KB01 250Für neue Leser: Diese Website zeigt unsere - Slartibartfass und meine - sehr persönliche Sicht vom Leben, vom Universum und dem ganzen Rest. Sie will weder politisch "korrekt" sein, noch kümmert sie sich in den meisten Fällen um die Meinung der Duden-Redaktion zu Schreibweisen. Was sie aber keinesfalls will, ist a.) Fake-News oder b.) Verschwörungstheorien  verbreiten. Dieses ist eine Website zum Stöbern, Sie finden viel, echt, lesen Sie sich fest! Mehr als 250 Texte (manche fast 10.000mal aufgerufen). In den Bereichen "Meine Kommentare" und "Quergedacht" finden Sie kaberettistisch angehaucht Texte. "Stories" sind auch eher leicht verrückt zu lesen und "Meine Krimis" - das ist selbsterklärend. Teilweise finden Sie hier ganze Bücher. Die Foto-Bereiche sind eher schön. 


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Früher war alles einfacher, da hieß das hier Querdenken, Querdenkereien oder Quer-ich-weiß-nicht-was. Dann kamen diese unegalen Möchtegern-Querdenker, die verrückten Ärzte, Köche, Nazis, Impfgegner und Gates-Feinde, die allesamt Corona ablehnen, und das auch öffentlich abstands- und maskenlos protestieren. Mit denen möchte ich bitte auf keinen Fall in einen Topf geworfen werden. Deshalb kein Querdenken mehr, das könnte verwechselt werden, jetzt bin ich eben am ceterum censeo...
 Bananenbuch
"Wenn Bananen "Wenn Gondeln Trauer tragen" sehen.
Ein außergewöhnlicher Fotocomic, den man gelesen haben muss

Hier in voller Länge

Gawliczek stirbt

Empfehlung

Der eine oder andere wird aufstöhnen und denken: „Er nun wieder...“.


Für Sie überarbeitete 5. Version - mit ein paar neuen Ideen inkl. GLZM, zu 42 und einigen Tippfehlern weniger...

Ja nun – ich nun wieder. Aber solche wie die im Folgenden beschriebenen Sachen passieren mir einfach immer wieder, ich kann doch nix dafür! Und ich kann und will sie Ihnen nicht vorenthalten. Ich betone: Die folgende Geschichte ist mir tatsächlich passiert. Ich bin (fast) gestorben und dann haben sie mich wieder leben lassen! Andere würden sagen, ich sei „auferstanden“. Im Gegensatz zu dem Kollegen, dem angeblich etwas sehr Ähnliches passiert ist, und dessen Organisation das Copyright auf „Auferstehung“ etc. pp. beansprucht und sehr meinungsstark vertritt, starte ich hiermit keinen irgendwie gearteten Versuch, eine Weltreligion zu gründen, nicht mal eine ganz kleine lokale Religion. Gar nichts, nix, nada!

Ich weiß, dass es so passiert ist, und Sie werden es auch gleich wissen, wenn Sie den Text gelesen haben werden. Das muss reichen. Glauben muss hier keiner.


Im Folgenden geht es um Leben und Sterben. Ich denke, es besteht Konsenz darüber, dass das zusammen gehört, und dass das Leben der deutlich attraktivere Teil ist. Sterben ist für viele Menschen dagegen eine einseitige und endgültige Sache mit ausgesprochen negativem Image. Und geht meistens auch nicht gut aus! Gar nicht gut! Das Leben selbst ist also der interessantere Teil am Leben-Sterben-Komplex. Das Sterben gehört irgendwie dazu, das ist akzeptiert, aber die meisten verdrängen es in der Regel, wollen lieber nichts davon wissen.

Ein Fußballspiel ist auch während der 90+x Minuten, die es dauert, interessanter! In diesen 90+x Minuten kann alles passieren – sogar ein 8:2 gegen Barcelona. Oder es können in der 91. bis 93. Minute noch zwei Tore für Chelsea fallen. Alles ist möglich! Leben, da passiert eben etwas, Leben, da geht etwas ab. Unberechenbar für Lebewesen. Tod ist für die meisten Menschen dagegen statisch. Einmal tot, immer tot. Sogar mausetot. Da passiert nichts mehr. Nach dem Fußballspiel ist es ja auch ja auch langweilig, alles ist passiert, ist geschehen, ist abgehakt. 8:2 gegen Barcelona – ja, war einmal. Wann war das noch? Passiert nie wieder.

Trotzdem fand ich den Tod immer sehr interessant, habe darüber nachgedacht, was dann ist. Immer häufiger, je älter ich wurde. Also, was ist dann? Nichts mehr, klar, das weiß jeder - bis auf ein paar Profis aus dem Vatikan. Beweisen können die nix, sie bestehen auf Glauben! Das sagt doch schon alles, oder? Aber vielleicht passiert ja doch noch ´was? Eine ganz kleine Chance könnte bestehen, vielleicht? Irgend etwas? Nein, sagt die Mehrheit, da ist nichts mehr. Wie gesagt, weiß ja jeder. Religion ist etwas die o.g. Profis und für alte Omas, die in die Kirche rennen.

Ist doch so: Ist man erst einmal beim Sterben und schließlich beim Tod dabei, gibt es keinen Weg zurück – jedenfalls fast nie... Die Entropie steht einfach dagegen, sagen die Physiker – Entropie ist in dem Zusammenhang einfach Scheiße... Entropie??? Sie wissen, was ich meine..., ggf. müssen Sie das mal googlen. Aber Vorsicht, das kann diffizil werden, wenn man sich nicht damit auskennt.

Viel diffiziler als man denken sollte, denn ich habe da neulich eine Sache erlebt, die war schon ziemlich strange! Und die Entropie war im Rahmen des Erlebten irgendwie am Arsch!

Ich muss dazu etwas ausholen!


Also, mein Nachbar, wissen Sie, der Gawliczek, der ist ja alt, und er war auch schon lange richtig krank, mit allem, was dazu gehört. Besonders sympathisch war er nie. Aber jahrelang Nachbar. Und gegrüßt hat er: Alte Schule eben. Immerhin.

Seine Kinder, die kümmern sich seit Jahren nicht mehr sehr um ihn, denn – ich glaube, das ist der Grund – bei ihm gibt es nicht mehr viel zu erben, der hat fast alles allein (?) durchgebracht. Na gut, allein – aber mit ein paar flotten Damen gehobenen Alters, passend zu ihm, warum auch nicht, nicht wahr? Die fanden ihn dann vielleicht ja doch sympathisch. Klar, da war schon manchmal ziemlich hully gully bei ihm in der Wohnung, laute Musik und am nächsten Tag standen diverse Champagner-Flaschen (leer) vor seiner Wohnungstür – die Jungen glauben ja immer, bei uns Alten tut sich nix mehr, dem ist aber nicht so. Jedenfalls nicht immer. Oft, aber nicht immer.

Aber darum geht es ja gar nicht. Neulich abend hat das Telefon geklingelt, eine Klinik war dran, und es hieß, ich solle doch bitte mal kommen, wenn es mir passen würde, ein Herr Gawliczek wolle sich von mir verabschieden, und einen Brief habe er auch für mich, den wolle er nur mir geben, es sei also besser, es würde mir gleich passen... Ach ja, ich solle mich besser beeilen, also dalli dalli machen, ich verstünde schon ... Ich solle gleich zur Intensivstation kommen.

Ich also los: Dalli dalli, mit quietschenden Reifen.

Vor der Intensivstation musste ich dann doch noch warten. Einige Stühle standen verloren im Gang ´rum. Eine freundliche Krankenschwester kam zu mir, fragte nach meinem Behufe und meinte, es würde nur noch ein paar Minuten dauern, dann könnte ich zu dem alten Herrn Gawliczek, der ja schon auf mich warten würde.

Es muss dann doch ein wenig länger gedauert haben, es kann auch daran liegen, dass Krankenhausumgebungen auf mich einschläfernd wirken – jedenfalls muss ich kurz eingenickt sein.

Als ich wieder aufwachte, hatten zwei Herren Platz auf den Stühlen genommen. Einer war ganz in eierschalenfarbenen Klamotten gewandet, einer in anthrazit bis schwarz. Absolute Gegenteile. Der eine eher Beatles, der andere mehr so Rolling Stones. Der Eierschalenfarbene war elegant angezogen, trug sehr teure italienische Slipper und offenbar keine Socken. Er war von der Kleidung her mehr so der italienische Typ, sehr schick, sehr elegant. Ein Dandy. Er passte nicht so recht in diese klinische Umgebung.

Der Dunkle trug einen anthrazitfarbenen Anzug mit rotem Tuch in der Brusttasche, schwarzes Hemd, der oberste Knopf offen, rote Krawatte auf „halbmast“ und schwere schwarze Boots mit Absatz. Auf den Kopf trug er einen verknautschten Hut. Strange. Sein Gesicht zeigte einige tiefe Furchen. Es fehlte bloß eine noch Zigarette und eine Telecaster Gitarre, dann wäre er als Double von Keith Richards durchgegangen. Wie gesagt, Rollig Stones.

