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Früher war alles einfacher, da hieß das hier Querdenken, Querdenkereien oder Quer-ich-weiß-nicht-was. Dann kamen diese unegalen Möchtegern-Querdenker, die verrückten Ärzte, Köche, Nazis, Impfgegner und Gates-Feinde, die allesamt Corona ablehnen, und das auch öffentlich abstands- und maskenlos protestieren. Mit denen möchte ich bitte auf keinen Fall in einen Topf geworfen werden. Deshalb kein Querdenken mehr, das könnte verwechselt werden, jetzt bin ich eben am ceterum censeo...
 Bananenbuch
"Wenn Bananen "Wenn Gondeln Trauer tragen" sehen.
Ein außergewöhnlicher Fotocomic, den man gelesen haben muss

Hier in voller Länge

Morituri. Teil 1 und Beginn des ganzen Romans

Gewidmet der echten Hanna, die nie auch nur einer Fliege etwas zuleide tun konnte, und die leider viel zu früh starb und ihrem Kater „Herr Freitag“, der Chef im Hof war und so manche Maus und mehr nach Hause brachte


Es geht los...

26. Februar. Salvatorplatz, München

23.30 Uhr. Sie saßen zu dritt im Wagen. Zwei alte Männer und eine alte Frau. Es war stockdunkel hinter der alten griechisch-orthodoxen Kirche am Salvatorplatz gleich neben dem Literaturhaus. Die Kirche strahlte etwas Düsteres aus.

Ein empfindsamer Mensch hätte vielleicht sogar ein Kraftfeld verspürt, das von den dicken fast schwarzen Mauern ausging, als ob die Masse der Kirche eine Delle in das Raumzeitgefüge drücken würde.

Aber keiner der drei schaute die eindrucksvoll aufragenden Backsteinmassen der Kirche an, auch sagte niemand etwas – es war sowieso alles gesagt, fanden sie. Der Fahrer rauchte die xte Zigarette seit sie hier geparkt hatten. Ab und zu hustete er keuchend. Er klang dann gar nicht gut!

„Du wirst noch einmal an den Zigaretten krepieren“, sagte die Beifahrerin leise.

„Ich weiß“, antwortete der Fahrer ebenso leise, „wahrscheinlich bald... Na und? Sollte ich deshalb aufhören?“

Ein Handy meldete sich vibrierend auf der Mittelablage. Der Fahrer nahm das Gerät in die Hand, schaute auf das Display, nahm das Gespräch an, meldete sich aber nicht, hörte nur einen Moment lang zu, dann sagte er knapp: „Okay!“

Er klappte das Telefon zu, steckte es in die Jackentasche, drehte sich zu der alten Frau neben ihm und sagte leise: „Er kommt. Gleich!“

Als der alte Herr, auf den sie so geduldig gewartet hatten, um die Ecke der Salvatorkirche hinkte, nickte der Fahrer mit dem Kinn in seine Richtung und sagte in die Dunkelheit: „Da ist er …“, und der andere sagte von hinten: „Hannelore, du musst jetzt nicht … Das weißt Du. Niemand wird es dir vorwerfen, wenn du jetzt doch nicht aussteigst, noch kannst du zurück, noch ist nichts passiert!“

Sie schüttelte nur wortlos den Kopf, öffnete entschlossen die Autotür und begann auszusteigen. Das Aussteigen war schmerzhaft, richtig schmerzhaft, verdammt. Diese Schmerzen ließen sich ohne Morphium nicht mehr aushalten. Morphium zu nehmen, war für sie kein Problem. Eher es zu bekommen, denn der Arzt meinte, sie könne süchtig werden und stellte ihr viel zu selten ein Rezept aus.

Dieses miesepetrige Arschloch von Doktor, als ob ihr Sucht in ihrer Situation noch etwas ausmachte. Was glaubte der denn, warum sie ihn immer wieder angebettelt hatte, ihr „das Zeug“ zu verschreiben, etwa weil sie es lustig fand oder weil sie danach „fliegen“ wollte?

Sie brauchte es. Punkt. Ohne Morphium waren die Schmerzen nicht mehr auszuhalten! Klar, es dämpfte auch – aber das war nur gut, fand sie. Für die nächsten Momente jedoch wollte sie einen klaren Kopf haben – also hatte sie kein Morphium genommen, also spürte sie die verdammten Schmerzen!

Als sie draußen war, beugte sie sich mühsam ins Auto und sagte: „Adieu, und danke!“

Der alte Herr war inzwischen nähergekommen, ging über den dunklen Platz in Richtung seines Autos, das drei Wagen vor ihrem geparkt war.

Sie hörte seinen Stock auf dem nassen Pflaster: Tock, tock, tock …

Sie hatte die Autotür leise geschlossen und ging langsam auf den Mann zu. Ihr Stock machte das gleiche Geräusch wie seiner, nur langsamer. Sie schaute ihn an, er sah irgendwie immer noch so aus wie früher, nur waren seine Haare weiß geworden. Komisch, dachte sie, wie wenig sich Menschen verändern: Sie mögen alt und krumm werden, sie mögen keuchen und krauchen, sie mögen die Haare verlieren, sie bleiben doch dieselben!

Als sie sich an seinem Auto trafen, hatte er immer noch nicht in ihre Richtung geschaut, geschweige denn, dass er sie angeschaut hätte, er kümmerte sich nicht um sie, machte sogar einen kleinen Bogen, als er sie endlich wahrnahm und bediente die Fernbedienung seines Autos, als ob sie nicht da wäre.

Sie hob ihren Stock in Brusthöhe in seinen Weg, und er schaute sie erstaunt an. „Was soll das?“, fragte er.

Sie ging nicht auf seine Frage ein, stattdessen sagte sie: „Kennst du mich denn nicht mehr?“

Er schaute sie erstaunt an und schüttelte den Kopf: „Sollte ich?“

„Eigentlich schon“, sagte sie, „es ist zwar lange her … Aber du solltest die Mutter deiner Tochter doch erkennen – auch wenn ich inzwischen alt und hässlich geworden bin.“

Er schaute sie an, drehte sich ein wenig, damit das Licht der Straßenlaterne auf ihr Gesicht fiel. Dann kam ein Erkennen auf sein Gesicht: „Du? Du bist es?“, fragte er, „Was willst du denn? Wie lange haben wir uns nicht gesehen? Ich hätte nicht gedacht, dass wir uns noch einmal wiedersehen würden.“

„Das glaube ich dir“, sagte sie, „es sind übrigens zweiundvierzig Jahre“, und dann fuhr sie nach einer Pause fort: „Ziemlich genau zweiundvierzig verdammt lange Jahre.“

„Wie geht es dir?“, fragte er. Interesse klang anders.

„Ist doch scheißegal“, antwortete sie leise, und sie verspürte keine Schmerzen in diesem Moment, „das hat Dich nie interessiert und das Schicksal Deiner Tochter auch nicht … Nicht einmal, als sie gestorben ist! Du bist bei ihrer Geburt weggelaufen … Du hast dich einen Dreck um uns, um sie gekümmert. Du musstest ja Karriere machen, du, der berühmte Professor Doktor Doktor, natürlich ohne uns! Eine behinderte Tochter hätte ja nur gestört.“

Während sie redete, nestelte sie in ihrer Manteltasche und zog schließlich eine alte Pistole heraus.

„Aber du läufst nicht mehr weg, nie wieder!“

„Weißt du …“, begann er unsicher, und als er die Waffe schemenhaft sah, sagte er: „… was soll denn das? Was machst du denn da?“

„Halt einfach den Mund“, unterbrach sie ihn, „denn jetzt ist es zu spät!“

Als er sie anschaute, schaute sie zurück. Einen Moment lang passierte nichts.

Mit dem ersten Schuss schoss sie ihm die Eier weg. Er schrie nicht, blickte sie aber erstaunt an, ließ den Stock fallen, griff sich in den Schritt und sank dann – sie immer noch erstaunt ansehend – langsam zusammen.

Der zweite Schuss traf ihn in den Bauch. Da schaute er schon nicht mehr. Und als er am Boden lag, wartete sie – lange, dann endlich schoss sie ihm die dritte Kugel in den Kopf.

Die Schüsse waren gar nicht so laut gewesen, wie sie gedacht hatte.

Niemand kam aus der Dunkelheit gelaufen, um nachzuforschen, ob das Schüsse gewesen waren, und wer da auf wen geschossen haben mochte. Andererseits war die Gegend hinter der Salvatorkirche und dem unmittelbar benachbarten Literaturhaus nachts ziemlich verlassen, unwahrscheinlich, dass sich jemand dorthin verirrte. Außerdem wäre es ihr völlig egal gewesen.

Mit ihrem Stock stupste sie ihn an. Erst leicht, dann noch einmal etwas fester. Er rührte sich nicht mehr. Tot. Er war ein totes Stück Fleisch. Tot. Wie ein Stück Rindfleisch beim Metzger.

Sie war es zufrieden!

Sie schaute ihn noch einmal an, machte aber keinerlei Anstalten wegzulaufen. „Habe ich dich zum Schluss doch noch gekriegt, du Schwein …“, flüsterte sie.

Sie wunderte sich selber, dass sie gar nichts fühlte, weder Reue noch Befriedigung. Eigentlich fühlte sie sogar nur eine große Leere in sich.

Sie blickte zum Auto, mit dem sie gekommen waren, und winkte dann den beiden für sie fast unsichtbaren Insassen mit einer unsicher aussehenden Bewegung zu.

Jetzt fühlte sie doch etwas, urplötzlich waren die Schmerzen wieder da. Sie krümmte sich unwillkürlich zusammen, es tat plötzlich wieder alles so verdammt weh.

Sie hob die Pistole, schaute sie lächelnd an, ungefähr so, wie man einen guten Freund anschaut und schob sie sich in den Mund.

Dann gab einen vierten Schuss und sie war tot. Genauso tot wie er.

Ein paar Meter weiter fuhr ein dunkler Golf aus der Parklücke heraus und verschwand durch die Salvatorstraße in Richtung Rochusberg. Am Maximiliansplatz begegneten sie dem ersten Auto, aber da waren sie schon weit weg vom Ort des Geschehens.

„Sie hat es also tatsächlich gemacht“, sagte Wolf-Dieter, „ich habe nicht geglaubt, dass sie es tun könnte. Soll doch gar nicht einfach sein, einen Menschen zu erschießen, oder?“

„Wer sagt, dass es leicht für sie war? Aber sie wollte ihn sterben sehen, unbedingt … Ich glaube, das hat sie noch am Leben gehalten, das war das letzte Ziel, das sie noch hatte, das hat sie am Leben gehalten. Bei den Schmerzen… Wahrscheinlich wäre sie auch so bald gestorben.“ Und nach einer Weile fuhr Udo fort: „Und jetzt?“

„Warten wir!“

„Worauf?“

Wolf-Dieter zuckte mit den Schultern. „Dass die Polizei kommt, ihre Untersuchungen macht, feststellt, dass es Hannelore war, die ihn erschossen hat. Vielleicht werden sie Unterstützer suchen und uns hoffentlich nicht finden!“

Wolf-Dieter lachte kurz und trocken auf. „Warum sollten die großes Tamtam machen? Opfer tot, Mörderin daneben gefunden, sozusagen mit noch rauchender Pistole in der Hand, aber tot, Abschiedsbrief in ihrer Tasche – was sollen die Bullen mehr wollen?

