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Früher war alles einfacher, da hieß das hier Querdenken, Querdenkereien oder Quer-ich-weiß-nicht-was. Dann kamen diese unegalen Möchtegern-Querdenker, die verrückten Ärzte, Köche, Nazis, Impfgegner und Gates-Feinde, die allesamt Corona ablehnen, und das auch öffentlich abstands- und maskenlos protestieren. Mit denen möchte ich bitte auf keinen Fall in einen Topf geworfen werden. Deshalb kein Querdenken mehr, das könnte verwechselt werden, jetzt bin ich eben am ceterum censeo...
 Bananenbuch
"Wenn Bananen "Wenn Gondeln Trauer tragen" sehen.
Ein außergewöhnlicher Fotocomic, den man gelesen haben muss

Hier in voller Länge

Morituri. Teil 4 und Ende des ganzen Romans

Klaus Bock by Klaus Bock

11. Dezember. Hanna bei der Anwältin

Die Anwältin blickte von ihren Notizen auf und sah Hanna über den Rand ihrer Lesebrille freundlich an. „Ich fasse jetzt noch mal zusammen, meine Liebe, denn ich will wirklich jedes Missverständnis ausgeschlossen haben und morgen kommt Brigitte, meine beste Kraft, ich will noch heute diktieren. Einverstanden? Haben sie die Zeit noch?“

Hanna nickte und nahm noch einen Schluck von dem Ingwer-Honig-Tee, der ihr serviert worden war.

Sie lehnte sich behutsam in dem roten Ledersessel zurück, denn auf Hannas Schoß schnurrte Kanzleifachkater Bruno bereits länger leise vor sich hin. Hanna war erleichtert, dass sie heute gekommen war und sich ab jetzt um keine Details mehr kümmern musste – Sarah würde ihre Umsicht zu schätzen wissen, sie hatte die Sache nun rund gemacht…

„Sie sind also sicher, dass sie die junge Dame nicht adoptieren wollen?“, hub die Anwältin an, „ich habe Ihnen den Erbschaftssteuervorteil erläutert und werde den Notar auch darauf hinweisen, dass sie sich ganz bewusst anders entschieden haben. Sonst hören sie nämlich von dem den ganzen Vortrag nur noch mal, ich kenne doch meinen alten Studienfreund, der arbeitet halt gut.“

Hanna nickte wieder und betonte noch mal, wie wichtig es ihr sei, dass der Notar zu ihr ins Haus käme, weil sie doch behindert sei.

„Das wird er, keine Frage. Und den Entwurf bekomme ich erst einmal zur Kontrolle, ich rufe sie an und komme dann zu Ihnen hinüber, kein Thema, es ist doch eh nicht weit… Also, an der von Ihnen selbst bewohnten Wohnung erhält die Begünstigte ein lebenslanges Nießbrauchsrecht, das erstreckt sich noch auf einen Ehemann, falls sie denn einen hat, und es ist danach nicht mehr weiter vererblich, weil sie spätere Kinder der Begünstigten aus biologischen Gründen ausschließen, richtig?“

„Ja.“

„Ein weiteres Nießbrauchsrecht wird der Begünstigten an der jetzt schon von dieser bewohnten Wohnung bestellt, Konditionen wie vor, und sie erhält dazu ein Geldvermächtnis von 1,5 Mio €, das wird wertgesichert von jetzt an bis zu Ihrem Ableben.“

„Ja, es sei denn, sie finden die Summe zu gering, aber der Stiftung muss doch auch genug bleiben, sonst ist die ja nicht ordentlich handlungsfähig, oder?“

„Das sollte ausreichen. Sie hatten ja vorgesehen, dass die Stiftung für alle Betriebs- und Instandhaltungskosten der beiden Wohnungen aufkommen muss, wir können ja noch die Heiz- und Warmwasserkosten reinnehmen, die zu Lebzeiten der Begünstigten anfallen?“

„Gute Idee, das machen wir.“

„Ihr restliches Geld, ihr Sach- und Immobilienvermögen hat die Stiftung, neben den Vermächtnissen für die Frau Sarah.“

Die Anwältin schwieg ein paar Minuten und sah auf die Papiere vor sich, „da wäre mir aber doch lieber, sie verifizieren noch einmal den Geburtsort und den Namen ihrer beiden Eltern, auch wenn die nicht mehr leben“.

„Ja, das mache ich bis der notarielle Entwurf fertig ist, da können sie sich darauf verlassen.“

„Schön. Dann haben wir noch das kleine Geldvermächtnis für Frau Z. und Herrn F., – na die werden ja Augen machen, dass sie die Vermächtnisse ohne jede Auflage haben wollen, mit jeweils fünfzigtausend Euro und auf die Personen beschränkt, aber mit Anwachsung, falls einer der beiden vorzeitig vor dem anderen das Zeitliche segnen sollte, was wir ja nun beide nicht hoffen, haben wir auch.“

„Na, das ja nun bestimmt nicht, den beiden wünschen wir ein sehr langes Leben, das ist klar. Und denen Auflagen zu machen, wäre ja fast frech von mir. Wenn einer das Herz am richtigen Fleck hat, dann die zwei, die brauchen wirklich keine Auflagen.“

„Damit haben wir eigentlich alles Wesentliche. Die Mietverträge der Mitglieder Ihrer Alters-WG habe ja eh ich gemacht, da würde ich nur vorschlagen, wir lassen vorsorglich im Testament noch einmal bestätigen, dass sie wirklich als Verträge mit Bruttowarmmieten mit 30-jähriger Laufzeit abgeschlossen worden waren.

Dem Stiftungsrat stehen sie ja jetzt schon vor, danach Frau Sarah, und der Notar, mein Mann und ich bilden das Kuratorium. Die Anerkennung – das zum Thema Unwiderruflichkeit – bekommen wir übrigens nächste Woche, der Herr Seitz von der Behörde hat angerufen, oder sagte ich das schon?“

Als sensibler Kanzleifachkater hatte Bruno den Schlusston aus der rhetorischen Frage seiner Tütenöffnerin herausgehört und sprang mit einem selbstvergessenen kleinen Laut von Hannas Schoß. Die verstand den Kater, war selbst ein wenig erschöpft und wollte nach Hause. „Schöner Ausblick“ sagte sie noch mit einem Blick auf die über Nacht leicht verschneite Terrasse vor dem Arbeitszimmer ihrer Anwältin, bevor sie dann in den Rollstuhl umstieg.

15. Dezember: Fahrt mit dem Borgward

Seit ein paar Tagen war Tante Gretens alter Borgward wieder fahrbereit. Die Kosten hatten sich in Grenzen gehalten – aber Sarah hatte Udo ein bisschen etwas dazu gegeben und jetzt glänzte die alte Karosse, als ob sie funkelnagelneu wäre.

Das Schmuckstückchen stand vor der Tür und Udo holte Hanna und Sarah ab, brachte Hannas Rollstuhl zurück in den Hof, wo er ihn abstellte und sie fuhren die paar Meter zu Tante Greten.

Tante Greten ging es in den letzten Wochen nicht mehr so gut. Sie war deutlich gealtert und sie war schwach geworden. Deshalb holten Sarah und Udo sie oben in der Wohnung ab und führten sie an beiden Armen zum Auto.

Als sie den chromblitzenden Borgward sah, schlug sie die Hand vor den Mund und rief: „Ist er das wirklich, mein Udo? Mein alter Borgward? Der jetzt dein Borgward ist?“

„Ganz bestimmt“, sagte Udo, „das ist er… Ein bisschen geputzt, ein bisschen poliert, viel mehr war gar nicht zu machen, Tante Greten! Ist es nicht ein Schmuckstück geworden?“

Tante Greten tätschelte Udo die Wange und gab ihm dann einen Kuss: „Wunderschön ist er geworden, und fahren tut er auch?“

Sie schaute Sarah verschmitzt an und fragte: „Ich darf ihm doch einen Kuss geben, oder? Meinem Udo, oder besser unserem Udo?“

„Natürlich“, lächelte Sarah, „immer zu…“

„Ja“, sagte Tante Greten, „ich bin ja auch eine alte Frau, die nicht mehr lange zu leben hat, da bin ich ja keine Konkurrenz, aber du hättest mich vor fünfzig Jahren sehen sollen, Sarah, da hättest du nicht so schnell „immer zu“ gesagt, meine Liebe.“

„Das glaube ich gerne“, sagte Sarah, „das war wohl so…“

„Einsteigen, meine Damen“, sagte Udo, der nichts mitbekommen hatte, „Tante Greten neben mir auf den Beifahrersitz, schon ehrenhalber, denn das ist ja ihr Wagen, Sarah bitte zu Hanna nach hinten!“

Als alle eingestiegen waren, ließ Udo das Prachtstück anrollen. Wer sie sah, schaute fasziniert auf das alte so schön herausgeputzte Auto. Väter zeigten ihren Söhnen mit ausgestreckten Armen das schöne Auto aus alter deutscher Produktion, denn so etwas wurde heute nicht mehr gebaut – trotz Porsche, BMW, AUDI oder Mercedes. Mehr PS, schneller, mehr Elektronik: Ja! Aber schöner? Nein. Keinesfalls.

Das war kein Auto zum Protzen! Das war ein Auto zum Dahingleiten, ein Auto zum Genießen. Und sie genossen die Fahrt durch Schwabing. Udo fuhr nicht schnell, Udo ließ das Auto einfach nur… rollen.

Als er nach einer Stunde wieder vor dem Haus hielt, in dem Tante Greten wohnte, weinte diese leise vor sich hin. „Danke, Udo“, flüsterte sie, „dass ich das noch erleben durfte… Das war schön! Ich danke dir… Du hast mir eine große Freude bereitet, so eine große, du glaubst das gar nicht… Ich habe mich fast so jung gefühlt, so wie damals.“

Dann brachten Udo und Sarah sie wieder hinauf. Als sie oben waren und Tante Greten die Tür geöffnet hatte, bat sie die beiden, sich um Hanna zu kümmern. Sie wollte jetzt leiber alleine sein, „ein bisschen von früher träumen“, sagte sie und dass sie sehr müde sei, dabei streichelte sie beiden die Wangen. Dann schloss sie die Tür hinter sich.

17. Dezember. Hanna und Sarah

„Schluss jetzt mit dem Affentheater“, Hanna schaltete mit einem energischen Knopfdruck auf der Fernbedienung den Fernseher aus und drehte sich zu Sarah um, die es sich mit einer leichten Decke auf Hannas Couch gemütlich gemacht und sehr gerne mit der vertrauten Freundin die Tierarztserie mit dem klugen Äffchen angeschaut hatte.

Natürlich tat sich Hanna diesen Quatsch nur Sarah zuliebe an, das wusste man ja, und auch die ließ nie einen lauten Zweifel darüber aufkommen, dass sie selbst sich nur opferte.

„Jetzt ein Gläschen Mädchenbrause“, seufzte Hanna als der Affe wieder einmal alle zum happy end geführt hatte. Sarah verstand den Wink, stand auf und holte die eisgekühlte Flasche und zwei Gläser ins Wohnzimmer.

„Ist das eigentlich feig, wenn man sich wünscht, dass man auch stirbt?“

„Aber Sarah, was sind denn das für Töne. Willst dich aus dem Staub machen?“

„Mir geht’s gut, aber meine Frage war ernst gemeint.“

Hanna blickte sie besorgt an, was lag ihr auf dem Herzen? Wurde sie womöglich mit ihrem Racheakt doch nicht fertig, dann hätte sich Hanna sehr getäuscht gehabt, das würde sie bedauern.

„Ich meine, ich sehe einfach, dass wir immer weniger werden. Über Tante Greten mache ich mir auch Gedanken und wir…, wir sind doch unsere einzige Familie…, irgendwie. Hast du nie Angst davor, plötzlich alleine in diesem Haus zu sitzen?“

„Nein, habe ich nicht… Und, weißt du, alleiner, als wenn dir das Kind und der Mann wegsterben, die du mehr geliebt hast, als alles vorher und nachher, so im Herzen allein, liebe Sarah, kannst du gar nicht sein. Was bedrückt dich, komm, spuck´s aus.“

„Hanna, mach mir nichts vor. Ich ahne deine Pläne und, naja, was wird wirklich aus mir, wenn es dich mal nicht mehr gibt“, sie räusperte sich, „ich meine, wer guckt dann mit mir samstags Charly, also ich meine, mit wem kann ich dann über alles wirklich reden und manchmal auch heulen, wenn es so kitschig wird, das komische Leben?“

„Darüber, über dein Leben, wollte ich mit dir ohnehin sprechen Kindchen und jetzt meine ich es ernst.“

Hanna machte eine kurze Pause und schaute ihre Freundin direkt an: „Ich habe keine Tomaten auf den Augen und ich glaube auch, dass besondere Dummheit nicht zu meinen hervorstechendsten Eigenschaften gehört, oder? Du und Udo, ihr geht seit einiger Zeit ganz anders miteinander um. Bahnt sich da etwas an, was du vielleicht nicht zulassen willst?“

„Hhm.“

„Los, raus mit der Sprache. „Habt“ ihr oder „werdet“ ihr oder wie stehst jedenfalls du zu Udo?“

„Wärst du nicht du, so müsste man dich erfinden, Hanna. Exakt diese Fragen hat der mir auch gestellt. Also nicht, ob wir schon „haben“, das weiß er ja, aber ob wir „werden“…, also noch mal und nicht „nur so“, weil ich mich allein fühle, das wollte er neulich wissen. Und da hatte er dann so einen süßen Kieks in der Stimme, da habe ich dann einfach lachen müssen.“

„Na, sehr geschickt, zu lachen! Damit kaufst ihm ja den ganzen Mut ab, Kind. Wolltest du das?“

„War blöd, gebe ich zu, aber ich habe mich einfach nicht getraut, etwas hochkommen zu lassen, kannst dir doch denken, warum.“

„Nein.“

„Soo, nicht? Udo weiß ja auch, womit ich mein Geld verdiene, kennt auch meine beschissene Vergangenheit. Das steht schon im Wege, glaubst du nicht auch?“

„Nein, er ist doch nicht doof. Wie sehr mag er dich denn, weißt du das wenigstens?“

„Naja, also, so als Frau, da mag er mich schon sehr. Da hat´s richtig gefunkt bei uns, also auch bei ihm, glaube ich. Und er streicht schon immer ums Studio rum, wenn da Licht ist, das weiß ich. Also beschützen würde der mich immer, da bin ich sicher. Aber reicht das?“

„Beschützen gehört dazu, jedenfalls das Wollen. Warum denkst du, beschützt ein Mann eine Frau, an der ihm nichts läge? Von der er so viel weiß, wie Udo von dir. Na?“

„Hhm.“

„Ich sähe es schon gerne, dass ihr eine gemeinsame Zukunft habt, Sarah. Einsamkeit ist schlimm und ich habe den Eindruck, ihr mögt euch…, sogar sehr?“

„Ich habe ihm das schon mal angedeutet, also wie ich ihn mag. Und dann, dann sagt er doch glatt, er „mag mich leiden“! Na dann, habe ich mir gedacht, wenn der sich soo reinhängt und mich bloß „leiden“ kann, dann sag ich ihm auch nicht, wie es mit mir wirklich steht, besonders, wo ich ihn gerade im Arm hatte…“.

Zu Sarahs Verblüffung lachte Hanna jetzt aus vollem Halse, das hatte sie noch nie bei ihr erlebt und es schüttelte sie geradezu so, dass es aus dem Glas in ihrer Hand schwappte.

„Und dann hat Udo auch noch gesagt, das könntest du „mal wieder machen“, oder?“, wollte Hanna endlich wissen, als sie sich noch die Lachtränen aus den Augen wischte.

„Woher weißt du das – genau.“

„Das war die Liebeserklärung eines Norddeutschen mein Kind! Und jetzt geh in die Speis´, hol die andere Flasche Champagner und geh damit sofort zu Udo. Aber dalli! Und wie immer du es anstellst, spät ist es ja noch nicht, bring ihn in ganz schwere See und mache ihm klar, dass er dich gefälligst entern soll, äh…, Klartext: Dass er Farbe bekennen muss und du tust es gleichfalls. Aber bitte so deutlich, dass es auch ein Mann kapiert, verstehst du? Sonst wirst du enterbt!“

Damit Sarah war entlassen und Hanna war richtig froh, dass sie die Anwältin das mit dem „Ehemann“ noch in das Testament hatte einbauen lassen. Ihr innerer Engel klopfte ihr auf die Schulter! Mehr musste sie sich ja nicht in die Karten schauen lassen, aber für ein dauerhaftes zu Hause für ein altjunges Glück hatte sie gesorgt; wie schön, dass Udo wirklich stets so lange reparierte, bis bei ihm schließlich immer das Licht anging.

24. Dezember. Tante Greten

22.30 Uhr. Die Gruppe, die sich bei Hanna zur Weihnachtsfeier eingefunden hatte, war gegenüber der im letzten Jahr kleiner geworden: Edgar und Wolf-Dieter fehlten. Nur Hanna, Sarah, Udo, der Graf und Tante Greten waren geblieben.

Der Graf war am Nachmittag in Hannas Wohnung gekommen, um den Weihnachtsbaum zu schmücken, Hanna hatte daneben gesessen und aus dem Stuhl heraus kleine Korrekturen bestimmt: „Die Kugel ein bisschen höher, die ein bisschen nach rechts...“

Es waren keine wichtigen Änderungen, aber die Zeit verging darüber. Das Ganze hatte sich in ihrer Wohngemeinschaft in den letzten Jahren so eingebürgert: Udo besorgte den Baum und stellte ihn in Hannas Wohnzimmer auf, Hanna und der Graf schmückten ihn und Sarah deckte den Tisch. Tante Greten kam dazu und trank ein klitzekleines Likörchen.

Das Radio spielte ununterbrochen Weihnachtsmusik – viel „Internationales“, ab und zu die schönen alten deutschen Lieder.

Als sie fast fertig waren, bat Hanna den Grafen, noch eine kleine Pappschachtel aus dem Schrank zu holen, da waren Ihre Lieblingskugeln drin aufbewahrt: Mundgeblasene Kugelfische (ja es waren fast wirklich Kugeln) in Blaugrün und Silber! Kitschig, aber schön. Der Graf sah sofort ein, „die mussten sein“. Er erinnerte sich auch daran, dass die Prozedur letztes Jahr genauso abgelaufen war: Zum Schluss waren die Fische gekommen! Er hängte vier Kugeln aus seinem fertigen Arrangement wieder ab und platzierte die Kugelfische an den exponiertesten Stellen im Baum.

Schließlich wurden die Bienenwachskerzen angebracht („Elektrisches kommt mir nicht an den Baum“, hatte Hanna rigoros bestimmt und weil sie die Chefin war, waren es eben Wachskerzen).

Endlich waren die beiden mit ihrer Arbeit zufrieden und der Graf hatte sich zurückgezogen. Hanna hatte Sarahs „Tischlein deck Dich“ kontrolliert und für gut befunden. Dann hatte Sarah Hanna allein gelassen und war in ihre Wohnungen gegangen, um ihre letzten Weihnachtsvorbereitungen zu treffen, sie wollte schließlich schön sein an so einem Abend!

Hanna hatte Königin-Pasteten vorbereitet; das war kein großer „act“, Herr F. aus dem Laden hatte das Ragout fin am Vormittag geliefert und Hanna in der Küche überredet, ein Glas des neuen Rotweines zu probieren, den er entdeckt hatte: „Nur ein Glas... ist doch Weihnachten!“

Die Küche war Herrn F. das Liebste in Hannas Wohnung. Ab und zu kochte er für die Alters-Wohngemeinschaft in dieser High-Tech-Umgebung, die dem Koch alle technischen Finessen bot. Danach lobten ihn dann immer alle über den grünen Klee und er genoss das. Später kam dann meistens noch Frau Z. hinzu und es wurde so richtig „griabig“ bei der einen oder anderen Flasche Wein.

Das Weihnachts-Ragout fin musste am Abend nur noch warm gemacht werden, die Pasteten wurden nur aufgebacken. Ein bisschen Reis dazu und grüne Erbsen, fertig!

Auch dieses einfache Weihnachtsessen hatte sich in den letzten Jahren eingebürgert und alle freuten sich darauf. Geschenke würde es keine geben, höchstens ein paar Kleinigkeiten.

Gegen sieben Uhr trafen sie alle wieder ein. Hanna empfing sie in einem schlichten schwarzen Abendkleid und versuchte, am Heiligen Abend so gut es ging, ohne Rollstuhl auszukommen.

Sarah erschien in einem Traum von rotem Abendkleid, dass alle Vorzüge, die die Natur ihrer Figur mitgegeben hatte, wundervoll präsentierte.

Tante Greten hatte gar nicht kommen wollen, sie hatte am Mittag bei Hanna angerufen, um sich abzumelden, sie sei so müde, hatte sie gesagt, sie hätte gar keine Kraft, um sich aufzuraffen und sie würde den anderen nur das Fest verderben.

„Unsinn“, hatte Hanna gesagt, „ich rede mit den Männern, dass die dich abholen. Weihnachten ohne meine Tante Greten, das geht doch gar nicht...“

„Ach nö, nicht…“. Tante Greten hatte es noch ein paar mal versucht, aber sie biss bei Hanna auf Granit.

„Na gut“, hatte sie schließlich nachgegeben, „dann schicke die Jungens, aber ich werde früh ins Bett gehen. Mir ist nicht so...“

Der Graf und Udo hatten Tante Greten abgeholt. Als sie mit ihr erschienen, trug Tante Greten ein schlichtes schwarzes Kleid mit weißem Stickkragen. Der Graf war elegant wie immer gekleidet in seinem dunklen Anzug und Fliege mit passendem Einstecktuch aus „dem Laden“ (dem anderen, der nur für Herren, der gleich neben dem Markusplatz in Venedig).

Die große Überraschung war Udo! Der Graf hatte ihn in wochenlangem Bemühen schließlich überredet, sich „für Sarah“ endlich einmal schick auszustaffieren. Der Graf hatte ihn zu seinem Schneider geschleift und ihm einen anthrazitfarbenen Zweireiher „auf Maß“ („handgenäht, natürlich“!) machen lassen. Dann hatte er ihm ein Paar Schuhe „gemoppst“ und elegante rahmengenähte Schuhe machen lassen, die wie angegossen saßen. Schließlich hatte er Udo aus seinem unerschöpflichen Fundus eine wunderbare Krawatte mit passendem Einstecktüchlein spendiert („Die sind aber nur geliehen“, hatte er betont).

Udo sah umwerfend aus: „Frisch gewaschen und gesalbt“ hatte er gelacht als alle ihn ausführlich bewundert hatten. Sarah sagte wenig – aber ihre Augen blitzten und sie schaute den Udo immer wieder an.

Dann wurde gegessen. Sarah hatte auf Hannas Wunsch für sieben Personen gedeckt, auf zwei Plätzen hatte Hanna Platzkarten für Wolf-Dieter und Edgar gelegt. „Das ist ja eine nette Idee“, befand der Graf, „unsere Runde wird ja eh immer kleiner.“

„Erinnert mich an „Dinner for One oder wie heißt das?“, meinte Udo.

Auf Wolf-Dieters Platz lag eine silberne Zigarettenschachtel mit Gravur „Wolf-Dieter“ und an Edgars Platz eine kleine Bohrmaschine für Modellbauer, auch die mit dem Namen des Besitzers versehen: „Edgar“.

Sie setzten sich und Sarah und Udo verschwanden in der Küche, um die Pasteten zu holen.

„Todschick siehst du aus“, freute Sarah sich, „richtig schick!“

„Und du siehst umwerfend aus, absolut“, revanchierte sich Udo. Dann brachten sie die Teller hinein.

Tante Greten wollte nichts essen. „Nein, mir ist einfach nicht danach, ich habe keinen Appetit, wisst ihr was, ich setzte mich drüben in den Sessel, da störe ich nicht!“

Natürlich widersprachen alle, dass sie, Tante Greten nie und nimmer stören würde. Aber sie bestand darauf und ging langsam zum Sessel, in den sie sich mühsam fallen ließ. Hanna schaute ihr sehr skeptisch nach.

„Geht es dir wirklich nicht gut, Tante Greten?“, fragte sie besorgt. Das sah nicht gut aus, fand sie.

„Doch, doch, Kindchen, das geht schon, ich bin nur etwas müde“, war die Antwort, die auch sehr müde klang.

Dann aßen sie. Danach sangen sie zwei Weihnachtslieder – nur jeweils die erste Strophe!

„Ich habe eine Kleinigkeit für Dich !“, sagte Hanna schließlich zum Grafen und reichte ihm ein kleines Päckchen. „Das war doch gar nicht so besprochen“, sagte der Graf und wickelte eine wunderschöne Fliege aus: Schwarz schräg gefältet mit weißen Punkten.

„Ist die aus dem Laden ...?“

„... genau, dem in Venedig!“

„Wahnsinn!“

„Gefällt sie dir?“

„Natürlich!“

Für Sarah hatte sie auch etwas: Wunderbare Wäsche.

„Ist das aus dem Wäschegeschäft am Dom?“

„Mit schönem Gruß von Frau Lucchetta, die letzten Stücke, die der Meister noch selber genäht hat... Ich hoffe, sie passen?“

Alle schauten begeistert, das waren wahre Meisterstücke. Udo mochte sich gar nicht vorstellen, wie sie an Sarah aussehen würden.

„Ich habe auch eine Kleinigkeit für dich “, sagte Sarah und holte ein schuhschachtelgroßes Päckchen aus dem Flur. Hanna packte ein paar Pumps aus, schwarz mit schwarz-goldenen Applikationen, genau wie ihr Nerz.

„Wunderschön, „sagte Hanna, „wirklich. Nur, darin kann ich aber sicher nicht mehr gehen.“

„Das einzig Gute am Rollstuhl ist ja“, lachte Sarah, „gehen musst du ja auch gar nicht.“

„Stimmt auch wieder“, meinte die ebenfalls lachende Hanna und probierte sie gleich an. „Die passen“, freute sie sich.

Tante Greten schaute aus ihrem Sessel zu. „Ich habe für keinen etwas“, sagte sie, „ich konnte nicht mehr in die Stadt gehen.“

„Aber ich habe etwas für dich !“, sagte Udo und verließ auch den Raum und kam – wie Sarah vor ihm - ebenfalls mit einer schuhschachtelgroßen Verpackung zurück. „Schau einmal...“ Damit reichte er Tante Greten das Paket.

„Puh, das ist aber schwer.“

„Ja, mach´s auf.“

Als Tante Greten das Geschenk ausgepackt hatte, flüsterte sie „Wie schön... Ach, mein Udo, wie schön! Wo hast du das denn her?“

„Selbstgemacht“, sagte Udo, „erkennst du es wieder?“

„Ja“, sagte Tante Greten, „mein, nein, dein Auto. Der Borgward! So fein..., so genau!“

„Mein Gott Udo“, sagte Sarah mit Tränen in den Augen, „das ist aber schön... Hast du das wirklich selber gemacht?“

„Ja“, sagte Udo und Sarah fiel ihm spontan um den Hals und küsste ihn.

„Ist ja gut“, bemühte Udo sich, sich zu befreien und befand für sich: „Gut, dass der Schneider die Anzughose nicht zu eng genäht hat!“

Tante Greten schaute sich das Modellauto an und flüsterte immer wieder: „Mein altes Auto..., so schön!“

Als Udo sich endlich von Sarah gelöst hatte, sagte Hanna zu ihm: „Udo, das war grandios! Eines der schönsten Geschenke, das ich je gesehen habe... Ich danke dir! Das war toll, komm, lass dir auch von mir einen Kuss geben.“

Alle bewunderten nun das Auto. Man konnte die Motorhaube und die Türen öffnen, der Motor war aus Chrom gefräst, die Räder drehten sich, die Vorderräder konnten eingeschlagen werden, sogar wenn man das kleine Lenkrad drehte, folgten die Räder der Bewegung. Die Sitze waren aus besonders dünnem gelben Handschuhleder genäht. Kurz, es war ein kleines Meisterwerk!

„Wie lange hast du daran gearbeitet?“, fragte der Graf.

„Nicht ganz ´n halbes Jahr, glaube ich, was glaubst du denn, was ich die ganze Zeit in der Werkstatt getan habe?“

„Keine Ahnung..., irgendetwas Grobes, vielleicht. Das hier ist aber so fein gearbeitet, das ist besser als alles, was der Edgar je gebaut hat.“

„Naja“, wehrte Udo bescheiden ab (dabei fand er das auch!).

„Nein, wirklich, der hat auf andere Dinge Wert gelegt, zum Beispiel, dass seine Modelle fliegen oder auf die Fernsteuerung – aber das hier, wirklich, ein Meisterwerk!“

Udo wurde glatt ein bisschen rot über das Lob!

Und wie rot wurde er erst, als Sarah kam und ihm sehr leise sagte, dass sie ja auch ein Geschenk für ihn habe, aber das habe sie nicht mitbringen können..., sie würde es ihm hinterher machen, das Geschenk, bei ihr!

„Sarah, kriege ich mein Auto jetzt bitte wieder?“, fragte Tante Greten, „das ist doch meines, nicht wahr Udo?“

Udo nahm Sarah, die es gerade zum xten Mal bewunderte („so etwas kann mein Udo!“, dachte sie), das Modellauto aus der Hand und gab es Tante Greten. Die nahm es auf den Schoss und ließ es nicht mehr los.

Sie setzten sich wieder an den Tisch, Sarah holte eine Flasche Champagner aus der Kühlung, verteilte Gläser und der Graf schenkte ein. Sie und plauderten und lachten. Die weniger schönen Dinge, die sie im Verlauf des Jahres erlebt hatten, ließen sie aus. Stattdessen stießen sie auf Edgar und Wolf-Dieter an. Und sie lobten Herrn F. für sein hervorragendes Ragout fin, zogen launisch über ein paar Kunden des Ladens her, fanden die Frau Z. so nett. Das Gespräch nahm viele Wendungen. Niemand achtete auf Tante Greten, die weiterhin ganz still in ihrem Sessel saß, das Auto lag immer noch auf ihrem Schoss, mit einer Hand hielt sie es fest.

Irgendwann schaute Hanna zu Tante Greten hinüber und fragte: „Tante Greten, geht es dir gut?“

Tante Greten antwortete nicht, also stand Hanna auf und ging zu ihrer Tante. Sie schaute sie an, nahm ihre Hand, die sackte kraftlos zurück, als Hanna sie losließ.

Tonlos sagte Hanna: „Sie ist tot, unsere Tante Greten!“

„Nein“, schrie Sarah auf, „tot? Tante Greten?“

„Ja“, sagte Hanna, „wir müssen einen Arzt holen.“

Es war ganz still im Raum. Es herrschte eine totale Schreckstarre. Dass Tante Greten einmal sterben würde, das war ja allen klar gewesen – vielleicht auch bald... Aber heute? Jetzt? Damit hatte niemand gerechnet, das mussten sie erst einmal verdauen. Sarah saß still auf ihrem Stuhl und weinte, Udo stand neben ihr und hatte tröstend seine Hand auf ihre Schulter gelegt. Hanna war ans Fenster getreten und schaute wortlos ins Nichts der Nacht hinaus.

Dann sagte der Graf: „Ich rufe jetzt den Notarzt.“

Zehn Minuten später stand der Notarztwagen mit flackernden Blaulicht vor der Tür. Die Fenster vieler Wohnungen in der Hübnerstraße wurden aufgerissen und die Menschen schauten neugierig heraus: Was war denn da los?

Notarzt und Sanitäter konnten auch nur noch Tante Gretens Tod feststellen: „Herzstillstand!“, diagnostizierte der Notarzt, „sind sie Verwandte?“

„Ich“, meldete sich Hanna, „ich bin ihre einzige Verwandte, das ist meine Tante.“

„Mein Beileid“, kondolierte der Arzt, „aber wenn es ein Trost für sie ist: Sie hatte den leichtesten Tod, den man sich vorstellen kann... Im Kreise ihrer Lieben ist sie einfach eingeschlafen! Sie wird es kaum gemerkt haben... So würden viele Menschen gerne sterben.“

„Ja“, sagte Hanna, „ich auch!“. Und dann fügte sie leise hinzu: „Aber daraus wird wohl nichts werden.“

„Wie bitte?“, fragte der Arzt, der das Letzte nicht verstanden hatte.

Hanna winkte ab: „Nichts, war nicht wichtig!“

Gegen zwei Uhr morgens rief Sarah bei Udo an: „Willst du dir nicht dein Weihnachtsgeschenk abholen kommen?“

30. Dezember. Trauerfeier

Hanna rollte hinüber in den Laden und war froh, dass außer Herrn F. niemand da war.