Als ich den Dunklen anschaute, nickte er mir erstaunlich offen und freundlich zu. „Hallo“, sagte er, „wollen Sie auch zum Herrn Gawliczek?“

„Ja“, sagte ich, „ich bin angerufen worden, er will mich sehen. Sind Sie Verwandte?“

„Nein“, sagte der Helle statt des Dunklen ebenfalls sehr freundlich, „nicht wirklich, also, wir wollen ihn nicht besuchen, wir wollen ihn nur abholen.“

„Abholen?“, fragte ich zurück und dachte in dem Moment, dass es verdammt seltsam sei, dass die beiden mit mir reden konnten, ohne den Mund dabei zu öffnen. Ich verstand sie aber perfekt. Komisch, dachte ich mir, mehr nicht. „Ich denke, es geht ihm schlecht, es ist sogar kritisch? Die haben mich doch extra angerufen, ich sollte mich sogar sehr beeilen... Wieso wollen Sie ihn dann abholen, dem muss es doch verdammt schlecht gehen?“

„Doch, ja“, sagte der Helle wieder mundöffnungslos, was mich doch stutzig machte, „stimmt schon, aber es wird auch nicht mehr lange dauern, dann wird er ...“

"Sagen Sie mal", fragte ich dazwischen, "was ist das für ein seltsamer Trick mit ihren Mündern, sie machen sie beim Reden nicht auf?"

"Ach das", winkte der Beatle ab, "wir reden ja gar nicht mit Ihnen, das ist Telepathie, das geht direkt von Gehirn zu Gehirn - wenn man bei Ihrem Denkteil schon von Gehirn reden kann... Ist eher Höflichkeit, das Teil Gehirn zu nennen."

"Na, hören Sie mal, wie komme ich mir denn da vor, das ist aber schon unhöflich von Ihnen..."

"Nein, gar nicht", hörte ich den Beatle sagen, obwohl er den Mund wieder nicht bewegte, "wissen Sie, absolut gesehen, ist Ihr Gehirn eher als rudimentär zu bezeichnen, jeder irdísche Kalmar hat 3 Gehirne, wenn ich recht informiert bin, naja, Gehirnchen... Damit kann er mehr als Sie. Allein mit dem ganzen Körper blinken, versuchen Sie das mal! Und Sie haben nur eines, und zwar ein primitives, Sie können weder blinken noch biolumizierend mit Ihresgleichen kommunizieren - es ist tatsächlich kaum der Rede wert!"

„Ja“, ergänzte der Dunkle, "er hat nicht mehr lange, unser Freund Gawliczek". Eine fast abgebrannte filterlose Zigarette, die vorher garantiert nicht da gewesen war, klebte und glimmte plötzlich auf seiner Unterlippe. Da er beim Sprechen den Mund nicht bewegte, hing und brannte sie ganz ruhig auf seiner Lippe. Er griff hinter sich und machte ein paar sehr seltsame Bewegungen mit den Händen, die ich nicht richtig einschätzen konnte. Als ich die Hände wieder sehen konnte, zogen sie einen Gitarrenkasten oder etwas, das wie ein Gitarrenkasten aussah, aus einer Art Nebelbank, der sich für einen Moment hinter dem Dunklen gebildet hatte. Er sah jetzt noch mehr wie Keith Richards aus. Er öffnete eine Klappe am Gitarrenkasten (seit wann haben Gitarrenkästen eine Klappe?) und schaute hinein. Ich konnte das Teil im Gitarrenkasten von meinem Platz aus nicht erkennen, eine Gitarre schien es jedenfalls nicht zu sein - und erst recht keine Telecaster. Irgendwie flimmerte die Luft um die Öffnung herum, darunter schien sich eine Mischung aus einer Gitarre mit vier Saiten, einer modernen Sanduhr und einer digitalen app, die über allem schwebte, zu verbergen - so etwas hatte ich noch nie gesehen. Er griff in die Öffnung, und es ertönte ein kurzes rauhes Riff, dann sah er zufrieden in die Öffnung und sagte: „Noch..., Moment, ich muss das in Zeit umrechnen, also noch ca. 15 Minuten, sagt mein GLZM, maximal...“

„GLZM?“, fragte ich, „Was ist das denn? Ist das denn keine Gitarre da in dem Kasten?“

„Gitarre? Nein," lachte er, "das ist der GLZM! Gawliczeklebenszeitmonitor..., sieht nur in dieser Dimension wie eine Gitarre aus, sogar wie eine Telecaster, hoffe ich, für mich natürlich nicht, ist aber der GLZM. Ist ziemlich genau, vor allem, wenn es seine Zukunft betrifft“, lächelte der Dunkle, „so etwas brauchen wir natürlich, wenn es ums Abholen geht, sonst würden wir ja manchmal ewig warten müssen. Läuft rückwärts, bei Null ist dann Schluss für Gawliczek.“

Ich schaute die beiden an und fragte: „Wer, zum Teufel, sind Sie, wenn Sie keine Verwandten sind? Und was, zum Teufel, wollen Sie hier?“

„Teufel?“, nahm der Dunkle den Begriff auf. Er schien irgendwie betroffen von dem Wort, er mußte das falsch verstanden haben. Ich hatte ihn doch nicht gemeint. „Teufel? Nein, das nicht, oder?“ Er lächelte den Hellen an. „Wissen Sie, Teufel, das war einmal, ist lange her, oder sehr weit weg. Teufel, das ist hier nicht mehr..., nicht mehr opportun! Ist lange her. Und er da“, er zeigte auf den Hellen, „ist auch kein Engel, bloß weil er hell ist und so schön engelartig gut aussieht, oder? Und Flügel hat er auch keine – oder sehen Sie welche?“

Der Helle nickte. „Nein“, sagte er dann, dreht sich ein wenig, dass ich seinen Rücken in Augenschein nehmen konnte: Da war nichts. „Keine Flügel, also kein Engel..., nein, wir sind einfach nur Teile eines universellen Logistiksystems vom Leben und Sterben, von dem Sie wahrscheinlich noch nie gehört haben. Man könnte uns als Teile des universellen Transfersystems von Lebensenergien bezeichnen. Lebensenergie ist verdammt wichtig... Zum Teufel.“, lachte er, "Sie verstehen?"

Er machte eine bedeutungsvolle Pause, schaute mich an, als ob er prüfen würde, ob ich verstanden hatte, was er gesagt hatte. (Hatte ich nicht). Dann fuhr er verständnisvoll fort: „ Für Sie muss das sehr schwer zu verstehen sein, die Sie in drei oder maximal vier Dimensionen, wenn man die Zeit denn als vierte Dimension zu bezeichnen bereit ist, gefangen sind...“

„Gibt es denn mehr?“, fragte ich uninteressiert. Was hatte ich denn mit den beiden Kerlen zu tun, die mich offenbar auf die Schippe nehmen wollten? Wieso war ich gefangen? Und wo? Und erst recht wieso in Dimensionen?

„Mehr?“, lachten beide gemeinsam, und der Helle fuhr dann fort, „also, wenn es Sie interessiert, wir beide, wir leben in 7 Dimensionen, oder?“, und er wandte sich an den Dunklen, „Oder wie würdest Du das bezeichnen?“

Der Dunkle verschwamm für einen Lidschlag, dann wurde sein Bild wieder klar, er winkte ab, „leben, klar, und sieben ist vollkommen okay, obwohl manchmal... Ist doch eh egal, er kann sich mit seinem Wurmgehirn ja doch nur drei Raumdimensionen vorstellen, nicht ein klitzekleines Dimensionsfitzelchen mehr – armes Schwein!“. Er schaute mich direkt an, sein Bild verschwamm wieder für einen Moment wie bei einer kurzen Bildstörung im Fernsehen, und schimpfte: "Scheiß Dimensionstransfer!" Dann fügte er hinzu: „Seien Sie bitte nicht böse, das war nicht beleidigend gemeint, aber ein Dreier, also einer wie Sie, der in drei Dimensionen lebt, der ist aus unserer Sicht aus der siebten Dimension schon sehr einfach gestrickt, sehr unkompliziert und sehr begrenzt, was das Verstehen betrifft. Allein unsere Mathematik, unsere Logik, unsere Septonometrie (bei Ihnen heißt das wohl Trigonometrie)– da kommt von Ihnen keiner mit. Ist einfach so. Ganz ehrlich, manchmal beneide ich Sie sogar, weil Sie so viele Probleme gar nicht erst sehen können, das macht vieles einfacher, glauben Sie mir.“

Das mit dem armen Schwein fand ich trotz seiner Erläuterung ziemlich unhöflich und fragte etwas beleidigt: „Und was machen Sie Supertypen aus der Siebten nun genau? Rein bildlich scheinen Sie nicht ganz stabil zu sein - mit Verlaub gesagt, bei aller Superkraft...“

„Wie gesagt, wir holen Gawliczek ab, oder das, was nach seinem Tod noch etwas am Leben ist... Mehrdimensional. Was sonst?“, erläuterte der Dunkle und blieb weiterhin freundlich. Keine Bildstörung mehr, er - oder seine Dimensionen - schienen sich zusammenzureissen.