Die Presse wird sich zwei oder drei Tage lang darauf stürzen, der Kerl war schließlich bekannt wie ein bunter Hund. Dann wird Hannelores Leiche freigegeben und wir können sie beerdigen, als die letzten Freunde, entfernte Freunde, eher Bekannte, die von nichts wissen und die natürlich absolut geschockt sind.

Nein, Herr Kommissar, das hätten wir uns nie vorstellen können, dass die gute alte Hannelore ihren Ex umnieten würde, wir wussten ja gar nichts von dessen Existenz, unvorstellbar, Herr Kommissar! Ich meine, der Grund für den Mord ist ja mehr als vierzig Jahre her, Herr Kommissar, das steht jedenfalls in der Zeitung … Stimmt denn das? Nein, darüber hat sie nie gesprochen, sie war ja sowieso sehr in sich gekehrt, Herr Kommissar.“

„Und die Waffe? Ich meine, wenn wir gefragt werden?“

„Waffe? Welche Waffe? Kennen wir nicht. Wir wussten ja nicht einmal, dass sie eine hatte! Ich habe sie nie mit einer Waffe gesehen, wußte nicht, dass sie eine besaß. Klar, ihr Vater war hoher Offizier im Krieg gewesen, im zweiten, Herr Kommissar, das war lange vor Ihrer Zeit, vielleicht hat sie die Waffe von dem geerbt? Und kann so eine alte Pistole denn überhaupt noch funktionieren? Naja. Muss sie ja wohl, Herr Kommissar, haha … Das ist eigentlich das Einzige, was ich mir vorstellen kann, man hört ja so vieles, Herr Kommissar.“

„Glaubst du ernsthaft, dass die uns verhören wollen..., werden?“

„Keine Ahnung, vielleicht, eher wohl nicht, aber wir müssen damit rechnen. Du, ich weiß ja auch nicht mehr, als man aus den Krimis im Fernsehen von der Arbeit der Kripo sieht. Aber man darf die sicher nicht unterschätzen. Die werden ihre Wohnung durchsuchen, klar, vielleicht werden sie auch die Nachbarn befragen, mit wem sie verkehrt hat.“

„Dann kommen sie auf uns?“

„Auf uns? Warum? Eher auf den Laden, da war sie ja regelmäßig …“

„Und dann auf uns, weil wir da auch immer sind?“

„Warum – wir sind doch nur Kunden, man hat sich gesehen, man hat sich bei der einen oder anderen Beerdigung getroffen, man hat ihr schon mal das Essen gebracht, wenn es ihr schlecht ging, Herr Kommissar, also mal der Eine, mal die Andere. Man wusste natürlich um ihre Krankheit, man hatte ja denselben Arzt, aber man war nicht wirklich befreundet, in unserem Alter, Herr Kommissar, da knüpft man keine Freundschaften mehr, wissen Sie.“

„Und wie ist sie zur Salvatorkirche gekommen?“

„Keine Ahnung? Straßenbahn? U-Bahn? Sie hatte doch extra die abgestempelte Streifenkarte in der Tasche.“

„Du meinst, die Bullen werden glauben, sie war ganz allein?“

„Das will ich doch hoffen, Udo. Warum sollten sie nicht? War sie doch auch, völlig allein! Wer, der nicht sehr allein ist, macht denn so etwas – in dem Alter und so krank? Verzweiflungstat, reine Verzweiflungstat.“


Der Laden

München-Neuhausen. Zwischen Dachauer Straße, Leonrodstraße und Rotkreuzplatz. Das alte gewachsene Viertel wird zerschnitten vom breiten Graben der Landshuter Allee, die als Teil des Mittleren Ringes zu den meistbefahrenen Straßen Münchens gehört. Die Wunde, die dort für den Mittleren Ring von den damaligen Stadtvätern zur Olympiade 1972 gnadenlos durch den Stadtteil geschlagen wurde, ist bis heute nicht vernarbt. Und die Stadt ist immer noch stolz.

Die Hübnerstraße beginnt an der Dom Pedro-Straße, endet am Ring und läuft auf der anderen Grabenseite als Ruffinistraße weiter; sie ist eine der ganz ruhigen Wohnstraßen im Quartier. An der Ecke Hübner-/Fa­saneriestraße befindet sich ein ungewöhnlicher Lebensmittelladen.

Hier betreiben Frau Z. und Herr F. ein Lebensmittelgeschäft der etwas anderen Art: Für einen Tante-Emma-Laden ist er zu groß. Für einen Supermarkt ist er zu wenig „super“ und ist die Auswahl zu klein… Aber es menschelt hier. Denn hier kann man noch „anschreiben“ lassen. Hier herrscht in gewisser Weise “italienisches Flair“, denn zum Einkauf gehört hier auch unabdingbar der auch sehr bayerisch gesprochene „Ratsch“…

Mittags holen sich die Alteingesessenen des Viertels – genauer gesagt, diejenigen von den Alten, die entweder sehr clever sind oder die, die nicht mehr „so können“ – einen Mittagstisch, den Frau Z. liebevoll zubereitet: Wichtig ist: Mittwoch gibt es immer Schweinebraten, Freitag immer Panfisch mit Bayerischem Kartoffelsalat – jeweils „auch“, denn jeden Tag bietet Frau Z. zwei oder drei warme Essen an. Das wichtigste neben dem günstigen Preis ist, dass es „selbstgekocht“ ist und auch so schmeckt!

Am Montagmorgen verschickt Herr F. per Fax den Wochenessensplan; wer unter den Stammkunden über kein Fax verfügt, holt sich seine Kopie im Laden ab. Twitter und Facebook sind hier zwar nicht unbekannt – aber verpönt! Das macht nichts, denn die Jungen kommen ja eher nicht…

Man kann auch Essenswünsche nennen, meist kocht Frau Z. das Wunschessen dann in der folgenden Woche. Täglich bis zehn Uhr muss man sich für „sein“ Essen angemeldet haben. Wer erst später anruft, muss nehmen, was es dann noch gibt. Die Portionen sind auf die Alten zugeschnittene „Seniorenteller“.

Häufig kommen auch „der Architekt“, „der Herr Doktor“ oder die „Frau Rechtsanwalt“ - die bekommen etwas größere Portionen, und die müssen sich in der Schlange der Hungrigen, die gerade ihr Essen abholen wollen, auch nicht ganz hinten anstellen.

Das heißt, das tun die zwar (man ist ja gut erzogen), aber meist werden sie von Frau. Z. freundlich-resolut nach vorne geholt, „weil“, sagt sie dann laut in die Runde, „die machen nämlich noch Bruttosozialprodukt!“. Und „Deshalb haben die es eilig!“

Da gibt es kein Maulen und kein Murren, das wird eingesehen von den Alten – und überhaupt sind die froh, wenn es ein wenig länger dauert, denn dann ist mehr Zeit für den Ratsch…

Nur wenn die Frau Plüschke mit ihrer lila Perücke kurz vor eins in den Laden kommt, um 50 Gramm Wurst („in dünnen Scheiben, die dicken schmecken nämlich nicht so…“) und 75 Gramm Käse („in dicken Scheiben, denn da‘ Kas‘ schmeckt dünn ja nicht“) und zwei „Gutteln“ (Bonbons) zu bestellen und dann nach dem Bezahlen und wenn sie schon drei Schritte vom Tresen weg ist, doch noch daran denkt, dass sie wieder vergessen hat, den Leberkäs für den Nachbarn („ganz dünn! Der mag das nur ganz dünn…“) mitzubringen und dann noch die tz von gestern und zwei Semmeln („aber nicht soo dunkel – haben sie keine helleren?“)… , dann murrt es in der Schlange, denn Frau Plüschke kommt immer – und in diesem Fall ist jenes „immer“ gemeint, das „jeden Tag“, also täglich, bedeutet – um Punkt zwölf Uhr fünfundfünfzig, genau dann, wenn Frau Z. eigentlich bald die eigene Mittagspause einläutet („man muss ja auch mal etwas essen…“) und wenn daher die Zeit drängt, dass die Kunden ihr Essen noch halbwegs warm mitbekommen.

Nun ist Frau Plüschke schon ein sehr besonderer Kunde im Laden, der auch ansonsten Originale aufzuweisen weiß: Sie ist so um die Siebzig, groß – fast 180 cm wäre sie, wenn man ihren leichten Bechterew aufbiegen würde – und hager. Und sie durfte eine Nase ihr Eigen nennen, auf die jeder Adler neidisch wäre: Groß und in wildem Schwung gebogen. Ihr Blick war irgendwie stechend, unangenehm... Ihre Stimme war immer etwas zu laut und ihre Wortbeiträge meistens „für die Galerie“ gesprochen.

Aber weil in dem Alter meist nicht mehr viele Alternativen bestehen, die überhaupt mit einem reden und weil die meisten Menschen im Alter – wenn sie allein leben müssen – etwas schrullig wurden, war sie trotz ihrer Eigenschaften ein gesuchter Gesprächspartner, denn sie hatte immer Zeit für einen Ratsch und wer mit ihr redete, erfuhr immer etwas – Neues, Interessantes, Klatsch und Tratsch aus und über die Nachbarschaft.

Die lila Perücke war einmal hell gewesen, dann hatte sie versucht, sie selbst umzufärben („dafür muss man doch kein Geld zum Friseur tragen!“) – der Versuch war in einer Katastrophe geendet, die Perücke wurde nicht „nussbraun mit leichtem Rotstich“ (wie die Packung versprochen hatte), sondern giftgrün (DAS hatte die Packung nicht versprochen).

Nach mehreren weiteren in die Hose gegangenen Versuchen, trug sie die Perücke nun eben lila. Die Rente erlaubte keine neue Zweitfrisur. Die war in der Zwischenzeit zu ihrem Markenzeichen geworden: Frau Plüschke mit den lila Haaren. Und niemand nahm die seltsame Farbe mehr wahr… das war eben die Plüschke!

Vor Jahren war Frau Plüschke mit dem Bus durch Frankreich gefahren und war danach monatelang allen, die nicht schnell genug fortkamen, mit ihren Schwärmereien von „Fraankreisch“ auf die Nerven gegangen. Seitdem redete Herr F. sie – früher häufiger, in letzter Zeit eher selten – mit „Madame“ an, was sie jedes Mal sichtlich aufblühen ließ.

Ab und zu kommen polnische Bauarbeiter in den Laden, die die Häuser in der Gegend um den Hübnerplatz renovieren. Die holen meist eine Leberkäs-Semmel oder ein Kümmelweckerl mit Schweinebraten (mit oder ohne Senf). Die gut belegten Semmeln gibt es nämlich an jedem Tag, und saure Gurken aus dem großen Glasl auch! Man verstand sich prima, die Bauarbeiten verstanden zwar kein Wort Bayrisch und Frau Z. und Herr F. naturgemäß kein Wort polnisch – aber Handzeichen taten es auch, und wer im Laden von Angesicht bekannt war, bekam auch ohne Worte das, was er gestern bekommen hatte. Und alle waren es zufrieden.

