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Früher war alles einfacher, da hieß das hier Querdenken, Querdenkereien oder Quer-ich-weiß-nicht-was. Dann kamen diese unegalen Möchtegern-Querdenker, die verrückten Ärzte, Köche, Nazis, Impfgegner und Gates-Feinde, die allesamt Corona ablehnen, und das auch öffentlich abstands- und maskenlos protestieren. Mit denen möchte ich bitte auf keinen Fall in einen Topf geworfen werden. Deshalb kein Querdenken mehr, das könnte verwechselt werden, jetzt bin ich eben am ceterum censeo...
 Bananenbuch
"Wenn Bananen "Wenn Gondeln Trauer tragen" sehen.
Ein außergewöhnlicher Fotocomic, den man gelesen haben muss

Hier in voller Länge

Morituri. Teil 2 des ganzen Romans

27. März. Filmabend

 

19.00 Uhr. Für den Abend hatte der Graf zu einem „Fortbildungsabend mit Film“ eingeladen. Da saßen sie jetzt alle in seinem Zimmer: Hanna, Sarah, Udo, Edgar, Wolf-Dieter und Tante Greten und warteten, was der Abend bringen würde.

„Lasst euch überraschen“, hatte der Graf gesagt und dabei aus dem Fenster geschaut, als sie alle eingetroffen waren. Er sah noch einmal genau hin. Da stand doch jemand im Schatten des Hauseinganges gegenüber in der Hübnerstraße.

„Wartet mal“, sagte er, „da steht doch einer und beobachtet unser Haus, glaube ich ...“.

Udo und Wolf-Dieter standen auf und schauten vorsichtig durch das Nachbarfenster. „Klar“, sagte Udo nach einer Weile, „da steht einer! Ich kann ihn aber nicht erkennen.“

„Warte mal“, sagte der Graf und ging zum Schrank. Er öffnete eine Tür und holte ein Fernglas heraus. „Nachtglas“, sagte er erklärend, „Marineglas. Habe ich noch von früher, hat mir gute Dienste bei manchem Einsatz geleistet. Vielleicht sieht man damit mehr ...“

Er blickte eine Weile durch das Glas mit den großen Linsen. „Da soll mich doch der Teufel holen“, fluchte er nach einer Weile, in der die anderen gespannt warteten, „das ist der Dicke von der mz!“

„Was will der denn hier?“, fragte Sarah.

„Uns beobachten ...“, sagte Hanna.

„Aber warum?“, fragte Edgar.

„Keine Ahnung“, erwiderte Hanna, „vielleicht wegen Ernstl?“

„Egal“, meinte der Graf, „entweder wir gehen runter und hauen ihn windelweich oder wir lassen es. Ich bin für „lassen“. Erstens sind wir zu alt und zweitens hat er eine neue Story und drittens wir die Polizei am Hals. Nicht gut, finde ich, nicht bei unseren Plänen. Wir sollten uns ruhig verhalten. Vielleicht ergibt sich ein anderes Mal eine Chance, ihn zu stellen. Wir können jetzt doch nichts tun, nehmt Platz...“, und startete den DVD Player als jeder einen Platz gefunden hatte.

Leon. Der Profi hatte er eingelegt, in dem ein italienischer Mafia-Killer in der New Yorker Unterwelt aufräumt – mit den damit verbundenen Toten, deren Tötungen kühl in allen Einzelheiten gezeigt wurden.

Letzteres war der Fortbildungsteil, den der Graf gemeint hatte. Ein 12-jähriges Mädchen, dessen ganze Familie von korrupten D.E.A.-Agenten umgebracht wurde, fand bei Leon erst Unterschlupf und verlangte dann, von ihm zur Killerin ausgebildet zu werden.

Erst weigerte er sich, dann erlag er dem Charme der Kleinen und ging darauf ein.

Die Kleine versuchte (zu früh), die Polizisten zu erschießen, scheiterte (natürlich) und Leon musste seine kleine Elevin Mathilda aus der D.E.A.-Zentrale befreien ­– es gab diverse Tote (ein weiterer Fortbildungsteil). Und dann kam es zum grandiosen Show-down. Zum Schluss überlebte nur das Mädchen.

„Tja“, sagte der Graf, „was können wir daraus lernen?“

„Wir brauchen solche Strickmützen wie Leon sie trägt, das sieht richtig cool aus!“, sagte Tante Greten, die sich stolz umschaute, dass sie in ihrem Alter noch Worte wie cool benutzte, deshalb wiederholte sie auch „cool, die kann ich euch machen! Ist gar nicht schwer, die sind so ähnlich wie die, die ich für den Basar in der Dom Pedro-Kirche stricke. Ich mache am besten alle in Schwarz, das sieht richtig gefährlich aus, oder.“

„Ja, gut, mach das, Tante Greten, das wäre eines, damit hätten wir das“, der Graf lächelte Tante Greten etwas gequält an und fragte in die Runde, „was denn noch?“

„Geschwindigkeit. Überraschung. Schnelligkeit! Schnell rein, die Sache schnell erledigen und schnell wieder raus – kein Wort sprechen – oder jedenfalls kein Wort zu viel!“

„Genau! Das erscheint mir auch wichtig: Schnelligkeit! Und sich um sonst nichts kümmern als den Job. Noch etwas?“

„Keine Frauen, keine Kinder? Das sagt Leon, glaube ich, zweimal“, sagte Sarah, die wie immer etwas vorsichtiger war.

„Keine Kinder ist okay“, meinte Wolf-Dieter, „aber Frauen? Da würde ich mich jetzt nicht festlegen wollen...“

„Sehe ich auch so, Sarah“, stimmte Udo ihm zu, „die können doch grundsätzlich genauso in Frage kommen, wie Männer!“

„Hhm“, sagte Hanna, „ja, finde ich auch, die kann man nicht grundsätzlich ausschließen.“

„Der Killer trug zu kurze Hosen mit Hosenträgern!“, gab Tante Greten zu bedenken, „ist das irgendwie wichtig?“

„Nee, ach, Tante Greten, nun bleib doch mal ernst“, bat der Graf und musste doch lächeln, „Die Waffen! Der Leon hatte offenbar unlimitierten Zugang zu Waffen. Pistolen mit Schalldämpfern! Das haben wir alles nicht!“

„Und denkt an die Grünpflanze, die der Killer jeden Morgen in die Sonne stellt und abends wieder herein holt. Warum eigentlich?“

„Weiß ich auch nicht“, sagte der Graf zunehmend genervt von den Beiträgen von Tante Greten, die die Sache offensichtlich nicht ernst genug nahm, „vielleicht wollte uns der Regisseur ja auch nur zeigen, wie einsam so einer ist, dass sein einziger Freund eine Zimmerpflanze ist?“

„Ach so“, sagte Tante Greten, „glaubst du? Könnte schon sein, nicht wahr“, und dachte darüber nach.

„Können wir die Waffen nicht auch aus den USA kriegen?“, fragte Sarah, „man liest doch immer, dass man da alles im Laden kaufen kann, einfach so. Zwei von uns fliegen rüber und kaufen sie da.“

„Genau“, meinte Udo, „in den USA, Sarah – Betonung liegt auf „in“. Und da bleiben sie auch. Ich bin ja nur ein alter werftarbeiter, aber ich habe genug gelesen, um zu wissen, dass Du sie nicht nach Deutschland kriegst, keine Chance, ich meine, wir sind schließlich nicht die Mafia!“

„Und wie machen die das“, fragte Sarah, „bei denen klappt das ja auch?“

„Ja, klar, aber wir sind eben nicht die Mafia!“, meinte Wolf-Dieter trocken, „die haben auch Rauschgift und sonst alles Mögliche, an was wir nicht einmal im Traum denken.“

„Was denn?“, fragte Tante Greten neugierig. Wolf-Dieter winkte nur ab.

„Aber die Sonnenbrille von dem Killer, dem... wie hieß der noch?“, fragte Tante Greten schon fast penetrant.

„Leon!“

„Die war auch cool, da hast du recht, Tante Greten, so eine will ich auch“, sagte Udo lachend.

Sarah schaute ihn lächelnd an, „ja, Udo, die würde Dir stehen, glaube ich.“

„Von mir aus“, sagte der Graf, „ich will noch zwei andere Filme besorgen: Der eiskalte Engel und Der Schakal – die alte Version!

Udo, kannst Du mal die Sarah lassen, im Schakal ist eine Szene drin, die solltest du dir mal anschauen und du auch, Edgar, da lässt er ein Gewehr bei einem Büchsenmacher anfertigen, under cover natürlich, ein ganz einfaches Ding, wenn ich mich recht erinnere: Ein Rohr, ein Schloss, ein Abzug – fertig – vielleicht können wir das so ähnlich machen. Und die Patronen machen die auch selber auf einer Drehbank und füllen sie mit Schießbaumwolle.

Schießbaumwolle ist übrigens einfach zu machen, das habe ich mit 14 Jahren schon in der Küche meiner Mutter gemacht, ein Kinderspiel war das. Erst mal Nitroglyzerin herstellen und dann in Watte aufsaugen, oder so ähnlich, war jedenfalls ganz einfach. Denkt mal drüber nach. Machen wir Schluss für heute, oder?“

„Nitroglyzerin ist doch das Zeugs in „Lohn der Angst“, oder, das, was immer gleich hochgeht, wenn man es kitzelt?“, wollte Sarah wissen.

„Genau“, sagte Hanna, „und genau deshalb wird das in meiner Küche nicht hergestellt und in keiner in diesem Haus, verstanden?“

„Klar, Hanna“, maulte der Graf leicht beleidigt, „Botschaft verstanden!“

Mit „Ich hoffe es“ beschloss Hanna den Abend.

29. März. Auf dem Flohmarkt in Riem

10.00 Uhr. Wieder waren der Graf und Udo unterwegs in Sachen „Waffenkauf“. Diesmal auf dem Flohmarkt in Riem, gleich hinter dem Messegelände. Sie waren mit dem Bus zum Hohenzollernplatz gefahren und dort in die U2 umgestiegen. An der Endstation Messestadt Ost brauchten sie nur noch zwei- oder dreihundert Meter weit zu gehen, dann waren sie dort: Auf „Deutschlands größtem Flohmarkt“, so lautete jedenfalls die Werbung.

„Puh“, ist das groß“, stöhnte Udo, „das soll ich doch nicht etwa alles ablaufen, oder?“

„Viel wichtiger ist“, fragte der Graf, der sich besorgt umsah, „wo ist die nächste Toilette?“

„Primanerblase?“, spottete Udo.

„Prostata!“, klärte der Graf ihn auf, „Scheiß-Prostata-Krebs... Du stirbst nicht dran, also jedenfalls, wenn er Dich später erwischt, als Junger schon, aber auf jeden Fall pisst du dich zu Tode.“

„Welch eine Sprache?“, lächelte Udo, „das ist man von dir ja gar nicht gewohnt.“

„Das ist mir so etwas von scheißegal, ich brauche ein Klo...“

„Da hinten!“, Udo deutete auf ein Schild, das die Richtung wies, „da muss eines sein. Ist es auch. Zweihundert Meter oder so.“

„Dann mal los!“, sagte der Graf und legte einige Gänge zu.

Als er wieder vor dem WC-Häuschen stand, machte er einen deutlich entspannteren Eindruck. „Mal sehen, ob wir etwas finden?“

„Was hat dein Gewährsmann gesagt, bei den Jugos?“

„Ja.“

„Und wo sind die?“

Der Graf zuckte mit den Schultern und deutete einen Kreis mit der Hand über den Flohmarktbereich an: „Keine Ahnung, mitten drin, vermute ich.“

Sie marschierten los. Alles hätten sie haben können – von „frisch vom LKW gefallenen Dyson-Staubsaugern“, über alte Telefone (Bastlerware), historische PCs, viele Klamotten (der Graf wandte sich in Grausen), Werkzeug, Kinderspielzeuge bis hin zu Gott-weiß-was.

Das einzige, was fehlte, so kam es ihnen vor, waren Waffen. Und vor allem keine „Jugos“. Gut, drei oder vier hatten sie gefunden – aber als sie da (extrem vorsichtig!) angedeutet hatten, sie würden sich für Sammlerwaffen interessieren (Gott bewahre nicht für echte, das hatten sie sich für später im Gespräch vorbehalten), hatte man sie an den entsprechenden Ständen nicht nur fortgescheucht, man hatte sie fortgejagt! Die „Jugoslawen“, die sie als solche erkannten und die einen Stand hatten, wollten weder mit Waffen noch mit ihnen etwas zu tun haben.

„Eigentlich ja ganz sympathisch!“, befand der Graf, „aber wo kriegen wir, verdammt noch einmal, jetzt unsere Pistolen her?“

„Hier jedenfalls nicht!“, bestätigte Udo, „dann müssen wir doch in die Tschechische Republik oder nach Polen.“

„Und da stehen die Waffenhändler dann hinter Grenze an der Ecke, mit einem Schild in drei Sprachen, darunter in Deutsch und Englisch, dass es Pistolen und Gewehre im Angebot für jedermann gibt, oder?“

„Hhm, naja, aber man sagt doch immer...“, brummte Udo.

„Mann Gottes!“, beschwor ihn der Graf, „da ist das Handeln mit Waffen genauso verboten wie bei uns. Selbst, wenn es da vielleicht jemanden geben sollte, der so´n Zeug los werden will, wie findest du den? Und kannst du polnisch oder tschechisch? Nur um zu fragen, zum Beispiel.“

„Nein, kann ich nicht“, stimmte Udo zu, „und in der Ukraine?“

„Kannst du Russisch? Die sprechen da doch russisch, oder? Oder ukrainisch? Außerdem ist die Grenze zur Ukraine EU-Außengrenze, da wird sicherlich ordentlich kontrolliert.“

„Dann war das Ganze also nur eine schöne Idee?“

„Naja, wir hätten Tante Gretens Pistole. Vielleicht müssen wir nur unser Konzept ändern?“

„Haben wir denn schon ein Konzept? Ich meine, wenn ich das mal fragen darf.“

„Hhm, ja gut, eins zu null für dich . Aber es ist etwas anderes, ob wir nur eine Pistole haben oder mehrere, nicht?“

„Stimmt!“

30. März. In Udos Werkstatt

11.00 Uhr. „Mann“, sagte Edgar, „bei dem Weg in Deine Werkstatt bricht man sich ja die Füße!“. Man kommt zu Udos Werkstatt durch eine schmale Tür im alten Holzzaun in der Fasaneriestraße. Die Latten und Bretter, die den Zaun bilden, sind so morsch, dass sie wahrscheinlich nur durch die Plakate zusammengehalten werden, die da dick draufgepappt kleben. Vermutlich seit Jahrzehnten hat sich niemand mehr die Mühe gemacht, die alten Plakate abzukratzen. Offenbar mit gutem grund, denn sonst wäre der Zaun wohl zusammengefallen.

Hinter den morschen Bohlen lagern fast mannshoch Metallstangen und Rohre aller Größen, Längen und Dicken – und vor allem die verschiedensten Materialien. Ein unkundiger Betrachter, der bei zufällig offenstehender Tür vorbei geht und in den Hof schaut, kann kein System in der Lagerung erkennen, das muss irgendetwas Mystisches sein.

Aber ab und zu kommen LKWs und holen Stangen und Rohre ab und ab und zu werden auch wieder welche geliefert.

Der Weg zu Werkstatt und Büro zwischen den Rohren hindurch ist „lebensgefährlich“. Rohre und Stangen bilden einen tückischen Grund, ein Boden ist nicht zu erkennen. Wer da durch will, muss ein Akrobat sein (Hochseil wäre empfehlenswert) oder allen Mut zusammennehmen und hoffen, dass er hinten heil ankommt.

„Ja“, stimmte Udo zu, „man muss ziemlich aufpassen, ist ein bisschen gewöhnungsbedürftig. Aber der Willi, dem die Metallhandlung hier gehört, sieht einfach nicht ein, dass wir mal aufräumen müssten. Braucht viel zu viel Zeit, meint der und ist die Mühe nicht wert, weil wir ja auch keine Laufkundschaft nicht haben.“

„Mag ja sein“, beschwerte sich Edgar weiter, „aber man kann doch wohl ein paar Rohre zur Seite legen, damit man zumindest festen Boden unter den Füssen hat, wenn man zu euch will. So ist das ja lebensgefährlich! Wenn das die Berufsgenossenschaft sieht … mensch, die machen euch doch die Bude zu!“

„Da magst du Recht haben, aber das ist nicht mein Problem, ich helfe hier nur ab und zu aus, wenn eine zusätzliche Hand gebraucht wird, ansonsten sitze ich hier in meiner warmen Bude, bastele ein bisschen rum und lass den lieben Gott einen guten Mann sein. Noch ein Bier?“

Als Edgar nickte, griff er unter sich und holte aus einer Bierkiste, die unter dem Tisch stand, auf dem er die Beine lässig baumeln lassend saß, eine weitere Flasche Augustiner Hell heraus, dann stand er vom Tisch auf und hielt die Flasche so schräg an eine Metallkante des großen Schraubstocks, dass er die Kapsel mit einem leichten Schlag der Hand abschlagen konnte. Dann reichte er Edgar die Flasche: „Prost!“

„Du nicht?“, fragte Edgar.

„Warum nicht?“, grinste Udo, „ich habe sonst nichts vor heute.“

„Hast du Essen bestellt?“, fragte Edgar

„Nö, ist Mittwoch, nicht schon wieder Schweinebraten. Du?“

„Nein, ich auch nicht, aber wie wäre es mit Schinkennudeln im Augustiner?“

„Das ist eine gute Idee“, stimmte Udo zu, „aber erst ein bisschen später. Im Moment habe ich noch keinen Hunger!“

„Gut“, nickte Edgar, „sag mal, unser Ding damals mit Hannelore, das war ja eigentlich schon riskant, nicht?“

„Wieso?“

„Naja, unsere Handys zu verwenden.“

„Ja und?“

„Ich habe mich da in letzter Zeit mal ein bisschen schlau gemacht. Also, wenn die uns irgendwie im Verdacht gehabt hätten, dann hätten sie zumindest rausbekommen, also die Bullen, meine ich, dass wir zur Tatzeit in der Nähe waren!“

„Ehrlich?“, fragte Udo, um dann zu sagen „Scheiße! Und wie das?“

Er schaute den auf einem alten Hocker sitzenden Edgar an und fragte noch einmal: „Wie denn?“

Edgar trank einen Schluck aus der Flasche und schaute sich in der gemütlichen Werkstatt um, bevor er antwortete. Die Werkstatt maß so sechs auf acht Meter, die Wände bestanden nach vorne zum Metalllager unten aus Holz und darüber aus Holzkassetten mit seit Jahren nicht mehr geputzten Glasfenstern. Nach links und rechts schlossen sich eine weitere Werkstatt und Willis Büro an. Die Rückwand der Werkstatt bestand aus Jahrzehnte alten Holzplanken, an denen viele Werkzeuge hingen, und vor der ein die ganze Wand einnehmender schwerer alter Tisch stand.

Alle Werkzeuge und Einrichtungsgegenstände schienen aus einer längst vergangenen Zeit ins Jetzt hinüber gerettet, sie wiesen eine unvergleichliche Patina auf. Ein Fotograf oder Maler hätte hier wunderbare Motive gefunden. Die Zeit schien hier stehen geblieben zu sein. Und deshalb war es so gemütlich hier.

Zur Gemütlichkeit trug weiterhin ein leise vor sich hin blubbernder Kanonenofen bei. Die Werkstatttür stand ein Stück weit offen und ließ Frühlingsluft herein.

Sie musste auch deshalb immer etwas geöffnet sein, weil alle Katzen der Gegend sich hier versammelten. Der Hof mit all den Metallstangen, den unten über die letzten vierzig oder fünfzig Jahre von Wind und Wetter „angefressenen“ Holzplanken als Begrenzung und einigen wild gewachsenen Bäumen war ein Mäuse- und deshalb Katzeneldorado.

Udo war ein großer Katzenfreund. Er mochte diese selbstständigen Tiere, die kamen und gingen, wie sie wollten. Nie würde er auf die Idee kommen, einen seinen vierbeinigen Freunde am Gehen und erst recht nicht am Kommen zu hindern.

Im Moment war nur ein großer Kater in der Werkstatt zu Gast. Der lag wie selbstverständlich schlafend in der Nähe des Ofens, und offenbar träumte er intensiv, wie man an den zuckenden Ohren sah, die aus realen Kämpfen den einen oder anderen Schmiss aufwiesen, so manchen Tatzenschlag, den er ins Leere tat.

Das war Freitag, ein besonders großer grau getigerter Kater mit mächtigen Zähnen im Fang, der heute in der Werkstatt zu Besuch war. Manchmal wurde er auch „Herr Freitag“ gerufen, weil er eine so eindrucksvolle Katzenpersönlichkeit war.

Freitag war zum ersten Male an einem Freitag in Udos Werkstatt aufgetaucht, deshalb der Name – es gab eine Donnerstag und eine Montag und Dienstag I und II und es gab Freitag! Ab und zu stromerte noch der eine oder andere seltene Katzengast über den Hof. Aber Freitag war ganz eindeutig der anerkannte Chef auf dem Hof! Freitag wohnte ein paar Häuser weiter und wurde ganz offensichtlich gut gepflegt. Aber manchmal wollte er offenbar nicht mehr verwöhnter Hauskater sein, sondern der Chef der ganzen Katzenbande vom Hof!

„Hhm“, sagte Edgar, „du weißt, wie Handys funktionieren?“

„So in etwa, nicht genau“, gab Udo zu, „wie du weißt, mache ich in Metall, nicht in Elektronik!“

„Ist ganz einfach“, erläuterte Edgar, „so ein modernes Handy ist in erster Linie ein miniaturisierter PC, deshalb kannst du damit fotografieren, Musik abspielen, es als Navigationsgerät benutzen oder Email empfangen oder senden.“

„Aha!“, sagte Udo, der auf mehr wartete.

„Erst in zweiter Linie ist das Ding ein Sender und Empfänger!“

„So?“, machte Udo.

„Als du dein Handy gekauft hast, hast du vermutlich einen Vertrag unterschreiben müssen. Damit hatten die deine Daten!“

„Wer ist die?“

„T-Online, Vodafone, O2… und wenn sie wollen, auch die Bullen, wie du aus jedem modernen Krimi weißt!“

„Ja, klar, müssen die ja, die Telefongesellschaften, schon wegen der Gebühren.“

„Ja. Und dein Handy hat eine weltweit einmalige Nummer, also eine Nummer, die dein Handy immer und überall identifiziert!“

„Tatsächlich? Auf der ganzen Welt?“, Udo war beeindruckt.

„Ja. Überall. Und dann hast du das Handy ausgepackt und die SIM-Card eingesteckt.“

„Du meinst diesen kleinen Chip?“

„Ja. Das Ding hat auch eine einmalige Identifikation.“

„Tatsächlich? Und?“

„Mit den beiden Nummern meldet sich das Handy immer, also eigentlich immer mit der EMEI.“

„EMEI?“, fragte Udo, „habe ich da was verpasst?“

„Nein, die EMEI ist die Nummer des Telefons… also nicht die, unter der man es anruft, sondern die einmalige Identifikationsnummer des Gerätes. So, jetzt kommt der nächste wichtige Punkt. In den USA heißen Handys nicht Handy, sondern Cell-Phone.“

„Tatsächlich“, fragte Udo wieder beeindruckt, „warum?“

„Weil alles in kleine Zellen aufgeteilt ist, die ganze Welt…“

„Telefonzellen!“, lachte Udo.

„Ja, wenn du so willst“, musste auch Edgar lachen, „aber ich meine das anders! Zum Beispiel eine Stadt ist in viele Zellen von jeweils ein paar Hundert Metern Durchmesser aufgeteilt. In jeder Zelle steht ungefähr in der Mitte ein Mast mit einer Antenne für die Handys. Diese Antennen empfangen die EMEIs von allen Handys, die sich in ihrem Bereich befinden und melden sie an eine Zentrale, damit die weiß, in welche Zelle ein ankommendes Gespräch für ein Telefon geleitet werden muss… Soweit alles klar, Udo? Weil, durch die Luft gehen die Gespräche jeweils nur ganz kurze Strecken, die großen Distanzen werden über Festnetze zurückgelegt. Nur die ersten paar hundert Meter bis zur ersten Antenne und die letzten hundert Meter von der Antenne zum Handy sind Funkverbindungen. “

Udo nickte. „Du meinst, so ein T-Online, Vodafone oder sonst wer, bei dem ich einen Vertrag habe, weiß also immer, wo ich bin.“

„Ja, wenn du dein Handy dabei hast. Und dann brauchst du ja noch die SIM-Card, die ist sozusagen der zweite Teil Handy-Computer, der Funkteil. Aber auch die ist ja auch registriert!“

„Aber da kann ich mir doch eine andere kaufen, und die in mein Handy einsetzen - so eine Pre-Paid…“

„Ja, aber auch die wird registriert – oder sollte sie zumindest sein. Wenn du eine neue SIM-Card kaufst, musst du auch die Personalien angeben.“

„Du meinst also tatsächlich, dass die immer wissen, wo ich bin?“

„Immer! Also ja und nein, sie wissen, wo dein Handy ist, nicht wo du bist!“

„Aber das habe ich doch in der Tasche!“

„Normalerweise. Das glauben die zumindest…“

„Aber das hat doch jeder.“

„Genau daraus können wir etwas machen…“

„Wie meinst du das jetzt?“

„Naja, als erstes dürfen wir nie wieder den Fehler machen, dass wir ein auf uns zugelassenes Handy auch nur dabei haben, wenn wir etwas machen!“ Wobei er „etwas“ besonders betonte. „Wir brauchen nicht registrierte anonyme Handys!“

„Gibt es so etwas denn?“

„Ja, schon“, sagte Edgar bedächtig, „wir müssen uns da etwas Mühe geben, dann sollte das gehen!“

„Und wie?“

„Also, was wir brauchen, sind Handys ohne Vertrag, das ist mal das Erste, die kann man kaufen. Am billigsten im Second Handy-Shop, zum Beispiel gebraucht oder auch im Handy-Laden oder bei Saturn oder so. eBay wäre nicht so gut, da hinterlässt man schon wieder Spuren. Auf dem Flohmarkt, das ginge noch.“

„Ach so!“

„Ja. Wer gut ist, kann die EMEI löschen oder ändern, da gibt es im Internet Software dafür, soll angeblich gar nicht so schwer sein, habe ich gelesen.“

„Und den anonymen Chip, diese SIM-Card ohne Registrierung, wo kriegen wir die her?“

„Am einfachsten bei Aldi, Netto oder so… da muss man etwas Glück haben, dass der oder die an der Kasse vergisst, die SIM-Card zu registrieren.“

„Hhm“, grinste Udo, „vielleicht, wenn man so ein Ding zu den Hauptverkaufszeiten kauft?“

„Genau, dann dürfte die Wahrscheinlichkeit geringer sein, dass die die Registrierung machen. Und dann in dem Laden nacheinander mehrere kaufen.“

„Und dann hat man ein nicht registriertes anonymes Handy, das kann man gefahrlos einsetzen!“

„Naja“, meinte Edgar, „in Grenzen… wenn ich ein Handy eingesetzt habe, wenn wir „etwas“ gemacht haben, dann würde ich das Handy jemand anders in die Hände spielen.“

„Warum das denn?“

„Naja, auch so ein anonymes Handy meldet sich ja noch in der Funkzelle an, wenn das dann nacheinander an drei Tatorten auftaucht, dann würde ich als Bulle schon mal anfangen nachzudenken. Auch wenn unser Name nicht damit verbunden ist, kann das gefährlich werden. Und wenn dann noch rauskommt, dass die Handys meistens in unser Funkzelle in der Hübnerstraße angemeldet sind, weil wir da zuhause sind, dann würde ich zweimal nachdenken.“

„Ja, und?“, fragte Udo, „was heißt das nun wieder?“

„Dass die Handys am besten nur einmal verwendet werden, also erst dann, wenn wir „etwas“ vorhaben und dann müssen sie verschwinden. Und auch nicht vorher wochenlang in unseren Wohnungen rumliegen und sich beim nächsten Funkmast anmelden!“

„Und dann wegwerfen?“

„Hhm, nein, Udo, Ich würde die elektronische Signatur von den Handys gerne noch weiterlaufen lassen… Ich habe mir gedacht, man „verliert“ so ein Handy, wo viele junge Leute sind, zum Beispiel auf der Toilette von einem McDonalds oder im Supermarkt, dann ist die Chance groß, dass jemand es findet und zumindest das Prepaid-Guthaben noch abtelefoniert oder absimst, dann gibt es das Handy noch und es meldet sich überall in Zellen an, wo wir garantiert nicht sind.“

„Genial“, befand Udo, „einfach klasse, du bist richtig gut, weißt du!“

„Und die eigenen Handys könnte man gezielt zur Ablenkung einsetzen“, meinte Edgar nachdenklich.

„Ablenkung?“, fragte Udo, „wie meinst du das denn?“

„Naja“, antwortete Edgar, „einer von uns, Sarah oder Tante Greten, könnte – während andere „etwas“ tun – mit den Handys in der Tasche ins Kino gehen. Dann könnte ein eventuell hilfreiches Alibi darauf aufbauen. Wenn es Tante Greten ist, dann kann sie die Handys eigentlich nur herumtragen. Besser wäre Sarah. Die könnte nachher noch einen SMS über den Film an Hannas Handy, das zuhause liegt, verschicken oder an ein anderes Handy, das sie dabei hat. Zum Beispiel: Der Graf an Wolf-Dieter: „Wo bist Du, haben dich verloren!“, und ein paar hundert Meter weiter, am besten in einer anderen Zelle, sendet Wolf-Dieter dann an den Grafen: „Wo seid Ihr? Ich komme! Oder so.“

„Aber das ist doch kein wasserdichtes Alibi?“

„Nein, aber etwas, was ein Alibi glaubhaft macht, sozusagen ein Soft-Alibi!“

„Allemal besser als nichts“, stimmte Udo zu.