„Was nach seinem Tod noch am Leben ist?“, fragte ich nun deutlich interessierter und schon weniger beleidigt, denn das konnte ja doch noch ganz interessant werden: „Was soll das denn sein? Ich dachte immer, tot ist tot und das bleibt auch so.“

„Nun ja, für Sie mag das so aussehen, insgesamt ist das allerdings nicht ganz so einfach...“, sagte der Helle, „wissen Sie, wenn man das Leben an sich verstehen will, und das allein ist schon eine schwierige Sache...“

„Geradezu kompliziert, würde ich sagen,“ warf der Dunkle ein. Seine Zigarette klebte ihm immer noch an der Lippe.

„Oder gar molto diffizile,“, gab der Helle zu.

„Sehr diffizil“, nickte der Dunkle nachdenklich.

„Sag´ ich ja. Wenn man also das Leben an sich verstehen will, dann muss man nicht nur das Leben verstehen... Das allein ginge ja noch...“

„Ist aber diffizil!“

„Ja doch. Das Leben ist also noch vergleichsweise einfach... Aber, insgesamt muss man das Leben, das Universum und den ganzen Rest verstehen, wenn man die ganz großen Fragen stellen will!“

„Das kommt mir irgendwie bekannt vor“, murmelte ich, „so viel ich weiß, ist die Antwort 42“.

„Tatsächlich?“, fragte der Helle, "42? Interessant? Da muss ich mal drüber nachdenken... Woher wollen Sie das denn wissen?". Dabei zog er mindestens eine Augenbraue hoch, und stellte die Frage, ob das sein könne, dann unausgesprochen körpersprachlich dem Dunklen. Der zuckte mit den Schultern.

„Wieso 42? Wie kommen Sie daraufß Hat das jemand ausgerechnet? Ausgerechnet hier? In dieser Welt? Naja, egal, das muss so ein Dreier-Ding sein. Also, man müsste das Ganze verstehen, wenn man das Leben und den Tod verstehen will – und das ist sehr, sehr diffizil! Viel diffiziler als einfach nur 42“.

„Geradezu zu kompliziert für ein Wesen einer Wurm-Welt!“

"Ist doch ganz einfach", sagte ich triumphierend, "schauen Sie mal: 0*20+1*21+0*22+1*23+0*24+1*25 = 42... Ganz einfach, oder?"

"Und was soll das sein?", fragte der Helle.

"Na, die Antwort!", sagte ich.

"Auf welche Frage?", wollte der Dunkle wissen. Er schien interessiert.

"Das ist das Problem", antwortete ich kleinlaut, "die Frage kennt niemand... Aber die Antwort ist doch interessant, oder?"

"Oh, nee", stöhnte der Dunkle, "wir waren bei der Frage nach dem Leben, dem Universum und dem ganzen Rest..."

"Ich glaube," warf ich vorsichtig ein, "wenn ich mich recht erinnere, genau das war die Frage!"

Bei "42" etc. verweise ich auf Douglas Adams, einen der größten Quer- und Schrägdenker

Der Helle ging nicht auf meinen Einwurf ein, sondern führte unangenehm belehrend aus: „Ich versuche das einmal für Sie zu vereinfachen. Wir waren bei dem, was nach dem Tod bleibt: Sie würden es laienhaft wohl Seele oder so ähnlich nennen“, fuhr der Helle fort, „wir nennen es nicht Seele, wir nennen es ...“

Er verschwand für eine Millisekunde, dann erschien er wieder mit kurzen Bildstörungen von Sekundenbruchteilen - das machte mich irgendwie nervös - , schließlich - bildlich wieder stabil - verwendete er ein Wort, das auszusprechen mir nicht nur die Zunge verknotet, sondern auch noch den Hals gebrochen hätte.

„Naja, würden Sie eh nicht verstehen. Also lassen wir es fürs Erste bei Seele. Aber da ist noch etwas, neben der Seele, etwas sehr Wertvolles!“

„Und Sie beide sind hier, um das Wertvolle zu holen?“, fragte ich, „sind Sie nun Engel und Teufel?“. Bei Engel deutete ich auf den hellen und bei Teufel auf den Dunklen, „für einen einfachen Dreier-Geist, bitte?“.

Jetzt wollten die beiden sich wegschmeißen vor Lachen, was sich auf ihre Stabilität negativ auswirkte, aber nicht lange.

„Engel?“, prustet der Helle.

„Teufel?“ der Dunkle. „Nee, Mann, in welchem Universum leben Sie denn? Glauben Sie den ganzen Quatsch etwa: Engel und Himmel und Teufel und Hölle? Das war einmal. Wir versuchen uns bei Kontakten mit Einheimischen an den jeweiligen zeitlichen Verstandes- und Verständnishorizont anzupassen, wissen Sie. Da müssen wir uns schon etwas einfallen lassen, teilweise tolle Geschichten... Ist ja auch lustig, wenn erst jeder Busch und jeder Baum eine Gottheit ist, dann nur noch brennende Büsche... Dann kommt irgendwann die Sache mit Himmel und Hölle, Engeln und Teufeln. Klar, wer siedendes Pech von Burgmauern kippt, und das für High-Tech hält, der empfindet auch das jahrelange Sitzen in heißen Töpfen für eine fürchterliche Strafe. Nein, das hat doch sogar Ihre Kultur überwunden...

Und richtige Engel ohne Unterleib und Teufel mit Bockshörnern und Klumpfüßen gibt es zwar, doch nicht in diesem Universum. Irgendwo gibt es in einem unendlichen Universum schließlich alles, was vorstellbar ist, das sagt sogar schon Ihre seltsame Mathematik. Und vorstellbar nicht nur für Sie hier auf der Erde, sondern für die seltsamsten Lebensformen in den hintersten Ecken Ihres Universums – und da gibt es wirklich bizarre Lebensformen und Ideen, da würden Sie nie darauf kommen. Oder können Sie sich lebende Regenschirme oder Gedichte verfassende Matratzen vorstellen? Aber um Engel und Teufel live zu treffen, dafür müssen Sie schon Ihr Universum verlassen und einige Paralleluniversen weiterreisen – dann ist es übrigens interessant. Und da haben die einen Gott, man o man, der ist wirklich guuut drauf, echt. Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass Sie da leben wollten. Wirklich nicht. Lustige Vorstellung, dass der Gott da sich schon einmal gedrittelt hat und jetzt als Vater und Sohn, hhmmm..., und dann noch noch Smokey, eine Art Geist auftritt – seltsam und ziemlich heilig...“

„Nee,“ sagte der Helle und lachte laut, „das wollen Sie nicht wirklich wollen, glaube ich. Ist ziemlich hart dort zu leben. Allein deren Weltengericht! Hart! Aber man muss es ihm lassen, Dunkler, woher soll er es denn wissen – er lebt schließlich als Wurm auf einer Welt kriechender Würmer...!“

„Blödmänner, siebendimensionale“, murmelte ich. Dann nahm ich mich wieder zusammen und fragte: „Also, habe ich Sie richtig verstanden: Leben und Sterben hängt mit dem Universum und dem ganzen Rest zusammen? Das Leben kennt man ja..., ich meine, sein eigenes Leben kennt man ja, ich vermute, das ist irgendwie determiniert, wenn es schon mit dem Universum und dem ganzen Rest zusammenhängt. Aber was ist nun mit dem Sterben? Das sei einfach, habe ich gedacht. Da ist nur das Leben zu Ende, habe ich immer gedacht. Man hört auf zu leben, und das war´s dann – für das Leben, oder? Da kommt nix mehr. Beerdigung, Staubwerdung und Ende. Grande Finale! Und die Beerdigung ist schon nur noch für die Überlebenden, der der Tote kriegt das ja nicht mehr mit, Sarg, Blumen, Reden und so, alles für die Nachkommen. Und jetzt kommen Sie beide hier zu mir, und behaupten, dass es das dann doch noch nicht gewesen sei. Ja, was denn? Aber es gibt die Leiche, die ist doch tot. Ist auch nie wieder aufgewacht, wenn sie richtig tot war. Ich habe nie etwas anderes gehört. Man hat Tausende Leichen, Wurmleichen würden Sie sagen, aufgeschnitten und gewogen – da hat nie etwas gefehlt, kein Milligramm! Und eine Seele hat auch noch nie jemand gesehen. Nix, nada.“

„Genau, Sie haben völlig Recht, hier auf Ihrer Erde und für die anderen sind und bleiben Sie tot, inklusive Leiche, wenn Sie gestorben sind. Aber eben nur hier. Aber es gibt eben mehr als nur das Hier. Unsere Existenz beweist es ja. Ist allerdings diffizil“

„Ich würde sagen, geradezu hochkompliziert!“

„Genau, sehr, sehr difizil! Extrem difizil!“

High Five!