Frau Z. sagte dann schon einmal um Zustimmung heischend zu den anderen Kunden (aber erst, wenn der Bauarbeiter schon wieder fort war, man weiß ja nicht, der Pole, vielleicht versteht er ja doch deutsch?): „Mei, die armen Kerle“, sagte sie dann, „müssen die gar aus Polen kommen, um bei uns marode Häuser zu reparieren… so weit fort von zuhause…“, und dann schnitt sie die Scheibe Leberkäs schon mal ein bisschen stärker und glaubte, Herr F. würde nichts merken…

Es soll nicht vergessen werden, dass Herr F. ein kleines feines Hobby hat, das so gar nicht in den Laden zu passen schien: Weine! Da kann man sich blind auf ihn verlassen. Wenn Herr F. sagt, der Wein, den man gerade aus dem Regal genommen habe, der sei natürlich schon gut, aber der, den er in der Hand halte, sei noch besser, und den solle man doch mal probieren, dann sollte man seinem Rat ohne Wenn und Aber folgen! „Sein“ Wein ist immer besser – und meistens nicht teurer.

Als Kunde muss man sich für diese Ratschläge erst einmal qualifizieren. Denn die gibt Herr F. keinesfalls jedem x-beliebigen Kunden… bei neuen oder nicht so netten Besuchern, da schweigt er… aber wer ab und zu eine witzig-freche Bemerkung drauf hat, oder wer den Lardo in der Kühltheke a) als solchen erkannt hat und b) genossen und c) drei Tage später ausreichend gelobt hat, den mag er… und dann hilft er bei der Weinauswahl! Und Herr F. hat noch nie daneben gelegen…

Besonders stolz ist er, wenn er einen besonders guten Wein günstig aufgetrieben hat – dann läuft er zur Hochform auf, dann erhalten seine Lobpreisungen der Weine literarische Qualität.

Der Laden (einen Namen hat der nicht) ist ein soziales Zentrum in der Gegend. Für ein paar alte Kundinnen, die mit einer viel zu kleinen Rente auskommen mussten („Ja, die haben eben nicht vierzig Jahre lang Rentenmarken geklebt und zusätzlich Altersvorsorge betrieben, wie die Bekloppten von der FDP es wollen“ – wie Herr F. es nach intensiven Studium der „Bildungszeitung“ eines Tages allen im Laden erklärt hatte. Nicht alle hatten den Sarkasmus der Bemerkung verstanden), und die sich deshalb selbst die wirklich preiswerten Mittagsgerichte im Laden nicht jeden Tag leisten konnten, hatte „der Engel vom Hübnerplatz“, die „Frau Doktor“, wie sie im Laden genannt wurde, ein Budget eingerichtet. Damit wurde deren Mittagessen finanziert. Bezahlen mussten die schon… „vorneherum“, damit alle sahen, dass sie bezahlten! Aber „hintenherum“ bekamen die ihr Geld wieder. Das sollte dann keiner sehen, damit das nicht nach Almosen aussah…

Vor Jahren hatte ein Tengelmann ein paar Ecken und einige hundert Meter entfernt eröffnet. Seitdem kauften dort die Eiligen ein, die Essen in Dosen-, die Fertigpizza- und die Billigbier-Käufer…

Hier im Laden, hier gibt es im Herbst dagegen noch „richtige“ Boskop-Äpfel mit rauer Haut, hart und richtig sauer! Oder drei verschieden fest kochende Kartoffelsorten, alle persönlich ausprobiert und für gut befunden von Frau Z., die Wurst schmeckt herzhaft und die stets frisch gemachten Pflanzl (Frikadellen) sind natürlich aus von Herrn F. persönlich entfettetem und selbst durch den Wolf gedrehtem Kalbfleisch und den Essig, den es hier gibt, den muss man einfach probiert haben...

Hier geben die diversen Paketdienste die Pakete für diejenigen im Quartier ab, die tagsüber nicht zuhause waren – da kommen dann auch die Jungen, um ihre Amazon-, Ebay- und Zalando-Sendungen im Laden zu holen. Immer eilig, meist nicht gut drauf und nie in der Stimmung für einen noch so kurzen Ratsch – demzufolge eine durch und durch enttäuschende Kundschaft …

Wer regelmäßig seine Zeitung im Laden kauft, für den wird sie (ungefragt) auch bis abends um sechs aufgehoben und wird keinesfalls vorher verkauft... Kurz, hier im Laden ist Leben, das richtige Leben, nämlich Leben wie früher! Für die Älteren unter den alten Kunden daher das einzig richtige Leben

Und falls ein Kunde – unabgemeldet! – ein paar Tage zu viel nicht in den Laden kommt, geht Frau Z. schon mal „nachschauen“. Das hat dann gar nichts mit Neugierde zu tun, das ist positive soziale Nahkontrolle.

Ab und zu stirbt eine oder einer von den Alten. Dann steht eine Sammelbüchse auf dem Verkaufstresen. Handgeschrieben liegt ein Zettel mit dem Hinweis daneben: „Für einen Kranz“ – und kaum jemand geht aus dem Laden, der oder die nicht ein Scherflein beiträgt, schließlich will „man“ auch einen Kranz haben, wenn es dann einmal soweit sein sollte…

27. Februar. Presseschau

Die mz[1] hatte natürlich berichtet: Der Mord war der Aufmacher des Tages. Natürlich war die Zeit zu knapp gewesen, um einen langen Bericht zu schreiben – aber für ein Agentur-Foto der Salvatorkirche mit einem schnell hinein gezeichneten Kreuz, wo die Toten gefunden worden waren (Photoshop sei Dank!) und eine Balkenüberschrift „Doppelmord in München“ hatte es gerade noch gereicht! Die Textinformation war eher dürftig: Berühmter Münchener Professor, wohnhaft im Stadtteil Harlaching, Mitglied der Society und (natürlich) der CSU mit Unbekannter gegen Mitternacht von Unbekannten hinter der Salvatorkirche erschossen. Die Polizei bittet eventuelle Zeugen, sich zu melden.

Der Bayerische Rundfunk berichtete in seinen aktuellen Sendern fast stündlich von der „rätselhaften Tat“, blieb aber weitgehend nahe an den Fakten, die aber dünn gesät waren.

Die „Privaten“ setzten sich journalistisch gekonnt ab und sprachen vom „ruchlosen Mord“! Auf ihren Websites zeigten sie stündlich wechselnd andere Agenturfotos vom Salvatorplatz als die mz.

Getragen intonierende Moderatoren versuchten eifrig, die Sensation am Kochen zu halten (sie hatten ja sonst nichts, über was sie schwadronieren konnten), indem sie eine ehemalige Haushälterin des berühmten Professors und verschiedene Ex-Arbeitskollegen des Emeritierten telefonisch interviewten...

Der akademische und menschliche Schleim, den sie dabei absonderten, hätte auf der Slip einer Werft locker für den Stapellauf eines mittelgroßen Schiffes gereicht.

Für diese journalistischen Glanzleistungen wurden sogar die ewig dudelnden „Oldies aus den 80ern und 90ern“ unterbrochen… Einer der Sender hatte ein „Reportageteam live vor Ort“, das befragte in halbstündigem Rhythmus Passanten, ob sie denn das unsägliche Grauen, das negative Kraftfeld, das von diesem Ort ausging, spüren würden – da die meisten Leute kopfschüttelnd am vor die Nase hingehaltenen Mikrofon vorbeigingen, wurden keine Liveberichte sondern ausgewählt „betroffene“ Tonkonserven gesendet – mit ein paar Tränen oder mit erstickter Stimme hervorgebrachte Betroffenheit sollte schon sein…

Immer wieder ging das folgende Interview mit einer offenbar älteren Dame über den glücklichen Sender, der diese Interviewpartnerin aufgetan hatte:

Frage (Betroffenheit in der zitternden Stimme der Interviewerin): „Was sagen sie denn..., also spüren Sie denn das Grauen, das über dem Ort des tragischen Geschehens liegt…?“

Antwort: „Ja, der Professor…“, und dann nur noch Schluchzen.

Frage: „Kannten sie ihn denn?“

Antwort: „Ja, natürlich... (Schluchzen)“

Frage (erfreute Spannung): „Sie waren also eine Bekannte von ihm?“

Antwort (durch ein vor den Mund gehaltenes Taschentuch kaum verständlich): „Nein, natürlich nicht persönlich, das war ja ein richtiger Professor, wissen Sie – aber man kennt ihn ja, aus den Zeitung halt … (Schluchzen), „das ist ja so tragisch… der arme Mann… und dann die arme Ehefrau…“. Ende des Interviews.

Moderator aus dem Studio: „Münchens Bevölkerung ist tief betroffen von diesem ruchlosen Mord. Wir fragen, was man fragen muss: Wer hat den Professor erschossen und warum?

Sie erwarten Antworten? Dann bleiben sie auf diesem Sender, wir berichten alle 15 Minuten live vom Tatort an der Salvatorkirche, wo inzwischen viele Menschen ihrem Mitgefühl mit den Hinterbliebenen mit niedergelegten Blumen und Kerzen Ausdruck geben.

Um 13.00 Uhr steht der Pressesprecher der Münchner Kriminalpolizei unserer Reporterin exklusiv für Fragen zur Verfügung. Unter der kostenfreien Telefonnummer 01805-99 99 99 100 können sie uns Ihre Fragen auf Band sprechen, die wir dann exklusiv an den Pressesprecher weiterreichen werden. Und gleich nach nur einem Werbespot ein echter Superhit in voller Länge aus den 60ern: Surfin Safari von den Beach Boys. Also, stay tuned oder: Bleiben sie dran!“

Kurz, alle redeten vom berühmten Wissenschaftler, niemand sprach über das andere Opfer, unsere Hannelore.

27. Februar. Im Laden

Als Herr F. das oder ähnliches zum xten Male im Radio gehört hatte, meinte er beim Verteilen der täglichen Mittagessen-Bestellungen: “Also, wenn die das Interview nicht tatsächlich aufgenommen hätten, dann müsste man so etwas erfinden…!“

„Ich weiß gar nicht was sie immer wollen“, sagte Frau Plüschke, die gerade reingekommen war, „also ich finde das absolut tragisch, er war so ein gut aussehender Man!

Und ich weiß auch nicht, wieso ausgerechnet die Hannelore da war? Was hatte die da zu suchen, um die Zeit? Das ist da doch stockdunkel, wo das war, also der Mord, oder fast stockdunkel. So spät am Abend ist die doch sonst nie rausgegangen.“

Im Laden war Hannelores Tat natürlich „das Thema“! Jeder kannte sie hier, zumindest ein bisschen… niemand kannte den „großkopferten“ Herrn Professor Doktor Doktor[2]... Man war sich vor der Ladentheke einig, die Zeitungen logen eh bei dem bisschen, was sie heute schon berichten konnten.