„Sie, Herr F., ich hatte mir gedacht, dass wir statt einer Abschiedsfeier für meine Tante in einer Aussegnungshalle bei mir zuhause ein Essen veranstalten. Wir vier, die nachgeblieben sind, sie und Frau Z., Ernstl vom Kiosk und die Helga. Insgesamt also acht Personen. Können sie uns ein Menü kochen – ich glaube, dass würde der Tante Greten besser gefallen, als so eine Abschiedsfeier in einer kalten Halle auf dem Friedhof.“

„Ja, gerne“, sagte Herr F., „das finde ich aber eine nette Idee... und dass sie mich und die Frau Z. einladen wollen, sie, wir fühlen uns geehrt, Frau Doktor.“

„Wovon fühlen wir uns geehrt?“, fragte die Frau Z., die in dem Moment, sich die Hände in einem Geschirrtuch abtrocknend, aus der Küche kam. „Ach, die Frau Doktor ist da, guten Morgen, Frau Doktor, sie, mein herzliches Beileid zum Tod ihrer Tante, ich hatte ja noch gar keine Gelegenheit... Das war ihre einzige Tante, nicht wahr?“

„Nun sei doch nicht so neugierig“, wies Herr F. seine Frau zurecht.

„Das ist schon in Ordnung, Frau Z.“, sagte Hanna, „ja, sie war meine einzige Tante, sogar die letzte Verwandte, meine Tante Greten, sie war die jüngere Schwester meiner Mutter, und sie war mir wie eine zweite Mutter. Sie war immer die lebenslustigere von den beiden, wissen Sie, sie hat so gerne gelebt. Obwohl, mein Gott, was sage ich da, das gilt wohl erst später, als sie älter geworden war... Früher hat sie sich ja sehr um ihren Mann gegrämt, der aus dem Krieg nicht zurückgekommen ist, vermisst, wissen sie?“

Hanna fragte sich, warum sie das eigentlich alles erzählte, das ging ja eigentlich niemanden etwas an. Aber irgendwie war ihr danach, von der wahren Tante Greten zu erzählen. Und die war ihr eben eine zweite Mutter gewesen, vor allem nach dem Tod ihres Ehemannes und ihrer Tochter. Da war Tante Greten für Jahre der große Halt in ihrem Leben gewesen!

„Ach, das wusste ich ja gar nicht, die war verheiratet gewesen? Jürgen, hast du das gewusst?“

„Nein, muss ich auch nicht wissen.“

„Ja, aber das ist doch tragisch..., und dann bleibt der Mann im Krieg!“

„Sie hat ihn wohl noch dreißig Jahre lang gesucht.“

„Mein Gott, wie schlimm!“

„Mit mir hat sie immer gerne über gutes Essen gesprochen“, warf Herr F. in das Gespräch ein, „das ist aber schon ein paar Jahre her, aber als sie hierher gezogen war, da hat sie gerne davon geredet. Manchmal haben wir uns Wahnsinnsmenüs ausgedacht, das war lustig!“

„Können sie uns so ein Menü machen?“, fragte Hanna.

„Ich weiß nicht, ist schon so lange her“, sagte Herr F., da müsste ich mal zuhause schauen, vielleicht habe ich noch Notizen. Manches habe ich damals aufgehoben.“

„Er wirft nämlich nie etwas weg!“, lästerte Frau Z., „sie müssten das bei uns einmal sehen, alles voll mit altem Kram.“

„Ja, weil du keine alte Sammeltasse wegwerfen kannst.“

„Das ist ja ganz etwas anderes.“

„Wieso?“

Bevor das eskalieren konnte, sagte Hanna, sie müsse denn einmal und ob sie morgen einmal nachfragen dürfe?

„Klaro“, sagte Herr F., „entweder habe ich es dann gefunden oder ich habe es nicht mehr.“

Damit rollte Hanna aus dem Laden.

Sie hörte noch, wie Frau Z. ihren Mann fragte, wie er das denn wohl gemeint hätte? Das mit den Sammeltassen, dann war sie draußen und die Ladentür zugefallen.

Am nächsten Tag traf Hanna Herrn F. auf seiner Bierkiste rauchend vor dem Laden sitzen.

„Und?“, fragte sie, „wie sieht es aus?“

Herr F. war leicht irritiert, er hatte gerade ein Herrchen mit scheißendem Hund auf dem den Hübnerplatz kritisch im Auge gehabt. „Haben sie das gesehen?“, fragte er Hanna, „der lässt den Hund mitten auf den Fußweg scheißen und dann lässt der das da liegen! Womit, was meinen sie?“, fragte er.

„Mit dem Menü?“

„Ach damit! Ja,“, er erhob sich jetzt, „ich habe tatsächlich eines gefunden. Acht Gänge! Das habe ich mir vor Jahren sogar einmal gemeinsam mit Ihrer Tante ausgedacht... Ihr Name stand noch auf der Notiz! Sie hat damals immer gesagt, einmal, Herr F., hat sie gesagt, einmal machen wir das! Irgendwann einmal, und dann schlemmen wir die ganze Nacht durch! Und das Menü könnte jetzt ja ich machen! Sozusagen „in memoriam.“ “

„Das wäre großartig! Dann machen wir es eben und nicht „irgendwann einmal“..., kein schöner, aber ein guter Anlass, finde ich.“

„Wann?“

„Wie wäre es mit Sonntag? Dann hätten sie ein paar Tage Zeit, sich vorzubereiten.“

„Sonntag passt gut“, sagte Herr F. „da haben wir zu.“

„Ich ahnte es“, lächelte Hanna, „also Sonntag! Und sie kochen bei mir?“

„Ja. Dann würde ich die Sachen, die ich brauche, aber schon am Samstag bringen. Bleibt es bei acht Personen?“

„Ja, alle haben zugesagt!“

Hanna hatte alle für Sonntag und siebzehn Uhr eingeladen, das achtgängige Menü würde „sich ziehen“, hatte Herr F. gewarnt.

Als Ameuse geule reichte der ganz in Weiß mit großer Schürze und Kochmütze gekleidete Herr F. ein Lachstatar auf Reiberdatschi.

Er hatte seinen Neffen als Kellnergehilfen mitgebracht, „der muss das ja auch einmal lernen!“, hatte er erläutert.

Danach verschwand er wieder für eine Weile in der Küche. Als ersten Gang präsentierte er „rosa gebratene Entenbrust auf verschiedenen Blattsalaten“.

Ernstl fragte seine Helga ganz leise, ob es bei der Größe der Portionen bleiben würde, denn dann würde er ja nie satt werden... „Pssst!“, hatte Helga gesagt, „halt den Mund! Dann brate ich dir eben zuhause noch ein paar Spiegeleier!“

Als zweiten Gang servierte Herr F. pochierten warmen Fischsalat von Lotte, Lachs und Steinbeißer in einer Olivenöl-Walnussessig-Estragonsenf-Vinagrette.

Dann kam pochierter Lachs mit Safranreis mit einer Wein-Estragonsenf-Sahne-Soße garniert mit einer zur Rose tournierten kleinen Tomate.

„Darf man die mitessen?“, fragte Ernstl wieder ganz leise Helga und deutete auf die kleine Tomate. „Weiß ich nicht“, zischte die zurück, „schau halt, was die anderen machen, halt dich an Hanna!“. Hanna aß sie mit großen Vergnügen, Ernstl verspeiste seine also auch.

Ein Champagner-Zitronen-Sorbet kam als Zwischengang.

Da Ernstl glaubte, das sei der Nachtisch, fragte er Helga, wie viele Eier sie ihm denn „in die Pfanne hauen könne?“.

„Sechs, glaube ich“, flüsterte die zurück.

Als Hanna Ernstl fragte, ob es ihm denn schmecke, antwortete der: „Na, alles klar, prima... wirklich!“. Helga war ehrlich genug zu sagen, dass Ernstl noch nicht so richtig satt sei.

„Das ist gut“, sagte Hanna, „wir haben ja erst Halbzeit!“

Sie ging in die Küche und sprach kurz mit Herrn F. Die Portion Spaghetti al Limone für Ernstl wurde daher etwas größer. Helga lächelte Hanna dankbar an.

Gegen zwanzig Uhr dreißig kam das Rinderfilet mit russischen Strohkartoffeln und einer Pfeffer-Cognac-Sahne-Soße aus der Küche – und zwar wieder als eine „richtige Portion“ für Ernstl. Herr F. kam zu ihm und fragte, ob es ihm denn JETZT schmecken würde und Ernstl hatte gerade einen so vollen Mund, dass er nur begeistert nicken konnte. Helga lobte Herrn F. an seiner Stelle, dass alles so toll sei, so hätten sie ja noch nie gegessen... Herr F. verschwand zufrieden in seiner Küche, um sich dem Nachtisch zu widmen.

Als solchen präsentierte er einen Brandteig-Schwan auf einem Früchte­mus-Spiegel mit Vanille-Eis und Mousse au Chocolade. Ein Gedicht!

„Man“, sagte Ernstl als sein Nachtischteller leer war, „das ist ja ein Ding, so kleine Portionen, also am Anfang, und dann kann man auf einmal nicht mehr... Wahnsinn. Man,- bin ich voll. Hanna, das war super!“

Nach einer Pause kam die abschließende Käseplatte mit Brillant de Savarin mit Sommertrüffeln, Ubriaco die Amarone, Stilton und Bresse bleu.

Da waren dann alle endgültig abgefüllt. Und Herr F. war fix und fertig. Der Neffe ließ die Geschirrspülmaschine das xte Mal laufen und spülte die teuersten Geschirrteile mit der Hand. „Lass bloß nichts fallen“, hatte Herr F. ihn ermahnt.

„Und das hat sich Tante Greten gewünscht?“, fragte Udo, „Wann denn?“

Herr F. hatte sich zum Käse zu den anderen an den Tisch gesetzt. „Naja, gewünscht..., ja, doch! Das war vor vielleicht 15 Jahren.“

„Für heute, als Leichenschmaus?“

„Sicher nicht“, sagte Sarah zu Udo, „aber sie hat sich das Menü mit Herrn F. zusammen ausgedacht und wollte es irgendwann einmal machen, nicht Hanna?“

In dem Moment klirrte es in der Küche und nach einem Moment kam ein konsternierter junger Mann ins Esszimmer und machte ein sehr unglückliches Gesicht: „Da ist mir etwas aus der Hand gerutscht“, sagte er kleinlaut.

„Was immer es gewesen sein mag“, sagte eine entspannte Hanna, „es ist nicht wichtig! Hast du dich geschnitten?“

Der junge Mann schüttelte den Kopf.

„Dann ist es gut“, beruhigte Hanna ihn, „ich glaube, das war eh das letzte Mal, dass wir so ein Menü gegessen haben, und außerdem: Scherben bringen Glück!“

Herr F. kam – etwas weiß um die Nase – aus der Küche: „Ausgerechnet die ganz große Platte“, murmelte er, „die ist unbezahlbar.“

Der junge Mann machte ein Gesicht, als ob er gleich anfangen würde zu weinen.

„War die teuer?“, fragte er leise.

„Das kannst du meinen!“, sagte Herr F. brüsker, als er eigentlich wollte.

„Nichts da“, beruhigte Hanna, „egal, ein Stück weniger, für das ich Schrankplatz brauche... Es ist nicht wichtig, wirklich! Versprochen... Und den Kaffee nehmen wir im Wintergarten! Und unser junger Mann hier nimmt dafür die Meißener Tassen..., schon, um zu zeigen, dass er es kann, nicht wahr?“

Der Neffe war in der Bedienung der Kaffeemaschine unterwiesen worden und servierte den Kaffee perfekt. Herr F. und Frau Z. schauten ihrem Neffen sehr genau auf die Finger. Frau Z. hatte ihn in der Küche beiseite genommen und ihm eingeschärft, jeweils nur eine Tasse und Untertasse zu tragen: „Nicht, dass noch etwas kaputt geht.“

Der Graf stand neben Hanna an der Scheibe des Wintergartens und schaute in den leise rieselnden Schnee: „Das war eine gute Idee, Hanna, das hier zu machen. Stell dir mal vor, wir wären jetzt am Westfriedhof, bei dem Wetter …, brrr.“

„Ich habe gar nichts gemacht, alles Herr F.“

„Dann hast du eben organisiert oder die Idee gehabt.“

„Das schon eher…“

„Ich glaube, das hat Tante Greten gefallen, wenn sie uns „von oben“ zugeschaut hat.“

„Meinst du denn, sie hat nicht?“

„Doch, bestimmt, lächelte der Graf und schaute nach oben, „und zwar mit Udos Automodell in der Hand.“

„Glaube ich auch... Soll ich noch ein paar Worte sagen?“

„Vielleicht ..., ja, schon, aber kurz. Du, Hanna, wir müssten auch mal reden.“

„Fang an“, sagte sie und drehte sich um, „wir sind alleine!“

„Nein, nicht hier, nicht jetzt, ganz alleine, es geht um deine Sache... Ist besser alleine!“

„Was Besonderes?“, fragte Hanna

„Nein, ja, vielleicht, lass uns halt reden..., aber ohne Ernstl und Helga und ohne Sarah und Udo, vor allem ohne Udo!“

Hanna schaute ihn erstaunt an. „Na, gut!“

4. Januar. Am Kiosk

Der Graf hatte Hanna zum Kiosk geschoben. Das Wetter war gut: Kalte Luft und Sonnenschein. Hanna trug ihren Mantel mit dem schwarz-goldenen Innennerz über Jeans und Pullover, einen dicken Schal und hatte für alle Fälle ein Plaid dabei, dass sie sich über eventuell frierende Beine legen konnte. Und sie trug die neuen Pumps, das Weihnachtsgeschenk von Sarah.

Ernstl hatte ihnen „Kaffee spezial“ gebracht und sich bei Hanna für ein paar Comic-Bände bedankt, die er jetzt im Kiosk las. Mit einem Blick auf Hannas Füße hatte er noch gesagt: „Tolle Schuhe..., neu?“, dann war er hineingegangen – ihm war es draußen zu kalt, „lausekalt“, nannte er das.

„Wir werden deutlich weniger“, sagte der Graf lächelnd zu Hanna, „erst Edgar, dann Wolf-Dieter und jetzt Tante Greten.“

„Ja“, sagte Hanna, „aber das war zu erwarten, vielleicht nicht die Reihenfolge, aber die Tatsache!“

Der Graf lächelte sie an: „Ja, aber alle haben ihre „Sachen“ zu Ende gebracht… Sogar Sarah sieht so aus, als würde sie nicht mehr an ihre drei Opfer denken.“

„Ist auch gut so“, antwortete Hanna, „dafür denke ich jetzt immer an meine „Sache“.“

„Darüber wollte ich mit dir reden“, sagte der Graf, „gut, dass wir alleine sind.“

„Wieso?“, fragte Hanna, „uns verbindet doch so viel, da kann doch jeder alles hören.“

„Ja, klar, aber ich wollte dich bitten, Udo aus „deiner Sache“ weitgehend rauszuhalten.“

„Warum?“

„Er hat den Finger noch nicht krumm gemacht, klar, er war bei Sarahs „Sache“ dabei, in der Messestadt auch, aber er selber hat noch keinen umgebracht.“

„Worauf willst du hinaus?“

„Lass mich das für dich erledigen, du hast meine „Sache“ durchgezogen, ich würde mich gerne revanchieren. Udo kann uns fahren oder so, aber lass ihn nicht schießen, lass mich das machen!“

„Du hast auch noch keinen umgebracht.“

„Du vergisst die vier Mann in der Messestadt, das waren zwei von mir. Ich halte das aus!“

„Stimmt auch wieder, du hast ja schon zwei.“

„Lass den Udo zum Schluss mit Sarah glücklich werden! Ohne Mord auf dem Gewissen, die Sarah wird ihre schon wieder vergessen oder verdrängen, genau wie damals die Vergewaltigung; aber der Udo hält das nicht aus, glaube ich…, also das Wissen, einen umgebracht zu haben!“

„Du meinst zwei“, korrigierte Hanna leise.

„Du sagst es, sogar zwei!“

„Und du?“, fragte Hanna, „was machst du dann? Du hast Prostata-Krebs, daran stirbt man in der Regel nicht, oder?“

„Ach“, lächelte der Graf, „ich habe da so eine Idee…“

„Erzähl“, forderte Hanna ihn auf.

„Ich habe neulich ein Buch gelesen: „Nachtzug nach Lissabon“…“

„Irgendetwas in mir klingelt“, lachte Hanna, „aber ich weiß nicht was?“

„Das Buch, das du mir kurz vor Weihnachten geschenkt hast: Der „Nachtzug nach Lissabon“.“

„Ich weiß“, korrigierte Hanna sich.

„Hast du es gelesen?“

„Ich muss zugeben, nein!“, sagte Hanna.

„Er beschreibt, wie ein Mensch plötzlich und konsequent sein gewohntes Leben aufgibt, um sich auf die Suche nach einem oder dem bisher ungelebten Leben zu begeben.“

„Hört sich interessant an!“

„Mich hat vor allem der Titel gereizt. Ich möchte den Zug nach Lissabon nehmen, um in ein anderes Leben in Portugal zu verschwinden – für immer! Von München dauert die Fahrt ca. 52 Stunden, man muss fünfmal umsteigen.“

„Das hört sich sehr gut an“, sagte Hanna und lächelte wieder.

„Ja, und in Lissabon könnte ich mir eine Wohnung nehmen, von der niemand weiß, und ich könnte vielleicht noch ein paar Jahre dort leben, die letzten. Geld genug ist ja da… Oder soll ich es spenden? Was meinst du?“

„I wo, das ist dein Geld! Ich habe genug und wenn wir in Hamburg fertig sind, werde ich sterben. Und Sarah und Udo werden mich beerben – weitgehend!“

„Siehst du…“, sagte der Graf.

„Siehst du…, was?“, fragte Hanna.

„Du willst auch, dass die beiden überleben und ein glückliches Paar werden!“

„Ich glaube schon.“

„Dann lass mich das machen. Das Schießen, meine ich, Udo kann uns fahren oder so, aber nicht schießen!“

„Du kannst das?“

„Sicher!“

„Auch auf die Entfernung?“

„Wie groß ist die?“

„Ich war noch nicht da, aber ich vermute, es werden ein paar Hundert Meter sein…“

„Dafür haben wir die Gewehre.“

„Schaffen die das?“

„Ich habe mich ein wenig im Internet kundig gemacht, die schaffen fast 2000 Meter.“

„Und du? Triffst du auf die Entfernung?“

„Das müsste man ausprobieren, aber mit ein wenig Übung, glaube ich, schon.“

„Dann müssen wir als nächstes nach Hamburg und uns umschauen?“

„Das halte ich für sehr sinnvoll.“

„Dann lass uns das machen.“

„Ja!“

„Wann wollen wir fahren?“

„Um uns die Übersicht zu verschaffen? Bald! Dann brauche ich ein wenig Zeit.“

„Gut“, stimmte Hanna zu und fragte nach einer Weile, „wofür, wenn ich fragen darf? Nicht, dass ich neugierig sein will.“

„Ich will mir neue Papiere besorgen, einen neuen Pass, einen neuen Ausweis und den neuen Europaführerschein.“

„Warum das?“

„Die sind dann wieder zehn Jahre gültig.“

„Verstehe, dann musst du zehn Jahre nicht aufs Konsulat!“

„Genau! Und ich werde mir ein Konto bei einer portugiesischen Bank einrichten. Die einzige Bank, die ein Büro in Deutschland hat, scheint die Caixa General de Depósitos zu sein. Und das ist in Berlin. Da muss ich auch hin. Ich brauche also ungefähr acht Wochen…, geht das?“

„Na klar“, sagte Hanna, „uns drängt nichts, gut, dann haben wir das geklärt. Schiebst du mich nach Hause, bitte, mir wird kalt.“

6. Januar. Im Laden

16.00 Uhr. Hanna war in ihrem Rollstuhl alleine zum Laden gefahren. Als sie dort ankam, war der Laden bis auf Frau Z. und Frau Bradeanu, die wie ein Häufchen Elend in ihrem Rollstuhl saß, leer.

„Oh“, sagte Hanna, „großes Rollstuhlerinnen-Treffen?“

„Gut, dass sie kommen, „sagte Frau Z., „wissen sie, wo sie doch immer helfen...“

„Was gibt es?“

„Ja, also, wie fange ich am Besten an? Also, die Frau Bradeanu, der ihr Bruder ist schwer krank, in Rumänien, also in Cluj. Und die Frau Bradeanu, die hat gerade kein Geld...“

„Und da haben sie gedacht, ich könnte einspringen?“

„Ja, also Frau Doktor, wo sie doch immer so hilfreich sind. Sie haben doch schon so manches Mal..., also geholfen, nicht wahr...“

„Um wie viel geht es denn?

„Naja, das Zugticket hin und zurück kostet allein schon 250 Euro. Der Bus wäre billiger, aber mit dem Rollstuhl? Ich glaube, das wird nichts. Und dann muss sie da ja auch übernachten.“

„Na“, lachte Hanna, „Frau Bradeanu, das kriegen wir doch hin, was? Den Bruder wollen sie besuchen? Ist der schwer krank?“

Frau Bradeanu nickte nur und weinte leise in ein Taschentuch.

„Und es muss bald sein?“

Wieder nickte Frau Bradeanu.

„Schaffen sie das denn alleine? Da müssen sie doch bestimmt umsteigen.“

Jetzt nickte Frau Bradeanu stark, „man wird mir schon helfen.“

„Aber da müssen wir sie doch auch ein wenig schick machen, damit die ganze Familie stolz auf sie sein kann, oder?“

Frau Bradeanu schaute Hanna jetzt an und sagte zum ersten Mal etwas: „Wie mich schön machen? Nix möglich.“

„Doch“, sagte Hanna, „das kriegen wir hin: Zuerst zum Friseur. Schauen sie mich an. Ich habe genauso weiße Haare wie sie, ein flotter Schnitt, vielleicht ein paar farbige Fransen – so wie ich?“

„Sie meinen?“, lachte Frau Bradeanu jetzt schon.

„Ja, und ein neuer Mantel, eine Hose und ein paar Schuhe, fertig ist die schicke Frau!“

„Mei, Frau Doktor, sie sind aber auch immer so großzügig, das wird die Frau Bradeanu aber freuen, was? Was, Frau Bradeanu?“

Frau Bradeanu rollte ihren Rollstuhl neben Hannas, was wegen der Enge im Laden nicht einfach war und nahm ihre Hand: „Ganz grosses Danke“, sagte sie weinend zu Hanna, „noch nix so viel Gutes gehabt in Deutschland!“

„Schon gut“, wehrte Hanna ab, „Frau Z., wenn sie mir jetzt ein Viertel Aufschnitt geben und ein bisschen Käse, dann rolle ich nach Hause und schicke dann einen der Jungs mit dem Geld. Warten Sie, 250 für die Fahrkarte, 500 für die Klamotten und Haare und dann brauchen sie ja auch noch Geld, um die Familie standesgemäß auszuführen“, sagte Hanna zu Frau Bradeanu, die ihr Glück gar nicht fassen konnte, „insgesamt also 1.500 Euro, denke ich. Das müsste reichen, was?“

„Da sind wir jetzt aber sprachlos, was, Frau Bradeanu? Das ist eben unsere Frau Doktor, der Engel vom Hübnerplatz, mei, wenn wir sie nicht hätten“, sagte Frau Z. in Richtung der im Glück weinenden Frau, „ihren Aufschnitt, Frau Doktor, sofort...“

Als Hanna zahlen wollte, winkte Frau Z. nur ab. „Doch heute nicht, Frau Doktor, das geht aufs Geschäft.“

Hanna rollte aus dem laden und wartete einige Minuten auf Frau Bradeanu, offenbar war Frau Z. im Kommunikationsmodus...

Als Frau Bradeanu aus dem Laden gerollt kam, sah sie Hanna und rollte strahlend auf sie zu. „Danke, danke, vielen Dank“, sagte sie immerzu, „Sie sind eine gute Frau, Sie haben großes Herz.“

„Ach was,“ winkte Hanna ab, „Schwamm drüber, das ist doch nicht der Rede wert.“

„Doch, wie kann ich gut machen?“

Hanna winkte ab und sagte dann aus einer plötzlichen Eingebung heraus: „Frau Bradeanu, ich möchte, dass Sie mich jeden Tag einmal anrufen, damit ich weiß, dass es Ihnen gut geht. Wollen Sie mir das versprechen?“

„Ja, wenn Sie wollen, aber ich muss von Magazin aus anrufen. Magazin ist Laden. Bruder wohnt auf Dorf Maguri Racatau. Er hat dort nicht Telefon.“

„Wunderbar Frau Bradeanu, wenn Sie mich einmal anrufen, das reicht mir schon. Wenn ich nur weiß, dass Sie gut angekommen sind, und dass es Ihnen gut geht. Aber nicht vergessen, sonst mache ich mir Sorgen... Ich kann Sie dort ja auch anrufen oder eine Nachricht für Sie hinterlassen, nicht wahr.“

„Ja, wenn Sie wollen, aber warum mich anrufen? Geben Sie mir Telefonnummer, ich verspreche anrufen.“

Hanna fummelte in ihren Taschen und fand tatsächlich eine Visitenkarte. „Hier,“ sagte sie, „ist meine Visitenkarte. Da steht meine Nummer. Aber nicht verlieren...!“

„Ich passe auf, wie auf Auge!“

Als Hanna wieder zuhause war, rief sie den Grafen an: „Du“, sagte sie, „mir ist heute etwas passiert, das ist einfach perfekt... wegen Hamburg! Kannst du schnell mal rüberkommen zu mir?“

„Was ist denn passiert?“

„Sage ich dir, wenn du da bist!“

„Okay, ich komme, gib mir zwei, drei Minuten!“

Gleich darauf klingelte es und Hanna öffnete dem Grafen die Tür.

„Ich weiß jetzt, wie wir Udo aus der Sache in Hamburg raushalten und vielleicht auch dich !“

„Tatsächlich? Wie denn? Erzähle!“

„Erstens:Ich fahre nach Rumänien...“

„Wie bitte, Rumänien? Das ist weit... Warum denn das? Wohin denn? Und was hat das mit uns zu tun?“

„Naja, ich selber fahre ja nicht, aber die Frau Bradeanu...“

„Aha? Kenne ich die?“

„Die andere im Rollstuhl! Die ab und zu im Laden ist.“

„Ach die?“

„Ja, die fährt nach Cluj..., ihren todkranken Bruder besuchen, oder so, ist ja auch egal, Hauptsache sie fährt! Bald!“

„Ja?“

„Und zwar als mein Double... Die bekommt einen neuen Mantel, neue Sachen, neue Schuhe und dann fährt eine alte weißhaarige Dame mit bunten Fransen im Haar, die im Rollstuhl sitzt, nach Rumänien.“

„Ja?“. Der Graf war immer noch zögerlich.

„Verstehst du denn nicht?“

„Wenn ich ehrlich bin, nein!“

„Ich, also in Person von Frau Bradeanu, fahre in die Gegend, von der jeder glaubt, da bekomme man für ein paar lausige Euros an der nächsten Straßenecke einen Killer, einen rumänischen.“

„Ach so?“ Verständnis klang anders.

„Du stehst aber auch auf der Leitung, Graf: Ich fahre dahin, um einen Killer zu buchen, und du und Udo – ihr seid raus! Jedenfalls für alle anderen!“

„Die sucht einen Killer für Dich?“

„Nein, die weiß nichts davon, die fährt und Zeugen glauben, mich gesehen zu haben, wie ich...“

Der Graf lachte, nickte mit dem Kopf: „Ach so, ja, jetzt verstehe ich. Sie fährt als Du und Du bleibst hier. Obwohl Du eigentlich dahin fahren könntest, gefahren sein könntest, um einen Killer zu buchen... Gut! Sehr gut! Genial. Guter Plan, Hanna.“

„Ja, und um die Sache abzurunden, telefoniert erst sie aus irgendeinem Laden oder einer Kneipe in einem Dorf bei Cluj mit mir und ich rufe dann zurück – und so. Es findet also eine verdächtige Kommunikation mit Rumänien statt. Kneipe ist gut, verstehst du, der rumänische Killer treibt sich nämlich immer in rumänischen Kneipen rum..., hängt da ab und wartet 1.) auf Aufträge und 2.) auf Terminabsprachen und so, weißt du! Hauptsache, die Gespräche dauern mindestens zwei oder drei Minuten (länger brauchen rumänische Killer nicht, die sind immer kurz und bündig) und sie werden registriert, also die Telefonate! Das werden die doch wohl?“

„Bestimmt, du bist gut, Hanna, wirklich gut. Perfekt. Das sind gut gelegte Spuren ins Nichts!“

„Also dann hoffen wir einmal, dass auch der dümmste Polizist das merkt!“

„Du könntest die Telefonnummer in Dein Notizbuch schreiben...“

„Mit einem Kreuz als Kennzeichen?“

„Genau!“

„Wann fährt sie?“

„In einer Woche, glaube ich, ich muss erst noch Geld und einen Mantel von mir in den Laden bringen, Frau Z, muss sie noch schick machen, also die Haare färben und so.“

16. Februar. Hübnerstraße. Hanna und Sarah reden

Sie hatten wieder einmal eine Schmonzette im Fernsehen angeschaut. Hanna ziemlich kritisch, mit kritischen Bemerkungen, Sarah konzentriert und Hannas eingestreute Bemerkungen und Hinweise mit Handbewegungen oder auch einem „schhhhh“ oder „nun lass mich doch mal“, abwehrend.

Hanna konnte diese Samstagabendfilme „nach Motiven von Rosamunde Pilcher“ nur mit ihren eigenen oder wegen ihrer eigenen Bemerkungen ertragen.

Sie wusste aber von Sarahs Begeisterung dafür. Deshalb rief sie sie dann an und lud sie zum Fernsehabend ein, Männer waren dabei nicht nur unerwünscht, sondern ausdrücklich nicht zugelassen: „Mensch Sarah, du kommst heute, oder?“, sagte sie dann „Heute Abend kommt in der ARD wieder einer deiner Lieblingsfilme“.

Immer nach dem Motto (in etwa): Verarmter, aber gut aussehender junger irischer Landadliger (rothaarig mit Sommersprossen) trifft wunderschönes verarmtes Landmädchen (rothaarig mit Sommersprossen) mit verkannter Superrennpferdnachwuchs-Erbschaft auf Nachbargrundstück. Es beginnt zunächst mit zart aufkeimender Liebe, wandelt sich durch ein dummes Missverständnis zu Fastfeindschaft und führt über supergroße Erbschaft des jungen Mädels aus den USA und bei potenziell tödlicher Kolik des Superrennpferdnachwuchspferdes zu zufällig vorbeischauenden Landadeligem, der von ihr aber weggescheucht wird. Er setzt sich über rote Karte und Platzverweis (wegen des Pferdes) hinweg und rettet erstens das edle Rennpferd durch beherzten Griff in den Darm desselben und diagnostiziert zweitens Schwangerschaft (beim Pferd). Happy End mit Hochzeit der beiden und finanzieller Rettung des landgräflichen Anwesens. Schlussszene: Tochter des Superrennpferdnachwuchses gewinnt das Rennen in Ascot. Im allerletzten Bild ist die reiche Landgräfin schwanger in seinen Armen – beide schauen über das mit amerikanischem Geld renovierte Anwesen!

