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Früher war alles einfacher, da hieß das hier Querdenken, Querdenkereien oder Quer-ich-weiß-nicht-was. Dann kamen diese unegalen Möchtegern-Querdenker, die verrückten Ärzte, Köche, Nazis, Impfgegner und Gates-Feinde, die allesamt Corona ablehnen, und das auch öffentlich abstands- und maskenlos protestieren. Mit denen möchte ich bitte auf keinen Fall in einen Topf geworfen werden. Deshalb kein Querdenken mehr, das könnte verwechselt werden, jetzt bin ich eben am ceterum censeo...
 Bananenbuch
"Wenn Bananen "Wenn Gondeln Trauer tragen" sehen.
Ein außergewöhnlicher Fotocomic, den man gelesen haben muss

Hier in voller Länge

Morituri. Teil 3 des ganzen Romans

Klaus by Klaus

17. Juni. Kiel. Tiessen-Kai

 

04.00 Uhr. Sie waren am Vortag um 13.15 in München abgefahren. Der ICE war nicht besonders voll gewesen. Udo hatte wie ein Sperber auf Sarahs Handtasche mit dem Bargeld aufgepasst. Keine Minute von den gut sieben Stunden Fahrt hatte er geschlafen! So viel Geld auf einem Haufen war ihm unheimlich.

Ziemlich pünktlich um 20.15 Uhr war der ICE in den Kieler Hauptbahnhof eingelaufen. Sie hatten den reservierten Volvo Kombi abgeholt. Zu ihrem Erstaunen hatten sie tatsächlich den vorgestellten Wagen erhalten und waren dann gegen einundzwanzig Uhr im Hotel angekommen.

Sie hatten noch ein leichtes Abendessen bekommen und hatten sich dann für ein paar Stunden hingelegt.

Gegen drei Uhr dreißig morgens waren sie vom Hotel zum Tiessen-Kai aufgebrochen. Das Navi dirigierte sie vom Hotel am Schlossgarten über den Düsternbrooker Weg zur Kiellienie, die von alten Kielern immer noch Hindenburgufer genannt wird. Am alten Olympiahafen von 1936 erreichten sie die Straße am Wasser, dann ging es entlang der Kieler Förde, die man im Dunkel aber kaum sah, dann durch das letzte Ende der Feldstraße und schließlich auf die Prinz-Heinrich-Brücke, von der sie rechter Hand die hell erleuchteten, eindrucksvollen Schleusenanlagen des Kiel Kanals sahen, der die Ostsee mit der Nordsee verbindet.

In der Schleuse lag ein Dampfer, der heute natürlich kein „Dampfer“ mehr war, sondern ein modernes Containerschiff, das die großen Kisten im Feederverkehr zwischen Hamburg und den Ostseehäfen verteilte und einsammelte. Menschen waren aus der Entfernung nicht zu sehen, wären aber auch aus der Nähe nicht gesehen worden, weil auf modernen Schiffen immer weniger Seeleute arbeiteten – alles automatisiert.

„Da unten, auf der anderen Seite, das muss Holtenau sein, ein Vorort von Kiel und da soll auch der Tiessenkai sein“, sagte Udo, der sich mittels einer Karte mit der Gegend vertraut gemacht hatte.

Über die Richthofenstraße und Kastanienallee gelangten sie an ihr Ziel. Die letzten zweihundert Meter ging es in einer Kurve steil bergab. Vor sich sahen sie wieder das im Dunkel liegende Wasser der Kieler Förde. Vom anderen Ufer blinkten die Lichter des Heizkraftwerkes, auf dem Wasser bewegten sich langsam einige Positionslaternen von Schiffen in Richtung Schleuse, also in den Kanal.

Sarah blickte auf die Uhr. „Es ist ein paar Minuten zu früh“, sagte sie, „seien wir lieber pünktlich. Warte da vorn an der Ecke einen Moment.“

Udo stoppte den Wagen. Sie warteten fünf Minuten. Über dem Gegenufer war langsam das erste Morgenlicht mehr zu ahnen als zu sehen, noch war es dunkel, aber der Tag kündigte sich schon an.

„Links geht es zur Ostsee, rechts in den Kanal und geradeaus in den eigentlichen Hafen, dahinten ist dann auch unser Hotel“, erläuterte Udo.

„Schade, wir sind wohl etwas zu früh, eigentlich müsste bald ein großer Tanker einlaufen, die „Sharp Lady“, zweihundertfünfzig Meter lang, 44 Meter breit, vierundsechzig Tausend Tonnen schwer.“

„Udo“, lachte Sarah, „woher weißt du das, bist du ein Hellseher?“. Sie war froh über die Ablenkung.

„So etwas weiß man einfach, als alter Seemann.“

„Alter Seemann? Du bist doch nie zur See gefahren.“

„Aber auf einer Werft gearbeitet!“

„Da hast du das Schweröl im Blut, oder wie?“

„So in etwa. Und das Schiff, der Containerfeeder in der Schleuse ist die „Amerdijk“ Und da, aus dem Kanal kommt bald auch noch die „Schelde Highway“, ein RoRo-Schiff.“

„Udo, mir kannst du alles erzählen…“

„Ein RoRo-Schiff ist ein LKW-Transporter, mehr eine schwimmende Garage.“

„Nun mal ehrlich, verarscht du mich oder stimmt das alles?“

„Stimmt!“

„Und woher weißt du das?“

„Hab´ im Hotel ins Internet geschaut, www.marinetraffic.com, da ist für alle Meere der Welt für jedes Schiff verzeichnet, wo es sich gerade befindet, tolle Sache!“

„Ach so, dann bin ich ja beruhigt.“

Dann schaute Udo auf die Uhr und startete den Motor wieder mit den Worten: „Jetzt aber … Alles klar bei dir? Hast du Schiss? Um ehrlich zu sein, also ich schon, ziemlich sogar!“. Und damit blies er den Atem durch die aufgeblähten Backen.

„Ja“, sagte Sarah, „aber eigentlich können sie uns höchstens beklauen… Sie werden uns nicht gleich umbringen.“

„Dein Wort in Gottes Gehörgang“, sagte Udo und fuhr langsam an.

„Hat der einen?“

„Wer?“

„Gott!“

„Ich dachte, der hört alles.“

„Ich dachte, der sieht alles.“

„Naja, wenn er Augen hat wird er auch Ohren haben und wer Ohren hat…“

„…hat einen Gehörgang!“, ergänzte Sarah Udos Worte lachend, „komm, mein Udo, jetzt packen wir`s!“

Udo fuhr langsam auf den Tiessenkai. Er löschte das Licht. Ganz hinten, vielleicht vierhundert Meter entfernt, lag ein Küstenmotorschiff am Kai. Das einzige. Ansonsten lagen hier häufig große Segelschiffe im Päckchen am Kai, Schoner, meist unter holländischer oder dänischer Flagge, die von hier aus zu Passagierfahrten starteten – „Romantik unter Segeln“ hieß das dann für Binnenländer und man muss trotz hoher Passagekosten auch noch mitarbeiten... Naja, „groß“ ist relativ, heute waren es große Segelschiffe von vielleicht sechzig Metern Länge, mit zwei Masten. Zur Zeit, als die wirklich großen Handelssegler die Meere bevölkerten, hätte man sie als klein bezeichnet.

„Nicht viel los hier“, flüsterte Udo, „das dahinten, das muss es sein.“

Die eigentlich fast romantische Ansammlung kleiner Backsteinhäuser, in denen bis vor wenigen Jahren noch „Schiffshändler Günther Tiessen“ residiert hatte, bei dem man alles bekam, von der Kochwurst bis zum Schiffspropeller, nahmen sie nicht wahr. Inzwischen war „Tiessen“, nach dem ja auch der Kai benannt war, zu einem romantisch mit alten Schiffslampen und sonstigem Zeug ausgestatteten Café für Schiffsbetrachter und Ausflügler herabgesunken. Wo früher Schiffspropeller bei jedem Wetter tatsächlich vor der Tür gelegen hatten, parkten heute bei guten Wetter Kinderwagen, bei schlechtem Wetter war da nix.

Sie rollten langsam bis zur Gangway der „Marta K.“, wie sie den Namen am Bug gerade noch entziffern konnten, die ein ziemlich runtergekommenes rostiges Küstenmotorschiff war. Vier Glühbirnen gaben ein Minimum an Licht ab, kaum genug, um am Kai etwas sehen zu können. Im Schutz des Deckshauses lehnte ein Mann in Arbeitskleidung an der Reling. Er rauchte, was man am Qualm sehen konnte, den er ab und zu ausstieß, schaute ihnen gelangweilt entgegen. Udo blieb direkt an der Gangway stehen. Sarah ließ das Fenster hinab und schaute den Mann auf dem Schiff an. Der Mann hatte seine Position um keinen Deut verändert, seit sie ihn erspäht hatten.

Als sie anhielten spukte er ins dunkle Wasser zwischen Schiff und Kaimauer. Die Zigarette behielt er dabei im Mund – ein wahrer Künstler!

„Guten Morgen“, sagte Sarah, „sprechen sie deutsch?“

„Da können sie aber einen drauf lassen, Madam, Gott verdammtes deutsch, was sonst, russisch etwa oder vietnamesich?“. Und nach einer Pause, die er mit einem Zug an der Zigarette und dem langsamen Auslassen des Rauches füllte, fragte er: „Sind sie die Frau mit den Moneten?“

„Sieht so aus“, sagte Sarah beiläufig. Zum ersten Mal bewegte er sich. Er richtete sich auf, reckte sich etwas und kam dann langsam über die Gangway an Land, zum Auto.

„Tja, dann wollen wir das Geschäft mal abwickeln, was?“

Er sprach dabei immer noch mit der Zigarette im Mundwinkel, die da hingepappt schien. Als er neben dem Auto stand, beide Hände in den Hosentaschen, fragte er: „Wo sind die Moneten?“

„Wo ist die Ware?“, fragte Sarah.

„Sie sind eine von den ganz harten, was?“, lachte er, „erst das Geld, das ist nun mal so üblich in dem Geschäft.“

„Hier“, Sarah reichte ihm den Umschlag. Er steckte ihn ein, ohne in den Umschlag zu schauen.

„Wollen sie denn nicht nachzählen?“, fragte sie erstaunt.

„Nee“, sagte er, „muss ich nicht, weil, wenn´s nicht stimmt, dann möchte ich nicht in ihrer hübschen Haut stecken, meine Dame, nicht bei den Geschäftspartnern…“. Dabei lachte er keckernd. Die verdammte Zigarette muss dem doch inzwischen die Lippen verbrennen, dachte Sarah und schaute unentwegt, irgendwie fasziniert, auf den Zigarettenstummel.

Ihr Gesprächspartner deutet in die Dunkelheit, auf ein ca. zwanzig Meter entferntes eingeschossige Haus aus rotem Backstein, der in der Dunkelheit fast schwarz wirkte, aber erstes Tageslicht, das inzwischen nun doch langsam über den Horizont kroch, gab ihm einen Hauch von rotem Schimmer. Die weißen Sprossenfenster links und rechts von der Eingangstür schienen wie von einem Kind mit weißer Kreide hineingezeichnet.

Dann schob er noch eine Bemerkung nach: „Nee, wirklich nicht! Ihre Kisten liegen da drüben am Haus. Unter der Plane.“

Damit drehte er sich wieder um, ging grußlos die Gangway hoch und verschwand durch eine Luke, die dröhnend hinter ihm zufiel.

„Da drüben“, sagte Sarah, „da sind unsere Sachen, unter der Plane.“

Der Kai war breit genug für einen U-Turn, Udo musste also nur einen Halbkreis fahren und hielt dann neben dem dunklen Haufen, der vor einer Bank lag, die unter zwei Fenstern des Hauses stand – bei schönem Wetter eigentlich ein sehr schöner Platz, mit Blick über die Einfahrt in die alten, die kleinen Kanalschleusen. Die modernen großen Schleusen, in die gerade ein Containerfrachter mit ganz kleiner Fahrt einlief, lagen dahinter, der Blick auf sie verdeckt von einer kleinen Insel mit einigen Verwaltungsgebäuden.

Udo und Sarah hatten dafür kein Auge. Auch nicht für den alten Leuchtturm, der sich allmählich aus der Dunkelheit schälte, als es langsam heller wurde.

Udo stieg aus, riss die Plane von dem Haufen und entdeckte vier Kisten, öffnete die Hecktür des Kombis und lud die schweren Kisten ein. Er beeilte sich. Die Sache kam ihm nicht geheuer vor. Dann schlug er die Klappe zu und sagte zu Sarah: „Nichts wie weg hier, ich hab´ immer noch Schiss!“

„Fahr nicht zu schnell und mach das Licht an“, empfahl Sarah. Dann waren sie wieder am Hügel, den sie hier an der Küste Berg nannten, fuhren ihn hoch und gelangten bald wieder auf die zweiundvierzig Meter hohe Kanalbrücke und waren dann wieder in Kiel.

Es war halb fünf Uhr morgens, die ersten Menschen fuhren zur Arbeit, sie waren also nicht mehr ganz allein, was paradoxerweise beide etwas beruhigte. Diesmal leitete sie das Navi durch die Holtenauer Straße zum Dreieckplatz und von dort durch die Brunswiker Straße zum Hotel, das sie um viertel vor fünf erreichten. Udo fuhr in die Tiefgarage und sie gingen auf ihre Zimmer.

Als sie beide vor ihren nebeneinanderliegenden Zimmertüren standen, sagte Sarah: „Komm mit zu mir, Udo, keine Angst, ich tue dir nichts, aber ich mag jetzt nicht alleine sein. Ich zittere noch am ganzen Körper…“

„Geht mir nicht anders“, meinte Udo, „aber das wäre komisch gewesen, wenn ich dich drum gebeten hätte, gar nicht gentlemanlike, oder?“

„Udo, du weißt, womit ich mein Geld verdiene…“

„Klar, aber Dame bleibt Dame, und du“, er machte eine kurze Pause und schaute sie dann an, „erst recht!“

„Udo“, lachte Sarah, „du bist süß! Komm her…“

Udo kam. Nur zu gerne.

Gegen zehn Uhr standen sie auf. Udo ging als erstes zum Auto, um zu kontrollieren, ob noch alles da sei, dann ging er duschen.

Sarah duschte erst und ging dann in den Frühstücksraum, ergatterte noch schnell ein Frühstück für beide von den Kellnerinnen, die das Buffet bereits abräumten, bestellte eine große Menge Kaffee und wartete auf Udo.

„Alles noch da“, sagte der, als er kam, „oh, Frühstück! Danke. Prima. Ob du es glaubst oder nicht, jetzt geht es mir besser“, er verbeugte sich leicht vor Sarah, „dank dir und Hunger habe ich auch… Ach so, also, habe ich dir das schon einmal gesagt, Sarah, du bist eine Schönheit, also ich meine, mit und ohne.“

„Danke, Udo, nein, das hast du noch nicht gesagt, jedenfalls nicht mit „ohne“, danke!“. Und damit streichelte sie sanft seine Hand.

Nach einer Weile fragte sie: „Und jetzt?“

„Also, ich würde erst einmal unauffälligeres Gepäck kaufen, zwei Rücksäcke und zwei große Reisetaschen. Und dann würde ich gerne mal sehen, was in den Kisten ist… Irgendwie bin ich neugierig. Nicht dass die uns alte Schrauben verkauft haben oder anderen Schrott.“

„Gute Idee“, stimmte Sarah zu, „das glaube ich zwar nicht, also das mit dem Schrott. Aber neugierig bin ich auch. Wir sind hier gleich an der Innenstadt, da kriegen wir sicher Taschen.“

„Ja“, meinte Udo, „aber wir sind hier in einer Hafenstadt. Seegrenze, weißt du. Im Prinzip kann der Zoll hier überall kontrollieren. Da würde ich gerne schnell wegkommen. Ich frage mal den Kellner, wo wir Taschen und Rücksäcke bekommen?“

Die Empfehlung lautete das Einkaufszentrum am Hauptbahnhof, das sei „gaa nich zu verfählen“.

Sie checkten aus dem Hotel aus, das Einkaufszentrum war wirklich nicht zu verfehlen. Udo blieb im Parkhaus lieber im Auto sitzen, bis die mit zwei Rücksäcken und zwei Sporttaschen bepackte Sarah zurückkam. Auf dem Weg zur Autobahn kamen sie an einem Baumarkt vorbei, bei dem Udo hielt, um ein kleines Brecheisen zu kaufen. Diesmal bleib Sarah als Aufpasserin im Auto. Dann ging es über die A 215 in Richtung Hamburg.

Bei Blumenthal verließ Udo die Autobahn und fuhr in Richtung Scheidekrug, was laut Landkarte ein völlig verlassenes Kaff sein musste. Und genau das reizte Udo. Mitten in der Landschaft fuhr er ein paar Meter in einen gottverlassenen Feldweg hinein, der sich als halbwegs trocken herausstellte. Sie stiegen aus, holten die Kisten aus dem Kofferraum des Volvos und Udo öffnete sie mit dem Brecheisen. In den langen Kisten waren zwei Gewehre mit Beschriftung in kyrillischen Buchstaben sowie Zielfernrohre und Laserzielhilfen.

„Wow“, sagte Udo, „weißt du was das ist?“

„Nein“, antwortete Sarah, „Gewehre, oder?“

„Ja“, antwortete Udo, „aber das scheint mir Spielzeug für die ganz bösen Jungens zu sein.“

Er buchstabierte mit Hilfe der Finger, die die Buchstaben nach fuhren, die russischen Schriftzeichen: „D-r-a-g-u-n-o-v T-i-g-r“, sagte er Buchstabe für Buchstabe, „Dragunov Tiger oder so ähnlich soll das wohl heißen...“

„Du kannst Russisch?“, fragte Sarah erstaunt.

„Nee“, wehrte Udo ab, „nur, auf der Werft da haben wir zum Spaß die russischen Schiffsnamen buchstabieren gelernt… Ich kann nur die Buchstaben, aber ich glaube, ich habe das richtig gemacht.“

„Ach so“, sagte Sarah, „ich habe mich schon gewundert. Der Große Böse Wolf hat also doch Wort gehalten.“

Dann machten sie die würfelförmige Kiste auf und entdeckten fünf eher kleine Pistolen und Schalldämpfer.

„Junge, Junge“, staunt Udo, „echt etwas für Killer… Vom Allerfeinsten! Sarah, viel verstehe ich ja nicht von dem Zeugs da, eigentlich gar nichts“ er deutete auf das, was er ausgepackt hatte, „aber du musst seltsame Freunde haben… Wer an so etwas ran kommt, Junge, Junge!“

„…und ihr wolltet mit zwei Schrotflinten in den Krieg ziehen“, lächelte sie, „oder gar mit selbst gemachten…“

„Sei bloß ruhig“, bat Udo sie, „da mag ich jetzt gar nicht mehr dran denken! Wenn ich das hier sehe, also, meine Liebe, da kannst du ja einen Stoßtrupp mit ausrüsten, und zwar im Krieg!“

„Haben wir doch auch vor, oder? Und was ist in der letzten Kiste?“

Udo öffnete sie und fand Munition, Munition, Munition.

Die Holzkisten warfen sie in den Graben, dann packten sie ihre neuen Besitztümer in die Rucksäcke und Sporttaschen und mit einem Lumpen, den sie im Auto fanden, reinigten sie ihre Schuhe so gut es ging vom Matsch. Sarah übernahm das Lenkrad und fuhr wieder in Richtung Autobahn, die sie gegen halb zwei erreichten. Sie entschieden, bis München auf der Autobahn zu bleiben. Das Risiko, in eine Verkehrskontrolle zu geraten, erschien ihnen auf der Autobahn geringer als auf der Alternativroute über Duderstadt, Suhl und Bamberg, die das Navigationsgerät ihnen anbot.

17. Juni. Sarah erzählt …

15.30 Uhr. Sie fuhren lange schweigend nebeneinander her. Udo hatte es sich in einer Ecke bequem gemacht und schien zu schlafen. Hinter dem Elbtunnel wachte er wieder auf.

„Sag Bescheid, Sarah, wenn du wechseln willst“, murmelte er noch nicht ganz wach.

„Hhm“, brummte Sarah, „schlaf ruhig weiter… Ich melde mich dann schon.“

Gegen siebzehn Uhr waren sie in der Höhe von Hildesheim und Sarah fuhr die Raststelle Hildesheimer Börde an.

„Muss mal“, meldete sie, „und ich habe Durst.“

„Lass uns tanken“, schlug Udo vor, „ich mache das, und du gehst dich frisch machen. Wenn du wieder da bist, gehe ich auch mal verschwinden.“

So viel ging in den Tank gar nicht hinein, aber Udo fühlte sich bei der Ladung mit vollem Tank einfach besser. Er kaufte etwas zu trinken und für jeden ein belegtes Brötchen zum Mitnehmen, dann fuhren sie weiter. Sarah fuhr wieder. Sie schwiegen. Sarah konzentrierte sich auf das Fahren, sie fuhr flüssig aber nicht zu schnell, so um die einhundertdreißig. Udo schaute zum Fenster hinaus und hing irgendwelchen Gedanken nach.

„Sag mal“, fragte sie nach einer Weile, „was willst du eigentlich rächen, Udo?“

„Ich?“, war seine Gegenfrage. „Ich? Weiß ich gar nicht so genau, also eigentlich, nee, nichts… naja, außer Edgar, vielleicht.“

„Und warum machst du mit? Das ist doch nicht ungefährlich“

„Weil wir Freunde sind?“

„Das ist alles?“

„Naja, spannend ist´s ja auch“, lächelte er.

Er schaute sie an und lächelte. Nach einer Weile kam seine Gegenfrage: „Und du, mien Deern?“

Sie antwortete nicht, schaute stur geradeaus. Udo fragte nicht noch einmal. Wenn sie erzählen wollte, was sie Schlimmes erlebt hatte, meinte er, dann würde sie. Und die Fahrt ging ja noch einige Zeit.

Es war wohl dreißig oder vierzig Kilometer später, als Sarah zu sprechen begann. Leise sagte sie: „Ich bin vergewaltigt worden. Mit siebzehn.“ Udo schaute sie entsetzt an, sagte aber nichts. Es dauerte wieder eine Weile, bis sie weitersprach.

„Ich war siebzehn damals. Wir, meine Eltern und ich, wohnten in einer Etagenwohnung in München. Mit siebzehn hat man noch Träume und ich durfte am Wochenende in Diskotheken gehen. Das war Ende der Siebziger und da war das nicht selbstverständlich, dass ein junges Mädchen abends alleine ausgehen durfte. Meine Eltern passten gut auf mich auf. Ich war ein sehr hübsches Mädchen. Für mein Alter viel zu gut entwickelt. Ich war körperlich sehr frühreif, geistig leider nicht… Ich war neugierig, ich wollte die Welt erleben, ich wollte tanzen, naja, das Übliche für Mädchen in dem Alter. Nicht mehr und nicht weniger. Mit den Jungens rumschmusen. Mehr war nicht. Vielleicht ein bisschen Petting oder so, auf einer Parkbank. Aber Ficken war nicht drin! Ich kannte das Wort ja kaum.“

Sie fuhr weiter in den Spätnachmittag, das Wetter war schön, die Sonne schien vom blauen Himmel, das Grün der Bäume war noch frisch, alles schien so sauber, die Welt so in Ordnung.

Es ging eine Weile so dahin, Udo wusste, wenn Sarah wollte, würde sie weitererzählen. Er drängte nicht, er fragte nicht.

„Eines Abends war ich wieder in der Diskothek, da wo die Kinder der besseren Leute verkehrten, da wo es auch ein bisschen mehr abging, als bei uns im Gäu, weißt Du. Ich hatte mein schönstes Kleid an, ganz kurz, großer Ausschnitt – und ich hatte was im Ausschnitt. Ich war die Sensation des Abends. Drei Jungs haben mich zum Trinken eingeladen, und sie haben mich dann betrunken gemacht. Einer hat dann gesagt, er würde ein Taxi holen, um mich nach Hause zu bringen, weil ich ja kaum noch laufen konnte, hat er gesagt. So betrunken war ich gar nicht, aber ich fand´s schon toll: Taxi und so. Das kannte ich noch nicht. Meine Eltern waren arme Leute. Arm , aber lieb!“

Dann schwieg Sarah wieder für eine Weile. Inzwischen hatten sie Göttingen hinter sich gelassen und fast Kassel erreicht.

„Als das Taxi bei unserem Haus hielt, waren die anderen beiden, mit denen ich den Abend auch verbracht hatte, schon da. Keine Ahnung, wie die dahin gekommen waren, gelaufen konnten sie nicht sein… Sie werden wohl ein Auto gehabt haben. Sie waren ja etwas älter als ich. So einundzwanzig oder zweiundzwanzig. Als das Taxi fort war, waren da also die drei und ich. Da waren sie gar nicht mehr nett. Sie machten mir sehr schnell klar, was sie wollten. Ich bat, ich bettelte… Keine Chance. Irgendwann schlug mich einer der drei zu Boden. Als ich aufwachte, hatten sie mich in den Keller unseres Hauses gebracht und dann… Naja, da unten ging es sehr zur Sache. Einer hielt mir den Mund zu, einer hielt mich fest und der dritte vergewaltigte mich. Immer reihum – und jeweils nicht nur einmal! Jungens in dem Alter sind sehr leistungsfähig“, lachte sie bitter auf.

„Der Alkohol tat seine Wirkung bei mir, ich war jetzt richtig betrunken und auch mehr oder weniger besinnungslos, schreien konnte ich nicht, ich konnte es nur noch hinnehmen. Irgendwann konnten sie nicht mehr und ließen mich einfach liegen. Zum Schluss haben sie auf mich gepisst und mit meinem Blut „Nutte“ an die Wand geschrieben.“

„Mein Gott, Sarah“, war alles was Udo sagen konnte.

„Ja“, nickte Sarah ihm zu, „da gibt es wirklich nicht mehr zu sagen, als mein Gott, Sarah!“

„Sie haben dann wohl meinen Vater angerufen, damals stand man noch im Telefonbuch, und haben ihm gesagt, er soll doch mal in den Keller gehen, wenn er seine Nutte von Tochter finden wolle…

Er hat mich gefunden. Das hat er nie verwunden! Und ich Udo, ich kann noch heute keine Vergewaltigungsszene im Fernsehen oder im Kino sehen. Da packt mich nach Jahrzehnten noch der kalte Hass – es ist so erniedrigend, so widerlich!

Wir sind umgezogen, nach Ingolstadt. Er, also mein Vater, hat einen Job gesucht und gefunden, egal was, egal wo, nur weg … Er wollte mich da wegbringen, mir helfen, zu vergessen. Dabei hat er am wenigsten vergessen können!“

„Und Du?“, fragte Udo leise.

„Ich? Ja, was ist mit mir? Ich habe es verdrängt, das ging schon, irgendwann, aber erst ein paar Jahre später. Es war, als ob das eine andere Frau erlebt hätte, nicht ich … Vielleicht hat sich damals meine Persönlichkeit gespalten? Kann schon gut sein. Wenn ich davon erzähle, Udo“, sie sah ihn jetzt an, „dann erzähle ich, was eine andere Frau erlebt hat, nicht die, mit der du gestern im Bett gelegen hast… Mich, also die von gestern mit Dir, berührt es gar nicht so, aber die andere in mir, die vergewaltigt wurde, in der brennt ein Wunsch, ein Feuer nach Rache! Unauslöschbar. Sie will sie vor sich sehen. Tot! Ja, Udo, ich glaube, ich habe so etwas wie eine Persönlichkeitsspaltung. Sonst könnte ich mein Geld wohl nicht so verdienen? Und ich hätte nicht überlebt, glaube ich.“

„Sarah, ich weiß nicht, was ich sagen soll…“

„Gar nichts, Udo, sag´ einfach gar nichts! Da gibt es nichts zu sagen. Das ist nun einmal so passiert. Ende. Und irgendwie konnte ich ja damit leben… Bis jetzt! Und ich konnte ja auch meinen Beruf ausüben, problemlos sogar. Das war die andere in mir. Aber die eine, die vergewaltigt worden ist, die brennt jetzt. Es ist, als hätte die eine, die Vergewaltigte jetzt die Kontrolle übernommen. Nicht immer, aber immer öfter“, lächelte sie Udo an.

„Und kennst du sie, die drei?“

„Oh ja! Das darfst du mir glauben: Die werde ich nie vergessen!“

„Weißt du denn, wo die leben?“

„Ja. In München! Ganz nah, schon die ganze Zeit…“

„Und du willst sie wirklich?“

„Ja.“

„Kann ich dir helfen, Sarah?“, fragte Udo, „Ich will dir helfen, Sarah!“

„Weil wir einmal zusammen im Bett waren, Udo? Mein lieber Udo, ich bin dauernd mit Männern im Bett… Dafür nicht!“

„Nein“, sagte Udo, „dafür wohl nicht… Aber, Sarah, weil ich will!“

„Danke, Udo“, sagte Sarah und fügte ganz leise noch ein „Danke“ an.

Dann legte sie für einen kurzen Moment ihre Hand auf seinen Oberschenkel und drückte ganz leicht zu. Der Rest der Fahrt verlief mehr oder weniger schweigend. Am Riedener Wald bat sie ihn, das Steuer zu übernehmen. Sie fuhren auf die Raststelle, Udo tankte „für alle Fälle“ noch einmal, dann rief er von einem Münztelefon aus bei Hanna an und teilte ihr mit, dass sie schätzungsweise gegen elf Uhr abends in München sein würden, wenn nichts Unvorhergesehenes dazwischen kommen würde. Udo übernahm das Steuer, Sarah den Beifahrerplatz, auf dem sie sich etwas einkuschelte und dann schlief auch sie irgendwann vom eintönigen Fahrgeräusch eingelullt ein.

18. Juni. Ankunft in München

23.00 Uhr. Gegen dreiundzwanzig Uhr bog ein inzwischen hundemüder Udo in die Hübnerstraße ein. Als er den Motor ausschaltete, wachte Sarah auf: „Oh, schon da, Udo?“, fragte sie. „Komm, bleib sitzen“, sagte sie dann, „ich mach das Tor zum Hof auf.“

Er fuhr den schmalen Weg, der ja nur fünfzehn Meter lang war, bis vor die alte Garage, die nicht mehr benutzt wurde, und sie luden aus. Sarah nahm einen Rucksack, Udo den anderen und die beiden Reisetaschen. Da fuhren sie mit dem Fahrstuhl bis zu Hannas Geschoss. Sie klingelten und wurden mit großem Hallo von allen begrüßt.

„Alles gut gegangen?“, fragte der Graf.

„Ja“, sagte Sarah (die andere, die „normale“ Sarah, die, die sie kannten), „keine Probleme! Bezahlt, Ware erhalten und ab durch die Mitte! Problemlos.“

„Und was habt ihr mitgebracht?“, fragte Wolf-Dieter.

„Nun mal halblang“, ging Hanna dazwischen, „ihr seid bestimmt müde, durstig und hungrig, oder? Ihr wollt euch doch sicherlich erst einmal die Finger und das Gesicht waschen.“

„Ja“, sagte Sarah, „das wäre schön… Und dann ist Bescherung.“

„Gut“, sagte Hanna, „ihr kennt euch ja aus, zwei Bäder sind auch da… Und in der Küche steht eine Brotzeit für euch, für uns… Und solange können wir auch noch warten!“

„Schwer“, meinte Wolf-Dieter, „also nun mal los. Ich bin ja so gespannt! Ihr müsst alles haarklein erzählen!“

„Nichts da“, sagte Hanna entschieden, „ab durch die Mitte mit euch.“

Wolf-Dieter und der Graf brachten die Rücksäcke und Reisetaschen in die große Küche. „Ganz schönes Gewicht“, stöhnte Wolf-Dieter, der in letzter Zeit deutlich schwächer geworden war und deshalb immer öfter Pausen machen musste. Hanna sah ihn besorgt an und fragte: „Wann musst du wieder zum Arzt?“

„Bald“, antwortete er, „übermorgen, glaube ich, bekomme ich die neuen Werte. Aber die werden sicher nicht besser sein als die alten.“

„Nein“, sagte die immer noch besorgt wirkende Hanna, „das sieht nicht so aus.“

„Ach, geht schon“, sagte Wolf-Dieter und nahm die Taschen wieder auf, „ich weiß ja, was mit mir los ist, Scheißkrebs, ist halt so… Da kann man nichts machen. Deshalb habe ich es ja auch eilig!“

„Haben wir doch alle“, meinte der Graf, der seine Prostata auch immer mehr spürte und deshalb immer häufiger pinkeln gehen musste – trotz der Tamsolusin-Tabletten.

