzog und ihm sagte, dass er sie jetzt auslassen müsse, er könne nichts mehr für sie tun, sie sei endgültig gegangen…

Tränen liefen Wolfgang über die Wangen, als er dem Arzt zunickte und sich dann doch noch einmal zu Frau Wegmann hinabbeugte und ihr mit tränenerstickter Stimme ganz leise, dass niemand anders es verstehen konnte, ins Ohr flüsterte: „Liebe, schöne Frau Wegmann, ich kriege ihn, ganz bestimmt! Ich kriege ihn ... weil ich ihn haben will!“

Er legte ihr sanft einige Haarsträhnen zurecht und streichelte ihr über die Wange, die plötzlich wieder glatt war, die Falten des Gesichtes der lebenden Frau Wegmann waren im Tode geglättet. Und da sah er es: Sie war eine schöne Frau…

Die Polizei kam, sorgte mit einigen Scheinwerfern für Licht und sah sich im Treppenhaus um. Schnell wurde ein Unfall konzediert: Die alte Frau sei vermutlich im Dunklen über eine etwas hervorstehende Schraube auf der Treppe gestolpert, als sie die Sicherung wieder anschalten wollte, habe dabei das Gleichgewicht verloren und schließlich zu Tode gestürzt. Das sei zwar tragisch, aber auf einer Baustelle fast unvermeidlich - ein Fremdverschulden sei nicht zu erkennen.

Während die Polizei den Platz des Unfalles untersuchte, stieg Wolfgang in den Keller und fand die Tür zum Elektroraum offen vor. Er ging hinein und sah sich um – die Sicherung für das Treppenhauslicht war ausgeschaltet. „Ach nee“, dachte er, als er seine Vermutung bestätigt fand. Er dachte einen Moment lang nach, dann schaltete er die Sicherung mit einer schnellen Bewegung wieder ein. Das fiel in dem Moment niemanden auf, weil niemand einer der Lichtschalter betätigte. Dann stieg er langsam und nachdenklich wieder hinauf.

Die Freunde von Frau Wegmann widersprachen den Polizisten nicht, niemand wies auf die sonst immer verschlossene Stahltür hin, die in der Nacht nicht abgeschlossen war, niemand darauf, dass das Licht in den letzten Wochen immer wieder ausgefallen sei, niemand fragte, warum die Frau Wegmann ihre Wohnung verlassen sollte (die Strom hatte) um die Treppenhauslicht-Sicherung wieder anzuschalten und wie sie überhaupt gemerkt haben konnte, dass das Treppenhauslicht nicht funktionieren würde…

Einige Tage später war sie unter Erde. Wolfgang hatte die Trauerrede gehalten.

15. Juli. Bericht in der mz

Tragischer Unfall in Neuhausen

Die achtzigjährige Rentnerin Hannelore W. ist gestern Nacht gegen zweiundzwanzig Uhr im Treppenhaus des von einigen Bewohner besetzten Hauses an der Ecke Fasanerie- und Hübnerstraße (siehe Foto; die mz hat berichtet) bei einem Sturz zu Tode gekommen. Die Polizei geht von einem tragischen Unfall aus.

Wie die Redaktion von den Nachbarn erfuhr, war zum Unfallzeitpunkt das Treppenhauslicht ausgefallen. „Das passiert hier immer wieder“, sagte uns Frau Z., die gemeinsam mit ihrem Ehemann einen bemerkenswerten Laden in dem Haus betreibt, „und zwar so häufig, dass wir an einen Zufall nicht glauben können“.

Der Polizeisprecher wies auf Nachfrage darauf hin, dass für eine Manipulation an der elektrischen Anlage keine Anzeichen vorliegen. „Für uns ist der Fall abgeschlossen“, sagte der Polizeisprecher.

Für die INTERBAVARIA REAL ESTATE, die dieses Haus im Rahmen des Neuer Hübnerplatz-Projektes gerade in Luxuswohnungen umbaut, sprach Geschäftsführer Conte Camilleri Angehörigen und Nachbarn sein Beileid aus: „Der Unfall tut uns wahnsinnig leid“, sagte er der Redaktion, „wir werden die Elektroinstallationen im Haus selbstverständlich umgehend überprüfen und falls erforderlich schnell auf den neuesten technischen Stand bringen…“

Die mz stellt Fragen: „Warum ist das nicht während der laufenden Baumaßnahmen längst geschehen? Musste erst eine alte Frau sterben, damit Elektroanlagen modernisiert werden, Conte Camilleri? Welches tödliche Spiel wird hier gespielt? Und wer bestimmt die Einsätze?“

1. August. Marmelade

„Guten Morgen, liebe Frau Z,“ grüßte Frau Georgias beim Betreten des Laden, „sie, das war aber eine schöne Beerdigung von der Frau Wegmann, neulich. Und der Trauerredner hat ja auch so schön gesprochen, das hat mich richtig mitgenommen, also so ein wenig zumindest. Das war rührend, was der gesagt hat.“

„Ja, scho‘ gell, der Wolfgang, der hat des scho‘ b’sonders schee g‘macht, wo‘s doch so guat wia gar koane Verwandt‘n net g’habt hat, die Frau Wegmann, nur a Cousine hat’s g’habt, in Elmshorn, hat’s a‘mal verzählt. Die ist ja net kemma, wird‘ z‘ oid sei, gell… Doch, dafür, dass da gar koa Familie net da war, war da Abschiedssaal scho guat voll!“

„Elmshorn? Wo liegt das jetzt noch gleich?“

„So bei Hamburg, glaub‘ i, da war i mit mei‘m Jürgen, aber scho‘ mehr so 25 Jahr‘ her. Wenn i‘ mi‘ richtig erinner, ist das die Stadt der Rosen - oder doch net? Blumen jedenfalls warn‘s, oder waren das Tulpen?“

„Nein, das glaube ich jetzt wieder nicht, Tulpen - das ist eher Amsterdam. Die Holländer, die haben es doch mit den Tulpen!“

„Dann war’n‘s doch Rosen… A pro pos Blumen: Wie fanden jetzt sie den Blumenschmuck?“

„Der war besonders schön! Wer hat denn den gemacht? Der war ja mal ganz anders, zauberhaft.“

„Des war‘n unsre Blumenbuben, die da von der Teng-Straß‘, wo wir doch auch im letzten Jahr die Trauerkränze g‘kafft ham', die machen immer was B’sonders. Da lass‘ i jetzt immer alles machen von dene.“

„Und da hat das gesammelte Geld ausgereicht? Sie, das fand ich übrigens eine sehr, sehr nette Idee, dass sie hier im Laden eine Sammelbox aufgestellt hatten!“

„Ja freili‘, des mach‘ma doch immer, wenn einer von uns für immer gegangen ist – und die Leut‘ spenden auch ordentlich, also die Alten bestimmt, die woll‘n ja selber a amal an schönen Kranz ham, wenn‘s es nacha ‘troffen hat, wissn‘s. Die Jungen, die, die daherin nur ihrane Zalando- und Amazon-Pakete abholen, die geb‘n nix, die denk‘n halt no net d‘ran, dass‘s auch amal geh‘ miassn... Und? Was haben sie heut‘ für mich dabei? Der Korb schaut so aus, als hätt‘ er a ganz scheen’s G‘wicht. Schwer? Gebn’s her.“

„Ja, puuh, der war schwer, kein Wunder, 24 Glasl Marmelade. Rhabarber, Aprikose und Banane, schaun’s her, ich habe einmal etwas Neues ausprobiert. Erdbeere kann ich nämlich nicht mehr sehen und die Kirschen, die sind mir zu teuer im Moment. Aber die schmeckt! Also jedenfalls mir…“

„Des hört si‘ guat an, mit Banane. Was solln‘s denn diesmal kosten?“

„Also, ich habe mir gedacht, die großen Gläser vier Euro und die kleinen drei, und wie immer, ein Euro pro Glas für sie, Frau Z. Paßt das?“

„Stell’n‘s die gleich da nüber ins Regal eini, bitte, Frau Georgias, da hab‘ ich sie im Blick. Sagen‘s, a Probierglasl ham’s schon wieder dabei, gell?“

„Ja, freilich, warten sie nur Frau Z., das ist im Korb ganz nach unten gerutscht, ich hab‘s gleich…“. Frau Georgias kramte im Korb herum, dann hatte sie das kleinste Glas gefunden. Das mit dem Probierglas war ein Ritual zwischen ihr und Frau Z., das hatte Frau Georgias immer dabei. Frau Z. spendierte dann jedes Mal eine frische Buttersemmel und bestrich sie für das Testessen mit der Marmelade. Frau Georgias bekam dazu immer einen Espresso und Frau Z. trank immer Milchkaffee.

Als Frau Z. unter den Augen der aufmerksam zuschauenden Marmeladenköchin gerade dabei war, die Marmelade dick auf die Semmelhälften zu verteilen, betrat Herr Moser den Laden.

„Guten Morgen, die Damen“ sagte der ganz allgemein in den Raum, dann erkannte er Frau Georgias wieder. „Ja hallo, sie waren doch auch bei der Beerdigung dabei, oder?“ fragte er, „sind sie eine Freundin von der Frau Wegmann?“

„Freundin? Nein, ich wohne da hinten in der Dom-Pedro-Straße, über dem Türken, wissen sie, wir kannten uns nur hier aus dem Laden, Frau Wegmann und ich.“

„Mei die Frau Wegmann, die war ja eher eine Kundin von der Frau Georgias“, fügte Frau Z. ein, „wissen‘s, die Frau Georgias,“ sie deutete mit Blicken auf sie und gab Frau Georgias die Semmelhälfte, „des is‘ doch…, also die macht unsern Marmalad‘, so als Hobby, wissen‘s, immer andere, geschmacklich gell, sie ham die Marmeladen doch auch schon mitgenommen, Herr Moser.“

„Ach, sie sind das! Sie, die sind aber auch zu gut, ihre Marmeladen, bisher hatte ich immer Aprikose! Sensationell!“

„Dankeschön“, sagte Frau Georgias und machte die Andeutung eines Knicks, „das hört man gerne!“

Das sah elegant aus, denn Frau Georgias war groß und sehr schlank, hatte eine sonnengebräunte Haut von ihren häufigen Mallorca-Aufenthalten und trug das graue Haar glatt und kinnlang. Ihre Augen blitzten lebendig über der scharf gezogenen charaktervollen Nase und unter den dunklen, dichten Augenbrauen, die sie Fräulein Concetta nie zupfen ließ, weil, wie sie darauf bestand, dass die doch ihr „Markenzeichen“ seien, die dichten Augenbrauen, meinte sie, die und ihre silbergrauen Haare mit feinen dunklen Strähnen.

„Und was haben sie nun dieses Mal gezaubert?“ fragte Herr Moser, der sie interessiert musterte.

„Rhabarber, Aprikose, Banane“, warf Frau Z. ein, die gerade auch von der Semmel abgebissen hatte, die Marmelade schmeckte und jetzt die Augen vor Verzückung verdrehte, „sie, Herr Moser, das müssen‘s probier‘n, das ist wieder echt gut, mei wirklich, mein Jürgen würd‘ es wahrscheinlich als Manna bezeichnen, also als Speise der Götter…“

„Ich weiß schon, was Manna ist“, sagte Herr Moser, der sich manchmal etwas oberlehrerhaft gerierte, „das ist aber übrigens nicht die Speise der Götter, Frau Z. Nach dem zweiten Buch Mose ist es die Speise, die Gott den Israeliten auf ihrem 40-jährigen Weg durch die Wüste nachts aus dem Himmel tropfen ließ. Manna war so weiß wie Koriandersamen und schmeckte wie Honigkuchen … Darf ich denn jetzt auch einmal probieren, bitte?“

„Scho‘“, nickte Frau Z. freundlich und sagte mit immer noch vollem Mund, „oder, Frau Georgias? Unser‘n Schlaumeier da, den Herrn Moser, den lass‘ ma schon probieren?“

„Natürlich, gerne“ stimmte Frau Georgias zu und strahlte Herrn Moser an, „so einen netten Mann … und wo wir jetzt auch noch so genau wissen, was Manna ist, nämlich keinesfalls Marmelade!“

„Ja, aber bloß“, zwinkerte Frau Z. nun lachend „wenn er anschließend mindestens ein oder no‘ besser zwoa Glasln kafft … ein wenig Umsatz soll schon auch sein, Herr Moser. Pur oder mit Brot?“

„Pur, bitte“, sagte der, „ich habe ja schon gefrühstückt.“

Frau Z. nahm einen Teelöffel aus der Besteckkiste, wischte ihn mit einer schnellen Bewegung noch mal ab, nahm einen Löffel voll aus dem Probierglasl und reichte ihn Herrn Moser mit den Worten, dass er jetzt von dem Manna probieren könne.

Der verdrehte wie eben noch Frau Z. die Augen, wandte sich zu Frau Georgias um, hob die rechte Hand - mit Daumen und Zeigefinger zu einem Kreis zusammengelegt – und sagte dann: „Tatsächlich, göttlich! Ihr eigenes Rezept?“

„Ach, was heißt da Rezept, sie wissen ja, wie das in der Küche so zugeht, ich werfe – ganz ohne Bibel oder Kochbuch - ein paar Früchte zusammen, von denen ich glaube, dass sie zueinander passen, Gelierzucker dazu und das ist es fast schon, vielleicht noch ein paar Tropfen Zitrone oder Limone dazu… Die Banane habe ich nur drangetan, um die Säure etwas abzupuffern. Freut mich, dass es ihnen so gut schmeckt!“

„Wunderbar!“ bestätigte Herr Moser, „das ist ganz ausgezeichnet … Chapeau. Sie, im Gault Millau hätten sie vier Hauben, bestimmt, kann man bei ihnen ein Marmeladen-Abonnement zeichnen?“

Da allerdings ging Frau Z. dazwischen: „Sie, gell, Herr Moser. Jetzt kommen’s mal wieder herunter von ihren Sternen oder Haubentauchern oder was sie da vergeben woll‘n, und gell, fei, schalt’n sie den Zwischenhandel net aus. Den Marmalad‘ den gibt‘s nur hier bei mir im Laden! Wenn‘s ein Abo woll‘n, darüber kem’ma scho‘ red‘n, aber das eine, das sag ich ihnen schon, das Abo gibt‘s nur bei mir und sonst nirgends!“

Frau Georgias warf den Kopf in den Nacken und ließ ihr laut perlendes Lachen, ihr anderes Markenzeichen, erklingen: „Ja“, sagte sie dann immer noch lächelnd, „da sehen sie einmal Meister Moser, das ist das kapitalistische System, so liefert man sich den Handel aus! Wenn man einmal in dessen Fängen ist …“

„Nix da“, lachte Frau Z. nun mit, „ nix für ungut, aber gekauft wird hier, von irgendwas muss ich mein‘ Jürgen ja auch durchfüttern, sie, und lasst’s es euch g‘sagt sein, der ist g‘scheit hungrig, sag’i bloß… Gekauft wird hier. Basta! Wenn sie ihnen aber ein Glasl schenken will, die Frau Georgias, da sag‘ i nix natürli‘ – aber nur eines Herr Moser, gell, die Frau, die muss ja auch von was leben, oder, Frau Georgias?“

„Da hören sie es“, sagte Frau Georgias Herrn Moser anlächelnd, „eines darf ich ihnen geben, keines mehr. Aber erst von der nächsten Tranche! Die aktuelle habe ich schon an meine Sklaventreiberin übergeben, da geht also nichts. So, ihr beiden Hübschen, ich muss wieder los! Haben sie noch leere Gläser für mich, Frau Z.?“

„Ja, die stehn scho‘ da, wo‘s immer stehn; sie - nehmen‘s die ruhig alle mit da vorn – aber ein paar Tage braucht‘s jetzt schon, bis ich die hier dann auch wieder habe, die Kunden bringen’s ja…“

„Zwei nehme ich schon einmal“, sagte Herr Moser, „aber von den kleinen bitte, ich bin ja alleinstehend…“

„Grüß Gott“, rief Frau Georgias bereits aus der Tür, „adios, Frau Z.“ Die winkte ihr zum Abschied zu.

„Wer war denn das jetzt wirklich?“ fragte Herr Moser, „einmal abgesehen davon, dass sie ihre Marmeladenkochsklavin ist, Frau Z., das ist ja eine sehr aparte Dame! Kommt die öfter her?“

„Ja, des i’s echt“ stimmte Frau Z. zu, „die ist scho‘ sehr nett und dabei so gut aussehend… sie kommt irgendwie aus Spanien, glaube ich, zumindest kann sie gut spanisch.“

„Könnte nach dem Aussehen aber auch aus dem mittleren Reich des Bösen stammen“, überlegte Herr Moser mehr als dass er es sagte.

„Sie, was fallt da denn eana ein? Die Frau Georgias, die ist doch keine böse, oiso Herr Moser …“

„So meine ich das ja auch nicht, bestimmt, ich meinte, sie könnte auch aus dem Iran kommen, aus Persien … die Augenbrauen, wissen sie, die könnten das verraten!“

„Aus Persien?“ fragte Frau Z., „naja, dann is‘ scho guat, aber wie meinen sie jetzt das mit dem Reich …“

„… des Bösen? So hat Präsident Bush doch die Iraner einmal bezeichnet. Die „Achse des Bösen“, erinnern sie sich noch? Ich glaube, das war so 2002. Nordkorea, Iran und der Irak, damals, als er unbedingt Krieg machen wollte!“

„Ach ja, genau, jetzt wo sie das mit dem Bush sagen, dem Bazi dem greislichen mit seine Lüg’ng’schicht‘n! Sie, aber die Marmeladen sind doch unübertroffen gut?“

„Die sind so gut, als hätte sie ihre Seele dafür verkauft, an den Bösen natürlich!“

„Sie gell, Herr Moser jetzt hör’n‘s auf mit dem Schmarrn, des mog i net hör’n über die Frau Georgias, sonst gibt´s für sie koan Marmlad‘ mehr, den kriag’n sonst bloß no andre verkafft, der Woifgang zum Beispiel, der schleckt si‘ d‘ Finger danach, ach den muss ich gleich anruf‘n, dass neuer Marmalad‘ da ist, oder die Sarah, sie wissen schon, die etwas…“ und dabei zeichnete sie üppige weibliche Formen in die Luft, „die kauft den Marmalad‘ auch immer für ihren Udo, der ist auch so ein Schleckermäulchen, ganz wie sie Herr Moser!“

„Ist sie verheiratet?“

In dem Moment ging die Tür auf und Frau Georgias kam wieder in den Laden zurück. „Mein Gott“, sagte sie, „das Wichtigste habe ich ja vergessen, Sie, Frau Z. haben sie noch eine Flasche Mädchenbrause für mich, von der Guten, der, die ihr Mann damals entdeckt hat?“

„Ja, da müsst‘ sogar eine in der Kühlung drin sein, da müssen sie mal schauen, im dritten Kühlschrank müsste die stehen, wenn da eine ist! Kommt heut ihre Freundin wieder zu Besuch, die Anwältin?“

„Genau erraten“, lachte Frau Georgias wieder perlend, das schien wirklich ein Markenzeichen von ihr zu sein, „was sie immer wissen, Frau Z., das ist ja fast schon unheimlich ...“

„Nana, überhaupt nicht“, schmunzelte die zurück, „das ist doch nur, weil die hat vorhin auch schon eine gekauft – auch kalt, wissen’s.“

„Aha, da haben sie sich ja etwas vorgenommen“, mischte sich Herr Moser ein, „ gleich zwei Flaschen Champagner?“

„Mei, des schaff’n’s leicht, de zwoa“, meinte Frau Z. unbesorgt, „und weit wohnen‘s ja auch nicht auseinand‘, koane muss autofahr‘n... Sie, Frau Georgias, koa Geld jetzt, wir verrechnen das dann mit de‘ Marmelad‘n vom letzten Mal, gell?“

„Einverstanden“, lachte Frau Georgias übermütig wie ein junges Mädchen und packte die Flasche am Hals, „abgemacht – tschüss!“ Und damit war sie schon wieder draußen aus dem Laden.

„Nun“, lächelte Herr Moser, „das nenne ich einmal ein Temperament!“

Frau Z. blickte Herrn Moser schelmisch an, „Da sind sie als Witwer schon interessiert, gell, wenn eine so gut aussieht?“

„Ach was“, winkte Herr Moser ab und wurde ein klein wenig rot dabei, „nein, ich frage nur, weil sie so gut kochen kann! Das hat man heutzutage ja auch nicht meh so häufig. Dann geben sie mir bitte jetzt zwei Gläser von den kleinen. Das macht?“

„Sechs Euro – aber wollen sie denn ihren Nudelauflauf nicht auch noch mitnehmen?“

„Stimmt, du meine Güte Frau Z., wegen dem bin ich ja gekommen. Und jetzt hätte ich den fast vergessen, na sowas!“

„Dann macht das jetzt“, sie rechnete im Kopf, „zusammen neundreißig, Herr Moser.“

Am Nachmittag waren schon acht Glasl verkauft, große, und auch der Chefkoch des Hauses, Maître F., hatte der Marmelade längst sein Placet gegeben.

3. August. Concetta

Fräulein Concetta hatte am Morgen für ihren Mini einen Parkplatz in der Hübnerstraße gesucht, das war eigentlich problemlos, denn wenn sie gegen halb zehn kam, waren die meisten Anwohner schon mit ihren Autos zu ihren Arbeitsplätzen gefahren und es gab genug Parkplätze.

Aber heute Morgen war es wie verhext gewesen: Nirgendwo war ein Parkplatz frei gewesen. Ihre Parkplatz-Suchkreise waren immer größer geworden.

Dass nirgendwo ein freier Parkplatz zu entdecken war, war insofern kein Wunder, als heute in der großen Wohnanlage gleich neben Concettas Laden, in der der Autor wohnte, wieder einmal die Tiefgarage geputzt wurde. Da hätte man zwar immer noch (fast) vom Boden essen können – aber einmal im halben Jahr stand Putzen auf dem Plan, also wurde das durchgezogen, egal, ob es sich schon lohnte oder nicht. Und am Garagen-Putztag mussten alle Autos raus aus der Tiefgarage, also waren die Parkplätze in den umliegenden Straßen von denen belegt, die sonst in der großen Tiefgarage parkten.

Schließlich hatte Fräulein Concetta einen Platz in der Dom-Pedro-Straße in der Nähe vom Leonrod-Platz gefunden, was bedeutete, dass sie einen Fußweg von etwa 10 Minuten zurückzulegen hatte. Das war nicht schlimm, fand sie, denn das Wetter war am Morgen noch prima gewesen.

Für den heutigen Abend hatte sie sich vorgenommen, die Unterlagen für ihre Steuerberaterin zusammenzustellen.

Als sie aus der Tür schaute, hatte es ganz leicht zu nieseln begonnen, es sah nach mehr Regen im Laufe der Nacht aus. „Naja“, hatte sie gedacht, „zumindest verpasse ich draußen nichts ...“ Denn manchmal ging sie bei gutem Wetter nach Feierabend noch auf ein Bier in den kleinen Straßenbiergarten, der direkt gegenüber von ihrem Salon lag – und die guten Schinkennudeln verachtete sie trotz der figürlichen Bedenken auch nicht immer ...

Diese Steuersachen mochte sie überhaupt nicht, „Zahlen sind so gar nicht mein Ding“, sagte sie jedes Mal, wenn die Arbeit anstand, zu ihrer Zwillingsschwester, die das nun gar nicht verstand. Denn als studierte Mathematikerin und Programmiererin waren deren Welten waren nun einmal die strenge Logik der Mathematik und die der Zahlen!

Manchmal machten die Zwillinge sich untereinander darüber lustig, dass sie in dieser Hinsicht so verschieden waren, denn Concetta konnte mit Zahlen wirklich nichts anfangen – und fragten sich in solchen Momenten (nicht ernsthaft), ob sie denn überhaupt den selben Vater haben konnten?

Aber Gott schien bei der Verteilung ihrer Gene gewürfelt zu haben – und die Würfel waren offenbar sehr verschieden gefallen! Chiara behauptete dann, dass bei ihr nur Primzahlen gefallen seien, was Concetta a) nicht verstand (was zum Teufel waren Primzahlen?) und b) nicht interessierte. Ansonsten passte zwischen die Zwillinge keine Handbreit ....

Die Zahlen für die Steuer musste sie einmal im Quartal zusammenstellen – immer nach Feierabend und immer war es eine Qual!

Die verdammten Zahlen hatten heute so gar nicht gepasst, unter anderem waren Belege falsch einsortiert worden, natürlich von ihr, das war ja so ärgerlich.

Irgendwie oder irgendwo war der Wurm drin – als sie die fehlenden Kontoauszüge schließlich doch gefunden hatte, hätte sie sich vor Ärger in den durchaus niedlichen Po beißen können! Wegen der ewigen Sucherei hatte es deutlich länger als sonst gedauert - als sie endlich alles fertig war, die Zahlen „passten“ und sie die Unterlagen zusammengestellt hatte, war es draußen schon dunkel gewesen.

Nun war sie durchaus kein ängstliches junges Ding und sie war schon oft allein im Dunkeln durch das Hübnerstraßenquartier gegangen, zu ihrem Mini zu gehen war kein Problem für sie und die Dom-Pedro-Straße war gut ausgeleuchtet.

Weil die Tasche mit den Ordnern so schwer war, machte sie sich ohne sie guten Mutes auf den Weg zum Leonrod-Platz. Ihr Plan war, mit dem Mini vor ihr Geschäft zu fahren und die schwere Tasche abzuholen.

Als sie den Mini vor dem Laden angehalten hatte, war niemand in der Hübnerstraße zu sehen. Doch als sie die Tür zum Kosmetiksalon aufgeschlossen hatte, erhielt sie plötzlich einen kräftigen Stoß in den Rücken, der sie in den Laden stolpern und stürzen ließ. Bevor sie sich wieder aufraffen oder auch nur umdrehen konnte, stand eine Person hinter ihr, die sie nur vage wahrnehmen konnte, und zwei kräftige Hände umfassten ihren schmalen Hals von hinten. Sie versuchte sich zu wehren, sie schlug nach hinten, sie trat um sich, vergeblich – es war hoffnungslos, der Angreifer war zu stark! Er hob sie einfach hoch, sie konnte nur noch strampeln, aber auch das half ihr nicht.

Sie versuchte zu atmen, aber die Hände ließen Ihr so gut wie keine Luft ... Als ihr sie Sinne zu schwinden drohten, hörte sie auf zu strampeln und der Angreifer ließ sie los. Sie sackte atem- und kraftlos zusammen. Er zog sie wieder hoch, drehte sie dabei um. Als sie vor ihm stand war sie fast besinnungslos. Jetzt hätte sie den Angreifer erkennen können, konnte es aber nicht, weil sie fast bewusstlos war. Gerade wollte sie wieder zusammensacken, da schlug er zu. Er traf sie mit der offenen Hand aber hart von links im Gesicht. Der Schlag richtete sie auf. Bevor sie wieder zusammensacken konnte, schlug er mit der Rückseite der Hand zu und traf sie von rechts und auf ihre Nase, ein Knochen splitterte, Blut spritzte durch den Raum. Er schlug ihr hart mit der Faust in den Magen – aber es schien, als hätte er härter zuschlagen können. Sie nahm es gar nicht mehr wahr, dass sie als Folge dieses Schlages nach vorne klappte, er schlug lässig mit einem Haken zu, der sie zwischen Mundwinkel und Hals traf und den fast leblosen Körper wieder aufrichtete, dann fand der Angreifer offenbar, dass es genug sei und sie sackte leblos zusammen. „Puttana“, schimpfte er sie, „hau hier ab!“ Aber das hörte sie nicht, sie war bewusstlos.

Es dauerte fast eine halbe Stunde, bis sie sich wieder regte. Sie wusste nicht gleich, wo sie war, sie wusste nicht, was passiert war, sie wusste nur, dass sie Schmerzen hatte. Überall ... Und dass sie allein war, dass niemand mehr da war, der sie quälte. Sie war dankbar dafür, dass keine Schläge sie mehr trafen ...

Ganz langsam kam sie wieder zu sich. Sie wollte aufstehen, es ging nicht, ihr wurde wieder schwarz vor Augen. Diesmal aber nur kurz, dann wachte sie wieder auf.

Jetzt konnte sie sich etwas mehr rühren, aber an Aufstehen war dennoch noch nicht zu denken, sie kroch durch den dunklen Laden in die Richtung, in der sie ihr Telefon wusste. Als sie es erreichte und blind danach griff, wurde es wieder schwarz um sie – die Schmerzen!

Nach mehreren Anläufen schaffte sie es, ihre Schwester anzurufen: „Hilfe!“, murmelte sie ins Telefon, als die sich meldete. Sie konnte nicht erzählen, was ihr passiert war, dazu war sie viel zu schwach. Sie konnte nur noch „Im Laden!“, murmeln, dann fiel ihr der Hörer aus der Hand und sie sackte wieder zusammen.

So fand sie circa fünfzehn Minuten später Chiara, die sofort den Notarzt anrief, der mit Blaulicht und Martinshorn kam und Concetta kurz untersuchte, während die Hübnerstraße vom rotierenden Blaulicht fahl erleuchtet wurde. Wenig später trugen die Sanitäter Concetta auf einer Trage in den Notarztwagen und fuhr die beiden Schwestern ins Krankenhaus.

Concettas Zustand sei nicht lebensbedrohlich, hatten die Ärzte dort Chiara gesagt, und sie könne doch nichts tun, deshalb solle sie nach Hause gehen. Das tat sie nicht, sie blieb die Nacht bei ihrer Schwester.

Die Ärzte hatten die Polizei über den offensichtlichen Überfall informiert.

Noch in der Nacht kam die mittelgroße, mittelschlanke Kommissarin mit den mittellangen, dackelbraunen Haaren leise in das Krankenzimmer. Sie schaute sich langsam um. Concetta schlief nach den Beruhigungsmitteln, die man ihr verabreicht hatte, tief und hoffentlich traumlos. Chiara hielt ihre Hand.

„Polizei“, sagte die Kommissarin und hielt Chiara kurz ihren Dienstausweis hin. Chiara schaute die Kommissarin trotz des Halbdunkels im Zimmer genau an und fragte sie dann: „Sagen sie einmal, Frau Kommissarin, kann das sein, dass wir uns kennen? Irgendwie kommen sie mir bekannt vor ...“

„Ja“, sagte die Kommissarin, „das kann gut sein – ich wohne in der Hübnerstraße. Im Haus von Sarah und Udo ... Und das ist doch das Fräulein Concetta aus dem Kosmetiksalon, nicht wahr?“

Das war nicht schwer zu erraten und genau gesagt, war das auch gar nicht geraten oder gar sauber kombiniert, denn die Besatzung des Notarztwagens hatte den Überfall mit der Adresse auch gemeldet und Kollegen der Kommissarin waren schon im Kosmetiksalon, um Spuren zu sichern. Auch die Kommissarin war schon im Salon gewesen, um sich umzuschauen. Viele Spuren würde man von dem oder den Angreifern nicht finden, das war ihr nach dem ersten Eindruck schon klar. Der Angriff war offenbar geplant und kurz und zackig ausgeführt worden. Professionell: Schnell rein, kurz zugeschlagen und schnell wieder raus. Keine Zeugen! Gut gemacht, professionell eben. Die Kommissarin wunderte sich nur darüber, dass die Kosmetikerin nicht schwerer verletzt war. Das Opfer sah im Moment zwar schlimm aus und fühlte sich in den nächsten Tagen wahrscheinlich aus so. Es sah für die Kommissarin dennoch fast so aus, als ob der Angreifer irgendwie Rücksicht genommen hatte, sie hatte so schwerer verletzte Opfer von Prügeleien gesehen ...

Die Kommissarin lächelte freundlich Chiara an und fügte mit einem Ton Bedauerns in der Stimme hinzu: „Auch wenn ihre Schwester jetzt ein wenig verändert aussieht ... Und wer sind sie?“

Chiara erklärte, dass sie Concettas Zwilling sei und dass Concetta sie angerufen hätte. Als die Kommissarin etwas erstaunt ansah, lächelte Chiara und erklärte, dass sie sich mit ihrer Schwester ähnlicher sei, als es der Anschein sein mochte: „Wir haben nie die gleichen Klamotten getragen und auch nie“, dabei fasste sie sich ins Haar, „dieselben Frisuren gehabt! Dennoch, wir sind Zwillinge ...“

„Wissen sie, was passiert ist?“

Chiara konnte ihr nicht viel mehr sagen, als das Concetta sie gegen halb zehn angerufen und „Hilfe“ und „Im Laden“ geflüstert hatte und dass sie ja erst lange nach dem Überfall gekommen war.

Die Kommissarin sah ein, dass es für sie hier und jetzt nichts Interessantes mehr zu erfahren gab und verabschiedete sich mit den besten Genesungswünschen für Concetta und der Ankündigung, dass sie am Vormittag wieder kommen würde, denn die Ärzte hatten ihr gesagt, dass ihre Patientin dann wieder ansprechbar sein würde.

Chiara blieb den Rest der Nacht am Krankenbett Sitzen hielt Concettas Hand. Schließlich schlief auch sie ein.

Kurz nach Mitternacht saßen Sarah, Udo und die Kommissarin in Sarahs Küche beim Bier: Flens aus der Flasche mit dem Bügelverschluss! Das abendliche „Flens“ hatte sich als Ritual eingespielt, wenn die Kommissarin abends noch etwas Abwechslung wollte, dann quatschten die drei über alles Mögliche.

Heute hatten Sarah und Udo auf die Kommissarin gewartet. Als die endlich nach Hause kam, wollten sie wissen, was denn mit Concetta passiert sei?

Schließlich hatten sie natürlich das Blaulicht des Notarztwagens gesehen und dann die Polizei kommen hören. Sie waren hinunter gelaufen und hatten geschaut – aber die Polizei hatte den Laden abgesperrt und – ehrlich gesagt – gab es ja auch nichts Interessantes zu sehen.

Natürlich waren Wolfgang, die Abrahams, der Autor und der Herr Moser und viele andere aus der näheren und weiteren Nachbarschaft da gewesen, auch die Gäste des Neuhauser Augustiners standen mit ihren Biergläsern auf dem Gehsteig gegenüber – aber niemand, auch nicht die aus dem Augustiner, hatte etwas gesehen, denn wegen des einsetzenden leichten Regens, hatten die Letztgenannten drinnen im Lokal gesessen.

Man hatte spekuliert, wer dem Fräulein Concetta denn so etwas antun wollte? Ein Raubüberfall? Kaum – bei den Umsätzen des Salons war es das Risiko doch wohl nicht wert, fanden alle. Etwas persönliches? Doch nicht bei „unserem“ Fräulein Concetta, die ist doch sooo lieb ...

Natürlich kam man schnell auf „diese miese Entmieterbande, diese Schweinebacken“... Die mussten es gewesen sein, oder? Klaro! Andererseits, dass die dahinter steckten, lag so glasklar auf der Hand, dass fast schon wieder absurd wäre, wenn sie es tatsächlich gewesen wären ...

Also erzählte die Kommissarin die wenigen Fakten: Dass Concetta am Abend, wahrschein gegen neun Uhr, in ihrem Laden überfallen worden war. Wahrscheinlich sei es kein Raubüberfall gewesen, dafür fehlten alle Anzeichen. Mehr wusste sie auch nicht, nur noch, dass die Spurenlage sehr mau war. Der oder die Täter müssen extrem vorsichtig gewesen sein. „Seit die im „Tatort“ oder C.I.S. immer von DNS reden, lässt selbst der dümmste Täter kein Kaugummi oder eine Zigarettenkippe mehr am Tatort zurück, von Fingerabdrücken ganz zu schweigen. Jedenfalls sei sie offenbar nicht vergewaltigt worden, immerhin!

„Ja“, sagte Sarah und schaute dabei ins Nichts, „das wäre das Schlimmste, was ihr passieren könnte, das würde die nie vergessen können!“ Dass sie das aus eigener leidvoller Erfahrung sagte, wusste die Kommissarin nicht. Sie nahm das als eine Meinungsäußerung einer mitfühlenden Frau hin, mehr nicht.

„Man hat sie nur verprügelt“, sagte die Kommissarin, „das ist schlimm genug, aber es hätte schlimmer kommen können, sie haben nicht sehr hart zugeschlagen - aber ziemlich schmerzhaft. Für mich sieht das mehr nach einer Warnung aus ... Wisst ihr etwas?“ Sie schaute die beiden an, „Ihr hängt doch immer in der Gegend rum ... wisst ihr etwas, habt ihr irgendetwas gehört?“

„Nö“, sagte Udo, „da wusste keiner ´was, nur, dass die neuen Hausbesitzer die Mieter aus dem Haus raus haben wollen. Und die sind nicht zimperlich ...“

„Naja“, sagte die Kommissarin, „es ist ein Unterschied, Strom und Wasser zeitweise abzuschalten oder jemanden – und dann noch ein Frau – zusammenzuschlagen, oder?“

„Finde ich auch“, stimmte Sarah ihr zu, „sieht mir eher nach etwas Persönlichem aus ...“

„Andererseits ...“ begann Udo, brach den Satz dann aber ab.

„Andererseits was?“, fragte die Kommissarin.

„Andererseits“, nahm Udo den Gedankenfaden wieder auf, „denkt mal an den Tod von der Frau Wegmann ...“

„Das war ein Unfall“, gab die Kommissarin zu bedenken, „einwandfrei. Die Kollegen haben das zweifelsfrei festgestellt“.

„Zweifelsfrei?“, fragte Udo, „ohne Zweifel von wem?“

„Das war ein Unfall“, betonte die Kommissarin, „ich habe mir die Akten angeschaut, da ist nicht geschludert worden. Es war dunkel im Treppenhaus und da stand auf der Treppe irgendetwas vor, über das sie alte Dame gestolpert ist. Ich meine, eine Schraube ...“

„Naja, dann ...“ sagte Udo und Sarah gab ihm unter dem Tisch einen warnenden leichten Tritt. Hör auf, hieß das. Sarah wollte nicht, dass die Kommissarin in ihrer Nähe in irgendetwas bohrte - nicht nach den Geschichten mit dem Wirt, dem Kunsthändler und dem Stadtrat und all den anderen Geschichten. Ihr war sowieso ganz und gar nicht wohl bei dem Gedanken, dass die Kommissarin bei ihnen im Haus wohnte – aber das hatte sie damals nicht verhindern können. Damals waren sie noch viel zu dicht dran gewesen an all „den alten Geschichten“ mit dem Grafen und Wolf-Dieter und Hanna und Tante Greten.

Am liebsten hätte sie die alle vergessen – aber das ging nicht. Und irgendwie war es auch gut, die Kommissarin „unter Aufsicht“ zu haben.

Udo verstand Sarahs unsichtbaren Hinweis und verzichtete auf die Fragen, die er fast gestellt hätte: Was denn die Frau Wegmann um die Zeit im Treppenhaus verloren hatte, ob man über das Schräubchen überhaupt stolpern konnte und warum die Sicherung denn ausgeschaltet und nicht durchgebrannt war.

4. August. Im Krankenhaus

Concetta wurde gegen sechs Uhr morgens von der Krankenschwester geweckt, nicht etwa, weil es einen medizinischen Grund, wie eine Untersuchung oder eine Medikamentengabe, bedingt hätten, sondern weil das Pflegepersonal im Krankenhaus Schichtwechsel hatte und jetzt erst einmal alle Patienten geweckt wurden, weil – das war schon immer so gewesen und wo kämen wir denn da hin, wenn es nicht so bliebe? Eigentlich hätte es Concetta gut getan, wenn sie hätte weiterschlafen können.

Chiara saß immer noch am Bett und hielt wieder die Hand ihres Zwillings. „Schwesterherz“, sagte Chiara als die Schwester Concetta geweckt hatte, „wie geht es dir?“

„Tut weh“, murmelte Concetta verschlafen.

„Ich besorge uns einen Arzt“, beruhigte Chiara ihren Zwilling, „damit sie dir etwas geben. Kannst Du essen? Die Schwester hat das Frühstück gebracht.“

Concetta wollte den Kopf schütteln, hielt aber nach dem ersten Hin und Herr sofort wieder auf damit, fasste sich mit beiden Händen seitlich an die Stirn und sagte leise: „Oh, das tut weh ...“ und nach einem Blick auf das Tablett, „Nein, das mag ich nicht, das sieht so nach Krankenhaus aus.“

Ein paar Minuten später kam Chiara mit einem jungen Arzt im Schlepptau ins Zimmer zurück, der der interessanten Blondine mit dem frechen Mundwerk offenbar gerne gefolgt war; er setzte sich zu Chiara ans Bett, untersuchte sie kurz und fragte dann „Was tut ihnen weh?“

„Kopfschmerzen“, sagte die blasse Concetta.

„Kein Wunder“, meinte der Arzt, „sie haben ordentlich ein paar Schläge eingesteckt. Die Nase scheint zumindest angebrochen zu sein, das müssen wir noch röntgen, vielleicht, nein, wahrscheinlich haben sie eine Gehirnerschütterung und ein paar Prellungen. Sie werden ein paar Tage lang mit zwei veritablen Veilchen herumlaufen müssen.“

„Ist es schlimm?“, fragte Chiara, die sich um ihre Schwester sorgte.

„Wie man es nimmt“, meinte der Doktor, „es wird schon ein paar Tage lang weh tun – aber ich habe schon schlimmere Verletzungen nach einer Prügelei gesehen ... Sie hatten noch Glück, der Kiefer ist offenbar nicht gebrochen, da können sie jedenfalls feste Nahrung zu sich nehmen. Wie sieht denn die andere aus?“, fragte er dann Concetta listig anlächelnd.

„Das war ein sexistisches Männerschwein!“, warf Chiara ein.

„Weiß ich nicht“, nuschelte Concetta, „ich habe ihn nicht gesehen, er ist von hinten gekommen der Feigling.“

„Wie lange wird sie im Krankenhaus bleiben müssen?“, fragte die besorgte Chiara.

„Eine Woche, dann ist sie fast wieder wie neu, das kriegen wir schon hin“, beruhigte der Arzt die beiden, „da haben wir Erfahrung, da wird nichts bleiben – außer einem Schock vielleicht, aber das ist etwas Psychisches, da können wir nichts tun!“

Er bat Concetta noch, ihren Bauch anschauen zu dürfen, wo sie auch einen Schlag empfangen hatte. „Alles okay“, sagte der Arzt, „da ist keine Rippe gebrochen, wie gesagt, insgesamt hätte es schlimmer kommen können, viel schlimmer. Ich lasse ihnen Schmerztabletten bringen, dann sollte es ihnen besser gehen...“. Dann wünschte er Concetta alles Gute, verabschiedete sich mit einem langen Blick auf Chiara von den beiden und verließ die jungen Frauen wieder.

„Na, zumindest sieht der Doktor gut aus“, lachte Chiara, der ein Stein vom Herzen gefallen war, dass es nicht schlimmer war, „immerhin etwas!“

„Hast Du mal einen Spiegel?“, bat Concetta ihren Zwilling.

„Das willst Du nicht wirklich sehen“, warnte die sie.

„Doch, will ich“, bestand Concetta auf dem Spiegel, den Chiara als Schwester einer Kosmetikerin natürlich aus der Handtasche zauberte. Sie schaute sich lange an, dann fragte sie, „kannst Du mir mein Schminkzeug aus dem Geschäft holen, bitte?“, fragte Concetta, „so kann ich doch hier nicht rumliegen. Ich sehe ja unmöglich aus! Jetzt schon blau und grün!“

„Oha“, neckte Chiara sie, „der Herr Doktor?“

„Ach was“, winkte Concetta ab, „so kann ich hier einfach nicht herumlaufen!“

„Du wirst die nächsten Tage sicherlich nicht viel laufen, meine Liebe, aber gut, wenn du willst! Wann?“

„Jetzt gleich?“, bat Concetta, „wir sind doch im Rot-Kreuz-Krankenhaus, oder? Da ist es doch nicht weit, musst ja nur die Leonrodstraße runter gehen...“

„Mache ich, Schwesterherz, aber wenn wir schon dabei sind - wie wäre es mit einem Nachthemd? Diese hinten geschlitzten, blasslilagrünen, die man im Krankenhaus bekommt, sind meist nicht sooo kleidsam – und beim dem Herrn Doktor...?“

„Ach lass mich in Ruhe mit dem! Aber das ist keine schlechte Idee, dann bitte das ganze Programm: Morgenmantel, Waschzeug, Pyjama und Nachthemden zum Wechseln, Pantoffeln, etwas Wäsche.“

„Auch etwas zum Lesen?“

„Ja, bitte, Du gehst ja doch zu mir nach Hause, wegen der Sachen. Am Bett liegt ein Krimi, „Der Dessousschneider“ heißt der, den kannst Du mir bitte mitbringen.“

„Ja gut, Schwesterchen, ich werde so zwei oder drei Stunden brauchen, ich muss ja auch zu mir und mich erst einmal waschen.“ Als die Tür sich öffnete und eine Schwester mit den versprochenen Schmerztabletten kam, sagte sie noch „Schlaf gut, Conci, ich mache mich dann einmal auf den Weg. Erhol´ dich ein wenig, wenn´s geht. Bis nachher!“ Damit war sie draußen und Concetta war mit ihren Gedanken an den Überfall allein – Gott, allein die Erinnerung an die Situation machte ihr Angst. Trotzdem versuchte sie sich zu erinnern – aber da war nicht viel: Der Typ, ein Mann, klar, seine Hände um ihren Hals, die Schläge ... Sie stellte sich ihrer Angst und ließ die Situation einige Male vor ihrem inneren Augen ablaufen. Nein, da war nichts Besonderes, an dass sie sich erinnerte - wenn man davon absah, dass sie überfallen worden war. Aber kein Gesicht, nicht einmal ein Profil, keine Warze an den Händen, keine Narbe, kein Mundgeruch. Doch halt! Mundgeruch? Geruch? Und dann tauchte ganz langsam aus einer Ecke ihres Gehirns doch eine Erinnerung auf, ein solitärer Gedanke: Da war doch etwas gewesen – ein Geruch! Ein Parfüm? Ein Eau? Genau! Lächelnd schlief sie wieder ein.

Als sie wieder aufwachte, war es fast Mittag und ihre Schwester saß schon wieder am Bett. „Hallo, Schwesterchen“, sagte sie, „na, bist du wieder da? Ich habe alles mitgebracht, wie gewünscht. Und ich war auch am Geschäft. Deinen Mini hatte übrigens ein Nachbar, ein Wolfgang, weggefahren, die haben wir gesagt, dass der da ja nicht mitten auf der Straße stehen bleiben konnte, wo du gehalten hattest, also in zweiter Reihe. Und die Polizei hat die Tür des Salons abgeschlossen und versiegelt. Das ist jetzt ein Tatort. Und irgendwann nachher kommt noch eine Polizistin von der Kripo.“

Concetta versuchte sich aufzurichten und aufzustehen, was ihr unter Schmerzen gelang. „Gib mir mal ein Nachthemd“, bat sie ihre Schwester, „damit ich mir etwas anderes anziehen kann, die sind ja fürchterlich diese Hemden, die sie hier haben.“ Unter Gestöhne und „Aua“-Rufen zog sie sich um. „Du siehst ganz schön blau aus – am ganzen Körper, vor allem oben herum – je höher, desto mehr“, beurteilte Chiara sie, die sie genau beobachtet hatte, „tut es sehr weh?“, fragte sie dann besorgt.

„Naja, geht so“, sagte die stöhnende Concetta, „doch, es tut verdammt weh ..., Schwesterchen!“. Damit fiel sie ihrer Schwester in die Arme und fing an zu weinen. Aus dem Weinen wurde ein richtiger Weinkrampf.

Chiara hielt ihre Schwester so fest, wie sie sich traute, ohne ihr weh zu tun und streichelte ihr sanft über den Rücken, um sie zu beruhigen. „Ist gut so, Schwesterchen, ist gut ... lass es raus, Conci.“ Sie murmelte irgendetwas Beruhigendes. Nach einigen Minuten hatte Concetta sich wieder gefangen und konnte sich von ihrem Zwilling lösen. Sie ging ins Badezimmer, um sich das schmerzende Gesicht mit einem befeuchteten Waschlappen abzutupfen – Waschen ging nicht. Dann legte sie sich wieder ins Bett, fuhr die die Rückenlehne hoch und begann, sich mit Hilfe Chiaras Schminkspiegel zu schminken. So wie sie jetzt „in natura“ aussah, wollte sie keinesfalls aussehen, egal, ob gut aussehender junger Doktor oder nicht. Dafür war sie viel zu sehr Kosmetikerin.

„Sonst ging das immer anders herum“ lächelte sie ihrer Schwester schon wieder zu, „damals beim Fernsehen, weißt du, da mussten wir den Leuten in den Krimis immer Veilchen oder Wunden hin schminken – jetzt muss ich mir die eigenen überschminken. Aber das kriege ich schon hin!“ Und siehe da, nach einigen Minuten intensiver Arbeit mit Tiegeln, Töpfen und Tuben, Puder und sonst etwas sah sie fast schon wieder „wie neu“ aus, zumindest die Veilchen waren fast nicht mehr zu sehen.

„Hast Du Hunger?“, fragte Chiara und deutete auf das Tablett, das eine Krankenschwester Concetta ans Bett gestellt hatte. Concetta schüttelte leicht den Kopf. „Darf ich ...?“ fragte Chiara, die heute ja noch nichts gegessen hatte. „Bitte“, sagte Concetta, „bediene dich, ich mag nichts.“

Als sie Schwester später kam, um das Tablett abzuholen, schaute die sich die von Chiara leer gegessenen Teller an und sagte: „Da waren wir ja brav, Fräulein, und haben alles aufgegessen!“

„Ja“, bestätigte Chiara, „da hat sie ganz brav happi happi gemacht, die Kleine, und alles brav aufgegessen ...“ Die Schwester schaute sie beleidigt an, sagte nichts, nahm das Tablett und ließ die beiden alleine.

Kurz darauf klopfte es an der Tür, Chiara rief: „Ja!“, die Türöffnete sich und die Sarah steckte ihren rotblonden Schopf durch die Tür: „Hallo“, lachte sie, „da bin ich ja richtig hier!“ damit zauberte sie einen Blumenstrauß hinter ihrem Rücken hervor und betrat das Krankenzimmer.

„Fräulein Concetta“, sagte sie mit echter Besorgnis in der Stimme, „sie machen ja Sachen, hört man ... Wie geht es ihnen? Schmerzen? Ist es schlimm?“

„Von wegen, sie machen ja Sachen, sie hat eigentlich gar nichts gemacht“, verteidigte Chiara ihre Schwester und fügte dann hinzu: „Ich sehe einmal zu, dass ich eine Vase finde.“ Damit verließ sie das Zimmer.

„Das waren die aus dem Vertriebspoint, oder?“ fragte Sarah Chiara hinterherschauend und fügte dann an: „die ist auch nicht gerade aufs Maul gefallen, ihre Schwester, das muss man sagen.“ Sie schaute Concetta wieder an und nahm ihren Gedanken wieder auf: „Ganz klar, wer soll das denn sonst gewesen sein? Haben sie jemanden erkannt?“

„Nein“, nuschelte Concetta, die wegen der gebrochenen Nase nicht richtig sprechen konnte, „der kam von hinten. Ich habe ihn nicht gesehen ... außerdem war es dunkel!“

„Schade“, bedauerte Sarah, „wenn sie ihn erkannt hätten, dann könnte man ja ...“. Sie brach den Satz ab.

„Nein“, lächelte Concetta und betonte das erste folgende Wort, „gesehen habe ich nichts, aber ich habe sein Eau de Toilette gerochen. Das ist so teuer, das leisten sich nicht viele und normale Männer schon einmal gar nicht! Dafür muss man ziemlich eitel sein – eitel oder reich oder beides.“

„Und?“, fragte Sarah, „das können sie eindeutig identifizieren?“

„Ja“, sagte Concetta entschieden, „ „Clive Christian for Men“ es duftet nach Bergamotte, Limette, Mandarinen und nach Zedern- und Sandelholz, das hat der junge Blonde aus dem Vertriebspoint neulich schon gehabt!“

„Sehr gut!“ sagte Sarah, „vielleicht sollten sie das erst einmal für sich behalten!? Vor der Polizei, meine ich, da müssen wir uns dann einmal im kleinen Kreis besprechen, ob und wie wir da reagieren können ... Natürlich nur, wenn sie wollen!“ Sie machte eine Pause und schaute Concetta fragend an: „Oder sie gehen den normalen Weg und erzählen es der Polizei, wenn sie das für besser halten ... man muss ihnen wohl auch dazu raten, denn unser Weg ..., nun ja, das müssen sie wissen, meine Liebe! Aber wir hätten da unsere Methoden ...“, deutete sie an.

„Ja“, sagte Concetta leise, „ich habe davon munkeln hören!“

„Tatsächlich?“ fragte Sarah leicht erschrocken, „Das würde mich wundern? Was denn?“

„Ach, nichts genaues weiß man nicht,“ winkte Concetta ab, „nur so ... als damals der Graf verschwand, wissen sie? Mehr weiß ich auch nicht!“

„Aha!“, war alles, was Sarah mit betont ausdrucksloser Mine und einem Blick aus dem Fenster sagte.

Dann kam Chiara mit einer großen Vase für den großen Strauß. „Der ist ja schön“, bewunderte Concetta ihn.

„Ach was“, winkte Sarah ab, „nur ein Ausdruck der Verbundenheit der ganzen Hübnerstraße!“

Da klopfte es wieder, die Tür öffnete sich und herein kam die Anwältin. „Guten Tag“, sagte die, „ach, sie haben schon Besuch, Concetta, das ist ja nett! Hallo Sarah, lange nicht gesehen.“, begrüßte sie Sarah.

„Ja, und schauen sie sich mal den tollen Strauß an“, freute sich Concetta, „mit so viel Besuch habe ich ja gar nicht gerechnet, das finden ich ja so nett.“

Es klopfte wieder, Chiara rief „Herein!“ und es kam Frau Georgias. „Was machen Sie denn da für Sachen, Fräulein Concetta“ rief sie und Chiara drehte die Augen himmelwärts, sagte diesmal aber nichts, „so etwas macht man doch nicht, sich da einfach überfallen zu lassen. Und weil ich doch morgen den Termin bei ihnen gehabt hätte, habe ich gedacht, ich schaue einmal, wie es ihnen geht. Wie geht es denn? Tut es sehr weh?“

„Geht so“, murmelte Concetta, „ich habe Tabletten bekommen, da tut jetzt nichts richtig weh!“

„Das kenne ich“, sagte Frau Georgias, „ich bin einmal durch eine Frontscheibe vom Mercedes meine Mannes gegangen, da hatte ich noch richtig viel Glück, weil ich habe keine Schnitte gehabt, aber mein Gesicht hat ausgesehen, als ob er mich verprügelt hätte ...“, lachte sie ihr typisches Lachen. Sie griff in ihre Handtasche und holte ein Glas Marmelade heraus: „Rhabarber, Aprikose und Banane. Habe ich selber gemacht, schmeckt echt lecker!“ Sie lachte. „Ich dachte mir, das Frühstück ist immer scheußlich im Krankenhaus, aber Semmeln gibt es ja meistens und da wäre eine gute Marmelade vielleicht eine gute Abwechslung, oder?“ Sie schaute in die Runde.

„Sie, Concetta“, warf die Anwältin ein, „ich habe auch ein Glas von der Marmelade, die auf einer frischen Semmel, das ist göttlich, wirklich! Reinstes Manna ...“

„Was, wie ich von Herrn Moser gelernt habe, übrigens nicht die Speise der Götter ist, sondern so eine Art essbarer Regen in der Wüste – muss recht nahrhaft gewesen sein, hat die Juden jedenfalls vierzig Jahre halbwegs ernährt. Also, damals in der Bibel jedenfalls! Ich weiß nicht, ob das heute noch funktionieren würde?“.

Es klopfte. „Mein Gott“, sagte Chiara, „hier ist ja richtig etwas los!“

Herein kam Frau Z.! „Ja, was is da los?“ sagte die und fragte zur Abwechslung einmal nicht, was Concetta denn „gemacht“ habe – Chiara war fast dankbar dafür: „Mach‘ ma‘ da eine Stadtteil- oder eine Straßenversammlung? Sie, Fräulein Concetta, was is‘ denn mit eana passiert? Das ist ja schlimm is‘ des! Also so eine Gemeinheit, sie einfach so zu überfallen, so eine junge Frau, gell. Erst die Sache mit den Scheiben, gell, und jetzat des ... Da‘ Jürgen sagt ja immer, dass des die aus dem Vertriebspoint gew‘sen sein müssen, ja wer denn sonst? Aber beweisen wird ma‘ dene halt nichts können, gell, außer, sie hätten wen erkannt? Aber das hab‘n s‘ sicher net, gell, es war ja dunkel und dann noch von hinten. Feigling‘, sog i‘, solche gemeinen Feiglinge! Nicht, dass ich mein‘, man hätt‘ sie von vorne angreifen sollen, gar nicht hätte man das dürfen, mein‘ ich. Ich soll fei‘ schön grüßen von allen Kunden und ganz besonders natürlich von Frau R. und vom Jürgen!“

Sie griff in ihre Tasche und holte ein Glas Marmelade hervor. „Sie, Fräulein Concetta“, sagte sie, „weil das Essen im Krankenhaus doch eh nicht schmeckt, da hab ich mir gedacht, ich bringe ihnen an‘ Marmalad‘ mit ... Schinken oder Wurst, des geht ja net, sie haben ja keinen Kühlschrank hier, is ja koa Hotel net, da wär‘ das natürlich schon gegangen, gell?“

Als alle laut lachten, am lautesten, wie konnte es anders sein, die Frau Georgias, schaute Frau Z. sich verwirrt um. „Ja, was is‘ jetzt?“ fragte sie, „hab‘ ich etwas Falsches gesagt?“

„Nein, gar nicht“, prustete jetzt auch Concetta los und verzog dabei das Gesicht unter den Schmerzen, die das Lachen verursachte. Dabei hob sie das Glas hoch, das sie von Frau Georgias bekommen hatte.

„Achsoo“, lachte jetzt auch Frau Z., „sie san‘ scho‘ versorgt, ja dann ...“

„Aber das ist so lieb von ihnen allen“, sagte Concetta gerührt, „damit hätte ich ja nie gerechnet, dass sie hier alle herkommen ...“

„Ach, da nicht für ...“, sagte die Anwältin, „kann ich etwas für sie tun? Strafrecht ist zwar nicht meine Sache, aber wenn ich helfen kann, dann lassen sie es mich wissen, Concetta!“

„Vielleicht reden wir nachher einmal miteinander“, warf Sarah an der Stelle ein, „das könnte vielleicht interessant sein!“

Schon wieder klopfte es, Chiara rief wieder „Herein!“ und die Kommissarin kam herein. Sie schaute etwas irritiert in die große Runde und fragte: „Störe ich?“

„Die Frage muss doch wohl eher anders herum lauten“, fragte Sarah, „nämlich: Stören wir?“

„Das hätte ich jetzt eigentlich fragen müssen“, lächelte die Anwältin, „schon von Berufs wegen.“

„Wenn sie so fragen, ja,“ gab die Kommissarin zu und lächelte Sarah an, „wenn sie erlauben, ich würde gerne mit Fräulein Concetta allein sprechen, wenn es ihnen nichts ausmacht, meine Damen, lassen sie uns bitte alleine!“

Die Frauen beschlossen, dass frau doch sowieso gerade gehen wollte. Krankenbesuche sollte man eh nicht so lang ausdehnen, weil die Besuchten schließlich krank seien und vielleicht könnte frau ja noch auf einen Kaffee bei Ernstl am Kiosk einfallen? Allgemeine Zustimmung, es gab ein großes Abschieds-Hallo, alle bis auf Chiara gingen.

„Sie auch, bitte“, bat die Kommissarin, „wenn sie so nett sein wollen, draußen zu warten, es wird nicht lange dauern, dann können sie wieder hereinkommen.“

Also verließ auch Chiara das Krankenzimmer.

„Da haben sie ja eine Menge Freundinnen, die sich um sie kümmern“, begann die Kommissarin, „das muss an der Hübnerstraße liegen. Ich komme ja viel herum in München, aber so einen Zusammenhalt habe ich nirgendwo gefunden.“ Sie sah das Marmeladenglas und lächelte: „Und die gute Frühstücksmarmelade von Frau Z. haben sie auch schon!“

„Kennen sie die denn?“ fragte Concetta.

„Ja klar, die gibt es im Laden neben ihrem Geschäft, immer verschiedene Geschmäcker – aber immer sehr lecker! Was ist es denn für ein Geschmack?“

„Rhabarber, Aprikose und Banane, glaube ich.“

„Hört sich apart an – ich hatte bisher nur Aprikose pur: Lecker! Aber ich bin ja nicht hier um Marmeladenrezepte auszutauschen, Fräulein Concetta. Können sie mir jetzt erzählen, was gestern Nacht passiert ist?“

„Ich weiß nicht viel“, sagte Concetta, „er kam von hinten, ich habe fast nichts gesehen und es ging auch so schnell...“

„Von vorne“, bat die Kommissarin, „beginnen sie ganz am Anfang. Und nehmen sie sich Zeit, wir haben alle Zeit der Welt. Und ihre Schwester wird´s erwarten können! Also?“.

Sie hatte inzwischen einen Block und einen Stift in der Hand und macht sich Notizen, wenn Concetta sprach.

„Das war so ...“, Concetta dachte einen Moment lang nach, „ich hatte länger gearbeitet als sonst, wegen der Quartalsabrechnung für die Steuer. Das muss so gegen halb zehn gewesen sein oder auch erst viertel nach neun als ich das Büro verlassen habe. Ich bin dann zu Fuß zum Leonrod-Platz, weil, da hatte ich mein Auto stehen - bei uns waren morgens alle Parkplätze besetzt gewesen. Ich denke, ich bin sechs oder acht Minuten gegangen. Dann bin ich mit dem Auto zurück zum Salon, um die Unterlagen zu holen ..., O Gott, hoffentlich sind die nicht weg, das wäre ja blöd! Was macht man denn da? Die von der Steuer haben mich sowieso auf dem Kieker!“

„Nein,“ beruhigte sie die Kommissarin, „die Tüte mit den Akten haben wir gefunden, die scheint der Täter nicht interessiert zu haben, alles noch da. Haben sie denn jemanden erkannt?“

„Nein, ich sage ja, der kam ja von hinten und bevor ich etwas sehen konnte, als er mich umgedreht hatte, um mir ins Gesicht zu schlagen, war ich ja durch das Würgen schon fast besinnungslos ... groß war er, glaube ich, ziemlich groß und kräftig ... Große Hände hatte er!“

„Haben sie die gesehen?“

„Nein, aber wie er mich da von hinten am Hals ...“

„Also vermuten sie das mit den großen Händen?“

„Naja, ich glaube ... also, ja! Nein, gesehen habe ich nichts.“

„War es denn nur einer? Sind sie da sicher? Oder waren es mehrere? Haben die miteinander gesprochen?“

„Ich glaube, es war nur einer - und wenn es mehrere waren, haben die nicht miteinander gesprochen. Kein Wort, glaube ich. Er hat auch nichts gesagt, die ganze Zeit nicht!“

„Glauben sie?“

„Mein Gott“, rief Concetta, „was wollen sie eigentlich? ICH bin überfallen worden! Und wenn ich nicht mehr gesehen habe als ich sehen konnte, dann liegt das daran, dass der oder die, die nicht miteinander gesprochen haben oder vielleicht doch, dass die sich mir nicht vorgestellt haben. Tut mir sehr leid, Frau Kommissarin!“

Sie brach in Tränen aus. Die Kommissarin wartete etwas, dann fasste sie in die Tasche und reichte Concetta ein frisches Taschentuch.

„Hier“, sagte sie, „beruhigen sie sich, bitte. Ich will ihnen doch nichts. Und schon gar nicht will ich ihnen weh tun ... Nur, wenn ich den Täter oder die fangen soll, dann muss ich wissen, mit wem ich es zu tun habe und warum! Ich stehe doch auf ihrer Seite!“ Sie blieb einen Moment lang still, in dem Concetta sich die Nase putzte.

„Wissen sie, Concetta, ich darf sie doch Concetta nennen? Das scheinen alle zu tun! Nur im Krimi ist die Polizei manchmal so gemein. In Wirklichkeit sind wir viel netter und viel besser, glauben sie mir. Und die allermeisten Täter kriegen wir auch!“

„Aber leider nicht alle“, dachte sie bei sich, „im letzten Jahr sind uns einige durch die Lappen gegangen – oder mir! Und zwar ausgerechnet hier im Gäu, wo du auch lebst! Ich werde das verdammte Gefühl nicht los, dass mich da irgendwer gewaltig verarscht hat ... einer oder einige, die richtig gut sind!“

„Ich habe aber doch nicht mehr gesehen“, schluchzte Concetta, „das ging doch alles so schnell!“

„Haben sie denn eine Vermutung wer es war? Oder gewesen sein könnte? Oder warum? Haben sie Feinde, jemanden, der ihnen etwas Böses will?“

Concetta schüttelte den Kopf und zog die Nase hoch, was verdammt weh tat. „Aua“, nuschelte sie.

Die Kommissarin schaute sie an: „Geht´s noch?“ fragte sie und Concetta nickte bestätigend, „ja, geht schon wieder!“

„Wer´s war? Ich weiß es doch nicht, ich habe ja keine Beweise!“

„Mag sein“, sagte die Kommissarin, „aber auch eine Vermutung würde mir schon helfen! Was ist mit diesen Leuten, die das Haus leerräumen wollen?“

„Naja,“ nuschelte Concetta, „das wären die einzigen ... schon auch wegen der eingeworfenen Scheiben! Das waren die ja wohl auch, wer denn sonst?“

„Hhm“, nickte die Kommissarin, „an die habe ich auch gedacht, mal sehen, was die zu sagen haben.“ Sie klappte ihr Notizbuch zu, erhob sich, reichte Concetta die Hand und verabschiedete sich. „Wenn Ihnen noch etwas einfällt, dann rufen sie mich an. Hier ist meine Karte.“. Sie legte ihre Visitenkarte auf den Nachttisch. „Sie können mich jederzeit anrufen, immer!“ Damit verließ sie das Zimmer und nickte Chiara auf dem Krankenhausflur zu: „Danke für die Geduld, sie können jetzt wieder zu ihrer Schwester hinein.“ Sie nickte ihr zu und ging dann den Gang hinab.

Als Chiara wieder im Krankenzimmer war, bat Concetta sie um etwas zu trinken, aber bitte nicht diesen Krankenhaustee aus Kamille! Chiara nickte und ging in das kleine Geschäft im Erdgeschoss, um eine Fanta zu kaufen. Oben im Zimmer wieder angekommen, goss sie Concetta ein Glas ein, was diese gierig trank. „Noch eines?“, fragte Chiara und füllte ein zweites Glas, als Concetta nickte. Das zweite Glas trank sie schon langsamer.

„Du, Chiara“ fragte Concetta leise, „wir haben doch immer zusammengehalten?“

„Wie Pech und Schwefel“, lachte die Zwillingsschwester, „ich glaube, das ist bei Zwillingen einfach so.“

„Ich glaube, es war einer aus dem Vertriebspoint, die das Haus leer haben wollen ...“

„Diese Schweine!“ fauchte Chiara, „und ...?“

„Die haben doch die Häuser gekauft da in der Gegend, nicht?“

„Müssen die wohl“, sagte Chiara und fragte, „warum fragst du?“

„Der Autor, weißt Du ...“

„Was hat der denn damit zu tun? Dieser alte Angeber!“

„Mag sein“, sagte Concetta sehr langsam den Gedanken, der ihr gerade durch den Kopf schoss, sorgfältig abwägend, „aber der hat da eine Idee und die hat er mir neulich erzählt ...“

„Der? Was denn?“

„Hhm, in seinem neuen Roman hackt sich einer ins Grundbuch einer Stadt und verschiebt den Besitz von Häusern ...“

„Das“, grinste Chiara, „hört sich in Betracht der Versuche, dich einzuschüchtern tatsächlich nach einer brauchbaren Idee an ...“. Sie ließ den Satz offen. „Und Du meinst, dass ich das mit den Häusern am Hübnerplatz versuchen sollte?“ Sie machte eine Pause bevor sie fortfuhr: „Aber du weißt schon, dass ich zwar theoretisch weiß, wie man hackt – gut ein ganz klein bisschen auch praktisch ...“

„Ich weiß, dass du verdammt gut darin bist. Du bist doch auch bei dieser Gruppe dabei, du weißt schon, die mit den weißen Grinsemasken von dem ollen Engländer ... und um da dabei zu sein, muss man gut sein, verdammt gut!“

„Du meinst die Guy Fawkes-Maske! Woher weißt du das?“

„Zwillinge wissen alles voneinander!“

„Ja, aber ich hätte nie gedacht, dass du das weißt! Habe ich das erzählt?“

Concetta winkte ab: „Ist doch egal! Du kannst es jedenfalls, da brauchst du gar nicht drum herum zu reden – ob du es machen willst, ist eine ganz andere Sache! Und ich will dich ja auch nicht drängen ...“

„Ob ich das könnte, ich denke schon, Aber das würde über Spaß weit hinaus gehen ... Aber spannend wäre es schon.“

„Rede doch einfach einmal mit ihm, vielleicht ist die Idee ja saublöd, dann gehst du einfach wieder, wenn sie aber tragfähig ist, dann kannst du ja mal sehen – aber ich hatte den Eindruck, dass er mir nicht alles erzählt hat, ich glaube, da geht es um viel mehr, frage hn doch einmal ein bisschen aus!“

Chiara grinste jetzt deutlich: „Schwesterherz, das hört sich gut an, sogar so gut, als ob ich ein paar Stunden investieren sollte ... ich habe sowieso Urlaub genommen, weißt Du.“

Concetta sank müde ins Kissen zurück. Chiara würde es tun, da war sie sicher, so gut kannte sie ihren Zwilling. Chiara merkte, dass ihre Schwester müde war, sie fragte: „Geht´s dir gut, Conchi? Bist du müde?“

„Ja. Du kannst mich jetzt alleine lassen, Chiara, ich komme schon zurecht. Hier passiert mir nichts. Ich bin auch müde, ich möchte schlafen.“

„Na gut, Schwesterchen, wenn Du meinst. Ich mag auch ein wenig schlafen. Morgen werde ich mich mit dem Autor, wie heißt er gleich - Cabra? Blöder Name, wahrscheinlich ein Pseudonym – zusammensetzen.“

Sie beugte sich vorsichtig über ihre Schwester, gab ihr vorsichtig einen Kuss auf die Stirn und sagte: „Tschüss, Schwesterchen, ich mache mich auf den Weg, schlaf gut! Morgen früh komme ich wieder. Brauchst Du irgend etwas?“ Aber da schlief Concetta schon. Leise zog Chiara die Tür im Gehen hinter sich zu.

5. August. Sarah und Udo

Es war noch nicht spät am Abend, so gegen zehn Uhr, als Sarah und Udo ins Bett gingen. Udo war der Erste, der in der Kiste lag, Sarah brauchte immer etwas länger. Sie kam dann meist nackt ins Schlafzimmer, um dort ein Nachthemd überzuziehen, weil sie wusste, das Udo den Anblick ihres üppigen Körpers genoss – und sie gönnte ihm diesen Moment. Manchmal zögerte sie ihn noch hinaus, indem sie umständlich ein anderes Nachthemd suchte und dafür Schubladen und Schränke im Schlafzimmer durchsuchte. Dann sagte Udo irgendwann: „Komm doch so ins Bett, ist doch nicht so kalt heute Nacht – und wenn doch, dann rutscht du halt rüber zu mir unter meine Decke. Da ist Platz für zwei ...“

Das mit dem Platz für zwei auf seiner Seite des Bettes konnte sie nicht ernst nehmen, denn auch Udo war ... nun ja, breiter, muskulöser als der Durchschnittsmann in seinem Alter – aber schön warm, fand sie.

Also schlüpfte sie an solchen Abenden erst unter ihre Decke und fand es dann meist recht schnell „kalt“ – kalt genug, um rüber zu rutschen. Dann nahmen Udos Bärenarme sie auf und sie kuschelten aneinander.

Udo genoss das Gefühl ihres nackten Körpers „in Gänze“ an seinem ebenfalls „in Gänze“! Sarah ging es nicht viel anders bei Udo. Bei Udo!

Sie hatte jahrelang ein Studio im Haus schräg gegenüber betrieben, in dem sie ausgewählten Herren wunderbare Abende bescherte. Da wurde fast jeder Wunsch erfüllt, gut, zu gesalzenen Preisen, manche zu sehr gesalzenen, wie sogar Sarah fand, aber die Herren waren es zufrieden und kamen (fast) alle wieder – wenn Sarah es denn gestattete.

Manch einer der Herren verliebte sich heimlich ein wenig in sie. Am meisten ein rätselhafter Russe, der sich selber „Der Böse Wolf“ nannte, aber bei ihr hatte er sich eher wie ein ganz braver Welpe benommen. Über den waren sie damals an Waffen gekommen, die sie gebraucht hatten. Sie hatte ihn nur einmal getroffen – das war auch besser so, fand sie, denn auch sie hätte bei ihm fast so etwas wie „Gefühle“ bekommen können.

Gefühle, die sie ansonsten nur für Udo empfunden hatte und immer noch empfand. Udo liebte sie und umgekehrt! Deshalb genoss sie das Gefühl, sich nackt an ihn zu schmiegen, seinen Körper zu spüren und zu riechen, seine Hände an sich zu spüren. Und die waren immer „unterwegs“ an ihr – fand sie.

Udo fand, dass er sich ganz gut beherrsche und seine Sarah nur fest hielte. Klar, dass er ab und zu den Griff ändern musste, aber das war doch kein „Fummeln“ ...

Nur diese Brüste, diese so verdammt attraktiven Brüste, diese großen weichen „Dinger“, die zogen seine Hände wie magnetisch an, jeweils anders gepolte Magnete – und die zogen sich schließlich per Naturgesetz an.

Da konnte er machen, was er wollte, also sich anstrengen, selbst wenn sein Gehirn den Händen sagte „hands off, Hände“ dann sagten die Hände: „Gehirn, fuck off“ und taten doch, was sie wollten. Nicht, dass er es nicht genießen würde, wenn die Hände sich durchgesetzt und ihre Ziele gefunden hätten – mein Gott, waren diese Möpse weich und so schön groß ... Natürlich riss er sich dann zusammen und nahm die Hände wieder fort – der Rest von Sarahs Körper bot ja auch genug Abwechslung!

Er liebt ja nicht nur den Körper, diesen unglaublichen, diesen göttlichen, diesen überirdischen Körper, nein, oder nicht nur. Vor allem liebte er ja das, was darin war, verborgen unter dieser unglaublichen Hülle, also seine Sarah – aber das ging ja nur mit dem Hirn. Und das war ganz etwas anderes als seine Hände!

Also bemühte er sich nach besten Wissen und Gewissen, seine Sarah zu lieben und die Hände ruhig zu halten. Und wenn er das dann tatsächlich geschafft hatte, schaute ihn Sarah spöttisch-lächelnd an und sagte: „Was regt sich denn DA?“

Na, was glaubte sie denn wohl? Ein Regenwurm? Nein, ganz bestimmt nicht, am Anfang vielleicht, aber bald würde es eine Kobra sein. Und wenn Sarah dann die Bettdecke anhob, um darunter zu schauen, und ihn dann grinsend ansah und sagte: „Ach, wie nett!“, dann war er ihr ausgeliefert. Total. Denn im nächsten Moment würde sie unter die Decke schlüpfen und die „Kobra“ beschmusen. Und wie jedermann in Indien weiß, können Kobras spucken, wenn sie in die Enge getrieben wer-den ... Und Sarahs Enge war unwiderstehlich für Kobras! Und wer hat schon einmal eine domestizierte Kobra gesehen? Udo jedenfalls nicht.

Die Sache mit der Kobra passierte so auch heute.

„Hinterher“ lagen sie nebeneinander im Bett und Sarah fragte Udo: „Sag einmal, wie ist das eigentlich, wenn du das „Safterl“ los werden willst, wie merkst Du das? Was spürst Du da?“

„Keine Ahnung“, sagte Udo und er meinte es auch so, er wusste es nicht. Was sollt er da spüren?

„Na, ihr Männer müsst doch irgendwie merken, dass ihr das Zeug los werden wollt ...“

„Naja, nee ..., ehrlich, keine Ahnung!“ Er dachte nach .„Ich will dann halt bumsen, mehr is nich ... Was soll denn noch sein?“

„Da unten drin“, Sarah deutete in Richtung dessen, was eben noch die Kobra gewesen war und sich jetzt mit zunehmender Geschwindigkeit wieder in Größe und Gefährlichkeitspotenzial einem Regenwurm anglich, „da müsst ihr doch etwas spüren?“

„Nee, nicht! Ich weiß auch nicht, wahrscheinlich sind da Hormone zugange, Testosteron und Verwandte – und wenn das Zeugs in genügender Konzentration da ist, dann sagt das den anderen: „Jetzt will gebumst werden“ oder so und irgendwann ist da denn so viel von dem Zeug … und die Situation ist günstig“ er lächelte sie an, „zum Beispiel du liegst nackt neben mir im Bett, dann sagt das Hormon: „Jungs, alle mal herhören – Widerspruch zwecklos, ich übernehme! Und die anderen kuschen.“

„Und wenn Du dann fertig bist, kommen die anderen wieder hervorgekrochen und der Körper funktioniert wieder normal – und ganz zum Schluss wird das Gehirn neu gestartet?“

„So in etwa! Aber deshalb spürt Mann da unten nichts, was ihm sagt: Bumsen! Jetzt oder zumindest dalli!“

„Ihr seid komische Kerle“, lächelte Sarah und kuschelte sich an Udo, „ist das Gehirn jetzt wieder im „On-Modus“, sozusagen „reloaded“?“, fragte sie.