Hier im Laden vermuteten einige, dass Hannelore den Mann erschossen hatte... sie hätte sich doch am Nachmittag des Vortrages ihres Todes von Frau Z. weinend verabschiedet... Schnell war man sich einig, Hannelore war es gewesen... eine Pistole hätte sie sicher von ihrem Vater gehabt, der sei doch bei den Nazis so ein Bonze gewesen, und dann noch bei der Bundeswehr, mindestens hoher Offizier... na und wenn schon, Hannelore würde schon ihre Gründe gehabt haben und die konnten alle verstehen, auch wenn sie sie nicht kannten… Aber so etwas macht man ja nicht ohne Grund, oder? Und wenn doch, sie war schließlich eine von uns…

Die mz hatte endlich herausbekommen, wer die Tote war: Hannelore! Von irgendwoher hatte die Redaktion Fotos von ihr aufgetan. Die Polizei hatte inzwischen Hannelores Fingerabdrücke auf der Waffe gefunden. Von nun an war sie „Die alte Mörderin“, „Die Seniorkillerin“ oder in der mz „Die alte Irre aus dem Neuhausen“!

Der Laden war auch mit einem Foto in der Zeitung gewesen, weil ein Redakteur darauf gekommen war, dass die Mörderin in der Nähe ihrer Wohnung auch eingekauft haben musste.

Einige Nachbarn und Kunden des Ladens, die gerade auf der Straße gewesen waren und nicht so genau bemerkt hatten, wer sie interviewt hatte, waren als „gute Freundinnen“ befragt und zitiert worden, einige sogar mit Bild! Auch Frau Plüschke. Das Bild von ihr war nicht sehr schmeichelhaft geworden – aber um ein „schönes“ Bild zu erhalten, hätte es eines guten Fotografen und einer weitreichenden Nachbearbeitung des Fotos mit Photoshop bedurft, also nichts, was die mz in so ein Bild investiert hätte.

Die unübersehbare Frau Plüschke hatte sich nämlich so lange auf der Straße herumgetrieben, bis ein Journalist auch sie angesprochen und befragt hatte. So hatte sie ihren großen Auftritt bekommen und unter der Überschrift „Meine Freundin Hannelore“ wurde einiger Unsinn von ihr zitiert. Auch der Lebenslauf des Professors wurde geschildert. Seine glückliche Familie war auf einem halbseitigen Bild abgebildet, seine wissenschaftlichen Meriten wurden ausführlich gelobt[3].

Laut mz war er zweimal ganz nahe am Medizin-Nobelpreis „vorbeigeschrammt“... „ein ganz Großer“ war (laut mz) von uns gegangen... was für ein unglaublicher Verlust für die Gesellschaft (die Society), schließlich war er vor 35 Jahren sogar einmal Dachauer Faschingsprinz gewesen!

Hanna war gegen zehn Uhr in den Laden gerollt, um sich die Tageszeitungen und eine Brotzeit zu holen.

„Mein Gott, Frau Doktor, so eine tragische Geschichte... unsere Hannelore... eine Mörderin soll sie sein... und was sie alles schreiben über sie, gell... das ist ja alles gar nicht wahr... dass sie im Altersheim war! In welchem denn? Hier ist doch gar keines. Das ist ja alles so schlimm!“

Damit hatte Frau Z. Hanna geradezu überfallen, als sie in den Laden kam, und während Frau Z. die westfälische Salami für Hannas Brotzeit aufschnitt, hatte sie hinzugefügt: „Alle fallen jetzt über sie her, als ob sie eine Verbrecherin sei... dabei hat sie sich doch nur gewehrt...“ Sie musste schniefen. „Also, für mich bleibt sie unsere Hannelore, oder?“

„Ja klar“, antwortete Hanna, „sie wird ihre Gründe gehabt haben und wie ich sie einschätze, waren das gute Gründe! Sonst hätte sie das nicht gemacht... Sie hat mir vor einem halben Jahr einmal die Geschichte von ihrer Tochter erzählt... das war schon tragisch... und der Vater, also der Professor, den sie jetzt..., also der jetzt tot ist, der hat sich wohl wirklich wie ein Schwein verhalten...“

„Tatsächlich?“, fragte Frau Z. „Das hat sie mir nie so erzählt, also in Einzelheiten...“.

„Doch“, sagte Hanna, „ich weiß nicht, ob ich nicht auch wie sie gehandelt hätte, wenn ich sie gewesen wäre?“

„Ja, nicht?“, sagte Frau Z., „man muss sich ja auch nicht mehr alles gefallen lassen als Frau, die Zeiten haben sich ja geändert, Gott sei Dank! Andererseits, gleich jemanden erschießen...?“

„Sie war nur konsequent! Und wenn jemand so krank ist wie sie und nur noch ein paar Wochen zu leben hat... mein Gott, wenn man sich einmal entschieden hat, warum soll man es nicht tun? Wer will einen noch hindern?“

„Naja, aber das macht man doch nicht! Andererseits, wie Sie das so sagen, Frau Doktor, also, da könnten Sie natürlich schon Recht haben, oder?“

„Sie machen es nicht, Frau Z., das glaube ich wohl, Hannelore hat es getan!“

„Jaja, das hat sie wohl... aber ob das das richtig ist? Es heißt doch, Du sollst nicht töten, oder?“

„Das ist doch nicht die Frage! Sie hat sich dafür entschieden, den Alten umzubringen, jetzt ist sie tot... Ende!“, und dann lächelte sie „aber es heißt ja auch, Ende gut, alles gut, nicht wahr...!“

„Frau Doktor, wie sie das so sagen, da kann man ja fast denken, sie hat recht getan mit dem..., also mit ihrer Tat. Das macht vier Euro glatt!“

In dem Moment öffnete sich die Tür und der Herr aus der Nummer 26 kam in den Laden. „Grüß Gott“, sagte er artig, „ist meine Zeitung von gestern noch da, Frau Z.?“

„Aber ja doch, Herr Mittermayr“, sagte die, „die habe ich doch für sie aufgehoben!“. Sie blätterte in einem Stapel und zog schließlich seine Zeitung hervor. „Was sagen sie denn, dass die Hannelore, sie wissen doch, die alte Dame aus der Fuertererstraße, den Professor umgebracht hat, das wissen sie doch?“

„Natürlich, man hört ja nichts anderes mehr!“, bestätigte Herr Mittermayr, „den ganzen Tag geht das schon im Radio… Die hat meine ganze Hochachtung, die Frau! Egal, warum sie es getan hat… so etwas macht man ja nicht einfach so! Die wird schon ihre Gründe gehabt haben, gute Gründe vermutlich…“

„Ja, genau das sagt die Frau Doktor hier auch“, sagte Frau Z. und deutete auf Hanna.

„Ach sie sind die sagenhafte Frau Doktor? Guten Tag, meine Dame“, begrüßte Herr Mittermayr Hanna artig mit einer leichten Verbeugung – altmodisch, aber nett, fand Hanna.

„Wieso „sagenhaft““, fragte Hanna.

„Ach, man hört so dies und das… Sie sollen ja so etwas wie der gute Engel am Hübnerplatz sein…“

„Der gute Engel?“, lachte Hanna, „das höre ich zum ersten Mal…“

„Ja, aber da hat er doch Recht, der Herr Mittermayr“, sagte Frau Z., „wem sie schon alles geholfen haben… ich denke da nur an…“

„Ist schon gut, Frau Z.“, unterbrach Hanna, „ist schon gut, das gehört hier nicht her.“. Sie wandte sich an den alten Herrn: „Und Sie können die Hannelore verstehen…?“

„Ja, klar“, sagte Herr Mittermayr sehr bestimmt, „aber da werden wieder junge Schnösel kommen und uns erzählen wollen, dass das, was wir Alten denken, alles nur Stammtischgerede sei und damit apriori falsch… aber es gibt ja so vieles, was man nicht mehr sagen darf…“

„Was meinen sie denn, was darf man denn nicht mehr sagen?“, fragte Frau Z.

„Nehmen sie nur das Wort Neger! 10 kleine Negerlein, die gibt es nicht mehr, darf es nicht mehr geben. Das ist neuerdings rassistisch! Stand heute in der Süddeutschen!“

„Wieso denn das?“

„Das weiß ich auch nicht, da müssen sie die Schlauberger vom Feuilleton fragen… Die wissen immer alles. Ist politisch nicht mehr korrekt! Political correctness, das ist jetzt in. Absolut. Jetzt müssen sogar Kinderbücher umgeschrieben werden, wenn da von Negern die Rede ist… Als ob das keine Neger mehr wären, nur wenn wir sie jetzt Schwarze nennen sollen! Wahrscheinlich muss man bald auch Gelber statt Chinese sagen! Die spinnen doch, die…, die... Ach was“, winkte es ab, „haben sie Gelbwurst „ohne“, Frau Z?“

Und dann drehte er sich zu Hanna um und sagte, „Oder nehmen sie Israel. Die können alles machen, die Israelis, egal ob die Reaktoren in anderen Ländern zerbombten wie damals 1981 im Irak oder in Syrien 2007, oder ob sie im Gaza-Streifen Palästinenser unterdrücken oder ob die irgendwann die Perser angreifen werden, prophylaktisch natürlich, wir Deutschen müssen immer alles abnicken und auch noch gut finden und natürlich auch noch unterstützen, vor allem finanziell… Kritische Gedanken darf man da nicht äußern als Deutscher! Nie, und wenn doch, ist man gleich ein Ewiggestriger! Ein Rechter, ein Nazi. Nicht mal ein Gedicht[4] darf man gegen die schreiben… Nicht einmal als Literatur-Nobelpreisträger! Ist politisch nicht mehr opportun, so einfach ist das. Naja, ich bin ein alter Mann, ich sage das einfach! Was ist jetzt mit der Gelbwurst?“

„Ja“, lachte Hanna, „da haben sie schon Recht, aber komischerweise darf man einen Pazifik-Lachs, der nun wahrlich kein Lachs ist, als echten Lachs verkaufen, dabei ist der in Wirklichkeit nur sehr entfernt mit dem richtigen Lachs verwandt, wenn überhaupt…“

„Da geht`s ums Geld!“, lachte Herr Mittermayer sarkastisch, „das ist etwas anderes, glaube ich.“

„Wieso, Frau Doktor, was ist das mit dem Lachs?“, fragte Frau Z.

„Ach Frau Z., das ist eine lange Geschichte, die erzähle ich ein anderes Mal, wenn es sie interessiert!“

„Und Gelbwurst „ohne“ habe ich, wie viel soll`s denn sein? 100 Gramm, wie immer? Nicht so dünn geschnitten?“, Herr Mittermayr nickte und sagte dann: „Und eine Semmel. Bitte.“

Herr F. war inzwischen von seinem Beobachtungsplatz auf der Bierkiste vor der Ladentür hereingekommen und hatte nur die letzten Worte mitbekommen: „Was ist das mit dem Lachs?“ fragte er neugierig.