„Wollen wir es ihm zeigen?“, fragte der Dunkle dann und schaute auf sein GLVM, „er scheint für hiesige Verhältnisse akzeptabel intelligent zu sein, Zeit hätten wir noch, und außerdem können wir sie anhalten...“

„Was können Sie anhalten?“, fragte ich ungläubig, „Die Zeit etwa? Das geht doch gar nicht. Also kommt, Männer, soviel weiß ich auch, verarschen müssen Sie mich jetzt nicht, auch wenn ich in Ihren Augen ein Wurm bin. Allgemeine Relativitätstheorie, Albert Einstein und Hawkins, das weiß doch jeder! Habe ich neulich erst im Fernsehen gesehen. Netflix. Und Zeit ist nicht siebendimensional, die ist etwas anderes, vielleicht vom Raum abhängig, aber nur vielleicht, und wenn, dann nur ein bisschen.“

Beide nickten, gaben sich Mühe ernst zu bleiben. „Süß! Klar, Einstein – ein ganz großer Wurm. Guter Versuch. Leider Blödsinn. Und Hawkins? Wer ist Hawkins? Der Wurm im Rollstuhl? Der mit der komisch piepsigen Stimme? Natürlich! Aber mal ganz im Ernst, das sind hier wahrscheinlich ziemlich große Nummern gewesen. `ne gute Show, zugegeben, für hier! Aber nur für hier. Schon galaktisch gesehen sind das nur noch ganz kleine Lichter. Und erst im universellen Maßstab, man o man. Da geht deren geistige Größe gegen Null. Wurmnull. Müsst Ihr nicht so stolz drauf sein. Denen fehlten einfach ein paar Dimensionen. Dafür waren sie nicht schlecht, aber eben nur dafür. Lassen wir das. Die Zeit anhalten? Wirklich keine große Sache, eigentlich sogar ganz einfach! Machen unsere Kollegen dauernd.“

In diesem Moment schaute eine Schwester aus der Tür und schaute mich an: „Sie wollten zum Herrn Gawliczek? Sie können jetzt...“.

Die beiden anderen, den Hellen und den Dunklen schien sie gar nicht wahr zu nehmen, sie schaute nur mich an, sprach nur mit mir, keine Frage an die anderen beiden, „Herr Gawliczek wartet schon.“

Der Dunkle nickte dem Hellen zu, führte dann mit beiden Händen irre schnelle seltsame Bewegungen aus, die einem Kraken mindestens alle Arme verknotet hätten, und die schlußendlich irgendwie den Raum um uns kugelförmig zu krümmen schienen. Die Schwester bewegte sich für einen Moment irgendwie verlangsamt, blieb dann leicht verrenkt stehen, die Tür fiel weder zu, noch bewegte sie sich. Sogar der leichte Luftzug, der im Flur geherrscht hatte, war nicht mehr zu spüren. Die Zigarette des Dunkeln glühte hell auf.

„Kommen Sie,“ sagte der Helle dann, „wenn Sie das Leben und der Tod, das Universum, Ihr Universum, und der ganze Rest wirklich interessieren. Wollen Sie?“

Ich nickte.

„Wirklich?“

Ich nickte noch einmal, stärker.

Er langte in eine Tasche seines eleganten Anzuges, die mir vorher gar nicht aufgefallen war und holte ein dickes Buch im Quart-Format daraus hervor. Ich staunte für einen Moment, dass das Buch Platz in der Tasche gehabt hatte. Hatte es eigentlich nicht, das sah ein Blinder.

„Dann unterschreiben Sie hier...“

„Was ist das?“, fragte ich vorsichtig.

„Ein Vertrag, der uns und unsere Organisation von allen Risiken für Sie, die Erde, das Sonnensystem, die Galaxis und dieses Universum freistellt, die sich durch unsere Zeitmanipulationen mit Ihnen und für Sie hier, jetzt, in Vergangenheit und Zukunft und überall ergeben könnten, Sternenexplosionen und Galaxien-Kollisionen inbegriffen. Im Vertrag sind sie alle aufgezählt. Das sind zwar nur seltene bis sehr seltene Nebenwirkungen – aber sie können theoretisch eben doch eintreten.“

„Was könnte das ein?“

„Ach, irgendwie alles bis hin zur totalen Annihilation!“

„Annihilation?“

„Vernichtung,“

„Ach so... Und wer haftet stattdessen?

„Sie!“

Ich musste schlucken. „Wie häufig passiert das? Ich meine, die Annihilation?“

„Nur theoretisch. Praktisch ist es ...“

„Drei oder vier Mal. Insgesamt. Seit Anbeginn von allem. Nichts, über was man groß nachdenken müsste. Das kann man vernachlässigen, wirklich. Jetzt unterschreiben Sie schon, passiert schon nix“, sagte der Dunkle, „also theoretisch. Und wenn Ihr Universum annihiliert, dann sind Sie auch weg! Und die Besitzer, die Sie haftbar machen könnten, sind auch futsch. Da bleibt nix und niemand mehr. Total weg. Sofort. Im Bruchteil einer Phantasttillionstel Sekunde. Keine Zeit mehr zum Nachdenken. Wie gesagt, alles sofort weg. Tabula rasa. Auch für uns. Da ist wirklich nichts und niemand mehr da, nicht einmal nach dem Tod.“

Das überzeugte mich schließlich. Außerdem war ich neugierig. Und wenn das Universum annihilierte – mein Gott, sei es drum. Ich hatte eh nix auf dem Konto als Schulden, was sollte mir also passieren? Insgesamt schien es mir um dieses Universum so wie so nicht so schade zu sein, wenn es doch genügend andere gab. Vielleicht bessere. Bestimmt. Und wenn es unendlich viele gab, würde eines, das nicht mehr da war, eh nicht auffallen. War das überhaupt möglich?

"Wieviel ist unendlich minus eins?", fragte ich die beiden.

"Unendlich."

Gut, das machte also offenbar nichts, wenn eines verschwand. Es blieben weiterhin unendlich viele. Und wenn da unendlich viele Paralleluniversen waren, musste eines eine genaue Kopie von unserem sein. Jetzt begann es kompliziert zu werden, geradezu philosophisch... Ich hörte auf, daran zu denken. Um zu unterschreiben, musste ich das Buch nur in die Hand nehmen und einmal fest zudrücken. Das erschien mir erstaunlich wenig, für einen Vertrag mit diesem Umfang. Das sagte ich dem Hellen auch.

Er schaute es leicht erstaunt an. Das?“, fragte er mich stirnrunzelnd und deutete auf das voluminöse Buch , „das ist nur das Inhaltsverzeichnis... Der eigentliche Vertrag hat einen Umfang, dass die Masse des Buches die Gravitation der Erde und in der Folge des Sonnensystems zusammenbrechen lassen würde. Wahrscheinlich gäbe es sogar ein kleines Schwarzes Loch statt der Erde. Steht aber nicht wirklich viel oder Wichtiges drin. Das hat, glaube ich, noch nie jemand vollständig gelesen... Das haben Juristen vom Planeten Plazido 23 verfasst. Als sie den vollständigen Text einmal ausgedruckt hatten, ist die Sonne des Systems Plazido erst im- und dann explodiert und hat das ganze Sonnensystem in ein Schwarzes Loch verwandelt. Der Vertragstext musste mühsam aus dem Ereignishorizont des Schwarzen Loches ausgelesen werden. Sie wissen doch, dass in einem Schwarzen Loch alles verschwindet, nur die Information nicht, oder?“

Wußte ich das? Ich glaube ja... Leicht betäubt ob der Informationen nickte ich.

Nachdem ich das Buch fest gedrückt und damit den Vertrag unterschrieben hatte, nahm mir der Helle das Buch aus der Hand und steckte es in die Tasche, aus der er es genommen hatte. Es verschwand darin. Er sah meinen erstaunten Blick. „Ach das“, sagte er und deutete auf seine Tasche, „das ist keine Zauberei, das ist jetzt in einer anderen Dimension.“ 

„Okay“, sagte er, dann, „das Organisatorische hätten wir erledigt. Gratulation. Haben sich bisher nur wenige getraut. Es kann also losgehen.“ Sein 3D-Bild wackelte kurz. Inzwischen hatte ich mir klar gemacht, wie das mit der Projektion ihrer Körper aus der 4. in die 3. Dimension funktionierte - klar, das es ab und zu Bildstörungen geben musste. Klar jedenfalls für mich. Und wenn das schon Probleme zwischen 4. und 3. Dimension gab, was mußte dann erst alles passieren, wenn sie sich aus der 7. Dimension in die 3. Dimension hinabprojizieren mußten. 

Er schaute mich an. „Wir fangen damit an, dass Sie jetzt fast sterben werden, aber nur fast, nicht ganz und mit etwas Glück kommen sie auch zurück ins Leben. Ist alles in dem Vertrag geregelt, auch wenn nicht. Sie können den ganzen Sterbe-Prozess, also fast den ganzen Prozess, erleben. War ziemlich interessant für die meisten. Hat glaube ich, in Ihrer – fast hätte ich Zivilisation gesagt – Welt noch keiner wirklich glaubhaft von berichtet, naja einer vielleicht, aber glauben Sie mir, das war zwar recht gut gemacht, aber eben nur gut gemacht. Wenn Sie mich fragen, das war vor allem verdammt gute PR.“

„Also,“ sagte der Dunkle, „niedere Wesen wie Sie müssen den ganzen Prozess durchlaufen, ich meine, den des Sterbens... Fangen wir an. Keine Angst, man kann das rückgängig machen – meistens, mindestens theoretisch!“

Wieder machten seine Hände sehr schnelle, sehr seltsame Bewegungen. Wieder glühte seine Zgarette, diesmal sogar so extrem hell, dass ich Angst bekam, er würde sich die Schnauze verbrennen, dann schien etwas mit dem Raum-Zeit-Kontinuum zu passieren, was eigentlich nicht passieren sollte.