Die Folge verlief zwar im Kleinen anders, aber im Großen und Ganzen folgte sie dem von Hanna vorhergesagten Schema…

„Mensch, Hanna…“, sagte Sarah während des Filmes mit Tränen in den Augen oder leicht erstickender Stimme: „Nun lass mich doch das doch mal sehen, dass dir das nicht nahe geht? Das ist doch so traurig…“

„Nee“, sagte Hanna, „das kann ich ohne Kommentare nicht aushalten… Noch ein Glasl Schampus?“

In dem Moment klingelte das Telefon. „Moment“, unterbrach Hanna ihre Frage, „ich gehe in die Küche zum Telefonieren.“

Auf dem Flur nahm sie das Gespräch an. „Ja, bitte?“

„Ich bin es, Frau Bradeanu, ich wollte mich mal wieder melden.“

„Das ist aber schön, Frau Bradeanu, wie geht es Ihnen? Alles gut?“

„Ja, ich bin sehr gut, mein Bruder ist im Hospital, aber wird wieder. Sagt Arzt.“

„Und wo sind Sie jetzt.“

„Bei Frau Z, sozusagen, „Frau Z. von Maguri Racatau, heißt Magazin Alimentar. Da darf ich telefonieren. Netter Mann, wissen Sie, fast wie Herr F.“

„Und wer redet da im Hintergrund? Ich höre Leute sprechen.“

„Ein paar Männer, haben keine Arbeit, aber auch sehr nett. Helfen mir.“

„Dann ist es ja gut, Frau Bradeanu, ich wünsche Ihrem Bruder alles Gute. Und Ihnen natürlich auch.“

„Auf Wiedersehen, Frau Hanna.“

„Auf Wiedersehen, Frau Bradeanu.“

Dann nahm Sie eine Flasche Champagner aus der Kühlung und ging wieder ins Wohnzimmer. Champagner gehörte einmal in der Woche für die beiden zum Fernsehabend – ohne „Mädchenbrause“ ging gar nicht! Als der Film des Tages endlich sein happy end erreicht hatte und die Flasche ihren Boden, sagte Hanna: „Du Sarah, ich wollte etwas mit dir besprechen.“

„Wegen dem Telefonat? Ist etwas?“

„Nein, das war nur die Frau Bradeanu, die hat sich gemeldet. Alles gut bei ihr.“

„Ach so, Dein Alibi – oder nee, eigentlich ja das Gegenteil, oder? Mehr so das Alibi von Udo und dem Grafen, nicht wahr. Was gibt es denn?“

„Die Zukunft.“

„Welche Zukunft?“

„Deine, meine, Udos und die vom Grafen.“

„Wird es jetzt ernst?“

„Wahrscheinlich! So ein bisschen. Komm mal her, setz dich hier neben mich, bitte…“. Sarah erhob sich aus „ihrem“ Fernsehsessel, in dem sie immer saß, wenn sie ihren Fernsehabend hatten, setzte sich neben Hanna auf die Couch und Hanna nahm Sarahs Hand in ihre.

„So ernst?“, fragte Sarah.

„Wie man es nimmt“, sagte Hanna, „schau mal, Sarah, du hast deine Rache gehabt, der Graf seine und wir haben Ernstl gerächt.“

„Ja.“

„Und jetzt bin ich dran.“

„Ich habe es geahnt, aber Hanna, lass es dir sagen, es ändert sich nichts. Also, zum Besseren, meine ich! Bei mir, als ich die drei erschossen hatte, hat das nichts besser gemacht! Gar nichts.“ Sie schüttelte den Kopf und sagte noch einmal: „Geändert hat es nichts!“

„Das mag sein“, sagte Hanna, „das glaube ich dir sofort. Aber ich lebe nur noch dafür, die beiden Kerle zu kriegen.“

„Wie ich“, sagte Sarah, „ging mir ja auch so, sonst hätte ich es nicht gemacht.“

„Ja, und ich will sie eben auch.“

„Und dann?“, fragte Sarah voller Angst, weil sie die Antwort ahnte.

„Danach?“, sagte Hanna ganz leise und dennoch bestimmt, „Danach wird es mich nicht mehr geben!“

„Hanna!“, schrie Sarah auf, „Nein, tu das nicht, wir brauchen dich doch hier! Bitte, mach´ es mindestens so wie ich – lebe weiter! Auch um die Rache zu genießen.“

„Nein“, widersprach Hanna, „danach ist Schluss für mich… Es ist auch alles geregelt.“

„Was gibt es da zu regeln?“, fragte Sarah.

„Das Erbe zum Beispiel.“

„Aber wir wollen dich, Hanna! Lebend! Hanna, wir brauchen dich! Dich!“

„Lass mal“, sagte Hanna ganz ruhig, „wie gesagt, es ist alles geregelt. Du wirst ausgesorgt haben!“

„Was? Wie? Ich? Ich soll dich beerben? Warum das denn?“

„Weil du meine Freundin bist, meine einzige, meine beste.“

„Aber ich will dich nicht beerben – du sollst leben. Ich will dich , Hanna, nicht dein Haus!

„Naja, Sarah“, sagte Hanna langsam, „das wird ja auch ein wenig anders laufen. Ich will dir das erklären: Ist schon alles geregelt. Ich war bei der Anwältin. Du kennst sie aus dem Laden von Frau Z. Sie hat ihre Kanzlei im Haus gleich nebenan. Und beim Notar war ich auch. Es ist alles geklärt! Du wirst mich beerben… Also, meine liebe Sarah, jetzt pass mal genau auf: Ich habe die Häuser einer Stiftung vermacht, die sich um Mädchen kümmern soll, deren Väter oder Brüder gewalttätig gegen sie geworden sind. Genug Zimmer hat es hier ja und für Betreuung ist genug Geld da. Wahrscheinlich werden die Häuser etwas umgebaut werden müssen. Du bekommst in Deiner Wohnung lebenslanges Nutzungsrecht. Und wenn ein eventueller Ehemann vielleicht dein Udo sein sollte“, sie lächelte Sarah jetzt liebevoll an, „dann der auch! Und dann könnt ihr die Wohnungen ja zusammenlegen. Vererbbar sind diese Wohnrechte nicht, denn ich glaube nicht, dass ihr noch Kinder in die Welt setzen wollt?“

„Gott bewahre“, sagte Sarah und lächelte Hanna dann an, „obwohl so eine Reihe kleiner Udos wäre doch eigentlich ganz nett, oder?“

„Ja“, sagte Hanna, „wären sie, aber die Biologie steht davor! Also, lebenslange Rechte, alle Nebenkosten werden von der Stiftung getragen! Klar?“

Sarah nickte mit Tränen in den Augen – es war nicht ganz klar, ob wegen Hannas anstehendem Tode oder wegen der nicht mehr realisierbaren kleinen Udos.

„Und dann bekommst du noch eineinhalb Millionen Euros, damit du nicht mehr arbeiten musst, um… Naja, um zum Beispiel den Udo durchfüttern zu können. Ja, das wäre es im Großen und Ganzen!“

„Und die anderen?“, fragte Sarah, „warum kriegen die das nicht?“

„Ganz einfach, weil ich dich bestimmt habe… Und dann, welche anderen? Die sind doch gar nicht mehr da! Edgar, Wolf-Dieter und Tante Greten: Tot! Der Graf? Der wird nach der Sache in Hamburg verschwinden, irgendwo im Süden, glaube ich. Der nimmt sein Geld mit, genug hat er ja. Ach ja, die Frau Z. und der Herr F. kriegen ein bisschen was für ihren Laden. Du weißt schon, damit sie das eine oder andere Essen kostenlos abgeben können.“

„Du bleibst eben der Engel vom Hübnerplatz!“

„Nach Hamburg ja wohl eher der gefallene Engel vom Hübnerplatz“, seufzte Hanna. Dann saßen die beiden eine Weile stumm nebeneinander und hielten sich fest im Arm.

„Übrigens“, sagte Hanna nach einer Weile und ließ Sarah wieder los, „wegen Hamburg, das wollte ich dir noch sagen: Der Graf wird schießen! Udo wird uns in Hamburg nur helfen – naja, was heißt da „nur“, so wie damals bei dir eben. Aber er wird nicht schießen!“

„Gott sei Dank!“

„Das war übrigens die Idee des Grafen! Er hat darauf bestanden. Und wenn dein Udo dann hoffentlich wieder hier bei dir sein wird, heirate ihn…, das wird für euch beide das Richtige sein. Lange genug gedauert hat es ja!“

„Und mein Job?“

„Sarah, ich bitte dich…, Job!“

„Manchmal war, äh, ist es ganz lustig! Und denk nur mal an meinen Russen, der war mehr als zufrieden.“

„Ja – mag sein, aber dafür bist du doch eh langsam zu alt, Sarah!“

„Die einen sagen so, die anderen so“, lächelte Sarah, „frag mal den einen oder anderen Herren!“

„Ach was, hör endlich auf, Sarah! Das sind doch auch alles alte Zausel… Hattest du irgendwelche neuen Kunden in letzter Zeit?“. Sie schaute Sarah streng an, die daraufhin mit dem Kopf schüttelte. „Siehst Du! Keine Akquise mehr! Und nötig hast du es auch nicht mehr… Und wenn Du Spaß willst, mach´s mit Udo. Du hast genug zusammengespart und das Geld von mir dazu. Und wer soll dann auf dich aufpassen, wenn ich das nicht mehr kann? Udo etwa? Der doch wohl nicht!“

„Nein“, seufzte Sarah, „das kann ich ihm kaum zumuten. Aber dir hat es doch auch Spaß gemacht…, manchmal, oder?“

„Ja, manchmal! Hör auf mit deinem Job, heirate Udo, wohnt hier zusammen und verschwindet ab und zu irgendwo in den Süden und werdet miteinander glücklich! Versprich mir das.“

Sarah weinte jetzt richtig. „Ja“, sagte sie, „Hanna, ich liebe dich.“

„Du solltest lieber Udo lieben“, sagte Hanna lächelnd und drückte ihre Hand, „und zwar ganz fest, das ist besser für dich!“

„Du weißt doch, wie ich das meine… Und ob der Udo das auch will?“

„Das will der aber so etwas von sehr, meine Liebe, das glaubst du gar nicht.“

„Und warum fragt er mich nicht? Oder sagt es mir?“

„Weil er ein Mann ist, und ein Norddeutscher noch dazu. Die tun sich schwer…, also, mit so etwas wie Gefühlen. Aber nichts desto trotz haben sie sie!“

„Meinst du?“

„Das weiß ich sogar, und jetzt hol´ noch die andere Flasche und ruf die Männer an, dass die auch kommen sollen. Dann stoßen wir gemeinsam an – auf das Ende! Das Absehbare!“

Als Udo und der Graf gekommen waren, reichte Sarah strahlend Udo die Flasche und sagte: „Kannst du die bitte mal öffnen, Udochen, mein Starker, mein Liebster?“

Udo schaute sie etwas verwirrt an. Was war das denn? Hanna schüttelte ganz leicht den Kopf in Sarahs Richtung: Tse, tse… Nur nicht übertreiben!

Udo hantierte am Metallverschluss der Flasche herum, hielt den Korken mit dem Daumen auf der Champagnerflasche bis Sarah vier Gläser hingestellt hatte und ließ dann den Korken langsam kommen. Als der mit einem ganz leisen „Plopp“ heraus war, gab er Sarah die Flasche zurück: „Einschenken kannst du sicher besser als ich, meine Liebste!“. Sarah wurde etwas rot und Udo auch als alle lachten.

Dann stießen sie an: „Auf uns“, sagte Hanna, „auf das Ende!“

„Auf meine Sarah“, murmelte Udo und Sarah, die das verstanden hatte, fragte: „Was hast du gesagt?“

„Ach nix“, antwortete Udo und schüttelte den Kopf, „war nix, lass man.“

Als sich alle zugeprostet hatten, sagte der Graf: „Da wir hier ja unter uns sind, kann ich es ja ruhig sagen: Ich bin so weit, von mir aus kann`s losgehen…“

„Hast du alles im Süden?“, fragte Hanna vorsichtig, weil sie nicht wusste, wie weit der Graf die anderen über seine Pläne informiert hatte.

„Ja“, bestätigte der Graf, „das Konto, und genügend Geld ist auch schon drauf. Erstaunlich, was man mit einem einzigen Telefonat in die Schweiz unter Nennung einiger Nummern und Passworte alles erreichen kann… Aber das ist eine andere Geschichte! Alles erledigt, wie gesagt, ich bin bereit, von mir aus können wir loslegen! Ich muss nur noch die eine Kleinigkeit in Hamburg erledigen…“. Er nickte Hanna lächelnd zu, „dann muss ich noch meine Fahrkarte nach Lissabon kaufen und dann heißt es: Ab die Post! Und die kaufe ich garantiert nicht per Internet, nein, ganz brav am Hauptbahnhof auf die gute alte Art mit Barzahlung.“

„Warum Barzahlung?“, fragte Udo.

„Um möglichst keine Spuren zu hinterlassen! Wer sagte es schon?“, Er machte eine kleine Pause und fuhr dann fort: „Ach Gott, das Alter, ich weiß nicht mehr wer…? Auf jeden Fall hat er gesagt: Folge der Spur des Geldes… Ach ja, jetzt weiß ich es wieder, ich glaube, es war Nick Knatterton[1]!“

„Ach so“, sagte Udo, der Knatterton nicht kannte „ja, ich bin auch fertig. Das Auto habe ich, ist ein Pritschenwagen mit Plane, wie gewünscht, zugelassen auf jemanden, der aber auch rein gar nichts davon ahnt.“. Er lächelte: „Hat ein paar Euro extra gekostet, aber für Geld bekommst du heute alles. Die drei Overalls mit den Aufdrucken habe ich und die Aufkleber für das Auto sind auch da, also schon dran, meine ich. Dann habe ich noch eine der großen Stahlkiste aus der Garage auf die Pritsche geschweißt und zusätzlich mit dicken Bolzen verschraubt. Die kriegt keiner runter, ohne das Auto mitzunehmen…“

„Dann müssen wir eben gut auf das Auto aufpassen…“, lächelte Hanna.

„Genau“, stimmte Udo zu, „vor allem, wenn die Kiste bestückt ist! Gewehr und Munition passen locker rein und die Kameras auch. Die Stative schnallen wir mit Riemen auf der Pritsche fest, die notwendigen Haken habe ich auch schon befestigt!“

„Wo ist das zweite Gewehr?“, fragte der Graf.

„Habe ich in der Garage des Borgward eingemauert.“

Als der Graf ihn erstaunt anschaute, fuhr er fort: „Also erst einmal habe ich das Gewehr gut geölt und in Folie eingepackt und dann das Ganze in eine auf Maß gemachte Kiste gelegt. Die Kiste habe ich noch einmal in dicke Folie eingeschweißt und dann eingemauert. Mit einer zweiten Kiste mit Munition, man weiß ja nie, ob und wann man so etwas noch einmal brauchen kann, oder?“

Jetzt sah Sarah ihn böse an – aber das sah Udo nicht, weil der immer noch den Grafen anschaute.

„Werner hat zwar erst gemault, aber für zwei Fuffziger war er auch der Meinung, dass die eine Ecke der Garage schon schwer bröckeln würde, und dass ich die am besten neu verputzen müsste.“

„Hat sie das denn“, fragte Hanna, „ich meine, gebröckelt?“

„Nach ein paar gezielten Hammerschlägen schon“, lachte Udo.

„Gute Arbeit“, lobte Hanna, „ich habe meine Hausarbeiten auch gemacht, die Kerle werden die nächsten vierzehn Tage in ihren Büros sein.“

„Woher weißt du das?“

„Ich habe mit der Sekretärin geschwatzt.“

„Und die hat dir das gesagt? Was ist das denn für eine Sekretärin.“

„Ich habe mich als Witwe ausgegeben, die eventuell Geld in der Reederei investieren will und dass ich irgendwann in nächster Zeit in Hamburg sein werde und mich kurzfristig melden werde!“

„Clever!“, bewunderte Udo Hanna.

„Ja dann, pack´ mer´s …“, bajuwarisierte Hanna und die beiden Männer nickten zur Bestätigung, „und mit der Bradeanu habe ich viermal in einem Laden in einem Kaff südlich von Cluj telefoniert. Das müsste für eine dicke Spur reichen, glaube ich.“

„Und das Apartment?“, fragte der Graf.

„Habe ich gemietet, telefonisch mit Email-Bestätigung. Da habe ich die Sekretärin gemimt, die für das Dok.Film.Team die passende Location gesucht hat. Gut, dass man auf GMX fast jede Adresse anonym bekommt: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!. War supereinfach, die zu bekommen und dann haben wir ein paarmal hin- und hergemailt und ich habe die Miete großzügig um 50% erhöht, damit die das innerhalb von zwölf Monaten nicht an konkurrierende Filmemacher vermieten und so. Den Schlüssel können wir uns in Hamburg in der HafenCityRealEstate abholen. Liegt dort bereit…“

„Na dann …“, sagte der Graf.

„… kann es losgehen“, ergänzte Hanna, „Prost!“

Sarah weinte.

3. April. Hamburg.

Hanna war gegen Mittag in den Zug nach Hamburg gestiegen, Udo und der Graf waren am frühen Morgen mit dem Lieferwagen gestartet.

Weil sie sich als Dokumentationsfilm-Team ausgaben, hatten sie einige große Stative und Kamerataschen (mit Kameras) dabei, die der Graf besorgt hatte. Zwei Profi-Videokameras ergänzten die Tarnausstattung, die einem echten Team ohne weiteres für professionelle Ergebnisse gereicht hätte. „Geld spielt keine Rolle!“, hatte Hanna gesagt, und so hatte der Graf im Filmfachhandel etwas „zugeschlagen“.

Abends trafen sie sich im Hotel „Hafen Hamburg“ in St. Pauli, in dem Hanna drei Zimmer reserviert hatte. Sie saßen jetzt in Hannas Zimmer und genossen den beeindruckenden Blick über den Hamburger Hafen, der von der Hafen City mit dem ewig unvollendeten Bau der neuen Elbphilharmonie ganz links über die St. Pauli Landungsbrücken direkt unter ihrem Hotel und die Werft Blohm & Voss auf der anderen Seite der Elbe schräg gegenüber des Hotels bis zum Containerhafen ganz rechts reichte.

Udo stand mit einer Flasche Bier in der Hand am Fenster, erklärte den anderen „seinen“ Hafen, dessen tausende Lichter im Dunkel funkelten. Das Gewehr hatte er in einer großen Tasche mitgebracht.

„Ich traue der Sache nicht..., du weißt nie, wie neugierig so ein Zimmermädchen sein kann“, hatte er auf Hannas erstaunten Blick gesagt, als er mit der schweren Tasche über der Schulter in Hannas Zimmer gekommen war.

Hanna kannte sich in Hamburg und im Hafen auch aus, denn als Biologin hatte sie einige Jahre an Schleswig-Holsteins und Niedersachsens Küsten geforscht. Ihr Interessengebiet waren damals Parasiten von Seevögeln gewesen und einige Jahre hatte sie „diese gemeinen Dinger“, die eigentlich nur hochinteressant und gar nicht „gemein“ waren, in den Vögeln untersucht. Das über Millionen von Jahren hin entstandene Verhältnis von Parasit und Wirt war hochkomplex und ging keinesfalls immer einseitig zu Lasten des Wirtes. Ein „guter“ Parasit hilft seinem Wirt zu überleben. Der andere Fall, der auch vorkommt, ist eher „ein Versehen“ der Natur!

Für diese Untersuchungen hatte sie sowohl lebende Seevögel eingefangen, als auch deren Kadaver in den Vordeichgebieten auf beiden Seiten der Elbmündung und an den Küsten nördlich und westlich der Elbe gesammelt.

Und in der Zeit hatte sie eben bei Hamburg gelebt. Kein Wunder, dass sie den Hafen kannte, aber sie ließ Udo seinen kleinen Triumph gerne auskosten, dass er sich hier so gut auskannte.

Und so war es ja auch, denn auf der Werft, auf die sie jetzt blickten, hatte er gelernt und viele Jahre gearbeitet, bevor er dann ein „He lücht“ (also ein „Guide“) auf einer Hafenrundfahrtbarkasse geworden war. Diese Arbeit war leichter, machte mehr Spaß und war besser bezahlt. Und so erzählte er auch ein paar sehr unterhaltsame Döntjes, die alle drei zum Lachen brachten.

Irgendwann bestellte Hanna ein paar Sandwiches aufs Zimmer, denn Udo wollte sein Gewehr keinesfalls unbeobachtet lassen während sie im Restaurant sitzen würden. Deshalb blieben sie einfach im Zimmer „mit Blick“! Selbst die kleine gemütliche Hotelbar im Erdgeschoss war für Udo „out of Rosenheim“, genauso wie die im Turmzimmer, von wo aus man den grandiosen Blick über Hafen und Elbe noch besser genießen konnte als aus den Zimmern.

„Und das weitere Programm?“, fragte der Graf später, „Hanna, wie geht es jetzt weiter?“

„Ich habe mir gedacht, ihr beide fahrt morgen in die Gegend an der Ostemündung, das ist von hier aus gesehen links an der Elbe kurz vor Cuxhaven. Also auf der niedersächsischen Seite. Ich kenne das von früher her: Da müsste zu dieser Jahreszeit total tote Hose sein, da seid ihr wirklich ganz allein und könnt eure Schießübungen machen. Da stört euch jetzt keiner. Euer Hotel habe ich für zwei Nächte gebucht. Es heißt „Hotel Neuhaus“ in Neuhaus an der Oste. Winzig klein ist das, die haben, glaube ich nur vier Zimmer. Die machen extra für euch auf. Essen könnt ihr da nicht, das müsst ihr in der einzigen Gaststätte, die um diese Zeit geöffnet ist: „Zur Kogge“ heißt das..., soll berühmt sein für seinen Grünkohl, sagte mir die Hoteldame.“

„Gut“, sagte der Graf, „wie lange fahren wir?“

„Das sind knapp einhundert Kilometer, aber Landstraße, eineinhalb Stunden, schätze ich. Und haltet euch unbedingt an die Geschwindigkeitsbegrenzungen, die blitzen hier „wie blöd“, naja, die haben ja auch den ganzen Tag nichts anderes zu tun, die Bullen hier!“

Als Udo lachte, sagte Hanna: „Ich meine das Ernst, Udo, die stehen hier hinter jedem Busch! Glaube es mir!“

„Wir fahren gleich nach dem Frühstück, so gegen neun, was meinst du, Udo?“

„Einverstanden.“

„Und was machst Du?“, fragte Udo Hanna.

„Ich kümmere mich um das Apartment, das wir gemietet haben. Ich werde zur Agentur gehen, mir den Schlüssel holen und mir das mal anschauen. Lasst mir ein Fernglas da, ja?“

Kurz vor zwölf am nächsten Tag, parkte Udo den Lieferwagen vor dem Hotel, das wirklich sehr klein war. Die Wirtin zeigte ihnen ihre einfachen Zimmer. Bevor sie wieder verschwand, fragte sie noch: „Es geht mich je eigentlich nichts an, aber, was um Gottes Willen wollen sie um diese Jahreszeit hier? Hier ist jetzt doch gar nichts los!“

„Ja“, sagte Udo und meinte damit, dass sie das nichts anginge.

„Wir sind Dokumentarfilmer“, antwortete der Graf.

„Ach so“, sagte sie, „Vögel und so..., ja davon gibt es hier viele, die scheißen ja alles voll!“

Sie gab ihnen die Hausschlüssel und erklärte ihnen noch, wo sie „Die Kogge“ finden würden. Der Grünkohl da sei richtig gut! „Dafür kommen die Leute sogar bis aus Cuxhaven! Und das ist immerhin dreißig Kilometer weg.“ Dann war sie fort.

„So ein Schnackfatt“, stöhnte Udo, „die kaut einem ja das Ohr ab...“

„Wieso“, fragte der Graf, „die war doch nett!“

Dann zogen sie sich um. Ein paar Minuten später trafen sie sich in schwarze Overalls mit großen DOK.FILM.TEAM-Aufdrucken auf dem Rücken und kleinen auf der Brust am Lieferwagen.

Der Graf war natürlich wieder elegant gekleidet, eleganter konnte kein Filmkiller aussehen: Unter dem Overall trug er einen schwarzen Rollkragenpullover, auf dem Kopf eine schwarze Wollmütze ohne Troddel und an den Händen feine Lederhandschuhe. Ein schwarzer Kaschmirschal ergänzte seine Ausrüstung. In der Hand trug er eine wattierte schwarze Lederjacke, denn er rechnete damit, dass es kalt werden würde.

Udo hatte dagegen einen Elbsegler auf dem Kopf und dicke Stiefel mit Felleinsatz. Er wusste aus Erfahrung, wie verdammt kalt es im Winter am Wasser werden kann, und erst recht hier draußen an der Elbmündung – vor allem, wenn der Wind mit vier oder fünf Windstärken (oder wie vornehmere Leute sagten: Beaufort!) wehte. Er warf eine schwarze Kapitänsjacke und einen roten Schal in das Führerhaus und fragte: „Fertig?“

„Ja!“

„Na denn!“

Damit stiegen sie ein – aber bevor Udo losfahren konnte, musste der Graf noch einmal pieseln, „warte noch einen Moment, ich muss noch mal..., scheiß Prostata...“, murmelte er zum xten Mal. Als er kurz darauf wiederkam, sagte Udo: „Na, das ging aber fix, das waren aber nur ein paar Tropfen, oder?“

„Prostata! Sag ich doch“, sagte der Graf, „da kannst du nichts machen...“, und Udo fuhr los. Er hatte eine detaillierte Karte dabei, auf der sie sich die Gegend zwischen Balje und Krummendeich als Ziel ausgesucht hatten, da schienen sich – laut Karte – „Fuchs und Hase gute Nacht zu sagen“, da war nur noch „Landschaft“ mit kleinen Wegen, die jetzt wohl kaum benutzt würden.

Es waren nur so zehn Kilometer, also waren sie schnell angekommen. Sie hatten richtig vermutet, hier war nichts mehr, von dem „Nichts“ aber viel: Flache Wiesen, dazwischen immer wieder kleine Entwässerungsgräben, unzählige, einer nach dem anderen. Auf den Wiesen würden im Sommer wahrscheinlich Kühe weiden, jetzt war alles leer, verlassen, grau, farblos... Sowohl die Wiesen wie der Deich dahinter als auch Himmel und Wolken unterschieden sich in der Farbe kaum. Trostlos! Für ihr Vorhaben aber perfekt.

Udo ließ die hintere Klappe der Pritsche herunter und stellte die Melonen, die sie auf der Fahrt von Hamburg unterwegs in mehreren Läden gekauft hatten (wer kauft hier schon zehn Melonen auf einmal, ohne neugierig gefragt zu werden, was er damit vor hat?), auf die hintere Kante der Pritsche und malte mit weißer Farbe Kreuze darauf. Auch Farbe und Pinsel hatten sie viele Kilometer zurück in einem „für das platte Land“ erstaunlich großen Supermarkt gekauft.

Dann stellte er die Melonen in einer Reihe mit circa einem Meter Abstand auf den Boden. Der Graf schaute ihm stumm zu. Als Udo zufrieden war und ihn fragend anschaute, nickte er und sie fuhren zurück zu einem parallel verlaufenden Weg in vierhundert Metern Entfernung. Das entsprach in etwa der Schussentfernung, mit der sie in Hamburg rechneten.

„Das wär´s“, sagte Udo zum Grafen, „kannst losballern.“

Der enterte die Pritsche und krabbelte unter die Plane.

Der Wagen stand nun parallel zum Straßenrand, seine rechte Seite wies auf die Reihe der Melonen. Udo hörte einige Geräusche. Erst waren es „satte“ Klicks: Der Graf öffnete die Stahlkiste, entnahm ihr das Gewehr und steckte Zielfernrohr und Laserpointer in die entsprechenden Halterungen an der Waffe.

Danach kamen „hohe“ Klicks: da füllte er das Magazin und schob das in das Gewehr (ein letzter satter Klick).

Dann klappte der Graf ein kleines Stückchen der Plane hoch (sie hatten die Plane eingeschnitten, so dass sich ein Loch von zwanzig mal zwanzig Zentimeter ergab, durch das der Graf zielen konnte). Der Gewehrlauf schaute übrigens nicht aus dem Loch, es blieb zur Gänze unter der Plane verborgen. Sollte jemand kommen, konnte der Graf die kleine Klappe mit einer schnellen Handbewegung schließen und so unsichtbar werden.

Udo setzte inzwischen den Wagenheber am rechten Hinterrad an, was einem eventuellen Passanten erklären würde, warum sie hier mitten in der Landschaft standen, wo sich doch um diese Jahreszeit niemand freiwillig aufhalten würde.

Als sie fertig waren, steckte der Graf seinen Kopf unter der Plane durch und sagte: „Fertig! Bei dir alles klar? Ist die Luft rein?“

Udo sah sich in alle Himmelsrichtungen um und meinte, dass weit und breit niemand zu sehen sei, es könne losgehen.

Der Graf legte sich hinter das Gewehr, das auf einem Sandsack auflag. Er hatte eine Wolldecke ausgebreitet, auf die er sich legte, schließlich wollte er den schicken Dok.Film.Team-Overall nicht schmutzig machen. Schon aus Prinzip und weil er ihn in Hamburg ja noch brauchen würde, da konnte er doch nicht „dreckig“ auftreten, nicht er, der Graf.

„Alles klar? Ich fange an“, rief der Graf. Udo hörte es kurz darauf einige Male „plopp“ machen. Lauter waren die Schießgeräusche des Dragunov Tigr-Gewehres nicht, mit dem der Graf sich gerade einschoss.

„Scheiße“, hörte er den Grafen fluchen, als die Schüsse neben dem Ziel lagen: Alle Melonen waren unversehrt und schauten geradezu arrogant grinsend zu ihnen herüber.

„Ich muss das Visier anders einstellen“, hörte er den Grafen unter der Plane murmeln. Es gab ein paar leise Geräusche.

Dann machte es wieder ein paarmal „plopp“.

„Immer noch nicht..., und auch nicht viel besser. Sag mal, wie viel Wind haben wir denn?“

„Schätze vier oder fünf Windstärken“, sagte Udo von draußen, „soll ich mal messen?“

„Ja, ich glaube, das müssen wir machen, sonst wird das so nichts.“

„Gib mir mal den Windmesser“, bat Udo. Als der Graf das kleine Gerät aus der Kiste geholt und Udo gereicht hatte, ging der ein paar Meter vom Auto weg und hielt den Windmesser so hoch er reichen konnte in den Wind. „35 Stundenkilometer!“, rief Udo.

„Das ist scheißviel“, fluchte der Graf ganz ungräflich, „das muss ich erst einmal ausrechnen... Ich komm´ mal raus!“, und damit kletterte er von der Pritsche. Die beiden Männer enterten die Fahrerkabine und der Graf holte einen Block und einen Stift aus der Klappe vor dem Beifahrersitz.

„Warte mal“, sagte er konzentriert, “wie ging das noch? Also 400 Meter Entfernung mal 13, das ist eine Konstante, das macht 5200. 5200 geteilt durch 100 mal halben Wind in Meilen per Stunde … Das macht bei 35 Stundenkilometer …, warte mal …, 20 Meilen und davon die Hälfte also zehn … Zehn mal Hundert sind, das ist einfach … Tausend … Wenn ich mich nicht täusche sind das 5,2 Bogenminuten!“

„Aha“, sagte Udo voller Bewunderung, „und das hast du alles im Kopf gerechnet?“

„Ist nicht so schwer, wie es sich anhört“, beruhigte der Graf Udo, „ist eigentlich ein Klacks, ehrlich gesagt.“

„Und nun?“, fragte Udo.

„Nun muss ich das Zielfernrohr neu justieren.“

„Aha?“, sagte Udo ahnungsvoll oder ehrlich gesagt, ahnungslos.

„Dafür gibt es extra ein Einstellrad, auch keine große Sache. Na, dann probiere ich es jetzt noch einmal.“

Der Graf verließ die Fahrerkabine, schaue sich um – weit und breit immer noch niemand zu sehen, also kroch wieder unter die Plane.

Nach einer Weile des Rumorens und Fluchens hörte Udo wieder die „plopps“.

„Scheiße“, hörte er den Grafen laut fluchen, „immer noch daneben! Aber schon besser...“

Udo, der inzwischen wieder seinen Beobachtungsposten neben dem Lieferwagen eingenommen hatte, sagte nichts, um den Grafen nicht nervös zu machen.

Dann gab es wieder eine Reihe von „plopps“ und dann zerstäubte die erste Melone und dann die zweite... „Na, geht doch“, rief ein sehr mit sich zufriedener Graf. Und wieder gab es zwei Treffer.

„Du, halt mal an!“, sagte Udo von draußen, „da kommt einer, auf einem Fahrrad.“

Der Graf schloss das kleine Loch in der Plane und verhielt sich ganz ruhig.

Nach einer Weile hatte der Fahrradfahrer sie erreicht. Es war ein Mann in undefinierbarem Alter, die Haut von Wind, Sonne und salziger Luft gegerbt, wahrscheinlich war er so um die Fünfzig. Er trug eine blaue Arbeitsjacke über einem Troyer sowie eine dicke grüne Cordhose und eine ähnliche Mütze wie Udo. An den Füßen trug er Gummistiefel.

Als er den Lieferwagen erreicht hatte, bremste er sein Hollandrad ab und er stieg ab.

„Tach“, sagte er.

„Tach“, sagte Udo.

„Neu hier?“, fragte er.

„Ja!“

„Und?“

„Tja...“, sagte Udo ganz ruhig.