„Ein anderes Mal, Herr F., ein anderes Mal…“, lachte Hanna, „ich muss wieder los!“

20. März. Hübnerstraße Ecke Fuertererstraße

13.30 Uhr. Die Polizei hatte zwei oder drei Tage „rumgeschnüffelt“ und danach Hannelores Leiche freigegeben. Wolf-Dieter und Udo hatten gar nichts gewusst, als sie kurz befragt worden waren: „Unvorstellbar sei das alles für sie“ und „Nein, sie hatte nichts angekündigt… sie war doch sehr krank gewesen“ und „Man kann ja nicht in die Menschen reinschauen, oder?“ und „Ja, in den letzten Tagen ist sie schon irgendwie anders gewesen, so verschlossen, wissen Sie, aber wer hätte denn ahnen können, was sie da vor hatte? An so etwas denkt man doch auch nicht, oder?“ hatten sie una voce gesagt. Die Kommissare (die übrigens viel jünger waren als die im München Tatort) waren es zufrieden gewesen und bald wieder verschwunden.

Die Sammelbüchse auf dem Tresen war fast geplatzt, soviel hatten die Kundinnen und Kunden für Hannelore hinein gesteckt. Frau Z. hatte den Kranz bei den „Blumenbuben“ in der Agnes- an Ecke Tengstraße bestellt, erstens, weil sie die Kränze da immer bestellte und zweitens, weil „die es nämlich immer besonders schön machen und nicht so „larifari““, wie sie sagte. Da Frau Z. die Chefin war, sagte niemand etwas dagegen und außerdem hatte sie ja Recht, wie die letzten Kränze bewiesen hatten.

Die Trauerfeier würde nun in gut einer Stunde auf dem Westfriedhof stattfinden.

Dort sollte Hannelore anonym in einer Urne beigesetzt werden. In „illustrer Gesellschaft“, wie man wusste, denn auf diesem Friedhof fanden sich unter anderen – natürlich nicht anonym – die Grabstätten der Sängerin Alexandra, der Lindenstraße-Schauspielerin Tilli Breidenbach, von Maxl Graf vom Komödienstadl, auch vom Urgestein der Münchner Lach- und Schießgesellschaft, der Ursula Herking, vom „Was bin ich?“-Robert Lembke, vom Malerfürsten Franz von Lenbach, die russisch-Münchner Größe Väterchen Timofei ruhte auf dem Westfriedhof, die schöne Ex-Kaiserin Soraya und sogar der Schachgroßmeisters Unzicker, sowie – das wurde nicht verschwiegen – Ernst Röhm, einst Stabschef der SA, war dort bestattet.

Vor dem Laden haben sich um die zehn gedeckt gekleidete Personen versammelt, die im Schlagschatten der Häuser auf die Taxen warten, die sie zum Friedhof bringen sollen.

Wenige hundert Meter entfernt, an der nächsten Ecke, wartet auf der anderen Straßenseite im strahlenden Schein der jahreszeitlich bedingt tief stehenden Sonne, die genau durch die Fuertererstraße fällt, eine andere Gruppe auf ihr Großtaxi.

Und weil es eine besondere Gruppe war, soll sie kurz vorgestellt werden:

Hanna

Als erste war da Hanna in ihrem Rollstuhl. Sie konnte sich mit ihren siebzig Jahren in ihrer Wohnung oder bei kurzen Strecken zwar auch ohne Rollstuhl bewegen, aber Rheuma, Gicht und eine Polyneuropathie ließen ihren Bewegungsspielraum immer kleiner werden. Ein Prozess, der sich in letzter Zeit offenbar beschleunigte, weshalb sie ihre Wohnung nicht mehr so häufig verließ – die heutige Trauerfeier war so eine Gelegenheit, obwohl sie Hannelore eigentlich kaum gekannt hatte...

Hanna gehört das Häuserensemble an der Ecke Fuertererstraße und Hübnerstraße. Sie war Doktorin der Biologie, aber sie arbeitete schon viele Jahre nicht mehr. Sie war unangefochten „die Chefin“ in ihrem Bekanntenkreis, was sie aber nicht ihrem Geld verdankte, sondern ihrer Ausstrahlung und Intelligenz.

Sie saß im Nerzmantel über schwarzem Hosenanzug mit Pumps in ihrem Rollstuhl. Ihre kurzen weißen Haare zeigten einige bunt gefärbte Spitzen über der Stirn, das ergab fast einen Regenbogen. Natürlich war sie geschminkt – nicht zu viel, nicht zu wenig, aber sichtbar. Sie war – auch im Rollstuhl – eine gut aussehende Dame, die älter war als sie aussah.

Um die Schultern hatte sie ein großes Tuch gelegt und in der Hand hielt sie zusätzlich ein Wollplaid, das sie bei Bedarf über die Beine legen konnte. Eine so elegante Frau mit Nerz und Pumps im Rollstuhl – das war schon ein unerwarteter Anblick, aber typisch für Dr. Hanna, die eindeutig das Ungewöhnliche bevorzugte.

Sarah

Hinter ihr stand Sarah. Sarah war...- einmalig, hinreißend, ein Bild von einer Frau. Sie war (optisch) irgendetwas zwischen Anfang bis Mitte Fünfzig und eine „Frau in den allerbesten Jahren“. Nicht klein, nicht groß, nicht dick, nicht dünn - einfach nur sehr, sehr proper gebaut.

Sie war ganz in Grau gekleidet: Ein keckes graues Hütchen auf den kurzen Haaren leitete den interessierten Blick in ihre blauen Augen, darunter ein rundes Gesicht, dessen sehr roter Mund meistens ein Lächeln zeigte.

Über dem grauen Kostüm trug sie einen grauen Wollmantel, die Beine (natürlich in grauen Strümpfen) endeten sehr wohlgeformt in grauen pelzgefütterten Kurzstiefeln.

Kurz: Sarah ist „ein Hingucker“ – nicht zuletzt deshalb, weil sie den Mantel offen trug, der ansonsten ihren durchaus beachtlichen Busen versteckt hätte.

Sarah wohnte als mit Abstand jüngste, als das „Nesthäkchen“ und beste Freundin von Hanna , in der Alten-WG der anderen. Schräg gegenüber im Haus an der Ecke Artilleriestraße hatte sie ein kleines Studio, in dem sie zwei- bis dreimal pro Woche Stammkunden empfing, die sie „liebevoll“ betreute.

„Das ist viel leichter, als als Krankenschwester Schichtdienst im Klinikum zu schieben - und ich weiß wovon ich rede“, erläuterte die blonde mit wasserblauen Augen in die Welt schauende bildhübsche Sarah den „Genossen“ manchmal, „und es ist viel, viel besser bezahlt... Wisst ihr eigentlich, was ich einmal als Rente kriegen würde, wenn ich nach vierzig Jahren noch im Häubchen durch die Krankenhausgänge flattern würde? Knapp über Hartz IV! Wenn überhaupt! Und jetzt habe ich mein Scherflein mit..., naja, ist ja egal, im Trockenen... Noch Fragen? Na also.“

Und weil sie gelernte Krankenschwester war („Ich habe mich nie für einen Arzt flachgelegt... Weil ich keinen von diesen Windbeuteln wollte, die kaum aus meinem Bett entschwunden mit der nächsten Schwesternschülerin anbändeln...“), betreute sie die Alters-WGler medizinisch, wenn mal einer krank wurde oder seine Therapie machte.

Wolf-Dieter

Wolf-Dieter stand ein paar Meter entfernt und rauchte mit der unverzichtbaren Bernsteinspitze seine xte Zigarette heute. Auch er war knapp Siebzig. Er trug die für ihn seit den Tagen der Achtundsechziger typische unverwechselbare Kleidung: Baskenmütze und roter Wollschal, dreiviertellange Lammfelljacke in schwarz, darunter wegen des Anlasses einen dunkelgrauen Zweireiher und an den Füssen die für ihn einzig akzeptablen Schuhe: Slipper der italienischen Edelmarke Banfi, die für die Jahreszeit ganz offensichtlich viel zu dünn waren – aber er trug nun einmal nichts anderes – und auch von den Banfis nur die alten, die mit Schluppe und Troddeln - , auch wenn die inzwischen viel zu teuer geworden waren... aber er hatte seinen Stolz. Er versuchte, den produktiven Husten, der ihn in letzter Zeit zunehmend quälte, vor den anderen zu unterdrücken – manchmal gelang das, manchmal musste er quälend in ein Tuch husten.

Udo

Der eher rundliche Udo (85 kg bei 175 cm) bekannte sich schon in der Kleidung zu seiner hamburgisch-proletarischen Herkunft, das war auf den ersten Blick zu sehen: Elbsegler-Mütze (ungefähr so eine wie Exkanzler Schmidt sie zu tragen pflegt), große Sonnenbrille, dunkelgrauer Rollkragenpullover, dunkelblaue Breitcordhose und knöchelhohe Stiefeletten. Dazu trug er eine doppelreihig geknöpfte Kapitänsjacke, in deren Taschen seine großen Hände meist verschwunden waren...

Touristen in Hamburg wären ihm willig in jede Hafenrundfahrtbarkasse gefolgt und hätten dort jedes seiner Worte in dem für die Gäste eingehochdeutschten Plattdeutsch, also in Missingsch, geglaubt – was wahrlich kein Wunder wäre, denn er hatte ein paar Jahre lang tatsächlich als „He lücht“ (als Fremdenführer) auf Hafenrundfahrten gearbeitet. Die Grundvoraussetzungen für den Job erfüllte er: Wissen um die Abläufe im Hafen, viel Fantasie, ein Haufen mit Charme vermischte Frechheit und eine schnelle Zunge...

Udo lebte jetzt seit fünfzehn Jahren in München und hatte sich diese wichtigsten Eigenschaften eines „He lücht“ erhalten, deshalb war er auch am Hübnerplatz allseits beliebt. Viele Bayern hörten diesen besonderen „Ohnesorg-Theater-Slang“ gerne, fanden ihn lustig... So wie umgekehrt die meisten Norddeutschen gerne ein gepflegtes Bayerisch hörten...

Und aus dem Metall- und Schrotthandel in der Fasaneriestraße, wo er ab und zu aushalf und wo er eine kleine aber gut eingerichtete Metallwerkstatt gemietet hatte („Nur wegen meiner Ausbildung als Schweißer auf Blohm & Voss..., die muss doch zu ´was gut sein...“), war er nicht mehr wegzudenken...

Wenn irgendwo etwas zu richten war in Hannas Häusern oder bei Kunden, die er im Laden traf, dann war Udo da... für „ne kleine Mark“ („kleine Euros“ gab es einfach noch nicht...) richtete er alles, was ihm aufgetragen wurde - vom Fernseher bis zum Rohrbruch!

Der Graf

Dann stand da noch Udos optisches Pendent in der Gruppe der wie immer am elegantesten Gekleidete, der Graf, als ob er einen Ladestock verschluckt hätte. Das musste mit seinem Beruf – Berufssoldat irgendwo in oberen Offiziersrängen der NATO – zusammenhängen, vermuteten die anderen. Er hatte nie darüber gesprochen, was er wo gedient hatte, und keiner wusste warum nicht. Er hatte einfach nicht darüber gesprochen, vielleicht war das ja alles noch geheim, vermutete Sarah, die ihn am besten kannte.