„Was soll das heißen: Theoretisch!“, schrie ich. Es war das Letzte, was ich schreien konnte. Aber der Sterbeprozess hatte schon irreversibel begonnen. Und dann war ich tot. Zumindest ein wenig.

„Naja, theoretisch eben... Theoretisch müsste es funktionieren. Ich habe es noch nie gemacht. Keine Sorge, aber ich habe viel darüber gelesen. Ich meine, wenn ich mich richtig erinnere, jetzt müssen wir Sie erst einmal sterben lassen. Kommen Sie, Sie dürfen sich nicht so verkrampfen... Locker lassen, passiert doch nichts.“

Seine Hände bewegten sich inzwischen wie Streitäxte von Sioux-Indianern, die Old Shatterhand am Marterpfahl hatten, durch die Luft. Seine Zigarette hatte sich temperaturmäßig offenbar normalisiert. Ich war aber verdammt verkrampft, als ich merkte, wie mein Herz immer langsamer schlug, meine Atmung aufhörte, mein Blickfeld sich verengte und meine Umgebung verschwand. Bleiben Sie da mal cool. Irgendwann begann ich, in einem anderen, sehr hellen Raum zu schweben. Ich nahm nur Licht wahr, keinen Ton, keinen Körper. Es dauerte einige Zeit, dann konnte ich wieder meine Umgebung wahrnehmen, die allerdings immer noch nur aus Licht zu bestehen schien.

Mir wurde etwas anders, schwummerig, schlecht - ich glaubte zu wanken und zu schwanken. Kein Wunder, ich starb ja gerade ein bisschen. Wie mußten sich da andere fühlen, die wg. Krankheiten starben...

„Na, also,“ nickte der Helle mir zu, „geht doch! Ist doch gar nicht so schwer zu sterben, oder? Immer ganz locker bleiben.“

Nein, das Sterben war inzwischen offenbar nicht mehr wirklich mein Problem, das schien einfach zu sein, man musste gar nicht viel machen. Nur nicht mehr atmen, dem Herz das Schlagen untersagen, den Körper vergessen. Nicht mehr denken. Mein Problem lag woanders, beim „theoretisch“ des umgekehrten Prozess. DAS gab mir zu denken, das machte mich unlocker. So unlocker, dasss ich mich übergeben mußte. 

„Sehen Sie“, sagte der Dunkle, „geht doch, wir haben es fast geschafft. Geht´s wieder? Noch zwei oder drei Prozent, und sie wären richtig tot. Weniger als die zwei oder drei Prozent dürfen es nicht mehr werden, wenn wir 0% erreichen, wären sie tatsächlich ganz richtig tot! Und das wollen Sie doch nicht, oder?"

Nein, das wollte ich nicht. Er machte wieder diese verrückten Handbewegungen. Langsam hatte ich mich an sie gewöhnt. Ich war schon fast neugierig, was er dieses Mal aus einer der oberen Dimensionen hervorzaubern würde. Es war relativ einfach. „Hier ist eine Schale, falls Sie sich weiter übergeben müssen. Sie müssen sich deswegen nicht schämen, die meisten Sterbenden entleeren Blase und Darm unkontrolliert.“ Ich schaute erschreckt an mir hinab, aber da weder etwas zu sehen noch zu riechen. "Sie halten sich richtig gut - für einen Sterbenden aus der Dritten, Kompliment!"

Irgendwie hing ich doch an meinem bisschen Restleben. Auch das ganze Leben – es mag nicht toll gewesen sein, ich mag auch nicht sehr erfolgreich im Leben gewesen sein, meine Freunde mochte ich an drei Fingern abzählen können – und doch, irgendwie wollte ich das alles wiederhaben. Obwohl – im Moment fand ich das Sterben schon interessant.

Was vielleicht auch daran lag, dass meine beiden neuen Freunde sich verändert hatten: Aus – im weitesten Sinne – Menschen, ich meine damit zumindest Wesen mit zwei Armen, zwei Beinen, einem Körper und einem Kopf und vor mit allem Anzügen, Hemden und Schuhen waren ganz andere ..., ja was, Wesen (?) geworden. Irgendwie nackt, ohne Anzüge und Schuhe, das vor allem. Das fiel mir als Erstes auf. Der Helle hatte sich in eine Art zwischen Hellblau und Rosa changierende Meduse verwandelt, die sich langsam pulsierend durch das helle Licht bewegte. In ihrer Mitte strahlte ein extrem helles Licht, das alle Farben des Spektrums und mir völlig neue Farben annahm, für die ich nicht einmal Namen kannte. Als ich mich nach einem Moment der Überraschung an die neue Form gewöhnt hatte, fand ich ihn/sie/es doch recht ästhetisch.

Der Dunkle hatte sich auch verändert. Er hatte eine ganz andere Metamorphose durchlaufen: Es mag sich für Sie jetzt lächerlich anhören, aber für einen Moment hatte er einen Klumpfuß, für einen anderen Moment entwickelte er Hörner an etwas Kopfähnlichem – aber alles grundsätzlich Menschanähnliche verschwand schnell, und schließlich wurde er zu etwas, was entfernt an einen großen, einen sehr, sehr großen, eigentlich an einen riesigen Kalmar erinnerte: Langgestreckter Körper mit vielen, wirklich sehr vielen Armen, viel mehr als ein irdischer Kalmar zählen konnte (irdische Kalmare können bis 13 zählen, einige bis 17), die in ihrer Mitte ebenfalls ein unglaublich helles Licht festzuhalten schienen. Das alles war in ständiger irgendwie orchestriert erscheinender pulsierender Bewegung. Vermutlich war er der einzige Kalmar aller Universen, der Hut trug. Der hatte seine Größe nicht verändert und sah in seiner Winzigkeit ziemlich albern an ihm aus. Meine Beschreibung kann nur einen schwachen Abklatsch von dem skizzieren, was ich tatsächlich sah.

Erstaunlicher Weise erschreckte mich die der beiden Verwandlung in keiner Weise. Sie blieben die einzig vertrauten Wesen (?) in meiner Nähe, das beruhigte mich ein wenig, obwohl ich sie ja gerade erst kennen gelernt hatte - aber in meiner Welt!

„Seid Ihr das?“, fragte ich. Sie antworteten nicht, aber ich glaubte, ein „Ja“ in meinem Gehirn (hatte ich noch ein funktionierendes?) wahrzunehmen.

„Sind das Eure tatsächlichen Körper?“, fragte ich und fügte hinzu, „Ihr seid schön!“

Ich vernahm ein leises Lachen und wusste, nein, das waren nicht ihre Formen, die wirklichen Formen und ihre tatsächliche Größe würde ich weder wahrnehmen noch verstehen können, weil mein Begriffsvermögen auf magere drei Raumdimensionen begrenzt war. Sie verteilten ihre Körper aber auf sieben Dimensionen. Unvorstellbar für mich. Was ich zu sehen glaubte, war das, was aus sieben Dimensionen in drei Dimensionen runtergebrochen werden konnte – und das war bitter wenig. Nein, es machte keinen Sinn, mir auch nur vorsstellen zu wollen, wie sie wirklich in ihren Dimensionen aussahen. Vermutlich hatten Sie sich Mühe zu geben, mir Körper zu zeigen, mit denen ich etwas anfangen konnte. Nett von ihnen, fand ich. Ich vermutete allerdings, ein wenig (gute) Show wäre auch dabei.

Wir schwebten gemeinsam nebeneinander weiter durch den weißen Raum, der inzwischen zu einem unendlich großen weißen Gang geworden war.

„Bin ich  jetzt tot?“, fragte ich vorsichtig. Mir war immer noch schlecht und schwummerig, was eigentlich dagegen sprach.

„Fast,“ antwortete die Qualle, „aber noch nicht ganz. Ist auch besser für Sie.“

„Nein,“ sagte der Kalmar, „da ist schon noch Leben in Ihnen!“

„Ich merke aber nichts,“ sagte ich zaghaft, „jedenfalls kein Leben mehr... Außer, dass mir so komisch ist.“

„Da ist ja auch nur ein kleiner Rest Leben in Ihnen – aber Sie haben sich verändert, merken Sie das?“

Ja, merkte ich, ich hatte zwar noch eine alles in allem menschliche Form, aber mein Körper – der Körper war weg. Futsch. Ich war ein rauchartiges, fluides hin und her fließendes Etwas, dem kotzübel war. Am ehesten würde die Bezeichnung „Rauch“ in halbfester Form zutreffen. Stellen Sie sich einen Raucher vor, der sehr gekonnt Rauchringe in die Luft bläst, allerdings geleeartige Rauchringe in entfernt menschlicher Form.