„Nicht viel los hier, was?“

„Nö...“

Der andere deutete auf den Wagenheber. „Kaputt?“, fragte er.

„Scheint so...“

„Schiet!“

„Ja!“

„Schlimm?“

Udo zuckte mit den Schultern.

„Und?“

„Muss wohl repariert werden...“

„Soll ich helfen?“

„Nö, danke, lass man, ist schon einer los...“

„Ach so, ja dann..., aber wenn...“

„… denn sag´ ich Bescheid!“

„Schreib dir meine Nummer auf..., ich kann dich zur Not mit´m Trecker abschleppen..., kost auch nix... Naja, sagen wir, ein paar Bierchen in der Kogge!“

„Is nett..., aber, danke... Vielleicht, wenn ich das nicht hinkriegen tu´...“

„Haste was zu schreiben?“

„Ja, hier...“, Udo fingerte einen Kugelschreiber aus der Tasche, der andere diktierte ihm seine Handy-Nummer.

„Was macht ihr denn?“

„Film!“

„Ach so..., Vögel und so...?“

„Genau!“

„Na, da seid ihr hier ja richtig...“

„Genau!“

„Na, tschüss, denn...“

„Ja. Tschüss... Mach´s gut!“

Der andere stieg auf sein Fahrrad und fuhr los. Als er ein paar Meter gefahren war, rief Udo ihm noch nach: „Und... Danke!“, der andere drehte sich nicht um, hob aber zur Bestätigung kurz den rechten Arm und trat weiter fest gegen den Wind an, der hier hinterm Deich immer von vorne kommt.

„Kannst weitermachen“, sagte Udo etwas später zum Grafen und der schoss die Melonen jetzt reihenweise ab. Jedes „plopp“ bedeutete eine Melone weniger in der Reihe. Dann nahm er zum Spaß noch ein paar krumme Pfosten der Weidenzäune ins Ziel und traf auch die. Er war bereit.

Abends gingen sie in „Die Kogge“. Der Fahrradfahrer war nicht da, worüber Udo froh war. Mit dem hätte er eventuell wieder reden müssen, vielleicht über Vögel, die sie angeblich filmen wollten. Das hätte peinlich werden können. Sie waren die einzigen Gäste und bestellten bei der Wirtin und Köchin auf deren Empfehlung hin zweimal Grünkohl. Bremen war nicht weit, also gab es hier Grünkohl mit Kassler, fetter Schweinebacke und Pinkel statt mit Kochwurst wie auf der anderen Seite der Elbe. Dazu trank „man“ Bier mit Korn.

Es gab natürlich „Grünkohl satt“, man war schließlich auf dem Lande. Der Graf hatte einen Teller gegessen, Udo gab nach dem dritten auf. „Puh“, sagte er, „man, war das gut... Hab´ ich lange nicht mehr gehabt, Grünkohl, meine ich...“, und dann bestellte er noch zwei doppelte Doppelkorn für sich und den Grafen.

Als er den eiskalten Korn in seinem gefrorenen Glas in der Hand hielt, begann er zu rezitieren:

„Da reckt sich Pidder, steht wie ein Baum:

Henning Pogwisch, halt deine Reden im Zaum.

Wir waren der Steuern von jeher frei,

Und ob du sie wünschst, ist uns einerlei.

Zieh ab mit deinen Hungergesellen,

Hörst du meine Hunde bellen? Und das Wort bleibt stehn:

Lewwer duad üs Slaav!

 

Bettelpack, fährt ihn der Amtmann an,

Und die Stirnader schwillt dem geschienten Mann:

Du frißt deinen Grünkohl nicht eher auf,

Als bis dein Geld hier liegt zu Hauf.

Der Priester zischelt von Trotzkopf und Bücken,

Und verkriegt sich hinter des Eisernen Rücken.

O Wort, geh nicht unter:

Lewwer duad üs Slaav!“

„Was war denn das“, fragte ein schwer beeindruckter Graf, „Du kannst Gedichte?“

„Nee“, lachte Udo, „kann ich nicht, nur das eine! Haben sie uns in der Schule eingebleut..., man o man, wenn ich daran denke! Man, hat das Ohrfeigen gesetzt… Die paar Zeilen kann ich heute noch. Ist ja nur, weil der Grünkohl darin vorkommt. Da ist mir das eben wieder eingefallen.“

„Und was ist das?“

Pidder Lüng von Detlef von Liliencron. Prost, Graf! Weg damit...“, und damit stürzte er den eiskalten Korn hinunter.

„Hast du die Nummer von Hanna dabei?“, fragte der Graf etwas später, „ich meine, die andere, nicht ihre originale.“

„Jawoll“, sagte Udo und holte einen Zettel hervor: „01573-1692294.“

Der Graf holte sein anonymes Handy hervor und bat Udo darum, die Nummer noch einmal, aber diesmal langsam vorzulesen, damit er wählen könne.

Als Hanna abnahm, sagte er nur: „Alles klar! Funktioniert!“

„Wann kommt ihr wieder?“, fragte Hanna.

„Morgen. Wir brauchen keine zwei Nächte hier, hier ist wirklich der Hund begraben.“

„Gut, dann kommt!“

„Und bei dir?“

„Hat auch geklappt. Ich habe die Schlüssel. Wir haben einen schönen Blick!“

Der Graf verstand die versteckte Botschaft. „Gut“, sagte er, „dann kann es ja losgehen.“

„Ja“, sagte Hanna, „das kann es. Tschüss.“

„Ja. Bis morgen.“

8./9. April. Hamburg. Warten…

Am nächsten Mittag nahmen sie das gemietete Apartment in Beschlag. Der Graf schob Hannas Rollstuhl so schnell er konnte durch den typischen Hamburger Regen, der von einer steifen Brise fast waagerecht durch die Straßen getrieben wurde, der kräftige Udo trug „sein“ Gewehr und zwei Kamerataschen im Laufschritt zum Hauseingang. Mit der Gewehrtasche ging er dabei sorgfältiger um als mit den teuren Kameras!

Oben angekommen schloss Hanna die Tür zum Apartment auf und Udo trottete zurück, um die anderen Utensilien zu holen. Der Graf schaute sich um: Ein großes Zimmer mit Balkon, ein kleines, eine Miniküche und ein Badezimmer, das war´s. Alles war mit einer dünnen Staubschicht bedeckt. Hier war lange niemand drin gewesen. Möbel gab es nicht. Die hatten sie auch nicht erwartet.

An der Tür hingen sie ein Schild auf: FILMAUFNAHMEN. BITTE NICHT STÖREN! Ob ihnen das die gewünschte Ruhe verschaffen würde? Es war jedenfalls besser als nichts.

Als erstes bauten sie in dem größeren von den beiden Räumen die Stative auf und schraubten die Kameras fest.

Dann öffnete der Graf die Tür zum Balkon und sah sich draußen um: Hier oben pfiff der Wind und trieb den Regen noch mehr vor sich her, weshalb der Graf die Tür auch gleich wieder schloss. Heute war jeder Schuss ausgeschlossen, bei dem Wetter ging einfach nichts.

Einige Hundert Meter entfernt sah er durch die regennasse Scheibe das Bürogebäude, in dem die Reederei auf den zwei obersten Etagen residierte. Ihr Apartment lag eine Etage höher als deren Büros, so dass er leicht abwärts schießen würde.

Die Balkonumrandung bestand aus vier horizontal verlaufenden Metallstangen von etwa sechs Zentimetern Durchmesser. Gott sei Dank, fand der Graf, waren da keine Lochplatten oder andere festen Hindernisse. Zwischen den Stangen würde er hindurchschießen können. Sehr gut! Andernfalls hätte er mindestens eine Platte abmontieren müssen und das wäre wahrscheinlich aufgefallen und wäre deshalb schlecht.

Udo war mit den restlichen Ausrüstungsgegenständen gekommen, schüttelte sich ordentlich und ruhte sich jetzt einen Moment lang aus. Mit den Ärmeln versuchte er sich das nasse Gesicht trocken zu wischen.

Der Graf baute derweil das Gewehr zusammen. Er steckte das Zielfernrohr in seine Halterung, dann den Laserpointer. Er füllte das Magazin und führte es in seine Halterung ein, er steckte er die beiden kleinen Stangen ein, die als V-förmiger Ständer dem Gewehr Halt geben würden. Er stellte es mitten im Zimmer auf den Boden. Er wollte nicht, das irgendwer, durch welchen Zufall auch immer, etwas von dem Gewehr sehen konnte. Die Gründe sind klar ...

Dann legte er sich hinter das Gewehr auf seine Wolldecke auf den Boden und peilte durch das Zielfernrohr und die gläserne Balkontür auf die Büroräume der Reederei in dem anderen Gebäude.

„Mist“, schimpfte er. Da war genau eines von den Rohren der Balkonbrüstung im Bild. Er probierte ein paar andere Stellungen, schließlich war er zufrieden.

Da klingelte es an der Tür.

Der Graf sprang auf, Udo schob die Decke mit den Füssen zusammen und warf eine weitere große Decke über das Gewehr. Hanna rollte zur Tür, schaute die beiden an, beide nickten – alles klar!

Hanna öffnete die Tür und draußen stand, nein, nicht Werner aus der Georgenstraße, aber sein Hamburger Pendant! Der Hausmeister! Der wichtigste Unterschied? Werner sagt „Grüß Gott“, der Hamburger „Moin“ oder auch „Moin, Moin“!

Er trug einen ziemlich nassen grauen Kittel über einem Rollkragenpullover zu blauen Arbeitshosen und Gummipantoffeln. Und ganz oben einen speckigen und zerknautschten Elbsegler, der seine besten Jahre weit hinter sich hatte und deshalb „echt“ aussah.

„Tach“, grinste er freundlich, „ich wollte nur mal ...“, und dabei nahm er die Mütze ab und hielt sie in beiden Händen vor dem Bauch, drehte sie verlegen.

„... schauen, was wir machen?“, vollendete Hanna den Satz.

„Naja, ich will ja nicht neugierig sein, also, ich wollte nur sagen, wenn sie mal ´was brauchen, brauchen sie mich nur zu rufen... Immer zu Diensten... Ich kann alles besorgen ..., für ´ne kleine Mark, wollte ich nur sagen...“

„Ja, kommen sie herein, Herr ...?“

„Henning, sagen sie ruhig Henning, meine Dame!“

„Guten Tag, Henning“, sagte Hanna, „das ist ja sehr nett von Ihnen... Sie rollte zum Tisch, nahm ihre Handtasche, wühlte darin herum und hatte schließlich einen Fünfzigeuroschein in der Hand. Sie fuhr wieder zu Henning, der sich neugierig in der Wohnung umschaute.

„Hier“, sagte sie, „erst einmal für Ihre Bemühungen ..., sozusagen..., prophylaktisch!“. Henning schaute sie fragend an. „Im Voraus“, verbesserte Hanna sich. Das verstand Henning. Das fand er richtig gut!

Henning nahm das Geld ohne falsche Bescheidenheit an den Tag zu legen und schaute sich weiter um.

„Ja“, sagte Hanna, „da stehen zwei Filmkameras.“

„So kleine?“, fragte Henning.

„Ach“, sagte Hanna lässig, „die sind heutzutage so klein, das sind die modernsten, die man für Geld bekommen kann, High-Tech pur, sozusagen... Wir warten ja auch nur auf das richtige Licht, ein paar Schiffe ..., und dann sind wir auch schon fertig. Wir drehen hier ja nur eine Szene, wissen Sie. Da gibt es ja noch andere Kamerateams ...“

„Tatsächlich?“, Henning war beeindruckt.

„Und was ist das da Geheimnisvolles?“, fragte er unverblümt und deutete auf die Decke, die das Gewehr verdeckte „und warum tragt ihr Handschuhe? Sieht ja aus wie bei C.I.S.“ Er sprach es aus wie „ziss“.

„Ach, die Handschuhe?“, lachte Hanna, „Gute Frage, Henning! Nein , das ist kein Geheimnis... Die sind wegen dem da!“. Sie deutete auf das Ding unter der Decke, „Das ist eine so neue Entwicklung, also eine 3D-Kamera, die ist so empfindlich, weil das ein Vorseriengerät ist und die ist so geheim, da darf ich leider nichts drüber erzählen, Henning, absolut unmöglich. Deshalb hängt draußen ja auch das Schild BITTE NICHT STÖREN.“

„Ach so, ja klar!“, erkannte Henning.

„Ja“, sagte der Graf, „und es wäre sehr nett, wenn da keiner mehr käme, weißt Du, Henning, ich bin nämlich der Entwickler von dem Ding da, wir machen gerade den ersten Feldversuch damit... Und wenn du das hinkriegen würdest, dass wir wirklich ungestört bleiben, dann wäre mir das einen Hunderter wert!“

Henning bekam einen etwas gierigen Blick, als der Graf ihm den Schein hinhielt. Als er danach greifen wollte, zog der Graf die Hand etwas zurück, so dass Henning ins Leere griff.

„Ich sage ja, wenn keiner mehr kommen täte!“. Er reichte Henning den Schein und sprach dann weiter, „wenn da aber noch einmal einer kommt, dann könnte ich richtig böse werden. Ich will mich nämlich auf meine Arbeit konzentrieren, verstehst Du?“

Henning nickte und verstand jedenfalls, dass er hier jetzt nicht mehr erwünscht war.

„Denn gehe ich mal wieder und lasse euch arbeiten, nicht ...“

„Gut so“, sagte der Graf, „ich glaube auch, das Wetter wird gerade etwas besser. Wir können, glaube ich, weiter machen... Der Hafen so im Regen im Gegenlicht, das könnte ganz reizvoll sein“

„Ja“, sagte Udo, „ich bringe Henning nur schnell raus ...“

Draußen auf dem Flur legte Udo Henning den Arm um die Schulter und führte ihn zum Treppenhausfenster.

„Du, Henning“, sagte er (das „du“ war eher ein duuhuu) und schaute ihn direkt an, „willst du nicht mal so richtig schön Urlaub machen?“

Henning schaute Udo fragend an.

„So mit Frau und Kind? Du hast doch Frau und Kind?“

„Zwei“, sagte Udo, „also nicht zwei Frauen, davon nur eine – aber zwei Kinder.“

„Siehste, aber das ist teuer für einen Hausmeister, oder?“

„Zu teuer“, seufzte Henning.

„Tja, da hätte ich ja vielleicht eine Lösung ...“

Henning sah interessiert aus.

„Weißt du, du müsstest in den nächsten zwei bis drei Tagen eben vor allem in der Tiefgarage zu tun haben, angestoßene Säulen pönen, oder so ..., Rasen mähen ..., naja, wir haben April, mäht man da schon? Der erste Schnitt vielleicht... Dir wird schon etwas einfallen! Jedenfalls bist du nicht hier oben.“

„Warum nicht?“

„Damit du nichts sehen tust, wenn sie dich mal fragen sollten, ich meine, könnte doch sein.“

„Wer soll mich denn fragen? Warum denn? Ihr filmt doch nur.“

„Genau Henning, wir filmen nur!“. Udo machte eine Pause, dann fuhr er fort: „Aber es könnte ja mal sein, also nur mal angenommen für den Fall, dass da vielleicht mal wer kommen tut.“

„Und was hätte das mit meinem Urlaub zu tun?“

„Das ist so: Du warst einmal hier oben zu Besuch, wie eben, du hast ja auch schon ein bisschen abgesahnt, nicht“, Udo rieb den Daumen an den zusammen gelegten Zeige- und Mittelfinger, „du hast hier keinen von uns gesehen, keine Alte im Rollstuhl, mich nicht und meinen Kumpel auch nicht – nur Rumänen, die haben auch so gesprochen, jedenfalls haben die rumänisch ausgesehen und sich auch so angehört... Mein Kumpel, die Frau und ich, wir waren dagegen nie hier.“

„Rumänen? Welche Rumänen? Ich verstehe immer noch nicht!“

„Henning, nun sei mal kein Dösbaddel, du bis´ doch ein kluges Kerlchen, nich´, wenn wir wieder weg sind, denn gehst du gleich zu der Wohnung hier und guckst unter die Fußmatte. Da findest du dann mehr Moneten für dich , als du für einen grandiosen Urlaub zu viert brauchst. Und du machst das sofort, wenn wir weg sind, sonst findet das die Putzfrau, und das willst du doch nicht, oder?“

Henning schüttelte den Kopf.

„Siehst Du! Du findest da unter der Matte das Geld und dafür hast du da drinnen zwei Rumänen gesehen, kapito?“

„Jawoll!“, bestätigte Henning, „die Weißhaarige und zwei Rumänen, und die haben auch richtig rumänisch gesprochen! Alles klar, Kumpel! Ich bin ja nich´ doof, nich´.“

„Genau! Kluger Jung´. Und was machst du jetzt?“

„Ich glaub´, ich meine, nee, ich bin mir ganz sicher, da müssen ein paar Säulen in der Tiefgarage gemalert werden. Die Leute rumpeln mit ihren großen Karren ja dauernd dagegen, gegen die Säulen, mein´ ich. Sieht ehrlich nich´ aus... Erst mal muss ich Farbe kaufen. Wird schon so zwei bis drei Tage dauern.“

„Gute Idee!“, bestätigte Udo, „Und wenn dir etwas anderes als die Rumänen einfallen sollte, falls dich mal jemand fragen sollte, dann komme ich wieder, und dann finde ich dich auch, Henning, versprochen – mehr muss ich ja nich´ sagen, oder? Also, nich´ dass ich dir damit jetzt drohen will, Henning, das sollte unter Freunden nur mal so ganz klar ausgesprochen sein! Aber wir sind jetzt ja gute Kumpels, nich´, da passiert das ja nich´, oder?“

„Nee“, grinste Henning Udo an, „da kannst du dich voll auf mich verlassen. Für meine Freunde, da steh ich! Und denn bin ich ja auch für vier Wochen auf Malle, soll ja besonders schön sein im Frühsommer ..., dafür pfeif ich ja auch auf zwei oder drei von den Heimspielen vom HSV.“

Als Udo wieder herein kam, lächelte er.

„Was ist los?“, fragte Hanna, „Warum lächelst du so?“

„Ach, ich habe ihm nur klar gemacht, dass das ja sehr nett war, dass wir ihn kennen gelernt haben... Weißt Du, so von Hamburger Jung´ zu Hamburger Jung´ ..., und dann habe ich ihm noch gesagt, wenn wir dann eines Tages weg sind und ihn nicht mehr gesehen haben sollten, denn soll er man mal unter die Fußmatte gucken. Könnte sich lohnen, habe ich gesagt, wenn er dann die Schnauze halten würde ..., und wenn er doch was sagen muss, dann hat er hier nur dich, Hanna, und zwei Rumänen gesehen.“

„Gut so!“, lächelte Hanna, „aber wir sollten den Flur im Auge behalten.

„Mach´ ich schon!“, stimmte Udo zu, „aber den siehst du nicht mehr, glaub´ mir man ruhig!“

Der Graf rückte noch ein paar Male mit dem Gewehr hin und her, endlich war er mit seiner Position zufrieden.

„Wisst Ihr“, sagte Udo, „was haltet ihr davon, wenn ich heute Nacht hier schlafe, um auf das ganze Zeugs da aufzupassen! Schon wegen Henning, würde mich wundern, wenn der nicht einen Zweit- oder Drittschlüssel hätte...“, und er deutete auf das Gewehr und die Kameras.

„Und wo willst du schlafen?“, fragte Hanna.

„Ich kann mir eine Luftmatratze und einen Schlafsack holen.“

„Fände ich gut“, stimmte der Graf zu und Hanna nickte und sagte: „Mach das, Udo! Wir bleiben solange hier, bis du wieder da bist.“

Als Udo wiederkam, schleppte er einen Schlafsack, eine Luftmatratze, eine Pumpe und zwei Klappstühle herein.

„Puh“, sagte er, „schwer ohne Henning ..., aber ich habe mir gedacht, Hanna, die hat´s gut, die hat ihren Stuhl dabei, aber wir beide“, und damit blickte er den Grafen an, „wir wollen ja vielleicht auch einmal sitzen, oder? Das kann ja dauern, bis die da drüben auftauchen. Soll ich uns noch etwas zu essen holen?“

„Udo“, sagte Hanna, „du bist Klasse, ich bin so aufgeregt, da habe ich gar nicht dran gedacht.“

„Italienisch oder chinesisch?“, fragte Udo nur. Sie entschieden sich für chinesisch, also trottete Udo noch einmal los.

„Hoffentlich denkt er auch an etwas zum Trinken!“, bemerkte der Graf, der durstig geworden war. Ohne dass sie es bemerkt hatten, war es fast sieben Uhr abends, als Udo mit dem Essen und Trinken (!) wieder auftauchte.

„Hat ein bisschen länger gedauert“, entschuldigte er sich, „da war so viel los. Hier in diesen modernen Wohnungen in der HafenCity scheint keiner von den jungen Leuten mehr zu kochen. Chop soy, zweimal gebratenes Rindfleisch, scharf oder Nasi Goreng – wer will was? Zum Trinken gibt es Astra!“

„Egal“, sagte Hanna, „gib eines her.“

„Scharfes Rindfleisch!“, sagte der Graf.

Dann aßen sie und der Graf dankte Udo im Stillen, dass es Stühle gab. Die waren zwar keinesfalls bequem, aber immerhin besser, als am Boden zu sitzen.

Als sie fertig waren, war es draußen stockdunkel und im Apartment auch.

„Sag mal, Hanna“, fragte Udo leise, „wäre es indiskret, dich zu bitten, uns zu erzählen, was dir eigentlich geschehen ist, damals... Also, warum wir hier sind? Ich meine, wenn du nichts erzählen willst, dann ist das für mich auch okay. Oder, Graf?“

„Ja“, sagte der, „das wäre schon verständlich, Hanna ..., ich meine, also wenn du nicht reden willst.“

„Doch“, sagte Hannas Stimme aus der Dunkelheit, „wenn es euch interessiert, ich erzähle das schon!“

Es war eine Weile ruhig im Raum. Dann begann Hanna:

„Es war 1980. Auf Mallorca. Das war damals noch nicht so überlaufen wie heute, aber da war schon einiges los! Ich war mit meinem Mann und meiner Tochter da. Lena. Lena war sechs. Wir wohnten in einem Wohnwagen... Ihr wisst ja, ich bin Biologin und war damals viel mit dem Wohnwagen unterwegs. Also wir waren an einer Bucht. Bei Sol de Mallorca, das ist ganz am Ende der Bucht von Palma. Da reicht eine Bucht in die Insel hinein, die sich in drei Finger oder so, aufgliedert. Also von außen ist ein enger Eingang durch steile Felsen, nach innen weitet die Bucht sich auf und dann werden drei Finger daraus, die ins Land hinein reichen.

Am Ende dieser drei Finger, also Buchten, sind wunderbare Sandstrände. Das Wasser ist klar und am Strand flach – perfekt, um dort mit Kindern Urlaub zu machen. Dann war da ein Lokal, in dem man sehr gute Fischgerichte bekam, das gibt es vielleicht heute noch.

Deshalb kamen viele Motorjachten von der ganzen Insel in diese Bucht, ankerten da und die Besitzer und ihre Gäste gingen in kleinen Booten an Land, um dort zu essen und zu trinken. Auch an Bord der Boote wird viel getrunken, deshalb fahren da viele betrunken mit ihren Booten herum.

Also, mein Mann war mit meiner kleinen Tochter am Strand, sie spielten und badeten mit einem kleinen knallgelben Gummiboot. So ein Kinderboot. Meinen Mann hätte das gar nicht getragen, so klein war das, der schwamm um die Kleine im Boot herum. Unser Wohnwagen stand ziemlich dicht am Eingang zur Bucht und sie wollten mich, die ich im Wohnwagen geblieben war, wohl überraschen oder so. Jedenfalls waren sie zwischen den Motorjachten zugange. Das war ja eigentlich nichts Besonderes, denn sie waren ja gut zu sehen mit dem gelben Gummiboot und die Motorboote fuhren ja auch ganz langsam, schon wegen der Schwimmer von den anderen Jachten.

Bis auf den Tag. Da war der Vater mit seinen beiden Söhnen mit einem Rennboot unterwegs. Das war so ein verrücktes Ding mit ein paar Hundert PS, viel zu schnell, nicht zu handhaben … Und die kamen mit ziemlich hoher Geschwindigkeit in die Bucht hineingebraust! Das Boot war bei der hohen Geschwindigkeit in der engen Bucht kaum zu beherrschen, vielleicht von einem erfahrenen Steuermann, nicht einmal das, glaube ich, keinesfalls aber von angetrunkenen Halbwüchsigen im Testosteronrausch! Aber sie kamen bis ans Ende der Bucht – das war schon Glück!

Sie fuhren schon beim Einlaufen in die Buchten dicht an Lena und meinen Mann vorbei. In der Bucht drehten sie eine enge Runde, zielten dann mit dem Bug aufs Meer hinaus und gaben noch tief drinnen in der Bucht Vollgas. Sie wollten angeben und die anderen Jachteigner mit der entstehenden hohen Bugwelle ärgern. Und dann sind sie lachend und vor Begeisterung jauchzend über das kleine gelbe Gummiboot und meinen Man hinweggerauscht – sicher mit sechzig oder siebzig Stundenkilometern. Die beiden extrem schnell drehenden Schrauben haben sich durch die beiden Körper hindurchgefressen und nur noch Blut und Gewebefetzen hinterlassen. Die halbe Bucht soll rot von ihrem Blut gewesen sein.

Und dann waren sie aus der Bucht raus, legten das Ruder und rasten fort. Aber das Boot und die Besitzer waren bekannt unter den anderen Jachtbesitzern!

Sie haben mich die Reste der Leichen nicht anschauen lassen, sie glaubten, ich würde das nicht aushalten, haben sie mir gesagt.

Mein Mann war gut situiert, er hatte seine Eltern beerbt ..., die Häuser in München und noch mehr. Ich war wie in Schockstarre, aber ich habe einen Detektiv beauftragt, herauszubekommen, wer die waren, die meine Familie da in der Bucht ausgelöscht haben. Das Boot war ja eindeutig... Andere hatten das auch fotografiert, Handys mit Videofunktion gab es ja noch nicht. Es war ganz schnell klar, es waren die da drüben, die Reederfamilie.

Mit sehr viel Geld und vielen guten Anwälten hat der Alte es geschafft, dass weder die Jungen noch er je belangt wurden... Auch mir hat man Geld geboten ..., die Schweine. Das ist die ganze Geschichte!“

Das einzige, was man hörte, war das Atmen der Männer und Hannas Weinen.

„Mein Gott“, sagte der Graf, „was für miese Schweine.“

„Ja“, sagte Udo, „aber wir kriegen die ja jetzt, sobald sie auftauchen. Ist nur eine Frage von Stunden oder Tagen!“

„Hanna, können wir etwas für dich tun?“, fragte der Graf.

Hanna schnüffelte, „Nein, geht schon wieder... Ist schon gut! Können wir ins Hotel gehen? Ich bin müde.“

„Ja“, sagte der Graf, „Udo gibst du uns die Autoschlüssel, bitte? Sollen wir dir Frühstück mitbringen?“

„Bitte! Und ein Handtuch und meine Zahnbürste, wenn´s geht!“

Damit blieb Udo allein. Er trat auf den Balkon und schaute über den Hafen, der vor vielen Jahren einmal seiner gewesen war, heute Abend war er nicht nur anders, er war ihm sehr fremd. Dann schaute er zu den Reedereibüros hinüber. Er spuckte in die Richtung aus und murmelte: „Wir kriegen Euch, ihr Säcke, das verspreche ich Dir, Hanna. Die kriegen wir!“

Die nächsten zwei Tage war das Wetter unverändert: Hamburger Schietwetter, nennt man das!

Ein- oder zweimal ließen sich die beiden Juniorchefs im Besprechungsraum sehen. Hanna, der Graf und Udo schauten dann durch ihre Ferngläser hinüber, aber jedem war klar, dass bei dem Wetter kein Schuss gelingen konnte.

Im Apartment wurde kaum geredet, die Stimmung war angespannt. Nur einmal sagte Hanna: „Wenn das mit dem Wetter so weitergeht, müssen wir vielleicht den Plan ändern?“

„Wie denn?“, fragte der Graf.

„Naja, ich könnte da in das Büro reingehen, und die beiden im Büro erschießen.“

„Dazu müsstest du die beiden in ein Zimmer bekommen, oder die nacheinander in zwei Räumen …, nee, halte ich für problematisch, Hanna!“

„Naja, ich könnte mich als reiche Witwe ausgeben, deren Mann gerade gestorben ist und der ihr gesagt hat, sie soll nach seinem Tod in Schiffe investieren, weil die Frachtraten ansteigen werden. Für drei oder vier Millionen Investmentsumme setzen die sich schon mit mir an einen Tisch, glaube ich. Und ich will natürlich eine Eignerkammer an Bord von einem der Schiffe, da besteht doch bestimmt Gesprächsbedarf“, sie lächelte und fuhr fort: „mindestens über Gardinen und Bezugstoffe meiner Möbel, oder? Die interessieren eine Frau doch mehr als Motorenstärken oder Schwerölpumpen.“

„Wahrscheinlich. Und dann?“

„Wenn ich die beiden an einem Tisch haben, erschieße ich beide mit einer Pistole.“

„Und wenn für Gardinen und Möbelstoffe nur ein Junior zuständig sein sollte? Was machst du dann? Und selbst wenn beide kommen sollten, um sich von dir abknallen zu lassen, danach rollst du langsam durch den Flur und am Empfang vorbei wieder raus?“, fragte Udo skeptisch, „Hanna, das funktioniert doch nicht!“

„Nein“, lächelte Hanna, „das glaube ich auch nicht. Ihr schießt von hier aus die Scheibe kaputt, die werdet ihr ja wohl trotz Wind und Regen treffen?“

„Warum, in Gottes Namen, sollen wir die Scheibe zerschießen?“, wollte der Graf wissen.

„Damit ich mich durchs Fenster in den Tod stürzen kann, als Grande Finale, peng, peng, plumps, aus.“

„Hhm“, machte der Graf, „kommt mir eher wie eine Szene aus einem Groschenroman als wie eine aus dem realen Leben vor.“

„Mir auch“, lächelte Hanna, „aber ich habe noch eine Idee, vielleicht ist die besser: Wir erschießen die beiden, wenn sie unten durch den Haupteingang herauskommen. Aus zwei bis drei Metern treffe ich die garantiert …“

„Wahrscheinlich!“, sagte Udo.

„… oder wir warten mit dem Wagen auf der anderen Seite der Straße, von da sind es vielleicht vierzig Meter. Für das Gewehr keine Distanz, auch nicht bei dem Wetter!“

„Stimmt!“, gab der Graf zu.

Diesmal hatte Udo die entscheidende Frage parat: „Und was machen wir, wenn die nicht gemeinsam rauskommen oder sogar mit ihren Autos aus der Garage fahren? Das ist doch wohl wahrscheinlicher.“

„Stimmt!“, gab Hanna zu, „vergessen wir die Pläne B, C1 und C2. Sie werden nicht funktionieren. Das heißt aber, weiter warten, dass das Wetter besser wird.“

„Das halte ich zwar für langweiliger aber schlussendlich für besser“, sagte der Graf bestimmt.

„Ja“, sagte Hanna.

„Genau“, sagte Udo

Und dann schwiegen sie wieder.

10. April. Hamburg. Die Schüsse

Am dritten Tag hatte sich das Wetter über Nacht vollkommen verändert: Blauer Himmel mit einigen weißen Wolken, die sich schnell jagten. Der Wetterbericht versprach noch schöneres Wetter und abnehmenden Wind für den Nachmittag. Mit einem Wort: Kaiserwetter!

Ab Mittag waren die Bedingungen perfekt, der Graf war bereit – aber die Juniorchefs ließen sich nicht blicken.

„Ich mache mal einen Probeschuss!“, kündigte der Graf an.

„Wie das?“, fragte Hanna.

„Auf die Antennen da drüben…, gleiche Entfernung, fast identischer Schusswinkel…!“

„Du willst die Antenne abschießen?“, fragte Hanna, „Ist das dein Ernst? Erstens sind die sehr dünn, ich wiederhole sehr dünn und zweitens, wenn du triffst und wir Pech haben, kommt ein Handwerker oder Hausmeister und schaut nach…“

„Ja“, sagte der Graf, „aber ich will ja nicht die Antenne treffen, sondern die Krähen, die sich da immer wieder mal draufsetzen, oder besser: Eine Krähe!“

„Das arme Tier“, grinste Udo.