„Finde ich auch!“

„Das sollten wir das den anderen klarmachen. Noch ein Bier?“

„Nein danke, ist mir noch zu früh … wie ist`s jetzt mit den Schinkennudeln?“, fragte Edgar.

„Gute Idee!“

„Sag mal, was bastelst du hier eigentlich so rum?“

„Naja“, meinte Udo, „nicht so etwas Tolles wie du, Modellflieger oder so. Im Moment mache ich für Hannas Terrasse ein Gestell für ein Sonnensegel, das hat sie sich gewünscht.“

„Und wie weit bist du?“

„Fast fertig – noch zwei, drei Tage!“

„Gerade rechtzeitig für den Sommer.“

„Genau!“, und an den schlafenden Freitag gewendet: „Na Freitag, wie wäre es mit einer kleinen Brotzeit für Kater?“

Freitag machte ein Auge auf, was Udo als Zustimmung deutete. Udo holte aus einem der Schränke unter dem Arbeitstisch eine Tüte Katzenfutter und machte sie auf, was Freitag veranlasste, auch das zweite Auge zu öffnen. Als Udo sich anschickte, ihm sein Futter auf einem Teller zu servieren, erhob Freitag sich zu ganzer stolzer Größe, streckte und reckte sich, strich an Udos Bein entlang und geruhte gnädig, seine „Brotzeit“ zu verspeisen. Dabei brummte er leise verräterisch.

Udo und Edgar balancierten wieder über die Metallstangen, gelangten heil am Ausgang auf die Fasaneriestraße und gingen die paar Meter zum Augustiner.

Pille kam und nahm ihre Bestellung auf.

„Also das mit den Handys, das ist ja ein Ding“, meinte Udo nach einer Weile, „fast hätten die uns deshalb am Arsch gekriegt, oder?“

„Naja, glaube ich nicht, die hatten die Pistole, die hatten Hannelores Fingerabdrücke auf der Pistole – die hatten ihre Mörderin … quasi auf dem Präsentierteller serviert! Und das Motiv war ja auch klar, als sie Hannelores Abschiedsbrief gelesen hatten. War übrigens das einzige, was nicht in der Presse kam! Warum hätten die also weiter suchen sollen?“

Pille brachte zwei frisch gezapfte Biere.

Udo nahm einen großen Schluck und schaute das Glas an, drehte es ein wenig in der Hand und meinte: „Pille, aus dem Hahn schmeckt es doch besser als aus der Flasche!“

„Sag ich ja“, meinte Pille, „übrigens, davon lebe ich!“

„Na dann“, sagte Edgar, „Prost.“

„Aber“, sagte er, als Pille den Tisch wieder verlassen hatte, „um zurück zu kommen auf die Handys, ich denke, wir brauchen anonyme Handys so sehr wie die Pistolen!“

„Ja klar“, stimmte Udo zu.

„Einerseits haben wir zwar gesagt, uns kann nichts passieren – auch wenn sie einen von uns erwischen sollten, zum Beispiel auf frischer Tat, dann lebt der nicht mehr lange genug, um wirklich in den Knast zu kommen. Jeder von uns geht ins Krankenhaus – auch wenn die Fenster vergittert sein mögen. Aber er zieht die anderen irgendwie mit rein, und die können nichts mehr tun, also ihre Pläne nicht mehr verfolgen – außer …“, er schaute sich um, ob jemand zuhörte, aber die nächsten Gäste saßen fünf oder sechs Tische entfernt und Pille war auch nicht zu sehen, „sie erschießen jemanden und bleiben am besten gleich mit dem rauchendem Colt gleich daneben stehen und lassen sich verhaften...“

„Hhm“, stimmte Udo mehr oder weniger überzeugt zu.

„…aber das ist ja nicht sehr sportlich! Man kann das doch auch sportlich sehen, wollten wir ja auch, nicht wahr?“

„Wie meinst du das?“, fragte Udo.

„Naja, lustiger wäre es doch, wir ziehen unsere Dinger durch und werden nicht erwischt und schauen zu, wie die Bullen sich vergeblich Mühe geben, uns zu fangen!“

„Klar“, meinte Udo lachend, „das ist natürlich besser, viel besser, finde ich.“

„Na dann, dann sollten wir entweder auf Handys im Einsatz vollkommen verzichten, was schwer werden kann oder uns unsere anonymen Handys besorgen! Sozusagen als erste sportliche Übung!“

„Na, dann sporteln wir doch ein bisschen. Wie fangen wir an?“

„Lass mich nachdenken, also erst einmal kaufen wir in so einem Gebrauchthandy-Laden zwei oder drei gebrauchte Handys – je einfacher desto besser, ich meine, die sollen nur telefonieren können, zur Not noch simsen, wenn es denn sein muss. Und dann klappern wir die Aldis und Nettos nach lausigen Verkäufern ab, die uns die SIM-Karten so verkaufen, ohne Ausweis und so.“

„Das können wir doch heute Nachmittag noch probieren“, schlug Udo vor, „Du gehst in die Stadt, und ich mime den Doofen, der versucht, Prepaid-SIM-Karten in den Aldis und Nettos zu bekommen.“

„Gut, aber bei meinen Recherchen ist mir noch etwas aufgefallen…“

„Was denn?“

„Es gibt sogenannte Jammer, das sind Störsender für Handys, wenn man so ein Ding anschaltet, kann im Umkreis von zwanzig oder dreißig Metern niemand mit einem Handy telefonieren.“

„Geil, dann ist endlich einmal Ruhe in der U-Bahn.“

„Das auch. Aber wenn man so ein Ding einsetzt, kann auch niemand die Polizei oder Hilfe rufen. Das könnte doch auch mal hilfreich sein, oder?“

„Und wo gibt es die?“

„Die sind natürlich wieder einmal verboten in Deutschland!“

„Scheiße!“

„Kein Problem – ich habe schon einen…“

„Wie bist du da denn rangekommen?“

„Übers Internet, aus England, kam per Post.“

30. März. Bei Netto

16.00 Uhr. Udo betrat den Netto-Supermarkt und schaute sich um. Nirgendwo SIM-Cards. Also fragte er einen Verkäufer, wo er eine SIM-Card bekommen könne. Der schaute ihn an, als sei er bekloppt, dann führte er ihn zu einem großen Ständer hinter einer Säule, deutete darauf und sagte: „Hier!“

Tatsächlich, da hingen friedlich schiedlich diverse kleine Schachteln mit Netto-Prepaid-SIM-Cards. Mickrige fünf Euro war der Preis. Udo nahm sich eine vom Haken, bedankte sich beim Verkäufer, ging an die Kasse und zahlte.

Die Kassiererin verlangte nur die fünf Euros von ihm und ließ ihn gehen – keine Registrierung, nichts.

„Das war einfach“, dachte sich Udo grinsend und verließ den Laden. Er ging eine Ecke weiter und öffnete neugierig das Päckchen. Es enthielt nur einen Briefbogen.

„Nanu“, dachte Udo, „was ist das denn?“

Er nahm den Brief aus dem Kästchen und faltete ihn auf. „Aha“, dachte er, „da ist ja unser kleiner Schlingel!“ Auf dem Papier klebte ein Stückchen Plastik: Die SIM-Card mit dem gelb-roten Netto-Logo.

Dann las er den Brief im Gehen.

Er wurde freundlich begrüßt und aufgefordert, sich umgehend via Internet zu registrieren. Ansonsten waren da noch PIN- und sonstige Nummern angegeben sowie Hinweise, wie er die abtelefonierte Prepaid-SIM-Card wieder auffüllen könne.

„Schöne Scheiße“, dachte er bei sich, „so viel zum Thema „von wegen anonym“ …“. Ärgerlich stopfte er alles wieder in das Päckchen und ging nach Hause.

Zur selben Zeit, als Udo im Netto-Supermarkt mit der Prepaid-Karte fündig wurde, stand Edgar bei Saturn-Hansa vor dem Regal mit den vertragsfreien Handys.

Um die zwölf verschiedene Modelle gab es. Das billigste kostete 35 Euro, das teuerste mehrere Hundert. Der Graf suchte nach einem, das ausschließlich telefonieren und SMS versenden und empfangen konnte, es sollte ohne jeden Schnick-Schnack sein, ohne eingebauten Fotoapparat, ohne GPS, ohne alles. Je mehr Funktionen eingebaut waren, desto weniger war zu verhindern, dass irgendeine geheime Funktion ihren Standort verraten konnte.

Er entschied sich für eines von Emporia: „Gut geeignet für Alte“, wurde es beworben, weil es große Nummerntasten und übergroße Buchstaben im Display hatte.

55 Euro zahlte er an der Kasse. Registriert wurde nichts.

Udo und Edgar saßen vor Udos PC und hatten die Registrierungswebsite „ww.nettokom.de/freischalten“ aufgerufen. Das von Edgar erworbene Handy hing schon am Ladegerät – zwei Stunden sollten reichen, hatte in der Bedienungsanleitung gestanden. Die waren fast um.

Als erstes musste Udo die Nummer seiner vorhin gekauften Prepaid-Karte eingeben, also die Nummer, unter der man das Handy anrufen konnte, dann das Freischaltungspasswort (beide standen in dem Schreiben, das er in der Packung gefunden hatte) und einen sogenannten Kassencode, der stand auf der Rechnung.

Nach diesen Eingaben wurden sie auf eine weitere Seite geleitet, auf der Udo Namen, Adresse und weitere Angaben eingeben mussten. Sie suchten sich irgendeinen einen Namen aus dem Telefonbuch aus und erfanden eine Adresse in der Hübnerstraße.

Dann mussten sie noch Udos häusliche Festnetznummer angeben.

„Warte mal“, sagte Udo und holte eine Visitenkarte einer Bar aus der Dom Pedro-Straße, die er ab und zu besuchte, aus seinem Jackett. Diese Nummer gab er ein. Dann schicke er die Eingaben per Mausklick ab. Oh Wunder, das Netto-Programm hatte offenbar Zugriff auf örtliche Personenstammdaten, denn die erfundene Adresse war mit der im Telefonbuch angegebenen richtigen Adresse überschrieben worden.

„Scheiße“, sagte Edgar, „was ist denn das?“

„Mal sehen“, murmelte Udo und gab die erfundene Adresse noch einmal ein und klickte wieder auf den Absenden-Schalter. Dieses Mal lief die Anmeldung durch.

Jetzt, so wurden sie angewiesen, sollten sie dreißig Minuten warten und dann einmal (!) Udos heimische Telefonnummer anrufen. Das wäre es dann!

„Also gehen wir in die Bar!“, sagte Edgar, „und schauen mal, was da passiert.“ Sie zogen sich an und gingen in die kleine Bar, die um diese Zeit nicht sehr gut frequentiert war. Sie tranken jeder ein Bier, dann waren die dreißig Minuten um. Edgar schaute auf die Uhr und meinte, dass Udo es doch einmal versuchen sollte. Udo wählte die Nummer und nach einem Moment klingelte das Telefon hinter dem Bartresen. Der Wirt nahm ab und meldete sich, Udo hatte ihn an der Leitung.

„Bin nur ich“, sagte er und winkte dem Wirt zu, „war mein Fehler, entschuldige bitte.“

„Ist schon gut“, sagte der Wirt und fragte dann: „Noch eines?“, und meinte, noch ein Bier für jeden?

„Ja, klar, mach mal zwei!“

Dann wählte Udo seine richtige Nummer, die in seiner Wohnung, und hörte es klingeln. „Funktioniert!“, sagte er, „damit hätten wir das Handy-Problem geknackt.“

„Dann sollten wir 10 Stück kaufen und ebenso zehn SIM-Cards und die anmelden, also so wie heute, mit getürkten Personendaten. Wie das geht, wissen wir ja nun. Dann laden wir sie leer, ohne SIM-Card, auf und wenn die Akkus voll sind, nehmen wir die raus. Und die SIM-Cards stecken wir erst unmittelbar bevor wir sie brauchen rein, damit sie sich nicht ständig an unserem nächsten Handymast melden, das könnte auffällig sein. Und wenn wir sie brauchen, bauen wir sie wieder zusammen. Irgendwo in der Stadt!“, schlug Edgar vor.

„Das macht Sinn, finde ich“, stimmte Udo zu, „übrigens, brauchen wir auch Jammer?“

„Einen noch, denke ich“, meinte Edgar, „den besorge ich aus England, das geht einfach!“

31. März. Kioskreparaturen

12.00 Uhr. Noch am Vormittag hatten sich die „Handwerker“ der Gruppe, Udo und Edgar, den Kiosk genauer angeschaut, um festzulegen, was zu reparieren war, und wer was machen würde.

Das eingeworfene Fenster musste neu eingeglast werden, die Außenwand musste gestrichen werden und eine neue stabilere Tür musste her. Das war´s außen. Innen, hatten sie sich geeinigt, würden sie die Gelegenheit benutzen, die Elektrik neu zu verlegen – das, was da zur Zeit vorhanden war, hatten sie als „vorsintflutlich“ bezeichnet und „als ein Wunder, dass die Bude noch nicht abgebrannt war“. Dann würden sie die Regale für die Waren neu machen.

Und ganz zum Schluss, als sie schon wieder abgeschlossen hatten, war ihnen eingefallen, dass sie draußen an der Seitenwand einen kleinen Schaukasten anbringen würden, egal wofür, aber Ernstl würde ihn schon verwenden können.

Damit waren sie wieder gegangen. Zuhause angekommen, hatte Udo einen alten Freund angerufen, der in der Ruffinistraße eine Schreinerei betrieb. Der hatte nach einigem Zögern zugesagt, sich die anstehenden Arbeiten mal anzuschauen. „Unverbindlich“ hatte er gesagt und „mal schauen, ob er das einschieben könnte“, und dass er einen Elektriker mitbringen würde, denn an Strom traue er sich nicht ran und das dürfe er auch gar nicht. „Wenn das kein Fachbetrieb macht, kann dein Boxer (das ist doch der, den die mz so hinhängt, oder?) den Laden gleich wieder zumachen…“

1. April. Hübnerstraße. Recherchen

12.00 Uhr. Der Graf saß vor seinem PC und recherchierte nach dem Film Der Eiskalte Engel. Verdammt, der Verkäufer im Saturn-Hansa schien doch tatsächlich kein Spinner gewesen zu sein. Die DVD war nirgendwo aufzutreiben – nicht in eBay, nicht in Amazon. Auf YouTube gab es einen 3.20 Minuten langen Trailer zu sehen, der viel versprach, aber nicht den ganzen Film. Jeden anderen Mist fand er, aber nicht den Eiskalten Engel! Langsam entwickelte er so etwas wie Ehrgeiz, er wollte den Film, und er würde ihn bekommen.

Also gab er in Google die Frage „Wo finde ich den Film Der Eiskalte Engel“ als Suchbegriff ein. Und siehe da, er gelangte in ein Forum, in dem schon einmal diskutiert wurde, welche Filme irgendwie vergleichbar waren. Das war zwar nicht seine Frage, aber die Forumbeiträge verwiesen ihn auf den Film Der Schakal und zerrissen dabei das Remake mit Richard Gere und Bruce Willis und sangen das hohe Lied von der alten Originalversion von 1973 nach der Romanvorlage von Frederick Forsyth von Regisseur Fred Zinnemann mit Edward Fox und Michael Lonsdale in den Hauptrollen. Gut, dass er sich bei Saturn Hansa für die alte Version entschieden hatte.

Er wechselte die Suchmaschinen: Google, Bing, Yahoo und wieder zurück zu Google – nichts! Und dann wurde er plötzlich doch noch fündig: In Dänemark bot jemand offenbar eine Raubkopie an. Die Website bot fast 500 seltene Filme „auf CD-R“ an – unter anderem „seinen“ Film mit Alain Delon. Das waren keinesfalls Original-DVDs, da hatte jemand seltene Filme kopiert und bot sie „für ´ne kleine Mark“ an. Ihm war es egal. Nach kurzem Zögern registrierte er sich und bestellte den Film.

Der nächste Fortbildungsabend war gerettet, es würde wohl ein Double-Feature werden. Und je mehr er darüber nachdachte, desto mehr zweifelte er an seiner ursprünglichen Idee, dass die Szene mit dem Büchsenmacher im Eiskalten Engel zu finden wäre, jetzt war er fast sicher, sie war Bestandteil vom Schakal. Aber das war jetzt egal, beide Filme würden sie weiter bringen. Und man würde ja sehen!

Ein paar Stunden später kam die Email aus Dänemark, dass seine Bestellung eingegangen sei, und er solle bitte auf das angegebene Konto in Deutschland 25 Euro überweisen, dann würde der Datenträger nach dem Eingang des Geldes auf dem angegebenen Konto an ihn versandt werden.

Der Graf lächelte bei dem Gedanken, dass er jetzt wahrscheinlich eine kleine Gesetzesübertretung begangen hätte. Innerlich winkte er ab, was war das im Vergleich mit dem, was Hannelore bereits getan hatte und sie zu tun bereit waren. Aber wie hieß es so schön, auch eine lange Reise beginnt mit dem ersten Schritt!

4. März. Kioskreparaturen

11.00 Uhr. Der Schreiner hatte die Ausführung der geplanten Arbeiten bestätigt. Er hatte vorgeschlagen, den Boden hinter dem Verkaufsfenster etwas abzusenken, damit Ernstl es etwas leichter hätte und von wegen der Rückenschmerzen von dem armen Kerl.

Der Elektriker hatte sich die Leitungen und den Sicherungskasten angeschaut und gemeint, das müsse restlos alles raus – wer denn, bitte schön, den Dreck verlegt hätte, das müsse ja ein Selbstmörder gewesen sein, auf jeden Fall ein Laie und das müsse ja vor 50 Jahren gemacht worden sein, eigentlich sogar vor der Erfindung der Glühbirne. Ein Stromanschluss sei zwar da und den können man sogar verwenden, aber der Rest müsse vollkommen raus und vollkommen neu rein, zwei Tage würde er schon brauchen. Vorher müsse natürlich der Kiosk leer geräumt werden. Das hörte sich nach Arbeit an, aber Udo und Edgar wollten das machen.

Edgar schlug vor, sich einen Lieferwagen zu mieten, da könne man alles, was nicht weggeworfen würde, reinstapeln, vor allem Verkaufswaren und dann könne man damit wegfahren und die Bauarbeiter hätten Platz für ihr Material neben dem Kiosk.

„Genial“, hatte Udo gesagt und sich ans Telefon gehängt, um für den nächsten Tag einen Lieferwagen zu mieten.

6. April. Tante Greten hat gestrickt

14.30 Uhr. „So, den Prototyp hätte ich jetzt, teste mal Udo“. Tante Greten hielt ihm strahlend einen schwarzen kleinen Gegenstand vor die Augen, den sie auf ihrem Mittelfinger hin und her drehte und den Udo nun misstrauisch beäugte.

„Das ist ein Prototyp? Ehrlich? Wovon?“

„Ja, ein Prototyp! War so schwer gar nicht, Udo. Also, du schlägst ungefähr 105 Maschen an, aber nicht zu fest und dann verteilst du sie natürlich auf ein Nadelspiel, machst erst fünf Reihen glatt, das ist rechtsrum und dann fünf Reihen kraus, das ist wieder linksrum.“

Udo sah sie zweifelnd an und nahm ihr das Ding, das er schließlich als (Prototyp einer) Mütze identifiziert hatte, aus der Hand, drehte sie auch „Hhm.“

„Naja, das musst du dann natürlich zweimal wiederholen, das sieht man doch und abnehmen muss man auch, klar, so nach vielleicht 12 cm muss man dreizehnmal jede Achte markieren und mit der Vorderen zusammentun. Aber rechts, verstehst Du?“.

Udo atmete tief und erleichtert aus, denn er hatte jetzt kapiert, dass Tante Greten nur die erste Mütze von Leon. Der Profi aus dem Film, den der Graf gezeigt hatte, nachgestrickt hatte.

„Sehr schön, aber bisschen klein, findest du nicht? Also ich meine, bei uns im echten Leben machen doch keine Kleinkinder mit, Tante Greten. Wir haben doch beschlossen, keine Kinder... Die bildet nur der Leon im Film aus, nicht wir“, lobte Udo sie, aber das kam nicht gut an.

„Na, Udo, das weiß ich doch, hältst du mich für senil? Ich dachte nur, ich strick mal was für das neue Enkelkind von Frau Z., die ist doch grade noch mal Oma geworden. Kinder sind nicht so pickig wie du, weißt du. Ich mach dann noch farbige Herzchen drauf, ich muss bloß noch einmal fragen, ob es ein Bub oder ein Mädchen geworden ist oder hast du dir das gemerkt? Ein Bub kann ja nicht rosa Herzchen tragen, nicht wahr?“

Er werde Frau Z. fragen, versicherte ihr Udo. Denn nein, das ginge nicht mit den falschfarbigen Herzchen. Dann runzelte er die Stirn. „Ist dir klar, dass Deine Mützen jeden Bullen auf unsere Spur bringen könnten, wenn die alle gleich aussehen und wie die Mütze vom Enkelkind von Frau Z. auch noch? Du, das wäre echt gefährlich!“

„Oh Gott, nein, das geht nicht. Da muss ich dann doch gelbe Herzchen auf unsere Mützen machen, so wie Blindenpunkte, weißt Du, nur umgedreht“. Tante Greten war eben fix und guten Argumenten stets aufgeschlossen. Sie grinste Udo frech an. Dem schwante Schreckliches. „Aber die Wolle, die führt dann direkt zu Dir! Stell dir vor, einer von uns verliert seine Mütze im Einsatz. Die Mütze wird gefunden und Deine Fingerabdrücke und Deine Hautschuppen sind drauf auf allen Fäden, entsetzlich“, nahm er einen neuen Anlauf, wohl wissend, welchen Unsinn er da verzapfte.

„Ooch, das riskiere ich! Ich bin eine alte Frau und stricke Mützen für viele Leute, auch für den Kirchenbasar, mir kann doch keiner. Dann habt ihr die eben von da, was weiß eine alte Frau denn, mit wem der Pfarrer Umgang hat. Und wenn schon, ich bin so alt, mir kann keiner was! Basta!“

Sie einigten sich schließlich darauf, dass man die Mützenfrage beim nächsten Treff bei Hanna gemeinsam mit den anderen entscheiden würde. Und das Enkerl von Frau Z. vielleicht doch keine schwarze, sondern gleich eine rosa oder himmelblaue Kopfbedeckung bekäme, eine mit Herzchen oder doch kleinen Enten, mal sehen, und dass Udo nun die Glühbirne im Flur auswechseln würde, weswegen er ja gekommen war, solange der Vorrat an anständigen Glühbirnen noch reiche.

„Eine Frage hätte ich aber schon noch“, meinte Tante Greten, als Udo sich bereits verabschiedete. „Der Blumentopf von Leon dem Profi, den kauft schon jeder von uns für sich? Das braucht man unbedingt als Grundausrüstung, wenn ich den Film noch mal überlege, oder? Schließlich stellt der Killer den Blumentopf doch jeden Tag in die Sonne, so ´was muss doch Sinn haben?“

„Klar, du musst nur immer Handschuhe tragen beim Gießen, Tante Grete“, lächelte Udo sie an, „glatte Handschuhe, am besten Gummihandschuhe. Aber sag es nicht weiter!“

Tante Greten nickte nur, sagte aber nichts. Sie schaute ihm ein klein wenig böse hinterher, als er die Stiege hinunter ging und dachte, ärgerlich sei es schon manchmal, dass diese jungen Leute es aber auch immer besser wissen müssen. Naja, jedenfalls konnte er prima Glühbirnen wechseln und tropfende Wasserhähne zum Schweigen bringen; dafür müsste sie als alte Frau eben auch so kleine Frechheiten in Kauf nehmen. Und kleine Frechheiten war immer noch besser als nichts – in ihrem Alter! Denn das war ja die Alternative, fand sie.

9. April. Filmabend beim Grafen

20.15 Uhr. Gegen viertel nach acht waren endlich alle da, hatten sich ein Bier, ein Glas Wein oder Wasser bereit gestellt, der Graf hatte Salzstangen und zwei Käseigel präsentiert.

„Ui“, sagte Tante Greten begeistert, „ganz wie in alten Zeiten, fehlen bloß noch die Weingläser von damals, aus denen man noch trinken konnte, weil sie oben offen waren. Bei dem neumodischen Zeugs habe ich immer Probleme, weil ich mir selber mit der Nase in den Weg komme“, sie fasste sich an die Nase und fragte besorgt: „Ist die denn so groß?“

„Du trinkst doch gar keinen Wein“, meinte Udo gelassen, „du hast ein Bier, was meckerst du nur?“

„Ich meine ja bloß“, sagte Tante Greten, dann machte der Graf das Licht aus und es lief Der Schakal – natürlich die Originalfassung, denn das US-Remake sei nun wirklich nichts, hatte der Graf erklärt, großer Scheiß! Und hatte dann noch darauf hingewiesen, dass Udo an der einen Stelle besonders gut aufpassen möge, nämlich da, wo der Büchsenmacher ins Spiel komme.

Der Film war wirklich gut, richtig spannend und irgendwie hatten sie alle das Gefühl, dass, so wie in dem Film, die Realität sein sollte: Noch mit richtigen Grenzen, an denen man kontrolliert wurde und mit Wechselstuben! Mit den fremden Währungen konnte man sich so wunderbar verrechnen und ein Schnäppchen kaufen, das sich dann hinterher als extrem teuer heraus stellte – aber da hatte man das Teil, das es unbedingt sein musste, ja schon lange bezahlt.

Also, der Haupttyp, der Attentäter, der sei ja so etwas von typisch englisch, meinte Sarah, das sei ja schon fast witzig.

Und als die Szene kam, in der der Attentäter das Spezialgewehr bestellt, lachte Udo laut los: „Pah“, sagte er erklärend in die Runde, „ein Gewehr aus Aluminium, das ist doch lächerlich!“

Der Büchsenmacher bestätigte ihn einige Szenen später, als er dem Attentäter klar machte, dass er für das Gewehr Edelstahl hätte verwenden müssen, Aluminium wäre viel zu weich gewesen. „Siehste“, sagte Udo und schaute stolz in die Runde.

Als der Film mit dem Tod des Killers endete, sagte Hanna: „Erstaunlich“, sie habe doch dem Ernstl die Comic-Serie Der Killer gegeben, „da steht das wortwörtlich drin: „Da sagt ein Großdealer neidisch zum Killer, warum habt ihr eigentlich so ein gutes Image, im Film sterbt ihr immer als letzte und uns Dealer knallen sie ab wie die Hunde, dabei sind wir doch nur Kaufleute, die einen Bedarf befriedigen! Da hat er irgendwie schon recht, ich weiß ja nicht wie es euch gegangen ist, aber ich habe dem Killer gewünscht, dass er davon kommt.“

„Sag mal“, fragte Udo den Grafen, „hast du noch welche von diesen leckeren Käsedingern?“

„Käseigeln!“, belehrte der ihn, „hast du noch Hunger? Hhm, Igel nicht mehr, aber wenn`s der Käse allein auch tut? Käse habe ich nämlich noch“, und damit erhob er sich und ging in die Küche, um Käsenachschub zu holen. Dann verteilte er noch eine Runde Bier, Tante Grete nahm dankend an, stellte eine gekühlte Flasche Weißwein auf den Tisch und Wasser. Dann wechselte er die DVD und sagte: “Jetzt kommt Der Eiskalte Engel mit Alain Delon. Das war schwierig, den zu bekommen, legal schon mal gar nicht, ich habe ihn übers Internet aus Dänemark bekommen, war richtig teuer.“

„Mir kommen die Tränen!“, sagte Sarah, „sollen wir sammeln? Lass einen Teller rumgehen.“

„So war das gar nicht gemeint“, antwortete der Graf etwas beleidigt, „ich wollte euch nur sagen, ihr seht jetzt etwas ganz Besonderes. Na gut, wenn`s euch nicht interessiert, Film ab.“.

Er fummelte noch eine Weile mit der Fernbedienung des DVD-Spielers herum, schaltete die Untertitel aus, wählte als Sprache Deutsch und dann ging es tatsächlich los.

In der ersten – sehr, sehr langen!!! – Szene liegt der Killer, also Alan Delon, ganz ruhig auf einer Couch, man nimmt ihn eigentlich gar nicht wahr. Erst nach einer Weile bemerkt man den Rauch am Kopfende aufsteigen und dann nimmt man erst wahr, dass da ein Mensch liegt, der raucht. Eine berühmte Szene!

„Ist der schon tot?“, fragte Tante Greten übermütig, „dann war das ja ein kurzer Film!“

„Ach was“, sagte „Sarah, „der raucht doch noch.“

Der Film zeigt die Einsamkeit des Killers, der genauso einsam ist wie ein Samurai – und deshalb heißt der Film im französischen Original auch so. Alain Delon sieht überwältigend gut aus und die beiden jungen Frauen, Nathalie Delon und Cathy Rosier auch. Ein Film zum Hinschauen, ganz langsam gedreht, mit sehr langen Filmsequenzen … und so waren sie auch alle mucksmäuschen still.

Am Schluss stirbt der Killer freiwillig im Kugelhagel der Polizei.

„Schaut´s“, sagte Hanna, „er stirbt als letzter und war doch eigentlich die sympathischste Figur, oder?“

Der Graf machte Licht, schaute sich in der Runde um und fragte: „Und? Haben die Filme uns jetzt weitergebracht?“

„Naja“, meinte Udo, „dass man Gewehre nicht aus Aluminium machen kann, das war mir schon klar, aber das war schon eine gute Konstruktion – die könnte ich wahrscheinlich machen, vielleicht! Ich bin halt kein ausgebildeter Büchsenmacher, und dann ist da das Problem der Munition, die macht er ja auch selber. Das wird schwieriger.“

„Ja“, stimmte Edgar zu, der zweite Metallbastler in ihrer Runde, „irgendwo kaufen wäre schon viel besser, finde ich. Also selber machen, ich weiß nicht, Udo, bei aller Hochachtung, ich halte das für ausgeschlossen – und das größere Problem sehe ich bei der Munition!“

„Ich sehe immer, dass es schnell gehen muss! Rein, schießen, raus, der Alain Delon ist ja fast ein Schwätzer, als er mit seinem Opfer die drei Sätze wechselt. Waren das eigentlich drei? Ich glaube schon. Und was hat er von seiner Schwatzhaftigkeit: Die Pianospielerin sieht ihn! Also, Schnauze halten und ballern! Und dann nichts wie weg!“

„Hhm“, sagte Wolf-Dieter, „sehe ich auch so. Und eiskalt muss man sein! Kalt wie eine Hundeschnauze.“

„Ob man sich darauf vorbereiten kann?“, fragte Edgar.