„Sie sind jetzt das, was wir von Gawliczek abholen wollen. Sie würden es seine „Seele“ nennen, nein, die natürlich nicht, die gibt es ja nicht, aber das was Ihr so bezeichnet. Das ist der Rest, das ist Ihre pure Lebensenergie. Und wenn Sie wollen, können Sie sie wie einen Körper benutzen – das ist der Rest Leben in Ihnen, die letzten paar Prozente... Sie können aber nur wahrnehmen und verstehen. Sie können sich in alle Richtungen bewegen, aber Sie können nichts anfassen oder bewegen.“

Ich machte mich mit dem Rest vertraut, der jetzt ich war. Das war wenig, aber interessant. Muskeln hatte ich nicht, ich konnte keine Arme oder Beine bewegen. Die Übelkeit war verflogen, genauso wie jedes Körpergefühl. Ich dachte „rechts“ (womit eigentlich?) und bewegte mich nach rechts, ich dachte oben und bewegte mich nach oben. Alles ging sehr gemächlich. Ich schaute mich um, machte mich mit mir, meiner Umgebung und meinen beiden Begleitern vertraut. Ich bestand aus "Rauch" und konnte keine Kraft auf irgend etwas ausüben, trotzdem hätte ich zur Probe gerne ein Glas Milch von einem Tisch gestoßen, nur um zu sehen, ob und was tatsächlich passieren würde. Leider gab es hier in diesem weißen Raum nichts davon, weder einen Tisch noch ein Glas und auch kein Boden. Und, auchwenn sie bei mir zuhause weiß war, keine Milch. Also gab es auch keinen Versuch. Schade.

Die Meduse schien mir zufrieden zuzunicken, der Kalmar deutet nach vorn: „Machen wir uns auf den Weg“, bedeutete das wohl. Wir bewegten uns in einem Kontinuum, das ich nicht kannte. „Vorwärts“, dachte ich, und es ging los. Langsam.

Der Gang schien mir zunächst gar nicht so breit und lang zu sein. Ehrlich gesagt, ich hatte mir um seine Dimensionen keine Gedanken gemacht. Außerdem war ich zu sehr mit mir, meinen Fast-Sterben, meiner Übelkeit und Kraftlosigkeit und „meiner“ Meduse und „meinem“ Kalmar beschäftigt gewesen, als mich um meine neue Umgebung zu kümmern. Nur groß war dieser "Raum".

Nach und nach konnte ich ähnliche Gruppen wie unsere erkennen, die sich in die gleiche Richtung bewegten. Nun erst konnte ich erkennen, dass der Gang in Breite und Höhe gewaltig war, wahrscheinlich grenzenlos! Zumindest in meiner Vorstellung. Und dass sehr, sehr viele Dreiergruppen sich in ihm bewegten. Vor uns, hinter uns, über und unter uns. Schlicht überall. Aber alle bewegten sich in verschiedenen Geschwindigkeiten in einer Richtung: Nach vorne. Auf meine Frage gab die Meduse zu, dass es sich um die „Seelen“ Verstorbener mit ihre „Abholer“ handelte. Und die Zahl der Gruppen sei zwar nicht unendlich, aber sehr, sehr groß. Und nein, das seien nicht alles Menschen, die Organisation würde sich um alle gestorbenen Wesen kümmern – auch das, was wir als Tiere bezeichnen würden, vom Wurm bis zum Menschen. Und es handele sich nicht nur um Wesen des Planeten Erde...

Ich konnte erkennen, dass die „Seelen“ in etwas gefangen waren – es sah aus wie Kugeln aus Glas oder Netze aus Licht. In den Behälter pulsierten die verschiedensten Formen. Erstaunlich fand ich ein hellblau-durchsichtiges Wesen in unserer Nähe, das irgendwie an ein Rhinozeros ohne Horn aussah. „Das war das letzte Nashorn seiner Art in Afrika“, vernahm ich irgendwie. Emotionslos. Das musste der Kalmar gewesen sein, denn einer seiner Arme deutete auf das Nashorn, respektive das, was von im in dem „Marmeladenglas“ waberte. Klar, ihn interessierte nicht sehr, was sich auf der Erde abspielte, für ihn war das eine Wurm-Welt. Ihm war egal, wer oder was da gerade ausstarb. Für ihn war vermutlich nur wichtig, dass das Wesen starb, und dass er dessen Lebensenergie einfangen konnte.

Wir bewegten uns langsam und wurden von vielen Dreier-Gruppen passiert, bei denen die seltsamsten Wesen in den „Gläsern“ befanden. Viele hatte ich als Tier noch nie gesehen. Wahre Monstren waren darunter. Monströs in der Form und/oder der Größe. Ab und zu überholten uns Gefäße“ mit menschenähnlichem Gewaber darin. Alle waren durchsichtig, hell, anmutig aber irgendwie wie in Zeitlupe „lebend“, nein, musste ich mich korrigieren, sie bewegten sich wie lebende Tote, Zombies – aber ohne das Äußere, das uns Hollywood vermittelt. Und manche waren riesig, geradezu überwältigend groß und so anders, dass ich nicht einmal als Lebensform erkannte. Das waren vermutlich „Seelen“ von Viechern von anderen Welten – seltsam, seltsam...

Ich dachte an riesige Saurier, zum Beispiel Brontosaurier und fragte, ob die Lebensenergie eine Masse hätte, die von sehr großen Tieren also schwerer war, als die von kleinen?

Jein, das sei wieder so ein Dimensionsding, bekam ich zu hören, aber Wesen, die Größe spielte nur eine geringe Größe bezüglich der Lebensenergieernte, aber die, die im Lebenshöhepunkt starben, würden eine bessere Ernte ergeben... Das gab mir zu denken! Nein, vernahm ich, wir helfen nicht nach... Und auf meinen zweifelnden Gedanken hin bekam ich zu hören, dass sie wirklich nicht nachhelfen würden, denn bei der fast unendlichen Zahl an sterbenden Wesen, würde es keine Rolle spielen. Die Menge an geernteter Lebensenergie sei über die Zeit (die doch angeblich keine Rolle spielte) konstant.

„Wann sind die gestorben? Und wo?“, wollte ich dann wissen und deutete auf Gruppen in unserer Nähe (es kam mir wie Nähe vor, aber wahrscheinlich war das wieder so ein "Dimensionsding", das ich eh nicht verstehen würde...). Wenn eine Meduse Schultern gehabt hätte, hätte sie mit ihnen gezuckt, weil es egal war, wir befanden uns in einem vieldimensionalen Raum, in dem Zeit keine Rolle spielte. Einige der toten Wesen waren schon lange tot, erfuhr ich wohl durch Gedankenübertragung, andere waren gerade gestorben, und zwar so gerade, dass sie es noch nicht einmal begriffen hatten,und wieder andere würden erst noch sterben. Irgendwann. Trotzdem waren ihre Überreste schon hier. Letzteres war führ mich am erstaunlichsten. Ich sah die Zukunft der Zukunft.

„Zeit“, kam es von dem Kalmar herübergedacht, „Zeit gibt es nicht, Zeit ist nur ein Konstrukt... Zeit hilft, Dinge einzuordnen, Abläufe zu begreifen. Aber Zeit ist nicht unumkehrbar. Die Entropie dieses Universums würde viele sehr, sehr unwahrscheinliche Dinge erlauben, aber die Wahrscheinlichkeit sei sehr gering.

Eine fallende Tasse mit heißem irdischen Kaffee könnte auf halben Wege zum Boden „grundlos“ umkehren und wieder auf den Tisch springen. Unwahrscheinlich, sehr unwahrscheinlich sogar, aber von den Gesetzen der Entropie nicht verboten. Verbunden mit einem Wahrscheinlichkeitsfaktor von geschätzt 10-2.550.

Lassen Sie es mich kurz erläutern: Ein Wahrscheinlichkeitsfaktor von 10-10 betrifft ein ziemlich unwahrscheinliches Ereignis, ein Wahrscheinlichkeitsfaktor von 10-100.000 etwas fast Unmögliches. Ein Unwahrscheinlichkeitsfaktor von 1010 entspricht einem Wahrscheinlichkeitsfaktor von 10-10. Ganz einfach, oder?

Nehmen Sie einen Unwahrscheinlichkeitsfaktor von 10245.000 , und über dem Planeten Magrathea verwandelt sich in 10 Kilometern Höhe eine angreifende Rakete spontan in einen irdischen Pottwal, der sich im Fallen auf den Planeten langsam seiner selbst bewusst wird. Eine zweite Rakete verwandelt sich in einen Blumentopf. Beides sehr, sehr unwahrscheinlich, aber in einem unendlichen Universum nicht völlig unmöglich! Beide zerschellen am Boden und reißen zwei verschieden große Krater, einer groß, einer klein. Wahrscheinlichkeitsfaktor 100.“

„Kommt mir irgendwie bekannt vor“, dachte ich in Richtung meiner Begleiter.

„Tatsächlich?“, kam es irgendwie mit einem Lächeln zurückgedacht, „Wahrscheinlichkeitsfaktor 100.“

„Woher wissen Sie eigentlich, wann wo ein Wesen stirbt oder ein Mensch?“

„Wir wissen alles“, dachte die Meduse und ich verstand sie.