„Ich nicht“, sagte Tante Greten, „mit neunundachtzig hat man es nicht mehr so eilig.“

„Sind ja noch ein paar Tage, Tante Greten“, meinte Hanna, „noch bist du ja erst jugendliche achtundachtzig!“

„Nicht mehr lange“, antwortete die Tante und fügte so traurig hinzu, wie sie sie gar nicht kannten, „und wisst ihr was? Alt sein ist gar nicht lustig. Irgendwann verliert man einfach die Lust. Da ist es nicht mehr erstrebenswert, immer weiter zu leben, ganz im Gegenteil, da fängt man an, Gevatter Tod langsam als Freund zu sehen und sich nach seinem Besuch zu sehnen.“

Hanna schaute ihre Tante erstaunt an. Das waren ganz neue Töne von der alten Dame, die kannte sie gar nicht. Sie kannte ihre Tante nur als lebensbejahende Frau, die in den letzten zehn Jahren zu einer alten Dame geworden war, die fast immer gut drauf war.

„Wem sagst du das, tante Greten“, stimmte Wolf-Dieter zu.

„Ach du, mein Junge, du bist doch noch so jung“, widersprach Tante Greten, „mindestens eine Generation jünger als ich… Ich bin alt!“

„Wohl wahr, Tante Greten, aber das Ende naht in großen Schritten, ich merke das jeden Tag deutlicher! Und deshalb bin ich froh, dass das Zeugs da“, er deutete auf die Rucksäcke und Taschen, „endlich da ist, ich mag nicht mehr warten, weil ich nicht weiß, ob ich noch Zeit habe zu warten, weißt du?“

„Ich verstehe dich wohl, mein Junge“, sagte Tante Greten erstaunlich zärtlich, „unser aller Zeit läuft ab.“

Ein erfrischter Udo betrat die Küche mit der Frage: „Gibt´s ein Bier?“. Dabei schlug er die Hände zusammen.

Der Graf holte eines aus dem Kühlschrank, öffnete es und gab es Udo, der die Flasche ansetzte und einen großen Schluck nahm: „Puh“, sagte er, „das hat gut getan. Wenn Sarah da ist, packen wir aus.“

„Bin schon da“, sagte die von der Tür aus, sich die Hände reibend, „oh, gibt´s ein Bier? Das könnte ich jetzt auch ab…“

Wieder betätigte der Graf sich als Bierholer und -öffner, diesmal schenkte er das Bier allerdings in ein Glas ein und reichte es Sarah: „Hier, bitte schön…“

„Danke, na, dann pack mal aus…“

Udo nahm sich eine Reisetasche, öffnete den Reißverschluss und nahm das Gewehr heraus, dann legte er Zielfernrohr und Laserzieleinrichtung auf den Tisch.

„Mein Gott, was ist das denn?“, staunte Hanna, „das Gewehr von Mars, dem Kriegsgott?“

„So ähnlich“, antwortete Udo, „das ultimative Gewehr! Soviel ich weiß, das Überding – schießt über einen Kilometer zielgenau, wenn ich recht weiß, mit Überschallgeschwindigkeit, auch automatisch. Ein unglaubliches Stück Kriegsspielzeug. Damit“, er schaute in die Runde, „spielen die ganz bösen Jungs Krieg…“

„Oh Gott“, sagte Hanna noch einmal, „und in der anderen Tasche?“

„Dasselbe noch einmal!“

„Oh Gott!“

„Das sagtest du bereits, meine Liebe“, sagte der Graf, der schwer beeindruckt war, „Sarah, ich muss mich bei dir wohl entschuldigen…“

„Ich weiß“, sagte diese nur.

„Was ich hiermit in aller Form tue, meine Liebe!“

„Angenommen!“

Und was gibt es noch?“, fragte Wolf-Dieter, „so mehr für den normalen Durchschnittskiller?“

Udo langte nach einem Rucksack und holte eine Pistole heraus, dann legte er einen Schalldämpfer daneben.

„Wow, auch nicht schlecht, Hanna, das ist, glaube ich, das Zeug, das du wolltest: Die professionelle Killerwaffe für die Handtasche: Leicht, klein, leise… Wie viele?“

„Fünf!“

„Und Munition?“

„Genug!“

„Wahnsinn!“

„Das kannst du laut sagen“, meinte Wolf-Dieter, „dann kann´s ja losgehen!“

„Jetzt geht gar nichts los“, widersprach energisch Hanna (wer sonst?), „jetzt geht es ab in die Heia! Unsere beiden Helden hier sind müde – und ich auch!“

„Ich bringe Tante Greten nach Hause“, bot sich galant der Graf an, „ich habe heute sonst noch keine gute Tat vollbracht.“

„Du hast dich entschuldigt“, korrigierte Sarah ihn lächelnd.

„Das war keine gute Tat, das war eine Notwendigkeit“, widersprach der Graf, „aber ehrlich, damit hatte ich nicht gerechnet“, er machte eine Handbewegung, die die Waffen auf dem Tisch und die Taschen umfasste, „nein, ehrlich, Sarah, du bist großartig. Meine Hochachtung!“

„Ist ja schon gut, wenn ihr auch ins Bett wollt, ich will aber noch die versprochene Brotzeit!“

Und damit setzte sie sich an den Tisch und griff zu.

„Und ein Bier will ich auch noch… Und wenn ihr wollt, dann erzähle ich, wie es war, da oben im hohen Norden!“

Also setzten sich alle noch einmal und Sarah und Udo wechselten sich ab mit Erzählen und Essen. Schließlich verabredeten sie sich, am nächsten Mittag gemeinsam zu essen und die weiteren Maßnahmen zu besprechen.

19. Juni. Hübnerstraße

13.00 Uhr. Kurz vor eins erschien Sarah im Laden, um die bestellten Essen (10 Portionen Kalbsschnitzel mit Spätzle. Zehn, weil… die Männer brauchten doch etwas größere Portionen!) abzuholen.

„Frau Sarah“, freute sich Frau Z., „sie habe ich ja schon lange nicht mehr gesehen.“

„Ja, ich war ein paar Tage im Norden! Sie, das ist da ganz hübsch, das hätte ich gar nicht erwartet… Wald, Seen, die hügelige Landschaft und dann die Küste, wirklich hübsch, ich glaube, da fahre ich mal wieder hin.“

„Wir sind ab und zu in Schweden, das gefällt mir auch so gut“, gestand Frau Z.

Herr F. bekannte, dass er in ferner Jugend auch schon einmal da oben gewesen war, knapp unter dem Polarkreis, also genauer in Kiel.

„Da war ich ja auch, in Kiel“, sagte Sarah.

„Ja, da ist so ein Marineehrenmal, in…“, er musste einen Moment lang überlegen und hatte ein feines Lächeln im Gesicht, das ein Betrachter kaum bemerkte, es sei denn, er schaute ganz genau hin, „… Laboe, glaube ich, und da war ich oben drauf. Das ist ganz schön hoch – fast einhundert Meter oder so, glaube ich. Da war neben mir eine Familie mit Kindern auf der Plattform, die haben ordentlich gestaunt über so viel Wasser. Dann hat ein Kieler ihnen dem Vater erklärt, dass man mit dem Fernrohr bei ganz guten Wetter – das hatten wir – mit dem Fernglas (so einem auf einem Stativ, wo man für einen Groschen dreißig Sekunden lang schauen darf) sogar den Polarkreis sehen kann. Der Vater hat den Groschen spendiert und geschaut, hat aber keinen Polarkreis gesehen. Dann hat der Kieler gesagt, lassen sie mich doch mal… Dann hat der geschaut und gesagt, so, jetzt habe ich ihn, lassen sie das Glas genau so stehen, dann sehen sie, wenn sie genau hinschauen, in der Mitte eine dünne weiße Linie, manchmal nur gepunktet: Das ist der Polarkreis. Und dann hat der Vater wieder lange geschaut und nach einer Weile gesagt, ich glaube, jetzt sehe ich den auch, ja genau – und der Kieler ist grinsend weggegangen! Das ist meine Erinnerung an Kiel, sonst war da nicht viel Sehenswertes, vielleicht noch der Kanal!“

„Ja, genau, den habe ich mir auch angeschaut, den Kanal, so große Schiffe habe ich noch nie gesehen – aber ich komme ja auch aus dem Binnenland. Udo hat gesagt, in Hamburg gäbe es noch viel größere Schiffe. Dampfer hat er immer gesagt, obwohl die gar nicht mit Dampf fahren. Aber, hat er gesagt, das sagt mal halt so.“

Frau Z. hatte die Essen fertig verpackt und Sarah konnte mit den Schnitzeln und den Spätzle abziehen.

„Da werden ihre Männer aber satt werden“, meinte Frau Z. zum Abschied und „Guten Appetit!“

In Hannas Esszimmer hatten sich schon alle versammelt, Udo hatte Tante Greten geholt.

Die Essen wurden verteilt. „Riecht wieder mal lecker“, befand Hanna.

„Ich habe gar keinen Appetit“, gab die Tante bekannt.

„Du musst aber etwas essen“, beschied Hanna, „wenigstens ein bisschen.“ Nach wenigen Bissen schob Tante Greten den Teller weg: „Mag nicht mehr“, sagte sie entschieden.

Wolf-Dieter hatte auch keinen großen Appetit, die anderen hauten rein, insbesondere Udo.

Als sie fertig waren und die Teller in die Spülmaschine geräumt hatten, fand Hanna es an der Zeit, dass sie besprechen sollten, wer welche Rachetaten vor hatte und wer welche und wessen Hilfe brauchte.

„Also“, fragte sie, „wer fängt an?“

„Ich“, sagte Sarah: „Ich bin damals mit siebzehn von drei Männern vergewaltigt worden. Die sollen dran glauben! Ich mache es selber.“

„Ich helfe dir“, sagte Udo leise aber entschieden.

„Ja“, sagte Hanna zu Udo, „ich schlage vor, das besprechen wir später.“

„Kennst du die Kerle?“, fragte Hanna Sarah. Die nickte.

„Ja, einer hat eine Kneipe in der Barer Straße, einer betreibt eine Galerie im Museumsviertel und einer ist im Stadtrat!“

„Das gibt Aufsehen“, meinte der Graf nachdenklich, „also, ich meine, der von der Stadt!“

„Wer ist der nächste?“

„Ich“, sagte Wolf-Dieter, „meine Tochter, sie ist mit achtzehn an Heroin gestorben. War mieser Stoff… Der Typ, von dem sie das hatte, vertickt das Zeug immer noch in Nachtclubs… Ich glaube, ich weiß auch, wo!“

„Ein Banker!“, sagte der Graf, „das heißt, eher ein Finanzberater hat mich vor zwanzig Jahren um eineinhalb Millionen Mark betrogen, das war mehr als ich hatte! War so ein Schneeballsystem! Mit frischem Geld wurden alte Lücken gestopft, ihr kennt das… Und als das Geld weg war und ich mit ihm sprechen wollte, hat er mich rauswerfen lassen, weil er andere Probleme hätte, als sich um Peanuts zu kümmern.“

„War das Ackermann?“, lächelte Hanna.

„Das wäre zwar auch eine Idee“, sagte der Graf, „aber nein, der war es nicht, der Kerl lebt jetzt bei Stuttgart, steht im Telefonbuch. Hat eine junge Frau und ein kleines Kind, eine Tochter.“

„Haben wir nicht einmal gesagt, keine Frauen, keine Kinder?“, warf Udo vorsichtig ein.

„Ich will eigentlich niemanden umbringen, ich will ihm einen Riesenschreck einjagen und ihm sein Geld abluchsen“, antwortete der Graf.

„Mit Waffengewalt?“, fragte Udo.

„Nein, aber die Idee beruht auf der Verfügbarkeit von Waffen!“

„Später“, sagte Hanna, „dazu kommen wir später, Tante Greten?“

Die schreckte auf, sie war eingenickt. „Was ist los, Kindchen?“

„Willst du dich rächen? An wem?“

„Ach nein, ich will nur dabei sein. Ich finde das so spannend, wisst ihr – vielleicht braucht ihr ja auch eine alte Frau oder so?“

„Also ich“, sagte Hanna, „zwei Brüder und ihr Vater! Die haben meinen Mann und meine kleine Tochter mit einem Rennboot überfahren – im Badebereich! Auf Mallorca. Also ich will die beiden Brüder, für den Vater ist es schlimmer, seine Kinder zu überleben, glaube ich.“

„Puh“, sagte Wolf-Dieter, „das ist heißer Tobak! Das sind eine Menge Opfer.“

„Udo, und du?“, fragte Hanna.

„Nichts!“, sagte der, „ich habe solche Gemeinheiten nicht erlebt. Aber wir sollten Edgar nicht vergessen, finde ich.“

„Ganz und gar nicht“, sagte Hanna, „aber ich hatte eigentlich mit mehr gerechnet“, sagte Hanna.

„Mehr?“, fragte Sarah atemlos, „mehr? Hanna, wir sprechen hier über Morde, um das mal so klar zu sagen, wir wollen einen ganzen Haufen Menschen umbringen. Da kann man doch nicht sagen, ich hätte mit mehr gerechnet, da ist doch eigentlich jeder einzelne einer zu viel, oder?“

„Ja, wir sprechen über Mord, über Mord an Menschen, die uns auch einmal getötet haben, nein, nicht physisch… aber psychisch! Als mein Mann und mein Kind tot waren, da war ich es auch! Egal, ob ich heute noch lebe. Ich war innerlich tot – und sein Kind überleben zu müssen ist einfach nur verdammt grausam! Die sind mit einem Rennboot über die liebsten Menschen rübergebrettert, die ich hatte, meine Tochter war mein ein und alles – ich wäre für sie gestorben! Aber sie haben mich leben lassen. Das hätten sie nicht tun sollen! Ich konnte den Wunsch nach Rache immer unterdrücken, lange, sehr lange, aber jetzt habe ich die Möglichkeit, es ihnen heimzuzahlen! Und die will ich nutzen.“

„Hast du denn legale Mittel eingesetzt, um sie zu kriegen?“, fragte der Graf.

„Habe ich. Aber das waren Reedersöhne aus Hamburg! Das sagt alles. Die waren so schnell aus Spanien weg, das glaubst du nicht – und dann waren sie es natürlich nicht gewesen. Es waren ganz andere, deren man nicht habhaft wurde: „Leider, Frau Doktor, es tut uns ja so leid, ja, wir verstehen Ihre Wut… Lassen sie sie raus diese Wut…“. All dieser Psychokrampf. Und ich habe mitgemacht, bis jetzt. Jetzt stehe“, sie lächelte in die Runde, „sitze ich absehbar vor meinem Ende, der angebliche Engel vom Hübnerplatz, ich habe genug von der Engelscheiße, ab jetzt bin ich der fiese Racheengel! So fies, wie es nur geht. Moral hin oder her, die ist mir völlig egal, so etwas von scheißegal, das glaubt ihr gar nicht. Ich will sie tot, tot, TOT vor mir sehen! Ende der Durchsage.“

Keiner sagte etwas, alle schauten interessiert irgendetwas an.

„Ja“, sagte Wolf-Dieter, „ich verstehe das, Hanna, ich will den Dreckskerl, der meine Tochter auf dem Gewissen hat, auch vor mir im Dreck liegen sehen, vielleicht nicht einmal ganz tot, aber er soll unten sein, ganz tief unten! Bis zum Hals in der Scheiße soll er knien. Wie häufig habe ich davon geträumt, die Mittel und damit die Macht zu haben… Ich werde nicht mehr lange leben, das ist klar. Da brauche ich gar keine Werte und keinen Onkel Doktor für, das spüre ich auch so. Täglich wird es schlimmer, schlechter, ich werde täglich schwächer… Was ich letzten Monat noch konnte, kann ich heute schon nicht mehr! Oder fast nicht mehr. Ich habe nicht mehr viel Zeit, das weiß ich – und es ist mir völlig egal, ob ich dabei draufgehe oder nicht oder ob die mich kriegen oder nicht, also die Bullen… Und wenn sie mich mit der rauchenden Pistole neben ihm zu fassen kriegen, weil ich umgekippt bin und nicht mehr wegkriechen konnte, dann ist mir das auch wert… für meine Tochter! Wie du gesagt hast, Hanna, Eltern dürften die Kinder nicht überleben. Es gibt nichts, was grausamer ist!“

„Mein Gott“, stimmte Sarah zu, „ja, ich will die drei Kerle ja auch. Unbedingt! Um jeden Preis! Aber stehen wir außerhalb von allen Gesetzen? Dürfen wir uns über alles hinweg setzen, jede Regel, jede Moral, jedes Gesetz.“

„Ich finde, das muss jeder für sich entscheiden“, sagte Hanna, „und solange wir die Waffen nicht hatten, war das alles ja nur ein nettes Spielchen. In Gedanken kann man sich das alles so schön ausmalen… Aber jetzt haben wir endlich die Möglichkeiten. Und dann ist da ja noch, was wir Edgar schuldig sind – obwohl, da bin ich der Meinung, das kommt zuletzt! Erst einmal die tiefsten Verletzungen.“

„Irgendwie habt ihr das gut“, sagte Sarah nachdenklich, „ihr seid alle so krank, versteht das bitte nicht falsch, aber ihr werdet mit dem Wissen, was ihr getan habt, nicht lange leben müssen!“

„Du schon“, sagte Hanna zärtlich, „du arme Sau, du schon, du wirst damit leben müssen, das unterscheidet dich von uns… Und Udo, der auch, denke ich. Bleibst du dabei Udo? Oder willst du lieber aussteigen?“

„Für kein Geld der Welt!“, antwortete Udo sehr bestimmt, „ich bin drin im Spiel! Womit beginnen wir?“

„Ich denke, Sarah hat den ersten Zug“, sagte Hanna und schaute in die Runde, „sie hat uns die Möglichkeiten verschafft, es wäre unfair, wenn sie nicht die erste wäre, oder?“

Alle stimmten zu.

„Als zweiter dann Wolf-Dieter? Bei dem scheint die Krankheit schneller Überhand zu haben, als befürchtet.“

Auch da bestand Einigkeit.

„Parallel vielleicht der Graf …, dann Edgars Mörder und zum großen Finale kommt meine Show in Hamburg“, lächelte sie.

„Sarah, weißt du schon, wie du es machen willst?“

„Schnell und sauber! Rein,bumm, bumm und raus! Einfach und schnell. Ich habe die ganze Nacht nachgedacht: Erst der in der Kneipe, dann der Stadtrat und schließlich der Galerist – und dem hängen wir`s an … Wenn´s klappt, sind wir aus dem Schneider! Dann kommt keiner auf uns. Warum auch? Die Vergewaltigung ist lange her, also besteht keine Beziehung zu den Tätern, die Opfer haben die Verbindungen lange abreißen lassen, also, glaube ich. Ich glaube auch nicht, dass die zur Polizei rennen werden, um zu sagen, wir haben da mal ein Mädchen vergewaltigt … Auf mich kommen sie so schnell nicht, wenn ich´s gut mache. Udo und der Graf könnten mir helfen.“

„Wie denn?“, fragte Udo schnell, fast zu schnell, „jederzeit, gerne, alles, also, ich meine, was sollen wir tun?“

„Ihr müsst die Örtlichkeiten prüfen: Der eine hat eine Kneipe in der Barer Straße, der andere eine Galerie im Museumsviertel, da müsstet ihr einfach mal rein, und schauen, ob das auch noch stimmt… Und der Stadtrat, der wohnt in Schwabing, in der Tengstraße, früher ist der immer mit dem Fahrrad in die Stadt gefahren, über den alten Nördlichen Friedhof, da müsste man mal schauen, ob er das immer noch macht?“

„Das ist ja ´nen Klacks, oder?“, sagte Udo in Richtung des Grafen. Der nickte. „Erscheint mir einfach, mal ein Bier trinken gehen, mal in die Galerie gehen, ein bisschen dummschwätzen und sich ein paar Stunden auf eine Bank auf dem alten Friedhof setzen – bei dem Wetter ein Genuss. Klar, das machen wir!“

„Gut“, nickte Wolf-Dieter, „wenn ihr mich nicht braucht, kümmere ich mich um meinen Dealer. Ich werde mich mal nach ihm umhören.“

„Pass auf, dass du ihm nicht auffällst!“, warnte Hanna, „aber ich werde dir kaum helfen können mit meinem Schiebesessel.“

„Ich passe schon auf“, beruhigte sie Wolf-Dieter.

„Wenn ich etwas tun kann“, ließ sich erstmals Tante Greten hören, „sagt es mir, manchmal ist so eine alte Schachtel wie ich ganz brauchbar, die nimmt niemand mehr so richtig ernst.“

„Machen wir“, sagte Hanna, „fürs Erste bist du unsere Eingreifreserve! „Also, zunächst werden Sarahs Kerle observiert. Ihr macht das“, und damit deutete Hanna auf Udo und den Grafen. Die beiden hoben die Hand zur Bestätigung. „Sprecht euch mit Sarah ab, mit wem sonst?“, sagte sie und meinte es nur rhetorisch, das wussten die drei ganz alleine.

Udo und der Graf beschlossen, morgen Abend in der Barer Straße ein Bier trinken zu gehen, die Bar „BarHocker“ konnten sie von der Fasaneriestraße aus leicht mit Bus und Straßenbahn erreichen, gar kein Problem, in gut zwanzig Minuten wären sie da. Sarah meinte, dass die Bar, soviel sie wüsste, gegen eins schließen würde, da wäre für sie optimal, wenn sie zwei oder dreimal ab halb eins im Auto vor der Kneipe wären, um zu schauen, wie es gegen Schluss dort aussehen würde und einmal reinschauen würden.

19. Juni. Das Versteck

19.00 Uhr. „Wo verstecken wir die Waffen eigentlich?“, wollte Udo wissen, der meist an das Praktische dachte.

„Wieso?“, fragte Sarah, „warum verstecken? Ich dachte hier?“

„Da hat er Recht“, stimmte Hanna zu, „wenn sie einen von uns aus irgend einem Grunde, den Gott verhüten möge, erwischen sollten, dann suchen sie auch bei den anderen. Und dann finden sie den Kram... Gar nicht gut, ich weiß nicht, was auf Waffenbesitz steht, aber mit dem Kram, den wir jetzt hier haben, wird es kein Zuckerschlecken... für keinen von uns!“

„Die müssen uns ja nicht einmal im Verdacht haben, aber lass einen Bullen kommen, um etwas zu fragen zum Beispiel wegen des Todes von Edgar“, und dann schaute er Tante Greten an, „oder von Frau Plüschke, das könnte ja mal sein, oder? Also in so einem Falle täte ich mich leichter, ich wüsste unsere Kriegstechnik wohl verwahrt.“

„Das ist aber nicht leicht“, meinte Sarah, „gut versteckt und schnell im Zugriff – wenn ich dich richtig verstanden habe, kommt keine unser Wohnungen in Betracht?“

„Keinesfalls, da haben sie uns gleich.“

„Wir haben einen Keller im Haus, der wird nicht benutzt“, dachte Hanna laut.

„Denk mal an die Kinder im Haus! Also ich bin als Kind überall rumgekrochen, um zu schnüffeln“, gab Wolf-Dieter zu bedenken.

„Da hast du Recht“, stimmte Hanna zu.

„In meiner Werkstatt?“, bot Udo an.

„Ist dasselbe“, meinte Hanna, „der kleine Lattenzaun lädt doch zum Hinüberklettern geradezu ein.“

„Glaubst du?“, meinte Udo, „dann brauche ich aber ein neues Schloss in der Tür, bei den Werkzeugen, die haben mich richtig etwas gekostet.“

„Im Laden vielleicht?“, fragte der Graf, „Lauter Alte, von denen kann sich keiner bücken kann, um unter die Regale zu schauen.“

„Du meinst, in der Öffentlichkeit unsichtbar machen“, fragte Hanna lächelnd.

„So in etwa“, antwortete der Graf.

„Ich weiß nicht, dabei habe ich kein gutes Gefühl.“

„Ich eigentlich auch nicht“, stimmte der Graf zu.

„Ja, dann wird es eng“, meinte Udo, „wo dann, wo kommt keiner ran außer uns, wenn nicht in unseren Wohnungen?“

„Gute Frage?“, stimmte Sarah zu, „mein Studio fällt natürlich auch aus, oder?“

„Im Auto?“, fragte Udo vorsichtig.

„Und dann klaut einer das Auto“, meinte der Graf lächelnd, „der schaut bei einer Polizeikontrolle aber dumm aus der Wäsche.“

„Wir aber auch“, meinte Sarah, „dafür war das Zeug viel zu teuer... und – nicht zuletzt – auch zu schwer zu besorgen!“

„Bei mir?“, fragte Tante Greten, „bei so einer lieben alten Dame? Da kommt doch keiner drauf?“

„Kannst du dir das mit der „lieben“ alten Dame bitte noch einmal überlegen“, fragte der Graf zu leise, als dass sie ihn verstanden hätte, „da würde ich mal Frau Plüschke fragen.“

„Was hat er gesagt?“, fragte Tante Greten Hanna.

„Nichts wichtiges, Tantchen!“, antwortete die.

„Na, ich weiß nicht“, meinte die zweifelnd.

„Also bei mir?“, fragte sie noch einmal.

„Nein, Tante“, sagte Hanna, „nicht in einer Wohnung, auch nicht in deiner.“

„Muss ja nicht die Wohnung sein“, meinte Tante Greten.

„Hat keiner eine vernünftige Idee“, fragte Wolf-Dieter, „im Schließfach?“

„Hört sich für mich zu sehr nach Krimi an“, befand Sarah.

Sie schauten sich schweigend an, warteten auf eine gute Idee.

„Hat einer etwas gesagt auf meine Idee?“, fragte Tante Greten.

„Welche Idee?“, fragte Hanna zurück.

„Muss ja nicht direkt bei mir sein“, sagte Tante Greten.

„Ja, und?“, fragte Hanna, „was meinst du? Wo denn?“

„Meine Garage!“, rief Tante Greten triumphierend.

„Welche Garage? Seit wann hast du eine Garage?“

„Siehst du, das weiß keiner! Seit 1959“, sagte Tante Greten, „glaube ich.“

„Du hast eine Garage? Wo?“

„In der Georgenstraße, da wo ich ganz früher gewohnt habe! Da steht noch mein Autochen! Ach, mein Autochen...“

„Nun mal halblang, Tante, du hast eine Garage und ein Auto? Warum weiß ich das nicht? Habe ich da etwas verpasst?“

„Ach, Kindchen, ich habe doch auch meine kleinen Geheimnisse... Das darf ich doch, oder?“

„Natürlich, Tantchen, natürlich, aber warum hast du das nie erzählt?“

Tante Greten zuckte mit den Schultern. „Weiß nicht, kein besonderer Grund... Hat sich einfach nie ergeben. Und dann hatte ich es eine Zeit lang glatt vergessen! Ich bin alt, weißt du. Aber die Miete wird jeden Monat abgebucht. Monat für Monat. Das steht in den Kontoauszügen. Zuletzt sechzig Euro im Monat. Aber ich bin seit mindestens zwanzig Jahren nicht mehr dort gewesen. Und mein Auto muss da auch noch stehen. Der schöne Borgward! Gott, war das ein hübsches Auto! Nun ist er ja schon alt, fährt wahrscheinlich auch gar nicht mehr.“

„Tante, ich fasse es nicht!“

„Bist du jetzt böse auf mich, mein Kind?“

„Nein, natürlich nicht, Tante Greten, aber du bist ein immerwährender Quell von Überraschungen“, lächelte Hanna ihre Tante liebevoll an, „je älter du wirst, desto mehr, also wirklich!“

20. Juni. Georgenstraße

11.00 Uhr. Am nächsten Tag fuhren Tante Greten, Hanna und Udo in die Georgenstraße. Da Tante Greten nicht mehr wusste, welches der passende Schlüssel war, hatten sie das große Schlüsselbund mitgenommen, an dem alle in Frage kommenden Schlüssel hingen. Sie war sich nach so langer Zeit, immerhin war sie mindestens zwanzig Jahre nicht mehr in der Garage gewesen, auch nicht mehr sicher, welches das richtige Haus war. Sie wusste aber, dass es in der Georgenstraße zwischen Hiltensperger- und Zentnerstraße war, und es war, wenn man von der Schleißheimer Straße kam, auf der linken Seite gewesen.

Udo „stellte die Damen ab“ und lief die Häuser entlang. Es kam nur eines in Frage. Als sie noch besprachen, wie sie durch die verschlossene Haustür kommen würden, denn dafür hatte Tante Greten keinen Schlüssel mehr, ging die Haustür auf und eine Dame verließ das Haus. Sie schaute nicht nach links und nicht nach rechts, sondern lief hurtig in Richtung U-Bahn-Station.

Udo hielt den Fuß in die zufallende Tür und winkte den beiden zu kommen. „Wir sind drinnen“, grinste er frech, „kommt!“. Sie stellten Hannas Rollstuhl in den Hausflur, die paar Schritte konnte sie gehen, keine Frage, und zur Not konnte Udo den Rollstuhl leicht holen. Hanna hängte sich bei Udo ein, der zog sie fast die fünf Stufen hoch, dann hatten sie die Ebene der beiden Parterre-Wohnungen erreicht. Hinter Fahrstuhl und Treppe ging es wieder ein paar Stufen hinunter, dann schritten sie durch die Hoftür in den Hof.

„Das ist es!“, sagte Tante Greten bestimmt und zeigte auf eine von drei Garagentüren. Es war die ganz links.

Udo versuchte die Schlüssel – der fünfte oder sechste passte. „Glück gehabt“, murmelte er und zog die Tür auf. Was für eine Staubwolke wehte ihm da entgegen..., unglaublich! Er musste husten und niesen. Die beiden Frauen waren ein paar Meter zurück geblieben und blieben von dem Dreck weitgehend verschont.

Als sich die Staubwolke verzogen hatte, staunte er nicht schlecht. Das war sogar eine Doppelgarage – und mitten drin, schräg hingefahren, wie gestern abgestellt, stand ein cremefarbener Borgward Isabella – sehr gut erhalten, der Superschick der frühen Sechziger Jahre!

Während Udo nur das Auto sah und sich sofort in es verliebte, sah Hanna sich um und sah an den Wänden einige Bücherregale und Schränke mit alten Akten, deren Ordner noch in Sütterlin handbeschriftet waren.

„Was ist denn das?“, fragte Hanna und deutete auf die Unmengen von Papieren.

„Ach, eigentlich..., nichts..., lauter unwichtiger Kram, das kannst du einfach alles wegwerfen, wenn ich mal nicht mehr bin“, sagte Tante Greten, „jetzt ist das völlig uninteressant, das müsst ihr gar nicht anschauen!“

„Als Versteck perfekt“, meinte Hanna an Udo gewandt, „oder?“

„ja, perfekt“, stimmte der zu, „absolut perfekt. Vielleicht ein zusätzliches Schloss?“

Als sie die Tür abschlossen, betrat ein kurzer, ehemals offenbar sehr kräftiger im Alter aber deutlich zusammengefallener Mann von sicherlich über fünfundsiebzig im blauen Arbeitskittel über nackten Beinen, die nach unten von grauen Socken und Sandalen abgeschlossen wurden, den Hof und herrschte sie an: „Was machen sie denn da? Ja, was machen sie denn da? Was haben sie hier zu suchen in meinem Hof?“

„Wer fragt das?“, fragte Hanna mit eiskalter Stimme zurück, wenn sie wollte, konnte sie sehr bestimmt auftreten. Der Alte zuckte etwas zurück und erklärte beeindruckt: „Ja, ich bin der Hausmeister! Und wer sind sie?“. Er schaute sie sehr skeptisch an. Dann sah er Tante Greten. Er zögerte, er schaute und schaute noch einmal, dann sagte er langsam und unsicher: „Kennen wir uns nicht? Irgendwie?“

„Sind sie der Herr..., mein Gott, ich habe ihren Namen vergessen, der Hausmeister, der nette...“, sagte Tante Greten.