„Kaum! Höchstens mit autogenem Training: Sich die Situation immer wieder vorstellen und im Geiste durchspielen, das könnte helfen!“

„Da kriege ich ja Alpträume“, meinte Sarah besorgt.

„Das, meine Liebe, wird noch das geringste Problem sein! Glaube ich.“

„Naja“, sagte Edgar, „ist zwar nicht wichtig, aber die europäischen Filme sind einfach besser als die Amischinken, oder?“

Dann fragte Tante Greten: „Also, der Hut, den der französische Killer, der Hübsche, trägt, sieht ja zugegeben besser aus als meine Mützen, die ich nach dem ersten Film machen wollte. Tragen wir jetzt lieber Hut statt Strickmütze?“

„Nee“, sagte Udo, „bleib du man bei Deinem Strickkram! Sag mal, wie weit bist du denn?“

„Eine alte Frau ist doch kein D-Zug!“, war alles, was Tante Greten darauf antwortete.

10. April. Der neue Kiosk

10.30 Uhr. Nach dem Frühstück gingen Hanna, Sarah, Udo, Wolf-Dieter, der Graf, Edgar und Tante Greten zum Kiosk, denn der sollte heute fertig werden, hatte der Schreiner versprochen, d.h., Hanna ging nicht, sie wurde in ihrem Rollstuhl geschoben.

Schon von der Ecke Artilleriestraße sahen sie, dass aus dem alten Kiosk ein richtiges Schmuckkästchen geworden war. Von außen war gar nicht viel verändert worden – die Farbe war neu, aber dieselbe, die sie vorher gewesen war. Das Fenster zur Leonrodstraße war deutlich größer geworden. Es zog sich jetzt über die ganze Vorderseite und um die Ecken herum. Der Tischler hatte offenbar Spaß an dem Job gehabt, er hatte zwei übereinander liegende Kassetten-Strukturen aus Holz gebaut, richtige Handwerksarbeit vom Feinsten. Die Kassetten bestanden aus schmalen Holzstäben, in die die Scheiben eingesetzt waren. Das sah irgendwie gemütlich aus. Durch das viele Glas und das sich um die Ecken herumziehende Fenster war der Kiosk innen viel heller als vorher. Vor allem wirkte er viel freundlicher auf die Kundschaft. Aus der ursprünglich kleinen Klappluke war ein deutlich größeres Fenster geworden, vor und hinter dem ein Kunde und Ernstl nicht mehr gebückt stehen mussten, um sich anschauen zu können.

Die Werbeschilder für die Zeitungen, vor allem das für die mz, fehlten noch. Sie hatten beschlossen, dass die zwar wieder anmontiert werden würden, aber damit wollten sie sich Zeit lassen. Wenn ein Werbepartner sich beschweren würde, würden sie sagen, dass die zur Restauration geschickt seien nach all den Schmierereien. Das würde fürs Erste schon klappen.

Die Markise über dem Verkaufsfenster war jetzt etwas größer (nur ein Stückchen), gab aber mehr Schutz und sie war heller, genauer gesagt leuchtend gelb, damit sie „so ein Sonnenlicht-Feeling vermitteln würde“, wie Udo meinte. An der Seite des Kioskes war der Schaukasten angebracht – im Moment war er noch leer, aber da würde Ernstl schon etwas einfallen, was er darin ausstellen würde. Vielleicht ein paar besondere Comics, hatte Edgar vorgeschlagen.

Die Tür war deutlich stabiler, das war schon von außen zu sehen, und hatte jetzt zwei Schlösser. „Da kommt so schnell keiner rein“, sagte Edgar, denn um die Tür hatte er sich mit dem Schreiner gekümmert. Die Tür war jetzt eine Stahltür, aber der Schreiner hatte ein Meisterstück der Kaschierung mit Holz vollbracht; niemand würde Stahl unter dem Holz vermuten!

Im Kiosk staunten alle. Mehrere Lampen verbreiteten ein helles Licht. Obwohl sie mehr Stauräume geschaffen hatten, erschien der Kiosk von innen größer als von außen. Der kleine Sicherungskasten sah nach Hightech aus. Steckdosen gab es mehr als ausreichend und dann das Beste: Der vor dem Verkaufsfenster um zehn Zentimeter abgesenkte Boden!

Unter dem Tresen hinter dem Fenster und an der Rückwand prangen knallrot zwei Feuerlöscher: „Für alle Fälle“, hatte Udo sie darauf hingewiesen, „und Vorschrift ist es auch!“

„Klasse, Jungs“, sagte Hanna, „das habt ihr gut gemacht. Es ist einfach schön geworden. Jetzt können die Prüfer vom KVR kommen, oder?“

„Ich glaube schon“, sagte Edgar, „wir erfüllen alle Vorschriften, sagen die Handwerker. Schaut mal dahinten, wo die kleine Pantry ist, alles Edelstahl und die Abwasserbehälter sind draußen hinter einer Tür, auch Stahl!“

„Ich bin ja so gespannt, was Edgar und Helga davon halten werden… ich find`s jedenfalls schön! Viel schöner als vorher!“

„Das will ich meinen“, lachte Udo, „da steckt viel Arbeit und nicht wenig Geld von Hanna drin!“

„Hast du wieder alles bezahlt?“, fragte Sarah, „Du bist wirklich der Engel vom Hübnerplatz, wie sie dich alle nennen!“

„Ach, lass nur“, meinte Hanna, „ist doch nur eine kleine Sache gewesen und mitnehmen kann ich nichts, und Familie habe ich auch nicht. Was soll´s also?“

„Da möchte man ja fast drin wohnen!“, flötete Tante Greten, die wegen ihrer Schwerhörigkeit von dem Gespräch nichts mitbekommen hatte, „ob ich ein paar Gardinen häkeln soll?“

„Ach nee, Tante Greten, lass das mal lieber“, lächelte Sarah, „ich glaube, da steht Ernstl nicht so drauf! Und du hast doch genug mit den schwarzen Mützen zu tun.“

„Vielleicht einen Toilettenpapierrollenschoner?“, schlug Udo vor.

„Ach nein, das nun doch nicht, dann schon lieber Gardinen. Naja, angeboten habe ich es jedenfalls“, schmunzelte Tante Greten, „Kinder, ihr fallt aber auch auf alles rein, was eine alte Frau sagt, wenn der Tag lang ist.“

Der Graf nahm Tante Greten in den Arm und flüsterte ihr ins Ohr, dass sie ja ein richtiger Schlawiner sei, eine ganz nette Schlawinerin allerdings, schade, dass man sich erst auf die alten Tage kennengelernt habe, was Tante Greten veranlasste, ein ganz klein wenig rot zu werden.

Dann verließen sie zufrieden den Kiosk. Die Handwerker mussten nur noch die Fläche neben dem Kiosk noch aufräumen und den Container mit dem Bauschutt wegschaffen, und Edgar und Udo mussten die im Lieferwagen zwischengelagerten Schätze wieder einräumen – dann könnte der Betrieb eigentlich wieder losgehen. Aber dazu mussten Ernstl und Helga ja erst einmal aus dem Versteck zurückkommen.

11. April. mz berichtet

Neues vom Kiosk des Boxers!

Der umstrittene Kiosk in der Leonrodstraße wurde in diesen Tagen aufwendig renoviert. In den letzten Tagen hatte sich der Zorn der Anwohner Luft verschafft mit verschiedenen Parolen auf den Wänden des Kiosk, auch eine kleine Scheibe ging entzwei. „Kollateralschäden wird es immer geben“, sagte uns ein Passant, „der Brutalix hat hier nichts mehr verloren. Aber wie es aussieht, kommt ja ein neuer Besitzer, habe ich gehört, oder?“

Die meisten Parolen forderten den brutalen Besitzer (die mz berichtete ausführlich) auf, „endlich zu verschwinden“.

Von der Redaktion befragte Passanten begrüßten die Forderungen. Taxifahrer GH (37): „Der muss hier weg!“. Hausfrau WL (28): „Ich habe Angst um meine Kinder solange dieser brutale Typ hier rumläuft!“. Rentner AH (82): „Unter Adolf wäre der schon lange weg…“, (Nana, Herr AH, sagt da die Redaktion!) und seine Frau HH (79) sagte uns: „Genau. Soll der doch in die Ostzone gehen, wenn es dem hier nicht passt!“

Der Besitzer, der Skandalboxer E., hat diese Forderungen wörtlich genommen und ist gemeinsam mit seiner dubiosen rumänischen Freundin untergetaucht: Aufenthaltsort unbekannt! Die Redaktion konnte ihn daher nicht befragen, was hier geplant ist. Die Handwerker scheinen einem Redeverbot zu unterliegen, jedenfalls gaben sie keinerlei Auskünfte.

Das Ganze ist doch sehr rätselhaft, denn nach den Recherchen der Redaktion stand der Besitzer kurz vor der Insolvenz – woher kommt also das Geld, das hier verbaut wird? Das KVR (Kreisverwaltungsreferat) erklärte sich für nicht zuständig. Gerüchte besagen, dass die rätselhafte Frau (mal im Rollstuhl, mal nicht, siehe Foto rechts), die sich auch als „Engel vom Hübnerplatz“ bezeichnen lässt, ihre Finger im Spiel haben soll! Die Redaktion bleibt am Ball…

15. April. Im Laden

12.45 Uhr. Heute gab es Bayerisches Weißkraut mit Kalbfleischpflanzl und als Alternative Schweinebraten mit Knödel. Da war Hochbetrieb im Laden!

Ganz vorne saß Frau Bradeanu in ihrem Rollstuhl. Sie wäre ohne Rollstuhl vermutlich eine große schlanke und wahrscheinlich nicht unattraktive Frau Frau gewesen. Vor ca. 20 Jahren war sie als Rumänien-deutsche nach Deutschland gekommen. Damals war das noch opportun gewesen. Damals hatte sie ganz schwarze Haare gehabt. Obwohl, bei einer Friseuse (damals sagte man das noch, heute hat das „euse“ ja einen Hautgout) weiß man ja nie... Inzwischen war sie ziemlich grau, fast weiß und färbte ihre Haare nicht mehr. Aber ein unbefangener Beobachter würde meinen, mit teurer Kleidung und etwas Make-up könnte man eine schicke Frau aus ihr machen. Sie schien das nicht zu interessieren.

„Na, Frau Bradenanu,“ fragte Frau Z., „sie hatten Weißkraut, oder? Das essen Sie doch so gerne. Jürgen“, rief sie nach hinten, „einmal Weißkraut für die Frau Bradeanu. Und wie geht es ihrem Bruder in Klausenburg, in der Heimat?“

Die Frau im Rollstuhl winkte ab. „Nicht Klausenburg, liebe Frau, das war einmal, das ist lange her. Als das noch Siebenbürgen war. Lang´ her. Das heißt jetzt Cluj-Napoca oder Cluj und ist auch nix Heimat mehr. Nicht meine. Ich jetzt ja hier. Meine Heimat: München.

Ihm geht es nix gut, glaube ich, aber er sagt ja nix am Telefon. Aber ich glaube, nix gut.“

„Fahren Sie ihn denn mal besuchen?“

„Weiß nicht, mal sehen vielleicht. Was kostet das?“

In einer Reihe standen als nächste Tante Greten (Weißkraut), Herr Mittermayr (Schweinebraten), Frau Söhnke (Schweinebraten), die kleine dicke Frau Riemann (Schweinebraten) und neben ihr die lange, hagere Frau Plüschke (die wollte Aufschnitt und eine Semmel und das tägliche Gutl). Wenn es so etwas wie weibliche Pat und Patachons geben würde, die beiden wären optisch ein geeignetes Paar.

„Lassen Sie die Frau Bradeanu, durch bitte, die braucht ja Platz, damit sie rauskommt, bitte.“

Dann hatte Frau Z. den Architekten (Schweinebraten) nach vorne beordert: „Jürgen, ich brauche Schweinebraten für den Architekten und einmal Soße extra“.

Als die Rechtsanwältin (3mal Schweinebraten) kam, wurde auch die vor gelassen – die Alten machten ohne Murren Platz, es gab ja genug zu bereden oder zu hören.

„Jürgen dreimal Schweinebraten! Guten tag, Frau Rechtsanwältin, Sie, Ihr Brief an den gegnerischen Anwalt, der hat vielleicht eingeschlagen... Sie, der hat den Schwanz vielleicht eingezogen. Also, super Frau Rechtsanwältin. Ich habe das ja erst gar nicht glauben wollen, so wie Sie das machen wollten – aber da sieht man ja einmal wieder...

Haben wir noch Soße extra für die Frau Rechtsanwältin? Und einmal einen großen Salat für ihren Mann. Nein, heute müssen Sie nicht zahlen, bei dem Brief, da ist das mehrfach drin“, lachte sie, „haben Sie die Frau Bradeanu gesehen, die Arme, ihrem Bruder geht es ja gar nicht gut, hat sie gesagt, sie wird da bald einmal hin müssen,also nach Rumänien, also, wie die das schaffen soll, die ist ja auch alleine und das kostet ja auch ..., ach ich rede mal wieder zu viel, das interessiert Sie sicherlich gar nicht?“

Um dann unverblümt fortzufahren: „Sie, Frau Rechtsanwältin, bei ihnen gehen ja immer ganz berühmte Leute ein und aus, also der Jürgen, der sieht das ja, wenn da jemand mit so einem dicken Auto vorfährt vor ihrem Haus, da können die ja nur zu Ihnen gehen, oder. Vorgestern, das war doch diese eine Schauspielerin, die aus der … wie heißt die Serie noch? Ja, kreuzverdammt, ich vergesse aber auch so vieles, also, wie hieß die denn noch, sie werden´s ja wissen, das interessiert doch alle hier, oder?“

Allgemeines Kopfnicken. „Genau deshalb, Frau Z. darf ich das nicht sagen und werde das auch nicht. Es gibt nämlich eine Schweigepflicht.“

„Ah, geh, Frau Rechtsanwalt, wir sagen es ja nicht weiter.“

„Absolut unmöglich, keine Chance, wenn sie zu mir kämen, wollten sie doch auch nicht, dass alle wissen, ob bei ihnen etwas nicht stimmt.“

„Naja, so gesehen… Dann hätte ich das von dem Brief auch nicht sagen dürfen, oder? Ach, ich altes Plappermaul. Jürgen, machst du den Herrn Architekten fertig, bitte, der wartet schon die ganze Zeit. Den Salat hatte ich doch schon abgefüllt, nur noch das Fleisch und den Knödel … da drüben steht der Salat, genau vor der Frau Plüschke!“

„Geht das heute denn gar nicht weiter?“, quengelte die, „ich habe es heute eilig, ich warte auf einen Anruf von der Zeitung!“. Sie schaute sich triumphierend in der Runde um und fuhr fort zu plaudern: „die wollen morgen ein Interview mit mir machen!“

„Interview? Mit ihnen? Warum denn das?“

„Naja, ich weiß halt was, was die wissen wollen, wissen sie?“

„Was denn?“, fragte Frau Z. und füllte jetzt doch die drei Portionen Schweinebraten für die Rechtsanwältin selber ab, „viel Soße, nicht? Ihr Mann mag ja die Soße so gerne, was wollen sie denn wohl wissen, Frau Plüschke?“

„Naja, von damals, als die Hannelore den Professor, den berühmten, erschossen hat, da hatte doch die Frau Mayr-Filz, die wo meine Nachbarin ist, also, die hatte doch ihren Hund an dem Abend noch ausgelassen. Also, der ist ihr ausgekommen und da ist sie abends zu mir gekommen, ob ich ihr helfen könnte, den Putzi zu suchen, der wo ihr Hund ist… und da sind wir dann abends noch rausgegangen, wo ich doch abends eigentlich gar nicht gerne rausgehe, nicht, das wissen sie ja. Naja, und da habe ich gesehen, also ich glaube, dass sie das war, dass die Hannelore in ein Auto gestiegen ist, ein helles. Hellblau, glaube ich, und die Frau Mayr-Filz hat gesagt, das sei ein Japaner, das Auto, und so einen würde sie ja nie kaufen, so einen Japaner, dabei ist die doch viel zu alt zum Autofahren, ich glaube, die hat auch gar keinen Führerschein oder jedenfalls nicht mehr.“

„Und woher weiß die Zeitung davon?“

„Nun ja, ich habe da angerufen und gesagt, für fünfhundert Euro könnte ich denen etwas erzählen, was die Polizei nicht weiß, weil ich es der nicht gesagt habe. Da kriegt man ja nichts, und die fünfhundert Euro, die brauche ich doch, um mein Zimmer zu renovieren und ein paar Haltestangen im Badezimmer anzubringen, sonst falle ich noch mal in der Badewanne hin – und dann findet mich doch keine Sau! Wo ich doch keinen Mann nicht habe.“

„Und dafür gibt es fünfhundert Euro? Jürgen, hast du den Architekten nun fertig, die anderen wollen doch auch ihr Essen, das wird ja alles kalt.“

„Ja, stellen sie sich vor, fünfhundert Euro, dafür kann man sich doch schon mal erinnern, oder? Da muss eine alte Frau lang dafür stricken.“

„Fünfzehn Euro, Frau Anwältin, macht das, ich habe noch ein kleines Stückchen Kruste dazu gepackt, für Ihren Mann! Wie kommt der denn voran mit seinem Roman? Wovon handelt der noch gleich? Er hat es mir erzählt, aber mir gehen ja so viele Dinge durch den Kopf, dann kann man sich ja nicht alles merken? So, jetzt kommen noch drei Schweinebraten, Jürgen, machst du die Knödel und die Soße? Dreimal, Jürgen!“

Und so ging es weiter. Dann waren alle versorgt und Frau Z. und Herr F. schlossen den Laden bis sechszehn Uhr: Mittagspause.

Gegen siebzehn Uhr kam Hanna und wollte ein Stückchen Butter.

„Hallo, Frau Doktor, das ist ja schön, dass sie mal wieder da sind. Wie geht es denn immer? Immer noch mit dem Rollstuhl, ja, das ist so eine Last. Sie, die Butter hole ich ihnen, bleiben sie in Ihren Stuhl sitzen.

Wissen sie schon, dass die Frau Plüschke morgen von der Zeitung interviewt wird? Ganz groß, da kommen mehrere Reporter und ein Fotograf.

Die Frau Plüschke hat nämlich, so, hier ist der Butter, gesehen, dass die Hannelore damals, an den Abend, an dem sie gestorben ist, von einem Auto abgeholt worden ist, ein blauer Koreaner oder so, also irgendetwas asiatisches, hat sie gesagt, aber da hat ihr einer die Tür aufgemacht, der sah so ein bisschen so aus wie der Wolf-Dieter.

Naja, da gibt es ja viele davon, die so aussehen, das ist ja mehr so ein Dutzendtyp, also, dass sie ihm das bloß nie erzählen, dass ich das über ihn gesagt habe, der ist natürlich in Wirklichkeit kein Dutzendtyp, dazu ist der ja viel zu nett“, lachte Frau Z., „also, Ihre Butter, macht einsfünfundzwanzig.“

15. April. Bei Hanna.

Für 21.30 Uhr hatte Hanna alle zu sich eingeladen. „Leute“, sagte sie als alle saßen, „wir haben ein Problem! Ein großes…“. Alle schauten sie gespannt an, nur Tante Greten lächelte zufrieden.

„Also“, fuhr Hanna fort, „die Plüschke gibt der mz morgen ein Interview.“

„Und wo ist das Problem?“, fragte Udo, „die redet viel, wenn der Tag lang ist“, und lächelte erwartungsvoll in die Runde. Nur Sarah und Tante Greten lächelten freundlich zurück.

„Sie hat euch gesehen, wie ihr Hannelore abgeholt hat – zwar in einem blauen Japaner, aber sie hat Wolf-Dieter erkannt!“

„Scheiße“, sagte der, „das hat uns noch gefehlt.“

„Gibt es heute nichts zu trinken?“, fragte Tante Greten, „also ich hätte Lust auf ein Likörchen.“

„Dann hol dir einen“, sagte Hanna etwas genervt, „Tante Greten, wir laufen hier in ein echtes Problem rein. Wenn die Plüschke das der Zeitung erzählt, hat uns die Polizei am Arsch…“

„Hanna“, sagte Tante Greten, „solche Worte hast du aber nicht von mir gelernt, Kindchen, so etwas sagt man doch nicht, schon gar nicht als Dame. Was ist nun mit dem Likör?“

Hanna winkte nur ab und fragte genervt in die Runde: „Irgendwelche Ideen?“

„Können wir sie bestechen, wie viel wird sie denn bekommen, sicher nicht viel?“

„Fünfhundert Euro!“, sagte Tante Greten.

„Woher weißt du das denn?“, fragte der Graf.

„Ich war dabei, als sie es erzählt hat, heute Mittag im Laden.“

„Und wenn wir ihr Tausend bieten?“

„Dann erpresst sie uns für den Rest ihres Lebens.“

„Wenn wir uns als Journalisten ausgeben, ihr Tausend bieten und sie unterschreiben lassen, dass sie mit niemand mehr reden darf?“

„Mäßig gute Idee, finde ich“, sagte Edgar, „wer soll der Journalist sein, die kennt uns doch!“

„Mist!“

„Bringen wir sie auch um!“, schlug der Graf vor.

Es war still im Raum. Der Graf hatte ausgesprochen, was alle dachten aber keiner aussprechen mochte. Damit wäre eine Grenze überschritten.

„Braucht ihr nicht mehr …“, sagte Tante Greten in die Stille hinein.

„Wieso?“, fragte Hanna gedehnt, als ob sie ahnen würde, was jetzt kommen würde.

„Weil, ich sage einmal, die ist tot, töter und am tötesten… Wie steigert man das eigentlich?“

„Gar nicht“, sagte Hanna, „tot kann man nicht steigern!“

„Wie?“ „Wo?“ Warum?“ Die Fragen kamen gleichzeitig.

„Weil ich das erledigt habe!“

„Du?“.

„Du?“.

„Du?“.

Wieder alle gleichzeitig.

„Ihr traut einer alten Dame ja wohl gar nichts zu? Bloß weil ich alt bin… Das nennt man, glaube ich, Altersdiskriminierung, wisst ihr!“

„Tante Greten“, rief Hanna, „Tantchen, was hat du gemacht?“

Jetzt genoss Tante Greten den großen Auftritt!

„Was ich gemacht habe? Das Notwendige. Ich bin alt aber nicht blöd, wisst Ihr. Und ich trinke gerne mal ein Likörchen, Udo. Bist Du so nett? Danke. Also, die Plüschke hat das doch im Laden erzählt, dass sie das der mz erzählen will für fünfhundert Euro. Und da habe ich mir gedacht, Greten, habe ich gedacht, das ist gar nicht gut. Kriege ich jetzt meinen Likör, Udo?“ Sie bekam, trank ihn und schleckte das Glas aus.

„Tante Greten“, sagte Hanna drohend.

„Ja doch, Kindchen, ich habe das Glas immer ausgeleckt. Ach so, Du meinst... Ja, geht ja schon weiter… Also, das konnten wir doch nicht zulassen, oder?

Allgemeines Köpfenicken in der Runde.

„Tante, komm zur Sache!“

„Ja, lass mich das doch mal genießen, sonst hört ihr mir ja nie zu. Also ich habe sie dann angerufen, als Frau Z. schon zu hatte und habe gefragt, ob sie mir ein paar Kartoffeln leihen könnte, die mehligen, weil der Udo doch morgen kommen würde und der isst immer so viel…“

„Tante!“, warnte Hanna.

„Ich?“, sagte Udo, „ich soll viel essen? Immer? Kartoffeln?“.

Tante Greten winkte ab, „Ist doch gar nicht so. Ich brauchte doch einen Vorwand, und ich weiß doch, dass die eine Kartoffelkiste im Keller hat. Und dann habe ich gefragt, ob ich in zehn Minuten kommen könnte? Und sie hat „Ja“ gesagt!

Da bin also rüber und in den Hausflur, die Tür ist doch seit Monaten kaputt, ich bin da also rein und sie ist in den Keller gegangen – und als sie wieder hoch kam, habe ich da ja schon gestanden. Auf halber Treppe musste sie erst einmal Pause machen.

„Die alte Pumpe“, hat sie gesagt und dann ist sie langsam weiter hoch gekommen. Als sie auf der drittletzten Stufe war, habe ich gesagt, dass sie mir den schweren Topf geben sollte. Das hat sie mit beiden Händen gemacht. Und als sie da so stand und sich nicht am Geländer festgehalten hat, habe ich ihr einen Stupser gegeben, also, nur ein ganz kleinen.“

„Und dann?“, fragte atemlos Hanna.

„Dann hat sie mit den Armen gerudert, wie wahrscheinlich in den letzten zehn Jahren nicht mehr hat mich angeglotzt und ist hintenüber die Treppe runtergefallen und ist dabei mehrere Male aufgedotzt. Unten lag ihr Kopf ganz schief. Ich bin dann runter und habe gefühlt, aber da war kein Puls mehr.“

„Und dann?“

„Dann bin ich die Treppe wieder rauf und bin gegangen… Basta!“

„Und wenn dich da unten jemand gesehen hätte?“

„Dann hätte ich gesagt, dass ich sie da unten gefunden hätte, und ob man nicht einen Arzt holen müsste. Ich kenne mich da ja nicht aus!“

„Wow!“, sagte Wolf-Dieter, „Tante Greten, jetzt brauche ich einen Schnaps!“

Den wollten jetzt alle und dann ließen sie Tante Greten hochleben – und die genoss das in vollen Zügen.

„Naja, dann sind die alten Knochen ja doch noch zu etwas gut!“, lächelte Tante Greten, und einer nach dem anderen nahm sie in den Arm.

„Wenn wir dich nicht hätten“, sagte Edgar, „unsere Tante Greten, unsere Beste!“. Und gab Tante Greten einen Kuss, der sie wieder etwas rot werden ließ.

16. April. Im Laden

9.30 Uhr. Wolf-Dieter hatte Hanna zum Laden geschoben, sie wollten Semmeln und etwas Aufschnitt holen. Das Haus, in dem Frau Plüschke gewohnt hatte, war von der Polizei abgesperrt worden, der Fußgängerverkehr wurde auf die andere Straßenseite geleitet. Naja, natürlich wollten sie auch mal nachschauen, was sich da abspielte.

Mehrere Polizeiwagen standen vor dem Haus, Blaulicht blinkerte, einige Polizisten in Uniform sorgten für Ordnung, Männer und Frauen in Zivil und in weißen Overalls mit der Aufschrift POLIZEI auf dem Rücken rannten geschäftig herum.

Als Wolf-Dieter mit Hannas Rollstuhl kam, hob eine sehr junge Polizistin in Unform das Absperrband hoch und meinte, dass sie durch dürften, dann brauchten sie mit dem Rollstuhl nicht über die Straße.

Dabei sagte sie: „Aber Sie waren doch gerade schon einmal da? Haben Sie etwas vergessen?“

„Ich war schon einmal da? Wie kommen Sie denn auf die Idee?“

„Naja, vorhin... Sie, die weißhaarige Dame im Rollstuhl...“

Dann schaute sie etwas hilflos herum. Einen Moment später deutete sie auf die andere Straßenseite: „Da, da sind Sie doch, da drüben.“ Sie schüttelte den Kopf: „Was rede ich für einen Unsinn, Sie sind ja hier - aber da drüben, auf der anderen Straßenseite, steht Ihre Doppelgängerin. Entschuldigen Sie bitte, ich habe Sie verwechselt, so etwas?“, schüttelte sie den Kopf.

Hanna meinte, das sei die Frau Bradeanu, mit der sie schonmal verwechselt worden sei. „Aber was ist denn los? So viel Polizei? Das ist ja wie im Krimi?“ Ein Todesfall, war die Antwort.

„Mord?“, fragte Hanna.

„Wie kommen sie jetzt darauf?“, war die Gegenfrage, die Polizistin hatte nun die Augen jetzt etwas zusammengekniffen und schaute sie konzentriert an. Ihre Hand rutsche wie von selbst nahe an ihre Pistole.

„Nichts für Ungut“, meinte Hanna, „bei so viel Polizei … Junge Frau, das sieht doch wirklich aus wie im Krimi! Und ich liebe Krimis. Vor allem die aus München.“

„Ach so“, sagte die Polizistin schon viel entspannter, „und was machen sie hier?“

„Wir holen Brötchen“, sagte Wolf-Dieter.

Irritiert schaute die junge Frau in Uniform Hanna an.

„Semmeln!“, meinte die erklärend, „er meint Semmeln, ist halt a` Preiß, die lernen es nie, wissen Sie!“

„Ach so“, sagte die Polizistin wieder, „ich war auch schon einmal in Aschaffenburg… aber gehen´s nur weiter.“

Im Laden war die Hölle los. Alle, die es hinein geschafft hatten, waren da, kauften irgendwelche Kleinigkeiten, nur um in Laden die neuesten Neuigkeiten auszutauschen.