„Ja“, sagte der Graf, „das Tier tut mir ja auch leid, aber mit einem Probeschuss wäre mir wohler, vor allem, wenn ich treffe!“

„Naja“, sagte Hanna, „als Biologin kann ich das nicht gutheißen, als eine Frau, die sich rächen will, sage ich: Kollateralschäden gibt es immer.“

„Kannst du mal die Windgeschwindigkeit messen, Udo“, bat der Graf. Udo trat auf den Balkon und hielt den Windmesser in den Wind.

„Unter zehn Stundenkilometer!“, sagte er, „schräg von links vorne!“

Diesmal rechnete der Graf nicht selber, sondern er holte ein Blatt mit einer Tabelle, die er in den letzten Tagen zusammengestellt hatte, in der er die Windgeschwindigkeit und Windrichtung gegen die Abweichung aufgetragen hatte. Er hatte sich gedacht, dass es eventuell zeitlich eng werden würde, wenn er die notwendigen Berechnungen erst im letzten Moment anstellen müsste. Er verstellte das Zielfernrohr um einige Klicks, überprüfte alles noch einmal und war mit dem Resultat zufrieden.

Als er hinüberschaute, sah er, dass die Krähe natürlich schon wieder fort war.

„Die kommt schon wieder!“, beruhigte Udo ihn.

Der Graf öffnete die Tür, nahm seine Position ein und wartete. Das verdammte Krähenviech, das den halben Vormittag auf einer der Antennen gesessen hatte (jedenfalls war es dem Grafen so vorgekommen), ließ sich nicht mehr blicken.

Kaum war er wieder aufgestanden, sagte Udo: „Da ist sie“, und der Graf nahm seine Position wieder ein, zielte, überprüfte das Gewehr noch einmal, schoss – und traf!

„Gratuliere!“, sagte Hanna.

„Wow!“, sagte Udo.

Der Graf nickte zufrieden. „Geht doch“, murmelte er.

Hanna blickte durch das Teleskop in das Zimmer, in dem sie die beiden Brüder erschießen wollten. Sie hatte hunderte Male hinüber geschaut. Fast immer war das Zimmer leer gewesen oder es war von anderen benutzt worden. Zweimal waren ihre Opfer zwar aufgetaucht – aber Regen und Wind hatten das Schießen verhindert.

Vor einer viertel Stunde war die Tür von einer jungen Frau geöffnet worden, die – wie es durch das starke Fernglas ausgesehen hatte – eine Kanne Kaffee oder Tee, einige Flaschen Wasser und Kekse auf dem Konferenztisch bereitgestellt hatte.

„Sie scheinen zu kommen“, hatte Hanna gesagt, und vor ein paar Minuten waren tatsächlich drei Männer den Raum getreten – zwei, die so Mitte Fünfzig sein dürften, die Juniorchefs – und ein deutlich älterer Herr, der Senior, der nach allem, was sie inzwischen wussten, immer noch das Sagen in der Reederei hatte.

„Da sind sie“, hatte Hanna mit deutlich hörbarer Erleichterung in der Stimme gesagt. Daraufhin hatte der Graf seine Position hinter dem Gewehr mitten im Zimmer eingenommen. Er lag mit leicht gespreizten Beinen auf seiner auf dem Boden mit starken Klebebändern festgeklebten Decke.

Udo hatte seine vereinbarte Position an der Tür übernommen und lauschte, ob sich draußen auf dem Hausflur etwas tat. Aber da war alles ruhig. Niemand störte ihr tete á tete mit dem Tod. Dem Tod der anderen.

Der Graf überprüfte das Gewehr, wie er es in den letzten Tagen schon so häufig getan hatte, er entsicherte es und schaltete den Laser ein. Jetzt wurde es ernst – für ihn, aber vor allem für seine beiden Opfer!

Er schaute durch das Zielfernrohr. Der Blick war perfekt. Die beiden Brüder hatten einen Moment lang am Fenster gestanden und zu ihm herüber geschaut. Er konnte ihnen durch das stark vergrößernde Zielfernrohr direkt in die Augen schauen, geradezu unheimlich war das. Den Laserpunkt auf ihren teuren Anzügen hatten sie nicht bemerkt. Dann hatten die beiden sich, offenbar auf ein Wort oder Zeichen des Vaters hin, an den Tisch gesetzt.

Er sah die beiden Brüder und den Vater an einem Tisch sitzen. Einige Minuten lang hatten Hanna und der Graf der lautlosen Szene da drüben durch ihre starken Gläser zugeschaut.

Jetzt saßen die Reeder an dem auch aus der Entfernung teuer aussehenden Besprechungstisch – der Vater in der Mitte, die beiden Brüder an den Tischseiten links und rechts vom Vater. Der Graf sah die beiden spiegelbildlich im Profil. Alle hatten Papiere vor sich liegen, der Wortführer war bisher aber offenbar der Vater.

Mittels des Laserentfernungsmessers hatte der Graf die Entfernung zum Ziel schon vor zwei Tagen mit genau 520 Metern bestimmt. Da war das Besprechungszimmer leer gewesen, also war es problemlos möglich gewesen, mit dem Laser zu „spielen“. Das Zielfernrohr hatte der Graf daraufhin entsprechend justiert.

Es schien eine ruhige Unterhaltung zu sein, jedenfalls bewegten die drei sich kaum – einmal griff einer (der rechte) zur Teekanne, einmal bohrte einer (der Linke) sich in der Nase, sie taten, was Menschen, die sich unbeobachtet fühlen, eben so tun. Aus 500 Metern Entfernung sah das Ganze wie eine minimalisierte Pantomime aus.

Hanna saß neben dem Grafen und schaute sich die Szene durch das starke Teleskop an. Es fiel ihr schwer, bei der Ansicht der drei Männer, die ihren Mann und ihr Kind getötet hatten, ruhig zu bleiben. Schließlich sah sie sie durch das Teleskop als ob sie ihr direkt gegenüber sitzen würde. Sie sah dasselbe Bild wie der Graf, nur wurde in ihr Bild kein Zielkreuz eingeblendet.

„Das sind sie“, sagte sie, „der Alte mit den beiden Söhnen. Welchen nimmst du zuerst? Ich will nur die Söhne, soll der Alte seine Söhne begraben, als zusätzliche Strafe! Den rechten oder den linken?“

„Zuerst den linken“, sagte der Graf leise. Er atmete tief durch. Dann hielt er für einen Moment die Luft an. Er schwenkte das Gewehr um eine Kleinigkeit nach links. Die dünnen schwarzen Linien, die das Zielkreuz bildeten, schnitten sich jetzt genau auf dem Kopf des Mannes, der links vom Alten saß. Hanna sah den kleinen Laserpunkt auf seinem Ohr. Dieser orange Punkt bewegte sich nur minimal. Der Graf senkte den Lauf geringfügig, weil das erste Geschoß das Opfer umreißen würde, die folgenden Geschosse würden ihr Ziel sonst „oben“ verfehlen. Der Laserpunkt folgte der Bewegung des Gewehres unmittelbar – aber drüben sah ihn niemand. Hanna sah ihn dagegen sehr wohl. Sie hielt den Atem an.

Das Gewehr war auf Automatik eingestellt. In einer halben Sekunde würden fünf Schüsse den Lauf verlassen. Bei einer Geschwindigkeit von knapp 1000 Meter pro Sekunde würden die Geschosse sich in einem Abstand von fast 200 Meter aufeinander auf derselben Flugbahn verfolgen.

Der Graf zog den Abzug leicht durch, spürte den Druckpunkt, dann atmete er noch einmal tief. Er hielt den Atem an. Er erhöhte den Druck seines Zeigefingers auf den Abzug. Er schoss.

„Plopp, plopp, plopp, plopp“ und „plopp“ machte es, als die ersten fünf Kugeln den Lauf verließen. Eine halbe Sekunde später schlug die erste Kugel in die große elegant gebogene Scheibe des Zimmers gegenüber ein.

Als erstes erschien ein Loch in der Scheibe, die erste Kugel war so schnell, dass die Scheibe „gar nicht die Zeit hatte“, zu zerplatzen. Erst als die Kugel schon im Kopf des ersten Opfers eingeschlagen war, begann die Scheibe zu zerspringen..., als die zweite und dritte Kugel die Scheibe perforierte, zerplatzte sie. Nicht, dass der Graf das sehen konnte, er sah es durch sein Zielfernrohr zwar wie in Zeitlupe, aber man hätte eine Hochgeschwindigkeitskamera haben müssen, um Einzelheiten des Geschehens verfolgen zu können.

Dennoch, vom Punkt des ersten Einschlages breiteten sich erst wenige, dann kaskadenartig mehr Sprünge durch das Glas aus. Der Graf glaubte, dem Lauf der Sprünge durch die Scheibe mit dem Auge folgen zu können, er wusste aber, dass das Unsinn war. Das konnte niemand wahrnehmen, es sei denn, er wäre die oben schon angesprochene Hochgeschwindigkeitskamera gewesen.

Dann begann die dicke Scheibe langsam in sich zusammenzusacken. Die ersten Scherben fielen in das Zimmer, als die vierte Kugel einschlug!

Die drei Männer hatten aber keine Zeit, darauf zu reagieren. Der Linke wurde von der ersten Kugel in den Kopf getroffen. Bevor er auch nur merken konnte, dass er getroffen war, war er schon tot. Selbst wenn der Graf nicht so perfekt getroffen hätte, hätte der Schock des Einschlages der Hochgeschwindigkeitsmunition dafür gesorgt. Aber der Graf HATTE perfekt getroffen! Und bevor der Linke beginnen konnte umzufallen, hatten die anderen Kugeln die schon splitternde Glaswand passiert, und waren in den Resten des Kopfes und Halses des ersten Opfers eingeschlagen. Sie trafen in eine unter der Gewalt der ersten Kugel zerplatzende Masse, von Kopf konnte schon keine Rede mehr sein.

Hanna sah alles unberührt durch ihr Teleskop. Die fünf Kugeln trafen ihr Ziel in weniger als einer halben Sekunde, und da die Kugel eines jeden Gewehres geringfügig streut (also auch das des vom Grafen eingesetzten „Sniper“-Hochleistungsgewehres), ergab sich ein leicht verschmiertes Trefferbild – was Hanna und der Graf nicht sehen konnten, was das Ergebnis der Treffer aber nur noch makabrer machte.

Der Graf verschob das Gewehr bedächtig um eine Kleinigkeit nach rechts als die ersten fünf Kugel gefeuert waren. Die Mündung des Gewehres wanderte vielleicht nur einen oder maximal zwei Zentimeter nach rechts.

Das Gesicht des Vaters, der noch keine Zeit gehabt hatte, auf die Schüsse zu reagieren, hatte sich noch nicht bewegt. Sein Gesicht lief von rechts nach links durchs Bild des Zielfernrohres.

Der Graf nahm den zweiten Mann ins Ziel. Er war ganz ruhig! Vielleicht eine Sekunde, wahrscheinlich weniger, nach dem ersten Feuerstoß hatte er das zweite Ziel gefunden. Hanna sah kurz den orangen Punkt auf dem Kopf des zweiten Zieles.

Der Mann hatte nur die Zeit, die Augen aufzureißen – ob wegen des zerplatzenden Fensters oder weil er die Kugel in seinen Bruder einschlagen sah? Der Graf wusste es nicht, es war ihm egal. Er war viel zu konzentriert!

Fadenkreuz und oranger Punkt kamen auf dem Schädel des zweiten Mannes zur Ruhe. Der Graf hielt immer noch den Atem an, was kein Problem war, weil er es ja erst seit ein paar Sekunden tat.

Er schoss sofort: „Plopp, plopp, plopp, plopp“ und „plopp“ machte es wieder. Es war der erstaunlich leise präzise tödliche Rhythmus des Heckenschützen-Gewehres, den er vernahm.

Die erste Kugel hatte das Ziel schon fast erreicht, als die fünfte gerade den Lauf verließ. Auf jeden Fall waren die nächsten vier Kugeln unterwegs, eine Kugel folgte der anderen, die Flugbahnen nur minimal unterschiedlich. Auf fünfhundert Meter streuten sie maximal um einige Zentimeter, aber jede einzelne Kugel fand ihr vorbestimmtes Ziel und schlug in den Kopf des zweiten Opfers ein. Auch dieser Kopf zerplatzte unter der Gewalt der Einschläge.

Die Wucht der großkalibrigen Kugeln riss erst den Ersten und dann, etwa eine oder anderthalb Sekunden später, den Zweiten aus dem Stuhl.

Der Alte blickte immer noch geradeaus und redete wohl auch noch... Aber dann begann ihm zu dämmern, dass da irgendetwas etwas passiert war, was nicht hätte passieren dürfen. Der Graf zielte jetzt auf ihn, deshalb sah er, wie langsam das Entsetzen in das Gesicht des Vaters kroch. Dann öffnete er den Mund. Der Graf sah ihn nur schreien, hören konnte er ihn ja nicht.

Er setzte das Gewehr ab, schaltete den Laser aus und begann wieder zu atmen.

„Volltreffer!“, sagte Hanna leise, die immer noch hinüber schaute, „Ich glaube, ungefähr so wie die beiden, haben mein Mann und meine Tochter ausgesehen, als die Schrauben ihres Rennbootes sich durch sie hindurchgefressen hatten. Sie haben sie mich ja nie anschauen lassen, danach. Aber ich habe es oft geträumt, wieder und wieder! Ich hoffe, das ist bald vorbei.“

Hanna ließ das Glas dann langsam sinken, blickte auf den Grafen, dessen Gesicht jetzt blass geworden war, als ob ihm bewusst geworden wäre, was er getan hatte.

Sie sagte: „Gute Arbeit, Graf …, vielen Dank – oder passt das jetzt nicht? Nein, wahrscheinlich nicht.“

Der Graf richtete sich endlich auf und sagte: „Puh, das war´s! Job erledigt. Gott sei Dank! Wir sollten abhauen, und zwar schnell. Je schneller wir hier weg sind, desto besser. Udo, nimmst du das Gewehr? Ich nehme Hannas Rollstuhl.“

Udo nahm das Gewehr und steckte es so wie es war in eine große Tasche, ohne Ständer, Zielfernrohr und Ziellaser abzubauen, das konnten sie später machen. Hannas Spektiv packte er hinzu. Das sorgfältige Einpacken würde jetzt zu lange dauern. Warum auch, sie würde das Gewehr nicht mehr brauchen. Dann warf er sich die Tasche über die Schulter und öffnete die Wohnungstür und schaute sich draußen um. „Reine Luft“, sagte er, „kommt.“

An der Wohnungstür bückte er sich kurz und legte einen Umschlag unter die Fußmatte. Der Graf schob Hanna zum Fahrstuhl, Udo stand jetzt neben ihnen. Die Tür öffnete sich und sie betraten den Fahrstuhl, Udo drückte auf den Knopf für das Erdgeschoss, die Tür schloss sich und der Fahrstuhl setzte sich in Bewegung.

„Die Handschuhe“, sagte Hanna, „aus damit!“

Als sie im Erdgeschoss angekommen waren, hatten sie sich der Handschuhe entledigt und in die Taschen der Overalls gesteckt.

„Langsam gehen“, ermahnte sie der Graf, „und denkt daran: Wir sind Filmleute, die Feierabend machen.“ Udo nickte Henning zu, der gerade den Gehsteig fegte und machte mit Daumen, Zeige- und Mittelfinger die Bewegung, die in der ganzen Welt verstanden wird: Geld!

Henning nickte leicht, stellte den Besen ab und bewegte sich in Richtung Haustür. Er hatte schnell verstanden.

Langsam gingen sie die ca. einhundert Meter zum Auto. Udo öffnete die Fahrertür, schob die Tasche mit dem Gewehr unter den Fahrersitz, stieg ein und öffnete von innen die Tür der Beifahrerseite. Hanna erhob sich mühsamer als sonst aus ihrem Rollstuhl und ließ sich in den Beifahrersitz fallen, dann rückte sie in die Mitte. Der Graf hob den Rollstuhl auf die Pritsche, wo schon ihr Gepäck aus dem Hotel lag. Dann stieg auch er ein. Zu dritt saßen sie nebeneinander. Udo startete den Motor. Ohne ein Wort zu sagen hatte er ein Stoßgebet in den Himmel geschickt, das die „Scheißkarre“ anspringen möge. Das Gebet schien erhört zu werden, denn der Motor sprang sofort an. Langsam fuhr er los.

Ein paar Hundert Meter weiter hielt er in einer dunklen Ecke einer großen Baugrube, an der jetzt aber nicht gearbeitet wurde, an und sie zogen die Overalls aus und steckten sie in eine große schwarze Mülltüte. Gleichzeitig zog er noch die Aufkleber vom Auto ab und steckte sie zu den Overalls in den Sack.

Dann fuhren sie weiter. Schweigend. Am Hauptbahnhof setzten sie den Grafen ab. Der trug jetzt – ganz und gar nicht „Graf-like“ – Jeans, Hemd, Pullover und einen Windbreaker. Sie verabschiedeten sich. Hanna schaute den Grafen lange an, dann nahm sie ihn in den Arm und sagte leise „Danke dir. Adieu, mein Lieber!“. Sie hatte Tränen in den Augen. Der Graf auch. Dann drehte sie sich abrupt um und sagte zu Udo: „Fahren wir!“

„Sehen wir uns noch einmal?“, fragte Udo der Aufforderung Hannas zum Trotz.

„Ich glaube nicht“, sagte der Graf, „aber es würde mich freuen, grüße Sarah von mir – und mach´ die Sache mit ihr dingfest, Alter!“

„Ja“, sagte Udo „und hold di fuchtig…“

„Das heißt?“, fragte der Graf, der das nicht verstanden hatte.

„Ungefähr: Halt die Ohren steif!“, sagte Udo.

„Geh!“, sagte Hanna zu Grafen, „sonst verpasst du den Zug nach München noch“, und zu Udo, „und wir fahren jetzt.“

Der Graf nahm seinen kleinen Koffer von der Ladefläche und einen der Kamerakoffer, die wollten sie denn doch nicht so mir nichts dir nichts wegwerfen müssen. Als sie abfuhren, weinte Hanna.

„Was ist los?“, fragte Udo, der das gar nicht abkonnte, wenn Frauen weinten.

„Nichts!“, sagte Hanna, „ist schon gut…“

„Aber“, wandte Udo ein, „du weinst?“

„Gar nicht“, versuchte Hanna zu sagen, „ich weine gar nicht…“. Dann lehnte sie sich an Udos Schulter und schluchzte laut und heftig.

Nach einer Weile sagte sie: „Es ist nur, glaube ich, weil alles vorbei ist.“

„Ist es denn nicht besser?“, fragte Udo.

„Nein“, sagte Hanna, „gar nichts ist besser – das ist es ja…“

Dann fuhren sie schweigend in Richtung Autobahn nach Norden. Irgendwann fuhren sie auf der A7 in Richtung Flensburg und Kiel.

„Wenn du wieder in München bist, Udo“, brach Hanna nach langer Zeit das Schweigen, „dann mach´ die Sache mit Sarah klar. Sie wartet auf dich! Versprich mir das. Ihr gehört zueinander! Das scheinen alle gemerkt zu haben, nur du Trottel nicht!“

Udo nickte in der Dunkelheit, weil jetzt konnte er auch nichts sagen, ohne dass sich komisch angehört hätte – und das war für einen echten Hamburger Werftarbeiter nun einmal unmöglich. Hanna sah das durch ihre immer noch tränennassen Augen nicht und verstand das falsch.

„Oder stört dich ihr Beruf etwa?“

„Nee“, lachte Udo, „mensch, Hanna, wofür hältst du mich? Für prüde etwa? Du, ich komm´ von St. Pauli, was glaubst du denn?“

„Dann ist es ja gut!“, seufzte Hanna und dann schwiegen sie wieder.

Als sie in Kiel ankamen, brachte Udo sie ins Hotel Bellevue, von wo aus sie einen wunderbaren Blick über die Kieler Förde haben würde. Er selber hatte ein Zimmer im Conti Hansa gebucht. Hanna hatte darauf bestanden, dass man sie nicht zusammen sehen sollte. Sie verabredeten, dass Udo sie am nächsten Morgen gegen 10 Uhr abholen sollte.

11. April. Flensburg

Um zehn Uhr stand Udo vor dem Bellevue, ein paar Minuten später rollte Hanna in ihrem Rollstuhl aus der Tür des Hotels. Während Udo den Rollstuhl verstaute, setzte sie sich ins Auto und begrüßte Udo dort mit einem Handschlag – das hatte sie schon Jahre nicht mehr getan, falls überhaupt schon einmal? Ein Handschlag von Hanna? Udo konnte sich jedenfalls nicht erinnern.

„Na dann“, sagte sie leise lächelnd zu Udo, „dann wollen wir einmal..., nun, ich meine, das letzte Kapitel aufschlagen, Du weißt doch noch, wo du mich absetzen sollst?“

„Ja.“

Udo startete den Motor und fuhr los. Auf dem Weg nach Eckernförde fuhr er über die alte Levensauer Hochbrücke über den Nord-Ostsee-Kanal und nicht über die daneben verlaufende Autobahnbrücke. Er wollte noch ein wenig Zeit gewinnen, er wollte Hanna nicht so schnell an ihrem Ziel abliefern, am liebsten würde er sie da, wo sie hin wollte, gar nicht hinbringen, sondern sie heim mit nach München nehmen.

„Du kannst ruhig die schnellere Straße nehmen“, lächelte Hanna ihn an, „ich habe mich entschieden, Udo, ich will nicht mehr... leben!“

„Mensch, Hanna“, sagte Udo ebenfalls leise, „lass das doch, das muss doch nicht sein, komm doch mit mir nach München... Uns hat doch keiner gesehen! Und falls doch, dann kannst Du doch immer noch...“

„Mich umbringen?“

„Äh, hhm, naja, ja!“

„Ach Udo, Du bist ein Lieber, wirklich, aber ich habe das ganz ernst gemeint und meine das immer noch ernst, ich will wirklich nicht mehr! Und ich will nicht nur nicht mehr, ich kann auch nicht mehr. Ich habe mich entschieden. Schon vor langer Zeit... Lange bevor wir den Entschluss gefasst haben, die Kerle umzubringen, Udo! Und wenn du es nicht aushalten kannst, mich da zum Strand zu bringen, dann kannst du in Eckernförde am Bahnhof aussteigen, dann bringe ich es irgendwie alleine zu Ende. Ich kann Dich ja gut verstehen!“

„Nein“, schluckte Udo, „Hanna, versprochen ist versprochen. Ich bringe Dich dahin.“. Seine Stimme stockte dabei. „Aber weißt Du...“ – er brachte den Satz nicht zu Ende.

In Eckernförde fuhr er auf eine Tankstelle, tankte den Wagen voll und kaufte einen Zwanzig-Liter Kanister, den er ebenfalls mit Benzin füllte.

Am Windebyer Noor bog er nach rechts in Richtung Kappeln ab. Der vorher schon nicht starke Verkehr wurde jetzt noch einmal deutlich weniger, sie rollten mit ihrem Pritschenwagen ruhig dahin.

In Kappeln kaufte er einen weiteren Kanister, dann fuhren sie über die Schleibrücke und dann auf der B199 zunächst in Richtung Gelting.

In einem Dorf kaufte er an einer Tankstelle noch einen Kanister Benzin. Dann ging es in Richtung Glücksburg.

In Ringsberg bogen sie rechts nach Rüde ab und von dort nach Bockholm und dann waren sie gegen 14 Uhr im Niemandsland angekommen.

Deutschland war hier an der Flensburger Förde zu Ende. Hier wohnte niemand. Hier war zu dieser Jahreszeit weit und breit kein Mensch zu sehen.

Es war einsam, windig, nass und kalt, Himmel und See waren grau, gingen ohne sichtbare Abgrenzung direkt ineinander über. Das war kein Wetter, um in dieser im Winter so einsamen Ecke des Landes am Strand zu sein – bis auf ein paar kreischende Möwen, die sich in der Luft um etwas Fressbares im Spülsaum des Strandes stritten, war niemand da.

Ganz einfach, weil es einfach keinen Grund gab, hier zu sein! Perfekt für Hanna´s Vorhaben.

Die letzten zweihundert Meter steuerte Udo einen Feldweg mit tiefen Löchern entlang, die er sorgsam umfuhr; dann standen sie endlich fast am Wasser. Hier endete jeder Weg.

„Endstation“, lächelte Hanna ganz leise und schaute Udo an, „ich bin angekommen – und zwar ohne Rückfahrkarte, Udo, ich danke dir!“

„Ja“, sagte Udo mit erstickender Stimme. Er wollte es nicht, er versuchte alles, es zu unterdrücken, aber er weinte jetzt. Es war alles so fürchterlich – das Wetter, die Landschaft... und Hannas Selbstmord!

„Hanna“, sagte er schluchzend und noch einmal: „Hanna!“. Er legte seine Hand auf ihren Arm und schaute sie aus tränennassen Augen an. Hanna sagte nichts. Auch sie musste jetzt schlucken. Udo sagte noch einmal: „Hanna, lass das doch..., komm doch...“

„Nein“, sagte Hanna mit fester Stimme, „ich bin endlich da, Udo. Hier wollte ich hin. Hier soll es enden. Obwohl, wo es stattfindet ist ja eigentlich egal. Aber jetzt sind wir einmal hier und hier bleiben wir, also ich. Schiebst Du mich bitte an den Strand?“

Udo schaute ins Nichts, seine Hände hatte er über das Lenkrad gelegt. Er nickte Hanna zu, sprechen konnte er jetzt nicht. Dann öffnete er langsam die Tür, ließ sich aus dem Fahrersitz gleiten und holte Hannas Rollstuhl von der Ladefläche, faltete ihn auseinander und Hanna setzte sich hinein.

Udo schaute sich aufmerksam um: „keiner da, Hanna, hier sind wir ganz allein. Bis auf die Möwen.“

„Das ist gut, dass keiner da ist, meine ich. Und die Möwen, die stören nicht“, sagte Hanna.

Hanna schaute auf den Rollstuhl. „Bald brauche ich das verdammte Ding nicht mehr, das Scheißdingens...“, lächelte Hanna. Auch sie hatte jetzt Tränen in den Augen. „Pack´ mer´s..., Udo!“

Es war verdammt kalt, der Wind pfiff durch die Kleidung, seit einer Stunde regnete es ganz leicht, es war mehr ein sehr nasser, sehr kalter Nebel als Regen in der Luft. Die grauen Wolken schienen irgendwo in der Ferne das graugrüne Meer zu berühren. Die „gefühlte Temperatur“ lag deutlich unter Null Grad. Udo fror, aber er merkte es gar nicht.

Hanna trug den schwarzen Mantel mit dem gold-schwarzen Innennerz. Sie legte sich das schwarze Tuch um die Schultern, das sie zu Hannelores Trauerfeier getragen hatte, und zum Schluss zog sie die Schuhe an, die sie von Sarah zu Weihnachten bekommen hatte und die so gut zum Pelz aber so gar nicht in die Landschaft am Strand hier an der Flensburger Förde passten.

Sie wollte zumindest eine „schöne Leich´“ sein, wenn man sie fand. Als letzte kleine Eitelkeit, die sie sich erlauben wollte.

„Hanna, Du siehst so schön aus“, sagte Udo, er atmete tief und kämpfte wieder mit den Tränen.

„Vornehm geht die Welt zugrunde“, lächelte Hanna, „danke für das Kompliment, Udo.“ Sie setzte sich in den Rollstuhl.

„Ich hasse dieses Scheißding“, sagte sie, „dass du das nachher ja wieder mitnimmst, ich will nicht in oder mit so etwas gefunden werden“, und dabei schlug sie mit der Hand wütend auf den Rollstuhl.

„Warte mal, Udo“, sagte sie, „einen Moment, bitte, mal sehen, habe ich alles? Abschiedsbrief, mein Ausweis, die kleine Flasche mit dem Barbiturat und die Flasche Wodka... Komisch, wie wenig man zum Schluss noch braucht“, lächelte sie Udo an. Sie sah gar nicht unglücklich aus, eigentlich ganz im Gegenteil.

„Mensch, Hanna“, mehr konnte Udo nicht sagen, dann brach ihm wieder die Stimme.

„Let´s go, Udo“, sagte Hanna, „nimm dich etwas zusammen, bitte, Du machst es mir so nur noch schwerer. Das werden die letzten Meter, die du mich je schieben wirst. Wie viele mögen es wohl sein? 50 oder 60?“. Sie schaute auf die flache Deichkante, hinter der der Strand lag. Hier an der Ostsee sind die Deiche ja nicht hoch.

„Hundert?“, antwortete Udo fragend.

„Dann mal los, Udo, bringen wir sie hinter uns!“

Udo schob den Rollstuhl an, der versank und drohte in dem weichen und nassen Sand zu kippen. Udo hatte schwer zu tun, Hanna im Lot zu halten. Schon nach ein paar Metern schnaufte er wie eine alte Dampflok.

„Ich glaube, so wird das nichts, Udo“, sagte Hanna, „sollen wir lieber gehen?“. Sie stand aus dem Rollstuhl auf und hakte sich bei Udo ein, „ich glaube das ist besser. Hältst Du mich?“

„Ja! Ich glaube, schieben, das schaffe ich einfach nicht“, sagte Udo um Luft ringend.

Hanna drückte Udos Arm. „Das ist viel besser so“, sagte sie munter, „wenn man dem Tod aufrecht entgegengeht, finde ich... Das war eine Scheißidee, das mit dem Rollstuhl.“

Sie gab dem Rollstuhl einen Tritt, dass der umfiel. „Mit dem bin ich fertig... Nun komm schon, Udo, mach´ mir die letzten Schritte nicht noch schwerer, als sie schon sind... Ich kann dich doch nicht stützen, das musst du schon für mich tun, sonst kommen wir nie da vorne an...“. Sie deutete auf den Deich.

„Mensch, Hanna“, brachte Udo krächzend kaum heraus.

Knapp einhundert Meter und zehn Minuten später standen sie hinter einer kleinen Düne am nasskalten Strand. Dort sagte sie mit leiser Stimme: „Wir sind da, Udo“, und sie schaute sich am Strand um, „ist nicht besonders hier, aber ein Platz ist für meine Zwecke so gut wie der andere, denke ich. Komm her, Udo, gib mir einen letzten Kuss und dann verzieh dich, die allerletzten Meter bis zu dem Strandhafer-Büschel da drüben, werde ich allein gehen können.“

Sie nahm Udo einen Moment fest in den Arm, legte ihren Kopf an seine Schulter, fühlte sein Herz rasend schlagen, seinen keuchenden Atem, dann schob sie ihn mit beiden Händen ein Stück von sich und schaute ihn ein letztes Mal an. Prüfend.

Einen Moment lang schwieg sie, dann sagte sie: „Udo, grüß mir meine Sarah...“, und fügte leise hinzu, „und dass ihr bald heiratet, hörst du! Ihr gehört zusammen, ihr beiden... Außer Euch beiden sieht das ein Blinder mit Krückstock. Ihr, Du und Sarah, seid doch füreinander gemacht. Versprich mir das!“

Udo konnte nur stumm nicken, Tränen liefen seine Wangen hinab. Aber er versprach es, ganz tief drinnen. Und wie.

„Und nun geh“, forderte sie ihn mit plötzlich wieder fester Stimme auf, und da war sie wieder die Chefin! Dann drehte sie sich um, damit er ihre Tränen nicht sah.

Sie ging ohne sich nach Udo umzuschauen, die paar Meter bis zum Strandhafer-Büschel weiter. Dort seufzte sie einmal und ließ sie sich in den feuchten Sand fallen, setzte sich nach einem Moment auf und machte eine Handbewegung nach hinten, um ihn endlich zum Auto zu scheuchen. Sie schaute durch ihre Tränen auf das graue Meer hinaus.

Dann lächelte sie trotz der Tränen. Wollte sie wirklich sterben? Hier und jetzt? In Kälte und Regen? Am Ende der Welt? Ganz allein?

Das war nicht der Tod, den sie sich einmal vorgestellt hatte – damals, als sie noch glücklich gewesen war. Aber in ihrer Situation: Kind und Mann grausam ermordet, selber mit zwei Morden auf dem Gewissen?

Ja, für Hanna war das in ihrer Situation der richtige, der perfekte Moment, um zu sterben! Ort und Umstände würden in wenigen Momenten egal sein.