„Der nette Hausmeister“, sagte der und lachte laut, „das hat lange keiner mehr zu mir gesagt... Sind sie nicht die Dame, die mit der Isabella da drinnen?“

„Genau“, rief Tante Greten ganz erfreut, „sie gibt es also noch?“

„So war ich hier stehe“, sagte Herr Apostel, seines Zeichens Haus- und Hofmeister in der Georgenstraße. Dann lachte er noch einmal: „Dass ich sie noch einmal sehe, die hübsche Dame mit der hübschen Isabella, mei, wie lange waren sie nicht mehr hier?“

Tante Greten zuckte mit den Schultern, „Das weiß ich nicht..., aber lange. Ich hatte es ja fast vergessen! Eingezogen bin ich 1959 und in den Achtzigern bin ich wieder ausgezogen, das muss 1988 oder 1989 gewesen sein, glaube ich.“

Er nahm ihre Hände und schüttelte sie lange. „Ich bin jetzt über dreißig Jahre hier... Und sie“, er schaute Hanna an „sind sie die Tochter? Sie“, deutete er auf Tante Greten, „ist ja nur noch selten gefahren und dann schließlich gar nicht mehr. Sie hat sich dann nur noch ins Auto gesetzt und von den Fahrten nach Italien geträumt, nicht wahr? Und manchmal hat sie mir davon erzählt. Schön war es!“. Tante Greten nickte und hatte Tränen in den Augen.

„Ja“, sagte Udo, „nachdem das nun klar ist, wir wollten uns einmal umschauen.“

„Ist alles noch da, genau wie damals. Da hat keiner etwas weggenommen, da habe ich schon aufgepasst!“

„Das bezweifle ich keinesfalls, Herr...“

„Werner Apostel“

„... Herr Apostel!“

„Aber ich werde jetzt ab und zu kommen, um die alten Dinge unser Tante durchzusehen, ein bisschen aufzuräumen, Sie verstehen? Ich bin der Udo und wir sagen gleich du, oder?“, und damit reichte er dem Hausmeister die Hand, der sie nahm und kräftig schüttelte. Hier hatten sich zwei gefunden, die offenbar miteinander konnten. Herr Apostel verstand: „Ja, wir werden alle nicht jünger, nicht wahr, und irgendwann muss man ja mal anfangen mit dem Wegwerfen. Ich bin der Werner!“

„Ach, ums Wegwerfen geht es noch gar nicht, nur ein bisschen ordnen! Deshalb werde ich ab jetzt ab und zu mal reinschauen!“

„Ach so, ja, wenn die Dame einverstanden ist, mich geht das ja nichts an!“

„Soll ich mich dann bei dir anmelden, Werner, wenn ich komme? Schließlich musst du ja wissen, wer im Haus ist, nicht wahr, einer muss ja die Übersicht haben.“

„Ja, ja, klar, natürlich! Gut, dass du das so siehst. Nein, das geht schon. Haben sie denn einen der neuen Hausschlüssel, damit sie reinkommen?“, fragte er Tante Greten und lächelte sie wieder freundlich an. Man merkte ihm an, dass er sich freute, Tante Greten zu sehen, auch wenn ihm ihr Name nicht mehr eingefallen war.

„Nein“, sagte Hanna anstelle von Tante Greten, die dem Borgward zart über den Kotflügel strich, es sah so aus, als wäre sie in Gedanken ganz woanders oder vielleicht „wannanders“.

„Hätten sie denn einen für uns? Also zufällig, so auf Vorrat – und wenn ja, was kostet der denn?“

„Also, weil es für die feine Dame ist, glaube ich, werde ich schon einen Schlüssel finden. Obwohl, das ist ein Schließsystem, die sind ja teurer.“

Udo holte einen Fünfzig-Euro Schein aus dem Portemonnaie und fragte „Reicht das, Werner? Ich habe keine Ahnung.“

„Ja, schon, warte mal, ich schaue mal nach.“

Kurz darauf war er wieder da und überreichte Tante Greten den Schlüssel, die ihn an Udo weitergab.

„Werner“, sagte Udo, „nachdem ich jetzt weiß, was für eine Sahneschnitte von Oldtimer da drin steht, der kann ja ein Vermögen wert sein, nicht, stell dir mal vor, wenn der ein bisschen aufgefrischt ist. Da würde ich gerne ein zweites Schloss anbringen.“

Der Hausmeister verstand Udos Bedenken schon, einerseits – andererseits war das ja „sein“ Hof, auf dem niemand anders etwas zu sagen hatte, nicht einmal die Besitzer des Hauses, fand er. Deshalb schaute er skeptisch, was Udo bemerkte und ihn veranlasste hinzuzufügen, „du, ich bin Schlosser, weißt du, das kann ich problemlos und wir können das ja auch gemeinsam machen, wenn du willst, ist ja schließlich dein Hof“, was den Hausmeister veranlasste, wieder freundlich drein zu schauen, auch als Udo schloss: „Das Werkzeug bringe ich mit, das habe ich!“

„Wenn sie das nächste Mal kommen“, sagte Herr Apostel zu Tante Greten, „dann rufen sie doch vorher an, dann setzen wir uns wieder in die Isabella und reden wieder von alten Zeiten, wie damals. Was meinen sie?“

„Sehr gerne, Herr Apostel“, sagte Tante Greten, „zu gerne. Ja, das wäre wirklich schön! Beim nächsten Mal, ganz bestimmt“, dann schaute sie sich um und meinte „aber vorher muss hier mal jemand gründlich Staub wischen, glaube ich.“

„Das mache ich schon, Tante Greten“, beruhigte Udo sie.

Als sie fast wieder zuhause waren, sagte Tante Greten: „Also, die Sachen da in den Regalen in der Garage, die Ordner, die hatte ich ganz vergessen, da muss ich euch erst etwas dazu erzählen. Davon müsst ihr den anderen nichts sagen, bitte! Morgen oder übermorgen, heute nicht, heute bin ich müde.“

22. Juni. Hübnerstraße. Bei Tante Greten

14.30 Uhr. Hanna und Udo kamen so gegen 14.30 zu Tante Greten.

„Kommt rein und setzt euch“, empfing Tante Greten sie. Sie hatte am Tisch am Fenster für drei für Kaffee und Kuchen gedeckt. „Kaffee kommt gleich, Hanna setzt du dich schon mal hin, und du Udo, hilfst du mir mit dem Kuchen?“

Tante Greten brühte Kaffee noch wie früher: Frisch gemahlener Kaffee (ein Löffel pro Tasse „und einer für die Kanne“) kam in den Melitta-Filter und wurde mit kochendem Wasser aufgegossen. Erst nur mit ganz wenig Wasser, da musste der Kaffee quellen, dann lief das brühend heiße Wasser langsam durch den Filter, das wurde ab und zu kochend direkt aus dem Wasserkessel nachgegossen.

Den Marmorkuchen hatte sie bei Frau Z. bestellt und Sahne hatte sie frisch geschlagen – also gab es Kaffee und Kuchen á la 1960.

„Schmeckt gut“, lobte Hanna, „wie bei Muttern!“

Tante Greten freute sich über das Lob und wandte sich an Udo: „Und du Udo, schmeckt es dir auch?“

Der hatte sich gerade eine Portion Sahne zum Kuchen auf den Kuchenteller gefüllt und streute noch etwas Zucker darüber. „Prima!“, lobte er, „ganz lecker, Tantchen.“. Er tätschelte liebevoll ihre Hand.

„Den Kaffee habe ich immer so gemacht,“, sagte Tante Greten, „italienischen habe ich ja auch gerne gemocht, aber so schmeckt er mir immer noch am besten!“

„Ja“, stimmte Udo zu, „es muss ja auch nicht alles wie in Italien sein, unsere Sachen schmecken ja auch: Ich sage nur Schweinebraten, Grünkohl, Sauerbraten, Sauerkraut, Bratwürste, Erbsensuppe.“

„Ja, die guten alten deutschen Gerichte“, nickte Tante Greten, „da sind wir ja fast schon beim Thema.“

Hanna schaute sie neugierig an und war gespannt, was sie heute zu hören bekämen.

„Ich wollte ja ein bisschen erzählen..., wegen den Sachen in der Garage, die hatte ich ja ganz vergessen!“

„Der Borgward ist ein Gedicht, Tante Greten!“, sagte Udo, „ein Traum, wirklich!“

„Ja, nicht? Er ist so schön! So schöne Autos werden heute nicht mehr gebaut.“

„Ganz bestimmt nicht! Diese Formen..., geradezu erotisch!“

„Udo, wenn er dir so gut gefällt, dann sollst du ihn haben – wenn du willst? Aber fährt denn der überhaupt noch?“

„Tante Greten, darum habe ich das doch nicht gesagt. Du musst ihn doch nicht gleich verschenken, bloß weil er mir gefällt!“

„Ach, Jungchen, ich werde doch nie mehr damit fahren, ich weiß gar nicht, wo mein Führerschein ist oder ob ich ihn überhaupt noch habe. Aber die Autopapiere habe ich gefunden, die liegen da drüben auf der Vitrine. Nimm ihn ruhig, dann weiß ich ihn in guten Händen. Du musst ihn aber wieder anmelden, Udo.“

Damit fasste sie seine Hand, die auf dem Tisch lag und drückte sie, „Weißt du, mein Ende ist nicht mehr weit, da bin ich froh, wenn wieder ein Stück weg ist. Komm mal in mein Alter, dann wird es dir ähnlich gehen. Du kannst ja mal mit Sarah eine „Landpartie“ machen, so haben wir das früher genannt“, lächelte sie ihn freundlich an. „Damit hätten wir das“, sagte sie, „die Garage musst du halt irgendwann übernehmen, nicht, dass sie sie dir wegnehmen!“

Sie aßen einen Moment lang still ihren Kuchen. Dann sagte Tante Greten: „Ja, die Garage...“, sie schüttelte den Kopf und und atmete tief durch, „das hatte ich wirklich vergessen, was da liegt, also die Akten... Am liebsten würde ich die ja wegwerfen, aber das schaffe ich ja nicht mehr und der nette Hausmeister in der Georgenstraße, der muss das ja auch nicht wissen, was das ist, finde ich.“

„Was hat es denn mit den geheimnisvollen Akten auf sich? Alt sind sie, das ist klar, sind die noch aus dem Dritten Reich?“

„Kindchen, wie kommst du denn da drauf?“

„Die Ordner sind in Sütterlinschrift beschriftet.“

„Ach so, ja, das ist mir gar nicht aufgefallen. Ja. Du hast fast Recht. Aber die sind schon aus der Nachkriegszeit.“

Tante Greten trank einen Schluck Kaffee, vielleicht um Zeit zu gewinnen. Dann sagte sie: „Aber sie haben mit dem Krieg zu tun...“. Sie machte wieder eine lange Pause. „Ihr wisst doch von Hans, meinem Mann, der, der verschollen oder gefallen ist, noch 1945?“

„Ja“, sagte Hanna liebevoll zu ihrer Tante, „der bei der SS war.“

„Waffen-SS!“, korrigierte Tante Greten leise, „er war bei der Waffen-SS.“

„Ist das ein Unterschied?“

„Ja, schon, aber unwichtig für das, was jetzt kommt. Also, 1945 ist er wohl gefallen in Ostpreußen, glaube ich. Aber ich hatte ja immer gehofft, er würde doch noch auftauchen, ich habe ihn ja so lieb gehabt. Zu jedem Zug mit Kriegsgefangenen aus Russland bin ich zum Bahnhof gelaufen. Aber er war nie dabei! Dennoch, die Hoffnung habe ich nie aufgegeben!

Und später habe ich andere Männer von der Waffen-SS kennen gelernt, die waren in ganz Europa im Einsatz gewesen – und die kannten sich untereinander gut und halfen sich auch.“

„Viele davon Kriegsverbrecher“, sagte Udo leise.

„Ja, die wohl vor allem“, gab Tante Greten zu, „aber für mich waren das vor allem Männer, die meinen Hans kennen konnten.“

„Ja, und?“, fragte Hanna, „Was hat das mit den Akten zu tun?“

„Gleich, Hanna, gleich... Gib einer alten Frau, die Chance, ihre Geschichte so zu erzählen, wie sie möchte, bitte!“

„Natürlich!“, lächelte Hanna die alte Frau an und streichelte ihre Hand. Tante Greten schien immer kleiner in ihrem Stuhl zusammenzusinken.

„Ich hatte nach dem Krieg von einer Organisation gehört, die sich um diese Männer kümmerte – und ich dachte, wenn ich da dabei sein kann, dann ist das vielleicht meine einzige Chance, meinen Hans noch zu finden oder zumindest die Gewissheit, dass er tot ist, gefallen ist. Also, habe ich da mitgemacht.“

„Wobei?“

„Noch vor 1950 bei der Organisation der sogenannten Rattenlinie, auf der Nazis, darunter viele von der SS, über Rom und den Vatikan nach Südamerika fliehen konnten“.

„Daher deine Reisen nach Italien?“, fragte Hanna.

„Das war später, so ab 1957“, antwortete Tante Greten, „und dann kam ich zur HiAG, der Hilfsorganisation auf Gegenseitigkeit der ehemaligen Angehörigen der Waffen-SS!“

„Aha?“

„Ja, 1954 wurde ich Sekretärin bei einem der damaligen Chefs. Ich war hübsch und ich konnte etwas, das war leicht, die Position zu bekommen. Da saß ich mitten im Netz, kam an alle Informationen heran. Ich konnte sogar selbst Erkundigungen einholen, wenn ich wollte. Aber meinen Hans habe ich nie gefunden – es war, als ob er nie gelebt hätte –, nicht in den Akten und keiner kannte ihn. Wir hatten gar kein richtiges Büro, also, wir hatten schon eines, aber das befand sich in seiner Villa. Die alten Nazis kamen ja relativ schnell wieder in Amt und Würden, also einige, die die es geschickt anfingen, die wurden damals gebraucht in der jungen Bundesrepublik!“

„Globke und so“, sagte Udo dazwischen.

„Ja, der auch. 1965 habe ich dann aufgehört bei denen, da hatte ich die Hoffnung aufgegeben, meinen Hans zu finden – und ich hatte auch nicht mehr das Gefühl, das Richtige zu tun. Aber bis dahin wollte ich doch nur meinen Hans finden, dafür hätte ich alles getan, Hanna..., alles, verstehst du?“

Jetzt weinte Tante Greten. Nach einer Weile hatte sie sich gefasst und sagte: “Als ich 1965 aufhörte, war das auch, weil mein Chef gestorben war. Seine Frau wollte von nichts mehr etwas wissen, die war froh, dass ich die ganzen Unterlagen mitgenommen habe. Und weil ich damit auch nichts anzufangen wusste, habe ich sie in die Garage gepackt – und dann vergessen! Total vergessen, bis wir die Tür aufgemacht haben.“

„Und was sind das nun für Akten?“, fragte Udo neugierig.

„Naja, alles Mögliche über alte Männer von der Waffen-SS, die sind ja schon alle tot, vermute ich, die waren ja ein gutes Stück älter als ich. Und wenn noch einer leben sollte, naja, die Chancen sind gering, dass die sich noch an irgendetwas erinnern.“

„Was sollen wir damit machen, Tantchen?“, fragte Hanna sanft.

„Wegwerfen, vernichten, verbrennen, was weiß ich? Wen interessiert der alte Kram denn noch?“, meinte Tante Greten, „Mich jedenfalls nicht!“

„Ein Museum?“, schlug Udo vor.

Tante Greten schüttelte den Kopf: „Weg damit, Udo!“. Und nach einer Weile sagte sie leise: „Bitte!“

„Schon gut, Tantchen“, sagte Hanna, „wir schmeißen alles in einen Aktenfresser.“

„Ich weiß zwar nicht, was das sein soll, aber das hört sich gut an“, sagte Tante Greten, „hoffentlich verdirbt der sich nicht den Magen an dem Zeug. So nun wisst ihr alles, was Eure Nazi-Tante getan hat... Noch einen Kaffee?“, schloss sie schon wieder etwas lebhafter.

„Kannst du denn mit dem Auto etwas anfangen, Udo?“, wechselte Tante Greten das Thema, froh, weg zu kommen von den Akten und den damit verbundenen Fragen, „Der fährt doch wahrscheinlich gar nicht mehr!“

„Ach, Tante Greten“, meinte Udo lässig, „der lässt sich schon wieder in Gang bringen, da bin ich sicher. Ich habe mich gestern im Internet kundig gemacht, das Auto dürfte gut 25.000 Euro wert sein.“

„So viel? Das habe ich aber nicht dafür bezahlt.“

„Nein, das ist jetzt ein Oldtimer – und Ersatzteile soll man auch noch bekommen, wenn man die richtigen Leute kennt!“

„Na, dann ist es ja gut“, sagte Tante Greten, „nicht, dass das so eine Rostlaube ist, die nur Geld kostet.“

„Nee, glaube ich nicht, sieht doch richtig gut aus. Und Spaß macht es auch, die Isabella ein bisschen auf Vordermann zu bringen.“

„Dann vergiss die Papiere nicht! Die wirst du brauchen, nicht wahr.“

Als sie die paar Meter durch die Hübnerstraße nach Hause gingen, sagte Udo: „Morgen baue ich das zweite Schloss ein und putze das Auto erst einmal. Dann können wir die Waffen in den Kofferraum legen.“

„Warum willst du das Auto als erstes waschen?“

„Damit man, also der Hausmeister, nicht sieht, dass der Kofferraum benutzt wird. Und ich will öfters in der Garage auftauchen, damit er sich an mich gewöhnt, und ich langweilig für ihn werde.“

„Gute Idee, Udo! Und dann brauchen wir schnell einen Aktenfresser.“

„Das organisiere ich, obwohl, ich wäre ja schon neugierig zu lesen, was da in den Akten steht.“

„Ich auch“, bekannte Hanna, „aber versprochen ist versprochen, Udo.“

„Ja, klar!“

25. Juni. In der Garage

14.00 Uhr. Wie abgemacht hatte sich Udo beim Hausmeister in der Georgenstraße angemeldet, dann hatte er Tante Greten Garage geöffnet und schließlich das Tor in der Durchfahrt vom Hof mit den drei Garagen zur Georgenstraße.

Der Aktenfresser-LKW kam pünktlich auf die Minute. Zwei Mann mit Atemschutz hatten die knapp zwei Kubikmeter Akten im Nu in verschließbare Rollcontainer verladen und diese in den LKW verfrachtet, der in der Georgenstraße stand.

Zehn Minuten später stand einer der beiden mit einem frisch ausgedruckten und unterschriebenen Zertifikat vor Udo, kassierte die Gebühr und überreichte ihm die Vernichtungsbestätigung. Die beiden Männer hatten nach Udos Meinung nicht einmal hingeschaut, was sie da zur Vernichtung verpackten. Naja, so sollte es sein.

In der Garage schwebte eine dichte Staubwolke, die sich langsam in den Hof verzog.

Herr Apostel kam, nahm alles wichtig in Augenschein und fragte Udo: „Und jetzt?“. Der fragte, ob es einen Wasseranschluss und einen langen Schlauch gäbe? Gab es, damit spritzte Udo die Garage aus – jetzt konnte man wieder etwas sehen – und vor allem den ziemlich schmutzigen Borgward!

Einen Stromanschluss und ein langes Kabel stellte Werner, der Hausmeister, der wieder den blauen Arbeitskittel über nackten Stachelbeinen mit Socken und Sandalen trug, auf Udos Bitte zur Verfügung. So konnte Udo den vorhandenen Zylinder durch einen neuen ersetzten und ein zweites Sicherheitsschloss in der Tür anbringen, zu dem nur er einen Schlüssel hatte – er traute seinem neuen Freud, dem Werner nicht so ganz!

Vielleicht hätte es Werner getröstet, wenn er gewusst hätte, dass Udo niemandem vertraut hätte, bei dem was er in der Garage zu lagern gedachte.

Udo glaubte, Werner hätte garantiert einen Schlüssel zu Garage und er wäre so neugierig, dass er die Finger nicht von der Garage lassen würde, wäre Udo erst einmal wieder fort!

„Also“, sagte Werner enttäuscht, als er das neue Schloss prüfend anschaute, „wird das hier Fort Knox oder was?“

„Die Kiste da“, Udo zeigte auf den Borgward, „ist gut und gerne 50.000 Euro wert..., und so etwas ist schnell geklaut!“

„Bei mir doch nicht!“, widersprach Werner.

„Willst du dafür haften?“, fragte Udo, „für fünfzig Riesen?“

Da konnte Werner nur noch enttäuscht mit dem Kopf schütteln.

Udo vertraute darauf, dass Werner nicht im Internet nachschauen würde, was das Auto wirklich wert sei. Dazu war er einfach nicht der Typ. Werner war eher der Typ, der zur Entspannung noch gute alte Pornohefte durchblätterte, der hatte mit dem neumodischen Zeug im Internet nichts am Hut!

„Naja, dann“, verstand Werner, „dann verstehe ich das!“

„Du“, meinte Udo, „hast du etwas dagegen, wenn ich das Auto in der Garage wasche?“. Ein fünfzig Euro Schein wechselte wieder einmal diskret den Besitzer und Werner fand das völlig in Ordnung.

Udo spritzte und wusch, putzte und wienerte an dem Auto herum, das es eine wahre Freude war. Drei Stunden später stand ein Schmuckstück von Isabella in der Garage und ein völlig durchnässter Udo bewundernd davor. Das war viel besser, als er erwartet hatte. Das nächste Mal würde er an den Chromverzierungen arbeiten.

Er begann sogar, sich vorzustellen, das Auto restaurieren zu lassen, um mit Sarah, Hanna und Tante Greten eine Fahrt durch Schwabing zu machen. Er würde mit dem Werkstattmeister von der Shell-Tankstelle reden müssen, ob der die Arbeiten an Motor, Getriebe und den Bremsen machen würde? Und Weißwandreifen mussten her – unbedingt. Das Auto, es war mit seinen üppigen runden Formen ein typisches Frauenauto, schrie geradezu nach Weißwandreifen!

Dann rief er Wolf-Dieter an, um ihm zu sagen, er könne jetzt die „Dinger“ bringen. Er brachte es nicht übers Herz am Telefon von Waffen, Pistolen oder Gewehren zu sprechen. Er war überzeugt davon, dass Gespräche, in denen bestimmte Stichworte fielen, aufgezeichnet und ausgewertet würden. Klar, es gab dafür keinen Beleg, aber wenn er das machen würde, würde er es ja auch niemandem auf die Nase binden.

Er öffnete den Kofferraum, fand das für heutige Verhältnisse „niedlich“ schmale Reserverad, das nötigste Werkzeug für einen Radwechsel und ein paar Lumpen.

Kurz darauf kam Wolf-Dieter durch die Garageneinfahrt in den Hof. Kaum war er da, stand Werner, der Hausmeister, im Hof.

„Der gehört zu mir“, beruhigte Udo Werners Neugier, „ein Freund, er wird mir beim Restaurieren der Isabella helfen! Kommt, ich stelle euch vor! Das ist Wolf-Dieter, das ist Werner!“

Werner schaute skeptisch, dann schüttelten die beiden sich die Hände und schlussendlich trollte Werner sich wieder, weil es einfach keinen Grund für ihn gab, sich länger in der Garage aufzuhalten.

„Wer war das denn?“, fragte Wolf-Dieter lachend.

„Der Hausmeister!“

„Ach so, ziemlich neugierig, oder? Ich habe die Taschen draußen im Auto“, sagte er und mit Blick auf den Borgward: „Schöne Kiste das, schöner als das, was heute gebaut wird.“

Udo gab ihm nur zu gerne Recht. Dann holten sie jeder einen Rucksack und eine Tasche. Udo schloss die Garagentür.

„Er ist so verdammt neugierig“, lächelte er. Dann öffnete er den Kofferraum des Borgward, und sie stellten die Rücksäcke und Taschen hinein. Der Platz reichte gerade aus.

„Mit viel Gepäck durfte man damals aber nicht verreisen“, staunte Wolf-Dieter, dass der Kofferraum nicht größer war.

„Das ist ja auch ein sogenanntes Sport-Coupe und keine Reiselimousine“, sagte Udo, der sich informiert hatte. Er war für das Internet schließlich nicht zu alt und bei Hugendubel gab es eine ganze Abteilung mit Büchern über Oldtimer. Als die „Dinger“ im Kofferraum platziert waren, schloss er den Kofferraum sorgfältig wieder ab.

„So jetzt holen wir eine Kiste Bier vom Netto, der ist gleich um die Ecke, dann holen wir Werner und lassen ihn oberflächlich ein wenig seine Neugier befriedigen, was meinst du?“

„Genialer Plan!“, stimmte Wolf-Dieter zu.

Als sie das Bier hatten, klopfte Udo an Werners Küchenfenster. Sofort steckte Werner den Kopf heraus: „Ja?“

„Fertig!“, sagte Udo, „Lust auf ein Bier?“

Ja, das hatte Werner, und so kam es, dass drei stolze Auto-Väter in der offenen Garagentür standen und das frisch gewaschene Baby betrachteten.

„Das ist schon schön“, sagte Werner sachverständig, „aber ihr hättest mal die Besitzerin sehen sollen, damals: Eine echte Sahneschnitte, möchte ich meinen..., tolle Frau!“. Und nach einer Weile fügt er hinzu: „Aber ich war auch ein toller Hecht, damals, meine ich.“

„War da mal was zwischen euch?“, fragte Udo mit Verschwörermine.

„Mit ihr?“, Werner deutete auf das Auto und schüttelte den Kopf, „Nein, nie, die war doch eine ganz eigene Kragenweite..., eine Dame, jung und schön war sie! Aber die hatte höchstens einmal etwas mit richtigen Herren, solchen mit Hut, Anzug und Krawatte, und mit Mercedes! Nein, mit mir doch nicht.“. Er lachte laut und schüttelte den Kopf dabei.

„Aber sie war immer nett zu mir, bot mir ab und zu eine Zigarette an, und die rauchten wir dann gemeinsam. Und wenn sie wegfuhr, was häufiger vorkam, ich glaube, meistens nach Italien, dann hatte ich ihren Schlüssel. Für alle Fälle! Aber sonst..., nein!“

27. Juni. Hübnerstraße

16.00 Uhr. Sarah, Udo und der Graf trafen sich beim Grafen.

„War ganz einfach“, fasste der Graf die Observierungsergebnisse zusammen, „also, um das mal so zu sagen: Reich wird der mit der Kneipe nicht. Ab dreiundzwanzig Uhr ist da so gut wie nichts mehr los – nur noch ein paar vereinzelte Nachteulen, die auf ein Bier reinfallen und dann wieder verschwinden. Ab halb eins war jeden Tag „tote Hose“, da kam gar keiner mehr!“

„Gut“, befand Sarah „und drinnen?“

„Die Kneipe, die Klos und eine Küche – das ist alles, die Küche ist gleichzeitig Vorratsraum“, erklärte ihr Udo, „die Küche ist vom Barraum aus so gut wie nicht einzusehen. Der Barraum selber ist wie auf dem Gemälde von Hopper. Du weißt schon: Night Hawks! Rundherum Glas, bloß mit Ecken statt rund, also, da geht´s eher nicht, zu gut von außen einzusehen, selbst aus vorbeifahrenden Autos. Ich schlage vor, es in der Küche zu machen. Und das Beste, von da gibt es eine Tür in einen Gang, fast einen Tunnel, der die Straße mit dem Hof verbindet, ziemlich dunkel und unübersichtlich!“

„Hört sich gut an. Sollten wir noch einmal gemeinsam dort ein Bier trinken gehen? Damit ich die Örtlichkeiten kennen lerne?“

„Können wir gerne machen“, sagte der Graf nachdenklich, „klar, das wäre gut, andererseits, das ist so einfach geschnitten, das können wir dir auch aufzeichnen. Nachher erkennt der dich noch. Ihr hattet doch seitdem“, er machte eine kleine Pause, „keinen Kontakt mehr, oder?“

Sarah schüttelte energisch den Kopf: „Nein, ganz bestimmt nicht! Nicht mit denen, mit keinem von denen, wirklich nicht.“

„Wäre doch komisch, wenn du dort auftauchen würdest. Nachher läuft der noch weg.“

„Wird der schon nicht, ist doch seine Existenz!“

„Ja, klar, aber trotzdem, ich täte es an deiner Stelle nicht.“

„Ich auch nicht“, bestätigte Udo den Grafen, „wie hast du so schön gesagt: „Rein, bumm, bumm und raus. Ende! Dabei würde ich es belassen. Sonst ruft der noch seine Kumpels an und dann ist die Verbindung zu dir plötzlich da.“

„Du hast Recht“, sagte Sarah, „rein, bumm, bumm, raus. Ende! So machen wir´s.“

„Wir bringen dich hin und bringen dich danach ganz schnell fort. Wir stehen um die Ecke und warten“, schlug Udo vor.

Sarah schlug in einer eleganten Bewegung mit dem Mittelfinger auf den Tisch: „Beschlossen und so wird es gemacht“, lachte sie, „wann?“

„Wann immer du bereit bist.“

„Das werde ich nie sein, aber bald, am dritten Juli?“

„Dienstag um Mitternacht!“

„Ja, also in der Nacht von Dienstag auf Mittwoch. Ich darf da ja auch keinen anderen Termin haben.“

„Sonst mache ich es einfach“, schlug Udo vor.

„Nein, das mache ich schon selber“, widersprach Sarah, „aber ganz lieb von Dir, Udo!“

„Weißt du, wie die Pistole funktioniert?“

„Im Großen und Ganzen schon“, meinte Sarah leichthin, „aber nicht genau, nicht im Einzelnen.“

„Dann hole ich eine und zeige es dir“, schlug Udo vor.

„Gute Idee“, stimmte Sarah zu, „Was nutzt die beste Vorbereitung, wenn das Ding im richtigen Moment nicht ploppt.“

Nach dreißig Minuten war Udo mit einem der Rücksäcke wieder da. Er nahm eine Pistole, einen Schalldämpfer und eine Schachtel Munition heraus, nahm das Magazin aus der Pistole und füllte es. Dann steckte er das Magazin wieder rein und schließlich schraubte er den Schalldämpfer auf den Lauf. Jetzt sah das Teil ziemlich „mechanisch“ und vor allem gefährlich aus.

Er führte das ganze Prozedere sehr langsam aus, dass Sarah es gut sehen konnte.

„Die Pistole ist gesichert, es kann sich kein Schuss lösen“, erläuterte er Sarah. Dann legte er einen kleinen Hebel um. „Jetzt ist das Ding tödlich gefährlich“, sagte er, „denn jetzt ist es entsichert.“

„Hast du schon einmal geschossen?“, fragte er Sarah. Die schüttelte den Kopf. „Dann sollten wir das bis zum Einsatz besser einmal nachholen“, schlug er vor, „sonst erlebst du vielleicht eine böse Überraschung.“

Das fand Sarah sehr sinnvoll: „Machen wir morgen“, schlug sie vor, „wo?“

„Irgendwo weit draußen, wo uns keiner sieht“, meinte der Graf, „ist besser.“

„Ja klar, was haltet ihr von einem Ausflug in die Vorderriss? Wenn wir da weit reinfahren, sind wir ziemlich allein – und aus Versehen können wir da auch keinen umnieten.“

4. Juli. Barer Straße

0.30 Uhr. Sarah betrat den „BarHocker“ gegen halb eins am Morgen. Das Lokal war seit einiger Zeit bis auf den Wirt leer, der gelangweilt ein paar Gläser polierte. Was hätte er auch tun sollen, etwa Sonette von Shakespeare lesen? Dieser Wirt wohl kaum, dachte Sarah. In der Tür steckten innen schon die Schlüssel.

„Er war wohl drauf und dran gewesen, zu schließen“, dachte sie, „Glück gehabt“.

Sie blieb einen Augenblick in der Tür stehen, schaute sich um.