„Die ist die Treppe hinunter gefallen!“

„Was hat die um die Zeit, mitten in der Nacht, mit Kartoffeln gewollt?“

„Ich habe einen fürchterlichen Schrei gehört, wie von einem sterbenden Tier …, grauenvoll.“

„Die war ja kahl unter der Perücke…“

„Die Treppe war aber auch in einem Zustand, unmöglich!“

„Herzinfarkt!“

„Unsinn, Schlaganfall.“

„Die hat wer geschubst, ganz klar, wegen der Erbschaft.“

„Da hat wer jemanden ganz schnell wegrennen sehen …“

„Die war doch arm wie eine Kirchenmaus, die bringt doch keiner wegen Geld um!“

„Die ist doch abends nie mehr raus…“

„Das waren sechs Kartoffeln, und dann noch mehlige! Ob die Polizei das weiß?“

„Die hatte sämtliche Knochen gebrochen…“

„Gar nicht, die ist geschmeidig wie eine Katze runtergerollt…“

„Riesige Wunden am Kopf…“

„Die Arme!“

„Und über wen ärgern wir uns jetzt?“

Auf dem Verkaufstresen stand schon das einschlägig bekannte Gurkenglas mit dem Zettel, auf dem stand in der Handschrift von Frau Z.: „Für einen Kranz“. Das Glas war schon ein Viertel voll. Hanna reichte Frau Z. einen zwanzig Euro Schein und deutete wortlos auf das Glas.

„Oh, dankschön, Frau Doktor, und wieder so großzügig.“ Hanna winkte ab. „Wer kümmert sich um die Beerdigung?“, fragte sie Frau Z. in der Sicherheit, die würde auch in der Kürze der Zeit schon mehr wissen.

„Da ist eine Schwester in Dachau, die wird das wohl machen, ab und zu ist Frau Plüschke zu ihr nach Dachau gefahren. Sagen Sie, sollen wir diesmal nicht wirklich einen Kranz nehmen, nachdem die sich bei Hannelore so über den Blumenteppich ausgelassen hat, die Frau Plüschke, „das Gestrüpp“ hat sie gesagt?“

„Ja, finde ich auch“, stimmte Hanna zu, „lassen sie einen Kranz machen. Kommt genug zusammen?“

„Glaube ich schon“, sagte Frau Z.

„Geben sie mir noch sechs Semmeln, bitte.“

17. April. mz berichtet

unter der Überschrift War es wirklich ein Unfall?“

Einen Tag bevor die allseits beliebte Rentnerin S.P. (Foto links) der mz-Redaktion gegenüber eine sensationelle Aussage im Fall des erschossenen Professors und seiner irren alten Killerin machen wollte, die die bisherigen Ermittlungsergebnisse der Polizei auf den Kopf stellen sollte, verstarb sie bei einem angeblichen Unfall!

S.P. hatte am Vortag in der mz-Redaktion angerufen und erklärt, es gäbe da ein paar Dinge um den Mord an dem toten Professor, die wolle sie der Öffentlichkeit mitteilen, „da würden sich einige aber wundern…“

Als das mz-Reporterteam zum vereinbarten Termin vor ihrer Wohnung erschien, war die Polizei bereits am Tatort. Zufall? Absicht? Noch wissen wir es nicht. Aber Zufall??? Die Polizei ermittelt.

Das ist bisher bekannt: Die Rentnerin wurde von einer Nachbarin gestern früh tot am Fuß der Kellertreppe ihres Wohnhauses aufgefunden – neben ihr lag ein Kochtopf und rund um die Leiche verstreut einige Kartoffeln (mehlige, wie die Nachbarin uns berichtete, die außerdem darauf hinwies, dass S.P. eine der wenigen Frauen in der ganzen Nachbarschaft sei, die noch über eine Kartoffelkiste verfüge (Kartoffelkiste: s. Wikipedia)).

Von der Polizei verlautete, man gehe nach den bisherigen Untersuchungsergebnissen von einem typischen häuslichen Unfall aus, ermittle aber, wie immer in solchen Fällen, in alle Richtungen.

Die Redaktion hat ein kostenloses Sondertelefon eingerichtet, an dem sich Zeugen zum Unfall (???) oder zum Mord am Professor melden können. Das Telefon ist vierundzwanzig Stunden am Tag besetzt.

 

25. April. mz berichtet

Gestern fand im kleinsten Kreise der Familie und Freunde die Beisetzung der Rentnerin S.P. auf dem Westfriedhof statt. Leser der mz erinnern sich, dass sie am 15. April unter fragwürdigen Umständen ums Leben kam.

Die Polizei geht endgültig von einem Unfall aus. Obwohl S.P. der mz-Redaktion für den Tag nach ihrem Tode sensationelle Enthüllungen im Mordfall des Professors und der irren alten Killerin angekündigt hatte, verwies die Polizei auf das typische Unfallmuster. Ein Polizeisprecher betonte, es lägen keine Spuren für ein Verbrechen vor und Zeugen gäbe es auch nicht.

Unser auf den Fall angesetzter Sonderreporter Anselm Pfeiferle (kleines Foto rechts) geht aber weiterhin von einem Verbrechen aus! „Ich habe da so ein Gefühl, cold cases sind mein Ding! Ich werde die Ermittlung mit redaktionellen Mitteln weiterführen, wir von der mz fühlen uns der Wahrheit und nichts als der Wahrheit verpflichtet“, sagte er anlässlich der Beerdigung zu der in tiefer Trauer erstarrten Schwester von S.P., als er einen Kranz der Redaktion am Grab niederlegte (großes Foto).

1. Mai. Schmierereien am Kiosk

11.00 Uhr. Am Feiertag machten Hanna und Sarah einen kurzen Morgenspaziergang in der Sonne. Das Wetter war schön, die Sonne schien, es war relativ warm – sie fühlten sich einfach gut. Sarah schob Hanna im Rollstuhl „auf der kurzen Runde“, die sie schon so häufig gegangen waren, „um ein wenig Luft zu schnappen“.

Sie plauderten Belangloses, wie zwei alte Freundinnen, die sie ja auch waren. Die kurze Runde führte sie vom Haus zunächst durch die Artilleriestraße, von dort bogen sie links ab in die Leonrodstraße, folgten der wohl vierhundert Meter, bogen an der Fasaneriestraße wieder links ab und zunächst am Metalllager mit Udos Werkstatt und dann am Laden vorbei durch die Hübnerstraße wieder nach Hause. Das war – mit Rollstuhl – ein Weg von vielleicht dreißig Minuten.

Als sie am Kiosk vorbei kamen, hielten sie vor Schreck an: Mit roter Farbe hatte wieder jemand „Schwein“, „SAU“ und „Hau ab von hier“ auf die Seitenwand gesprüht. Zwei Scheiben waren eingeschmissen worden und vor die Tür am hinteren Ende des Kioskes hatte jemand einen großen Haufen geschissen.

„So ein Mist“, sagte Hanna, „wann ist das denn passiert?“, und Sarah fügte ein tief empfundenes „Scheiße“ hinzu, „wer war denn das?“

„Das muss heute in der Nacht passiert sein“, vermutete Hanna, „keine Ahnung, wer das war! Das war bestimmt wieder diese Jugendgang, aber nachweisen wirst du das nie! Naja“, seufzte sie schließlich, „das ist nichts, was sich nicht mit ein wenig Farbe wieder hinkriegen ließe… aber das muss doch mal aufhören!“

„Polizei?“, fragte Sarah.

„Ach was“, entgegnete Hanna, „die tun doch eh nichts, Dummejungenstreiche werden die sagen, das war`s dann. Ja, wenn wir denen das nachweisen könnten, das wäre etwas anderes!“

Am 5. Mai hatte ein Maler die Schmierereien in einer guten Stunde übermalt und ein Glaser hatte die beiden entzwei gegangenen Scheiben ersetzt.

Hanna, Udo und Edgar schauten sich das Ergebnis an und waren zufrieden: „Alles neu macht der Mai“, hatte ein fröhlicher Edgar gelacht.

„Allzu oft geht das aber nicht“, hatte ihnen der Maler gesagt, „ich habe die Zeit gar nicht und das geht ja auch ins Geld!“

Am frühen Morgen des 7. Mai war der Graf zum Kiosk gegangen, weil er „so ein komisches Gefühl“ gehabt hatte – und er hatte Recht gehabt: Der Kiosk war schon wieder beschmiert, die Scheiben wieder eingeschlagen –ein Bild des Jammers! Der Graf stand vor dem Kiosk und rief Hanna an. „Du wirst es nicht glauben“, sagte er der noch leicht verschlafenen Hanna, „sie haben es wieder getan!“

„Was?“

„Der Kiosk! Er ist beschmiert, die Scheiben eingeschlagen, es ist eine Schande!“

„Ach nein, „sagte Hanna traurig, „das ist doch nicht mehr witzig…“. Dann seufzte sie und sagte entschlossen: „Also gut, ich rufe die Handwerker an!“

„Ja, mach das“, antwortete der Graf, „aber das muss doch irgendwie ein Ende bekommen, das kann doch nicht ewig so weitergehen: Wir reparieren, die schmieren…“

„Nein“, stimmte Hanna zu, „da werden wir uns etwas einfallen lassen. Komm nach Hause. Was treibst du eigentlich um diese nachtschlafende Zeit da am Kiosk?“

„Weiß ich auch nicht, ich hatte so ein Gefühl…“

„Naja“, meinte Hanna, „das hat dich ja auch nicht getäuscht. Wenn du schon unterwegs bist, bringst du dann Brötchen, eh, Semmeln, mit für´s Frühstück? Dann sage ich Udo und Edgar Bescheid, dass sie kommen sollen. Sarah lassen wir ihren Schönheitsschlaf, außerdem würde die sich nur aufregen.“

„Mache ich!“

Der Graf ging zum Laden und kaufte Semmeln und Brezn.

„Stellen sie sich mal vor“, sagte er zum Herrn F., der heute „Morgendienst schob“, weil Frau Z. noch im Großmarkt war, „der Kiosk, den haben sie schon wieder eingesaut!“

„Ach du Scheiße!“, rief Herr F., „das ist jetzt das… wievielte Mal?“

„Auf jeden Fall einmal zu viel“, befand der Graf.

„Da müssen wir und etwas einfallen lassen“, sagte Herr F. und der Graf vernahm das „wir“ mit Freude, „vielleicht sollten wir eine Wache aufstellen?“

„Die ganze Nacht lang? Ich weiß nicht… Und dann passiert eine Woche lang nichts und kaum hören wir auf, dann schlagen die wieder zu.“

„Wissen sie denn, wer das ist?“, fragte Herr F.

„Ich vermute, es sind die Jugendlichen, mit denen Ernstl sich damals im Kino angelegt hatte.“

„Das könnte sein“, stimmte Herr F. zu, „Alte machen das wohl nicht, und wenn, dann nicht dauernd, glaube ich, aber wo kommen die denn her? Hier aus der Gegend doch nicht…“

„In der mz stand einmal etwas von der Messestadt…“

„Von so weit her? Nur, um die Bude zu beschmieren?“

„Nicht zu vergessen, die Fenster einzuschlagen, vor die Tür zu scheißen und so weiter“, ergänze der Graf, „geben sie mir noch Salami bitte und einen Camembert, vom reifen!“

„Ja, aber da muss doch etwas geschehen… Das kann doch nicht ewig so weiter gehen“, sagte Herr F. während er die Salami mit der Maschine schnitt.

„220 Gramm? Ist das okay?“

„Ja, natürlich, wahrscheinlich müssen wir doch so etwas wie eine Wache aufstellen“, dachte der Graf laut nach, „oder das Licht brennen lassen oder eine Kamera aufstellen. Mal schauen, was uns einfällt.“

„Ich bin dabei“, sagte Herr F. „sagen sie mir Bescheid, wenn sie mich brauchen … Das macht acht Euro fünfundsiebzig!“

Beim Frühstück in Hannas großer Küche erzählte der Graf, dass der Kiosk wieder schlimm aussähe und Hanna, dass sie den Maler und den Glaser schon erreicht hätte. Die kämen morgen, das kriegen wir schon wieder hin, hätten die gesagt, das sei ja keine große Sache.

„Stimmt schon“, meinte Udo, „von der Arbeit her ist das ein Klacks. Aber das kann doch nicht so weiter gehen. Wir reparieren und die Idioten lachen und machen wieder alles kaputt und dann reparieren wir wieder und die…“

„Klar“, sagte der Graf, „Herr F. hat vorgeschlagen, eine Wache aufzustellen.“

„Ja“, sagte Udo, „und wie lange soll das gehen? Nach ein paar Tagen ist doch Schluss damit. Und wenn die Mistkerle sehen, dass da eine Wache steht, dann drehen die um und kommen ein paar Tage später wieder, wenn wir nicht mehr da sind. Das ist doch wie die Geschichte vom Has´ und Swinegel.“

Es klingelte. Udo stand auf und kam strahlend mit Sarah zurück. „Was ist denn hier los? Großes PowWow?“, fragte sie.

Hanna erklärte ihr kurz, was los sei.

„Hhm“, sagte Sarah, „ich kenne da einen, der hat so einen Sicherheitsdienst. Vielleicht kann der das bewachen?“

„Ach was“, winkte Edgar ab, „das geht doch nur ein paar Tage, ich sage euch was, ich werde da die nächsten Nächte übernachten und schön das Licht brennen lassen. Das wollen wir doch einmal sehen, wer mehr Geduld hat, die oder ich?“

„Vielleicht können wir auch einen Bewegungsmelder anbringen und ein paar Lampen“, schlug der Graf vor, „und wenn da nachts jemand in den Hof kommt, geht helles Licht an. Vielleicht lassen die sich ja davon abschrecken? Können unsere Bastler hier etwas zusammenschrauben?“

„Gute Idee“, befand Udo, „eine oder zwei Metallstangen an den hinteren Ecken des Kioskes, die so zwei Meter über das Dach ragen, daran oben zwei Scheinwerfer, Strom kommt aus dem Kiosk, die Lampen könnten billige Bauscheinwerfer aus dem Baumarkt sein. Das müsste gehen, nicht wahr Edgar?“

„Keine große Sache, das ist gleich Tagen gemacht!“, stimmte Edgar zu, „aber heute Abend so gegen zehn gehe ich in den Kiosk. Ich nehme mir etwas zu lesen mit, eine Thermoskanne Kaffee und warme Stiefel, das geht schon.“

„Soll ich dich ablösen?“, fragte Udo.

„Nein, das halte ich locker durch, du kannst ja die nächste Nacht übernehmen.“

„Und ich die darauf folgende!“, bestimmte der Graf.

„Ich werde eine Videokamera mitnehmen“, sagte Edgar, „ich habe da ein geiles kleines Teil. So eine Action-Cam, die kann ich mit einem Stirnband tragen. Macht gute Bilder. HD-Qualität. Und wenn da jemand kommt, nehme ich den auf, und dann haben wir einen Beweis!“

„Sehr gut“, stimmte Hanna zu, „dann können wir zur Polizei gehen! Und nimm dein Handy mit, zur Not kannst du Hilfe holen!“

„Ich weiß nicht“, gab Sarah zu bedenken, „ich finde, das hört sich sehr gefährlich an.“

„Du hältst mich wohl für einen alten Mann?“, lachte Edgar.

„Naja, bist du doch auch…“.

Gegen zwanzig Uhr öffnete Edgar die Tür des Kioskes, um Udo, Wolf-Dieter und den Grafen einzulassen. Udo stellte eine Tüte auf den Tisch, in der er „flüssige Verpflegung“ dabei hatte – einige Flaschen Bier, die Sarah ihm mitgegeben hatte, schließlich wollte er Ernstls Vorrat nicht leer trinken.

Sie suchten sich Sitz- oder Stehplätze (es gab nur drei Stühle im Kiosk), Udo öffnete die Flaschen und verteilte sie an die anderen Männer und sich selber nahm er auch eine.

„Prost“, sagt er und nahm den ersten Schluck aus der Flasche. „Prost“, sagten die anderen und tranken auch.

„Schön ist es hier drin geworden, die Beleuchtung vielleicht ein bisschen zu hell“, sagte Wolf-Dieter, „etwas schummriger wäre gemütlicher…“

„Soll ja keine Kneipe werden“, widersprach der Graf, „zur Not kann sich Ernstl ja einen Dimmer einbauen, das wird er ja wohl können – trotz vom Boxen gedimmter Birne, oder?“

„Wo steckt der eigentlich?“, wollte Udo wissen.

„Keine Ahnung!“, zuckte Wolf-Dieter mit den Schultern.

„Ich meine“, sagte der Graf, „Hanna hätte gesagt, die beiden wären auf Rügen, ganz oben links auf der Insel, in der Nähe von…, wie heißt die kleine Insel daneben an? Liegt mir auf der Zunge…“

„Hiddensee“, ergänzte Edgar, der auch schon einmal dort gewesen war, „kann um diese Jahreszeit schön sein dort, vielleicht ein bisschen kalt zum Baden. Wahrscheinlich ist er am Kap Arkona.“

„Ist da nicht mal ein Schiff untergegangen?“, wollte Edgar wissen.

„Da sind viele gesunken, ist aber schon lange her, Du meinst wahrscheinlich DIE „Cap Arkona[1]“ – aber das war eine ganz andere Geschichte, das war zu Kriegsende in der Lübecker Bucht, da haben die Tommies bombardiert, tragische Sache das, hat aber nichts mit dem Kap auf Rügen zu tun.“

„Brrr“, machte Wolf-Dieter, „wenn ich nur daran denke, wie sind die Temperaturen jetzt?“

„Luft oder Wasser?“, wollte Edgar wissen, „was meinst Du?“

„Wasser, wegen dem Baden…“

„Vielleicht vierzehn Grad, wenn überhaupt“, sagte Edgar, „ist so kalt“, und er zeigte zwischen Daumen und Zeigefinger der rechten Hand vielleicht drei Zentimeter an.

„Zu kalt!“, befand Wolf-Dieter, „das wäre nichts für mich.“

„Musst ja auch nicht, Wolf-Dieter“, meinte Udo lakonisch, „bist ja hier und nicht da.“

„Stimmt auch wieder!“

„Und wie geht´s ihnen da? Hat Hanna etwas erzählt?“, fragte Edgar, „Und wie lange wollen die da noch bleiben?“

„Die werden schon wieder kommen“, gab der Graf zu bedenken, „die müssen den Kiosk irgendwann ja wieder aufmachen, schon, weil wir uns so viel Mühe gegeben haben mit der alten Bude.“ Er zeigte in die Runde: „Die neuen Fenster, die Elektrik, da die Pantry aus Edelstahl, das muss sich doch alles lohnen, das haben wir doch nicht für lau gemacht!“

„Naja“, widersprach Udo, „wir? Du bist gut, das haben die Handwerker gemacht und Hanna hat´s bezahlt … So viel zum wir!“

„Ja, schon recht“, gab der Graf zu, „das sagt sich einfach besser, das wir. Aber ich denke, dass es den beiden gut geht. Saubere Luft, viel Strand, wahrscheinlich wenig Leute.“

„Und keinen Ärger!“, fügte Wolf-Dieter hinzu, „das nicht zu vergessen.“

„Vielleicht lernt er ja, ´ne vernünftige Currywurst zu machen?“, fragte Udo, der Curry­wurst gerne mochte, „wäre doch ganz praktisch, denn hier in der Nähe gibt es keine gute Currywurst.“

„Currywurst? Auf Rügen?“, fragte der Graf, „ich wüsste nicht, dass das Currywurst-Country ist da oben an der Küste. Hering ja, in sauer oder frisch gebraten … aber Currywurst? Nee, da sind Fischbrötchen der Renner.“

„Aber das ist doch gleich hinter Berlin, oder?“, gab Udo zu bedenken, „Ich dachte, die essen da Currywurst. Also, ich war mal in Berlin, da gab es die an jeder Ecke.“

„Ja“, antwortete der Graf, „in Berlin. Aber Berlin ist doch nicht Rügen.“

„Ja, kommt das nicht gleich dahinter?“

„Nein, das sind noch fast dreihundert Kilometer.“

„Ach so, na denn, schade, Currywurst ade“, sagte Udo traurig, „und den Brathering in sauer, den können die da selber essen. Ist ja nicht ´mal ´nen Matjes.“

So plauderten sie eine Weile. Kurz vor Mitternacht sagte der Graf, dass er jetzt müde sei und nach Hause wolle.

„Hast du meine Telefonnummer?“, fragte er Edgar, „falls etwas ist, ruf gleich an!“. Dann ließen sie Edgar allein im Kiosk zurück.

Der las noch eine Weile, dann löschte er das Licht und setzte sich mit der letzten Flasche Bier gemütlich in den einen etwas bequemeren Stuhl. Erst hielt er sich eine Weile wach – dann döste er ein.

Gegen vier Uhr morgens wachte Edgar von Geräuschen von außen auf. Die Straßenlaternen der Leonrodstraße erhellten den Innenraum des Kioskes ein wenig.

Er musste sich einen Moment lang orientieren, dann wusste er, dass er im Kiosk war und warum. Und die Geräusche von draußen hörten sich verdächtig an. Er schlich zum Fenster und schaute vorsichtig heraus, damit man ihn von draußen nicht sah.

Es waren fünf Gestalten, die sich draußen an irgendetwas zu schaffen machten. Da huschte eine der Gestalten am Fenster vorbei und Edgar erkannte ein junges Gesicht über einer Lederjacke. Das musste diese Gang sein!

Er setzte sich im Dunklen auf den Fußboden, lehnte sich mit dem Rücken gegen ein Bein des Verkaufstisches und nahm sein Handy in die Hand, um den Grafen anzurufen. Er wählte die Nummer und wartete. Es tutete einmal, zweimal, dreimal, viermal, dann meldete sich die Mailbox des Grafen. „Mensch, geh ran“, flüsterte Edgar, „sie sind da. Eine ganze Bande…“.

Als der Graf keine Anstalten machte, sich zu melden, rief er erst Udo und dann Wolf-Dieter und schließlich Hanna an. Niemand nahm seinen Anruf an. Er war verzweifelt. Was sollte er tun?

Von draußen hörte er Geräusche, die er nicht einordnen konnte. Er nahm die Action-Kamera, schaltete sie an, zog sich das Stirnband um den Kopf fest und öffnete langsam und vorsichtig die Tür. Genau, da waren vier, nein fünf junge Männer und malten etwas an die Wand des Kioskes. Von vorne hörte er eine Scheibe entzwei gehen.

„Leise“, zischte eine Stimme, „sei vorsichtig!“

„Bin ich ja“, antwortete eine andere Stimme, „schlag du mal eine Scheibe ein, ohne Krach zu machen.“

„Schnauze!“, befahl eine dritte offenbar befehlsgewohnte Stimme, „seid ihr bald fertig? Schnell!“

In dem Moment sah ein Gesicht Edgar direkt an: „Da… da… da ist einer!“, sagte eine junge Stimme, „da kommt einer raus…“. Kaum hatte die Stimme das gesagt, rannte sie auch schon fort.

„Wo ist einer?“, fragte die befehlsgewohnte Stimme.

„Hier!“, sagte Edgar und trat aus der Tür, „Was macht ihr hier? Haut bloß ab! Wir wissen jetzt, wer ihr seid. Gut für die Bullen!“

Die befehlsgewohnte Stimme bückte sich und nahm eine ca. einen Meter lange Dachlatte in die Hand, die die Handwerker noch nicht weggeräumt hatten.

„Bullen?“, fragte er, „welche Bullen?“

„Scheiße“, dachte Edgar, „Scheiße… ich bin ganz allein und die sind fünf. Wo bleiben die anderen?“. Aber die konnten nicht kommen, weil sie ihn nicht gehört hatten – und selbst wenn, es hätte gedauert, und schließlich, was sollten ein paar alte Männer gegen diese Bande ausrichten?

„Die Bullen, die ich angerufen habe“, sagte Edgar und hielt dem anderen sein Handy hin.

Der andere holte mit der Dachlatte aus und schlug zu – und traf Edgars Hand. Der schrie laut auf, als das Handgelenk brach. Das Handy flog in hohem Bogen fort.

„Welche Bullen?“, höhnte der andere, „welche Bullen, häh? Siehst Du hier irgendwelche Bullen? Ich nicht!“

Edgar stand gebeugt vor ihm, hielt die gebrochene Hand mit der anderen.

„Bullen?“, rief der andere noch einmal, „wo sind sie? Sollen sie doch kommen, erst mache ich dich fertig! Dann die Bullen!“

Dann holte er von unten aus und schlug Edgar in den Bauch. Edgar fiel ihm vor die Füße, dabei rutschte ihm die Action-Kamera vom Kopf und blieb in Dreck liegen. Der Gangboss holte noch einmal aus und schlug Edgar in Höhe der Nieren auf den Rücken. Im Schmerz des Treffers bäumte Edgar sich auf.

„Hör auf, Mann, du schlägst ihn ja tot!“, rief einer der anderen Gangmitglieder, „lass uns abhauen!“

„Feiglinge!“, zischte der Boss, „werdet erwachsen! Ich mache den fertig, richtig fertig!“

Damit holte er die Latte mit beiden Händen fassend weit aus und schlug sie Edgar auf den Kopf. Der brach blutüberströmt endgültig zusammen und blieb regungslos liegen. Dann war es der Boss offenbar zufrieden und ließ von Edgar ab.

„Jetzt können wir abhauen. Schnell!“, rief er den anderen zu. Sie rannten zu den Mopeds, die sie vorschriftsmäßig auf der Leonrodstraße geparkt hatten, starteten sie und fuhren lautstark mit durchdrehenden Reifen und schreienden Auspüffen los.

Irgendwo ging ein Fenster auf und eine Stimme schrie: „Ruhe da unten. Ich will schlafen ihr Idioten!“. Damit fiel das Fenster wieder zu.

Irgendetwas ließ den Grafen aufwachen. Er schaute auf die Uhr: Kurz nach vier! Da fiel es ihm ein. Sein Handy hatte gequakt. Er nahm es von Nachttisch, öffnete es und dann hörte er die geflüsterte Nachricht von Edgar: „Mensch, geh ran, sie sind da. Eine ganze Bande …“.

Der Graf sprang aus dem Bett und zog sich hastig an. Dann holte er Udo aus dem Schlaf. „Wir müssen zum Kiosk! Edgar!“

„Lauf du vor“, sagte Udo bestürzt, „ich ziehe nur was an und komme!“

Der Graf versuchte zu laufen, er schaffte aber nur ein schnelles Gehen. Als er atemlos am Kiosk eintraf, fand er den blutüberströmten Edgar vor der offenen Kiosktür auf dem Bauch liegen.

Er kümmerte sich um keine Vorschriften des Roten Kreuzes, er drehte Edgar um und nahm ihn in den Arm. „Mein Gott, Edgar, was ist passiert?“

Da schlug Edgar die Augen auf und flüsterte: „Die Bande. Motorräder… Fünf Mann… Kamera!“

Als Udo einen Moment später kam, war Edgar schon bewusstlos.

„Hast du ein Handy dabei?“, fragte der Graf.

Udo langte in die Tasche. „Ja!“

„Ruf die Feuerwehr. 112. Notarzt. Schnell!“

Dann fügte er hinzu: „Mensch, Udo! Die Kamera… die muss hier irgendwo liegen.“ Nach kurzem Suchen fand Udo das kleine Ding da, wo Edgar lag.

„Hab´ sie!“, sagte er.

„Steck sie ein“, wies ihn der Graf an, „und sag´ keinem etwas davon!“

Keine zehn Minuten später waren der Rettungswagen und die Polizei da.

Die Sanitäter betteten Edgar sanft auf die Trage und fuhren ihn ins Krankenhaus; das Rot-Kreuz-Krankenhaus war nur ein paar Hundert Meter entfernt, dorthin brachten sie ihn.

Eine Kommissarin stellte sich vor und fragte, was denn passiert sei?

„Unser Freud, der Edgar, hat heute Nacht den Kiosk bewacht.“

„Warum?“

„Weil der in den letzten Tagen und Wochen immer wieder beschmiert worden ist. Und die Fenster waren ein paar Mal eingeschlagen.“

„Von wem?“

„Das wissen wir nicht!“

„Was haben sie mit dem Kiosk zu tun? Gehört der ihnen?“

„Nein, einem Freund, der ist in Urlaub.“

„Wo?“

„Keine Ahnung.“

Die Kommissarin schaute zweifelnd.

„Doch, wirklich, ich weiß nicht wo der ist…“

„Gut, das klären wir später.“

„Wir haben aufgepasst und die Handwerker bestellt, wenn der Kiosk wieder beschmiert war.“

„Und sie wissen nicht, wer das war?“

„Nein!“

„Jemand aus der Gegend?“

Der Graf zuckte nur mit den Schultern.

„Was ist dann passiert?“

„Wir haben heute Abend den Edgar her begleitet, ein paar Bier getrunken und ihn dann alleine gelassen.“

„Wann?“

„Kurz vor Mitternacht, schätze ich.“

„Weiter?“

„Gegen vier Uhr hat Edgar angerufen.“

„Und sie sind hergekommen?“

„Nein, ich habe das erst später gehört.“

„Wie viel später?“

„Vielleicht um viertel nach vier.“

„Und dann?“

„Habe ich mich angezogen, den Udo geweckt und bin dann hierher gelaufen. Naja, nicht gelaufen, dazu hat die Luft nicht gereicht, aber ich habe mich beeilt!“

„Und als sie hier ankamen…“

„… lag der Edgar hier in seinem Blut!“

„Wie schwer war er verletzt?“

Edgar zuckte mit den Schultern: „Ich bin kein Arzt!“

„Ja, aber wie schätzen sie die Verletzung ein?“

„Wie gesagt, ich bin kein Arzt, aber... schwer … ich weiß nicht, ob er wohl durchkommt?“

Die Kommissarin wandte sich an Udo: „Und sie sind…?“

„Ich bin der Udo, der Graf“, er deutete auf seinen Freund, „hat mich geweckt.“

„Wann?“

„Kurz nach vier. Dann bin ich her so schnell, wie ich konnte.“

„Was haben sie gesehen?“

„Na, der Graf kniete neben Edgar und hatte ihn im Arm … Dann hat er gesagt, ich soll 112 rufen.“

„Haben sie sonst jemanden hier gesehen?“

„Nein.“

Und wieder an den Grafen gewandt, fragte sie: „Haben sie ihr Handy dabei?“

„Nein, das habe ich in der Aufregung zuhause liegen lassen.“

„Ich würde mir gerne den Anruf, den Hilferuf anhören.“

„Natürlich, ja gerne, ich wohne nicht weit von hier, vielleicht vierhundert Meter, wollen wir hingehen?“

„Das hat Zeit bis nachher oder morgen. Da werden wir sowieso noch einmal reden müssen.“

Udo sagte zur Kommissarin: „Bei mir hat er auch angerufen. Ich habe das auch nicht gehört. Ich kann Ihnen den Anruf vorspielen, wenn sie wollen?“

„Ja, bitte!“

Udo suchte den aufgezeichneten Anruf und gab der Kommissarin das Handy. Sie hörte sich die kurze Aufzeichnung an. Dann gab sie Udo das Gerät zurück.