„Ich glaube schon“, antwortete der halbwegs müde, „warum?“

„Ich muss da etwas mit dir bereden!“

„Leg´ los! Was isses denn? Was Wichtiges?“

„Wie man es nimmt ... naja, ich glaube schon.“ Sie machte eine Pause, um dann fortzufahren: „Es geht um Concetta, du weißt schon, die Kosmetikerin, der du die Bretter ins Schaufenster eingesetzt hast ... Die ist überfallen worden und ich habe sie heute im Krankenhaus besucht. Als wir alleine waren, hat sie mir gesagt, wer es wohl war ...“

„Wer denn?“

„Einer aus dem Vertriebspoint. Der junge blonde! Gesehen hat sie ihn nicht aber sie hat ihn gerochen!“

„Hat der so geschwitzt oder hätte der vorher duschen sollen?“

„Nein, Udo, der hatte ein ganz besonderes Parfüm, das ist so teuer, das hat sonst kaum einer ... Sie hat es erkannt – klar, als Kosmetikerin kennt sie das!“

„Hhm?“ Er griff nach ihrer Brust.

„Finger weg“, lachte Sarah, „Du hast gerade ... und du hast gesagt, dein Gehirn befindet sich im on-Modus!“

„Naja, so ein bisschen.“

„Ein bisschen was?“

„Ein bisschen „on“. Es sagt gerade, dass ich dir sagen soll, dass ich dich liebe!“

„Dann ist es tatsächlich im on-Modus!“

„Sag´ ich ja!“

„Also, zurück zu Concetta, sonst stehe ich auf und trinke ein Bier in der Küche, ohne dich!“

„Und wenn ich mitkomme?“

„Das wäre mir lieber. Dann trinke ich das Bier mit dir – und wir reden über den Überfall!“

Udo strampelte mit den Füssen und warf die Decke weg. „Dann komm“, sagte er, „wer zuerst in der Küche ist, darf die Flaschen öffnen ...“

„Was ist das denn für ein Unsinn?“, fragte Sarah lachend, „ich brauche erst einmal ein Nachthemd und einen Morgenmantel. Geh´ du voraus und mach´ schon mal deine Flasche auf, ich komme gleich und ich bin alt genug, ich kann meine ganz alleine öffnen!“

Als sie in der Küche saßen, erzählte Sarah Udo alles, was Con-etta ihr im Krankenhaus gesagt hatte.

„Hhm“, dachte Udo nach, „das sieht verdammt nach dem Kerl aus ... Und was schwebt dir vor?“

„Gleiches mit Gleichem vergelten“, sagte Sarah, „oder Auge um Auge!“

„Seit wann wirst du alttestamentarisch?“ fragte Udo, „obwohl als Sarah hast du natürlich das Recht dazu!“

Sarah winkte ab. „Blödmann. Die Polizei wird wieder einmal nichts tun, nichts tun können, weil keine handfesten Beweise gegen den Typen vorliegen. Wenn der Kerl gut war, hat er Handschuhe getragen und vielleicht sogar eine Maske, damit es keine DNA-Spuren gibt ... Da wird nichts gehen. Du kennst doch unsere Kommissarin, die untersucht das nämlich. Du weißt doch, dass die vermutlich nichts tun kann – wenn sie denn will?“

„Das paßt mir in diesem Falle nicht, dass wir die hier so dicht auf der Pelle sitzen haben ...“

„Tut sie aber! Sollen wir den Kerl deshalb davon kommen las-sen?“

„Nee – aber was schwebt dir vor?“

„Naja, Auge um Auge! Auch verprügeln?“

„Hhm“, machte Udo, „aber nicht hier. Wo wohnt der?“

Sarah zuckte mit den Schultern: „Keine Ahnung, aber das sollte sich herauskriegen lassen.“

„Glaube ich auch ... Soll ich Ernstl fragen?“

„Meinst du der würde … Hält der dicht?“

„Wenn er´s gemacht hat? Sicherlich!“

„Frag ihn! Wo ist mein Bier?“

„O Gott“, sagte Udo und schlug sich mit der flachen Hand auf die Stirn, „dein Bier – wie doof von mir. Warte, ich hole es.“ Er stand auf und holte es aus dem Kühlschrank. Kaum hatte er den Bügelverschluss geöffnet, klingelte es. „Wenn man von Teufel redet“, sagte er als er Sarah die Flasche reichte, „das kann ja nur unsere Kommissarin sein, lassen wir sie rein?“

„Sie wird das Licht gesehen haben, also lass sie rein, mal sehen, ob es etwas Neues gibt!“

„Hallo“, sagte die Kommissarin, ich habe noch Licht bei euch gesehen, da habe ich mir gedacht, ich klingle einfach mal – habt ihr für mich auch ein Bier, bitte? Man, das war wieder einmal ein Scheißtag heute ...“

Schwer ließ sie sich auf die Eckbank fallen und rutsche einen Platz hinein.

„Danke, Udo, du bist ein Engel“, sagte sie, als Udo ihr die eiskalte Flasche gegeben und sie einen ersten großen Schluck getrunken hatte, „ihr wart schon im Bett? Ihr habt es vielleicht gut, wisst ihr eigentlich wie gut? Nein, wahrscheinlich nicht! Immer einen zum Ankuscheln, wenn man einen braucht“, und in Richtung Sarah ergänzte sie, „und dann noch einen so kuscheligen Bären!“ Sie deutete mit der halb leeren Flasche auf Udo. „Naja, aber der braucht sich ja auch nicht zu beschweren, oder Sarah? Du bist doch auch eine Traumfrau ...“

„Ehrlich? Aber nur, wenn man auf dick steht“, meinte die lächelnd und nahm einen Schluck aus der Flasche.

„Wer ist hier dick?“, fragte Udo.

„Siehst Du, das meine ich“, sagte die Kommissarin, „süß! Er liebt dich einfach! Beneidenswert ...“

„War noch etwas in der Klinik?“ fragte Sarah betont neutral, „ist da noch etwas rausgekommen bei dem Verhör?“

„Nichts“, sagte die Kommissarin, „rein gar nicht – sie hat den Täter weder gesehen noch erkannt. Nichts da! Es ist wie verhext. Ich glaube ja, dass es einer aus diesem verdammten Vertriebspoint war. Oder einer, der es in deren Auftrag gemacht hat. Wer denn sonst? Ich glaube nicht, dass die Kosmetikerin einen anderen Feind hat. Das sieht mir mehr nach Warnung als nach Überfall aus, der Täter hat nicht hart zugeschlagen ... Da werden wir mal wieder keine Beweise haben – und futsch ist der Kerl, der das getan hat. Verdammte Scheiße!“

„Nicht hart zugeschlagen?“, protestierte Sarah, „na, ich danke!“

„Nein“, sagte die Kommissarin, „das war nicht besonders hart, zwei oder drei Schläge mit der flachen Hand ins Gesicht und ein oder zwei Faustschläge in die Magengegend, Du Sarah, da habe ich ganz anders Zusammengeschlagene gesehen! Ganz anders ... Je mehr ich darüber nachdenke, desto sicherer bin ich, das das nur eine Warnung war oder eine Aufforderung. Schlimm genug, das ist wahr, aber es hätte sie schlimmer treffen können. Und die angebrochene Nase? Ich weiß nicht, ob das gewollt war? Ich glaube fast nicht.“

„Gibt es Spuren im Geschäft?“, fragte Udo.

„Keine, nicht eine, gar nichts ... Der war gut. Ich bin mir fast sicher, dass es nur einer war. Der war schnell und der wusste, was er macht. Der hat nicht zum ersten Mal zugeschlagen, ganz sicher nicht!“

Die drei saßen schweigend um den großen Küchentisch herum. Schließlich fragte die Kommissarin: „Kann ich noch ein Bier haben, Udo, hast Du noch eines? Das trinke ich noch und dann gehe ich in mein Heiabettchen“, nach einem Moment fügte sie mit Bedauern in der Stimme hinzu, „und wie immer: Ganz allein ...!“

Udo holte noch drei Bier aus dem Kühlschrank und sagte: „Das waren die letzten, ich muss morgen in den Laden, Nachschub holen. Oder vielleicht habe ich noch eine Kiste in der Werkstatt?“ Er winkte lachend ab, „oder nee, glaube ich nicht, da hat in den letzten Nächten wieder der Brandt geschlafen ... garantiert hat der die letzte Flasche Flens ausgetrunken. Naja, ich gönne´s dem Kerl!“

„Sag mal“, fragte Sarah, „wer ist das eigentlich, dieser Brandt, den du da schlafen lässt?“

„Ach“, wehrte Udo ab, „der ist ja nur manchmal da. Ist echt ´ne arme Sau. Ich kenn den auch nicht so genau ...“

„Und dann lässt du den in deiner Werkstatt schlafen?“ fragte die Kommissarin und nahm einen Schluck. Sie war froh, dass sie einmal über etwas anderes als den aktuellen Fall sprechen konnte.

„Ja, is´ nun mal so“, sagte Udo verlegen, „das ist halt ´ne arme Sau ...“

„Das sagtest du schon“, warf Sarah ein und versuchte Udos Hamburger Heimatslang aufzunehmen, in den er manchmal verfiel wenn er sich besonders wohl fühlte: „Nun mal Futter bei die Fische, Udo ...“

„Ja, also, der hat sogar ´ne kleine Wohnung da im Eckhaus, aber manchmal treibt es ihn einfach tierisch um, dann mag der nicht zwischen seinen vier Wänden schlafen. Ist ihm zu eng, sagt er“.

„Und was macht der immer mit den Lidl-Tüten in der Hand, mit denen man ihn rumlaufen sieht?“, wollte Sarah wissen.

„Der läuft übrigens in der ganzen Stadt mit denen herum. Aber der scheint harmlos zu sein – bei uns ist der nur mit altem Kleinkram vermerkt, früher mal Landstreicherei und so“, ergänze die Kommissarin, „nichts weltbewegendes!“

„Sag´ ich ja“, meinte Udo verlegen, „eines Tages war der plötzlich da, wie aus heiterem Himmel, niemand hat ihn kommen sehen, und da hat er gefragt, ob er da auf dem Gelände schlafen darf – unter freiem Himmel? Sein Zimmer sei ihm zu eng. Und da haben wir „ja“ gesagt, also der Bartling, der Metallhändler, und ich ... Und denn wurde das in dem Herbst immer kälter in den Nächten und ich habe mir gedacht, das arme Schwein muss doch frieren wie die Sau ... Und weggekommen ist bis dahin ja auch nichts.“

„Und dann?“ fragte Sarah jetzt viel weicher.

„Naja, denn habe ich irgendwann gesagt, als es hieß, es würde einen besonders kalte Nacht werden, er kann auch drinnen in meiner Werkstatt schlafen, am Ofen, wenn er den Katzen nichts tun würde! Nein, hat er gesagt, er mag Katzen gerne, lieber als Menschen eigentlich, und ob er die füttern dürfe?“

Udo machte eine verlegene Pause, dann fuhr er fort: „Ja, und denn haben sie sich gut verstanden, die Katzen und der Brandt, da ist er eben geblieben. Und jetzt gehört er da drüben zum Inventar, nicht! Also nicht immer, er hat ja auch sein Zimmer – nur manchmal, wenn ihm die Decke auf den Kopf fällt! So ist das mit dem Brandt.“

„Und was macht der nun mit den Plastiktüten, mit denen er immer rumläuft?“, wollte Sarah wissen.

„Keine Ahnung“, Udo hob Schultern und Arme um anzudeuten, dass er nichts wisse, „ich habe ihn nicht gefragt. Seine Sache, finde ich. Wisst ihr, ich glaube, das weiß der selber nicht! Die hat der eben immer dabei, wie andere ihr Handy, da weißt du bei vielen ja auch nicht, warum, ohne die fühlt er sich nicht vollständig. So etwas gibt es.“

Er nahm den letzten Schluck aus der Flasche: „Ist irgendwie ein armes Schwein, der Typ! Mir tut der Leid. Hat ein total krummes Hirn, glaube ich, irgendwer oder irgendwas hat ihm das mal verdreht! Dabei ist der superintelligent, glaube ich, Mathematik kann der, da biste platt… Ich kann ja man kaum richtig rechnen, Malnehmen geht ja noch, aber schon beim Teilen durch sieben wird´s eng! Aber der…? Mit Rechnen hat das nichts mehr zu tun! Der denkt Sachen, man o man, früher hat der manchmal mit der Hanna über Dinge gesprochen, hat er mir erzählt, da ist keiner mitgekommen! Viel erzählen tut der ja nicht, aber davon schon… Manchmal schreibt er mir Formel auf ein Blatt Papier, da denkst du, die sind von Picasso oder so, so schön! Er sagt immer, also wenn er mal etwas sagt, das Mathematik einfach schön ist, wie ein Bild oder so… Da hat er recht, ich habe mir einige seiner Kritzeleien aufgehoben, weil sie einfach schön sind, wenn ihr versteht, was ich meine…

Auf jeden Fall ist der ist total harmlos. Ich habe manchmal Angst, dass andere ihr Schindluder mit ihm treiben könnten! Den muss man einfach beschützen, wisst ihr!“

„Das ist aber nett, dass ihr euch da auf dem Gelände um den so kümmert“, meinte die Kommissarin, „da hat er richtig Glück! Das ist ja im besten Sinne eine beschützende Werkstatt bei euch!“

„Ach was“, wehrte Udo ab, „das ist doch nichts ...“

„Sag´ mal“, fragte Sarah, „verschwindet in dem Brandt ab und zu ein Stück Schinken oder Käse aus unserem Kühlschrank, das ich den einen Tag gekauft habe und am nächsten Tag ist das weg?“

Udo sagte nichts, legte den Kopf etwas schief und lächelte schüchtern, schließlich zuckte ermit den Schultern und nickte bestätigend mit dem Kopf.

Sarah strich dem großen Mann sanft über den Kopf: „Dafür könnte ich dich …“, sie machte eine kurze Pause, bevor sie lächelnd fortfuhr. „… lieben! Wenn ich es nicht schon täte“

Und zur Kommissarin gewandt sagte sie: „Er ist so ein Bär, mein Udo, so ein tapsiger – aber ein so lieber. Ich bin verdammt froh, dass ich ihn habe. Ich möchte keinen anderen!“

„Ja“, sagte die Kommissarin nachdenklich, „das glaube ich. Denn wenn du ihn nicht hättest, würde ich ihn nehmen – sofort!“ Als Sarah sie erstaunt ansah, fuhr sie fort, „aber da ich ihn in so guten Händen bei dir weiß, ist er tabu! Tschüs, ich muss wieder ...“

Damit stellte sie die leer getrunkene Bierflasche auf den Küchentisch, machte den Bügelverschluss gekonnt mit einer Hand zu, stand auf und sagte: „Danke für die Biere!“ und ging.

Bevor sie einschliefen, sagte Udo in die Dunkelheit neben sich, in der er Sarah wusste: „Ich rede mit Ernstl, ob er das macht?“

Sarah war schon mitten im Einschlafen begriffen und hatte gerade begonnen zu träumen als Udo das sagte. „Ist gut“, murmelte sie, „ich vertraue dir!“

„Hä?“, dachte Udo, „was soll das denn?“ Er konnte ja nicht ahnen, von was Sarah gerade träumte: Nämlich von der Schlange Kaa, die allerdings nicht wie eine Boa sondern wie eine Kobra aussah, die gerade „Vertraue mir ...“ sang.

Dann schlief auch er ein.

6. August. Der Konjunktiv-Fall

Es war gegen elf Uhr am Vormittag als Chiara auf den Klingelknopf neben dem Namen „C. CABRA“ in der Wohnanlage neben Concettas Salon in der Hübnerstraße drückte. Vor einer Stunde hatte sie angerufen, um ihren Besuch anzukündigen.

„Ja, bitte?“ hörte sie den Autor durch den kleinen Lautsprecher fragen.

„Ich bin es, Concettas Schwester“, sagte sie.

„Sechster Stock!“, sagte er, „Moment, bitte!“ Dann klickte der Summer. Als sie aus dem Fahrstuhl trat, erwartete sie der Autor im Hausflur.

„Kommen sie“, sagte er, „ist ein wenig kompliziert hier, am einfachsten ist es, wenn ich voraus gehe.“ Er führte sie um mehrere Ecken durch einen erstaunlich dunklen langen Flur, dann hatten sie seine Wohnung erreicht. Sie war groß und sehr hell, kein Wunder, lag sie doch nach Süden zum parkähnlichen Innenhof ohne direktes Gegenüber und die Sonne schien vom wolkenlosen Himmel. Die Tür zur Terrasse war geöffnet, es wehte eine leichte Brise ins Zimmer.

„Kann ich Ihnen etwas anbieten? Kaffee? Wasser?“

„Danke“, sagte Chiara kurz angebunden. Sie konnte dem Kerl gegenüber einfach nicht freundlich sein, die Chemie stimmte irgendwie nicht, „es geht schon. Ich habe keinen Durst.“

„Wenn doch“, sagte er, „sagen sie´s mir, bitte.“

„Ja“, sagte sie nur.

Er bemerkte ihre neugierigen Blicke. „Sehen sie sich gerne um, wenn es sie interessiert!“

Sie schaute sich um. Die Wohnung war „modern“ eingerichtet: Die locker im großen Zimmer verteilten Sessel: Lauter Klassiker von Charles Eames aus Holz oder Stahl mit buntem Leder. Die Tische: Stahl und Glas. An den Wänden zogen sich gut gefüllte Bücherregale entlang, zwischen denen was stand? Als sie genauer hinschaute, erkannte sie mehrere kleine Rechenmaschinen offenbar noch auf der sagenhaften Transistorbasis einer untergegangen Zeit, denn für heutige Verhältnisse waren sie riesig mit ihren dreißig mal dreißig Zentimetern Grundfläche, alle ungewöhnlich schön gestaltet, das musste sie zugeben, das sah sehr italienisch aus.

Außerdem stand da unten rechts im Regal eine knallrote Reiseschreibmaschine. In ihr steckte sogar ein Blatt Papier, als würde der Autor noch damit schreiben! Innerlich musste sie den Kopf schütteln – der Mann war ja völlig aus der Zeit!

An der Wand hing ein Bild von einem eindrucksvollen Elefanten in Falschfarben. Wie hieß der Typ noch, der hatte doch auch lauter Köpfe aus dem letzten Jahrhundert so verfremdet dargestellt? „Moment mal,“ dachte sie, „genau: Andy Warhol!“ Da würde sie nachher im Netz mal nachschauen, was das genau war und welchen Wert es repräsentierte.

Unter den Büchern sah sie viele Nachschlagewerke, die meisten offenbar mehrbändig, viele sehr alte, mit zerfetzten Rücken und daneben eine ganze Reihe fast neuer im Ledereinband.

„Sie sind wohl noch die Brockhaus-Generation?“ fragte sie und kaum, dass sie es ausgesprochen hatte, fragte sie sich, warum sie eigentlich diesen abfälligen Tonfall benutzte, er hatte ihr doch gar nichts getan?

„Ja“, lächelte er, „das ist wohl so. Ich mag es einfach, noch in richtigen Büchern zu schmökern, wahrscheinlich komme ich ihnen deshalb uralt vor ... sie dürften dagegen zur Wikipedia-Generation zu gehören? Alles online!“

Sie zuckte nur mit den Schultern und sagte dann: „Ist einfach bequemer, überall verfügbar und die Daten sind jünger, aktueller ...“

„Aber nicht unbedingt korrekter !“

„Mag sein“, sagte sie, „die einen sagen so, die anderen so ... Aber warum diese ganzen alten Schinken, hier die neuste Ausgabe verstehe ich ja, aber die alten Dinger ...“

Sie griff in Richtung eines der alten Lexika, zögerte bevor sie es anfasste, schaute ihn an und fragte tatsächlich höflich: „Darf ich?“

„Nur zu“, antwortete er und machte eine einladende Geste.

Sie griff sich wahllos einen staubigen Band und zog ihn heraus. Als sie ihn öffnen wollte, fiel der ganze Buchrücken herunter. Eine kleine Staubwolke löste sich aus dem Buch und stieg ihr in die Nase. Sie musste niesen.

„Oh, Entschuldigung“, sagte sie doppelt verlegen, als sie sich bückte, um den Buchrücken aufzuheben. Dann stand sie verlegen mit dem alten Schinken in der einen Hand und dem Buchrücken in der anderen, schaute ihn fragend an und wusste nicht recht, was sie tun sollte, als er einen Moment nichts sagte und nur lächelte.

„Legen sie das Teil nur da hin“, sagte er schließlich und wies auf ein Stehpult aus Glas und Stahl vor einem der Fenster auf dessen schräg gestellter Platte schon ein großformatiges Buch lag, „das passiert mir dauernd. Macht nichts!“

Sie tat, wie er ihr geheißen hatte. Dann schlug sie das Buch auf und sagte: „O Gott, 1897! Da war IHRE Großmutter ja gerade geboren, oder? Wozu brauchen sie ein Lexikon von 1897? Das ist doch total veraltet ...“ Sie schlug den Band wahllos auf einer Seite auf. „Möwen“, sagte sie, „ein schwarz-weißer Stich! Wer braucht so etwas, noch nicht einmal ein Farbfoto!“

„Ja“, sagte er , „aber sicherlich ein schöner Stich, da bin ich mir sicher!“

Sie blätterte mit skeptischem Gesichtsausdruck weiter. „Was ist das denn?“ fragte sie sich selber, „hier sind ja Farbabbildungen, gab es damals schon Farbdrucke? „Mimikry““ las sie leise. „wozu denn dieses Butterpapier zwischen den Seiten?“

„Damit die Farben nicht verwischen“, sagte er, „schauen sie, für naturwissenschaftliche Stichworte ist das sicherlich nicht auf dem neuesten Stand, das ist klar, halt von 1897 – aber die altphilologischen Stichworte, die sind so ausführlich erklärt, so etwas finden sie heute einfach nicht mehr ...! Und weil es damals eher katholisch angehauchte Lexika und andere mehr säkulare gab, habe ich mir eben mehrere Lexika aus der Zeit gekauft. So einfach ist das. Manchmal schmökere ich einfach ihnen. Sie, ich sage ihnen das ist ein Abenteuer! Ich glaube, ich habe damals an einem historischen Roman gearbeitet, da war das sehr hilfreich.“ Er nahm ihr das Buch wieder ab und verstaute es samt losem Buchrücken wieder an seinem Platz.

„Was ist das da für ein Regal? Das mit den Büchern in verschiedenen Sprachen?“

„Die?, Oh, meine Bestseller!“

„Aber da steht nie ihr Name drauf ... das sind doch alles berühmte Thriller Autoren? Englische, schwedische, da ist einer aus Dänemark, die da dürften aus den USA sein ...“

„Eben!“, sagte er, „das habe ich ihnen doch schon erläutert, ich schreibe, wenn die berühmten Köpfe nicht mehr wollen oder können ... oder wenn sie so berühmt geworden sind, dass sie es sich leisten können, schreiben zu lassen! Das gibt es auch – und gar nicht so selten ...“

Chiara hielt den Kopf schräg und las die Titel und Autoren. „Wow“, sagte sie, „sie verstehen etwas von Atom-U-Booten oder Raketen?“

„Nein, gar nichts – alles angelesen“, lächelte er, „aber nicht aus den alten Lexika.“

„Das ist eine beeindruckende Reihe von Namen und Themen! Und sie verarschen mich nicht?“, fragte sie immer noch skeptisch, „

„Die Himmel sollen mir auf den Kopf fallen“, lächelte er zurück, „nein, alles wahr! Wollen sie jetzt doch ein Wasser?“

Sie wollte - als kleine Friedenspfeife, irgendwie hatte der Kerl sie doch beeindruckt.

„Aber von ihnen, also unter ihrem Namen, habe ich keines gesehen?“

„Keine Zeit“, lachte er, „zu viel zu tun, um die Ghostwriter-Aufträge zu erfüllen!“

„Meine Schwester hat mir erzählt, sie arbeiten da an einer Idee mit einem Hacker, der ein Grundbuch hackt ...?“

„Ach, hat sie ihnen davon erzählt? Ja, das ist das, bei dem ich um ihre Unterstützung bitte. Ja, das wäre tatsächlich das erste, das ich unter meinem Namen publizieren möchte.“

„Was wissen sie vom Hacken?“

„Wenig ..., dass es offenbar geht.“

„Das ist nicht viel, wenn man darüber schreiben will.“

„Das sehe ich auch so, deshalb meine Bitte!“

„Was bekomme ich?“

„Was wollen sie?“

„Zweihundert Euro die Stunde, das ist das, was ich als Programmiererin bekomme.“

„Das ist nur fair, einverstanden ...“

„Scheiße,“ dachte sie bei sich, „ich hätte mehr verlangen sollen, er hat nicht einmal versucht zu handeln.“

Als ob er ihre Gedanke gelesen hätte, sagte er: „Ich selbst handele nie, auch nicht mit den Verlagen. Ich habe einen fairen Preis, den müssen die akzeptieren oder sie lassen es!“

„Haben es schon einmal welche gelassen? Also, ich meine, ihnen abgesagt?“

„Oh ja, viele!“

„Wann fangen meine bezahlten Stunden an?“

„Ich schlage vor: Jetzt!“

„Gut“, sagte Chiara und schaute auf die Uhr, es ist elf Uhr dreißig, abgerundet ... Fangen wir an!“

Er nahm ein Blatt Papier und einen Stift und schaute sie erwartungsvoll an.

„Hacken“, sagte sie, „ist zuallererst Arbeit, Arbeit und noch einmal Arbeit. Der Spaß kommt, wenn er sich einstellt, erst ganz am Schluss.

Man sieht in Filmen immer wieder Hacker, meist schmierige Typen, die bergeweise Pizza fressen und literweise Cola trinken und zwischen Türmen von Computern sitzen, die sie parallel bedienen. Das sind dann Helden, die das Böse bekämpfen.

Das kommt mir so vor, als wären sie Piraten! Und zwar strahlende Piratenhelden aus einem Hollywood-Streifen. Das sind dann verdammt gut aussehende englische Kapitäne – als ob das nicht schon ein Widerspruch in sich wäre: Engländer und gut aussehend! Die beraubten, im Auftrag von Queen Elizabeth im 16. Jahrhundert spanische Goldtransporte, mit im Film immer eitlen und saublöden Kapitänen auf der Fahrt von Amerika nach Spanien. König Phillip von Spanien ist dann so etwas wie Kim sowieso aus Nordkorea: Der absolut Böse und gleichzeitig eine Lachnummer. Und wenn die englischen Piraten im Triumph heimgekehrt sind und die Golddublonen am Hofe abgeliefert haben, dürfen sie ein bisschen Gold mitnehmen und als Höhepunkt mit der Königin schlafen, die auch mal einen richtigen Draufgänger im Bett haben will statt der ansonsten zur Verfügung stehenden Lakaien.

Oder sie berauben tumbe Franzosen in den napoleonischen Kriegen: Ich sage nur „Hornblower“! Und das happy end ist immer garantiert.

Fazit. Der Gesetzesbrecher als Held! Und der moderne Pirat ist ein Hacker. Wahrscheinlich leidet er ebenso an Skorbut, weil er nur Lieferpizza futtert, wie der gemeine Pirat. Und er sitzt genauso im Dunklen wie der gemeine Mannschaftsdienstgrad-Pirat im Unterdeck.

Dabei ist Hacken nie glamourös, es ist meist langweilige, anstrengende Arbeit. Nervtötend. Und manchmal gefährlich.

Klar, man hat ein gutes Gefühl, wenn man sich irgendwo reingehackt hat, wo man nicht rein darf!

Es gibt Hacker, die wollen zerstören – das ist meiner Meinung nach primitiv und dumm. Das ist, wie eine Bombe abwerfen und auf den möglichst großen Bumms warten. Und es gibt Hacker, die wollen, das die Gehackten gar nicht merken, dass man da war. Das sind die guten Hacker, das ist wie einen Safe öffnen, unbemerkt einige Dokumente fotografieren und hinterher wieder abschließen. Saubere Arbeit. Rein, zuschlagen und wieder raus ...“

„So etwas schwebt mir vor!“

„Dachte ich mir, wenn sie in ein Grundbuch eindringen wollen ...“

„Theoretisch! Ich will ja nicht wirklich rein!“

„Theoretisch! Einverstanden – aber wir müssen ja wohl so tun, als ob es real wäre, der Leser will ja gefesselt sein. Also brauchen wir den Arbeitsablauf in der realen Welt. Wie geht da was vor sich?“

„Beim Hauskaufen?“

„Beim Hauskaufen! Was läuft da ab?“

„Naja, da muss Geld überwiesen werden und man muss zum Notar ... und der macht dann den Rest!“

„Was läuft beim Notar ab? Was macht der?“

„Der überprüft den Vertrag, der liest ihn den Parteien vor, die unterschreiben – solche Sachen, halt ...“

„Das ist schon einmal eine Komplikation – oder gleich mehrere! Der Notar, der weiß, ob er Käufer und Verkäufer bei sich hatte. Der hat einen Termin im Terminkalender. Soviel ich weiß, verteilt der auch irgendwelche Nummern und erstellt Urkunden – so mit buntem Bändchen und so. Und legt die auch ab? Ich weiß das nicht! die Notariatsangestellten sind ja auch eingebunden ...“

„Ich dachte, das hacken wir alles?“

„Träumen sie weiter, Autor!“

„Ja, gut, aber im Roman kann man sich da Lösungen einfallen lassen, das ist ja nicht die Realität! Vor dem Problem stehe ich ja häufig. Zum Beispiel, da kann man sich einen versoffenen Notar vorstellen, der Mandantengelder veruntreut hat und erpressbar ist ...“

„Zum Beispiel! Na gut, das elektronische Grundbuch ist sicherlich nicht das Problem, ich kenne es zwar nicht, aber das kann nicht so schwer zu manipulieren, also zu hacken sein ... da sehe ich nicht die großen Probleme.“

„Wo dann?“

„Beim Geld! Sie haben gesagt, da muss Geld fließen ... bei einem großen Haus auch viel Geld, denke ich. Woher kommt das?“

„Geld ist im Roman nie ein Problem, genauso wenig wie Waffen, die sind einfach da! Aber mit einem Hacker? Von einer Bank online geklaut?“

„Von einer sizilianischen?“

„Wie kommen sie denn da darauf?“

„Weiß ich nicht, war irgendwie spontan ...“

„Weil an Hübnerplatz sizilianische Geldgeber hinter der Sache stehen ... ?“

„Ich dachte, das wäre die GERMANIA HYP?“

„Aber hinter der stehen die Italiener, wahrscheinlich Mafia!“

„Aber ihr Roman spielt doch in Stockholm, hat Concetta gesagt, oder?“

„Ja!“

„Also keine Mafia?“

„Keine Mafia, jedenfalls keine aus Italien. Aber wir könnten doch, ich meine nur so als Übungsfall ...“

„... die Hübnerplatzhäuser nehmen? Von unseren Freunden von der INTERBAVARIA REAL ESTATE mit dem Conte Camilleri? Quasi theoretisch? Ich finde, das ist ein realer hypothetischer Gegner, der uns passen könnte ... Ich könnte bei mir in der Firma schauen, vielleicht sind die sogar Kunde bei uns – bei der Antivirensoftware – das wäre genial!“

Der Auto zuckte mit den Schultern, lächelte sie an und sagte: „Ich glaube, das würde mir beim Schreiben helfen, wenn wir uns die als Fallbeispiel aussuchen. Schon, weil es so nahe ist und wir so viele Einzelheiten kennen oder herausbekommen können! Auch die finanzielle Größenordnung würde mir zupass kommen. Es wäre doch interessant, wie man sich das vorstellen könnte, finde ich. Alles rein theoretisch oder sogar hypothetisch!“

„Hypothetisch könnte man das machen“, sagte Chiara lächelnd, „wenn es denn hypothetisch bliebe!“

„Klar, was denn sonst? Nein, das würden wir doch nie wirklich machen. In der Realität, meine ich! Sie Chiara – darf ich sie Chiara nennen, wo wir doch jetzt Arbeitskollegen bei einem hypothetischem Fall sind? Gut! – Chiara, was halten sie davon: Wir brechen jetzt hier und heute ab. Morgen oder übermorgen beginnen wir, an unserem hypothetischen Fall zu arbeiten. Nur so als Fallbeispiel, damit wir wissen, an was wir für den Roman-Hack alles denken müssen!“

Chiara wartete einen Moment, sie fand, dass sich das Gespräch in die richtige Richtung bewegte. Sie schaute dem Autor dann direkt in die Augen, als sie sagte: „Einverstanden“, und nach einer kurzen Pause ergänzte sie noch: „Partner! Aber wir sind uns einig, wir bleiben grundsätzlich hypothetisch, oder?“

„Grundsätzlich? Ja, sicher!“

„Na fein“, sagte Chiara und dachte bei sich: „Man wird sehen.“ Der Autor begann, ihr ziemlich sympathisch zu werden, denn schreiben schien er ja zu können und auf die richtigen Ideen würde man ihn stoßen können oder müssen, egal, das würde klappen.

„Wir brauchen ein Code-Wort für unseren Fall“, sagte der Autor, „das ist so üblich in der Branche.“

„Von welcher Branche redest Du?“, dachte Chiara sich. Dann schlug sie lächelnd vor: „Was halten sie zunächst einmal von „Der Konjunktiv-Fall!“

„Konjunktiv-Fall?“ echote der Autor, „gefällt mir gut! Gebongt! Also arbeiten wir am „Konjunktiv-Fall“!“

7. August. Im Krankenhaus

Am nächsten Morgen war Chiara wieder im Krankenhaus. Concetta ging es etwas besser, vielleicht hatte die Kommissarin ja doch recht gehabt und die Schläge waren nicht so hart gewesen? Aber der Schreck steckte ihr in den Knochen. Sie war blass und lag tief in ihrem Kissen. Zum Lesen hatte sie noch keine Lust. Meistens schlief sie.

Als Chiara das Krankenzimmer betrat, war sie wach, hatte ihr Frühstück gegessen – das Marmeladenglas hatte signifikant an Inhalt verloren – und lächelte Chiara an: „Hallo Schwesterherz, schön, Dich zu sehen ...“

„Wie geht´s?“

„So lala ...“

„Tut`s noch weh?“

„Naja ... ja, schon. Wie war es bei dem Autor?“

„Der ist wohl doch netter, als ich gedacht hatte, vielleicht. Seine Wohnung ist eindeutig „gestern“, weißt Du, lauter klassischer Kram aus den 70ern und 80ern. Glas und Stahl. Aber irgendwie auch cool. Du, der benutzt richtige Lexika mit Ledereinband und auch ganz alte ...“

„Und hilfst du ihm?“

„Das könnte ganz interessant werden, was der vorhat, Conci, auch für uns, echt.“

„Was denn?“

„Also, die Idee, die er hat, ist wohl, so viel ich begriffen habe, dass sich einer in ein elektronisches Grundbuch einer Stadt einhackt und sich als Besitzer von Häusern und Wohnungen einträgt. Damit gehören dem Hacker dann diese Immobilien. Aber der Cabra hat keine Ahnung vom Hacken. Dabei hat der Thriller über Atom-U-Boote und so ein Zeug geschrieben... “

„Ja, und?“

„Überleg´ doch einmal, Conci ...!“

„Mir tut der Kopf noch weh, ich kann nicht denken.“

„Naja, man kann gute Ideen doch adaptieren ... Was würdest du sagen, wenn ich den Typen vom Vertriebspoint das Haus weghacken, also wegnehmen würde? Was meinst du, was die dumm gucken würden ...“

„Ja, geht das denn?“

„Grundsätzlich müsste das schon gehen, denke ich, das müsste ich mir mal ansehen.“

„Und das willst Du mit dem Autor machen? Wird der mitspielen? Dann ist seine Buchidee doch verbrannt.“

Jetzt grinste Chiara: „Das ist ja der Punkt, Conci, der glaubt, wir denken uns das alles rein hypothetisch aus, damit er das richtig beschreiben kann – und in Wirklichkeit ziehe ich das durch, geil, oder?“

„Und du meinst, der merkt das nicht?“

„Warum sollte er? Ich glaube nicht, dass er mir zutraut, dass zu machen.“

„Ich weiß nicht“, war Concetta skeptisch, „unterschätze den nicht, Chiara! Dumm ist der sicher nicht.“

„Naja, erst einmal machen wir eh alles hypothetisch, real kann ich das ja auch später machen." Sie schaute auf ihre Armbanduhr: „Oh, Scheiße, Conci, schon so spät, ich treffe mich mit ihm wieder in seiner Wohnung, ich muss los, sonst komme ich zu spät!“ Sie stand auf, um ihrer Schwester einen Kuss auf die Stirn zu geben. „Du, brauchst du noch etwas? Vielleicht komme ich nachher noch einmal vorbei ...?“

Concetta hatte keine Wünsche und schon war Chiara aus dem Zimmer geschlüpft.

Auf dem Flur stand der junge Arzt mit einer Krankenschwester an einem Wagen mit Medikamenten.

„Hallo“, grüßte Chiara gut gelaunt. Der Arzt schaute auf und erkannte sie als Concettas Schwester. „Guten Morgen“, grüßte er sie freundlich anlächelnd zurück, „ihrer Schwester geht es schon besser, war wohl doch nicht ganz so schlimm, gottseidank!“

Chiara nickte im Vorbeigehen und rief ihm über die Schulter zu, dass es ihr leider bressiere, ein Termin, er verstehe? Aber sie käme nachher noch einmal wieder, vielleicht hätte er dann ja etwas Zeit für sie?

„Ich bin auf der Station!“ rief er ihr nach.

7. August. Konjunktiv-Besprechung

Zwanzig Minuten später war sie beim Autor.

Da die Sonne wieder schien und es warm war, hatte der Autor die Terrassentür geöffnet, durch die ein warmer Windhauch mit der weißen Gardine leicht ins Zimmer wehte. Er hatte das große Zimmer mit den imposanten Glasflächen, die bis in das schräge Dach hinauf zogen, gegenüber gestern etwas umgebaut. Vor einem der Fenster hatte er ein Flipchart aufgestellt und zwei von diesen bunten Stahl-und-Leder-Sesseln davor geschoben. Zwischen die Sessel hatte er ein flaches Glastischchen gestellt, auf dem zwei geschliffene Gläser und eine Karaffe mit Wasser standen, in der einige Blätter schwammen. Es sah aus, als ob er sich etwas Mühe gegeben hätte, damit sein Besuch sich wohl fühlen konnte.

Chiara hatte tatsächlich Durst vom Fußmarsch vom Rot Kreuz-Platz zur Hübnerstraße, da sie sehr schnell gegangen war. Sie nahm sich ein Glas, schaute ihn an und fragte. „Darf ich?“ Seine freundliche Mine und die einladende Handbewegung bedeuteten ihr, dass sie eingeladen war, sich zu bedienen. „Gerne“, sagte er, „ich kann auch mit Kaffee oder Tee, verschiedenen Säften oder Stärkerem dienen“, sagte er, „keine Ahnung, was die moderne Hackerin heutzutage trinkt?“ Sie goss sich das Wasser ein, es war warm.

„Weiß ich auch nicht“, sagte Chiara und sie freute sich, dass es für ihre Ohren ziemlich freundlich klang, „aber für mich ist Wasser okay. Vielleicht mit einem Stück Eis, wenn sie haben.“

„Moment“, sagte er, sprang in die Küche und holte aus dem Eisfach des Kühlschrankes einige Stückchen Eis, die er ihr in einem Thermoeiskübel servierte. „Very oldfashioned“, sagte er, „der Eiskübel, meine ich, ist eigentlich für ältere männliche Whiskytrinker, aber sehr effektiv im Kühlen. Bitte, bedienen sie sich“, und dabei deutete er auf die Eiszange.

„Sie haben alles“, fragte Chiara, „und alles sehr stylish ...“

„Ergebnis eines langen Lebens“, antwortete er, „da kommt einiges zusammen, das können sie mir glauben. Und manches habe ich geerbt. Gläser und die Karaffe, zum Beispiel, die habe ich von meinem Vater und der hat sie von einem Kapitän, den er kannte. Die sind mit dem mehrfach in einer wunderbar gearbeiteten Holzkiste mit Messingbeschlägen um die Welt gesegelt. Und das kleine Nashorn, das da drüben im Regal steht, das ist aus Ebenholz. Der Vater von dem Kapitän, von dem die Gläser sind, war der deutsche Hafenkommandant von Daressalam als Sansibar noch Teil des Kaiserreiches war. Und dessen Neger-Boys haben das Nashorn als Spielzeug für den Sohn geschnitzt, als der noch ganz klein war. Ich werfe ja viel fort – ich bin eher der Wegwerf-Typ - aber so etwas, das kann ich einfach nicht wegwerfen. Ich versuche, die Sachen zu benutzen.“

Nach einer Pause , in der Chiara einige Schluck Wasser trank, deutete er auf mehrere Häufchen farbiger Kärtchen und erläuterte: „Ich dachte, wir können unsere Ideen da notieren und dann ans Flipchart hängen, was meinen sie? Da können wir sie dann gruppieren und unsere Ideen strukturieren. Ach so“, sagte er lächelnd, „das Wichtigste habe ich vergessen“, und betätigte eine Schachuhr, die auf dem Tischchen mit der Wasserkaraffe stand und über die Chiara sich schon gewundert hatte, was die wohl solle, „ihre Zeit läuft! Ich meine, die bezahlte.“

„Danke“, lächelte Chiara ihn an, „ich sehe, wir verstehen uns. Also, fangen wir an ...“

Sie schaute einen Moment auf das leere Flipchart. „Ich denke, am besten ist es, wenn wir uns den Arbeitsablauf klar machen, der mit dem Kauf einer Immobilie verbunden ist. Ich meine, Schritt für Schritt, jeden einzelnen. Und dann entscheiden wir, welcher Schritt für ihr Projekt entscheidend ist, nur die bearbeiten wir, also hypothetisch, denn sie wollen ja einen spannenden Roman und kein Lehrbuch für Notare schreiben, oder?“

„Genau“, sagte er, „gute Idee.“

„Und ich muss einmal sehen, wie so ein Grundbuch aussieht...“

„Ich könnte mir einen Grundbuchauszug von dieser Wohnung geben lassen, würde das helfen?“

„Vielleicht ..., kommt darauf an. Wäre aber ein Anfang.“

„Am besten wäre es, wenn wir bei einem Notar zuschauen könnten ,,,“

„Da kümmere ich mich drum“, sagte der Autor, „mal sehen, was ich da machen kann?“

„Es gibt doch ein Grundbuchamt, oder?“

„Ja.“

„Kommt man da rein?“

„Keine Ahnung, das kriege ich heraus!“

„Das wäre es fürs erste, glaube ich“.

„Gut, ich habe meine to do-Liste, ich sage Bescheid, wenn ich einen Schritt weiter bin. Ist das okay für sie?“

10. August. Entlassung

Im Rotkreuz-Krankenhaus wird am Vormittag entlassen – das bedeutet, dass die zur Entlassung anstehenden Patienten, heute auch die im Gesicht nur noch ganz leicht bläulich schimmernde Concetta, noch ein Frühstück bekommen und dann auf den Stationsarzt warten, der ihr das „go“ - sprich den Arztbrief für den weiterbehandelnden Hausarzt- aushändigen. Das Warten kann dauern…

Gegen elf kam Concettas netter, gut aussehender Stationsarzt lächelnd in ihr Zimmer und beschied ihr, dass sie nun gehen könne und dass er persönlich gar nicht wisse, ob er darüber nun sehr glücklich sei, seine jüngste, hübscheste und netteste Patientin an „den Kollegen Hausarzt“ zu verlieren… Und dann sei da ja auch noch ihre reizende (er sprach sogar von liebreizende) Schwester. Aber für sie freue er sich natürlich sehr, dass es ihr schon wieder so gut ginge, sie solle sich doch bitte von so „bösen Buben“ fernhalten, die Frauen lieber verprügelten als mit ihr zum Essen zu gehen.

Concetta schaute ihn ziemlich baff an, sollte ihr schönstes Nachthemd doch Wirkung gezeigt haben? Es hatte die letzten Tage gar nicht so ausgesehen, meinte sie, das sei der Herr Doktor doch nur sehr professionell mit ihr umgegangen. Ein freundliches Lächeln hier, ein aufbauendes Wort dort – nicht mehr. Und jetzt? Schlug er ihr doch tatsächlich vor, dass sie ihn doch einmal anrufen könne, wenn sie sich wieder einhundertprozentig fit fühle, er gehöre zu der anderen männlichen Fraktion, nämlich der, der lieber mit Frauen essen ginge…

Er reichte ihr seine Visitenkarte (nicht die aus dem Krankenhaus) und fügte hinzu, wenn sie partout nicht wolle, dann vielleicht das Fräulein Schwester?

„Ich überlege es mir“, sagte Concetta, „erst einmal will ich ganz gesund werden… Und ob ich die Karte an Chiara weitergebe? Weiß ich nicht, Herr Doktor, als Zwilling lernt man, dass man nicht alles mit der Schwester teilen muss…“

Am Krankenhauseingang erwarte Chiara sie. Sie grinste ihre Schwester an: „Und? Hat er etwas gesagt?“

Concetta wedelte lächelnd mit der eben erhaltenen Visitenkarte: „Klar!“

Chiara stupste sie vorsichtig auf den Arm und nahm ihr gleichzeitig die Tasche ab: „Na also, sag´ ich doch! Also, wenn du kein Interesse haben solltest, Schwesterchen, ich finde, das ist ein nettes Schnittchen!“

„Nun lass uns erst einmal in den Salon gehen“, schlug Concetta vor, „ich will sehen, wie das da jetzt aussieht.“

„Wie neu“, sagte Chiara, „und fast alle haben mitgeholfen. Schaffst du das, so weit zu gehen?“

„Ich glaube schon.“

Als sie Ernstls Kiosk erreicht hatten, schlug Chiara vor, eine kleine Pause zu machen, vielleicht mit einem Kaffee? Concetta willigte dankbar ein. Der Weg vom Rot Kreuz-Platz bis zum Salon war für eine gesunde junge Frau ein Klacks - aber für jemanden, der geradewegs aus dem Krankenhaus kam, war es eben doch ein gutes Stück Wegs.

Ernstl begrüßte Concetta überschwänglich, er freute sich sie zu sehen. „Sie werden sehen“, sagte er, „ihr Laden ist wie neu! Und wer da alles geholfen hat.. Was darf ich bringen?“

Concetta wollte einen normalen deutschen Kaffee und ein stilles Wasser. „Krankenhauskost“, lächelte sie Ernstl an und Chiara eine Latte.

Es dauerte nur wenige Minuten, dann hatte Ernstl die Bestellungen serviert.

„Wie geht es mit dem Autor?“, fragte Concetta, „habt ihr euch angefreundet?“

Chiara lächelte sie an: „Ja, ja – er hat mich da mit seiner Idee, die, die er dir erzählt hat, auf etwas gebracht… Ich werde ihm schon helfen, aber erst einmal muss er ein paar Dinge abarbeiten, ich meine, erledigen.“

„Was denn?“, fragte Concetta, „auf welche Idee hat er dich gestoßen?“

„Ach“, winkte Chiara ab, „das ist nicht besonders interessant. Erzähle ich dir ein anderes Mal, Conchi, so beruflicher Kram, weißt du, für die Firma.“ Es war das erste Mal, dass Chiara ihre Schwester bewusst anlog, weshalb sie sich auch intensiv mit ihrer Latte beschäftigte und dann nach Ernstl rief, um auch ein Wasser zu bestellen. Concetta merkte zwar etwas, aber sie war doch noch zu schwach, um zu insistieren und dann vergaß sie es.

Manchmal sind Zufälle schon seltsam. Kurz bevor die beiden Zwillinge den Salon erreichten war der Praktikant im Eckhaus gewesen. Als die beiden jungen Frauen in der Hübnerstraße nur noch dreißig oder vierzig Meter vom Salon entfernt waren, hatte Concetta Chiara am Arm in einen Hauseingang gezogen, der zufällig offen stand. „Da ist einer von den Entmietern vor meiner Tür“, flüsterte sie, „der junge, weißt du.“

„Ja und“, fragte Chiara angriffslustig, „das ist doch immer noch dein Laden, den vertreiben wir!“

„Ach nein“, widersprach Concetta, „lass den erst einmal weggehen.“ Sie schaute vorsichtig aus der Tür. „Siehst du, er geht schon“, sagte sie und zog Chiara jetzt doch hinter sich her.

Praktikant Helldorf dreht sich nicht um, sah sie nicht, wechselte die Straßenseite und verschwand um die Ecke in Richtung Dom-Pedro-Straße.

Concetta stand mit dem Schlüssel in der Hand vor ihrer Ladentür und schnüffelte.

„Mach auf“, sagte Chiara, „sollen wir hier festwachsen?“

„Der Geruch“, sagte Concetta leise.

„Welcher Geruch?“, fragte Chiara, „ich rieche nichts.“

„Doch“, bestand Concetta, „das musst du doch riechen. Das Parfüm, der Herrenduft, der ist eindeutig: „Clive Christian for Men“!“

Chiara schnüffelte noch einmal. „Nein“, sagte sie, „ich rieche nichts. Was ist denn so besonders daran?“

„Das war der, der mich überfallen hat“, sagte Concetta regungslos, „das war der!“

„Das Parfüm können in München doch Tausende tragen, oder?“ wandte Chiara ein.

„Nein“, sagte Chiara, „das nicht. Das ist so teuer, das dürfte ziemlich einmalig sein.“

Jetzt war es an Chiara, weiß im Gesicht zu werden und fassungslos da zu stehen. „Und du glaubst wirklich, der war das?“ fragte sie.

„Ja. Eindeutig!“

„Und was machen wir jetzt?“

„Weiß ich auch nicht.“

„Zur Polizei?“

„Wegen eines Geruchs, den außer mir keiner bemerkt? Vergiss es! Lass uns darüber nachdenken.“ Damit schloss sie endlich die Tür auf. „Komm rein“, sagte sie, „ich denke, Du wolltest da nicht festwachsen? Nein“, sagte sie dann noch, „ich glaube, ich rede erst einmal mit Sarah…“

10. August. Die Entmieter

Es war kurz nach ein Uhr mittags als die Herren Sack und Frizzoni den Praktikanten aufforderten, mitzukommen. Auf dem kurzen Weg ins Eckhaus erläuterten sie ihm, dass sie einen weiteren Versuch machen wollten, die beiden alleinstehenden Männer im Haus zum Auszug zu bewegen.

Zuerst klingelte der Praktikant bei Herrn Brandt. Niemand öffnete die Wohnungstür. „Keiner da“, stellte der fest, „und was machen wir jetzt?“

„Ja“, sagte Frizzoni, „was machen wir jetzt? Also, ich war gestern und vorgestern und vorvorgestern hier, nie hat der Mieter geöffnet. Da ist guter Rat teuer …“

Frizzoni nickte seinem Kollegen zu, der daraufhin ein dickes Schlüsselbund aus der Tasche zog und schon mit dem vierten Schlüssel, den er im Türschloss versuchte, die Tür öffnen konnte.

„Hallo“, fragte der Praktikant während sein Vorgesetzter noch am Schloss herumfummelte, „woher haben sie denn die Schlüssel? Sind die für jede Wohnung hier?“

„Müssen wir doch wohl haben“, antwortete Herr Sack, „für Notfälle oder wenn Mieter ausziehen und die Schlüssel nicht abgeben …“

„Ja, darf man denn die haben?“ fragte der Praktikant noch, Herr Sack winkte ihm nur ab.

Frizzoni schaute den jungen Helldorf an, legte den ausgestreckten rechten Zeigefinger auf die geschürzten Lippen, um ihm anzudeuten, endlich den Mund zu halten, und dann öffnete er die Tür weit und fragte leise in die Wohnung: „Herr Brandt?“. Als er keine Antwort erhielt, machte er einige vorsichtige Schritte in die kleine Wohnung hinein, die aus einem Flur, einem Zimmer, einer Küche und einem Badezimmer bestand. Die Einrichtung war ärmlich. Mit einigen schnellen Schritten hatte er die Wohnung durchsucht – kein Brandt da!

Sack und Frizzoni lächelten sich an, nicht freundlich, irgendwie fies. Dann nickte Sack und zog die Tür von außen hinter sich zu.

„Und Herr Frizzoni?“, fragte der Praktikant, „der ist doch noch drinnen, lassen wir den etwa hier? Soll der in der Wohnung auf den Mieter warten? Na, der wird ´nen schönen Schreck kriegen …“

„Nein, Herr Helldorf“, erläuterte Herr Sack, „das wird der ganz und gar nicht. Der Kollege Frizzoni legt nur den Riegel von innen vor …“

„Warum das denn?“, fragte Helldorf offenbar vollkommen ahnungslos.

Herr Sack ging nicht auf ihn ein sondern sagte: „Sagen sie einmal, Helldorf, finden sie nicht auch, dass es hier seltsam riecht?“

„Riecht?““, Herr Helldorf schnupperte in der Luft, „nein, ich rieche nichts …“

Jetzt schnupperte auch Herr Sack. Er ging dabei über den Treppenabsatz, zog immer wieder Luft durch die Nase, schnüffelte mal hier, mal da, schüttelte verneinend den Kopf - bis er wieder an der Tür zur Wohnung des Herrn Brandt angekommen war. „Doch“, sagte er, „doch, Helldorf – hier an der Tür ist es am intensivsten. Unangenehm süß! Das müssen sie doch auch riechen, Mann. Haben sie keine Nase?“

Der Praktikant gab sein Bestes, schnüffelte noch einmal. „Nein, tut mir Leid, ich rieche einfach nichts!“

„Herr Helldorf, jetzt spitzen sie einmal ihre Ohren, nun können sie etwas fürs Leben lernen! Wenn ich als alter Hase im Geschäft ihnen als heurigem Hasen erkläre, dass es hier aus der Tür des Herrn Brandt seltsam und unangenehm süßlich riecht, dann riechen sie das, verdammt noch einmal, auch… und zwar sofort, kapito?“

„Ja, aber warum denn, wenn ich doch nichts rieche?“

„Stellen sie sich nicht dümmer als sie sind, Helldorf, weil sie es riechen, jetzt sofort, das ist ein Befehl!“ Und damit trat er erst einen Schritt zurück, aber nur, um im nächsten Moment mit voller Wucht mit der Sohle seines rechten Fusses in Höhe der Türklinke gegen die Tür zu treten, die knallend aufgesprungen wäre, wenn nicht ein grinsender Frizzoni das aufspringende Türblatt festgehalten hätte, bevor es gegen die Wand knallen konnte.

Der Türrahmen war da, wo Frizzoni den Riegel vorgelegt hatte, ordentlich zersplittert, der Rigel hing schief an der Tür. Verschließen konnte man die Tür jedenfalls nicht mehr.

Helldorf hatte sich bei dem überraschenden Tritt fürchterlich erschreckt, sich dann aber gleich wieder gefangen.

„Jetzt, rieche ich es auch“, sagte er zu Herrn Sack, „unangenehm süßlich, wenn ich den Geruch kennen würde, würde ich sagen, dass es fast nach Tod riecht … Also, man könnte zumindest meinen, dass hinter der Tür ein toter Herr Brandt gelegen hätte. Klar, dass wir nach all den Tagen jetzt den Verdacht haben mussten – bei dem Gestank, das hat ja nicht nur ein bisschen gerochen, nicht wahr, das hat ja gestunken, man o man, und wo die Tür doch von innen verriegelt und nicht mit einem Schlüssel abgeschlossen war, nicht?“

„Sieh da“, stellte Herr Sack fest, „unser Herr Praktikant hat es schlussendlich doch noch begriffen.“ Er spendete seinem Praktikanten mit beiden Händen lautlos Applaus. „Das nennt man Gefahr im Verzug: Seit mindestens einer Woche hat der Brandt die Tür nicht mehr aufgemacht, die Tür von von innen durch den Riegel verschlossen und dann der Geruch, da mussten wir annehmen, dass der Mieter tot ist, oder?“

„Klar, sage ich doch. Und wo ist der jetzt?“

„Keine Ahnung, wenn er Stil hat, ist er woanders abgekratzt!“, und mit Resignation in der Stimme fuhr er fort: „ Aber wer hat heutzutage schon noch Stil? Vielleicht versteht er ja die Botschaft, dass er sich verpissen soll, aber dalli. Frizzoni, reden sie jetzt mit dem anderen Mieter?“

Frizzoni nickte, „Ja, aber alleine.“

„Kommen sie, Helldorf“, sagte Herr Sack, „gehen wir.“

Kurz darauf klingelte Herr Frizzoni bei Wolfgang. Nach einem Moment öffnete der die Tür: „Ach sie wieder. Was wollen sie denn noch? Ich will mit ihnen nichts zu tun haben! Ich habe Ihnen doch gesagt, ich ziehe nicht aus!“

„Ich weiß, aber ich habe ein unglaublich interessantes Angebot für sie“, mit den Worten machte er einen Schritt in Richtung der Wohnungstür, „darf ich hereinkommen?“

Wolfgang hatte sich keinen Millimeter bewegt und sagte „Nein, dürfen sie nicht!“ Dann grinste er Frizzoni an: „Damenbesuch, wissen sie, und die ist nackt … nein, das ist nichts für sie!“

„Na gut, dann reden wir eben im Treppenhaus, wenn sie das unbedingt wollen. Ich kann ihnen viertausend Euro Abfindung anbieten, das sind mehr als sechs Monatsmieten … das ist mein letztes Angebot.“

„Kein Interesse“, sagte Wolfgang kalt und wollte die Tür gerade schließen.

„Warten Sie!“, sagte Frizzoni hastig, „und wir haben auch noch eine Neubauwohnung für sie organisiert. In der Messestadt. Erstbezug! 70 Quadratmeter, zweieinhalb Zimmer, Küche und Bad …“

„Kein Interesse!“

„Mit Südbalkon! Und nur dreihundert Meter vom Park und vom Badesee entfernt, da können sie im Sommer ja geradezu in Badehose hinlaufen! Ein Traum, sie, andere würden sich die Finger danach lecken …“

„Denn geben sie einen von denen die Wohnung. Ich sage es ein allerallerletztes Mal: Kein Interesse … Wissen sie, wie man „kein Interesse“ schreibt? Ich buchstabiere: K-E-I …“

„Aber, was wollen sie denn noch? Schöner geht doch gar nicht …“

„Ich will hier bleiben. Hier! H-I-E-R! Ganz einfach.“

„Aber warum denn nur? Das ist doch nicht schön hier … Und das geht nicht, dass sie hier wohnen bleiben, das ist vollkommen unmöglich …“

„Doch“, sagte Wolfgang und machte Frizzoni die Tür vor der Nase zu.

Der klingelte Sturm, bis Wolfgang die Tür noch einmal öffnet. „Was denn noch?“, fragte er wütend.

„Und wenn ich ihnen noch dreitausend Euro drauflege?“, fragte Frizzoni und dachte daran, dass er das aus seiner Prämie zahlen würde.

„Das wären dann siebentausend?“, fragte Udo.

„Genau“, sagte Frizzoni begeistert, „siebentausend, das ist eine schöne Stande Geld!“

„Schieb´ sie dir in den Arsch!“, war alles, was Wolfgang sagte, bevor er die Tür mit einem lauten Knall schloss, „dann kannst du als Dukatenscheißer auf der Wies`n auftreten.“

„Arschloch!“, sagte Frizzoni zu der geschlossenen Tür, „das wirst du bereuen! Das macht man nicht mit mir, nicht mit mir!“ Er stampfte wütend mit dem Fuß auf. Er blieb noch einen Moment vor der geschlossenen Tür stehen. Dann ging er langsam die Stiegen hin­unter. Bevor er das Haus verließ, ging er in den Keller, schloss die Tür zum Elektroraum auf und stellte mit einer kleinen Bewegung eines Fingers den Strom für Wolfgangs Wohnung ab und den Laden ab. Die Rädelsführer in dem Laden traf es immer richtig! Die sollten merken, dass mit ihm nicht mehr gut Kirschen essen war. Dann schloss er die Eisentür wieder ab, dachte sich „Viel Spaß!“ und ging zurück in den Vertriebspoint.

„Und?“ fragte Herr Sack, „was hat er gesagt?“

Frizzoni zuckte nur mit den Schultern und winkte ab.

„Ein sehr dummer Mensch, das …“ war alles, was Sack sagte.

13. August. Notstrom

Herr Frizzoni ärgerte sich drei Tag später immer noch, dass Wolfgang nicht auf sein unwiderstehliches Angebot eingegangen war. Am späten Nachmittag nahm er sich das Schlüsselbund für das Eckhaus und sagte den anderen im Büro, dass er noch einmal eben hin­über gehen würde.

„Kommen sie mit, Helldorf?“, fragte er. Der bejahte erfreut und erhob sich schnell von seinem Schreibtisch, hinter dem er sich seit Stunden gelangweilt hatte.

Auf dem kurzen Weg sprachen sie nicht. Als Herr Frizzoni im Treppenhaus den Weg in den Keller einschlug, fragte Helldorf ihn, was sie da unten wollten?

„Ein wenig den Druck auf die Blödmänner erhöhen“, gab der ältere Kollege zur Antwort. Er suchte den richtigen Schlüssel und schloss die Tür zu Elektroraum auf, überlegte kurz und legte einige Schalter um und meinte dann befriedigt nickend: „So, der Strom ist aus, das wird ihnen zu denken geben, vor allem den Oberstadtguerillas im Laden…“. Er lächelte den Assistenten an. „Dumm für Tiefkühlschränke… Kommen sie, das war´s. Sehen wir, dass wir ungesehen hier raus kommen. Schließen sie ab.“

Ohne gesehen zu werden konnten sie das Haus verlassen. An der Ecke zur Dom-Pedro-Straße sahen sie sich noch einmal um und lächelten sich gemein an: Wie erwartet brannte kein Licht im Laden! Was gegen siebzehn Uhr im August auch nicht unbedingt zu erwarten war, da war es draußen noch sehr hell.

In der Küche, die nur ein kleines Fenster hatte und in der deshalb fast immer Licht brannte, war das Licht ausgegangen, was die beiden von der Ecke Hübner-/ Dom-Pedro-Straße aber nicht sehen konnten.

Frau R. kam aus der Küche gelaufen, wo sie das Essen von morgen vorbereitete, zu ihm, um Herrn F. zu vermelden, dass entweder die Glühbirne kaputt gegangen oder der Strom ausgefallen war.

Herr F. probierte einen Lichtschalter im Laden – nichts passierte. „Da ist wohl der Strom weg“, sagte er zu Frau R.. „Vielleicht ist es die Sicherung?“. Sie war es nicht.

„Ich rufe Wolfgang an, mal schauen, ob der oben Strom hat.“ Der meldete sich sofort, ohne sich mit einer Begrüßung aufzuhalten: „Kein Strom bei mir – und bei euch?“

„Auch nicht“, antwortete Herr F. „ich schätze da haben eben die Jungs vom Vertriebspoint gefummelt. Ich meine, ich hätte eben zwei von denen auf der anderen Straßen­seite vorbeihuschen sehen. Die scheinen zu glauben, ich würde sie nicht sehen.“

„Dabei hast du den Hübnerplatz doch immer im Blick, oder?“, fragte Wolfgang mit etwas spöttischem Unterton.

„Mehr oder weniger“, gab Herr F. zu, „aber ich muss mich sputen, die Tiefkühlschränke …, weißt du.“

„Ist da viel drin?“, fragte Wolfgang.

„Voll bis oben hin“, sagte Herr F. „jetzt muss sich unsere Notversorgung beweisen.“

„Wird schon gehen“, beruhigte Wolfgang ihn, „ich komme runter.“

Dann rief Herr Z. Udo an, den er in der Wohnung erreichte: „Die haben uns den Strom abgestellt, die Hundlinge“, sagte er.

„Ich komme rüber“, antwortete Udo, „da müssen wir wohl den großen Schalter umlegen, was?“

„Ja, dafür haben wir den ja…“

„Ich bin in ein paar Minuten da“, sagte Udo, „bis gleich…“

Tatsächlich stand er gleich darauf vor dem Laden, wo Herr F. schon auf ihn wartete. „Ich gehe rüber zur Werkstatt und schalte den Strom an, bleiben sie hier?“, fragte er.

„Gut“, sagte Herr F., „ich warte hier…“

Wenig später legte Udo den großen altmodischen Schalter um, der aussah, als ob er einem Frankenstein-Film entstammte, der den Laden mit (Not)Strom versorgte. Alle Tiefkühlschränke sprangen wieder an und Frau R. hatte wieder Licht in der Küche.

Boshaft, wie er sein konnte, schaltete Herr F. das Licht im Laden an, damit die gemeinen Kerle aus dem Vertriebspunkt sahen, dass sie nicht zu triumphieren brauchten – jedenfalls nicht über ihn.

Der Assistent hatte es nicht ausgehalten. Helldorf wollte sehen, wie die beiden „Tattergreise“ (so nannte er Frau Z. und Herrn F., die waren schließlich über siebzig Jahre alt), ob ihrer im Sinne des Wortes schmelzenden Vorräte, verzweifelten.

Was er sah, als er um die Ecke bog, traf ihn wie ein Keulenschlag: Im Laden brannte Licht und die letzten Kunden des Tages wurden von Frau Z. bedient als ob nichts geschehen sei.

Der Tattergreis stand derweil lässig vor der Tür, rauchte eine Zigarette und lachte mit diesem unverschämten Mieter, der Frizzonis unwiderstehliches Angebot abgelehnt hatte und einem anderen (der mit der geilen Alten mit den steilen Kurven, die er ganz gerne einmal vernascht hätte – obwohl die schon so alt war). Von Verzweiflung sah er da drüben keine Spur… Woher hatten die Arschlöcher Strom? Hatten die etwa einen Nachschlüssel zum Elektroraum? Er flitzte zurück zum Büro, um Frizzoni von ihrer Niederlage zu berichten, aber der war schon gegangen. Helldorf schlich unauffällig zurück zu seinem Beobachtungspunkt und wartete ungeduldig, dass die „Tattergreise“ endlich ihren Laden abschlossen und verschwanden. Das dauerte – aber endlich waren sie fort. Er ging zum Eckhaus und dort in den Keller, schloss den Elektroraum auf und sah nach: Doch. die Schalter waren unangetastet in Aus-Position. Die Stromversorgung war eindeutig unterbrochen. Woher hatten die also Strom?

Er erschrak fürchterlich, als er hinter sich die Stimme des Mieters aus dem dritten Stock hörte: „Nun kannst du mit den Albernheiten aufhören, Kerl, leg´ mal schön die Schalter wieder um – oder soll ich hiermit nachhelfen?“, fragte Wolfgang und hob die Eisenstange etwas an, die er im Keller gefunden hatte. „Schluss mit lustig, junger Mann, oder es gibt Haue. Hiermit!“

Helldorf war kein Feigling, er hatte genug Straßenfights in Jugendbanden hinter sich - aber der Kerl sah aus, als ob er seine Drohung wahr machen würde. Und der hatte die Eisenstange in der Hand, ein schwer wegzudiskutierendes Argument. Er entschloss sich, jetzt brav zu sein, und legte mit einem Handgriff die Schalter wieder um.

„Gut so“, sagte Wolfgang, „und jetzt verschwinde hier. Und mach´ das nie wieder, Bursche, hörst du… Und sag das auch den anderen, denn sonst wird Onkel Wolfgang richtig böse!“. Wolfgang drohte noch einmal mit der Eisenstange. „Abschließen brauchst du nicht, die Schlüssel kannst du stecken lassen und nun hau ab…!“

Als Helldorf mit eingezogenem Schwanz abgehauen war, schloss Wolfgang den Kellerraum ab, nahm das Schlüsselbund an sich und ging nach oben in seine Wohnung. Von dort rief er Udo an, um ihm mitzuteilen, dass die Notstromversorgung wieder ausgeschaltet werden könne. Udo kam, legte den großen Schalter wieder um und dann gingen die beiden triumphierend auf ein Bier „oder so“ in den Neuhauser Augustiner.

Helldorf fuhr vom Vertriebspunkt jeden Tag mit dem Fahrrad nach Hause. Obwohl es bis nach Giesing ein ganzes Stück zu fahren war und er ordentlich in die Pedale trat, konnte er sich die Wut, die wegen der Niederlage in ihm tobte, nicht aus dem Körper strampeln. „Das werdet ihr mir büßen“, murmelte er während der Fahrt immer wieder, „verdammte Bande, das werdet ihr…!“

24. August. Chiara und Autor

Das Wetter war so trübe wie die Stimmung des Autors. Der Regen trommelte auf das schräge Glasdach in der Wohnung des Autors, in der sie sich wieder getroffen hatten. „Nichts“, sagte er zu Chiara, „ich habe mit drei Notaren gesprochen, mit denen ich schon zu tun hatte… Meine Verlagsverträge, wissen sie… Niemand will mir Einblick geben, die hatten Panik in den Augen, als ich ihnen gesagt habe, warum ich die Auskünfte haben wollte. Einer hat mich – wörtlich! – für verrückt erklärt. Er meinte, dass ich mit dem Roman die Leute auf etwas bringen würde, was er garantiert nicht wollte. Nachher, meinte er, hackt sich tatsächlich einer bei mir ein – und dann?“

Chiara nickte nur mit dem Kopf. „Ja“, sagte sie dann, „man kann den ja fast verstehen, nicht wahr, aber ganz so einfach dürfte das nicht gehen, ich meine, sich bei einem Notar oder in ein Grundbuchamt einzuhacken… Sonst hätte man davon sicherlich schon gehört.“

„Oder“, wandte der Autor ein, „die halten einfach alle nur dicht? Damit die Bevölkerung nicht das Vertrauen verliert?“

„Möglich wäre es“, stimmte Chiara zu, „aber irgendetwas würde in der Szene durchsickern, die meisten verstehen sich ja nicht als Verbrecher sondern als …, naja, sportlich eben. Die würden das in Foren posten. Das würde ich auf jeden Fall mitbekommen.“

„Und nun?“, fragte der Autor, „kann ich eine schöne Idee zu den Akten legen?“

„Im Moment kommen wir kaum weiter“, stimmte Chiara zu, „aber ich werde weiter daran arbeiten. Okay?“

„Okay“, maulte der Autor, dem aber klar war, dass Chiara nichts dafür konnte. Schließlich hatte er die versprochenen Informationen nicht liefern können – und das wurmte ihn.

Chiara verabschiedete sich und lehnte die Bezahlung zum jetzigen Zeitpunkt ab, denn sie meinte, das würden sie schon noch hinkriegen. Vielleicht könne sie sich ja auch einmal in der Szene umhören, vielleicht wüsste da jemand etwas.

Gerade als sie die Tür zu Concettas Salon öffnen wollte, grüßte die Rechtsanwältin sie. „Wollen sie auch zu Concetta?“, fragte Chiara. Die Anwältin verneinte. „Nein, ich komme gerade von einer Verhandlung“, sagte sie.

„Gewonnen?“ fragte Chiara lächelnd.

„Ja“, sagte die Anwältin, „natürlich… mit Pauken und Trompeten!“

„Was machen sie eigentlich genau?“, fragte Chiara.

„Ein weites Spektrum – aber kein Mietrecht mehr – mit Schwerpunkt Familienrecht.“

„Scheidungen und so?

„Das auch, natürlich, aber da gehört mehr dazu… Eheverträge, Erbschaftregelungen, Patientenverfügungen, Vollmachten… einfach vieles.“

„Sagen sie“, fragte Chiara, „wissen sie, wie ein Notar arbeitet?“

„Im Großen und Ganzen schon…“

„Und im Einzelnen?“

„Wieso? Warum wollen sie das wissen?“

„Ach, der Autor da oben“, Chiara zeigte ungefähr dahin, wo der Autor wohnte, „der hat mich gefragt, ob ich ihm bei einer Buchidee helfen kann und dazu muss er wissen, wie das in einem Notariat abläuft – das Tagesgeschäft, meine ich.“

„Ja, und?“

„Naja, er hat drei Notare gefragt und keiner hat ihm Auskunft geben wollen.“

„Die haben sicherlich Angst, dass er sich einen Wahnsinnsplot einfallen lässt, den dann einer in der Realität nachmacht… Kann ich irgendwie verstehen, wissen sie, Frau Chiara. Aber die Sache ist doch ganz einfach…“ Sie lächelte Chiara verschmitzt an. „So ein Notar arbeitet doch immer gleich. Wenn ich das wissen wollte, was der wie macht, ich würde in ein Notariat gehen und mir eine Vollmacht ausfertigen lassen. Oder sie - zum Beispiel für ihre Schwester. Oder eine Patientenverfügung. Das ist nicht teuer und sie wissen, wie´s geht. So simpel ist das!“

Chiara schaute die ältere Frau, die sie breit anlächelte, erstaunt an. „Sie meinen, das geht?“

„Natürlich, das dürfte auch eine Frage von Charme sein, wie viel sie erfahren. Wenn sie den Herrn Notar entsprechend bewundern - vielleicht erzählt er ihnen alles, was sie wissen wollen. Sie sind doch eine sehr attraktive Frau. Sie werden die Waffen einer Frau doch einzusetzen wissen, oder?“

Jetzt lächelte auch Chiara. „Klar doch“, sagte sie, „sie meinen, auch ein Notar ist nur ein Mann?“

„Genau“, sagte die Anwältin, „aber jetzt muss ich weiter.“ Und schon im Fortgehen sagte sie noch: „Und, meine Liebe, ich will auch gar nicht mehr wissen, vor allem nicht, was sie wirklich vorhaben. Man raunt ja, dass sie eine sehr profunde Hackerin seien.“

Jetzt war es an Chiara, verblüfft zu sein. „Wer sagt das denn?“, fragte sie der Anwältin nach. Aber da war die schon zu weit entfernt, um eine Antwort geben zu können. Sie hob im Gehen ohne sich umzuschauen nur den rechten Arm und machte eine schraubende Bewegung mit der Hand. Dabei lächelte sie, aber das sah Chiara nicht.

24. August. Udo

Udo hatte sich überlegt, dass er zuerst herausbekommen müsste, wie der Blonde aus dem Vertriebs­point hieß und dann, wo der wohnte. Dazu wollte er zunächst einmal im Internet nach dem recherchieren. Wenn er danach mehr wusste, würde er den näch­sten Schritt mit Ernstl besprechen. Die Internet-Recherche würde er ganz bestimmt nicht von zuhause aus machen. Wer weiß, was die Bullen alles machen konnten, wenn sie Kerl erst einmal vertrümmt hatten. Da wäre es gegebenenfalls schwierig, zu erklären, warum er ein paar Tage vorher nach ihm gesucht hatte. Udo traute wenigen und dem Staat schon einmal gar nicht, erst recht nicht mehr, seit man überall lesen konnte, alles und jeder würde überwacht werden. Vorsicht war angebracht, fand Udo, gerade wegen der „alten Geschichten“.

Auf dem kurzen Weg zum Internet-Café in der Dachauer Straße dachte Udo sich, dass er mit dem blonden Bürschchen auch alleine fertig werden würde – aber er fand, dass er für eine Prügelei einfach zu alt wäre und aus der Übung war er auch. Man schlägt sich mit sechzigplus einfach nicht mehr, dachte er. Und er war sicher, seine Sarah würde ihm da einhundertprozentig Recht geben. Gut, Ernstl war nicht viel jünger, aber erstens immerhin doch um ein paar – vielleicht entscheidende - Jahre und zweitens konnte er das viel besser als Udo und drittens ( hatte Udo ihn im Verdacht) würde er sogar Spaß daran haben, den jungen Mann zu vertrimmen, der „unsere“ Concetta so zugerichtet hatte: Mann gegen Frau, das ging gar nicht, fand Ernstl, das wusste Udo, und dann noch von hinten – „Eine feige Sau, das!“, würde Ernstl garantiert sagen, wenn Udo ihn um den „kleinen Gefallen“ bitten würde.

Und die 500 Euro, die Udo ihm anbieten würde, konnte Ernstl wahrscheinlich auch gut brauchen, um irgendein neues Gerät für den Kiosk anzuschaffen. Neulich hatte er davon geschwärmt, dass er sich einen SKY-Anschluss für Fußball-Übertragungen anschaffen könnte – „der rentiert sich so schnell, das glaubst du gar nicht“, hatte er gesagt, „dann kommen die Leute jedes Spiel bis zum nächsten Triple der Bayern zu mir! Sechzig Spiele“, er hatte die ganze Bundesliga mitgezählt, „jeweils nur fünf Kunden und jeder macht 20 Euro Umsatz – Minimum! -, das macht sechstausend Euro Umsatz oder zweieinhalbtausend Euro Gewinn, man, das ist gleich wieder drin, das Geld!“

Jetzt könnte er sich knapp die Hälfte der Investitionssumme „auf die Schnelle“ verdienen und den Rest würden sie sammeln, das hatten die Stammkunden schon beschlossen. Bald würden sie Champions League bei Currywurst und Bier bei Ernstl sehen und Helldorfs geschwollene Augen würden das bezahlen! „Geil“, dachte Udo

Also schlenderte er langsam in die Dachauer Straße zum Phone-Shop und Internet-Café, wo man, wie er wusste, auf die vorgeschriebene Ausweiskontrolle schon einmal verzichtete, wenn das Gesicht bekannt war, kaufte sich eine Stunde Internet-Nutzung, nahm den ihm zugewiesenen Arbeitsplatz ein und startete den Internet Explorer.