Der Wirt schaute nur kurz auf, dann konzentrierte er sich wieder aufs Polieren. Einsame Damen, die nach Mitternacht sein Etablissement betraten, schienen ihn nicht zu interessieren.

„Ungewöhnlich“, dachte Sarah, die wusste, dass Männer sie sonst normalerweise mit den Augen verschlangen, „ob er´s an der Prostata hat? Oder hatte? Dann ist er operiert und bei ihm geht nichts mehr…“

Sie griff hinter sich, hielt ihn im Auge und schloss blind hinter sich ab. Jetzt schaute er sie neugierig an. Das war ihm offenbar neu.

„Polizeistunde“, sagte sie, „jetzt ist Schluss!“

Bevor er ob der unverschämten späten Kundin wütend werden konnte, erkannte er sie.

„Du?“, fragte er, „Um die Zeit kommt seit einiger Monaten ja kaum noch jemand, aber dass ausgerechnet du kommst…, das hätte ich jetzt am wenigsten erwartet.“

Er hatte aufgehört zu polieren.

„Wenn du schon hinter dir abschließt, brauchst du es mal wieder? Wieder so richtig?“, fragte er, dazu machte eine obszöne Handbewegung und grinste Sarah dreckig an.

„Nein“, sagte Sarah, „wenn du schon fragst, eigentlich nicht. Einmal von dir reicht fürs Leben, ehrlich.“

Er zuckte die Achseln. „Was willst du? Ein Bier, vielleicht – geht aufs Haus, wegen der alten Freundschaft!“

„Apropos Freundschaft“, sagte Sarah und langte in die Manteltasche, um den Kolben der Pistole zu fassen, „lass uns mal in die Küche gehen.“

„Warum?“, fragte er.

„Weil ich es sage“, bestimmte Sarah, „weißt du, ich habe gute Argumente“, und ließ ihn die Pistole in der elegant behandschuhten Hand sehen.

„Nein du, warte, das kannst du doch nicht machen…“, stammelte er. Fast hätte Sarah ihm geantwortet, dass sie damals auch gesagt hatte: Nein, ihr, halt, das könnt ihr doch nicht machen…, aber dann dachte sie an „rein, bumm, bumm, raus“.

Sie deutete mit der Pistole auf die Küchentür. Er ging langsam rückwärts, angelte, ohne sich umzuschauen nach hinten nach der halb offenen Tür, schob sie auf, stolperte, ja fiel fast rückwärts in die Küche. Sein Blick ließ sie nicht los. Es schien, als erwarte er von irgendwoher, vielleicht aus der Hölle, Hilfe, die nicht kommen würde.

Sarah folgte ihm mit zwei Meter Abstand. Als beide in der kleinen Kneipenküche waren, die von einem großen Gasherd in der Mitte dominiert wurde, über dem von einem Gerüst, das von der Decke kam, Töpfe und Pfannen herabhingen, hob sie langsam die Pistole, entsicherte sie, lächelte ihn freundlich an, zielte ziemlich lässig, wie sie fand, auf seine Brust, dann machte es zweimal leise „plopp“. Während sie schoss, sagte sie: „Mit einem schönen Gruß aus der Hölle!“

Der Wirt sackte zusammen, riss ein paar Sachen mit sich, es rumpelte ein bisschen (aber nur ein bisschen, dann fielen ein paar Tüten Mehl um und zerplatzten auf dem Terrazzoboden) und dann war es auch schon vorbei.

Sie steckte die Pistole ein und verließ die Kneipe durch die Hintertür. Sie ging langsam an der beleuchteten Glasfront vom „BarHocker“ entlang, ging um die Ecke, dort erwarteten Udo und der Graf sie mit dem Auto. Sie stieg ein und sie fuhren langsam los.

Kurz nach eins setzte der Graf sie am Leonrodplatz ab, um das Auto weit genug von ihren Wohnungen entfernt zu parken.

„Wie war es, Sarah?“, fragte Udo leise.

„Ging schon, er hat es mir mit ein paar dummen Bemerkungen leicht gemacht, hat mich wütend gemacht…, aber bevor ich mit ihm ins Reden kam, habe ich mir gedacht, nein, nur „rein, bumm, bumm, raus“. Da habe ich mich auch fast dran gehalten. Aber in Wirklichkeit war es: Rein, drei Sätze und dann erst plopp, plopp, raus. Übrigens, man hört den Schuss fast nicht!“

Und nach einer Weile fügte sie hinzu: „Und nun den Stadtrat.“

Inzwischen hatte der Graf die langsam Schlendernden eingeholt. Die letzten Worte hatte er gehört.

„Der fährt immer zwischen acht und neun Uhr abends durch den Alten Nördlichen Friedhof“, erklärte er, „wir haben ihn beobachtet, man kann sich ziemlich drauf verlassen…, manchmal auch ein wenig später. Aber auf dem Friedhof ist dann kaum noch etwas los.“

„Gut so“, meinte Sarah, „den also als nächsten!“, und als der Graf an einem Zigarettenautomaten stehen blieb, fragte sie Udo: „Kann ich nachher zu Dir kommen… – wegen des Zitterns“, lächelte sie, „da würde mir ein wenig Nähe zu Dir gut tun, glaube ich!“

10. Juli. Alter Nördlicher Friedhof

20.00 Uhr. Der 1866 als Ergänzung zum Münchner Südfriedhof eingerichtete Alte Nördliche Friedhof gehört zur Münchner Maxvorstadt, das ist der Teil von München, der zwischen Innenstadt und Schwabing liegt. Von den Anwohnern wird er meist Alter Nordfriedhof genannt und wird mit seinem lockeren Bestand an alten Bäumen zwischen halb versunkenen und teilweise von Efeu überrankten Grabsteinen von den Anliegern als Park benutzt. Beerdigt wird hier seit 1944 niemand mehr.

Zahlreiche Bänke stehen den Spaziergängern zur Verfügung, an schönen Sommertagen wird der Platz zwischen den alten Gräbern als Liegewiese und Spielplatz benutzt, auf den Bänken entlang der Wege sitzen dann lesende oder spielende Menschen. Der alte Nordfriedhof ist ein romantischer Ort geworden. Zudem hat sich der Weg entlang der Innenseite der Friedhofsmauer und der Arkaden als beliebte Strecke für Jogger etabliert.

Drei Tage hatten sie auf dem Alten Nordfriedhof umsonst gewartet. Sarah hatte auf der Bank gesessen, auf der er auf seinem Heimweg eigentlich vorbeiradeln musste – er fuhr ja auch, aber vorbei, denn immer hatten Udo und der Graf, die ein paar Meter weiter standen und die anderen Wege im Auge hatten abgewinkt, weil irgendwelche Leute ihre Hunde oder ihre Laufschuhe ausführen mussten.

Inzwischen konnte Sarah die Inschrift des Grabsteines dem sie gegenüber saß, fast auswendig:

Hier ruhet meine liebe, unvergessliche Gattin
Frau Margarete Baader
Friseursgattin

Großmutter
Walbuger Heckel

Unser unvergesslicher, treubesorgter
lieber Gatte und Vater
Herr Karl Baader

Unsere liebe, herzensgute Mutter
Frau Sidonie Baader

Bei den Worten „liebe, unvergessliche Gattin“ und „unvergesslicher, treubesorgter Vater“ hatte sie an ihre Eltern denken müssen. Vielleicht auch, weil ihre Mutter Friseurin gewesen war? Ihren Eltern hätte sie dieselben Worte auf den Grabstein schreiben lassen können, dachte sie sich, die wären wie für sie gemacht gewesen. Aber wer sprach heute denn noch so? Trotzdem, sie hätten das verdient gehabt – was hatten ihre Eltern alles für sie, Sarah, auf sich genommen... Damals, nachdem sie vergewaltigt worden war. Nie war sie so liebevoll und, ja, respektvoll behandelt worden, wie damals. Alles wegen der drei jungen Arschlöcher, denen es eingefallen war, sie „einfach so“ zu vergewaltigen.

Sie hatte die Erinnerung daran dank der liebevollen Unterstützung von Mutter und Vater bald und dann lange verdrängen können. Sie glaubte, so etwas wie eine gespaltene Persönlichkeit entwickelt zu haben: Die eine Sarah, das vergewaltigte Mädchen, war irgendwann in den Hintergrund getreten und hatte der anderen Sarah, einer lebensfrohen Frau, sozusagen den Körper zur freien Verfügung überlassen. Diese andere hatte keine Erinnerung an die Vergewaltigung, sie war die Frau, die das Studio führte – aber jetzt war die vergewaltigte Sarah wieder da, jetzt brannte in ihr diese wütende Fackel der Wut, die kein Sturm ausblasen konnte. Sie, die so lange „geschlafen“ hatte, wollte ihre Rache haben und sie würde sie sich nehmen – um jeden Preis.

Den ersten Schritt hatte sie ja schon gemacht, indem sie den Wirt „ausgeknipst“ hatte. Noch spürte sie keine wirkliche Erleichterung in sich – denn zwei Männer sollten noch sterben! Durch ihre Hand! Unbedingt! Dann, hoffte sie, hofften die beiden Sarahs in ihr, würde sie endlich wieder Ruhe finden.

Es war ihr völlig egal, ob und welches Leid sie über eventuelle Ehefrauen und Kinder bringen würde. An ihre Gefühle und die ihrer Familie hatten die drei damals auch nicht gedacht, die hatten sogar bewusst in Kauf genommen, dass sie gestorben wäre, was Sarah damals eigentlich vorgezogen hätte.

Das hätte der jungen Sarah viel Leid erspart. Ihre Eltern hatten sie aus diesem unendlich tiefen und verzweifelten Loch mit ihrer Liebe heraus geholt. Sarah fand, die drei wären selber schuld an ihrem Schicksal. Hätten sie sich damals zehn Minuten lang beherrscht, würden sie heute nicht auf ihrer Liste stehen und könnten glücklich und zufrieden leben. Sie hatten ihre Schwänze aber nicht beherrscht, also mussten sie sterben, basta.

Unsere drei hatten sich verkleidet: Udo und der Graf im Trainingsanzug mit Pudelmütze vom Grabbeltisch bei Karstadt: Echte Dutzendware! Den Grafen würde im Leben keiner erkennen, der ihn bisher nur im Anzug gesehen hatte, und Udo sah eher wie ein alternder, mehrfach böse verprügelter Boxer aus, denn wie er selbst. Sarah hatte sich von Hanna eine dunkle Perücke ausgeliehen und trug dunkle Linsen in den Augen, war ganz hell geschminkt und trug mehrere Lagen unter dem Trainingsanzug – sie wirkte wie eine ziemlich aus den Fugen gegangene Hausfrau, die ein Training sehr nötig hätte.

Als der Radler mit dem unverwechselbaren Schal und der Schiebermütze als Erkennungszeichen heute den schräg zwischen den im Karree angelegten Hauptwegen verlaufenden abkürzenden Trampelpfad entlang kam, gaben Udo und der Graf das vereinbarte Zeichen: Daumen hoch, alles klar.

Der Stadtrat schob sein Rad. Als er an Sarahs Bank vorbei kam, hielt sie ihn an.

„Einen Moment, bitte, Herr Stadtrat“, sagte sie höflich und tastete mit der Hand in der Plastiktüte, die neben ihr auf der Bank lag, nach der Pistole: Entsichert – alles klar!

Er stellte sein Hollandrad auf den Ständer mitten in den Weg. „Ja, bitte?“, fragte er höflich.

„Setzen sie sich doch bitte zu mir, ich bin noch ganz fertig vom Laufen, ich kann gar nicht aufstehen, ich“, sie atmete heftig, als sei sie atemlos, „ich habe da ein Anliegen.“

„Wenn ich helfen kann, gerne…“. Er setzte sich.

Sarah dachte: Rein, plopp, plopp, raus, heute erste recht, weil jederzeit jemand auftauchen konnte und schoss ihm von der Seite ohne ein Wort der Erläuterung zu verlieren in den Bauch und ein zweites Mal seitlich in den Kopf. Der zweite Schuss war sofort tödlich!

Er blieb einfach sitzen, als ob nichts wäre, wenn man von dem etwas verblüfften Gesichtsausdruck absah und natürlich von dem kleinen Loch zwischen Ohr und Schläfe, aus dem ein kurzes Rinnsal Blut lief. Als er langsam zur Seite zu kippen drohte, richtete sie ihn wieder gerade auf, damit er sitzen blieb.

Udo kam angetrabt, nickte Sarah zu und schob das Fahrrad weiter und auch sie trabte langsam los, so langsam, wie es sich für eine untrainierte dicke Hausfrau gehörte. Sie schaute sich nicht um. Warum auch?

1. August. Museumsviertel

11.00 Uhr. Um Punkt 11.00 öffnete Sarah die Tür zur Galerie in der Türkenstraße, die nur aus einem relativ großen und sehr hohen Showroom und einem zweiten Raum in einem Hofgebäude bestand, den man über einen langen Flur erreichte. Der hintere Raum diente dem Galeristen als Büro, Küche und Atelier für eher klägliche eigene künstlerische Ambitionen.

An den der Galerie Wänden wurden zur Zeit großformatige Bilder mit farbigen „Klecksen“ präsentiert – sehr dekorativ, zugegeben, aber mehr von der Art, die Menschen, die wenig von Kunst verstehen, gerne mit den Worten zu beschreiben pflegen: „Das könnte mein Sechsjähriger auch!“

Das können Sechsjährige in der Regel zwar nicht, jedenfalls erzielen sie am Kunstmarkt nicht diese Preise, die hier verlangt und ab und zu auch bezahlt werden.

Natürlich lagen Hochglanzprospekte vom Künstler aus, der einen holländischen Namen hatte. Wahrscheinlich hing der Künstler der Theorie an, dass „Holländer“ sich seit den Tagen Rembrandts gut verkaufen.

Die Tür war auf, die Scheinwerfer an, es war also anzunehmen, dass der Galerist da wäre.

„Jemand da?“, rief Sarah, die heute als Handwerkerin auftrat, genauer gesagt als Malergesellin im weißen Overall mit den typischen Farbresten, deren Anwesenheit in der Galerie niemanden überrascht oder zu einem zweiten Blick verleitet hätte, um sich das Gesicht zu merken, weil sich jeder potente Kunde im dunklen Maßanzug der oberen Schichten, die sich diese Bilder leisteten, natürlich nicht um eine Vertreterin des Proletariat kümmern würde, die offenbar den Raum für eine andere Ausstellung renovieren sollte.

Wobei fraglich ist, ob die junge Oberschicht zum Beispiel aus den Bankentürmen Frankfurts das Wort Proletariat und vor allem seine Bedeutung überhaupt kennen würde. Und das internationale Publikum aus der Maximiliansstraße, aus Moskau oder den arabischen Ölstaaten würden eine aus der arbeitenden Bevölkerung wahrscheinlich gar nicht erst wahrnehmen.

„Ich bin hinten“, hörte Sarah eine männliche Stimme rufen, „Moment, ich komme gleich.“

„Bleib, wo du bist“, dachte Sarah und ging durch den Laden und den Gang in das Atelierküchenbüro. Der Galerist blickte sie erstaunt an. „Was will die denn hier“, stand geradezu in sein Gesicht geschrieben.

„Ich bin es“, sagte Sarah leise, „die Nutte aus dem Keller, die es mal so richtig besorgt brauchte, du erinnerst dich ?“

Erkennen trat in sein Gesicht. „Du?“, fragte er, „hast du die anderen beiden…?“. Er musste es in der Zeitung gelesen haben, denn alle Zeitungen hatten ausführlich berichtet – vor allem vom rätselhaften Mord am Stadtrat.

„Genau“, sagte Sarah ganz ruhig, „das war ich! Wie hast du das erraten? Gut, eins mit Stern, setzen! Errätst du auch, was jetzt kommt?“

Sie zog die Pistole aus der Overalltasche und fragte: „Du malst gerade?“. Sie deutete auf die fast leere Leinwand und den feuchten Pinsel in seiner Hand. „Ein neues Bild? Das passt gut, ist aber nicht gut“, fügte sie auf das Bild gemünzt hinzu, „jetzt machen wir etwas wirklich Neues, mein Lieber: Schreib einfach mal auf die Leinwand: Ich kann nicht mehr. Das kannst du schon, ist auch besser als deine Kleckserei, die ist ja stümperhaft.“

Als er sich nicht rührte, hielt sie ihm die Pistole an die Stirn: „Schreib!“. Als er immer noch nicht schrieb, spannte sie deutlich hörbar den Hahn der Pistole.

Jetzt nahm er den Pinsel und schrieb krakelig: „Ich kann“.

„Weiter“, sagte sie, „schreib weiter: nicht mehr …“.

Er schrieb.

„Gut. Signieren!“, befahl sie. Als er nicht gehorchte, meinte sie die Achseln zuckend lapidar: “Von mir aus, geht auch ohne.“

Dann schob sie ihm den Schalldämpfer der Pistole an die Lippen und sagte: „Weißt du, erst hatte ich ja daran gedacht, dich dein Terpentin trinken zu lassen und dir dann ein Streichholz in den Rachen zu werfen, oder so ähnlich. Aber das fand ich dann doch zu banal. Aber mach trotzdem den Mund auf!“

Seltsamerweise, wie sie fand, gehorchte er sofort, er leistete überhaupt keinen Widerstand! Sie drängte ihm den durch den Schalldämpfer verlängerten und verdickten Pistolenlauf zwischen die Zähne, penetrierte ihn sozusagen oral. Er weinte lautlos. Die Tränen liefen seine Wangen hinunter. Er zitterte am ganzen Körper. Er wagte nicht, die Hände zu heben, um die Tränen abzuwischen.

In dem Moment hörte sie, wie vorne die Tür der Galerie zur Straße aufging und wieder zufiel dann… erst einmal nichts. Eine Ewigkeit war nichts zu hören. Schließlich, es war in Wirklichkeit nur einen Moment später, rief eine fröhliche junge Frauenstimme: „Ich bin´s, die Post! Ich lege die Briefe links von der Tür ab, heute habe ich es eilig! Kaffee wieder morgen. Grüß Gott!“, und dann fiel die Tür wieder zu.

Sarah hatte den Galeristen angeschaut und warnend den Kopf geschüttelt, als die Postbotin gerufen hatte. Mit den Lippen hatte sie lautlos das Wort „nein“ geformt.

Fast wäre ihr das Herz in die Hose des Overalls gerutscht, als sie die fröhliche Stimme der jungen Frau gehört hatte. Sie versuchte allerdings cool zu bleiben oder zumindest so zu wirken und sich nichts anmerken zu lassen.

Als die Tür wieder ins Schloss gefallen war, schoss sie sofort, so eine Überraschung brauchte sie kein zweites Mal, fand sie. Leise machte es einmal „plopp“, ein zweiter Kopfschuss wäre bei einem Selbstmord dann doch auch dem dümmsten Kommissar aufgefallen, lächelte sie schon fast wieder beruhigt.

Der Galerist sackte halb zusammen, halb fiel er um, er war tot.

Sie holte tief Luft. Dann fummelte sie aus den Tiefen der Tasche der Overalls eine verknitterte Munitionsschachtel hervor, in der noch zwei Patronen klickerten. Sie sah sich um und stellte sie unauffällig über Kopfhöhe auf ein Bord hinter ein Buch. Sie prüfte es noch einmal, ja, war jedenfalls nicht gleich zu sehen, ein bisschen versteckt, das reichte.

Die Pistole drückte sie dem Galeristen in die rechte Hand (ja, er war Rechtshänder), dann löste sie einen weiteren Schuss aus, „plopp“, der in einem Stapel seiner Bilder hinten in der Ecke des Ateliers ging (war nicht schade drum, fand sie) – damit hatte er genügend Schmauchspuren an der Hand, hoffte sie.

Sarah schaute sich ein letztes Mal um, ging wieder durch den Gang und verließ die Galerie durch die Vordertür. Ein paar Meter weiter zog sie die Handschuhe aus und steckte sie in die Tasche ihres Overalls, den sie später entsorgen würde, vielleicht im Müllcontainer eines Baumarktes.

Einhundert Meter weiter warteten Udo und der Graf mit dem Wagen auf sie. Sie stieg ein, sagte nur ein Wort: „Erledigt!“, und dann waren sie auf und davon.

„Geschafft“, sagte Sarah und: „Gott sei Dank!“. Und dann weinte sie. Udo legte ihr von hinten seine Hand auf die Schulter, was sie etwas beruhigte. Sie dreht sich um und lächelte ihn dankbar an.

1. September. Stuttgart

20.45 Uhr. Seit einiger Zeit standen sie ein ganzes Stück vom Haus der Aleksanders entfernt.

Hanna hatte vor ein paar Tagen in der Bank angerufen und sich telefonisch zu ihm durchgearbeitet. Nein, das könne sie nur mit Herrn Aleksander direkt besprechen…, in Zeiten, wo die Schweizer Banken „bankgeheimnismäßig inkontinent wurden…, nur der Herr Aleksander, bitte…, ja, es handele sich um eine bedeutende Summe…, und so weiter.

Schließlich hatte sie es geschafft, ihn zu sprechen und dann hatte sie ihn überzeugt, sie sei eine vermögende Erbin, er lese sicherlich die Zeitungen… Ja, als Frau müsse man sich ja beraten lassen, frau verstünde ja nichts davon… Der Verblichene hätte sie ja niemals… Aber das müsse ja niemand sehen… und so weiter, bla bla etc.

Ihrer persönlichen Bankberaterin hatte sie erzählt, sie müsse zu einem stinklangweiligen Essen mit „Finanzfuzzis aus der obersten Etage“, und hatte sie dann um ein paar „Zauberworte“ gebeten, die sie interessiert und informiert aussehen lassen würden.

Die Bankerin hatte gelacht und ihr nach einigem Suchen eine „nur für den internen Gebrauch“ gestempelte Broschüre mit den Worten in die Hand gedrückt, da stünde alles drin. Diese Scheiße dreimal verquirlt, das würde jeden Finanzer begeistern.

Sie hatte sich die Broschüre mehrfach durchgelesen und dann telefoniert. Das war gestern gewesen. Jetzt saß sie elegant angezogen (mit Hut!) im Auto neben Udo, und sie schauten sich die Gegend an.

„Total tote Hose“, hatte Udo gemeint, „hier möchte ich ja nicht tot über den Zaun hängen…“

Hanna hatte ihm Recht gegeben. Der Graf war mit einem VW-Pritschenwagen auf der anderen Seite des Tales unterwegs. Dort lag er wahrscheinlich schon mit gutem Blick auf das supermoderne Haus des Bankers mit dem Gewehr im Anschlag unter der Plane auf der Pritsche. Schießen würde er heute nicht! Wahrscheinlich nicht. Noch nicht.

Das Haus war dieser Post-Bauhaus-Stil: Weiß getünchter Beton und Glas…, vor allem Glas, riesige dicke Scheiben, die wie mit einer Flex in die Wände des Hauses hineingeschnitten schienen – mal riesig, mal winzig, teilweise an den irrsten Positionen… Einige Fenster waren auch kreisrund, wie Bullaugen. Ein interessierter Passant hätte wahrscheinlich in jede Ecke des Hauses hinein schauen können, wenn er es darauf angelegt hätte.

„Nichts für mich“, hatte Udo gesagt, als sie das erste Mal langsam vorbeigerollt waren und Hanna hatte gedacht, für mich auch nicht!

Um Punkt einundzwanzig Uhr hatte Hanna verabredungsgemäß geläutet. Sie hatte ein paar Schmerztabletten eingeworfen und konnte ganz gut ohne Rollstuhl oder Stock gehen. Sie wusste, sie hatte ungefähr 30 Minuten, dann wären die Schmerzen wieder da – da musste sie wieder draußen sein!

Herr Aleksander hatte in Erwartung eines großen Geschäftes geöffnet und sie hereingebeten. Jetzt saßen sie im Wohnzimmer des Bankers.

„Lieber Herr Aleksander, vielen Dank, dass sie mich in Ihrem Privathaus zu diesem ungewöhnlichen Termin empfangen, aber es geht ja auch um viel Geld, wie ich ihnen angedeutet hatte“, sagte Hanna.

„Ja, natürlich, in meiner Branche muss man auch schon einmal bereit sein, Ungewöhnliches zu machen, das ist kein Problem, Frau…?“

„Ach, sagen sie einfach Frau Doktor, das ist mir im Moment am liebsten, wir wissen ja noch nicht, ob wir zusammenkommen werden, nicht wahr?“

„Natürlich, dann bleiben sie im Moment anonym, gnädige Frau, äh, Frau Doktor…“

Danach hatten sie ein paar Plattitüden ausgetauscht, das Wetter, VfB Stuttgart und solche Themen, dann kam der Banker schnell zur Sache: „Um wie viel Geld geht es denn, gnädige Frau, äh, Frau Doktor?“

„Zweieinhalb Millionen.“

Das Gesicht von Herrn Aleksander fiel herab, „Habe ich das richtig verstanden, Frau Doktor“, seine Stimme war jetzt nicht mehr ganz so höflich, „sie sprechen von zweieinhalb Millionen Euro?“

„Genau!“

„Für läppische zweieinhalb Millionen machen sie so ein Gedöns, da kommen sie abends um einundzwanzig Uhr zu mir in mein Privathaus?“

„Genau!“

„Das hätte doch jeder Angestellte von mir jederzeit in einer halben Stunde abgewickelt, da brauchen sie mich doch nicht! Werte Frau Doktor, ich will nicht von einer Zumutung reden, aber das ist doch Pillepax…, zweieinhalb Millionen…, ich fasse es nicht… Sie, bitte gehen sie und kommen sie morgen in unser Büro, ich werde ihnen einen Termin bei einem Juniorberater reservieren lassen.“

„Oh, das ist sehr nett, Herr Aleksander“, Hanna machte keinerlei Anstalten, sich zu erheben, „und ich stimme Ihnen völlig zu, zweieinhalb Millionen, das sind wirklich Peanuts.“

„Ja, was wollen sie dann hier?“

„Ihnen sagen, wohin sie das Geld überweisen sollen.“

„Wie überweisen?“ Der Banker runzelte die Stirn, schüttelte verwirrt den Kopf, „verehrte Frau Doktor, das ist hier doch kein Bankschalter, das ist mein Privathaus… Wegen ihres angeblich ach so dringenden und sehr persönlichen Gesprächs habe ich meine Frau und Tochter aus dem Haus komplimentiert.“

„Das ist vielleicht auch besser so…“

„Sie, also langsam werde ich ungehalten!“

„Das sollten sie nicht, werter Herr Aleksander, sie sollten konzentriert bleiben, wirklich!“

„Sagen sie einmal, spinnen sie? Was erlauben sie sich eigentlich?“

„Jetzt kommen sie mal wieder runter, nehmen sie sich einen Zettel und einen Bleistift, und notieren sie sich die Bankverbindung.“

„Ich schreibe gar nichts auf, schon gar keine Bankverbindung.“

„Dann lernen sie sie auswendig!“

„Was?“. Er wurde laut.

„Nun sie sollen zweieinhalb Millionen Euros innerhalb von sieben Tagen auf dieses Konto bei Julius Bär in Zürich überweisen!“

„Was für Geld ist das?“, fragte er irritiert.

„Ihres!“

„Hahaha? Sie… es reicht. Raus!“

Hanna erhob sich langsam und sagte dann: „Herr Aleksander, sie sollten jetzt gut zuhören, ich sage das Folgende nur einmal: Sie schulden einem Freund von mir zweieinhalb Millionen Euro und die möchte er jetzt haben. Genauer, in einer Woche!“

„Ich schulde niemanden etwas, und schon gar nicht so eine Summe“, schrie Aleksander, „das ist eine unverschämte Unterstellung!“

„Doch“, sagte Hanna ganz ruhig, „sie haben ihm vor genau zwanzig Jahren eins komma fünf Millionen Deutsche Mark für ein Schwindelprojekt aus dem Kreuz geleiert… Das macht bei im Schnitt drei Prozent Zinsen.“

„Ha“, unterbrach er sie, „wissen sie, wo die Zinsen zur Zeit liegen…“

„Ja“, sagte Hanna, „wenn sie sich Geld leihen bei höchstens 0,5 Prozent. Meine Sparkasse hat mir gerade geschrieben, dass die Überziehungszinsen bei 16 Prozent liegen. Da würde ich mich an Ihrer Stelle über drei Prozent nicht beschweren!“. Sie schüttelte offenbar traurig den Kopf: „Keinesfalls.“

Sie zog einen kleinen Zettel aus der Tasche und las ab: „1.500.000 für 20 Jahre auf drei Prozent macht 2.890.000 DM, was in etwa 1.445.000 Euro entspricht. Legen wir weiterhin eine Strafzahlung von 500.000 € zugrunde sind wir bei 1.945.000 Millionen Euro. Plus 33 Prozent Steuern macht das summa summarum rund 2,6 Millionen Euro, abgerundet 2,5 Millionen! Alles klar?“

„Lächerlich“, lachte Aleksander, „albern… und wer sollte jener Freund gewesen sein?“

„Nun, wir nennen ihn den Grafen!“

„Kenne ich nicht. Das ist ja grotesk! Das letzte Mal: Raus!“

„Oh“, sagte Hanna, „ich habe kein Verhandlungsmandat, nicht dass sie das falsch verstehen, Herr Aleksander, der Graf ist unbedingt willens, seine Forderung einzutreiben, in voller Höhe!“

„Na, dann kann ich ihnen nur viel Spaß wünschen, ich beginne mich dunkel zu erinnern, da wünsche ich ihm vor deutschen Gerichten viel Erfolg! Wissen Sie, was das ist? Aussichtslos.“ Er lachte jetzt.

„Ja, da mögen sie Recht haben, Herr Aleksander“, sagte Hanna und gab sich sehr traurig, „da würde er lange kämpfen müssen und schlussendlich würden sie obsiegen.“

„Sag ich ja, und nun, nachdem das klar ist, verlassen sie mein Haus… sonst muss ich zu einer alten Dame grob werden.“

„Oh, das müssen sie nicht, Herr Aleksander, ganz und gar nicht, nur unterliegen sie einem Irrtum!“

„Welchem?“

„Dass der Graf den von ihnen so anregend geschilderten Weg durch die Instanzen antreten will.“

„Was will er dann?“

„Ja, schauen Sie, Herr Aleksander, der Graf hat sich für einen anderen Weg entschieden, lassen sie es mich so ausdrücken, für einen direkteren. Wenn sie so freundlich sein wollen, Ihren Blick einmal auf die Wand hinter sich zu wenden, da tanzt einige Zeit schon so ein oranger Fleck über die Wand.“

Aleksander tat es und fragte „Ja, und? Irgendein Reflex.“

„Leider nicht“, sagte Hanna, „es tut mir leid, aber da täuschen sie sich leider schon wieder! Das ist ein mit einem Laser generierter Zielpunkt. Und dieser Laser sitzt direkt, ich glaube, unter dem Lauf eins Präzisionsgewehrs, oben drauf, ist, glaube ich, das Zielfernrohr. Und diese ganze ekelhafte Kombination, man nennt es auch Sniper-Gewehr, ein ekelhafter Name“, schüttelte sich Hanna, „ befindet sich in der Hand eines sehr guten Schützen!“

Aleksander drehte sich schnell wieder um und starrte durch das riesige Fenster in den dunklen Garten.