„Bitte nicht löschen, es kann sein, dass wir das überspielen müssen, um es auszuwerten. Das gilt auch für Sie“, sagte sie zum Grafen, „lassen sie bitte Ihre Adressen und Telefonnummern von meinem Kollegen aufschreiben. Wir werden uns im Laufe des Tages bei Ihnen melden.“

10. Mai. Die Polizei ist da

9.00 Uhr. Beim Frühstück saßen sie alle sehr bedrückt zusammen. Essen mochte keiner so richtig, aber jeder hatte eine Tasse Kaffee vor sich stehen.

„Wie geht es Edgar?“, fragte Sarah leise in die Runde. Sie schaute den neben ihr sitzenden Udo an, der zuckte hilf- und ratlos mit den Schultern.

Sie wussten es nicht.

„Ich werde nachher ins Krankenhaus fahren“, sagte Hanna, „mal sehen, ob sie uns überhaupt etwas sagen? Wir sind schließlich keine Verwandten.“

„Hoffentlich kommt er durch“, sagte Sarah immer noch tonlos.

„Wären wir doch nur da geblieben.“

„Damit konnte doch keiner rechnen, dass die so brutal sind.“

„Armer Edgar!“

„Hoffentlich kommt er durch…“

Dann sagte der Graf: „Ja, also,“ er räusperte sich, „ich habe den Chip aus der Kamera genommen, da sind fünf junge Männer drauf. Keine gute Aufnahme, etwas verwackelt, aber man kann sie erkennen, ich meine, dass es fünf sind. Einen kann man gut erkennen, der schlägt Edgar mit einer Latte...“

„Oh Gott,“ seufzte Sarah und schlug sich mit einer Hand vor den Mund. Wie fürchterlich.“ Udo nahm ihre andere Hand in die Hand und streichelte sie gedankenlos.

„Aber wenn die Polizei kommt… ich schlage vor, kein Wort davon,“ führte der Graf seinen Gedanken zu Ende.

In dem Moment klingelte es. „Ich schätze, das ist die Polizei,“ sagte Hanna. Der Graf erhob sich und führte nach einem Moment die Kommissarin und einen Kollegen in die Küche.

„Sie haben Glück“, sagte er zur Polizistin, „alle da! Darf ich vorstellen…“. Er stellte Hanna, Sarah und Wolf-Dieter vor, „Udo und mich kennen sie ja schon.“

„Ja“, sagte die Polizistin mit belegter Stimme, „das ist schön, dass ich sie hier alle treffe. Aber ich habe erst einmal eine sehr traurige Pflicht zu erfüllen. Ihr Freund oder ihr Mitbewohner hat den Anschlag nicht überlebt. Er war leider schon tot, als er im Krankenhaus ankam. Die Kopfverletzung, nehmen wir an... Aber wenn es Sie tröstet, die Ärzte glauben nicht, dass er noch Schmerzen verspürt hat.“ Sie machte eine lange Pause, bevor sie fortfuhr: „Mein Beileid.“

Alle waren ganz still. Sarah schluchzte laut auf, Hanna weinte still und auch Udo wischte sich eine Träne aus dem Auge.

„Scheiße!“, sagte Wolf-Dieter.

„Mist!“, sagte der Graf.

„Ich weiß, es ist jetzt ein schwerer Moment für sie“, sagte die Polizistin, „aber wir müssen die Mörder finden… da eilt es. Deshalb muss ich sie jetzt bitten, mich über die Verhältnisse hier aufzuklären, auch wenn es schwer für Sie ist. Was ist das hier? Eine WG? Wer ist in der Lage mir zu antworten?“

„Ich“, sagte Hanna beherrscht, „so ähnlich wie eine Wohngemeinschaft, mir gehört das Haus hier und ich habe meine Freunde eingeladen, hier Wohnungen zu nehmen – relativ günstig zu mieten. Naja“, sagte sie, „was ist schon relativ günstig in München? Aber wir bewohnen die oberen Etagen. Jeder hat seine abgeschlossene Wohnung. Insofern ist es keine WG im engeren Sinne. Ab und zu kochen wir zusammen, abends hocken wir häufig zusammen. Also keine WG im engeren Sinne mit einer gemeinsamen Küche und jeweils einem Zimmer für jeden, das nicht, und dann doch wieder... Im engeren Sinne sind wir befreundete Mieter und Vermieterin. Das bin ich. Ja, wir sind alle Freunde miteinander, das darf ich, glaube ich, sagen“.

„Aber der Tote hat hier nicht gewohnt“, bemerkte die Kommissarin.

„Ja, nein – Entschuldigung, ich meinte, nein, er hat ein paar Häuser weiter gewohnt, ja, sie hatten Recht. Da hat er gewohnt und gebastelt. Er war sehr bescheiden. Gekocht hat er nicht, sein essen hat er aus dem Laden an der Ecke geholt – wie so mancher hier von uns auch. Sie haben Ihre Hausarbeiten offenbar gemacht.“

„Routine“, sagte die Kommissarin, „reine Routine… Und was hat der Tote in dem Kiosk gemacht. Was steckt da dahinter?“

„Der Kiosk gehört einem anderen Freund, der auch nicht hier wohnt, einem deutlich jüngeren Mann. Wir haben uns irgendwann angefreundet, weil wir uns häufiger am Kiosk getroffen haben. Mich hat zum Beispiel ein gemeinsames Hobby mit ihm verbunden: Comics.“

„Und warum war ihr Freund in dem Kiosk und hat aufgepasst und nicht der Besitzer?“

„Der ist nicht da, der ist im Urlaub…“. Hanna lächelte die Kommissarin an: „Naja, von wegen Urlaub... Eigentlich habe ich ihm gesagt, er solle für ein paar Wochen verschwinden, weil es da Ärger gab. Der Kiosk wurde beschmiert und in der Zeitung standen böse Artikel. Aber das werden sie ja herausfinden oder haben es schon, reine Routine, vermute ich.“

„Ja“, sagte die Kommissarin, „das ist anzunehmen. Aber warum war ihr Freund nun da?“

„Weil wir in den letzten Tagen immer wieder Schmierereien am Kiosk hatten und Edgar meinte, wenn er da drin ist, passiert das nicht. Wissen Sie, wir haben fast täglich Handwerker beauftragt, die Schäden zu beheben.“

„Die Sie bezahlt haben, der sogenannte „Engel vom Hübnerplatz“ … Warum?“

„Sie haben wirklich schnell gearbeitet, meine Hochachtung …“

„Danke!“

„Wollen sie einen Tasse Kaffee? Und ihr Kollege?“

„Ja gerne, denn im Gegensatz zum verbreiteten Irrglauben dürfen wir im Dienst Kaffee trinken.“

„Udo, machst du das?“, bat Hanna und wandte sich dann wieder der Kommissarin zu: „Warum ich bezahlt habe? Ganz einfach, weil ich es mir leisten kann. Mir gehört das Haus hier und ein wenig mehr. Ich bin wohl das, was man als wohlhabend bezeichnet. Aber in meiner Jugend gehörte ich zu den 68ern, und da ist wohl etwas geblieben.“

„Ein soziales Gewissen?“, erwiderte die Kommissarin.

„Vielleicht, wenn Sie so wollen... Ja, wenn sie alles wissen, dann wissen sie auch, dass ich keine Verwandten habe, und man kann ja kein Geld mitnehmen, nicht wahr? Und so unterstütze ich – mehr oder weniger heimlich – ein paar alte Menschen, damit sie ein warmes Mittagessen bekommen und ich unterstütze Ernstl, den Kioskbesitzer und seine Freundin Helga. Und manchmal zahle ich ein Essen für seine Gäste vom unteren Ende der sozialen Skala. Nicht Besonderes, finde ich. Und dem Ernstl helfe ich – manchmal! – weil er ein armes Schwein ist, dem sie als Kirmesboxer die Birne ein wenig zu weich geklopft haben und seiner Freundin, weil sie ein armes, nettes Ding aus Rumänien ist, die es schwer hatte und hat im Leben. Genügt das?“

„Es ist ihr Geld“, stimmte die Kommissarin zu, „ich will es nur verstehen.“

„Und …?“

„Und was?“

„Haben sie es verstanden?“

„Ich denke schon … und, bitte erlauben sie mir, das zu sagen, mir gefällt ihre Einstellung! Aber wo finde ich diesen Ernstl?“

„Ich weiß auch nicht genau, wo er ist, irgendwo auf Rügen, glaube ich, ich habe eine Telefonnummer, unter der ich ihn erreichen kann. Ich wollte ihn gerade anrufen, um ihm zu erzählen, was passiert ist.“

„Bitten sie ihn, mich anzurufen. Hier ist meine Visitenkarte. Heute noch! Sonst lasse ich ihn suchen.“

„Aber er hat nichts getan!“

„Wir brauchen und seine Freundin ihn als Zeugen, verdächtig sind sie nicht, nicht im Moment! Danke für den Kaffee!“

Und damit verabschiedeten sich die Kommissarin und ihr Kollege von ihnen.

„Tot!“, flüsterte Sarah, „er ist tot!“

„Ja“, sagte Hanna hart, „er ist tot!“. Leise fügte sie hinzu: „Verdammt, verdammt, verdammt.“ Dann machte sie eine lange Pause. Schließlich schaute sie sich in der Runde um und sagte: „Ich schlage vor, wir warten, ob die Polizei die Kerle findet? Und wenn nicht, ich meine, wenn nicht bald, dann machen wir das! Oder?“

Niemand sagte etwas. Nach einer Weile fragte Hanna: „Oder ist jemand dagegen?“

Nein. Es war niemand dagegen. Tante Greten fragte keiner.

Eine halbe Stunde später rief Hanna Ernstl an und erzählte ihm, was geschehen war.

„Edgar tot? Im Kiosk?“, flüsterte Ernstl, „O Gott!“

„Ja“, sagte Hanna, „ihr müsst zurück kommen. Schon wegen der Polizei!“

„Polizei?“, fragte Ernstl, „Warum wegen der Polizei? Wir waren doch gar nicht da.“

„Weil die jetzt ermitteln, wie Edgar zu Tode gekommen ist…“

„Aber warum denn bei uns? Wir waren doch gar nicht da! Wir waren doch hier! Dafür gibt es doch Zeugen. Das ist doch weit weg.“

„Die ermitteln ja nicht gegen Euch, die wollen euch nur als Zeugen vernehmen.“

„Aber wir waren doch gar nicht da! Wir wissen doch nichts.“

„Ja, ich weiß, das wissen die auch, es geht ums Umfeld!“

„Umfeld? Was heißt das, Umfeld? Ich verstehe das alles nicht.“

„Musst du auch nicht, Ernstl, dafür sorge ich, wenn ihr erst hier seid!“

„Und du meinst, wir müssen kommen?“

„Ja, Ernstl, ihr müsst - aber zuerst einmal musst du die Kommissarin anrufen, um Dich bei ihr zu melden! Die muss das Gefühl bekommen, dass ihr beide mit ihr zusammenarbeiten wollt, dass ihr nichts zu verbergen habt. Habt ihr ja auch nicht! Hast du etwas zu schreiben?“. Hanna gab ihm die Nummer, die die Kommissarin ihr gegeben hatte, durch.

„Und die rufst du jetzt sofort an, hörst du, sofort! Du meldest dich bei ihr und sagst einen schönen Gruß von mir, und dass ich euch gesagt habe, dass ihr euch bei ihr melden sollt. Und dann sagst du ihr, wo ihr seid: Der Ort, das Haus und nennst auch Leute, die bestätigen können, dass ihr die ganze Zeit da oben wart! Kannst du das?“

„Ja, natürlich, das schaffe ich!“

„Und dann packt ihr und nehmt den ersten Zug nach München. Kommt so schnell wie möglich nach Hause. Und als allererstes kommt ihr her zu mir! Ist das klar, Ernstl?“

„Als allererstes zu dir!“

„Ja!“

„Nach Hause zu dir?“

„Ja, in meine Wohnung!“

„Aber das dauert. Erst einmal müssen wir packen. Dann müssen wir vom Kap Arkona hier erst mit dem Bus nach Bergen fahren und dort in den Zug steigen. Der fährt nur ein- oder zweimal pro Tag. Das dauert. Allein der Zug fährt mindestens 12 Stunden nach München – wenn wir einen durchgehenden erwischen.“

„Ja, Ernstl, macht das. Ruf die Kommissarin an und erklär ihr das, die wird das verstehen. Aber ruf sie jetzt an.“

Dann verabschiedete sich Hanna von Ernstl. „Puh,“ sagte sie, „das ist nicht immer leicht mit einem Ex-Boxer.“

„Weiche Birne?“, lächelte Sarah.

Exakt fünfzehn Stunden später standen die beiden bei Hanna vor der Tür: Offenbar völlig fertig, ungewaschen und verschwitzt.

„Wir haben schnell gepackt und sind sofort losgefahren“, sagte Ernstl.

„Wollt ihr etwas zu trinken?“, fragte Hanna, „und etwas zu essen?“

„Oh, ja, bitte!“, sagte Ernstl.

Hanna stellte eine Brotzeit auf den Küchentisch und rief Wolf-Dieter und den Grafen an, um sie zu bitten, zu ihr zu kommen.

Als Ernstl und Helga den ersten Hunger und Durst gestillt hatte, trafen die beiden ein und setzten sich dazu. Dann erzählte Hanna den beiden, was sich in der Zwischenzeit alles ereignet hatte. Ernstl und Helga waren entsetzt, Ernstl war stumm, Helga weinte…

„Also, ihr beiden“, sprach Hanna Helga und Ernstl an, „als erste und wichtigste Regel: Ihr habt nichts getan! Ihr wart fort! Ihr könnt für nichts was! Ist das klar?“

Helga und Ernstl nickten.

„Zweite Regel: Ihr lügt die Polizei niemals an! Klar?“

Helga und Ernstl nickten wieder.

„Warum? Weil ihr nichts zu verbergen habt! Ihr sagt die Wahrheit! Lügen würde euch nichts bringen. Lügen wäre dumm!“

Helga und Ernstl nickten.

„Wenn sie euch fragen, warum ihr fort seid, antwortet ihr nur, weil ich euch weggeschickt habe! Ist das klar?“

Helga und Ernstl nickten.

„Und warum habe ich euch weggeschickt? Wegen der gemeinen Artikel in der mz! Aus keinem anderen Grund! Nur wegen der Artikel! Weil ihr das Gefühl hattet, die mz habe euch auf dem Kieker. Ist das klar? Ganz klar? Ich habe euch weggeschickt!“

Helga und Ernstl nickten.

„Und wenn sie fragen, wo ihr das Geld her hattet, um wegzufahren, sagt ihr, ihr habt es von mir bekommen. Warum? Das wisst ihr nicht! Die Frau Doktor ist eben so, da müssen sie, also die Polizei, sie schon selber fragen! Also mich. Klar?“

Helga und Ernstl nickten.

„Und von den Renovierungsarbeiten am Kiosk wisst ihr auch nichts. Haben alles die Freunde gemacht, also die Frau Doktor! Ihr sagt, dass die, also wir, euch wohl überraschen wollten. Die Frau Doktor macht solche Sachen! Klar?“

Hanna hatte die ganze Zeit langsam und deutlich gesprochen, als ob sie Kindern etwas erklären würde.

„Also, was habe ich gesagt?“, fragte sie dann.

„Nicht lügen, der Polizei helfen“, sagte Helga.

„Wir sind weg wegen der mz, die war so gemein“, sagte Ernstl.

„Weil die Artikel falsch und tendenziell waren.“

Ernstl schaute sie an…

„Tendenziell bedeutet, da stand Falsches drin, so war das gar nicht, zum Beispiel im Kino.“

„Ach so“, sagte Ernstl.

„Und weiter?“, fragte Hanna.

„Das Geld ist von dir, der neue Kiosk auch, das haben wir aber nicht gewusst, da waren wir ja schon fort.“

„Gut“, sagte Hanna, „sehr gut… und warum haben wir das gemacht, den Kiosk renoviert?“

„Weil du die Hanna bist und wir sind Freunde!“, sagte Ernstl.

„Genau!“, sagte Hanna, „und nun geht ihr nach Hause und duscht und dann ruft ihr heute noch die Nummer von der Kommissarin an und sagt, dass ihr wieder da seid und ob sie euch heute noch sprechen will oder wann? Und dann geht ihr dahin! Und habt keine Angst, euch kann nichts passieren, weil ihr ja rein gar nichts gemacht haben könnt, denn ihr wart ja gar nicht hier!“

Ernstl nickte ernst. Dann sagte er: „Hanna, wir haben dir etwas mitgebracht, nichts Besonderes, weißt Du, da auch Rügen war ja fast noch alles geschlossen, ist ja noch keine Saison. Aber da in Putgarten, das ist gleich vor Kap Arkona, da ist eine ganz kleine Kaffeerösterei[2]. Und die machen tollen Kaffee, fanden wir – aber nur in Minimengen. Die rösten immer nur wenige Kilogramm. Da haben wir täglich Kaffee getrunken, weißt Du, da ist sonst ja nichts los um diese Jahreszeit. Und von da haben wir dir ein Kilo Kaffee mitgebracht, eine ganz neue Sorte, die muss man „türkisch“ machen, hat der Chef da gesagt, als Dankeschön für deine Hilfe. Mehr gab es da nicht, weißt du“.

„Das ist aber nett“, sagte Hanna und nahm die goldfarbene Tüte, „den bewahren wir uns für besondere Gelegenheiten auf, weißt du!“

„Ja“, stimmte Helga zu, „wir haben uns auch ein Kilogramm mitgebracht – auch nur für besondere Gäste, also für euch!“

14. Mai. Anruf bei Sarah

16.00 Uhr. Sarah wollte gerade in die Stadt gehen, um ein paar Besorgungen zu machen, als eines ihrer beiden Handys klingelte – das für die beruflichen Kontakte reservierte.

„Ja, bitte?“, fragte sie mit rauchiger Stimme, weil sie wusste, Kunden standen auf diesen Ton.

„Hallo, Frau Sarah, hier ist Armin.“

Sie kannte Armin, er war Chefportier in einem der besten Hotels der Stadt.

„Ja?“, fragte Sarah jetzt mit ihrer normalen Stimme, „Hallo Armin, schön, von ihnen zu hören, was gibt es?“

„Ich habe hier einen Kunden, einen sehr speziellen… ein Russe, der will etwas „ganz besonderes“ – hat er gesagt – für heute Nacht. Geld spielt dabei keine Rolle, das hat er nicht gesagt, das weiß ich!“

„Ja“, sagte Sarah, „wann?“

„Einundzwanzig Uhr in der Hotelhalle am Kamin. Also, sie sollten wissen, das ist eher ein großer böser Wolf, wenn ich das mal so sagen darf, ein wirklich böser Wolf, verstehen Sie.“

„Ich werde es überleben“, sagte Sarah leichthin, „ich hatte schon andere böse Wölfe.“

„Das hoffe ich doch“, meinte Armin, „aber dieser, Frau Sarah, könnte schon noch eine ganze Nummer böser sein, wissen sie, Frau Sarah.“

„Wird schon werden, Herr Armin, ich bin ja keine heurige Häsin mehr …“

„Also kommen sie? Sie sollen eine rote Rose in der Hand halten, als Erkennungszeichen!“

„Gut. Einundzwanzig Uhr! Mit Rose…“

Punkt 21.00 Uhr. Sarah saß im großen Rund der Hotelhalle und hatte einen Kaffee vor sich stehen, bei der Arbeit trank sie nämlich nie Alkohol – und schon erst recht nicht, wenn ein ganz großer ganz böser Wolf kommen sollte.

Sie sah umwerfend aus: Sie trug einen blauen, kurzen Mantel aus geschorenem Nerz, den sie leicht nach hinten über die Schultern fallen ließ. Darunter ein ihre Figur betonendes Kleid. Es war ihr Kleid für die Anlässe, bei denen sie elegant, aber unaufdringlich wirken wollte, sinnlich aber untadelig, es war ein Strickensemble aus Leinen und Seide – und es hatte sie eine Stange Geld gekostet. Das sie allerdings um ein Mehrfaches wieder damit verdient hatte, wie sie sich versicherte, wenn sie an diesen Glücksfall von Einkauf zurückdachte. Ihre blonden Haare mit den vielen roten Strähnen flammten im Halbdunkel und ihre hellen Augen strahlten mit den kleinen Lichtern an der Decke um die Wette.

Es wurde viertel nach neun, es wurde halb zehn, kein großer böser Wolf erschien. Sie spielte gedankenverloren mit der Rose in einer Hand und wartete, weiterhin relaxt. Das war reine Übungssache.

Plötzlich stand ein sehr gut aussehender Mann, der einen eleganten Maßanzug in Dunkelblau und handgenähte schwarze Schuhe trug, vor ihr und hielt ihr eine kleine Vase hin: „Sie brauchen offenbar etwas Wasser für ihre Rose“, sagte er ohne jeden fremdsprachigen Akzent.

„Ach“, sagte Sarah, „das weniger, ich warte erst noch auf den großen bösen Wolf, wissen sie.“, und dabei blickte sie auf und lächelte ihn bezaubernd an.

Sarah war irritiert, das kannte sie gar nicht, ihre Sinne sprachen. Ihre Augen erblickten einen Mann, der ein Herr war – kein Zweifel. Ein verdammt gut aussehender Herr und ganz offenbar ein sehr männlicher Mann.

Ihre Nase nahm einen herbfrischen Duft war – oder war es doch Parfüm? Ihre Ohren meldeten Timbre und nicht bloß Sprache und ihr Gehirn Gefahr. Und beinahe hatte sie das Gefühl, dass ihr Unterleib zwinkerte … Wie unprofessionell!

„Darf ich mich bitte setzen, meine Dame ?“, fragte er, „Wolf? Ja so nennen mich einige. Aber heute Abend wäre ich lieber der Prinz, wissen sie! Ich hatte ganz etwas anderes erwartet. Ich darf so offen sein?“.

Er schaute sie fragend an, „ich hatte keine Prinzessin aus einer anderen Welt erwartet. Herr Armin hat mich mit keinem Wort darauf vorbereitet, dass er eine Göttin für mich in petto habe. Ich werde mit ihm schimpfen müssen! Wo hat er Sie jahrelang vor mir versteckt?“, lächelte er zurück.

„Nein, tun sie das nicht“, bat Sarah, „ich meine, mit Arnim schimpfen oder was immer Sie darunter verstehen, aber falls sie sich eine jüngere Begleiterin vorgestellt hatten, ich kann mich selbstverständlich verabschieden, ich verfüge über meine Zeit.“

„Um Gottes Willen“, schaute er sie bewundernd und entsetzt bei dem gedanken, Sarah könne aufstehen und gehen, an, „nein, ich bitte Sie, bleiben sie, ich bitte darum. Dieser Abend wird offenbar das Highlight meines Besuches in München. Vielleicht etwas anders als geplant.“ Er lächelte Sarah an, „aber manche Überraschungen sind einfach zu schön. Lassen sie uns etwas essen gehen, ein wenig plaudern. Ich möchte diesen Abend genießen… Mit Ihnen genießen. Vielleicht können wir uns danach etwas entspannen, vielleicht, alles ist möglich, oder?“

„Gerne“, sagte Sarah, und cool „I am not paid by the hour!“

“Gut”, sagte der Prinzenwolf, “ich glaube, das Restaurant im Hause ist recht gut. Passt ihnen das?”

“Ja, gerne”, antwortete Sarah, “ich war lange nicht mehr dort!”

„Darf ich Sie um Ihren Namen bitten, „Göttin“ ist etwas zu förmlich finde ich.“

„Sarah.“

„Ein wundervoller Name, Sarah, für eine wunderbare Frau.“

„Sarah, nennen Sie mich Sergej, bitte, Sergej reicht für heute, finde ich.“

Sie wechselten hinüber ins Restaurant, eine 50 Euro Note wechselte diskret den Besitzer und sie hatten den besten Platz, etwas versteckt hinter einer Säule.

„Darf ich bestellen?“, fragte der Russe, der sich so gar nicht russisch und vor allem nicht bös-wölfisch gab höflich, und schaute sie dabei fragend an.

Mit einem kleinen Handzeichen gab Sarah ihr Einverständnis. Er bestellte Champagner (vom Feinsten, Bollinger brut rose, glaubte Sarah lesen zu können), je eine Vorspeise und ein kleines Rinderfilet für beide. Und erläuterte, er könne abends nicht mehr so viel essen, das sei nämlich alles gelogen, was hier über die fressenden und saufenden Russen erzählt werde, erläuterte er ihr auch, naja, früher vielleicht oder in Novo Sibirsk... Da ja. Aber nicht hier und jetzt.

Sie tranken jeder ein Glas vom Champagner, Sarah erst auf sanftes Drängen ihres Gastgebers hin. Als sie ihm erklärte, dass sie bei der Arbeit einen klaren Kopf brauche, nickte er und meinte, dass er das sehr wohl verstünde, aber ein Glas Rotwein noch, und wenn nur ein klitzekleines müsse sie schon trinken, das sei im Preis drin, sonst werde der nicht böse Wolf nämlich doch böse und er lachte.

„Nein“, sagte er, „heute Abend nicht so streng, heute will ich die Gesellschaft der schönsten Frau, die München zu bieten hat, genießen. Wo hatten sie sich nur bis jetzt versteckt? Ich habe meine Zeit bisher wirklich mit den falschen Frauen vergeudet!“

Ein Dessert wollten beide nicht und Sarah hatte wirklich nur einen klitzekleinen Schluck Rotwein getrunken. Sie blieben noch eine Weile einfach sitzen und plauderten miteinander. Sarahs Gesprächspartner erzählte ihr die unglaublichsten Geschichten. Er war in der ganzen Welt herumgekommen, war viel in Krisen- und Kriegsgebieten in der ganzen Welt gewesen, hatte russische Interessen vertreten und natürlich auch eigene, er sei schließlich auch Kaufmann. Am schlimmsten sei es im Irak gewesen, unglaublich, was er dort erlebt habe – und in Afrika: Fast noch schlimmer!

Nein, was er verkauft hätte, wolle sie gar nicht wissen, warum sich heute den Abend verderben mit dem Bösen in der Welt?

Sarah fragte nicht nach Einzelheiten und dachte sich ihren Teil.

Manche Geschichten waren grausam (er versuchte offenbar die grausamsten Details auszulassen oder wenigstens abzumildern) , andere waren einfach gut, und es war Sarah auch vollkommen egal, ob sie wahr waren oder nicht, sie hörte ihm gerne zu.

„Wollen wir zu mir gehen“, fragte er irgendwann, „aufs Zimmer? Rotkäppchen (er deute auf ihre Haare) und der Wolf?“

„Ich dachte, deswegen sind wir hier?“, lachte sie ihn an und ihre Augen strahlten wieder.

„Mein Gott“, sagte er bewundernd, als er ihren Mantel nahm, „ihre Augen“, und da er sie eigentlich zum ersten Mal im Stehen ohne den alles Wichtige verhüllenden Mantel und damit ihre üppige Figur in dem raffinierten Lacroix-Zweiteiler sah, fügte er hinzu: „Frau Sarah, sie sind eine selten schöne Schönheit, die eine wahre Schönheit, sie sind eine Frau zum Verlieben …“

„Lieber nicht“, sagte Sarah, die aber dennoch etwas gerührt war, „sie wissen, wer ich bin und was ich mache, lassen wir`s doch dabei … Ist besser für sie, glauben sie mir. Gehen wir?“

Als sie auf dem Zimmer waren, das natürlich kein Zimmer, sondern eine Suite war (und keine der kleineren), bat er sie, das Kleid abzulegen, nur das Kleid!“

Sie ließ den Minirock herabgleiten, stieg heraus und nun stand sie in Pumps, den halterlosen hauchzarten Strümpfen mit dem Spitzenrand vor ihm.

Das Oberteil ihres Kleides ließ nun Wäsche ahnen (ihre schönste, aus dem kleinen Wäschegeschäft am Dom), gab aber noch den Blick über den Strümpfen frei auf matt glänzende Haut. Sie vollführte eine laszive Halbdrehung, hob ihre Arme über den Kopf und er verlangte knapp: „Ausziehen“ und dann fügte er doch noch ein „bitte“ hinzu. Von wegen böser Wolf…

Sarah wusste um die Wirkung ihrer Dessous. Das war Wäsche, die ihr noch der Dessousschneider Max persönlich auf den Körper gearbeitet hatte. Sie wusste, dass sie darin einfach umwerfend aussah. Ihr an sich schon üppiger Busen wurde im Bustier in seiner schönsten Form präsentiert, und wenn sie sich bewegte, wogten die Brüste leicht. Auch das winzige Höschen war ein Traum – obwohl sie wahrlich keinen kleinen Po hatte!

Sie drehte sich noch einmal auf der Stelle, sie beobachtete seine Reaktion genau. „Alles im Preis inbegriffen!“, sagte sie und „bedienen sie sich! Ich tue es nicht…“

Er schaute sie an, lächelte verhalten und sagte: „Wissen sie, sie sind die erste vollendete Dame, die ich aufs Zimmer geschickt bekommen habe. Die anderen waren, verzeihen sie meine Offenheit, Nutten – fast alle dumm und billig. Im Vergleich mit Ihnen – nada, nichts! Nun ja, ob immer wirklich billig?“. Er lachte.