Er verzichtete darauf, erst einmal seinen „normalen“ Email-Account zu öffnen, was er sonst immer tat, weil er einfach neugierig war. Und auch den speziellen Account, den er mit dem Grafen als Kommunikationskanal vereinbart hatte, würde er heute schweren Herzens nicht öffnen, dabei wartete er tagtäglich auf ein Lebenszeichen des in Portugal untergetauchten Freundes – jeden Tag ein bisschen mehr…

„Man weiß ja nie“, dachte er, „ob die Betreiber das nicht eventuell doch mitloggen würden und dann ist es aus mit meiner schönen Anonymität …“

Als Erstes rief er die Website der INTERBAVARIA REAL ESTATE auf. Auf der Homepage waren die ihm von den Bautafeln und Gerüstbannern bekannten Architekturbilder abgebildet. Mit einem Mausklick auf einen Link konnte man einen virtuellen Rundgang durch verschiedene Wohnungen starten. Gespannt klickte Udo auf den Schalter. Nach einigen Minuten hatte er schon drei Wohnungen virtuell durchmessen. Eindrucksvoll und gut gemacht war das Ganze schon, das musste Udo zugeben. Als Nächstes las er einen bombastischen Werbetext über das NEUER HÜBNERPLATZ-Projekt. Diesmal lautete sein Urteil: Schwülstig, aber für das angesprochene Zielpublikum wahrscheinlich gerade recht. Schließlich klickte er im Hauptmenü auf den Schalter „Das Team“ – und da waren sie alle. Von jedem ein offenbar von einem Profifotografen gemachtes Bild – perfekt ausgeleuchtet, sympathisch, Verkäufer, denen man vertrauen durfte.

Und da war auch der Blonde: Praktikant Marc-Kevin Helldorf. Richtig nett sah er aus, nett und sogar gut. „Naja“, dachte Udo, „noch …, noch siehst du gut aus, Junge …“ Als er sich das Bild noch einmal, diesmal etwas länger und genauer anschaute, meinte er, eine gewisse Härte hinter der lächelnden Fassade des Gesichtes des jungen Mannes zu erkennen, die hatte der Fotograf nicht wegbekommen. Aber Udo musste zugeben, dass der Junge schon irgendwie attraktiv war, auch mit der Härte, oder gerade ihretwegen.

Er trug jetzt www.teleauskunft.de in das Adressfeld des Explorers ein und betätigte die Enter-Taste. In die Suchmaske gab er „Helldorf“ und „München“ ein und, schwupps, da war er: M-K. Helldorf! Mit Telefonnummer und Adresse, besser ging´s nicht.

Aus purer Neugierde suchte er danach in Facebook nach Marc-Kevin. Da man in Facebook nur dann jemanden suchen und finden kann, wenn man selbst über einen Facebook-Account verfügt und er Social-Networks aus tiefstem Herzen ablehnte um nicht zu sagen hasste, hatte er sich zu diesem Behufe zähneknirschend einen anonymen Facebook-Account angelegt. Laut Facebook war das unmöglich, aber das war gelogen, es ging sogar sehr einfach! Dazu bedurfte es im Grunde nur eines aktiven Email-Accounts. Aber auch da hatte er vorgesorgt, denn er verfügte über verschiedene Accounts bei unterschiedlichen Anbietern, deren Angaben zur Person nichts, aber auch gar nichts, mit ihm zu tun hatten. Also war er auch da anonym. Vielleicht hätte man ihn über die IP-Adresse des Rechners und seiner Arbeitszeit an diesem Rechner identifizieren können, aber er war ja nicht notiert worden. Also konnte man nichts auf ihn zurück verfolgen. Diese Anonymität war zwar nicht unbedingt notwendig, denn er machte ja nichts „Falsches“ im Internet, aber er lehnte den „durchsichtigen Bürger“ grundsätzlich ab.

Er öffnete also Facebook, meldete sich als „Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!“ mit Passwort „Sarah11588100“ an und trug in das Suchfenster „Helldorf“ ein. Auch hier ging es schnell, es gab nur einige wenige Helldorfs bei Facebook. „Entweder gibt es so wenige von der Sorte oder die Familie ist erstaunlich klug“, dachte er bei sich – Marc-Kevin gehörte offenbar nicht zu den Klugen seiner Familie, denn er war der Zweite in der Liste. Ein Mausklick - und siehe da, da war er inklusive seiner Facebook-„Freunde“. Lauter Jungspunde, aber das war ja zu erwarten gewesen.

„Mein Gott“, dachte Udo, „was geben die Leute bloß alles von sich preis: Orte, an denen sie waren, Vorlieben für Musik und Filme, Lieblingsbücher und vor allem Fotos. Wie kann man nur…“

Offenbar war „Marc-Kevin“ Fahrradfahrer (die Fotos zeigten ihn auf verschiedenen Fahrrädern), besaß ein BMW-C1 (dieses Mittelding zwischen Motorrad, Motorroller und Moped inkl. Überrollbügel) und fuhr gerne in die Berge (mit dem Fahrrad). Sein Musikgeschmack (er nannte Gruppen wie Böse Onkelz, Lanzer, Lunikoff Stahlgewitter und Störkraft als Lieblingsbands) ließ auf einen gewissen Hang zum rechten politischen Rand schließen. Brrr, schüttelte es Udo.

Im BWL-Studium hatte er es bisher bis zum Bachelor gebracht, also nur mäßig weit. Sogar sein jetziger Arbeitgeber, die INTERBAVARIA REAL ESTATE war angegeben.

Udo wusste genug, fand er, also schloss er den Facebook-Account des jungen Mannes und verließ das Internet-Café - nicht ohne die Kaffeetasse zur Theke zu bringen. Der junge Mann hinter der Theke, der offenbar, nach der Sprache - mit vielen Udo völlig unbekannten Lauten - zu urteilen gerade nach Hause im tiefsten Afrika telefonierte, war davon völlig überrascht, das war er nicht gewohnt. Strahlend weiße Zähne blitzten Udo aus dem schwarzen Gesicht an, als er sich für Udos Höflichkeit bedankte.

„Auf zu Ernstl“, dachte Udo, „jetzt nach dem Mittagessen hat der Zeit für ein Gespräch unter Männern zu haben.“

Ernstl hatte Zeit und stimmte Udos Plan zu, nicht ohne darauf hinzuweisen, dass es der 500 € nicht bedurft hätte, aber er akzeptierte sie, ohne zu murren..

27. August. Umschauen

Da Chiara Urlaub hatte, stand sie erst gegen halb zehn auf, dann frühstückte sie: Ein Müsli und eine Riesentasse Milchkaffee, las die Zeitung und gegen halb elf startete sie den Laptop, mit dem sie im Moment arbeitete.

Sie besaß drei identische Laptops: Einer war ihr aktueller Arbeitslaptop, ein zweiter lag in einem Schließfach und ein dritter in einem weiteren. Die ersten beiden aktualisierte sie alle vierzehn Tage gegeneinander, sodass sie, wenn ihr einer gestohlen würde, einen weiteren hatte, der alle wichtigen Programme und Informationen enthielt. Der dritte enthielt nur die von ihr in den letzten zwei Jahren entwickelte Software (ältere war eh obsolet) und spezielle Tools von Kollegen (nicht aus der Firma!) und Freunden oder Bekannten „aus der Szene“, die sie „für alle Fälle“ zusammengestellt hatte.

Sie war einige Jahre zu den europäischen Black Hat-Konferenzen nach Amsterdam gefahren. Hier traf sich alles, was in der PC-Sicherheits-Szene Rang und Namen hatte, hier trafen Hacker auf Computer-Sicher­heitsstrategen aus der ganzen Welt inklusive China (!) und auf ihre allerliebsten Feinde (US-Goverment und -Militär). Auf diesen Konferenzen schrieben Firmen und vor allem das Militär Wettbewerbe für Hacker aus, in denen es darum ging, so schnell oder so kreativ wie möglich speziell dafür bestimmte Netzwerke zu knacken, in sie einzudringen – die Gruppen, die es als erste schafften, bekamen lukrative Jobangebote unter anderem für den Cyber-War (Computer-Krieg nannten das die staunenden Normalos) oder auch die „guten“ Geheimdienste aus der freien Welt, wie zum Beispiel die NSA oder die der zuarbeitenden Organisationen.

Einmal hatte Chiara an so einem Wettbewerb teilgenommen – ihre Gruppe war zweite geworden. Ein Angebot aus den USA hatte sie dankend abgelehnt, aber so war GSAFE auf sie aufmerksam geworden.

Die freundschaftlichen Kontakte von ihrer ersten Black Hat hatte sie auf Folgekonferenzen aufrecht erhalten. So war sie sicher, immer auf dem aktuellen Stand des geheimen Hackerwissens zu sein – und natürlich tauschte man in unbeobachteten Momenten oder für andere anonym in wechselnden Foren Wissen, Tricks oder Hacker-Tools. Immer mit der Ausrede, dass sie ihr Wissen um die aktuellsten die Viren und Trojaner und die anderen hundsgemeinen Dinge, die in der Öffentlichkeit noch gar keinen Namen hatten, schließlich für ihren Job brauchte.

Diese Tools wurden von ihr ebenfalls regelmäßig upgedatet und ergänzt. Wenn dieser Laptop in die Hände der falschen Leute (sprich: Polizei) fallen würde, könnte sie echte Probleme bekommen – trotz Ausrede! Was dem Safeknacker seine Nachschlüssel und Einbruchwerkzeuge waren, waren ihr diese Tools. Es waren ausschließlich Hackerwerkzeuge vom Feinsten.

Sie arbeitete für die Firma GSAFE, für die sie in einem Team Antivirensoftware entwickelte und vor allem weiterentwickelte. Ihr Job war es, neue Bedrohungen von Windows-PCs zu er­kennen und Abwehrstrategien zu entwickeln. Dazu musste sie die neuesten Arbeitsweisen „der Bösen“, nämlich der Hacker, in- und auswendig kennen – mit anderen Worten, sie musste zweispurig denken können: einmal als Hackerin und dann als deren Gegnerin. Und sie war verdammt gut … in beidem!

Allen in ihrem Team war klar, dass sie nur einen Teil der über das Internet verbreiteten Schadsoftware identifizieren konnten - nämlich den, den Amateur- und – in Grenzen - halbprofessionelle Hacker entwickelten. Auf dem Gebiet war GSAFE sogar richtig gut!

Aber das „Zeugs“, dass die „bösen“ Staatshacker aus China, dem Iran oder Nordkorea entwickelten war einfach zu gut gemacht, als dass sie es auch nur entdecken konnten. Ganz zu schweigen von dem, was offenbar die „guten“, also unsere sogenannten Freunde, die Amerikaner, Engländer und Israelis im Namen und zur Verteidigung der freiheitlich-demokratischen Grundordnung auf die Internet-Welt los ließen … Man, das war noch eine große Nummer besser als das, was die Bösen entwickelten. Da wussten alle im Team, dass sie keine Chance hatten – und als sie so ein Stück Schadsoftware der „Guten“ einmal mehr oder weniger durch Zufall entdeckt hatten, kam „von oben“ kommentarlos die Anweisung, die Finger ein für alle Mal davon zu lassen.

„Aus Spaß“ hatte sie sich in ihrer Freizeit zusammen mit Freunden weiter mit einer bestimmten Malware beschäftigt. Schließlich hatten sie erkannt, dass das ein Code war, der offenbar nicht über das Internet verbreitet wurde, sondern schon mit funkelnagelneuen PCs ausgeliefert wurde, die „jungfräulich“ waren, die also noch nie am Netz gehangen hatten. Sie hatte diverse Firmen-PCs auf diesen Code untersucht und ihn auf jedem PC gefunden.

Dann hatte sie einen PC aus Einzelteilen, die sie im Fachhandel gekauft hatte, zusammengebaut und mit einem virenfreien Betriebssystem versehen – und, o Wunder, der Code war da! Das war wie im Märchen von Has´und Swinigel[3]: Ick bünn all dor!

Also war der Code entweder Teil der Betriebssysteme – dann aber von Windows über LINUX und dessen verschiedenen Derivaten bis hin zu Apple, also von allen verschiedenen! – oder er war in der Hardware versteckt. Sie tippte „aus dem Bauch heraus“ auf die Hardware. Obwohl sicher war sie sich gar nicht. Und auch wenn der chinesische Cyber-War-Obermotz neulich auf der letzten Black hat Konferenz behauptet hatte, dass amerikanische Firmen in jeden PC, der weltweit verkauft wurde, solche Hintertüren hardwaremäßig einbauten, dann konnte man das je nach Einstellung glauben oder auch nicht… Sie glaubte es.

Auch ein russischer Geheimdienst schien es zu glauben – war doch unlängst die Meldung durch die Presse gegangen, dass die mehrere Hundert Schreibmaschinen in Deutschland gekauft hatte, damit „supergeheime“ Informationen nicht mehr über offenbar unsichere PCs geschrieben würden.

Kein Wunder: Betriebssysteme wurden fast alle in den USA entwickelt: Microsoft, Apple und SUN waren auf dem Gebiet die Riesen. Hinzu kamen einige US-Universitäten, die mit LINUX „herum machten“ – und USA, das hieß NSA.

Die National Security Agency wiederum schien das eigentliche Machtzentrum zu sein, das waren die, die den gesamten Internetdatenverkehr in ihre Rechenzentren leiteten, analysierten, teilweise speicherten und mit diversen Algorithmen auf Terrorbezogene Informationen hin untersuchten. Wenn dabei auch ein paar Industriegeheimnisse für die USA abfielen, mein Gott, man war nicht böse drum. Schließlich war man befreundet und Freunde hatten keine Geheimnisse voreinander zu haben, fand die NSA. Und diese komische Merkel und Hollande sollten sich mit ihren lächerlichen Geheimnissen nicht so haben, Handies waren schließlich dazu da, abgehört zu werden. Aus Sicht der Amerikaner war es eh schon verdächtig, in so komischen Sprachen wie Deutsch oder Französisch zu verkehren, die sich für amerikanische Ohren eh mehr wie Geheimcodes anhörten.

Dass Gesetze und Verfassungen anderer Länder quasi pulverisiert wurden, was scherte es die NSA? Es ging schließlich um Amerika und um den weltweiten Terrorismus …

Die NSA war inzwischen wahrscheinlich das eigentliche Machtzentrum der USA, viel mehr als der Herr Obama in seinem kleinen White House. Wahrscheinlich wusste der arme Kerl eh nur die Hälfte … Wenn der eine Horde Flugzeugträger losschickte, die dann F-18 Jäger aufsteigen ließen, die wiederum Cruise Missiles abschossen, die dann GPS-gesteuert, Terroristen „enthaupteten“, dann war das … Weltmachtmachtpolitik.

Und wenn es sich dann um eine afghanische Hochzeitsgesellschaft handelte und nicht um ein Terroristen-Camp, dann waren weder die Algorithmen noch die NSAler schuld und schon gar nicht Mister President, dann lag es daran, dass die NSA noch nicht genug Daten gesammelt hatte. So ein kleiner Fehlschlag war ein gutes Argument, noch ein Rechenzentrum zu bauen und noch mächtigere Algorithmen zu entwickeln.

Sie traute der NSA ohne weiteres zu, mit den großen Softwarehäusern Deals abgeschlossen zu haben: Ihr baut unsere Codes in eure Betriebssysteme ein und wir erzählen ein paar eurer dunklen Betriebsgeheimnisse nicht weiter, zum Beispiel eure Steuertricksereien in Europa … Andererseits waren INTEL und AMD, die großen Chip-Produzenten, schließlich auch USA-Companies. Denn in den Tiefen eines Chips konnte man vieles verstecken … Und wenn SAMSUNG Smarth-Phones, Tablets und anderes in den USA verkaufen wollte … bitteschön, gerne, nur die NSA hätte da einige kleine Vorschläge …

An dem Punkt hatte sie es mit der Angst zu tun bekommen: Wie viel Macht musste dahinter stecken, diesen Code auf jedem Rechner weltweit installieren zu können? Diese Dinger kamen schließlich nicht nur aus China und Korea, auch aus den USA und sogar in Deutschland wurden PCs aus Teilen zusammengebaut! Sie wollte nicht als weltweit gejagter Freiheitskämpferin á la Snowden enden, die einfach Pech gehabt hatte, weil sie zu viel wusste, also hielt sie dem Mund über ihre Entdeckung! Denn selbst wenn sie in Venezuela Asyl bekommen würde - nein, das war es ihr denn doch nicht wert.

Dieser Code war eine Art Trojaner, der offenbar in den tiefsten Tiefen eines Rechners „schlief“, bis er sich selbst aktivierte oder ferngesteuert vom wem auch immer aktiviert wurde. Sie allein hatte nicht die Mittel und auch nicht die Spezialkenntnisse, um festzustellen, was der Code konnte. Sie wusste, er war da! Es könnte sein, dass er die Eingaben durch die Tastatur ständig auf bestimmte Begriffe hin analysierte und die Informationen, wenn diese eingegeben worden waren, an eine Zentrale zur weiteren Analyse weiterleitete.

Allerdings nicht mehr auf ihren privaten PCs, dafür hatte sie gesorgt. Als Spezialistin verfügte sie (mit Hilfe ihrer Freunde in den wechselnden Foren) über die Kenntnisse, ihre PCs so viren- und schadsoftwarefrei wie möglich zu machen – gar nicht zu vergleichen mit einem Durchschnittsuser, der sich eine Virensoftware zum Beispiel von GSAFE kaufen und dieser vertrauen musste. Darüber konnte sie nur lachen …

Aber sie war sich natürlich nicht mehr sicher, ob da nicht noch weitere Malwares in den tiefsten Tiefen ihrer Rechner schliefen oder sogar schon aktiviert worden waren, die sie nicht gefunden hatte. Sie war sich da gar nicht sicher!

Eine von ihr von einem Freund überlassene eigenprogrammierte Überwachungssoftware, die es natürlich nirgendwo zu kaufen gab, zeigte zwar keinerlei Fremdaktivitäten mehr – aber wer eine Software wie Stuxnet entwickeln und auf Zentrifugen des iranischen Atomprogrammes installieren konnte, um diese Ultrazentrifugen im richtigen Moment dazu zu bringen, im wahrsten Sinne des Wortes „durchzudrehen“, der konnte sicherlich auch sie mit Leichtigkeit täuschen, das war ihr klar.

Sie ging allerdings davon aus, dass sie aus CIA- oder NSA- oder XYZ-Geheimdienstsicht so unwichtig war, dass ihr Tun im Internet-Rauschen untergehen würde. Immerhin hatte sie ihren PC so eingerichtet, dass ein eventueller Überwacher ihres Treiben jedenfalls nicht auf sie als Userin kommen würde.

Sie loggte sich in das Firmennetzwerk von GSAFE ein, gab ID und ihr 16stelliges Passwort (das jede Woche wechselte) in die entsprechenden Felder ein – schon war sie „drin“!

Sie rief die Kundendatenbank auf und suchte nach „interbavaria“: Kein Treffer!

Unter „real estate“ wurden mehrere Kunden des GSAFE-Sicherheitssoftware-Paketes angezeigt, aber wieder kein INTERBAVARIA REAL ESTATE. „Schade“, dachte sie, war aber nicht besonders traurig. GSAFE war nicht der größte Anbieter solcher Software, es wäre pures Glück gewesen, wenn die Kunde wären. Es hätte ihr die Arbeit etwas erleichtert, aber nicht sehr.

„Plan B“, dachte sie, startete das Internet und gab im Internet Explorer die Adresse www.interbavariaRE.de ein. Auf der sich öffnenden Website klickte sie auf den Schalter „Impressum“. Sie notierte sich die Telefonnummer und den Namen von Frau Schade, die als Sekretärin der Geschäftsleitung aufgeführt war.

Unterwegs – das wusste sie – gab es eine der letzten Telefonzellen. Von dieser Telefonzelle aus rief sie Frau Schade an. „Guten Tag“, meldete sie sich, „ich bin Frau Rike Müller von Kaspersky Lab. Können sie mir bitte den Namen ihres Netzwerkadministrators nennen, Frau Schade? Nur um das klar zu stellen, ich bin nicht von der Verkaufsabteilung, ich bin von der Forschungsabteilung, ich würde ihrem Administrator gerne einige Fragen stellen, deren Beantwortung auch für ihn interessant ist, sie haben sicherlich von diesen Internetüberwachungen gehört…?“

Das hatte Frau Schade, ansonsten waren ihr Computer fremd. Für sie waren das (nicht einmal) bessere Schreibmaschinen, mit denen sie eigentlich nichts zu tun haben wollte. Eine richtige Sekretärin, fand sie, schrieb fehlerfrei Schreibmaschine mit zehn Fingern, dazu brauchte es kein Tippfehler- und Stilverbesserungsprogramm. Und sie erwarte von ihrem Chef auch, dass er sie zum Diktat rief! Ein richtiges druckreifes Diktat ins Stenogramm - das war richtige Sekretärinnenarbeit, fand sie. Nur das.

„Oh,“ sagte sie, „das ist bei uns eine Frau! Die Frau Sieburg ist dafür zuständig. Aber wissen sie, ich weiß nicht, ob wir der richtige Ansprechpartner für so etwas sind, wir sind ja nur eine so kleine Firma, wir haben ja auch nur ein ganz kleines Netzwerk, eigentlich nur in unseren Vertriebspoint wissen sie …“

„Ach, danke Frau Schade, genau deshalb habe ich sie ja angerufen, ich suche genauso eine Ansprechpartnerin, denn Firmen wie ihre gelangen immer mehr in den Fokus internationaler Hacker, wissen sie, das hat damit zu tun …“

„Ich verstehe das sowieso nicht, da ist jedes Wort bei mir verschwendet, wissen sie…“, unterbrach sie Frau Schade.

„Na gut“, lachte Chiara alias Rike Müller, „können sie mir noch die Emailadresse von der Frau …, wie hieß sie noch, Siegburg geben?“

„Sieburg, ohne „g“, wie die weibliche Burg! Ja gerne, die ist Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!.“ Chiara notierte die Adresse auf den Umschlag des erstaunlicherweise noch vorhandenen Telefonbuches, riss sich das Stück Papier mit der Emailadresse ab und steckte es ein.

Dann bedankte sich Chiara höflich und legte auf. Dankbar schaute sie die immer noch sehr ruhige Straße hinab, dass kein lautes Motorrad vorbeigekommen war, das hätte nicht gepasst, fand sie.

Dann ging sie zur nahegelegenen U-Bahnstation und fuhr in die City.

Dort ging sie in ein Café, das ein öffentliches WLAN anbot. Sie bestellte den zweiten Milchkaffee des Tages, fuhr den Laptop wieder hoch und loggte sich – unter falschem Namen - in das öffentliche WLAN ein. Es kam ihr nicht darauf an, dass das hier kostenlos zur Verfügung stand, ihr kam es nur auf die Anonymität an.

Sie startete WORD und rief eine Datei „Wohlrabebank“ auf. Es öffnete sich ein „offiziell“ und teuer aussehendes Dokument, das ohne weiteres als Briefkopf einer Wohlrabe et Coll.-Bank durchgehen konnte. Sie schrieb einen kurzen Text, der dem Leser den Eindruck vermittelte, dass es sich bei der Kundin Doktor Hannelore Kohl um eine außerordentlich wohl situierte Kundin der Bank handele, die kurzzeitig Zugriff auf bis zu drei Millionen Euro hätte, langfristig natürlich deutlich mehr … Eine Bilddatei, die sie einfügte, zeigte einen eindrucksvollen Stempel, eine absolut unleserliche Unterschrift eines Dr. Sowieso und sogar ein Siegel. Das Ganze machte den Eindruck eines farbgescannten Originales. Sie speicherte die Datei, die sie in wenigen Minuten erzeugt hatte unter „bonitaet_HK“ als pdf-Datei ab.

Dann startete sie eines ihrer Spezialprogramme, öffnete die PDF-Datei damit, nahm in einem für Laien kryptischen Eingabefeld einige Einstellungen vor und speicherte die Datei wieder.

Als Nächstes öffnete sie ein verschlüsseltes Verzeichnis, in dem sie die Zugangsdaten zu den diversen GMX-Konten, die sie unter Fantasienamen betrieb, gespeichert hatte. Jeden dieser Accounts nutzte sie für einen einzigen Zweck nur wenige Male, dann nie wieder. Sie merkte sich die Daten für den noch nicht benutzten Account „drhalokohl“, rief GMX auf und loggte sich ein.

Dann schrieb sie eine Mail an Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!.

„Liebe Frau Sieburg,“ schrieb sie, „ich schreibe ihnen nach einem interessanten Telefonat mit ihrer Frau Schade. Ich bin eine wohlsituierte selbstständige, erfolgreiche, beruflich stark eingebundene Dame mittleren Alters, die auf freiberuflicher Basis für einige international führende Pharmakonzerne tätig ist. Ich interessiere mich für eine Wohnung am Hübnerplatz. Meine Vorstellungen: ruhige 150 Quadratmeter im dritten oder vierten Geschoss, drei bis vier Zimmer, Balkon oder Terrasse nach Südwesten (wegen der Abendsonne). Meine Preisvorstellung: Bis 1,5 Millionen Euro plus. Das von ihnen angebotene Palais am Hübnerplatz scheint mir zum Beispiel in Frage zu kommen. In der Anlage finden sie eine aussagefähige Bonitätsauskunft meiner Bank. Bitte kontaktieren sie mich telefonisch unter der italienischen Nummer +39 045 921 8111-0; ich bin derzeit meist in Verona zu erreichen. Da ich hier als freie Mitarbeiterin arbeite, kann es allerdings passieren, dass die Zentrale mich nicht erreichen kann, bitte rufen sie in diesem Falle später noch einmal an. Mit freundlichen Grüßen Ihre Dr. Hannelore Kohl.“ Dann verknüpfte sie die Datei „bonitaet_HK.pdf“ mit der Mail.

Sie klickte auf den Optionen-Button und dann auf die Auswahlfelder „Vertraulich“ und „Lesebestätigung“. Letztere Einstellung würde ihr automatisch eine Mitteilung schicken, dass die Empfängerin die Datei geöffnet hätte. Dann musste sie nur noch den Anhang öffnen und dann „hatte“ sie sie …

Sie grinste etwas als sie auf den „Senden“-Button klickte. Unter „bonitaet_HK.pdf“ verbarg sich inzwischen sehr viel mehr als das angekündigte Bonitäts-versprechende Dokument und unter der angegebenen Telefonnummer konnten die gerne anrufen …

Jetzt musste sie warten. Nicht lange. Das Büro arbeitete offenbar schnell. Denn nach nur einem weiteren Milchkaffee kam die erwartete Mitteilung, dass Frau Sieburg ihre Mail geöffnet hätte. „Wunderbar“, dachte Chiara, „ das klappt ja wie geschmiert!“

Dass Frau Waschinski den Account der fristlos verschwundenen Frau Sieburg geöffnet hatte, konnte Chiara völlig egal sein. Es war sogar günstig für sie.

Chiara wartete noch einen Moment, dann loggte sie sich ins Internet ein startete ein sehr spezielles Programm, das ihr den Zugriff auf den in „bonitaet_HK“ verborgenen Programmcode auf dem Rechner von Frau Waschinski ermöglichte.

Und … da war sie schon drin im Rechner der Ersatz-Netzwerkadministratorin. Frau Waschinski merkte es jedenfalls nicht, dass Chiara neben ihr auf ihrem Rechner werkelte. Zuerst lud Chiara einen Programmcode auf den fremden Rechner hoch und installierte die darin verborgene Malware. Dessen Leistungsumfang entsprach in etwa einem Fernwartungsprogramm, das externe Administratoren auf den Rechnern ihrer Kunden installieren. Allerdings unterschied sich Chiaras Programm in einem wichtigen Punkt von der Fernwartungssoftware: Ihre „Gastgeberin“, Frau Waschinski, merkte absolut nichts davon, dass ihr Rechner „Wirt“ eines „Parasiten“ geworden war. So wie ein guter Parasit seinem Wirtskörper nicht schadet, schadete Chiaras Programm dem Wirtsrechner auch nicht, ganz im Gegenteil, das Programm und Chiara achteten sorgfältig darauf, dass auf dem Rechner kein anderer Virus oder Trojaner existierte und ihm nichts Böses passierte … Frau Waschinski sah nichts von Chiaras Anwesenheit auf ihrem Rechner, sie bemerkte auch keine Verlangsamung von irgendwelchen Prozessen – für sie war Chiara einfach nicht da.

Dann schaute sich Chiara in Ruhe auf dem fremden Rechner um – und, oh wunderbar, ziemlich versteckt tief unten in der erstaunlich verschachtelten Festplattenstruktur fand sie ein „Safe-Programm“ auf dem Rechner, dass auch noch „Passwords“ hieß. Chiara kannte diese Programme, die man heutzutage als kostenlose Beigabe zu USB-Sticks erhielt. Und um genau so ein kostenloses Programm handelte es sich hier. Chiara kopierte das Programm mit den darin hoffentlich enthaltenen Passworten auf ihren Laptop. Zuhause würde sie es auf einen nicht mit dem Internet verbundenen Hochleistungsrechner kopieren und das Passwort für den Safe knacken, das würde vermutlich nicht länger als eine Stunde dauern. Wahrscheinlich würde das Passwort aus dem Namen eines Kindes oder eines Haustieres von Frau Waschinski bestehen, wenn es hoch kam ergänzt um das Geburtsjahr oder so … Das würde ihr Passwort-Knacker schaffen – und wenn er einige Stunden brauchen würde, wäre das ja auch kein Beinbruch - aber das würde Chiara wundern, normalerweise ging es viel schneller.

„Lieber Gott“, schickte Chiara ein Stoßgebet zum Himmel, „du meinst es heute gut mit mir!“

In wenigen Stunden – wenn der Passwort-Safe geknackt war - hätte sie jederzeit Zugang zum Firmennetzwerk der Interbavaria Real Estate - und zwar als zu allem berechtigte Administratorin! Mit anderen Worten, sie hätte dann Zugang zu allem und jeden. Wenn die Interbavaria Online-Banking machte, konnte sie den Zahlungsverkehr kontrollieren und selber Zahlungsanweisungen geben – was sie wahrscheinlich nicht machen würde, denn das würde eine Buchhalterin sofort merken! Nein, sie würde sich mucksmäuschenstill verhalten und erst einmal nur schauen, wer mit wem was e-mailte, solche Sachen.

Sie zog sich für jetzt spurlos aus dem Interbavaria-Netzwerk zurück. Niemand hatte bemerkt, dass sie überhaupt da gewesen war.

Sie zahlte ihre Milch-Kaffees, erhob sich und fuhr wieder nach Hause. Den Rest konnte sie offline, also ohne Internet-Verbindung, zuhause machen.

Jetzt musste sie in die Hübnerstraße. Schräg, also extrem schräg gegenüber vom Kosmetiksalon ihrer Schwester – genauer gesagt, zwei Ecken weiter; aber die ganze Hübnerstraße war ja nicht sehr lang – hatte in der ehemaligen Käßmeyer-Metzgerei vor wenigen Wochen – wie passend - ein Tattoo-Laden eröffnet, der von einer jungen Frau geführt wurde. Dort hatte sie einen Termin vereinbart.

Die Tattoo-Künstlerin sollte ihr ein Chamäleon auf den Rücken stechen. Nicht so groß und nicht schwarz, wie das Teil von Lisbeth Salander in den Thrillern von Stieg Larsson aussah, von dem der Autor behauptete, er hätte einen davon geschrieben oder doch Teile davon. Bei der bedeckte das Tattoo den ganzen Rücken und sah dabei beängstigend aus, wie Chiara fand, die die Filme gesehen hatte. Aber Lisbeth war ja auch irgendwie psychisch krank durch all die Misshandlungen und Missbräuche, die sie durchgemacht hatte. Nein, ihr Chamäleon sollte höchstens fünfzehn Zentimeter hoch werden und bunt. Ein Chamäleon, fand Chiara, ist bunt und kann sich jedem Hintergrund anpassen, sodass es unsichtbar wird - das würde zu ihr passen. Heute würde die erste Sitzung stattfinden.

Ein bisschen Angst hatte sie schon, dass es wehtun würde. Sie wunderte sich, dass sie Angst hatte - sonst war sie die Ruhe selbst, sie hatte nie Angst, selbst wenn sie sich einmal „zur Übung“ einmal wieder beim Verteidigungsministerium, bei der Deutschen Bank oder bei Hapag-Lloyd einhackte, war sie nicht nervös.

„Vielleich liegt es daran“, dachte sie, „dass ich beim Hacken ja nie DA bin, wo die Tat stattfindet? Dass da immer so ein großer Abstand ist? Selbst wenn ich einmal auf frischer Tat erwischt werden würde, was Gott verhüten möge, ich bin ich ja nicht DA! Hacken ist ja etwas Virtuelles, etwas, was nicht in dieser realen Welt stattfindet, sondern in einer irgendwie nicht wirklich existenten Parallelwelt … Da können sie dich irgendwo erwischen und wenn du´s merkst, machst du einfach deinen Rechner aus, ziehst den Stecker und gehst nach Hause…“

Aber gleich musste sie DA sein, wo die Nadel auf sie wartete. Und das Chamäleon war endgültig. Das war etwas anderes, fand sie, so real …

27. August. Kater Baghira

„Komm, Miez, Miez, Miez, komm schön her“, lockte der auf der Treppe vor der Wohnungstür von Wolfgang sitzende Herr Frizzoni Wolfgangs zutraulichen Kater Baghira. Der Kater saß uninteressiert an dem Getue des aufdringlichen Menschen über ihm einem Treppenabsatz tiefer auf der zweituntersten Stufe und schien sich nicht zu rühren wollen. Er war froh, dass der Mensch da oben saß und er hier unten – Distanz ist eine Sache, die Katzen lieben! Meistens jedenfalls …

„Miez, Miez, Miez, komm, komm, komm“, versuchte es Frizzoni wieder mit leiser, wie ihm schien, einschmeichelnder Stimme, „komm zum lieben Onkel Frizzoni, komm, komm …“

Der Kater dachte sich wahrscheinlich: „Da kannst Du lange warten .“ Der Kater hatte mehr Geduld als der Mann, der ihn lockte. Kater lernen es, viel Geduld zu haben, wenn sie vor dem Mauseloch sitzen und auf den kleinen Braten warten! Irgendwann stand Frizzoni auf und ging – viel zu schnell für eine Katze! - die Treppenstufen hinunter. Der Kater rührte sich nicht, maß aber den sich verringernden Abstand genau. Als Frizzoni noch zwei Schritte vom Kater entfernt war, erhob sich Baghira offenbar müde in einer eleganten Wendebewegung, dehnte sich, gähnte dabei und machte dann zwei oder drei lässige Schritte in Richtung Fenster und sprang genau in dem Moment mit einem Satz, wie ihn nur eine Katze zustande bringen kann, auf das Fensterbrett, als Frizzoni sich nach ihm bückte.

„Scheißviech!“, sagte der Mann, der ihn gerade noch gelockt hatte. Da war der Kater mit einem Minisprung, der keinen Zentimeter zu kurz und keinen zu weit war, schon durch das halb offen stehende Treppenhausfenster auf das Gerüst im Hof des Hauses gesprungen, hatte sich umgeschaut und wohl gut zwei Meter zwischen sich und das Fenster gebracht, hatte lässig den Schwanz so um die Pfoten gelegt, das das Schwanzende vor den Vorderpfoten lag. Er schaute in den Hof, dem offenbar seine ganze Aufmerksamkeit galt – aber die Ohren waren nach hinten gedreht – er würde jede Bewegung von Frizzoni hören, sollte der etwa aus dem Fenster klettern. Der ganze Kater strahlte in der Position Ruhe und ausgesprochen großes Selbstbewusstsein aus.

Als Frizzoni aus dem Fenster schaute, sah er, dass er den vermaledeiten Kater nicht erreichen würde – selbst wenn er aus dem Fenster auf das Gerüst klettern würde, wäre der Kater doch schon wieder fort.

Auf ein Gerüst würde er nie wieder klettern, das hatte Frizzoni sich nach seinem letzten Gerüstabenteuer geschworen. Aber den Kater, den würde er kriegen, das war nur ein Frage der Zeit! Da war er sich ganz sicher.

Er öffnete das Fenster, beugte sich hinaus und rief wiederum mit unwiderstehlichem Timbre, wie er fand: „Miez, Miez, Miez, komm, komm, komm, Miez, Miez, Miez.“ Das wiederholte er einige Male. Dann nahm er ein kleines Stück Holz, dass er vom Gerüstbrett abriss und warf es ein Stückchen weit in Richtung der Katze. „Komm, Miez, der Onkel will spielen, Miez, Miez“, lockte er Baghira. Der Kater rührte sich nicht.

Was Frizzoni nicht sah, war, dass einer der Abraham-Jungen ihn aus seinem Lieblingsversteck auf dem Nachbarhof dabei beobachtete, wie er die Katze anlocken wollte.

Nun hatte der Junge schon immer gefunden, dass eine Katze eigentlich ein schönes und naturgegebenes Ziel für seine Zwille war – getroffen hatte er nie eine, die Tiere waren einfach zu schnell und zu geschickt. Sie – Baghira eingeschlossen - schienen einfach zu spüren, wenn er in der Nähe war und machten einen großen Bogen um ihn.

Ganz im Gegensatz zu seinem großen Bruder, der Tiere viel zu sehr liebte, als dass er mit einer Zwille auf es schießen würde. Zu dem gingen die Katzen und auch Baghira, um sich streicheln zu lassen, dem strichen sie um die Füße, sobald sie ihn sahen. Und als ob der Kater wissen würde, dass der Große ihn beschützen würde, lief er auch nicht weg, wenn er dazu kam.

Der große Bruder hatte ihn sogar schon einmal fürchterlich verprügelt, als er ihn dabei beobachtet hatte, dass er mit seiner Zwille auf Baghira schoss. Das war keine brüderliche Rauferei mehr gewesen, wie sie zwischen Brüdern schon einmal vorkommt, damals hatte der kleine Abraham den großen das erste Mal richtig wütend erlebt, entsprechend waren die Prügel ausgefallen.

Dabei hatte er ausgesucht weiches nasses Löschpapier für das Zwillengeschoss benutzt – genutzt hatte es nichts, die Tracht Prügel hatte sich gewaschen gehabt. Und beide hatten anschließend den Mund gehalten, als die Eltern gemerkt hatten, dass der Kleine vertrimmt worden war.

Dass jetzt aber der Blödmann aus dem Vertriebspoint die Katze anlocken wollte, das konnte nichts Gutes bedeuten, das war dem Jungen klar. Er wechselte spontan das Lager und entschloss sich, die arme Katze vor dem Widerling zu schützen. Dass der ein Widerling, ja eine „dumme Sau“ war, wusste er mit absoluter Gewissheit aus den Gesprächen der Eltern am Mittags- oder Abendtisch, die sich in letzter Zeit immer mehr um die Wohnung und die verdammten Entmieter drehten als um die schulischen Leistungen der Kinder, die eigentlich genug Grund gegeben hätten, DAS Gesprächsthema zu sein! Den Männern aus dem Vertriebspoint durfte man alles zutrauen, hatte er verstanden, nur nichts Gutes! Und das betraf auch die Katze auf dem Gerüst.

Für einen Schuss mit der Zwille auf den Mann, den er neulich schon getroffen hatte, war die Entfernung dieses Mal zu groß, also entschloss er sich, sein Versteck zu verlassen, um ins Treppenhaus zu laufen und so viel Krach zu machen, dass die Katze weglaufen würde. Er wusste auch wohin die fliehen würde – nämlich auf das Gelände von Metallhandel und dort vermutlich in die Werkstatt von Onkel Udo.

Er lief also durch den Durchgang zur Hübnertrasse und rannte so schnell er konnte durch das Treppenhaus in den Hof. Dort griff er atemlos den erstbesten harten Gegenstand und begann, gegen das Gerüst zu hämmern.

Baghira war so schnell vom Gerüst auf das Gelände des benachbarten Metallhandels verschwunden, dass der Junge ihn gar nicht gesehen hatte. Er hörte erst auf, den ohrenbetäubenden Lärm zu veranstalten, als er den Blödmann das Haus verlassen sah.

Herr Frizzoni verließ wütend das Treppenhaus, auf der Straße fasste er in seine Jacketttasche und nahm die Drahtschlinge mit dem Holzgriff, die er sich gebastelt hatte, um Baghira zu erdrosseln, heraus, wickelte die dünne Drahtschlinge sorgfältig um den Holzgriff und steckte sie wieder ein. Dann ging er in den Vertriebspoint. Den verdammten Kater würde er schon noch erwischen – und wenn er ihn vergiften würde –, um ihn an die Wohnungstür seines Besitzers zu nageln. Er wollte doch einmal sehen, ob der nicht dann endlich verstanden hätte, dass nicht nur sein Kater im Haus nicht mehr erwünscht war …

Der Junge dachte indessen: „Puh, die Katze ist gerettet!“ Und er fand zu seinem Erstaunen, dass das ein schönes Gefühl war, sogar besser als ein Zwillengeschosstreffer! Es drängte sich eine Frage in den Vordergrund seines Denkens, die lautete, ob er jetzt wohl vernünftig, also alt würde?

Über die Frage dachte er, ohne zu einem Ergebnis zu gelangen, so lange nach (es waren vielleicht zehn Sekunden), bis irgendwer irgendwo in einem der Häuser ein Fenster zum Hof aufriss und brüllte, dass „der Idiot da drüben“ mit dem infernalischen Lärm aufhören sollte, mit dem man ja Tote zum Leben erwecken könne. Da schmiss er den Prügel, den er in der Hand gehalten hatte fort, und rannte auf der Suche nach neuen Abenteuern, die die Welt für ihn bereit hielt, wieder hinaus auf die Straße. Aber das gute Gefühl blieb.

28. August. Chiara

Chiaras Rechner hatte Frau Waschinskis Passwort für das Safe-Programm geknackt. Die Waschinski war doch tatsächlich besser gewesen, als Chiara vermutet hatte, denn sie hatte sich offenbar ein sicheres Passwort von einem Passwort-Generator-Programm erstellen lassen: dFX30SZ-cf=7dE?G.

Das Passwort war deshalb sicher, weil es kein leicht merkbares Wort (aus dem Duden!) und kein Name war, sondern aus klein und groß geschriebenen Buchstaben und sogenannten Sonderzeichen bestand. Das war so gut, das hätte sie der Frau gar nicht zugetraut.

Chiaras Passwort-Knacker hatte doch immerhin acht Stunden benötigt, um das Passwort für den Safe zu identifizieren. Aber dann war der Safe offen und Chiara fand, wie sie vermutet hatte, eine Textdatei mit den IDs und Passworten aller Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter vom Praktikanten Helldorf bis zum Geschäftsführer Conte Camilleri. „Wunderbar“, dachte Chiara und rieb sich die Hände.

Chiara konnte ja nicht wissen, dass nicht Frau Waschinski diesen Safe angelegt hatte, sondern die Administratorin, Frau Sieburg, hatte die Datei ohne das Wissen von Frau Waschinski auf deren Rechner versteckt. Wahrscheinlich als Sicherheitskopie, falls ihr Rechner einmal so abstürzen würde, dass die Daten dort nicht mehr zugänglich waren. Das wusste Chiara nicht, musste sie auch gar nicht interessieren, sie wollte nur die Daten, jetzt hatte sie sie…

Hacken war eben nicht nur tagelanges Programmieren und Probieren und das Lesen (und Verstehen) endloser grüner Zahlenkolonnen parallel auf mehreren Bildschirmen unter Verzehren großer Mengen von Lieferpizzen durch bleiche, dicke junge Männer mit dicken Brillen in halbdunklen Kellerräumen, die durch Batterien stromfressender PCs auf unerträgliche Temperaturen aufgeheizt werden, sondern vor allem der kreative Einsatz eines auf Logik trainierten menschlichen Gehirnes und sehr spezieller PC-Programme auf Hochleistungsrechnern und last but not least Glück, viel Glück!

Chiara war in den Augen eines Durchschnitts-PC-Users eine durchaus untypische Hackerin, denn sie war 1.) eine junge Frau und 2.) eine hübsche dazu und 3.) würde sie - als genetische Italienerin – nie, und unter keinen Umständen, eine Lieferpizza essen.

Chiara ging diesmal in ein anderes Internetcafé (ein richtiges Café mit bekannt gutem Kuchen und mit öffentlich zugänglichem WLAN) als gestern, bestellte Milchkaffee und Croissant, startete den Rechner und dann ihr Spezialpro­gramm, um sich wieder via Internet in einen Rechner der Interbavaria einzuloggen.

Einmal eingeloggt wies sie sich dem kleinen Firmennetzwerk mit den richtigen Passworten als Superadministratorin aus. Damit konnte sie auf den Rechnern der Vertriebspoint-Mitarbeiter und im Netzwerk alles machen, was sie wollte.

Sie wechselte vom Arbeitsplatzrechner auf den Netzwerkserver und schaute sich dort um. Sie fand nichts, was sie dort nicht erwartet hätte. Oha, da war der Emailserver, den hatte sie gesucht. Sie kopierte den gesamten Emailverkehr der INTERBAVARIA auf ihren Laptop. Darauf war auch nicht gerade die Software installiert, die „Normaluser“ verwenden, also ein Officepaket und ein Bildbearbeitungsprogramm, nein, die Festplatte dieses Laptops enthielt Software, mit der „Otto Normaluser“ nichts anfangen könnte, wahrscheinlich könnte er sie sogar nicht einmal starten, geschweige denn bedienen, denn Windows wurde hier aber nicht benutzt. Chiara konnte die Programme dagegen „im Schlaf“ bedienen, kein Wunder, zum Teil hatte sie sie selber entwickelt. Jetzt startete sie ein Programm, mit dem sie die Emails in einer Form aus der Datenbank auslesen konnte, die es ihr erlaubte, die Texte zwar unformatiert und mit Steuerzeichen versehen, und damit unkomfortabel aber immerhin inhaltlich verständlich zu lesen.

Sie schaute sich langsam Email für Email an, was dort geschrieben stand. „Nur Schrott“, befand sie nach einiger Zeit. Dennoch machte sie weiter. Soviel konnte sie immerhin herauslesen:

Frau Sieburg hatte haufenweise Kinderbilder ihrer kleinen Enkelin von ihrer Tochter empfangen und jedes einzelne in Mails euphorisch gelobt. Dabei war das Kind ein selten hässlicher Fratz, fand Chiara, hoffentlich würde sich der Wurm noch zurecht wachsen – sonst hätte der schlechte Karten im Leben, nachdem Frauen mit Rauschebart, siamesische Zwillinge, Riesen von 2,30 Meter oder „Elefantenmenschen“ nicht mehr in Freakshows ausgestellt wurden... Die hier hätte in einem Panoptikum alle Chancen, eine echte Sensation zu werden, fand Chiara, aber sie wusste, dass sie ungerecht war... Das Kind war sicherlich keine Schönheit... sondern es lag „schönheitsmäßig“ nur der Untergrenze zu „normal“.

Frau Waschinski interessierte sich neben ihrer Arbeit offenbar sehr für die Zukunft, denn sie stand in regem Austausch mit einer Wahrsagerin und Astrologin. Was stand da? "Wir haben z.Zt. ein Uranus/Pluto-Quadrat, das einiges an revolutionärem Potenzial birgt und auch überraschende Wendungen verheißt. Das Trigon von Saturn und Neptun lässt auf Kompromisse und neue Konzepte im Gesundheits- und sozialen Bereich hoffen."

Nein, da das nichts für eine Frau, deren Welt Zahlen und Logik waren, war, schloss Chiara die Mail gleich wieder und wandte sich anderen zu.

Auch in anderen Mails ging es um ihre Zukunft, diesmal handfester, wie Chiara fand, denn die Waschinski kommunizierte intensiv mit zwei Headhuntern, die ihr in letzter Zeit diverse Jobangebote unterbreitet hatten. Man schien sowohl als Astrologin (die Rechnungen waren online geschickt worden) sowie als Maklerin in München nicht schlecht zu verdienen – jedenfalls wenn die angebotenen Gehälter halbwegs der Realität entsprachen.

Herr Sack vertrieb sich offenbar viel Arbeitszeit auf Online-Poker- und Gambling-Websites, jedenfalls bekam er jede Menge Mails mit entsprechenden Angeboten, die den absolut sicheren Gewinn versprachen. Er schien vor allem online zu pokern – erstaunlich oft hatte er sogar Geld gewonnen. Nicht beeindruckend viel, fand Chiara, aber offenbar doch genug, dass er die Fingern nicht von den Karten lassen konnte. In mehreren Mails mit anderen Pokerspielern hatte man sich sogar Gedanken darüber gemacht, zu einer Profi-Poker-Weltmeisterschaft nach Las Vegas zu fahren, um dort gemeinsam „den Jackpot zu knacken“!

Der junge Helldorf war wohl noch nicht lange dabei, sein Account war erst zwölf Wochen alt und erstaunlich clean was firmenfremde Mailinhalte anging. Das änderte sich allerdings, als sie die gelöschten Mails aufrief – erstaunlich, fand Chiara, wie viele Menschen glaubten, dass allein das Betätigen des Löschschalters ein Dokument tatsächlich löschen würde, dabei wurde es einfach nur in einen Ordner „Gelöscht“ verschoben, die Inhalte blieben dabei erhalten! – da kam erstaunlich rechtes politisches Zeugs zu Tage.

Frizzoni hatte den meisten Email-Kontakt mit dem Conte, es ging viel um Personalfragen und er erhielt ganz schön Druck, was die Räumung der Wohnungen anging – und der Conte war in der Lage, einen Stil zu schreiben, da konnte einem „Angst und Bange werden“...

Im Endeffekt waren alle Emails unergiebig für Chiara und mehr oder weniger uninteressant. Also konzentrierte sich Chiara auf den Email-Account des Conte Camilleri. Der hatte viel Email-Verkehr mit einem Herrn Mölders von der GERMANIA HYP. „Oha“, dachte sich Chiara nach dem Studium einiger Emails, „mit dem Mölders ist wahrlich nicht gut Kirschen essen... , junge, junge, macht der dem Conte Druck, kein Wunder, dass der den an seine Mitarbeiter weiter gibt!“

Und dann fand sie eine Email aus Italien, die Mölders an den Conte weitergeleitet hatte. Die konnte ihr wahrscheinlich tatsächlich weiter helfen: Der Absender war ein Paolo Orisi bei der Banca Populare del Sicilia. Und der liebe Paolo war offenbar ein Oberer in der Bank. „Sehr gut“, dachte sich Chiara, die genau so eine Email gesucht hatte, „das könnte mein Tor in die Bank sein!“

Sie durchsuchte die Emails des Conte nach weiteren vom „lieben Paolo“. Und schwupps, da waren sie auch schon: Insgesamt sechs. Die dritte war ein echtes „Sahnestück“, fand Chiara, „hier wurde angekündigt, das zehn Millionen Euro von einem Konto der Bank in Palermo auf eines der GERMANIA HYP überweisen werden würde. Und beide Konten waren angegeben! Chiara hätte den „lieben Paolo“ in dem Moment küssen können – das war ein Volltreffer, fand sie, mit dem sie arbeiten konnte.

Jetzt musste sie nur noch den Trick anwenden, den sie auch schon bei der INTERBAVARIA-Leuten verwendet hatte, dann hätte sie wahrscheinlich Zugang zum Bank-Netzwerk.

„Danke, Papa“, schickte sie ein weiteres Stoßgebet in Richtung Himmel, „dass du mich sizilianisch gelehrt hast – trotz meines kindlichen Trotzköpfchens, damals“, denn die Sprache würde ihr hoffentlich helfen, den sizilianischen Banker zu täuschen.

1. September. Kopterfliegen

Ein paar Tage zuvor hatte der Autor Herrn F. gefragt, ob es denn wahr sei, dass er „Modellhubschrauber, diese modernen Kopter, wissen sie?“, fliegen ließe und wenn ja, ob er einmal dabei sein könne, denn er wolle „so einen dieser modernen Kopter, von denen man so viel hört und liest“ in die Handlung eines Buches einbauen.

„Mal sehen“, hatte Herr F. gesagt, „ich sage ihnen Bescheid, wenn es soweit ist ...!“ Am Sonntagmorgen hatten sich Herr F., der Autor und Udo gemeinsam im Firmenkombi des Ladens ins Dachauer Moos aufgemacht.

„Superflugwetter“, befand Herr F., als sie einen einsamen Platz für ihr Auto gefunden hatten, „und das Beste: Weit und breit niemand zu sehen.“

„Gut so“, ergänzte Udo und meinte damit, dass es gut sei, dass sie alleine waren, denn Kopter in der Natur fliegen zu lassen, fand nicht jeder Naturfreund (und andere würde man hier nicht treffen) „cool“ und eine vielleicht gerufene Polizeistreife hätte ihr Tun erst recht nicht für gut befunden.

Im Kofferraum befand sich eine große Kiste, die Herr F. von einem Schreiner extra hatte anfertigen lassen. „Fass mal mit an“, bat er Udo als er die Heckklappe geöffnet hatte, „das Ding wiegt nämlich ganz schön ...“.

Gemeinsam trugen sie die Kiste - vor allem unter dem Gewicht des Holzes und der Beschläge ächzend - ca. zehn Meter vom Auto auf einen freien Platz, eine Art Rasenfläche. Dort setzten sie die Kiste ab, dann ließ Herr F. ein paar Verschlüsse aufschnappen, anschließend konnte er den Deckel abnehmen und der schwarze Kopter kam zum Vorschein. Der Autor schaute in die Kiste und sagte: „Geil! Das Ding sieht ja schon richtig gefährlich aus, wenn es nur so da steht! Wie ein bösartiges Rieseninsekt.“.

Die Beschreibung war gar nicht so falsch, denn der Kopter war weitgehend schwarz, wies wie ein Insekt sechs gebogene Beine unter einem länglichen Körper auf. Der insektenartige Eindruck wurde durch LEDs verstärkt, die entfernt wie Komplexaugen aussehen. Statt Flügel hatte er achte unglaublich leicht aussehende Träger für die acht Rotoren, sie erinnerten an die hauchzarten durchsichtigen Flügelpaare einer Libelle mit ihrer Aderung.

Herr F. sagte nichts und ließ die weiteren Spannverschlüsse aufschnappen, dann klappte er die Seiten der Kiste nach unten.

Da stand der schwarze Kopter jetzt auf einer hölzernen Fläche, ohne in der prallen Sonne irgendwelche Lichtreflexe abzugeben – das schwarze Karbon, aus dem er weitestgehend bestand, schluckt Licht nämlich eher als das es es reflektiert.

Herr F. schaute sein Modell stolz an, dann ging er zurück zum Auto, um einen kleinen Koffer zu holen, aus dem er ein iPad entnahm, das die Fernbedienung ersetzte. Er startete ein kleines Programm, eine sogenannte App, dann tippte er einige Male auf den Bildschirm und der Kopter erwachte zum Leben – diverse LEDs leuchteten rot und gelb auf.

Der schwarze Kopter mit acht Armen, von dem jeder an seinem Ende einen knallroten Rotor hielt, sah jetzt noch mehr aus wie ein sehr gefährliches Insekt aus einer sehr bösartigen Welt.

Als Herr F. einige weitere „Wischs“ auf der iPad-Oberfläche vornahm und dann mit scheinbar flüchtigen Fingerbewegungen auf virtuelle Schalterflächen tippte, begannen die Rotoren sich erst langsam, und dann schneller und schneller, und schließlich rasend schnell zu drehen. Das Gefühl, dass da ein gefährliches Ding drauf und dran war, sich in die Luft zu erheben, wurde immer stärker. Das Surren der Rotorenblätter wurde immer höher, sie waren schon lange nicht mehr sichtbar, sie waren acht flirrende Scheiben – und dann erhob sich der Kopter langsam von seiner Unterfläche und stand dann eine Weile in circa einem Meter Höhe, leicht schwankend in der Luft, als ob er unsicher wäre, in welche Richtung er sich bewegen sollte.

Herr F. hielt das iPad auf dem linken Unterarm und der linken Hand, er drehte sich aus der Sonne, um Spiegelungen auf der glatten Oberfläche zu verringern, dann machte er einige Bewegungen mit dem Zeigefinger seiner rechten Hand auf der Oberfläche des Tablet-PCs und der Kopter begann einen Schwebeflug parallel zur Rasenfläche nach links, dann nach rechts, vor und zurück. Dabei hielt er die Höhe über dem Rasen penibel ein.

„Ab geht´s“, sagte Herr F., tippte auf seinen iPad und der Kopter raste plötzlich in einer eleganten Kurve nach oben links davon, plötzlich befand er sich wohl zwanzig Meter über den drei Männern, stand wieder still in der Luft. Nach einem Moment des Schwebens am Ort folgte er einem komplexen Flugmuster, bei dem er verschiedene Flughöhen einnahm, verschiedentlich nach links und rechts auswich, ohne dass Herr F. einen Finger rührte. Schnell war der Kopter wohl dreihundert Meter entfernt, dann machte er eine enge Kurve, blieb wie ein Hund, der auf einen Pfiff von Herrchen wartete, still in der Luft stehen, und auf einen Tipp des Fingers von Herrn F. auf das iPad kam er auf direktem Weg zu seinem Ausgangspunkt zurück.

„Geil!“, sagte der Autor, „das ist echt beeindruckend ... Wie haben sie den gesteuert, ich habe sie keine Fernbedienung bedienen sehen?“

„Das hat er alles programmiert“, sagte Udo, „programmiert und GPS gesteuert. Und das iPad ersetzt die Fernbedienung.“

„Können sie jeden Kurs fliegen?“

„Ja“, sagte Herr F., „ich brauche nur einen Kurs im vornherein festzulegen und mit GPS bestimmte Punkte bestimmen, die sozusagen die Eckpunkte des zu fliegenden Kurses sind ... Flughöhen und -geschwindigkeiten können dabei jeweils variieren ...“

„Unglaublich!“, sagte der Autor, „und wie ist es mit Ladung? Wieviel kann so ein Ding tragen?“

„Fünf bis sechs Kilogramm“, erläuterte Herr F.

„Das Nächste muss ein Thrillerautor einfach fragen: Was kann die Ladung sein? Kann der Kameras tragen?“

„Natürlich! Foto- oder Videokamera, man braucht halt nur eine Halterung! Die Bilder können live online übertragen werden.“

„Und ... Sprengstoff?“

„Kein Problem – wenn sie Sprengstoff haben ... Zündung per Funk ist selbstverständlich möglich – bevor sie mich das fragen! Und ja, so ein Kopter ist die perfekte Angriffswaffe – wenn sie mit fünf Kilogramm Sprengstoff auskommen.“

„Jetzt noch einmal für einen Thriller-Plot: Man kann die Dinger größer bauen? Mit mehr Zuladungskapazität? Sagen wir zwanzig Kilogramm?“

„Klar, sie brauchen nur eine gut ausgestattete Werkstatt und einen motivierten Modellbauer und vielleicht einen Ingenieur für die Berechnungen – das ist alles. Dann ist jede Größe möglich, bis zur ausgewachsenen Drohne. Vieles, was man braucht, kann man kaufen, man muss nur wenige Teile selber machen - zusammenbauen muss man das eben alles richtig. Und dann die Steuerung! Aber die gibt es als freie Software über das Internet downzuloaden. Null Problemo, würde Alf sagen! Sie brauchen halt die richtigen Leute und etwas Geld!“  

„Dann ist so ein Kopter wirklich perfekt für ein Attentat! Jedenfalls im Moment, bevor jemand das gemacht hat und die Leute in ihren Villen auf die Idee kommen, Netze um und über ihre Villen zu spannen.“

„Ich habe gelesen oder im Fernsehen gesehen, genau weiß ich das nicht mehr“, ergänzte Udo, „dass sie in Amerika schon daran arbeiten, kleine Laserkanonen zu entwickeln, mit denen man so etwas“, er deutete auf den inzwischen wieder auf seiner aufgeklappten Kiste gelandeten Kopter, „abzuschießen – der Kopter wäre dann einerseits die Lufterstschlagswaffe für den Privatmann, und die niedlichen kleinen Laser eine Art Star Wars-Luftabwehr für den Gartenzaun für den angegriffenen Nachbarn... Verrückt! Stellen sie sich das einmal vor: In Pullach oder Grünwald stehen auf den Ecken der Mauern rund um die Grundstücke jeweils eine Laserkanone, um den nachbarfeindschaftlichen Schlafzimmer-Spionage-Kopter abzuschießen ... “

„Also ich stelle mir gerade vor, „sagte der Autor nachdenklich, „dass man in einem Thriller-Plot den Ort eines geplanten Angriffes ader Anschlages mit mehreren kamerabestückten Koptern, die das Livebild online zu einem Überwachungszentrum - zum Beispiel in einem Lieferwagen – übertragen, aus mehreren Blickwinkeln überwachen kann ...“

„Die müssten ja gar nicht immer fliegen, die könnten ja auch schon vorher zu geeigneten Plätzen auf umliegenden Dächern oder in Bäume gesteuert worden und dort gelandet sein, dann hört man sie nicht einmal ...“ unterbrach Udo.

„... und dann kommen aus der Dunkelheit ein oder mehrere nachtschwarze Kopter mit Sprengstoff geflogen ...“ fuhr der Autor in seinem Gedanken fort.

„... und dann macht es rumms!“ sagte Udo.

„Genau“, stimmte der Autor zu, „fünf Kilogramm Semtex krachen ganz schön, glaube ich ... oder – auch nicht schlecht - man könnte einen Kopter mit fünf Litern Benzin bestücken und das Benzin am gewünschten Explosionsort in die Luft versprühen und dann das Benzin-Luft-Aerosol zünden. Leute, das müsste einen Superbumms geben, das sage ich euch! Man könnte das Ganze auch noch mit feinstem Aluminium-Pulver zur Steigerung der Wirkung anreichern. Das machen die Amis seit Vietnam besonders gerne. Eingesetzt in geschlossenen Räumen ergibt das Gemisch eine unübertroffene Wirkung, behauptet das Pentagon, da hält nicht einmal eine Panzertür! Ich habe das vor zwei oder drei Jahren einmal für einen Plot recherchiert, das scheint so zu stimmen.“

„Spielen wir jetzt Ami-Terroristen, oder was?“, fragte Herr F. nachdenklich ohne einen der beiden direkt anzusprechen.

„War doch nur für einen Plot!“, gab der Autor zu bedenken, „das wollen wir doch nicht wirklich machen, meine ich, oder? Das war ja nur, um im Thriller die Welt vor einem nordkoreanisch-iranisch-irakischem Terroristen-Schurken zu retten ... Das machen nur die Guten und nur im Namen der freiheitlich-demokratischen Grundordnung!“ Er lächelte: „Oder – andere Situation - stellt euch das einmal in einem Film vor. Szene: Supercomputerzenter der NSA zerschmilzt in so einem Benzin-Luft-Aerosol-Blast, das von zig Koptern der Anonymus-Bewegung erzeugt wurde ... wow! Was für Bilder ... einmalig! Regie Roland Emmerich ...“

„Das kann kein NSA-Center sein, denn das ist per definitionem der Amis „gut“, das sind doch auch unsere Verbündeten, nein, das supermiese Internetabhörzentrum muss schon irgendwo im supersuperbösen Dreieck zwischen Irak, Iran und der Demokratischen Volksrepublik Korea stehen, je nach aktueller politischer Lage in Bagdad, Teheran oder in Pjöngjang, wobei ich auf Teheran tippe, sonst würde das in keinem Hollywood-Schinken akzeptiert und vor allem nicht gezeigt werden. Egal ob von Emmerich oder nicht ...“ sagte Herr F. den Kopf schüttelnd.

„Mag sein, wahrscheinlich haben sie Recht ...“ murmelte der Autor und machte sich gedanklich eine Notiz, dass er die Idee in der neuen Variante von Herrn F. einmal mit einem der Verlage, für die er schrieb, besprechen müsse, natürlich als seine Idee! Laut fragte er, „obwohl, sehen würde ich das ja gerne einmal, also nur ein kleines Bömbchen am Kopter! Was kostet so ein Ding, so eine Drohne, eigentlich?“

„Kommt darauf an“, sagte Herr F., „wie viel der tragen können muss, der Kopter, meine ich ... In der Größe“, er deutete auf seinen schwarzen Oktokopter, „sind die via Internet für zwischen fünf und zwanzig Tausend Euro zu haben, inklusive mehrtägigem Pilotenkursus!“

„Gar nicht so viel“, befand der Autor, „zumindest nicht im Thriller, da ist es egal, was die Killerdinger kosten! Und bei Ihnen?“ Er schaute Herrn F. bei der letzten Frage direkt an. Der zuckte mit den Schultern und sagte uninteressiert: „Bei mir?“. Er machte eine Pause, dann fuhr er fort: „Ich schätze, die Hälfte für das Fluggerät. Aber für ihren Plot kämen ja noch ein paar Zusatzkosten hinzu: Tank und Hochdruckspritze zum Verteilen des Benzins in der Luft, Zündvorrichtung und natürlich das Programmieren des zu fliegenden Kurses ...“ gab Herr F. zu bedenken.

„Und außerdem müssen sie einen verlässlichen Programmierer finden; der muss schon ganz bestimmte Fähigkeiten haben – und hält der den Mund, wenn der Anschlag gewesen ist? Und wenn ja, erpresst der sie hinterher vielleicht?“, fügte Udo hinzu.

„Im Thriller kein Problem, da weiß der Typ erstens nicht, was er da programmiert und wofür - und wenn er es - zweitens - schließlich doch begriffen hat, stirbt er bei einem Autounfall einen unauffälligen Tod, bevor er quatschen kann. Natürlich im allerletzten Moment!“

Herr F. gab Udo ein Zeichen, dass er bei der Kiste mit anfassen sollte, dann trugen sie gemeinsam den supermodernen Kopter wieder zum Wagen. Eine halbe Stunde später waren sie wieder in der Hübnerstraße.

„Ich gebe im Augustiner noch`n Bier und eine Runde Schinkennudeln aus“, bot der Autor an, „Pille kocht heute selber, da sind die besonders gut.“

„Okay“, nickte Herr F. als sie auf der Suche nach einem Parkplatz am Neuhauser Augustiner vorbei rollten, „ist Sonntag, da ist hier immer alles vollgeparkt, ich muss einen Parkplatz suchen, steigt ihr hier schon aus? Für mich könnt ihr schon ein Bier und Schinkennudeln bestellen, die Nudeln bitte well done, also etwas braun angesetzt ...“

8. September. Notarbesuch

Es war neuen Uhr morgens als Chiara das Notariat betrat. Sie war das erste Mal in ihrem Leben in einem Notariat. Als sie in das Arbeitszimmer des Notars gerufen wurde, staunte sie etwas. Sie betrat nämlich ein nicht so großes Büro sondern einen eher kleinen Raum, der durch einen großen Biedermeier-Tisch mit zwölf passenden Stühlen dominiert wurde. Das Ganze sah teuer aus und mehr nach Wohnzimmer als nach Büro aus – und, besonders überraschend für sie, es gab keinen PC. Was sollte das denn, dachte sie? Sonst gab es keine Möbel in dem Zimmer, auch keinen Schrank, in dem sich ein Computer verstecken könnte.

Als der Notar das Zimmer durch eine andere Tür betrat und sie freundlich begrüßte, fragte sie: „Ein ungewöhnliches Büro, finde ich: Ein Tisch und zwölf Stühle? Feiern sie hier Abendmahl?“

Der Notar musste lachen. „Nein, um Gottes willen, nein, kein Abendmahl! Nur ein ganz normales Besprechungszimmer - ich habe oft größere Gruppen zu betreuen – bei Erbschaften zum Beispiel oder wenn Häuser ge- oder verkauft werden… Da kommen schon einmal acht oder zehn Personen, manchmal noch mehr, das kommt ganz darauf an. Aber jetzt wir sind ja nur zu zweit. Wenn sie es hier ungemütlich finden, können wir auch hinüber in mein Büro gehen, das ist „normaler“… und etwas moderner. Er schaute sie lächelnd an, das paßt vielleicht mehr zu ihnen, kommen sie, bitte.“

Dass da andere Zimmer besser zu ihr paßte, fand Chiara auch. Das Büro des Notars war modern eingerichtet – die Möbel erinnerten sie sehr an die Einrichtung beim Autor: Moderne Klassiker standen da, das hatte sie beim Autor gelernt. Sie kannte die „Namen“ nicht: USM Haller und Vitra. Drei Bilder von Andi Warhol aus der Serie „Endagered Species“ und ein moderner Teppich rundeten das teuer aussehende Ambiente ab. Der Notar bot ihr einen Sitzplatz neben seinem Schreibtisch an. Sie setzte sich und rückte den Stuhl so, dass sie zumindest etwas auf den Monitor blicken konnte.

„Sie wollen also eine Vollmacht für ihre Schwester?“, fragte der Notar und setzte sich vor seinen PC-Arbeitsplatz.

Chiara nickte. „Und eine für einen Freund oder besser gesagt, einen guten Bekannten. Das geht doch, oder? Muss ich da eigentlich zwei haben? Das mag eine dumme Frage sein, Herr Notar, aber die muss ich dann zweimal bezahlen, oder?“

Der Notar schaute sie lächelnd an, offenbar gefiel ihm diese unkomplizierte junge Frau mit ihrer frechen Frisur: „Natürlich, denn nur dann werden beide Urkunden im Zentralregister der Notarkammer hinterlegt. Und leider“, jetzt lächelte der Notar Chiara an, „heißt das auch zweimal bezahlen. Das ist bei uns Notaren leider so, es gibt keinen Mengenrabatt“, ergänzte er bedauernd.

„Denn sonst könnte ich ja einfach eine Kopie machen, nicht wahr? Und wahrscheinlich bekommt jede Urkunde eine Nummer und gilt auch nur mit dieser Ident-Nummer als notarielle Urkunde?“

„Genau“, lächelte der Notar, „sie schildern das korrekt. Ohne Nummern sind wir nichts, das gilt von der Geburtsurkunde bis zum Totenschein und natürlich auch beim Notar! Aber wissen sie, eine Rechtsanwältin, eine, naja“, er zögerte einen Moment bevor er weiter sprach, „eine alte Kollegin und gute Freundin, hat mich angerufen und informiert, dass sie kommen werden – sie hat sie übrigens treffend als „sehr attraktiv“ beschrieben, wenn ich das sagen darf – und eine Standardversion einer Generalvollmacht benötigen, also nichts speziell auf sie Zugeschnittenes, sozusagen aus unserem Fundus. Das macht die Sache natürlich preiswerter, da sind auch zwei Urkunden nicht teurer… Darf ich fragen, was sie von Beruf sind?“

„Software. Ich bin Programmiererin“, antwortete Chiara. Das habe ich übrigens nicht gewusst…, ich meine, dass sie hier angerufen hat. Ich wollte auch gar nicht den Eindruck erwecken, als ob ich kniepig sei…“.

„Kniepig?“, fragte er mit hochgezogenen Augenbrauen, „das Wort kenne ich nicht, was heißt das?“

„Kniepig? Das habe ich von einem ehemaligen Freund, der kam aus Norddeutschland. Kniepig – das heißt so viel wie geizig oder zumindest sehr sparsam. Irgendwie fand ich das Wort nett, früher habe ich es wohl einige Male verwendet, ich hatte ganz vergessen, dass ich es kannte, das kam mir einfach so in den Sinn.“

„Ach so. Ja, sehen sie einmal, es gibt noch nette leute, ich meine die Anwältin… und sie hat mir auch gesagt, dass sie eine Patientenverfügung benötigen.“

„Ja… wahrscheinlich auch Standard. Wissen sie, meine Schwester, die lag neulich nach einem Überfall im Krankenhaus, da bin ich darauf gekommen, dass mir das ja auch passieren könnte, dass ich ins Krankenhaus muss und, dass ich so etwas dann brauchen könnte. Dafür gibt es viele gute Gründe.“

„Gut, dann liege ich damit ja richtig. Und wenn ich schon einmal hier bin: Dann möchte ich noch eine kleine Wohnung kaufen, da brauche ich einen einfachen Kaufvertrag, so das Minimum, natürlich ein sinnvolles…“

„Da brauche ich die Angaben, meine Mitarbeiterin gibt ihnen ein Formblatt, da steht alles drauf, was sie mitbringen müssen. Wenn ich die Adresse habe, ich schaue dann selber im Grundbuch nach.“ Er deutete auf den PC. „Das geht heute alles online, aber da erzähle ich ihnen ja nichts Neues, oder?“

„Doch, das ist nämlich mein erstes Immobiliengeschäft, wissen sie. Ich muss den Preis noch einmal verhandeln aber sonst bin ich mir mit dem Verkäufer eigentlich einig. Ist ja auch nur ein ganz kleines Apartment… Also, die Daten, die sie brauchen werden, die kann ich ihnen in den nächsten zwei oder drei Wochen zusammenstellen, aber vielleicht kann man den Text schon aufsetzen, ist das der richtige Begriff? Dann könnte ich dem Verkäufer meinen Vertragsentwurf unter die Nase halten.“

„Dann sage ich meiner Mitarbeiterin, dass sie die Vollmachtsentwürfe ausdrucken soll. Wir gehen die dann gemeinsam durch und sie können alle Fragen stellen, es gibt übrigens keine dummen Fragen! Sie müssen alles verstanden haben, wenn sie unterschreiben, verstehen sie.“

Der Notar telefonierte kurz mit einer Mitarbeiterin und Minuten später reichte eine Frau Paul Ausdrucke herein und brachte gleich danach noch Kaffee und Wasser.

„Das haben sie alles in einem PC-System?“, fragte Chiara, „so ähnlich wie ein Anwalt? Gibt es denn so etwas wie ein Notariatssystem? Ich meine, ein spezielles, nur für Notare?“

Der Notar schaute sie erstaunt an.

„Ich bin aus der Branche“, erläuterte Chiara, „Sicherheitssoftware, gegen Viren und Trojaner und so… das interessiert mich einfach, entschuldigen sie bitte meine Neugier.“

„Ach so, nichts für ungut“, sagte der Notar, „ja, natürlich, bei uns läuft alles über ein System. Von der Dokumentenerstellung über die Verwaltung bis hin zur Rechnungsstellung. Ich wüsste gar nicht, wie wir das alles ohne System machen sollten. Schon die Verwaltung der Urkundennummern…, wissen sie, die sind ja da A und O hier. Die Nummern und das Versenden an das Zentralregister bei der Notariatskammer. Und natürlich Meldungen an Finanzämter und Behörden – also zum Beispiel, wenn sie ihre Wohnung gekauft haben, dann wird das Finanzamt automatisch über den Verkauf informiert, damit die die fälligen Grundsteuern erheben können. Naja, und das Grundbuchamt wird auch informiert. Alles automatisch – oder fast, wenn wir die Vorgänge angestoßen haben.“

Chiara hatte äußerst interessiert zugehört. „Das hört sich für mich sehr spannend an“, sagte sie.

„Tatsächlich?“, fragte der Notar, „für mich nicht, das macht alles Frau Paul mit einer weiteren Kollegin. Aber ich denke, wir sprechen jetzt einmal über die Vollmacht. Ich darf sie ihnen vorlesen und sie unterbrechen mich, wenn sie etwas nicht verstehen oder wenn sie eine Frage haben. Immer fragen – das ist wichtig! Sie müssen alles verstanden haben. Dafür bezahlen sie zum Schluss!“.

Chiara stellte zwei oder drei Fragen, nicht, weil sie die Antworten wirklich interessierten, sondern damit der Notar seinem normalen Arbeitsablauf folgen konnte.

„Alles klar, soweit“, sagte Chiara als der Notar das letzte Blatt zur Seite legte, „das habe ich verstanden, glaube ich“.

„Gut“, sagte der Notar, dann kann Frau Paul die ersten beiden Urkunden fertig machen, „auf wen sollen die jetzt ausgestellt werden?“

„Das macht ihre Mitarbeiterin, die Frau Paul, an ihrem Arbeitsplatz, oder?“., fragte Chiara und der Notar bejahte die aus seiner Sicht seltsame Frage erstaunt.

„Wissen sie“, bat Chiara, „die Neugierde, die ist bei mir berufsbedingt, ich habe noch nie ein Notariatssystem gesehen, wissen sie. Kann ich zu Frau Paul hinausgehen, um ihr die Daten draußen zu geben und ihr bei der Arbeit ein wenig über die Schulter schauen?“

„Sie sind die erste, die das will“, sagte der Notar, „aber wenn es sie glücklich macht…“.

Er rief Frau Paul herein und erläuterte ihr kurz Chiaras Anliegen. Die Mitarbeiterin schaute Chiara skeptisch an, aber als die freundlich lächelte, und etwas von berufsmäßiger Neugier murmelte und dass sie aus der Software-Entwicklung käme, Viren und so … willigte sie schließlich ein. Gemeinsam verließen sie das Notarsbüro.

„Das ist ganz einfach“, sagte Frau Paul als sie an ihrem Arbeitsplatz saß, „wenn man das System einmal begriffen hat. Ich rufe die Datei auf, die der Notar braucht, mache eventuell notwendige Änderungen und füge dann noch ihre Personaldaten ein. Schließlich lasse mir vom System eine eindeutige Urkundennummer geben oder besser zuweisen. Das ist´s eigentlich schon.“.

Sie tippte die Angaben, die Chiara ihr diktierte, in die dafür vorgesehenen Felder einer Formularmaske ein. Dann klickte sie einen Schalter in der Maske an und schon war die eindeutige Nummer da.

„Könnten sie die noch einmal ändern?“, fragte Chiara mit harmloser Stimme, „ich meine diese Nummer.“

„Nein“, sagte Frau Paul, „die Nummer ist jetzt ein für alle Male und für alle Zeiten vergeben und ändern kann man die auch nicht. Auch ein anderes Notariat könnte diese Nummer nicht vergeben. Das ist so festgelegt und ergibt sich aus der Struktur der Identnummer, wissen sie.“

„Das ist ja spannend“, befand Chiara und meinte das ernst, „und wenn der Notar gleich noch einmal Änderungen für notwendig findet, weil ich mir etwas überlegt haben sollte?“

„Dann kann ich das Dokument natürlich ändern“, sagte Frau Paul, „das muss ja auch möglich sein, oder? Was glauben sie, wie viele Änderungen ich schon im letzten Moment eingegeben habe… Sie glauben ja nicht, was sich die Menschen alles in letzter Sekunde überlegen. Dabei sollte man doch meinen, wenn die zum Notar kommen, und manche kommen ja drei oder vier Mal, haben die sich überlegt, was die wollen, nicht wahr…“

„Das wird ihnen bei mir nicht passieren“, lachte Chiara, „ich nehme die Urkunde so, wie der Herr Notar sie mir vorgelesen hat.“

„Das wird der gleich noch einmal machen“, sagte Frau Paul, „immer wieder bis es keine Änderungen mehr gibt. Das ist Vorschrift!“

„Naja, dann wird er es mir noch dieses eine Mal vorlesen…“, sagte Chiara, der davor grauste, den langweiligen Text der Vollmacht noch mehrfach anhören zu müssen.