„Sie müssen sich gar nicht bemühen, sie werden ihn nicht sehen, diesen hinterhältigen Sniper, dieser Fiesling sitzt fast tausend Meter weit entfernt in einem Versteck. Ja, ich weiß, das ist hinterhältig und gemein, ganz meine Meinung! Vor allem wenn man bedenkt, dass hier tagsüber ihre Frau und ihre reizende Tochter sind… Und ich sage ja immer zum Grafen: „Keine Frauen und keine Kinder!“. Aber diese Scharfschützen, wissen sie, die sind ja so roh und gefühllos. Ich glaube fast, das ist dem mit dem Gewehr völlig egal, wen oder was der erschießt. Ich glaube, das ist so ein Russe, völlig gefühlslos seit Afghanistan damals…“

Aleksander schaute sie die ganze Zeit fassungslos an und fragte dann leise: „Aber was haben meine Frau und meine Tochter damit zu tun?“

„Nichts, Herr Aleksander, absolut nichts, das ist ja das Perfide an der Sache. Die Überweisung betrifft nur sie – und Frau und Tochter müssten dafür eventuell büßen… Ja, stimmt, das ist so ungerecht! Andererseits, wenn ich meinen Mandanten da recht verstanden habe, hat er das damals wohl sehr ähnlich empfunden: Nämlich als total ungerecht! Vor allem, weil sie ihn damals mit der Bemerkung aus dem Büro geworfen haben, sie hätten keine Zeit, sich um Peanuts zu kümmern… Das war nicht sehr nett, Herr Aleksander, nein, wirklich nicht.“

„Aber nach zwanzig Jahren? Und wo soll ich so viel Geld hernehmen?“

„Ach, Herr Aleksander, ich darf sie doch zitieren „für läppische zweieinhalb Millionen macht man doch kein Gedöns“, das machen bei ihnen doch die Jungberater, oder?“

Und nach einem Moment, in dem Aleksander sie nur dumm anschaute, fragte Hanna: „Sagen sie, bitte, wo war der Ausgang?“

Aleksander wies ohne hinzuschauen auf eine Tür und sagte tonlos: „Da und dann rechts.“

„Eine Woche, Herr Aleksander, eine Woche, denken sie daran!“

Genau eine Woche später ergab ein Anruf in Zürich, dass das Geld nicht eingegangen war.

8. September. Stuttgart

Abends gegen zwanzig Uhr saßen Herr und Frau Aleksander hinter der riesengroßen Scheibe beim Abendbrot, hinter der Hanna mit Aleksander gesprochen hatte.

Hanna schaute mit dem großen Nachtglas hinüber, dann wählte sie auf ihrem anonymen Handy die Nummer der Aleksanders.

Als er abnahm, sagte sie betont fröhlich: „Kann ich, bitte, die Petra sprechen, ich bin die Susanne, eine Schulfreundin, wir haben uns ewig nicht mehr gesehen.“

Aleksander gab den Hörer weiter.

„Ja?“, sagte seine Frau, „Petra Aleksander.“

„Frau Aleksander“, sagte Hanna, „ich habe eben gelogen, sie kennen mich nicht, aber wahrscheinlich bin ich im Moment ihre allerbeste Freundin, denn ich kann ihr Leben retten und das Ihrer Tochter! Sind sie noch da?“

Eine Weile hörte Hanna nur ihr lautes Atmen, dann „Ja!“

„Wissen sie, es geht um ihr Leben und um das ihrer Tochter! Denn ihr Mann schuldet einem guten Freund von mir Geld. Nicht wenig und auch nicht viel, für ihre Verhältnisse. Fragen sie ihn einmal, warum er ihr Leben riskiert, Petra, und das ihrer Tochter! Denn er hat eine Frist schon verstreichen lassen..., und jetzt läuft die zweite, die allerletzte Frist – dann steht ihr Leben auf dem Spiel und das ihrer Tochter, leider!“. Hanna seufzte vernehmlich und machte eine kurze Pause.

„Sehen sie den Leuchtpunkt hinter sich an der Wand?“

Atemlos kam es nach einem Moment zurück: „Ja!“

„Dann gehen sie beide jetzt mal für einen Moment aus dem Raum, es erfolgt eine kleine Warnung!“

Sie schaute wieder durch das Nachtglas und sah, dass Frau Aleksander hektisch auf ihren Mann einredete und ihn schließlich erst hochzog und dann aus dem Zimmer.

Hanna nickte dem Grafen zu, der neben ihr auf der kleinen Pritsche des Lieferwagens lag und mit seinem Gewehr das erleuchtete Fenster auf der anderen Seite des tief eingeschnittenen Tales anvisierte.

Als Hanna ihm zunickte, zog er den Abzug des Gewehres sanft durch. Fast im gleichen Moment durchschlug das Projektil die drei mal acht Meter große Scheibe. Es war so schnell, dass die Scheibe nicht einmal die Zeit hatte zu zerplatzen. Zurück blieb ein Loch von vielleicht drei Zentimetern Durchmesser und viele kleine Sprünge, die davon ausgingen. In die Wand ein paar Meter im Zimmer hatte das Projektil dagegen ein „ordentliches“ Loch geschlagen.

„Hören sie mich noch?“, fragte Hanna.

„Ja.“

„Sie können wieder in das Zimmer gehen… Und grüßen sie Ihre kleine Tochter, für ein paar Bonbons erzählt die ja so nett alles, auch von ihrer lieben Omi in Rottach und vom Onkel in Bad Tölz… Gute Nacht! Und reden sie mit ihrem, wie ich finde, gar nicht lieben Gatten. Ach ja, wenn er zahlt, übernehmen wir die Scheibe, versprochen!“

Es wurde eine emotionale, heftige und teilweise laute Nacht im Haus der Aleksander. Am nächsten Nachmittag war das Geld auf dem Konto bei Julius Bär eingegangen.

Hanna „verlor“ das Handy ein paar Stunden später auf der Toilette einer Autobahnraststätte zwischen Stuttgart und München.

15. September. Wolf-Dieters Plan

„So“, eröffnete Hanna das Beisammensein, „Sarah und der Graf haben Ihre Sachen erledigt. Jetzt bist du dran, Wolf-Dieter. Hast du schon einen Plan?

„Ja“, sagte Wolf-Dieter kurz.

„Moment mal“, unterbrach ihn der Graf, „entschuldige bitte, Wolf-Dieter, aber mir brennt da noch etwas auf der Seele.“

„Noch einer, den du fertigmachen willst?“, lächelte Sarah, die noch mehr aufgeblüht war, seit sie „ihre drei“ erledigt hatte, ohne dass die Polizei auch nur in ihre Nähe gekommen wäre.

„Nein“, schüttelte der Graf den Kopf, „aber was machen wir mit dem ganzen Geld? Das ist doch ein ziemlicher Haufen Moos, den wir da bekommen haben.“

„Den du bekommen hast“, korrigierte Hanna, „nicht wir!“

„Naja schon wir, finde ich“, wandte der Graf ein, „das haben wir ja auch zusammen…“, er machte eine kleine Pause, lächelte um dann fortzufahren: „... erstritten! Nein, ehrlich, was machen wir damit?“

„Ich schlage vor, wir stellen das zurück und machen uns ein anderes Mal Gedanken darum, lasst uns hören, was Wolf-Dieter will.“

„Ist gut!“, stimmte der Graf etwas mürrisch zu.

„Also, der Typ, den ich umbringen will,“, begann Wolf-Dieter, „der ist, das habe ich in den letzten Wochen recherchiert, inzwischen Geschäftsführer von einem eleganten Club oder einer Bar in der Innenstadt. Das Ding ist richtig groß und offenbar ziemlich angesagt. Ich bin sicher, der wird immer noch im Drogengeschäft drin stecken, aber jetzt macht er auf „richtig ehrbar“ und leitet das „Beethoven“ in der Maximiliansstraße.“

„Was ist das für eine Kneipe?“, fragte Udo.

„Nicht gerade Kneipe, eher das Gegenteil! Elegante Bar: Gehobenes Publikum, viel vor- und nach-Oper-Besuch, habe ich gelesen, ziemlich schick, ziemlich teuer, ziemlich neu und wohl echt angesagt.“

„Kennst du es schon?“, fragte Sarah.

„Nein, nur von außen, drinnen war ich noch nicht, macht aber ordentlich etwas her.“

„Dann wird das doch höchste Zeit, oder?“, fragte Sarah, „Schick, das ist doch etwas für uns, oder?“

„Für dich schon“, lachte Udo, „und für den Grafen auch, aber ich..., ich passe da doch gar nicht rein.“

„Ach“, sagte Sarah, „Kleider machen Leute, ein Anzug ist schnell gekauft, was meinst du, wie gut du darin aussehen kannst! Ein feines Tuch, eine Krawatte, ein paar elegante Schuhe..., man, Udo, dann wirst du ein echter Hingucker!“

„Meinst du?“, fragte Udo ziemlich skeptisch.

„Ja“, antwortete Sarah lächelnd, „das würde mir gefallen!“

„Naja“, meinte der Graf, „da können wir unser Kapital ja gewinnbringend einsetzen, und wenn es nur dafür ist, unseren Udo zum Mister Universum zu machen...“

„Von mir aus“, sagte Udo immer noch skeptisch, „nur gelacht wird nicht!“

„Keinesfalls“, stimmte Sarah zu, „morgen bei Hirmer!“

„Von mir aus“, knurrte Udo, „wenn´s uns weiterbringt!“

„Wird es“, beendete Hanna das Geplänkel, „also erst einmal wird Udo schick gemacht und dann statten wir dem Etablissement einen Besuch ab!“

„Gut“, stimmte Wolf-Dieter zu, „erst wollte ich es ja so machen...“

„Ja“, fragte der Graf, „dann erzähl mal.“

„Ja, also, wie fange ich an“, begann Wolf-Dieter, „das ist gar nicht so einfach... Ich hatte mir vorgestellt, wir machen dem einen Besuch. Da habe ich ja noch nicht gewusst, dass der jetzt so einen eleganten Laden in einem guten Viertel leitet, weil, vorher hat der einen Musikclub in der Wilhelm Hale-Straße gehabt, ein ziemlich verruchtes Ding mit viel leerem dunklem Parkplatz drumrum..., und da habe ich mir eben vorgestellt, wir fahren hin, alle mit langen schwarzen Mänteln mit Hüten oder Mützen, damit man nicht sieht, wie alt wir sind, und lassen den mit irgendeiner Ausrede rauskommen...“

„Wie denn?“, fragte Udo.

„Ist doch egal, wir schicken jemanden rein mit einer Botschaft? Oder wir warten einfach, dass der rauskommt, um Luft zu schnappen oder um zu rauchen oder um es mit einem Mädchen im Dunkeln zu treiben? Mit einer, die Stoff braucht und dafür alles tut... Also, jedenfalls kommt der irgendwann raus... Ich habe schließlich viel Zeit. Ich habe schon so lange gewartet... Und wir dann so im Kreis um ihn rum – und ich schieße ihm von hinten erst in ein Knie. Der sackt natürlich zusammen und ich halte ihm den Pistolenlauf oder das Korn in die Nase und ziehe ihn so wieder hoch, also an der Nase, und sage betont lässig: „Nicht schreien, du Held, nur ein bisschen wimmern, vielleicht, aber nur ganz leise... Meine Tochter musste auch leiden, als du ihr damals den miesen Stoff vertickt hast, da hast du kein Mitleid gehabt... Und dann schieße ich ihm ins andere Knie. Er fällt hin und jammert und ich schieße ihm in die rechte Schulter... Und dann sage ich cool: „Das war´s! Damit kannst du jetzt leben – wird ein Scheißleben werden als Krüppel, glaube ich oder hoffe ich! Aber du hast ja noch den einen Arm.“. Naja, so oder ähnlich. Und dann steigen wir ins Auto und sind weg!“

„Geile Story“, lobte der Graf, „und warum machen wir es nicht so? Schwarze Mäntel gibt das Budget auch noch her, oder?“

„Weil die Gegend eine andere ist! Kein Parkplatz nebenan, die Straßen hell erleuchtet: Maximiliansstraße! Ihr kennt das. Immer Leute auf der Straße, die ganze Nacht durch, nein, das wird so nicht gehen, da bin ich sicher.“

„Glaube ich auch“, sagte Hanna, „lasst uns mal schauen, wie der Laden aussieht und dann entscheiden wir, entschuldige, Wolff-Dieter, dann entscheidest du!“

22. September. Im „Beethoven“

Gegen 22.00 Uhr betraten Sarah, Udo, Hanna, der Graf, Wolf-Dieter und last but not least Tante Greten das „Beethoven“. Das Theater war noch nicht aus, das Lokal war nur wenig besetzt – aber sie hatten einen Tisch reserviert.

Der Oberkellner führte die sehr schick gekleidete Gruppe, Hanna und Sarah im Abendkleid, Hanna mit dem eleganten mit Swarowski-Kristallen besetzten Stock, Tante Greten hatte ein kleines Schwarzes angezogen, die Herren im dunklen Anzug mit Fliege (Udo) oder Abendkrawatte, an ihren Tisch.

Hanna bestellte ohne einen Blick auf die Karte geworfen zu haben zwei Flaschen Champagner, Taittinger sollte es bitteschön sein.

Kaum saßen sie, begann das Beethoven sich langsam zu füllen, das Theater war wohl doch schon aus, und die Besucher strömten in das Lokal. Da man heute auch nicht mehr so schick ins Theater geht, war das Publikum sehr gemischt gekleidet. Von der eleganten Abendrobe bis zum Deutschlehrer in Jeans mit unvermeidlichem Rolli war alles vertreten. Bei einem Gast glaubte Hanna sogar Radlerklammern an der Hose gesehen zu haben. Brrr.

Wolf-Dieter schaute sich neugierig um: Da war die in langem Schwung elegant gebogene Bar, die inzwischen dicht besetzt war, da waren die Tische für meist vier Personen, einige waren zu kleinen Gruppen zusammengeschoben. Weiter hinten im Raum befand sich eine Tür, die nach der Beschilderung zur Garderobe und den Toiletten führte.

Wolf-Dieter erhob sich und bewegte sich langsam in Richtung dieser Tür. Er öffnete sie, ging hindurch und befand sich in einem Gang. Links war die Garderobe, die im Moment nicht besetzt war, „man“ bediente sich selber. Ein Schild wies auf die Toiletten, die ein paar Meter weiter den Gang entlang waren.

Dann ging der Gang um eine 90°-Ecke weiter und Wolf-Dieter folgte dem Gang. Er passierte drei Türen. An der vierten stand auf einem Schild Direktion. Das war es, das hatte er gesucht.

Er lauschte an der Tür und hörte jemanden leise sprechen, wahrscheinlich telefonieren.

Er dreht sich um und erschrak, denn hinter ihm stand eine junge Frau und fragte, ob sie ihm weiterhelfen könne.

„Die Toilette?“, fragte er lächelnd, „Habe ich die übersehen?“

Die Frau deutete den Gang zurück und meinte: „Da vorne, steht eigentlich groß dran.“

„Entschuldigung“, sagte Wolf-Dieter, „da habe ich wohl nicht aufgepasst, vielen Dank!“

Er ging zur Toilette, wartete drinnen einen Moment und verließ sie dann wieder. Draußen traf er die junge Frau wieder, „Na“, sagte die, „das war ja ein Blitzbesuch.“

„Ach“, antwortete Wolf-Dieter, „bei alten Männern ist das so eine Sache, da gibt es schon einmal Fehlalarm, wissen sie“, und beide lachten als er ihr verschwörerisch zublinzelte und leise „Prostata, wissen sie, seien sie bloß vorsichtig bei älteren Herren...“, sagte

Im Hinausgehen sah Wolf-Dieter ein Plakat an der Tür zum Barraum, das für einen „Schwarz-Weiß-Ball“ warb.

Er ging zurück zum Tisch und meinte: „Alles klar, da hinten hat er sein Büro!“

Jetzt erhob sich Sarah und meinte, sie müsse mal für kleine Mädchen. Als sie durch den Raum schwebte, bot sie ein tolles Bild in dem dünnen, wie auf die Haut geklebt scheinenden Abendkleid mit dem atemberaubenden Ausschnitt. Ihre Freundin Hanna blickte ihr lächelnd hinterher und sagte: „Ein Traum von einer Frau, was Udo?“

Udo hatte auch geschaut, schluckte trocken und nickte stumm.

Als Sarah wieder an den Tisch kam, fragte sie Wolf-Dieter: „Hast du das Plakat für den Schwarz-Weiß-Ball gesehen?“

„Ja“, nickte Wolf-Dieter.

„Aber das wäre es doch!“

„Wieso?“

„Na hör mal, Schwarz-Weiß-Ball! Alle Männer als Pinguine verkleidet.“

Udo schaute erst sich und dann sie an und machte ein entsetztes Gesicht: „Sehe ich aus wie ein Pinguin?“, fragte er.

„Nein, du nicht, das ist doch nur so eine Redensart. Aber alle Männer in Smoking, schwarzer Hose, weißes Hemd mit Fliege. Wer will da noch wissen, ob er jemand speziellen irgendwann im Flur gesehen hat oder nicht.“

„Du meinst“, fragte Wolf-Dieter, „ich soll das wie im „Eiskalten Engel“ machen? Einfach den Gang entlang gehen, ins Zimmer rein, bumm bumm und wieder raus... Und mich dann wieder hier an den Tisch setzen.“

„Genau! Einfach, ganz einfach, die einfachsten Sachen sind die besten!“

„Könnte klappen“, meinte Hanna, „könnte sogar gut klappen... Und ein paar Minuten später unauffällig verschwinden. Aber warum eigentlich? Man kann auch sitzen bleiben und abwarten, was passiert?“

„Was wird schon passieren?“, fragte Udo, „irgendwann kommen die Bullen und nehmen die Personalien auf. Und dann haben sie uns!“

„Na und?“, fragte Hanna, „sie wissen nur, dass wir da waren, nichts verbindet uns mit den Schüssen. Wolf-Dieter trägt Handschuhe und lässt die Pistole liegen. Der Witz ist doch, dass fast alle Männer an dem Abend sehr ähnlich aussehen: Alle in Schwarz-Weiß! Und dass einer zum Klo geht, ist doch nur verständlich nach all dem Champagner. Und wenn einer Wolf-Dieter auf dem Gang sieht. So what? Schwarz-Weiß! Das könnte jeder gewesen sein. Und dann noch ein paar farbige Linsen von Sarah, ein anderes Einstecktuch, von mir aus eine andere Fliege, die er auf dem Klo tauscht. Wer soll ihn wiedererkennen? Einfachheit ist das Prinzip bei dem Plan. Das Risiko besteht darin, dass ihn jemand aus dem Bureau kommen sieht, aber das ist überschaubar, glaube ich.“

„Wenn er die Pistole liegen lässt, haben wir einen ganz schönen Schwund an Pistolen“, gab Sarah zu bedenken.

„Ja, aber brauchen wir die noch? Dann haben wir noch drei und die von Tante Greten.“

„Stimmt auch wieder“, gab Sarah zu.

„Wenn ihr einverstanden seid, bestelle ich an der Bar einen Tisch für sechs Personen für den Ball!“, schlug der Graf vor, „auf den Namen... Müller?“

„Warum nicht auf unseren“, sagte Wolf-Dieter, „ist doch komisch, wenn die anschließend die Leute von einem Tisch suchen und die gibt es nicht? Wir können doch ohne weiteres hier sein, oder? Oder spricht etwas dagegen?“

„Da hast du Recht“, meinte Hanna, „bestell ruhig auf meinen Namen, ich lade euch sowieso ein.“

„Okay“, sagte der Graf“, dann machen wir das so.“

„Gut“, stimmte Wolf-Dieter zu, „dann ist das entschieden. Da bin ich froh drum.“

„Ich habe kein Wort verstanden!“, beschwerte sich Tante Greten, „ist der Lärm hier die Musik?“

„Genau, Tantchen“, sagte Hanna und streichelte ihr liebevoll über die Hand, „das ist Musik.“

„Kein Wunder, dass da niemand tanzt“, meinte die, „geht denn das überhaupt?“

„Das kommt darauf an, was du unter Tanzen verstehst, Tantchen.“

„Können wir gehen?“, fragte Tante Greten, „Ich bin müde, das ist nichts mehr für die alten Knochen, sich die Nacht herumzutreiben. Ja früher, da habe ich bis zum Morgengrauen getanzt.“

„Mit wem denn, Tantchen?“, fragte Hanna neugierig und blinzelte Sarah zu.

„Ach, sei nicht immer so neugierig, Hanna, aber nach der Musik damals konnte man noch tanzen, in dem Armen eines Mannes liegen und träumen.“

15. Oktober. Im „Beethoven“

20.30 Uhr. Sie kamen mit einem großen Taxi vor dem „Beethoven“ an: Hanna, Sarah, Tante Greten, Wolf-Dieter und der Graf. Udo wartete zuhause auf einen Anruf.

Der Kellner führte sie zu ihrem Tisch. Hanna nahm ihn zur Seite und teilte ihm mit, dass sie zwar eine Person weniger seien als geplant, dass sie die fehlende Person aber selbstverständlich bezahlen würden. Und dann bestellte sie für den Verlauf des Abends außer dem Menü, das war sowieso im Programm festgelegt, erst einmal einen Aperol als Aperitif für jeden und vier Flaschen Champagner und sechs Flaschen Wasser für den Verlauf des Abends. Dann steckte sie ihm ein gutes aber nicht auffällig hohes Trinkgeld zu und bat darum, die Rechnung mit dem Essen zu bekommen, sie hätten schließlich eine sehr alte Dame dabei, wie er ja sehen könne, und da wisse man ja nie, wie lange die durchhalten würde, da könne es schon sein, dass sie die alte Dame nach Hause bringen müssten und dann würde sie eben die Hauptsumme schon einmal bezahlt haben, den Rest könne dann einer der anderen Gäste begleichen.

Dann steckte sie ihm ein weiteres Trinkgeld in die Jackentasche und bat, ob sie den wunderbaren Tisch, der für reserviert sei, mit einem in der Nähe der Tür tauschen könnten..., auch wegen der alten Dame, die manchmal Platzangst bekäme und dann sei es eben günstig, wenn man mit ihr schnell einmal an die frische Luft könne.

Der Kellner verstand, bedankte sich für das Trinkgeld und verschwand, aber nur um sie nach Rücksprache mit dem Oberkellner gleich darauf zu einem anderen Tisch zu führen.

Tante Greten war eingeweiht und bedankte sich sehr bei dem Kellner für das Verständnis und entschuldigte sich noch einmal für die Unannehmlichkeiten, die sie offenbar bereite. Der Kellner behauptete, dass das kein Problem sei.

Langsam füllte sich der Raum – es wurde ziemlich voll. Sie waren froh, dass sie den Tisch hatten wechseln können.

Die Aperitifs wurden serviert, man prostete sich zu und alle genossen den Abend. Hanna hatte auf den Rollstuhl verzichtet, weil sie befürchtete, dass das zu viel Aufmerksamkeit bei anderen erzeugen könne. Sogar Sarah hatte nicht das „offenherzigste“ Kleid gewählt, um nicht zu viel „herr-liche“ Aufmerksamkeit zu erregen. Sie tanzte einige Male mit Wolf-Dieter und dem Grafen, dann kam der erste Gang des Menüs, der schon einmal vielversprechend für den Rest des Essens war.

Hanna blieb am Tisch, einmal lud der Graf sie an die Bar zu einem Cocktail ein. Aber wie alle vier anderen nippte sie nur am Alkohol, schließlich hatten sie noch etwas vor.

Zwischendurch verschwand Wolf-Dieter ab und zu zur Toilette. Wenn er in den Spiegel schaute, musste er jedes Mal staunen: Wie viel machten Kleinigkeiten aus: Die hellen Linsen von Sarah, grau gepuderte Augenbrauen und ein graues Toupet aus Hannas Bestand ließen ihn älter und vor allem wie einen völlig anderen Mann aussehen.

Die Garderobiere hatte den Ansturm der Gäste hinter sich gebracht. Sie saß konzentriert strickend in ihrer kleinen Kabine und kümmerte sich weder um die Gäste noch um das Fest.

Schwarz-Weiß-Ball hatte es geheißen und tatsächlich, alle Herren waren im Smoking erschienen: Smoking, weißes Hemd, Fliege, schwarze Hose mit Biesen und Lackschuhe waren das Standardoutfit. Die Damen trugen schwarze, graue oder weiße Abendroben – einige todschick, viele einigermaßen schick und andere absolut daneben... Aber immerhin, die Männer – und darauf kam es ihnen ja an – sahen sich alle irgendwie ähnlich! Es gab die kleinen Dicken, es gab die schlanken Großen – aber wer wollte sich merken, wer wann wo gesehen worden war, unter so vielen „Pinguinen“.

Zwischen den Gängen erhoben sich Hanna und Wolf-Dieter, um vor der Tür eine Zigarette zu rauchen. Er hustete dabei gotteserbärmlich und Hanna fragte besorgt, wie es um in stünde.

„Ehrlich gesagt, beschissen“, gab Wolf-Dieter ihr zur Antwort, „wird Zeit, dass wir unsere Sachen hinter uns bringen..., schließlich haben wir ja noch eine Verabredung in der Messestadt.“

„Ja“, stimmte Hanna zu, „heute den Geschäftsführer und dann die Jungs in Riem.“

„Und dann bist du dran!“, erinnerte sie Wolf-Dieter, „weißt du schon, wie du es machen wirst?“

„So ziemlich“, sagte Hanna, „aber ich brauche Udo dazu. Alleine schaffe ich das nicht. Aber ich muss ihn da irgendwie raus halten! Wäre doch schade um unser Pärchen, oder?“

„Sarah und Udo?“, fragte Wolf-Dieter.

Hanna lächelte und nickte: „Genau, und im Smoking scheint er Sarah noch besser zu gefallen als sonst schon. Schade, dass er heute anderweitig gebraucht wird, Sarah hätte ihn zu gerne dabei gehabt, glaube ich.“

„Wie spät haben wir´s?“, fragte Hanna.

„Kurz nach zehn.“

„Gut, gehen wir rein, der nächste Gang muss gleich serviert werden.“

Kaum saßen sie, kam der Hauptgang. Während sie das Filet aßen, deutete Wolf-Dieter mit dem Kopf zur Bar. „Da ist er!“, sagte er mit belegter Stimme.

„Welcher?“, fragte der Graf.

„Der zweite von links, der, der unseren Kellner gerade zusammenscheißt.“

„Unangenehmer Typ!“, sagte Sarah, „das sieht man auf den ersten Blick, mit dem würde ich ja nicht einmal für Geld…“

„Musst du auch nicht“, sagte Wolf-Dieter, „der hat jedenfalls nach heute Nacht absolut keinen Bedarf mehr.“

Beim Dessert fing Tante Greten laut an zu quengeln, dass sie müde sei und überhaupt sei das alles nicht so… Jedenfalls wolle sie nach Hause. Für die Galerie diskutierten sie einen Moment lang, wer Tante Greten nach Hause bringen würde, man einigte sich schließlich (natürlich) auf Wolf-Dieter.

Der rief Udo auf dem Handy an, Udo versprach in zwanzig Minuten da zu sein.

Zwanzig Minuten später kam der Kellner an den Tisch, um mitzuteilen, dass draußen ein Auto auf sie warten würde.

Tante Greten und Wolf-Dieter verabschiedeten sich von den anderen, dann verließen sie das „Beethoven“ um draußen in Udos Leihwagen zu steigen.

Udo brachte die beiden in die Hübnerstraße. Sie gingen noch auf ein Bier in den Augustiner und setzten sich den Tresen. Wolf-Dieter bestellte drei Bier. Pille zapfte und servierte sie mit der Bemerkung, dass er Wolf-Dieter noch nie so schick gesehen habe. Auch Tante Greten machte er nette Komplimente, nur Udo sehe ja so aus wie immer, er solle sich an Wolf-Dieter mal ein Beispiel nehmen.

Wolf-Dieter erzählte, dass sie auf dem Schwarz-Weiß-Ball im „Beethoven“ gewesen seien, dass Tante Greten müde geworden sei und sie jetzt ein letztes Absackerbier trinken wollten... Genau in dem Moment kippte Tante Greten Wolf-Dieter ihr Bier über den Smoking!

Wolf-Dieter sprang auf, schimpfte wie ein Rohrspatz, dass der einzige Smoking, den er habe und dass der schließlich neu und nun versaut sei..., natürlich inklusive Hemd und Schuhe.

Tante Greten war das Ganze fürchterlich peinlich. Sie meinte, sie sollten besser gehen, denn sonst würde Wolf-Dieter sich noch erkälten in dem nassen Zeug! Wolf-Dieter zahlte und sie gingen die paar Meter nach Hause.

„Gut gemacht“, lobte Wolf-Dieter Tante Greten, „das war absolut echt.“

Udo brachte Tante Greten nach oben, während Wolf-Dieter nach Hause lief, die nassen Klamotten auszog, sich kurz abseifte und den anderen Smoking anzog, der schon bereit hing. Ein paar Minuten später sah er wieder „wie neu aus“! Er legte sein Handy auf den Tisch und nahm sich das bereit liegende anonyme Handy – er hatte zwar nicht die Absicht zu telefonieren, aber sicher war sicher.

Udo hatte sein Handy bei Tante Greten gelassen. Damit war – zumindest was die elektronischen Signaturen ihrer Handys anging – klar, dass er sie abgeholt und nach Hause gebracht hatte und sie die Wohnungen dann nicht mehr verlassen hatten.

Sie hatten das vorher so abgesprochen, eigentlich nur, weil sie es „sportlich“ sahen... Wolf-Dieter hatte überlegt, ob er nicht einfach auf die Polizei warten solle, weil, bis die eine Anklage zusammen hätten, wäre er an seinem Krebs gestorben...

Aber dann hatte er selber gesagt, dann wäre da ja noch die Sache wegen dem Edgar in der Messestadt und – und das sei viel wichtiger – er hätte die Spur auf die anderen gelenkt, von wegen ähnliche Waffen und so!

Udo ging zum Auto, wartete auf Wolf-Dieter und brachte ihn wieder zum „Beethoven“.

„Die Waffe liegt unter deinem Sitz“, sagte er auf halber Strecke im Altstadtring-Tunnel, „ich habe sie überprüft, alles klar, ist geladen und gesichert.“

Wolf-Dieter fummelte unter dem Vordersitz herum und fand die Pistole. Er schaute sie gar nicht groß an, fast als ob sie ihm unangenehm sei, schraubte den Schalldämpfer ab und steckte beides in die Jackentaschen.

Udo setzte ihn 50 Meter vom „Beethoven“ entfernt ab, Wolf-Dieter zündete sich eine Zigarette an und ging hustend zum Lokal. Dort gesellte er sich zu den anderen Rauchern vor der Tür und erläuterte denen, dass er ein paar Schritte habe machen müssen..., wegen der Luft! Vom Rauchertisch vor der Eingangstür nahm er sich offenbar gedankenverloren einen Zahnstocher, den er einsteckte. Den anderen Rauchern wurde es zu kalt, sie entschieden sich, wieder hinein zu gehen. Wolf-Dieter wartete noch einen Moment, dann ging auch er – aber nur zwei Schritte weit, dann lächelte er und drehte wieder um. Ihm war eine Idee gekommen: Er nahm mit einem Stück Silberpapier aus einer Zigarettenpackung, die jemand in den Aschbecher geworfen hatte, einen benutzten Zahnstocher und steckte ihn in die Tasche: „Da könnte aber jemand echt in Schwulitäten kommen“, dachte er lächelnd, „na und?“

Dann mischte er sich wieder unter das Publikum – er warf keinen Blick zu dem Tisch, an dem er vor einer dreiviertel Stunde noch gesessen hatte, sondern durchquerte das Lokal und öffnete die Tür zum Gang.

Die Garderobiere strickte immer noch konzentriert, sie achtete nicht darauf, wer an ihrer Garderobe vorbeiging – das Strickmuster forderte ihre volle Aufmerksamkeit. Nur wenn jemand einen Mantel oder seine Tasche wollte, hielt sie kurz inne mit ihrer Handarbeit.

Er machte die Tür zur Toilette auf, schaute kurz hinein, einer wusch sich die Hände, aber der schaute sich begeistert seine superweißen Zähne im Spiegel an, wahrscheinlich waren sie neu, und kümmerte sich nicht um ihn, und Wolf-Dieter ließ die Tür gleich wieder zufallen.

Dann ging er die paar Meter bis zur Gangbiegung. Er schaute sich nicht um, sondern ging einfach weiter, als ob er hierher gehöre.

Vor der Tür mit dem Schild Direktion zog er zuerst die dünnen Handschuhe an und zog sie so hoch wie möglich unter die Smoking-Ärmel, dann holte er Pistole und Schalldämpfer aus den Taschen und schraubte sie sorgfältig zusammen. Sie passten wie füreinander gemacht – und das waren sie ja auch. Dann öffnete er ohne angeklopft zu haben mit der linken Hand die Tür zum Büro des Direktors, in der Rechten, die er herabhängen ließ, hielt er die Pistole. Das Zimmer wurde nur von einer Schreibtischlampe erhellt. „Wagenfeld“, dachte Wolf-Dieter und wunderte sich, auf welche seltsamen Dinge er im diesem Moment achtete, „und was hat er für eine miese Funzel reingedreht“ – oder war es ein zweiter Wolf-Dieter, der als neugieriger und aufmerksamer Beobachter neben ihm stand?