„Sie wissen, was ich meine, ich glaube ich habe bisher einen großen Fehler gemacht, Frau Sarah.“

Später lagen sie nebeneinander im Bett. „Es war so schön“, sagte er, „unbegreiflich… Und weißt du was, Sarah, es hat mir Spaß gemacht, einmal der gute Prinz zu sein und nicht immer der böse Wolf. Eine völlig neue Erfahrung, einmal gut und nett zu sein. Dazu hat man in meiner Profession nicht häufig Gelegenheit, eigentlich nie, wenn ich es bedenke.“

„Ja“, sagte sie, „ob du es glaubst oder nicht oder auch wenn es dir egal sein wird, es war auch für mich schön, was ganz selten der Fall ist!“

„Gut“, sagte er und drehte sich zu ihr, „können wir ein Abo vereinbaren? Immer wenn ich in München bin – immer du!“

„Du willst Rabatt, Sergej“, lachte sie, „vergiss es!“

„Gute Geschäftsfrau, Sarah, ich verstehe, das gefällt mir! Nein, Geld spielt keine Rolle – in Maßen!“

„Dabei“, sagte sie, „ich bin eigentlich wirklich wegen eines Großen Bösen Wolfes gekommen – und jetzt sogar wirklich.“

„Du willst es hart, Sarah?“, fragte er erstaunt, „sehr hart? Du siehst nicht so aus.“

„Nein, nein, nicht unbedingt“, antwortete sie, „das meinte ich nicht, ich dachte ein großer böser Wolf könnte mir in einer anderen Sache vielleicht helfen?“

„Wie?“

„Naja, wie sage ich es, Sergej?“, zögerte sie.

„Am besten direkt, du weißt, ich bin ein Wolf! Wölfe mögen es direkt, gerade heraus, sagt ihr im Deutschen, glaube ich. Grrr …“

„Gut“, sagte sie, „ich brauche…“. Sie machte eine Pause.

„Ja?“

„Waffen!“. Da war es raus, „ich brauche ein paar Waffen.“

Er schaute sie ernst an. „Sarah, ich kann es nicht glauben, Waffen? Von mir? Wie kommst Du darauf, ich könnte Waffen liefern? Ausgerechnet ich?“, lächelte er, „Und selbst wenn ich es könnte, also wenn, wofür, Sarah? Willst du in den Krieg ziehen? Du gewinnst jeden Krieg mit Deiner Figur. Nein, mache es nicht …, Krieg ist ein Scheiß-Job, glaub mir, ich weiß, wovon ich rede! Das ist so böse, das willst Du nicht wissen, Sarah!“

„Musst du das wissen? Ich meine, wofür?“

„Ja. Ist für mich entscheidend: Deale nie mit Amateuren!“

„Hättest Du denn welche? Grundsätzlich?“

„Vielleicht.“

Da erzählte sie ihm hemmungslos die ganze Geschichte. Sie spürte bei ihm in diesem immer noch intimen Moment einfach keine Scheu. Danach war es still und Sarah fragte sich, was sie da eben für einen unglaublichen Unsinn gemacht hätte.

„Wie viele willst Du?“

Sie schreckte aus ihren Gedanken auf, als er dabei eine ihrer Brüste in die Hand nahm und sie leicht drückte und ganz sanft etwas schubberte. Sie lächelte ihn an, so einen „Termin“ hatte sie noch nicht erlebt.

„Wie viele was?“, fragte sie.

„Pistolen, Gewehre – und was für welche genau?“

Darüber hatte sie sich noch nie Gedanken gemacht, deshalb sagte sie: „Das weiß ich nicht so wirklich.“

„Ich würde sagen, wenn Deine Geschichte stimmt, brauchst Du auf alle Fälle mindestens oder fürs Erste einmal vier oder fünf Pistolen und zwei Gewehre…“

„Und was kostet das?“

Er überlegte einen kleinen Moment: „Also, wenn ich welche liefern könnte, müsstest Du mit fünfzigtausend rechnen. Euro! Zahlbar bei Lieferung – und das wäre nur für dich, Sarah . Sonst ist immer Vorkasse! Das ist in dem Geschäft so üblich! Und heute…“, er lachte sie an, „gut, ich werde liefern, bezahle ich dich nicht! Sozusagen als ein ganz spezieller Vorschuss.“

Er nahm sie jetzt wieder in den Arm und zog sie an sich: „So eine Schönheit, meine persönliche Prinzessin, bekommt nämlich jeden Wunsch erfüllt.“

Er drückte seinen Kopf zwischen ihre Brüste und murmelte: „Jeden!“. Aber das hörte sie nicht.

Als er seinen Kopf wieder aus ihren Brüsten hob, sagte er „Lieferung in vier Wochen per Schiff? Ist das okay? Muss es sein – anders geht es nämlich nicht.“

„Per Schiff?“, fragte sie, „In München?“

„Nein, nicht in München, in Kiel, im Hafen. Genaueres hörst du noch!“

„Wie denn“, fragte sie, „willst du meine Handynummer?“

„Du unterschätzt den Großen Bösen Wolf!“, lachte er, „denk daran: 50.000 Euro in bar, zahlbar bei Lieferung. Und frage nicht nach einer Quittung! Das macht nur Probleme beim Absetzen von der Steuer, verlass dich drauf.“

Gegen vier Uhr morgens verließ sie kaum derangiert sein Zimmer. Im Fahrstuhl rollte sie den fünfhundert Euro-Schein, den sie immer als Notreserve dabei hatte, zusammen und steckte ihn in die Manteltasche.

Als Armin ihr die Tür aufhielt, merkte er, dass es kein kleiner Schein war. Er schaute sich dezent um, dann warf er einen Blick in seine Hand und sagte: „Frau Sarah, sind sie sicher?“

„Ganz sicher“, erwiderte diese, „das war ein gutes Geschäft!“

„Er hat Ihnen nichts getan?“

„Nein, wieso?“

„Naja“, Armin schluckte, dann sagte er: „nicht alle sahen beim Rauskommen noch so gut aus, wie sie reingegangen sind. Der Große Böse Wolf, das kommt ja nicht von ungefähr.“

„Nein, er war ein ganz lieber Schmusewolf, ein Märchenprinz! Nicht böse und nicht Wolf – höchstens großer Wolf, ja, das schon“, lächelte sie, „aber nicht böser! Doch ja, groß schon…“, lächelte sie.

„Man lernt eben nie aus, da ist ihr Taxi!“. Und für fünfhundert Euro riss er Sarah auch noch den Schlag auf.

„Fuertererstraße“, sagte Arnim zum Fahrer, „Ecke Hübnerstraße“.

Und dann saß sie hinten im Taxi und lächelte zufrieden.

2. Juni. mz berichtet: Kiosk wird wieder eröffnet

In einer Notiz berichtete die mz über die Neueröffnung des Kioskes in der Leonrodstraße:

Monatelang war er verwaist, jetzt lebt er wieder: Der Kiosk in der Leonrodstraße (Foto) wurde gestern mit einer kleinen Feier im Kreis von Freunden und wenigen Anliegern wieder eröffnet. Von innen und außen frisch renoviert bietet der Kiosk dem eiligen Kunden wieder die typischen „Kioskwaren“: Süßigkeiten, Tabakwaren und Snacks und vieles Kiosktypisches mehr!

Kioskbetreiber Ernstl über den neuen Kiosk: „Hier ist alles neu, Strom, Licht, Pantry, Verkaufsbereich – alles so modern und hygienisch!“, und fügte noch hinzu: „Die Currywurst, die wir neu anbieten, heißt bei uns „Currywurst á la Edgar“, weil die Currysoße nach einem Rezept von Edgar ist!“.

Die von der Redaktion befragten Passanten freuten sich ausnahmslos alle, dass der Kiosk „endlich“ wieder geöffnet ist!

An der Seitenwand wird in einem Kästchen mit einem Foto und einem kurzen Text dem von Unbekannten vor einigen Wochen so brutal erschlagenem Freud „Edgar“ gedacht. Die Polizei hat die Täter bisher nicht ermitteln können.

Viel größer, weil zugegebenermaßen viel sensationeller, wird mit diversen Bildern vom tragischen Tod des mz-Jounalisten Anselm Pfeiferle berichtet:

Unser Starreporter Anselm Pfeiferle“ kam gestern bei einem Unfall während Recherchearbeiten zu einem Artikel zu Tode:

Beim Richtfest der Städtischen Wohnungsbaugesellschaft der eintausendzweihundertfünfzigsten öffentlich geförderten Wohnung in der Messestadt riss das Seil, an dem der Richtkranz im stürmischen Wind schwingend über der feiernden Gesellschaft hing. Das ungefähr zweihundert Kilogramm schwere Ungetüm von einem Richtkranz erschlug unseren lieben Kollegen, Anselm Pfeiferle auf dem Höhepunkt seines journalistischen Schaffens (Archivfoto von Anselm Pfeiferle im Gespräch mit dem Oberbürgermeister).

Was nicht im Artikel stand, war die Tatsache, dass alle anderen Gäste auf die Warnrufe des aus Anlass des Richtfestes wie immer engagierten Polierdarstellers reagierten und sich retten konnten, der „Starreporter“ aber schon zu betrunken für irgendeine Reaktion war und vor seinem leckeren Backhähnchen mit Kartoffelsalat sitzen blieb, bis der stürzende Richtkranz ihn an seinem Platz im Festzelt erschlug… Und da stand auch nicht, dass der Oberbürgermeister bei dem Richtfest nicht anwesend war.

(Lesen sie im Anhang den vollständigen Text des Nachrufes, den die mz veröffentlichte.)

10. Juni. Polizeikommissariat

„Guten Tag“, sagte die Kommissarin zu Hanna und Sarah, „fast hätte ich gesagt, setzen Sie sich, bitte“, lächelte die Kommissarin Hanna fröhlich an, „aber Sie haben Ihren Stuhl ja mitgebracht, oder war das jetzt unangebracht?“

„Nein“, lachte Hanna, „das stimmt ja, meine Freundin Sarah kennen sie? Sie hat mich hergerollt.“

„Dann nehmen Sie doch bitte zumindest Platz!“, sagte sie höflich zu Sarah, „ich wollte mit Ihnen sprechen, weil wir einfach nicht weiterkommen.“

„Warum?“, fragte Hanna.

„Ja, das ist seltsam, die Zeugen, wissen sie… Keiner hat etwas gesehen oder will etwas gesehen haben, brauchbare Spuren gibt es auch nicht.“

„Aber es hieß doch, dass es Rocker waren?“

„Ja, ja, nur gesehen will sie keiner haben, die Zeugen haben nur Motorräder gehört! Das Geräusch schwerer Motorräder, typisch Harley Davidson, unverkennbar… sagten einige männliche Zeugen. Dabei bezweifle ich stark, dass von denen einer tatsächlich eine Harley von einem Moped unterscheiden könnte, also mit den Ohren.“

„Und die Rocker, mit denen Ernstl die Prügelei im Kino hatte?“

„Sind alles andere als richtige Rocker. Möchtegern-Rocker vielleicht. Und die fahren keine Harleys, die können sich nur die Billigverschnitte von Suzuki leisten mit 125 Kubikzentimeter – da lacht jeder richtige Rocker drüber. Das ist geräuschmäßig meilenweit von einer richtigen Harley entfernt.“

„Hhm“, machte Sarah.

„Ja“, gab die Kommissarin zu, „es spricht vieles dafür, dass die es waren… Aber ich darf mich nicht mit Gefühlen aufhalten, ich brauche Gewissheiten, Fakten, Beweise. Sonst brauche ich mich bei der Staatsanwaltschaft gar nicht sehen zu lassen. Und damit kann ich eben nicht dienen. Da ist nichts, was diese Burschen festnagelt. Rein gar nichts.“

„Ja“, sagte Hanna, „wenn das so ist, warum sind wir hier?“

„Weil… Sagen wir einmal, ich würde gerne verstehen, warum Sie dem Boxer so helfen – mit viel Geld, mit Rat und Tat?“

„Darüber könnte man streiten, ob das viel Geld war“, lächelte Hanna.

„Wie viel haben Sie ihm denn gegeben?“

„Das Geld für die Reise – das waren, glaube ich zweitausend Euro.“

„Und die Renovierungen des Kioskes?“

„Vielleicht zehntausend, insgesamt vielleicht – maximal – fünfzehn­tausend Euro.“

„Dafür muss sich eine Kommissarin lange die Füße wund laufen, so viel zu „viel Geld“ “

„Mag sein“, sagte Hanna, „aber erstens habe ich das Geld, zweitens habe ich keine Verwandten, die ich beglücken könnte oder müsste und drittens, ich mag den Ernstl einfach. Klar, dem haben sie die Birne ein bisschen weichgeklopft in seinem Boxzelt, aber er ist ein Guter finde ich, er hat es verdient. Ganz ehrlich, der kann keiner Fliege etwas zuleide tun. Warum soll ich ihm nicht helfen, wenn ich´s doch kann?“

„Na“, warf die Kommissarin ein, „das im Kino war aber schon Körperverletzung!“

„Was haben denn die Rocker gemacht?“

„Gut“, gab die Kommissarin zu, „darüber redet auch keiner! Solche Freundinnen wie Sie beide hätte ich auch gerne“, sagte die Kommissarin, „und was haben Sie den beiden, also Ernstl und Helga, gesagt, bevor sie bei uns aufgetaucht sind? Erstens so plötzlich und zweitens so kooperativ?“

„Das sie genau das sein sollen: Kooperativ! Ehrlich! Ich habe ihnen gesagt, dass sie – und damit meinte ich Sie persönlich – jede Lüge aufdecken würden. Und dann würden sie tatsächlich Probleme bekommen.“

„Danke für das Kompliment!“, lächelte die Kommissarin, „sagen Sie, können Sie nicht auch einmal mit anderen Verdächtigen so reden?“

„Verdächtige?“, fragte Hanna vorsichtig, „sind sie denn verdächtig?“

„Nein, eigentlich nicht, gar nicht sogar! Das Alibi ist perfekt. Die Kollegen auf Rügen haben es überprüft. Nein, die beiden sind draußen! Und die Berichterstattung war tatsächlich mehr als gemein, eigentlich auch so etwas wie Körperverletzung, wenn auch auf eine andere Art!“

„Genau. Und was passiert jetzt?“, fragte Sarah.

„Jetzt kann eigentlich nur noch Kommissar Zufall helfen, das passiert manchmal. Aber ich wollte es Ihnen persönlich sagen, dass wir die Priorität dieses Falles zurückgestuft haben, ich muss mich um andere Fälle kümmern, aktuellere…“

„Ist das üblich?“, fragte Hanna.

„Es Ihnen persönlich mitzuteilen? Nicht unbedingt, aber ich habe es Ihnen ja schon gesagt, mir gefällt ihre Einstellung, da wollte ich das.“

„Also ein „cold case“ ?“, fragte Sarah.

„So heißt es wohl im Fernsehen. Aber da ist schon etwas dran. Im Moment kann ich nichts mehr tun, um Edgars Mörder zu finden, es tut mir leid! Aber, wie gesagt, vielleicht ergibt sich ja mal etwas… Es gibt die verrücktesten Sachen, Spuren, die ins Nichts zu laufen schienen, die irgendwann plötzlich wieder heiß werden.“

Als sie die Polizeidirektion in der Ettstraße wieder verlassen hatten, sagte Hanna, „Naja, das heißt ja wohl, dass es nun an uns ist, oder?“

„Das sehe ich auch so“, bestätigte Sarah, „das müssen wir den Jungs sagen! Aber lass uns noch warten, bevor wir zuschlagen…“

„So ein bisschen herumschnüffeln können die Jungs aber ja in der Messestadt, sich sozusagen schon einmal mit der Situation vertraut machen“, befand Hanna.

„Ja, das schon, aber nicht mehr, wenn überhaupt! Vielleicht wartet die Kommissarin nur auf so etwas?“, fragte Sarah.

„Mensch Sarah, du bist richtig gut!“, sagte Hanna und drehte sich im Rollstuhl zu der hinter ihr gehenden Sarah um, „ Das könnte sein, das würde auch das Gespräch erklären! Große Vorsicht ist also angebracht. Auf der anderen Seite, was haben wir schon zu verlieren?“

„Nichts, oder fast nichts…, jedenfalls wenig! Aber trotzdem.“

12. Juni. Ferngespräch

9.30 Uhr. Am frühen Morgen klingelte das Telefon bei Hanna. „Hallo Hanna“, hörte sie in der Leitung, „ich bin´s Marlene. Störe ich gerade?“

Hanna freute sich über den Anruf, denn sie hatte lange nichts von der alten Freundin gehört. „Wie geht´s dir?“, fragte sie, „wo bist du? Hört sich weit weg an.“

„Thailand, wir sind in Thailand. In…, ach das kann kein zivilisierter Mensch aussprechen, ist jedenfalls an der Malakkastraße. Herrmann baut hier einen Hafen, also, er baut mit, als Ingenieur, seine Firma hatte ihn für sechs Wochen hergeschickt, da bin ich einfach mit, verstehst du, all die kleinen allzu bereiten Thailänderinnen, habe ich mir gedacht, da habe ich lieber die Hand drauf! Und jetzt sieht es so aus, als ob er nicht sechs Wochen, sondern mindestens für ein halbes Jahr hier bleiben müsse. Und ich bleibe natürlich auch, du weißt schon… Und weil ich ja nur mit sechs Wochen gerechnet hatte, habe ich mich auch nicht groß verabschiedet, bei niemandem, ich dachte ja, ich bin bald wieder da – schön braun und gut erholt.“

„Ja, und?“, wollte Hanna fragen, aber Marlene unterbrach sie gleich wieder: „Naja, das Wetter hier ist schon toll, gar nichts dagegen zu sagen, aber wir leben hier auf einer riesigen Baustelle… Eigentlich bauen ja die Chinesen den Hafen und Herrmanns Firma liefert Pumpen und so für einen Ölpier! Das Übliche, was ein Hafen so braucht außer Wasser und Kaimauern… Und das können die Chinesen noch nicht so gut, sagt Herrmann, die Koreaner vielleicht, aber die liefern schon die Containerbrücken… Die sind übrigens letzte Woche angekommen – im Ganzen, ich sage dir ein Anblick, toll …“

Hanna wusste nicht, was ein Hafen „sonst noch so brauchen würde“, Hafendampfer vielleicht und ein paar Schlepper, aber sonst? Und was, bitteschön, möchten Containerbrücken sein, und wieso kamen die ganz? Aber sie musste nicht lange auf die Erklärung warten: „Also die Containerbrücken, du weißt schon, dass sind diese riesigen Kräne, mit denen die Container aus den Schiffen geholt und auf Autos oder so ähnlich gesetzt werden. Und die sind groß, also richtig groß. Und wenn ich richtig groß sage, dann meine ich riesig! Die wiegen fast 2000 Tonnen, sagt Herrmann, und sind um die 90 Meter hoch und über 100 Meter lang.“

Jetzt hatte Hanna eine Vorstellung davon, was Marlene unter riesig verstand, aber vorstellen konnte sie sich die Dinger immer noch nicht.

„Weißt du, da kam ein Schiff, natürlich ein Schwerlasttransporter, auf dem standen die quer… Quer, sage ich dir, links und rechts weit überstehend, mit drei von diesen Riesendingern an Bord von so einem Schwerlastschiff an. Direkt aus Südkorea. Hanna, da habe selbst ich gestaunt, und du weißt, dass ich sonst keine Angst vor Riesendingern habe.“

„Ja“, lachte Hanna, „aber nicht quer!“

„Na“, kicherte jetzt Marlene, „Hanna! Du bist mir ja vielleicht eine…“

„Und wegen dieser Riesendinger rufst du jetzt an?“

„Neeeiiiin, Hanna! Ich rufe wegen der Mizzi an, wegen unser Katze, du weißt, die blinde.“

„Und was ist mit der?“.

Hanna kannte Mizzi, hatte ein paar Mal mit ihr gespielt, wenn sie Marlene und Herrmann in deren Haus in Pullach besucht hatte. Mizzi war ein besonders liebes Tier, und dass sie blind war, schien sie gar nicht so sehr zu stören – Katzen können sich recht gut nur mit dem Gehör und ihren Schnurrhaaren orientieren, wenn sie das Gelände, in dem sie sich bewegen, kennen. Mizzi war klug genug, dass sie sich nur im zum Haus gehörenden Garten und im Nachbargarten bewegte. Da gab es keine Hunde. Und die Nachbarn wussten von ihrer Blindheit und behandelten sie gut. Mäuse konnte sie übrigens immer noch recht gut fangen, das kann katze nämlich auch nur mit dem Gehör!

„Ja, das ist jetzt eine dumme Sache! Die Nachbarin, die Elke, die wollte sich ja eigentlich um die Katze kümmern – füttern, streicheln, bürsten, na, das ganze Programm. Und da hätte eben auch dazu gehört, ihr die Antibabypille zu geben.“

„Die was?“, lachte Hanna, „Habe ich das richtig gehört, Antibabypille?“

„Ja, hast du, das gibt es … und Elke hat das eben vergessen und jetzt ist Mizzi schwanger und soll in ein paar Tagen ihre Katzenbabys kriegen.“

„Ach wie süß!“, entfuhr es Hanna, „die gehe ich mir anschauen.“

„Gut“, sagte Marlene, „ehrlich gesagt, darauf hatte ich gehofft, du als Biologin, nicht wahr.“

„Das ist zwar lange her, das mit der Biologie“, wandte Hanna ein, „aber grundsätzlich hast du schon Recht, dass ich Biologin bin. Aber was hat das damit zu tun, man kann doch auch Katzen mögen und ist kein Biologe, die Frau Z. zum Beispiel, die aus dem Laden hier, du kennst sie, die mag Katzen unheimlich gerne und die ist keine Biologin. Die…“

„Du“, unterbrach Marlene sie, „das ist ein Ferngespräch aus Thailand, lass mich mal zum Punkt kommen, bitte.“

„Na, gerne“, entgegnete Hanna, „sprechen wir wieder über Kräne…“

„Nichts da, ich will über Mizzi mit dir reden, also, die wird zum ersten Mal Mutter, die weiß doch gar nicht, was sie machen soll…“

„Das wird ihr schon Mutter Natur sagen!“, sagte Hanna leichthin.

„Mag ja sein, aber ich will mich nicht vollständig auf Mutter Natur verlassen, ich würde mich da lieber auf dich verlassen, das ist mir sicherer.“

„Soll ich jetzt einen Mutterschaftskursus mit der Katze machen?“, fragte Hanna lachend.

„So ähnlich, so in etwa: Ich dachte mir, du bist doch eh Rentnerin und Biologin bist du auch, und das Haus kennst du und Mizzi mag dich doch auch.“

„Also, was willst du nun von mir?“

„Könntest du nicht für ein paar Tage in unser Haus ziehen und auf Mizzi aufpassen? Bitte! Ich meine, ich würde ja selber kommen, aber dann ist mein Herrmann hier allein.“

„Allein mit all den kleinen Thailänderinnen…“

„Genau!“

„Und das willst du nicht?“

„Keinesfalls!“

„Also muss ich ja wohl!“

„Naja, ich sage auch schön „bittebitte““.

„Na, dann sage es!“

„Was?“

„Bittebitte.“

„Bittebitte!“

„Also gut, ich mache es!“

„Du, Hanna, ich bin dir ja so dankbar, da fällt mir ein Stein vom Herzen. Hast du den Riesenplatscher gehört? Das war der Stein! Die Schlüssel sind beim Nachbarn.“

„Und warum machen die das nicht, das Katzehüten, meine ich?“

„Die fahren doch weg! Das war doch nicht so gedacht, dass ich so lange fortbleibe, ich wollte doch schon wieder da sein – und mit der Schwangerschaft von der Mizzi hat doch keiner gerechnet. Aber die Nachbarn sind in zwei Wochen wieder da, und dann machen die das wieder. Aber du, du müsstest da heute noch hin, weil, morgen früh fahren die und die Babies werden wohl bald kommen, Hanna.“

„Das ist aber ein enger Zeitplan, den du dir da genehmigt hast. Was hättest du gemacht, wenn ich nicht da gewesen wäre oder nicht gekonnt hätte?

„Gute Frage, Hanna! Keine Ahnung. Aber hat ja geklappt, Gott sei Dank! Du, ich verlass mich auf dich ! Tschüss dann!“, und damit legte Marlene auf bevor Hanna sich verabschieden konnte. Hanna lächelte und schüttelte den Kopf: Typisch Marlene! So war sie einfach und sie konnte ihr nicht böse sein.

Dann nahm sie den Telefonhörer auf und rief Wolf-Dieter an. Als er abnahm, fragte sie ihn: „Hast du jetzt Zeit? Ich müsste nach Pullach, Schlüssel für ein Haus mit einer hochschwangeren blinden Katze abholen.“

„Einer was? Egal, in zehn Minuten können wir los. Soll ich dich holen?“

„Ja, das wäre nett. Ich bin dann fertig“.

12. Juni. In Pullach

12.00 Uhr. Auf die Sekunde pünktlich kam der Fahrstuhl mit Wolf-Dieter, sie rollte hinein und sie fuhren hinunter. Wolf-Dieter half ihr beim Einsteigen und verstaute den Rollstuhl im Kofferraum seines Golfs.

„Kannst du erst einmal zum Laden fahren, ich will Katzenfutter bestellen.“

„Bleib du im Auto sitzen, das mache ich eben. Was für Futter genau?“

„Keine Ahnung, die Frau Z. soll mal schauen, was es gibt? Kraftfutter für die Katzenmama vor allem, die muss ja genug Milch produzieren. Und ob die ausreichend Mäuse fangen kann mit ihrer Blindheit, das bezweifle ich. Sie soll doch mal schauen, was es für klitzekleine Katzenbabys gibt, so Nahrungsergänzungsmittel, künstliche Katzenmilch oder so. Frag halt mal.“

Wolf-Dieter hielt vor dem Laden und gab die Bestellung auf. Frau Z. versprach ihr Bestes zu tun, und Herr F. wollte eine befreundete Tierärztin anrufen, um sich zu erkundigen.

„Alles klar“, sagte Wolf-Dieter als er wieder im Auto saß, „wie fahren wir am besten nach Pullach? Ich glaube über den Mittleren Ring und dann die B11, oder?“

„Wahrscheinlich“, sagte Hanna, „mich dünkt, du hast Recht.“

Wolf-Dieter schaute sie an: „Dich dünkt also? Na denn“, und damit bog er an der Fasaneriestraße in Richtung Leonrodstraße ab und als er die erreichte nach rechts, um in Richtung Mittlerer Ring zu fahren.

Als sie am Kiosk vorbeifuhren, schauten beide sich traurig an.

„Armer Edgar!“, sagte Wolf-Dieter, „ich kann es immer noch nicht glauben, dass er nicht mehr da ist.“

„Das habe ich mir geschworen“, sagte Hanna mit erstickender Stimme, „die kriegen wir, die das gemacht haben.“

„Das werden die ersten sein“, sagte Wolf-Dieter, „und zwar bald, oder?“.

„Ich weiß bloß noch nicht, wie? Sind der Graf und Udo schon ein Stückchen weiter?“

„Ich glaube nicht“, sagte Wolf-Dieter, „hat ja auch keiner geahnt, dass das so schnell gehen muss. Das scheint gar nicht so einfach zu sein, in Deutschland an eine Pistole zu kommen.“

Hanna blickte aus ihrem Seitenfenster: „Und selber machen kann man die nicht?“, fragte sie leise, eher mehr zu sich selbst, „Udo kann doch sonst alles bauen oder basteln.“

„Naja, so einfach wird das nicht sein. Es gibt ja auch keine Baupläne zu kaufen.“

„Und im Internet?“

Wolf-Dieter wiegte den Kopf hin und her und sagte nach einer Pause: „Ja, man liest immer, dass es alles im Internet geben soll, sogar Baupläne für Atombomben.“

„Das wäre mir im Moment aber denn doch eine Nummer zu groß“, lächelte Hanna, „vielleicht später mal.“

„Hanna!“, warnte Wolf-Dieter sie lachend, „Aber im Ernst, wenn´s konkret wird, dann wird es auch im Internet eng, da findest du dann nicht mehr so schnell etwas. Etwas Spezielles, meine ich.“

„Und Sarah hat auch keine Beziehungen? Die kennt doch sonst Gott und die Welt, solange sie männlich ist.“

„Sie sagt zumindest nicht, dass sie eine Quelle hat!“, gab Wolf-Dieter zu bedenken, „aber fragen kann man sie ja mal. Ich meine, irgendwie hat sich die Situation ja geändert, seit sie Edgar erschlagen haben, oder? Sprichst du mit ihr? Du bist, glaube ich, am engsten mit ihr, oder?“

„Ja, das kann ich machen.“

Und dann blieb es eine ganze Zeit ruhig im Auto. Als sie auf die B11 einbogen, bat Wolf-Dieter Hanna, das Navi einzuschalten, denn da in Pullach könne man sich fürchterlich verfranzen, meinte er. Hanna schaltete das TomTom ein und gab Voetzstraße ein, denn da wohnte Marlene respektive die blinde Mizzi.

Es ging eine ganze Weile die B11 entlang, dann wurde die Wohngegend plötzlich teuer, jedenfalls sahen die Häuser so aus. Hinter der S-Bahn-Überführung bogen sie an der Sollner Straße links ab und irgendwann sagte das Navi Ihnen, dass sie ihr Ziel erreicht hätten. Sie staunten, denn das Straßenschild lautete Wallbergstraße, nicht Voetzstraße. Nanu, dachte Wolf-Dieter, und nanu dachte auch Hanna. Sie fuhren einmal um den Block, um dem Navi eine weitere Chance zu geben, aber das gute alte TomTom (es war zwei Jahre alt) bestand weiter darauf, dass sie sich in anderen Straßen befänden, als auf den Straßenschildern bezeichnet wurden. Schließlich gab Wolf-Dieter auf und hielt, um einen Passanten nach dem Weg zu fragen. Der lachte laut auf: „Fahren sie nach Navi? Mann, wir sind hier in Pullach!“. Hanna schaute ihn verwirrt an.