„Dann ist ja gut“, sagte Frau Paul zufrieden, „ich muss das Dokument jetzt speichern und ausdrucken… Dann liest er Ihnen das vor und wenn sie wirklich nichts mehr ändern wollen und keine Kommafehler mehr drin sind, dann… erst dann muss ich die Blätter ein letztes Mal ausdrucken und binden, sie wissen schon, so mit dem bunten Bändchen und so, wegen der Show und damit niemand Blätter austauschen kann. Die müssen sie und der Notar dann noch unterschreiben. Das wäre es dann… Und dann schicken wir die Datei mit der Urkundennummer ans Zentralregister. Aber das macht das System.“

„Und wenn meine Schwester käme und eine identische Urkunde wie ich sie bekommen habe, haben wollte, würden sie meine wieder finden?“

„Natürlich“, sagte Frau Paul jetzt etwas pikiert, „was glauben sie denn? Dafür gibt es natürlich eine Suchfunktion - wollen sie die auch noch sehen?“

„Ja, bitte“, sagte Chiara begeistert und überging damit eine leichte Gereiztheit, die man aus Frau Paulis Betonung entnehmen konnte, „das wäre nett, natürlich nur, wenn ihre Zeit das erlaubt. Aber wie gesagt, das interessiert mich einfach, weil wir in meiner Abteilung bei GSAFE für ein ähnliches Programme bei Ärzten ein Sicherheitsmodul entwickeln sollen, wissen sie…“

„Ach, sie sind bei GSAFE, das verwende ich zuhause, privat, wissen sie.“

„Und? Sind sie zufrieden?“

„Ja, schon… Das ist ja problemlos, das ist das Wichtigste, finde ich, wer will sich schon mit einem Virenprogramm rumärgern? Das muss schon alleine zurechtkommen, oder?“

„Soll ich Ihnen als kleines Dankeschön für ihre Mühe mit mir die allerneuste Version schicken, unter der Hand, meine ich, für zuhause?“

„Ja, gerne“, lachte Frau Schade jetzt entspannt, „natürlich.“

„Ich schicke ihnen eine CD hier ins Büro, einverstanden?“

„Natürlich, danke schön!“

Gemeinsam gingen sie wieder zum Notar, wo Chiara sich die Vollmachtsurkunden noch einmal vorlesen lassen musste und schließlich unterschrieb.

Die Patientenverfügung dauerte nur wenig länger. Der Text kam wieder aus dem System, der Anwalt erläuterte, was da geschrieben stand und Chiara stellte aus Höflichkeit einige Fragen. Dann folgte die Änderungs- und Vorleseprozedur wie eben. Diesmal wollte sie nicht mehr zuschauen, wie Frau Paul die Urkunden vorbereitete, sie wusste bereits, was sie wissen wollte.

Während der Notar und Chiara ein letztes Mal warteten, fragte Chiara, ob es eigentlich viele PC-Notariatssystem gäbe und welches dieses Notariat verwendete – als ob sie das nicht bereits von Frau Schades Bildschirm abgelesen hatte.

„Oh“, sagte der Notar, der froh war, ein Thema zu haben, um die Zeit überbrücken zu können, bis Frau Paul wieder kommen würde: „Ich vermute, dass es da einige geben wird, aber wir verwenden seit Jahren ProNotar Pro2, das ist, glaube ich, eines der zwei oder drei am weitesten verbreiteten Standardprogramme“.

„Und das ist sicher?“, fragte Chiara, „ich meine, ich frage aus purer Neugierde, da greift sie niemand an?“

„Das weiß ich nicht“ gab der Notar unumwunden zu, „das erledigt meines Wissens das Programm oder unser Administrator. Und soviel ich weiß, gibt es auch immer wieder Updates… Sicherheitsupdates sind das wohl. Ich habe aber noch nie gehört, dass sich jemand in ein Notariat eingehackt hätte, das meinen sie doch?“

„Ja, genau, ich entwickle solche Programme für andere Bereiche, Privat-PCs und so und bald für Praxissysteme von Ärzten“.

„Das sollte man ja nicht denken, dass die Computersysteme von Ärzten gehackt werden, oder? Was gibt es da denn zu holen?“

Chiara zuckte nur mit den Achseln obwohl ihr auf Anhieb mehrere Gründe einfielen, warum man in ein Praxissystem einbrechen würde, und wenn es nur wegen Betäubungsmittelrezepten wäre.

Frau Paul klopfte leise an der Tür, kam herein und reichte dem Notar den finalen Ausdruck der Patientenverfügung. Der Notar las jetzt schon deutlich leieriger. Dann war er durch, Chiara nickte und sagte, dass alles okay wäre. Endlich unterschrieben Chiara und der Notar. Dann waren sie fertig.

Die Daten für den Kaufvertrag bringe ich in den nächsten zwei oder drei Wochen vorbei“, versprach Chiara.

„Dann warten wir mit der Rechnung, bis alles fertig ist“, schlug der Notar vor, „wir machen alles in einem Aufwasch, einverstanden?“

„Klasse“, befand Chiara. Dann bedankte und verabschiedete sie sich. Sie wusste jetzt, was sie wissen wollte.

9. September. Update

Am Nachmittag war Chiara in der Firma. Als sie im Büro alleine war, rief sie die Firma PRONotar an. Sie stellte sich kurz vor und wurde zum Vertrieb durchgestellt. Wieder stellt sie sich vor: „Ich bin bei GSAFE, sie werden uns kennen, Frau Kollegin, wir machen Sicherheitssoftware und mir sind aus einem Notariat, das ihr PRONotar Pro2 einsetzt, Probleme mit unserer Software gemeldet worden…“

Ihre Gesprächspartnerin war verblüfft und meinte, dass sie davon zum ersten Mal hören würde. Was ja auch kein Wunder war, weil die Programme so gut wie keine Berührungspunkte hatten, wie Chiara wusste.

„Ja“, sagte sie, „für uns ist das auch neu und vor allem unerklärlich. Ich würde das gerne testen und bitte sie, mir eine Demoversion ihres Programmes zu schicken, wenn das möglich ist.“

„Wissen sie was“, bot ihre Gesprächspartnerin an, „ich schicke ihnen eine Vollversion – so von Kollegin zu Kollegin, was halten sie davon?“

„Das wäre genial“, sagte Chiara, „kann ich mich mit unserem Vollpaket revanchieren, die noch nicht im Handel befindliche Version – zum Testen für den privaten Gebrauch? Wie viele Rechner haben sie?“

Klar wollte die Kollegin das.

„Soll ich ihnen einen Downloadlink schicken?“, fragte sie.

„Ich hätte lieber eine CD“, sagte Chiara, „dann habe ich den gleichen Prozess wie die im Notariat, vollständig, verstehen sie?“

Das verstand ihre Gesprächspartnerin und sie versprachen sich, die Disketten jeweils noch am Nachmittag rauszuschicken.

Am nächsten Morgen war die CD in der Post. Wunderbar – genau so, wie Chiara es sich vorgestellt hatte: Mit einem kurzen Begleitschreiben und der Original-Installations-CD.

Chiara prüfte schnell, welchen Installer PRONotar Pro2 verwendete. Dann scannte sie die CD und bearbeitete das Bild so, dass aus einer Original-Programm-CD eine Original-Update-CD wurde. Sie suchte sich aus ihrem Spezialfundus der kleineren und größeren Gemeinheiten ein hinterhältiges kleines Programm und verband es mit dem gleichen Installer-Programm, das PRONotar Pro2 verwendete. Dann brannte sie die CD und bedruckte es über einen Farbdrucker mit dem gescannten und leicht veränderten Bild der Original-CD. Jetzt hielt sie eine „Original-Update“-CD in der Hand, die nur ein Spezialist als Fake erkennen würde.

Vom Begleitschreiben scannte sie den Briefkopf und verwendete diesen, um ein ebenfalls echt aussehendes Schreiben zu verfassen, in dem sie den PRONotar Pro2-Kunden „wegen einer aktuell bekannt gewordenen Sicherheitslücke, die aus verständlichen Gründen nicht publik gemacht werden soll,“ dringend ein Update empfahl.

Dann schickte sie den Brief mit der CD (in einer professionell aussehenden Hülle, wie sie auch GSAFE verwendete, um kleine Auflagen ihrer Software zu versenden). Das ganze sah „gut und echt“ aus, fand sie.

Sie gab den Brief nicht in die Hauspost, weil die Kollegen GSAFE auf den Umschlag drucken würden, sondern warf ihn am Abend in einen Briefkasten.

Damit war fürs Erste alles getan. Jetzt hieß es warten.

Das heißt, das stimmte nicht ganz – sie stürzte sich auf das als pdf-Datei auf der CD befindliche Handbuch, um es zu studieren. Das Handbuch war gut: Gut lesbar geschrieben, systematisch aufgebaut, mit vielen Abbildungen und sogar einigen Abbildungen, die den Arbeitsablauf in einem Notariat schematisch skizzierten – das war perfekt für Chiara, die zwar programmieren konnte aber natürlich nichts vom Arbeitsablauf eines Notariats verstand. Aber mit Hilfe des Handbuches fand sie sich in den Bereichen, die sie interessierten, schnell zurecht. Es war nach Mitternacht, als sie das Handbuch schloss: Sie glaubte sich für ihr Vorhaben gut gerüstet.

10. September. Helldorfs „Kampf“

Udo hatte sich an drei Abenden in seinem Auto gegenüber dem Vertriebspoint platziert, um herauszubekommen, wann der blonde Praktikant in der Regel Feierabend machte – nach seinen Beobachtungen so zwischen 17.00 und 17.30 Uhr. Anschließend fuhr er mit dem Fahrrad direkt in ein Fitness-Center, um sich auszutoben. „Kein Wunder“, fand Udo, „bei dem Schreibtischjob würde der sonst innerhalb von fünf Jahren schlaff und schlapp im Anzug hängen ...“.

Einmal hatte Udo einen günstigen Parkplatz gefunden und war auch in das Fitness-Center gegangen. Am Empfangstresen hatte er eine Geschichte erzählt nach der er unbedingt ganz kurz nur einen Freund sprechen müsste und man hatte ihn (ohne Schuhe!) hinein gelassen. Er hatte den jungen Mann am Sandsack gesehen. Ohne von Helldorf bemerkt worden zu sein, holte er sich seine Schuhe wieder ab und verließ das Fitness-Center.

Da Udo an den anderen Tagen keinen Parkplatz am Fitness-Center gefunden hatte, war er auf die logische Idee gekommen: Er wartete vor dem Wohnhaus des jungen Mannes in der Bayerischzeller Straße auf ihn. Der kam so gegen 20.30 Uhr nach Hause, allerdings verließ er seinen Wohnung gegen 21.00 Uhr wieder im Jogginganzug.

„Ganz schön sportlich, der junge Mann“, befand Udo für sich, „erst Fitness-Center, dann Laufen, man o man ...“. Ziemlich genau gegen 22.00 Uhr kam er dann verschwitzt wieder nach Hause. Um diese Zeit waren die Straßen rund um den Walchenseeplatz in Giesing wie leer gefegt.

Die Häuser rund um den Walchenseeplatz boten für Münchner Verhältnisse vergleichsweise billigen Wohnraum in allerdings kleinen, mit wenig Komfort ausgestatteten Wohnungen, die aus den dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts stammten und große, parkartig begrünte Höfe, die man teilweise durch Torbögen erreichte, hatten.

Gleich um die Ecke lag das Grünwalder Stadion, die eigentliche Heimat „der Blauen“, der Sechziger – also von 1860 München. Rasen und Stadion waren mit dem Herzblut der wahren Sechziger-Fans getränkt, die die AllianzArena der „Roten“, der verhassten Bayern München, in der man wegen eines verflixten Vertrages und weil das Grünwalder Stadion angeblich halbwegs baufällig war, spielen musste, gar nicht leiden konnten.

Helldorf war Fußball egal, also auch das Stadion. Für ihn war das alte Münchner Arbeiterviertel Giesing nur die erste Zwischenstation auf dem Weg nach oben. Sein Ziel waren die teuersten Münchner Viertel: Grünwald, Pullach oder Nymphenburg. Keinesfalls würde er in das angesagte Viertel rund um den Gärtnerplatz ziehen: Lauter Schwule und Lesben! Und mit denen hatte er wahrlich nichts am Hut. Für ihn war die sogenannte gottgegebene Ordnung wichtig, eine Familie bestand aus Mann und seiner Frau und Kindern. Dieser ganze neumodische Kram mit gleichgeschlechtlichen „Ehe“partnern oder –partnerinnen war eine Fehlentwicklung der Gesellschaft, die es zu korrigieren galt, fand er, und er hatte auch eine politische Heimat gefunden und die war ganz bestimmt nicht bei den „Linken“ von der CSU, denn die, fand er, hatten sich schon lange dem kranken Zeitgeist ergeben, spätestens seit dem Tod von Franz-Josef Strauß, dem aufrechten Demokraten! Nein, seine politischen Freunde waren Aktivisten, die etwas in die richtige Richtung zum gesunden Volksempfinden bewegen wollten.

Seine nächste Wohnung hatte er auch schon entdeckt: In Gern, gar nicht weit vom Vertriebspoint hatte er gleich hinter dem Sportplatz an der Landshuter Allee eine feine Adresse entdeckt, die ihm zusagte: In der Hanebergstraße war ein Komplex von drei supermodernen Häusern entstanden – die wären, seiner Meinung nach – der richtige nächste Zwischenstopp auf seinem Weg nach oben!

„Besser geht es nicht“, hatte Udo Ernstl erzählt, „der Eingang zu seinem Wohnhaus liegt hinter einer Ladenzeile, durch die man durch einen Torbogen gehen muss, um den Hof zu erreichen. Dann sind es noch circa siebzig Meter zwischen Büschen bis zu seinem Hauseingang. Die untersten Wohnungen sind im Hochparterre, die Fenster sind klein, da wohnen nur alte Leute, die schauen abends Fernsehen und nicht aus dem Fenster und sie hören nichts, selbst wenn er schreien sollte. Und unser Fluchtweg ist durch die Büsche und Bäume gut gedeckt!“

Am vierten Tag waren sie gegen 21.30 Uhr zum Walchenseeplatz gefahren und hatten nach einiger Suche endlich einen günstig gelegenen Parkplatz für Udos unauffälligen Golf gefunden.

Udo hatte die Lehren aus den „Geschichten“ des letzten Jahres gezogen, als Sarah und die inzwischen verstorbenen Hanna, Wolf-Dieter und Edgar resp. der in Portugal untergetauchte „Graf“ in München und Hamburg mehrere „Abrechnungen zur finalen Begleichung eingereicht“ oder mit anderen Worten diverse Morde aus Rache begangen hatten...

Er und Sarah sprachen so gut wie nie über ihre Taten, und wenn doch einmal, dann bezeichneten sie das, was geschehen war, nicht als Morde, sondern umschrieben sie als „die alten Geschichten“ - aber im normalen Sprachgebrauch wären es wohl doch Morde gewesen.

Das Strafgesetzbuch besagt in Paragraf 211: „Mörder ist, wer aus Mordlust, zur Befriedigung des Geschlechtstriebs, aus Habgier oder sonst aus niedrigen Beweggründen, heimtückisch oder grausam oder mit gemeingefährlichen Mitteln oder um eine andere Straftat zu ermöglichen oder zu verdecken, einen Menschen tötet.“

Wenn sie tatsächlich darauf angesprochen werden würden, würden sie – je nach Gesprächspartner - vielleicht nicht bestreiten, dass durch sie Menschen zu Tode gekommen waren. Vehement bestreiten würden sie dagegen sicherlich, tatsächlich gemordet zu haben, denn, so würden sie argumentieren, sie hatten bei den „finalen Abrechnungen“ keinerlei Mordlust verspürt, ganz und gar nicht. Vielleicht hatten sie Befriedigung verspürt, wahrscheinlich sogar.

Sie hatten die Männer auch nicht zur Befriedigung des Geschlechtstriebes und schon gar nicht aus Habgier umgebracht.

Weiter: Konnte man ihnen Heimtücke unterstellen? Sie würden so eine Unterstellung glatt ablehnen! War es heimtückisch, sich vor jemanden zu stellen und ihn von vorne zu erschießen? Gut, ein gewisses Überraschungsmoment war sicherlich jeweils involviert gewesen – aber man konnte die „finale Begleichung einer Rechnung“ ja schlecht schriftlich ankündigen, oder?

Vielleicht … vielleicht (!) könnte ein ihnen schlecht gesonnener Staatsanwalt Heimtücke unterstellen, weil sie zwei Männer aus mehren Hundert Metern Entfernung erschossen hatten, die ja nun gar nicht damit rechneten... Sie empfanden es aber eher als eine technische Herausforderung denn als Heimtücke, denn sie hätten die beiden Männer auch im Bureauhauseingang aus drei Metern Entfernung mit Pistolen erledigen können – und das sehr wohl diskutiert. Das Ergebnis wäre für die Männer dasselbe gewesen!

Grausam? Grausam waren sie ihrer Meinung nach auch nie vorgegangen. Die Frage ist schließlich, was ist grausam? Sie hatten kein Opfer unnötig leiden oder Schmerz spüren lassen. Alle ihre Opfer waren schnell durch gezielte Schüsse gestorben, grausam gelitten hatten sie nicht.

Gemeingefährliche Mittel? Da müsste man doch erste einmal definieren, was gemeingefährlich ist: Als gemeingefährlich werden im Rechtsjargon Handlungen und Situationen bezeichnet, die eine Gefahr nicht nur für einzelne bestimmte Personen, sondern für die Allgemeinheit darstellen. Eine Handlung ist dann gemeingefährlich, wenn der Täter sie im Einzelfall nicht sicher zu beherrschen vermag und sie geeignet ist, Leib und Leben mehrerer Menschen zu gefährden: Einsatz von Sprengstoff (hatten sie bisher jedenfalls nicht verwendet), unkontrollierte Schüsse aus einer Waffe (sie hatten extrem kontrolliert geschossen), Feuer in der Nähe einer Menschenmenge oder Werfen von Gegenständen von Autobahnbrücken oder ähnliches. Mit allen oben genannten Punkten hatten sie weder etwas am Hut gehabt geschweige denn es getan! Also waren sie nicht grausam, oder?

Ja, das Sniper-Gewehr, das sie in Hamburg eingesetzt hatten, würde man vielleicht als gemeingefährlich bezeichnen können, aber nur, weil man damit zum Beispiel als Heckenschütze viele Menschen nacheinander töten konnte – entsprechende Taten waren ja aus den USA bekannt. Aber sie hatten es ja nur sehr gezielt für das Ausschalten von zwei Männern eingesetzt, selbst der dritte Mann im Raum war bei den Hamburger „Tötungen“ nicht verletzt worden.

Sie hatten ihre Opfer auch nicht getötet, um eine andere Straftat zu ermöglichen oder zu verdecken – naja, vielleicht doch in dem einen Falle des jungen türkischen Drogenhändlers in der Messestadt ... Aber auch da ging es nicht um das Verdecken, denn die vorher erschossenen Opfer lagen ja am U-Bahnhof „offen herum“. Es war ihnen also nicht ums Verdecken sondern ums „nicht erkannt werden“ gegangen.

Sie hatten aus einem ganz einfachen Grund gem..., nein, sie würden wohl immer noch bevorzugen zu sagen, Menschen zu Tode kommen lassen: Rache! Einzig allein Rache war ihr Motiv gewesen, biblische Rache: Auge um Auge, Zahn um Zahn.

Denn Sarah war von den drei Männern, die sie getötet hatte, als junges hilfloses Mädchen vergewaltigt worden, Wolf-Dieter hatte den Mann erschossen, der seine Tochter als Drogendealer mit seinem „Gift“ wissentlich umgebracht hatte, für Hanna hatten sie die beiden Männer umgebracht, die ihren Ehemann und ihre Tochter bei einem Bootsunfall auf Mallorca getötet und sich dann feige abgesetzt hatten. Und die Möchtegern-Rockerbande, die sie in der Messestadt „bestraft“ hatten, hatte Edgar auf dem Gewissen.

Alle ihre Opfer waren viele Jahre zuvor „einfach so“ davon gekommen und mussten sich nie vor einem Gericht verantworten, sie waren – Mord verjährt nicht! - nur eigeninitiativ aktiv geworden, weil der Staat in ihren Augen versagt hatte und deshalb hatten sie ihre Opfer an das jenseitige Gericht „überstellt“.

Und um Rache ging es ja auch bei dem Praktikanten. Es war ja nicht so, dass Udo oder Ernstl den aus „Jux und Dollerei“ verprügeln wollten: Er hatte ihre Freundin, das Fräulein Concetta, brutal überfallen, nachts von hinten in der Tür zu ihrem Studio. Er hatte ihr keine Chance gelassen, sich irgendwie zu wehren, nicht einmal, ihn zu erkennen. Brutaler und gemeiner geht es nicht, fanden sie. Dafür wollten sie ihn bestrafen!

Außerdem war er offenbar ein „Entmieterschwein“! Wobei die beiden allerdings nicht ahnten, wie tief der junge Mann tatsächlich in die „Schweinereien“ verstrickt war. Ihnen reichte es, dass er Concetta überfallen und so schwer verletzt hatte, dass sie jetzt im Krankenhaus lag..

Aus den „alten Zeiten“, als Udo seine Freundinnen und Freunde bei ihren Racheaktionen unterstützt hatte (er hatte ihnen zwar zugearbeitet, aber nie selber „abgedrückt“), besaß er noch die Kennzeichen einer sogenannten Dublette zu seinem alten Golf, also eines anderen äußerlich identischen schwarzen Golfs. Die Dublette stand seit den „alten Geschichten“ nachweislich absolut fahruntüchtig im Hof in der Hübnerstraße und würde sich nie wieder aus eigener Kraft bewegen. Dessen Kennzeichen hatte er an den Golf geschraubt, in dem sie jetzt unterwegs waren – für alle Fälle! Wenn sie tatsächlich ein Zeuge sehen und ihr Kennzeichen notieren würde, konnten sie nachweisen, dass der sich geirrt haben musste – das Auto, was der gesehen haben wollte, stand ja unbeweglich in ihrem Hof. Als weiterer „weicher“ Beleg, lagen ihre Handies in Udos Wohnung, wo die beiden beim Mensch-ärgere-Dich-nicht-Spiel in der verschärften Variante (fünf Euro pro Partie!) gesessen hätten. Sogar einen Ergebniszettel der zehn Partien würde es geben, sollte man sie je befragen.

Sie warteten zwischen den Büschen im Hof auf Helldorf, der nach relativ kurzer Wartezeit fast pünktlich erschien. Ernstl richtete sich hinter seinem Busch auf und grüßte freundlich: „Guten Abend, Herr Helldorf!“ Dabei versuchte er, in der einbrechenden Dunkelheit möglichst klein und ungefährlich auszusehen.

„Grüß Gott“, nickte der Praktikant in die Dämmerung und wollte eine Abkürzung zu seiner Haustür über den Rasen nehmen.

„Moment mal, bitte“, mischte sich Ernstl jetzt von hinten ein, „hör mal, du kennst doch die Concetta, die aus dem Kosmetiksalon, die die jetzt im Krankenhaus liegt ...“

Der Praktikant war jetzt doch ca. fünf Meter von ihm entfernt stehen geblieben, hatte sich zu ihm umgedreht und schaute Ernstl aufmerksam an. Er sah einen großen Mann, der leicht vorgebeugt mit hängenden Armen da stand – aber offenbar einen alten Mann! Was wollte der denn? Wollte der etwa Ärger haben? Er dachte keinen Moment dran, dass der vielleicht Ärger MACHEN wollte ...

Den Ärger könne er haben, dachte der Praktikant. Helldorf fühlte sich richtig gut und fit. Gut, seine letzte Prügelei, die man ernsthaft so nennen konnte, war inzwischen mehr als eineinhalb Jahre her, aber sein damaliger Gegner, eher ein Opfer denn Gegner, dachte wahrscheinlich noch heute mit Grausen an die Schlägerei von damals – seine Nase war beim ersten Kopfstoß Helldorfs gebrochen, drei Finger seiner linken Hand hatte ihm Helldorf mit einem gezielten Tritt seines Stiefels mehr oder weniger zermatscht, als er am Boden lag und schon lange aufgegeben hatte. Es sollte ihn wundern, wenn der die je wieder richtig gebrauchen könnte. Der sollte doch froh sein, dass er ihm nicht die rechte Hand zertreten hatte, fand er, denn das hätte er mit Leichtigkeit tun können. Außerdem hatte er dem noch drei Rippen mit einem weiteren Tritt gebrochen, als der am Boden lag.

Aber Dankbarkeit darüber, dass er mit Bedacht die linke Hand und nicht die rechte für den Tritt ausgewählte hatte – er war ja schließlich kein Unmensch - hatte der andere nicht gezeigt!

Ganz im Gegenteil, die Prügelei um die dumme Fotze, die ihn dann anschließend nicht einmal „rangelassen“ hatte, sondern sich wie ein echtes Weichei heulend um den anderen gekümmert hatte, hatte ihm eine Scheiß-Anzeige eingebracht.

Die Anzeige war von seinem Anwalt mit bekloppter Sozialarbeit als Folge erledigt worden und der hatte ihm das noch als einen Riesenerfolg eines „Deals“ verkaufen wollen, auf den der auch noch stolz war. Anschließend hatte er tagelang irgendwelchen Bekloppten den verschissenen Arsch abwischen dürfen.

Sogar hinterher hatte die Tusse ihn nicht rangelassen, dabei hatte die echt klasse Titten gehabt! Mit der hätte er eine Dynastie gründen können. Zumindest hätte er ihr fünf Kinder machen können. Wenn sie dann wie eine aufgeblasene Tonne ausgesehen hätte, mein Gott, es gab so viele „geile Weiber“ auf der Welt, die nur darauf warten, angepoppt zu werden … Soll einer die Weiber verstehen: Können ihn haben und wählen den Schlapparsch von Verlierer!

Der Praktikant war kein fairer Kämpfer, er suchte den Kampf nicht einmal und schon gar keinen fairen – er wich allerdings auch keinem aus. Er war ein Straßenschläger, der sich nie an irgendwelche Regeln gehalten hatte oder halten würde. Wer zu schwach war, um ihn zu besiegen, der sollte ihm gefälligst aus dem Weg gehen!

Er hatte das Kämpfen von klein auf auf der Straße gelernt, als die Großen ihn ab und zu „nur so zum Spaß“ verprügelt hatten, weil er in die Gang hinein wollte – und das hatte manchmal verdammt weh getan. Die ersten Male hatte er geheult – das aber sehr schnell aufgegeben, als er gemerkt hatte, dass das die Prügel „für das Muttersöhnchen“ nur verschlimmerte – ein Mann weint schließlich nicht, auch wenn er erst zehn oder zwölf Jahre alt ist!

Er hatte schnell gelernt, dass man als erster und brutal zuzuschlagen oder –treten muss, um den Gegner mit dem ersten Angriff zu überraschen und gleich möglichst kampfunfähig zu machen. Und dann musste man ihn so zurichten, dass er Angst bekam – zuviel Angst, um sich später noch einmal zu stellen! Man musste den anderen ein für alle Male physisch und psychisch brechen.

Damals hatte das Fighten – sie hatten nie „kämpfen“ gesagt - dazu gehört, das war so etwas wie ein permanentes Aufnahmeritual gewesen, um die auszusieben, die im Kopf und am Körper zu schwach für die Gang waren. Wer da hinein wollte, der musste es wirklich wollen. Und um das zu schaffen, musste er vorher durch die Hölle gehen, die die anderen, größeren Jungen ihm mit Lust bereiteten.

Helldorf hatte es schließlich geschafft, vor allem mit dem unbeugsamen Willen in seinem Kopf! Er hatte keine Angst mehr gespürt, wenn es zum Fight kam. Er war sogar der Jüngste gewesen, der je in die Gang aufgenommen worden war. Aus dem heulenden, kleinen Verliererjungen war schlussendlich ein mitleidloser Siegertyp geworden, einer der gelernt hatte, sich durchzusetzen – und dem alle Mittel dafür recht waren! Mitleid – das war etwas für Memmen.

Dann, so mit sechszehn Jahren, hatte er sich entschieden, einen anderen Weg zu gehen. Er hatte – und das war für einen Fünfzehn- oder Sechszehnjährigen ja durchaus eine bemerkenswerte Leistung - bald erkannt, dass er mit der Gang schlussendlich ein sozialer Verlierer sein würde, auch wenn er den einen oder anderen Kampf gewinnen würde. Der Weg würde ihm mit achtzehn vielleicht einen tiefergelegten Dreier-BMW und ein paar „geile Bräute“ beschert haben (die niemand fragen würde, ob sie „wollten“ - und die das vielleicht nicht einmal erwarteten, weil das ihre Mütter auch niemand gefragt hatte) und mit zweiundzwanzig sicherlich fünf Jahre Knast …

Er hatte leicht das Abitur gemacht und BWL mit guten Abschlussnoten studiert, er war Akademiker geworden, er hatte sich eine andere Sprache angewöhnt, umgab sich mit anderen Freunden, er fragte die Frauen, mit denen er es trieb sogar, ob sie „wollten“ (jedenfalls wenn er oder sie nicht zu betrunken war) ... Und sogar eine eigenen Wohnung hatte er inzwischen, zwar mehr ein „Loch“ in Giesing, wie er fand, im Vergleich zu dem, was ihm vorschwebte, aber immerhin… Gern konnte noch ein wenig auf ihn warten – aber nicht sehr lange!

Er hatte die Straßengang verlassen und begonnen, die ersten Stufen der gesellschaftlichen Leiter zu erklimmen - schnell und kompromisslos, er war zu allem bereit, was ihn nach oben bringen würde. Die „Sache“ mit der Alten im Eckhaus hatte ihn nicht belastet – er hatte in Erwartung der vom Conte ausgesetzten fünftausend Euro für eine Wohnungsräumung gut geschlafen in der Nacht.

Nach außen war er der nette, gepflegte Bursche geworden, der bei der INTERBAVARIA REAL ESTATE wegen guter Noten im Studium und auch mit Charme einen der begehrten Praktikumsplätze gewonnen hatte. Eine betuchte Kommilitonin, die „es“ offenbar hart mochte, hatte ihm ein paar teure Anzüge und Hemden sowie einen unglaublich teuren Herrenduft geschenkt, den er heute noch verwendete (die junge Dame dagegen nicht mehr).

Aber tief drinnen in ihm brodelte immer noch der andere, der alte Helldorf, der Schläger, der vor keinem fiesen Trick zurückscheute. Das eine wusste er immer noch mit absoluter Gewissheit: Die Schmerzen eines Verlierers würde er nie wieder spüren! Nie wieder! Wenn es zum Kampf kommen sollte, dann wollte, dann würde er jeden Gegner vernichten.

Wovor sollte der Praktikant sich fürchten, fand er in diesem Moment, vor dem Alten da drüben etwa? Ob der schon einen „auf dem Gewissen hatte“, wie er? Garantiert nicht. Weichei!

„Was willst Du?“, fragte er daher den Alten, „halt´s Maul und verschwinde, bevor ich dir eine reinhaue, die du so schnell nicht vergessen wirst, Alter!“ Das Wort „Alter“ spuckte er geradezu heraus. „Ich mach` dich so etwas von fertig, dich erkennt nicht einmal die Schlampe von Mutter wieder, wenn du überhaupt eine hast!“

„So wie bei Concetta?“ fragte Ernstl, „soll ich mich erst umdrehen, damit du feige von hinten kommen kannst? Soll ich einen Rock anziehen? Wie ein Mädchen? Hast Du sie verprügelt, weil sie dir einen Korb gegeben hat? Konntest du das nicht ab?“

Helldorf spürte, wie sich die dünne Akademikerschicht, die wie Tünche über seinem Denken und Handeln lag, tiefer in ihn zurückzog und das Straßengangmitglied wie eine andere Persönlichkeit darunter schwarz und wütend hervorkroch und die Steuerung übernahm. Seine Aufmerksamkeit fokussierte sich auf den Alten, er nahm nur noch seinen Gegner wahr, er scannte ihn geradezu ab: Hatte der etwas in Hand, mit dem er zuschlagen konnte? hatte er ein Messer, einen Schlagring? Wie stand er da, hatte er festen Halt? Trug er schwere Stiefel, auf die er aufpassen musste?

„Halt´s Maul, Alter! Ich sag`s nur noch dieses eine Mal. Halt´s Maul und verpiss dich. Sonst ...“

„Hoffentlich zieht er den Schwanz nicht ein und verdrückt sich nicht“, dachte Helldorf lustvoll und voller Vorfreude an das denkend, was gleich kommen würde.

„Sonst? Sonst verhaut der böse Junge den alten Mann?“ höhnte Ernstl, „Mensch, Helldorf, du bist doch so eine Pfeife, so ein Feigling ... du Frauenverhauer!“

Das war zu viel! Er gab dem Monster in sich endlich freie Bahn. Und das Monster übernahm gerne: Ansatzlos sprang Helldorf los, die inzwischen weniger als fünf Meter zwischen ihm und dem Alten überwand er mit zwei oder drei schnellen Schritten, dann trat er zu, um dem Alten mit dem ersten Tritt so in die Eier zu treten, dass die dem aus den Ohren herausquetschen würden, und ihm dann, wenn er sich vor Schmerzen windend am Boden lag, den Kopf zu Brei zu treten. Er trat gewaltig zu – und traf ins Leere!

Ernstl war zwar ein Boxer, einer der sich gentlemanlike an die Regeln eines fairen Boxkampfes hielt – respektive halten konnte, wenn er sich im Ring befand und wenn der Gegner das zuließ ...

Aber er war auch ein Rummelplatzboxer, der jahrelang mit allen dreckigen Wassern gewaschen war: Er hatte sich in den Kneipen von St. Pauli mit den foulsten Kerls von Schiffen aus der ganzen Welt und mit Zuhältern geschlagen, die zwanzig Jahre Knast auf dem Buckel hatten, er hatte sich mit Catchern und heruntergekommenen Box-Exeuropameistern geprügelt, er hatte jeden miesen Trick gegen sich angewandt erlebt.

Fairness? Regeln? Niente! Seine Gegner hatten Hände, Füße und Knie und den Kopf benutzt, um ihn so hart wie möglich da zu treffen, wo es wirklich weh tat, hatten Schlagringe, Totschläger oder Baseballschläger eingesetzt.

Er war so häufig getroffen worden, dass er den Schmerz der Schläge oder Tritte schließlich gar nicht mehr gespürt hatte. Kurz, seine Schule war nicht schlechter als die von Helldorf, er war ein dem Praktikanten mehr als gleichwertiger Gegner. Allerdings mit den Nachteil, wie er wusste, vierzig Jahre älter zu sein und dem Vorteil, vierzig Jahre mehr Erfahrung zu haben.

Ernstl hatte gewusst, wie sein Gegner reagieren würde, wenn er ihn zur Weißglut bringen würde: Sehr schnell, überraschend und garantiert mit dem Willen, sofort zuzutreten und möglichst schwer zu verletzen, den Gegner mit dem ersten Schlag oder Tritt zu Boden zu bringen, das wäre die „halbe Miete“. So denkt ein Straßenschläger, das wusste er.

Er konnte ein Augenblinzeln seines Gegners als Zeichen für den Angriff deuten und so sogar schneller reagieren als der andere. Ein schneller Schritt zur Seite, brachte ihn aus der Flugbahn und Trittreichweite des Jungen.

Im Kampf den Boden unter den Füßen zu verlieren, ist nie eine gute Idee! Kraft kann man nur dann auf den Gegner ausüben, wenn man einen festen Stand hat! Jedenfalls darf man nie den Boden unter den Füssen verlieren, wenn der Gegner schnell und wendig ist und zurückschlagen kann. Ernstl war zwar viel älter als sein Gegner, aber er war ein viel besserer Gegner, viel besser, als der vermuten konnte und er war immer noch wendig und schnell! Er verzichte sogar darauf, sofort von hinten zuzuschlagen, als Helldorf noch deckungslos seinen Stand und den verpassten Gegner suchte.

„Na, Kleiner, das war wohl nichts, wie? Ein Tritt ins Leere ... Hast Du nicht mehr drauf? Ist das schon alles? Na komm, Kleiner, versuch´s doch noch einmal mit dem Opa... komm schon, du hast vierzig Jahre Vorsprung vor dem Alten!“

Helldorf war mehr als überrascht, dass er den Alten nicht getroffen hatte. Er war vorsichtig geworden, der Alte schien mehr drauf zu haben, als er gedacht hatte – oder hatte er einfach nur Glück gehabt?

Helldorf drehte sich zu Ernstl um, an dem er vorbeigesprungen war. „Komm“, winkte er dem Alten mit beiden Händen zu, „komm doch!“

Er stand jetzt breitbeinig, die Beine leicht gebeugt, den Oberkörper etwas vorgebeugt, die Arme hielt er gebeugt vor sich, die offenen Hände nach oben gedreht, mit den vier Fingern winkte er Ernstl, zu kommen.

Ernstl sah die auffordernde Geste und sagte lachend: „Ich soll kommen? Bist du ganz sicher, mein Junge, das du das wirklich willst? Ja? Na dann - aber gerne doch, Jüngelchen.“ Damit machte er zwei tänzelnde Schritte auf Helldorf zu, der ihn immer noch in leicht gebückter Haltung erwartete. Wieder war es Helldorf, der aus dieser Haltung zuerst agierte wieder trat er mit einem Fuß zu, blieb diesmal aber mit dem anderen Fuß auf dem Boden stehen.

Und wieder wich Ernstl mit einem schnellen Schritt zurück, die Hände hielt er in typischer Boxerhaltung vor dem Gesicht als Deckung. Helldorf lächelte über diese typische und aus seiner Sicht völlig deplatzierte Haltung, der andere mochte ja glauben, Boxen zu können, deshalb vielleicht auch die schnellen Sidesteps, aber fighten wie Bruce Lee? Nie im Leben!

Er machte eine schnelle, sensenartige Bewegung mit dem anderen Fuß und traf Ernstl wie ein Kickboxer am Knie. Der knickte kurz ein und grinste Helldorf an: „Und das war´s jetzt? Dann pass´ auf, denn jetzt kommt Papa ...“

Mit zwei schnellen Schritten war er in Schlagdistanz für seine Fäuste. Es sollte sich rächen, dass Helldorf nie gelernt hatte, sein Gesicht zu decken! Ernstl schlug kurz und hart erst eine Gerade an den Kopf des Jungen, dann einen kurzen Haken auf den Solarplexus.

Nun machen asiatische (sogenannte) Kampfkünstler viel Hype und Lärm um ihre angeblich tödlichen Schläge mit den „tödlichen Händen“ – aber ein trainierter klassischer Boxer, der treffen will und (ohne Handschuhe!) hart zuschlägt, ist ihnen im Kampf mindestens gleichwertig, mindestens!

Schnell trat er nach den Schlägen einen Schritt zurück, denn der Junge versuchte ihn zu klammern, um dann wieder mit den Knien treten oder zu einem Kopfstoß ansetzen zu können.

„Nichts da!“ lächelte Ernstl ihn aus der Distanz an, „mein Junge, so nicht, nicht mit mir! Du musst noch viel lernen!“ Noch während der sprach, hatte er sich seinem Gegner wieder auf Schlagdistanz genähert. Seine Fäuste flogen und Helldorf wurde mehrfach im Gesicht getroffen – er mochte vielleicht dreckig fighten können, aber von einer normalen Deckung eines Boxers hatte er keine Ahnung, das rächte sich jetzt. Denn die Schläge prasselten auf ihn ein. Ein Cut über dem linken Auge ließ das Blut über das Auge laufen und deshalb konnte er die Schläge der Rechten von Ernstl gar nicht mehr kommen sehen, er nahm sie erst wahr, wenn er schon getroffen war.

Aber er blieb stehen! Er versuchte, sich mit wilden Schwingern zu wehren – ein lächerlicher Versuch, denn Ernstl pendelte die Schläge mit Leichtigkeit aus, trat dann für einen Moment etwas zurück, um schließlich noch dreimal gezielt hart zuzuschlagen. Er traf die bereits heftig blutende Nase, den Mund und das andere Auge. Ein Blutschwall ergoss sich aus Mund und Gesicht von Helldorf, der unter den letzten Schlägen auf die Lungen und Solarplexus halb benommen zusammenbrach und liegen blieb. Er versuchte wimmernd, die Hände schützend um den Kopf zu legen, um sich vor den nun von ihm erwarteten Fußtritten zu schützen.

Aber die kamen nicht. Ernstl schaute den am Boden liegenden Mann an und sah, dass der fertig war. Er drehte ab und sagte: „Ich glaube, der hat genug!“

Dann ging er mit Udo zurück zum Wagen, der ihm ein vorsorglich mitgebrachtes Handtuch reichte, damit er sich die Hände vom Blut seines Gegners reinigen konnte.

„Die haben keine Klasse mehr, nicht mal einen richtigen Straßenkampf können die“, wunderte sich Ernstl.

„Hat er dich getroffen?“, fragte Udo besorgt.

„Nee, nicht ein Mal, der kann wirklich nur kleine Mädchen verhauen! Der ist ´ne Memme ...“

„Aber er hat nicht einmal geschrien, als du ihn getroffen hast, und er hat auch nicht versucht, wegzulaufen“, meinte Udo mit einem Hauch von Anerkennung in der Stimme, „ich finde, eine Memme war der nicht!“

„Na gut“, gab Ernstl zu, „die Schläge hat er weggesteckt, wie ein Mann, aber glaub´ mir, so richtig hart hab´ ich nicht zugeschlagen! Komm lass uns zum Kiosk fahren, ich will jetzt ein Bier!“

Am nächsten Tag erschien Herr Helldorf nicht zur Arbeit – und an den folgenden auch nicht …

18. September. Werkstätten

Es war so gegen 04.00 Uhr morgens, als ein PKW vor dem Metallhandel in der Fuetererstraße hielt. Zwei ganz in schwarz gekleidete Männer mit grob schwarz geschminkten Gesichtern kamen von der Volkartstraße hinzugelaufen, öffneten die Heckklappe und luden wortlos sechs Zwanzig-Liter-Kanister aus. Einer von beiden schloss die Heckklappe leise und der PKW fuhr davon.

Die beiden „Schwarzen“ brachen leise das klapprige Holztor zum Metallhandel mit wenig mehr als den bloßen Händen auf – das war keine große Sache, denn der Zaun und das Tor waren mehr als morsch! Der Metallhandel brauchte auch keinen kräftigen Zaun, wer wollte denn wohl die tonnenschweren Aluminium- und Nichteisenmetallstangen fortschleppen, ohne einen mittelgroßen Kran und einen LKW einzusetzen.

Mit dem, was die beiden Männer vor hatten, hatten die Betreiber des Metallhandels in ihren wildesten Träumen nicht rechnen können.

Die beiden Männer mit den weit über den Kopf gezogenen Kapuzen ihrer Hoodies brachen die schwache Tür in wenigen Sekunden ohne Lärm zu machen auf und schleppten die Kanister auf das Gelände.

Sie fluchten leise, denn der Weg zu den Werkstätten war alles andere als ein „vernünftig begehbarer“ Weg, hier lagen die Metallstangen und Rohre nur etwas weniger hoch als links und rechts daneben. Da konnte sich, wer nicht gehörig aufpasste, leicht Füße oder Beine brechen. Sie balancierten also die acht Meter mit ihren Lasten über Rohre und Stangen, öffneten leise die nicht abgeschlossenen - warum auch? - Türen zu den Werkstätten und kippten die Inhalte ihrer Kanister mit Schwung in die Werkstätten hinein, sofort roch man den unangenehmen Benzingeruch ...

Einer der beiden betrat die Metallwerkstatt, schaute sich in der Dunkelheit kurz um, sah nicht viel und erst recht nicht die beiden Katzen, die weiter hinten zwischen Lumpen ein gemütliches Lager gefunden hatten, kippte einen halben Kanister Benzin weiter hinten in der Werkstatt über die Polster von zwei alten Sesseln, die da seit Jahren standen und die Flüssigkeit geradezu gierig aufsogen.

Der zweite stellte einen kurzen Kerzenstummel darauf. Die Kerze wackelte, aber schließlich fand er einen guten Stand für sie.

„Fertig?“, flüsterte er seinem Kumpel zu. Der nickte. „Dann verzieh dich, ich zünde das Ding jetzt an. Er musste sein Bic dreimal ratschen, dann züngelte die kleine Flamme hoch. Er entzündete den Docht, stellte die Kerze sorgfältig ab. Und verließ schnell und doch vorsichtig die Werkstatt. Er schaute sich noch einmal um, alles sah ruhig aus. Der andere hatte draußen vor der Tür auf ihn gewartet, gemeinsam schlossen sie sorgfältig die Türen der beiden Werkstätten von außen und legten Metallstücke, die sie gemeinsam gerade noch schleppen konnten, vor die Türen.

Sie schauten sich kurz an, nickten und grinsten einander dabei zu und verschwanden, wie sie gekommen waren: Vorsichtig balancierend. Sogar die aufgebrochene Zauntür lehnten sie wieder an. Dann verschwanden sie in der Dunkelheit der Fasaneriestraße. Niemand, der um diese frühe Morgenstunde vorbei kommen mochte, sollte auch nur ahnen, dass da wer gewesen war.

In der Werkstatt hatten die Katzen die Männer aus ihren Lagern beobachtet, als die wieder fort waren, hatten sie ein wenig den seltsamen Geruch geschnuppert, ihre Köpfe gesenkt und waren dann wieder eingeschlafen. Es waren alte, nicht mehr so neugierige Katzen!

Nebenan in Udos Werkstatt schlief Lucius Aurelius Brandt auf seiner Lagerstatt. Er hatte nichts von dem Besuch mitbekommen. Er hatte nur kurz gegrunzt, sich etwas geräkelt. Auf seinem Bauch schlief Baghira. Der hatte zwar die Männer gehört, aber da sein Mensch ruhig weiter schlief, hatte er keinen Anlass gesehen, irgendetwas zu tun. Als Herr Brandt wieder eingeschlafen war, hatte er sich wieder die bequemste Position auf Herrn Brandts Bauch gesucht, den Kopf auf die Vorderpfoten gelegt und war gleich wieder eingeschlafen und träumte von dicken Mäusen, wie seine zuckenden Ohren und Pfoten verrieten.

Doch dann passierte etwas! Entweder war die Kerze schon abgebrannt oder eine der Katzen war aufgewacht und auf der Suche nach einer unvorsichtigen Frühstücksmaus auf den Sessel gesprungen und hatte dabei die Kerze umgestoßen – das war nicht zu rekonstruieren und letztendlich auch unerheblich. Jedenfalls fing der mit Benzin getränkte Sessel mit einem Feuerball explosionsartig Feuer und setzte die vor Schreck zu spät wegspringende Katze in Brand, die in Panik schreiend durch die Werkstatt rannte und dabei das restliche Benzin, das noch nicht Feuer gefangen hatte, in Brand setzte.

Die zweite Katze versuchte verzweifelt einen Ausweg und fand die Klappe, durch die die Katzen zwischen den Werkstätten wechseln konnten, ohne im Winter durch diesen an den Pfoten so fies kalten Schnee tapsen zu müssen. Damit öffnete sie dem Feuer einen Weg in Udos Werkstatt, wo das Benzin geradezu danach lechzte, sich ebenfalls zu entzünden. Es entstand kein Brand, der sich langsam entwickelte und Herrn Brandt damit vielleicht ein Chance gelassen hätte. Hier war so viel Benzin verschüttet worden und es hatte genügend Zeit gehabt, sich zu einem explosiven Benzin-Luft-Gemisch zu entwickeln, das die Werkstatt geradezu explodierte!

Baghira sprang in Panik auf, versenkte dabei alle in Frage kommenden Krallen in Herrn Brandts Bauchhaut und weckte ihn damit aus seinem Tiefschlaf. Da brannten beide Werkstätten schon lichterloh. Herr Brandt rannte durch das Feuer zur Tür, dabei entzündete er seine altmodische Kleidung an den meterhohen Flammen um sich herum. Jetzt rächte sich, dass er immer noch die „doch noch guten“ Nylon-Hemden trug, die wie Zunder brannten. Er versuchte die Tür zu öffnen, aber da hatte er eigentlich schon keine Chance mehr, er brannte wie eine Fackel. Die Tür rührte sich keinen Millimeter. Nur Baghira gelang es, vor dem Feuer hinter ihm durch einen eigentlich viel zu kleinen Schlitz unter der Tür hindurch zu rutschen, weil Herr Brandt ihm mit letzter Kraft einen rettenden Tritt verpasste, der ihn in die Freiheit beförderte. Allerdings verlor er einen ordentlichen Batzen Fell an einem hervorstehenden Nagel.

Das Feuer verbrauchte rapide den in der Luft der Werkstatt vorhandenen Sauersoff. Der Sauerstoffmangel und die entstehenden Verbrennungsgase betäubten Herrn Brandt erst gnädig und erstickten den bewusstlosen Mann, der inzwischen lichterloh brannte, innerhalb weniger Minuten.

Als die Feuerwehr kam, war schon nichts mehr zu retten von den Werkstätten. Das trockene Holz war bis auf die Grundmauern abgebrannt. Die sehr wohl vorhandenen Feuerlöscher hatte Herr Brandt nicht versucht, in Betrieb zu nehmen. Dabei war es auch fraglich, ob sie ihm noch hätten helfen können.

Udo war von den aus allen Richtungen kommenden Sirenen der Feuerwehr- und Polizeiwagen geweckt worden. Zudem hatte die Kommissarin, die per Telefon informiert worden war, Sarah und Udo aus den Federn geklingelt.

„Komm schnell, Udo“, rief sie durch die Tür, „ich habe eine Meldung bekommen: Deine Werkstatt brennt!“

Sarah und Udo waren in Trainingsanzüge und Turnschuhe geschlüpft und rannten mit der Kommissarin den kurzen Weg durch die Hübner- und Fasaneriestraße zur Werkstatt.

An den Fenstern hingen, trotz der nächtlichen Stunden, Trauben von neugierigen Nachbarn in den verschiedensten Nachtbekleidungen, andere standen im Nachthemd oder Pyjama und Bademantel vor den Türen und diskutierten mit anderen Neugierigen …

Ein Polizist wollte sie an einer Absperrung aus rot-weißen Bändern aufhalten. „Nichts da, Kollege“, sagte die Kommissarin, zeigte ihren Ausweis und hielt Udo und Sarah dass Absperrband hoch, damit sie darunter hindurch schlüpfen konnten. „Die gehören zu mir“, erklärte sie den uniformierten Kollegen, „und außerdem gehört ihm“, sie deutete auf Udo, „die Werkstatt da auf dem Gelände …“

„Die ist hin“, sagte der Polizist trocken, „sie suchen noch nach Opfern …“

„Mein Gott“, seufzte Sarah, „weißt Du, ob der Brandt …?“. Sie vollendete den Satz nicht sondern schlug sich vor Schreck um die möglichen Folgen ihres Gedankens mit der rechten Hand auf den Mund. Die Kommissarin sah die Geste und fragte Udo: „Meinst Du, dein Schlafgast könnte heute Nacht da drin gewesen sein?“

Udo zuckte mit den Schultern. „Ich weiß nicht“, sagte er leise, „er meldet sich ja nicht bei mir an … Er kommt und geht, wie es ihm beliebt … Er hat ja einen Schlüssel von mir bekommen… Sonst würde er ja auch gar nicht mehr kommen ... Nein, ich hoffe nicht … Manchmal verbringt er die Nacht ja auch oben bei sich oder woanders …“

Alles troff vor Löschwasser und –schaum, die rotierenden Blaulichter zuckten und spiegelten sich in Wassertropfen und Pfützen, der schmale Gang war so glitschig, dass sie sich nur gebückt und sich mit beiden Händen links und rechts abstützend bewegten, um nicht zu stürzen – aber selbst so, fast kriechend, kamen sie kaum durch. Feuerwehrmänner wollten sie aufhalten, der Ausweis der Kommissarin erwies sich wieder als Sesam-öffne-dich.

Und dann hörten sie, wie ein Feuerwehrmann aus den dampfenden Resten von Udos Werkstatt unter der Atemmaske, die er hochgeschoben hatte, seinen Kollegen zurief: „Da liegt ja einer!“

Sarah griff ganz schnell Udos Hand. Der wurde plötzlich schneeweiß im Gesicht, begann dann hemmungslos zu weinen und schluchzte schließlich fassungslos: „Brandt! Das muss der Brandt sein … Wer denn sonst? Der arme Brandt … Der hat doch niemandem etwas getan … Was ist denn passiert? Wie kann das hier in Flammen aufgehen? Da brennt doch gar nichts! Der Ofen war doch aus!“

Er drehte sich Sarah zu und ließ seinen Kopf auf ihre Schulter sinken. Er weinte bitterlich, seine Schultern zuckten. Sarah hielt ihren Udo ganz fest. Hätte sie ihn jetzt nicht gestützt, wäre er an dieser Stelle wahrscheinlich zusammengebrochen.

„Kommt“, sagte die Kommissarin leise und legte Udo und Sarah je eine Hand auf die Schulter, „wir haben hier nichts mehr verloren … gehen wir.“

Ein Feuerwehrmann flüsterte ihr etwas ins Ohr, sie nickte ihm zu.

„Wir müssen hier weg. Wahrscheinlich Brandstiftung! Man hat Spuren eines Brandbeschleunigers gefunden! Das hier ist jetzt ein Tatort. Jetzt sind die Spurensucher am Zuge … Aber, verdammt noch einmal, wer zündet denn einen Schrottplatz an? Und warum?“

Langsam führte sie Udo und Sarah durch den schmalen, rutschigen Weg zurück zur Straße. Sie schaute zu den Kollegen und gab ihnen ein Zeichnen, dass sie bald wieder da wäre.

„Ich weiß, dass ihr jetzt nicht nach Hause gehen wollt, vielleicht auch nicht könnt, ich verstehe das sogar - aber hier könnt ihr im Moment nichts tun, ihr steht den anderen, Entschuldigung, nur bei der Arbeit im Weg, ihr Lieben. Kommt, ich bringe euch nach Hause, ich werde hier im Moment auch nicht gebraucht.“

Sie achteten nicht auf Wolfgang, der auf der Straße verzweifelt seinen geliebten Baghira suchte. Die Polizei ließ ihn natürlich nicht auf das verbrannte Gelände, kein Feuerwehrmann hatte im Moment Zeit, zu schauen, ob es irgendwo eine angesengte oder verbrannte Katze gab.

Wolfgang war allein mit seiner Verzweiflung in dem Unwissen, ob Baghira etwa auch ein Opfer des Feuers geworden war, denn er wusste nur zwei Dinge: 1.) Zuhause war er nicht. Und 2.) Wenn er nachts nicht zuhause war, hatte er sich gerne mit seinen Kumpels und Freunden in Udos Werkstatt aufgehalten. Wahrscheinlich hatten sie sich da nachts die wildesten Geschichten übers Mäuse- und Rattenfangen erzählt oder von den tollsten Kätzinnen, die sie gehabt hatten (bevor sie kastriert worden waren) – echte Katergeschichten eben …

Als Udo und Sarah an ihm vorbeigingen, fragte er sie verzweifelt, ob sie Baghira gesehen hätten? Udo schaute glasig durch ihn hindurch, ohne ihn wahrzunehmen, Sarah schüttelte wortlos den Kopf. Aber was sollte das bedeuten? Dass Baghira nicht da gewesen war oder dass er sie im Moment in Ruhe lassen sollte?

Die Kommissarin blieb einen Moment bei ihm stehen und erklärte ihm, dass man das Gelände noch nicht abgesucht hätte – man hätte allerdings einen Toten gefunden, aber das sei ein Mensch gewesen, den man noch nicht identifiziert hätte.

Wolfgang nahm in seinem Kummer auch nicht wahr, was sie ihm gesagt hatte, denn er hatte nur eines im Kopf: Seinen Baghira!

Er suchte ihn weiter, schaute unter jedes Auto, ob da sein verletzter Kater sitzen und auf seine Hilfe warten würde. Er suchte sogar die Straßen danach ab, ob einer der Feuerwehrwagen den Kater in seiner Panik mit seinen breiten Reifen überfahren hatte.

Irgendwer behauptete, Baghira noch nach dem Ausbruch des Feuers gesehen zu haben. Aber konnte er dem trauen? Und wo war Baghira jetzt? War er verletzt, schwer sogar? Brauchte er jetzt seine Hilfe? Starb er jetzt gerade in irgendeinem Versteck einen jämmerlichen Tod?

Er rannte die Straßen ab, ununterbrochen „Baghira, Baghira“ rufend. Er schaute noch Hunderte Metern von der Brandstelle entfernt immer noch unter jedes Auto, in jeden Kellerschacht. Er suchte seinen Kater rufend und lockend die Höfe ab, schaute hinter jeden Busch. Dann rannte er nach Hause, weil er auf die Idee kam, Baghira würde gerade jetzt Hilfe suchend vor der Wohnungstür sitzen. Aber kein Baghira ließ sich blicken.

Als Sarah, Udo und die Kommissarin in Sarah und Udos Wohnung angekommen waren, setzten sie als erstes den wie paralysiert erscheinenden Udo auf die Bank am Küchentisch.

„Bleibst du?“, fragte Sarah die Kommissarin, „Was willst Du jetzt alleine in deiner Wohnung? Obwohl, du bist ja an so etwas inzwischen gewohnt, oder?“ Und ohne Zusammenhang zu dem vorher gesagten fragte sie übergangslos: „Soll ich uns Kaffee machen?“

„An so etwas gewöhnt man sich nie, Sarah“, die Kommissarin schaute sie bei den Worten nicht an, sondern gedankenverloren in Richtung Fenster in den Hof, draußen war es noch so dunkel, dass sie nichts sehen konnte, „da kann man sich nicht daran gewöhnen, Sarah, und ehrlich, das wollte ich auch gar nicht! Man muss auch in meinem Beruf Mensch bleiben und dazu gehört ja auch, finde ich, dass man Angst und Entsetzen fühlt. Sonst ist man irgendwann zu einer Maschine mutiert … Setz´ du dich zum Udo, der braucht dich jetzt, Sarah! Lass mal, ich mache den Kaffee“, entgegnete die Kommissarin, „ich weiß ja, wo alles steht!“

Sarah setzte sich neben Udo, nahm ihn in den Arm und wiegte ihn vor und zurück wie ein Baby.. Der große Mann, den bisher nichts umgehauen hatte, der bei x „finalen Abrechnungen“ geholfen hatte, ohne mit der Wimper zu zucken, akzeptierte das widerspruchslos und weinte immer noch, jetzt allerdings ganz leise, vor sich hin.

„Warum denn nur?“, fragte er nach einer Weile mit stockender Stimme, er hatte sich halbwegs wieder im Griff, „warum denn der Brandt? Das arme Schwein hat doch nun wirklich im Leben noch niemandem etwas getan …?“

Die Kommissarin stellte drei Kaffeehaferl auf den Tisch, holte Milch und Zucker aus Kühl- und Küchenschrank und schenkte dann den Kaffee aus.

„Jetzt erzähl mal“, bat sie Udo, „wie war das mit dem Herrn Brandt? Warum war der in deiner Werkstatt?“

Udo schaute sie erstmals an, seit sie die Küche betreten hatten, sein Blick war jetzt wieder klar – als ob er „zurückgekehrt“ sei.

Stockend berichtete Udo, dass er, also der Lucius Aurelius Brandt, eigentlich im Haus nebenan, dem mit dem Gerüst, in einer besseren Abstellkammer mit Klo wohnte. Dass er Mathematiker sei, den niemand je verstanden hätte, nicht einmal normale Uni-Mathematiker, wahrscheinlich war er ein total verkanntes Genie … Ja, und dass er jeden Abend mit seinen Plastiktüten durch die Stadt spaziert wäre, immer den gleichen Weg, immer in der gleichen Geschwindigkeit … Keine Ahnung, warum?

Als er, Udo, den Brandt einmal zufällig in der Stadt getroffen und gegrüßt hätte, da hätte der ihn nur mit Mühe und Hilfe von Udo erkannt. Andere, die ihn mehr von Ansehen kannten, hatten erzählt, er würde sie außerhalb des Hübner-/Fasaneriestraßen-Gäus nicht erkennen. Hier an seiner Ecke oder im Laden, da dann schon …

Er müsse so eine Krankheit haben, also gehabt haben, deren Namen er sich nicht merken konnte, irgendwas wie Asbach uralt oder so… Der Brandt sei halt so ein wenig gestört gewesen, aber vollkommen harmlos! Der mochte nur nicht mit anderen Menschen reden, hat ihn ja auch keiner verstanden!

Und im Sommer habe er gerne in der Werkstatt geschlafen, weil da die Luft so viel besser gewesen sei als in seinem Wohnklo unter dem Dach, wo die Luft ja nur gestanden habe. Und die Katzen habe er so gerne gemocht! Wie oft hätten sie schweigend in der Werkstatt gesessen, jeder mit einer Katze auf dem Schoß und einem Bier in der Hand …

„Wer räumt eigentlich die Wohnung auf, also die im Eckhaus?“ wollte Udo dann wissen, „nicht dass da die Entmieter kommen und alles einfach wegwerfen! Ich will da zwar nichts von haben, der hinterlässt auch nichts von Wert … naja, vielleicht so eine Formelzeichnung, wenn da welche sind, meine in der Werkstatt sind ja verbrannt – so als Andenken, die will ja sonst eh keiner haben, die würden das ja für Kritzeleien eines Irren halten, wertlos! Aber für mich ist der ganze Brandt darin verborgen, als ob er weiterleben würde, versteht ihr?“

„Ich kümmere mich darum, dass da ein Polizeisiegel auf die Tür kommt … wartet, das ist ein Anruf!“ Die Kommissarin holte ihr Handy aus der Tasche, wählte und hatte gleich darauf einen Kollegen in der Leitung, dem sie ihren Wunsch erläuterte. Nach kurzem Gespräch bedankte sie sich und legte auf. „Schon erledigt!“, sagte sie, „da geht ein Kollege rauf und macht das Siegel an die Tür. Wenn du willst, können wir nachher im Laufe des Tages einmal rübergehen und uns in der Wohnung umsehen. Mal sehen, ob wir etwas Interessantes finden?“

Udo nickte ihr dankbar zu.

„Ich glaube, ich gehe jetzt mal wieder rüber zum Brand“, sagte die Kommissarin dann nachdenklich, „könnte ja sein, dass das mein Fall wird. Udo, ich melde mich bei dir, dann können wir uns für den Besuch in der Wohnung verabreden, okay?“

Als die Tür hinter ihr ins Schloss gefallen war, nahm Sarah Udo wieder in den Arm. „Ganz traurig?“, fragte sie.

Udo nickte. „Ja“, sagte er, „traurig und wütend, dass der arme Lucius da in etwas reingezogen worden ist, was er wahrscheinlich gar nicht verstanden hat. So wie ich seine mathematischen Probleme nie verstanden habe, und zwar auch nicht so viel“, er schnippte mit den Fingern, „hat der unsere Welt entweder nicht verstanden oder sie war ihm total egal, weißt Du, ich weiß nicht, der war ja eigentlich hochintelligent, vielleicht war dem das, was ich ihm erzählt habe, einfach nur zu flach? Dass ihn das gar nicht interessiert hat?

Eines habe ich so ungefähr behalten, was er mir erzählt hat, nämlich, dass das Universum auch wie eine Brezn geformt sein könnte, nur in hören Dimensionen, glaube ich. Und dann hat er gesagt, schau mal Udo, hat er gesagt, ich rechne dir das schnell vor, das ist ganz einfach …

Und er hat begonnen, mir das vorzurechnen, aber ich habe gleich abgewinkt, weil ich nichts verstand, schade eigentlich, ich hätte in der Schule beim Rechnen vielleicht besser aufpassen sollen … Das mit den Dimensionen hat er mir so erklärt: Also, die erste ist ein Strich, die zweite ist eine Fläche, und die dritte ist ein Raum, ungefähr so wie ein Schuhkarton! Und die vierte Dimension, die ist so, als wenn man sich den Raum als Fläche vorstellen würde – den Schuhkarton also zusammenklappen würde – und sich dann wieder eine Achse dazu denken würde…“

Sarah sah ihn skeptisch an. „Doch“, sagte Udo, „das ist so! Hat er gesagt! Aber mir hat das nicht geholfen. Und der Brandt hat mir dann gesagt, bis zur fünften Dimension könne er sich das ganz gut vorstellen, aber rechnen könne er beliebig viele Dimensionen.“

„Und die Brezn?“, fragte Sarah ihren Udo zweifelnd anschauend.

„Naja, in irgendeiner Dimension kommt dann die Brezn vor, den Rest habe ich vergessen, Sarah, leider!“ Er schüttelte traurig den Kopf, „und fragen kann man ihn ja nicht mehr …“

„Ach, Udo“, erwiderte Sarah, „Ich glaube, der hatte einfach ein anders zusammengebautes Gehirn, da, wo du gar nichts gesehen hat, hat der Muster gesehen und umgekehrt. Ich glaube so ähnlich ist das mit Asperger-Syndrom… Gehen wir noch einmal ins Bett?“

Udo blickte sie an, lächelte und meinte dann: „Ja, gerne, aber nur wenn ich mich bei dir nur ankuscheln kann… mehr mag ich heute nicht, bin nicht in der Stimmung, weißt Du?“

„Dummerchen“, lachte Sarah, „geht mir doch genauso! Komm …“ damit nahm die schöne Frau seine Hand und zog ihn ins Schlafzimmer und er trottete hinterher. Sie zogen zwar die Turnschuhe aber nicht die Trainingsanzüge aus, als sie sich zusammen kuschelten.

Währenddessen suchte Wolfgang zunehmend verzweifelt weiter seine Katze.

19. September. Im Laden

Morgens war im Laden die Hölle los! Viele von denen, die wegen der Feuerwehr früh aufgestanden waren, konnten vor lauter Aufregung nicht wieder ins Bett gehen, sondern waren auf die naheliegende Idee gekommen, dass ein früher Tagebeginn auch sehr reizvoll sein kann - vor allem mit frischen Semmeln und weich gekochten Eiern zum Frühstück. Und wo gab es die? Im Laden! In weiser Voraussicht, hatte Herr F. deshalb eine Stunde früher als sonst geöffnet.

Außerdem fanden sich im und vor dem Laden die Diskussionsgruppen zusammen, deren Teilnehmer alle ganz genau wussten, was los gewesen war …

Einer wusste, dass Aluminium von selber anfangen konnte zu brennen – und beim vielen Zeug, was da rumliegen tut … kein Wunder, das habe er schließlich schon immer gesagt, aber auf ihn höre ja niemand!

Ein anderer wusste genau, dass das natürlich Unsinn war, denn nur als sehr, sehr feines Pulver vorliegendes Aluminium würde brennen wie Hölle – dann aber, gute Nacht, Marie!

Wieder andere vermuteten, dass Pennern, die angeblich regelmäßig heimlich da kampiert hätten, der Ofen um die Ohren geflogen sei (bei 17,5° Celsius Nachttemperatur).

Nein, der Irre, der sei es gewesen, wussten andere (die waren eindeutig in der Mehrzahl), der, der immer mit den Lidl-Tüten unterwegs gewesen sei – wahrscheinlich hätte der im Drogenrausch sein Bett mit einem brennenden Joint angezündet … Der hätte doch schon lange nach Haar in die Irrenanstalt gehört! Den Mollath, den sperren´s weg, aber die wirklich Gefährlichen, die lassens`s laufen …

Spätestens da hatte Herr F. eingreifen müssen: „Sie“, hatte er gesagt, „der Brandt, den sie als den Irren bezeichnen, der war weniger irre als sie und ich zusammen! Der war einfach überintelligent, das sage ich ihnen …“

„Wie? Überintelligent – das arme Würstchen, dass sich nicht einmal sein Mittagessen selber bezahlen konnte, dass ich nicht lache, der konnte ja noch nicht einmal „guten Morgen“ sagen, wenn der hier reingekommen ist, und das würde sich ja wohl zumindest gehören! Und wenn der auch nur halbwegs intelligent gewesen wäre, dann hätte der ja wohl einen Job gefunden, um sein Leben zu fristen, oder? Der war nicht intelligent und überintelligent schon einmal gar nicht, der war einfach unverschämt … Zum Schluss habe ich den ja schon auch gar nicht mehr gegrüßt, weil der ja sowieso nicht zurück gegrüßt hätte!“

„Doch, doch“, widersprach Herr F., „der war ein Mathematiker und zwar einer von der allerbesten Sorte, habe ich mir von Leuten sagen lassen, die es wissen müssen!“

Er sagte nicht, dass es sich bei seiner Quelle um Udo handelte, der schon nicht gut rechnen konnte und von Mathematik erst recht keine Ahnung hatte und von höherer nicht einmal vom Hörensagen.

„Der Herr Brandt war so gut als Mathematiker, dessen Gedanken konnten nicht einmal normale Mathematiker folgen …“

„Der? Dass ich nicht lache!“, sagte Herr Sand aus der Schlange vor dem Tresen.

„Irre!“, ich sag`s doch!“ ergänzte Frau Kruse, „oder mindestens bekloppt …“

„Mein Gott“, sagte Herr F., „ seien sie da einmal vorsichtig! Wenn einer so intelligent ist wie der Brandt, dass der weiß, ja beweisen kann, dass das Universum eine Brezn sein kann, von der Form her, meine ich …“

„Hat er das behauptet?“ fragte Herr Moser, „sie, da gibt es aber auch andere Vorstellungen. Ich sage nur String-Theorie…“

„Übrigens“, rief Frau Kruse von hinten, „ich hätte gerne zwei, mit viel Salz, Brezn, meine ich, nicht Universums!“. Dabei wollte sie sich weglachen. Die anderen schauten sie nur zweifelnd an und dachten sich wohl, was die denn so spinne?

„Sie sind doch noch gar nicht an der Reihe!“, sagte Frau Keller-Gerecht, die weiter vorne in der Schlange stand „erst einmal ist die Frau Hofer dran, dann der Herr Moser und dann ich! Und wenn´s dann noch Brezn geben sollte, und daran zweifele ich, dann bekommen sie sie – vielleicht!“

„Sie immer mit ihrem Schweinkram“, wies Frau Kruse den hinter ihr stehenden Herrn Moser zurecht.

„Wieso Schweinkram?“ fragte der perplex, „was habe ich denn gesagt?“

„Naja, die Sache mit dem String! Was soll das denn wohl sein, eine Höschen-Theorie? Das kann doch nur wieder Schweinkram sein …“

„Lassen sie´s sein, Herr Moser“, sprang Herr F. Herrn Moser bei, obwohl der ihm so manches Mal mit seiner neunmalklugen Besserwisserei auf die Nerven gegangen war, „die Frau Kruse hat doch noch nie etwas von moderner Physik verstanden. Strings gibt es für die nur als Tanga, oder, Frau Kruse, jedenfalls in ihrer Bildungszeitung oder in der Bunten? Die ist übrigens gestern für sie gekommen! Herr Moser meint aber etwas anderes – und das hätte der Herr Brandt wahrscheinlich sofort erklären können …“

„Wenn er es denn gewollt hätte“, sagte Herr Moser.

„Hätte er sicherlich nicht“, sagte Herr F. „ denn stellen sie sich einmal vor, da kommt hier einer mit einem Supergehirn zwischen den Ohren rein, der hat eben noch darüber nachgedacht, wie das Universum in der ersten Pentillionstel Sekunde nach dem Urknall ausgesehen haben könnte, als es noch nicht einmal einen Meter Durchmesser hatte und als die Elementarteilchen sozusagen gerade darüber nachdachten, ob sie erst sich und dann Gott bilden sollten oder ob es andersherum richtig sei… Und dann reden die anderen hier im Laden, vom Fernsehprogramm auf Super RTL oder was dieser Bohlen-Heini gestern in „Deutschland sucht den Superstar“ gesagt haben soll oder darüber, dass sie bei „Wetten dass“ einem einen Eimer voll Eisstücken in die Hose geschüttet haben und die Nation sich vor Lachen über diesen wahnsinnig lustigen Witz ausgeschüttet hat... Da würde sich doch schon ein Normalintelligenter normalerweise stande pede umdrehen und wieder rausgehen, um sich seine Semmeln woanders zu holen – und dann erst einer, der wirklich intelligent ist oder sogar superintelligent, sie, dass das dem Schmerzen bereitet und der, der sich einen Asperger zugelegt hat, um da nicht mitreden zu müssen, das leuchtet mir persönlich ein!“

Was ist eine Pentillionstel Sekunde?“ fragte Frau Georgias, die gerade in dem Moment den Laden betreten hatte, von hinten.

Herr Moser drehte sich erfreut zu Frau Georgias um und er äußerte: „Das mit der Pentillionstel Sekunde hat er aus Mickey Maus, der Herr F., das ist eine Fantasiezahl, sehr klein, also sehr kurz, die Pentillionstel Sekunde, gnädige Frau, er meint wahrscheinlich eine Femto- oder Attosekunde! Eine Attosekunde ist eine Milliardstel Nanosekunde.“ Er blickte sie erwartungsvoll an, als warte er auf ihren Applaus über so viel Bildung.

„Ach so! Ja, natürlich, das sagt ja alles …“

„Meine Marmelade geht übrigens schon zur Neige, wann produzieren sie denn einmal wieder?“

„Bald wieder, Herr Moser“, lachte Frau Georgias, „bald! Ein paar …, wie hießen die Dinger gleich, Attosekündchen müssen sie schon noch warten! Sie warten wohl auf das geschenkte Glasl? Ich warte nur auf neue Früchte, die Frau Z. mir vom Großmarkt mitbringen wollte … Wo ist sie denn?“

„Noch auf dem Großmarkt“, erläuterte Herr F., „Nachschub kaufen, Aprikosen, glaube ich.“

„Lecker“, sagte Herr Moser, „Aprikosenmarmelade, ich liebe sie!“ und gleichzeitig sagte Frau Keller-Gerecht: „Apropos Asbach, haben sie den? Mein Mann hat gesagt, er würde gerne mal wieder einen trinken! Wegen: Im Asbach Uralt ist doch der Geist des Weines…“. Sie outete sich damit als eine Frau, die schon vor mindestens fünfzig Jahren aufmerksam Werbefernsehen geschaut hatte.

„Asperger, Frau Keller,“ sagte Herr F., ihren Doppelnamen verkürzend, weil er Doppelnamen grundsätzlich doof fand, „Asperger nicht Asbach – Asperger! Das ist eine Krankheit!“

„Und die kann man sich zulegen wie einen Hund?“

„Mein Gott“, sagte Herr F. ganz leise nur zu sich, „hatte der Mann eine gute Idee mit seiner Krankheit, der hatte das richtig gut – nämlich Ruhe! Wenn ich je daran gezweifelt habe, ob der Mann ein Genie war, jetzt weiß ich es!“ und laut sagte er: „Zur Selbstverteidigung, Frau Keller, geht das schon! Das muss man aber bei der Krankenkasse beantragen …“

„Ach so“, sagte Frau Keller-Gerecht zufrieden, weil sie es jetzt verstanden hatte, „ja das erklärt das!“

Als die Kommissarin den Laden betrat, wurde es ruhig, denn jeder wusste hier, sie war eine Offizialperson! Alle sahen sie neugierig an.

„Haben sie ihn schon, den Brandstifter?“ fragte Herr Sand neugierig, „meistens ist so ein Feuerteufel ja einer von der Feuerwehr …“, um dann gedankenschwer fortzufahren: „wenn man sich vorstellt, was da alles hätte passieren können, das ganze Viertel hätte ja in die Luft fliegen können, bei dem vielen Aluminium, das da gelagert wird, das kann ja brennen! Sie Frau Kommissar, das sollten sie verbieten!“

„Guten Morgen“, grüßte sie erst einmal freundlich in die Runde. Die in der unordentlichen Reihe anstehenden Kunden wichen ehrfürchtig zurück – man wusste ja nie, sie war immerhin eine echte Kommissarin und keine aus dem „Tatort“. „Ja danke“, sagte sie in Richtung des Herrn Sand, „Naja, so schlimm hätte es wohl kaum werden können… Aber wir arbeiten daran und wir werden ihren Hinweis bedenken …“ und in Richtung von Herrn F. sagte sie, sich gnadenlos vordrängelnd, : „„Sie, Herr F., kann ich für meine Mannschaft 12 Wurstsemmeln bestellen, für so in einer Stunde, dann machen wir Pause?“

„Natürlich“, antwortete Herr F., „die Frau R. soll die machen, die Frau Z. saust ja gerade über den Großmarkt … Sie, gibt es denn schon etwas Neues von da drüben? Etwas, was sie uns schon sagen dürfen? Wissen sie, wir halten hier ja alle dicht, da sagt keine etwas weiter …“ Er musste selber lachen, bei dem Gedanken, welche Plaudertaschen sich gerade im Laden aufhielten und in welcher rasenden Geschwindigkeit jedes Wort der Kommissarin verbreitet worden wäre.

„Naja, sie wissen es ja vermutlich doch schon lange, es hat einen Toten gegeben. Einen! Auf der Straße habe ich Gerüchte, dass es drei oder fünf Tote gegeben habe, gehört – das ist falsch! Es war einer. Nur einer und vermutlich zwei oder drei Katzen, die in dem Feuer umgekommen sind. Wir vermuten, dass es sich bei dem Toten um den Herrn Brandt hier aus dem Haus handelt, ganz sicher sind wir noch nicht. Er muss noch eindeutig identifiziert werden … Kannte ihn denn jemand besonders gut?“

Die Reihe wich wie auf Kommando geschlossen einen Schritt zurück, obwohl zwischen Regalen und Kühlschränken eigentlich gar kein Platz dafür war. Alle sahen in dem Moment betont gelangweilt und uninteressiert aus und blickten irgendwo hin, nur nicht in Richtung der Kommissarin. Es hätte nur gefehlt, dass einige begonnen hätten zu pfeifen und mit dem Fuß im Boden zu bohren.