Er war zwar nicht adeliger Herkunft, aber weil er noch im Alter aussah, wie Peter van Eyck in „Lohn der Angst“: nämlich blond, groß, sehr schlank, eher hager (anders als van Eyck trug er einen kleinen blonden Schnurrbart) hatte Frau Z. im Laden für ihn den Namen „Der Graf“ geprägt... („lassen sie mal den Grafen vor...“). Das hatte sich rumgesprochen und der Name war ihm geblieben.

Der Graf trug einen langen schmal geschnittenen schwarzen Tuchmantel aus Piqué (mit Brusttasche – aus der aus Anlass der Trauerfeier heute ein feines schwarzes Seideneinstecktüchlein venezianischer Provenienz herauslugte). Unter dem Mantel hatte er natürlich eine edle Kaschmir-Woll-Mischung in Schwarz als Anzug an und einen schwarzen Kaschmirschal. Sein Hemd war handgenäht genauso wie seine Schuhe, natürlich...

Wenn die Freunde nicht glauben würden, es besser zu wissen, hätte man ihn glatt für einen Heiratsschwindler halten können – für einen erfolgreichen...

Aber über Frauen sprach der gepflegte alte Herr nicht. „Mit Frauen genießt man, man spricht nicht über sie...“, pflegte er zu sagen, wenn das Gespräch doch einmal auf das Thema kam und alle meinten dann, genau, der habe Stil, der Graf, naja, von nichts kommt nichts..., was immer das in diesem Zusammenhang heißen mochte... und deshalb wusste auch niemand, dass er früher ab und zu Erstaunliches für die Dienste von Sarah gezahlt hatte. Auch dabei hatte er genossen und geschwiegen... genau wie Sarah geschwiegen hatte. Aber das war Jahre her!

In letzter Zeit „ging“ beim Grafen nichts mehr, sein Alter und der Prostatakrebs verhinderten das – „leider“, wie der Graf fand.

Tante Greten

Schließlich gehörte zu den Wartenden Tante Greten. Tante Greten war tatsächlich eine echte Tante von Hanna. Sie wohnte ein paar Häuser weiter, denn sie wollte nicht permanent „unter Aufsicht stehen, Mädchen wollen ja auch mal alleine sein – oder fast...“, gluckste sie immer, wenn Hanna sie wieder einmal fragte, ob sie nicht endlich in die für sie frei gehaltene kleine Wohnung der Alters-WG im Eckhaus einziehen wolle... Nein, war die immer gleiche Antwort, dafür sei sie mit ihren achtundachtzig Jahren einfach noch zu jung! Das könne sie ja immer noch machen, wenn sie mal alt und krank sei, oder?

Tante Greten war, wie es sich in ihren Augen für eine so alte Dame (Originalton Tante Greten:) „gehörte“, ganz in Schwarz gekleidet – im Gegensatz zu den meisten anderen nicht schickes oder extravagantes Schwarz, sondern schlichtes Schwarz. Tante Greten hielt sich ziemlich gerade, war aber inzwischen wieder klein geworden. Zurzeit maß sie („höchstens noch“) einssechzig.

Als der Taxifahrer vor der Gruppe hielt, staunte er nicht schlecht, als eine elegante Hanna sich – mühsam aber immerhin - aus ihren Rollstuhl erhob und auf eigenen Füssen gehend den Beifahrersitz einnahm. Den Rollstuhl überließ sie wortlos Udo zum Zusammenfalten und Verstauen. Der kannte das schon und deshalb klappte das auch. Der Graf half Tante Greten kavaliermäßig korrekt in den Fond des VW-Busses hinein, und Udo verstaute Hannas Rollstuhl geschickt wie es nur ein Hamburger Schauermann kann und setzte sich neben Sarah.

Aus der Alten-WG fehlte im Moment nur Edgar, der irgendeinen Amtsbesuch in der City zu erledigen hatte, und der direkt aus der Stadt zur Aussegnungshalle kommen würde.

Sie fuhren durch die Hübnerstraße, bogen an der Landshuter Allee sehr zügig, weil sich gerade eine Lücke im dicht fließenden Verkehr bot, rechts in Richtung Dachauer Straße ab. Dort mussten sie drei Ampelphasen warten, dann folgten sie der Straße bis zur Siedlung Borstei und bogen dort links in die Baldurstraße ein. Kurz hinter der U-Bahnstation „Westfriedhof[5]“ erreichten sie den Friedhof mit den gelben Gebäuden der Leichen- und Aussegnungshalle.

Als der Bus davor hielt, spielte Radio Charivari gerade „Highway to Hell“ von AC/DC. Der Fahrer wollte den Ton mit der Bemerkung abstellen, dass das Stück im Moment vielleicht nicht passen würde, aber Hanna legte lachend ihre Hand auf seine und sagte: „Doch, doch, ich glaube das passt ganz gut...“, dabei drehte sie den Kopf nach hinten und fragte immer noch lächelnd „oder?“.

Der Graf nickte huldvoll und Udo sagte laut, dass eigentlich nichts anderes passen würde – bei DER Beerdigung... Der Taxifahrer fragte Hanna leise, ob sie etwa zu der Trauerfeier von der alten Frau wollten, die in der Zeitung gestanden hatte, weil sie diesen „Lackl von Prof.“ erschossen hätte?

„Genau“, sagte Tante Greten, „genau, junger Mann, diese Dame wollen wir ehren... Schade, dass die Alten sich sonst immer nur so wegducken, die Feiglinge, wir sollten viel öfter mal zurückschlagen wie meine Freundin Hannelore“. Genau das sagte sie und schaute sich triumphierend um, um dann die Frage in den Raum zu stellen: „Oder, Jungs, was sagt ihr?“. Dann ballte sie ihre kleine Hand zu einer Art Mäusefaust, stieß die in die Luft und sagte triumphierend: „Hannelore, wir kommen...“

Der Taxifahrer blickte sie im Rückspiegel staunend an, dann lächelte er und meinte, dass die alte Dame – Verzeihung... – ja wohl ziemlich viel Mumm habe... Dann stoppte er vor der Aussegnungshalle, die „Frau Doktor“ zahlte, Udo holte den Rollstuhl und der Graf fragte den Fahrer, ob er sie in zweieinhalb Stunden vom „Wiener Café“ gleich da drüben abholen wolle?

Als der VW-Bus ohne sie wieder anrollte, erinnerte sich Wolf-Dieter, dass er die weißen Lilien im Bus vergessen hatte, fluchte kurz und rannte dann armeschwingend hinter dem Bus her. Naja, „rannte“ – jedenfalls sah der Taxifahrer seine wedelnden Arme, bezog sie auf sich, hielt an und ließ das Taxi rückwärts rollen.

„Unsere Blumen“, sagte Wolf-Dieter atemlos und keuchend und deutete auf die Rückbank, wo ein Strauß weißer Lilien lag... Er nahm sie und ging so schnell wie es seine kaputten Lungen zuließen zum Eingang der Aussegnungshalle, wo die anderen feixend auf ihn warteten.

„Ja“, sagte Wolf-Dieter, „Ihr müsst gar nichts sagen... ich weiß... Alzheimer lässt grüßen!“. Dann verteilte er jeweils eine Lilie an jeden. Er schaute sich um, stutzte und sagte dann: „Die könnten die Wand auch mal neu verputzen, oder, da fällt ja alles runter... Er deutete auf große Löcher im gelben Putz, teilweise lagen ganze Stücke am Boden, die offenbar gerade erst herausgefallen waren... „und das in München... da sollte der Oberbürgermeister sich mal drum kümmern, statt dass er Ministerpräsident werden will...“

„Wird er sowieso nicht[6]...“, tröstete ihn Hanna, „das haben die Sozis in Bayern nicht drauf...“

20. März. Die Abschiedsfeier...

14.00 Uhr. Familienmitglieder waren nicht erschienen, es war ja nicht einmal bekannt, ob Hannelore welche gehabt hatte.

Frau Z. und Hanna hatten darauf verzichtet, den Sarg neben den anderen in der Halle zu präsentieren, in der die Särge mit dem Grabschmuck hinter Glas ausgestellt wurden, damit Angehörige und Freunde Abschied nehmen konnten.

Ein bisschen sah das dort aus, wie eine Werbeveranstaltung der Trauerindustrie. Damit die Trauergäste „ihren“ Sarg unter den 10 bis 20 anderen ja erkannten, klebte vor jedem Sarg an der großen Glasscheibe ein DIN A4 großer Computerausdruck mit dem Namen des jeweiligen Toten. Schick!

In dieser Halle war manchmal „richtig was los“, ganze Großfamilien standen da im Gang vor „ihrem“ Sarg herum, Kinder tollten zwischen den Erwachsenen oder spielten „Fangamandl“ oder ähnliches. Sehr feierlich war die Stimmung jedenfalls nicht.

Durch einen kurzen Gang unter Arkaden kam man von hier zur Aussegnungshalle, die aus der Ferne gesehen noch einen ziemlich guten Eindruck machte mit der großen Kuppel und dem krönenden goldenen Kreuz. Von der Nähe aber nahm man den großflächig abgeplatzten Putz der Fassade sehr deutlich wahr und dachte, dass das Gebäude dringend einer Grundsanierung bedürfe.

Die Aussegnungshalle mutete „klassisch“ an, zumindest die Wandmalereien der kreisrunden, jetzt eiskalten Halle sahen für Laien irgendwie „klassisch“ aus.

Wolf-Dieter hatte dafür gesorgt, dass ein „gutes“ Bild von Hannelore am Sarg stand. Das hatten sie vor einigen Jahren zufällig anlässlich eines Sommerfestes im Garten von Hannas Haus in der Hübnerstraße aufgenommen.

Der „Kranz“, den sie alle mit ihren Spenden bezahlt hatten, war wirklich schön geworden. Dabei hatten die „Blumenbuben“ gar keinen Kranz, sondern ein wundervolles Gespinst weißer Blumen aus Lilien, Nelken, Tulpen, Gerbera, Lysianthus und Schleierkraut gewebt, das dem duftigem Blumenteppich, der über dem einfachen Sarg lag, etwas Zauberhaftes verlieh.

Frau Z. hatte ein paar einführende Worte gesprochen, weil sie Hannelore noch am besten gekannt hatte: „Sie hat mir einen Brief geschrieben“, sagte Frau Z. „und den möchte ich hier verlesen.“

Sie setzte ihre Lesebrille auf, zog den Brief aus der Tasche ihrer Kostümjacke, nahm ihn aus dem Umschlag, faltete den Briefbogen auf, legte ihn auf das Rednerpult vor sich und strich ihn mit der Rückseite der Hand glatt. Dann schaute sie über die Brille in die kleine Runde.

Es war sehr still im Raum – auch deshalb, weil die einleitende Musik aus dem „öffentlichen“ CD-Player mit Hall aus allen Richtungen gekommen war und die alten, mindestens aber älteren Gäste der Trauerfeier sich wohl sehr konzentrieren mussten, um wenigstens ab und zu ein paar Worte zu verstehen.

Frau Z. machte eine kurze Pause, dann begann sie leise zu lesen:

„Liebe Frau Z., meine Freundin,

wenn sie diesen Brief lesen werden, werde ich tot sein.