„Alles?“ fragte ich zurück.

„Alles“, dachte der Kalmar, „wirklich alles!“

„Auf der Erde?“

„Da auch“.

„Wo noch?“.

„Im Universum. Mindestens!“.

Ich hatte zwar weder Mund, Zunge und erst recht keinen Hals, trotzdem musste ich so etwas wie schlucken: „Im Universum? Wow, das ist gross...“

„Wollen Sie es sehen?“.

„Was?“.

„Das Universum!“.

„Geht das denn?“.

„Natürlich“, meinte der Kalmar lapidar, „für Dich natürlich nur in drei Dimensionen, da ist das relativ einfach... Für jede zusätzliche Dimension kommt ein Schwierigkeitsfaktor von 10105 hinzu.“

Der Kalmar nahm eine bisher von mir an ihm nicht gesehene für mich eher albern aussehende Position ein und führte dann diese verwirrend schnellen Bewegungen, die insgesamt wie ein sehr, sehr seltsamer Tanz einer schwangeren Tintenfischin aussahen, aus. Er wurde immer schneller. Dann entstand langsam ein farbiger Wirbel im weißen Raum, der größer und größer wurde. Das Bild festigte sich, und ich sah etwas, das so aussah, wie eines dieser Fotos, die man in wissenschaftlichen Zeitschriften sehen konnte, die sich mit Astronomie beschäftigen. Irgendwie bewegte sich das ganze Gebilde, als ob es einer unbekannten Melodie folgte.

„Bitteschön“, vernahm ich aus Richtung des Kalmars, „das Universum, genauer gesagt, Ihr Universum, so wie es jetzt gerade aussieht, natürlich nur, wenn man alle oberen Dimensionen weglässt. Ein...“

„... Wurmuniversum“, dachte ich, „ich verstehe schon – ein Modell!“

„Nein“, verlautete der Kalmar fast ein wenig beleidigt, „kein Modell. Das ist das Universum! Ihr echtes Universum... Und die strahlenden Punkte sind Galaxienhaufen.“

Jetzt war es an mir, baff zu sein. „Das kann doch nicht...“, versuchte ich zu sagen, konnte es aber doch nicht, weil ich doch keine Sprechorgane hatte. Die beiden verstanden mich auch so. Das mußte wieder so ein Dimensionsding sein.

„Das“, kam es aus Richtung der Meduse, „ist das Universum, in dem Sie leben. Allerdings sind es nur drei Dimensionen, nicht alle...“

„Das wären wie viele?“

„Das weiß keiner, wir können nur sieben Dimensionen wahrnehmen, aber das würde seine“, die Meduse meinte den Kalmar , „Fähigkeiten denn doch übersteigen. Selbst das da ist eine unglaubliche Leistung, sogar für ihn, das können nicht viele Kalmare. Und nur Kalmare, ich wäre nie imstande, das Universum neu zu schaffen, nicht einmal für eine kurze Zeit... Da können Sie sich etwas drauf einbilden, das er das für Sie gemacht hat.“

„Tue ich“, gab ich zu, „wo sind wir eigentlich?“

„Die Erde?“, fragte die Meduse.

Ich gab so etwas wie ein ja von mir, keine Ahnung wie...

„Irgendwo dahinten, da muss ein sehr kleiner, sehr unbedeutender Galaxienhaufen sein, zu dem die Milchstraße gehört...“

„Und wo sind wir jetzt?“

„Nicht in diesem Universum. Wir befinden uns in einem höher dimensionalen Raum, den kann man hier nicht darstellen. Stellen Sie sich vor, dass wir gleichzeitig überall sind – aber in einer Dimension...“

„Oha! Überdimensional?“

„Höher dimensional!“

Die Bewegungen der unglaublich vielen Arme des Kalmar-ähnlichen Wesens wurden langsamer, das Universum verschwand langsam wieder.

„Aber das war nicht ein ganzes Universum, oder?“

„Doch!“

„Macht er das mit einem Computer? Quantencomputer vielleicht und mit künstlicher Intelligenz?“

Beide lachten: „Junger Fasttoter, Computer sind Entwicklungen Ihrer Kultur. Quantencomputer? Pah, das ist für Anfänger... Das hier war, wenn man den Begriff Computer überhaupt verwenden will, um etwas zu beschreiben, was Sie nie verstehen können werden, ein „Computer“ der nach dem, was nach Quantencomputern kommen wird und das danach und dann wieder das danach und wieder und wieder und wieder und so weiter.

Und dieser danach-danach-danach-danach-danach-danach-danach-danach-danach-danach-danach-danach-danach-danach-danach-danach-danach-danach-danach-danach-danach-Computer befindet sich zwischen der fünften und sechsten Dimension in einer Entität außerhalb aller Parallel-Universen und damit auch außerhalb der Zeit.

Computer sind extrem leistungsfähige Werkzeuge, aber bleiben Technik. Das Leben ist immer besser als Technik. Es hat 500 Millionen Jahre gedauert, dass aus den ersten Tieren der Erde schließlich Menschen mit einem halbwegs leistungsfähigen Gehirn wurden, auf anderen Welten und in anderen universen hat es zwischen 100 Millionen und einer Milliarde Jahre gedauert, vergleichbare Organe zu entwickeln – alle dreidimensional. Im siebendimensionalen Raum spielt die Zeit keine Rolle, da hatte die siebendimensionale Natur unendlich viel Zeit und unendlich viele Parallelentwicklungen, um endlich das eine ultimative Gehirn zu entwickeln – viel leistungsfähiger als jeder Computer, unglaublich viel leistungsfähiger! Wir verwenden das ultimativ gewachsene Gehirn! Und ganz ehrlich, man sollte es nicht Gehirn nennen, denn es ist das, was die Natur aus dem Organ Gehirn entwickelt hat. Etwas unvorstellbar viel leistungsfähigeres. Für Sie aus der Dritten: Stellen Sie sich das Gehirn einer Ameise und das von - wie hieß der noch? - Einstein, glaube ich, vor. So in etwa!“

"Ich vermute, dabei handelt es sich wieder um so ein Dimensionsding?"

"Ja."

„Wie groß ist das?“

„Ungefähr wie ein Sonnensystem...“

„Waaas?“, staunte ich, „wie ein Sonnensystem?“

„Wie ein großes!“

"Ein Gehirn wie ein großes Sonnensystem...Okay, das ist so ein Dimensionsding!“

„Ihr würdet es sicherlich als Gott aller Götter bezeichnen – und Recht damit haben. Wenn es je irgendwo einen Gott geben sollte, dann ihn.“

„Wow“, war alles, was ich von mir geben konnte, "das erinnert mich an Marvin".

„Ja, so könnte man das Gehirn auch nennen.“

"Marvin?".

"Kenne ich nicht, wer ist das? Ich meine WOW".

„Marvin? Ich denke, Sie wissen alles. Marvin ist der leistungsfähige Computer aller Zeiten, aber total unterschätzt und unterfordert... Aber klein, naja, zu klein für ein Sonnensystem. Aber verdammt schlau... Und das Programm? Es muss doch so etwas wie ein Programm für dieses Sonnensystemgehirn geben“, wollte ich wissen.

„Das Leben selbst“, kam es von der Meduse, denn der Kalmar tanzte immer noch – wenn auch sehr langsam. Erstaunlicherweise hatte er seinen Hut beim Tanz nie verloren. Trotzdem oder gerade deshalb waren seine Bewegungen unglaublich schön.

„Und die Energie? Ein Gehirn verbraucht doch Energie? Das wird doch in allen Dimensionen so sein...“

„Das Leben selbst oder die Lebensenergie – das, was wir von Gawliczek abholen wollen, ist ein kleiner Teil davon. Das Universum aller Universen hat das Leben, das Universum und den ganzen Rest geschaffen und jetzt holt es zurück, was es gegeben hat. Damit schafft es wieder neues Leben... Ein Kreislauf...“

„Wiedergeburt“, murmeldachte ich.

„Wenn Du so willst“.

„Und wo gehen die ganzen „Seelen“ hin? Ich weiß ja, dass es keine „Seelen“ gibt, aber Sie verstehen schon, was ich meine. Also wo werden die alle hingebracht?“

„Schwarze Löcher“, kam es von der Meduse, „Schwarze Löcher kennen Sie doch wohl?“

„Ja!“

„Schwarze Löcher sind so massiv, dass sie sich durch viele Dimensionen ziehen. Manche bis nach ganz oben, dahin, wo auch wir die Welt auch nicht mehr verstehen können, zu viele Dimensionen! Es gibt eine Sonderform von Schwarzen Löchern. Wir nennen sie „Weiße Löcher“. Die wurden extra dafür geschaffen. Sind wie Schwarze Löcher, allerdings mit einer Verbindung in eine Art Überraum, dort wo sich das Gehirn befindet, dorthin werden die Lebensenergien geleitet und... naja, vereinfacht gesagt, gereinigt und aufbereitet...“

„Wurmlöcher und recycelt“, entfuhr es mir.