„Ich“, sagte Frau Kruse unter den erstaunten Blicken der anderen langsam, „wenn sonst niemand … ich, vielleicht.“

„Ja gut“, sagte die Kommissarin, „sie sind Frau …? Geben sie mir bitte Namen und Adresse, ich lasse sie dann abholen, damit sie in die Gerichtsmedizin kommen, um ihn zu identifizieren. Sonst noch wer?“

„Der Udo“, sagte Herr F., „der kennt ihn am besten!“

„Ja, gut, Frau Kruse. Den Udo habe ich schon gebeten, den Herrn Brandt zu identifizieren. Ich lasse die Semmeln dann in einer Stunde holen, Herr F., vielen Dank!“ Mit einem „Grüß Gott“ verließ sie den Laden.

Kaum war sie draußen, fielen die meisten anderen über Frau Kruse her: „Sie kannten ihn doch gar nicht!“, sagte Frau Keller-Gerecht und Herr Moser fragte: „Wie wollen sie den denn identifizieren? Und haben sie schon mal eine verbrannte Leiche gesehen? Das sieht gruselig aus, allein die Fechterhaltung … “

„Ich war noch nie in einer Gerichtsmedizin,“ gab Frau Kruse zu, „nur im Krimi, ich will das endlich einmal in Wirklichkeit sehen! Und ob das da so riecht, will ich auch wissen.“

„Na dann, viel Spaß“, wünschte Herr Moser.

„Wahrscheinlich waren das die vom Vertriebspoint in der Raglovichstraße“, vermutete eine, „die wollen doch das Grundstück von den Bartlings schon lange haben. Wahrscheinlich hatten die gehofft, dass die Bartlings dabei umkommen oder dass sie jetzt endlich aufgeben. Die sind doch schon so lange dahinter her … Die wollen da doch bauen!“

„Ja“, sagte Herr F., „Luxuswohnungen, die wir hier unbedingt brauchen und einen beknackten viersprachigen Kindergarten oder so, in dem die Mütter ihre Kinder für vierundzwanzig Stunden am Tag über dreihundertfünfundsechzig Tage im Jahr abliefern können, damit sie sogar an Weihnachten, Pfingsten und Ostern noch selber Karriere machen können. Die haben sie doch nicht alle!“

„Naja“, sagte Frau Keller-Gerecht, „ich hätte meine Rasselbande damals auch gerne mal in den Kindergarten gebracht, sie, das sage ich ihnen, aber das ging damals ja nicht …!“

„Ja, schön und gut, aber doch nicht Tag und Nacht und dann noch auf Chinesisch! Da brauche ich doch gar nicht erst Kinder in die Welt zu setzen, wenn ich die dann in so etwas zur Aufbewahrung abgebe“, befand Herr F.

„Reden die da wirklich chinesisch?“ fragte Herr Sand.

„Unter anderem, ich glaube chinesisch, russisch, koreanisch…“

„Nein“, mischte sich Herr Moser wieder ein, „russisch, glaube ich nicht, dafür englisch!“

„Ich finde ja, die sollten vernünftig mit den Kleinen reden, da drinnen, deutsch und bayerisch, dass die Kinder etwas lernen fürs Leben, etwas Vernünftiges!“, gab Herr Sand seinen Senf dazu und die anderen gaben ihm nur zu gerne recht. „Oder kommt der Chines´ bald …?“, fragte er noch in die Runde.

Da waren sich alle einmal einig! Dann waren die Brezn aus, weil Frau Keller-Gerecht aus reiner Boshaftigkeit, die letzten fünf genommen hatte, Frau Kruse musste stattdessen Riemische nehmen. Und weil kein Asbach Uralt vorrätig war, bestellte Frau Keller-Gerecht für ihren Mann eine Taschenflasche „damit der sich nicht gleich einen auf die Lampe gießen tut, das kenne ich nämlich schon zur Genüge! Ein Stamperl muss reichen!“

Am Nachmittag kam ein mit den Nerven völlig fertiger Wolfgang in den Laden. Frau Z. und Herr F. versuchten mühsam das Chaos aufzuräumen, dass die vielen Kunden hinterlassen hatten. „Ich finde den Baghira nicht“, sagte er tonlos, „wenn der man nicht in dem Feuer umgekommen und verbrannt ist. Ich habe überall gesucht – in den Straßen und Höfen in der ganzen Gegend, hinter jedem Busch und unter jedem Auto habe ich nachgeschaut. Er ist wie vom Erdboden verschwunden, mein kleiner Kater … und auf die Brandstelle lassen sie keinen. Nur dass da zwei Katzen verbrannt sind, haben sie mir gesagt. Allerdings kein roter, aber wie will man bei einer verbrannten Katze sehen, was sie für ein Fell hatte?

„Und sie haben wirklich überall g‘sucht?“ fragte Frau Z. lächelnd.

„Ja, buchstäblich überall! Sogar das Straßenpflaster habe ich abgesucht, ob die Feuerwehr den Baghira vielleicht überfahren hat – nichts, keine Spur von ihm. Das sieht ihm gar nicht ähnlich!“ Wolfgang war ganz dicht vor dem Weinen, das sah Frau Z., lächelte Herrn F. zu und sagte dann zu Udo: „Na, dann kommen sie mal mit in die Küche…“

„Nein, danke, ich habe keinen Hunger“, lehnte Wolfgang ab.

„Nun kommen´s schon“, bestand Frau Z. darauf, dass er ihr folgen sollte. Als er in die Küche kam, sah er eine Weinkiste aus Holz, in der auf einem dicken Kissen sein Baghira schlief. Frau Z. hatte ihm direkt über dem Schwanz eine Wunde verbunden und am Bauch mehre Stellen dick mit Brandsalbe eingeschmiert und ebenfalls verbunden.

„Er hat sich alles gefallen lassen, hat nur ein paar Mal gezuckt, wenn es ihm wehgetan hat. Aber er war ganz brav und tapfer, der Kleine“, sagte sie ganz leise, damit er nicht aufwachte, „ich glaube, er braucht jetzt vor allem Schlaf!“

Wolfgang sagte nichts, er nahm stattdessen Frau Z. in den Arm und gab ihr einen dicken Kuss auf die Stirn.

„Sie“, sagte Frau Z., die ob des plötzlichen Ausbruches von Zuneigung ganz rot geworden war, „ des darf eig‘ntli‘ nur mei‘ Jürgen, und auch nur an hohen Feiertagen, also meistens am Donnerstag, also, der Kater, der stand so gegen halb zwei, wir wollt‘n grad schließen, etwas später als sonst wegen der vielen Kunden heute, vor der Tür und weinte. Wir ham ihn dann rein da, ham ihn medizinisch versorgt, sie, ich hoff‘ fei bloß, der verträgt die Menschensalben?“

„Doch, doch“, bestätigte ein total glücklicher Wolfgang, „das geht schon…“

„Der hat ganz still g’halt‘n, Wolfgang, ganz still, der hat scho‘ g‘wusst, dass wir ihm nur helfen wollten. Sie, der hat fei a‘n ganz schön tiefen Riss hat der da ganz hinten am Rücken, glei‘ vor‘m Schwanz, den haben wir verbunden. Katzen ham ja gutes Heilfleisch, sagt ma‘ immer, und wir ham ja früher auch immer welche g‘habt, scho‘ bei meine‘ Eltern, i‘ glaub‘, von dem Riss da sieht man in ein paar Tag‘n nichts mehr. Und am Bauch, gell, da hat er sich ein paar Stell‘n versengt, aber net wirkli‘ schlimm, aber das Fell is‘ weg da … Da ham wir a‘ Brandsalb‘n drauf g‘schmiert … Sie hätten amal mein‘ Jürgen sehen soll‘n, wie der liebevoll des g‘macht hat, das könnt‘ der auch amal mit mir wieda‘ mach‘n nach so vielen Jahren, ich hab’n g’halten, den Baghira und er hat die Wund- und Brandsalb‘n verteilt und ihn dann verbunden. Und da‘ Kater, der hat fei genau gewusst, dass er das braucht, so ein kluges Tier, gell, so ein kluges!“

Wolfgang konnte kaum sprechen, trotzdem brachte er ein „Danke“ heraus und „ich bin ja so froh!“ Und dann hatte er sich gefasst und fuhr fort, „Wissen sie, Frau Z., das Schlimmste war die Ungewissheit, ob der Kater lebt, wo er ist, ob er mich braucht, ob er leidet! Das ist schlimmer, als zu wissen, er wäre tot – aber er lebt ja Gott sein Dank! Sie, wie nehme ich denn den jetzt am besten mit, ich will sie ja nicht weiter mit dem kranken Tier belasten …“

„Ach geh‘ zua des, das war doch keine Belastung nicht, Wolfgang, das haben wir doch sehr gern g‘macht, also ehrli‘ g‘sagt, es war ein gut‘s G’fühl für uns, dem verletzt‘n Viecherl, das was a‘ Hilfe braucht hat, auch zum helfen können!“

„Also, noch einmal, Frau Z., ganz herzlichen Dank für alles, was sie für Baghira gemacht haben!“

„Ach geh‘ …“, sagte Frau Z., „das war doch selbstverständlich, dafür sind wir doch Nachbarn, oder? Sie, am besten nehmen’s glei‘ die ganze Katzenkiste mitsamt dem Kater mit. Der wird scho‘ sitz‘n bleib‘n, der ist doch ein so kluges Tier, net wahr?“ Sie streichelte Baghira ganz leicht zwischen den Ohren, da war er nicht verletzt. Baghira öffnete die Augen zu schmalen Schlitzen, sah, dass es seine Wohltäterin war, die ihn berührte, schloss er die Augen wieder und begann leise zu schnurren.

„Seh‘n s‘, Wolfgang, es geht ihm schon wieder besser – am schlimmsten war wahrscheinlich der Schreck! Mei, vielleicht hat er sogar einen Schock bekommen, sie, i‘ hab‘ g’les‘n, das können Tiere auch haben, so einen Schock, mein‘ ich.“

Wolfgang nahm vorsichtig die Kiste hoch, der Kater blieb liegen und machte keinerlei Anstalten, heraus zu springen. Wolfgang raunte ihm leise Beruhigendes zu und ging durch den Laden, wo er sich noch einmal bei Herrn F. bedankte, nach oben in seine Wohnung.

Dort rief er Udo an, um dessen Anrufbeantworter mitzuteilen, dass der Kater, etwas lädiert zwar, aber immerhin ganz, wieder zuhause sei. Dann legte er sich neben der Katerkiste in sein Bett und beide schliefen erschöpft ein.

20. September. Bei Brandt zuhause

Als das Telefon bei Udo und Sarah klingelte, meldete sich die Kommissarin, die bat, Udo sprechen zu dürfen, um ihm mitzuteilen, dass die Spurensicherung Brandts Wohnung freigegeben hätte, und dass sie sich dort in circa einer Stunde treffen könnten, wenn er noch wolle.

Natürlich wollte Udo, das wäre ja noch schöner gewesen!

Die Kommissarin wartete vor dem Haus auf ihn.

„Stehst Du schon lange hier?“, wollte Udo wissen, ob er sich verspätet hatte?

„Nur ein paar Minuten, ich bin auch gerade gekommen“, antwortete sie, „komm, gehen wir hinauf – den Schlüssel habe ich dabei.“ Sie klimperte mit einem dünnen Schlüsselbund: Ein Schlüssel für die Wohnung, einer für die Haustür und einer für die Tür des Metallhandels, wie sich herausgestellt hatte, sie brauchte Udo also gar nicht zu fragen. Udo fasste in die Tasche und holte sein Schlüsselbund hervor, suchte einen Schlüssel und sagte: „Ich hätte auch einen gehabt, den hat er mir damals gegeben, als ich ihm den für die Werkstatt gegeben habe.

Oben angekommen zerschnitt die Kommissarin das papierene Polizeisiegel und schloss die Wohnungstür auf.

Die Wohnung war wirklich sehr klein: Ein Flur von vielleicht vier Quadratmetern, von dem eine Tür zum winzigen Badezimmer und Klo, eine in eine Miniküche und eine in ein vielleicht 15 Quadratmeter großes Zimmer führte. Das Zimmer enthielt eine Couch mit zerwühltem Bettzeug, einen Tisch, vor dem ein einziger Stuhl stand und einen Schrank, der sich als Wäscheschrank für ein paar abgetragene Kleidungsstücke entpuppte.

Udo deutete auf eine Kommode und fragte die Kommissarin, ob er die öffnen dürfe? Die nickte ihm zu, und sah ihm dann über die Schulter, als Udo einen Ordner, den er offenbar gesucht hatte, entnahm. „Für Udo“ stand in sorgfältig geschriebenen Buchstaben auf den Rücken.

Udo sah sich um, dann legte er den Ordner auf den Tisch, auf dem eine billige Wachsdecke lag, und setzte sich auf den einen Stuhl. Die Kommissarin sah ihm wieder zu, sie wusste ja schon, was Udo finden würde: Das erste Blatt war ein mit einer Schreibmaschine (!) fehlerfrei getipptes Inhaltsverzeichnis und dann waren da in Plastikhüllen eingelegt einige Umschläge – einer an Udo adressiert, zwei an die norwegische Akademie der Wissenschaften, zwei an das Weierstraß-Institut für Angewandte Analysis und Stochastik (c./o. Internationale Mathematische Union) in Berlin und ein besonders dicker an Herrn Grigori Jakowlewitsch Perelman in Leningrad.

Udo schaute sich fragend nach der Kommissarin um.

„Das haben wir schon geprüft: Der Perelmann ist ein Russe, Mathematiker, ein totales Genie, lebt bei seiner Mutter. Das muss so ein Typ sein, wie Brandt einer gewesen ist - totaler Einzelgänger… Und kürzlich hat der irgendwelche mathematischen Probleme gelöst, an denen sich ganze Generationen von Mathecracks bisher die Zähne ausgebissen haben.

Das Institut in Berlin vergibt alle vier Jahre die Fields Medaille, so etwas wie den Nobelpreis der Mathematik, und die norwegische Akademie der Wissenschaften verleiht den Abelpreis – gibt 750.000 Euro, wenn du ihn bekommst. Für die Fields-Medaille gibt es nur vergleichsweise läppische 15.000 Dollar – aber die Ehre ist unbezahlbar …

Weiter hinten sind noch zwei Umschläge an das Clay Institute in Cambridge, Massachusetts in den USA. Die vergeben auch einen Preis für die Lösung von bestimmten mathematischen Rätseln - jeweils eine Million Dollar… Sieht so aus, als hätte dein Freund da etwas in petto gehabt, von dem er glaubte, es würde ihn berühmt machen. Wir haben die Briefe aufgemacht und gleich wieder verschlossen: Das hat keiner verstanden! Du sollst die Briefe versenden, steht da in dem Brief an dich …“

Als Udo sie erstaunt anguckte, ergänzte sie zur Erläuterung: Bei einem ungeklärten Todesfall müssen wir solche Umschläge öffnen, Udo, das hat nichts mit Neugierde zu tun, das ist unser Job. Intimsphäre muss da häufig zurückstehen, weißt du …“

Udo sah sie an und nickte. „Schon gut“, sagte er, „das verstehe ich.“

Er öffnete den an ihn adressierten Briefumschlag. „Schön wieder zugeklebt!“, sagte er, die Kommissarin zuckte mit den Schultern. Udo begann zu lesen, lang war der auch mit der Schreibmaschine getippte Brief nicht:

Mein lieber Freund Udo!

Dies wirst Du lesen, wenn ich tot bin. Wie und wann ich zu Tode gekommen sein werde? Keine Ahnung, Gott sei Dank kann man das nicht berechnen– ist auch egal, auf jeden Fall ist es ein finales Ereignis, nicht reversibel ...

Ich danke Dir für Deine Freundschaft, Deine Zeit, die Du mit mir so häufig in Deiner Werkstatt verbracht hat – das gemeinsame Schweigen mit den Katzen war das Beste, was meine Mitmenschen mir geben konnten.

Ich fand es schön, dass Dir meine Formeln gefallen haben – ich habe gesehen, dass Du sie nicht begriffen hast! Denke Dir nichts dabei, das habe ich ja manchmal selber kaum.

Bitte sende die Briefe aus dem Ordner ab, sie sind adressiert und frankiert. Es besteht eine gute Chance, dass dein Freund LA Brandt posthum berühmt werden wird. Posthum ist gut, als Lebender hätte ich den Rummel nicht überlebt. So ist es besser. Und falls sie die Preisgelder auszahlen sollten, Udo, dann sollst Du sie bekommen und entscheiden, was damit werden soll. Und einen schönen Batzen sollst Du davon behalten. Für alle Fälle habe ich ein Testament gemacht, das beim Nachlassgericht liegt. Da steht alles drinnen.

Ich habe ein Konto bei der Stadtsparkasse. Da müsste genug Geld sein, dass man eine einfache Beerdigung arrangieren kann. Am günstigsten wird es wohl sein, mich im Grab meiner Eltern auf dem Waldfriedhof beizusetzen. Darf ich Dich um den großen Gefallen bitten, meine Beerdigung zu organisieren, Udo. Es tut mir Leid, aber ich habe außer dir keinen, den ich darum bitte könnte.

Lebe wohl, mein Freund, mein einziger, den ich je hatte und grüße Deine schöne Frau, die auf der Straße zu grüßen, ich nie den Mut hatte. Aber ich habe ihr so gerne nachgeschaut. Ich hoffe, sie hat es nicht gemerkt.

Alles Gute

Dein Lucius Aurelius Brandt

Die Unterschrift war handschriftlich. Und ebenfalls handschriftlich war folgender Satz hinzugefügt:

Ich habe meine schönsten Formeln für Dich auf ein Blatt Papier geschrieben. Das liegt unter meinem Bett. Wenn Du Lust hast, nimm es, es – bitte halte mich nicht für arrogant -könnte einmal eine Ikone der Mathematik werden… (jetzt bin ich doch eitel geworden auf meine alten Tage)

Udo musste sich eine Träne aus dem Auge wischen, die sich da gebildet hatte, er musste schlucken. Die Kommissarin sagte: „Er scheint gewusst zu haben, was er sich da ausgedacht hat … Naja, Mathematiker sind schon eine besondere Rasse, glaube ich. Er war wohl wirklich ein verkanntes Genie.

Udo zog eine große flache Mappe, wie sie sonst Künstler benutzen, unter dem Bett hervor und schlug sie auf: Da waren sie in einer unglaublich sorgfältigen Schrift, die „Kritzeleien“, die er aus den abendlichen Schweige-Katzen-Bier-Sitzungen kannte.

„Kann ich die mitnehmen?“ fragte er die Kommissarin. Die nickte und sagte: „Die hat er dir hinterlassen, Udo, Kompliment zu so einem Freund … Natürlich kannst Du die mitnehmen. Ich würde gut darauf aufpassen auf die Ikone der modernen Mathematik!“

Sie machte eine Pause und sprach sehr leise weiter, so dass Udo es kaum verstehen konnte: „Weißt Du, so einen hätte ich auch gerne einmal …“ Und als Udo sie erstaunt ansah, ergänzte sie eilig: „Entschuldige Udo, was rede ich denn da für einen Unsinn, ich habe ja Euch, Dich und Sarah, was rede ich denn da? Nimm das Gebrabbel einer alten Frau bitte nicht ernst!“

Eine Weile blieben sie stumm, die Kommissarin hatte sich inzwischen auf das Bett gesetzt. Jeder schaute irgendwo ins Nichts, hing seinen Gedanken nach.

„Und so einen bringen die um!“, sagte Udo irgendwann sehr leise.

„Wen meinst Du mit „die“ „, fragte die Kommissarin jetzt beruflich werdend, ohne ihn anzusehen, „hast du da wen Speziellen im Verdacht?“

„Das liegt doch auf der Hand“, sagte Udo und sah der Kommissarin direkt ins Gesicht, „die Entmieter, die von der INTERBAVARIA REAL ESTATE, wer denn sonst?“

„Ja“, sagte die Kommissarin nachdenklich, „das könnte man als auf der Hand liegend bezeichnen, Udo, aber das Dumme ist, es gibt keine Zeugen und keine Beweise, nichts, kein Fitzelchen, keine Spuren …“

„Das kann doch nicht sein!“ widersprach Udo, „habt ihr denn genau genug hingesehen?“

„Haben wir, Udo, haben wir …“ antwortete sie, „da kannst du Gift drauf nehmen …, die Spurensicherung hat alles haarklein untersucht. Der Brandbeschleuniger, der verwendet worden ist, war wohl stinknormales Superbenzin … Wenn die nicht so blöd waren, einhundertfünfzig Liter von dem Zeugs direkt vor der Tat an der Tankstelle in der Dom-Pedro-Straße zu kaufen, kriegen wir die nie! Spuren gibt es auf dem ganzen Metall nicht und wenn es einen Fußabdruck gegeben haben sollte, ist der durch das viele Löschwasser aus den Hochdruckrohren der Feuerwehr schon lange weggespült worden. Was brauchst Du noch? Einen Kerzenstummel … Kriegst du überall, zur Not kurz nach Weihnachten aus jeder zweiten Mülltonne …“

Sie schwieg, Udo sagte auch nichts, er fühlte sich leer, seit er wusste, dass die Polizei sozusagen schon aufgegeben hatte!

„Habt ihr aufgegeben?“, fragte er in den kleinen Raum hinein, ohne die Kommissarin anzusehen.

„Nein“, gab die zur Antwort, „das tun wir so schnell nicht, und wenn einer zu Tode gekommen ist, ganz und gar nicht … Aber irgendwann kommen andere Fälle und der Tod von dem Freund rutscht in der Prioritätenliste nach unten. So ist das!“

Sie schwiegen.

„Wenn sich nicht bald ein Zeuge meldet, bleibt es dabei! Und was soll der sagen? Das Übliche wahrscheinlich: Ein oder zwei Männer in dunklen Klamotten mit Kapuze sind nachts im Schatten herumgehuscht und später hat es gebrannt … sehr hilfreich! Vielleicht noch, in welche Richtung sie verschwunden sind. Wenn sie klug waren, hatten sie hinter der nächsten Ecke Fahrräder versteckt … natürlich ohne Nummernschild! Fahrradfahrer sind absolut anonym unterwegs. Und wahrscheinlich haben sie die Radl eine Stunde vorher geklaut … Udo, ich will dir keine falschen Hoffnungen machen, da passiert nichts mehr … polizeilich gesehen, meine ich!“

Udo blätterte gedankenverloren im Ordner.

„Ich kann deine Gedanken geradezu lesen“, sagte die Kommissarin schließlich, „und ich rate dir: Tue es nicht!“

„Was denn?“, fragte ein leicht lächelnder Udo, ohne sie anzusehen.

„Das an was du gerade denkst: Rache! Lass´ es …“

„Warum?“ fragte Udo neugierig.

„Weil ich Dich kriegen würde, weil ich müsste …“

„Wieso?“

„Weil das Motiv da ist, ja geradezu auf der Hand liegt! Und weil die Anzahl der in Frage kommenden potenziellen Täter dann sein klein ist … Wahrscheinlich keine fünf Leutchen, wenn´s hoch kommt! Nein, Udo, lass lieber die Finger davon! Das sage ich dir als deine gute Freundin …“

Und nach einer Weile schob sie hinterher: „Weißt du, da waren letztes Jahr so viele ungeklärte Morde in München …“

„Ja, und?“

„… mit Bezügen, die irgendwie nach Neuhausen zeigen. Im Moment liegen die brach …“

„Ich verstehe dich nicht“, erwiderte Udo, „was habe ich damit zu tun?“

„Nichts, Udo!“ erwiderte die Kommissarin tonlos, „und im Moment liegen die alten Akten ganz unten im Stapel. Und da sollten sie auch bleiben, finde ich!“

Udo sah sie an, ohne eine Miene zu verziehen.

„Komm“, sagte sie schließlich, „lass uns gehen, mehr ist hier nicht zu tun … Nimm deinen Ordner mit und die Mappe!“

Im Treppenhaus trafen sie Wolfgang, der ihnen erzählte, dass er gerade von der Metzgerin in der Heideckstraße kam und Fleisch für Baghira gekauft hatte, weil der jetzt ja Kraftnahrung brauchte – und außerdem sollte er es gut haben, der arme tapfere Kerl! Dann sagte er: „Wenn ich das Schwein erwische, der das getan hat, dann Gnade dem Gott, sage ich Euch!“

„Ich habe es schon Udo gesagt“, sagte die Kommissarin, „keine Selbstjustiz! Das lohnt sich nicht, weil, dann müssen wir nach euch suchen – und wir kriegen euch, garantiert! Wenn sie etwas wissen, sagen sie es mir, damit ich aktiv werden kann. So muss das gehen und nicht anders, wir leben in einem Rechtsstaat!“

„In dem irgendwer Menschen und Katzen abfackeln kann … Kriegen sie den denn?“, fragte Wolfgang skeptisch, „oder heißt es wieder: Keine Zeugen, keine Spuren?“

„Wahrscheinlich“, warf Udo ein, „darauf wird es hinauslaufen … oder?“ fragte er schließlich die Kommissarin.

Die zuckte mit den Achseln und sagte: „Wenn uns keiner hilft?... “

„Und was ist mit uns?“ fragte Wolfgang, „wer hilft uns?“ Damit ging er weiter.

29. September. Chiara

Am Mittag traf die von Chiara erwartete Email aus dem Notariat ein, die besagte, dass das angebliche Update eingespielt worden sei.

Ihr Programm, das angebliche Update der Notariatssoftware öffnete ihr eine für andere nicht erkennbare Hintertür als Administratorin in das Netzwerk des Notariats; selbst ein guter Administrator würde ihr normalerweise nicht auf die Schliche kommen, das wusste sie. Jetzt konnte sie im Notariat alles machen, was man dort mit PCs und Software machte – im Zweifel mehr als der Notar selber! Selbst in den verschiedenen Protokolldateien des Systems würden ihre Aktivitäten nicht auftauchen – gekonnt ist eben gekonnt!

Aber so ausgeklügelt ihre Spyware auch sein mochte, für sie galt: Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste. Daher unternahm sie im Laufe des Tages nichts, damit sie auch nicht durch einen dummen Zufall entdeckt werden würde, sie war lange genug im Geschäft, um zu wissen, dass beim Hacken alles möglich war und frau auch nicht das kleinste vermeidbare Risiko eingehen sollte. Sie wartete also bis gegen zweiundzwanzig Uhr – da meinte sie, würde auch der fleißigste Notar nicht mehr arbeiten.

Kurz nach zehn Uhr abends loggte sie sich in das Netzwerk ein. Als erstes prüfte sie, ob noch jemand im System angemeldet war. Wie erwartet war um diese Zeit außer ihr niemand mehr im System angemeldet – sie war ganz allein.

Für alle Fälle hatte sie sich die wichtigsten Seiten aus dem ProNotar Pro2-Handbuch ausgedruckt. Aber auch ohne das Handbuch zu Rate zu ziehen, fand sie ohne große Mühe ihren Gesprächstermin beim Notar im Kalender und nach geringfüg längerer Suche auch die drei Dokumente mit den dazugehörigen Urkundennummern. Gut, mehr wollte sie im Moment auch nicht. Sie wusste jetzt, dass sie den Zugang zum Notariatssystem hatte und jeden Moment handlungsfähig wäre.

Die Rechnung war noch nicht geschrieben. Das hatte sie auch nicht erwartet, weil sie die Ausfertigung der Urkunden doch selber hinausgezögert hatte. Und das würde sie auch noch etwas ziehen - solange, bis sie mit ihren Aktivitäten „soweit“ war!

Schließlich loggte sie sich wieder aus, ohne Spuren hinterlassen zu haben. Nur wenn ein verdammt ehrgeiziger Administrator wusste, wonach er zu suchen hätte, würde er (vielleicht!) finden, das sie da gewesen war. Aber mit sehr großer Wahrscheinlichkeit – für sie war es Gewissheit - würde ihr kurzer Besuch unerkannt bleiben.

29. September. Chiara

Am Nachmittag betrat eine businessmäßig elegant gekleidete Chiara die Räume der BAVARIA HYP in München. Das ist keine „normale“ Bank mit Schaltern – Chiara stand in einem Empfangsraum mit schwarzen Ledercouchen und vielen, wahrscheinlich teuren Bildern an den Wänden und einem riesigen Blumengesteck in einer Bodenvase. Bankangestellte waren nicht zu sehen. Sie hatte sich kaum gesetzt, als sich eine unauffällige Tür öffnete und ein Bankangestellter in schwarzem Anzug sie freundlich begrüßte und sie nach ihren Wünschen fragte.

„Erst einmal möchte ich ein Konto eröffnen“, sagte sie lässig und schaute sich demonstrativ uninteressiert um. „Schöne Bilder“, sagte sie dann.

„Oh“, sagte der Bankmensch mit Bedauern in der Stimme, „ein Gehaltskonto? Das machen sie vielleicht besser bei der Stadtsparkasse…“. Er zögerte als ob er nicht wisse, ob er „mein Fräulein“, „junge Frau“ oder „gnädige Frau“ sagen sollte.

„Nein“, sagte Chiara, „kein Gehaltskonto. Ich erwarte eine größere Summe aus dem Ausland, also aus meiner Sicht natürlich, für sie dürften ein Million oder zwei Millionen und ein bisschen ja eher Spielgeld sein, oder?“

„Gnädige Frau“, hatte sich der Banker entschieden und antwortete jetzt schon sehr viel freundlicher und ihr zugewandt, „Ihre erste Million? Die ist ja immer am Schwierigsten, nicht wahr…“. Er lachte sie bei dem alten Witz freundlich an. Ganz nett sogar, fand Chiara, „entschuldigen sie bitte mein Missverständnis“, er deutete sogar eine kleine Verbeugung an und deutete auf eine Treppe im Hintergrund, „darf ich sie in mein Büro bitten, damit wir den unerlässlichen Formularkram erledigen können… Darf ich Voraus gehen? Darf ich ihnen etwas zu trinken bringen lassen?“

Eine halbe Stunde und einige Unterschriften später verfügte sie über ein Konto bei der BAVARIA HYP und alle erforderlichen Unterlagen, um Online-Banking durchzuführen, weil, wie sie gesagt hatte, sie selten in München wäre und es gewohnt sei, ihre Geschäfte von unterwegs zu erledigen. Auf die Frage, was das denn für Geschäfte seien, hatte sie geantwortet: „Ach, dies und das rund um Immobilien… Für die nächsten Millionen, wissen sie, die, sagt man ja, sollen leichter zu verdienen seien.“

Der Banker hatte herzlich gelacht und letzterem zugestimmt.

Auf ihre Frage, ob das verwendete Online-Banking-Verfahren denn wirklich sicher sei (man höre ja dies und das), lachte er und winkte ab: „Unser Verfahren ist total sicher, gnädige Frau, da können sie mir vertrauen.“

„Ja“, sagte sie, „das ist schön… Aber ich verstehe so wenig von Computern, können sie mir das einmal vormachen? Sonst begreife ich das nie…“

Er stimmte gerne zu, genau dafür hätten sie schließlich einen Übungsaccount…

„Was haben sie? Einen Akk…?“

„Einen Account, eine Art Konto, sehen sie…“

„Nein“, lächelte Chiara, „von Anfang an – Computer aus! Kann ich jetzt doch etwas zu trinken haben, vielleicht ein Glas Prosecco, wenn es ihnen nichts ausmacht?“

Es machte ihm nichts aus, er orderte das Glas bei der Abteilungssekretärin.

Chiara bat noch um ein Blatt Papier und einen Stift, damit sie sich Notizen machen konnte. Der Banker wollte ihr mit der Bemerkung „Hier steht alles drin…“ eine kleine Broschüre reichen, die sie dankend nahm. Dann sagte sie: „Trotzdem, ich muss mir Notizen machen. Das muss genau so sein, wie ich das auch machen muss. Oder können sie das von meinem Laptop aus machen? Da ist bestimmt auch etwas zu installieren?“

Sie reichte ihm ihrem Laptop, den sie mit einem bezaubernd hilflosen Lächeln aus der großen Handtasche gezaubert hatte: „Ich bin so ein Dubbie, was Computer angeht…“

Irgendwie war ihm das nicht recht, aber er riss sich zusammen, nicht zuletzt deshalb, weil er erst vor kurzem einen Lehrgang besucht hatte, in dem ihm zum xten Male beigebracht worden war, dass der Kunde König sei und immer Recht habe – und erst recht eine Hübsche, die mehrere Millionen erwartete

Er öffnete den Laptop und startete ihn. „Wollen sie das Passwort eingeben?“, fragte er Chiara. „Ach, sagte die, das ist ganz einfach, das heißt PASSWORT…“

Er schaute sie zweifelnd an: „Gnädige Frau, wenn ich das so sagen darf, das sollten sie unbedingt ändern…“

„Was anderes kann ich mir nicht merken.“

„Trotzdem“, sagte er, „das macht man einfach nicht, wenn ihr PC irgendeinem bösen Buben in die Hände fällt, das hat der sofort geknackt…“

„Meinen sie? Ja dann muss ich wohl. Ich werde meinen Nachbarn bitten, der macht so etwas immer für mich, wissen sie. Gibt es denn sichere Passworte?“

„Natürlich, dafür gibt es Programme, die ermitteln total sichere Passworte, die gibt es sogar im Internet…“

„Die Passworte?“

„Nein, die natürlich nicht, ich meine Programme, die diese Passworte erzeugen! Naja, die laufen im Internet, insofern haben sie sogar Recht, dass man sein sicheres Passwort aus dem Internet bekommt.“

„Das ist ja toll. Könnten sie das vielleicht gleich einmal? Ich meine, ist das viel Arbeit?“

Jetzt hatte sie ihn…

„Natürlich, das geht ganz schnell, dafür muss ich aber meinen Arbeitsplatzrechner hochfahren. Einen Moment, bitte.“. Er startete seinen Rechner und gab das Rechnerpasswort ein, ohne auf die junge Frau neben ihm zu achten, die ja ganz offenbar nichts, aber auch gar nichts von Rechnern verstand.

Chiara schaute ihm dagegen genau zu. Das Passwort, das sie beim Eingeben von der Tastatur mitlesen konnte lautete: „Kevin2005“. Offenbar Name und Geburtsjahr des Sohnes des Bankers.

„Moment“, sagte er nach einem Augenblick, ich muss mich erst ins System einloggen, sonst komme ich nicht ins Internet. Er verwendete dasselbe Passwort: In mehrfacher Hinsicht dumm von ihm (ein leicht merkbarer Begriff, sogar mit persönlichem Bezug, keine Sonderzeichen, keine Groß-/Kleinschreibung) und verstieß auch gegen jede Firmen-Procedure, denn so ein Passwort war leicht zu knacken.

Mehr wollte Chiara ja nicht von ihm. Statt sich auf seine Erläuterungen des Online-Bankings zu kümmern, himmelte sie ihn weiter hemmungslos an und rückte ihm auch ein Stückchen näher, was ihm offenbar so gut gefiel, dass er nicht bemerkte, dass Chiara sich überhaupt keine Notizen machte.

Eine weitere halbe Stunde später schaute sie auf die Uhr, stieß einen erstaunten kleinen Schrei aus: „So spät schon? Oh Gott, ich komme zu spät! Der Monsignore wird wütend sein…“

Sie ließ offen, wobei oder bei wem sie zu spät kommen würde (einen Monsignore kannte sie nicht) und packte hastig ihre Sachen zusammen, bedankte sich überschwänglich und war gleich darauf verschwunden.

„Kevin2005“, murmelte sie beim Verlassen der Bank mehrfach. Als sie draußen war, schrieb sie sich das auf.

1. Oktober. Beerdigung

Die Sammlung im Laden hatte keine große Summe erbracht, sie wäre geradezu mickrig geworden! Lucius Aurelius Brandt war eben „der Irre mit den Plastiktüten“, der, der nie gegrüßt hatte, der, der nie zum „Ratsch“ stehen geblieben war, vor dem einige sogar Angst gehabt hatten („wegen der Augen …. Der hat einen ja so komisch angeschaut, gerade durchleuchtet hat der einen“) – kurz, die anderen mochten ihn nicht. Und das hatte sich darin gezeigt, dass kaum jemand gespendet hatte. Die Anwältin, der Autor, Frau Georgias und Herr Moser hatten zwar etwas „papierenes“ in des „Schweinderl“ hinein gesteckt, aber die anderen eben nicht! Hätte nicht Sarah in einem unbeaufsichtigten Moment fünfzig Euro in die Sammelbüchse gesteckt und Udo dieselbe Summe später noch einmal, wäre die Sammlung peinlich ausgegangen.

Aber so konnten die „Blumenbuben aus der Tengstraße“ doch immerhin einen vernünftigen Kranz binden und eine Schleife mit der Aufschrift „Von Deinen Freunden aus der Hübnerstraße“ hinzufügen.

Dass der schmucklose Sarg trotzdem einen ansprechenden Blumenschmuck erhalten hatte, dafür hatte Udo gesorgt. Der hatte die „Blumenbuben“ beauftragt „etwas G´scheits“ zu machen.

Dabei hatte der Hamburger Jung Udo natürlich nicht „G´scheits“ gesagt sondern „etwas Ordentliches, nicht so´n Pillepax“ und die bayerisch/israelischen Blumenbuben hatten darunter allein durch den bestimmten Tonfall eben „etwas G´scheites“ verstanden. So einfach war das.

Zur Trauerfeier auf den Waldfriedhof waren nicht viele Gäste gekommen: Udo und Sarah, die Kommissarin, Wolfgang, der Autor, Frau Georgias, Herr Moser, die Familie Abraham mit den beiden Söhnen und die immer neugierige Frau Kruse, die sich lautstark darüber wunderte, wo denn die ganzen Blumen herkamen, wo doch niemand von Verstand etwas in die Sammelbüchse eingeworfen hatte.

„Da muss ja jemand ordentlich gepampert haben“, meinte sie in die Runde – aber niemand gab sich als der- oder diejenige zu erkennen.

Frau Z. und Herr F. hatten den Laden geschlossen, um ebenfalls da sein zu können.

Chiara schob ihre Zwillingsschwester in einem Rollstuhl, den sie sich im Krankenhaus ausgeliehen hatten, in den Abschiedssaal, wo schon der Sarg stand. Concetta fand das zwar peinlich übertrieben, denn sie hätte doch nichts an den Füßen, hatte sie protestiert, aber Chiara hatte manchmal etwas für „große Oper“ übrig und hatte sich durchgesetzt.

Die Friedhofsangestellten, die vorhin den Sarg hereingeschoben und den Blumenschmuck drapiert hatten, schlossen schließlich die Türen von außen als klar wurde, dass die Trauergemeinde so überschaubar bleiben würde, und die Musik erklang.

Als sie zu Ende war, erhob sich Udo und trat an das Rednerpult. Er fühlte sich in dem schwarzen Anzug, den er nur zu Gelegenheiten wie diesen trug, sehr unwohl. Der kratzte, fand er. Sarah hatte aber darauf bestanden, dass er ihn anzog. Du siehst gut aus in den Anzug, hatte sie entschieden, den ziehst du an, basta.

Wenn Sarah „basta“ sagte, das geschah nicht häufig, wusste Udo, dass es kein Diskutieren mehr gab, dann musste er parieren … Also trug er den Anzug, der zwar nicht kratzte – das war seine Ausrede, um den nicht anziehen zu müssen – aber unwohl fühlte er sich immer noch … Das konnte aber auch daran liegen, dass er jetzt eine Rede halten sollte.

Reden zu halten scheute er mindestens so sehr wie den Anzug zu tragen oder wie der Teufel das Weihwasser.

Er nahm einige Blätter aus der Jackentasche, entfaltete sie und legte sie vor sich auf das Pult. Er schaute in die kleine Runde, holte tief Luft und noch einmal – dann setzte er an:

„Liebe Freundinnen und Freunde!“

Puh, den ersten Satz hatte er geschafft. Er hatte einmal irgendwo gelesen, dass der erste Satz das schwierigste an einer Rede sei – aber dann begriff er, dass der zweite genauso schwierig sein würde:

„Der Lucius, also der Lucius Aurelius Brandt, der mein Freund ist…“

Er blickte auf sein Blatt und fand, dass es leichter sein würde abzulesen:

Wir haben uns heute hier versammelt, um von Lucius Aurelius Brandt Abschied zu nehmen.

Lucius wurde am ersten Dezember 1950 ganz weit oben in Deutschland, nämlich in Eckernförde an der Ostsee im schönen Schleswig-Holstein geboren. Dort ging er zur Schule.

Sein Vater verstarb sehr früh, er war noch ein Kind und die Mutter bekam eine Stellung als Versicherungsmathematikerin in München. So kam er 1960 nach München.

Wie sie wissen, wie ihr alle wisst, war er ein schwieriger junger Mann, erlitt unter einer Krankheit, die man Asperger-Syndrom nennt und die verhindert, dass ein davon befallener Mensch „normalen Umgang“ mit seinen Mitmenschen aufnehmen kann.

Mit der Krankheit ist oft eine ganz besondere Begabung für Mathematik und Logik verbunden – und ich weiß nicht, ob der Schluss richtig ist, aber er war ganz besonders stark für Mathematik begabt und litt daher auch ganz besonders stark darunter, mit uns normalen Menschen zu verkehren. Aber das wisst ihr ja alle, dass das beim Lucius in besonderem Masse zutraf.

Seine Mutter wusste um die Krankheit ihres Lucius, sie versuchte ihn zu schützen und gleichzeitig sein Talent zu fördern, was ihr als ausgebildete Mathematikerin ja nicht schwer fiel.

Leider verstarb auch sie Anfang der Neunziger und Lucius war damit ganz alleine in einer Welt, die mit ihm nichts anfangen konnte, denn Verwandte hatte er nicht. Von nun an musste er mit seiner Krankheit und den ungeliebten Fremden alleine fertig werden. Und das ging ziemlich schief! Oder besser: Das gelang ihm weniger gut!“

Udo sah zum ersten Mal hoch und sah eine ihn stolz anlächelnde Sarah, die ihm heimlich den nach oben gereckten Daumen hinhielt.

„Um die Zeit muss er auch in die Wohnung in der Hübnerstraße eingezogen sein – mehr ein möglichst billiges Loch als eine Wohnung. Aber ihm war sie gut genug, er brauchte nicht mehr, als ein Bett zum Schlafen und einen Tisch, um zu schreiben – denn zum Arbeiten hatte er seinen Kopf mit seinem unbeschreiblichen Gehirn, das so ganz anders arbeitete als das von Ihnen, von euch und von mir. Wo wir – erlaubt das Bildnis – irgendwo wilde Schlieren ohne Sinn und Verstand sehen würden, wie von einem begabten Affen gemalt, würde Lucius eindeutige, für ihn ganz klare Muster und Strukturen mit ihren Bedeutungen sehen.

Er hat mir einmal den Begriff „Dimensionen“ erklären wollen, also den Raum oder, das habe ich nachgeschaut, das – ich lese ab! – Raum-Zeit-Gefüge, was immer das sein mag …“

Udo sprach frei weiter:

„… also das hat drei Raum und eine Zeitdimension. Das ist wie eine Schuhschachtel: von links nach rechts, oben nach unten und vor und zurück, das sind die Raumdimensionen! Und dann noch die Zeit, die die Schachtel langsam verfallen lässt. Klar? Mir auch nicht!

Also, ihr müsst das auch nicht verstehen. Wichtig ist, hat Lucius mir erklärt, dass das menschliche Hirn sich nur drei Raumdimensionen – also die Schachtel! - vorstellen kann, eine vierte, die es gibt, das hat er mir versichert, ist uns allen verschlossen, die können wir uns gar nicht vorstellen, das geht gar nicht!

Er selber, auch das hat er mir erklärt, könnte sich räumlich aber auch noch die fünfte Dimension vorstellen.

Das ist übermenschlich, hat er selber gesagt, und mich inständig gebeten, das niemanden weiter zu sagen, weil, die würden mich erschlagen, wenn die das wüssten, hat er gesagt. Das wäre dann wie bei den Hexenprozessen im Mittelalter, die Mädels wussten eben auch ein bisschen mehr als die anderen, hat er gemeint, und deshalb haben sie sie verbrannt.“

Udo schaute wieder auf sein Manuskript und merkte, dass er total von seinem vorbereiteten Text weggedriftet war, was er aber gar nicht schlimm fand. Weshalb er die Blätter entschlossen zur Seite legte. Es würde auch ohne gehen:

„Der Lucius war mein Freund“, sagte er, „dabei haben wir gar nicht so viel miteinander geredet, wie Freunde das wohl sonst tun, denn das, was ihn interessierte, spielte sich in Dimensionen ab, in die ich ihm nicht folgen konnte … und nicht nur, weil ich nur Volksschule habe, sondern weil ihm kein menschlicher Geist dahin folgen konnte, wo er sich bewegte – in die Mathematik, die höhere!

Oft haben wir uns abends in der Werkstatt zusammengesetzt, hatten jeder eine Katze auf den Schoss und haben die gestreichelt und dabei jeder ein oder zwei Bier getrunken. Nie mehr! Lucius wollte das nicht, ich hätte aber schon … Aber er wollte einen klaren Kopf behalten. Was meinst du, hat er einmal zu mir gesagt, wie sich das anfühlt, wenn du in fünf Dimensionen besoffen Achterbahn fährst, da kannst du vielleicht kotzen…“

Er hörte leises Lachen. Er erschrak. Durfte das bei einer Trauerfeier sein? Er war sich nicht sicher. Das war schließlich das erste Mal, dass er als Trauerredner auftrat.

„Naja, aber das geht hier vielleicht zu weit … Aber ich wollte sagen, also ich meine, der Lucius, der war für mich ein richtig guter Freund, einer, den ich gerne haben musste und vor allem gern haben wollte, auch wenn er wenig gesprochen hat. Aber so sind wir von da oben ja von Haus aus.

Und deshalb bin ich so doppelt sauer, wenn ich daran denke, dass und wie er sterben musste.

Das war so überflüssig, denn die Brandstifter, die wussten wahrscheinlich gar nicht, dass er in der Nacht in meiner Werkstatt geschlafen hat … Die wussten ja nicht, welch lieben Menschen und welch unvergleichlich großen Geist sie da getötet, nein umgebracht, nein, ermordet haben… Mindestens haben sie das in Kauf genommen.

Meine Freunde, unsere Kommissarin hier hat mich sehr ernsthaft gewarnt, dass ich keine Rache nehmen soll, sogar gar nicht erst daran denken soll. Das fällt mir richtig schwer, liebe Freunde! Gut, ich akzeptiere das. Vielleicht ist es ja wirklich so, dass uns das, nämlich keine Rache zu nehmen, von den Urmenschen unterscheidet? Ich bin nicht bibelfest, das muss ich zugeben, aber so viel ich weiß, wird da ordentlich Rache genommen, oder? Aber auch da, hat die Frau Kommissar gesagt, ist unsere Gesellschaft darüber hin­aus.

Aber ganz ehrlich, in mir lodert so eine verdammte Wut auf die, die das getan haben! Und jetzt sage ich es doch: Ich glaube, das waren diese Kerle, ich will nicht einmal Menschen zu ihnen sagen, das sind die für mich nämlich nicht mehr, die die Häuser an der Ecke Hübner- und Fasanerie­straße leer haben wollen. Wer sonst, frage ich, wer denn sonst könnte ein Motiv haben, den Metallhandel anzuzünden? Das haben die doch nur getan, um die Bratlings zu erpressen, behaupte ich. Wer, wenn nicht die?

Also gut, liebe Freundin Kommissar, keine Rache – aber ich sage es, es fällt schwer bei denen!

Lucius, machs gut da, wo du jetzt bist, egal, ob da oben oder da unten … ich glaube ja eher an „da oben“, denn auch die werden deine Talente brauchen. Und wenn es nur einen Hauch von Gerechtigkeit im Jenseits geben sollte, dann bist du jetzt da oben – denn die Hölle, lieber Lucius Aurelius, die hattest du ja schon hier auf Erden!“

Damit trat Udo vom Rednerpult zurück und ging ein paar Schritte in Richtung seines Platz neben Sarah. Aber er kehrte noch einmal um, trat hinter das Rednerpult, blickte in sein Publikum und sagte:

„Das hätte ich ja fast vergessen, das wollte ich noch sagen, der Lucius hat einige Briefe hinterlassen, die er mich gebeten hat, nach seinem Tode zu verschicken. Wenn mich nicht alles täuscht, schickt er Lösungen für mindestens zwei der größten mathematischen Rätsel oder Fragestellungen, an denen sich die Mathematiker teilweise schon seit Hundert Jahren oder mehr die Zähne ausgebissen haben und wo die noch daran knabbern, an wissenschaftliche Gesellschaften, die das beurteilen können, ob er da richtig gerechnet hat oder nicht. Wenn er Recht bekommen sollte, dann düfte er noch den inoffiziellen Nobelpreis für Mathematik und noch so etwas in der Größenordnung verliehen bekommen. Ich bitte euch, drückt unserem Freund Lucius, meinen „Freund mit den Plastiktüten“ die Daumen, dass es klappt! Soviel nur zum „Irren mit den Plastiktüten“!

Damit ging er endgültig zu seinem Platz und setzte sich neben Sarah und flüsterte der zu: „Das musste ich einfach noch sagen. Okay?“

Sarah nickte ihm lächelnd zu und nahm seine Hand, um sie liebevoll zu drücken. Als die Musik wieder einsetzte flüsterte sie ihm zu: „Udo, du warst richtig gut! Ich bin so stolz auf Dich!“ Dann nahm sie seine Hand an den Mund und küsste sie.

Als die Musik verklungen war, standen alle auf. Man gratulierte Udo zu seiner schönen Rede.

Schließlich standen Sarah und Udo für einen Moment allein. Das nutzte Chiara, um Concetta mit ihrem Rollstuhl in ihre Nähe zu bringen. „Udo?“, fragte sie. „darf ich sie Udo nennen?“ „Klar!“, nickte Udo, „was gibt´s?“

„Ich bin Concettas Schwester …“

„Das ist nicht zu übersehen“, lächelte er, „das sieht nach Zwilling aus.“

„Genau, Zwillingsschwester… Sie, wenn ich irgendetwas für sie tun kann, dann lasen sie`s mich wissen!“

„Sie kann alles mit Computern!“, warf Concetta ein, die sich umgeschaut hatte, ob die Kommissarin in der Nähe stand, und als sie sich versichert hatte, dass die gerade den Raum verließ, sagte sie „Sarah, Udo, sie kann WIRKLICH alles mit Computern und Internet …“

„Meine Schwester übertreibt!“, sagte Chiara, „so gut bin ich auch nicht, aber für manches reicht es schon… Zum Beispiel mal in ein fremdes Postfach hineinsehen oder so …, sie verstehen?“

Udo verstand nicht gleich, Sarah schon! „Gut zu wissen“, sagte sie, „im Falle eines Falles erreichen wir sie vermutlich über Concetta?“

„Genau!“, erwiderte Chiara oder sie rufen mich an, „hier ist meine Nummer!“, damit reichte sie Sarah eine Visitenkarte, auf der oben rechts in der Ecke nur eine Telefonnummer vermerkt war. „Die gilt für die nächsten vierzehn Tage … in etwa!“

„Und dann?“ fragte Udo, der nicht immer der Allerhellste war und nach seiner Rede war sein Kopf etwas leer.

„Dann“, warf Sarah ein, „gibt es wahrscheinlich eine andere Karte, oder?“

„Ich sehe, sie verstehen mich!“ antwortete Chiara.

„Kann sein“, sagte Sarah, „dass wir mal auf sie zurückkommen werden …“

12. Oktober. Baghira

Als Wolfgang am Nachmittag mit dem Kater auf dem Arm in den Laden kam, waren nur Herr F und Frau Z. da. Wolfgang war leichenblass im Gesicht.

„Was is‘ denn mit dem Katzerl los?“, fragte Frau Z. ahnungsvoll, „der ist ja so still?“ Geht´s ihm schlecht?“

„Baghira ist tot!“ sagte Wolfgang tonlos, „sie haben ihn umgebracht, ermordet …“

„Was?“ Frau Z. schlug sich vor Schreck mit der Hand auf den Mund, „den Baghira…? Aber warum denn? Wer macht denn so etwas?“

„Wie kommen sie darauf, dass ihn wer umgebracht hat?“, fragte Herr F.

„Deswegen!“, sagte Wolfgang und hielt die Drahtschlinge hoch, mit der Baghira erdrosselt worden war. „ich habe ihn oben vor meiner Wohnungstür tot gefunden. Nachdem er sich gerade wieder etwas erholt hatte, war er ja erst das zweite oder dritte Mal rausgegangen, ich glaube, nur auf das Gerüst …“

„Wer macht den so was, das arme Katzerl umbringen, das hat doch niemandem etwas getan, höchsten den Mäusen“, sagte Frau Z. sich fast wörtlich wiederholend.

„Ich weiß nicht“, musste Wolfgang zugeben, „aber ich denke, es war einer aus dem Vertriebspoint. Sonst kennt hier doch jeder Baghira – wenn er etwas angestellt hätte, dann hätten mich die Leute doch angerufen…“

Die Ladentür öffnete sich und der Kleine der Albrecht-Buben kam in den Laden, was er sonst nur tat, wenn seine Mutter ihn zum Einkaufen schickte.

„Das war der eine aus dem Vertriebspoint!“, rief er auf Baghira deutend, „ich habe gesehen, wie er ihn erwürgt hat. Aber ich konnte nicht helfen, er war zu weit weg für meine Zwille!“ Er hielt die Schleuder hoch. „Ich habe es versucht, ehrlich, ich mag jetzt nämlich auch Katzen! Und er hat neulich schon versucht, ihn einzufangen, da habe ich ihn noch wegscheuchen können, weil ich so einen Lärm am Gerüst gemacht habe, da ist der Kater weggelaufen!“

„Wen hast Du gesehen?“, fragte Wolfgang. Er hielt das tote Tier immer noch im Arm, als würde er ein Baby halten, „und wann?“

„Den aus dem Vertriebspoint!“

„Wie sah der aus? Der Blonde?“

„Nein, der, der neulich auf dem Gerüst war, der die Laken abgeschnitten hat!“

„Das war der …, Frizzoni heißt der, glaube ich“, sagte Herr F., „so ein Schwein! So ein verdammtes Schwein … Der arme Kater.“ Er streichelte das tote Tier in Wolfgangs Armen, „sagen sie einmal, Wolfgang, ich habe da noch so eine Kiste, wie die neulich, als sie Baghira abgeholt haben, als er verletzt war. Soll ich die holen … für ihn? Das ist vielleicht besser?“

Wolfgang nickte nur. Herr F. verschwand in den Tiefen des Ladens und kam gleich darauf mit einer hölzerne Kiste für zwölf Flaschen französischen Wein zurück. „Hol´ mal ein Handtuch, bitte“, bat er Frau Z. „damit wir ihn da weich reinlegen können …“

Jetzt verschwand Frau Z. nach hinten und kam nach einer Weile mit total verheulten Augen zurück. „Da“, sagte sie, „das ist b‘sonders schee weich und schee groß.“

„Herr F. sah Wolfgang an und nahm ihm vorsichtig den toten Baghira aus den Armen. Dann wickelte er den kleinen Körper sorgfältig in das Tuch ein und legte ihn vorsichtig in die Kiste. Dabei murmelte er irgendwelche liebkosenden Worte vor sich hin und konnte die Tränen schließlich nicht mehr zurückhalten.

„Geh du man wieder raus“, konnte er noch zu dem Buben sagen, „danke dir, dass du das erzählt hast, komm morgen mal wieder zu mir, dann reden wir.“

Kaum hatte der Bube den Laden verlassen, hätte ein hinzukommender Besucher drei weinende alte Menschen gesehen. Frau Z. hatte Wolfgang in den Arm genommen, Herr F. hielt jetzt den kleinen Sarg.

„Ich begreife es nicht“, sagte Wolfgang, „wie kann man so grausam sein? Wenn sie mich umbringen …, von mir aus, das könnte ich ja noch verstehen, aber das Tier? Was soll das?“

„Weil man sie vertreiben will?“ fragte Herr F., „weil man uns vertreiben will?“

„I‘ glaub‘“, sagte Frau Z., „so langsam müass‘ ma’ o‘fanga, uns ernsthaft zum wehren, oder? Was hat da auf der großen Fahne gest’nd‘n: Stadtguerilla, oder?“

„Erst einmal müssen wir die Polizei rufen“, sagte Herr F., „da ist schließlich ein Mord zu melden …!“

Herr F. hatte die Durchwahlnummer der Kommissarin. Als er ihr erzählt hatte, er hätte einen Mord zu melden, hatte die das nicht glauben wollen – dann hatte er ihr gesagt, dass es sich um Baghira handeln würde, Wolfgangs Kater.

Kurze Zeit später hörte man eine Polizeisirene, dann stürmte die Kommissarin in den Laden. „Also?“, rief sie, „was ist passiert?“

„Ich bin gegen drei Uhr nach Hause gekommen und fand den Kater an einem Draht um seinen Hals aufgehängt an meiner Wohnungstür …! Den hat einer ermordet und wir wissen auch wer!“

„Wolfgang“, sagte die Kommissarin leise, „erstens: Ich bin entsetzt, was hier in den Häusern alles so vor sich geht. Zweitens: Es tut mir wahnsinnig Leid um Baghira! Drittens: Und da bitte ich im Voraus um Verständnis, wenn ich das jetzt sage: Das ist kein Mord, das kann keiner sein, denn nur ein Mensch kann ermordet werden, verstehst Du das? Der Kater ist grausam getötet worden, ja, aber nicht ermordet! Ich kann da keine Mordermittlung einleiten … nicht für ein … Tier!“

„Was ist jetzt das?“ fragte Frau Z., „das arme Viecherl ist doch wohl tot, oder?“

„Liebe Frau Z., das ist, juristisch gesprochen, eine Sachbeschädigung und wahrscheinlich Tierquälerei …“

„Sie gell, immer wenn die uns was tun, dann sagen sie zu uns, dass man da leeeiiider nichts machen kann, Frau Kommissarin, da gibt´s niiie koan Zeug’n net, nie Spur‘n … Net bei der Concetta, wie die überfall‘n word‘n is‘, oder wie‘s die Frau Wegmann umgebracht ham oder den Herrn Brandt. Hör’ns mia auf, sie mit ihrer Polizei. Sie können nie was tun, die Mörder fangen scho‘ glei‘ gar net…“

„Frau Z.,“ unterbrach sie die Kommissarin, „bei der Concetta gibt es keine Zeugen, der Tod von der Frau Wegmann war nachweislich ein Unfall und beim Herrn Brandt ist sein Tod vielleicht in Kauf genommen worden – aber Mord war das juristisch gesehen nicht, Totschlag vielleicht …“

„Das ist mir wurscht, sie!“, sagte Frau Z. und drehte sich um, „und jetzt das arme Viecherl! Und sie, sie sag‘n „Sachbeschädigung“, als wie, wenn einer bloß an Autoscheinwerfer einschlagert. Sie, mir reicht´s, Frau Kommissar!“

„Frau Z., glauben sie, mir reicht es vielleicht nicht? Aber ich kann niemanden verhaften, bloß weil er es wahrscheinlich war … Die Zeiten haben wir hinter uns, Gott sei Dank!“

„Jetzt kommen sie uns bloß nicht so“, griff Herr F. ein, „als ob wir die Nazis mit ihrer Blutjustiz wieder haben wollen … Aber was tut denn eure Behörde für uns … Noch ein paar „Unfälle“ und wir sind alle tot! Was, wenn die Frau R. morgen an der Tramhaltestelle überfahren wird – Fahrerflucht? Was, wenn Wolfgang übermorgen ein Stein auf den Kopf fällt – kann passieren am Bau? Was, wenn bei uns in der Küche eine Gasflasche explodiert, weil sie leider „etwas kaputt“ war - Schicksal? Wachen sie endlich auf, Frau Kommissar!“

„Ja,“ sagte die Kommissarin leise, „kommen wir zur Sache, wer hat gesehen, wie der Kater getötet wurde?“

„Ermordet, Frau Kommissar, für mich war der Kater ein Kollege, ein liebenswerter sogar, ein wertvoller Angestellter, er hat unseren Keller mäusefrei gehalten. Er ist ermordet worden! Zweifelsfrei …“

„Gut, wer hat den Mord gesehen?“

„Der Abraham-Junge …“

„Wo wohnt der? Wie alt?“

„Er wohnt hier im Haus, und er ist dreizehn oder vierzehn.“

„Wo hat er´s gesehen?“

„Im Hof, er war aber zu weit weg, um eingreifen zu können …“

„Zu weit weg …“, stöhnte die Kommissarin, „das hört sich schon wieder nicht gut an!“

„Aber sie haben einen Zeugen, zum ersten Mal!“

„Ja“, sagte die, „vielleicht haben wie einen! Aber ich bin nicht zuständig … tut mir Leid! Ich schicke einen Kollegen!“

15. Oktober. Am Kiosk

Am späten Nachmittag hatte Udo zu Sarah gesagt, er würde noch einmal auf ein Bier, nicht mehr, bei Ernstl am Kiosk vorbeischauen und ob sie Lust hätte mitzukommen? Sarah hatte abgelehnt und erläutert, sie würde bei der Schneiderin vorbeigehen und ihn vielleicht anschließend abholen, wenn er wolle? Klar wollte er.

Als er am Kiosk eintraf, empfing ihn Ernstl schon auf der Straße, weil er gerade die aushängenden Zeitschriften gegen die aktuellen austauschte. „Wolfgang ist hinten“, sagte er, „schon ein bisschen breit – wegen der Katze!“

„Ich seh´ mal nach ihm“, sagte Udo, „kriege ich eine Wurst, schön scharf, und ein Bier direkt aus der Buddel, bitte?

„Bringe ich dir! Salat oder ´nen Brot dazu?“, fragte er noch.

„Nö, die Wurst heute pur aber schön braun!“ Damit ging er um die Kioskecke und sah Wolfgang in einem Klappstuhl sitzen, von denen Ernstl drei oder vier dort hinten stehen hatte. Udo winkte Wolfgang schon von der Straße aus zu, kaum dass er ihn gesehen hatte. Wolfgang winkte matt zurück.

„Na“, begrüßte Udo Wolfgang, „bist du schon etwas über den Tod von Baghira hinweggekommen?“

Wolfgang schüttelte nur den Kopf.

Ernstl brachte Udos Bier und Wolfgang hielt ihm seine leere Flasche hin, um zu zeigen, dass er auch noch eine wollte.

Als die Wurst fertig war, brachte er zwei – eine für Udo und eine für Wolfgang. „Ist besser, Du isst auch mal etwas“, sagte er zu Wolfgang, nur immer Bier tut nicht gut!

„Kein´ Appetit“, sagte Wolfgang tonlos.

„Doch, Du musst auch etwas essen“, sagte Udo, „dann gibt es auch noch ein Bierchen … wenn du die Wurst auf hast!“

Wolfgang aß seine Wurst langsam, ohne Appetit, Udo „haute“ seine weg „wie nix“.

„Hat es geschmeckt?“, fragte Ernstl die beiden, als er zum Abräumen kam.

„Klasse, wie immer“, hatte Udo geantwortet und dann hinzugefügt: „Mach uns mal noch zwei Bier auf!“, und Wolfgang hatte genickt.

Dann begann Wolfgang stockend zu erzählen, dass ein Polizist wegen der Tötung seiner Katze bei ihm gewesen war. Der hatte seine Daten aufgenommen und sich angehört, was Wolfgang ihm zu sagen hatte. Dabei hatte er Wolfgang bedeutet, dass es wohl unmöglich sei, denjenigen zu fassen, der Baghira getötet hatte, denn auf die Aussagen des Jungen sei nicht viel zu geben: Zu weit entfernt sei er gewesen, das hatte der Polizist schon geprüft, der Sichtwinkel sei sehr schlecht gewesen, eigentlich konnte man dort, wo der Junge gestanden haben wolle, gar nichts gesehen haben, nein, auf die Aussage könne man nicht bauen. Und offenbar sei der Junge voreingenommen gewesen, „indoktriniert“ hatte der Polizist sogar gesagt, „indoktriniert von den Eltern und den Nachbarn, die den Maklern aus dem Büro in der Raglovichstraße wohl so ziemlich alles Böse der Welt unterstellen …“

„Vielleicht“, hatte der Polizist laut Wolfgang überlegt, „hatte er ja selber die Katze loswerden wollen? So etwas soll es ja geben…“

„Da habe ich ihn rausgeworfen“ sagte Wolfgang gerade, „und ihm angeboten, dass er, wenn er nicht sofort verschwinden würde, einen Arschtritt haben könne, der ihn bis in sein Revier oder wo der sonst rumhängen würde befördern würde!“

„Klasse“, sagte Udo, „und dann?“

„Dann hat er gesagt, er würde die tote Katze jetzt mitnehmen und darauf untersuchen lassen, ob ich sie vielleicht gequält hätte … und schließlich würde er sie der städtischen Tierkörpervernichtung zuführen. Das sei Vorschrift! Zuführen, hat er gesagt, der hat sie doch nicht alle, oder?“

„Und wie ist es ausgegangen?“, fragte Udo.

„Ich habe ihn gefragt, ob er den Mord an Baghira in Verbindung mit den anderen Verbrechen sehen würde und ob das nicht ein anderes Licht auf den Katzenmord werfen würde?“

„Und dann?“

„Hat er mir erklärt, dass nur Menschen ermordet würden, dass eine Katze vor dem Gesetz aber eine Sache sei und deshalb nicht ermordet werden könne. Wenn jemand meine Uhr kaputt gemacht hätte, dann hätte er die ja auch kaputt gemacht und nicht ermordet! Und die bringt man ja auch nicht zum Bestatter sondern zum Uhrmacher! Dann habe ich ihn gefragt, ob ich mit der toten Katze jetzt zum Katzenmacher gehen sollte, um sie reparieren zu lassen?“

Udo lachte leise.

„Das war aber gar nicht lustig“, sagte Wolfgang, „ich habe ihm als nächstes gesagt, er können mich einmal kreuzweise und ich würde ihm ein Verfahren anhängen, dass sich gewaschen hätte … und die Leich´ könne er sich auch abschminken, die sei schon beigesetzt worden. Und nun raus, habe ich dann gesagt, die Tür aufgerissen und ihn hinausgeschubst …“

„Gut so“, bestätigte Udo ihn, „richtig, Wolfgang, dass du dir das nicht hast bieten lassen … Na warte, wenn die Kommissarin kommt, die kann sich noch auf ´was gefasst machen …“

„Ach die“, winkte Wolfgang ab, „die kann mich inzwischen auch einmal… ich bin fertig mit allen, weißt du!“ Und nach einer Weile sah er Udo direkt ins Gesicht und die leichte Betrunkenheit, die sich bisher über seine Worte gelegt hatte, schien plötzlich aus ihm gewichen. Dann sagte er: „Weißt du was?“

„Nee, antwortete Udo, „was denn?“

„Den bringe ich um!“

„Tatsächlich?“, fragte Udo, „wen? Den Bullen?“

„Ach, der“, winkte Wolfgang ab, „der ist ein Arsch, aber was soll´s …, nein, den der die Katze umgebracht hat!“

„Weißt Du denn, wer´s war?“

„Einer von denen aus dem Vertriebspoint, ist doch logisch!“

„Willst Du die alle umbringen? Das sind fünf oder sechs, glaube ich …“

„Ich glaube, es war der junge, der Blonde!“

„Glaube ich nicht“, erwiderte Udo.

„Wieso?“

„Weil der die letzten Tage sicherlich nicht in seinem Büro war, das kann ich mir einfach nicht vorstellen …“

„Warum?“

„Naja“, sagte Udo, „irgendwer scheint da ja schon so ein bisschen begonnen zu haben! Mit dem Bestrafen, meine ich, ich habe ihn heute Morgen gesehen, Du, ich hatte mich ja schon gewundert, dass man den in den letzten Tagen gar nicht mehr zu Gesicht bekommen hatte. Der sah aus …, den hätte seine eigne Mutter nicht wiedererkannt, so ist der verprügelt worden … Und außerdem hat der Junge doch gesagt, dass es der war, den wir auf dem Gerüst gesehen haben, als er die Protestlaken abgeschnitten hat, der mit dem italienischen Namen!“

„Tatsächlich?“, fragte Wolfgang, „stimmt, das hat er gesagt und der andere war ein paar Tage nicht zu sehen. Ich hatte gedacht, der hat Urlaub oder so … Vielleicht ist er mit den Fahrrad gestürzt?“

„Na, ich weiß nicht“, gab Udo zu bedenken, „dann muss er aber sehr selektiv auf Nase und Augen gelandet sein! Nein, für mich sah das mehr nach einer Prügelei aus …“

„Ist was?“, fragte Ernstl, der gerade an den Tisch kam, um ein wenig zu plaudern, nachdem er mit den Zeitschriften fertig war und sich im Kiosk langweilte.

„Der Blonde aus dem Point ist offenbar auf die Schnauze gefallen“, sagte Wolfgang erläuternd, „oder hat sich geprügelt, soll schlimm aussehen!“

„Ja“, sagte Ernstl nachdenklich, „da muss man schon aufpassen, wen man sich als Gegner aussucht … ich könnte Euch da eine Geschichte erzählen, als wir damals in Bremen gastierten ,,,“

„Ach nee, Ernstl, sei mir nicht bös´, bitte“, sagte Udo, „nicht die Geschichte …!“

„Habe ich die schon einmal erzählt?“ fragte der und beide nickten mit den Köpfen, „Ja, hast Du, das war die mit dem Bimbo mit der harten Birne, oder?“ fragte Wolfgang.

„Bimbo sagt man nicht mehr, darf man nicht mehr sagen“, schob Wolfgang mit jetzt wieder etwas schwerer Zunge ein, „das darf man heute nicht mehr, glaube ich!“

„Tatsächlich?“, fragte Ernstl sehr nachdenklich, „die habe ich euch schon erzählt? Ich hätte schwören können, nicht!“

„Doch“, sagte Udo und schlug Ernstl lachend auf die Schulter, „nun lass mal und bring uns noch ´ne Runde, nicht, die letzte für heute, glaube ich!“

„Ja“, meinte der immer noch nicht vollständig überzeugte Ernstl, „denn mache ich das mal, eine Runde!

„Nun mal im Ernst?“ fragte Udo „was machen wir denn nun?“

„Erst einmal Baghira begraben!“

„Hast Du schon eine Stelle?“

„Ich dachte, irgendwo im Olympiapark? Heute Nacht!“

„Wie wäre es bei uns im Garten, hinter dem Haus?“ schlug Udo vor, „unter den Blumen? Das wäre doch ein schöner Platz … Ich bin sicher, Sarah hat nichts dagegen. Und ich könnte einen kleinen Grabstein bauen, wenn du willst.“

„Das wäre schön!“, sagte Wolfgang, „viel schöner als im Park, so schön ist es da ja gar nicht. Und erwischen lassen darf ich mich da auch nicht… Und dann die vielen Hunde, nachher riechen die das und buddeln den wieder aus, den Baghira …“

„Fragen wir Sarah nachher, sie wollte mich hier abholen …“

Dann schwiegen sie eine ganze Weile, nuckelten ab und zu an der Flasche und schauten dann wieder gemeinsam „ins Narrenkastl“. Mal sagte der eine „Mist“, mal der andere „Scheiße“ oder so ähnlich. Und das war völlig ausreichend, fanden sie.

Irgendwann erschien Sarah, bestellte bei Ernstl, der lässig in den Türrahmen seines Kiosk gelehnt stand, im Vorübergehen ein Bier „aus der Buddel, wie mein Udo“, nahm sich einen Stuhl und setzte sich zu den Männern.

„Was ist denn hier los?“ fragte sie gut gelaunt, „Trauerstimmung?“

„Wegen Baghira!“ erläuterte Udo.

„Oh je,“ bedauerte Sarah, „tut mir Leid, Wolfgang, da habe ich nicht dran gedacht, Du Armer! Ist es so schlimm?“

Wolfgang nickte ihr mit Tränen in den Augen zu.

„Ich habe vorgeschlagen“, sagte Udo, „dass wir Baghira bei uns im Hof beerdigen können, was meinst du?“

„Gute Idee!“, meinte Sarah, „äh, eine ganz dumme Frage, wo beerdigt man Tiere eigentlich sonst?“

„Die kommen zur Tierkörperbeseitigung …“

„Was ist das denn?“

„So eine Art Massenkrematorium für tote Tiere, glaube ich.“

„Wie schrecklich! Nein, bei uns im Garten, da hat er es doch schön, finde ich, klar. Wann?“

„Heute Abend“, sagte Udo zu Sarah und an Wolfgang gewandt fragte er, „hast du einen Sarg für ihn?“

„Ja, eine Weinkiste aus Holz von Herrn F.“

„Da musst du aber sein Kissen und seine Decke mit rein tun“ befand Sarah. Wolfgang nickte ihr zu: „Ja, klar!“

„Und wenn er unter der Erde ist, trinken wir ein schönes Glas Wein auf den armen Baghira“, entschied Sarah, „und du erzählst uns von ihm.“

„Ja“, sagte Wolfgang dankbar, „ihr seid lieb“, um dann entschieden fortzufahren, „dann bringe ich den Kerl um, der das gemacht hat, der den Baghira so brutal umgebracht hat, meine ich, den armen Kerl, der war doch nur lieb.“ Er wischte sich eine Träne aus dem Augenwinkel.

„Wisst ihr, ich bin jetzt total frei! Erst ist meine Frau gestorben, vor drei Jahren war das … Das war schlimm, damals! Plötzlich so allein da zu stehen, wisst ihr. Nur noch ich und ihr kleiner Baghira, denn der war ja eigentlich ihre Katze gewesen, sie hat ihn ja gewollt und sie hat ihn auch geholt vom Bauernhof … Aber als wir beide nach ihrem Tode allein waren, der Baghira und ich, da hatten wir ja nur noch uns. Wir haben uns so lieb gewonnen, das glaubt ihr gar nicht! Und jetzt ist er tot, das Letzte, was ich von meiner Frau hatte, jetzt hält mich hier nichts mehr … Und wenn es das Letzte ist, was ich tue: Ich bringe den um, wirklich, das schwöre ich!“

Sarah sah Wolfgang an, nahm seine Hand in ihre, legte seine auf ihren eindrucksvollen Busen, dahin, wo sich ungefähr ihr Herz befinden musste, und sagte leise: „Wolfgang, ich verstehe dich wirklich, glaub´ mir!“, und nach einer Weile fügte sie hinzu, „aber überleg´ dir was du sagst und zu wem. Im Moment sagt jeder, klar, der trauert und ist wütend. Und keiner nimmt das ernst! Wie gesagt, ich verstehe dich, ich kann das nachvollziehen – aber überlege es dir gut, ob und wie du es wirklich machen willst und wenn ja, dann schweige! Rede nicht darüber, mit niemandem – ist besser, glaube mir. Manche Dinge muss man einfach tun, klar, aber man redet einfach nicht darüber … Ist wie, wenn man die Steuer bescheißen will: Man kann es tun, darf es aber niemandem sagen, wirklich niemandem, nicht einmal dem Ehepartner … falls man sich mal scheiden lässt, weißt du!“

„Naja,“ warf Udo ein, „mit uns kann er schon reden, finde ich, wir können schließlich schweigen!“

„Ja“, stimmte Sarah zu, „wir schon! Aber heute Abend bei uns, wenn wir den Rotwein trinken, dann nicht. Keinesfalls, man weiß nie, ob Wände Ohren haben, wisst ihr …“

Als Udo zu einer Frage ansetzen wollte, schüttelte sie nur leicht den Kopf und Udo schwieg.

Auf dem Weg nach Hause fragte Udo sie in der Artilleriestraße, wie sie das gemeint hätte, mit den Wänden, die Ohren haben?

„Ohren haben könnten“, korrigierte sie ihren Udo liebevoll, „du, ich weiß nicht, aber mir ist aufgefallen, dass die Kommissarin jetzt zum xten Mal ihr Handy bei uns vergessen hat… Kann Schusseligkeit oder Zufall sein, muss aber nicht. Weißt du, bei allem, was man in letzter Zeit so hört über Abhören und so, da könnte das doch auch sein, dass sie so ganz nebenbei, vielleicht, doch noch an den „alten Geschichten“ arbeitet und so versucht, etwas herauszubekommen, oder?“

„Mir hat sie auch so Andeutungen gemacht, dass die „alten Geschichten“ im Moment zwar ganz unten im Stapel liegen, aber das müsste ja nicht so bleiben, hat sie gesagt! Ach ja, und dass Spuren in unser Gäu führen, hat sie auch noch gesagt!“

„Naja, könnte doch sein, dass das Handy nur ausgeschaltet aussieht, oder? Vielleicht kann irgendwer uns dadurch ja abhören – könnte doch sein?“

Udo nickte nachdenklich.

„Siehst du, ich will ihr ja nichts unterstellen, aber ich glaube einfach, wir sollten verdammt vorsichtig sein, Udo, ist besser, glaube ich!“

„Da wirst du schon recht haben, Sarah, wir müssen ja nur ein bisschen vorsichtig sein, nicht“.

„Mehr als ein bisschen, finde ich, und deshalb will ich auch nicht, dass Wolfgang heute Abend etwas von „den bringe ich um“ oder so redet, verstehst du?“

Als sie an der Ecke Hübner-/Fuetererstraße angekommen waren, holte Udo wortlos einen Spaten aus dem Keller und Sarah entfernte damit an der schönsten Stelle im Garten, auf die im Sommer morgens die Sonne fiel, vorsichtig die Blumen. Dann grub Udo ein circa achtzig Zentimeter tiefes Loch für Baghiras kleinen Sarg. Eine Idee für einen unauffälligen kleinen Grabstein hatte Udo auch schon: Er hatte da so eine lebensgroße Katzenplastik aus Eisen gesehen, die er auf einen von ihm geschweißten Sockel aus Eisen setzten würde.