Der Schreibtisch war hell genug zum Lesen beleuchtet, das Zimmer selbst lag im Halbdunkel. Der andere Wolf-Dieter hatte offenbar alle Zeit der Welt zum Denken, denn er dachte: „Schade, du hättest Hut und Trenchcoat anziehen sollen, dann wäre das jetzt die Szene aus Der Eiskalte Engel und du wärest Alain Delon.“

„Ja“, antwortete er sich selber, „aber der war jünger, sah besser aus, hustete nicht und wurde zum Schluss erwischt... Und außerdem, mit Hut und Trenchcoat würdest du draußen auffallen wie ein Strauß in einer Pinguinbatterie...“

Der Direktor saß an seinem Tisch, blätterte in etwas und sah erstaunt auf – es war, als würde er ihn jetzt erst bemerken.

„Was wollen sie?“, fragte er unfreundlich und fügte bevor Wolf-Dieter antworten konnte kurz hinzu: „Raus!“

„Dich umbringen“, antwortete Wolf-Dieter leise.

Der Direktor langte zu einer Schreibtischschublade, öffnete sie.

„Schieß“, sagte der andere Wolf-Dieter, „sofort! Du machst die Szene kaputt! Rein... bumm, bumm und raus!“

Wolf-Dieter schüttelte den Kopf und meinte sowohl den Direktor als auch sein alter ego: „Nicht doch“, und nach einem kurzen Moment des Zögerns: „Finger weg! Schublade in Ruhe lassen!“

„Was?“, fragte der andere fassungslos und „Warum?“

„Quatsch nicht!“, mahnt Wolf-Dieter II, „schieß endlich!“

Doch Wolf-Dieter I wollte es sagen: „Wenn es dich interessiert: Wegen meiner Tochter..., ist aber lange her!“. Der andere schaute ihn an, hielt seine Hand jetzt still.

Wolf-Dieter I schaute zurück. Mach schnell, dachte er jetzt selber. Während er den Direktor ansah, beugte er zweimal leicht den Zeigefinger. Es war ganz einfach, viel einfacher als er gedacht hatte... Aber er verspürte keinesfalls eine Spur von Befriedigung... Dafür ging es zu schnell. Es machte zweimal leise „plopp“, das war´s... Zweimal schlug ein Geschoss in die Brust des Direktors ein, zweimal zuckte der Direktor des „Beethoven“. Dann lag er still in seinem Schreibtischstuhl. Komischerweise dachte Wolf-Dieter II noch: „Vitra!“ und meinte damit die Marke des teuren Stuhls, „schade eigentlich um den schönen Stuhl“.

Wolf-Dieter I und II blickten noch einmal auf das Opfer. Dann verschwand Nummer II. Über dem Herzen bildeten sich beim Toten zwei Blutflecken in dem weißen Hemd, die schnell zu einem verschmolzen.

Wolf-Dieter, er war jetzt wieder er ganz allein in sich, schaute ihn noch einmal an, befand, dass er wirklich tot sein müsse und legte die Pistole vorsichtig auf den Boden, als könne er sie sonst kaputt machen.

Dabei fixierte er sein Opfer – aber das rührte sich nicht mehr... Eigentlich, so empfand es Wolf-Dieter, war es zu schnell gegangen, zu einfach für den anderen, der kaum Schmerzen und wohl auch kaum Angst gehabt hatte, dafür, dass der seine Tochter auf dem Gewissen hatte... Es war so schnell gegangen. Wie lange hatte das Ganze gedauert? Eine halbe Minute? Eher weniger!

Seine Tochter, sein Goldlöckchen, hatte garantiert keinen so schnellen Tod auf irgendeinem dreckigen Klo in einem miesen Club gehabt... Sie war elendlich und langsam krepiert! So einen Tod hatte er sich für den anderen, den Mörder seiner Tochter gewünscht: Langsam, schmerzhaft, sich in die Hose pissend und scheißend vor Angst! Auf dem Boden hätte er im eigenen Blut kriechen sollen, mit schmerzverzerrtem Gesicht um Gnade winselnd... Aber jetzt war es zu spät. Und die Knie hätte er ja nicht treffen können, weil der andere ja hinter dem Schreibtisch saß.

Dann schüttelte Wolf-Dieter leicht den Kopf, wie um sich zu befreien, drehte sich zur Tür und zog den innen steckenden Schlüssel aus dem Türschloss. Er verließ das Zimmer, schloss die Tür von außen ab, zog den Schlüssel ab und steckte den angekauten Zahnstocher so weit es ging in das Schlüsselloch und brach ihn dann ab.

Als er um die Ecke des Ganges bog, standen Sarah und der Graf in enger Umarmung mitten im Flur und verhinderten so, dass jemand den Gang in Richtung Direktionszimmer gehen konnte.

Wolf-Dieter sagte: „Entschuldigung“, und presste sich ohne einen Blick mit ihnen zu wechseln an ihnen vorbei und ging auf die Toilette. Dort wählte er eine freie Kabine. Er nahm sich die Linsen aus den inzwischen brennenden Augen, zog sich das Toupet vom Kopf, steckte es in die Jackentasche, rubbelte sich die Haare und entfernte mit etwas Wasser aus der Toilette auf Toilettenpapier die Farbe aus den Augenbrauen. Draußen wusch er sich das Gesicht mit etwas kaltem Wasser aus dem Hahn, rieb sich das Gesicht mit einem Tuch aus dem Spender trocken, nahm etwas von einem der angebotenen Duftwässer, er wählte herb, klopfte sich einige Male auf die Wangen, schaute in den Spiegel – er war wieder „er“. Auch Nummer II stand nicht mehr neben ihm... Schließlich atmete er noch einmal tief durch und ging wieder „unter die Menschen“.

Sarah und der Graf hatten ihren Platz im Gang verlassen und saßen brav auf ihren Stühlen und unterhielten sich mit Hanna.

Wolf-Dieter verließ das „Beethoven“, stellte sich zu den anderen Rauchern, bat einen um Feuer und lobte hustend mit den anderen das ausgezeichnete Menü und die gute Musik, die „so gut tanzbar“ war.

Kurze Zeit später sah er Hanna, Sarah und den Grafen das Lokal verlassen und in ein Taxi steigen.

Er wartete noch ein paar Minuten, bis die Mitraucher wieder reingegangen waren. Dann winkte er einem vorbeifahrenden Taxi und ließ sich die Fasaneriestraße bringen. Als das Taxi in der Dunkelheit um die nächste Ecke in der Volkartstraße verschwunden war, öffnete er die Tür zum Metalllager und balancierte vorsichtig zu Udos Werkstatt, in der noch Licht brannte.

Dort saß Udo bei schummriger Beleuchtung auf dem Arbeitstisch und ließ die Beine baumeln. Er hielt eine halb geleerte Flasche Augustiner in der Hand, Bayern 1 spielte leise Oldies. Als er Wolf-Dieter sah, hob er zur Begrüßung die Flasche etwas an: „Willkommen im Club!“, sagte er leise lächelnd, „alles gut hinter dich gebracht?“

„Ja!“, nickte Wolf-Dieter, „ich weiß nur nicht, ob ich jetzt froh bin oder ob ich mich beschissen fühle.“

„Ja“, sagte Udo nachdenklich, „das ist wohl so.“

Er deutete auf einen Kleiderhaufen neben sich, „hier sind deine Klamotten, denn zieh dich man mal um...“

Wolf-Dieter reichte ihm nacheinander alles, was er trug. Als er nackt war, zog er die Sachen an, die er am Nachmittag in die Werkstatt gebracht hatte. Alles, was er ausgezogen hatte, steckte Udo in den Kanonenofen, in dem das Holzfeuer hoch loderte.

Damit besaß Wolf-Dieter nur noch einen Smoking und der hatte garantiert Bier- aber garantiert keine Schmauchspuren.

„Gib mir auch mal ein Bier, bitte“, sagte er und als er es „wie ein Mann“ mit einem leichten Schlag auf die Kappe am Amboss geöffnet hatte, nickte er Udo zu: „Prost, Udo. Nein“, sagte er und nahm einen großen Schluck, „um ehrlich zu sein: Mir geht es ziemlich mies... Aber ich glaube, das ist nicht, weil ich den Kerl umgebracht habe, das ist wohl eher der Krebs, glaube ich, der langsam gewinnt...“, und nach einer Weile fügte er hinzu: „… ist ja vielleicht auch besser so! Jetzt, wo ich meine Tochter gerächt habe, kann ich sterben. Endlich.“

„Scheiße“, meinte Udo ernst und Wolf-Dieter antwortete: „Du sagst es!“

Sie saßen eine ganze Weile stumm beieinander. Niemand hatte das Bedürfnis zu reden. Das Zusammensein war ihnen genug.

Irgendwann sagte Udo: „Mach nicht zu früh schlapp, Wolf-Dieter, wir haben noch ein Ding zu erledigen.“

Wolf-Dieter schaute ihn fragend an.

„Edgar!“

„Klaro“, sagte Wolf-Dieter leise, „Edgar, das schaffe ich noch, aber wir müssen das bald durchziehen! Sonst müsst ihr es ohne mich machen, das fühle ich!“

„Nö“, sagte Udo und gab Wolf-Dieter, der inzwischen neben ihm auf dem Tisch saß, einen leichten Schubser auf den Arm, „mit dir mein Junge, mit dir und nur mit dir.“

Wolf-Dieter lächelte zurück und sagte nichts. Dann tranken sie in stummer Eintracht noch ein Bier.

Später gingen sie stumm durch die Volkart- und die Fuertererstraße nach Hause, nicht, dass Pille sie vielleicht noch sehen würde, denn Wolf-Dieter lag für den doch schon seit Stunden im Bett.

Am nächsten Morgen war Udo in der Werkstatt, Willi war nicht da, also war er allein auf dem Gelände. Udo räumte seine werkstatt auf, hatte die Asche aus dem Ofen geschaufelt, um sie in einen Müllcontainer eines Hauses um die Ecke in der Volkartstraße zu entsorgen, denn da war heute „Mülltag“ und die Container standen auf der Straße. Im Radio dudelte Musik.

Plötzlich hörte er ein „Guten Morgen!“

Er drehte sich um und erstarrte: Polizei! In Uniform.

Scheiße. Hatten sie sie? Hatten sie einen entscheidenden Fehler gemacht? Welchen? Wann? Gestern? Das war aber schnell gegangen... Und keine Hanna in der Nähe, die kluge Hanna, die immer einen Rat wusste, oder zumindest Sarah, die nie die Nerven verlor und die alles mit ihrem Charme machen konnte, alles..., vor allem bei Männern, auch einen Bullen einwickeln! Oder der Graf, der war auch klug, eher clever! Der würde sich nicht einwickeln lassen und garantiert nicht das Falsche sagen... Er war doch nur ein Werftarbeiter aus Hamburg, den es nach München verschlagen hatte... O man, wäre er doch nur da oben an der Küste geblieben!

„Ja?“, krächzte er. Mehr konnte er nicht sagen. Nur dieses fragende „ja“.

„Guten Morgen“, sagte der Polizist noch einmal freundlich, „wir hatten da einen Anruf, heute Nacht.“

„Tatsächlich?“, fragte Udo wieder, immer noch vorsichtig.

„Da war Licht auf dem Gelände. Sie, das ist ja lebensgefährlich hier... Räumt hier denn niemand mal auf? Da kann man sich ja die Beine brechen. Wenn das mal die Berufsgenossenschaft sieht, sie, da haben sie aber echte Probleme am Hals!“

„Ja, da haben sie schon Recht, aber ich bin hier nur Untermieter der Werkstatt hier... Für den Rest ist der Willi für zuständig, dem gehört das alles! Aber der ist nicht da. Um was geht es denn?“. Er konnte langsam wieder halbwegs geradeaus denken.

„Ja, also, heute Nacht, da sollen sich hier Leute rumgetrieben haben... Da haben Nachbarn angerufen. Die Streife, die wir vorbei geschickt haben, hat aber nichts gesehen.“

„Ach das“, sagte Udo erleichtert, „das waren ich und ein Freund. Wir haben uns bei zwei oder drei Bier festgequatscht, wissen sie“. Er lachte und deutete auf die Bierkiste unter sich, „Können auch mehr gewesen sein, Bier, meine ich.“

„Und wie lange waren sie hier?“

„Das muss so bis gegen zwei Uhr morgens gewesen sein, kann auch eine halbe Stunde später gewesen sein, jedenfalls war dann wohl die Kiste leer. Und die Kneipe war schon zu.“

Der Polizist schaute in einen Notizblock und sagte, „Ja, das passt! Fehlt denn etwas?“

„Nur das Bier“, lachte Udo jetzt.

„Na gut“, sagte der Polizist, „das war´s dann. Nichts für ungut.“

„Ja“, sagte Udo, „und vielen Dank für ihre Sorge um mich.“

„Das ist unser Beruf, dafür sind wir ja da!“

„Ja, schon, trotzdem... Danke!“ Udo schaute bekümmert in die Kiste: „Ich kann ihnen nicht einmal ein Bier anbieten…“

„Bin eh im Dienst“, lachte der, „vielleicht ein anderes Mal?“

Als der Polizist sich umdrehte um die Werkstatt zu verlassen, rief Udo ihm übermütig hinterher: „Und seien sie vorsichtig, der Weg raus ist echt Scheiße!“

17. Oktober. Die mz berichtet

Rätselhafter Mord in Szenelokal: hat Der Eiskalte Engel zugeschlagen?

Während im Szenelokal in der Maximilansstraße ca. 250 Gäste des Schwarz-Weiß-Balles lachten, tranken, tanzten und sich vergnügten, spielte sich direkt nebenan im Zimmer des Direktors eine Tragödie ab: Der Direktor Heinz V. (55) wurde im Laufe der Nacht vom 15. auf den 16. Oktober in seinem Arbeitszimmer an seinem Schreibtisch sitzend erschossen.

Die Putzfrau fand am Vormittag die Tür zum Arbeitszimmer des in der Münchner Gesellschaft sehr beliebten Direktors verschlossen vor. Das Schloss war mit einem eingeführten Zahnstocher-ähnlichem Gegenstand blockiert. Ein zur Hilfe gerufener Schlüsseldienst öffnete die Tür und fand den Toten in seinem Sessel.

Die sofort gerufene Polizei teilte inzwischen mit, dass der Tote mit zwei gezielten Schüssen hinter seinem Schreibtisch niedergestreckt worden sei, einen Kampf habe es offenbar nicht gegeben. Die polizeilichen Ermittlungen hätten die Tatzeit auf zwischen 23.00 und 01.00 in der fraglichen Nacht eingeschränkt.

„Das sieht ganz nach Profiarbeit aus“, sagte Polizeisprecher Heinz Müller auf der gestrigen Pressekonferenz und fügte hinzu, dass die Kriminalpolizei in alle Richtungen ermitteln würde, auch ein Bandenverbrechen unter Beteiligung mafiöser Organisationen sei nicht auszuschließen, was man unter anderem aus der am Tatort vorgefunden relativ seltenen Waffe schließen könne, die unter anderem gerne von Auftragskillern verwendet werde.

Das Opfer konnte sich offenbar nicht wehren, obwohl es selber eine Pistole im Schreibtisch liegen hatte. „Das muss alles sehr schnell gegangen sein“, sagte Heinz Müller, und aus seinen wiederholten Worten, dass der Mord sehr professionell abgelaufen sein muss, spricht fast so etwas wie Bewunderung für den Täter.

Den Ablauf stellte die Polizei wie folgt dar: Der Mörder muss sich eiskalt seinen Weg durch die feiernden Menschen gebahnt haben, dann in den Gang zum Büro gegangen sein, denn es gibt keine Hintertür außer in der Küche und die war ständig besetzt. Schließlich muss er das Opfer mit zwei schnellen präzisen Schüssen erledigt haben und dann muss er genauso eiskalt wieder rausgegangen sein. Da er einen Schalldämpfer verwendete, konnte niemand etwas hören. „Mit Schalldämpfer macht das verwendete kleine Kaliber höchstens leise „plopp“, erläuterte der Polizeisprecher, „keine Chance, dass das im Ballraum jemand hören konnte.“

Auch die Garderobiere beteuert, niemanden gesehen zu haben: „Ich habe die ganze Nacht aufgepasst wie ein Luchs“, sagte uns die Rentnerin Helga T. (75), die aus ihrer Garderobe den einzigen Gang zum Zimmer des Ermordeten im Auge hat, „... schon wegen der wertvollen Pelzmäntel, die die Damen bei mir abgeben! Da muss ich ja aufpassen... Mein Gott, das sind so schöne Pelze, nicht wahr ...“, und auf Nachfrage der Redaktion: „Nein, da war niemand, garantiert nicht, bei mir schleicht sich kein Mörder unseres Direktors einfach so durch! Nicht bei mir! Das waren ja alles nur richtige Herren an dem Abend... Einen gedungenen Mörder hätte ich ja sofort erkannt...“

Die ganze Sache bleibt äußerst mysteriös!

Alle Gäste des Schwarz-weiß-Balles werden gebeten, sich bei der Kriminalpolizei zu melden. „Leider ist die Gästeliste, die uns vorliegt, nicht vollständig“, bedauerte der Polizeisprecher, der dennoch einen schnellen Fahndungserfolg erwartet: „Der Druck ist groß!“, gab Heinz Müller abschließend zu und bat die Bevölkerung, z. B. Spaziergänger, Fahrrad- oder Autofahrer, die in der Tatzeit in der Maximiliansstraße unterwegs waren, um sachdienliche Hinweise.

17. Oktober. Frühstück in der Hübnerstraße

9.45 Uhr. „Gratuliere“, sagte Hanna und faltete die mz zusammen, „Du bist jetzt ein Profikiller, Wolf-Dieter!“

„Wie kommst du denn da drauf?“, fragte der.

„Weil die mz schreibt, dass die Polizei das sagt: „So gut kann nur ein eiskalter Profi sein, ein Profi!“

„Naja“, meinte Wolf-Dieter, „stolz bin ich jetzt darauf nicht unbedingt, aber ich bin froh, wenn ich keinen von euch da mit reinziehe!“

„Ja“, sagte der Graf, „wann erledigen wir die Jungs aus der Messestadt? Das ist dann das letzte Ding!“

„Bis auf Hannas Rache“, wand Sarah ein, „vergiss die nicht!“

„Nein, aber so viel ich verstanden habe, findet die nicht in München statt“, antwortete der Graf,

„Richtig“, bestätigte Hanna, „das wird in Norddeutschland geschehen. Udo, hilfst du mir dabei?“

„Klar doch, Hanna“, sagte der, „alles, was du willst.“

„Brauchst du mich auch?“, fragte Sarah.

„Weiß ich noch nicht, da steht noch etwas in der Zeitung“, sagte Hanna, „nämlich, dass die Pistole eine selten eingesetzte Killerwaffe ist.“

„Ist das nicht gut?“, fragte Udo.

„Nun“, sagte Hanna bedächtig, „das könnte eine Spur sein.“

„Was bedeutet?“, fragte Udo.

„Das wir die Gewehre einsetzen sollten. Die vier oder fünf in der Messestadt, das wird garantiert ein Riesending für die Polizei und die Presse. Wenn wir da die Pistolen einsetzen, also diese seltenen Waffen aus dem Osten, dann legen wir eine Spur, die gar nicht zu übersehen ist.“

„Das sollten wir vermeiden. Sonst gibt es eine Sonderkommission und was die Bullen sonst alles drauf haben“, ergänzte der Graf, „Wolf-Dieter, was ist mit dir, du sagst gar nichts.“

„Mir ist nicht gut, Schmerzen, scheiß Krebs... Wir müssen uns beeilen, sonst bin ich weg, bevor es losgeht!“

„Armer Kerl“, sagte Hanna, „trotzdem, die Dinge müssen sich erst einmal beruhigen, also, ich meine, die Bullen.“

„Ja, ja“, sagte Wolf-Dieter leise, „ein bisschen halte ich schon noch durch... Aber nicht mehr allzu lange!“

Der Graf legte ihm seine Hand auf dem Arm: „Das Ding ziehen wir beide durch, Wolf-Dieter“, sagte er, „ohne dich geht das gar nicht. Du warst doch auch ziemlich eng mit Edgar! So lange musst du einfach durchhalten. Wo ist eigentlich unsere Alterspräsidentin, Tante Greten?“

„Der ist auch nicht gut, die liegt im Bett“, sagte Hanna, „ich war vorhin bei ihr. Sie sieht schlapp aus!“

„Also gut“, sagte der Graf, „aber an die Gewehre müssen wir uns gewöhnen, ein paar Übungsschüsse wären gut, das sind ja schon seltsame Dinger. Udo, kannst du die nicht mal mitbringen?“

„Ja, klar“, sagte Udo, „mache ich. Wann?“

„Warte ein paar Tage“, sagte Hanna, „nicht, dass die Polizei hier irgendwann auftaucht, weil sie ja schließlich alle Gäste vom Ball verhören will.“

„Glaubst du wirklich?“, fragte Udo, „dass die hier auftauchen?“

„Angsthase!“, lachte Sarah ihn aus, „das würden wir auch noch hinkriegen, nicht Hanna? Wir beide im Team, da hat doch kein Mann eine Chance!“

„Das glaube ich allerdings auch“, bestätigte Hanna, „wie sieht es heute mit Mittagessen aus? Was bietet Frau Z. heute?“

„Schweinebraten! Ist doch Mittwoch...“

„Da hätte ich mal wieder Appetit drauf, wer isst mit?“

Alle! Udo rief an und bestellte und sagte, ja, er würde gegen 12.30 Uhr kommen und ja, gerne mit viel Soße...

25. Oktober. Georgenstraße

Vor der Einfahrt zu den Garagen stand ein Abschleppwagen. Herr D., der Automechanikermeister von der Shell-Tankstelle in der Schwere Reiter Straße begrüße Udo, Wolf-Dieter und den Grafen und den unvermeidlichen Hausmeister Werner, der nicht zulassen konnte, dass irgendetwas in seinem Gäu, sprich Hof passierte, was er nicht wusste und genehmigt hatte.

„Wo steht denn das Prachtstück?“, fragte Herr D.

„Hier drinnen“, sagte Udo und öffnete die Garagentür.

Meister D. pfiff bewundernd: „Das ist ja wirklich ein schönes Stückchen Auto“, sagte er bewundernd, „wenn wir Glück haben, ist gar nicht viel zu machen. Naja, ein Weilchen wird es schon dauern, ich muss mir das in der Werkstatt genauer anschauen.“

„Ja“, sagte Udo, „das eilt nicht.“

„Na, dann wollen wir mal“, sagte Meister D., „erst einmal müssen wir den auf die Straße rausschieben!“

Mit fünf Mann war das keine große Sache und ein paar Minuten später stand das Auto auf der Straße. Es sah so völlig anders aus, als das was da sonst an unseligen SUVs von BMW, AUDI und VW herumstand. Der alte Borgward war wie eine schöne alte Frau. Er strahlte Persönlichkeit und eine gereifte Schönheit einer anderen Epoche aus. Er war irgendwie... ja, überwältigend.

Gespannt schauten sie zu, wie Meister D. den Wagen mit einer Seilwinde auf den Abschleppwagen zog.

„Lust auf ein Bier?“, fragte Udo seine Helfer, als Meister D. mit seinem Augenstern um die Ecke verschwunden war.

Alle wollten, am meisten Werner – aber der wollte vor allem wieder einmal in die Garage schauen. Es hatte ihm gar nicht gepasst, dass Udo neue Schlösser eingebaut hatte. Was nützte ihm da der heimlich angefertigte Zweitschlüssel? Aber den hatte er ja gebraucht, schließlich lag es in seiner Verantwortung, dass in den Garagen nichts Gefährliches oder gar Brennbares lagerte! Da musste er doch ab und zu reinschauen, das war ja keine Neugierde!

Die Garage sah jetzt ziemlich leer aus. Udo hatte in der Zwischenzeit ein wenig Werkzeug aus seiner Werkstatt in der Fasaneriestraße gebracht, nur das Wichtigste. Und eine alte Werkbank hatte er hier aufgestellt.

Neugierig starrte Werner die beiden großen Stahlkisten an, die da auch noch standen. „Was ist denn da drin?“, fragte er arglos.

„Nichts“, antwortete Udo genauso arglos und verteilte die von ihm flugs geöffneten Bierflaschen, „nur Bier. Das habe ich nur gut weggeschlossen, damit es keine Beine bekommt.“

Alle außer Werner lachten, der schaute säuerlich.

„Nee, im Ernst“, fügte Udo hinzu, „da ist Werkzeug drin: Eine Bohrmaschine, eine Flex..., so Sachen halt. Nix besonderes. Würde ich dir ja gerne zeigen, aber ich habe die Schlüssel zuhause vergessen...“

In Wirklichkeit lagen da die Waffen drin, die er aus dem Kofferraum des Borgward hatte nehmen müssen. Und die Kisten waren mit dem Boden der Garage verschraubt – die brachte keiner hier fort!

Einige Tage später ging er zur Tankstelle in der Schwere Reiter Straße, um sich beim Meister zu erkundigen, wie es um seinen Borgward stand.

„Der sieht gut aus“, befand Meister D., „wir müssen das Benzin abpumpen, das Öl austauschen, neue Zündkerzen reinsetzen, den Motor mal von Hand durchdrehen. Ich würde die Bremsen erneuern und natürlich eine neue Batterie, das wäre es schon fast.“

„Was noch?“, fragte Udo.

„Naja, vielleicht ein paar neue Elektrokabel und neue Reifen braucht er auf jeden Fall. Weißwandreifen wären schön.“

„Ja, machen sie das“, befand Udo.

„Ja“, sagte Meister D., „was ich noch machen würde, aber das ist kein Muss: Bei einem so schönem Auto würde ich die Sitze zum Sattler bringen, die haben am meisten gelitten... und da gehören nun einmal diese senfgelben Ledersitze rein, finde ich!“

„Stimmt“, meinte Udo und nickte, „machen sie das auch. Wie lange wird das dauern?“

„Mit den Sitzen? Vier bis fünf Wochen, denke ich, wenn ich gleich einen Termin beim Sattler bekommen kann.“

„Wenn nicht, sagen sie mir Bescheid, ich kenne da zwei junge Männer in Trudering, das sind Künstler, sage ich Ihnen, toll, was die schon alles gemacht haben!“

„Ich rufe sie an!“, sagte der Meister und damit verabschiedete Udo sich.

1. November. Messestadt Riem

Udo fuhr den Grafen und Wolf-Dieter aus der Hübnerstraße in die Messestadt. Sie wollten sich einen letzten Überblick über die Situation am U-Bahnhof Messestadt-Ost verschaffen.

Am Vormittag hatte es geschneit und jetzt am späten Nachmittag schien die tief stehende Sonne aus blauem Himmel. Als sie auf dem Mittleren Ring am Olympiastadion entlang fuhren, stand die Sonne hinter ihnen und ließ das Olympiastadion im Schnee erstrahlen. Das Stadion lag hinter den Bäumen der sog. Parkharfe – alles war wie mit Puderzucker überstreut und sah sehr romantisch wie eine technische Berg- und Tallandschaft aus.

„Schön, nicht?“, sagte Udo zu dem neben ihm sitzenden Grafen und deutete nach rechts auf das Stadiongelände.

Der Graf und Wolf-Dieter, der hinten saß, schauten zwar hin, sagten aber beide nichts, sie waren in Gedanken versunken.

Im Richard-Strauß-Tunnel bog Udo ab, um in den Seitentunnel zu gelangen, der sie unter dem Haupttunnel hindurch zur Autobahn in Richtung Passau führen würde.

Am Beginn der Autobahn stehen links und rechts Bäume, die heute wie von einem japanischen Künstler in die Landschaft getuscht aussahen, mit dem Schnee als weißen Belag. Udo gefiel das sehr gut, aber er sagte diesmal nichts, weil er merkte, dass den beiden Mitfahrern nicht nach Reden und erst recht nicht nach den Schönheiten der Natur war.

In der Messestadt angekommen fuhr er schweigend zum U-Bahnhof Messestadt-Ost. Er musste ca. einhundertfünfzig Meter weiter fahren, erst am Beginn der Selma Lagerlöf-Straße fand er einen Parkplatz. Als sie ausstiegen sagte Wolf-Dieter von hinten: „Lasst mich einfach hier sitzen, schaut ihr euch das an. Ich bin müde!“

Der Graf nickte Udo zu und bedeutete ihm über das Autodach hinweg, das zu akzeptieren, ohne etwas zu sagen. Als sie ein paar Meter weit gegangen waren, sagte der Graf: „Ich glaube, es geht bald zu Ende mit Wolf-Dieter, er ist so schlapp, er mag nicht mehr, glaube ich.“. Udo nickte zustimmend.

Bald hatten sie den oberirdischen Teil des U-Bahnhofes erreicht: Ein Gerippe aus Stahlträgern streckte sich waagerecht, senkrecht und in 45 Grad Winkeln gerade und einige elegant gebogen unter einem flachen Tonnendach aus Wellblech, das am Rand in Glas überging, in die Höhe.

Das Dach wölbt sich über eine von gläsernen Wänden eingefasste Grube mit einer Rolltreppe, die zu einem Zwischengeschoss und von dort tief hinab zu den U-Gleisen führt, und über einen Fahrstuhlschacht mit ebenfalls gläsernen Wänden – das Ganze hatte schon irgendwie Stil!

Entlang der Glaswände des Rolltreppenschachtes standen vielleicht 30 Sitze aus unzerstörbaren Stahlrahmen mit Drahtgeflecht. Hier konnten die Fahrgäste, durch das Dach vor Regen geschützt, auf die Busse warten, die hier ihre Endstation hatten – an den Wind, der die Schlucht der Willy-Brandt-Alle ziemlich stark entlang pfeifen konnte, hatten die städtischen Ausschreiber offenbar nicht gedacht, dem blieben die Wartenden schutzlos ausgesetzt. Aber kalt und trocken war immerhin besser als kalt und nass.

Udo schaute auf den Aushangfahrplan: Der letzte Bus ging nachts um halb eins, die letzte U-Bahn kam respektive fuhr um halb vier Uhr morgens.

Ansonsten war hier… nichts, kein Unterstand, kein Kiosk, nicht einmal ein Automat. Kiosk und Automaten fanden sich allerdings eine Etage tiefer im Zwischengeschoss.

Eine Berufsschule ragte mit ihren dunklen Fassadenplatten zweihundertfünfzig Meter entfernt in der Selma Lagerlöf-Straße auf. Diese letzte Straße der Messestadt bestand auf der einen Seite aus drei Schulen und auf der anderen aus hoch aufragenden Mietskasernen – alles, bis auf die Berufsschule ganz in Weiß gehalten. Wie die ganze Messestadt keine Farbflecke aufwies, alles „weiß“ – die ehemalige Münchner Stadtbaurätin wollte „Mediterranes“ schaffen und deshalb mussten alle Häuser weiß sein. Das azurblaue Meer gab es nicht, es sei denn, man zählte den kleinen Buga-See in der Näher als ein solches „Meer“.

Das dem U-Bahnhof nächste Wohnhaus des sozialen Wohnungsbaues stand in ähnlicher Entfernung wie die Berufsschule – aber in anderer Richtung. Zwischen Berufsschule, Wohnbebauung und U-Bahnstation lag eine rechteckige tief liegende Brache, die sicherlich irgendwann einmal bebaut werden würde, vielleicht mit dem von den Messestädtern so sehnlich gewünschten Supermarkt – im Moment war es eine „halbe Baugrube“ (was die Tiefe anging), die von fast mannshohem wilden Bewuchs beherrscht wurde, durch den sich einige Trampelpfade zogen, die die Anwohner auf ihren täglichen Wegen von und zur U-Bahn mit ihren Füssen geschaffen hatten.