Seien sie nicht traurig, für mich ist das dann die mit Abstand beste Lösung. Und ich habe sie selbst gewählt...

Ich habe einen anderen Menschen umgebracht und mich auch. Punkt. Das ist ein Fakt. Ich konnte nicht mehr leben, ich wollte nicht mehr leben und er sollte nicht mehr leben.

So einfach ist das für mich, was für sie und alle anderen wahrscheinlich schrecklich und unglaublich ist.

Frau Z. musste eine Pause machen, um ein paar Mal tief durchzuatmen... dann wollte sie fortfahren, aber jemand unterbrach sie: „Bitte lauter!“

Frau Z. fuhr also etwas lauter fort zu lesen (was die Sache wegen des Halls nicht wirklich besser machte):

„Die anliegenden 10.000 € wollen sie bitte für meine Beerdigung verwenden. Wenn das nicht reichen sollte, es gibt da noch ein Sparbuch von der Stadtsparkasse, da ist nicht viel drauf, aber damit sollte es auf alle Fälle reichen. Ich möchte anonym beerdigt werden, wo, ist mir egal. Aber da gibt es noch ein Testament, in dem das steht. Man wird es finden, es liegt auf meinem Tisch im Wohnzimmer.“

Frau Z. unterbrach das Lesen, ließ die Hand mit dem Brief sinken und schaute in die Runde.

„Ja“, sagte sie dann, „das haben wir gemacht, also die Frau Doktor, der Herr Mittermayr und ich, also als Kommission, meine ich, das Geld hat gereicht, gerade eben... Das ist doch eine Schande, was das kostet, ich meine, so eine Beerdigung.“

„Ist ja gut, Liebes“, sagte Herr F, leise, lies weiter...“

„Ja, natürlich“, sagte Frau Z. „ ich meine ja auch nur, also wissen Sie... Ach so, der Brief, also weiter im Text: Die mir noch verbleibende Zeit wäre bestenfalls in Wochen zu zählen – wobei ich mehr Lebenszeit nicht als „gut“ und schon gar nicht als „bestenfalls“ bezeichnen möchte. Der Krebs zerfrisst meinen Körper von innen, die Scheiß-Schmerzen... Oh Entschuldigung“, unterbrach sich Frau F., „das „Scheiß“ hat sie durchgestrichen, also die Schmerzen sind manchmal nicht auszuhalten und die dunkle Einsamkeit, die mich umgibt, auch nicht.

Ja, ich habe Freunde, wenige nur, die meisten sind eher Bekannte denn Freunde. Sie, Frau Z., sind meine beste Freundin – und wir kennen uns erst ein paar Jahre, das sagt alles über meinen seelischen Zustand. Verstehen sie mich nicht falsch, aber ich bin alleine, so alleine.“

Die Stimme stockte Frau Z. einen Moment, sie musste sich einmal schnäuzen und las dann weiter:

„Also, äh, sie schreibt: Mein Leben habe ich meiner Tochter widmen müssen, die mit einer Behinderung zur Welt kam, weil sie bei der Geburt zu lange zu wenig Sauerstoff bekommen hatte. Und dann ist der Vater (der Mediziner!) so schnell verschwunden, das glauben sie gar nicht. Er wurde dann Faschingsprinz in Dachau. Dachau! Nicht einmal zu München hat es dem Versager gereicht.

Er hat mich damals im wahrsten Sinne „in der Scheiße“ sitzen lassen – so habe ich es zunächst empfunden. Später habe ich ein schönes Verhältnis zu dem kleinen Wurm, der immer so hilflos wie ein Baby blieb, und nie wirklich erwachsen wurde, entwickelt.

Als mein Kind, inzwischen eine nicht mehr ganz so hilflose Frau, mit 35 Jahren starb, ist für mich jeglicher Halt weggebrochen. Der Vater hat sich nie um uns gekümmert, nicht einmal gezahlt hat er, aber das darf ich ihm nicht vorwerfen, weil ich das auch nicht forciert habe – ich wollte von dem Feigling nichts aber auch gar nichts wissen und auch nichts haben. Klar, war es verdammt hart für uns, aber meine Eltern haben mich liebevoll unterstützt, solange sie konnten... Das Leben dieses „Vaters“ habe ich die ersten Jahre noch mit vagem Interesse verfolgt, aber auch dieses Interesse verschwand mit der Zeit...

Irgendwann hat mich dieser Mensch gar nicht mehr interessiert. Ab und zu habe ich ein Foto von ihm in der Klatschpresse gesehen, aber nicht darauf geachtet.

Die letzten Jahre, vor allem nach dem Tod meiner Eltern und meiner Tochter, habe ich in einem gefühlsmäßigen Nichts verbracht – ich habe nicht gelebt, ich habe vegetiert. Dann kamen zu den seelischen Schmerzen die körperlichen. Der Kampf gegen den Schmerz war schwer, das dürfen sie mir glauben, aber aufgeben konnte ich damals noch nicht.

Sie glauben ja gar nicht, welches Affentheater auch sog. Krebsärzte gemacht haben, wenn ich erst wirksame Schmerzmittel und dann Morphium gebraucht und verlangt habe... So ein Leben ist nicht mehr lebenswert, liebe Frau Z., das müssen sie mir glauben...“

Frau Z. musste jetzt unterbrechen, um sich zu sammeln. Nach einem Moment las sie mit stockender Stimme weiter:

„Sie und einige wenige Ihrer Kundinnen und Kunden haben mir das Leben – in Grenzen, aber immerhin – ein bisschen lebenswerter gemacht. Und schließlich – ich denke, es waren die letzten sechs Monate – hatte ich nur noch einen Gedanken, der hat mich aufrecht gehalten: Ich wollte den Mann, der mich so feig und schmählich verlassen hat, um seine schönere und jüngere Frau mit mehr Geld und, vor allem, einer „besseren Familie“ zu heiraten, natürlich mit gesunden Kindern, nicht mit so einem Krüppel, wie ich ihn zu bieten hatte, tot vor mir sehen. So tot, wie es nur geht...

Ich weiß, das ist ein fürchterlicher Gedanke. Jemanden umzubringen, um ihn tot vor sich zu sehen, dürfte für viele und wahrscheinlich auch für Sie, sogar ein nicht akzeptabler Gedanke sein. Das war er anfangs auch für mich. Es war sogar schrecklich, sich vorzustellen, dass ich ihn umbringen würde...

Aber ich habe mich langsam an den Gedanken gewöhnt und dann wurde ich ihn nicht mehr los, erst wurde er denkbar, dann ertragbar und schließlich auch machbar... Schließlich versprach er mir letzte Befriedigung in einem verlorenen Leben.

Einer diesseitigen Bestrafung bin ich durch den Fortschritt meiner Krankheit sowieso enthoben. Ich habe nur noch wenige Wochen zu leben... Zu leben? Wer will das, was ich durchmache, Leben nennen?

Da ich kein religiöser Mensch bin, ja, nicht an irgendeinen Gott glaube, in keiner Form, gibt es für mich keine dräuende Strafe im Jenseits: Kein Fegefeuer, keine Hölle und keine Verdammnis und was sich Kirchenleute für das Jenseits oder das nächste Leben sonst noch ausgedacht haben mögen, um uns hier zu disziplinieren. Und wenn es eine Wiedergeburt geben sollte, gut, von mir aus auch als Wurm...

Wer oder was sollte mich also stoppen? Nichts und niemand!

Also habe ich es getan. Alleine und ohne Hilfe. Die von meinem Vater geerbte Pistole aus dem Zweiten Weltkrieg, vor der ich immer große Angst gehabt hatte, kam mir plötzlich wie ein Zeichen vor: „Tue es“, hat sie mir zugeflüstert, „tue es!“

Wie häufig bin ich in meiner Wohnung dagesessen und hielt das fürchterliche Ding in meiner Hand. Aus der Angst wurde Zu- und Vertrauen. Und schließlich ich bin ihren Einflüsterungen erlegen. Dankbar!

Und jetzt, wo sie dieses lesen, ist diese letzte Sache vollbracht. Ehrlich gesagt, jetzt, wo ich diese Zeilen schreibe, freue ich mich sogar auf diesen letzten Moment! Was für ein Ende: Mord und Selbstmord in einer Minute...

Selbst der Gedanke, dass die Tatsache, dass er und ich in denselben Minuten sterben werden, uns vielleicht irgendwie verbinden wird, schreckt mich nicht mehr – weil, ich bin dann tot...

Ich werde keine Schmerzen mehr haben und der Krebs - auch wenn er gesiegt hat, aber wer hätte je daran gezweifelt, dass er siegen würde? – kann mich mal... Der Scheiß-Krebs wird mit mir untergehen. Er sagt also, dass er gesiegt hätte? Ein toter Krebs ist ein guter Krebs, finde ich.

Ich danke Ihnen aus ganzem Herzen für die netten Momente, die sie mir im Leben noch geschenkt haben. Grüßen sie ein paar andere von mir...

Ihre Hannelore“

Frau Z. hatte an ein paar Stellen die Stimme versagt, sie hatte sich einige Male Tränen abwischen müssen – aber damit war sie nicht die einzige gewesen.

Denn als sie schließlich vom Blatt wieder hochschaute, sah sie, dass auch unter ihren Zuhörern diverse waren, die ein Taschentuch in der Hand hielten. Sie sagte eine Weile nichts, dann sagte sie leise:

„Da will ich jetzt aber gar nichts mehr hinzufügen.“

Sie faltete das Blatt langsam und vorsichtig zusammen, als ob es zerbrechlich wäre, steckte es mit zitternden Händen wieder in den Umschlag und diesen in die Tasche, aus der sie ihn gezogen hatte. Dann setzte sie sich wieder auf ihren Platz unter den anderen. Alle schwiegen. Da Hannelore nicht gläubig war, hatten sie auf kirchliche Musik verzichtet und nur „etwas Beethoven“ gespielt.

Wie in allen städtischen „Abschiedsräumen“ auf den Münchner Friedhöfen war die Akustik so schlecht, dass kaum jemand Frau Z. vollständig verstanden hatte und auch die Musik vom „öffentlichen“ CD-Player hatte nicht wirklich gut geklungen.

Alle waren froh, dass die Abschiedsfeier in dem kalten Rund danach schnell zu Ende war, denn was gab es schon zu sagen und selbst wenn, konnte es keiner verstehen...

Als sie draußen waren und noch einen Moment zusammen standen, sagte Hanna in die Runde, dass sie noch zu einem kleinen „Leichenschmaus“ im „Wiener Café“ einladen würde, das wäre nur ein paar Schritte in die Dantestraße hinein auf der rechten Seite.

Jemand fragte, ob Frau Z. den Brief dort noch einmal vorlesen könne, damit man den Inhalt verstünde, denn so sei das ja nichts Halbes und nichts Ganzes gewesen.

Langsam setzte sich die Gruppe in Bewegung. Udo schob Hannas Rollstuhl mühsam durch den Kies vor der Aussegnungshalle. Sarah ging mit wiegenden üppigen Hüften sehr gut aussehend rechts neben dem Rollstuhl, Wolf-Dieter links. Es wurde kaum geredet, alle hingen ihren Gedanken nach.