Beim Rotwein, es wurde mehr als eine Flasche, redeten sie über alles Mögliche – nur nicht über „alte Geschichten“ und auch nicht über die Wut, die in Wolfgang loderte. Zum Abschied sagte Udo, dass er morgen, nein heute, es war ja inzwischen weit nach Mitternacht, mal bei Wolfgang vorbeischauen würde, es gäbe da noch ein Thema, über das man mal so von Mann zu Mann reden müsse …

21. Oktober. In Catania

Gestern Abend war Chiara mit der zwanzig Uhr-Maschine der Air Malta (mit den üblichen dreißig Minuten Verspätung) in München nach Catania abgeflogen. Mit etwas Rückenwind hatten sie die Verspätung fast vollständig aufgeholt als sie den Anflug auf die Insel begannen. Gegen viertel nach zehn war die kleine Maschine auf dem Flugplatz „Vincenzo Bellini“ gelandet.

Da sie nur Handgepäck mitgenommen hatte, konnte sie direkt zum Ausgang gehen ohne am Gepäckband lange warten zu müssen.

Vor dem Ausgang wartete die Limousine des Hotels auf sie und brachte sie ins Romano Palace. Das war das beste und teuerste Hotel in Catania, an dem sie so oft im jährlichen „Heimat“-Urlaub im klapprigen Leih-Fiat eines Onkels des Vaters vorbeigefahren war. Zu mehr als dem Fiat eines Onkels hatte es damals nicht gereicht, Sparen war damals angesagt.

Als Backfisch hatte sie sich geschworen, wenn sie je in einem Hotel in Catania übernachten würde – das war damals nicht abzusehen, denn eigentlich hatte sie die Nase voll gehabt von den Sizilien-Urlauben in den Häusern von diversen Tanten und Onkeln, denn die Gastgeber mussten im Turnus gewechselt werden – die Belastung durch die „Deutschen“ war groß -, dann im damals für immer absolut unerschwinglich erscheinenden Romano Palace.

Jetzt also Romano Palace! Als sie davor stand und der Portier ihr schon die Tür aufhielt, kam ihr das Luxushotel dekadent vor, aber das war egal: Sie war in Catania, sie brauchte ein Hotel, also musste es endlich das „Palace“ sein. Und auch kein popeliges Einzelzimmer, von dem sie sicher war, dass es das geben würde, nein, sie hatte „richtig zugeschlagen“ und eine Junior Suite gemietet. Die war teuer, das wusste sie und vermutete, dass sie groß und schön sein würde.

Als sie schließlich durch den parkartigen Hof und lange Gänge auf ihr Zimmer geführt worden war, musste sie vor Überraschung erst einmal durchschnaufen: Das Zimmer war tatsächlich groß, sehr groß, geradezu riesig, fand sie. Eingerichtet war es, wie sich der Innenarchitekt eine römische Villa der Kaiserzeit vorgestellt haben mochte: Mit großzügigen antiken Möbeln (gut - über das „antik“ mochten Kenner streiten), Säulen, die die Decke nicht alle erreichten, sondern, wie nach einem Erdbeben des nahen Ätna, abgebrochen waren, wehenden weißen Vorhängen vor riesigen Fenstern und einem unermesslich großen King-Size-Bett mit Himmel. Im Badezimmer erwartete sie unter anderem eine Doppelbadewanne und große Stapel von schneeweißen flauschigen Handtüchern in allen Größen.

An den Wänden hingen diverse Schinken, die den Ätna in allen Phasen, inklusive Ausbruch, zeigten.

Auf dem Tisch vor der Sitzgruppe erwartete sie eine üppig gefüllte Obstschale, eine eiskalte Flasche Prosecco (kein schlechter, wie sie feststellte) und eine Karte der Direktion, in der sie sehr freundlich begrüßt und in der das Gedeck als Geschenk des Hauses bezeichnet wurde.

Alles in der Suite sah nach kitschiger Romantik aus (hinzu kam das Licht des indirekt beleuchteten Parks, zu dem ihre Terrasse schaute) - eigentlich brauchte es für dieses Ambiente ein verliebtes Paar.

„Nun ja“, dachte sie, „heute werde ich das Ambiente alleine genießen, mal sehen, wie es morgen mit Riccardo läuft…“

Sie naschte vom Obst, öffnete die Flasche, goss sich ein Glas Prosecco ein und setzte sich in die warme Nacht auf ihre Terrasse - für einen Balkon war die viel zu groß – und schaute in den sternenklaren Himmel über Sizilien und dem Mittelmeer. „Eigentlich“, dachte sie dann, „ist es hier gar nicht so schlecht. Dekadent und kitschig, nichts desto trotz ist es… schön. So…, sie suchte den passenden Begriff, … „aufwendig“ hätte ich es mir nicht vorgestellt.“. Obwohl sie fand, dass „aufwendig“ nicht das richtige Wort war, „protzig“ war ihr noch eingefallen, aber das traf es auch nicht. Dann dachte sie an die Erzählungen der Eltern von Armut und Gewalt auf dem Lande nach dem zweiten Weltkrieg bis zu den Sechzigern, wie es vor der Auswanderung nach Deutschland gewesen war, und fand es schon okay, einfach nur zu Besuch zu sein und die dekadente Umgebung zu genießen.

Sie hätte sich diesen Luxus nie erlaubt, wenn sie nicht den erwarteten Profit im Blick gehabt hätte. Im Verhältnis dazu waren die Ausgaben für die beiden Nächte zu vernachlässigen – vielleicht würden es auch drei werden, mal sehen, wie es sich mit Riccardo ergeben würde.

Morgen, nein, heute dachte sie nach einem Blick auf die Uhr, würde sie mit Riccardo sprechen und von dem Ausgang des Gesprächs würde vieles abhängen. Sie nahm sich noch etwas Obst und ein Glas Prosecco, schaute in den Himmel, träumte vor sich hin und ging dann endlich in das riesengroße Bett.

Um neun wurde sie wie bestellt geweckt, sie machte sich in aller Ruhe fertig und wartete, dass es zehn wurde. Ein paar Minuten vor zehn brachte der Zimmerservice ein opulentes Frühstück für zwei und gleich drauf kündigte die Concierge den Besuch von Riccardo an, der für einen Italiener sehr ungewöhnlich, auf die Minute pünktlich war.

„Hallo“, sagte sie und reichte ihm die Wange für einen Begrüßungskuss, „du bist so pünktlich, nach dir könnte man die Uhr stellen, irgendwie so gar nicht italienisch.“

„Das lernt man, wenn man mit deutschen Kunden zu tun hat. Wie sagt ihr: Pünktlichkeit ist die Höflichkeit der Könige?“

„Frühstück?“, fragte Chiara auf den, auf der Terrasse unter Schatten spendenden Leinensegeln gedeckten Tisch deutend, „magst du?“

Riccardo schaute sich die Platten an: „Da kann man nicht nein sagen, das sieht so gut aus, völlig ungewöhnlich für ein italienisches Hotel, wo du sonst froh sein kannst, wenn du mehr als einen Café bekommst… Wir scheinen dazu zu lernen.“

„Sieht so aus“, lachte Chiara und fragte, „ein Effekt der Globalisierung?“

„Kaum“, meinte Riccardo achselzuckend, „glaube ich nicht, eher ein Effekt, dass hier sehr viele Ausländer absteigen, kein Sizilianer könnte sich das hier leisten.“

Sie plauderten während des Frühstücks über alles Mögliche, sizilianischer Small Talk.

„Und was machst du jetzt“, wollte Chiara dann wissen, „immer noch bei der Bank?“

Riccardo hatte den Mund gerade voll und nickte nur.

„Karriere gemacht?“, wollte Chiara wissen.

Riccardo schluckte und als er den Mund leer hatte, lachte er: „Ja! Ich bin jetzt einer von den Bösen…“

Chiara schaute ihn fragend an.

„Investmentbanking – natürlich nicht im ganz großen Stile, wir sind hier schließlich nicht in London oder Singapur. Aber für hiesige Verhältnisse schon ganz schön… Nur, die Einzelheiten werden dich sicherlich nicht interessieren.“

„Doch“, sagte Chiara und schaute ihn an, „interessiert mich! Deswegen bin ich hier. Beruflich sozusagen…“

„Ich denke, du bist Programmiererin?“, fragte Riccardo, „was hast du mit Banking zu tun oder hast du geerbt?“

„Nicht ganz, nur so ähnlich…“

„Willst du erst noch erben? Planst du etwa eine Erbtante umzubringen?“, lachte Riccardo, „oder suchst du einen, der es für dich macht? Da geht man heute eher nach Moskau als zur Mafia – die sind viel billiger oder sollen es zumindest sein, sagt man!“

„Ich brauche ein paar Konten“, erwiderte Chiara, „damit sind wir mitten im Geschäft…“

„Und ich dachte schon, du wärest hier, weil die Deutschen lausige Liebhaber sind“, lächelte Riccardo mit einem anzüglichen Blick auf das große Bett.

„Alles zu seiner Zeit“, antwortete Chiara jetzt auch lächelnd, „erst das Geschäft und dann das Vergnügen…“

„Aha“, lachte Riccardo, „deshalb das Business-Hemd und sonst nichts zum Arbeitsfrühstück? Gefällt mir übrigens, der Anblick… steht dir.“

„Vielleicht“, sagte Chiara mit einem vielsagenden Blick auf das Bett, „später?“

„Nun ja“, sagte Riccardo erfreut lächelnd, ob der Aus- und Einsichten, „darf ich die Flasche Champagner öffnen, die ist doch nicht nur zur Show da, oder?“

„Die war eigentlich dafür gedacht, den Geschäftsabschluss zu feiern, Ricci!“, wandte Chiara ein.

„Ach“, lenkte Riccardo ein, „Ricci, wie früher… von mir aus alles! Geschäftlich, meine ich…“ er machte eine Pause, um die Flasche zu öffnen, „da werden wir uns garantiert einig, bei dem Honorar… – wenn es nicht um die Erbtante geht!“

Er füllte zwei Gläser und reichte eines an Chiara: „Cin Cin! Also, was willst du? Mehrere Konten? Wieso? Wieso hier? Die könntest du in Monaco, also in München, auch haben. Erzähl dem guten Onkel Ricci einfach die ganze Geschichte …“

„Ich will keine Konten in München, ich will sie irgendwo, wo man nicht so genau hinschaut… Weit weg. Versteckt…“

Riccardo schaute sie interessiert an, sagte aber nichts.

„Ich will etwas Geld verschwinden und irgendwann und irgendwo wieder auftauchen und wieder verschwinden lassen. Ein wenig Finanzzauberei?“

„Also Geldwäsche?“, fragte Riccardo, „wie viel?“

„Nicht viel, so circa vierzehn Millionen!“

„Hallo“, sagte Riccardo, „nicht viel? Wer hat so viel, Mädchen? Aus welchem Geschäft hast du so viel Geld verdient? Drogen? Mädchenhandel?“. Er lachte. „Letzteres wohl kaum, außer, du hättest deine Zwillingsschwester verkauft, also woher?“

„Musst du das wissen?“

„Naja, es kommt darauf an – je nachdem woher das Geld kommt, muss man es anders unterbringen oder auch verstecken… Wenn es gestohlen ist, vor dem, dem es gehört und je nachdem, wer das ist, eventuell vor den Polizei oder den Steuerbehörden!“

„Nichts Besonderes: Immobilien.“

„Hhm. Ehrlich verdient, also. Also vor der Steuer? Der Deutschen? Die suchen zur Zeit ja wie blöd…“

„Gestohlen!“

Riccardo war wenig erstaunt und schon gar nicht empört. „Machst du jetzt auf Lisbeth Salander?“ fragte er, „die rächende Hackerin?“. Er schaute sie fragend an. Sie lächelte zurück: „Vielleicht?“

„Von wem?“, fragte er nur.

„Wahrscheinlich von der Mafia. Hier auf Sizilien…“

„Bist du blöd, Chiara?“, brach es aus Riccardo heraus, „weißt du mit wem du dich anlegen willst? Und denen willst du hier vierzehn Millionen stehlen, mit einem Überfall vielleicht? Und dann – wie willst du mit dem Geld davon kommen – von der Insel? In einer Tasche etwa? Und dann gehe ich einmal davon aus, dass du weder gleich noch später erwischt werden willst. Du weißt selber, die Jungens in den schwarzen Anzügen sind verdammt nachtragend! Sogar sehr verdammt nachtragend!“

„Ich will sie hacken…“

„Ach so“, sagte Riccardo, „klar, die Programmiererin. Kannst du das? Bist du gut? Da musst du richtig gut sein. Sich in eine Bank zu hacken, ist nicht einfach…“

Er schaute sie an, erst neutral, nachdenkend, dann verzog sich sein Gesicht: „Du willst, dass ich dir helfe? Beim Hack? Kann ich nicht. Ich habe keine Ahnung davon. Doch halt, was brauchst du da vor allem? Einen Zugang zu unserem System?“

„Nein“, sagte Chiara, „es geht um eine andere Bank…“

„Welche?“

„Banca Populare…“

„Hhm, die arbeiten für die Mafia, das ist bekannt. Und da willst du rein?“

Chiara nickte.

„Und dann?“

„Dann will ich das Geld um die Welt schicken, bis keiner mehr weiß, wo das Geld herkommt.“

„Das ist unser Tagesgeschäft“, sagte Riccardo nachdenklich, „ich meine, das Geld zu verstecken, nicht der Überfall. Das könnte ich für dich machen. Oder willst du es selber machen?“

Chiara schaute ihn an.

„Dazu müsstest du mir vertrauen. So in der Größenordnung von zehn Millionen…“

„Da komme ich jetzt nicht mit“, sagte Chiara, „wieso zehn Millionen und nicht vierzehn?“

„Ich tue es nicht nur dafür!“. Er deutete mit dem Kinn in Richtung des Bettes. „Das auch – sozusagen als vertrauensbildende Maßnahme“, lachte er, „aber vier Millionen ist mein Honorar. Ohne das geht nichts! Mein Risiko ist nicht ohne. Und ein guter Banker ist teuer. Zehn Millionen für dich, vier für mich. Ich finde, das ist fair.“

„Gut“, stimmte Chiara nach einem Moment zu, „abgemacht – zehn zu vier. Aber erst ganz am Ende, wenn das Projekt gelaufen ist. Einverstanden?“

Riccardo erhob sein Glas und nickte ihr zu. „Wir brauchen keinen schriftlichen Vertrag, oder?“. Chiara stieß mit ihm an. „Wir sind Sizilianer“, sagte sie, „du weißt, was passiert, wenn du mich bescheißt?“

„Ich ahne es“, gab Riccardo zu, „soll ich jetzt duschen gehen?“

Hinterher saßen sie auf dem Balkon, der eigentlich eine Terrasse war, und tranken den restlichen Champagner.

„Du bist noch schöner geworden seit damals. Die kurzen Haare stehen dir richtig gut, du siehst frech aus… Seit wann hast du das Tattoo auf dem Rücken? Was ist das, eine Eidechse? Ein Gecko? Erinnert einen Larsson-Leser natürlich auch etwas an die Salander, die im Film, nur hatte die den ganzen Rücken tätowiert. Ich finde deines schöner, lässt mehr von dir, weißt du, das sieht nicht so kaputt aus wie bei der.“

„Das ist ein Chamäleon!“, korrigierte sie ihn, „und außerdem ist das nicht von Larsson, das ist von einem guten Bekannten geschrieben.“

„Was?“

„Das Buch!“

„Spinnst Du jetzt total, ich kann dir das Buch zeigen, ich habe es zu Hause. Da steht vorne groß Stieg Larsson als Autor drauf. Und im Buch auch noch einige Male…“

Chiara winkte ab: „Ich bin zu müde, dir das zu erklären, glaube mir es einfach, Riccardo. Ich schwöre bei meinem Chamäleon!“

„Aha“, sagte er, „na gut, wenn du das sagst…, Partner! Das Chamäleon ist doch das Anpassungstier, oder, das sich vor jedem Hintergrund unsichtbar machen kann? Das würde für dein Unternehmen ja gut passen. Chiara, das Chamäleon, Chiara, Camaleonte – ein schöner Künstlername! Hoffentlich bleibst du das auch: invisibile!“

Der Künstlername gefiel Chiara, da hatte sie noch nicht daran gedacht: „Camaleonte!”, das zerging einem doch auf der Zunge…

Er lächelte sie an, murmelte noch einmal „Camaleonte“, trank den letzten Schluck, stellte das Glas ab, gab ihr einen Kuss und sagte mit Bedauern in der Stimme: „Schade, Camaleonte, ich muss los“

„Jetzt?“, fragte Chiara erstaunt.

Riccardo zuckte mit den Schultern: „Meine Verlobte! Mittagessen bei den Eltern.“. Er schaute Chiara an. „Enttäuscht? Nach eben?“

„Nein“, antwortete Chiara, „das war Business…“

„Nur einmal?“, fragte Riccardo, „eigentlich würde ich deine Eidechse oder was das sein soll…“

„Ein Chamäleon…“

„…dein Camaleonte gerne noch einmal Tanzen lassen.“

„Kommt darauf an“, meinte Chiara achselzuckend, „je nach Geschäftslage, mein Lieber.“ Sie machte eine Pause, um dann fortzufahren: „Ist besser so, finde ich, wann soll denn die Hochzeit sein?“

„In einem halben Jahr.“

„Bis dahin haben wir ja vielleicht noch ein Geschäftsessen, äh, -treffen?“

„Heute Abend?“, schlug Riccardo vor, „ich lade dich ein. Kennst du die Osteria I Tre Bicchieri? Ist richtig gut!“

„Und deine Verlobte?“

„Fliegt heute noch mit Mama und Papa zum Shopping nach Rom… Ich habe sturmfreie Bude, sozusagen…“

„Und dann kannst du schon wieder, ich meine danach?“, lachte Chiara.

„Ich bin ein Italiener!“, gab Riccardo gespielt empört zurück und ich schone mich für dich. Einundzwanzig Uhr? Treffen wir uns dort?“

„Abgemacht“, sagte Chiara, „und jetzt ab zur Braut! Aber gehe vorher noch duschen, Frauen riechen so etwas!“

Um viertel vor neun stieg Chiara in ein Taxi und ließ sich erst am Strand und dann am Hafen entlang in die Innenstadt von Catania bringen. Vom Hafen musste das Taxi einen großen Bogen rund um das Castelleo Corsini machen. Pünktlich setzte sie der Fahrer an der Osteria ab.

Riccardo erwartete sie an der Bar im Eingangsbereich, um einen Aperol mit ihr zu trinken. Dann wurden sie an ihren Tisch geleitet.

„Ich habe nachgedacht“, sagte Riccardo.

„Machst du einen Rückzieher?“, fragte Chiara erschrocken.

„Nein, nein, Camaleonte“, lachte Riccardo, „viel besser!“ Er nahm einen Schluck Wasser. „Wir machen halbe halbe…“

„Vergiss es“, sagte Chiara entschlossen und griff nach ihrer Tasche, um aufzustehen.

„Halt, warte“, sagte Riccardo jetzt auch erschrocken ob ihrer Reaktion. Er legte ihr beruhigend die Hand auf den Unterarm und drückte sie leicht hinunter, „setz dich wieder, Chiara, nein, du hast mich missverstanden. Ich kann dir etwas viel Besseres anbieten, als wir besprochen haben.“

Er schaute sich auffällig unauffällig um, um zu prüfen, ob jemand ihrem Gespräch zuhören konnte, dann beugte er sich weit hinüber zu Chiara und sagte sehr leise: „Die, du weißt schon wer, die haben auch bei uns Konten… große Konten!“

„Ja?“, fragte Chiara vorsichtig.

„Und ich kenne bestimmte Zugangsdaten…“

„Deine eigenen?“, fragte Chiara, „das würde ich an deiner Stelle lieber lassen, da haben sie dich ganz schnell.“

Riccardo winkte ab: „Um Gottes Willen, ich bin doch kein Selbstmörder… Nein, nein, ich meine, von zwei, drei Leuten in anderen Abteilungen.“

Chiara schaute ihn sprachlos an.

„Direktoren, durch Beziehungen zu denen hoch gekommen, computermäßig naiv, sogar ziemlich dämlich! Denen hat ein Bekannter aus der hausinternen EDV öfter helfen müssen. Und der hat mir alles erzählt…“

„Ist der noch bei euch?“, wollte Chiara wissen.

Riccardo grinste sie über alle vier Backen an: „Nein, man hat auch einmal Glück im Leben, also ich, der nun mal nicht – der war Motorradfahrer. War, weißt du, war Motorradfahrer. Ist er nicht mehr, der steuert jetzt höchstens ein paar Wolken übers Firmament.“

„Er ist tot?“

„Genau. Ein Unfall, zu schnell in die Kurve und da kam einer entgegen. Dumm gelaufen für ihn! Vor gut einem Jahr.“

„Das könnte gehen“, gab Chiara zu, „das würde die Sache eventuell vereinfachen. Wenn es die Zugangsdaten noch gibt!“

„Das kann ich morgen checken“, schlug Riccardo vor, „da sind die Herren Bosse in der Zentrale, das würde nicht auffallen! Ich muss ja nur schnell mal rein und gleich wieder raus. Kommst Du von außen ins System?“

„Sicher“, sagte die, „das dürfte kein Problem sein. Ihr seid vernetzt?“

„Klar, wir hängen mit den anderen Filialen und der Zentrale am Netz. Ich habe ein Handbuch… Das würde dir helfen, oder? Es ist auf Italienisch?“

Sie nickte: „Ich bin Italienerin, vergessen?“

Er schaute Chiara versonnen lächelnd an: „Ja, Camaleonte, bei dem Temperament… unbedingt bist du eine Italienerin. Aber mal im Ernst: Ist das fifty/fifty wert? Ich meine, du könntest ja auch ein bisschen mehr holen…“

„Fifty/fifty!“, sagte Chiara, „Okay. Aber mehr gibt es nicht!“

„Gut“, sagte Riccardo, „ich werde liefern und du machst den Rest.“. Er schaute in die Karte und fragte: „Was nimmst du? Fisch ist hier besonders gut.“

Gegen ein Uhr brachte Riccardo Chiara ins Hotel und sie hatten noch eine „Besprechung“ - ganz businessmäßig und das kleine Chamäleon tanzte auf Chiaras Schulter!

Hinterher lagen sie etwas ermattet und sehr befriedigt im Bett. Sie sagten nichts. Beide dachten nach.

Schließlich sagte Riccardo: „Also, ich besorge Zugangsdaten. Wenn sie nicht mehr gültig sein sollten… Was dann?“

„… Dann kann ich daraus immer noch ableiten, wie Zugangsdaten bei euch prinzipiell aufgebaut sind, und dann muss ich ein wenig zaubern, aber das geht schon.“

„Du klaust den Zaster und ich jage ihn um die Welt, bis keiner mehr weiß, was das für Geld ist und wo das herkommt. Du bekommst die ganze Summe auf ein Konto deiner Wahl. Einverstanden? Und dann bekomme ich die Hälfte…“

„Auf ein Konto irgendwo auf der Welt?“

„Genau, meine Liebe, äh, ich meine Partnerin! Machst du das Licht aus?“

„Ich brauche ein Konto auf den Namen Kaspar Hausle.“

„Das können wir bei uns machen, kein Problem, glaube ich. Das machen wir morgen, komm in die Bank - ich sage einem Kollegen Bescheid, der macht das dann, ohne groß zu fragen. Das geht schon… Okay?“ Letzteres kam schon ziemlich verschlafen.

„Okay“, kam es von der anderen Seite des Bettes, „schlaf gut, träume etwas Schönes.“

„Ganz bestimmt, sieben Millionen wunderschöne Gründe! Chiara, ich mag dich!“

„Vergiss es, Ricci, du bist verlobt und bald verheiratet, … Partner!“ Aber sie ließ seine warme Hand da, wo sie war. Schließlich waren sie Partner.

Das Konto war am nächsten Tag erstaunlich schnell eröffnet. Riccardo begleitete sie zu einem Kollegen, erläuterte Chiaras Begehren und erklärte sie zu seiner Cousine – „persönlich bekannt“… Einzig den komplizierten Namen „Kaspar Hausle“ und „Hübnerstraße“ („u mit zwei Punkten drüber“ und das andere typisch deutsche Sonderzeichen gab es nicht auf der italienischen Tastatur, sie einigten sich schnell auf „ue“ und „ss“) musste sie mehrfach buchstabieren. Und sie musste versichern, bis zum nächsten Tag mindestens eintausend Euro auf das Konto einzuzahlen, damit die Gebühren gedeckt seien. „Gut“, dachte sie, „dass ich Tantes Konto habe.“ Laut fragte sie, ob sie (die Banker) das Geld auch einziehen könnten. Das sei problemlos möglich, erfuhr sie auf ihre Frage, allerdings nur innerhalb von Sizilien – wegen der kollegialen Nähe… Also gab sie die sizilianische Bankverbindung der toten Tante an. Riccardos Kollege führte ein kurzes Telefonat, Tippte einige Eingaben in ein Bildschirmformular und – schwupps – wie durch Zauberei waren eintausend Euros auf Kaspar Hausles Konto.

Einen Ausweis hatte sie nicht vorlegen müssen, dafür bekam sie automatisch eine Eurocard, eine Kreditkarte und Vollmachten über das Konto. Sie lächelte bei dem Gedanken an die „sizilianische Eröffnung“ – es konnte so einfach sein mit den richtigen Beziehungen in der „Heimat“.

Wenig später hatte sie die Bank verlassen und verfügte über ein „Kaspar Hausle“-Konto und hatte einen dicken Umschlag von Riccardo in der Tasche, in der sich das Handbuch für Mitarbeiter für das Computersystem der Bank - „Soltanto per uso interno“ („Nur für internen Gebrauch“) – und ein Zettel mit drei Zugangscodes befand. Riccardo hatte schon geliefert, von nun an war es an ihr. Allerdings hatte sie noch Zeit, um ihren Teil der Vereinbarung zu erfüllen, denn Riccardo würde etwas Zeit brauchen, um die Konten in Singapur, Hong-Kong, Guernsey und auf den Cayman Islands einzurichten.

24. Oktober. Neue Ideen für H. Hole!

Als Chiara am Abend wieder in München gelandet war und durch den Ausgang hinter den Gepäckbändern trat, staunte sie nicht schlecht, als sie ihren Namen gerufen hörte. Sie schaute verwirrt in die Menge der vor dem Ausgang wartenden Abholer, bis sie den winkenden Autoren erkannte. „Hallo, Frau Chiara!“, rief er ihr noch einmal aus der Menge der Abholer zu. Sie ging auf ihn zu.

Er lachte sie an und deutete auf die Tafel, auf der die ankommenden Flüge aufgelistet waren. „Na, so eine Überraschung, sie hier zu treffen“, sagte er, „ich habe sie ein paar Tage nicht gesehen und Fräulein Concetta wusste auch nicht, wo sie sind. Aber so kommt es raus: Sie waren in Singapur?“, fragte er sie lachend.

Sie verstand nicht gleich und schaute ihn verdutzt an. „Wie kommen sie darauf?“

Er deutete wieder auf die Tafel, wo ein paar Zeilen über „Catania“ „Singapur“ aufgelistet war und der Hinweis „Gepäck“, was bedeutete, dass die Fluggäste aus Singapur gleichzeitig mit ihr durch die Tür strömten.

„Ein kleines Kontochen eröffnet?“, fragte der Autor leise verschmitzt lächelnd, „man weiss ja, Singapur ist eines der letzten Finanzzentren, in dem die deutschen Behörden noch nicht erfolgreich waren, CDs mit Steuersündern zu kaufen…“

Chiara schaltete schnell: „Singapur?“, lachte sie, „das war nur die letzte Station. Ich war auch noch in Hong-Kong und auf den Caymans.“. Sie kniff dem Autor ein Auge, „man, bin ich fertig, einmal rund um die Welt! Aber man muss der Globalisierung folgen und seine Spuren, die finanziellen, weltweit verwischen, wissen sie, nächste Woche fliege ich noch schnell nach Guernsey, dann bin ich komplett. Und dann bin ich die Frau Holle…“

Jetzt war es am Autor, sie verdutzt anzuschauen: „Frau Holle?“, fragte er, „wieso Frau Holle? Versteh´ ich nicht…“

„Die große Waschfrau, lieber Autor, Frau Holle! Das ist unter Insidern das Codewort für Geldwäsche, verstehen sie? Geldwäsche in großen Stil. Ihnen kann ich´s ja ruhig sagen, sie können ja schweigen: Frauholle in einem Wort, das ist mein Zugangscode für das Konto bei HSBC in Singapur, Herr Cabra, aber gleich wieder vergessen, gell... nicht im Laden herumposaunen.“

Herr Cabra, das zeigte sein Gesicht nur zu deutlich, verstand offenbar gar nichts. Und noch viel weniger verstand er, als Chiara einem älterem Chinesen zuwinkte, der gerade den Ausgangsbereich verließ und sich unsicher umschaute. Der alte Herr winkte verblüfft zurück.

„Mein Sitznachbar“, flunkerte Chiara, „ein chinesischer oder so, ganz genau habe ich das nicht verstanden, die sprechen ja so schlecht Englisch, diese Chinesen, aber mit den Fingern sind die verdammt schnell auf dem langen Flug, das kann ich ihnen sagen… Was wollte ich noch sagen? Das muss das Jetlag sein… Moment, gleich habe ich´s wieder. Ach ja, also ein chinesischer Minister ist der, hat er gesagt, oder so, aber inkognito! Als ob man die unterscheiden könnte…“

„Tatsächlich? Ist das so?“, fragte der Autor, „Frauholle? Naja, leuchtet irgendwie ein…“. Dann lächelte er sie an: „Sie verarschen einen alten Mann“, sagte er und drohte ihr scherzhaft mit dem Finger, „das tut man nicht, Frau Chiara! Obwohl, die Idee ist nicht schlecht, die muss ich mir merken: Geldrundlauf über Singapur, Hong-Kong, Caymans und Guernsey – man o man, das könnte sogar klappen, Frau Chiara, das könnte klappen.“

„Und was machen sie hier?“, fragte Chiara, „einen weltberühmten Thrillerautoren abholen?“

Er schaute sie verblüfft an: „Woher wissen sie das denn?“

„Sie deutete auf die Tafel der ankommenden Maschinen: „Die Maschine aus Oslo ist gerade gelandet, kommt der Nesbö sie besuchen?“

Der Autor war platt: „Wieso der denn? Wie kommen sie denn jetzt ausgerechnet auf den?“

„Weil er da gerade kommt, glaube ich“, damit deutete sie unauffällig auf einen lässig gekleideten Herren um die Fünfzig, der jetzt auf den Autoren zusteuerte und dessen Bild sie auf dem Umschlag vom „Schneemann“ gesehen zu haben glaubte, des Buches, das sie auf dem Rückflug von Catania gelesen hatte „ich glaube, ich lasse sie lieber allein, sie und ihren Norweger, der will bestimmt nicht mit ihnen gesehen werden… Und übrigens, Harry Hole braucht ein paar frische Ideen, finde ich.“

24. Oktober. Rohplanung

Gegen elf Uhr klingelte Udo bei Wolfgang an der Wohnungstür. „Wie wäre es“, fragte er, machen wir einen kleinen Rundgang oder setzen wir uns in die Reste meiner Werkstatt? Ist schönes Wetter draußen …“ erläuterte er.

„Gute Idee“, stimmt Wolfgang zu, „können wir denn schon wieder da rein nach dem Brand?“

„Naja, rein ist so eine Sache… aber ich habe zwei Stühle da, wird schon gehen…“

Als sie am Metallhandel ankamen, zimmerten ein paar Handwerker einen neuen Zaun. Die ebenfalls neue Tür hing schon zur Probe in den Angeln.

„Hereinspaziert“, lud Udo Wolfgang ein, „sieht zwar schlimm aus, schlimmer eigentlich, als es ist …“

„Wolfgang zeigte auf den Eingang zu den Resten von Udos Werkstatt: „Hat er da gelegen, der Herr Brandt, meine ich?“

„Ja, da ist er gestorben, der arme Kerl. Und darüber wollte ich auch mit dir reden … Bleiben wir jetzt beim „du“, finde ich, oder hast du etwas dagegen?“

„Nein, ich bin also der Wolfgang“, sagte Wolfgang und reichte Udo seine Hand, „hallo, Udo!“

„Ja“, sagte der, „also da ist die Sache mit der alten Frau, die im Treppenhaus angeblich gestürzt ist, dann der arme Herr Brandt, der hier so jämmerlich verbrannt ist, der Überfall auf unsere Kosmetikerin und dann dein Kater Baghira …“

„Genau“, antwortete Wolfgang und schob die Frage:, „und worauf willst du hinaus?“, hinterher.

„Setzen wir uns erst einmal“, schlug Udo vor und kramte zwei offenbar neue Regiestühle hervor, „am besten hier!“ Er deutete auf einen Platz von vielleicht zwei mal zwei Metern, den er freigeräumt hatte. Sie stellten ihre Stühle so auf, dass sie einander schräg gegenüber saßen und in Richtung der am Zaun arbeiten Handwerker blickten. Die waren viel zu weit entfernt, als dass sie etwas von dem Gespräch mitbekommen konnten.

„Eigentlich“, sagte Udo, „wenn man es genau nimmt, haben wir ja noch zwei Opfer: Die beiden anderen Katzen, die hier verbrannt sind.“

„Genau“, gab Wolfgang zurück, „die ja auch! Und worüber wolltest du von Mann zu Mann sprechen?“

„Über Rache!“, sagte Udo, „ganz einfach über Rache! Über deine Rache und die von Lucius und die von Frau Wegmann, also unsere … Wenn du noch willst?“

„Klar will ich, und wie, ich bleibe dabei, den Kerl will ich tot vor mir sehen!“

„Ich hätte da eine Idee …“, begann Udo.

„Und die wäre?“

„Ja, also – wir waren doch neulich mit Herr F. und dem Autor im Dachauer Moos …“

„Ja?“

„Und da hat der Autor doch so einen Plot geschildert?“

„Ja? Aber das war ein Plot für einen Thriller …“

„Und wenn es nicht so bliebe?“

„Das heißt?“

„Wenn wir das Ding durchziehen würden?“

„Hört sich interessant an! Wie denn?“

„Naja, ich würde nicht bei den Köpfen der Hydra anfangen wollen, die wachsen ja immer wieder nach, sondern sie am Stumpf ausrotten …“

„Wer ist der Stumpf?“

„Der Conte! Der ist verantwortlich für alles. Ich finde das immer so schön, wenn Politiker sagen, wenn irgendetwas in die Hose gegangen ist, dass sie die Verantwortung übernehmen würden und dann passiert – nichts. Unser Conte ist verantwortlich für alles, was hier geschehen ist, soll er die Verantwortung übernehmen und dafür büßen …“

„Macht Sinn für mich!“ meinte Wolfgang, „wenn wir dabei auch den Katzenmörder erledigen.“

„Wenn wir es gut machen, treffen wir deinen Katzenquäler ganz persönlich …“

„Meinst du?“

„Kommt auf die Feinplanung an, glaube ich.“

„Und wie willst du es nun genau machen?“ fragte Wolfgang, „bist du schon so weit?“

„Ein Kopter oder ein Modellflugzeug mit Sprengstoff am oder am besten im Haus des Conte explodieren lassen!“

„Kopter? Erstens: Woher kriegen? Zweitens: Dann steht Herr F. sofort unter Verdacht, das weiß jeder, dass der mit Koptern spielt! Drittens: Sprengstoff für eine Bombe? Woher?“ Er schaute Udo zweifelnd an. „Nicht, dass ich dir den Spaß verderben will, aber ich glaube, dein Plan hat Schwachstellen …“

„Gut mitgedacht, Wolfgang! Erstens: den Kopter baut uns Herr F. …“ Als Wolfgang etwas ganz sicher Kritisches einwerfen wollte, hob er abwehrend die Hand und sagte: „Lass mich ausreden, bitte. Zweitens: Herr F. wird total entlastet, das ganze Ding schieben wir jemand anderem in die Schuhe: Den Italienern, die hier waren! Mafia! Die machen so etwas laufend … Und drittens: Sprengstoff? Gut, das könnte ein Problem sein, das gebe ich zu, aber da arbeite ich dran … das könnte man mit Benzin und Aluminiumpulver machen, das könnte gehen …“

„Na, da bin ich gespannt!“, warf Wolfgang ein.

„Ich habe das überprüft, der Conte wohnt in Grünwald, in einer von den Hochsicherheitstraktvillen mit einer zwei Meter hohen Mauer drum herum, Flutlichtanlage im Garten und so weiter. Hat viele große Fenster und viel Glas …“

„Warst du schon da, um es dir anzusehen?“

„Google Earth!“ war die Erklärung, „nee, anschauen müssen wir uns das noch.“

„Und wie willst du das anstellen, dass das nachher die Mafia gewesen ist?“

„Wir kaufen alles, was wir brauchen, in Italien ein …“

„Ach so, und das reicht?“ fragte Wolfgang etwa ungläubig, „und zwar was?“

„Die Bauteile für die Kopter, GPS-Gerät und so weiter, alle technischen Geräte eben. Die haben Seriennummern und die sind dann für Verkäufer und Käufer in Italien …“

„Aha“, und nach einem Moment: „wieso die Kopter? Brauchen wir mehrere?“

„Mindestens zwei: Einer für die Bombe und einer für die Luftbeobachtung!“

„Luftbeobachtung?“

„Zur genauen Planung und dann übertragen wir den Anschlag der Mafia live ins Internet!“

„Das meinst Du aber nicht ernst, oder?“ fragte Wolfgang mehr oder weniger fassungslos.

„Doch, dazu benutzen wir italienische Websites …“

„Ach so, na klar, ist logisch, oder?“ lachte Wolfgang, als ob er Udos Plan nicht wirklich ernst nehmen könne. Und nach einer Weile des Nachdenkens meinte er: „Du meinst das alles Ernst, oder? Das willst Du tatsächlich machen, oder? Genau so?“

„Ja!“, war alles, was Udo darauf antwortete.

Wolfgang blickte versonnen in den Himmel, dann sah er Udo an und schließlich sagte er: „Mein Gott, was soll´s, dann machen wir´s halt!“ und nach einer Weile: „Und entgegen allem, was Sarah mir gestern übers Mundhalten gesagt hat, weiß sie vermutlich alles?“

„Ja“.

„Na gut“, Wolfgang reichte Udo die Hand: „Schlag ein! Ziehen wir´s durch! Für Baghira! Und Lucius! Und Frau Wegmann! Für alle!“

Die nächsten zehn Minuten saßen sie schweigend in ihren Stühlen und hingen, jeder für sich, ihren Gedanken nach.

„Wie sieht es mit dem Geld aus? Wie viel brauchen wir?“

„Ach, das“, meinte Udo und winkte ab, „das ist kein Problem … das können wir auslegen, ob und wie wir es teilen, darüber können wir immer noch sprechen.“ Und wieder nach einer Weile sagte er: „Ich rede morgen mit Herrn F., ob er es machen will?“

1. Oktober. Frau R.

Am nächsten Tag kam Udo nicht dazu, mit Herrn F. über Kopter zu sprechen…

Es war einer der Tage, an denen Frau R. nicht am Vorabend zum Rock`n Roll-Tanztee in Starnberg gewesen war – also war sie um fünf Uhr morgens im Laden gewesen, um Frau Z. zu helfen, sich auf den Großmarktbesuch vorzubereiten: Da waren leere Kisten zurück zu bringen, die mussten eingeladen werden, ebenso einige Retouren. Die Einkaufsliste wurde noch einmal durchgesprochen. Es waren einfach viele Kleinigkeiten zu erledigen und letztlich hatte Frau R. wie immer einen Kaffee aufgestellt, „damit“, wie sie sagte, „die Chefin etwas Warmes in den Bauch bekommt“. Und außerdem hatte sich das in den letzten Jahren einfach so eingespielt. Frau Z. hatte zwar mehrfach gemeint, „die R.“ müsse das nicht tun, so früh auszustehen, meinte sie damit, sie würde das auch alleine schaffen. Wahrscheinlich hätte sie es sogar geschafft – aber Frau R. wachte eh so früh auf („Was soll ich denn da machen?“) und ganz im Geheimen war Frau Z. doch sehr froh, dass die R. - vor allem im Winter, wenn es um die Zeit noch stockdunkel und a…kalt war – da war, um ihr zu helfen. Einerseits mit zwei (nicht mehr sehr kräftigen) Händen, dann mit dem heißen Kaffee und nicht zuletzt auch mit ein bisschen menschlicher Wärme…

Also war Frau R. die meisten Morgende früh um fünf da – so wie heute.

Um viertel nach fünf war Frau Z. „abgedüst“ (sie fuhr tatsächlich manchmal einen „heißen Reifen“) und Frau R. löschte das Licht im Laden und setzte sich auf ihren sogenannten „Traum“stuhl – heute aber nicht in die Küche, wohin sie ihn normalerweise mit ihrem krummen Bechterew-Rücken geschleift und geschoben hätte. Tragen war bei ihr eh nicht mehr drin. In der Küche konnte sie ein kleines Licht brennen lassen, ohne dass man es von außen sehen konnte. Heute war sie aber ein wenig schwächer als sonst, ihr war ein bisschen schwummerig, „das Herz“ murmelte sie sich selber zu. Also saß sie zwischen den Kühl- und Gefrierschränken auf der einen Seite und einem Regal (Seife, Zahnbürsten und –Pasta und Putzmittel etc.) auf der anderen Seite hinten im Laden.

Da hätte man sie von außen nur sehen können, wenn man wusste, dass sie da war. Folglich war sie mehr oder weniger unsichtbar in ihrem Stuhl.

Sie tagträumte (in der nur ganz eben weichenden Dunkelheit des frühen Morgens) von ihren Tanzpartnern, von flotten Rockstücken und von der Jugend überhaupt, also von der Zeit, als sie noch „der flotte Feger“ gewesen war und die jungen Männer ihr nachgestiegen waren… Schön war es gewesen, ein umschwärmtes „junges Ding“, wie man damals sagte, zu sein.

Langsam schlief sie in ihrem Stuhl ein und ließ sich von ihren Träumen in eine andere, bessere – weil jüngere Welt – tragen.

Irgendwo in München startete ein junger Mann einen tiefschwarzen Hummer. Der Wagen war ursprünglich als Nachfolger des Jeep für die US-amerikanische Armee entwickelt worden, er war beim US Militär als HMMWV[4] Kommandowagen, Granatwerfer und Abschussbasis kleinerer Raketen in einem. Und weil die Pisten in irakischen oder afghanischen Wüsten (für die er entwickelt wurde) eher breit sind, und einem da kaum auch mal jemand entgegen kommt, sind die Hummer breit, sehr breit – viel zu breit für unsere Straßen. Und außerdem sind sie in den oben genannten Gegenden ja auch bewaffnet und schießen meist zuerst!

Wer einem Hummer der Zivilversion in einer deutschen Straße begegnet, tut gut daran, sich gleich eine Ausweichstelle zu suchen – schon weil der Fahrer mit großer Wahrscheinlichkeit ein Kotzbrocken ist, der meint, mit dem teuren Hummer hätte er auch die Straßen mitgekauft...

In einer etwas zivileren Version (die ist zumindest offiziell unbewaffnet) war er der Traum einer speziellen Spezies Mann: Typisches Beispiel ist unter anderem „Terminator“ und kalifornischer Gouverneur Arnold Schwarzenecker, der mehrere davon in seiner Garage stehen hatte bevor er das Thema Umwelt für sich entdeckte und auf ein Tesla-Elektroauto umgestiegen war - solche Art Männer eben fuhren Hummer, der typische Besitzer in Deutschland war Zuhälter, Dealer oder männlicher Vielzuvielverdiener jedweder Couleur mit (gefühlt, nachgesagt oder nachgewiesen) zu kleinem Pimmel, dem die Harley Davidson unter dem Hintern nicht mehr ausreichte, um zu kompensieren und aufzufallen.

Dieses Exemplar, das irgendwo in München gerade gestartet wurde, war gegenüber dem Standardmodell ziemlich aufgemotzt worden: Poliertes Chrom, wohin man an dem Auto schaute, tiefer gelegt (was bei einem Geländewagen eh schon extrem „gaga“ war), mit einer Reihe von sechs Flutlichtscheinwerfern auf einer Reling über dem Dach, mit dem er die Fläche vor dem Hummer gleißend hell erleuchten konnte und mit einem riesigen Kuhfänger aus Edelstahl vor dem Motorraum, der einer Lokomotive im wilden Westen Ehre gemacht hätte. Nur hätte der Kuhfänger bei der Dampflok im Westen Sinn gemacht, an dem Auto war es „gaga im Quadrat“. An dem Auto war eben alles irre – vom getunten Motor bis zum edelst ausgestatteten Innenraum und einer Surround-Anlage, mit der man einen Konzertsaal hätte beschallen können!

Dieser Hummer gehörte dem jungen Fahrer nicht, er hatte ihn von einem Freund „ausgeliehen“, der für ein Jahr wegen Körperverletzung „unabkömmlich“ war! Hätte der Besitzer gewusst, was sein Kumpel heute Morgen mit seinem Auto vor hatte, hätte er ernsthaft eingegriffen und wäre danach wahrscheinlich für zwei bis drei weitere Jahre „unabkömmlich“ gewesen.

Der Fahrer ließ einen anderen jungen Mann auf den Beifahrersitz einsteigen, dann ließ er die Maschine an. Der Hummer gab einen in ihren Ohren wunderbaren Sound von sich, die hochgezüchtete Maschine blubberte im wahrsten Sinne des Wortes in tiefsten Moll-Tönen los, man glaubte fast, die Zylinder einzelnen bei ihrem Auf- und Ab zu hören. Nach einem Moment des Berauschens am Motorengeräusch jagte der Fahrer die Maschine im Leerlauf hoch, einfach, um sich am Motorengeräusch aufzugeilen. Er dürfte dabei so viel Benzin verbraucht haben, wie ein „vernünftiger“ Kleinwagen brauchte, um seine Besitzerin zum Einkaufscenter und zurück zu bringen. Dann ließ er die Kupplung langsam kommen und das Gefährt setzte sich in Bewegung. Sein Beifahrer legte eine CD in den Player ein und ließ „die Boxen krachen“.

Die beiden tanzten in ihren Sitzen im Rhythmus der Bässe und fanden sich und die Welt einfach nur geil!

„Hey, Säckchen, was machen wir heute?“, fragte der Beifahrer, „einfach nur einen Zug durch die Gemeinde? Aber dafür ist´s zu früh, oder?“.

„Wart´s ab“, antwortete der Fahrer, „kein Zug durch die Gemeinde, ein geiler Job, habe ich von meinem ältesten Bruder!“

„Der von der Metzgerei?“

„Nein, vom anderen, dem Anzugträger…“

„Der neulich in der Zeitung war?“

„Genau!“

„Dann lass die Pferdchen mal laufen, Sack, gib Gas“, sagte der Beifahrer. Wenig später waren sie in Neuhausen. Gegen viertel nach fünf, bogen sie aus der Artilleriestraße in die Hübnerstraße ein. Wenn sie einige Minuten früher gekommen wären, hätten sie die Rücklichter von Frau Z. wahrgenommen.

Mit blubberndem Motor und riesigem Gedröhne rollten sie ganz langsam entlang der im ersten Morgengrauen wie tot daliegenden Hübnerstraße.

Für das, was sie vorhatten, hätten sie sich nicht dümmer anstellen können: Ein absolut einmaliges, selbst vom dümmsten Zeugen wieder erkennbares Auto, der Lärm, den sie verbreiteten konnte potenzielle Zeugen erst aufwecken und an die Fenster locken. Und dann schaltete Sacks jüngster Bruder auch noch das Flutlicht auf dem Dach ein. In der Hübnerstraße ging für einen Moment die Sonne auf… Wie gesagt, dümmer ging es nicht…

Auf Höhe des Hauses Nummer 22 in der Hübnerstraße gab der Fahrer etwas mehr Gas und ließ gleichzeitig die Kupplung schleifen, die gefährlich aussehenden Karosse schnaubte geradezu laut auf, die super-super breiten Reifen (natürlich, was sonst?) krallten sich in das Pflaster und beschleunigten den schweren SUV leicht, dann lenkte der Fahrer den Hummer zwischen den senkrechten Trägern des Gerüstes und über die vor dem Schaufenster liegenden Sandhaufen in die große Schaufensterscheibe des Ladens und ließ dabei noch einmal den Motor so richtig aufheulen. Die Kakofonie von Motor, platzender Scheibe und gleich darauf der umstürzenden Regale war infernalisch!

Bevor Frau R. durch das Krachen der berstenden Scheibe und der umstürzenden Regale aus ihren Träumen aufwachen und sich orientieren konnte, um sich dann so zu erschrecken, wie noch nie in ihrem Leben, hatte der kleinste der Sack-Bruder den Rückwärtsgang eingelegt und ließ den Wagen mit laut aufheulendem Motor aus dem Gewirr der Getränke-Kisten, der umgekippten Regale und der wirr durcheinander liegenden Waren zurücksetzen.

Da es im inneren des Ladens keine Sandhaufen gab, über die der tiefer gelegte Hummer die Kante hochrollen konnte, musste der Wagen einen sehr viel größeren Widerstand überwinden, entsprechend musste Säckchen (so wurde er von Freunden und Familie genannt, weil er eben der jüngste und kleinste Spross der Familie Sack war) Gas geben, dann knirschte der Unterboden verdächtig als er durch die brutale Kraft des getunten Motors über die wohl sechzig Zentimeter hohe Betonkante unter der zerstörten Schaufensterscheibe gezwungen wurde. Aber in dem Moment spielte er seine Verwandtschaft mit der Militärversion aus – es wäre ja auch lächerlich gewesen, wenn „die Mutter aller Geländewagen“ nicht mehr aus dem Laden herausgekommen wäre! Das Geräusch des gequälten Autos nahmen die beiden im SUV in ihrem Testosteron- und Endorphin-Rausch gar nicht wahr. Sie schlugen sich gegenseitig vor Begeisterung auf die Schenkel und wollten sich weglachen, so toll fanden sie sich und den Spaß, den sie hatten.

Frau R. bekam das alles gar nicht mit. Sie gelang vom Traumzustand direkt in den Herzinfarkt und rutschte aus ihrem Stuhl auf den Boden.

Sie hatte nur ein ultrahelles Glühen und einen infernalischen Krach und dann Schmerzen in der Brust wahr genommen - und dann nichts mehr.

Wie heißt es so schön: Die dümmsten Bauern haben die größten Kartoffeln. In diesem Falle heißt das, dass die beiden dümmsten jungen Männer Münchens einfach nur riesiges Glück hatten. Niemand hatte in der Hübnerstraße nicht schlafen können und saß schon um viertel nach fünf Uhr morgens am Fenster, kein Hund hatte eine Harnwegsinfektion und deshalb Herrchen für ein erstes Pieseln noch früher als sonst winselnd aus dem Bett gequält, die letzten Klubgänger waren heute früh nach Hause gekommen und lagen schon tief schlummernd im Bett und die beiden Busfahrer, die in der Hübnerstraße wohnten, hatten schon Dienstbeginn, waren also schon fort. Glück gehabt!

Bevor der erste Anwohner vom Krach wach oder zumindest aufmerksam geworden war und sich ans Fenster begeben hatte, um zu schauen, was da unten los sei (nicht dass man etwa neugierig sei!), waren sie schon um die Ecke in die Fasaneriestraße abgebogen und sicher mehr als einhundert Meter weit fort. Niemand hatte sie gesehen…

Natürlich hatte es dann nur noch wenige Momente gebraucht, bis die ersten Anwohner aus dem Haus und den Nachbarhäusern durch die Trümmer des Ladens stapften und schließlich in all dem Gewirr die kleine Gestalt von Frau R. am Boden unter ihrem Traumstuhl und zwischen Putzmitteln und sonst etwas bewegungs- und bewusstlos am Boden fanden.

Zehn Minuten später war der Notarztwagen da gewesen und Frau R. war erstversorgt worden und inzwischen auf dem Weg ins Krankenhaus.

Irgendwer hatte auch Frau Z. im Großmarkt auf dem Handy angerufen und Herrn F. zuhause erreicht. Beide waren gegen sechs Uhr im Laden eingetroffen, um fassungslos durch die Reste ihres Ladens zu stapfen. Da war die Polizei auch schon da und war dabei, die Bereiche vor dem Laden weiträumig abzusperren, was das größer werdende neugierige Publikum in den Bademänteln und Trainingsanzügen gar nicht goutierte – wie sollte man da etwas mitbekommen?

Frau Z. und Herr F. wurden von Kriminalbeamten gefragt, ob sie sich vorstellen könnten, wer das getan habe, ob sie Feinde hätten? Klar, sagten die uno sono, nein, Feinde hätten sie nicht, eigentlich nur Freunde. Die neuen Eigentümer des Hauses, die sie heraus haben wollten aus ihrem Laden, um da irgendetwas „Feines“ unterzubringen, natürlich zu immensen Mieten, die werden dahinter stecken, natürlich, wer sonst? Genauso wie hinter den Anschlägen auf den Laden des Goldschmiedes oder auf Concettas Salon, nicht wahr… Oder als die Werkstätten nebenan gebrannt hätten, bei dem Herr Brandt so jämmerlich verbrannt sei oder bei den Morden an Frau Wegmann oder an Wolfgangs Katze.

„Einen Moment einmal“, wandte ein junger Kriminaler ein, „eine Katze kann man nicht ermorden, die ist nur ein Ding! Und da ist es nach der Aktenlage auch nicht klar, ob das nicht der Besitzer selber… Und die anderen Fälle: Die alte Frau, die die Treppe runtergestürzt ist, das war eindeutig ein Unfall und an der Brandstiftung sei man dran, aber nichts deutet auf die hin, die sie da beschuldigen!“.

Frau Z. und Herr F. schauten ihn perplex an.

Der junge Kriminale fuhr ungerührt mit der Frage fort, ob sie irgendwelche Beweise für ihre Behauptungen hätten, die würden ihn doch sehr interessieren? Nein, die hatten sie natürlich nicht …

„Siiie“, fragte Frau Z. lauernd, „was hab‘n s‘ da g‘rad sag‘n woll‘n, von wegen, dass der Wolfgang sei‘ Katz‘ selber…?“

Der junge Kriminale winkte nur ab und ging nicht weiter auf die Frage von Frau Z. ein, was diese sich genau merkte. Statt dessen fragte er, ob sie versichert wären und wie und ob man, bitteschön, einmal die Police sehen könne? Konnte man, Herr F. verschwand irgendwo „hinten“ (ein richtiges Büro gab es ja nicht) und kam mit einer blauen Mappe zurück. „Hier“, sagte er und gab sie dem jungen Kriminalmenschen. „Alles drin ,mehr haben wir nicht…“

Der blätterte die Mappe unter genauer Beobachtung von Frau Z. konzentriert durch, blieb dann an einer Seite hängen und reichte die aufgeschlagene Mappe mit einem jubilierenden Blick, als ob er Jack the Ripper identifiziert hätte, an seinen älteren Kollegen weiter.

„Sie haben vor einigen Monaten die Versicherung für Schäden durch Vandalismus erhöht – sogar stark erhöht?“, fragte der Kriminale dann mit einem unüberhörbaren Unterton.

„Mag sein“, sagte Herr F. uninteressiert, „da war ein Versicherungsvertreter da, da habe ich etwas unterschrieben…“

„Der Schrott hier ist damit doch total überversichert“, meinte der junge Kriminale und zeigte auf die kreuz und quer am Boden liegenden Regale.

Doch bevor er weiterreden konnte, wurde er von Frau Z. unterbrochen: „Ja, was woll‘n sie denn jetzt damit sag‘n, sie…, was soll jetzt des bedeuten, sie…? Erst ihre saudummen Bemerkungen zum Mord,“ sie hob die Stimme: „zum MORD an dem Wolfgang seiner Katz‘ und jetzt des? Wollen sie uns vielleicht gar no‘ unterstell‘n, dass wir das selber waren? Sie, ich ziag eahna…, sie Jungbulle, sie unerfahrener sie, glei‘ a‘mal die Ohr‘n lang, sie…, sie…, sie Bürscherl, sie! Sag‘n s‘ a‘mal, was fällt ihnen eigentlich ei‘? Was glaub‘n s‘ denn, wer sie überhaupt sind? Himmi’donnerwetter no’moi’nei !“

Der ältere Polizist sagte gar nichts er schaute sich die Szene nur an. Der junge Kriminale war baff ob der heftigen Reaktion der „Alten“, die sich vor ihm aufgebaut hatte als ob sie mit ihm raufen wollte, er schaute seinen erfahrenen Kollegen hilfesuchend an und als der gar nicht eingriff, versuchte zurück zu rudern – vergeblich. Frau Z.´s Redefluss hatte jetzt Fahrt aufgenommen: „ Ja san mia daherin auf da Brenn’supp’n daher g’schwomma oder wia se’g’n nacha sie des? A‘ Beamt‘a war er, ohne a‘ Ahnung vo‘ dem, was a‘ da red‘ und no‘ ganz grün hinter die Ohr’n, glaubst es!“

Während Frau Z. zeterte, war Herr F. erst rot und dann weiß im Gesicht geworden. Der zweite, ältere Kriminale sah das und unterbrach Frau Z.´s Gezeter, indem er ihr die Hand leicht auf den Arm legte und sie anschaute und dann bat er sie, für Herrn F. einen Stuhl zu holen.

„Ja, was hast‘ denn Mann? Gell, hat er di‘ a‘ so beleidigt, der Nachwuchshamme‘, der g‘scherte? Komm, da is‘ ein Stuhl, sitz‘ di‘ her da“, sorgte sie sich um Herrn F. Dann hob sie den Traumstuhl von Frau R. auf, stellte ihn hin, platzierte „den Jürgen“ sorgfältig und liebevoll darauf und beschied den Kriminalern, dass sie jetzt für sie keine Zeit mehr hätte, „für den Unsinn, wo wir doch selber die Täter sein sollen…“

Schließlich – so gegen Mittag - hatte die Polizei alle Spuren aufgenommen und sich getrollt. Den Versicherungsvertrag hatten sie mitgenommen.

Dass es heute kein warmes Essen im Laden geben würde, war auch dem „Letzten“ eingeleuchtet. Pille, der Wirt vom Augustiner, hatte stattdessen ein einmaliges Angebot gemacht: Laden-Kunden und alle auf der Straße vor den Absperrungsbändern der Polizei Wartenden bekamen für drei Euro eine Portion Schinkennudeln und ein kleines Apfelschorle… Das Lokal „brummte“ an dem Mittag wie nie und der schnell genesene Herr F. musste aus den Trümmern alle Nudelpackungen, die nicht kaputt gegangen waren, heraussuchen, damit Pille genug Portionen Schinkennudeln herbeischaffen konnte. Hübnerstraße halt!

Wenig später erhob sich Wolfgang von seinem Platz und bat die Anwesenden um einen Moment Ruhe und unterbreitete den Vorschlag, dass man, also die Arbeitsfähigen, kurz nach Hause gehen sollten, um Arbeitsklamotten überzuwerfen und dann zu helfen, den Laden aufzuräumen. Erst waren alle sprachlos, dann standen viele auf, um dem Vorschlag zu folgen.

Frau Z. hatte sich noch einmal um ihren Herrn F. gekümmert und sich dann, als sie sich sicher war, dass das eben nur ein kleiner Schwächeanfall gewesen war, mit Fräulein Concetta und Sarah abgesprochen, am Nachmittag Frau R. im Krankenhaus zu besuchen.

Die vielen helfenden Hände standen sich erst gegenseitig „auf den Füßen“ und bewirkten dann doch so etwas wie ein kleines Wunder: Am Abend sah der Laden noch nicht wieder so aus, wie am Abend vorher, also vor dem Überfall, aber fast… Zwei Regale waren gegen welche aus dem Vorratskeller ausgetauscht worden, zwei waren noch schief, aber das wollte Udo mit seinem Werkzeug am nächsten Tag richten: „Da haben wir damals auf der Werft schon ganz andere Dinge wieder hingekriegt“, sagte er lässig und hatte abgewinkt, „das wird schon werden!“

Einige Frauen hatten sich Besen und Kehrbleche gegriffen - sie fanden das gendermäßig ohne weiteres korrekt, dass die Männer die groben Arbeiten erledigten, wie zum Beispiel die Regale aufstellen und die Kühlschränke prüfen, während sie die Sachen hinter ihnen aufräumten und sich um die Regalböden und Waren sowie den Boden kümmerten, auf dem doch viele Flasche zerschlagen waren. Am Abend lag ein großer Haufen Schutt und Scherben auf dem Gehweg vor dem Laden, um den sich nach einhelliger Meinung aller, die Hausverwaltung kümmern sollte, die wäre es schließlich gewesen… Innen drinnen roch es nur noch nach Essigreiniger, der Boden war so sauber, das wer gewollt hätte, davon hätte essen können.

Gottseidank waren die Biervorräte einigermaßen heil geblieben, sodass am Abend Männlein und Weiblein einträchtig beim Bier zusammenstehen konnten, das Frau Z. und Herr F. als „Dankeschön“ spendiert hatten, um die Früchte der gemeinsamen Arbeit zu genießen.

Die Anwältin, die zum Erstaunen aller nicht nur fleißig mit angefasst hatte („obwohl - die ist doch Akademikerin…“), sondern schon bald die Arbeiten leitete, machte den Vorschlag, dass man eine Nachtwache einrichten müsste, denn so große Holzplatten, die man brauchte, um die Fenster zu vernageln, hatte keiner und waren auch auf die Schnelle nicht zu bekommen und man wisse ja nie, was die Kerle, die das waren oder die dahinter standen, heute Nacht vor hätten.

Da noch Bier vorrätig war, waren die zweistündigen Wachen schnell aufgeteilt und die ersten verschwanden, um für ihren „Törn“ vorzuschlafen, damit sie nicht „auf Wache“ einschliefen. Udo hatte von der Werft noch eine Handsirene aus dem letzten Krieg, die einen ohrenbetäubenden und nervenzerfetzenden Krach machte, wenn man die Kurbel drehte. Die sollte im Notfall die anderen zur Hilfe rufen.

Frau Z. kam gegen achtzehn Uhr aus dem Krankenhaus zurück und gab zur Erleichterung aller Entwarnung: Der Frau R. ginge es schon wieder „einigermaßen“, berichtete sie. Sie sei zwar noch nicht quietschfidel, aber doch schon wieder ziemlich fidel, ergänzte Sarah, die anderen beiden Patientinnen im Krankenhauszimmer seien jedenfalls schon unter ihrer Fuchtel…

Am anderen Ende von München standen der ganz junge Sack und sein Beifahrer inzwischen ziemlich zerknirscht vor dem Hummer, denn der hatte einiges abbekommen. Ein Auto mit tiefer gelegten Fahrgestell zu verwenden, war keine gute Idee gewesen – vor allem beim Rückwärtsfahren über die Betonkante unter dem Fenster, durch das sie vorwärts über die Sandhaufen gefahren waren, waren die unangenehm durchdringenden Geräusche von reißenden Blech nicht ohne Grund aufgetreten. Der verchromte Kuhfänger hatte diverse massive Dellen (so viel zum Thema Edelstahl) und die Flutlichtscheinwerfer auf der Reling über dem Dach waren nicht mehr alle da…

„Sag einmal, Du Sackgesicht“, fragte Sack (der im Anzug) seinen jüngsten Bruder wütend und legte die Hand auf die Motorhaube des Hummer, „was musst du für ein Volldepp sein, um diese Karre dafür einzusetzen? Wenn Euch einer gesehen hat, dann haben sie euch doch gleich, dann seid ihr doch dran! Dieses Auto dürfte doch einmalig in München sein – geradezu unverwechselbar, oder? So blöd kann man doch gar nicht sein…“

Der kleine Sack ging gar nicht auf das ein, was sein großer Bruder sagte, er jammerte nur, was der Besitzer des Hummer mit ihm veranstalten würde, wenn der in sechs Monaten wieder „rauskäme“… „Ich sollte doch auf den Wagen aufpassen, weil, der ist doch das Wichtigste für den, ich sollte ihn nur putzen, aber keinesfalls fahren!“

„Tja“, meinte der große Bruder, „man kann alles reparieren und ein halbes Jahr ist lang bis der wieder draußen ist! Aber das wird teuer, den wieder so hinzukriegen, da musst du schon ordentlich Überstunden schieben, mein Lieber! Denn das zahlst du! Wer so blöd ist, muss auch zahlen…“

Der kleine Sack schaute ehr traurig drein – das würde sehr viele Überstunden bedeuten. Und das hieße, er würde sich nicht um die scharfe Braut kümmern können, die vor ein paar Wochen in seine Straße gezogen war.

„Hast Du wenigstens die Email gelöscht, Du weißt schon… ?“, fragte der große Bruder. Der Kleine nickte: „Klar, Octavian, bin doch nicht blöd!“

„Das musst ausgerechnet Du sagen“, meinte der Große, drehte sich um und sagte im Weggehen: „Ich muss wieder los! Übrigens, ich würde mich um die Karre kümmern… und zwar bald!“

4. Oktober. Ein Auftrag

In den letzten Tagen hatte Udo verschiedene Summen von verschiedenen Bankkonten abgehoben; das würde er die nächsten Tage in verschiedenen überschaubaren Summen wiederholen, um die Drohnen und die anderen Teile, die sie brauchen würden, unauffällig bar bezahlen zu können. Einige Tausend Euro würden da schon zusammen kommen, er rechnete mit mindestens fünfzehntausend Euro.

Am späten Vormittag, wusste er, hatte Herr F. erfahrungsgemäß wenig zu tun. Das galt natürlich für normale Tage, nicht für Tage, an denen am Vortrag ein Auto „wie eine Bombe im Laden eingeschlagen“ hatte und Frau R. in den Herzinfarkt geschickt worden war. Trotzdem, der musste mit Herrn F. sprechen, das Leben ging schließlich weiter – sogar für Frau R.!

Deshalb ging er so gegen elf Uhr in den Laden. Es sah natürlich noch wild aus – keine Scheibe, die Getränkekisten standen vor dem Laden auf der Straße. Gemüse gab es nicht, denn das hatten sie weggeworfen. Niemand wollte das Risiko eingehen, irgendwelche versteckten Glassplitter oder ähnliches mit zu verkaufen. Einige Frauen aus der Nachbarschaft räumten die Regale erst aus, wischten sie dann sauber und räumten sie dann wieder ein. Die Anwältin (in Trainingsanzug und mit Kopftuch) gab unwidersprochen Anweisungen, packte aber auch ordentlich mit an, wie alle erstaunt feststellten. Die Amazon-, Zalando- und sonstigen Paketsendungen stapelten sich neben den Getränkekisten auf der Straße. Eine der Nachtwachen war geblieben („in meinem Alter braucht es nicht so viel Schlaf“) und saß mit einem wachen Auge auf den Haufen in einem von zuhause mitgebrachtem Stuhl daneben.

Frau Z. war nach der ersten Fahrt um halb sechs noch einmal in den Großmarkt gefahren, um weitere Vorräte zu holen.

Frau Georgias und Herr Moser kochten einen deftigen Eintopf – d.h., Frau Georgias kochte und Herr Moser schnippelte - sie bewundernd - Gemüse klein. Es roch verdammt gut aus der Küche, aus der man viel Gelache (v.a. von Herrn Moser) und albernes Gekicher (v.a. von Frau Georgias) hörte.

Die Stimmung war gut, jeder fand es gut, dass man endlich einmal helfen konnte, irgendwie schienen das alle bisher vermisst zu haben.

Herr F. stand in dem ganzen Gewurle nur herum und störte – aber er konnte doch nicht fortgehen, fand er, das gehörte sich doch nicht. Aber irgendwie störte er in seinem eigenem Laden. Und das wiederum störte ihn. Deshalb brummte er ein wenig, als Udo in den Laden kam: „Gibt noch nichts zu kaufen!“, fauchte er, „später vielleicht…“

Udo grüßte alle Helfer und sagte zu Herrn F.: „Schon gut, das sehe ich ein. Aber ehrlich, ich habe lange nachgedacht, ob sie heute mit etwas anderem belatschern soll? Dann meinte Sarah aber, geh ruhig hin und lenk den armen Herrn F. etwas ab… Und da bin ich nun, das Ein-Mann-Ablenkungskommando!“

„Ich muss nicht abgelenkt werden. Ich habe hier genug Scheiße am Hals. Allein einen Glaser zu finden, der die Scheibe schnell wieder einsetzt und dann das endlose Gelaber mit der Versicherung, wo doch die Polizei die Akten mitgenommen hat. Und um Frau R. müssen wir uns ja auch kümmern…“

„Ach“, sagte Udo, „die hat gerade Besuch von Sarah, das geht schon in Ordnung mit ihr!“. Nach einem Moment fragte er, „soll ich das mit der Versicherung übernehmen? Papierkram ist ja nicht so mein Ding, klaro, aber bei denen mal so richtig auf den Tisch hauen, das könnte ich ganz gut, glaube ich…“. Dabei schlug er sich mit der rechten Faust in die linke Hand.

Da musste Herr F. dann doch lächeln. „Ja, das glaube ich!“, sagte er, „das glaube ich sofort. Nein, das ist schon erledigt… Mir ist dann der für mich zuständige Vertreter eingefallen, der war ganz okay, der hat das in die Hand genommen.“

„Gut“, sagte Udo, „aber wenn ich die in den Senkel stellen soll, denn sagen sie Bescheid, nicht!“

„Mache ich“, versprach Herr F. und deutete über die Straße, „da ist der Kerl wieder…“

„Wer?“, fragte Udo.

„Der da drüben, Sack heißt der, der ist von den neuen Eigentümern, genauer gesagt vom Vertriebspoint dahinten um die Ecke. Der war vorhin schon da, um sich das Chaos hier anzuschauen. Irgendwie schien der enttäuscht, das alle zusammenhalten und es schon wieder halbwegs vernünftig aussieht…“

„Der da, neben der Litfaßsäule?“

„Genau.“

„Der sieht schon gemein aus, finde ich…“

„Als erstes wollte er wissen, ob wir wüssten, wer das war? Eigentlich war das, wenn ich nachdenke, das einzige, was er wissen wollte.“

„Naja, der hat Schiss“, meinte Udo, „ist doch klar, das haben die in Auftrag gegeben! Wer denn wohl sonst? Da kommt doch niemand anders in Frage! Und jetzt geht ihm die Muffe, dass irgendwer irgendetwas gesehen hat…“

„Meinen Sie?“

„Was denn sonst?“

„Da werden sie Recht haben. Als ich ihm gesagt habe, dass es fast eine Tote gegeben hat, ist der ganz blass geworden, hatte ich den Eindruck.“

„Das spricht für meinen Verdacht…“, sagte Udo nachdenklich.

„Die Schweine“, murmelte Herr F. eher für sich denn für Udo, lauter sagte er: „Erst die ganzen Gemeinheiten, dass die meisten ausgezogen sind, dann die Frau Wegmann, Herr Brandt, Wolfgangs Katze und jetzt Frau R.… Das sind doch Schweine… Und man kann denen nichts…“

„Genau darüber wollte ich mit ihnen reden, deshalb bin ich gekommen! Aber lassen sie uns ein paar Schritte machen – draußen.“. Er beugte sich näher zu Herrn F. und flüsterte: „Was ich Ihnen zu sagen habe, muss niemand hören!“ Laut bat er ihn mit der Bemerkung heraus, dass er nach dem Brand und dem Überfall auf den Laden die Ersatzstromversorgung des Ladens überprüfen wolle, und dazu brauche er ihn.

Als sie draußen vor dem Laden alleine waren, überfiel er Herrn F. geradezu mit der direkten Frage, ob er ihm einen oder besser zwei Kopter bauen könnte oder würde, einen großen mit acht Tragschraubern – möglichst tragfähig – mit GPS-Steuerung und einen mit kleinen vier Rotoren mit einer normalen Fernsteuerung.

„Wofür?“, wollte Herr F. wissen.

„Das, lieber Herr F., wollen sie gar nicht so genau wissen“, lächelte Udo die Frage abwehrend.

„Genau in dem Falle will ich es aber genau wissen“, entgegnete Herr F., „denn genau in dem Falle könnte es für mich gefährlich werden, so ein Ding zusammen zu bauen, wenn sie nämlich das vor haben, was ich vermute … Andererseits,“ sagte er und machte eine lange Pause, „nachdem die das der R. angetan haben… Wissen sie, ich habe so eine Wut, so eine verdammte Wut, die da in mir brennt… Und man kann nichts tun, rein gar nichts! Die Polizei untersucht und untersucht – wenn sie denn wirklich untersuchen sollte… Ich habe da meine Zweifel, das rauskommt, wer das war! Haben sie das mitbekommen, dass die uns im Verdacht hatten, dass wir das wegen der Versicherung gemacht haben?“

Herr F. schüttelte fassungslos den Kopf. „Aber wer soll es denn gewesen sein – außer denen da oder dem da?“. Er zeigte erst vage in die Richtung des Vertriebspunktes und dann auf Herrn Sack, der sich immer noch auf der anderen Straßenseite herumtrieb.

„Sie haben Recht, da kommt gar niemand anders in Frage! Aber man müsste doch etwas tun können? Die R. hätte sterben können von dem Schreck!“

„Klar waren die das!“, stimmte Udo wieder zu, rieb geradezu Salz in die Wunde, „wer denn sonst? Ist doch klar wie Kloßbrühe, also, finde ich …!“

Nach einer Pause schaute er Herrn F. an und fragte vorsichtig: „Wären sie denn bereit, etwas zu tun? Selber? Denen in die Klötze zu treten? Ich meine, so richtig? Dass es mehr als weh tut?“

„Was denn?“, fragte Herr F. und schaute Udo dabei etwas ratlos an. Udo überlegte einen Moment und dann erzählte er ihm schließlich seinen Plan.

„Das habe ich mir fast gedacht“, lächelte Herr F., „dass ihnen der Plot vom Autor keine Ruhe lassen würde! Sie, auch wenn ich mitmachen würde, ich kann mich nicht erwischen lassen – nicht wegen mir, wissen sie, ich bin alt und krank, wer weiß, wie lange ich das noch machen kann – den Laden hier, meine ich – aber wegen Frau Z.! Können sie mich da raushalten? Ich bin doch der Erste, den die verdächtigen werden, weil jeder hier weiß, dass ich mit diesen Koptern herumspiele!“

Udo schaute ihn nachdenklich an und sagte: „Keiner von uns will erwischt werden, ist doch klar! Aber wir haben da eine Idee…“. Anschließend erläuterte er Herrn F. Einzelheiten der „Italienconnection“.

„Hhm“, machte Herr F., „nicht schlecht, trotzdem …, warum kaufen sie die nicht fertig?“

„Da habe ich schon dran gedacht, aber die leistungsfähigsten tragen maximal fünf Kilogramm – inklusive Eigengewicht, ich hätte da gerne ein bisschen mehr …“

„Wieviel?“

„Fünf Kilogramm Zuladung wären gut!“

„Trotzdem, ich würde einen DJI S800 EVO MIT WOOKONG M nehmen und den ein wenig tunen … Das müsste reichen!“

Udo sah ihn perplex an und sagte „Tunen?“

„Ja, ganz einfach: Das Ding kann von Haus aus ca. 20 Minuten lang fliegen und dabei knapp vier Kilogramm Zusatzlast transportieren. Mit einem Zusatzakku und getunten Propellern kann man beide Werte deutlich verbessern – oder, wenn die Flugzeit ausreicht eben mehr transportieren. Und ich müsste eine Halterung für die Nutzlast bauen!“

„Das geht?“

„Ja, natürlich.“

„Nur aus Neugierde – was kostet so ein Teil?“

„Fünftausend Euro für das Gerät plus cirka eintausend Euro für die Tuningteile.“

„Dafür kann man es kaum bauen, oder?“

Herr F. zuckte mit den Achseln und meinte: „So gerade … wahrscheinlich!“

„Ich würde gleich zwei bestellen … Einen für mich, das ist der Getunte und einen für sie. Das ist dann der eine, den sie gebaut haben, um ihn im Notfall den Bullen vorzuführen, falls die sie fragen würden – brandneu, noch nicht geflogen und garantiert nicht explodiert! Mit einer Videokamera dran …“

„Und was mache ich damit? Das werde ich bestimmt gefragt werden …“

„Wie wäre es mit einen Filmflug entlang der Isar … von der Quelle über die Vorderriß, Bad Tölz und München bis zur Mündung in die Donau bei Deggendorf? Mal mit Luftbildern von weit oben und dann wieder Tiefflug direkt über den Wellen.“

„Hört sich im Prinzip ja ganz gut an – aber für warum?“

„Der soll ins Internet …!“

„Naja, wer´s glaubt …“

„Warum nicht, wir machen das als alte Ehrenamtliche, von mir aus mit…“ er dachte einen Moment lang nach, „… da wird es schon irgendeine Organisation geben, denen wir das verkaufen können, zum Beispiel an Ehrenamtliche, die mit unbegleiteten jugendlichen Flüchtlingen mit Migrationshintergrund arbeiten, als berufsbildende Maßnahme oder zur Teambildung, wie wäre das? Ich habe neulich in der Zeitung gelesen, dass es so etwas gibt. Geld haben die natürlich nie – „ehrenamtlich“ heißt ja nichts anderes als billig, billig! Aber die Stadtspitze findet das gut, das Ehrenamt, meine ich, klar, wenn´s doch nichts kostet… Und die Jungens fliegen doch auf die Idee… High tech und so! Deshalb müssen wir den Kopter natürlich erst einmal gekauft und vorfinanziert haben, damit man den Betreuern und den Kindern oder Jugendlichen das Projekt live schmackhaft machen können. Ist doch logisch, oder? Das Ganze dann im Namen von Hannas Stiftung – da macht Sarah als Verwalterin des Geldes der Stiftung schon mit und die Anwältin, die auch im Vorstand ist, garantiert auch. Und der dritte im Vorstand bin ich“, grinste Udo und fuhr dann fort, „die ist clever, die Anwältin, die versteht das schon… und hält dann den Mund, die ist auf unserer Seite. Wir schreiben uns für die Stiftung einen Projektplan, oder wie das heißt, den sie zur Not vorlegen können.“

Das leuchtete Herrn F. ein, er überlegte noch eine Weile.