Sie war es jetzt zufrieden. So war es richtig, fand sie. Es hatte lange gedauert, sehr lange – aber sie hatte Mann und Tochter endlich gerächt. Die Kerle waren tot und der Vater, der sie geschützt hatte, spürte vielleicht das, was sie gefühlt hatte, damals, als die reichen Reederkinder erst ihre Familie getötet hatten (und damit auch sie) und dann mit Papas Geld aus der Schusslinie gezogen worden waren. „Schusslinie!“, der Gedanke gefiel ihr. Sie waren tot und der Alte hatte die Scheiße an der Backe, der hätte sich auch nicht vorstellen können, seine Kinder einmal selber beerdigen zu müssen, wie sie. Das reichte ihr.

Sie konnte jetzt gehen. Und wer weiß, vielleicht traf sie die Ihren ja doch wieder im Jenseits – so recht glauben konnte sie es ja nicht, aber es war ein schöner Gedanke, fand sie, und ein tröstender!

Sie grüßte in Gedanken ihre Tochter und ihren Mann, mit denen sie bald im Tode wiedervereint wäre, sah sie noch einmal so vor sich wie damals, als sie sie ein letztes Mal gesehen hatte: Lachend und fröhlich miteinander spielend. Bevor andere Gedanken diese letzte schöne Erinnerung an die beiden verdüstern konnten, verscheuchte sie diese. Es gelang und ihr und sie lächelte wieder.

Sie blickte sich noch ein allerletztes Mal nach Udo um, winkte ihm zu. Der war fast schon wieder am Auto angekommen. Als sie hörte, dass er den Motor startete und wie der dann im Wegfahren leiser wurde, schaute sie ein allerletztes Mal in diese Welt, dann schloss sie die Augen und setzte erst die Flasche mit dem Natriumbarbiturat, das sie in den letzten Tagen ihrer Tätigkeit im Labor für genau diesen Moment bestellt hatte, an die Lippen und trank sie in einem Zug aus. Dann trank sie möglichst viel Wodka.

Das Barbiturat begann bald zu wirken und sie schlief ein. Die Augen hatte sie nicht mehr aufgemacht – aus dem bald eingetretenem tiefen Schlaf wachte sie nicht mehr auf. Dann hörte sie auf zu atmen. Sie war tot. Sie war ihren Weg bis zum Ende gegangen. Konsequent, Hanna-like.

Udo hatte wirklich zu kämpfen, um zum Auto zu gelangen. Es dauerte Minuten, bis er es starten konnte. Und dann konnte nur ein paar hundert Meter weit fahren. Er musste von einem Weinkrampf geschüttelt anhalten. Er heulte wie ein Schlosshund und überlegte, ob er nicht zu Hanna zurückfahren sollte? Vielleicht hatte sie es sich ja doch überlegt und wartete jetzt darauf, dass er sie holen und mitnehmen würde? Ja genau, sie würde auf ihn warten. Aber dann dachte er, dass Hanna, seine Hanna, die immer so geradeaus gewesen war, genau das nicht tun würde. Nicht Hanna! Und eine tote Hanna wollte er da draußen am Strand gar nicht sehen. Und eine fast tote Hanna schon einmal gar nicht. Nein, Hanna wusste immer, was zu tun war. Hanna war eben Hanna.

Als er wieder schauen konnte, ließ er den Motor wieder an und fuhr weiter.

Das ging noch ein paar Mal so. Immer wieder wurde er von Weinkrämpfen geschüttelt, immer wieder musste er anhalten … Schließlich waren die Krämpfe weniger stark und dann weinte er nur noch; schließlich verging auch das.

An einem Bachlauf hielt er am Straßenrand an, wusch sich das Gesicht mit dem kalten Wasser, dann fuhr er weiter.

Er fuhr jetzt wieder die Straße, die sie gekommen waren, zurück in Richtung Gelting. In dem kleinen Ort bog er links ab, erreichte die Straße Goldhöft, folgte dieser bis zur Beveroe. In die – ein besserer Feldweg – bog er ein. Er war jetzt ganz allein, weit und breit kein Mensch. Hier hatte er seine letzten Aufgaben zu erfüllen: Er musste das Gewehr und das Auto loswerden.

Als er am Strand angekommen war hielt er an, schaute sich mehrfach sichernd um – immer noch niemand zu sehen! Er stieg aus, schaute wieder: Keiner da!

Er nahm das Gewehr und stieg vorsichtig auf eine nass-glitschige Buhne aus Holz und Steinen.

Er probierte zwei drei Schritte auf der Buhne – zu glatt fand er. Vorsichtig balancierte er zurück.

Er zog sich bis auf die Unterhose und die Socken aus – die Luft war verdammt kalt, der Nebelregen war verdammt kalt auf der Haut und das Wasser? Das war richtig K A L T... Trotzdem, für ein paar Minuten war es auszuhalten.

Nackt wie er war nahm er das Gewehr und krabbelte auf allen Vieren die glitschige Buhne entlang. Das Gewehr schob er vor sich her – man, war das Wasser kalt, arschkalt, bloß nicht hineinfallen! Er hatte keine Ersatzkleidung dabei. Das wäre tödlich! Er würde sich den Schnupfen seines Lebens holen, der ihn umbringen konnte und er käme nicht fort in den nassen Klamotten.

Als er nach zehn Metern fand, dass er weit genug vom Ufer entfernt war, stieg er von der Buhne über ein paar Steine ins Wasser und versteckte das Gewehr unter Wasser zwischen Steinen der Buhne.

Wenn Hanna sterben konnte, konnte er die Kälte für ein paar Minuten lang aushalten, fand er. Irgendwie machte das kalte Wasser seinen Kopf klar, was nicht wirklich eine Überraschung war.

Er schaute noch einmal – das Versteck war nicht optimal, aber es musste reichen, es musste ja nicht für alle Ewigkeiten sein ..., bis zum Sommer vielleicht, das würde ihm schon reichen.

Wieder am Strand angekommen, rannte er 50 Meter weit in die eine Richtung und dann wieder zurück, um trocken zu werden. Naja, trocken? Bei dem Wetter? Ziemlich trocken, jedenfalls. Dann zog er seine Kleidungsstücke wieder an.

Er schaute er sich noch einmal um, Gott sei Dank, wieder kein Mensch weit und breit zu sehen!

Er ging zum Auto zurück und fuhr den Wagen noch circa 500 Meter den Weg entlang.

Er packte zwei Benzinkanister ins Führerhaus, einen steckte er in die Kiste auf der Pritsche, das restliche Benzin goss er über dem Auto aus und legte ein paar Meter weit eine Benzinspur vom Auto fort.

Er zündete einen Lappen an und warf ihn auf die Benzinspur, dann rannte er. Das Auto fing Feuer, begann zu brennen. Udo rannte so schnell er konnte, dann warf er sich in einen kleinen Graben und wartete auf den großen Bumms, mit dem die Kanister explodieren würden.

„Rumms“ machte es und „rumms“ und nach einem Moment noch einmal „rumms“. Über dem brennenden Auto erhob sich drohend ein schwarzer Rauchpilz. Den würde man auch hier in der Einsamkeit weit sehen können – damit musste er leben.

Udo nahm die Füße unter die Arme und rannte fort. Es gab nur den einen Weg, den, den er gekommen war.

Bei Goldhöft wurde er vorsichtig. Hier wohnten ein paar Menschen in den Gebäuden in der Einöde. Er hoffte, die würden sich, wenn überhaupt, nur für das Feuer am Strand interessieren und nicht in seine Richtung schauen. Trotzdem, sicher ist sicher, da schlich er lieber gebückt am Knick entlang. Bald hatte er die Häuser hinter sich. Niemand war zu sehen. Bis Gelting waren es keine zwei Kilometer. Dorthin wollte er, das war zwar auch ein kleiner Ort mit vielleicht einhundert Häusern, aber dort würde er sich sicherer fühlen und – am wichtigsten – dort gab es eine Bushaltestelle, von der jede Stunde ein Bus in Richtung Flensburg oder Kappeln fahren würde.

Obwohl er so vorsichtig war und sich mehr als einmal hinter dem Knick versteckte, wenn er meinte, in der Ferne ein Auto oder Menschen gesehen oder Geräusche gehört zu haben, erreichte er in fünfundvierzig Minuten die ersten Häuser von Gelting.

Bis dahin hatte er noch keine Reaktion auf die deutlich sichtbare Rauchsäule wahrgenommen, ja, er hatte tatsächlich noch keinen Menschen und kein Auto gesehen. Jetzt erst hörte er die ersten Sirenen der freiwilligen Feuerwehr – zu sehen war aber immer noch niemand.

Endlich kam die Feuerwehr! In Gelting musste er beim Überqueren einer Straße warten, weil drei Wagen der Freiwilligen Feuerwehr an ihm vorbeirauschten. „Viel Glück!“ dachte er, und meinte, dass er viel Glück gehabt hätte – das Auto war inzwischen sicher zur Unkenntlichkeit verbrannt, verwertbare Spuren von ihm oder dem Grafen würde da niemand mehr darin finden.

Als er schließlich nach etwas Suchen die Bushaltestelle an der B199 erreichte, hatte er Glück: In nur einer viertel Stunde würde der Überlandbus nach Flensburg fahren. Er setzte sich in der Kälte auf die Bank und wartete verdreckt wie er war. Trotzdem vielleicht auch deshalb mochte er nicht in die gegenüber liegenden Kneipe gehen – da wäre es zwar warm gewesen, aber die Wärme lockte ihn nicht.

Er wollte alleine sein. Er dachte an Hanna und daran, ob die ihre Tochter und ihren Mann schon wieder gefunden hätte? Er wünschte es ihr so sehr! Und er, der starke Udo, saß da mit einem nassen Ärmel in der Kälte und weinte bitterlich.

Gegen fünf Uhr war er endlich am ZOB in Flensburg. Im halb voll besetzten Bus hatte sich niemand um ihn gekümmert, keiner hatte ihn neugierig gefragt, wie er denn zu seinen dreckigen Klamotten gekommen sei. Das war schließlich seine Sache! Typisch Schleswig-Holstein, das wusste Udo: Man kümmerte sich um seinen eigenen Kram und ließ die anderen in Ruhe!

Am ZOB in Flensburg hatte er sich an einer Bude ein Fischbrötchen und ein Bier gegönnt, Appetit hatte er nicht, er hatte sich gezwungen etwas zu essen und zu trinken...

Kaum hatte er sein frugales Mal verzehrt, hätte er nicht einmal sagen können, was er denn gegessen hatte, mit seinen Gedanken war er immer noch am Strand, bei Hanna, die jetzt, da war er jetzt sicher, schon zwei Stunden tot war. Bis zur Abfahrt des Busses nach Kiel war er an der nahen Förde entlang gelaufen, er musste sich einfach bewegen, wahrgenommen hatte er Flensburg nicht.

Wieder eine knappe Stunde später saß er im Bus, der ihn in einer irrlichternden Fahrt durch Angeln „von Milchkanne zu Milchkanne“ in zweieinhalb Stunden die achtzig Kilometer nach Kiel bringen würde. Am dortigen Hauptbahnhof würde er in den nächsten Zug nach Hamburg erreichen und in Hamburg den ICE nach München besteigen. Am nächsten Morgen wäre er dann endlich wieder bei Sarah.

Seiner Sarah, wie er inzwischen fand, und die er, verdammich noch mal, „so ganz richtig“ vermisste.

11. April. München

Um 10.28 bestieg ein elegant gekleideter Graf im Münchner Hauptbahnhof mit zwei Koffern den Zug nach Stuttgart, wo er in den TGV nach Paris umsteigen würde.

Mehr Gepäck brauche er nicht, hatte er Sarah erzählt, und, nein, sie müsse ihn nicht zum Bahnhof zu bringen, das schaffe er schon ganz alleine. Wirklich. Es sei alles gesagt und getan. Nun könne er sich endlich „vom Acker machen“, in die Sonne fahren. Lissabon, here I come... Dann hatte er sie lange in den Arm genommen. „Lass mich Dich ein letztes Mal spüren, Sarah,“ hatte er gesagt und „...war ´ne schöne Zeit mit Dir und den anderen. Aber nun fängt eine neue Zeit an – Endzeit! Wird Zeit, dass ich hier wegkomme, Mädchen, bevor sie auf mich kommen!“

Und sie solle ja nicht vergessen, seinen „guten Freund“ Udo zu grüßen!

Vielleicht würde man sich ja einmal wieder sehen, vielleicht, wahrscheinlich nicht!

Eigentlich wäre das ja ganz schön, dann könnte man ja von gemeinsamen Abenteuern reden. Ach ja, hatte er noch gesagt, der Udo, das sei schon ein ganz toller Typ! Das wisse sie schon, hatte sie geantwortet, und sie hätte ihn auch verstanden.

Und falls man sich einmal wiedersehen würde, dann ganz sicher zu dritt! Aber von den gemeinsamen Abenteuern solle man dann besser nicht sprechen! Oder, naja, in Portugal vielleicht doch?

Zwei Tage später, gegen zwei Uhr nachmittags, war er nach mehrfachem Umsteigen endlich in Lissabon angekommen. Davon war er eine Nacht mit dem „Nachtzug nach Lissabon“ gefahren und hatte natürlich noch einmal das gleichnamige Buch gelesen.

13. April. Hübnerstraße

Als Udo am 13. April in der Hübnerstraße ankam, wartete Sarah auf ihn in ihrer Wohnung.

Zur Begrüßung trug sie ein neues durchsichtiges Nichts von einem Negligé, gefährlich hohe Pumps und sonst nichts außer einer Wolke teuren Parfüms.

Udo fielen bei dem – wie er fand – „extrem leckerem“ Anblick vor Begeisterung fast die Augen aus dem Kopf, sie sanken sich in die Arme und hielten sich lange wortlos fest.

Das Erste, was Sarah dann sagte, war (laut): „Ich liebe dich !“.

Und das Zweite war (leise): „Ich habe das Studio aufgegeben!“

Und als Udo ganz trocken fragte: „Und wovon sollen wir leben?“. schaute sie ihn völlig perplex an und als er, sie immer noch im Arm haltend, daraufhin lachend sagte: „Na min Deern, wiss´ min Fru warn?“, verstand sie gar nichts. Also übersetzte er das aus dem Plattdeutschen: „Na, mein Mädchen, willst du endlich meine Frau werden?“

Die erste Antwort war ein intensives Nicken mit Tränen in den Augen.

Die vielversprechende zweite Antwort gab ihm eine Göttin – und zwar keine unerfahrene junge! – wenig später im Bett! Udo erwies sich dabei trotz seiner Jahre als nordischer Halbgott, mindestens.

Wenig später hielt ein nackter Udo die nackte Sarah, die sich eng an ihn kuschelte, im Arm. Nach langem Schweigen, während dessen beide ihren Gedanken nachhingen, fragte Sarah Udo, ob er das wirklich ernst gemeint hätte, also das mit dem Heiraten? Und, ob er sich das auch genau überlegt hätte, von wegen ihrer „Vergangenheit“ und dem, was „die drei“ ihr angetan hätten... Weil das doch in letzter Zeit immer wieder mal in ihr „hochgekommen“ sei und dan sei sie sicherlich irgendwie merkwürdig in sich gekehrt gewesen. Und schließlich, das dürfe man auch nicht vergessen, meinte sie, sei sie doch eine Mörderin – ob er „so eine“ wirklich haben, wirklich heiraten wolle. Sie, Sarah, eine dreifache Mörderin? Denn für sie hieße das auf immer und ewig, also mindestens für den Rest ihres gemeinsamen Lebens.

Und dieses Mörderische in ihr, meinte sie schon wieder lächelnd, könne schließlich immer mal wieder durchbrechen, oder? Da würde sie an seiner Stelle schon vorsichtig sein.

„Weißt Du, Sarah, ich habe mir das im Zug alles lange überlegt – und ja, ich will Dich! Dich. Alles von Dir. Jedes Fitzelchen Deines umwerfenden Körpers mit Haut und Haaren ebenso wie jedes Fitzelchen Deiner unberechenbar tiefen Seele. Auch die Abgründe.

Sarah, ich will D I C H ohne wenn und aber. Ich war dabei, als Du die Kerle umgenietet hast, ich habe Dir geholfen – und ich hätte auch für Dich abgedrückt. Ganz sicher. Denn ich liebe Dich. Da gibt es weder ein Überlegen noch ein vertun, Sarah.“

Sarah rückte, wenn das überhaupt möglich war, noch dichter an ihren Udo heran. „Danke,“ weinte sie, „ich liebe Dich, ich will Dich, ich wollte Dich schon immer...“

„Wirklich?“ Jetzt war es an Udo zu schlucken. „Willst Du mich wirklich, Sarah? Ich bin doch nur „ein ganz einfacher Jung´ vonne Küste“, ick hev nix anne Foit...“

„Du hast was nicht?“, prustete Sarah los, die wieder kein Wort verstanden hatte.

„Ich habe kein Geld“, musste Udo zugeben, „fast nix!“

„Da mach´ Dir keine Gedanken, Udo, unsere Hanna hat für uns gesorgt. Wir beide, wir müssen nur heiraten...“

Und wenn sie nicht gestorben sind, ach nein, das war ein anderer Text in einem anderen Zusammenhang...Und wir sind ja auch noch gar nicht beim happy End.


18. April. Die Kommissarin

12.00 Uhr. Gegen zehn Uhr hatte sich Udo vom gemeinsamen Frühstückstisch mit Sarah mit den Worten erhoben, dass er mal in seiner Werkstatt nach dem Rechten und vor allem nach den Katzen schauen müsse, er sei ja „gefühlt“ Wochen nicht mehr dort gewesen.

Vor dem Laden saß Herr F. auf seiner unvermeidlichen Bierkiste und „hatte den Hübnerplatz im Blick“.

„Moin“, grüßte Udo freundlich, „gibt´s was Neues?“

„Der Tag möge Ihnen ausgesprochen gewogen sein“, grüßte Herr F. zurück und erhob sich. Das machte er sonst nicht, es war also etwas Besonderes...

Er nahm die Zigarette, deretwegen er draußen vor dem Laden saß, fasste Udo vertrauensselig am Arm (auch das hatte er bisher noch nie gemacht) und zog ihn um die Ecke in die Fasaneriestraße, dabei schaute er sich witternd um, ob sie etwa beobachtet würden.

„Doch, ja,“ sagte er leise, „es gibt tatsächlich etwas Neues!“. Er zögerte einen Moment, schaute sich noch einmal um und fuhr dann noch leiser fort: „Die Polizei war gestern bei mir, meine Frau war gerade nicht im Laden, sie haben nach Ihnen gefragt.“

Udo schaute Herrn F. fragend an. Herr F. fuhr deshalb fort: „Sie wollten wissen, ob ich Sie die letzten Tage gesehen hätte?“

„Und?“, fragte Udo vorsichtig, „haben Sie?“

Herr F. grinste Udo jetzt frech an: „Ach, ich habe denen gesagt, ich sei ja ein alter Mann, das könne ich so nicht sagen, das könne ich so doch nicht sagen, nicht in meinem Alter, da müsste ich erst einmal in die Akten schauen – also das Büchlein, in dem ich immer vermerke, wer was als Mittagessen bestellt hat – und da habe ich dann gefunden, dass für Sie die letzten Tage immer zwei Essen notiert waren..., immer für Sie und die Frau Sarah! Und, habe ich denen erzählt, sie selber hätten mindestens einmal die Essen abgeholt! Und einmal, habe ich denen gesagt, wären Sie fast gefallen und hätten die Soße ausgeschüttet.“ Jetzt grinst Herr F. frech. „Und dann habe ich rotzfrech den Lappen vorgezeigt, mit dem ich die Soße angeblich aufgewischt hätte, und habe gefragt, ob die den für ihr C.I.S. oder wie die Kriminaltechnik hier heißen würde, brauchen würden? Da könne man mal sehen, habe ich denen noch gesagt, für was diese Notizen – und nicht zu vergessen die Lappen! – alles gut seien...

Und außerdem hätten wir beide an einem Tag den Oktokopter ausprobiert... Den hatte ich nämlich gerade im Laden, da haben die den gesehen und neugierig gefragt, was das sei? Ich wüsste das so genau, habe ich gesagt, weil Sie an dem Tag erst einmal eine saubere Hose anziehen mussten.“

„Gut zu wissen“, sagte Udo, „danke, Sie haben einen gut, einen Großen! Meinen Sie, ich sollte mir noch einen Soßenfleck in eine Hose machen?“

„Ach was“, wies Herr F. den Dank ab, „die hat Frau Sarah doch sicher schon lange gewaschen... Aber für alle Fälle habe ich eine Packung Soße aufbewahrt, ich meine, wenn Sie wollen... Und das mit dem Fliegen war übrigens am Dienstag, dafür brauche ich gar keine Akten, weil wir da ja den Laden geschlossen haben, so zwischen halb drei und halb fünf auf dem Gelände neben dem Goethe-Institut in der Dachauer Straße.

Ich meine, ich habe nichts gesagt, nicht wahr, also zu Ihnen, kein Wort! Wir haben uns heute am Besten gar nicht gesehen, finde ich!“.

Damit ließ er Udo los und verschwand wieder in seinem Laden.

„Trotzdem oder gerade deswegen: Danke!“, sagte Udo zu seinem Rücken und kehrte um, die Werkstatt war ihm jetzt egal. Als er in der Wohnung ankam, duschte Sarah gerade.

„Mach mal das Wasser aus, bitte“, sagte er zu Sarah, „die Polizei hat nach mir gefragt. Ich war immer da, wir haben immer das Essen vom Laden geholt, verstehst du?“

„Nein“, sagte Sarah, „sollte ich das verstehen?“. Sie drehte das Wasser ab und begann sich abzutrocknen.

„Ich habe Herrn F. getroffen, bei dem war die Polizei, hat er mir gesagt, und die hätten nach mir gefragt. Und er hat denen mit seiner Essensliste bewiesen, dass ich die ganzen Tage, an denen ich mit Hanna und dem Grafen in Hamburg war, in Wirklichkeit hier war, und dass ich auch das Essen geholt habe, bis auf einmal, da warst du los. Und ich hätte mir die Hose mit Soße bekleckert. Und weißt Du was, er hat sogar was von der Soße aufgehoben. Steht auf dem Küchentisch, also der Rest, den anderen Teil habe ich schon auf meine graue Hose gekippt. Da drüben liegt sie...“

„Dein Alibi?“, verstand Sarah.

„Genau! Und Dienstagnachmittag war ich mit Herr F. unterwegs, um den Oktokopter ausprobieren, weißt du, den er mit Edgar gebaut hatte!“

„Den was?“

„Oktokopter! So eine Art Hubschraubermodell mit acht Rotoren, tolle Sache. Musst Du aber nichts von verstehen, weißt du, für Dich haben wir irgendein Flugmodell, so ein komisches, ausprobiert, wenn du gefragt wirst! Was für eines, musst du gar nicht wissen. Klaro? Aber die Hose könntest Du bitte in die Waschmaschine stecken, jetzt, als Fast-Ehefrau,“ grinste er.

Sarah nickte. Dann sagte sie: „Mache ich. Ich hoffe, danach ist dann endlich Schluss mit den ganzen Geschichten..., Polizei, und so! Ich mag da gar nicht mehr daran denken.“

„Ich auch nicht“, sagte Udo und klopfte ihr lachend auf den Po, „so, kannst weiterduschen. Ich steck die Hose in den Wäschepuff.“

Kurze Zeit später klingelte es und die Kommissarin stand vor der Tür. Als Udo öffnete sagte er: „Hallo, Frau Kommissarin, eine Überraschung! Guten Morgen“, dann schaute er sich suchend im Flur um, „im Fernsehkrimi kommen die Kommissare immer zu zweit. Was ist mit ihrem Partner?“

„Schnupfen!“, antwortete die, „die halten nichts mehr aus, die jungen Inspektorenanwärter. Heute komme ich alleine.

Ist mir auch ganz recht so. Darf ich hereinkommen, bitte? Ich habe leider eine sehr unangenehme Sache mit Ihnen zu besprechen. Ist die Frau...“, sie schaute auf einen kleinen Zettel, den sie in ihrer Hand hielt, bevor sie weitersprach, „… Sarah auch da?“

„Ja, die zieht sich gerade an, die wird gleich kommen. Was ist denn passiert? Geht es um Hanna? Die ist nämlich verschwunden – schon seit ein paar Tagen. Gehen wir in die Küche, da ist es am gemütlichsten? Da kann ich Ihnen auch einen Kaffee machen.“

„Danke, gerne, und ich würde gerne auf Frau Sarah warten, sonst muss ich alles zweimal sagen.“

Sie gingen in die Küche, Udo bot der Kommissarin einen Stuhl an und begann, Kaffee zu machen. Er nahm die Tüte, die Hanna von Ernstl als Mitbringsel bekommen hatte[2]. Er wollte ein wenig Zeit gewinnen, bis Sarah fertig war. Deshalb mahlte er den Kaffee mit der Handmühle, schüttete zwei bis drei Teelöffel des grob gemahlenen Kaffees in jede Tasse, gab eine kleine Prise Salz darauf und brühte ihn mit kochendem Wasser auf.

„Das muss jetzt zwei Minuten ziehen“, erläuterte er der ihm neugierig zuschauenden Kommissarin, „dann ist der Kaffee fertig – ist so in etwa wie türkischer Kaffee, wissen sie, den machen wir uns nur ganz selten, den hat der Ernstl der Hanna damals aus Rügen mitgebracht, natürlich nur für besondere Gäste! Ich denke mir, heute ist so ein Tag.“

Kaum hatte er die Prozedur beendet und der Kommissarin eine Tasse gereicht, betrat eine strahlende Sarah die Küche erblickte die Kommissarin und schaute sie erstaunt an.

„Sie?“, sagte sie und schnupperte, „Oh, der ganz besondere Kaffee… Besuch? Die Polizei? Was gibt es? Geht es um Hanna?“

„Ja“, sagte die Kommissarin, „es geht um die Frau Doktor. Wie kommen Sie darauf?“

„Sie ist fort“, sagte Sarah.

„Wie lange vermissen Sie die denn schon?“

„Naja, vermissen würde ich jetzt gerade nicht sagen“, begann Udo.

„... vermissen tun wir sie seit gut einer Woche“, beendete Sarah den von Udo begonnenen Satz.

„Haben sie eine Vermisstenanzeige aufgegeben?“, fragte die Kommissarin und schaute beide nacheinander an.

„Nein“, sagte Sarah, „natürlich nicht. Das haben wir nicht, sie war ja schon öfter einmal für eine Woche oder so fort...“

„... ohne das angekündigt zu haben!“, beendete Udo jetzt den von Sarah begonnenen Satz, „wir sind befreundet, aber wir sind einander ja keine Rechenschaft schuldig, wissen Sie.“

„Also so ist das…“, sagte die Kommissarin und machte eine lange Pause, „… also ich bedaure das sehr, aber ich habe leider keine schöne Nachricht für sie...“.

Sie suchte nach den richtigen Worten und blies dabei über die heiße Kaffeetasse, die sie mit beiden Händen hielt. Schließlich sagte sie leise und schaute dabei auf: „Es tut mir persönlich sehr leid, aber man hat die Frau Doktor gefunden.“

„Man hat sie gefunden? Was bedeutet das? Ist sie ...“, fragte Sarah, atmete tief und legte die Hände auf den wogenden Busen.

„Tot? Ja, leider, wie gesagt, es tut mir sehr leid, sie ist tot aufgefunden worden.“

„Sie ist tot? Wo denn?“

„An der Ostsee, bei Flensburg.“

„Wo ist das?“, fragte Sarah und schaute Udo an.

„In Schleswig-Holstein, ganz oben, an der dänischen Grenze.“

„Was hat sie denn da gemacht? Das ist doch weit weg.“

„Das wissen wir nicht... Aber sie hat offenbar Suizid begangen.“

„Selbstmord? Hanna?“, Sarah begann zu weinen. Udo schaute schräg nach oben, seine Kiefer mahlten, dann wischte er eine Träne aus dem Augenwinkel.

„Davon hat sie mir immer wieder erzählt..., ich meine, dass sie sich einmal umbringen würde... Aber ich habe das doch nicht geglaubt! Sie hatte da ein Gift, müssen sie wissen, noch aus ihrer Zeit im Labor. Sie hat mir mal die Flasche gezeigt, so eine Laborflasche, wissen Sie... Das sei ihr letzter Ausweg, hat sie mehrfach gesagt, wenn sie nicht mehr könne..., oder nicht mehr wolle!“

„Ach so?“, fragte die Kommissarin, „Ja, das hat sie wohl verwendet. Das haben wir bei ihr gefunden. Aber da ist noch etwas Seltsames, dazu will ich sie etwas fragen...“.

Sie machte wieder eine Pause um ausführlich im Kaffee zu rühren.

„Sie ist gestorben oder sie hat Selbstmord gemacht, kurz nachdem in Hamburg zwei Männer erschossen worden sind, ziemlich spektakulär... Haben Sie davon gehört?“

Sarah schüttelte den Kopf. Die Kommissarin schaute Udo fragend an, der aber auch nur den Kopf schüttelte. „Vielleicht“, sagte er, „war das nicht in den Nachrichten?“

„Wir haben wenig mitbekommen“, lächelte Sarah leise, „wissen Sie, wir haben uns entschlossen, zu heiraten. Da bekommt man von der Welt wenig mit...“

„Ich gratuliere Ihnen beiden“, sagte die Kommissarin, „aber ich muss leider zurückkommen zum Fall. Das Seltsame ist, dass die beiden Erschossenen etwas mit dem Tod von Hannas Mann und ihrer Tochter zu tun hatten... Allerdings vor dreißig Jahren! Wissen Sie denn da etwas davon?“

„Wenig“, sagte Sarah, „kaum, das war ja lange vor unserer gemeinsamen Zeit. Ich habe sie ja erst später kennengelernt. Ich bin sicherlich ihre beste Freundin, wenn nicht die einzige, aber darüber hat sie, glaube ich, nur einmal gesprochen, auch das nur ganz kurz, das muss Jahre her sein. Sie hat nie davon gesprochen und wir haben es auch nicht versucht. Das war vielleicht ein Fehler?“

„Ja“, sagte Udo, „einmal, glaube ich, lange her, das muss sehr tragisch gewesen sein.“

„Und was hat sie erzählt?“

„Mein Gott..., was hat sie erzählt, Udo?“, fragte Sarah, „Wie gesagt, sie hat eigentlich nie darüber gesprochen, und wenn doch, dann nicht viel, nur, dass sie verheiratet war mit einem sehr liebevollen Mann, und dass sie eine Tochter hatten, und dass die beiden bei einem Unfall auf Mallorca ums Leben gekommen seien... Da war irgend etwas mit einem Boot, einem Motorboot, glaube ich – oder war es ein Schnellboot? Ich kenne ja nicht einmal den Unterschied. Das muss sehr lange her gewesen sein! Aber sie wollte eigentlich nicht darüber reden. Ich habe es einige Male versucht – ergebnislos... Leider! Vielleicht hätte es ihr geholfen, darüber zu sprechen?“

Sarah schaute Udo fragend an: „Was meinst Du?“

„Vielleicht. Vielleicht hätten wir darauf bestehen sollen? Aber man weiß ja nie.“

„Die beiden Männer sind, wie gesagt, auf sehr spektakuläre Art und Weise umgekommen, zumindest für deutsche Verhältnisse. So etwas gibt es hier nicht oft. Vielleicht in Amerika oder bei Spionen... Vom Ablauf her war es fast ein Attentat: Sie wurden aus ein paar hundert Meter Entfernung erschossen! Sieht aus, als ob es ein Profi war...“

„Wenn ich Sie recht verstehe, erwägen Sie doch, dass unsere Hanna einen Profikiller engagiert hatte?“ warf sarah ein, „Hanna? Der Engel vom Hübnerplatz? Nein, entschuldigen Sie, Frau Kommissarin, das ist einfach nur lächerlich! Ich bitte Sie, wie soll sie denn an Profis gekommen sein? Die laufen einem ja nicht über den Weg, einfach so, auch nicht am Bahnhof oder in den dunklen Straßen drum herum, und selbst wenn sie es täten, die haben ja keinen Aufnäher an der Jacke: Profikiller, mache jeden Job, oder? Und unter Kleinanzeigen habe ich jedenfalls bisher auch nichts gefunden. Nee, Frau Kommissarin, doch nicht Hanna... Ganz ehrlich, das können Sie nicht im Ernst glauben!“

Udo lachte jetzt kurz auf, um dann erst auf Sarah zu schauen und dann auf die Kommissarin, um schließlich zu sagen: „Frau Kommissarion, Sarah hat völlig recht. Das ist unvorstellbar... Absolut unvorstellbar! Kann es da nicht um andere Dinge gegangen sein? Wissen Sie, ich bin im Hamburg im Hafenmilieu aufgewachsen. Vielleicht waren es Konkurrenten? Aus dem Ausland? Hafengeschichten? Rotlicht-Milieu? Das ist schließlich Hamburg! Hamburg, das Tor zur Welt! Wer weiß denn schon, was da abgeht?