Die U-Bahnendstation lag am Ende der Willy-Brandt-Allee, die hier nach einem Kreisverkehr (rund um das von den Messestädtern so genannte „Elefantenklo“, das ein riesiges Loch und auch eine Sonnenuhr war, was kaum jemand wusste, und wenn doch, deren Funktion nicht verstand) in den de-Gaspari-Bogen überging.

Direkt gegenüber dem Stahlbau auf der anderen Seite der Willy-Brandt-Allee befand sich die letzte Halle des Messegeländes. Schräg gegenüber war noch ein Parkhaus, denn kam das große Nichts des riesengroßen Parkplatzes des Messegeländes.

„Das ist ja wirklich am Arsch der Welt hier“, sagte Udo sich umschauend, „hier ist… nichts! Endstation. Im Sinne des Wortes.“

„Gut für uns“, meinte der Graf, der sich interessiert das oberirdische Gerüst des Bahnhofsgebäudes anschaute, „gut, wenn hier nichts los ist. Die Jungs, die sich hier rumtreiben müssen, sind ja fast zu bedauern. Ich sehe keine Videokamera“, sagte er, „seltsam…, siehst du etwas? Die Dinger hängen doch sonst überall rum! Ist doch hier in München fast wie in London, alles videoüberwacht.“

Udo schaute und schaute bis er endlich sagte, „Nee, nichts da. Da ist auch keine versteckt angebracht!“

Sie umrundeten das Bauwerk und fanden schließlich eine Kamera, die aber im Niedergang über der Rolltreppe hing und nur diese zu überwachen schien.

„Da ist wirklich nichts“, stellte Udo fest.

Im Zwischengeschoss und im Bahnsteigbereich fanden sie dagegen mehrere Kameras. „Das war zu erwarten“, sagte der Graf, „dass sie das hier unten überwachen. Aber oben ist keine. Komm, wir schauen noch einmal, ich kann das kaum glauben.“

Sie schauten die Dachkonstruktion systematisch durch, sie fanden keine Kamera!

„Naja“, sagte der Graf, „das macht die Sache einfacher – und vom Bürgersteig bis zu den Sitzen, auf denen sich die Lümmel wohl rumtreiben, sind es gerade vier Meter.“

„Da wären Pistolen viel einfacher als Gewehre“, befand Udo und der Graf stimmte zu: „Viel besser! Komm jetzt gehen wir noch einmal ins Parkhaus da drüben auf der anderen Seite der Straße. Obwohl, das gibt schon einen ziemlich schrägen Schusswinkel und dann sind da noch die Bäume dazwischen.“

Er deutete auf ein paar mittelgroße Bäume, die vor dem Parkhaus auf einer kleinen Grünfläche geparkt waren. Im Moment sah alles so sauber, so weiß aus, weil alles mit Schnee überpudert war.

„Das ist nichts, glaube ich, zu weit weg und zu schräg!“

Udo nickte zustimmend, dann gingen sie zurück zu ihrem Auto, in dem ein friedlich paffender Wolf-Dieter saß.

Als sie die Tür öffneten, sagte der: „Leute, kein Wort über die Zigarette, bitte, ich kann das nicht mehr hören. Die Zahl der Schachteln, die ich noch rauche, kann ich eh an zwei Händen abzählen, vielleicht auch nur an einer. Wie war´s!“

„Ganz gut“, sagte der Graf, „keine Kameras im Stationsbereich.“

„Sieht so aus, als ob wir es da drüben machen“, sagte Wolf-Dieter und nickte in Richtung des U-Bahnhofes.

„Genau“, sagte der Graf, „da, und zwar mit den Pistolen, die Entfernung beträgt nur drei oder vier Meter!“

„Gut“, sagte Wolf-Dieter, „das wiederum hört sich so an, als ob ich es schaffen könnte… Und dann ist Feierabend für mich.“

„Man könnte natürlich auch einen Pritschenwagen nehmen“, sagte der Graf nachdenklich, „zwei Mann liegen hinten drauf, die Gewehre auf Sandsäcke abgestützt. Keiner kann uns von außen sehen. Der Wagen hält kurz auf der anderen Seite der Willy-Brandt-Allee, wir schießen durch schmale Schlitze in der Plane, die Kerle fallen um und der Wagen fährt weiter und ist fort“

„Das mit dem im Liegen schießen gefällt mir!“, sagte Wolf-Dieter, „wäre vielleicht besser für mich. Das würde mir mehr Sicherheit geben, als aus dem Auto auszusteigen und zu schießen!“

„Finde ich nicht schlecht, die Idee“, befand Udo, „Du hast immer Ideen! Und die Schussentfernung beträgt keine Hundert Meter, wahrscheinlich nur fünfzig – für Gewehre ein Klacks, fast zu dicht!“

„Ja, das checken wir zu Hause ab, da sollten wir mit Hanna drüber sprechen… und dann müssen wir prüfen, ob die Kerle immer noch nachts hierher kommen.“

„Das will ich doch hoffen!“, sagte Udo, „Mensch, denkt euch mal, die kommen nicht mehr, das wäre vielleicht eine Scheiße, wäre das! Dann müssten wir die suchen und vielleicht sogar einzeln…, also, einen nach dem anderen…“. Alle fanden, dass das echt Scheiße wäre.

Udo fuhr um den Kreisel zurück in die Willy-Brandt-Allee in Richtung Willy-Brandt-Platz und wendete dann wieder, damit fuhr er zurück in Richtung U-Bahnhof. Er rollte langsam an der Stahlkonstruktion entlang und hielt dann kurz vor den Sitzen.

„Siehst du“, sagte der Graf, „von hier aus sind es vier Meter, oder?“

„Maximal“, befand Wolf-Dieter, „das könnte man auch aus dem Auto heraus schaffen.“

„Mag sein“, gab der Graf zu bedenken, „aber das Ziehen und Zielen ist schwierig im Sitzen!“

Hinter ihnen hupte laut und anhaltend ein blauer Bus, der sie von seiner Haltestelle verdrängen wollte.

„Ja, ja“, sagte Udo leise, „ist ja schon gut“, und fuhr los. Diesmal fuhr er den de-Gaspari-Bogen entlang: Links das Parkhaus, rechts die Berufsschule, dann links der riesige Parkplatz des Messegeländes, auf dem Samstagvormittags ein riesiger Flohmarkt stattfand, rechts ein Sportplatz und dann die beiden Rodelhügel.

„Hier ist nachts wirklich nichts los“, sagte Udo, „perfekt für uns… Geht nicht besser.“

Dann folgte zur Linken ein locker bebautes Industriegebiet und rechts das Erdwärmekraftwerk, wieder: Nachts tote Hose. Dann kam eine sehr große, aber wenig frequentierte Ampelkreuzung und schließlich ging es zum Zubringer auf die Autobahn. Auf beiden Seiten grasbewachsene Pampa und dahinter riesige Kieshaufen. Das war ihr Fluchtweg.

„Easy“, sagte Udo, „das müsste schon mit dem Teufel zugehen, wenn uns hier einer sieht, na, und wenn schon…, dann sind wir schon lange fort vom Ort des Geschehens.“

„Schön gesagt“, warf Wolf-Dieter von hinten ein, nachdem er einen Hustenanfall überwunden hatte, „Ort des Geschehens! Tatort hört sich sehr viel böser an.“

Zwanzig Minuten später waren sie wieder am Leonrodplatz und Udo suchte sich einen Parkplatz, der mindestens vierhundert Meter von ihrem Wohnhaus entfernt war, um das Auto zu verstecken.

„Schaffst du das zu Fuß?“, fragte er Wolf-Dieter besorgt.

„Langsam gehen“, sagte Wolf-Dieter, „klar, wird schon gehen. Kommt, lasst uns einen Umweg machen und bei Ernstl vorbeischauen. Da kann ich mich auch mal setzen.“

Das früh eingebrochene Winterwetter war prächtig. Eine dünne Schneedecke funkelte hier und da in der Sonne. Am Kiosk hatten sie drei Kaffee bestellt und sich an den Tisch unter den Wärmepilz gestellt, den Ernstl für seine Gäste aufgestellt hatte. Für Wolf-Dieter hatte der Graf um einen Stuhl gebeten, den Ernstl gerne herausgebracht hatte.

Erst hatten sie ein wenig mit Ernstl geplaudert, dann hatte der sich um sein wieder florierendes Geschäft kümmern müssen.

Der Graf hatte sich sicherheitshalber noch einmal umgeschaut, ob sie auch wirklich alleine waren.

„Manchmal ist das Internet ja wirklich brauchbar“, sagte er dann, „ich habe gestern Abend noch die Fahrpläne für die Haltestelle Messestadt-Ost gecheckt.“

Er holte einen Zettel aus der Tasche, legte ihn auf den Tisch, strich ihn glatt und begann zu dozieren: „Der U-Bahnhof wird angefahren von der U-Bahn, natürlich, also der U2 und vier Buslinien.

Die U-Bahn fährt bis 0.52 im Zwanzig-Minuten-Takt, dann alle Stunde – aber solange werden die Burschen sich da nachts in der Kälte nicht rumtreiben. Die paar Fahrgäste, die nachts mit der U-Bahn ankommen, werden durch das Zwischengeschoss und das „Elefantenklo“ eine Ebene tiefer in Richtung Wohnhäuser in die Messestadt gehen, also mitten durch die dunkle Pampa. Die sehen nichts, die interessieren uns also weniger!

Interessanter sind die Busse. Die der 228er-Linie fahren das letzte Mal kurz vor neun Uhr abends und die der X400-Linie sogar kurz vor acht! Die interessieren uns also auch nicht.

Ab 23.30 fährt nur noch der 190er alle zwanzig Minuten vom U-Bahnhof ab. Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass da noch viele Leute einsteigen, das ist die Endstation im Nirwana, wahrscheinlich steigt da niemand ein und deshalb wird sich da auch keiner rumtreiben – aber das sollten wir prüfen! Und dann ist da ja noch der Busfahrer!

Wir haben also, wenn der 23.30-Bus abgefahren ist, ein Zwanzig-Minuten-Fenster, in dem wir vor Ort sein, die Kerle erschießen und wieder weg sein müssen! Besser, wir rechnen mit zehn oder sogar nur fünf Minuten von der Ankunft eines Busses bis zur Abfahrt. Vielleicht machen die Busfahrer dort eine Pause?“

„Wir können in der Nähe im Dunklen warten“, sagte Udo, „bis die Luft rein ist.“

„Ja, genau“, stimmte der Graf zu.

„Aber der nächste Busfahrer findet die natürlich da rumliegen“, gab Udo zu bedenken.

„Ja, aber dann sind wir schon auf der Autobahn. Der Zeitplan ist eng, aber realistisch, das ist zu machen, denke ich. Und wenn der Busfahrer die Polizei gerufen hat, dann muss die erst einmal kommen, schauen und dann reagieren, das geht da draußen ja nicht in ein paar Minuten. Bis die richtigen Leute da draußen vor Ort sein können, liegen wir schon lange im Bett“, sagte Wolf-Dieter.

Als Ernstl wieder Zeit für sie hatte, sprachen sie schon wieder über Alltägliches und Ernstl fragte, ob er noch etwas für sie tun könne?

„Wie wäre es mit Currywurst mit Salat?“, fragte Udo in die Runde. Wolf-Dieter winkte dankend ab, aber der Graf wollte auch eine, wenn es immer noch der von Ernstl selbst gemachte Salat sei!

„Für euch doch immer!“, lachte Ernstl und kniff ein Auge, „für meine liebsten Kunden, meine Freunde! Das Curry-Ketchup ist selber gemacht: Apfelcurryketchup, klasse, sage ich euch! Ein Bier dazu? Geht auf mich.“

Udo und der Graf bestellten also das „ganze Programm“ und zwar „scharf!“, Wolf-Dieter wollte kein Spielverderber sein, er bestellte ein stilles Wasser.

Als Ernstl bei Ihnen abserviert hatte, gesellte sich der Streifenpolizist zu ihnen, der Udo neulich besucht hatte und bestellte Currywurst und Bier.

„Na“, sagte er zu Udo, „schon aufgeräumt im Lager?“

„Naja“, lachte Udo, „so ein bisschen, ist viel Arbeit! Aber man sieht es gar nicht richtig.“

Als der Polizist Wurst, Kartoffelsalat und Bier bekam, schaute Udo Ernstl fragend an und deutete auf die Flasche: „Bier? Hier?“

„Mein Gott“, sagte Ernstl, „Currywurst ohne Bier, das geht doch gar nicht, oder?“

Der Polizist lachte und sagte, wenn man so lange wie er dabei sei, dann habe man gelernt, dass man in seinem Beruf auch mal die Kirche im Dorf lassen müsse, und Ernstl hätte schon Recht, Currywurst ohne Bier? Unmöglich! Auch für Polizisten.

15. November. Im Augustiner

23.30 Uhr. „Man, ist das kalt draußen“, schimpfte Udo, als sie im Augustiner Platz genommen hatten, „Pille, mach uns mal zwei Bier und zwei Korn, das ist ja scheißkalt draußen.“

Als der Graf von der Toilette zurück kam, brachte Pille die Biere und fragte: „Was treibt euch denn raus, wenn es so kalt ist? Hier bei Vattern ist es doch viel gemütlicher.“

„Ach, wir waren einfach mal Luft schnappen“, sagte der Graf und setzte sich, „Udo hätte sich wärmer anziehen sollen.“

Dann nahm er erst seinen Korn und dann sein Bier und prostete Udo zu: „Prost, Udo!“

„Das müssen ja ganz arme Schweine sein, wenn die sich bei der Kälte da draußen rumtreiben“, meinte Udo und meinte die Riemer Rocker, „da pfeift doch der Wind, da muss man ja fast Mitleid mit denen haben.“

„Mit denen?“, fragte der Graf kalt, „da würde ich mal Edgar fragen, was der dazu sagt: Mitleid?“

„War nicht so gemeint“, wiegelte Udo ab und nahm noch einen großen Schluck. „Aber würdest du dich bei dem Sauwetter da an der U-Bahnstation rumtreiben? Haben die kein Zuhause?“

„Wohl kaum“, sagte der Graf bedächtig, „sonst wären die ja da. Dort in der Messestadt gibt es ja auch nichts, eine einzige Kneipe, glaube ich, höchstens zwei – das ist alles, kein Kino, nicht einmal eine Spielhalle, die wäre wenigstens geheizt. Wundert einen ja fast, dass da nicht noch mehr Jungens ausflippen. Arbeit gibt´s da draußen ja auch nicht für die. Ja, bei der Messe, vielleicht, aber dafür musst du ja ein bisschen Grips im Kopf haben. Ansonsten? Pullover in den RiemArcaden verkaufen? Nein, arbeitslos und Hartz IV, das ist deren Schicksal. Wahrscheinlich über Generationen.“

Er trank noch einen Schluck und gab Pille ein Handzeichen, noch einmal zwei zu zapfen, dann fuhr er fort in seinem Monolog: „Hast du dir mal den Stadtteil angeschaut? Nur schnurgerade Straßen, alles weiß getünchter Beton. Wenn da mal schlechtes Wetter ist, dann jagst du da keinen Hund vor die Tür. Da ist auf Kilometer nichts, um sich unterzustellen. Und dann der Park, in dem die Wege genauso schnurgerade sind. Die spinnen!“

„Die da wohnen?“, fragte Udo.

„Nein, die können ja nichts dafür, die müssen da ja wohnen, ist doch meist sozialer Wohnungsbau. Aber die, die sich da eine teure Eigentumswohnung gekauft haben, die spinnen doch eh, die sind ja selber schuld, dass sie da wohnen. Nein, ich meine die Verbrecher, die das geplant haben, oder die das immer noch planen. Aber glaube mir, von denen wohnt da keiner, garantiert nicht! Übrigens, ich habe gehört, jetzt sollen die die erste Straße planen, die einen Knick oder eine Kurve hat.“

„Was du nicht sagst!“

„Und über 100 Nationalitäten sollen da wohnen.“

„Glaube ich nicht, gibt es denn so viele?“

Pille hatte wie ein Weltmeister gezapft und brachte die beiden Biere.“

„Also, wir sind jetzt eine Woche lang jeden Tag da draußen gewesen, immer waren die Kerle abends an der U-Bahnstation, mit einem oder zwei Bier dabei“, sagte Udo, „einmal drei, meistens aber alle fünf!“

„Wird Zeit für uns!“

„Dass wir sie fertig machen?“

„Das auch, dass wir nach Hause kommen!“, sagte der Graf und rief: „Pille, zahlen, bitte – alles auf meinen Deckel.“

Pille stand hinter dem Tresen und machte die Bestellung eines anderen Tisches fertig: „Gleich!“, rief er.

„Tut doch nicht nötig“, widersprach Udo zaghaft.

„Nein, ist aber so.“

„Na gut, danke.“

„Nächste Woche fahren wir noch zwei Mal zur Kontrolle raus, würde ich sagen“, schlug der Graf vor, „und wenn die dann wieder da sind, dann legen wir einen Termin fest. Der Erste Advent wäre doch ein schönes Datum, oder? Und wenn wir Pech haben, fahren wir am nächsten Tag wieder raus – bis wir sie alle zusammen vor den Flinten haben!“

1. Dezember. Hübnerstraße

19.30 Uhr. Sarah war ins Hannas Wohnung gegangen, um sich deren schwarze Perücke, die mit den kinnlangen Haaren und dem Pony, auszuleihen. Dann ging sie ins Studio, um sich umzuziehen.

Sie hatten besprochen, dass sie „original“ einfach zu hübsch sei, man würde sich an sie erinnern, daher die Perücke, daher die dunklen Linsen, daher das helle Make-up. Was hatte Udo so nett gesagt: An eine Frau wie dich erinnert sich eh jeder. Da müsse sie sich schon große Mühe geben, wenn sie das verhindern wolle.

Also sie zog einen BH an, der ihren üppigen Busen deutlich flacher machte. Den hatte sie in dem kleinen Wäschegeschäft am Dom, das jetzt von Frau Lucchetta betrieben wurde, kaufen wollen. Aber die hatte ihr gesagt, „so etwas“ würde bei ihr nicht verlangt, ihre Kundinnen und vor allem deren Männer wollten alle etwas mehr, eher sogar viel mehr, nicht weniger.

„So etwas“ würde sie wahrscheinlich beim Sport-Scheck bekommen, die hätten „so etwas“. Das Wort Sport-BH hatte sie einfach nicht über die Lippen gebracht.

Gut, Sarah hatte dann noch etwas im Sortiment herumgeschaut und sich den einen oder anderen BH „für mehr“ und einige Slips dazu gekauft. Es war ihr letzter Einkauf dort gewesen, denn Frau Lucchetta hatte ihr eröffnet, dass sie und ihr Wolfgang den Laden schließen würden, um nach Lübeck zu ziehen, da seien sie aus dem Schuss, hatte sie gesagt – was Sarah verstand, denn die Ermordung des legendären Geschäftsinhabers im Laden war tagelang durch alle Zeitungen gegangen. Dort sei es für sie sicherer, hatte Frau Lucchetta noch gesagt, keine Mafia da oben im Norden, glaube sie. Und wo keine Mafia, da keine Morde. Naja, hatte Sarah gesagt, wenn es nur so wäre und dann hatte sie den beiden von Herzen Alles Gute gewünscht.

Als Sarah nun in den Spiegel blickte war sie wirklich nicht wiederzuerkennen, fand sie. Da stand eine andere, eine fremde Frau vor ihr. Aber Sarah war es ja gewohnt, Rollen zu spielen, das kam in ihrem Beruf so häufig vor, sie konnte ihre „Spielrollen“ nicht mehr zählen.

Dann zog sie einen schwarzen Mantel über Jeans und Pulli und war fertig. Halt, die Handys der anderen (die „offiziellen“, die zugelassenen, die registrierten) musste sie noch einstecken, das war ja der Sinn der ganzen Scharade. Falls irgendwer sie verdächtigen sollte, waren sie alle zusammen im Kino gewesen – wie die Handy-Positionen, die ja vom Betreiber gespeichert wurden, beweisen würden. Nun, vielleicht nicht beweisen, aber ihre Spur wäre „verschmiert“.

Sarah ging zum Taxistand am Leonrodplatz und fuhr ins Kino CITY, da wurde Anna Karenina gezeigt. Sie kaufte vier Karten, das war kein Problem, sie hatten extra einen Film ausgesucht, der schon etwas länger lief, damit das Kino nicht voll wäre.

Wolf-Dieter, der Graf und Udo hatten sich den Film am Nachmittag angeschaut, damit sie ihn „für alle Fälle“ kannten, falls mal jemand, zum Beispiel die Polizei – Gott bewahre – nachfragen würde, sicher war sicher!

Der Filmplot interessierte Sarah nicht, Oberst Wronsky war nicht ihr Typ, aber sie musste bis zum Schluss ausharren. Als der Film gegen 22.30 endlich zu Ende war, blieb sie noch einen Moment im Kino sitzen, dann nahm sie eines der Handys und schrieb einen SMS an Hanna: „AK: Kein toller Film! Hast nichts verpasst!“.

Danach stand sie auf und ging.

Am Stachus zückte sie das zweite Handy und schrieb die folgende SMS auch an Hanna: „Gehen noch auf ein Bier, wird aber nicht spät!“

Und am Hauptbahnhof schrieb sie vom dritten Handy eine weitere SMS an ihr eigenes Handy: „Wo seid Ihr, verd…? Habe euch verloren“ und antwortete „Bhf. Haupthalle. Würstchenbude. Warten mit Bier!“

An der Bude kaufte sie vier Dosen Bier.

Damit war ihr Job erfüllt, und sie schenkte das Bier zwei Männern auf dem Bahnhofsplatz, die so aussahen, als ob sie sich darüber freuen würden. Dann ließ sich von einem Taxi zum Leonrodplatz fahren und ging von dort aus nach Hause.

„Hoffentlich ist alles gut gegangen“, dachte sie bei sich.

Die Kinokarten bewahrte sie auf, damit sie sie „für alle Fälle“ wiederfinden würde.

1. Dezember. U-Bahn-Station

21.30 Uhr. Auf der Fahrt in die Messestadt war es sehr still im unauffälligen alten Golf. Keiner sagte etwas. Udo fuhr, hielt sich an alle Geschwindigkeitsbeschränkungen (sogar an die „60“ und dann an die „80“ am Anfang der Autobahn, die sonst niemand einhielt), er war bei keinem Gelb über die Ampel gefahren, superkorrekt!

An der Ausfahrt Messe hatte er die Autobahn verlassen, war dann rechts in die Messestadt abgebogen in Richtung der Riem­Arcaden und dann an der Willy-Brandt-Allee nach links. In Höhe des Bauzentrums, wurde er noch langsamer.

„Ist noch ein Stückchen“, sagte der Graf neben ihm.

„Ich weiß“, antwortete Udo.

Als sie an der Stahlkonstruktion des oberirdischen Teiles der U-Bahnhofes Messestadt-Ost ankamen, war keine Menschenseele zu sehen.

„Scheiße“, sagte Wolf-Dieter von hinten, „keiner da, wo sind die Mistkerle?“

„Keine Ahnung“, sagte der Graf, „jedenfalls nicht da.“

Man konnte die Spannung im Auto geradezu spüren.

„Und nun?“, fragte Wolf-Dieter, „was machen wir jetzt? Warten?“

„Ich fahre einmal den großen Bogen um das Messegelände, vielleicht kommen sie ja noch“, schlug Udo vor, der sich hier inzwischen bestens auskannte.

„Was ist das für ein Turm, der rote, der passt ja gar nicht hierher?“, fragte Wolf-Dieter irgendwann.

„Der alte Tower“, klärte Udo ihn auf, „der vom alten Flugplatz München-Riem, steht unter Denkmalschutz und keiner weiß damit etwas anzufangen.“

„Am Willy-Brandt-Platz da vorne wieder links“, kam es von hinten.

„Ja, ich weiß, ich habe den Eindruck, da hatte jemand etwas gegen Willy Brandt, so eine Brache, so ein Ödland hat der nun wirklich nicht verdient, finde ich“, lachte der Graf, „und dann die Willy-Brandt-Alle, die sieht eher aus wie eine Wunde als wie eine Allee, trotz der Bäume.“

„Naja, wer in Polen in die Knie gegangen ist…“, gab Wolf-Dieter zu bedenken.

„Nein, daran kann´s nicht liegen, München ist SPD, oder fast immer, das waren schon die Genossen selber, die ihrem Ex-Bundeskanzler den vermaledeiten Platz und die Allee verpasst haben.“

„Gut gemeint ist eben manchmal völlig daneben.“

Dann war wieder Ruhe im Wagen, denn sie näherten sich erneut dem U-Bahnhof. Auf den Bänken (oder waren es Stühle?) vor dem U-Bahnhof saßen zwei junge Männer in Lederjacken.

„Da sind sie!“

„Ja. Aber nur zwei, fahr weiter!“

„Wenn die da sind, dann kommen die anderen vielleicht noch?“

„Hoffentlich, noch eine Runde, möglichst langsam, gib ihnen Zeit.“

Udo fuhr noch eine Runde. Als er den Willy-Brandt-Platz wieder erreicht hatte, bog er diesmal statt nach links nach rechts ab.

„Häh?“, gab der Graf erstaunt von sich, „keine Traute mehr?“

„Möglichst langsam, hast du gesagt, kleiner Umweg.“

„Ach so!“

Der Graf und Wolf-Dieter hatten ihre Pistolen zwischen den Beinen, die Läufe nach unten.

„Noch nicht entsichern“, sagte der Graf, „erst im letzten Moment. Ich möchte keine Ladung in den Hintern kriegen.“

„Schon gut“, sagte Wolf-Dieter, „mach dir nicht ins Hemd, erst wenn wir aussteigen.“

Udo hatte in der Zwischenzeit einen U-Turn gemacht und fuhr wieder in Richtung der U-Bahn-Station. Weit und breit war kein Auto zu sehen, die Willy-Brandt-Allee lag wie tot vor ihnen.

Sogar der Mund aus dem dreiteiligen Kunstwerk „Herz, Hand und Mund“, das sie auf dem Grünstreifen hinter sich ließen war stumm, war kaputt, aber das war schon lange so.

Als sie am U-Bahnhof ankamen, saßen vier Bandenmitglieder auf den Stühlen, ein fünfter stand vor ihnen und redete auf sie ein.

„Da kommen Leute aus der U-Bahn“, flüsterte Wolf-Dieter.

„Fahr weiter, dreh am Kreisel um und fahr zurück bis zum Bauzentrum. Da drehen wir wieder.“

„Ja, gut.“

Die Menschen, die aus dem Ausgang der U-Bahn gekommen waren, verschwanden schon im Dunkel der Pampa hinter der U-Bahn-Station. Aber die könnten sie hören.

Also fuhr Udo noch einmal um den Kreisel, fuhr zum Bauzentrum, drehte um und fuhr zum dritten Mal zum U-Bahnhof. Die vier saßen immer noch, hatten die eine oder andere Dose Bier geleert und amüsierten sich offenbar trotz der Kälte.

„Halt direkt vor ihnen“, wies der Graf Udo an, „fertig, Wolf-Dieter? Alles bereit? Hast du die Mütze auf?“

„Ja“, knurrte Wolf-Dieter zurück, „geben wir´s ihnen! Entsichern!“

Udo hielt an. Der Graf stieg vorne aus, Wolf-Dieter hinten, beide waren in lange schwarze Mäntel gekleidet, auf dem Kopf trugen sie Tante Gretens Mützen. Die Pistolen hielten sie in der Hand, ließen sie herab hängen, mehr oder weniger verdeckt von den weiten Mänteln.

„Ey, Ihr, ihr Alten was wollt ihr denn hier?“, rief einer der fünf ihnen zu, „Ist doch viel zu spät für euch! Ist noch nicht Sperrstunde im Altersheim? Das ist unser Platz hier, haut ab, man, das hier ist nichts für euch. Es sei denn, ihr wollt einen Satz heiße Ohren, die könnt ihr haben...“

„… oder wir machen euch Opas Beine!“, fügte ein anderer laut lachend hinzu. Jetzt grölte die ganze Bande, einer warf eine halb volle Bierdose nach ihnen, traf aber nur das Auto.

„Schon gut, Jungs, nichts für ungut, wir gehen gleich wieder“, sagte der Graf abwiegelnd, „ich habe da nur eine Frage.“. Das letzte sagte der Graf so leise, dass nur er und der direkt neben ihm stehende Wolf-Dieter es verstand, und dann lauter: „Dann sind wir gleich wieder weg.“

„Ey, die haben Knarren!“, brüllte plötzlich einer der jungen Männer und zeigte mit dem ausgestreckten Arm auf Wolf-Dieter und in Panik: „Die wollen uns abknallen.“

„Genau“, sagte der Graf, „richtig erkannt. Und zwar bevor ihr weglauft…“

Und wie ein Mann hoben beide, der Graf und Wolf-Dieter, ihre Pistolen und zielten auf die fünf. Einen Moment lang geschah nichts. Dem Grafen kam es so vor, als ob er sich in einem Schwarz-Weiß-Film befände. Er nahm plötzlich keine Farben wahr und hörte keine Laute. Er nahm nur die fünf vor sich und die Pistole in seinen Händen wahr. Es war wie in einem Tunnel, und zwar in einem ganz engen!

Die Zeit schien ihm verlangsamt, die Bewegungen ihrer Opfer waren sooo langsam. Ein oder zwei versuchten – wie in Zeitlupe – aufzustehen. Der Graf schüttelte nur den Kopf, sagte nichts, sie setzten sich wieder. „Scheiße“, dachte der Graf, sie hatten vergessen abzusprechen, wer auf wen schießen würde. Zu spät!

Er entschied sich für die beiden links und hoffte, das Wolf-Dieter die rechten nehmen würde.

„… schießen wir“, beendete er seinen Satz.

Er zielte zuerst auf den Stehenden, ganz links, den er für den Boss der Bande hielt. Er schoss. Er sah, wie sein Opfer in der Brust getroffen wurde. Er sah es in Zeitlupe nach hinten kippen und zusammensacken.

„… und weißt du warum?“, fragte er ihn, obwohl der schon nichts mehr verstand, „Das ist alles nur wegen Edgar!“

Er sah die vor Entsetzen weit aufgerissenen Augen der anderen. Die wussten jetzt, dass sie es ernst meinten. Er roch die Angst der anderen, von denen mindestens einer in die Hose gepisst hatte. Er drehte den Kopf ein wenig, schaute den Zweiten an, den er gleich erschießen würde. Er sah, dass der ihn entsetzt und in Todesangst anschaute, den Mund weit aufgerissen hatte, um zu schreien. Er hörte nichts. Der andere wollte wieder aus dem Drahtstuhl aufstehen. Als er sich halb erhoben hatte, schoss der Graf. Er traf, natürlich, aus der Entfernung. Der andere sackte zurück in den Stuhl, zuckte mit den Beinen, dann lag er still.

Der in der Mitte schrie. Jetzt hörte der Graf ihn.

Wolf-Dieter lehnte mit leicht gespreizten Beinen mit den Rücken gegen das Auto. Er hatte seine Pistole mit beiden Händen ergriffen. Er schaute den ersten, dem Burschen ganz rechts, in die Augen. Dort sah er pure Panik.

„Nein“, wollte der wohl sagen, brachte aber nichts heraus. Er sank in die Knie und faltete die Hände, als ob er beten wolle. Er sah Wolf-Dieter an, schüttelte den Kopf, als wolle er ihn davon abbringen zu schießen. Zu spät. Wolf-Dieter zielte mit seiner Pistole auf die Stirn des Knienden (auch er hatte das Gefühl, alle Zeit der Welt zu haben) – dann senkte er den Lauf ein wenig und drückte sanft den Abzug durch. Der Rückschlag war weniger stark als er erwartet hatte. Trotzdem wurde der Lauf etwas nach oben gerissen und er traf genau in die Stirn.

Sein Opfer blieb einen Moment so knien, als ob er nicht getroffen worden sei – dann fiel er zu Seite um.

Wolf-Dieter wurde einen Moment lang schwarz vor Augen. Er zielte mit der einen Hand auf den zweiten von rechts und rieb sich mit der anderen Hand die Augen. Dann konnte er wieder sehen. Der andere schaute ihn fragend an.