„Pullach!“, wiederholte der Mann überdeutlich, „BND! Da funktioniert kein Navi…“

„Das ist ja ein Ding“, meinte Wolf-Dieter etwas später, als sie der Beschreibung des netten Passanten folgten, erläuterte er Hanna: „Da funktioniert das GPS nicht richtig, wo der BND sitzt.“

Schließlich erreichten sie Mizzis Haus, während das Navi weiterhin stur darauf bestand, dass sie noch rund 600 Meter zu fahren hätten.

Wolf-Dieter schob Hanna zum Haus der Nachbarn, wo sie klingelten, Hanna sich vorstellte, und um den Schlüssel für Marlenes und Herrmanns Haus bat.

„Ach sie sind das, die Hanna, die Biologin“, sagte Elke erleichtert, „Marlene hat schon angerufen und sie angekündigt. Sie sind aber flott! Wir dachten schon, einer von uns müsse hierbleiben wegen der Mizzi und der kleinen Kätzchen. Die kann man doch jetzt nicht alleine lassen, die Katze, nicht wahr? Nicht, wenn sie zum ersten Male Mama wird. Aber sie sind ja Biologin, hat Marlene gesagt, da kann ja nichts schief gehen, da können wir ja in Ruhe fahren. Wir wollen in unser Haus in Kitzbühel, wissen sie.“

„Naja“, dachte Hanna, „das ist ja nicht so weit weg“. Aber sie sagte nichts. Kurze Zeit später hatten sie den Schlüssel und Wolf-Dieter schob Hanna durch die Gärten zu Marlenes Haus.

Wolf-Dieter pfiff bewundernd: „Ganz schöner Schuppen“, murmelte er leise.

„Ja“, sagte Hanna, die das gehört hatte, „altes Geld! Irgendwie merkt man das immer.“

Wolf-Dieter schloss auf und sie betraten das Haus. Hanna ließ den Rollstuhl vor der Tür stehen, die paar Schritte ins und im Haus würde sie auch ohne schaffen. Im Flur lag Mizzi mit ihrem dicken Bauch auf einer warmen Decke, soweit konnte man sich also auf Elke verlassen. Es war deutlich zu sehen, dass sie hochschwanger war, lange würde es nicht mehr dauern, bis sie Mutter würde. „Schau dich ruhig ein wenig um!“, forderte Hanna Wolf-Dieter auf, „Marlene hat keine Geheimnisse, und außerdem ist sie weit weg! Ich kümmere mich derweil um die Katze“. Damit setzte sie sich neben Mizzi auf einen Stuhl. „Hallo Mizzi“, hörte Wolf-Dieter sie im Weggehen sagen, „na, wie ist es, Mama zu werden?“

Wolf-Dieter hörte Mizzi schnurren, die beiden schienen sich also zu mögen. Hanna redete weiter mit ganz ruhiger Stimme auf die Katze ein, der das zu gefallen schien.

Nach zehn Minuten hatte er die Hausbegehung beendet. „Die haben sogar einen Schießstand im Keller, so richtig wie auf dem Rummel, mit Rosen zum Abschießen und so…“

„Richtig“, bestätigte Hanna, „den hatte ich ganz vergessen. Herrmann schießt sehr gut, er ist Jäger, weißt du. Oder er war es auf jeden Fall.“ Und damit deutete sie auf einige Geweihe, die im Flur an der Wand hingen.

In dem Moment schauten sich beide perplex an: Jäger! Wo ein Jäger, da auch Gewehre! Das konnte gar nicht anders sein. Und nach Thailand würde er sie wohl nicht mitgenommen haben. Also waren sie irgendwo hier im Haus. Wahrscheinlich in einem Stahlschrank eingeschlossen. Aber so dicht waren sie noch nie an Waffen gewesen. Jetzt galt es, sie in die Finger zu bekommen!

„Weißt du“, sagte Hanna überlegend, „ich werde wohl vierzehn Tage hier im Haus wohnen, um die Katzen zu betreuen, dann kommen die Nachbarn wieder. Das heißt, ich habe fast vierzehn Tage Zeit, den Gewehrschrank respektive den Schlüssel zu suchen. Für die Nachbarn ziehen wir eine Show ab: Ihr müsst mich in der Zwischenzeit versorgen, ich sitze ja im Rollstuhl, und ihr müsst Katzenfutter bringen und mir etwas zu lesen – ihr habt jedenfalls genug Gründe, mir bei der Suche zu helfen, oder?“

„Genau“, sagte Wolf-Dieter, „das könnte klappen, aber sag mal, der…, wie heißt er?“

„Herrmann!“

„Passt, wie der große Jäger Hermann Göring, also Herrmann, der rechnet doch nicht unbedingt damit, dass wir seine Gewehre brauchen, benutzen wollen. Und wenn er so ein überzeugter Jäger ist, wo wird der wohl seine Gewehre haben? Immer ganz nahe bei sich!“

Hanna schaute ihn fragend an: „Was meinst du?“

„Das Herrenzimmer oder sein Arbeitszimmer! Wo ist das?“

„Gleich da“, Hanna deutete auf eine Tür. Wolf-Dieter öffnete die Tür, schaute sich um und rief: „Bingo! Das muss er sein.“

Er kam zu Hanna und bot ihr seinen Arm an. „Komm hak´ dich ein, ich zeige es dir“.

Hanna nahm das Angebot gerne an und untergehakt betraten sie Herrmanns Privatzimmer. Viele Jagdbilder bedeckten die Wände: Herrmann mit Gewehr, Herrmann mit geschossenen Tieren, Herrmann mit Jagdfreunden, Hermann hier, Herrmann da …

Und da, hinten in der Ecke, stand ein mannshoher grauer Stahlschrank. Das musste er sein. Das Ziel ihrer Wünsche.

„Das Schloss sieht stabil aus“, gab Hanna zu bedenken.

„Da soll Udo sich dran versuchen, Edgar kann es ja nicht mehr“, sagte Wolf-Dieter.

„Komm“, sagte Hanna, „wir fahren und holen meine Sachen und dann kann einer von euch mich wieder herfahren, ich glaube, Mizzi wird bald ihre Babys kriegen, vielleicht schon heute Nacht – da würde ich gerne bei ihr sein!“

„Ja“, antwortete Wolf-Dieter, „und wir können mit der Arbeit beginnen. Warte mal, ich rufe mal bei Udo an, dass der nachher Zeit hat und mitkommen kann, um sich den Schank anzuschauen.“

Hanna verabschiedete sich sanft von Mizzi, streichelte sie noch etwas, was Mizzi durchaus goutierte und versprach ihr, in ein oder zwei Stunden zurück zu sein. Mizzi blieb einfach liegen, als sie gingen, aber in ihrem Zustand, fanden die beiden, war es nicht unhöflich, den Besuch nicht zur Tür zu bringen.

Als sie fast draußen waren, hielt Wolf-Dieter Hanna zurück. „Gibt es eine Fernbedienung für die Garage?“, fragte er.

Hanna nickte.

„Ich glaube, ich habe sie in der Silberschale auf dem runden Tischchen im Flur liegen sehen“, meinte sie.

Wolf-Dieter holte sie mit dem Hinweis, dann bräuchten sie nachher nicht auf der Straße zu parken.

Gut dreißig Minuten später waren sie wieder in der Hübnerstraße, wo der Graf und Udo sie bereits erwarteten. Sarah war in der Stadt unterwegs, um ein paar Einkäufe zu erledigen. Sie beschlossen zu viert wieder in die Voetzstraße zu fahren.

„Mal schauen, ob und was geht?“, nannte Udo das.

Hanna packte ein paar Sachen zusammen, was fehlte, würden sie ihr bringen und Sarah würde unter den „Frauensachen“ Bescheid wissen, die Hanna eventuell noch brauchen würde. Als letztes packte Hanna ein Lehrbuch über Säugetiere ein, da stand auch viel über Raubkatzen drin, also auch über ihre Mizzi.

Und dann machten sie sich ein weiteres Mal auf den langen Weg nach Pullach. Wolf-Dieter öffnete Garten- und Garagentor und fuhr dann in die Garage – es mussten ja nicht alle sehen, mit wie großer Belegschaft sie kamen, um Mizzi zu betreuen.

Als sie im Haus waren, kümmerte Hanna sich um Mizzi, besorgte ihr ein Schälchen Milch, nicht viel, weil Katzen Milch im Allgemeinen nicht gut vertragen, aber Hanna fand, heute sei eine gute Gelegenheit für eine Ausnahme. Und Mizzi schleckte die Milch dankbar auf.

„Na, Mizzi, hungrig?“, fragte Hanna, „Komm, wir gehen in die Küche und suchen dein Futter.“

Als Hanna mit der Tüte raschelte, kam Mizzi mit ihrem dicken Bauch langsam um die Ecke getrottet. „Geht nicht mehr so leicht, was“, fragte Hanna, „bei mir auch nicht – wenn auch aus anderem Grund! Komm mal her, und friss etwas, du wirst Kraft brauchen.“

Inzwischen hatten die drei Männer es sich in Herrmanns Zimmer bequem gemacht. Udo saß im Sessel, Wolf-Dieter im Schreibtischstuhl und der Graf stand vor dem Bücherregal.

„Wo würdet ihr einen Safeschlüssel verstecken, wenn ihr für sechs Wochen wegfahren würdet?“, fragte der Graf laut denkend, „Wolf-Dieter, du durchsuchst den Schreibtisch – aber vorsichtig, keine Unordnung machen! Udo, schau du dir mal das Schloss des Gewehrschrankes an, ob du es öffnen kannst – aber so, dass man hinterher nichts sieht.“

„Kann ich dir gleich sagen“, antwortete Udo, „ich kann´s jedenfalls nicht, keine Chance! Ich bin ja kein Safeknacker, nicht.“

„Schade, na gut, damit war zu rechnen. Schau mal hinter die ganzen Bilder, sicher kein gutes Versteck, aber man weiß ja nie.“

„Und was machst du?“, fragte Wolf-Dieter, der schon die zweite Schublade durchsuchte.

„Ich schaue mal, was der Typ so liest.“

„Ich denke, wir suchen einen Schlüssel?“, fragte Udo.

„Eben“, antwortete der Graf, „eben …“

Nach einer Weile meldete Wolf-Dieter, dass der Schlüssel wohl eher nicht im Schreibtisch sei. Der Graf fragte ihn, ob er auch unter den Schubladen nachgeschaut habe. Ein fast beleidigter Wolf-Dieter sagte: „Na klar, wofür hältst du mich? Auch ich lese Krimis.“

„Dann schau mal in der Vitrine da drüben nach, und du, Udo, unter dem Teppich.“

Nach einer dreiviertel Stunde hatten sie so gut wie alles vorsichtig durchsucht.

„Und was liest er so?“, fragte Udo leicht gereizt und mit vom Teppichstaub roten Augen.

„Er hat eindeutige Interessen“, gab der Graf in Gedanken versunken zurück, „aber das hier, das passt ja gar nicht. Ansonsten ist alles über Jagd, jagbares Wild, Großwild in Afrika, Waffen und so ein Zeug und ein Buch über Differentialrechnung für Ingenieure, seltsam oder?“

Er nahm das Buch aus dem Regal und wurde nach zwanzig Zentimetern gebremst, das Buch hing irgendwo fest, dabei hatte er es doch schon zur Gänze aus dem Regal gezogen. Er schaute genau hin und sah eine Art Angelsehne, die an dem Buch hing.

„Na, das ist ja interessant“, murmelte er, „Udo, kannst du mir mal helfen, bitte, oder Wolf-Dieter?“

Udo sprang aus seinem Sessel auf, in den er sich wieder gesetzt hatte, nachdem er seine Suchaufgaben erfüllt hatte.

„Halt mal das Buch bitte!“

Der Graf fummelte an der Sehne. Dann nahm er die Bücher, die links und rechts vom Buch, das Udo hielt, im Regal standen, heraus und gab sie Wolf-Dieter: „Halt die mal!“

Dann fummelte er an der Sehne, aber nichts rührte sich.

„Seltsam“, sagte er leise, „da ist doch etwas…“

Er holte sich einen stabilen Stuhl aus dem Wohnzimmer, stellte ihn vor das Bücherregal und stieg darauf. „Schon besser“, sagte er, „ich kann das jetzt sehen, die Sehne hängt hinter dem Regalbrett herunter!“

Er räumte den Stuhl beiseite und entnahm einige Bücher von dem Regalbrett unter dem Mathematikbuch und schaute hinter die Bücher.

„Das hängt noch weiter runter!“, sagte er und setzte seine Aufräumarbeit noch ein Brett tiefer fort. Er langte in die Lücke zwischen den Büchern und dann strahlte er plötzlich: „Habe ich dich, Schlawiner!“, sagte er.

„Zieht mal etwas an den oberen Brettern, wenn das geht, ich fummele den Schlüssel hoch.“

Es gelang ihm, das kleine Schlüsselbund mit nur einem Schlüssel hinter den Brettern hochzuschieben und schließlich zu befreien.

„Na du“, sagte er zu dem Schlüssel, „dann wollen wir doch einmal sehen, ob du Schlawiner passen willst?“

„Mensch, Klasse!“, sagte Udo, „wie bist du drauf gekommen?“

Der Graf zuckte mit den Schultern. „Kam mir komisch vor, so ein Mathematikbuch zwischen lauter Schießbüchern…“

„Da wäre ich nie drauf gekommen“, gab Udo zu, „du, Wolf-Dieter?“

„Wäret ihr auch bald“, unterbrach der Graf die aufkommende Diskussion, wer, wann und warum den Schlüssel gefunden hätte oder auch nicht.

Der Graf steckte den Schlüssel ins Schloss – das ging schon einmal, dann sagte er: „Simsalabim und Sesam öffne dich !“, und drehte den Schlüssel.

Dann öffnete er die Tür. „Hanna“, rief der Graf, „kannst du dich mal von deiner Tigerchen-Dame lösen, wir haben´s.“

Hanna kam langsam ins Zimmer und strahlte die Männer an: „Nicht doch, das ist doch nicht wahr, oder? Und wie habt ihr das geschafft? Hat Udo das Ding geknackt?“

„Nee“, sagte Udo, „zu viel der Ehre, der Graf hat ein bisschen nachgedacht und schwupps, schon hatte er den Schlüssel!“

„Gratuliere, Graf!“, sagte Hanna bewundernd, „klasse – und was ist drin?“

Der Graf trat zur Seite und sie sahen zwei doppelläufige Schrotflinten, ein Gewehr und Schachteln mit Munition. Aber keine Pistole und kein Revolver.

„Das dürfte reichen“, sagte Wolf-Dieter.

„Wofür?“, fragte der Graf.

„Für die Rocker, die Edgar umgebracht haben“, erläuterte Hanna, „ich habe mir gedacht, wir leihen uns die Flinten aus, pusten die Jungs mit den Dingern um, und stellen die Waffen wieder hier rein, schließen ab – das war es… Und ich war nur wegen der Katze da und weiß von nichts! Und keine Idee von dem Schrank geschweige denn von seinem Inhalt!“

„Klug gedacht“, bestätigte der Graf, „wir haben die Waffen nie gehabt, wir tragen Handschuhe, keine Fingerabdrücke, es fehlen einzig vier Patronen. Und Hanna ist Zeugin, dass hier niemand eingebrochen ist!“

„Glaubst Du, dass wir einen Kaffee bekommen können?“, fragte Wolf-Dieter.

„Klar doch“, sagte Hanna.

„Ich mache ihn“, bot sich Wolf-Dieter an, „wo ist die Küche?“

„Warte“, sagte Hanna, „ich komme mit“.

„Dann gehen wir doch alle“, schlug der Graf vor.

In der Küche fanden sie die Kaffeemaschine, den Kaffee im Schrank und Milch im Kühlschrank – die hatte vorhin ja schon die Katze bekommen. Zucker wollte niemand. Bald saßen sie in gemütlicher Runde zusammen.

„Also, zwei Schrotflinten“, dachte der Graf laut, „das bedeutet zwei Schützen. Wie kriegen wir sie?“

Sie dachten einen Augenblick nach, dann hatte Udo eine Idee: „Also, die sitzen doch spät abends in der Messestadt an der U-Bahn-Station, stand jedenfalls in der Zeitung. Ich weiß so in etwa, wie das da aussieht, von der Baumesse, wo ich letztes Jahr war. Die U-Bahn-Station hat einen oberirdischen Teil, so mit Dach und Sitzplätzen und so. Da wenden auch Busse. Da werden die sich rumtreiben oder auf den Sitzen rumlümmeln. Sonst ist da nichts.“

„Da werden doch viele Leute sein, die umsteigen oder so…“

„Nachts nicht, da ist da gar nichts los, absolut tote Hose. Und die nächsten Häuser sind zweihundert Meter weg, mindestens! Rundherum ist es stockdunkel, nur die Sitzplätze sind erhellt!“

„Kann ich kaum glauben, so gut hört sich das an. Das ist ja wie für uns gemacht. Ist das wirklich so? Bist du sicher?“

„Ja, ich war mal da.“

„Das wäre perfekt!“, sagten Hanna und der Graf gleichzeitig und Hanna fuhr fort: „Wie für uns gemacht. Wenn die Kerle da rumsitzen, haben sie keine Chance!“

Der Graf schaute auf die Uhr. „Jetzt ist es kurz nach neunzehn Uhr. Wir können hier Schluss machen und Hanna mit Mizzi allein lassen, das Tier will wohl eher seine Ruhe in seinem Zustand. Wir fahren nach Hause, essen etwas und könnten abends nach Riem fahren und uns die Gegend anschauen. Wie lange wird man fahren? Dreißig Minuten? Wenn wir gegen einundzwanzig Uhr dreißig losfahren, sind wir gegen zweiundzwanzig Uhr vor Ort. Laut Zeitung treiben die Kerle sich dann da rum. Also? Packen wir´s!“

Sie verabschiedeten sich von Hanna und ließen sie mit Mizzi allein. Die Männer fuhren wieder nach Neuhausen.

12. Juni. Messestadt Riem

22.00 Uhr. Um halb zehn trafen sie sich wieder am Auto. Sie fuhren über den Mittleren Ring, vorbei am Olympiastadion und am BMW-Gebäude, durch die langen Tunnels und dann über die Autobahn in Richtung Passau. An der Ausfahrt Messe verließen sie die Autobahn, und danach entlang der Olof-Palme-Allee auf die RiemArcaden zu, um am Willy Brandt-Platz nach links in die Willy Brandt-Alle abzubiegen, die sie, das Messe-Gelände linker Hand liegen lassend, bis zur U-Bahn-Station Messestadt Ost entlang fuhren . In Höhe der Selma Lagerlöf-Straße drosselte Wolf-Dieter das Tempo, sie schlichen die letzten Meter bis zur U-Bahn-Station und fanden sie absolut leer vor. Niemand zu sehen, wirklich niemand, die Bande nicht und auch keine andere Menschenseele.

„Der Platz wäre perfekt“, sagte der Graf nachdenklich, „wirklich kein Zeuge weit und breit und rundherum stockdunkel, nur die Jungs wären im hellen Licht wie auf dem Präsentierteller!“

„Ja“, sagte Udo, „zwei Schützen rechts im Auto, einer vorne einer hinten, die Scheiben unten und kurz bevor wir sie erreichen die Flinten raus und jeder schießt zweimal. Sozusagen ein sehr einseitiges Passiergefecht… Geht nicht besser!“

„Und wenn keiner kommt, können wir da umdrehen“, der Graf deutete auf das von den Messestädtern respektlos so benannte „Elefantenklo“, um den sich ein Kreisverkehr zog, „bis dahinten fahren, noch einmal umkehren, die Knarren inzwischen wieder geladen haben und ihnen noch eine verpassen. Abschließend über den de-Gaspari-Bogen ab durch die Mitte.“

„Gut, fahren wir nach Hause“, sagte Wolf-Dieter und fuhr den de-Gaspari-Bogen, „das wird unsere Fluchtroute, da ist auch nichts los. Wann machen wir´s?“

„Bald. Solange wir an die Gewehre kommen“, sagte Udo, „also irgendwann, nee, sehr bald!“

„Wir warten noch etwas!“, sagte der Graf bestimmt, „denn, wenn die Polizei uns wirklich beobachten sollte, wie Sarah vermutet, dann müssen wir uns Zeit nehmen. Irgendwann verlieren die Bullen das Interesse an uns, ganz klar. Und dann erst schlagen wir zu! Dann haben die und wir es hinter uns.“

„Wie lange wird Herrmann denn noch die kleinen Thailänderinnen jagen? Mehrere Monate? Nun lass die schon mal zwei oder drei Monate fort sein. Dann bleiben uns maximal drei Monate, mindestens aber einer, oder?“, überlegte Udo laut, „Kommt das hin mit der Zeit, die uns die Bullen vielleicht im Auge haben wird?“

Wolf-Dieter wollte etwas sagen, wurde aber von einem Hustenanfall geschüttelt – der war so schlimm, dass er rechts ranfahren und anhalten musste. Er stieg aus und spukte einen blutigen Schleim aus: Einmal, zweimal, dreimal. Endlich hatte sich sein Körper wieder beruhigt. Er atmete noch ein paarmal tief ein, dann stieg er wieder ins Auto.

„Es wird schlimmer, habe ich den Eindruck“, sagte der Graf leise.

„Ja“, bestätigte Wolf-Dieter heiser, „mit jedem Tag! Wird wohl nicht mehr lange gehen. Ich werde mich ranhalten müssen, wenn ich das noch miterleben will!“

Udo schaute Wolf-Dieter an und sagte: „Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll, Wolf-Dieter?“

„Am besten: Nichts!“, sagte der, „Da gibt es nichts zu sagen, ist halt so“, und damit zuckte er mit den Schultern, „geht schon wieder...“

Eine Weile sagte niemand im Auto etwas. Als sie auf der Autobahn in Richtung Stadtmitte fuhren, setzte der Graf an: „Ich da so eine Idee.“. Er macht eine längere Pause, um dann fortzufahren: „Schaut mal, irgendwie sind die uns doch in die Quere gekommen, die hatten wir doch gar nicht auf der Liste, oder? Wir sind doch eigentlich noch gar nicht so weit, dass wir anfangen könnten.“

„Da hast du Recht“, nickte Wolf-Dieter und hustete in sein Taschentuch.

„Und wir wollen uns doch nicht schnappen lassen wegen der anderen, die jeder von uns sich noch vorgenommen hat, nicht wahr?“

„Ganz bestimmt nicht, die anderen will ich ja auch noch haben, bevor es mich erwischt!“

„Genau – und unser Auto ist erkennbar und uns sehr leicht zuzuordnen.“ Er machte wieder eine Pause. Schließlich sagte er: „Deshalb brauchen wir ein Double von unserem Auto.“

„Eine Dublette meinst du“, sagte Udo, „gute Idee!“

„Genau, unseren Golf stellen wir bei VW für ein paar Tage nicht fahrbereit in die Werkstatt, da ist der dann registriert – wir können ihn also gar nicht gefahren haben. Wir fahren ein Auto, das genauso aussieht, mit dem gleichen Kennzeichen. Udo, kriegst du gefälschte Kennzeichen hin?“

„Kein Problem, ich habe ja die Originale.“

„Dann nehmen wir uns eben Zeit, die Kerle laufen uns ja nicht weg und an die Gewehre kommen wir noch mindestens vier Wochen lang ran, eher sechs bis acht!“

„Wo kriegen wir den Golf her?“

„Ach“, sagte Udo, „den kriege ich bei einem Händler oder übers Internet. 2.000 Euro maximal. Anmelden?“

„Um Gottes Willen“, rief der Graf, „keinesfalls! Wir haben die Papiere für den hier, die müssen für beide reichen. Wenn wir in eine Polizeikontrolle kommen, sind wir mit unseren Knarren eh aufgeflogen, mir geht es um eventuelle Zeugen, die einen dunklen Golf mit einem Kennzeichnen sehen.“

„Ja, dann, das sollte kein Problem sein!“

„Wir müssen den nur irgendwo unauffällig abstellen können.“

„Der Parkplatz an der Baldurstraße, am Dantebad – da stehen haufenweise alte Karren.“

„Für ein paar Tage … ja, aber dann brauchen wir irgendwo einen Parkplatz, ich meine eine Garage oder so, wo diese Parkschandies nicht dauernd rumlaufen und alles überprüfen, aber darum können wir uns später kümmern.“

„Soll ich also morgen einen kaufen?“

„Ja!“

„Wer zahlt?“

„Wir legen zusammen! Irgendwelche Probleme? Könnt ihr das Geld morgen besorgen?“. Niemand sagte nein. „Also gut, dann machen wir es so!“

13. Juni. Hübnerstraße

12.00 Uhr. Sarah war gerade aus dem Bett gekrabbelt, der Kunde gestern Nacht war überhaupt nicht müde geworden und hatte auch noch die dritte Flasche Champagner öffnen lassen. Als sie ihn ordentlich verprügelt hatte, war er mehrfach gekommen und war glücklich und froh und wollte dann nur noch mit ihr reden.

Naja, ihr Motto war: „I´m not payed by the hour”, und er war ein Stammkunde. Im Grunde genommen, fand sie, war es sehr leicht verdientes Geld, sich von einem Typen mit wundem Hintern Geschichten anzuhören, und wenn er dann noch ein wenig Zärtlichkeit brauchte, die er bei seiner Ehefrau garantiert nicht fand, mein Gott, sollte er sie halt bekommen, sie war schließlich keine Nutte. Ihr Geschäft war es, sich sehr gut dafür bezahlen zu lassen, dass sie sehr spezielle Bedürfnisse ausgewählter Herren befriedigte. Sie fand außerdem, es wäre besser, dass sein Hintern brannte als ihrer!

Also war es eine lange Nacht gewesen und sie hatte erst gegen fünf Uhr morgens allein in ihr eigenes Bett gefunden – und die Betonung lag für sie eindeutig auf „eigenes“ und „allein“.

Beim Zähneputzen hörte sie ihr Handy fiepen, der Ton meldete Ihr, dass eine SMS eingegangen war. Keine Eile, die konnte warten, sie erwartete nichts Wichtiges.

Also machte sie sich einen Kaffee, schaltete das Radio ein und holte die Süddeutsche aus dem Briefkasten. Ein stiller Bewunderer im Haus holte die Zeitung jeden Morgen aus dem Parterre und steckte sie in den eigentlich überflüssig gewordenen Briefschlitz in der Wohnungstür. Sie vermutete, dass das einer der jungen Familienväter wäre, die noch im Haus wohnten.

Als sie es ausreichend gemütlich fand, griff sie zum Handy und schaute sich die eingegangene SMS an: „Ware eintreffend in Kiel am Tiessenkai am 17. Juni um 04.00 Uhr.“

Und während sie die Nachricht las und nicht gleich verstand, kam eine zweite SMS: „Barzahlung bei Lieferung!!!“.

Jetzt begriff sie! Der Russe würde liefern! Aber hallo – so recht hatte sie es ja nicht glauben können.

Dann ging sie wieder ins Bett, um etwas „Schönheitsschlaf“ nachzuholen.

13. Juni. Hübnerstraße

14.00 Uhr. Es war so gegen vierzehn Uhr, als Udo Wolf-Dieter und den Grafen anrief, um zu sagen, dass er den neuen alten Golf unten auf der Straße stehen hätte, genau gegenüber in der Hübnerstraße, aus dem Fenster gut zu sehen – aber wenn sie wollten, könnten sie sich die Karre auch anschauen. Sie wollten, also trafen sie sich ein paar Minuten später auf der Straße.

„Sieht genauso aus wie deiner“, sagte der Graf zu Wolf-Dieter.

„Das war ja auch Sinn der Sache“, meinte Udo, „ich würde jetzt gerne noch ein paar auffällige Aufkleber an beide Karren dran machen. Und dem hier fehlt noch die Antenne, die der andere vorne rechts hat. Aber die habe ich schon. Ich mache sie gleich fest. Funktionieren muss die ja nicht, oder?“, fragte er die beiden anderen.

„Nein“, meinte der Graf, „wir werden kaum zum Radiohören mit der Karre rumgondeln.“

„Naja“, meinte Udo, „vielleicht später… Schaut mal, sogar das Radio ist dasselbe...“

„…und das Radioprogramm, das er spielt, auch!“, witzelte Wolf-Dieter.

„Was hat er gekostet?“, wollte der Graf wissen.

„Genau zwei Mille, dabei war noch ein Satz Winterreifen drin!“

„Wie gut ist er in Schuss?“, wollte Wolf-Dieter wissen.

„So gut, wie du bei einem fast zehn Jahre alten Auto erwarten kannst, TÜV hat er auch noch über ein Jahr, das ist also auch kein Problem!“

„Wenn die Kiste uns nur nicht im entscheidenden Moment abkackt“, meinte Wolf-Dieter. Der Graf schaute etwas irritiert. Die Frage hatte ihm auch auf der Zunge gelegen, nur hätte er sie etwas anders formuliert.

„Ich habe ihn mir angeschaut, scheint in Ordnung zu sein“, antwortete Udo, „aber ich will ihn in die Werkstatt bei der Shell-Tankstelle in der Schwere-Reiter-Straße bringen. Der Meister da kann was und kennt mich – wahrscheinlich glaubt er, er würde dein Auto in Schuss bringen, Wolf-Dieter. Aber eine neue Batterie würde ich ihm noch spendieren und die Lampen kontrollieren. Nicht, dass uns irgend so ein übereifriger Bulle wegen eines defekten Rücklichts anhält und kontrolliert, das kommt nicht gut, glaube ich, wenn wir dann auch noch die Knarren im Auto haben.“

Sie gingen noch einmal rund ums Auto und befanden es für gut. Auf der anderen Seite ging Frau Z. vorbei und rief: „Na so ein Aufmarsch attraktiver Männer, das ist doch kein neues Auto, das ist doch ihr altes, also bei einem neuen könnte ich das Interesse ja verstehen!“

„Wir schauen nur mal, weil der irgendwelche Mucken macht, der muss in die Werkstatt!“, klärte der Graf die Frau Z. auf, „und sie wissen ja, Autos und Männer…“

„Ja, ja“, rief Frau Z. lachend, „das kennt man, hoffentlich ist sie nicht zu teuer, die Reparatur.“. Und damit ging sie weiter.