Dass unsere Hanna damit zu haben soll, ist doch wohl an den Haaren herbeigezogen! Sind Sie darauf gekommen? Das kann ich mir nicht vorstellen... Wie viele Jahre ist das denn her mit dem Tod von Tochter und Ehemann? Dreißig Jahre? Bestimmt dreißig Jahre. Mindestens. Ich bitte sie...“

„Ja, ja...“, die Kommissarin schaute sie abwechselnd konzentriert an, „so mag es für Sie scheinen: An den Haaren herbeigezogen – aber wir wissen auch, dass sie vor ein paar Wochen für zwei oder drei Tage in Rumänien war. In einem Kaff namens Maguri Racatau. Das ist in der rumänischen Pampas bei Cluj. Und danach hat sie von hier aus mehrfach nach Rumänien telefoniert... ins Magazin Alimentar in einem Ort Maguri Racatau. Dort unten bekommt man für erstaunlich wenig Geld leicht Männer, die alles machen – eventuell auch einen Killer! Sagen die Kollegen von der rumänischen Polizei.“

„Also stopp mal, Frau Kommissarin, nun mal halblang... Das meinen Sie doch alles nicht ernst, oder? Entschuldigung, aber das ist doch barer Unsinn. Unsere Hanna? In Rumänien? Um sich einen Killer zu besorgen? Sie spricht doch gar kein Rumänisch. Glauben Sie, sie hatte einen Dolmetscher für die Verhandlungen mit dem Killer dabei?“. Udo lachte laut und schnaubte verächtlich ob der Idee. „Nee, nee, nee, Frau Kommissarin, das wüsste ich aber ..., ich meine, das wüssten wir aber. Die war doch immer hier, die Hanna, oder Sarah, die war doch gar nicht weg?“

„Das sagen Sie beide, glauben Sie das? Sind sie da sicher? Wissen Sie das wirklich? Kann sie nicht einmal fort gewesen sein? Jetzt ist sie ja offenbar auch fortgegangen, ohne Ihnen Bescheid zu sagen.

Wir wissen jedenfalls, dass Sie am Schalter eine Zugkarte gekauft hat. Bar bezahlt. Da haben wir Aufnahmen von einer Sicherheitskamera.

Zweitens ist eine ältere Dame, auf die ihre Beschreibung passt, also mit weißen Haaren mit farbigen Fransen über der Stirn, eine elegante Dame im Rollstuhl, im Zug gesehen worden. Erste Klasse! Das muss oder kann sie gewesen sein... Jedenfalls ist es wahrscheinlich. Und sie war in Siebenbürgen, das ist die Gegend in Rumänien, wo viele Alte noch deutsch sprechen...

Und in Hamburg? Wer weiß? Wenn sie es war, muss ihr dort irgendwer geholfen haben..., zumindest beim Suizid. Sie kann nicht allein an den Strand gekommen sein!

Der Hausmeister des Hauses, aus dem geschossen worden ist, hat ausgesagt, dass da eine alte Frau im Rollstuhl mit weißen Haaren und bunten Fransen über der Stirn mit zwei Rumänen war. Rumänen! Er ist sich ganz sicher, dass es Rumänen waren!

Und noch einmal: Wie ist sie an die Stelle gekommen, an der sie sich umgebracht hat? Da kommt man ohne Auto nicht hin. Da war aber kein Auto, nichts...“

Udo zuckte mit den Schultern, Sarah auch.

„Ja, ich weiß, sie waren ja wohl hier in München, oder?“

Sarah nickte und schaute Udo an und fragte: „Was soll das denn heißen?“

„Nichts. Aber da ist ein Auto ein paar Kilometer von der Stelle, an der Hanna sich umgebracht hat, gefunden worden.“

„Ja, und?“

Udos Nerven waren bis zum Bersten gespannt, aber man merkte ihm nichts an – Sarah natürlich schon. Sie hatte nicht gewusst, dass er so gut schauspielern konnte – er selber übrigens auch nicht!

„Das Auto ist hier in München anonym gekauft worden und auf jemanden zugelassen worden, der nichts davon weiß... Und genau dieses Auto ist da oben am Strand abgefackelt worden. Vielleicht zwanzig Kilometer von der Stelle entfernt, an der man Hanna gefunden hat. Keine Spuren im völlig ausgebrannten Autowrack zu finden, kein Fingerabdruck, kein Haar, nichts... Wenn sie mich fragen: Für mich sieht das sehr nach Profi-Arbeit aus.“

Udo und Sarah starrten die Kommissarin an.

„Dann sind wir ja wohl raus aus ihren Überlegungen, oder?“, fragte Udo.

„Wieso?“, lächelte die Kommissarin freundlich zurück, „waren Sie denn je drin?“

„Das weiß ich nicht, man könnte Sie aber so verstehen... Sie sprechen es nicht aus, aber Ihre Überlegungen gehen doch in die Richtung, oder? Sonst säßen Sie hier doch nicht und würden laut denken, oder?“

Die Kommissarin verzog den Mund zu einem schrägen Lächeln und legte den Kopf schief. „Nehmen wir einmal an, ich betone: nehmen wir einmal an, Sie hätten Recht – warum wären Sie dann draußen?“

„Weil ich kein Profi bin“, sagte Udo und Sarah ergänzte: „Und auch kein Rumäne! Und an eine Frau wie Sarah würde sich jeder Zeuge erinnern...“

„Ja, das glaube ich gerne“, sagte die Kommissarin lächelnd auf Sarah blickend, „das glaube ich auch. Von einer blonden Göttin war in keiner Zeugenaussage eine Rede.“ Wieder rührte sie in der Tasse, die schon fast leer war.

„Wissen Sie,“ sagte sie nachdenklich, „es gibt viele..., Spuren wäre zu viel, na sagen wir, Spürchen, die alle irgendwie hierher in dieses Haus führen – aber keinen einzigen handfesten Beweis. Nicht einen einzigen. Nichts Handfestes, nichts mit dem ich bei der Staatsanwaltschaft erscheinen kann. Mein Bauchgefühl sagt mir aber, dass da etwas ist...“

Udo und Sarah sagten nichts.

„Auf meinen Bauch kann ich mich in der Regel verlassen...“

Sie schaute direkt Udo an: „Kann ich noch einen Kaffee bekommen, bitte?“

„Natürlich.“

Udo braute der Kommissarin einen weiteren Kaffee. Die nahm sich gedankenverloren Milch und Zucker und rührte und rührte und rührte.

Eine ganze Weile sprach niemand. Nur Sarah schluchzte leise. Schließlich fuhr die Kommissarin fort: „Und da ist ja noch die Sache mit der Rockerbande, die erschossen worden ist.“

„Das ist jetzt aber nicht ihr Ernst, dass das auch Hanna war“, sagte Sarah entrüstet, „erst Hamburg und jetzt auch noch München?“

„Nein, nein, das sage ich gar nicht. Und vor allem kann ich ja nichts beweisen, das habe ich ja schon gesagt – aber versetzen sie sich einmal in meine Lage. Und dann denken sie einmal nach:

  1. )Da ist eine Prügelei im Kino
  2. )Beteiligt ist der Ernstl
  3. )Sein Kiosk wird beschmiert
  4. )Und zwar angeblich von Rockern
  5. )Die Frau Doktor schickt Ernstl fort
  6. )Sie zahlt die Reparaturen. Mehrfach
  7. )Dann bewacht ihr Freund Edgar den Kiosk“

„Der wohnt aber nicht hier!“, warf Udo ein.

„Richtig,“ gab die Kommissarin zu, „der wohnt hier nicht, aber gleich um die Ecke und Sie sind alle mit ihm befreundet, zählen wir ihn einfach Ihrer Gruppe zu. Aber lassen Sie mich bitte weitermachen:

  1. )Und der wird erschlagen. Angeblich von Rockern
  2. )Ich erzähle Ihnen, wir, die Polizei, kommen nicht weiter
  3. )Eine Rocker-Gruppe wird nach einer kurzen Schamfrist erschossen
  4. )Und zwar mit ungewöhnlichen Pistolen
  5. )Mit Waffen, die man in Deutschland nur für sehr viel Geld bekommen kann
  6. )Ihre Frau Doktor hatte sehr viel Geld... Mein Bauch sagt mir, da besteht eine Verbindung in dieses Haus... Oder was würde Ihrer sagen?“

„Und wo hat sie die her gehabt?“, wollte Sarah leise wissen, „wo bekommt man so etwas? Im Kaufhaus? Im laden an der Ecke?“

„Guter Einwand“, gab die Kommissarin zu, „sehr gute Frage. Beim laden an der Ecke würde ich die Hand nicht ins Feuer legen, dass man so etwas dort nicht bekommt. Nein, das habe ich nicht ernst gemeint. Das waren russische Produkte, so etwas bekommt man in Deutschland wohl kaum, Punkt für Sie. Ich kann es nicht erklären – außer mit sehr viel Geld..., na gut. Aber es geht ja noch weiter:

  1. )Mir zwei baugleichen ungewöhnlichen – wahrscheinlich russischen – Pistolen erschießt ein Künstler und Kunsthändler einen Wirt und einen Stadtrat. Seltsam.
  2. )Mit einer baugleichen (anderen) – wahrscheinlich russischen –Pistole wird ein Szene-Wirt erschossen

Der Stadtrat war für die Freigabe von Drogen. Der Wirt? Schnupfte… Der Künstler? Bis oben hin voll mit dem Zeugs! Mit den Rockern wird ein türkisch-stämmiger Drogenhändler erschossen, der Szene-Wirt ist ein bekannter Drogenhändler gewesen, vielleicht war er´s noch, das ist unklar! Das Ganze könnte, ich betone, könnte, ein Drogenkrieg sein. Könnte… Vielleicht war es das sogar? Drogenmorde bleiben häufig ungeklärt, wissen sie.

  1. )Naja, und dann die ganze Rumänien-Chose mit Ihrer Hanna
  2. )und die Toten in Hamburg, die vor 30 Jahren Mann und Kind von Hanna getötet haben...“
  3. )Wer eins und eins zusammenzählen kann, kommt irgendwann in dieses Haus...“

„Und dann?“, fragte Sarah.

„Und dann?“, antwortete die Kommissarin, „dann ist man am Ende der Fahnenstange angekommen. Dann geht es nicht weiter. Punkt. Ende. Aus.“

„Und die Frau Plüschke?“, fragte Udo, „wollen Sie uns die auch anhängen?“

„Richtig,“ nickte die Kommissarin, „die Frau Plüschke, die Kartoffeltote..., Nein, die ist wohl gestolpert, glauben wir. Aber die alte Frau, die den berühmten Professor...“

„Nun mal halblang“, brummte Udo, „jetzt reicht es aber langsam, Frau Kommissarin, glauben Sie, hier wohnen Massenmörder, Serienkiller? Sagen Sie mal, träumen Sie schlecht?“

„Schlechter Traum! Das fasst die Situation gut zusammen, finde ich, ja wirklich. Das ist ein schlechter Traum. Oder ein schlechter Film... Oder ein guter, je nachdem, wie man es betrachtet.“

Udo und Sarah sagten nichts, schauten beide mit gefalteten Händen konzentriert auf den Tisch. Die Kommissarin sprach eine Zeit lang auch nicht, konzentrierte sich auf ihre Tasse, rührte darin herum, leckte den Kaffeelöffel ab, legte ihn auf die Untertasse – dann schaute sie auf und fragte: „Ach ja, wo ist eigentlich der Mann, den sie hier als Der Graf bezeichnen?“

„Abgereist!“

„Wohin?“

„Das wissen wir nicht.“

„Ach nein!“

„Doch, wirklich, vor ein paar Tagen erschien er bei uns mit einem Koffer, sagte Adieu und nicht Tschüss und ließ sich zum Bahnhof fahren. Weg war er.“

„Warum?“

„Er sagte: Krebs! Er wollte fort von hier..., vielleicht in die Sonne? Jedenfalls irgendwo hin, wo er in Ruhe in der Sonne sterben kann, hat er gesagt! Und es würde nicht mehr lange dauern. Lange Reise, kurzes Ende, hat er gesagt.“

„Hier sterben mir die Verdächtigen einer nach dem anderen weg – einfach so...“, lächelte die Kommissarin, „… das heißt, Entschuldigung, nicht die Verdächtigen, natürlich, aber die, mit denen ich sprechen möchte. Er hat übrigens online ein One-Way-Ticket nach Amsterdam gekauft!“

„Nach Amsterdam?“, entfuhr es Udo, „Wieso Amsterdam? Das wissen sie? Das ist aber nicht sehr sonnig dort.“

„Wenn sie wüssten, was wir alles wissen...“

„Aber das Meiste vermuten sie nur?“

„Vermutungen, Bauchgefühl, manches rate ich auch nur... Ich arbeite an einem Puzzle, bei dem mir viele Teile fehlen. Auf jeden Fall sind in München in letzter Zeit Menschen „wie die Fliegen“ gestorben, ich habe ja noch gar nicht alle erwähnt! Alle wurden mit ungewöhnlichen Pistolen vom gleichen Typ erschossen – und immer verschwanden die Mörder spurlos.“

Sie schaute Udo und Sarah nacheinander ernst an, dann sagte sie plötzlich wieder lächelnd mit fröhlicher Stimme: „Mein Gott, so ist das halt, manche Morde werden eben nie aufgeklärt. Wenige zwar, aber es gibt sie! Da sind die Mörder einfach zu gut… für uns.“

Sie trank noch einen Schluck Kaffee, dann fuhr sie wie in Gedanken verloren fort: „Oder sie haben einfach Glück. Oder sie sterben selber früh genug. Das sollte ich vermutlich nicht sagen: Manchen Mördern drückt man als Polizist sogar die Daumen, dass sie nie gefasst werden. Die versteht man einfach.

Das kommt extrem selten vor, aber es kommt eben vor. Wahrscheinlich einmal im Leben einer Kommissarin.

Irgendwann schließt man einfach die Akten. Schluss! Gut für den Mörder oder“, jetzt schaute sie Sarah lächelnd an, „die Mörderin. Nun ja, ich muss langsam weiter! Neue Fälle auf meinem Schreibtisch, wissen sie, einfachere. Meistens sind die Täter Verwandte oder haben eine Beziehung zum Opfer oder mit dem Opfer. Und wenn wir darunter keinen finden, dann folgen wir der Spur des Geldes... Eigentlich finden wir alle Mörder, fast alle. Wenn der Mord überhaupt als Mord identifiziert wird. Das ist dann gut für die Statistik!“

Damit stand sie auf, bedankte sich herzlich für den Kaffee und verabschiedete sich, nicht ohne beiden noch einmal ihr Beileid wegen Hannas Tod auszusprechen. Sarah brachte sie zur Tür.

Im Hinausgehen aus der Küche sagte sie zu Udo: „Übrigens darf man da, wo sie es wohl tun, keine Modelle fliegen lassen! Aber Sie ja auch niemand gesehen oder identifiziert, nur den Mann aus dem Laden. Naja, Zeugen sind heute auch nicht mehr das... Und es hat sich ja auch niemand über Sie beschwert! Glück gehabt, würde ich sagen, viel Glück, machen Sie´s halt nicht wieder. Hoffentlich geht der Soßenfleck aus der Hose wieder raus. Ich kann Ihnen eine gute Reinigung empfehlen, wenn Sie wollen...“

Und als sie schon in der Wohnungstür stand fragte sie Sarah: „Sagen Sie einmal, Sarah, nach meinem Ermittlungsstand sind sie doch die Erbin von Hanna – was passiert eigentlich mit den frei gewordenen Wohnungen hier? Die müssen doch sehr schön sein, oder?

Das ist das Ende



 

Anhang

Danke! Großes Danke an Monika und Georgia für Ihre Unterstützung bei der unendlichen Jagd auf den Tippfehlerteufel und so weiter. Jeder, den Sie noch finden, ist allein meine Schuld!!!

Mein besonderer Dank gilt uneingeschränkt Frau Z. und Herrn F.: Ohne sie, ohne ihren Laden, den es tatsächlich gibt, hätte dieses Buch nicht geschrieben werden können, und ohne die trefflichen Weinempfehlungen von Herrn F. hätte es auch nicht so viel Spaß gemacht.

Vom einzigen dort tatsächlich geschehenen Verbrechen – einem Salamidiebstahl – habe ich leider zu spät erfahren, um ihn in diesen Roman einzubauen. Der Täter konnte ermittelt werden – aber das wird vielleicht in Band 2 eine Rolle spielen?

Den Hübnerplatz, die Geschehnisse und einige der handelnden Personen (aber keinesfalls alle) und Ereignisse – das muss ich hier behaupten – habe ich frei erfunden, so dass Ähnlichkeiten mit Lebenden oder Begrabenen ja so etwas von Zufall wären! Eine Hübnerstraße, die sich an der Dom Pedro-Straße zu einem Platz weitet, gibt es schon. München, Hamburg, Stuttgart, Kiel und die Flensburger Förde auch. Und natürlich die Präzisionswaffen, die ich ausprobiert habe. Die Fortbildungsfilme sind für jeden angehenden Mörder sämtlich wirklich sehr sehenswert.

München, bei einem Glas Regaleali Rosso aus dem Laden im März 2013, im Mai 2014 und Stralsund im Juli 2018 (bei Störtebeker-Bier und Kap Arkona-Kaffee)

Klaus Bock

Eigentlich hätten Sie es vorher lesen sollen...

Sie sollten es wissen, finde ich: Für diesen Roman habe ich mich intensiv an der Realität bedient.

Er spielt – etwa zur Hälfte – in München, aber in wichtigen Szenen auch in Stuttgart, Hamburg, Kiel, Flensburg und sogar im Ausland. Ist er deshalb ein München Krimi? Ich finde nicht. Eher ein Menschen-Krimi. Denn es ist eigentlich egal, wo er spielt.

Ich meine, jeder der verwendeten Orte ist austauschbar. Zwar gibt es die Hübnerstraße in München tatsächlich – aber keinen Hübnerplatz, obwohl das vor dem Laden in der Hübnerstraße, den es ebenfalls wirklich gibt, so aussieht wie ein Platz.

In Stuttgart gibt es weite Täler, über die man prima hinwegschießen kann. Hamburg ist stolz auf die Hafen-City (warum eigentlich?), den Tiessen-Kai in Kiel-Holtenau gibt es ebenso wie die Schiffe aller Nationen, die da anlegen (wegen der Nähe zum Kiel-Kanal). Und natürlich gibt es den Strand an der Flensburger Förde.

Aber der Roman müsste nicht weitgehend in München, sondern könnte in jeder anderen deutschen Metropole spielen, und der Tiessen-Kai könnte – unter anderem Namen - in Stralsund, Brunsbüttel oder in jedem deutschen Hafen liegen. Moderne Bürobauten gibt es in Frankfurt oder Berlin genauso schöne wie in Hamburg.

Die Spielorte sind also austauschbar – die handelnden Personen nicht!

Ob es Frau Z. und Herrn F. in anderen Städten gibt? Oder den Laden? Möglich... Für einen Roman hätte ich sie verpflanzen können – wollte ich aber nicht. Vor allem hätte Frau Z. dann einen anderen Dialekt sprechen müssen – undenkbar! Deshalb ist der Hübnerplatz ja auch so wichtig.

Frau Plüschke ist – ob sie es glauben oder nicht – eins zu eins der Realität entlehnt; sie war sogar noch skurriler als geschildert, das hätte mir aber niemand mehr abgenommen. Die anderen Kunden im Laden sind haargenau so wie beschrieben.

Wie gesagt, es war einfach den Roman zu schreiben, weil er so nahe an der Realität ist.

Und das alte Menschen viele Rechnungen aus der Vergangenheit offen haben, liegt ja wohl auf der Hand, oder?

Hanna und Sarah hätte ich in ihrer Komplexität nie erfinden können, sie sind in Wirklichkeit mir sehr liebe Menschen (gewesen, was Hanna angeht). Ernstl hat es natürlich genauso gegeben wie Helga (die Kino-Szene ist nicht erfunden!). Und Herrn Apostel erst...

Udo, Wolf-Dieter und den Grafen habe ich aus verschiedenen Menschen-Puzzles zusammengefügt. Aber keine der wichtigen Personen ist reine Fantasie!

Ob Sarah den Großen bösen Wolf genau so wie beschrieben getroffen hat? Sie hat es mir nur angedeutet aber nie verraten wollen.

Klaus Bock


Liste der handelnden und „behandelten“ Personen

Die aktiv Handelnden in der Reihenfolge ihres Auftretens

Wolf-Dieter               ca. 70. Trägt mehr oder weniger 68er-Klamotten. Er leidet an Lungenkrebs. Trotzdem Raucher mit Zigarettenspitze aus Bernstein. Er wurde vor Jahren um Millionen DM[3] beschissen

Hannelore                  Ein leider sehr kurzer Auftritt. Hatte ein sehr schweres Leben

Udo                           ist gesund und macht mit. Hamburger. Bastler. Hat ein weiches Herz. Hamburger. Hat dort auf der Werft Blohm&Voss Schweißer gelernt

Hanna                       70. sitzt meistens aber nicht immer wg. Rheuma, Gicht und eine Polyneuropathie im Rollstuhl. Eine schöne schlanke weißhaarige Frau. Sie ist klug und weise und vor allem reich. Sie musste ihr Kind und ihren Mann nach einem fürchterlichen Unfall beerdigen. Psychisch „fertig“

Sarah                         ist irgendwo um die 50. Niemand weiß es. Sie ist in dem Alter, in dem jedes angegebene Alter glaubhaft ist. Sie ist (körperlich) gesund und mit einem begnadet schönen Körper beschenkt, den sie ganz und gar nicht verschenkt hat. Wurde als junges Mädchen vergewaltigt. Hat evtl. eine gespaltene Persönlichkeit


Der Graf                    ist immer extrem gut und elegant gekleidet. Peter van Eyck in „Lohn der Angst[4]“ sieht dem Grafen ähnlich. Er leidet an Prostata-Krebs. Seine Tochter starb an einer Überdosis Heroin

Edgar                        ist nie gut gekleidet. Hat Lust am Leben nie gekannt. Begnadeter Bastler von Flugmodellen

Tante Greten              ist 88 Jahre alt und lebt seit 70 Jahren allein

Die passiv Handelnden in der Reihenfolge der „Behandlung“

Prof. Dr. Dr.              Akademisch hoch dekoriert, menschlich ein totales Arschloch mit extrem kurzen Auftritt

Frau Plüschke            Kundin im Laden mit großer Nase und lila Perücke, Lautsprecherin, stirbt zwischen Kartoffeln

Anselm Pfeifferle       Redakteur der mz. Ein echtes Arschloch – aber von der allerfeinsten Sorte

Wirt                          vom BarHocker. Ein Vergewaltiger

Stadtrat                     Fahrradfahrer. Ein Vergewaltiger

Galerist                     Schöngeist. Ein Vergewaltiger

Herr Aleksander         Banker und Finanzer aus Stuttgart. Ein Überlebender. Der Autor weiß auch nicht, warum?

Geschäftsführer         des Beethoven. Ein Dealer

5 Rocker                    Na gut, keine richtigen, sondern eher Möchtegern-Rocker, bei denen es bisher nur zum aufgemotzten Moped statt zur Harley-Davidson gereicht hat


Jungmann                 mit türkischen Wurzeln im Drogensumpf

2 Hamburger Reeder  genauer gesagt, Reedersöhne. Sie haben vor vielen Jahren Hannas Ehemann und Kind in der Bucht auf Mallorca mit einem Rennboot getötet

Die anderen

Frau Z.                      Ladenbetreiberin und Köchin. Herzensgute sympathische Plaudertasche

Herr F.                      Ladenbetreiber, Raucher, Koch. Er hat den Hübnerplatz „optisch im Griff“

Rechtsanwältin          kauft regelmäßig im Laden ein

Herr Mittermayr        kauft regelmäßig im Laden ein

Ernstl                        Ehemaliger Rummelboxer mit leicht „weicher“ Birne, betreibt einen Kiosk

Helga                        Ernstl´s rumänische Lebensgefährtin

Jens                           Kollege von Anselm Pfeifferle. Fotograf der mz. Auch ein Arschloch. Lebt vom Können seiner CANON

Großer böser Wolf     Ein sehr sympathischer (sagt Sarah) und gut gebauter russischer Waffenhändler, ohne den das Ganze wohl nicht passiert wäre – zumindest nicht so, wie beschrieben

Kommissarin             auf Wohnungssuche

In Nebenrollen

Frau Bradeanu           Eine Rumänin, die nach Rumänien fährt

Matrose                     steht nachts an der Reling seines Schiffes


Nachruf der mz auf Anselm Pfeiferle.

(Chefredakteur NN) Die mz trauert! Mit Anselm Pfeiferle hat die mz einen der Großen in der langen Reihe der bekannten und beliebten Journalisten, die für dieses Organ gearbeitet haben, verloren. Wir erinnern hier nur an Hieronymus Mauermann (gest. 1921), Paul Eduard Seufzer (gest. 1944) oder Anton Maria Gross (gest. 1988), um nur einige zu nennen – und jetzt ist eben unser Freund, Kollege und Vorbild Anselm Pfeiferle von uns gegangen!

Anselm Pfeiferle hatte sich der anspruchsvollsten Form seiner Zunft verschrieben: Dem kritischen Journalismus!

Er recherchierte noch, wo alle anderen schon lange aufgegeben hatten. Seine Artikel waren nie bequem, sollten und wollten es auch nicht sein, genauso wenig wie der Journalist Anselm Pfeiferle. Natürlich, er hatte Ecken und Kanten, er eckte an, aber weil er es wollte! So ein Mann wie er kann nicht „weich gespült“ auftreten… Wenn es etwas aufzudecken gab, Anselm deckte es auf, weil er es konnte. Und er konnte es, weil er es wollte, nein, aus seinem Innersten heraus musste! Er fühlte die Berufung des großen Journalisten, die nur wenige haben.

Deshalb legte Anselm seine Feder in die Wunden der Gesellschaft! Anselm biederte sich nie an, er wusste wo er herkam und stand dazu.

Unvergessen sind seine großen Reportagen „Im letzten Anhänger“ (Die preisgekrönte Geschichte des letzten lebenden Billetteurs der Tram Linie 27 [2000]), „Hausmeistergedanken“ (Essay nach philosophischen Betrachtungen des Münchner Hausmeisters Werner Apostel [2007], „Rotlicht“ (Die Geschichte einer Prostituierten, für deren Recherchen Anselm ein viertel Jahr lang in Münchner Puffs gelebt hat [2009]) oder – wer hat sie vergessen? - die erst unlängst hier erschienene aufwühlende Reportagereihe über den Ex-Boxer E.

Anselm Pfeiferle war unser Mann vor Ort, er war ein Profi wie kein zweiter, er war Vorbild für unsere jungen Kolleginnen und Kollegen, er war ein Mann, der den „guten alten Journalismus“ mit jeder Pore atmete, der ihn lebte, aber er gab ihm einen modernen Touch, ja, er war ein Modernisierer: Er setzte bei Recherchen gerne auf modernste Medien wie Wikipedia oder facebook.

Er setzte sich für die Belange der Volontärinnen ebenso ein wie die von schon verrenteten Kolleginnen, er stand für eine Wahrhaftigkeit, die in diesem Beruf längst nicht mehr selbstverständlich ist. Und last but not least: Ja, er war einer der letzten in der Redaktion, der mit zehn Fingern maschineschreiben konnte… Anselm, wir werden dich nicht vergessen!

(Unterschriften von acht Kolleginnen)

Wir werden Anselm Pfeiferle so ehren, wie er sich das gewünscht hätte, indem wir seine besten Geschichten in einer Sonderausgabe der mz zusammenfassen werden, die sie für 7,50 € an fast jedem Münchner Kiosk erwerben können!


Das folgende Kapitel habe ich aus dem Buch herausgenommen, weil es – im Nachherein betrachtet – den Lauf der Handlung nicht wirklich weiter bringt und eigentlich nur für häusliche Bäckerinnen (das ist gendermäßig inkorrekt, ich weiß) interessant ist...

In der Hübnerstraße. Es wird gebacken…

So ummara[5] den 12. September.

Sarah rief ungewöhnlich früh bei Hanna an. Ob sie ihr frische Semmeln bringen solle, sie sei gerade am Viktualienmarkt gewesen, bei ihrem gemeinsamen Lieblingsbäcker?

Hanna war keine Frühaufsteherin, aber einem guten Frühstück niemals abgeneigt. Oder noch besser, schlug Sarah im nächsten Atemzug vor, sie würde Hanna jetzt gleich abholen und über die Brücke über die Landshuter Allee auf die „andere Seite“ rollen, dann könnten sie doch im Café Ruffini schlemmen, das hätten sie sich schon so lange vorgenommen…

„Na gut“, sagte Hanna, „dann machen wir das. Ist ja gutes Wetter… du arbeitest also heute nicht?“

„Nein, nein, nein, heute nicht, habe mir den Tag freigeschaufelt. Ich bin in einer Viertelstunde bei Dir.“

Das mit dem Ruffini war wirklich eine gute Idee von Sarah. Die auch erstaunlich gesprächig und aufgekratzt war, an diesem wunderschönen Vormittag und besonders besorgt um Hanna.

Der Kuchen sei doch einsame Spitzenklasse, oder? Und Blechkuchen liebe sie doch? Kenne Hanna eigentlich Butterkuchen? Und sei nun ein Zwetschgendatschi besser von Mürbteig oder Hefeteig, da sei sie jetzt im Zweifel, was meine Hanna?

„Sag mal, was ist denn mit dir los“, wollte Hanna wissen. „Das ist dir doch sonst so egal wie noch was, du isst doch immer, was dir gerade schmeckt. Gibt es etwas, das ich wissen sollte?“

„Nein, gar nicht... Eigentlich. Naja, vielleicht doch, Hanna ehrlich, ich brauche Deine Hilfe“. Sarah hatte ganz leicht rosa Ohren. „Der Udo, der hat mich gestern noch heimgebracht, und ich habe zu ihm gesagt, wenn er das erste Mal nicht mehr Pflaumenkuchen, sondern Zwetschgendatschi sagt, und die Frau Z. mit diesem blöden Ausdruck Pflaumenkuchen also nicht mehr auf die Palme bringt, dann mache ich ihm einen. Also, ich würde einen echten Datschi backen, höchstpersönlich, und jetzt sitz‘ ich in der Klemme.“

„??“

„Naja, gestern Nacht noch, da konnte er plötzlich von „Bommi mit Pflaume[6]“ reden, was immer das ist, dann wollte er mir was von „Pfläumchen“ vertonen und heute Morgen treff‘ ich ihn und was brüllt er astrein über den Hübnerplatz? „ZWETSCHGENDATSCHI – ganzes Blech bitte“ und „Teich wie Bodderkoken“! Natürlich hat Herr F. wieder draußen geraucht und sofort mitgemischt.“

„Was wollte der denn beitragen?“

„Quarkölteig, hat der gerufen, Zwetschgenkuchen mache man mit Quarkölteig, das mache seine Frau immer so. Und jetzt steh ich da.“

„Aha. Und da warst du am Viktus und wolltest einen ganzen Datschi kaufen. Aber die verkaufen keine Bleche, sondern kleine teure Stückchen, und das merkt selbst Udo?“

„Ja. Glaube ich jedenfalls...“

„Und bei der solidarischen Frau Z. kannst du nichts heimlich bestellen, weil jetzt Herr F. Bescheid weiß, und da dachtest Du, im Ruffini gäb‘s auch super Gebäck, und die haben aber jetzt auch keine ganzen Bleche für dich ?“

„Genau.“

„Tja dann“, amüsierte sich Hanna sichtlich, „dann musst Du ja schleunigst unter sachkundiger Anleitung Hand anlegen, oder? Hast du denn Zwetschgen? Hefe?“

„Nein, klar, natürlich nicht, aber das kann man doch kaufen? Vielleicht mal beim Tengelmann, ganz ausnahmsweise, da kennt uns keiner. Das Rezept wird’s ja im Internet geben, Chefkoch, oder so.“

Sarah zahlte und schob Hanna wieder über die Straßenbrücke ins Viertel zurück, sie rollte sie zum Tengelmann, nicht ohne einen sehnsüchtigen Blick in die Schaufenster der gegenüberliegenden Bäckerei zu werfen.