„Warum?“, fragte Wolf-Dieter an seiner Stelle, „Du willst wissen, warum? Frag´ Edgar! Naja, Pech gehabt, der ist tot, den habt ihr ja umgebracht.“

Und dann schoss er und der andere sackte auf dem Stuhl, auf dem er gesessen hatte, zusammen, auch seine Hände und Beine zuckten einen Moment lang unkontrolliert – dann lag auch er still!

Der Mittlere war aus seinem Sitz langsam zu Boden gesunken, er weinte und er hatte in die Hosen gemacht.

„Bitte“, stammelte er, „bitte, bitte…, nein…, ich habe doch nichts gemacht.“

Der Graf blickte ihm ins Gesicht, zielte ihm zwischen die Augen… Der andere weinte nur noch, er war der jüngste, er hatte Todesangst, er wartete auf den Schuss.

Da steckte der Graf die Pistole ein und ließ ihn am Leben.

Wolf-Dieter rutschte langsam am Auto hinunter, er war vollkommen fertig, er wollte nicht mehr! Er konnte nicht mehr. Dass der Graf den Letzten am Leben ließ, bekam er in diesem Moment gar nicht mit.

Wer zuerst geschossen hatte, war unwichtig, jedenfalls hatte es einige Male leise „plopp“ gemacht und vier von der Vorstadtbande waren tödlich getroffen zusammengesunken und lagen jetzt am Boden. Alle waren in die Brust oder in den Kopf getroffen worden. Es floss gar nicht so viel Blut... Die Bahnhofsbeleuchtung tauchte die Szene in ein unwirkliches Licht, drum herum war es stockdunkel. Kein Mensch war zu sehen.

„Steh auf“, hörte Wolf-Dieter jemanden sagen, „es ist vorbei!“. Dann realisierte Wolf-Dieter, dass er gemeint war und dass es die Stimme des Grafen war: „Du darfst jetzt nicht schlapp machen. Reiß dich zusammen! Bitte, komm jetzt! Wir müssen weg!“

Wolf-Dieter fühlte, wie ihm die Pistole aus der Hand genommen wurde und wie er hochgezogen wurde. Dann wurde er irgendwie auf den Vordersitz bugsiert, schließlich saß er im Auto – es war ein halbes Liegen, ein halbes Sitzen. Die Tür wurde zugeschlagen und wieder geöffnet, dann stopfte jemand seinen Mantel unter ihn und dann fiel die Tür wieder zu. Er hörte eine zweite Tür ins Schloss fallen und dann hörte er eine Stimme sagen: „Los! Fahr doch endlich los, Udo, da hinten kommt der Bus, verdammt.“

Dann hörte Wolf-Dieter nichts mehr. Er merkte nicht, das Udo anfuhr, durch den Kreisverkehr in den de-Gaspari-Bogen und dann weiter. In der leichten Linkskurve fiel er nach rechts gegen die Tür, sein Kopf pendelte haltlos. Er sah ein blendend weißes Licht,wie einen Tunnel.

„Schnall dich an, bitte“, schrie Udo, „nun mach doch, Wolf-Dieter!“

Aber Wolf-Dieter hörte nichts mehr. Denn Wolf-Dieter war tot. Aber das erkannten die anderen beiden noch nicht.

„Leg ihm den Gurt um, damit es zumindest so aussieht, als ob er angeschnallt sei!“, flehte Udo den Grafen an.

An der Ampelkreuzung mussten sie bei Rot warten. „Ganz ruhig“, sagte der Graf von hinten, „wir sind schon weit weg. Die kriegen uns nicht mehr. Bleib ganz ruhig! Es ist vorbei!“

Als sie Grün bekamen, fuhr Udo an und musste im gleichen Moment das Lenkrad nach rechts reißen, weil von links ein großer schwarzer Schatten aus der Paul-Henri-Spaak-Straße angeflogen kam, der sich einen Scheiß darum kehrte, dass er Rot hatte. Der unmittelbar vor ihnen einbog und fast mit ihnen zusammengestoßen wäre. Wolf-Dieter fiel durch die ruckartige Ausweichbewegung Udo in den Arm, was den wieder ins Schleudern kommen ließ. Obwohl Udo gar nicht schnell war, drehte sich der Golf quietschend um die eigenen Achse. Gut, dass hier so viel Platz war – und kein Verkehr!

Der Schatten, der sich als großer dunkler Mercedes herausstellte, schleuderte ebenfalls über die ansonsten leere Kreuzung und streifte leicht den Pfosten eines Verkehrsschildes und blieb dann stehen. Udo hatte den Golf inzwischen fluchend in den Griff bekommen, Wolf-Dieter mit einer Armbewegung von sich geschubst und fuhr an dem noch stehenden Mercedes vorbei, hinter dessen dunkel getönten Scheiben man einen Fahrer schemenhaft winken oder fluchen sehen konnte.

Udo fuhr bedächtig die zweihundert Meter bis zur Auffahrt auf die Autobahn in Richtung München, die hier einen besonders großen Bogen schlägt. In der Kurve wurde er von dem wild mit den Scheinwerfern blinkenden und laut hupenden Mercedes überholt, der dann unmittelbar vor ihnen einscherte und Udo zwang, abrupt anzuhalten, während er selbst auf dem Rasen rechts neben der Straße zum Stehen kam.

Nach einem Moment öffnete sich die Tür des Mercedes und ein dunkelhaariger junger Mann sprang heraus.

„Lass mich das machen“, sagte der Graf ganz ruhig von hinten, „ich habe die besseren Argumente, Udo.“

Er öffnete die Tür, vor der der lautstark tobende Fahrer des Mercedes stand und Udo zum Aussteigen aufforderte.

„Ja, bitte?“, fragte der Graf höflich, „ist etwas?“

Der andere schrie mit starkem türkischen Akzent diverse Unflätigkeiten und trat wütend mit dem Fuß eine Beule in den Kotflügel des Golfs. Der Graf glaubte aus dem Wortschwall inzwischen zu verstehen, dass der junge Mann sagte, er (der Graf) wisse wohl nicht, mit wem er es zu tun habe, und er würde sie fertigmachen lassen.

„Glaube ich nicht“, sagte der Graf ruhig, stieg endlich aus und hob die Pistole, deren Anblick dem tobenden Jüngling ein ungläubiges Staunen auf das Gesicht zauberte. Der Graf wies den anderen wortlos mit einigen eindeutigen Winks seiner Pistole an, sich langsam zu seinem Auto zu bewegen und einzusteigen. Als der am Steuer saß und ihn ansah, schoss ihm der Graf eine Kugel in den Kopf.

Ganz leise sagte er: „Jetzt siehst du Arschloch, wer hier wen fertig gemacht hat.“

Dann steckte er die Pistole ein, ging zum Golf, winkte dem einzigen langsam vorbeifahrenden Auto freundlich zu und gab der Fahrerin im hellblauen Mini zu verstehen, dass er alles im Griff habe. Die fuhr dankbar weiter.

Als er seinen Platz auf der Rückbank des Golfs eingenommen hatte, sagte er zu Udo: „Und jetzt nach Hause bitte – und zwar non stop, wenn´s Dir irgend möglich ist.“

Im Richard-Strauß-Tunnel fragte Udo, der sich wieder halbwegs beruhigt hatte: „Und was machen wir mit Wolf-Dieter?“

„Fahr zum Rotkreuz-Krankenhaus, da liefern wir ihn ab, etwas anderes fällt mir auch nicht ein, der ist uns einfach so gestorben…, wir wissen auch nicht, wieso!“

„Hast du eines von den sauberen Handys dabei?“

Udo reichte ihm seines nach hinten.

Der Graf rief Hannas Festnetznummer an und erzählte, was mit Wolf-Dieter geschehen sei. Von dem anderen Zwischenfall sagte er kein Wort. Dann hörte er ihr einen Moment lang zu und dann beendete er das Gespräch.

„Sie sagt auch, ins Rot-Kreuz-Krankenhaus, die kennen seine Situation, da war er ja in Behandlung… Also, wo waren wir? Wir waren im Kino. Anna Karenina. Dann sind wir zum Bahnhof gezogen. Ein Bier am Stand. Dann zum Auto. Da ist Wolf-Dieter zusammengebrochen. Mehr wissen wir nicht! Klar?“

„Klar! CITY-Kino. Anna Karenina. Am Bahnhof ein Bier. Sarah verloren. Im Auto ist er umgekippt! Wir auf dem direkten Weg zum Rot-Kreuz, weil da wurde er behandelt!“

Udo fuhr am Krankenhaus bei der Notaufnahme vor. Der Graf sagte im Aussteigen: „Zieh ihm die Handschuhe aus, schnell“, dann stürzte hinein und rief sehr aufgeregt: „Schnell…, im Auto …, mein Freund…, ich glaube er stirbt… Nun tut doch etwas!“

Es ging dann auch sehr schnell. Ein Arzt rannte zum Auto, untersuchte Wolf-Dieter und rief zwei Pfleger mit einer Trage.

„Da wird nicht mehr viel zu machen sein“, sagte er zum Grafen, „wie lange ist der schon tot?“

„Tot?“, rief der Graf, „wieso tot?“

„Weil er tot ist“, sagte der Arzt, „um es korrekt zu sagen mausetot…, und zwar schon eine Weile.“

„Wir waren im Kino, dann am Bahnhof und da ist er im Auto so komisch zusammengesackt, nicht Udo? Mensch Udo, sag doch etwas…“, brüllte der Graf gespielt aufgeregt, „der Wolf-Dieter ist tot. Tot!“

„Ja“, sagte Udo mit einem Schluchzen in der Stimme, „das war am Bahnhof, ich habe ihn geschüttelt und dann angehalten und nach ihm geschaut, aber er hat überhaupt nicht reagiert… Da sind wir dann gleich hierher. Hier ist er doch in Behandlung, also, ist er behandelt worden, muss ich jetzt ja wohl sagen!“

„Wegen was?“, fragte der Arzt, „Und wie heißt er eigentlich?“

Der Graf gab ihm die persönlichen Daten und sagte, dass der Wolf-Dieter wegen Krebs in Behandlung sei.

Inzwischen hatten andere Ärzte ein EKG und ein EEG bei Wolf-Dieter gemacht – aber der war und blieb tot, da half nichts mehr.

„Sind sie verwandt mit dem Toten?“, fragte der Arzt.

„Nein“, sagte der Graf, „wir sind seine besten Freunde.“

„Dann darf ich ihnen eh keine Auskünfte geben“, sagte der Arzt, „hat er Verwandte?“

„Nein, er ist ganz allein, aber die Hanna, eine gemeinsame Freundin, die hat, glaube ich, eine Generalvollmacht.“

„Wer ist das?“

„Eine aus unser WG.“

„Dann sollte diese Hanna sich baldmöglichst mit ihrer Vollmacht in der Verwaltung melden, sagen sie ihr das bitte?“

2. Dezember. Rot-Kreuz-Krankenhaus

11.00 Uhr. Hanna hatte in der Verwaltung des Krankenhauses ihre „Generalvollmacht über den Tod hinaus“ von Wolf-Dieter vorgelegt, die erst vor ein paar Wochen vom Notar erneuert worden war, und sich selber als die ausgewiesen, auf die die Vollmacht ausgestellt war.

Alle Unterlagen waren mehrfach kopiert worden und nachdem diverse Papiere ausgefüllt worden waren (und Hanna als Erstes und Allerwichtigstes eine Kostenübernahmerklärung unterzeichnet hatte) sowie nach einigem weiteren Hin und Her hatte das Krankenhaus ihr die Sachen von Wolf-Dieter ausgehändigt.

Darauf war es ihr angekommen, denn wie jeder Krimileser und -seher wusste, mussten Hemd, Jacke und Mantel von Wolf-Dieter Schmauchspuren aufweisen. Und falls die Polizei auf die Idee kommen würde, zugegeben, hatte Hanna gedacht, die Wahrscheinlichkeit war gering, aber man konnte ja nie wissen, welche dummen Zufälle einem einen Streich spielen konnten, also falls die Polizei irgendwie auf Wolf-Dieter kommen würde, sollten zumindest diese Spuren vernichtet sein.

Sie ging davon aus, dass Wolf-Dieters Leiche im Krankenhaus gesäubert worden war, aber dennoch hatte sie auf einer schnellen Verbrennung bestanden. Und da das Krankenhaus von den Vorgängen am 1. Dezember keine Ahnung hatte, war man von einem natürlichen Tod ausgegangen – und Wolf-Dieter war ja eines natürlichen Todes gestorben: Herzversagen bei Krebs im Endstadium, wenn das nicht „natürlich“ war – heutzutage.

Als sie Wolf-Dieters Kleidung in einer großen Plastiktüte übergeben bekommen hatte, bat Hanna darum, ihr ein Taxi zu bestellen. Sie ließ sich nach Hause fahren und klingelte bei Udo. Als der öffnete, sagte sie: „Hallo, Udo, das Zeug hier in dem Sack muss verbrannt werden, sofort! Kannst du das in deiner Werkstatt machen?“

Knapp dreißig Minuten später waren Wolf-Dieters Sachen verbrannt und die Asche auf dem Gelände des Metalllagers verstreut.

2. /3. Dezember. In der Presse

Die Taten gingen wie ein Lauffeuer durch die verschiedenen Redaktionen. Die Rundfunksender konnten am aktuellsten sein. Für die Zeitungen waren die Morde zu spät in der Nacht geschehen.

„Massenmord in der Messestadt“, „Chicago in München“ oder „Gang-Krieg im Osten“ waren die Aufmachermeldungen der verschiedenen Sender. Bayern 5 stellte am Tag nach dem Mord die aktuelle Berichterstattung aus aller Welt ein und konzentrierte sich ganz auf das Geschehen am U-Bahnhof Messestadt-Ost.

Die Polizei hatte das Gelände um den Tatort weiträumig abgesperrt und suchte nach Spuren. Da es am frühen Morgen angefangen hatte zu regnen und der Regen bald wieder in Schnee übergegangen war, hatten die Ermittler wenig Chancen, brauchbare Spuren zu finden.

Die U-Bahn mussten die Passagiere jetzt an der Station Messestadt-West verlassen. Die Absolventen der Berufsschule mussten den langen Weg entlang der Willy-Brandt-Allee zu Fuß zurücklegen. Sie kamen bei dem Schneeregen verspätet und pitschenass in der Schule an.

Rund um den Bahnhof standen Trucks mit großen Parabolantennen auf den Dächern – das Frühstücksfernsehen sendete live aus der Messestadt. Der einzige Überlebende wurde von der Polizei verhört, stand den Presseleuten also nicht zur Verfügung. Busfahrer wurden stattdessen interviewt, die konnten aber nichts sagen, außer, dass „die Jungens“ sich da abends immer rumtrieben, sonst hätten die hier ja nichts, wo sie hin könnten, nicht wahr.

Die Menschen hingen mit Ferngläsern aus den Fenstern der nächstgelegenen Wohnhäuser, aber zu sehen war eigentlich nichts.

Als sich dann rumgesprochen hatte, dass ein paar Hundert Meter weiter ein junger Türke in einem überschweren Mercedes erschossen aufgefunden worden war, machte schnell das Gerücht eines Bandenkrieges die Runde. Die Rede war von tödlichen Auseinandersetzungen um Drogen, um Verkaufsgebiete, um große Geldsummen.

Aus den Jungens von der Vorstadtgang wurden so plötzlich Schwerkriminelle und Drogenhändler.

Die Mutter des Anführers war von der mz unter Vertrag genommen worden, sie gab keinem Sender ein Interview.

Dafür erschien am nächsten Morgen die mz mit dem Aufmacher „Exklusiv-Interview mit der Mutter des Bandenchefs“, die aber von alle dem nichts wissen wollte und darauf bestand, dass ihr Junge doch ein Lieber gewesen sei, der keiner Fliege etwas zuleide tun könne und der habe doch keine Drogen genommen, höchstens mal ein Bier! Und dann noch, dass die Jugendlichen hier draußen doch keine Chance hätten! Sie schloss mit der Frage: „Wer tut denn nur so etwas?“

Der junge Türke erwies sich als jüngster Sohn eines Mannes, dessen ganze Familie in verschiedene ganz und gar nicht legale Geschäfte verwickelt war – und Drogen waren tatsächlich Teil des Geschäftes.

Am Wochenende erschien die bei den Messestädtern und Truderingern so beliebte Hallo in einer Wochenend-Sonderausgabe.

Die gut recherchierten Artikel portraitierten fundiert die vier Opfer am Bahnhof und den Toten aus dem Mercedes. Ein Zeichner hatte die Szene mit den vier Toten farbig und „fast in drei-D“ für die Titelseite dargestellt.

In einem weiteren Artikel wies die örtliche Polizeiinspektion darauf hin, dass es in der Messestadt keine so großen Probleme mit Drogen gab, als dass die Jugendgang („etwas anderes waren die nicht. Die konnten schon böse sein – aber nicht sooo böse“) in einen Drogenkrieg verwickelt sein könnte.

Eine örtliche Journalistin war die erste, die auf einen Hinweis aus Polizeikreisen hin einen Bezug zu anderen Morden in München herstellte, die im letzten Jahr mit demselben selten eingesetzten „Profi-Killer-Pistolentyp“ geschehen seien:

Der unaufgeklärte Mord an dem Chef des Szenelokal „Beethoven“, in dem bekanntermaßen Drogen an die Schickeria „vertickt“ wurden

Ein weiterer Mord an einem Wirt in der Maxvorstadt, dessen Lokal „BarHocker“ als potenzieller Drogenumschlagplatz schon mehrfach von der Polizei beobachtet worden war

Der Mord an einem Stadtrat der Landeshauptstadt, der sich für die Freigabe „weicher Drogen“ sowie von Heroinersatzstoffen stark gemacht hatte

Der Mord an einem bekannten „Kokser“ aus der Kunstszene im Museumsviertel

Das alles lasse in Summe doch nur den Schluss zu, dass ein Drogenkrieg hinter den Morden stehe, die offenbar von einem oder mehreren Profis begangen wurden. Und das wichtigste verbindende Element für die Journalistin: In jedem Fall sei der Killer unerkannt und ohne Spuren zu hinterlassen entkommen!

In einem Kommentar schrieb die Journalistin noch, darüber, dass zwar „überall“ Überwachungskameras hingen – aber stellte dann die Frage, wie es kommen könne, wenn „die“ alles überwachten, dass Profi-Killer in München ihrem gruseligen Handwerk aber offenbar ungehindert nachgehen könnten und nicht nur das, sie auch noch spurlos verschwinden könnten. Wofür all die Millionen für Überwachungskameras, wenn die nichts bringen? Das Geld wäre vielleicht besser anders angelegt gewesen, Herr Oberbürgermeister!

4. Dezember. Im Laden.

12.30 Uhr. Als Udo gegen Mittag das Essen für sich und Sarah abholen wollte, stand schon ein Einmachglas auf dem Tresen. „Für einen Kranz für Herrn Wolf-Dieter“ stand auf dem Zettel. Ein paar einsame Ein- oder Zweieuromünzen lagen darin.

„Glauben Sie, dass da viel zusammen kommen wird?“, fragte er Frau Z., „er war ja nicht gerade ein regelmäßiger Kunde hier.“

„Stimmt schon“, gab Frau Z. zu, „aber für einen Kranz wird es schon reichen, schon wegen der Frau Doktor.“

„Naja“, sagte Udo, „denn will ich der Sache mal auf die Sprünge helfen, und steckte einen Zwanzigeuroschein durch den Schlitz im Deckel.

„Das ist aber nett von Ihnen“, befand Frau Z., „denn sie lassen doch bestimmt noch einen eigenen Kranz machen.“

„Natürlich“, stimmte Udo zu, „von den Blumenbuben.“

„Ja, da gehe ich ja auch immer hin. Wo soll denn die Trauerfeier stattfinden?“

„Bei Eternitas am Westfriedhof.“

„Etä...? Was ist das denn?“, fragte Frau Z., „Das habe ich ja noch nie gehört.“

„Das ist so eine Firma, die Beerdigungen macht und die haben da einen sehr schönen Raum, hat die Frau Doktor gesagt!“

„Ja, wenn die Frau Doktor das sagt, dann muss das ja stimmen! Das wird bestimmt schön.“

„Das kennen sie doch! Da war doch auch die Trauerfeier vom Edgar.“

„Ach ja, das ist das! Ja, natürlich, das ist ein schöner Raum, der ist so hell mit so viel Licht. Ja, das war schön. Ach, da ist das!“

„Und wer spricht?“

„Die Hanna!“

„Das wird bestimmt schön…“

Als Herr Mittermayr hereinkam, sagte Frau Z.: „Sie Herr Mittermayr, der Udo hat zwanzig Euro in das Glasl für den Wolf-Dieter getan.“

„Soll das heißen, dass ich das auch tun soll?“, fragte Herr Mittermayr leicht angesäuert.

„Nein, um Gotteswillen, nein, so habe ich das ja nicht gemeint.“

„Ich habe den ja kaum gekannt, höchstens mal auf der Straße gesehen… Also, ich gebe fünf.“

„Ja, danke, Herr Mittermayr, nein so habe ich das ja wirklich nicht gemeint, ich sage manchmal aber auch Sachen…, sie, Herr Udo, wann ist denn die Trauerfeier bei Etä... was?“

„Eternitas heißt das.“

„Ach, bei Eternitas machen sie die Trauerfeier, da war ich neulich erst… ein Freund… Die Einschläge kommen immer näher in unserem Alter, nicht wahr, also, das ist ein schöner Raum, so schön hell…“, warf Herr Mittermayr ein.

„Aber wann?“, fragte Frau Z.

„Am Zehnten um zwei Uhr nachmittags“, präzisierte Udo. Das ist genau gegenüber vom Haupteingang des Westfriedhofes… Aber sie waren ja schon da.“

„Also wir werden da sein, ich meine, der Jürgen und ich.“

„Mal sehen“, sagte Herr Mittermayr, „wenn ich schon fünf Euro gespendet habe, kann ich mir den Kranz ja auch mal anschauen. Vielleicht!“

10. Dezember. Im Trauerraum von Eternitas

14.00 Uhr. Kurz vor zwei Uhr trafen sich Hanna, Sarah, der Graf und Udo mit Herr F., Frau Z. und einigen Nachbarn, darunter „die Anwältin“, die Wolf-Dieter einige Male beraten hatte, auf der Straße vor dem Eternitas-Abschiedsraum. Herr Mittermayr kam nicht. Zuletzt kamen noch Ernstl und Helga, die den Kiosk „wegen Trauerfeier geschlossen“ hatten.

Um punkt vierzehn Uhr bat Hanna Udo, sie hineinzuschieben und alle folgten. Es war ja nur eine Hand voll Menschen, die gekommen waren.

Der Sarg war unter einem riesigen Teppich weißer Blumen fast (aber nicht vollständig) verborgen. Dieser Blumenteppich war so ungewöhnlich, dass die Blumenbuben gebeten hatten, nach der Trauerfeier ein paar Fotos von ihrem Meisterwerk machen zu dürfen. Links und rechts neben dem Sarg standen zwei riesige fast mannshohe Blumensträuße mit roten Blüten. An einem hing eine Schleife mit der Aufschrift „Von Hanna“, an dem anderen eine mit „Von Sarah“. Es war überwältigend.

Vor dem Sarg lag noch ein sehr kleines Bukett mit einer Schleife auf der stand „Deine Freunde“. Das war mit den Spenden aus dem Einmachglas zusammen gekommen.

Bevor die Musik einsetzte, rollte Hanna nach vorne und sagte den Anwesenden: „Die Musik, die wir heute hören werden, hat sich der Wolf-Dieter ausdrücklich gewünscht. Es ist keine Musik, die man bei einem Begräbnis normalerweise erwarten darf. Ich sage das, bevor sie beginnt, denn Wolf-Dieter hat mir wenige Tage vor seinem Tode eine kurze Liste mit der Musik gegeben, die er sich für diesen Anlass gewünscht hat. Die Liste ist…, war auch für mich…, ja…, ungewöhnlich. Aber es war (fast) sein letzter Wunsch… Und deshalb wollen wir die Lieder auch spielen. Es beginnt mit „Highway to Hell“ von AC/DC.“

Und dann wummerte die „Autobahn in die Hölle“ los, und Udo und der Graf lächelten ganz leicht. Sie verstanden…

Während die Musik spielte, stupste Sarah Udo in die Seite und fragte leise: „Du Udo, was sind denn das für Kerben in der Kante vom Sarg?“

„Wo?“

„Na, da – sieh doch mal, da, wo keine Blumen sind. Einmal vier und ein Stückchen weiter eine?“

„Ach die? Keine Ahnung?“

Hanna hatte ihren Rollstuhl stehen lassen, war aufgestanden und hatte ein paar Schritte nach vorne zu einem Rednerpult gemacht. Sie wartete bis die Musik verklungen war, dann sagte sie: „Ich möchte ein paar Worte sagen, zu uns, zu ihnen, zu und über Wolf-Dieter… Er hat mir am Tag vor seinem Tod zwei Blätter gegeben, die ich heute vorlesen soll…, also, ich beginne zu verlesen:

Hallo ihr Freunde aus der WG,

guten Tag liebe andere Anwesende, denen offenbar keine Ausrede eingefallen ist, die gut genug ist, um hier heute nicht sein zu müssen – ihnen/euch gilt mein ganzes Mitgefühl!

Warum ich das sage? Ganz einfach: Ich habe diese Abschiede von Toten immer fürchterlich gefunden! Heute stehe, oder besser, liege ich zum ersten Mal auf der anderen Seite. Und lassen sie mich sagen, das ist auch nicht besser!

Bevor unsere kluge Hanna sich Worte über mich einfallen lässt (und ich traue ihr das zu), in denen ich fast als Lichtgestalt erscheine, dachte ich mir, es sei besser, sie ließen mich besser selber zu ihnen sprechen, wenn auch sozusagen durch den Leihmund unserer lieben Hanna.

Um es ihnen einfacher zu machen und um dem Anlass etwas von seinen traurigen Aspekten zu nehmen, bitte ich sie herzlich, sich vorzustellen, ich würde jetzt (vielleicht in Form von Rauch) aus dem Sarg aufsteigen und mich als semipermeable Figur auf die Sargkante setzen, die Arme seitlich auf den Sarg stützen, die Beine baumeln lassen und sie anschauen. Um das Bild abzurunden, stellen sie sich bitte vor, ich trüge ein knielanges weißes Hemd und weiße Pantoffeln… Ach ja, sie dürfen bei dieser Vorstellung lächeln.

Was würde ich sagen? Vielleicht ein paar – Udo würde sagen: Döntjes – erzählen? Aber da sehe ich Hanna die Augenbrauen ganz leicht hochziehen und höre die anderen schon stöhnen. Gut, ich gebe zu, die Geschichten sind alle mehr- bis vielfach erzählt.

Vielleicht sollte ich auch ganz aktuell von der Erfahrung berichten, dass Sterben irgendwie Scheiße ist…, aber auch nicht viel schlimmer als das Leben, jedenfalls nicht als manche schlimmen Momente im Leben – und von denen habe ich ja einige erlebt!

Als meine Tochter den Drogentod starb, zum Beispiel, da hätte ich alles dafür gegeben, wenn ich an ihrer Stelle hätte sterben dürfen.

Oder als wenig später meine Frau voller Verzweiflung über den Tod unserer Tochter starb. Da habe ich gebetet, dass ich diese Welt an ihrer statt verlassen dürfte.

Geholfen hat es nichts – als Konsequenz habe ich danach nie wieder gebetet. Nun ja, vielleicht lag es auch an mir, denn auch vorher habe ich es nie getan, gebetet, meine ich. Aber wenn man den Kerl da oben dann tatsächlich mal braucht, dann hört er offenbar nicht zu…, oder nur denen, die ihm sowieso immer in den Ohren liegen… Mal schauen, vielleicht bekomme ich ja die Gelegenheit, ihm oder einem seiner Mitarbeiter das ins Gesicht zu sagen?

Aber das Leben hatte ja auch wunderbare Momente!

Ich war ein geborener Entdecker, jedenfalls kommt es mir heute so vor. Als ich geboren wurde, zum Beispiel, da lag vor mir, eine ganze Welt, die ich entdecken durfte. Oder als ich bemerkte, dass das andere Geschlecht eine andere, eine neue Welt bedeutete, ja ein ganzes anderes Universum, das nach anderen Gesetzen als ich und meine Freunde tickte! Junge, was gab es da alles zu entdecken…

Und dann war ich noch einmal ein großer Entdecker, als ich die Welt der Alten-WG erkunden durfte: Da war ich „Wolf-Dieter im Wonderland“. Wunderbar!

Klar, das war nicht einfach: Aus meiner Sicht waren die anderen in jeder Hinsicht besser:

Hanna, die immer so klug war und die es nie „heraushängen“ ließ, auch, weil sie das gar nicht nötig hatte!

Sarah, die nur die Tür zu öffnen brauchte, damit die Sonne im Zimmer aufging.

Tante Greten, die verschmitzte Tante Greten, mit ihren Geschichten, mit ihrem Humor, mit ihrer Güte…

Der Graf, der immer so viel besser aussah als ich, da konnte ich mir zum Anziehen kaufen, was ich wollte... Ich kaufte einen neuen Anzug beim Herrenausstatter in München, er ein Einstecktuch in Venedig – und schon wieder hatte er gewonnen!

Keine Chance, aber eine Frage hätte ich da noch: Sag einmal, Graf, warum lässt du dich immer als „Graf“ anreden? Weißt du eigentlich selbst noch, wie du in Wirklichkeit heißt? Ich wusste es zum Schluss jedenfalls nicht mehr! Aber wusste ich es eigentlich je?

Und Udo – der ewig praktische Udo mit seinen unglaublich geschickten Händen, unter denen ein Stück Blech zu einem Kunstwerk wird, der jeden tropfenden Wasserhahn dicht bekommt, indem er ihn nur anschaut. Udo, was habe ich dich darum beneidet – derselbe Udo, der aber nicht begreift, dass Sarahs Sonne eigentlich nur für ihn aufgeht.

Und ich? Durchschnitt! Vielleicht auch guter Durchschnitt – aber das höchstens.

Jetzt, wo ich hier auf meinen Sarg sitze und mit den Beinen baumele, mit den Händen die Kerben hier spürend, möchte ich betonen, dass die letzten Wochen und Monate noch einmal richtig spannend waren! Ich darf wohl nicht sagen, dass ich sie genossen habe… Doch, verdammt noch einmal, warum sollte ich das nicht zugeben? Ich bin tot, ich kann alles zugeben! Den Highway to Hell habe ich hinter mir. Ich habe diese letzte Zeit genossen, und zwar so sehr genossen! Ich habe sie im Kreis meiner Freunde genossen, wie ich lange Jahre davor nichts mehr genossen hatte.

Und ich habe gespürt, dass ich FREUNDE hatte. Ich habe grenzenlose Freundschaft gespürt. Dafür danke ich Euch!

Und jetzt ziehe ich mich wieder zurück in meine Kiste und verabschiede mich auf immer! Lebt wohl!“

Nach der Rede und der folgenden Musik standen die Trauergäste noch einen Moment zusammen.

Hanna sprach die Anwältin an: „Ich habe da ein Anliegen an Sie, an solchen Tagen wie heute, denkt man ja selber auch daran, dass das Leben endlich ist… Ich möchte meinen Nachlass regeln und denke dabei auch an eine kleine Stiftung, das ist doch ihr Fachgebiet, oder?“

Die Anwältin bejahte, sie war Fachanwältin für Familienrecht, da passte diese Fragestellung gut hinein.

„Wann kann ich denn einmal vorbeikommen?“.

Sie verabredeten sich für den nächsten Tag.

„Ach“, sagte die Anwältin, „das war ja ein ungewöhnlicher Text für eine Trauerfeier, aber was war das mit den Kerben? Die sind ja wirklich im Sarg, habe ich gesehen! Das habe ich nicht verstanden, sie?“

„Ich auch nicht“, lächelte Hanna, „nein, ich auch nicht!“

Ein paar Tage später wurde die Urne anonym beigesetzt.

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