„Ich bezahle natürlich beide!“ sagte Udo schließlich.

„Das ist es ja nicht“, winkte Herr F. ab, „viel Arbeit ist es ja auch nicht“, meinte er nach einem Moment, „wenn man´s kann! Den Kopter, der zum Einsatz kommen soll, den muss ich etwas umbauen - das geht schnell. Soll der mit explodieren oder soll der die Bombe ablegen und dann wieder wegfliegen? Ich würde ihn wieder starten lassen, wegen der Kriminaltechnik, die können heute verdammt viel aus den Trümmern rauslesen, denen würde ich an ihrer Stelle nicht trauen! Der könnte doch eigentlich irgendwo in einem nahegelegenen Weiher verschwinden, oder? Dann ist der weg, gesunken und für lange Zeit spurlos verschwunden. Das könnte man schon so programmieren… Und den anderen? Der für das Projekt mit den Jugendlichen, der könnte im Originalzustand bleiben.“

„Genau, und am Stichtag sind sie schon seit Tagen auf einer Donaukreuzfahrt – jeden Tag unter Aufsicht von ein paar Hundert neugierigen Menschen an Bord! Das wollte Frau Z. doch schon lange einmal machen, soviel ich weiß.“

„Frau Z. darf nichts davon wissen!“

„Natürlich! Die Kreuzfahrt schenken sie ihr – wegen der Aufregung der letzten Tage und weil sie auch mal eine Pause brauchen… Ich gebe ihnen das Geld in bar, damit sie das im Falle eines Falles bezahlt haben, falls das einmal jemand prüfen sollte.“

„Übrigens“, sagte Herr F., „den dritten Kopter, den zur Luftüberwachung, den kaufen wir auch über das Internet, der ist viel billiger, den können wir - fertig mit Kamera und Steuerungssoftware bestückt - für weniger als zwölfhundert Euro bekommen. Ich habe da eine Quelle in England, die liefern weltweit per Express. Ist klasse das Teil!“

„Was brauchen sie, um den Anflugweg zu programmieren? Software und einen PC?“

„Ja, aber da kann ich meinen nehmen! Ansonsten die Software. Die habe ich schon. Und die ganz genauen GPS-Zielkoordinaten brauchen wir. Das ist alles.“ Er macht einen Moment Pause, dann fuhr er sehr nachdenklich fort: „Den Haken an der Sache kennen sie, oder?“

„Nee, welchen?“

„Das ist das GPS!“

„GPS? Wieso?“

„GPS, also das, das uns zur Verfügung steht, ist relativ ungenau, also, ich meine, genauer gesagt, es kann ungenau sein, das hängt sozusagen von der Tagesform ab … Mit bis zu zehn Meter Abweichung müssen sie im schlimmsten Fall rechnen!“

„Was heißt das?“

„Dass sie bei einer automatischen GPS-basierten Steuerung schon mal im Nachbargarten landen können …“

„Nee, nicht?“

„Doch!“

„Wieso das denn? Ich denke, die Amis können ihre Cruise Missiles und Smart Bombs auf den Zentimeter genau platzieren? Nicht das die das auch täten, wenn man die Meldungen richtig verfolgt!“

„Es gibt sozusagen zwei GPS-Systeme in einem! Eines für das US-Militär, das ist immer ganz genau! Und eines für zivile Nutzungen. Das ist zwar dasselbe System, es benutzt dieselben Satelliten, aber das wird von den Amis manchmal extra ungenau gemacht … da sind dann die größeren Abweichungen drin – für unsere Navis reicht es trotzdem …“

„Das haut ja alles über den Haufen, dann kann ich mit meinem Plan einpacken!“

„Naja, es gibt natürlich auch hier ein „oder!“ “

„Welches?“

„Glonass!“

„Was ist das?“

„Das russische Pendant!“

„Das ist besser?“

„Nein, aber GPS und Glonass sind naturgemäß da am genauesten, wo die eigenen Bomben beim potenziellen Feind platziert werden sollen. Gehen wir einmal davon aus, dass die Amis ihre Bomben eher in Russland oder im Mittleren respektive im Fernen Osten schmeißen wollen als bei uns … da wäre ich mir zwar nicht so sicher – aber das gehört jetzt nicht hierher…

Demnach wäre GPS bei uns am ungenauesten. Und das Gegenteil gilt natürlich für das russische System, das dürfte bei uns die höchste Genauigkeit haben, denke ich mir!“

„Ach so … können wir denn das russische System benutzen?“

„Ja, das geht, da gibt es Geräte für … Aber ich hätte noch einen Vorschlag …“

„Und der wäre?“

„Den letzten Teil des Zielanfluges über eine Kamera kontrollieren, die an Bord des Kopters befestigt ist und mit der man kontrollieren kann, ob der Kopter richtig ins Ziel kommt oder nicht - weil die Russen vielleicht geschlampt haben oder wir einen Fehler gemacht haben oder so. Und dann kann man den Kopter mit einer normalen Fernbedienung ins Ziel steuern!“

„Und das geht?“

„Na, klar! Das ist heute alles Standard auch für Modelle. Die Kamera, die man braucht, wiegt gute einhundert Gramm und kostet keine dreihundert Euros. Und das Kamerabild wird direkt auf ein Smartphone gespielt, da können sie sehen, ob sie die richtige Villa ansteuern oder den Nachbarn! Das ist dann wie bei den amerikanischen Drohnen, wo der Pilot in Ramstein sitzt und ein Ziel irgendwo in Afrika ansteuert …

Wir machen das nur auf kürzere Entfernung. Das Steuern muss man ein wenig üben, aber da gehört aber nicht viel dazu!“

Herr F. machte eine kurze Pause, dann fragte er: „Wo wollen sie starten?“

„Irgendwo in der Nähe, damit der Anflugweg nicht so lang wird, ich stelle mir vor, von einem Lieferwagen mit Pritsche.“

„Ja, das würde ich auch so machen! Also, um den PC zum Programmieren… da nehme ich meinen …“

„Würde ich nicht tun, Herr F., ich besorge ihnen einen jungfräulichen, mit dem sie besser auch nicht ins Internet gehen … man weiß ja nie … ich sage nur Prism oder Tempora! Ich würde da auf Nummer Sicher gehen wollen und mit dem PC nicht ins Internet gehen … Und die Software, die lasse ich ihnen absolut anonym noch einmal downloaden!“

„Warum?“ wollte Herr F. wissen.

„Man liest so viel über Internet-Überwachung in letzter Zeit, da würde ich kein Risiko eingehen wollen. Und wer weiß, was auf dem Rechner bleibt, wenn sie den Steuerkurs programmiert haben? Überlegen sie doch einmal, diese Kopter sind doch die reinsten Angriffswaffen, bei der Paranoia müssen die Amis doch geradezu hohl drehen, wenn sich einer ein programmierbares Steuerungsprogramm downlädt …“

„Da fällt mir ein“, sagte Herr F., „wenn wir so ein Programm verwenden, das verwendet GPS-Daten, keine von Glonass, also können wir das vergessen … Ich meine, das russische System zu verwenden – aber mit der kameraüberwachten Zielanflugsteuerung per Fernsteuerung haben wir die GPS-Ungenauigkeit ja im Griff.“

„Ich finde, die fünfhundert Euro sind auch noch drin und anschließend wird der Laptop, so einer reicht doch, oder, spurlos vernichtet! Das halte ich für besser für sie und für mich …“

„Da mögen sie Recht haben“, stimmte Herr F. nachdenklich zu, „ich muss wieder in den Laden, sonst wird meine Frau Z. sauer. Ich stelle ihnen bis morgen ihre Einkaufsliste für Italien zusammen - mit der Quelle für die Steuerungssoftware. Und ich brauche etwas Geld für die Teile zum Tunen … geht das?““

5. Oktober. Die Bestellung

Am Morgen ging Udo zum Semmelnholen in den Laden und Herr F. überreichte ihm unauffällig die Einkaufsliste. „Steht alles ganz genau drauf. Ich habe einen Händler in England im Internet gefunden, der liefert weltweit, der würde uns auch beliefern …“

„Nee“, sagte Udo, „lieber nicht … Ich schau mal, ob ich einen in Italien finde, das wäre mir lieber …“

„Viel Glück“, entgegnete Herr F., „das ist alles so genau spezifiziert, das müsste auch in Italien klappen – und wenn nicht, es reicht ja wohl, wenn wir das Gros aus Italien beziehen, oder? Und ansonsten kann der Tommi ja auch nach Italien liefern, nicht?“

„Ja, das sehe ich auch so“, bestätigte Udo, „ich habe mich auch ein wenig umgesehen, ich habe einen vielversprechenden Laden in der Nähe von Mailand gefunden, da würde ich das gerne bestellen und abholen.“

„Sie sind der Boss!“, lachte Herr F. und reichte die Tüte mit den Semmeln über den Tresen.

Nach dem Frühstück mit Sarah fragte Udo sie nach der Visitenkarte von Chiara, weil er meinte, gesehen zu haben, wie Chiara ihr eine gegeben hatte. Sarah fummelte ein wenig in ihrer Handtasche, fluchte leise, dass sie darin nie etwas finden würde, was sie gerade suchen würde – aber garantiert alles andere, was sie gerade nicht suchen würde, meinte dann noch, dass Männer es einfach gut hätten, weil, die alles in ihren zwei Hosentaschen hätten … und dann hatte sie die Karte gefunden, auf der nur die Nummer stand. Mit „hier ist sie“, reichte sie die Karte an Udo weiter.

Der angelte mit einem gezielten Griff sein Handy aus der Hosentasche, nicht ohne Sarah lächelnd darauf hinzuweisen, dass ein Mann eben immer wisse, was er wo habe, in den Hosentaschen nämlich, und es käme eben nur darauf an, in welcher … Schließlich wählte er die angegebene Telefonnummer und nach dem dritten Klingelton meldete sich eine junge, weibliche Stimme: „Ja?“

„Chiara“, fragte Udo, „sind sie es? Hier ist der Udo …“

„Ja“, bestätigte Chiara, „ich bin es. Was gibt es?“

„Wie geht es Concetta?“, fragte Udo als erstes und erfuhr, dass sie aus dem Krankenhaus entlassen worden sei und es ihr „so la la“ ginge, körperlich ganz gut, sie hätte aber immer noch Angstzustände.

„Narben im Gesicht werden ja wohl Gott sei Dank nicht bleiben, hat mir Sarah erzählt“, sagte Udo, „und das mit der Angst wird sich mit der Zeit geben, hoffe ich.“

Dann wollte Chiara wissen, ob es denn stimmen würde, dass der Blonde aus dem Vertriebspoint verprügelt worden sei?

„Das hört man so“, lächelte Udo, „ich habe ihn selber nicht gesehen, aber er soll schlimm ausgesehen haben …“

„Und ich hatte gehofft, dass sie mehr wissen würden …“ sagte Chiara, „genaueres, wie und wo es passiert ist und so …?“

„Tja“, machte Udo, „manches, was man vielleicht wissen tut, sagt man manchmal besser nicht … aber ich weiß ja nichts, wissen sie …“

„Ich verstehe“, sagte Chiara, „und was verschafft mir die Ehre ihres Anrufes?“

„Das würde ich gerne mit ihnen persönlich besprechen? Wo sind sie denn gerade? Im Büro?“

„Nein, ich bin in Concettas Salon, da wird gerade eine neue Scheibe eingesetzt, da muss ich nichts tun, eigentlich muss ich nur da sein und ganz eigentlich störe ich eher …“

„Kann ich rüberkommen?“, fragte Udo.

„Ja, gerne!“ freute sich Chiara, „ich erwarte sie. Wollen sie Kaffee? Kommen sie gleich?“

Zehn Minuten später stand Udo in der Tür zum Salon. Die Scheibe war schon eingesetzt, die Glaser machten die letzten Handgriffe und verabschiedeten sich.

„Das sieht ja schlimm aus“, sagte Chiara und meinte den Dreck auf der neuen Scheibe, „da muss ich nachher erst einmal putzen. Aber jetzt: Was kann ich für sie tun?“

„Sie haben neulich angedeutet, wenn ich einen besonderen Wunsch hätte …“

„Ich dachte, dass für ihre besonderen Wünsche die schöne Sarah zuständig ist?“, lachte Chiara.

„Wie?“ fragte Udo verdutzt, um dann zu lachen, „ja, schon, aber ich habe etwas anderes im Kopf …, können sie mir eine ganz bestimmte Bestellung in Italien machen? Am besten so, dass es aussieht, sie käme aus Italien – also auf Italienisch und so?“

„Was ist es denn?“, fragte Chiara, „darf ich das wissen?“

„Müssen sie ja wohl“, murmelte Udo und holte die Einkaufsliste von Herrn F. aus der Tasche.

Chiara blickte drauf, las die Positionen und fragte: „Sehr seltsame Sachen, wollen Sie einen Hubschrauber bauen?“

„ Ja – können sie eine Steuerungssoftware für Helikopter oder so etwas ähnliches aus dem Internet downloaden, ohne dass jemand mitbekommt, wer sich das Zeug geholt hat?“

„Also anonym?“

Udo nickte.

„Kein Problem! Soll ich auch mal in das Programm reinschauen, ob da versteckte Gemeinheiten drin sind? So Sachen, ob die heimlich nach Hause melden, was damit gemacht wird? Oder wann und wo geflogen wird?“

„Ja, wenn das geht!“

„Ich denke schon … Also, sie wollen einen Modellhubschrauber bauen, von dem irgendwer glauben soll, dass er von Italienern gebaut wurde und dann wollen sie offenbar eine frei verfügbare Steuerungssoftware haben, von der auch niemand wissen soll, dass sie sie haben und wo und wann sie damit fliegen?“

„Genau!“

„Vielleicht soll auch irgendwer glauben, dass dahinter Italiener stehen?“

„Das wäre gut!“

Sie schaute auf den Zettel und sagte dann: „Von den Actioncams habe ich gehört – wenn ich mich recht erinnere, können die Videos direkt auf einen iPad oder ein Smartphone und ins Internet streamen …“

„Wenn wir hier nicht in der Hübnerstraße in München wären, Udo, würde ich denken, sie planen ein süßes kleines Attentat! Und sie wollen es eventuell live ins Internet übertragen … Das ist ja fast pervers, sie Schlimmer …“

„Tatsächlich?“, fragte Udo atemlos, „wie kommen sie darauf? Ist das so eindeutig?“

„Wenn ich mir dann überlege, dass Concetta überfallen wurde, eine alte Frau tödlich die Treppe heruntergestürzt ist und ein Mann, den sie gut kannten, neulich in einem von Unbekannten gelegten Feuer verbrannt ist, dann könnte ich zu dem Schluss kommen, dass sie den Leuten der INTERBAVARIA REAL ESTATE an den Kragen wollen …“

Sie sah Udo ins Gesicht und fuhr fort: „Und in diesem Falle, Udo“, sie machte effektvoll eine Pause, „würde ich mich sehr gerne mit meinen Fähigkeiten in ihr Projekt einbringen! Darf ich fragen, warum sie das in Novara bestellen wollen, hat das einen Grund?“

„Das ist mitten in Italien, bei Mailand, nicht so dicht bei uns, wie zum Beispiel Bozen, man kommt gut mit dem Zug hin und zurück, genauer gesagt, in siebeneinhalb Stunden von Bahnhof zu Bahnhof … und ich habe recherchiert, dass es es einen guten Modellbauladen gibt, in dem ich die Teile bekommen kann und ein Spezialgeschäft für die Action cams.“

„Darf ich etwas vorschlagen?“

„Nur zu!“

„Vielleicht können wir es etwas vereinfachen… Ich habe einen Cousin auf Sizilien, der ein Weingut leitet. Die verschicken pro Tag Dutzende Weinlieferungen in ganz Europa. Ich könnte ihre Liste über einen italienischen Account im Internet bestellen und die Sachen zu ihm liefern lassen. Er schickt das Paket dann als Weinlieferung an mich … Da sparen sie sich die Fahrt nach Mailand. Wie finden sie das?“

Udo schaute sie an und überlegte einen Moment. „Das hört sich gut an“, sagte er dann, „aber ich würde lieber jeden persönlichen oder familiären Bezug zu einem von uns vermeiden, verstehen sie? Man könnte vielleicht die Spuren verfolgen …“

„Hhm, das leuchtet mir ein, Udo, nun gut, dann …“ sie atmete lächelnd durch, „muss ich eben Plan B verfolgen, vergessen wir also den lieben Cousin! Ich habe eine Alternative zum Cousin Andrea, nämlich einen alten Freund, Riccardo, auch auf Sizilien, was heißt da „alt“, er ist genauso alt wie ich, über den könnte ich das auch machen … Er arbeitet bei einer Bank in Catania, einer Filiale einer großen Bank. Für die hat er auch schon in Rom gearbeitet. Garantiert keine Verwandtschaft! Sie lächelte versonnen, schwieg einen Moment und fuhr dann fort: „Und so wie ich ihn einschätze, ist er…, äh, sagen wir einmal, … sehr flexibel, moralisch und so, ich glaube, er ist für jede Schandtat gut, wenn es sich lohnt. Ist ein Honorar für ihn drin?“

„Ja, klar… Und sein Nachteil?“

„Für sie keiner! Er wird mir sehr gerne helfen und dann allerdings darauf bestehen, die Lieferung persönlich nach München zu bringen.“

„Warum das?“

Chiara lächelte, „geschäftlich, ich vermute fast, er wird gerne eine Geschäftsreise nach München machen. Er wird sich sein Honorar, eher eine Belohnung, glaube ich, persönlich abholen wollen, so wie ich ihn kenne …“

Udo sah sie fragend an.

„Ja“, lächelte Chiara, „er wird sich sehr gerne belohnen lassen …, da bin ich fast sicher, ach was, absolut sicher!“

„Müssen sie das machen? Könnte ich das nicht übernehmen?“, fragte Udo harmlos, „was will er denn als Belohnung haben?“

„Etwas, was sie ihm totsicher nicht geben können … Nein, nein, er wird darauf bestehen, dass ich das machen werde! Naja, zugegeben, so superschwer wird mir das auch gar nicht fallen …“. Chiara lächelte in sich hinein, „denn er sieht recht gut aus … Außerdem ist er ein interessanter Typ, so etwas wie ein Partner, wissen sie. In gewisser Weise habe ich sogar etwas mit ihm am Laufen. Also…“, sie schaute Udo jetzt wieder direkt an, „… wenn sie einverstanden sind, rufe ich ihn an und bereite ihn vor, und dann bestelle ich die Ware.“

„Brauchen sie meine Kreditkartennummer?“ fragte Udo, und griff in seine hintere Hosentasche, um sein Portemonnaie zu zücken.

„Nichts da“, meinte Chiara ablehnend, „denken sie an die elektronischen Spuren! Ich bezahle das über ein sizilianisches Konto, auf das ich Zugriff habe. Die Besitzerin, eine Freundin meiner Mutter, sie war eine alte Dame und ist schon lange tot – nur weiß die Bank das eben nicht. Okay? Sie können mir das Geld irgendwann wiedergeben.“

11. Oktober. Auspacken

Als Udos Handy klingelte, war die Nummer unterdrückt. Er nahm das Gespräch an und Chiara meldete kurz und bündig: „Das Päckchen ist angekommen. Ich bringe es nachher in den Laden.“ Damit war das Gespräch schon wieder beendet.

Am Nachmittag rief Herr Z. an, um Udo mitzuteilen, dass für ihn „etwas“ abgegeben worden sei – er könne „es“ abholen.

Also machte Udo sich auf den kurzen Weg zum Laden. Dort angekommen, deutete Herr F. auf drei Pakete und fragte gleich: „Unsere Bestellung?“ Udo nickte und meinte: „Machen sie es nur auf, das Meiste davon ist eh für sie … Ich brauche nur das GPS-Gerät.“

Herr F. öffnete das größte Paket, holte aus der Kassenschublade eine Kopie seiner Einkaufsliste, legte wenige große und viele kleine Päckchen eines nach dem anderen auf die Kühltruhe, die ihm normalerweise zum Putzen von Gemüse oder ähnlichem diente. Er verglich die Lieferung mit seiner Liste und stellte zum Schluss fest: „Tatsächlich - alles da! Ich kann loslegen ... Muss ja nur ein wenig tunen, Propeller austauschen, zweiten Akku einbauen und die Halterung …“

Das mittlere Paket enthielt den DJI Phantom Quadcopter als Beobachtungskopter und die beiden GoPro Hero3 Videokameras, die ungefähr so groß wie eine Zigarettenschachtel waren, und während des Fluges hochauflösende Videofilme aufnehmen konnten oder bis zu dreißig Fotos pro Sekunde.

Die Filme konnten über eine App live ins Internet gespielt werden! Das bedeutete, dass das, was so eine Kamera während des Fluges fotografierte oder filmte direkt wenige Sekunden später bereits live auf YOUTUBE, auf einer eigenen Website oder – für ihren Zweck am attraktivsten - auf einem Smart-Phone angeschaut werden konnte.

Außerdem wurden jeweils die letzten zwanzig Minuten Film auf einem Chip gespeichert.

Die Drohne wollten sie in den nächsten Tagen über das Grundstück der Camilleri-Villa fliegen lassen, um sich mit den bei diesem Flug aufgenommenen Fotos einen exakten Überblick über das Gelände zu verschaffen.

Für die zweite Hero3 hatte Udo sich noch einen besonderen Einsatzzweck ausgedacht …

Als Smartphone hatten Udo und Herr F. sich für ein HTC One entschieden, das sie in den nächsten Tagen als vertragsfreie Version beim Saturn Hansa kaufen würden, vertragsfrei deshalb, weil sie ihre persönlichen Daten natürlich nicht registrieren lassen wollten. Bevor sie das HTC One das erste Mal einschalten würden, würde Chiara sich das Betriebssystem von GOOGLE einmal „in der Tiefe“ ansehen, um nicht benötigte Tools und vor allem die ganz sicher enthaltenen Überwachungstools – es war schließlich ein Betriebssystem einer US-amerikanischen Firma und die war bekannt dafür, viel zu viele Informationen ins „Homeland“ zu schicken - zu entfernen. Wahrscheinlich würde sie zuallererst mit ein paar Freunden reden, die sich auf Handies spezialisiert hatten, um sich Android[5]-technisch auf den neuesten Stand bringen zu lassen. Sie hatten schließlich allen Grund, sich nicht erwischen lassen zu wollen.

Das HTC One würden sie teilweise als Fernsteuerung und vor allem als Monitor für die kleine Videokamera benutzen, um vor Ort zu überprüfen, dass die die richtgen Blickwinkel aufnahm.

„Ein geiles Teil“, war alles, was Herr F. dazu sagte, „das ist Technik vom Feinsten, die sie da bestellt haben, Udo! Und das für den Preis …“. Er meinte damit, dass das Fluggerät, der Kopter, die Videokamera und das Übertragungsmodul weniger als 1.300 Euro gekostet hatten.

Neugierig wie er war, wenn es um Technik ging, musste das GPS-Gerät, das sich im kleinsten Päckchen versteckt hatte, gleich ausgepackt und ausprobiert werden. „Hallo,“ sagte er und pfiff bewundert durch die Zähne, „das kann ja tatsächlich die russischen Glonass-Satelliten benutzen und die amerikanischen GPS-Dinger zusätzlich! Ein sauberes Stückchen High Tech!“

„Ja, soll genauer als ein Meter sein“, stimmte Udo zu, „das Beste, was zur Zeit zu haben ist, noch genauer sind nur noch Vermessungsgeräte, aber die sind ja viel zu auffällig für uns, die können wir nicht brauchen.“

14. Oktober. In Grünwald

Grünwald ist teuerste Münchner Wohngegend – oder fast die teuerste. Dabei ist Grünwald ein selbstständiger Ort im Speckgürtel im Süden von München, es gehört gar nicht zu München, hier wohnt, wer in München zur „Gesellschaft“ gehört oder dazu zu gehören glaubte.

Zwischen Isar und Perlacher Forst reiht sich in Grünwald Villa an Villa, hier ist viel „altes Geld“ und noch mehr „neues“ verbaut worden… Allerdings geht es abwärts mit Grünwald: Wo eine alte Villa verkauft wird, wird sie abgerissen und durch Vier- oder Mehrspänner ersetzt, die sich dann auf den Grundstücken drängeln!

In Grünwald achten die Reichen sehr auf Sicherheit, jede zweite Villa versteckte sich hinter hohen Mauern, die anderen (auch die Vier- oder Achtspänner) zumindest hinter hohen Zäunen und dicken Hecken. Wenn man hier jemand auf der Straße gehen sieht, dann führt der oder die einen – in der Regel teuren – Hund Gassi. Häufig ist das nicht die Hausfrau, öfter die angestellte Hausdame!

Normalerweise fährt frau oder man natürlich nicht im Golf, Ford oder Opel … Die Billigmarken kommen höchstens als Drittwagen für Fräulein Tochter oder den Sohnemann in Frage. Und auch nur dann, wenn das Abitur in Salem oder Neubeuern nicht so gut ausgefallen war, als dass es einen CLK wert wäre. Nein, hier fährt man standesgemäß Porsche, Mercedes, BMW oder die Technophilen neuerdings AUDI, viele Herren chauffierten aber auch ihren historischen Jaguar oder Daimler – also eine standesgemäße Kalesche. Da auf den Straßen so gut wie kein Verkehr herrscht, können die geheirateten Damen des Hauses ihren SUV hier vorwärts einparken, Gott sei Dank!

Udo und Wolfgang fielen den wenigen Gassigehern allerdings auf, denn sie fuhren Golf! Und weil man nach dem NSA-Skandal nun wirklich nicht mehr weiß, welcher „Dienst“ welche Daten aufzeichnet, fuhren sie nach einem altmodischen Stadtplan und nicht mit Navigationsgerät zur Villa der Camilleris – Vorsicht war einfach besser, fanden die beiden.

Und weil sie wirklich nicht doof waren, kamen sie auch nach knapp einer halben Stunde an: Von der Hübnerstraße über den Mittleren Ring und dann über den Zoo und ab der Grünwalder Straße immer geradeaus durch die Geiselgasteig-, Nördliche und Südliche Münchner Straße nach Grünwald, dazu bedurfte es wirklich keines Navigationsgerätes. In Grünwald mussten sie dreimal rechts abbiegen und dann waren sie fast schon da.

„Da hinten kannst Du halten“, meinte Wolfgang, „ist eh alles leer hier. Im Vergleich zu München ist das das reine Parkparadies …“

„Jetzt weißt du, warum die Reichen und Schönen hier wohnen …“ antwortete Udo.

„Weil die nicht rückwärts einparken können?“, lachte Wolfgang, „die mögen ja reich und schön sein, wobei ich zumindest letzteres für die Masse bezweifele, aber ganz ehrlich, hier in der Gegend möchte ich ja nicht tot über dem Zaun hängen“, sagte Wolfgang, „das ist doch tot, töter am tötesten hier … Schau Dich doch mal um, niemand zu sehen … keine Menschenseele ist auf der Straße!“

„A pro pos Seele, ich parke lieber an der Kirche, an der wir eben vorbei gekommen sind, da war ein kleiner Parkplatz. Ansonsten sind wir hier wie auf dem Präsentierteller.“

Er drehte an der nächsten Kreuzung und fuhr zurück zur Kirche Maria Königin. An der Rainholzstraße bog er links ab.

„Sieh mal da“, sagte Udo unmittelbar nach der Kreuzung, “was ist das denn, Wolfgang?“

„Noch ein Parkplatz.“

„Ja, aber was für einer?“ Udo bog auf den kleinen Parkplatz, der verwunschen und versteckt zwischen hohen Büschen lag. Zwischen den Pflastersteinen wuchs Gras, die Büsche breiteten sich wild wuchernd aus.

„Hier parkt anscheinend nie einer, oder?“

„Kein Wunder, da sind ja genug Parkplätze auf den Straßen …“

Ein uralter Mercedes 280 stand einsam auf dem versteckten Parkplatz. Der Auspuff hing ihm herunter, zwei Scheiben waren eingeschlagen.

„Der steht wohl schon ewig hier“, vermutete Wolfgang, „den hat hier einmal einer abgestellt – für immer!“

„Ja, was dafür spricht, dass hier wirklich nie jemand herkommt, oder höchstens am Sonntag zum Gottesdienst.“

Sie stiegen aus und gingen an der Kirche vorbei. Nach nicht einmal zweihundert Metern standen sie vor der gesuchten Adresse. Auf dem Klingelschild stand C.G.C.

„Dat isser“, norddeutschte ein grinsender Udo, „dat musser sein …“

„Geh weiter“ sagte Wolfgang, „es sind lauter Kameras hier. ich habe schon vier gezählt … Unauffällig weitergehen. Tun wir so, als suchten wir eine Adresse, wenn wir gefragt werden, aber eine andere … wie wäre es mit Prof. Ritz, seines Zeichens Schönheitschirurg?“

„Da habe ich vorhin eine Klinik gesehen, an der wir vorbei gefahren sind. Laut Schild war es die Medical ich-weiß-nicht-was--Klinik: „Schönheit in besten Händen“ … hat da gestanden. Dabei müsste das doch wohl heißen „Schönheit aus besten Händen, oder?“. Bei denen speckst du auch nicht ab; da betreibt man dein „Gewichtsmanagement“ …“

Sie gingen weiter, wechselten die Straßenseite, schauten auf Namensschilder, schüttelten den Kopf, kein Prof. Ritz …. Dabei äugten sie immer wieder zum Haus des Conte.

„Hohe umlaufende Mauer“, sagte Udo, „dahinter ein Stahl- oder Blechzaun als Sichtschutz.“

„Wer weiß, was die da Wildes hinter den Mauern treiben …“

„Das muss wirklich ziemlich wild sein, so hoch, wie die Zäune sind. Das Haus ist groß! L-förmig! Schau mal, wie hoch die Tannen hinter dem Haus sind!“

„Die müssen auf den hinteren Grundstückgrenzen stehen, mindestens zwanzig Meter, mindestens, schätze ich, wahrscheinlich mehr! Da sind auch zwei oder drei Eichen und eine Buche …, auch riesig!“

„Sie gingen ein letztes Mal an der Grundstücksmauer entlang. Ein schmiedeeisernes Tor, offenbar für kleinere LKWs von einem Gärtner oder so gedacht, erlaubte durch seine eisernen Verschlingungen und einige kleine Büsche einen kurzen Einblick in den Garten.

„Eine große Rasenfläche hinter dem Haus“, wisperte Udo, „und hier an der Straße sind keine hohen Bäume, das könnte die Einflugschneise sein, oder?“

Wolfgang hockte sich hin und band sich „unauffällig“ die Schuhe und versuchte dabei, in den Garten zu sehen.

„Da ist ein riesiger Garten, ein Gartenhaus und eine große Terrasse hinter dem Haus. Hinter der Terrasse ist ein großer Raum. Scheint das Wohnzimmer zu sein …“

Er erhob sich wieder, denn noch einmal konnte sich auch der Ungeschickteste die Schuhe nicht zubinden, ohne aufzufallen. Außerdem befand er sich, wie er bemerkte, vielleicht gerade noch im Blickwinkel einer der Kameras.

„Gehen wir“, beschied Udo, „wenn wir schon den Beobachtungskopter haben, dann können wir den hier einmal fliegen lassen – was meinst du?“

„Das werden wir machen müssen, denn in das Haus werden wir nicht kommen. Also müssen wir uns von oben umsehen.“

Ich sehe nur das Problem, hier ein WLAN zu bekommen,“ meinte Udo, „da muss ich einmal mit Chiara reden…“

„WLANs wird es hier wie Sand am Meer geben“, wandte Wolfgang ein, „jedes Haus wird hier sein eigenes haben und der Pfarrer in der Kirche sicherlich auch, wir brauchen nur ein Passwort.“

„Das meinte ich ja, als ich sagte, ich müsste mal mit Chiara reden, die hat bestimmt eine kreative Lösung für uns parat …“ entgegnete Udo.

Damit gingen sie zurück zum Golf und fuhren heim in Richtung München.

Abends rief er Chiara an und berichtete von seinem Problem. „Geben Sie mir ein oder zwei Tage, besser zwei“, sagte die nur, „das sollte aber kein Problem sein.

„Da ist noch etwas“, fragte Udo, „wir haben ein Smartphone mit Android-Betriebssystem, ein HTC, um eine Actioncam zu steuern und zu überwachen. Das muss „sauber“ sein, sehen sie da ein Problem?“

„Können wir das morgen bei Concetta besprechen?“ fragte Chiara zurück, „ich müsste da jemanden fragen, wissen sie?“

„Ja, klar! Wann?“

„So gegen elf?“

„Okay!“

15. Oktober. Concetta

Concetta arbeitete nach dem Überfall erst auf „halber Kraft“, deshalb hatte sie pro Tag nur ein oder zwei Kundinnen im Salon. Heute sollte die erste Kundin die Anwältin sein, und die wurde gegen vierzehn Uhr erwartet.

Als Udo pünktlich um elf Uhr die Tür des Salons öffnete, roch er schon den Kaffeeduft.

„Kaffee?“, fragte Concetta, „mögen sie einen? Ich habe gerade einen für Chiara und mich gemacht, die Maschine ist also „warmgelaufen“ …“

„Ja, gerne“, sagte Udo, „einen kleinen bitte …“

Er schaute sich um: „Sieht ja schon wieder proper aus bei ihnen, Concetta!“, lobte er, „und im Gesicht sieht man auch nichts mehr …“

Sie schaute wie in einem Reflex in einen Spiegel, dann sah sie Udo wieder an, „Von außen betrachtet sieht es ganz okay aus“, gab sie zu, „aber ich gehe abends noch nicht wieder raus, ich habe einfach Angst!“

„Das wird sich geben, Concetta“, versuchte Udo sie zu beruhigen, „das dauert nur ein bisschen, glauben sie mir.“

„Das habe ich ihr auch gesagt“, mischte sich Chiara ein, die mit Udos Kaffee aus dem hinteren Raum kam, „Du hast da ein Trauma, Schwesterherz“, wandte sie sich an ihre Zwillingsschwester, „da müssen wir gemeinsam durch!“ Und an Udo gewandt ergänzte sie: „Zwillinge merken das einfach, wenn der Zwillingsschwester so etwas passiert! Deshalb hätte man mich damals auch gar nicht anrufen müssen, als Concetta überfallen worden ist, ich habe auch so gewusst, dass ihr etwas Schlimmes passiert ist, wissen sie. Kommen sie, gehen wir nach hinten …“

Im hinteren Raum waren sie vor den Blicken eventuell neugieriger Passanten geschützt.

Sie setzten sich zu dritt um den kleinen Tisch. Chiara reichte Udo einen Zettel. Das sind die Zugangsdaten zu dem WLAN, um die sie mich gebeten hatten.

„Können sie zaubern?“, fragte Udo lachend, „das ging ja schneller, als die Polizei erlaubt …“

„Nun ja, die Polizei hätte es sicherlich nicht erlaubt“, lächelte Chiara zurück.

„Muss ich das verstehen?“, fragte Concetta, „ich habe keine Ahnung, von was ihr redet …“

„Nein, musst du nicht, Schwesterchen, das ist schon okay so.“

Nein, es war keine Zauberei gewesen. Ganz im Gegenteil, es war sogar sehr einfach gewesen, an die Daten des Hausnetzes in der Villa Camilleri zu kommen: Der Conte schien ein sparsamer Mensch zu sein, denn er hatte seine Mitarbeiterin Frau Sieburg aus dem Vertriebspoint beauftragt, auch in seiner Villa das Telefon- und PC-Netzwerk einzurichten, und die Dame hatte die Zugangsdaten der Camilleris natürlich auf ihrem PC-Safe gespeichert. Die Datei hatte Chiara sich ja als erstes kopiert, entschlüsselt und gesichert. Damit war das Thema WLAN schon erledigt!

„Was war das jetzt mit dem Handy?“

„Unser Kopter verfügt über eine Actioncam, eine Hero3. Und die kann man mit einer App als Online-Monitor verwenden.

Die App gibt es für das iPhone und iPad von Apple und für andere Smartphones, die unter Android laufen.“

„Beides ganz schlimme Finger, was das Datensammeln angeht“, sagte Chiara, „Apple saugt aus seinen iGeräten, was es kriegen kann und Google aus den Android-Geräten auch. Nach unseren Vorstellungen sind das richtige Datensauger! Aber Android ist leichter zu manipulieren. Haben sie das HTC One schon gekauft?“

Udo langte in seine Hosentasche und holte das elegante Gerät hervor. Mit den Worten „ja, hier ist es“, überreichte er es Chiara.

„Und was soll ich genau tun?“, fragte Chiara.

Ich wollte sie einerseits bitten, die App zu installieren und andererseits, das Handy auf Software zu überprüfen, die wir nicht brauchen können oder die zu viele Informationen über uns sammelt und weitergibt. Können sie das?“

Chiara wiegte den Kopf. „Einfacher wäre es, ich könnte es einem Freund geben, der ist Spezialist auf dem Gebiet. Der macht das ganz schnell, glaube ich. In ein oder zwei Stunden, weiß das Gerät nicht mehr, ob es Männchen oder Weibchen ist – ist aber einhundertprozentig sauber, garantiert! Ich vertraue dem Typen wirklich …“

„Dann machen sie es“, stimmte Udo zu.

Sie kriegen es morgen zurück“, sagte Chiara, „so, Leute, ich muss wieder … Mein Autor hat da seltsame Ideen, wirklich! Wissen sie was, ich gebe es hier im Laden ab, da können sie es sich abholen.“

„Brauchen sie die Actioncam?“, wollte Udo noch wissen. Aber Chiara winkte ab: „Im Zweifel hat mein Freund die selber!“

17. Oktober. Übungsweise

Udo und Wolfgang waren früh morgens in Richtung Erding gefahren. In Erding suchten sie die Straße nach Berglern, es war die ST2331. Nach weiteren knapp vier Kilometern bogen sie links ab und kamen bald in einer Betonfabrik mit einer angeschlossenen Kiesgrube und mehreren Baggerseen an. Udo umfuhr die Betonfabrik auf schmalen, unbefestigten Feldwegen und nach wenigen Minuten hatten sie eine völlig verlassene Gegend hinter den Baggerseen erreicht. Er stellte das Auto auf einer freien Fläche am Baggersee ab.

„Hier können wir ungestört üben, glaube ich“, sagte er beim Aussteigen.

„Ja“, stimmte Wolfgang zu, „hier kommt ganz bestimmt keiner, hier sagen sich ja nicht einmal Fuchs und Hase gute Nacht … Wie bist du auf diese gottverlassene Gegend gekommen?“

„Hab´ ein bisschen in Google Earth rumgesucht.“

Udo öffnete die Heckklappe und holte den Karton mit der Drohne aus dem Gepäckraum. Die Drohne hatten sie schon zuhause bei Wolfgang zusammengebaut (nicht bei Udo, falls die Kommissarin einmal überraschend nach Hause gekommen wäre). Viel war da nicht zu tun, im Grunde mussten nur die Rotoren (richtig herum!) eingesetzt werden. Die Akkus waren geladen, der Kopter war kalibriert. Es konnte losgehen.

Sie hatten sich einige auf YOUTUBE angebotene Lehrvideos mehrfach angeschaut und auch ein wenig „trocken“ in Wolfgangs Wohnzimmer geübt. Das war sogar gut gegangen, es hatte keine Scherben gegeben.

Udo nahm die Fernsteuerung als erster. Er ließ den Kopter aufsteigen, ließ ihn im Schwebeflug in einem Meter Höhe auf der Stelle schweben, dann begann er ihn kleine Kurven fliegen zu lassen – nach links, nach rechts, ein wenig nach oben, dann wieder etwas tiefer. Erst ging es nicht so gut, der Kopter flog entsprechend wackelig, aber schließlich wurde er mutiger, ließ den Kopter höher steigen und schließlich sogar über den Baggersee davonschießen. Jetzt sah es schon besser aus.

Dann übernahm Wolfgang die Fernsteuerung, auch er begann vorsichtig, wurde aber schnell mutiger und ließ den Kopter auf- und niedersteigen und dabei Kurven fliegen.

„Hey“, sagte Udo anerkennend, „du bist richtig gut! Wo hast du das gelernt? Oder hast du heimlich geübt?“

„Im Wohnzimmer?“, fragte Wolfgang, „da warst du doch dabei …“

„Dann bist du ein Naturtalent …, komm wir setzen die Kamera in die Halterung und fliegen dann mal rüber zur Betonfabrik, was meinst du?“

Sie bauten die Kamera ein, schalteten sie ein und Wolfgang steuerte den Kopter hinaus auf den Baggersee. Am anderen Ufer rostete ein alter Bagger vor sich hin. Wolfgang steuerte ihn an, umrundete ihn, steuerte die Drohne unter dem Ausleger des Baggers hindurch und holte den Kopter dann zurück. An „ihrem“ Ufer ließ er den Kopter in vielleicht einem Meter Höhe den Uferstreifen ziemlich schnell entlang fliegen.

„Wow“, bewunderte Udo ihn, „ich glaube, der Pilot bist du! Du machst das klasse, das würde ich mich gar nicht trauen …!“

„Was?“

„So tief so schnell zu fliegen!“

Wolfgang zuckte nur mit den Achseln und ließ den Kopter vor ihnen im Gras landen. „Mal sehen“, fragte er, „wie die Bilder geworden sind?“

„Klar!“, stimmte Udo zu und nahm die Kamera schon aus ihrer Halterung, um den Chip zu entnehmen, auf dem der Film des Fluges gespeichert war. Dann steckte er ihn in den entsprechenden Schlitz in seinem Laptop und wenige Momente später konnten sie unglaublich gute Bilder betrachten.

„Das ist ja unglaublich“, sagte Wolfgang, „die Qualität ist fantastisch, da ist ja alles haarklein zu sehen …“ Udo nickte nur, auch er war überrascht von der Qualität der Aufnahmen.

„Schau mal, der Bagger“, sagte er bewundernd, „wie eng du den umflogen hast! Super!“

Dann kam die Szene, in der Wolfgang den Kopter in einem Meter Höhe entlang der Wasserlinie gesteuert hatte – sie waren überwältig von den Farben, den Details, von den Bildern.

Als nächstes sammelten sie einige Stöcke und steckten sie im Abstand von drei Metern in einer gerade Linie in den Boden und übten Slalom-Fliegen mit dem Kopter. Wolfgang war immer schneller und dichter an den Slalomstangen als Udo.

„Du bist einfach besser“, gab Udo zu.

„Wahrscheinlich“, stimme Wolfgang zu, „lass uns näher an die Betonfabrik gehen. Ich möchte da zwischen den Förderbändern fliegen und einmal dicht an den Silos entlang. Meinst Du, das geht?“

„Warum nicht? Lass uns die Kamera auf Serienfotofunktion schalten, das brauchen wir in Grünwald eher als den Filmflug, oder?“

„Wo du Recht hast, hast du recht“, stimmte Wolfgang zu, „ich hole unseren Flieger her …“

Wenige Minuten später gingen sie etwas dichter an die Fabrik heran und Wolfgang startete zu einer Art Kunstflug über und um die Förderbänder herum. Abschließend flog er zu den Silos mit ihren zu- und abführenden Rohrleitungen und ließ die Drohne einige Kurven durch das Rohrgeschlängel fliegen, die Udo veranlassten, sehr tief durchzuatmen.

Als sie sich die Fotos ansahen, schlug Udo Wolfgang leicht auf die Schulter und lobte: „Klasse, Wolfgang, du könntest dich bei den Amis in Ramstein als Drohnenpilot für Somalia bewerben, so gut bist du!“

Den kleinen Jungen, der ihnen gebannt aus seinem Versteck zwischen hohen Gräsern und Unkräutern in einem ausgetrockneten Graben zugeschaut hatte, hatten sie nicht wahrgenommen.

„Jetzt müssen wir aufhören“, gab Wolfgang zurück, „die Akkus sind langsam leer, die müssen aufgeladen werden! Wundert mich eh, wie lange die halten. Packen wir also ein …“

Auf der Rückfahrt fragte Udo: „Übermorgen Fotoflug in Grünwald?“

„Ja“, stimmte Wolfgang zu, „müssen wir bald machen, das Wetter soll schlechter werden und ich weiß nicht, wie viel Wind unser kleiner Flieger ab kann?“

18. Oktober. Vermessen

Als Sarah in der Kaiser-Leopold-Straße ankam, passierte sie das Haus der Camilleris und parkte den Golf zwanzig Meter weiterum die Ecke in der Walleitner­straße. Sie schaute sich um und war sich sofort sicher, dass sie hier nie leben wollte – die Gegend wirkte teuer und tot, eine aberwitzige Kombination fand sie. Wieso das eine der teuersten und angesagtesten Wohngegenden Münchens war, wollte ihr genauso wenig in den Kopf wie Wolfgang und Udo.

Sie griff nach dem GPS-Gerät, dass seit der Abfahrt in der Hübnerstraße eingeschaltet neben ihr auf dem Beifahrersitz lag, damit es ausreichend Zeit hatte, die notwendige Anzahl Satellitensignale zu finden, um einwandfrei und möglichst genau funktionieren zu können.

Sie warf einen kurzen Blick darauf – jawohl, es schien zu funktionieren. Dann steckte sie es in die Tasche ihrer weiten Jacke und stieg aus. Sie ging die paar Meter um die Ecke zurück und klingelte am Gartentor mit dem dezenten Eintrag C.G.C. auf dem Namensschild, was offenbar für Conte Giovanni Camilleri stand. Zumindest beim Namensschild hatte der Conte also Stil entwickelt.

Rund um das Grundstück zog sich eine hohe Mauer, die für Passanten unsichtbar oben mit scharfen Glasscherben bestückt war, um böse Einbrecher abzuwehren.

Wohl einen Meter hinter der Mauer befand sich längs der Kaiser-Leopold-Straße ein noch mindestens ein Meter höherer sehr stabil aussehender Sichtschutzzaun aus Metall. „Mein Gott“, dachte Sarah bei sich, „was haben die Menschen hier zu verbergen? Ihren Reichtum? Damit können sie doch sonst auch nicht genug protzen! Oder vor wem verbergen sie sich? Vor den Nachbarn? Den Neidern? Oder fahren hier Stadtrundfahrt-Doppeldeckerbusse mit japanischen „Fensterlguckern“, die in die Gärten hinein fotografieren?“

Sie betätigte entschlossen den Klingelknopf neben dem Namenschild. Einen Moment lang rührte sich nichts, dann drehte sich eine unter dem Dach angebrachte Kamera zu ihr, an der ein kleines rotes Licht blinkte. Sarah winkte freundlich in die Kamera. Nach einem Moment tönte es aus einem kleinen Lautsprecher in der Wand: „Ja, bitte?“.

„Ich suche meine Katze“, sagte Sarah in die Richtung des Lautsprechers hinter dem sie auch ein Mikrofon vermutete.

„Einen Moment bitte“, quäkte die Frauenstimme und schließlich kam die Frau, der die Stimme wohl gehörte und die so um die Fünfzig war, an das Gartentor. Es war nicht die Contessa, die hätte Sarah von den Fotos aus der Gala, die bei ihrem Friseur – und nur dort - so gerne las, erkannt. Außerdem hatten die beiden denselben Friseur respektive Coiffeur, Sarah war der Schauspielerin bei SCALP, das war der Salon, einmal kurz in der Tür begegnet - seitdem glaubte Sarah, was sie bis dahin nur als Gerücht vernommen hatte – dass nämlich Pressefotos allesamt mit Photoshop nachbearbeitet werden - in Tageszeitungen vielleicht weniger, in den Society- und Glamour-Journalen offenbar deutlich mehr, manche bis zur Unkenntlichkeit!

Diese Frau war einfach gekleidet und ihr Gesicht sah mit den natürlichen Falten so sympathisch aus, wie es das mehrfach geliftete der Contessa nie mehr schaffen würde.

„Ja, bitte?“ fragte sie reserviert aber höflich.

„Sie“, sagte Sarah mit einer Stimme, von der sie hoffte, dass sie etwas gehetzt und aufgeregt klingen würde, „entschuldigen sie die Störung, bitte, es ist mir wirklich unangenehm, aber ich suche meine Katze …. Ich wohne nämlich nicht weit von hier, gleich dahinten um die Ecke in der Bomhartstraße“, sie deutete vage in eine unbestimmt Richtung und hoffte inständig, dass sie sich den Straßennamen richtig gemerkt hatte, „und jetzt ist sie schon seit fünf Tagen nicht mehr nach Hause gekommen … Sie ist grau getigert und hört auf den Namen Mizzi! Haben sie sie vielleicht gesehen … Ich bin ganz verzweifelt … Und ich habe schon überall gesucht!“

„Nein“, antwortete die Haushälterin, „ich habe nur einen schwarz-weiß gezeichneten Kater gesehen, der ist aus dem Haus da drüben.“ Sie nickte in Richtung eines Hauses schräg gegenüber an der Ecke Walleitnerstraße. „Der kommt fast jeden Tag. Wissen sie, ich gebe ihm immer eine Kleinigkeit, aber nur einen kleinen Happen, damit er nicht dick wird. Er ist ein so Lieber, da kann ich einfach nicht widerstehen!“

„Das ist aber nett von ihnen“, sagte Sarah betont freundlich, „sie, ich weiß, es ist unverschämt, sie das zu bitten, aber darf ich wohl bitte einmal reinkommen und sie in ihrem Garten rufen, bitte? Irgendwo muss meine Mizzi ja sein, wissen sie, und ich habe schon überall gesucht, wenn überhaupt jemand da ist. Sie ist noch nie weggelaufen und sie ist noch so jung. Und rollig könnte sie auch sein, da laufen Katzen ja gerne den Katern hinterher, nicht wahr? Und wenn da ein Kater bei ihnen rumläuft… sie verstehen, nicht wahr? Die arme Mizzi, die weiß ja noch gar nicht, was ein Kater ist – oder jetzt vielleicht doch und sie traut sich deshalb nicht nach Hause.“

„Ich glaube“, wandte die Haushälterin durch das schmiedeeiserne Tor skeptisch ein, „dass der Kater sterilisiert ist, da kann nichts passieren …“

„Das kennt man ja, das behaupten die immer, die Kerle und hinterher sitzt meine Mizzi alleine mit den Kleinen da …“

„Ja, wenn sie meinen … und wo es doch ihr kleines Katzerl ist“, sagte die Haushälterin endlich verunsichert, „dann kommen sie herein, vielleicht finden sie sie ja …“

„Oh, ich bin ihnen so dankbar“, sagte Sarah offenbar schon sehr erleichtert, „das ist so nett von ihnen!“.

Damit trat sie durch das Gartentor, das die Haushälterin ihr geöffnet hatte, und ging „Mizzi, Mizzi“ rufend vom Tor aus nach links durch den Garten. Rechts konnte sie nicht gehen, dort befand sich die Dreiergarage mit dem Carport. Unter dessen Konstruktion aus Stahl und Glas standen ein schwarzer Porsche 911 und ein weißer AUDI Q7.

„Ich habe da etwas auf dem Herd“, rief die Haushälterin ihr hinterher, „ich muss kurz in die Küche, entschuldigen sie mich bitte – oder brauchen sie mich?“

„Neeeiin“, sagte Sarah über die Schulter und winkte mit der Hand ab, „das schaffe ich schon … Mizzi, Mizzi, Mizzi …!“

Sie ging zwischen Haus und Sichtschutzzaun, der von innen noch massiver aussah als er vom Gehweg ausgesehen hatte, um das Haus herum. Dabei rief sie permanent ihr lockendstes „Mizzi, Mizzi, Mizzi“!

Wenn es eine Mizzi gegeben hätte, jetzt wäre sie garantiert gekommen, so liebevoll lockte Sarah Mizzi.

Das Haus war eines von diesen im typischen um 1980 gebauten Villen im Grünwalder Voralpenstil: Unten weiß verputzt, darüber ein oder zwei Geschosse, die unter dem mit schwarzen Schindeln gedeckten Walmdach, weit vorkragen und aus sehr dunklem Holz gebaut sind. Im Dach befinden sich in der Regel große Einschnitte für Terrassen. Und über das Dach ragen ein oder zwei Kaminschlote, die darauf schließen lassen, dass sich darunter begehbare Kamine befinden, in denen man mindestens einen ganzen Ochsen braten kann. Typisch Grünwald.

Sie sah unter jeden Busch und lockte die angeblich so sehr vermisste Mizzi.

Sie hatte den einen der beiden L-förmig angelegten Flügel des Hauses umrundet und staunte über die Größe des Gartens, der fast schon ein kleiner Park war. Weiter hinten stand mitten im Rasen und von einer eindrucksvollen Eiche von der Rückseite her beschützt, ein gar nicht so kleines Gartenhäuschen mit einer eigenen Terrasse. Davor stand eine imposante Gartengarnitur mit einem riesigen - jetzt zusammengeklappten - Sonnenschirm und mehreren Sesseln, die um einen Glastisch gruppierten waren.

Sie interessierte die Terrasse des Haupthauses unter dem mindestens zwei Meter vorkragenden ersten Geschoss allerdings viel mehr. Deshalb betrat sie diese Terrasse, hinter der sie einen beeindruckend großen Raum sah, der – wie sie durch die sich um die Ecke ziehende Panoramascheibe sehen konnte – mit einer ausladenden Tafel mit vielen Stühlen (Sarah zählte schnell zwölf) augenscheinlich als Salon diente.

Da sie immer noch allein war ging sie zögernd – sie vermutete, allerdings dass sie in irgendeiner Überwachungskamera zu sehen war – auf die Terrasse, auf der sich ein Stapel Kaminholz befand, und schaute „Mizzi, Mizzi, Mizzi“ rufend dahinter. Keine Katze! Was ein Wunder …

Schließlich schaute sie sich noch einmal um und fasste, als sie keine Kamera auf sich gerichtet sah, in die Tasche, holte das GPS-Gerät hervor und drückte die Taste, die Udo ihr bezeichnet hatte, um das Gerät zu veranlassen, ihre jetzige Position auf einen Meter genau mit den exakten Koordinaten zu speichern. Sie sah kurz auf das Display, um zu überprüfen, dass das Gerät diesen sogenannten Tracking Point gespeichert hatte. Wie es ihr schien, hatte das korrekt funktioniert.

„Und?“, fragte die Haushälterin, die sie nicht kommen gehört hatte, hinter ihr, „haben sie sie gefunden?“ und fragte dann, als Sarah verneinend den Kopf geschüttelt hatte, neugierig: „was ist das denn für ein komisches Handy, das sie da haben?“

Sarah bekam einen Schreck und fühlte sich ertappt. „Nein“, sagte sie nonchalant und erfand ihre Antwort in dem Moment in dem sie das sagte: „Das ist kein Handy, Mizzi ist gechipt und mit dem Teil kann ich prüfen, ob sie in der Nähe ist …“

„Ach“, wunderte sich die Haushälterin, „so etwas gibt es? Und dann finden sie sie nicht? Da muss sie aber weit weggelaufen sein!“

„Ja“, meinte Sarah und steckte das Gerät wieder ein, „das ist ganz neu auf dem Markt, das hat mir der Tierarzt geliehen, bei dem Mizzi den Chip eingesetzt bekommen hat. Er meinte, dass das bei der Suche vielleicht behilflich sein könnte … Aber er schien der Sache selber nicht wirklich zu trauen, wissen sie. Und sie scheint auch nicht hier zu sein, jedenfalls schlägt das Gerät nicht aus. Trotzdem vielen Dank für ihre freundliche Hilfe!“ Sie schaute sich kurz um und fügte hinzu: „Grillen sie auch so viel? Mein Mann kann überhaupt nicht davon lassen, wir bekommen schon Ärger mit den Nachbarn …“

„Wie kommen sie darauf?“ fragte die Haushälterin. Sarah deutete auf drei Gasbomben, die am Rand der Terrasse standen.

„Nein“, lachte die Haushälterin, „die stehen schon ewig da. Ich sage ja immer, dass die mal abgeholt werden müssen, man weiß ja nie, wissen sie, die sind nämlich voll! Aber auf mich hört ja niemand …“

Sarah schaute in den Garten, machte eine alles umfassende Handbewegung und sagte: Schön haben sie es hier, mein Kompliment!

„Ja“, war alles, was die Haushälterin darauf antwortete.

Mit einem kurzen „Auf Wiedersehen“ verabschiedete Sarah sich von der hilfreichen Frau mit dem netten Gesicht und ging den Weg zwischen Haus und Garagentrakt, den die Haushälterin ihr wies, wieder zum Ausgang. Auf dem Weg außen um die Mauer rund ums Haus versuchte sie unauffällig sich die Positionen der dort angebrachten Überwachungskameras zu merken, sie zählte vier.

Im Auto nahm sie endlich die graue Perücke ab, mit der sie sich außer mit der unförmigen Hose und der zu großen Jacke – wie sie hoffte - unkenntlich gemacht hatte – für alle Fälle …

Sie fuhr in die Kaiser Leopold-Straße und bog nach wenigen Hundert Metern nach links in die Rainholzstraße ab. Wie Udo ihr geschildert hatte, befand sich gleich hinter der Ecke ein ungepflegter Parkplatz für vielleicht zwanzig PKWs, der offenbar nur von Gottesdienstbesuchern der Maria Königin Kirche benutzt wurde.

Ja, stimmet sie Udos Schilderung zu, dass das - mitten im dichten Buschwerk - ein perfekt versteckter Platz für den nächtlichen Start eines Kopters war.

„Klasse, Sarah“, sagte Udo, als sie abends auf der Terrasse ihrer Wohnung saßen und laute Musik jedes eventuelle Abhören mit einem vielleicht vergessenen Handy der Kommissarin unmöglich gemacht hatte. Er fuhr seinen Laptop hoch, schloss das GPS-Gerät mit einem USB-Kabel an und startete das Übertragungsprogramm. Dann loggte er sich in das WLAN eines unvorsichtigen Nachbarn ein, der sein häusliches Funknetzwerk nicht gegen unbefugte Mitbenutzer gesichert hatte, startete das Programm Google Earth und gab die von Sarah ermittelten Koordinaten Ziel für einen „Flug“ ein. Dieser virtuelle Flug endete wie erhofft genau im Garten einer Villa in Grünwald, die Sarah mit einem Blick als die Camilleri-Villa identifizierte: „Punktlandung“, sagte Udo, „hast du super gemacht, Sarah! Wie wäre es, darauf mit einem Glas Wein anzustoßen? Herr F. hat mir einen neuen empfohlen. Der Rote soll sensationell sein.“

Sarah stimmt gerne zu und so saßen sie noch lange bei einer und dann noch einer Flasche auf ihrer Terrasse über den Dächern von Neuhausen und waren gemeinsam froh, dass sie hier und nicht in Grünwald lebten. Später schauten sie gemeinsam schweigend in die Dunkelheit des sternklaren Himmels. Als Sarah eine Sternschnuppe entdeckte und sie Udo mit dem ausgestreckten Finger zeigte, sagte der: „Du musst dir ganz schnell etwas wünschen, Sarah, das geht in Erfüllung!“

„Bestimmt?“ fragte sie, und er nickte zur Bestätigung.

„Dann“, sagte sie lächelnd, „finde ich, dass es an der Zeit ist, ins Bett zu gehen.“

Sie liessen Gläser, Flaschen und Salzstangen stehen … das hatte Zeit bis morgen, fand Sarah!

20. Oktober. Grünwald

Sie hatten sich überlegt, dass so gegen elf Uhr morgens wenig Verkehr in Grünwald sein würde: Die arbeitenden Teile der Bewohner wären schon in ihre Büros gefahren, die Haushälterinnen und -damen wären beim Mittagessen kochen. Sollte es hier Kinder geben, wären die in der Schule - die Straßen sollten ziemlich leer sein, hofften Udo und Wolfgang!

Sie parkten auf dem verwunschenen Parkplatz neben der Kirche, packten den vorbereiteten Kopter aus, schalteten die auf Fotoserien eingestellte Kamera ein. Udo aktivierte das als Monitor dienende HTC One und aktivierte die App, die ihnen die Bilder zeigen würde, die die Kamera während des Fluges machen würde.

Udo stellte den Kopter neben dem schon seit Jahren auf seine Verschrottung wartenden Mercedes auf den Boden und Wolfgang ließ ihn starten, um ihn in einem Meter Höhe schweben zu lassen.

Als alles zu seiner Zufriedenheit funktionierte, ließ er ihn senkrecht bis in zwanzig Meter Höhe aufsteigen. Er ging mit der Fernsteuerung in der Hand zur Ecke Habermannstraße und Kaiser-Leopold-Straße. Der Kopter folgte ihm in zwanzig Metern Höhe.

Er war allein, weit und breit war kein Mensch zu sehen. Ein einsamer Hund pinkelte in der Ferne gegen einen Laternenmast, das war das einzige lebende Wesen, das er sehen konnte. Er ging die Kaiser Leopold-Straße entlang, über ihm surrte leise der Kopter. Selbst wenn ihm jemand begegnet wäre, hätte er einen Mann mit irgendeinem Gerät unterm Arm gesehen, den weit oben schwebenden Kopter wahrscheinlich nicht.

Als er gegenüber der Camilleri-Villa angekommen war, ließ er den Kopter über das Grundstück fliegen, ein wenig kreisen, damit die Kamera die ersten Übersichtsbilder machen konnte, dann ließ er den Kopter auf circa zehn Meter Höhe absacken und die nächsten Bilder von Garten und Haus der Camilleris machen. Er schaute zu, dass er Bilder von der Hinterseite des Hauses bekam – einmal ließ er den Kopter bis auf fünf Meter absinken. Dann glaubte er, genug Bilder haben zu müssen. Er schaute sich um – da kam Udo auch schon mit dem alten Golf aus dem Parkplatz gefahren.

Er schaute sich um, immer noch war niemand zu sehen.

Udo hielt neben ihm, kurbelte das Fenster hinunter und sagte: „Das reicht, Wolfgang, wir haben genug Bilder! Die sind klasse, glaube ich, jedenfalls auf dem Handy. Kannst deinen Flieger landen lassen und einsteigen.

Wolfgang gab dem Kopter den Landebefehl, öffnete die Heckklappe des Autos, steuerte die Drohne hinter ihrem Auto auf den Boden und legte das Gerät schließlich vorsichtig in den Kofferraum.

Als er die Klappe schloss, stand plötzlich doch ein alter Herr hinter ihm und fragte: „Sie, was machen sie denn da?“ Der Mann sah nicht nach „Grünwald“ aus, dazu war er zu ungepflegt, er war zu warm angezogen, an den Füßen trug er Puschen statt Schuhe.

„Wolfgang sackte das Herz in die Hose und er konnte nichts sagen. Da öffnete Udo die Fahrertür, stieg aus und sagte, „Gestatten, Holbein, wir sind von M-Net, wir messen die Stärke der Satelliten-Fernsehsignale vor und hinter dem Bäumen! Wissen sie, wir wollen wissen, ob es sich lohnt, hier Glasfasernetze zu legen oder ob man hier besser mit Satellitenempfang auskommt!“

„Ach so“, meinte der alter Herr, „und was kommt raus? Von wem waren sie noch?“

„M-Net! Das kann ich noch nicht sagen, da brauchen wir noch mehr Daten und eine Computerauswertung von unseren Messdaten … Aber es könnte sein, dass wir hier auch Glasfaser anbieten werden!“

„Das wäre gut“, meinte der Alte, „unser Fernsehempfang ist hier manchmal richtig schlecht, wissen sie! Wie war ihr Name noch einmal?“

„Tja, dann“, meinte Udo, „ich heiße Holbein, wir müssen weiter, arbeiten, wissen sie …“

„Ja, ja“, entgegnete der Herr, „ist schon klar. Auf Wiedersehen, Herr …“ Damit drehte er sich um und verschwand mit seinen Puschen in einem Gartentor, das zu einer der ganz alten Villen gehörte. Bestimmt gab es schon mehrere Makler, die ein Auge auf das Grundstück geworfen hatten – da hätte ein Achtspänner drauf gepasst!

„Man“, sagte Wolfgang, „als sie ein paar Hundert Meter gefahren waren, „mir ist fast das Herz in die Hose gesackt … wie bist du denn auf den Schmarrn gekommen?“

„Keine Ahnung!“ Udo zuckte mit den Schultern, „ich hoffe nur, dass der wirklich Alzheimer hat, denn dann hat er uns schon vergessen …“

Als sie in Neuhausen waren, gingen sie in Wolfgangs Wohnung, starteten Udos Laptop und überspielten die Fotos. Die ersten zeigten die Straße. „Uninteressant“, sagte Wolfgang. Dann kamen die Bilder aus zwanzig Meter Höhe.

„Auch nicht viel drauf zu sehen“, gab Wolfgang etwas enttäuscht von sich.

„Warte“, sagte Udo, der die Bilder ja beim Fotografieren überwacht hatte, „die kommen schon noch!“

Er hatte Recht, dreißig oder vierzig Bilder später hatten sie eine wunderbare Ansicht der Rückseite der Camilleri-Villa aus vielleicht acht oder zehn Metern Höhe.

„Das ist das Beste, glaube ich“, sagte Udo, „besser geht nicht … Schau mal, die Terrasse unter dem überkragenden ersten Stockwerk und hinter der riesigen Scheibe ist der Salon, von dem Sarah erzählt hat. Man sieht sogar die Stühle.“

„Und da sind die Gasbomben!“. Wolfgang zeigte auf die knallroten bombenförmigen Behälter aus Stahl. „Wenn der Camilleri sich in dem Zimmer aufhält und wir eine Bombe auf der Terrasse ablegen, dann haben wir ihn - ganz sicher! Wie für uns gemacht, oder?“

„Ja, das ist es!“, stimmte Udo zu, „jetzt muss Herr F. nur noch unseren anderen Kopter fertig kriegen!“

23. Oktober. Chiara

In den Terminkalender des Conte hineinzuschauen war für Chiara zur Routineübung geworden – jeden zweiten oder dritten Tag hackte sie sich von Frau Schade unbemerkt in das Outlook-Programm des Chefbüros der INTERBAVARIA REAL ESTATE und schaute nach, ob es etwas Interessantes gab.

Frau Schade bevorzugte als Sekretärin der alten Schule den guten alten Terminkalender aus Papier – schon weil der höchstens herunterfallen, aber niemals „abstürzen“ konnte.

Der Conte bestand aber auf einer PC-Version, weil er seine Termine so schön auf dem Smartphone anschauen konnte – nicht, das er sie verwaltete, dafür hatte er ja Frau Schade, aber er könnte das und das fand er gut. Und außerdem taten das alle anderen wichtigen Leute ja auch – zum Beispiel der Mölders.

Gut für Chiara, schlecht für den Conte, wie sich noch zeigen sollte.

Chiara blätterte sich virtuell durch den PC-Kalender und fand, dass der Mann eindeutig zu viel in Restaurants aß, an manchen Tagen sogar am Mittag und am Abend. Das musste doch ungesund sein.

Außerdem tauchte seit der Pressekonferenz in der Hübnerstraße ein Dreibuchstabenakronym auf: HMS. Das musste ein sehr wichtiger Kunde sein, denn einmal hatte der Conte mit HMS ein ganzes Wochenende in Schloss Elmau verbracht.

Chiara fand es ausgesprochen praktisch, dass Outlook Email-Account und Terminkalender des Conte vereinte, sie konnte also im Adressbuch nachsehen und fand, dass HMS für Holly-Marie Sperling von MRadio stand. Das erklärte das Wochenende … Sie suchte die HMS-Mails und fand nur zwei und die waren älteren Datums und befassten sich nicht mit der Verabredung in Schloss Elmau. Seltsam, fand Chiara, ein Wochenende mit einer jungen Frau in einem Luxusressort und keine Mails?

Auf dem Desktop des PC des Conte fand sie nach längerer Suche ein Icon, dass sie bisher nicht beachtet hatte. Sie klickte es an und es öffnete sich GMX. „Ach nee“, dachte sie, „ihr werdet doch wohl nicht …?“

Es war sogar noch besser, der Conte hatte das Passwort gespeichert, weshalb es sofort in das entsprechende Feld eingetragen wurde. „Na, dann mal los“, sagte Chiara leise zu sich und öffnete den für sie neuen Account. Eigentlich war es ja reine Neugierde, die sie bewegt hatte, den Account zu öffnen – aber, junge, junge, da ging ja ordentlich etwas ab, ganz schön heiß! Liebe war das nicht, das lief zwischen den beiden offenbar auf einer rein sexuellen Ebene ab. Die Wortwahl war auf beiden Seiten deftig. Nun ja, jedem das Seine, das war jedenfalls nicht ihr Ding …

Sie schloss den Account und dachte; „Conte, wenn deine Schauspielergattin je diese Emails lesen sollte, dann möchte ich nicht in deiner Haut stecken! Sie machte für alle Fälle eine Kopie dieses Emailverkehrs auf ihrem Rechner.

Sie beschäftigte sich also weiter mit Outlook.

Da war tatsächlich etwas Neues, endlich einmal keine Verabredung in einem Fresstempel: In einigen Tagen würden der Conte und die Contessa an einem Charity-Golfturnier in Alcanada bei Alcudia auf Mallorca teilnehmen. Anreise am Freitagmorgen und Rückflug am Montagmorgen.

Das bedeutete, dass das Haus ein ganzes langes Wochenende lang nur von der Hausdame bewohnt werden würde – wenn überhaupt, denn vielleicht würde die das freie Wochenende ja auch nutzen, um selber fortzufahren…

Das würde Udo und Wolfgang interessieren! Sie machte sich eine entsprechende Notiz.

Sie blätterte mehr oder weniger gelangweilt weiter im Terminkalender und fand vier Wochen später, den Termin, auf den sie gar nicht mehr zu hoffen gewagt hatten: An einem Freitagabend um 20.30 waren zu einem festlichen Dinner in die Villa in Grünwald geladen: Herr Mölders, ein Dottore Paolo Orisi, Conte Gennaro Bocconcello und ein Signore Dante D´Angelo von der Banca Populare del Sicilia sowie Herr Frizzoni aus dem Vertriebspoint. Natürlich würden die Contessa und der Conte als Gastgeber anwesend sein.

Sie machte die zweite Notiz für den heutigen Tag und schloss ihren Zugang zum Outlook des Conte.

Weil sie sonst gerade nichts zu tun hatte, entschloss sie sich, die Accounts der Mitarbeiter einmal wieder durchzuschauen. Da hatte es zwar nichts wirklich Interessantes gegeben, deshalb hatte sie auch schon ein paar Tage nicht mehr in die Accounts geschaut.

Sie begann mit Helldorf – aber da war nichts, was sie interessierte. Seit der welche „auf die Fresse“ gekriegt hatte, war bei dem irgendwie die Luft raus, fand sie.

Frizzonis Account war der nächste, den sie sich vornahm. Da war die Einladung für das Treffen mit den Italienern in der Villa des Conte, diverse Mails von an Wohnungen Interessierten… gelangweilt scrollte sie die Liste abwärts. Nichts Besonderes.

Sie wechselte in den Account von Sack. Der sah in etwa so aus wie der von Frizzoni – nur ohne die Einladung zum Essen in der Conte-Villa.

Eigentlich ohne Grund wechselte Chiara in Sacks Account noch in den Bereich der gelöschten Mails. Jeder Depp wusste, dass eine E-Mail nicht gelöscht wurde, wenn man den Löschen-Schalter betätigte, die Mail wurde nur in ein anderes Verzeichnis verschoben, das meistens „Gelöscht“ hieß. Aber nur wenn man die darin vorhandenen Mails löschte, also ein zweites Mal, dann wurden die Mails gelöscht.

Sie scrollte durch die angeblich gelöschten Mails, die Sack verschickt hatte. Nanu, da war eine Mail von Sack an „Saeckchen“.

Säckchen? Was war das denn? Sie klickte, die Mail öffnete sich: „Morgen früh 0515-0530: Laden Hübner/Fasanerie!“, las sie.

Die Mail war kurz, es war kein Anhang dabei. Doch dann kam es ihr… Sie schaute auf das Datum. Genau, die Mail war am Tag vor dem Überfall auf den Laden versandt worden. Und zwar von Sack an Säckchen. Wer immer das sein mochte? Vielleicht ein kleiner Bruder?

Dann würde das bedeuten, dass der Sack von der INTERBAVARIA seinen kleinen Bruder beauftragt hatte, den Laden am nächsten Morgen zwischen fünf Uhr fünfzehn und fünf Uhr dreißig zu überfallen! Das war auch etwas für Udo! Ganz bestimmt, fand sie. Der würde wissen, was daraus zu machen sei.

Dann rief sie Udo an und teilte ihm mit, sie würde einen Zettel im Salon für ihn hinterlegen, den sollte er einmal lesen …

27. Oktober. Udo

Udo hatte sich die letzten Tage im Phone-Shop und Internet-Café in der Dachauer Straße in AutoScout24 umgeschaut und sich schließlich für einen Renault Kangoo 1.2 PickUp entschieden, der von einem Privatmann in Zeil am Main angeboten wurde. Udo war sowohl das Auto mit seiner offenen Pritsche mit Plane als auch die Entfernung des Anbieters von München ausgesprochen sympathisch.

Gott sei Dank, der Anbieter hatte seine Telefonnummer abgegeben.

Udo wählte die Nummer.

„Ja?“ hörte er.

„Hier ist der Udo“, antwortete er, als ob sie sich schon lange kennen würden „haben sie einen Renault Kangoo Pritschenwagen zu verkaufen?“

„Das stimmt!“

„Der würde mich interessieren …“

„Der steht in AutoScout24, da können sie ihn kaufen!“

„Ich mag diese Internet-Sachen nicht“, gab Udo zu bedenken, „ich würde mir den Wagen gerne anschauen und gegebenenfalls gleich mitnehmen wollen … Fährt er denn?“

„Wie eine eins“, sagte der offenbar skeptische Verkäufer, „der hat nur gut 40.000 Kilometer drauf, das ist wie nichts … Der ist prima in Schuss!“

„Ich würde morgen kommen und das Geld in bar mitbringen …“

„Ich muss ja den AutoScout-Anteil abführen…?“ warf der Verkäufer listig ein.

„Ich zahle fünftausend Euro, bar auf die Kralle“, sagte Udo.

„Ja, ich weiß nicht …“ sagte der Verkäufer bedächtig, „sie scheinen die Karre ja dringend zu brauchen …?“

„Ich lege noch eine verlorene Sicherheit von eintausend Euro drauf, wenn sie das Auto nicht abmeldet haben und ich noch einen Tag fahren kann …!“

„Was haben sie denn vor mit der Kiste?“, fragte sein Gegenüber jetzt lauernd, „eine Bank überfallen?“

„Fast“, sagte Udo lachend, „aber in einem Film … Ich bin Filmausstatter, wissen sie, und der Trottel von Regisseur besteht auf dem Typ, weil es so im Drehbuch steht. Sie, wenn sie mich fragen, das ist völlig egal für den Film, mit welchen Auto die da durch den TATORT gurken… Aber jetzt muss ich so eine Kiste herzaubern. Mein letztes Wort: Sechstausendfünfhundert und keine Rechnung! Dafür kriege ich die Kiste morgen Mittag vollgetankt und fahrbereit. Ich komme, sie geben mir den Schlüssel und ich gebe ihnen einen Umschlag … Okay?“

„Im Umschlag sind sechstausendfünfhundert Euro?“

„Mein Wort drauf!“, sagte Udo, „geben sie mir die Adresse bitte.“

Der Verkäufer hatte inzwischen seine Scheu abgelegt und diktierte ihm seine Adresse.

„Wie komme ich da hin? Ich komme mit dem Zug.“. Udo hatte sich vorher bei der Fahrplanauskunft erkundigt und sagte noch, „das er gegen zwölf Uhr in Zeil eintreffen würde.

„Aus dem Bahnhof raus, halten sie sich gleich rechts, dann können sie zu Fuß gehen, sind vielleicht zehn Minuten …“

„Gut“, beendet Udo das Gespräch, „dann bis morgen gegen zwölf Uhr.“

Am nächsten Tag kam Udo pünktlich beim Verkäufer an, das war ein Kleinunternehmen – nach den herumliegenden Rohren tippte Udo auf Schlosserei. Ein älterer Mann wartete schon auf der Straße. „Wollen sie das Auto?“, fragte er. Udo nickte. „Haben sie den Umschlag?“ Udo bejahte. „Hier ist der Schlüssel“, sagte der Verkäufer, „und vollgetankt ist er auch!“

Gierig griff er nach dem Umschlag, schaute kurz über seine Schulter, um zu prüfen, ob jemand hinter ihm stand. Als er sicher war, dass da niemand war, öffnete er den Umschlag und warf einen kurzen Blick hinein. „Stimmt schon“, sagte Udo, „bis auf den letzten Heller.“

Der Verkäufer drehte sich um, winkte kurz zum Abschied und sagte noch: „Gute Fahrt – aber nicht zu schnell, das ist kein Rennwagen … Ach ja, an der Tankstelle würde ich mir eine Notfallausrüstung kaufen, die habe ich rausgenommen, gehörte ja nicht zur Verhandlungsmasse!“ Dann lachte er (dreckig, fand Udo) und war im Hof seiner Firma verschwunden.

In München angekommen, wartete Wolfgang vor Concettas Salon.