„Denk gar nicht dran“, unterbrach Hanna ihre Erwägungen, „hilf mir lieber aus der Kiste, dort drin ist es eng.“

Sie kauften 1 kg Mehl, nein, nicht das vom Angebot, schon Rosenmehl, ein 40-g-Hefestück aus dem Kühlregal, eine Tüte Bio-Vollmilch. „Butter und Eier von Frau Z. habe ich daheim“, sagte Hanna, „Zucker und Salz auch. Jetzt hol‘ mal noch 3 kg Zwetschgen, aber keine Pflaumen – ja nicht! – ich warte draußen im Stuhl.“

Sarah tat wie ihr geheißen und vergewisserte sich bei der jungen Kassiererin, ob das auch wirklich Zwetschgen waren, die sie da eingetütet hatte. Das sei doch „Jacke wie Hose“ meinte die, aber zum Glück war an der Nebenkasse eine ältere Tengelfrau und die nickte Sarah bestätigend zu.

Als Sarah mit den Einkäufen vor die Automatiktüre trat, fand sie Hanna im angeregten Gespräch mit Tante Greten vor, die beim Schuster gewesen war. „Zwetschgendatschi macht ihr? Das will ich sehen! Hast du denn ein Schwarzblech, Hannakindchen? Sonst kommt gleich mit zu mir.“

Hanna nickte ergeben. „Das machen wir, denn Schwarzblech, so ein altes eingebackenes, das bringts wirklich. Und nein, ich habe keines.“

Tante Greten wollte nun Sarahs Einkaufstasche sehen. „Hab ich’s doch befürchtet! Geh noch mal rein und hol Wiener Grissler statt diesem Zeugs von Mehl, für ein großes Blech reicht mein Vorrat nicht. Das Zeug da, das gibst du denen gleich zurück.“

„Aber die Menge, die reicht, oder?“, wollte Sarah wissen, „wie viel braucht man denn nun genau?“

Hanna lachte, denn sie wusste, was jetzt kommen würde, und prompt tönte die Tante unüberhörbar „Für drei Kilos von den Zwetschgen brauchst a‘ gute Zweihand Mehl, a’ kleine Hand Zucker und die Milch halt so, dass es g’langt.“

Auf dem Heimweg wurde dann doch entschieden, dass Sarah aus Tante Gretens Wohnung nur das Schwarzblech schnell holen würde „das aus der Speisekammer, nicht das im Rohr“ und den Gänsefederpinsel „zum Einstreichen“ aus der Tischschublade, aber die Zubereitung in Hannas Küche erfolge, weil die nicht nur „Mittelhitze“ habe, sondern die Temperatur im modernen Ofen „genau“ einstellen könne.

In Hannas Wohnung angekommen, entschied die resolut, dass das „Tantchen“ erst einmal einen kleinen Likör zur Stärkung haben müsse, es sei ja doch ein warmer Vormittag und ein weiter Weg gewesen.

Dann musste Sarah eine Schürze anziehen und sich die Hände waschen – das entschied jetzt der Likör, der über die Vorzüge der „Nährhefe“ aus der guten alten Zeit räsonierte, wie ferner darüber, dass die „Liebe ja doch durch den Magen geht“ – was wieder rosa Sarah-Ohren bewirkte, aber ein „still jetzt“ von Hanna in Richtung Tante Greten, die nur still lächelte, als ob sie kein Wässerchen trüben könnte.

Und dann legten sie los.

Tante Greten bekam ein scharfes Küchenmesser und ein Schneidebrett und dressierte sachkundig die Zwetschgen, entkernte sie. Hanna schaltete ihr Backrohr auf 30 Grad ein –Umluft – und Sarah musste erst mal 400 g Mehl abwiegen („nicht durchsieben“, befahl der Likör), ¼ l Milch abmessen („oder 16 anständige Esslöffel“, wieder der Likör), 100 g Zucker herbeischaffen und 2 Eier und aus 100 g Butter kleine Flöckchen schneiden (der Likör, inzwischen beim 2. Glaserl, hätte Margarine gewollt, aber die hatte Hanna augenzwinkernd nicht).

Unter Hannas liebevoller Anleitung wurde das Mehl nun von Sarah in eine Schüssel geschüttet (leiser Protest vom Likör, der ein großes Holzbrett empfahl), mit der Hand eine Mulde eingedrückt, dorthinein das Hefestück fein eingebröckelt. Vorsichtig die erwärmte Milch in die Hefemulde zugegeben, der Zucker zart auf den Rand verteilt. (Der Likör besah sich das sehr genau und schubste noch mit dem Zeigefinger etwas vom Zucker und dem Mehl vom Rand in die Mulde, dann wurde ein Tuch verlangt).

Hanna erklärte Sarah die Chemie des Vorgangs und wie wichtig es sei, dass der Ofen wirklich nur lauwarm wäre, wenn man die Schüssel jetzt ins Backrohr stelle und den Vorteig mindestens 30 Minuten „gehen“ liesse.

Tante Greten, die inzwischen die Zwetschgen gewaschen, getrocknet, entsteint und geviertelt hatte, merkte noch an, dass Sarah beim nächsten Blechkuchen bitteschön am Vorabend alle Zutaten bereitstellen solle, ja, auch die Eier, damit alles über Nacht Zimmertemperatur bekomme. Das sei wichtig und dann könne nichts schief gehen.

Und das Wichtigste sei der Likör, bitteschön!

Als ein leiser Hefeduft durch die Küche zog und die halbe Stunde um war, vergewisserte sich Tante Greten, dass alle Fenster zu und die Küchentüre wirklich geschlossen sei und erlaubte Sarah, Hanna nickte dazu, die Ofenklappe zu öffnen.

Das Geschirrtuch wurde feierlich von der Schüssel gezogen und – „jawoll“ – die Hefe war aufgegangen.

„Dann war sie frisch, kannst jetzt die Eier und die Butter langsam in den Teig einarbeiten, Sarah, schau, so“. Das war Hanna, die ihr die Küchenmaschine mit den Knethaken hinhielt.

„Halt“, das nun war Tante Greten: „Nix da! Erst noch eine Prise Salz und so ein junges Ding wie Sarah nehme gefälligst die Hände zum Teig schlagen! Dann wird er geschmeidiger und poriger, denn die Hände sind warm.“

Sarah machte es allen ihren Lehrmeisterinnen recht.

Mit Feuereifer schlug sie den Hefeteig in der Schüssel, bis er eine glänzende Kugel bildete, die sich von der Schüssel wie von selber löste. Dann ließ sie ihn im warmen Ofen geduldig nochmals eine halbe Stunde gehen.

Danach wurde er mit den Knethaken nochmals bearbeitet, durfte nochmals gehen. Das Backblech wurde eingebuttert - natürlich mit dem Gänsefederpinsel, Backpapier verbot Tante Greten („Kind. Der Datschi soll doch einen braunen knusprigen Boden kriegen!“) ihrer Hanna.

Dann rollte Sarah den Teig auf ein Blech dünn aus, Hanna den Rest auf einen Springformboden für den Extra-für-Tante-Greten-Datschi, sorgfältig wurden beide Teige noch mit ein paar Semmelbröseln versehen („damit es nicht durchweicht“) und endlich, endlich belegt und bei 180 Grad gebacken ( „Keine Umluft!“ „Doch!“)

In der Küche von Hanna duftete es unbeschreiblich, als es klingelte. Sarah, die noch die Topflappenhandschuhe übergestreift hatte, musste öffnen gehen. Es war Udo, der 2 Becher Schlagsahne in der Hand hielt: „Herr F. meinte, ich soll das bringen. Göttinnen gleich seien drei Feen an ihm vorbeigezogen, ich würde benötigt… Was is´ das denn? SARAH!“

Es war Sarah erster Datschi.

Udo war hin und weg wg. Sarah resp. ihrer Backkünste. Und das war ja der Sinn der ganzen Aktion gewesen, fanden Hanna und Tante Greten. Sarah auch.


Auch ein Kapitel, das ich aus dem Buch herausgenommen habe, weil es die Handlung nicht wirklich weiter bringt. Aber es stellt den Edgar etwas besser dar. Vielleicht gefällt es Ihnen ja. Ist wg. seiner Techniklastigkeit vielleicht eher für die männlichen Leser geeignet...

Schinkennudeln und Stammtischgerede

„Eure zwei Bier“, sagte „Pille“, der Wirt im Augustiner in der Hübnerstraße, den alle Pille nannten, seit er bei der Fußballweltmeisterschaft vor Wut über das Spiel gegen die Italiener einen Ball in einen der drei Fernseher geschossen hatte, die sie für die Übertragung der Spiele im kleinen Biergarten aufgebaut hatten, der sich entlang des Hübnerplatzes in die Hübnerstraße zog.

Der war darauf hin, der Fernseher, nicht der Ball! Den Fernseher wollte er zwar gar nicht treffen, wahrscheinlich wollte er gar nichts treffen – aber sein Schuss war ein umjubelter Volltreffer gewesen.

Seitdem hieß er Pille und die Geschichte musste er immer wieder erzählen oder er musste sie sich immer wieder unter dem Gewieher der Gäste anhören: Wirte-Schicksal!

Schlimm für den Fernseher, den konnte man nicht mehr reparieren, aber das war ja klar gewesen, denn man kann Fernseher heute überhaupt nicht mehr richtig reparieren.

Sogar der geniale Besitzer des kleinen Elektroladens in der Georgenstraße, der den Schuss live erlebt hatte und der sonst jedes Gerät in Stand gesetzt hatte, wenn es nur älter war und mit Strom betrieben wurde, hatte sofort abgewunken und gepasst und gesagt: „Moderner Elektroschrott, schon ab Fabrik! Verfallsdatum eingebaut...“

Und dann hatte er am Tisch davon geschwärmt die Deutschen waren gerade ausgeschieden dank neuer Ideen von Herrn Löw, die aber außer ihm keiner verstanden hatte wie er voriges Jahr Hannas Stereoanlage von ONKYO aus den Achtzigern wieder in Gang bekommen hatte: „Die Endstufe hat zweimal 210 Watt, ich sage Euch, das ist ein Ding, mit zweimal Analoganzeige..., für jeden Kanal eine! Ist zwar auch schon „japanesisch“ – aber noch echt gute Ware, wenn Ihr versteht, was ich meine. Da kann man noch löten und Bauteile austauschen, zum Beispiel Röhren!

Wunderbar - und dann der Plattenspieler, ein Transrotor Rotary, auch aus der Zeit, mei, ich sage Euch...“, und erinnerungsselig hatte er mit der Zunge geschnalzt und dann „dem Tisch“ ein Bier spendiert. Und dann hatte er Hanna zugewinkt, die mit den anderen ein paar Tische weiter im Garten saß.

Die Gäste waren nach Pilles „Tor“ zusammengerückt, weil sie jetzt mit zwei Fernsehern auskommen mussten – aber geholfen hatte es den Deutschen nicht.

Also, schlimm für den Fernseher, darum ging es ja eigentlich nicht – aber gut für Pilles Umsatz! Die Geschichte endete immer wieder, wenn sie erzählt wurde, in einer „Runde“.

„Danke“, sagte Udo und schaute Pille fragend an, „sag mal, wer macht denn heute die Schinkennudeln?“

„Warum?“, fragte Pille und wischte lässig etwas Unsichtbares vom Tisch, das machte er ganz automatisch.

„Weil die immer anders schmecken, je nachdem, wer sie macht.“

„Ehrlich?“, professionell tat er so, als ob das nicht wüsste, „ist mir noch gar nicht aufgefallen. Wie willst Du sie denn?“

„Mit viel Zwiebeln und schön dunkel angebraten!“

„Wird sich machen lassen. Einmal?“

„Nein, für mich auch“, fügte Edgar hinzu, „auch „well done“, bitte!“

„Ja, so mag ich sie auch lieber“, meinte Pille und verschwand, um die Bestellung an die Küche weiter zu geben. Dabei fiel nicht auf, dass er das vermutlich jedem Gast bei der Beschreibung seiner Wunsch-Schinkennudeln gesagt hätte.

„Und?“, fragte Udo nachdem sie die aktuellen Tagesthemen abgehandelt hatten, „woran arbeitest du gerade?“

„An einem fliegenden Brett!“

„Häh? Muss ich das verstehen?“

„Naja, nicht gerade ein Brett, eher ein fliegendes Gestell. Zwei sich überschneidende gleichschenklige Dreiecke aus Carbon, ergeben eine sechseckige Form.“

Udo schaute immer noch so, als ob er nichts verstehen würde.

„Naja, wie soll ich das beschreiben? Vielleicht so, wenn man das überhaupt sagen darf: Eine Art Judenstern, weißt du, die Teile werden zusammengebacken oder -geklebt. Wird ziemlich leicht und doch stabil das Ganze. Und dann kommt an jede Ecke ein Hubschrauberflügel mit Motor.“

„Also ein Hexakopter?“

„Genau“, wunderte sich Edgar jetzt über Udos Betrag, „so heißt das wohl!“

„Und denn?“

„Dann wird es interessant!“

„Wieso?“

„Das Ding kann gut und gerne mehrere Kilogramm tragen und wird ferngesteuert!“

„Seit wann kannst du Fernsteuerungen?“

„Na hör mal“, sagte Edgar entrüstet, „seit Jahren. Na gut, so eine High-Tech Fernsteuerung per iPad ist nicht so mein Ding, da hast du Recht, ich bin eher der Bastler, der Mechaniker. Aber für den Alltag reicht es allemal, das kann man ja alles fertig oder halb fertig kaufen, als Bausatz, kein Problem. Und dann muss man ein bisschen Fernsteuern üben, und schon ist man Pilot. Ist nichts Großes dabei. Aber diesmal wird es interessanter, der bekommt einen GPS-Autopiloten.“

„Das heißt?“

„Du kannst einen ziemlich langen und beliebig komplizierten Flugweg im Voraus definieren und den fliegt das Brett, also das Gerät, anschließend zentimetergenau entlang.“

„Zentimetergenau? Wahnsinn…“

„Naja, natürlich nicht auf´n Zentimeter, aber schon ziemlich genau! Sogar verdammt genau. Wenn das Teil langsam fliegt schon.“.

Edgar nickte zur Bestätigung und nahm einen Schluck Bier und verteilte eine Hand voll Bierfilze über den Tisch. „Also, man hat einen Startpunkt“, er deutete auf den ersten Bierfilz, „und einen Zielpunkt“, er deutete auf den letzten Bierfilz, „den trifft das Ding wirklich genau und dazwischen“, er deutete der Reihe nach auf die Bierfilze zwischen dem ersten und dem letzten, „werden beliebig viele Wegepunkte angeflogen, die der Kopter dann nacheinander anfliegt!“

„Und das kannst du?“

„Nein! Ich nicht. Das macht Herr F. aus dem Laden da drüben“, Edgar zeigte aus dem Fenster auf den Laden schräg gegenüber, der heute, am Dienstag, geschlossen war. Dienstag war seit einiger Zeit ein zusätzlicher freier Tag von Frau Z. und Herrn F., die auch ganz langsam ein wenig älter wurden, „da ist der richtig gut drin, weißt Du.“

„Denkt man gar nicht“, meinte Udo, der sein Bier ausgetrunken hatte und Pille ein Zeichen gab, noch einmal „zwei“ fertig zu machen. Pille griff sich zwei Gläser, spülte sie noch einmal mit klarem Wasser und begann zu zapfen.

„Doch“, meinte Edgar, „man denkt, der hat nur sein Kochen im Kopf, dabei hat der ein richtig gutes Köpfchen, der kann viel! Computerzeugs und elektronischen Kram, meine ich, das glaubst du nicht! Die GPS-Steuerung gibt es übrigens als Open-Source-Software frei im Internet, die hat er sich downgeloadet und nun programmiert er sie noch ein wenig für unseren Bedarf um, fertig! Nichts für mich, aber genau das Richtige für ihn. Er macht das gut!“

„Und der baut jetzt die GPS-Steuerung?“

„Ja“

„Geil“, meinte Udo, „also, wenn ich dich richtig verstanden habe, baut ihr ein Ding, das alles Mögliche transportieren und das alleine ohne Überwachung komplizierte Kurse von A nach B fliegen kann?“

„Genau! Treffer!“

„Und wozu das Ganze?“

„Ist nur eine Spielerei!“, winkte Edgar ab.

„Und was transportiert euer Gerät?“

„Grundsätzlich alles, reine Fantasiesache, also zum Beispiel eine Kamera oder, wenn es sein soll, eine Dose Grünkohl.“

„Warum denn Grünkohl?“, Udo schaute verwirrt.

„Nicht wirklich Grünkohl, hör mal, das war ein Spaß.“

„Ach so! Also keine Dose, was denn?“

„Eher eine Kamera.“

„Wow, willst du jetzt in fremde Schlafzimmer schauen? Altes Ferkel!“, lachte Udo, „Das hätte ich euch gar nicht zugetraut, schon ´was gesehen?“

„Nein, das ist sozusagen nur ein Versuch, solche leistungsfähigen Kopter gibt es ja schon im Internet! Für dreißigtausend Euro kriegst du einen professionellen Oktokopter, also mit acht Flugschrauben, der fast fünf Kilogramm tragen kann. Und für unter zwanzigtausend einen, der zwei Kilo tragen kann. Alles mit GPS-Autopilot, sozusagen „start and forget“. Und wenn du es ganz billig haben willst, kaufst du einen Quadrokopter für 300 Euro, der kann dann ein halbes Kilogramm tragen! So einen habe ich neulich im Kaufhaus gesehen.“

„Und das baut ihr jetzt nach?“

„Genau! Einen Hexakopter, der fünf Kilogramm mit GPS-Autopilot ungefähr dreißig Minuten lang tragen kann. Für einen Bruchteil der eben genannten Kosten.“

„Und was wollt ihr nun damit machen?“

„Ach Udo, nichts wirklich, das ist doch nur eine Art Machbarkeitsstudie.“

Pille brachte die frischen Biere und fragte: „Was für eine Machbarkeitsstudie?“

„Weißt du“, sagte Udo, „die bauen einen fliegenden Davidsstern mit GPS-Antrieb.“

„Ehrlich?“, fragte Pille, der kein Wort verstand, aber immer interessiert war, „GPS-Antrieb? Was ist denn das?“

„Nicht Antrieb“, korrigierte Edgar, „er meint GPS-Steuerung.“

„Geil! Und was macht man damit?“

„Fliegen?“, sagte Edgar leichthin, dem es gar nicht recht war, dass Pille das mitbekam, „nur so rumfliegen, weiß Du?“. Denn was Pille wusste, wusste bald das ganze Gäu, das war klar.

Edgar stellte sich mit leichtem Schauder schon die Szene vor: Pille hinterm Tresen beim Bierzapfen, vor ihm drei oder vier leicht angetrunkene Stammgäste, lauter Plappermäuler, und Pille würde betont lässig sagen: „Wisst ihr schon, was der Edgar gerade treibt?“.

Nein, woher sollten die jetzt schon wissen, sie würden fragen: „Was denn?“. Zumindest einer würde Pille den Gefallen tun!

Und Pille würde erzählen: „Der baut ´nen fliegenden Davidstern mit GPS-Antrieb, wisst ihr, ist ´ne ganz geheime Nummer, zusammen mit dem Herrn F., dem vom Laden auf der anderen Straßenseite, ihr wisst schon, der mal beim Geheimdienst war …“. (Was nur teilweise stimmte, Herr F. hatte zwei oder drei Jahre lang eine Wurstbude in Pullach gegenüber vom BND-Haupteingang betrieben).

Den anderen würde der Mund offen stehen vor Bewunderung und Neugierde, und Pille würde fast flüsternd fortfahren, um die Spannung zu erhöhen: „Wenn ihr mich fragt, wisst ihr, eigentlich darf ich ja nicht darüber sprechen, wisst ihr, aber wir sind hier ja unter uns, nicht wahr, also… wahrscheinlich für die Israelis, weil, die wollen doch den Atomreaktor in Persien, also im Iran, ihr wisst schon, angreifen, nicht wahr? Hier, eure Biere … und da drüben im Keller unter dem Laden, von dem alle denken, da holen sich nur ein paar Alte ein billiges Essen, wisst ihr, genial getarnt, sage ich, genial... Genau da wird das Dingens gebaut. Die sind schon clever die Israelis!“

So in etwa würde es ablaufen.

„Da hinten im Olympiapark?“, wollte Pille wissen.

„Genau da!“, stimme Edgar mit dem Kopf nickend zu, wohl wissend, dass sie „genau da“ keinesfalls fliegen würden.

„Verstehe“, sagte Pille und drehte sich zu einem anderen Tisch um, der nach ihm gerufen hätte. „Ihr, tut mir leid, würde gerne mit euch quatschen, aber ich muss... leider“, und damit löste sich Pille vom Tisch.

„Das muss der ja nicht unbedingt wissen!“, sagte Edgar leise zu seinem Glas, aus dem er gerade einen großen Schluck getrunken hatte. Ein frisches Augustiner-Bier ist einfach köstlich!

„Warum?“, fragte Udo, „was ist daran geheim?“

„Naja“, sagte Edgar und senkte die Stimme, „das mit der Kamera ist sozusagen die zivile Version, man kann ja auch etwas anderes damit transportieren.“

„Zum Beispiel?“. Udo schaute Edgar mit großen Augen an, „Nee, nicht, das ist nicht Euer Ernst, Edgar, oder? Na klar, Sprengstoff!“ Udo schlug sich mit der hand vor die Stirn. „Ihr baut eine fliegende Bombe?“

„Bauen wir nicht gerade - also wir nicht! Aber denk doch einmal nach... Stell dir mal vor, du hast so einen Flugapparat.“

„Ja!“

„Und dann baue einen Tank da drauf.“

„Ja, klar...! Tank? Warum einen Tank?“

„Ganz einfach: In dem Tank ist Benzin und das wird an einem bestimmten Punkt hydraulisch fein säuberlich in die Luft gesprüht, zerstäubt, so dass es sich optimal mit Luft vermischt...“

„Logisch... Und denn?“

„Wenn du das Gemisch dann zündest, also, das gibt so etwas von einem Riesenbumms, sage ich Dir, das glaubst du gar nicht. Da kannst du Semtex glatt vergessen, das ist dann etwas für den jungen Nachwuchsknaller. Die Amis haben solche Dinger, die wiegen eine Tonne oder so als Sub-Atombomben-Bombe.“

„Was kann ich vergessen?“

„Semtex!“

„Was ist das denn?“

„Ein Standard-Sprengstoff, wird gerne bei jedem Durchschnittsanschlag auf der Welt verwendet, kommt, glaube ich, aus der Tschechei oder nee, das heißt Tschechische Republik, oder so.“

„Und so etwas baut Ihr? Und wo wollt ihr es rumsen lassen?“

„Wollen wir ja gar nicht, wir wollen nur mal die Komponenten ausprobieren – Machbarkeitsstudie, habe ich ja gesagt... alles rein theoretisch.“

„Aber wenn Ihr das könnt...“ Die Betonung lag auf „ihr“.

„… dann können das andere auch!“

„Terroristen?“

„Klar, auch die, genau!“

Udo musste einen großen Schluck auf den Schreck nehmen, und dann kam Pille mit den Schinkennudeln. Perfekt sahen sie aus. Ein bisschen braun, viele Zwiebeln, schön geschmolzen und viel gekochter Schinken.

Die wichtigste Beigabe, Tomaten Ketchup von Heinz (anderes geht gar nicht!), stand schon auf dem Tisch, beide bedienten sich kräftig davon.

Hier ging es nicht um Cuisine, hier ging es zumindest Udo einzig um die Befriedigung von Hunger! Edgar aß eh alles, wie es kam. So gut das Essen von Frau Z. von gegenüber schmeckte, einmal alle zwei Wochen, fand Udo, mussten Schinkennudeln sein. Dann konnte Frau Z. kochen was sie wollte, dann wollte Udo in den Augustiner und Schinkennudeln essen und zwei Bier. Unbedingt!

„Ich habe der Küche gesagt, die sollen mal eine Machbarkeitsstudie „Richtig gute Schinkennudeln“ machen. Gelungen?“, fragte ein grinsender Pille.

Udo konnte nichts sagen, er hatte den Mund zu voll. Er saß über seinen Teller gebeugt am Tisch und gab mit Handzeichen zu verstehen, dass er absolut zufrieden war. Edgar hatte den Mund gerade nicht voll und konnte daher sagen „Perfekt, Pille, noch ein Bier!“

Udo winkte ab, kein Bier mehr für ihn. Als er die ersten Bissen runtergeschluckt hatte, fragte er Edgar, das Gespräch von eben wieder aufnehmend: „Und warum macht das keiner?“

Edgar zuckte mit den Schultern. „Was weiß ich?“, sagte er intensiv kauend, „Kommt mir auch komisch vor. Auf jedem Flugplatz warnen sie vor „unbeaufsichtigt herumstehenden Gepäckstücken“, wahrscheinlich doch wohl voller Sprengstoff, oder? Das ist doch Kinderkram gegen das hier“, und er meinte seine eben beschriebene Idee.

„Meinen Koffer hatten sie auch schon mal im Verdacht!“, erläuterte Udo und fuchtelte dabei mit Messer und Gabel in der Luft herum, „Frankfurt-Flughafen, weißt du, auf dem ICE-Bahnhof! Da habe ich meinen Koffer draußen vor der Zugauskunft stehen lassen, weil ich wissen wollte, ob ich mit meiner Karte einen Zug früher fahren konnte, als reserviert.

Das hat höchstens zehn Minuten gedauert! Und als ich wieder rauskam, hatte die Polizei schon begonnen, rot-weiße Bänder aufzuspannen..., man, da war vielleicht Alarm!

War gar nicht so einfach, den Koffer zurück zu bekommen, sage ich dir! Ich glaube, ich trinke doch noch eins – das ist aber das letzte für heute.“

„Naja, Udo, du kannst das ja noch weiterdenken, nehmen wir nur mal einen Flug von München nach Israel – da gibt es extra eine Halle für Hochsicherheitsflüge: Halle F, soviel ich weiß. Ich habe erst vor ein paar Tagen im Internet auf der Website des Münchner Flughafen nachgeschaut. Es hat keine zehn Minuten gedauert, dann wusste ich, wann und wo die Maschinen abgefertigt werden. Über Google Earth sieht man genau, wo die entlang rollen müssen, um zur Startbahn zu kommen – das kann man auf ein paar Meter genau ausmessen und dann ausrechnen, wie lange ein voll besetzter Flieger vom Terminal zu Punkt x braucht. Kinderkram, sage ich dir! Und Google Earth zeigt auch noch die Wege, wie man zum Beispiel von Attaching, das ist da so ein Dorf, musst du wissen, an den Zaun des Flugplatzes kommt.“

„Bis dahin glaube ich dir jedes Wort! Aber das kann doch jeder.“

„Eben! Und nun hast du so einen Kopter gebaut und startest den zum Beispiel von der Pritsche eines Kleintransporters, der in der Nähe von Attaching am Zaun zum Flugplatz steht, wenn der Flieger anfängt zu rollen. Und im richtigen Moment: Peng! Das Ding, also der Jet ist bis an die Unterkante voll mit Benzin... Was meinst du, was da los ist!“

„Schrecklich!“

„Genau! Passiert aber nicht!“

„Weil ihr es nicht macht!“

„Nein, nicht weil WIR es nicht machen! Nein, weil es keiner macht.“

„Und das heißt?“

„Das heißt?“. Edgar nahm einen Schluck und sprach in die Luft, „Weil es vielleicht keinen gibt, der es machen will? Jedenfalls nicht hier. Mag ja sein, dass die sich im Irak gegenseitig wegbomben, die Spinner. Aber hier doch ganz offenbar nicht. Und die paar deutschen Idioten, die zum Islam konvertieren und dann da runtergehen, um sich zu Terroristen ausbilden zu lassen, die kannst du doch vergessen, die Spinner: Amateure! Anfänger!“

Udo schaute ihn skeptisch an.

„Schau mal, der Herr F. und ich, wir sind doch nur ganz kleine Leuchten im Modellbau! Aber nun nimm dir mal richtige Spezialisten, Ingenieure und Leute, die das gelernt haben, die Geld, Werkzeuge und Maschinen haben, von denen wir nur träumen können, was könnten die wohl bauen? Wie viel Geld brauchst du denn für eine richtig gut ausgerüstete Werkstatt und für Materialien? Einhunderttausend? Das ist hoch gegriffen, eher weniger, viel weniger! Und wenn die dann zum Schluss noch an professionelle Sprengstoffe rankommen...“

„Zum Beispiel?“, wollte Udo wissen, „was können die denn bauen?“.

„Naja, das, was wir da gerade bauen – nur viel besser, tragfähiger, schneller, genauer. Das wäre ja schon einmal eines. Man könnte dann sicherlich auch einen ICE in voller Fahrt von der Schiene fegen..., voll besetzt…“

„Mensch, erzähl keinen Scheiß“, sagte Udo tonlos.

„Aber man könnte so viel mehr „gute Sachen“ machen. Ferngesteuerte Düsenjäger-Modelle, das wären richtige kleine „Smart Bombs“. Ich bin sicher, dafür könnte man eine funktionierende lasergesteuerte Modell-Zielvorrichtung hinkriegen. Das müsste gehen!

Oder man könnte ein Modell-U-Boot bauen, zwei Meter lang oder drei, so eine Art Torpedo mit einem ordentlichen Bumms vorne drin.“

„Und denn?“. Das interessierte Udo, der ja aus Hamburg kam.

„In der Elbe oder in der Schelde, vielleicht auch gleichzeitig, an einer engen Stelle ein oder besser zwei Tankern so ein Ding in die Ruderanlage und mehrere in den Bauch schicken und die an der richtigen Stelle sinken und ein bisschen brennen lassen. Der Fluss ist dicht – für Monate, siehe doch nur diese „Costa Concordia“ vor dieser italienischen Insel, wie heißt die noch? Die der Kapitän da auf Grund gesetzt hat, weil… Na egal, du weißt, was ich meine? So etwas Ähnliches in Elbe und Schelde? Da wäre Europas Wirtschaft aber ziemlich lange lahmgelegt. Da geht nichts raus und nichts rein nach und von Europa!“

„Du bist ja wahnsinnig!“

„Bin ich nicht, Udo. Sei mal ehrlich, liegt doch auf der Hand so ein Szenario! Gerade für Dich, wo du doch aus Hamburg kommst! Da brauchen die doch keinen Koffer auf einem Bahnhof zu sprengen, das wäre im Vergleich doch nur Pipifax, oder? Naja, ist eh alles Stammtischgefasel, steckt ja nichts dahinter, oder?“.

Er nahm einen weiteren Schluck Helles.

„Und warum macht das keiner, wenn das alles so einfach wäre?“

„Nicht „wäre“, ist so einfach, mein lieber Udo, ist so einfach…“.

Edgar macht eine Pause. Vielleicht“, und damit spülte Edgar den letzten Schluck hinunter, „weil es „die“ gar nicht gibt?“, fragte er langgezogen, „diese sogenannten Terroristen, meine ich?“



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Weitere „abgefahrene“ Bücher von Klaus Bock

Romane

Der Dessousschneider

Aus dem Ruder gelaufen

Pharmageddon

Kurzgeschichten

Wir(r) im Kopf

Kurzromane

Der Münchner Gurkenmord

Ich. Der Killer

Geiersturzflug (enthalten in Wir(r) im Kopf)

Die meisten Bücher gibt es „für ´ne kleine Mark“ als Ebooks von allen Anbietern

Viele weitere Texte und Geschichten finden Sie auch hier:

www.vebquerstrom.de



 


[1] Für unsere jüngeren Leser: Nick Knatterton war eine zwischen 1950 und 1959 in der deutschen Illustrierten Quick erscheinende Comicserie mit der Hauptfigur eines Meisterdetektivs gleichen Namens

[2] Kap Arkona Kaffee

[3] DM = Deutsche Mark. Für die jüngeren Leser: Ehemalige (1948 bis 2002) Währung der Westzonen der BRD, in der DDR gab es eine andere DM von 1948 bis 1964. Ab 2002 gab es dann den Euro

[4] „Lohn der Angst“ (Originaltitel „Le salaire de la peur“) ist ein Schwarzweißfilm von Henri-Georges Clouzot aus dem Jahr 1953 mit Yves Montand, Charles Vanel und Peter van Eyck in den Hauptrollen. Die französisch-italienische Koproduktion basiert auf dem gleichnamigen Roman von Georges Arnaud.

[5] Ummara = ca.

[6] Bommerlunder mit Pflaume drin. Altmodischer Drink von der Westküste

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