„Übrigens“, sagte der Graf zu den anderen Männern, „Hanna hat angerufen, die Kätzchen sind heute Nacht gekommen: Vier Stück! Sie fragt, ob wir heute Abend zu ihr kommen – Katzen anschauen und Abendbrot. Sie hat Appetit auf Saure Zipfel!“

„Klar gehen wir, so kleine Kätzchen sind so nett!“

„Na gut, Abfahrt um sieben?“

„Ja! Sollen wir etwas mitbringen?“

„Äh, ja, warte mal, was hat sie gesagt, also, die Würstchen und Zwiebeln und Gewürze, keine Ahnung, welche“, gab der Graf zu.

„Kein Problem, das mache ich“, bot sich Udo an: Nürnberger bekomme ich bei Frau Z., Zwiebeln auch und eine Karotte.“

„Davon hat sie aber nichts gesagt.“

„Die gehört da aber rein. Ansonsten Senfkörner, Wacholderbeeren, Lorbeerblätter, schwarzer Pfeffer und Salz und etwas Zucker. Essig und Wein wird die da haben.“

„Essig wahrscheinlich, ach was, bring es mit, das macht den Kohl auch nicht mehr fett!“

„Und was kriegt die Katze, die Mizzi? Die junge Mutter braucht jetzt Kraftnahrung. Die hat vier hungrige Kinder zu säugen – und ob die genug Mäuse findet als blinde Katze, das wage ich zu bezweifeln“, gab Udo zu bedenken.

„Und was wäre das?“, fragte der Graf.

„250 Gramm Rindergulasch! Bloß kein rohes Schweinefleisch“, sagte Wolf-Dieter.

„Seit wann verstehst du etwas von Katzen“, wunderte sich der Graf.

„Habe ich von Hanna, mit mir hat sie nämlich auch telefoniert“, antwortete Wolf-Dieter.

„Dann gehe ich zur Metzgerin in der Heideckstraße, der kleine Laden da, die haben gutes Fleisch“, gab der Graf zu bedenken, „ein halbes Pfund reicht?“

„Ja, klar, rechne das mal in Mäuse um“, meinte Wolf-Dieter.

„Gut“, sagte Udo, „denn gehe ich mal zur Frau Z., einkaufen… Bis um sieben.“. Damit marschierte er los und der Graf ging zur Heideckstraße.

„Hallochen“, grüßte er in den Laden, „keiner da?“

„Doch, Herr Udo, ich bin schon da!“, und damit kam Frau Z. aus der Küche, „und ihr Katzenfutter ist auch da. Habt ihr jetzt eine Katze?“

„Eine?“, rief Udo, „Das wäre ja nicht so schlimm, Mutter und vier Kinder, seit heute Nacht, sie wissen schon, die Hanna hat eine Freundin und die hat eine blinde Katze und die hat Junge gekriegt, vier Stück, und da will ich nachher hin!“

In dem Moment kam Herr F. in den Laden. Udo hatte gar nicht gesehen, dass er wieder einmal den Hübnerplatz im Auge hatte.

„Stell dir mal vor, die Frau Doktor hat Vierlinge bekommen!“

Herr F. schaute seine langjährige Lebensgefährtin erstaunt an: „Das nimmt mich jetzt tatsächlich Wunder“, staunte er.

„Na, nicht doch, nicht die Frau Doktor, ihre Katze, die blinde!“

„Seit wann haben sie eine Katze im Haus?“, wollte Herr F. wissen.

„Na, doch nicht da, Jürgen! Bei einer Freundin, die ist auch blind!“

„Nee“, sagte Udo, „die ist nicht blind, die ist in Thailand. Nur die Katze ist blind.“

„Ach, Herr Udo, sie bringen mich aber auch immer ganz durcheinander mit Ihren Geschichten… Oh, Guten Abend; Herr Mittermayr, die Frau Doktor, sie wissen schon, die von der Ecke Fuertererstraße hat vier ganz süße Kätzchen bekommen, also ihre Katze, denken sie nur mal, wie süß die sind … vier Stück. Wie sehen die denn aus, Herr Udo?“

„Weiß ich nicht, ich habe sie noch nicht gesehen. Haben sie 60 Nürnberger für mich und ein Kilo Zwiebeln?“

„Ja, freilich, Herr Udo, wenn sie sich mal die Zwiebel nehmen, sie wissen schon, da vom Gemüse und mein Göttergatte bedient den Herrn Mittermayr, oder?“

Der wollte in paar Scheiben Käse und eine Semmel, Gott sei Dank, so blieben die letzten fünf Brezn für Udo.

„Wollen sie denn das Katzenfutter auch gleich mitnehmen, obwohl, das ist schon ein ziemliches Paket, wissen sie, vielleicht wollen sie das Futter lieber mit dem Auto holen? Aber das soll ja kaputt sein, sagt meine Frau, was ist denn kaputt?“

„Ja, das Katzenfutter nehme ich mit.“

„Das hat alles der Jürgen, also der mein Mann ist, ausgesucht, da habe ich überhaupt nicht mitreden dürfen, nur er – und dabei tut er immer so hart, wissen sie, dabei ist er das gar nicht. Weicher Kern unter rauer Schale, sag´ ich immer!“

„Jürgen, holst du das Katzenfutter?“

„Ich bin gerade bei Herrn Mittermayr – aber das steht schon an der Tür, fertig zum Mitnehmen, zwei Tüten! Da ist ein bisschen Kraftfutter für die säugende Mama und auch für die Kleinen, aber das dürfen die erst später … Und dann ist da noch künstliche Katzenmilch, die müssen sie einmal probieren, ob die Kleinen das nehmen? Da habe ich nur wenig von mitgebracht, aber wenn sie´s nehmen, die kleinen Racker, dann kann ich davon ja mehr bringen.“

„Ja, so ist er, mein Jürgen,“, sagte Frau Z. und streichelte ihrem Herrn F. die Wange, was der nur einen Moment lang zuließ, um dann den Kopf wegzuziehen. „Dabei hat er das so gerne“, lächelte sie, „nur nicht, wenn andere dabei sind… Und Katzen hat er auch so gerne, das alte Raubein!“

„Nur um das gleich festzuhalten für das Protokoll“, sagte Herr F., „mir kommt von den kleinen Dingern keines ins Haus, wir sind viel zu alt!“

„Ja, ja“, sagte Frau Z., „das wollen wir dann doch mal sehen…“

„Aber eigentlich“, sagte Herr Mittermayr, „hat ihr Mann Recht, in unserem Alter ist man zu alt für ein junges Tier, das überlebt einen ja um Jahre! Und wenn man mal nicht mehr so kann, wer kümmert sich dann ums Katzerl? Nein, mir kommt auch keine mehr ins Haus, ich hatte drei. Nacheinander! Aber jetzt ist Schluss! Ich packe das nicht mehr.“

„Siehst du“, sagte Herr F. , „sag ich doch, der Herr Mittermayr hat Recht – übrigens, ich habe da einen fantastischen neuen Italiener. Rotwein. Barolo. Vom Feinsten“. Er schnalzte mit der Zunge. „Den müssen sie mal probieren, fünfzehn Euro für einen Barolo – und gut bewertet!“

„Ich dachte, der wäre für mich?“, fragte Udo dazwischen. Herr F. winkte fast ärgerlich ab. „Da habe ich genug. Das reicht für uns alle!“

13. Juni. In Pullach

20.00 Uhr. Um acht saßen sie alle in Marlenes gemütlicher Küche auf dem Fußboden. In der Mitte stand die Kiste, die Hanna mit einer Decke weich ausgepolstert hatte. Am Rande lag Mizzi, offenbar noch fix und fertig von der Geburt. An ihrem Bauch lagen vier klitzekleine Miezekatzen, vielleicht acht Zentimeter lang. Noch konnten sie nicht schauen, die Augen waren noch geschlossen. Und sie konnten auch noch nicht hören. Das einzige, was sie konnten, war, zu den Zitzen der Mama zu krabbeln, das konnten sie aber gut.

Obwohl die Mama blind war, hatte sie sich offenbar einen schönen Kater als Vater ihres ersten Wurfes ausgesucht. Drei sahen aus wie die Mama: Grau getigert! Und alle hatte weiße Stiefelchen an. Der vierte, es musste einfach ein Kater sein, was in diesem Alter unmöglich zu entscheiden war, war pechschwarz, hatte auch weiße Stiefelchen und eine weiße Schwanzspitze.

„Das ist Sylvester“, sagte Hanna, „wie der Kater von Walt Disney!“.

Sie trug Baumwollhandschuhe, denn sie wollte keinen Menschengeruch auf die kleinen Katzen übertragen, wer weiß, wie die Mutter darauf reagiert hätte. Das Handbuchstudium hatte sich also schon ausgezahlt.

Die drei Männer waren hin und weg von den kleinen Kätzchen, geradezu verliebt schauten sie in die Kiste (was im Klartext bedeutet, dass sie etwas blöd schauten): „Wie süß!“, „Wie schnuckelig!“, „Zum Fressen!“, „Die hübschesten Katzen, die wir je hatten!“ – lauter Superlative.

Hanna hatte ihnen verboten, die Kleinen anzufassen: „Viel zu zart für euch grobe Klötze“, hatte sie sie angeherrscht, „Finger weg!“

„Aber du darfst?“, hatte ein etwas eifersüchtiger Graf gemault.

„Ich bin eine Frau.“

„Und deshalb darfst Du?“

„Nein, aber Mizzi kennt mich, ich habe ihr bei der Geburt geholfen, verstehst du?“.

Klar verstand der Graf, er war ja auch nur ein ganz klein wenig eifersüchtig gewesen.

„Gibt es irgendwann auch etwas zu essen?“, fragte der wie immer praktische Udo.

„Ja, ich mache das“, sagte Hanna, „und ihr lasst jetzt mal die Katzen in Ruhe! Setzt euch mal an den Tisch. Wer schneidet die Zwiebeln?“

„Udo!“, schlug der Graf vor, „der will schließlich am meisten davon essen.“

Udo schnitt also die Zwiebeln in Ringe, Hanna brauchte ihren Rollstuhl im Haus nicht und stand am Herd, um den Sud zuzubereiten. Dann bat sie, dass einer der Männer Teller, Messer und Gabeln „aus dem Schrank da“ holen und verteilen solle. Schließlich stellte der Graf den Topf mit den Sauren Zipfel auf den Tisch, Wolf-Dieter verteilte Würstchen und Zwiebeln (für Udo schaufelte er eine ordentliche Portion auf den Teller) und dann begannen sie zu essen. Die Blicke aller wanderten immer wieder zur Katzenkiste, in der inzwischen die Kleinen an die Zitzen von Mizzi gekrochen waren, um den ewig nagenden Hunger zu bekämpfen.

„Mein Gott, ist das nett“, sagte Udo mit vollem Mund, „endlich mal wieder eine richtige Familie mit Kindern um sich zu haben, statt immer nur euch alte Säcke.“

„Na na“, ließ Wolf-Dieter sich vernehmen.

„´tschuldigung, Hanna, du warst natürlich nicht gemeint!“. Udo deutete mit dem Messer auf den Grafen und Wolf-Dieter: „Ich meinte die da. Seit Hannelore damals, also seit sie…“, er zögerte einen Moment, „den Professor…“

„…umgebracht hat, meinst du“, ergänzte Hanna.

„Ja, seitdem reden die von nichts anderem mehr …“

„Ja, sollen wir die Mörder von Edgar etwa so davon kommen lassen?“

„Die Bullen tun doch nichts. Fünf Wochen ist das jetzt her, dass sie Edgar umgenietet haben.“

„Also, ich weiß nicht“, sagte Hanna, „umgenietet haben, wie sich das anhört? Das hat Edgar nicht verdient, das finde ich respektlos!“

„Respektlos finde ich, dass sich nichts tut, wegen Edgar, meine ich, die kriegen die Burschen doch nie mehr, sonst hätten sie sie doch schon, oder?“

„Naja, das weiß man nicht, wir können den Bullen, ja nicht über die Schulter schauen!“

„Keiner hat etwas gesehen, keiner weiß wer´s war… Nur wir!“

„Also machen wir´s selber, da sind wir uns ja einig, keine Frage!“

Hanna legte Messer und Gabel beiseite und fragte sehr ernst in die Runde: „Es bleibt also dabei – wir rächen Edgar? Oder will jemand aussteigen?“. Sie streckte die Hand in die Mitte des Tisches und sagte: „Hand drauf!“

Als erster legte Udo seine Hand auf ihre, dann Wolf-Dieter und dann der Graf.

„Ich schwöre es!“, sagte Hanna mit lauter Stimme.

„Ich schwöre!“, sagte Udo.

„Ich schwöre!“, sagte der Graf.

„Ja“, sagte Wolf-Dieter nachdem er einen Hustenanfall überstanden hatte, „ich schwöre auch.“

„Und jetzt zu den Fakten“, sagte der Graf, „Udo hat die Dublette für Wolf-Dieters Golf gekauft. Morgen bringen wir den, also Wolf-Dieters Golf, zur VW-Werkstatt und lassen ihn da eine Woche oder so stehen, als Teil unseres Alibis.“

„Ich würde ihn abschleppen lassen“, schlug Hanna vor.

„Warum?“, fragte Udo.

„Gute Idee“, lobte der Graf, „das sehen unsere lieben Nachbarn.“

„Genau“, nickte der Graf, „und wir haben einen weiteren Beleg vom Abschleppunternehmen.“

„Und dann“, sagte Hanna, „macht ihn so kaputt, dass die Reparatur zu teuer wäre, als dass sie sich lohnen würde.“

„Und warum das nun wieder?“, fragte wieder Udo, der sich noch eine Portion Zipfel mit viel Zwiebeln genehmigte.

„Das will ich dir erklären“, sagte Hanna und schaute dabei die Katzen an, die inzwischen alle wieder schliefen, Mizzi, Sylvester und die drei noch namenlosen Babys, „den stellen wir in den Hof hinter dem Haus, da kann ihn jeder sehen – und zwar, dass er nicht bewegt wird! Und ich weiß nicht, macht es Sinn noch einen identischen Golf zu kaufen?“

„Sozusagen eine doppelte Dublette? Also ein Dublettendouble?“, fragte Wolf-Dieter.

„Ja“, bestätigte Hanna, „dann sind wir auch flexibler.“

„Hhm,“, machte der Graf, „schaden kann es zumindest nicht.“

„Wir könnten einen Wagen hier in die Garage stellen, Marlene kommt doch erst in ein paar Wochen wieder. Und“, fuhr Hanna fort, „Geld spielt keine Rolle – ich habe genug und mitnehmen kann ich´s nicht. Gut, das habe ich jetzt häufig genug gesagt, also können wir´s auf den Kopf hauen, also, ich meine ausgeben.“

„Gut zu wissen“, sagte Udo, „denn ich habe da so eine Idee…“

„Spuck´s aus“, sagte Hanna.

„Also“, begann Udo und nahm erst noch einen Happen Zipfel mit Zwiebeln, dann kaute er bedächtig, bevor er anfing: „wenn es doch solche Probleme macht, Pistolen zu bekommen, habe ich mir gedacht, ich könnte sie eventuell selber machen.“

Alle schauten ihn erstaunt und gespannt an.

„Ja, das könnte gehen, mit einer CNC-Fräse, einer kleinen oder mittelgroßen, so einer wie Edgar sie hat – oder hatte“

„Geht das in deiner Werkstatt?“, fragte Wolf-Dieter.

„Da ist zu viel Verkehr auf dem Hof“, sagte Hanna, „aber die Idee ist gut, oder?“. Sie schaute in die Runde, alle schauten sie an, die immer die besten Ideen hatte. „Wir brauchen eine andere Werkstatt, irgendwo draußen auf dem Lande, wo wir unbeobachtet sind. Wir müssen ja auch mal schießen üben…“

„Also dann besorge dir eine geeignete CNC-Fräse, was kosten die so?“

„Zwanzigtausend, schätze ich, alles in allem … Oder ich schaue mir mal das Ding von Edgar an, vielleicht geht das ja auch, aber der hat ja nicht gerade Edelstahl verarbeitet, das müsste ich prüfen!“

„Wie ist das eigentlich, wer kümmert sich um Edgars Zeug? Gibt es Erben oder Verwandte, obwohl, das wird ja wohl dasselbe sein?“, fragte Udo.

„Da ist wohl nur eine alte Tante irgendwo in Thüringen, die muss schon ziemlich alt sein, neunzig oder so“, sagte Udo, der Edgar am besten gekannt hatte.

„Die Modelle, also Modellbau, das wäre doch eine ganz gute Tarnung, oder?“, fragte der Graf, „und die Tante wird da keine Interessen haben.“

„Nee, die ist im Altenheim, ich glaube nicht, dass die auch nur einen von den Fliegern haben will.“

„Ich habe den Schlüssel zu seiner Wohnung noch, ich schaue mir mal an, ob und was wir brauchen können – gleich morgen. Will jemand mit?“

„Ich“, sagte der Graf, „ich komme mit! Und dann schauen wir mal, ob da etwas ist, was wir gebrauchen können.“

„Sagt mal“, sagte Hanna nach einer Weile, „die Bande da in der Messestadt, wenn wir die umbringen wollen. Also, der Plan bisher ist doch, mit dem Wagen langsam an denen vorbeizufahren und die aus dem Auto abzuknallen?“

„Genau,“, bestätigte Udo, „vorbeirollen und bumm, bumm und bumm, bumm.“

„Ja“, sagte Hanna, „aber die Gewehre sind ziemlich groß, scheint mir, geht das eigentlich?“

„Wie? Geht das? Warum denn nicht?“, fragte wieder Udo.

„Die Schützen sitzen rechts…“

„Ja, klar!“

„Und wir sind Rechtshänder…“

„Logisch!“

„Und das Auto ist eng! Ich meine nur, ich würde das gerne mal ausprobieren.“

„Ja“, sagte der Graf nachdenklich, „die Frage ist berechtigt. Probieren wir´s besser aus. Die Waffen sind im Schrank, das Auto ist in der Garage. Das ist einfach, kommt!“

Alle erhoben sich vom Tisch und gingen aus der Küche in Richtung Flur. Hanna bückte sich noch einmal zu den Katzen und streichelte Mizzi sanft den Kopf: „Na, Mama, wie geht es? Alles in Ordnung mit den Kleinen?“. Mizzi fand wohl, dass alles in Ordnung wäre in ihrem kleinen Universum und schnurrte leise bei der sanften Berührung. Dann schlief sie wieder ein.

Hanna ging langsam hinter den Männern her, die inzwischen die Gewehre aus dem Schrank geholt hatten und in die Garage gingen.

Wolf-Dieter setzte sich auf den Fahrersitz, der Graf auf den Beifahrersitz und Hanna stieg hinten ein. Sie drehten die Fenster runter (bei dem alten Golf musste man noch kurbeln) und Udo reichte die Gewehre durch die Fenster.

„Scheiße!“, fluchte der Graf, „Hanna, du hast Recht, da ist nicht genug Platz, das geht nicht.“

Er drehte und wendete sich, aber es ging wirklich nicht, nicht als Rechtshänder. Auch Hanna konnte keine vernünftige Position finden, um halbwegs vernünftig zielen zu können.

„Jungs“,, sagte sie enttäuscht, „so wird das nichts.“

„Nee, nicht im Vorbeifahren“, sagte Udo, „so ein Mist… Scheiße!“

„Hilft nichts“, sagte der Graf, „das heißt: Anhalten, aussteigen, schießen.“

„Das wird eng für mich“, sagte Hanna, „das kann ich nicht alleine, wenn irgendetwas schief geht haben sie mich und damit euch.“

„Na ja“, sagte Udo, „das bedeutet eine Programmänderung.“

Sie schauten ihn an.

„Ich sitze hinten, kein Problem, und wenn wir eh aussteigen, können wir auch noch ein paar Schritte auf sie zugehen und aus der Hüfte schießen. Das macht, das ganz nebenbei, auch noch das Zielen leichter, da braucht man gar nicht zu zielen, finde ich. Sieht irgendwer ein Problem darin?“.

Nein, das tat keiner.

„Hanna“, sagte Wolf-Dieter, „du bist einfach gut, du denkst wirklich immer an alles!“

„Ich hatte in den letzten Tagen genug Zeit, Mizzi redet nicht viel, weißt du.“

In dem Moment klingelte Hannas Telefon: „Hallo Sarah, was gibt es?“

„Ganz große Programmänderung … Es hat sich alles geändert, grundlegend, wird alles viel einfacher!“

„Was meinst du?“

„Kann ich am Telefon nicht erzählen, ich komme rüber, ich nehme mir ein Taxi!“

„So wichtig?“

„Ja.“

„Na, dann komm, wir warten auf dich.“

Die anderen schauten Hanna gespannt an. „Sie hat gesagt, es habe sich alles geändert, mehr könne sie am Telefon nicht sagen“.

„Ja, aber was ist denn?“

„Weiß ich doch auch nicht!“

Gegen 22.30 hielt Sarahs Taxi vor Marlenes Haus. Sie zahlte und lief zum Haus. Sie wurde in der Küche erwartet – alle schauten sie gespannt an.

„Ach, sind die süß“, sagte Sarah als sie die kleinen Katzen sah, „du bist die Mama, die Mizzi, nicht“, und damit streichelte sie Mizzi. „Du hast aber hübsche Babys … Und gleich vier auf einmal … Wo ist denn der Herr Papa? Lässt der dich ganz allein mit den Babies. Typisch Mann, nicht?“, lächelte sie in die Runde.

„Also, komm, erzähl, was ist so Wichtiges passiert?“, fragte Hanna, „Wir sind gespannt!“

„Gut oder schlecht?“, fragte Udo.

„Udo, wir müssen nach Kiel“, sagte Sarah bestimmt, „du bist der stärkste von den Männern.“. Sie kniete immer noch neben der Katzenkiste. „Na, du magst aber gerne gestreichelt werden von mir, Mizzi.“

„Was, um Gottes Willen, soll ich in Kiel?“, fragte Udo.

„Etwas abholen, Pakete!“

„Man, Mädchen“, sagte der Graf, „nun sag schon, was los ist!“

„Wir müssen ein paar Pakete abholen. Von einem Schiff.“

„Du redest in Rätseln, meine Liebe“, sagte Hanna, „kannst du uns jetzt nicht einmal erzählen, was los ist?“

„Also, bitte.“

Sarah erhob sich und setzte sich an den Küchentisch zu den anderen. „Kriege ich auch etwas zu trinken, am liebsten Wasser…“

Wolf-Dieter stellte ihr ein Glas hin und schob eine Flasche Wasser in ihre Reichweite.

„Du bist ein echter Gentleman“, bedankte sich Sarah sarkastisch, aber Wolf-Dieter zuckte nur mit den Achseln, „wenn du nicht redest.“

„Will ich ja, aber ich habe Durst.“

Sie trank einen Schluck und begann noch einmal mit: „Also, bitte: Ich hatte da vor vier Wochen einen neuen Kunden, einen Russen. Sehr nett, sehr gebildet, sehr höflich, sehr gut aussehend…“

„Also Mister Universum!“, warf Udo ein. Irgendwie wirkte er – etwas neidisch, betroffen?

„Sehr gut aussehend und ein echter Gentleman, kann ich nur sagen, wenn ich mich hier dagegen umschaue…“

„Ist ja gut, Sarah“, sagte Hanna, „die Fakten, bitte!“

„Der hat sich als der große Böse Wolf bezeichnen lassen“, und bevor wieder jemand etwas sagen konnte, was sie unterbrochen hätte, hob sie abwehrend die Hände und fuhr fort: „also, zu mir war der gar nicht böse, aber im internationalen Geschäft ist er ein Böser, wohl sogar sehr böse… Und dann haben wir so geplauscht und ich habe ihn gefragt, ob er Waffen besorgen könne?“

„Spinnst du“, fauchte der Graf, „schießt mit dem Erstbesten durchs Bett und fragst ihn dann um Waffen! Wahrscheinlich hast du ihm auch gesagt, wofür…“

Sarah schaute ihn direkt an und sagte „Ja, sonst hätte ich nämlich keine bekommen. So ist das in dem Geschäft: Vertrauen gegen Vertrauen!“

Der Graf schüttelte nur den Kopf und murmelte: „Ich fass´ es nicht…“

„Willst du maulen oder das Ende der Geschichte hören?“, wollte Sarah wissen.

„Mach weiter“, sagte Hanna sanft.

„Heute Mittag habe ich eine SMS bekommen, dass die Waffen am 17. per Schiff in Kiel ankommen. Ach ja, ich muss fünfzigtausend Euro in bar mitbringen…“

Der Graf war noch immer fassungslos: „Fünfzigtausend Euro, du spinnst, wahrscheinlich nachts an einem stockdunklen Abend zu übergeben… Soll ich dir sagen, was das wird: Ein Überfall! Wir sind fünfzigtausend Euros los und haben immer noch keine Waffen.“

„Du zahlst das doch ganz sicher nicht“, sagte Sarah etwas schnippisch.

„Wer denn?“

„Ich!“, sagten Sarah und Hanna gleichzeitig und lächelten sich an.

„Mir ist es das wert“, sagte Sarah, „sonst stümpern wir doch weiter nur rum und reden und nichts passiert. Udo, kommst du mit?“

Der schaute Hanna an und als die leicht mit dem Kopf nickte, sagte er „Klar, mein Mädchen, mit dir fahre ich auch in die Hölle.“

„Das wollen wir doch nicht hoffen“, meinte Wolf-Dieter.

Der Graf riss sich zusammen und stellte die nächste Frage: „Ich will ja den lieben Frieden nicht stören, aber was bekommt man denn für fünfzig Mille?“

„Ehrlich gesagt, weiß ich das nicht genau – aber er hat Pistolen und Gewehre versprochen.“

„Ach“, sagte Udo lachend, „wird schon werden… Und der einzige, der was verliert bin doch ich, ich kriege jetzt keine CNC-Fräse, die hätte ja auch so einiges gekostet, das darf man ja nicht vergessen, oder?“

„Ja, das ändert die Situation tatsächlich grundlegend“, meinte Hanna, „da würde ich die Schrotfinten jetzt stehen lassen und warten, was da kommt… Das heißt, auch die Rocker kriegen etwas Zeit! Irgendwelche Einwände?“

Alle schüttelten verneinend den Kopf, der Graf noch etwas zurückhaltend.

„Na, dann würde ich gerne ins Bett gehen, ihr glaubt ja gar nicht, wie anstrengend das Leben als Katzenmutter ist“, sagte Hanna.

Als alle aufgestanden waren und etwas „klar Schiff“ in der Küche machten oder zumindest versuchten, die Unordnung etwas zu mindern, nahm Hanna Sarah an die Seite und fragte: „Du willst dich an den Kosten beteiligen?“

Sarah nickte und sagte: „Unbedingt! Ich habe nämlich auch eine Rechnung offen, eine große!“

„Wie groß ist die Rechnung denn?“

„Fünfzigtausend mindestens, ach nein, vielleicht auch mehr… Nach oben offen, würde ich sagen.“

„Oha“, sagte Hanna, „wie bei mir, halbe halbe?“

„Okay!“, sagte Sarah, „wie kriegen wir so viel Geld so schnell?“

„Du bist doch auch bei der Stadtsparkasse, nicht wahr? Am Leonrodplatz?“

Sarah nickte.

„Und die kennen dich da?“

„Das sollten sie, bei dem Kontostand…“

„Dann rufe ich da morgen früh an und bitte sie, dir das Geld auszuzahlen.“

„Du glaubst das funktioniert? Per Telefon?“

„Wir sind beide gute Kundinnen! Wenn nicht, fahre ich um neun per Taxi hin. Ein oder zwei Stunden werden die da“, sie deutete auf die Katzen, „schon alleine zurechtkommen.“

„Wie wollt ihr fahren?“

„Mit dem Zug! Rauf nach Kiel. Dort mieten wir ein Auto habe ich mir gedacht, wegen der Kisten – die müssen einiges wiegen. Deshalb ja auch Udo!“

„Kümmerst du dich um die Fahrkarten?“

„Klar!“

„Wie lange dauert die Fahrt? Weißt du das?“

„Gut sieben Stunden.“

„Das geht!“

„Ja, finde ich auch. Jetzt brauche ich ein Taxi. Das Auto wird ja voll“, und dann rief sie in die Küche, „will jemand mit im Taxi?“

 


[1] Eine der größten Schiffskatastrophen der Geschichte ereignete sich in den letzten Kriegstagen in der Lübecker Bucht. Mehr als 7.000 Menschen kamen am 3. Mai 1945 ums Leben, als britische Bomber das deutsche Passagierschiff "Cap Arcona" und den Frachter "Thielbek" versenkten. An Bord befanden v.a. evakuierte Häftlinge aus dem KZ Neuengamme.

[2] Den Kaffee gibt es tatsächlich. Ich habe ihn mir nicht ausgedacht – wer käme auch auf so etwas... Und er ist wirklich so gut! „Kap Arkona Rösterei“ heißt der Hersteller. Im Internet kann man den Kaffee bestellen: Unter www.kaparkona-roesterei.de. Sehr, sehr empfehlenswert. Man kann ihn auch vor Ort trinken, also im Sommer, im kleinen Café gleich neben dem Korbmacher auf dem Rügen-Hof in Putgarten (wenn man vom Parkplatz zum Rügen-Hof kommt gleich rechts halten) auf Rügen.

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