„Da bist du ja“, begrüßte er Udo, „ist spät geworden!“

„Mit der Kiste?“, lachte Udo, „Die ist so lahm, ich bin froh, dass ich endlich angekommen bin. Machst du mir das Garagentor auf?“

Wolfgang öffnete das Tor mit seinem Schlüssel. „Nummer 105“, rief er Udo nach, „gleich, wenn du reinkommst, gegenüber, kannst du gar nicht verfehlen!“

1. November. Kreuzfahrt

Früh am Morgen packten Herr F. und Frau Z. ihre beiden Koffer und machten sich auf den Weg nach Passau, wo sie gegen elf Uhr am Vormittag die MS „Volga“ besteigen würden, um die elftägige Donau-Kreuzfahrt bis ins Donaudelta anzutreten. Udo hatte Herrn F. noch ein paar Tipps gegeben, wie man sich an Bord (und insbesondere beim Käpt’n-Dinner zu benehmen hätte). Daraufhin hatte Herr F. doch tatsächlich den „guten“ Anzug eingepackt…

Das war eine Reise, von der Frau Z. seit Jahren geträumt hatte – und jetzt würde sie wahr werden. Ihr war nicht klar, warum Herr F., der sich jahrelang gegen diese Reise gesträubt hatte, jetzt plötzlich nicht nur zustimmte sondern sie sogar eingeladen hatte. Irgendwie kam ihr die Sache doch ein wenig „spanisch“ vor… Allein, dass Herr F. die Reisekosten mit verkauften Koptern verdient haben wollte? Das hätte sie doch mitbekommen müssen, oder?

Aber schließlich war es ihr egal – Hauptsache, sie konnte diese Lebenstraumreise mit dem geliebten Jürgen antreten.

Den Laden hatten sie geschlossen. Im Fenster klebte ein großer Zettel „Wegen Traumurlaub geschlossen!. Kommen bald wieder! Vielleicht…“

1. November. Drohnenflug

Udo und Wolfgang waren an diesem Samstagmorgen mit dem Pritschenwagen auf dem Weg nach Beglern, in dessen Nähe sie den Kopter, der in seiner Kiste auf der Pritsche hinter ihnen stand, schon einmal ausprobiert hatten.

Als sie an dem Baggersee angekommen waren, stiegen sie aus, reckten sich im Sonnenlicht, zwinkerten dabei in die Sonne, schauten sich um und waren sehr zufrieden, dass weit und breit niemand zu sehen war. Sie nickten sich wortlos zu.

Wolfgang kletterte auf die Pritsche, um die Kiste des Kopters zu öffnen und legte eine kleine Kiste mit Tablet-PC, Handy und Fernsteuerung an die Kante der Ladefläche. Eine dritte Kiste enthielt den mit Benzin und Aluminiumpulver gefüllten Tank, den Herr F. aus Stahlblechen angefertigt hatte. Es war eine kleine Meisterleistung des Modellbaus geworden: Ein Zylinder von 15 Zentimeter Durchmesser und dreißig Zentimeter Länge mit fünf Verstärkungsringen, von denen zwei gleichzeitig als Halterung dienten. Über ein Ventil konnte das im Zylinder durch einen kleinen Motor unter Druck gesetzte Benzin auf Fernsteuerungsknopfdruck hin entweichen, um sich mit der Luft zu dem explosiven Gemisch zu vermengen, das durch das Aluminiumpulver noch viel, viel mehr Explosivität erhielt. Da sich feinste Aluminiumpulver mit dem Luftsauerstoff entzündete, bedurfte es keines speziellen Zündmechanismus, um das Benzin-Sauerstoffgemisch zu entzünden: Und dann Rumms! Aber wie… Unter anderem das wollten sie heute testen und deshalb konnten sie gar keinen Zuschauer gebrauchen!

Udo schaute sich inzwischen weiter um, sie schienen wirklich ganz allein zu sein – auch in der Betonfabrik rührte sich nichts. „Gut so“, dachte Udo, „da sind wir wirklich allein auf weiter Flur.“

Wolfgang machte den Kopter flugfertig, hängte den Tank in die Halterung ein und probierte am stehenden Kopter mehrfach die Entriegelung des Tanks über die Fernbedienung. Udo schaute ihm interessiert zu. „Scheint ja alles zu klappen“, sagte er zufrieden. Wolfgang nickte: „Ja, sieht gut aus! Sollen wir…?“

Jetzt nickt Udo lächelnd: „Wenn der Pilot fertig ist, dann man los…!“

Wolfgang nahm das iPad in die Hand und gab Udo das Handy und die Fernbedienung. Er würde die Drohne via iPad starten und den Flug steuern. Udo würde den Endanflug über die kleine Videokamera am Kopter und Handy, das als Monitor diente, überwachen und Wolfgang gegebenenfalls die Fernbedienung für den Zielanflug überreichen.

„Warte mal“, sagte Udo, „sollten wir uns nicht erst einmal die kleine Insel anschauen, nicht, dass da gerade jemand badet oder Schwäne brüten oder so… Sonst fliegt da nachher halb garer Gänsebraten durch die Luft. Da wäre mir irgendwie blümerant dabei, weißt du?“

Wolfgang nickte zustimmend. „Klar, da hast du Recht. Wer geht?“

„Ich wohl“, sagte Udo seufzend, „ich habe schließlich die blöde Idee gehabt“.

„Dann übe ich noch ein paar Flugmanöver“, stimmte Wolfgang zu, „wie lange wirst du schätzungsweise brauchen?“

Udo schätze die Entfernung. „Das werden so sechshundert Meter sein, eine Strecke, also insgesamt zwölfhundert Meter.“ Er überschlug das im Kopf, das war gar nicht so einfach, fand er, … für einen Volksschüler.

„Nicht ganz zwanzig Minuten“, nahm Wolfgang ihm das Rechnen ab, „so ungefähr…“

„Ja, gut“ brummte Udo, „dann pirsch´ ich mal los…“

Er musste einen großen Bogen um den Baggersee machen, dann kam er zu einer Art Naturdamm, der seine kleine Insel mit dem Ufer verband. Entsetzt schaute er sich den knapp hundert Meter langen und an seiner breitesten Stelle wohl zwei Meter breiten Damm an – was aus der Ferne wie ein fester Damm aus Sand ausgesehen hatte, entpuppte sich aus der Nähe als schwammiges Etwas aus Sand und Pflanzen… mit viel Wasser dazwischen.

„Na gut“, dachte er, „was soll´s, dann gehen eben ein paar Schuhe drauf.“ Es waren sowieso keine besonders schönen oder gar Lieblingsschuhe, die er trug, um die war es ihm nicht schade.

Er machte die ersten Schritte und sank bis über die Knöchel in einen oberflächlich fest aussehenden in Wirklichkeit aber brüchigen grauen Schlamm ein, der hier Großteile des Dammes ausmachte. Zehn Zentimeter darunter war der Boden aus Kies, also fest.

Der Weg zu der kleinen Insel erwies sich als alles andere als einfach zu begehen – mal sank er fast bis zum Knie ein, mal stürzte er fast, ab und zu musste er auf allen Vieren krabbeln, aber zum Schluss hatte er es geschafft und stand auf dem ellipsenförmigen Eiland von geschätzten einhundert Quadratmetern, dass circa zwanzig Zentimeter über die Wasseroberfläche aufragte und aus groben Kies bestand. Er schaute sich um: Kein Nest zu sehen, kein Bewohner, kein Badender, nur ein wenig Gestrüpp… perfekt.

Er machte sich auf den Rückweg, der ihm jetzt einfacher und schneller vorkam, da er wusste, was ihn erwartete.

Vierzig Minuten hatte er für Hin- und Rückweg gebraucht. Wolfgang schaute den über und über dreckigen Udo grinsend an und meinte: „Na, Robinson, auf Erlebnistour gewesen?“

„Sei bloß ruhig“, giftete Udo zurück, „sei froh, dass du den Scheiß-Damm nicht längsbalancieren musstest, das war vielleicht ein Mist, sage ich dir, große Kacke!“

„Und?“, fragte Wolfgang.

„Was und“, fragte Udo zurück.

„Schwäne da? Gänse? Enten?“

„Nee, ist vollkommen tot da drüben, wir können loslegen!“

„Na, dann“, sagte Wolfgang und erhob sich mit einem kleinen Sprung von der Ladefläche des Renault, auf dem er gesessen hatte, um auf Udo zu warten, „dann können wir´s ja krachen lassen, oder?“

Er nahm sich das iPad und ließ die Drohne starten, Udo griff sich das Handy. Wolfgang wischte hier und da über den Bildschirm des Tablet-PCs, tippte hierhin und dorthin und der Kopter flog einen eleganten Bogen hoch in die Luft hinüber zur Insel. Udo sah die Insel auf dem Bildschirm des Handy schnell größer werden, schließlich nahm sie den ganzen Bildschirm ein.

„The Eagle has Landed“, sagte Wolfgang.

Udo schaute ihn verwirrt an und sagte nur „Hä?“.

„Der Adler ist gelandet“, sagte Wolfgang, „Armstrong - nicht Louis! - als sie auf dem Mond gelandet waren! Will sagen: Wir sind da! Gib mir mal die Fernbedienung.“. Udo reichte sie hinüber.

„Ich setze den Tank jetzt ab. Dann starte ich den Kopter wieder, hole ihn zurück und dann erst zünden wir. Einverstanden?“

„Klaro“, brummte Udo, „warte, lass mich erst das Fernglas nehmen.“

Wolfgang steuerte den Kopter zurück auf die Ladefläche des Pritschenwagens. Er war so sicher in der Steuerung der Drohne, als ob er noch nie etwas anderes gemacht hätte. Inzwischen hatte Udo sein Fernglas vor den Augen, justierte es ein und sagte: „Fertig!“

Wolfgang betätigte einen Schalter an der Fernbedienung, das Benzin-Aluminium-Gemisch wurde von dem kleinen Motor aus dem Zylinder gedrückt und einen klitzekleinen Moment später machte das erste Aluminiumteilchen das, was es nach den zuständigen Naturgesetzen tun musste, wenn es auf Luftsauerstoff stieß: Es entzündete sich unter großer Hitzeentwicklung und verbrannte sofort. Und in der Folge explodierte die Benzin-Luftwolke mit einer ungeheuren Stichflamme und einem gewaltigen Rumms – Rrruuuummmmmssss kam es von der Insel herüber.

Udo riss sich das Fernglas von den Augen, weil er genau in die Flamme gesehen hatte.

„Junge, junge…“, sagte er, zu mehr war er nicht fähig, „das war aber ein Bumms, was? Hättest du das erwartet?“

Wolfgang schüttelte nur den Kopf, „Nein“, sagte er, „alles, aber nicht das!“

Dann schwiegen beide und schauten der Ruß- und Dunstwolke nach, die sich im Wind schon wieder zu verteilen begann.

„Man o man“, sagte Udo, „das haut tatsächlich hin… Also, irgendwie habe ich ja gar nicht daran geglaubt, Wolfgang…“

„Nein“, sagte der, „ich auch nicht, jedenfalls nicht so ganz. Komm, packen wir ein, hauen wir ab. Nicht das einer das gesehen hat, und die Bullen holt…“

Da sagte eine Knabenstimme direkt hinter ihnen: „Wart ihr das?“

Die beiden waren einen Moment lang starr vor Schreck, dann drehten sie sich um und sahen einen kleinen Jungen. Sein Alter war schwer zu schätzen für Männer, die keine Kinder gehabt hatten – vielleicht irgendwo zwischen sechs und acht Jahren alt?

„Hhm“, brummte Udo, „wer bist du denn?“

„Ich bin der Marko“, sagte der Knabe.

„Wo kommst du so plötzlich her?“

„Von da aus dem Graben.“

„Und was machst du hier?“

„Ich schaue nach, welche Blumen hier wachsen, für die Schule…“ Der Knabe hielt einen Block und einen Bleistift hoch.

Also war er offenbar älter als sechs, dachte Wolfgang, in der ersten Klasse würde man das doch nicht als Hausaufgaben aufbekommen, oder? Andererseits, bei dem Schulsystem war alles möglich, fand er.

„Für die Schule?“, fragte er.

„Ja, mein Onkel ist Gärtner, der macht das auch manchmal und da hat er mich mitgenommen. Ich will auch einmal Gärtner werden. Hier, wollt ihr meine Zeichnungen sehen?“. Er hielt den beiden den kleinen Bock hin. Udo nahm ihn, blätterte ihn durch und gab ihn erstaunt zurück – das waren erstaunlich schöne Zeichnungen – für einen Sechs…, na gut, Achtjährigen!

„Sehr schön machst du das, du bist sehr begabt, glaube ich, woher kannst du das?“

„Meine Mama ist Zeichenlehrerin!“

„Ach so, das erklärt das, die übt mit Dir, nicht wahr?“

Der Kleine schüttelte betrübt den Kopf und sagte: „Nein, nur ganz selten, die ist ja meistens nicht da. Da ist sie dann mit Onkel Kevin weg, der soll einmal mein Papa werden, hat sie gesagt. Und manchmal störe ich auch, glaube ich…“ Er machte eine Pause. „Wart ihr das eben mit dem Knall da drüben auf meiner Insel? Das darf man nicht. Das weiß ich von meinem Onkel!“

„Ach, das ist deine Insel?“

Der Junge nickte.

„Tja, weißt du mein Junge“, sagte Udo langsam, „erstens haben wir das nicht gewusst, dass das deine ist, und zweitens, ja, das waren wir. Wir mussten etwas ausprobieren, weißt du – für einen Film! Und drittens habe ich nachgeschaut: Da war nichts auf der Insel, kein Mensch“, er lächelte Marko an, „kein Junge, kein Vogel, kein gar nichts…“

„Aber mein Hafen mit dem Boot? Das habe ich gestern gebaut…“

„Darauf habe ich nicht geachtet, Marko, das tut mir Leid. Das ist jetzt blöd, das sehe ich ein. War es schwierig, das zu bauen?“

„Naja“, war alles, was Marko sagte.

„Was war das denn für ein Modellboot?“, mischte sich Wolfgang ein.

„Aus Zweigen…“

„Ach so“, sagte Udo nachdenklich, „aus Zweigen, ich verstehe, klar, da steckt viel Arbeit drin, oder? Und nun ist es hin, meinst du!“

Marko nickte traurig.

„Das ist Mist, das sehen wir ein! Aber ich habe vielleicht eine Idee, Marko. Weißt du, was Erwachsene in solchen Fällen tun?“

Marko schüttelte den Kopf.

„Sie zahlen eine Art Entschädigung, bei kleinen Jungens meistens in Form eines großen Eis, mit Früchten, mit Sahne und Schokostreuseln und mit Papierschirm und mit allem pipapo, verstehst du?“

Marko schaute viel freundlicher drein und nickte schon fast begeistert.

„Und weil ich mal auf einer Werft gearbeitet habe… Weißt du, was eine Werft ist?“

Marko schüttelte den Kopf

„Da baut man richtig große Schiffe! Also, weil ich mal auf einer Werft gearbeitet habe, deshalb spreche ich auch so komisch, weißt du, weiß ich, wie viel Arbeit in einem richtigen Schiff drin steckt. Das ist mit einem Eis, auch einem gaaaanz großen, nicht getan. Und deshalb spendiere ich Dir sozusagen von Schiffbauer zu Schiffbauer ein richtiges Schiffsmodell! Was sagst du nun?“

Marko lächelte über alle vier Backen.

„Und weil wir das hier nicht kriegen, und weil wir zwei alte Knacker auch nicht gut mit so einem Prachtkerl von Junge einfach so wegfahren können, gibt es meines Erachtens nur eine Lösung…“

Marko schaute ihn gespannt an.

„Wir müssen das bezahlen! Also, ein Eisbecher Marke „Marko“ kostet so ungefähr ´nen Zehner, mit Trinkgeld und so ein gutes Modell Marke „Marko“ so circa fünfundzwanzig Euro, nicht wahr? Macht summa summarum fünfunddreißig Euro! Einverstanden?“

Marko strahlte und nickte.

„Wolfgang, gib mir mal das Geld – so viele Euros habe ich gar nicht, wie der junge Mann hier von uns bekommen tut…“ Er reichte seine große Pranke verlangend in Richtung des erstaunten Wolfgang. Der kramte in seinem Portemonnaie und gab zwei Udo Scheine und den Rest in Münzen. Udo reichte das Geld weiter.

„So“, sagte er, „Marko, das sind fünfunddreißig Euro, damit ist das erledigt, wir müssen mal wieder los, weißt du. Und du, pass gut auf deinen Schatz auf. Versteck ihn gut, sag´ vor allem Mama nichts davon. Mütter neigen leicht dazu, viele Fragen zu stellen, woher du das viele Geld hast und vor allem neigen sie dazu, kleinen Jungens das Geld abzunehmen, damit sie etwas „Vernünftiges“ damit machen. Und weißt du, aus langer Erfahrung weiß ich, das „Vernünftiges“ kleinen und großen Jungen keinen Spaß macht! Ich sage das nur so unter Männern… Wenn ich Du wäre, würde ich schön den Mund halten und nix von unserem Treffen erzählen. Is´ besser, glaub´ mir, Marko! Versprochen?“

Er hielt Marko seine große Pranke hin und nahm die kleine Patschhand und schüttelte sie vorsichtig. „Und der hier“, damit zeigte er auf Wolfgang, „den vergatter ich auch noch, dass der den Mund hält! Von uns beiden erfährt deine Mutter nichts, versprochen! Großes Ehrenwort!“ Damit machte er eine abschließende Handbewegung vor seinem grinsenden Mund und warf den virtuellen Schlüssel über die Schulter.

Marko tat es ihm nach.

„Okay, dann machen wir uns auf den Weg nach Hause und du auch, Marko. Tschüss denn…“

Marko sagte artig „Grüß Gott“ und setzte sich in Trab. So wie kleine Jungen es immer tun: Im Laufschritt.

„Sag mal, was war das denn jetzt für eine Nummer?“, fragte Wolfgang, „erst dem Jungen einen Haufen Geld geben wollen und es dann von mir verlangen?“

„Ach weißt du“, sagte Udo, „erstens ist mir nichts anderes eingefallen in dem Moment und dann hab ich gedacht, fünfunddreißig Euro sehen für ihn nach mehr aus, wenn ein Erwachsener sie gar nicht hat, kriegst sie schon wieder!“

„Nein, nicht darum – aber die Idee war gut, zugegeben, mir ist nämlich gar nichts eingefallen…“

„Siehst du, da braucht es eben einen „vonne Küste“ für so ein Gespräch von Mann zu Mann, nicht?“

„Mag sein“, antwortete Wolfgang, „aber jetzt nichts wie los, bevor noch einer kommt – das wird mir dann zu teuer bei deinen Ideen…“

Sie packten schnell ihre Siebensachen zusammen und fünf Minuten später waren sie unterwegs.

Marko stand an ihren Weg, winkte lachend mit dem Block und notierte sich etwas und rannte dann winkend weiter.

2. November. mz berichtet

Wieder Tote im Unglückshaus!

(Manni Müller – unser Mann vor Ort!) Im Skandalhaus Ecke Hübner-/Fasaneriestraße in Neuhausen hat sich gestern ein weiterer tragischer Unfall ereignet: Bei einer Explosion einer Sauerstoffflasche bei Schweißarbeiten im Keller des Hauses verstarb ein ukrainischer Arbeiter und der zufällig anwesende Octavian Sack aus dem Vertriebsbüro der INTERBAVARIA REAL ESTATE. Die Polizei teilte mit, dass ein Unfall aufgrund einer defekten Schweißgasflasche oder nicht korrekter Bedienung der Schweißanlage bei so einem Unfall die wahrscheinlichste Unfallursache sei. Solche Unfälle kommen leider immer wieder vor, betonte die Polizei auf Nachfrage der Redaktion.

Die Kriminaltechnik hat die Schweißanlage beschlagnahmt und ermittelt.

Unterdessen wurde bekannt, dass es sich bei dem toten Ukrainer um einen Schwarzarbeiter handelt. Die für Schwarzarbeit zuständige Abteilung der Zolldirektion ermittelt auch hier.

Der Geschäftsführer der INTERBAVARIA REAL EASTATE, Conte Camilleri, wies in einem Gespräch mit der Redaktion darauf hin, dass für die Arbeiter auf der Baustelle allein die beauftragten Firmen selbst zuständig seien, mit denen man, darauf wies der Conte mehrfach hin, „aus Erfahrung auf anderen Baustellen“ eindeutige Verträge habe, die keinerlei Interpretationsspielraum zu ließen, dass eben keine Schwarzarbeiter eingesetzt werden dürften.

Der Familie des O. Sack sprach er sein Beileid aus und stellte insbesondere den beiden Kindern des Verstorbenen eine namhafte Summe in Aussicht, damit die „lieben Kleinen“ in die KITA und den Kindergarten gehen könnten. Der Ehefrau habe er eine Stelle als Typistin angeboten – „das sind wir dem Octavian, unserem besten Manne im Stall“, einfach schuldig“, schloss er das Gespräch in der Redaktion, nicht ohne noch einmal darauf hinzuweisen, dass er über den tödlichen Ausgang des Unfalls untröstlich sei, natürlich trauere er auch um den ukrainischen Arbeiter.

Die Redaktion wird hinsichtlich des Themas Schwarzarbeit in München am Ball bleiben.

3. November. Überweisung

Chiara hatte an diesem Abend eine ganze Liste komplizierter Hacks abzuarbeiten. Aber sie war gut vorbereitet. Ihre Spyware-Injektionen bei der Bank in Catania und der GERMANIA HYP funktionierten einwandfrei: Chiara ließ alle Eingaben mitloggen, damit wusste sie genau, was Signore Sferracavallo am Computer trieb: Meistens spielte er in seinen wahrscheinlich elegantem Büro Online Games, um sich die Zeit zwischen einigen wenigen, aber großvolumigen Bankgeschäften für „die da“ zu vertreiben. „Die da“ (die Cosa Nostra und andere Mafiafamilien) betrieben ihre Geschäfte extrem erfolgreich. Chiara hatte etwas von ungefähr 200 Milliarden Euro pro Jahr allein in Italien gelesen, die die Mafia et al. umsetzten. Allein auf Konten von Riccardos Bank in Catania lagen mehrere Milliarden Euro. Die Mafiosi wussten ihr Geld offenbar gerne in ihrer Nähe…

Ihr war klar: Mit solchen Summen konnte man jeden und alles kaufen. Auch richtig gute Spezialisten gegen Hacker-Angriffe. Eigentlich, dachte sie sich, müssten die ihre Bankvermögen doch unangreifbar durch Hacker gemacht haben – hatten sie aber nicht, das hatte Chiara bei den drei oder vier Probehacks der letzten Tage schon festgestellt.

Dabei war sie über Sferacavallos Account nur heimlich in das Bank-System eingedrungen, um sich „etwas umzuschauen“, hatte aber keine Verschiebungen von Geldern vorgenommen.

Das Handbuch hatte ihr gute Dienste geleistet, auch wenn dort nicht alles erklärt war, was ihr einleuchtete, denn der normale Bankangestellte sollte und musste ja nicht alles wissen, was da so lief…

Vielleicht glaubten die Bankchefs und vor allem „die da“ ja auch, dass sich niemand trauen würde, ihre Gelder anzutasten.

Chiara hatte sich Gedanken gemacht, wie sie „unerkannt und unerreichbar“ bleiben würde: Natürlich würde Sie ihren Angriff durch mehrere vorgeschaltete Rechner tarnen, mit denen sie offenbar nichts zu tun hatte. Niemand würde auf sie kommen.

Ausgehen würde sie von einem ihrer „NSA-Malware-sauberen“ anonymen Rechner. Von dort hatte sie bereits einen PC eines ihr völlig unbekannten Menschen in Stockholm, zu dem sie überhaupt keinen Bezug hatte, gekapert. Von diesem Rechner aus würde sie den eigentlichen Angriff starten. Über den Stockholmer Rechner würde sie in den Rechner des freundlichen Mitarbeiters der GERMANIA HYP eindringen, von dem aus wiederum würde sie sich in den Rechner des Signore Sferracavallo einloggen und von diesem aus unter dem Namen des Signore die Überweisung starten.

Das würde dann wahrscheinlich für den irgendwann dumm ausgehen, denn bei fünfzehn komma etwas verschwundenen Millionen würde man doch wohl suchen, oder?

Was bedeutete, dass man nach einiger Zeit auf Signore Sferracavallo als Verantwortlichen stoßen würde. Und dann? Wenn er keine verdammt gute Ausrede haben würde (und wie sollte er?), würde das wohl in einem Bad im Mittelmeer mit den Füßen im Beton enden. So oder ähnlich, vermutete Chiara… Nun ja.

Wenn die Rechercheure allerdings die Verbindung zum PC des GERMANIA HYP-Mitarbeiters finden würden, würde Signore Sferracavallo vielleicht straffrei ausgehen und der Münchner würde Baden gehen.

„Bankerschicksal“, fand Chiara, „die machen sich schließlich auch keine Gedanken darum, wem sie das Geld wie wegnehmen, das sie verdienen und was mit den ursprünglichen Besitzern passiert.“

Kaum war sie als Signore Sferacavallo in Catania „drin“, überwies sie 15.468300,36 Euro (das mit der krummen Summe fand sie irgendwie lustig und gleichzeitig clever, weil, wie sie fand, das irgendwie echt aussehe) nach Singapur.

Sie loggte sich aus allen Rechnern wieder aus und schrieb Riccardo eine Email, in der sie ihm mitteilte, dass Tante Emilia gesund eingetroffen sei, er brauche sich keine Sorgen zu machen.

Riccardo hatte diese Mail erwartet. Er machte – wie so häufig – Überstunden und schickte das Geld in immer unterschiedlichen Tranchen mehrfach um die Welt. Dabei benutzte er deutlich mehr und andere Konten und Länder, als er Chiara gesagt hatte: Er benutzte neben den Chiara bekannten Kundenkonten Konten in der ganzen Welt. Er wechselte die Währungen, kaufte und verkaufte – teilweise sich selber und teilweise seinen „normalen“ Kunden - im Sekundentakt Wertpapiere und Aktien. Er verschleierte die Transaktionen so, wie er es gelernt hatte, um seinen Kunden Steuern und Abgaben zu sparen, kurz er setzte das ganze Armentarium einer Bank ein…

Innerhalb von einer halben Stunde waren die Transaktionen von anderen nicht mehr nachzuvollziehen.

Schließlich landete eine geringfügig andere Summe auf dem Kaspar Häusle-Konto, das sein Kollege für Chiara eingerichtet hatte und eine stattliche Summe, die er bei den diversen Transaktionen verdient hatte, auf einem anderen, das nur er kannte.

Er war zufrieden, als er Chiara einige Stunden später eine Email sandte, dass er froh sei, wenn die Tante wieder zuhause sei. Jetzt wusste Chiara, dass sie über das Geld verfügen konnte.

Sie wies von ihrem Konto in Catania online 14.500.000 Euro unter der Betreff-Zeile „Kauf der Gebäude am Hübnerplatz“ auf das Konto der INTERBAVARIA REAL ESTATE bei der GERMANIA HYP an.

Nach einer kurzen Pause übernahm sie den Rechner in Stockholm wieder, ohne dass sein Besitzer etwas davon mitbekam. Das Internet ist schon eine wunderbare Sache fand sie, zumindest für sich und ihre Freunde. Von dem Stockholmer Rechner aus übernahm sie einen Rechner in Dnipropetrowsk in der Ukraine und von dort einen in Cluj-Napoca in Rumänien. „Ostblock“ kommt immer gut, befand sie, da glaubte jeder, dass die die Bösen seien!

Von Cluj-Napoca hackte sie sich schließlich in das System der GERMANIA HYP ein und überwies die gesamten vierzehneinhalb Millionen Euro vom INTERBAVARIA REAL ESTATE Konto auf das von Riccardo in Singapur eingerichtete Konto.

Keine Stunde später schrieb sie an Riccardo: „Tante will wieder heim, bist du bereit, sie zu holen?“

Jetzt war es an Riccardo, das Geld ein zweites Mal rund um die Welt zu schicken. Diesmal ließ er sich etwas mehr Zeit, es eilte nicht mehr. Wieder verdiente er ein „hübsches Sümmchen“ bei dem Geldverschicken – und wenn ein Banker ein Sümmchen als „hübsch“ bezeichnet, dann sind die Zahlen für einen normalen Menschen kaum noch nachzuvollziehen. Vor allem, wenn man bedenkt, in welchen unglaublich kurzen Zeiträumen diese Geschäfte abgewickelt werden.

Chiara wusste wiederum nichts von seinen Gewinnen. Er fand, sie müsse das auch nicht wissen. Das bisschen windfall profit-Kapital stünde ihm zu, fand er. Und Chiara wäre es auch egal gewesen. Außerdem dienten diese kleinen Geschäftchen ja auch nur dazu, den Weg des Geldes zu verschleiern.

Chiara war aber noch nicht fertig: Am späten Abend hackte sie sich beim Notariat ein und ersetzte das Dokument einer der Vollmachten durch einen Kaufvertrag zwischen Kaspar Hausle und dem Conte für die Häuser in der Hübnerstraße.

Als nächstes wechselte sie in das Notariatssystem-eigene Rechnungssystem und erstellte die korrekte Rechnung (inklusive Hausverkauf) an Kaspar Hausle.

Anschließend stieß sie die automatisierten Meldungen an Grundbuchamt und Finanzamt an.

Einige Tage später veranlasste Riccardo, dass sieben Millionen Euro auf ein Konto überwiesen wurden, zu dem nur er Zugang hatte, und fünf Millionen überwies er auf Kaspar Hausles Konto in Catania und zwei komma etwas Millionen auf Chiaras Konto bei der Bayern Hyp.

Als das erledigt war, entschloss er sich, die Konten in Singapur, Hong-Kong, den Caymans und Guernsey nicht wie ursprünglich vorgesehen, aufzulösen, denn die, das wusste er, könnte er sicherlich noch einmal gewinnbringend einsetzen – schließlich hatte er jetzt einiges an Kapital, das arbeiten wollte. Denn eines stand für ihn fest, finanziell völlig vom künftigen Schwiegervater abhängig zu sein, war für ihn nicht akzeptabel – man wusste ja nie…

Und tatsächlich hatte er immer noch nicht verstanden, womit Schwiegervater in spe sein beträchtliches Vermögen verdient hatte. Nur mit der Wäscherei- und Reinigungskette? Er vermutete, dass er zum inneren Kreis derer gehörte, die ab und zu auch heute noch Beton anmischen liessen. Nicht, dass ihn das störte…

6. November. Eine Entscheidung

Udo und Wolfgang waren in ihrem Pick-up, auf dessen Ladefläche in drei Kisten verpackt die Drohne und die notwendigen Zusatzteile lagen, gerade an der Kirche Maria Königin angelangt, als die Kirchenglocke neun Mal schlug - genau einundzwanzig Uhr! Udo bog auf den versteckten Parkplatz ein und machte den Motor aus. Er blieb aber mit beiden Hände am Lenkrad hinter dem Steuer sitzen und stierte geradeaus in die Büsche vor ihm. Wolfgang saß wortlos neben ihm und sah gleichfalls nur ins Grün. Im Grunde sahen die beiden die Büsche aber gar nicht, sondern schauten nach innen…

„Weißt du, was“, sagte Udo nach einer Weile stummen Nebeneinanders zu Wolfgang, ich fahre einfach einmal an der Villa vorbei, wir müssen ja doch einmal nachsehen, ob und was da los ist…?“

„Gute Idee“, antwortete der, „einmal langsam hin und einmal zurück, mehr nicht, mehr würde vielleicht auffallen, es ist schon wieder scheintot hier, nichts los auf den Straßen – kein Mensch, kein Hund und kein Auto… Aber man weiß ja nie, gerade wenn wir da sind, kommen da welche… Wenn wir da immerzu rumgurken würden… das könnte ins Auge gehen.“

Udo ließ den Motor also wieder an, drehte sich in seinem Sitz um, parkte rückwärts aus, fuhr auf die Straße und bog in Richtung Camilleri-Villa ein.

An der Straße standen direkt vor der Villa zwei mittelgroße LKWs, ein Kleinbus und zwei PKW mit den Logos einer bekannten Münchner Cateringfirma. Ein leise laufender Kompressor erzeugte Strom für einige Lampen, die an den LKWs hingen und den Fußweg und den Bereich im Garten der Villa erleuchteten, den das Servicepersonal passieren musste.

Zwischen den Fahrzeugen und der Villa wuselten zwei oder drei junge Frauen, die nach ihrer Kleidung zu urteilen, zum Caterer gehörten. Zwanzig Meter weiter standen auf der gegenüber liegenden Straßenseite zwei sehr große schwarze Mercedes mit italienischen Kennzeichen. Mindestens in einem saß ein Mann in der Dunkelheit, den sie im Scheinwerferlicht ihres Renault gerade so sahen. Außerdem glühte eine Zigarette in seinem Mund auf. Ein Dreier BMW parkte hinter ihnen, der war leer.

„Ganz schön ´was los“, meinte Wolfgang, der sich im Vorbeifahren umgedreht hatte, um einen Blick durch das kleine Tor werfen zu können, „sie sitzen im großen Zimmer hinter der Veranda, das habe ich durch das Tor gesehen“.

Udo nickte nur und sagte nach einer Weile: „Gut, dann ist ja alles richtig. Nur… Für meinen Geschmack irgendwie zu viele Leute, finde ich…“.

Er bog an der nächsten Kreuzung ab und fuhr einmal ums Karree, um wieder zu ihrem versteckten Parkplatz zu kommen. Wolfgang schaute ihn nach der Ecke fragend an. „So viele Leute da, da wollte ich nicht in Sichtweite zweimal umdrehen…“ beantwortete Udo die unausgesprochene Frage.

„Zweimal?“

„Einmal hatten wir ja schon auf dem Parkplatz und dann hätten wir wieder gemusst, als wir an denen vorbei gefahren waren. Am meisten hat mich der Fahrer im Mercedes der Itaker gestört…“

„Ach so“, stimmte Wolfgang zu, „hast Recht!“.

Als sie wieder im Dunkeln auf dem Parkplatz standen, bewegte sich zunächst wieder keiner der beiden aus seinem Sitz. Schließlich bewegte sich Udo als erster: „Ja, denn“, sagte er seufzend, „Denn man los, mien Jung, bringen wir es zu Ende!“. Manchmal „norddeutschte“ er, wenn er aufgeregt war – und das war er jetzt ohne Zweifel.

Wolfgang seufzte „Ja, gut… Jetzt geht´s los…“.

Langsam stiegen sie aus dem Renault. Wie auf Verabredung schlossen sie die Türen ganz leise. Es war Dunkel auf dem zwischen dichten Büschen liegenden Parkplatz, auf dem sie ganz allein waren. Nur der alte Mercedes stand so da, wie sie ihn die letzten Male gesehen hatten. Man hätte glauben können, der Auspuff hing ein wenig schiefer als sonst und vielleicht wäre da auch die eine oder andere Beule mehr – aber das nahmen die beiden heute Abend nicht wahr.

Udo ging ans hintere Ende des Pick-up und öffnete die Ladeklappe. Wolfgang zog sich mehr hoch als dass er - wie sonst - locker hinauf hockte. Irgendwie schien er müde.

Beide waren in der Dunkelheit sehr nachdenklich, beide schwiegen. Das, was sie jetzt vor hatten, schien sie schwer zu belasten. Wolfgang klappte erst den Deckel der Kiste auf, in der der Kopter auf seinen Einsatz wartete, und dann die vier Seitenwände herunter. Dann packte er die Kisten mit dem Benzintank und die andere mit den Fernbedienungen, um sie an die Kante der Ladefläche zu stellen. Er stellte sie so leise ab, wie sie eben die Türen geschlossen hatten.

Udo öffnete – immer noch schweigend – die erste der beiden kleineren Kisten, nahm aus der vorsichtig den hochexplosiven Tank mit dem Benzin und dem Aluminiumpulver heraus und reichte ihn Wolfgang hinauf, damit der ihn in die Halterung im Kopter einsetzen konnte.

Wolfgang nahm das Höllending von Udo entgegen. Mit einem leisen Klick rasteten die Haken, die den Tank hielten, in die dafür vorgesehenen Ösen ein. Er wackelte ein wenig an dem Tank und befand, dass er fest saß. Dann wartete er.

Wortlos nahm Udo die dritte Kiste, öffnete den Deckel, entnahm ihr das iPad, das Smartphone, die Videokamera, die live die Bilder des Anfluges auf das Smartphone übertragen würde, damit sie prüfen konnten, ob sie auch auf der Terrasse der Camilleri-Villa landeten würden und nicht beim Nachbarn, und zum Schluss die Fernsteuerung.

„Musst Dich ins WLAN der Camilleris einwählen“, murmelte Wolfgang, „mit beidem, der Kamera und dem Smartphone…“

„Ich weiß“, brummte Udo leise und fummelte einen Zettel aus seiner Hemdtasche, auf dem er sich die aktuellen Zugangsdaten notiert hatte, die ihm Chiara gestern noch einmal bestätigt hatte.

Als die Kamera eingeschaltet und in das WLAN eingewählt war, reichte Udo Wolfgang das kleine Gerät, der es in seine Halterung an der Drohne einklickte.

Udo stellte die Verbindung zwischen Kamera und Smartphone her und prüfte das Bild: Alles okay!

Wolfgang schaute noch einmal prüfend über die Drohne, checkte ein letztes Mal den Halt des Tanks und der Kamera. Als er alles befriedigend fand, reichte er Udo die Hand, als ob der ihm helfen müsste, und sprang von der Ladefläche herab. Aber die Berührung tat beiden irgendwie wohl.

Sie nickten sich zu. Wolfgang startete das iPad, schaute konzentriert auf den Bildschirm, machte einige wischende Bewegungen auf der schwach leuchtenden Oberfläche des Gerätes, tippte noch auf ein paar Schaltflächen – es war, als übten seine Finger einen abstrakten Tanz.

In Folge von Wolfgangs Tätigkeiten auf dem iPad erwachte der Kopter langsam zum Leben, die roten LCD-Lämpchen glühten auf – das tödliche Fliegeding sah jetzt richtig gemein aus, wie ein großes wütendes und tödliches Insekt. Die acht Rotoren begannen sich langsam zu drehen, nahmen etwas Fahrt auf, als Wolfgang eine wischende Handbewegung auf dem iPad machte… Beim nächsten Wisch ging die Drehzahl wieder etwas herunter, es war als ob die Drohne in die Knie gehen würde. Sie vibrierte in ihrer aufgeklappten Kiste, als wollte sie starten – nur ließ Wolfgang sie noch nicht los – dennoch, sie war eindeutig bereit, ihre tödliche Last nach einem von Chiara programmierten kurzem Flug hoch über die Bäume und dann tief über dem Rasen des Gartens vor der Panoramascheibe der Camilleri-Villa abzusetzen. Unmittelbar danach würde die Drohne wieder starten zum „Rücksturz“ zur Ladefläche des Renault. Falls die drinnen im Salon beim Essen etwas von der Landung der Drohne bemerkt haben würden, würde Neugierde oder Panik entstehen. Doch selbst wenn irgendwer sofort begreifen würde, was draußen geschah, die Zeit würde einfach nicht reichen, um sich in Sicherheit zu bringen. Denn dann würde ein riesiger Feuerball, der unter dem Vorbau der Villa gefangen war, entstehen, der die Fensterscheibe als kleinste Scherben wie Pistolenkugeln in den Raum blasen würde… Das allein könnte schon tödlich für die Menschen im Salon sein und das würde so schnell gehen, da würde niemand reagieren können. Und dann, Sekundenbruchteile später, würde die brennende Benzinwolke mit der unglaublichen Temperatur von fast 1500 Grad alles verbrennen und das Aluminiumpulver würde die Kraft der Explosion noch einmal vervielfältigen… alles würde in dem gewaltigen orangeroten Blast verbrennen - und alle!

„Bereit?“, fragte Wolfgang.

Udo reagierte einen kurzen Moment lang nicht, dann nickte er traurig – und dann sagte er laut und schnell: „Halt, warte einmal…“, um anschließend wieder langsam und überlegend zu sagen: „Stell das verdammte Ding mal ab!“

„Die können ruhig weiterdrehen“, sagte Wolfgang, „wir haben genug Strom… was ist?“

„Sag mal“, sagte Udo tonlos, „Wie viele Leute sind da drüben zugange? Du kannst besser rechnen … Also, da sind der Conte-Heini und seine Olle, das macht zwei, mindestens drei Italiener und der Frizzoni, das macht…?“.

„Sechs, mindestens“, sagte Wolfgang, „der Bankfritze und ganz bestimmt die Haushälterin, acht, mindestens - und zwei Kellnerinnen, die haben wir gesehen, macht zusammen zehn. Zehn!“

„Vielleicht noch eine Gehilfin für die Haushälterin und ein zweiter Fahrer für den zweiten Mercedes, das macht…“

„Zwölf!“, sagte Wolfgang tonlos, oder mehr?“.

„Kannst du, willst du… zwölf Menschen umbringen? Zwölf? Zwölf! Und das nur, weil wir den Camilleri haben wollen, ich meine, die Itaker, die mögen ja mies sein, von mir aus Mafia, aber uns haben die doch nichts getan, nichts, weswegen wir sie umbringen, oder? Und auch wenn nicht alle draufgehen, vielleicht nur sechs oder so - mit unseren Benzin und dem Alu, da verbrennen wir die anderen doch ordentlich, oder?“

Wolfgang machte ein paar lässige Handbewegungen, die Rotoren liefen leise surrend aus, die roten LCD-Lämpchen erloschen. Das tödliche Ding verlor seinen Schrecken. Da es schwarz war, war es in der Dunkelheit auf der Ladefläche fast nicht zu sehen.

„Nein“, sagte er, „du hast Recht, Udo! Gottseidank! Das kann ich nicht, das will ich auch nicht. Mein Gott, Udo, bin ich froh, dass du die Sache jetzt abgebrochen hast… Weißt du, das zu planen, das ist ja eine Sache, aber es zu machen, es durchzuziehen … Ich meine, direkt davor zu stehen, es wirklich zu tun… Das ist etwas anderes… ich habe ja schon fast den Geruch in der Nase gehabt, den von verbrannten und verkohlten…“

„Hör auf“, sagte Udo würgend, „hör auf… hör bloß auf! Ich kann das nicht hören… ich sehe das dann alles vor mir… Mensch Wolfgang, lass uns abhauen!“ Udo beugte sich vor und übergab sich.

„Ja, denn da gibt es noch einen Grund…“, sagte Wolfgang als Udo schwer atmend wieder senkrecht stand und sich mit der Hand über den Mund wischte.

„Welchen?“ wollte Udo wissen als Wolfgang ihm ein Taschentuch reichte, damit er sich abwischen konnte.

„Erinnerst Du dich an den kleinen Jungen, damals, den du mit fünfunddreißig Euro bestechen wolltest?“

„Was ist mit dem?“

„Der hat sich unsere Nummer aufgeschrieben, da bin ich mir ganz sicher, auf seinen kleinen Block mit den Zeichnungen von den Blumen… Den Block hat er bestimmt nicht weggeworfen, oder seine Mutter hat den aufbewahrt, die waren doch viel zu schön, die Zeichnungen, meine ich, um sie wegzuwerfen… Damit könnten sie uns kriegen!“

„Pack ein“, sagte Udo, „das macht so keinen Sinn, finde ich, da müssen wir uns für den Mistkerl etwas anderes überlegen!“.

6. November. Donaukreuzfahrt

Derweil Frau Z. noch zur Massage im Wellness-Center des Schiffes weilte und er bei einem Glas Rotwein an der Bar auf sie wartete kam eine SMS für Herrn F.: „Projekt abgebrochen. Stopp. Bedenken. Stopp. Alles Gute. Stopp. Grüße an Frau Z. Stopp.“.

Beim Lesen der SMS musste er lächeln, dass Udo stilistisch ein Telegramm imitiert hatte. Später überraschte er Frau Z. mit einer mitternächtlichen Flasche Champagner unter Sternen auf dem Balkon ihrer Kabine mitten im Donaudelta.

„Was is‘ n‘ los?“, fragte sie bass erstaunt ob so viel unerwarteter Romantik ihres Jürgen. Der lächelte sie nur an und meinte sie in den Arm nehmend leise „mir war danach - einfach nur so, einfach nur so …“. Dann standen sie noch ein wenig ganz nah beieinander bis Frau Z. fragte, was denn nun eigentlich mit dem Champagner wäre? „Hast‘ den bloß zum o’schau’g’n g‘richt?“

„Nein“, sagte der, innerlich immer noch Gott froh über die Nachricht, „der Champagner, na klar… Entschuldige… Nicht nur anschauen – trinken! Natürlich“.

Das laute „plopp“ als er die Flasche entkorkte und den Korken ins Dunkle fliegen ließ und das Auftreffen des Korkens auf der Wasseroberfläche, ließ einige geflügelte Nachtjäger im Schilfrand des Deltas kurz misstrauisch zum Schiff äugen, doch kurz darauf widmeten sie sich wieder ihrem Geschäft des Fische- und Fröschefangens.

6. November. Gottseidank

Als Udo nach Hause kam, empfing ihn eine deprimiert wirkende Sarah. Sie war ungeschminkt, ihre Augen waren verweint. „Erledigt?“, war das einzige, was sie ziemlich leise sagte (sie glaubte immer noch, dass die Kommissarin ihr Handy manchmal absichtlich bei ihnen liegen ließ, und frau wusste ja nie, wann und wo und ob nicht eine Aufnahmefunktion lief? Deshalb wurde das folgende Gespräch auch mehr geflüstert als gesprochen), als sie die Wohnungstür hinter ihm geschlossen hatte.

Udo schüttelte den Kopf: „Nee, wir haben abgebrochen…“, sagte er, „wir haben das einfach nicht gepackt, weißt du – da waren zu viele Menschen im Haus. Also, ich habe gesagt, dass wir lieber abbrechen…“

Sarah nahm Udo in den Arm und hielt ihn lange fest. Schließlich sagte sie: „Gottseidank, Udo. Ich hatte solche Angst um dich! Erzähl…“

Und dann erzählte er, wie sie da auf dem Parkplatz gestanden hatten und die Drohne schon angelassen aber noch nicht gestartet hatten, und wie er dann plötzlich gesagt hatte „Pack ein, das macht so keinen Sinn, da müssen wir uns für den Mistkerl etwas anderes überlegen!“. So oder ähnlich. Und Wolfgang habe ganz schnell zugestimmt. Auf der Heimfahrt hätten sie kein Wort gesprochen – auch noch nicht, als er Wolfgang an der Ecke abgesetzt hatte.

„Komm jetzt“, flüsterte Sarah ihm ins Ohr, „vergiss das Ganze jetzt erst einmal. Ich bin so froh, dass ihr das nicht gemacht habt. Du weißt, dass ich weiß, wovon ich rede, Udo, das vergisst man nie mehr, jemanden umgebracht zu haben, Udo, nie mehr - und ich habe schließlich genug Grund gehabt…[6]“. Laut sagte sie: „Ein Bier, Udo?“

Ihre Stimmung war deutlich besser als noch vor wenigen Minuten. „Oder?“, fragte sie lächelnd. In dem Moment fand Udo, dass sie sich plötzlich viel weicher anfühlte. Und auch er fühlte da etwas…

Beides“, sagte Udo, „aber erst das Bier.“

„Gute Idee“, stimmte Sarah zu, die sich jetzt viel, viel besser fühlte.

Als sie schließlich nach dem gemeinsamen Duschen „danach“ und der folgenden Flasche Rotwein „zum besseren Einschlafen“ eng umschlungen einschliefen, war es so schön gewesen, wie schon lange nicht mehr.

Wolfgang hatte niemanden im Bett, an der er sich festhalten konnte oder die ihn festhielt, doch auch er schlief tief und traumlos, wie lange nicht mehr.

7. November. Chiara

Als Chiara von Udo am nächsten Morgen gehört hatte, dass „das Projekt“ abgeblasen worden sei, entschloss sie sich spontan, der Ehefrau des Conte, der Ex-Schauspielerin, die Emails zu schicken, die sie vor ein paar Wochen vom Rechner des Conte herunterkopiert und gespeichert hatte.

Sie benutzte dazu einen anonymen GMX-Account, den sie sich in wenigen Minuten einrichtete. Diesen Account würde sie nur genau einmal benutzen und dann nie wieder. Außerdem verwendete sie – wie immer, wenn sie unerkannt bleiben wollte - das Anonymisierungs-Tool „Tor“.

Unter Betreff trug sie ein: „Briefwechsel ihres Gatten mit Frau Holly-Marie Sperling“

Im Textfeld schrieb sie nicht viel, nur: „Das ist der Original-Emailverkehr ihres Ehemannes mit seiner Geliebten – ich finde, er ist sehr lesenswert! Gerade für sie!

Eine gutmeinende Freundin“

Als Anhang kopierte sie die damals kopierten Emails von und an den Conte Camilleri.

Dann schickte sie die E-Mail ab.

12. November. Nachdenklich

Udo saß allein – wenn man von dem Flens in seiner Pranke absah – am Kiosk unter Ernstls Wärmepilz und dachte nach. Er war froh, dass er alleine war – auch Ernstl hatte nach einigen Versuchen aufgegeben, ihn in ein Gespräch verwickeln zu wollen.

Nun war Udo kein großer Denker – er wusste das auch, er packte mit seinen Pranken lieber an. Er war in Hamburg Werftarbeiter gewesen, also eher einer, der eher gelernt hatte, mit dem ganz großen Hammer zuzuschlagen. Das Denken fiel ihm eher schwerer – trotzdem, im Moment dachte er angestrengt nach.

Und zwar über den ausgefallen Anschlag auf den Conte und darüber, ob er Wolfgang erzählen sollte, dass er in einer Garage in der Georgenstraße, wo ihr alter Borgward stand, den er für Hannas alte Tante Greten renoviert hatte, immer noch mindestens eine Pistole und ein Gewehr versteckt hatte[7]. Mit diesen Waffen könnten sie den Conte leicht wegputzen - wahrscheinlich, ohne dass andere zu Schaden kommen würden. „Aber“, dachte er, „dann würden die Bullen Sarah und mir ja vielleicht doch noch bei den alten Geschichten von Sarah, Wolf-Dieter und Hanna, über die sie ja aus gutem Grund nicht mehr sprachen, auf die Schliche kommen.“. Er wusste nicht viel von CIS oder so – aber Sarah sagte ja immer, dass sie das Gefühl hätte, dass ihnen die Kommissarin doch immer noch irgendwie im Nacken sitzen würde. Und die beiden waren schließlich viel klüger als er - Sarah und die Kommissarin.

Um ihn selber ging es ihm ja gar nicht so sehr – aber seiner geliebten Sarah durfte nichts passieren!

Er bestellte noch ein Bier, nicht so sehr, weil er Durst hatte, nein, eher um einen Grund zu haben, in Ruhe hier stehen zu bleiben und nachdenken zu können. Er glaubte schon zu hören, was die kluge Sarah sagen würde: „NEIN, UDO, LASS DIE FINGER DAVON!“

„Prost“, sagte er zu Ernstl, als der ihm die Flasche gebracht hatte und nahm einen tiefen Schluck „ausse Buddel“ (der erste war immer der beste).

Er dachte ohne Reue daran, wie sie die Möchtegern-Rocker in der Messestadt Riem erschossen hatten, die Ernstls Kiosk immer wieder zerstört und schließlich Edgar am Kiosk mit einer Zaunlatte erschlagen hatten. Ernstl wusste nichts davon, der war ja damals von Hanna nach Rügen „ins Exil“ geschickt worden. Deshalb konnte er auch nicht verstehen, was Udo meinte, als der plötzlich seufzte: „Tja, Ernstl, so war das damals… so ein Scheiß!“

Als Ernstl ihn mit seiner nächsten Buddel Flens wieder allein gelassen hatte flüsterte er: „Sarah, denn lass ich das mit den Ballermännern mal lieber… Is´wohl besser so, oder?“

Obwohl, dachte er dann, er könnte ja einmal mit ihr darüber reden, vielleicht…, wenn die Stimmung einmal so war. Andererseits ahnte er, dass sie nie zulassen würde, dass er jemanden umbringen würde. Jetzt nicht mehr.

15. November. mz berichtet

mz exklusiv

Mord in Grünwald - Camilleri vergiftet!

(Manni Müller) Gestern abend wurde der bekannte Münchner Baulöwe und Makler Conte Camilleri (die mz berichtete im Sommer des Jahres mehrfach über sein bekanntestes Großprojekt „Neuer Hübnerplatz“ in Neuhausen) von seiner Haushälterin tot in seiner Villa in Grünwald aufgefunden. Die Polizei geht von einer Vergiftung aus. Die Haushälterin wurde noch am Abend in Untersuchungshaft genommen.

Die Contessa (s. Agenturfoto) sagte der mz gegenüber nur: „Ich begreife einfach nicht, warum sie das bemacht hat? Er war doch immer so gut zu ihr…“.

Die Polizei hat für den heutigen Mittag eine Pressekonferenz anberaumt.

Der Oberbürgermeister ließ von seinem Büro ausrichten, er habe persönlich einen guten Freund verloren und die Partei einen langjährigen verlässlichen politischen Partner.

22. November. mz berichtet

mz exklusiv

Sensationelle Wendung im Camilleri-Mord

(Manni Müller) Im Falle des vor jetzt sieben Tagen tot in seiner Villa aufgefundenen Conte Camilleri gibt es eine sensationelle Wendung: Die Polizei entließ die bisher des Mordes beschuldigte Haushälterin aus der Untersuchungshaft und verhaftete statt dessen die Contessa Camilleri.

Ihr wird seit gestern Mittag vorgeworfen, ihren Ehemann heimtückisch vergiftet zu haben.

Der Sprecher der Polizei gab auf der Pressekonferenz gestern Abend bekannt, dass die Contessa die Tat nach der Verhaftung sofort mit den Worten zugegeben haben soll: „Das geile Schwein… Da hat er sich so eine junge Tussi geholt und mit ihr alles das gemacht, was er mir immer verweigert hat – und dafür habe ich mich xmal operieren lassen! Er hat das Verhältnis auch gleich zugegeben. Da bin ich dann in die Schwammerl gegangen…! Er hat es nicht anders verdient… Ich bereue nichts!“.

Die Verteidigung in dem anstehenden Sensationsprozess übernahm der mit der Schauspielerin seit vielen Jahren befreundete Staranwalt Dr. Mossi (großes Foto. Archivbild: Dr. Mossi mit der mutmaßlichen Mörderin auf der Wiesn 2013). Auf Nachfrage der Redaktion ließ er über sein Büro verlauten: „Ja, diesen einen Prozess führe ich noch, das bin ich meiner guten Freundin schuldig.“

1. Dezember. Briefe

Vor einigen Tagen hatte sie die Grundbuchauszüge für alle Häuser erhalten, die sie dem Conte „abgekauft“ hatte.

Um die Formularien abzuschließen, formulierte Chiara einige Briefe, darunter den folgenden an das Finanzamt München:

Sehr geehrte Damen und Herren,

ich habe nach vielen Jahren im Ausland meinen Wohnsitz nun wieder in München, es handelt sich um meinen Altersruhesitz, hier werde ich bleiben.

Dem vorsorglich anliegendem Grundbuchauszug wollen sie bitte entnehmen, dass ich der neue Eigentümer des oben genannten Anwesens bin. Mit meinem Rechtsvorgänger haben ich vereinbart, dass ich mit Wirkung ab 1. Dezember diesen Jahres alle Nutzen und Lasten für das Haus übernehmen muss.

Mir werden also ab dem genannten Datum die Mieten zugehen, das ist mein einziges Einkommen, denn ich habe keine Rente.

Bitte teilen sie mir eine Steuernummer zu, damit ich zum Jahresende die Steuererklärung machen kann. Gibt es für mich sonst etwas zu bedenken?

Ich möchte übrigens alle Steuern und Abgaben jährlich immer im Voraus bezahlen und erteile ihnen hiermit unwiderruflich schon einmal die Einzugsermächtigung für mein Konto …

Bitte bestätigen sie mir den Eingang dieses Briefes.

Hochachtungsvoll

Weitere Briefe mit entsprechenden Inhalten schickte sie an die Stadtwerke, damit Gas/Wasser/Licht vom richtigen Kaspar Hausle-Konto abgebucht würden, und an das Stadtsteueramt, damit die da wussten, wo Grundsteuern und Abgaben zu holen waren – nämlich auch bei Kaspar H. . Einen weiteren an die Allianz, in dem sie ein Angebot für das angebotene „Wohnungsgebäudeversicherungs-Sorglospaket“ erbat. Sie würde zwar nie auf die Idee kommen, dem Finanzamt eine Abbuchungserlaubnis für ihre normalen Steuern zu erteilen (dafür traute sie „denen“ zu wenig oder gerade zuviel zu), in diesem Falle wollte sie sicher gehen, dass es keine irgendwie gearteten Probleme mit nicht gezahlten Rechnungen oder Steuern oder gar Nachfragen geben würde. Und Kaspar Hausles Konto war schließlich gut gefüllt. Probleme waren nicht zu erwarten.

Die Kopien der Grundbuchauszüge fügte sie jeweils bei. Damit war das „Geschäft“ erfolgreich abgeschlossen.

18. Dezember. Briefkasten im Haus

Im Baumarkt hatte sie einen Hausbriefkasten erworben, den Udo für sie sicherlich im Eckhaus anbringen würde - aber erst später. Als Name würde darauf „Kaspar Hausle“ und „Hausverwaltung“ stehen.

23. Dezember. Hauspost

Die Post kam normalerweise so gegen elf Uhr in die Häuser rund um den „Hübnerplatz“. Auch am Tag vor Weihnachten war er nur wenig verspätet.

Da sein Laden am Tag vor Heiligabend leer war, hatte der Goldschmied seine Post sofort durchgesehen und den Brief mit dem Absender K. Hausle geöffnet. Nachdem er ihn überflogen hatte, war er sofort zu seiner Nachbarin Concetta in den Kabinentrakt des Salons gestürmt und sie, die noch eine Kundin – nämlich die Anwältin, hatte, sehr aufgeregt gefragt: „Concetta, haben sie schon die Post geöffnet?“

Dann erst hatte er sich für den Überfall bei der pikiert schauenden Anwältin wortreich für sein Eindringen in den hinteren Bereich des Salons entschuldigt.

Nein, hatte sie nicht, wer öffnet schon gleich die Briefcouverts, wenn er normalerweise nur Werbung und Rechnungen erhielt und außerdem war da ja die Kundin...

Der Goldschmied wedelte mit seinem Brief: „Das müssen sie lesen, das ist unglaublich…!“, rief er, „es geht um unsere Geschäftsräume“, und entschuldigte sich noch einmal bei der Anwältin, deren rot lackierte Fußnägel noch trockneten, für den Überfall.

„Wieso?“, fragte Concetta, „haben die doch einen Weg gefunden, uns rauszuschmeißen? Würde ja zu Weihnachten passen, oder?“

„Nein, nein, ganz im Gegenteil… Nun lesen sie doch endlich!“, rief der Goldschmied immer noch ganz aufgeregt.

Concetta suchte ihre vom Postboten irgendwo hinter der Ladentür abgelegte Tagespost und sagte: „Alles nur Werbung - oder welchen Umschlag meinen sie?“

„Den mit der handgeschriebenen Anschrift. Hier, sie können auch meinen lesen…“

Concetta winkte ab, wenn da schon ein so wichtiger Brief für sie war, wie der Goldschmied ihr Glauben machte, dann wollte sie auch ihren lesen. Sie fand den einzigen Brief, der eine mit der Hand geschriebene Anschrift aufwies.

„Nanu“, dachte sie einen sehr kurzen Moment lang, „die Schrift kommt mir doch irgendwie bekannt vor…“ Aber der Absender K. Hausle sagte ihr nichts, den kannte sie nicht.

„Aufmachen!“, sagte der Goldschmied, „nun machen sie doch schon.“ Selbst die Anwältin mit den noch nicht trockenen roten Fußnägeln wurde langsam nervös: „Was ist denn so wichtig, junger Mann?“, fragte sie, „dass sie hier so reinplatzen. Sie, wenn das nicht wirklich wichtig ist, dann finde ich das wirklich unverschämt, hier so hereinzuplatzen.“

Concetta riss den Umschlag auf und las… und nach einem Moment schaute sie den Goldschmied an, um zu sagen: „Das ist ja unglaublich, ob das wirklich ernst gemeint ist? Oder verarschen die aus dem Vertriebspoint uns nur?“

„Was ist denn nun los?“, fragte die Anwältin.

„Wie anders soll man das verstehen?“, gab der Goldschmied zu bedenken, „das hört sich doch gut an, finde ich.“

Wortlos reichte Concetta den Brief an die Anwältin. Die las den Text sorgfältig und warf auch einen Blick auf die Anlagen, dann lächelte sie und sagte: „Das hört sich doch gut an…Ich glaube nicht, dass das ein dummer Scherz ist. Aber man weiß ja nie – haben denn andere auch so einen Brief bekommen? Sie, Concetta, ich glaube, die sind jetzt trocken.“. damit deutete sie auf ihre Zehen. „Kommen sie“, schlug sie vor, „wir fragen mal den Herrn F. und Frau Z., ob die auch so einen Brief bekommen haben?“

Sie schlupfte in die Sandalen, die die frisch lackierten Zehen auch im Dezember frei ließen, erhob sich aus dem Behandlungsstuhl und fragte: „Gehen wir? Zahlen tue ich nachher!“

Frau Z. und Herr F. waren gerade dabei, die warmen Essen zu portionieren und abzupacken, als die drei den Laden betraten.

„Dauert no‘ a‘ Momenterl“, sagte Frau Z. zu den dreien, obwohl nur die Anwältin ein Mittagessen bestellt hatte, „glei‘ samma‘ mir fertig.“

„Haben sie den Brief schon gelesen?“, fragte Concetta jetzt mindestens so aufgeregt, wie es eben noch der Goldschmied in ihrem Laden gewesen war, ohne auf Frau Z.´s Bemerkung einzugehen.

„Welchen Brief?“, fragte Herr F. und schaute skeptisch auf den kleinen Stapel der Briefumschläge, der noch unangerührt so auf der Verkaufstheke lag, wie der Postbote ihn hingelegt hatte, „das wird nur Werbung sein. Haben sie angeblich etwas gewonnen? Glauben sie´s lieber nicht, die legen sie nur rein…“

„Nein“, sagte der Goldschmied, „da ist einer von dem neuen Hausbesitzer, den Brief meinen wir.“

„Welcher neuer Hausbesitzer, der Conte ist doch gerade erst tot, gibt es da schon einen Erben? Hat der sich gemeldet?“

„Keine Ahnung“, sagte der Goldschmied, „nein, da hat ein Herr Kaspar Hausle geschrieben. Und wenn das stimmt, was da steht, dann haben wir alle gewonnen… und zwar richtig!“

In dem Moment betrat Wolfgang den Laden, Udo im Schlepptau.

„Was grinsen sie denn so?“, fragte Udo die breit lächelnde Concetta.

„Da ist ein Brief gekommen, den müssen sie auch bekommen haben, Wolfgang“, sagte Concetta, „haben sie ihn noch nicht gelesen?“

„So kurz vor Weihnachten mache ich keine Post mehr auf“, sagte Wolfgang, „das sind eh nur Bettelbriefe von Fuß-, Hand und ich-weiß-nicht-was-Malern oder vom xten Kinderhilfswerk für Äthiopien. Ich habe im Leben genug gespendet, jetzt sind mal andere dran…“

„Nein“, sagte der Goldschmied, „den hier sollten sie lesen!“ und wedelte mit dem Briefbogen.

„Sie haben ihn doch in der Hand, dann lesen sie doch vor, wenn´s so wichtig ist…“

„Gut“, sagte Concetta, „dann lese ich. Also der Text lautet:

Sehr verehrte Mieterin,
sehr geehrter Mieter,

diesen Brief schreibe ich ihnen als der neue Besitzer der Häuser Hübnerstraße/Fasaneriestraße und Hübnerstraße/Dom-Pedro-Straße, die bislang von der INTERBAVARIA REAL ESTATE zum Umbau vorgesehen waren. Ich habe die Häuser zum ersten Dezember von der INTERBAVARIA REAL ESTATE erworben.

Als erstes möchte ich ihnen versichern, dass ab sofort sie KEINE Angst mehr haben müssen.

Die bereits begonnen Umbauarbeiten werden mit geringstmöglichem Aufwand und geringstmöglicher Belastung der verbliebenen Mieter zu Ende geführt, damit die Häuser von ihren Mietern wieder normal bewohnt werden können.

Das Abstellen von Wasser, Strom oder Heizung wird es ab sofort nicht mehr geben - oder falls es bautechnisch notwendig sein sollte, nur nach vorheriger Ankündigung. Zwischen Weihnachten und dem sechstem Januar wird auf der Baustelle selbstverständlich nicht gearbeitet.

Das vom Vorbesitzer so genannte „Palais“ wird auf absehbare Zeit nicht umgebaut.

Alle Mieter sind herzlich eingeladen, zu bleiben – niemand muss gehen.

Die drei Läden werden – wenn die Mieter es wollen – in Absprache und auf Kosten des Vermieters in Maßen modernisiert.

Alle Mieter sind eingeladen, Vorschläge für sinnvolle Modernisierungsmaßnahmen einzureichen. Ein für ihre Vorschläge vorgesehener Briefkasten wird in den nächsten Tagen im Eckhaus eingerichtet werden.

Die derzeitigen Mieten werden auf die nächsten Jahre hin nicht erhöht werden, Nebenkosten werden anteilig eins zu eins durchgereicht.

Neue Mieter der leer stehenden Wohnungen werden danach ausgesucht werden, dass sie zur bestehenden Hausgemeinschaft passen. Als erste neue Mieter werden zwei dem Vermieter persönlich bekannte junge Frauen aus der Nachbarschaft in die renovierten Dachgeschosswohnungen einziehen, von denen er sich sicher ist, dass sie perfekt in die Gemeinschaft passen werden.

Mit freundlichen Grüßen

Kaspar Hausle

Das war es“, beendete Concetta ihr Vorlesen, „ansonsten wünscht der unterzeichnende Kaspar Hausle noch friedvolle Weihnachten…“.

„Wichtig sind die Anlagen“, sagte die Anwältin.

„Welche Anlagen?“ fragte Concetta.

„Der Grundbuchauszug und die neue Kontoverbindung…“

„Ist das wichtig?“, fragte der Goldschmied.

„Ja, allerdings, denn damit ist nachgewiesen, dass der Herr Hausle wirklich der neue Eigentümer ist und wohin sie die Miete in Zukunft überweisen müssen, denn der wird auch sein Geld sehen wollen, nehme ich an, denn wofür sonst sollte der die Häuser gekauft haben, wenn nicht, um die Mieten einzunehmen?“ schloss die Anwältin.

„Ja mei, sie, wenn wir nicht hätten“, sagte Frau Z. zur Anwältin, „wo kämen wir denn da hin?“

Während Concetta laut gelesen hatte, waren weitere Mittagessenabholer im Laden eingetroffen, darunter auch der Autor, der fassungslos zugehört hatte.

„Ich habe nur das Ende gehört“, sagte er und bat Concetta, „darf ich das einmal lesen?“. Concetta reichte ihm den Brief, den er aufmerksam las und ihr dann zurück gab: „Da kann man ja nur gratulieren! Kennt jemand den Herrn Hausle? Hat den schon einmal jemand gesehen?“, fragte er in die Runde.

„Nein“, sagte Wolfgang, „aber den Conte, dieses riesengroße Arschloch, Gott habe ihn selig oder von mir aus auch der Teufel, da gehört er eher hin, hat ja auch keiner gekannt, bis er hier auftauchte – und da hat ihm der ganze Kram schon gehört.“

„Lass mal sehen“, bat Wolfgang Concetta, um den Brief mit eigenen Augen zu lesen, um dann zu sagen: „Wenn das keine Fälschung oder irgendein blöder Joke ist, dann ist das… mir fehlen die Worte…“

„Absolut super“, fiel Udo ihm ins Wort, „aber wenn der Camilleri doch tot ist, wer soll sich denn da noch einen dummen Scherz erlauben, seine Alte sitzt doch im Knast, oder? Und die werden sie kaum schreiben lassen.“

„Wenn man der mz glauben darf, schon“, sagte Herr F. nachdenklich und meinte damit, dass sich die Contessa in Untersuchungshaft befand.

Inzwischen waren weitere sechs oder sieben Kunden, die ihr Essen abholen wollten, in den Laden gekommen. Die meisten hatten den Brief nur in Bruchstücken oder noch gar nicht gelesen. Jetzt wanderte der Brief von Hand zu Hand. Zweimal musste er noch vorgelesen werden, weil die meisten ihre Lesebrillen nicht dabei hatten, denn um Pflanzl mit Kohlrabi zu holen brauchte es ja keine Brille!

„Ja“, sagte Herr F. und ging zum Kühlschrank, „wisst ihr was, das ist einer der seltenen Tage, finde ich, an dem man mittags schon ein Glas Champagner trinken kann und Weihnachten ist ja auch bald. Für so einen Tag habe ich seit Jahren immer eine Flasche Schampus in der Kühlung stehen…“ er schaute sich um, „oder zwei, so viele wie wir sind. Die köpfen wir jetzt!“

„Ich dachte schon, sie würden so etwas nie sagen“, warf Udo lässig in den aufbrausenden Applaus ein und gab dann zu bedenken: “wenn der man nicht schlecht geworden ist in der Zeit.“

„Keine Sorge“, meinte Herr F., „ich habe die Flaschen regelmäßig ausgetauscht, natürlich unter jeweiliger persönlicher Probennahme… und außerdem möchte ich betonen, dass wir vom Verkauf von solchen Flaschen leben und nicht vom Ausgeben!“. Aber da hörte ihm schon keiner mehr zu, denn alle drängten zu Frau Z., die schon die ersten Gläser aus dem Schrank holte und ergänzte, dass bei ihrem Jürgen noch nie eine Flasche Champager schlecht geworden sei… Noch nie! Dafür könnt‘ sie die Hand ins Feuer legen, ehrlich.

„Hallo“, sagte von der Tür her Chiara in das kleine Chaos und fragte, „ist meine Schwester hier? Im Salon ist sie nicht. Dafür steht die Tür weit offen und die Kasse ist auf.“ Sie schaute sich um und fragte: „Was ist hier denn los? Großes vorweihnachtliches Altentreffen, oh, äh, Entschuldigung, ich meine natürlich Treffen ohne „Alte“. Und warum gibt es Champagner?“

„Schwesterherz“ sagte Concetta von den Kühlschränken her und winkte ihrer Zwillingsschwester, „hier bin ich. Chiara, komm her, lass dich umarmen, du glaubst nicht, was hier heute passiert ist…“.

„Nichts weiter, nur ein Wunder“, murmelte Wolfgang, „nur ein klitzekleines Wunder!“

„Und was für eines“, ergänzte der Autor, „ich finde eher ein großes Wunder, da könnte man schon ins Grübeln kommen, wenn man ein paar Einzelheiten kennte…“

„Wieso jetzt des?“, fragte Frau Z., „welche denn? Ham ma‘ da was verpasst?“ Das wäre etwas, was Frau Z. sich nie verzeihen würde.

„Ach, nichts“, winkte der Autor ab und schaute Chiara für einen Moment nachdenklich an bevor er sich wieder an Frau Z. wandte, „nichts Besonderes, sie wissen ja, dass ich manchmal so krude Ideen habe…“

„Dafür sind wir doch alle gute Katholiken, oder“ meinte Chiara lächelnd, befreite sich aus Concettas Umarmung und nahm ein Glas aus der notwendig gewordenen dritten Flasche in Empfang, „um an Wunder zu glauben, meine ich. Wieso“, fragte sie dann, „welches vorweihnachtliches Wunder ist denn passiert?“

Dabei sah sie den Autor lächelnd an, zwinkerte schnell mit einem Auge und zog dann für einen Moment die Schultern hoch und die Mundwinkel herab, um anzudeuten, sie wisse von nichts. Die ganze Chiara drückte in Körpersprache aus, dass sie von gar nichts wisse, ja, sie wisse so sehr absolut nichts, dass sie sogar die berühmte „Frau Hase“ sein könne, so ahnungslos sei sie.

„Auf das Wunder“, sagte sie lächelnd in die Runde bevor sie einen Schluck nahm und die anderen murmelten im Chor: „Auf das Wunder!“, während sie ihr Glas mit einem leichten Kopfnicken noch einmal leicht in Richtung des Autoren hob, der mit der gleichen Geste antwortete und so leise „gut gemacht“, flüsterte, dass ihm Chiara das von den Lippen ablesen musste.

Und Frau Z. sagte laut in die Runde: „Sie gell sie, Herr Autor, also Herr Cabra, das geht fei‘ so net, dass wir nicht wissen, was sie da eben gemeint haben. Wir sind ja überhaupt’s nicht neugierig, aber wissen woll‘n wir s‘ schon…“

„Ja“, sagte der Autor, „wenn das so ist, wenn sie alles wissen wollen, dann kaufen sie doch mein neues Buch „Aus dem Ruder gelaufen…“! Kommt in den nächsten Tagen raus.“


Später, irgendwann im Frühjahr…

… saßen Sarah, Udo und die Kommissarin eines abends einmal wieder gemütlich um Sarahs Küchentisch herum und redeten über Gott und die Welt - nur nicht über die „alten Geschichten“, da war Sarah schon davor - und tranken die zweite Flasche Rotwein. Herr F. hatte ihnen einen neuen empfohlen, wieder einmal zu Recht, wie sie fanden.

Die Kommissarin schaute nach einem längeren Schweigen versonnen in ihr Glas und schien sich intensiv für die Brechungen und Spiegelungen der Lampe in Glas und Wein zu interessieren, als sie plötzlich aufsah und leise sagte: „Den Laden werde ich schon vermissen, glaube ich …“, und dann fügte sie nach einer Weile noch hinzu: „und die beiden auch, Herrn F. und Frau Z.“

„Wieso“, fragte Sarah, „das verstehe ich nicht, ist etwas mit dem Laden?“. Udo schaute die Kommissarin verblüfft an.

„Nein“, antwortete die Kommissarin, „aber ich werde nach Bremen gehen.“

„Wieso das?“, fragte Udo, „gefällt es dir hier bei uns nicht mehr?“

„Doch! Natürlich gefällt es mir hier, Udo. Ich habe mich versetzen lassen, weil ich mir einmal andere Luft um die Nase wehen lassen will… Ist, glaube ich, irgendwie auch besser so… und damit werde ich auch ein paar alte Akten schließen.“ Nachdenklich fügte sie hinzu: „Ich glaube nicht, dass sich für die dann noch jemand interessieren wird. Dann ist Ruhe an der Front, versteht ihr?“. Dabei betonte sie das „der“ besonders.

„Nö“, sagte Udo kopfschüttelnd.

„Ja“, sagte Sarah und nickte mit dem Kopf, „ich glaube schon. Wann wirst du gehen?“

„Bald. Schon in den nächsten Tagen, meine Sachen hole ich später. Geht das, Frau Vermieterin?“

„Natürlich, wann immer du willst“, antwortete die.

Die Kommissarin erhob ihr Glas, lächelte sie an und sagte: „Auf euch beide! Ich habe mich so wohl gefühlt bei euch.“

„Auf dich“, sagte Sarah, „dann wird es hier sehr ruhig werden. Und vergiss dein Handy nicht, das wirst du da oben brauchen.“


Danksagung

Ich bedanke mich herzlich bei Monika für die Geduld, die sie beim Schreiben mit mir hatte und für viele Verbesserungsvorschläge sowie bei Elke für ihre Sorgfalt beim Lektorat.

Natürlich bedanke ich mich besonders herzlich auch bei Frau Z., Herrn F. und bei Frau R. (alle drei aus dem Laden), Frl. Concetta aus dem Salon und ihre Zwillingsschwester, die ich alle als lebende Vorbilder für meine Figuren verwenden durfte. Ich hoffe, ich habe sie auch nur halbwegs so nett schildern können, wie sie im wirklichen Leben sind.

Natürlich habe ich mir beim Schreiben sehr viele Freiheiten genommen – so hat Herr F. meines Wissens nie eine Drohne gebaut oder ein GPS-Steuerungs­system für eine programmiert oder Strom gestohlen. Frl. Concetta ist in Wirklichkeit hoffentlich nie verprügelt worden und ihre Schwester hat im Leben nicht gehackt und sich auch nicht mit Riccardo eingelassen.

Den Metallhandel in der Fasaneriestraße gibt es wirklich – nur habe ich ihn noch „wilder“ geschildert, als er in der Realität schon ist. Udos Werkstatt auf dem Gelände ist dagegen reine Fantasie. Hier werden tatsächlich wertvolle Metalle als Stangen und Profile gelagert und gehandelt. Das Gelände ist ein Paradies für die Katzen der Umgebung. Genauso stimmt es , dass sich über die Jahre viele Interessenten mit mehr oder weniger sauberen Mitteln vergeblich um das Grundstück bemüht haben.

Einen Hübnerplatz gibt es in München nicht, nur eine Hübner­straße.

Klaus Bock
in der Hübnerstraße in München im Dezember 2013

 


[1] Siehe „Morituri. Wie die Fliegen“ von Klaus Bock

[2] Soll heißen: „Verschwinde hier, alte Nutte“

[3] Haas´und Swinigel = Hase und Igel. Ich bin schon da!

[4] High Mobility Multipurpose Wheeled Vehicle

[5] Android: Modernes Betriebssystem für Handies von Google

[6] Siehe „MORITURI. Wie die Fliegen“

[7] s. „MORITURI. Wie die Fliegen…“

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Ob die Website Cookies verwendet oder irgendwelche Daten von Ihnen speichert? Ob irgendwelche Google-Tools im Hintergrund laufen? Ehrlich, liebe User, ich weiss es nicht - und wenn, dann komme ich an diese - Ihre - Daten nicht heran. Ihre Daten interessieren mich auch nicht. Und andere kommen auch nicht an Ihre Daten, hoffe ich. Ich weiß allerdings nicht, ob irgendwelche UK-/US-Geheimdienste mitlesen!!! Also seien Sie lieber vorsichtig...