Die Meduse gab so etwas wie ein mildes und gleichzeitig erstauntes Lächeln von sich, ungefähr so, wie ein Lehrer lächelt, wenn der dümmste Grundschüler plötzlich die richtige Antwort auf die Frage, wie laut der Urknall war, weiß.

„Ja, in etwa, wenn man so will! Wurmlöcher bleiben im Wurmuniversum, Weiße Löcher nicht. Aber Recycling trifft es fast. Da sind noch ein paar Dimensionen beteiligt.“

„Also verstehe ich es eh nicht...“

„So in etwa. Komm, lass uns umkehren, Gawliczek wartet.“

„Ich denke, seine Zeit steht still, wie soll er da warten?“

„Lass uns gehen, es reicht...“

„Müssen wir zurück?“

„Nein, nicht nur die Zeit ist eine Illusion, auch der Raum! Wir sind immer überall. Das ist der Vorteil, wenn man sich in höheren Dimensionen bewegt. Wir müssen nur die richtigen Vektoren nehmen.“

Die Meduse hatte Recht. Medusen haben übrigens immer recht. Wer Medusen kennt, weiß das und legt sich nicht mit denen an. Wenige, die das nicht wußten, und sich mit Medusen angelegt haben, haben das in irgendeiner Form bedauern können oder gar überlebt.

Momente später hatte ich wieder einen Körper, sogar einen, der mehr oder weniger stimmte. Und er war vollständig, alles passte, alles saß am richtigen Fleck. Kein Grund, sich mit der Meduse anzulegen.

„Sehen Sie“, sagte der Dunkle, der nicht mehr der riesige Kalmar war, sondern der Dunkle, der Keith Richard ohne Telecaster so ähnlich war, „Habe ich doch gesagt..., hat doch geklappt... Habe ich doch gesagt. Oder sagte ich das schon?“

„Wie häufig haben Sie das schon gemacht?“, fragte ich.

„Das war das erste Mal“, gab er zu und lächelte mich an (eigentlich grinste ermich frech an), „aber ich hatte für alle Fälle die Bedienungsanweisung dabei. Er fasste in eine Tasche und holte ein schätzungsweise zwölfbändiges Werk heraus. „Hier“, sagte er, „das ist sie.“. Er schaute das Buch an dann mich verdutzt an: "O je, das war die Falsche... Naja, macht nix, ist ja gut gegangen!"

Wir saßen wieder auf unseren Stühlen, die Schwester bewegte sich wieder, sie zog die Tür hinter sich zu, und der Lufthauch war auch wieder zu spüren.

„Werde ich alles vergessen?“, fragte ich den Dunklen.

„Sie meinen, wie in „Men in Black?“ “, lachte er, „nein, keine Angst, Sie werden alle Erinnerungen behalten. Können Sie ruhig, Ihnen wird sowieso niemand glauben. Niemand. Und wenn Sie die Geschichte in Eurem Internet schreiben werden, dann werden die Leute nur lachen und sagen: Er nun wieder...! Und keiner wird´s glauben.“.

Die Schwester kam, um mich zu holen. Gawliczek starb in dem Moment, als ich an sein Bett trat. Ich nahm ihm den Brief, den er in der Hand hielt, aus der Hand. Er ließ ihn gleich los. Da lebte er wohl noch etwas. Der Eierschalenfarbene und der Dunkle machten ein paar sehr schnelle Bewegungen mit den Händen UND den Füßen sowie wie ein par Klicklaute, aus der Leiche stieg eine kaum sichtbare Dunstwolke auf, die in Form und Größe entfernt auf Gawliczek erinnerte, und dann waren sie alle drei verschwunden. Die Krankenschwestern hatte nichts mitbekommen. Wie auch?

„Machts gut“, dachte ich.

„Wird schon werden“, glaubte ich den Dunklen noch zu vernehmen und nach einem Moment schon ziemlich leise: "Entschuldigung wegen der Bedienungsanleitung!". Das war´s dann.

Siehste, und Sie denken sich: Er nun wieder. Oder: So ein Quatsch! Sehen Sie, und genau das ist das Problem - so geht mir das immer. Kaum erzähle ich mal keinen Quatsch, denken alle Lesser, was für ein Quatsch... Vielleicht sollte ich mir mal Quatsch ausdenken.

Ach so, das wollen Sie ja wissen: Was in dem Brief war? Nichts Besonderes – etwas Geld für seine Beerdigung. Die Kinder kamen übrigens nicht. Die Todesanzeige, die sie in der lokalen Zeitung geschaltet hatten, lautete

Gawliczek ist tot

Mehr unter www.gawliczekisttot.de

Mehr nicht. Die billigste Anzeige, die von der Lokalzeitung angeboten wurde. Ich fand´s stillos, vor allem das mit der Internetadresse, da stand nämlich auch nichts. Mag sein, dass man das heute so macht. Ich hätte es jedenfalls anders gemacht. Gawliczek vermutlich auch. Vielleicht hätte ich geschrieben: „Gawliczek ist weiter..." und ein bisschen über ihn, vielleicht ein Foto. Aber was wussten die schon.

Das Geld hat übrigens für eine vernünftige Beerdigung mit einigen flotten alten Damen als Gäste und ein paar Flaschen Champager gereicht. Da habe ich den alten Gawliczek verstanden. Die Damen haben nämlich gesagt, sie würden wieder kommen.


Der vorstehende Text ist eine stark gekürzte Zusammenfassung der einmaligen prä- und posttödlichen Wahrnehmungen von Slartibartfass.

Die suprauniversalen Rechte wurden vom Autor an den Verlag OMNI+TOUT veräußert. Die ungekürzte Geschichte wird unter dem Titel "Gawliczek ist tot. Aber die ganze Geschichte" auf dem Planetem BIBLIO 7 derzeit parallel geschrieben, in alle Universalsprachen übersetzt, lektoriert, als Buch gestaltet, gesetzt und gedruckt und wird spätestens in ca. 12 irdischen Jahren als 12 bändiges Werk in toto parallel in allen Universen veröffentlicht werden.

Hinweis: Gawliczek ist ein aus Gründen des irdischen Persönlichkeitsrechtes gewähltes völlig frei erfundenes Pseudonym eines Verstorbenen, der nie als Nachbar von Slartibartfass aufgetreten ist (er aber hat unter Slartibartfass gewohnt).  Champagner ist ein prickelndes und berauschendes Getränk, das auf dem Planeten Erde gerne in größeren Mengen von Damen unter dem Namen Mädchenbrause getrunken wird, um sich von Hemmungen aller Art zu befreien. Es ist nicht zu verwechseln mit Caco Calo.


 

Nur so ein Gedanke

Denken Sie einmal an Libellen... Libellen leben als fliegende Tiere nur ca. 8 Wochen, als Larve unter Wasser aber zwischen mehreren Monaten und 5 Jahren. Dazwischen findet eine vollständige Metamorphose statt, in der aus dem hässlichen Unterwasser-Raubtier ein wunderschön-schillerndes „Fliege-Tier“ wird. Zurück bleibt eine tote Hülle ("Leiche"), die man Exuvie nennt.

Metamorphose – da könnte ein seltsam denkender Mensch doch vergleichend ans Leben und Sterben eines Menschen denken... Erst lebt der Mensch („erdgebunden“) auf der Erde, dann stirbt er (= macht eine Metamorphose durch, hinterlässt einen toten Körper) und dann „lebt“ er vielleicht ja doch irgendwo (anders) als „Seele“ in einem Bereich, der uns Menschen verborgen bleibt...

Ich vermute stark, dass eine Libelle als Unterwasser-Raubtier keine Vorstellung von ihrem zweiten Leben in den Lüften hat. Wie bei uns Menschen... wenn wir denn ein zweites Leben hätten, wie manche Religionen uns versprechen

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Weil hier absolut nichts "Wirtschaftliches" stattfindet und ich als Websitebetreiber keine juristische Person/Firma bin, habe ich von einer Angabe von Steuer(Ident)nummer und Bankverbindung abgesehen. Ich hoffe, das ist für Sie okay - ansonsten können Sie mich ja fragen... (wenn es Sinn macht). Es handelt sich bei VEBQUERSTROM um eine sehr private Website, die Ihrer Unterhaltung dienen und - manchmal mit unsäglichen Kommentaren - auch zum Nachdenken anregen will. Irgendwelche wirtschaftlichen Interessen stehen an keinem Punkt dahinter! Sie können die Artikel und Bilderserien nur konsumieren, nicht kommentieren, also können Sie sich auch nicht als User registrieren. Ein Email-Versand findet nicht statt, das wäre mir viel zu viel Arbeit...

Ob die Website Cookies verwendet oder irgendwelche Daten von Ihnen speichert? Ob irgendwelche Google-Tools im Hintergrund laufen? Ehrlich, liebe User, ich weiss es nicht - und wenn, dann komme ich an diese - Ihre - Daten nicht heran. Ihre Daten interessieren mich auch nicht. Und andere kommen auch nicht an Ihre Daten, hoffe ich. Ich weiß allerdings nicht, ob irgendwelche UK-/US-Geheimdienste mitlesen!!! Also seien Sie lieber vorsichtig...