„Tja“, sagte Udo, „nun ist sie weg..., also so gut wie, verbrannt muss sie noch werden... Und bei der Beisetzung kann ja niemand dabei sein, von wegen anonym und so...“

„Ja“, sagte Hanna, „sie wollte nicht, dass sich irgendwer um ihr Grab kümmern müsse... Aber sie hat ihr letztes Ziel gerade noch erreicht, sie hat den Kerl erschossen...“

„Das habt ihr gut gemacht“, fügte Sarah hinzu, denn die Alten-Wgler waren unter sich, wie ein schneller Rundblick gezeigt hatte, „wie ihr den ausfindig gemacht habt...“

„War nicht schwer“, meinte Wolf-Dieter nach einer Weile, „unser Professor war eitel, eitel genug, dass er einen Facebook-Account hatte... mit Lifeline, Fotos, Adresse und Terminen und allem...“

Sie hatten jetzt den gepflasterten Bürgersteig erreicht und Udo hatte es deutlich leichter, Hanna vor sich her zu schieben.

„Sogar seine Vortragstermine hat er darauf angekündigt... ganz schön blöd!“, meinte Udo deshalb auch weniger schwer atmend.

„Naja, er konnte ja nicht wissen, dass Hannelore ihn noch haben wollte, oder?“, fragte Sarah, „... nach so langer Zeit?“

„Wohl kaum“, sagte Hanna.

Sie passierten die Baldurstraße an der Ampel, gingen in die Dante­straße und hatten nach höchstens einhundert Metern das „Wiener Café“ erreicht, in dem Hanna und Frau Z. den Nebenraum für sie reserviert hatten.

20. März. Im „Wiener Café“

15.30 Uhr. Sarah, Udo, Hanna, der Graf und Tante Greten sowie ein paar andere Trauergäste aus dem Laden gingen durch das Café, mit etwas Abstand kamen noch Frau Z. und Herr F. hinterher. Das Café verströmte mit der Holz- und Messingeinrichtung und ein paar billigen Drucken an der Wand den Charme der Achtziger Jahre. Es durfte, wie auch immer, tatsächlich auch etwas „echten Wiener Schmäh“ für sich beanspruchen.

Es war leicht (oder doch schon ein bisschen mehr?) heruntergekommen, ohne dass man genau sagen konnte, woran sich dieser Eindruck festmachte...

Vielleicht lag es einfach an der etwas angeschmutzten Karte, aus der man mindestens zehn verschiedene Formen von Kaffee bestellen konnte: Vom Kleinen oder Großen Braunen, über Wiener Melange, Einspänner und Fiakerkaffee (mit Obstler und Schlagobers) zu Kaffee Maria Theresia (mit Orangenlikör, Schlagobers und bunten Zuckerstreuseln) bis hin zum (gar nicht mehr wienerischen) Pharisäer (mit Rum und Sahne).

Eine kleine Ausstellung von Handkaffeemühlen und Kaffeedosen aus Blech ergänzte das Interieur in Fachrichtung „Wiener Kaffee“.

Die ca. vierzig Plätze im eigentlich Gastraum waren zu einem Drittel besetzt, die ebenfalls Gäste passten perfekt in das lädierte Ambiente. Sie hätten von einem Filmbesetzungsstudio stammen können: Die drei Paare aus jeweils zwei alten Damen, von denen immer mindestens eine ihren Löffel im Kaffee drehte und von denen ebenfalls immer mindestens eine unablässig sprach, wobei es offen blieb, ob die andere am Tisch ihr zuhörte; der alte Herr mit seiner Bulldogge unter dem Tisch, für die er einen eigenen kleinen Perserteppich mitgebracht hatte, auf dem der Hund gelangweilt und langsam und träge, ab und zu blinzelnd und mit hängender Zunge um sich schauend saß; die einzeln sitzende Dame, deren sehr dünne Haar“pracht“, die die Kopfhaut durchscheinen ließ, auf eine abgeschlossene Chemotherapie schließen ließ und zwei gemischtgeschlechtliche Paare, die sich gelangweilt nichts zu sagen habend stumm gegenüber saßen.

Die Gruppe durchquerte das Lokal, um in den hinteren Raum, der zum Garten große Fenster hatte, zu gelangen. Zwanzig Plätze waren auf mehreren Tischen eingedeckt, aber so viele waren sie gar nicht, einige Trauergäste waren gar nicht mitgekommen.

Hanna, Udo, Wolf-Dieter und Sarah nahmen an einem Tisch Platz, hielten aber zwei Plätze für Edgar und den Grafen frei, die sich noch das Grab von Väterchen Timofei auf dem Friedhof anschauen wollten.

Die anderen Trauergäste verteilten sich um Frau Z und Herrn F. auf die anderen beiden eingedeckten Tische. Man schaute sich die Karte an und bestellte Kaffee und Kuchen – „guten deutschen Kaffee“, um das ausländische, sprich „wienerische“ Zeug machten die meisten einen Bogen, weil man ja nicht wissen konnte, was man bekommen würde... Einige Gäste ließen sich zu den Kaffees mit Schnaps verleiten – kalt genug war es ja gewesen, um den anderen zu erläutern, dass man sich schließlich ein wenig aufwärmen müsse...

Inzwischen hatten auch der Graf und Edgar Platz genommen. Der Graf hatte einige Zeit gesucht, bis er den einzigen Bügel des Restaurants für seinen Mantel gefunden hatte. Was für ein gegensätzliches Paar: Der hagere, große und elegante Graf mit seinem vollen Blondhaarschopf und Edgar!

Kein Gutmeinender wurde Edgar als dick bezeichnen – eher als klein und am Bauch ziemlich kugelig, vielleicht... oder sogar wahrscheinlich. Nicht gut Meinende würden seine Beschreibung als „dick“ keinesfalls meiden wollen... Er war nie elegant gekleidet, auch nicht schick, er war der Typ, der nie vor den Auslagen eines Herrenausstatters stehen bleiben würde. Sein typisches Outfit bestand aus brauner Cordhose (erste Woche) oder grauer Cordhose (zweite Woche) oder beiger Cordhose (dritte Woche, eine vierte gab es nicht), kariertem Hemd (oberster Knopf geschlossen), grauem oder grauem Pullover mit V-Ausschnitt (ohne Ärmel, er nannte zwei identische sein Eigen) und Schuhe vom Karstadt-Sonderangebots-Grabbeltisch. Im Sommer trug er gerne Outdoor-Sandalen zu grauen oder braunen Socken. Ach ja, eine grau karierte Schiebermütze machte ihn zusammen mit der kurzen Pfeife unverwechselbar!

An seine Haare hatte er seit Jahren keinen Friseur mehr gelassen – was auch kein Friseur des Quartiers bedauerte, denn keiner könnte aus dem dünnen Kranz der verbliebenen Haare eine vernünftige Frisur herzaubern, noch könnte er gar den vollen Listenpreis berechnen, wenn er auch nur einen Funken Ehre im Leib hätte. Also erledigte Edgar das selber mit seinem Rasierer...

Essen war für ihn aber nicht Lust, sondern seit dem Tod seiner Frau nur noch Befriedigung eines elementaren Bedürfnisses – falls das Mittagessen, das er sich täglich um Punkt eins bei Frau Z. abholte, schon kalt war, wenn er endlich zuhause eintraf, stopfte er es ohne Murren in sich hinein, ohne auch nur einen Gedanken daran zu verschwenden, dass es wärmer sein könnte. Der Geschmack war ihm egal, was Frau Z. auf die Palme bringen konnte, gab sie sich doch so viel Mühe...

Meist las er beim Mittagessen die Zeitung oder eine Fachzeitschrift oder auch Teilelisten und die interessierten ihn viel mehr... Denn bei ihm drehte sich alles um sein Hobby: Modellbau. Genauer gesagt, Modelle, die sich fernsteuern ließen. Da war er ein echter Freak – nachdem er Schiffe und Boote für sich als modellbauerische Fingerübungen abgehakt hatte und Modellautos nicht sein Ding waren, beschäftigte er sich mit Flugzeugen!

Kein Wunder, als ehemaliger Flugzeug-Mechaniker der Bundeswehr war ihm das Fliegen in Fleisch und Blut übergegangen: Segelflugzeugmodelle, Motorflieger und insbesondere Hubschraubermodelle hatten seine ganze Liebe. Seine Wohnung war Warenlager, Werkstatt und Hangar zugleich.

Manchen Hubschrauber-Jungfernflug hatte er im nahe liegenden Olympiagelände gestartet – und die Zuschauer (meistens Männer) hatten fasziniert zugeschaut, wenn er die ersten Kunstfiguren flog.

Aber da man dort nicht fliegen (lassen) durfte und die „Schandis“ meist nicht weit waren, fuhr er oft weit raus aufs Land für seine Flugübungen – die „Vereinsmeierei“ der Modellflugvereine hasste er, da ging er nicht hin, auch wenn es manches vereinfacht hätte...

Als alle ihre Bestellung erhalten hatten und manche schon kräftig in den Kuchen „reinhauten“, bat Hanna um Ruhe. Sie saß zwar im Rollstuhl, aber ihre Ausstrahlung, veranlasste die Mehrzahl der anderen Gäste zu verstummen. Die letzten, die Schwatzhaften, wurden von den anderen mit einen gezischten „schhhh“ zum Schweigen gebracht.

„Die meisten von uns haben den Brief wohl nicht verstanden, den sie vorgelesen haben, Frau Z.“, sagte Hanna als es im Raum ruhig war, „es hat da drüben so gehallt, wissen Sie, würden sie uns Hannelores Worte bitte noch einmal vorlesen, ich glaube, hier wird man sie viel besser verstehen“.

Frau Z. stand auf, fingerte den Brief aus der Jackentasche und begann zu lesen. Atemlose Stille war im Raum – bis zum letzten Wort... und darüber hinaus.

„Ich meine, das kann man doch nicht machen, einfach einen zu erschießen, den man nicht mag, ich meine, wo kämen wir denn da hin, wenn jeder anfängt rumzuballern, wie es ihm gefällt?“, sagte Frau Plüschke unter ihrer lila Perücke.

„Sie meinen „ihr““, sagte jemand.

„Wie?“, fragte Frau Plüschke irritiert.

„Ihr gefällt... weil, Hannelore war eindeutig eine sie.“

„Ist doch egal, sie wissen doch, wie ich es meine...“, antwortete die wieder einmal kritisierte Frau Plüschke, die ja auch sonst nicht gerade beliebt war bei den anderen, beleidigt.

„Das Schwein wird es schon verdient haben!“, sagte wieder jemand.

„Ja, aber du sollst nicht töten, sagt die Bibel!“, gab die Frau aus der Parallelstraße zu bedenken.

„Wer fragt die Bibel?“, wollte jetzt Frau Z. wissen.

„Naja, die Gesetze, also unsere Gesetze verbieten es auch, übrigens in jedem zivilisierten Staat...“, sagte wieder die Parallelstraßenfrau.

„Schon“, sagte da eine ruhige Stimme bedächtig, „aber wenn jemand so alt ist und so krank und nur noch kurze Zeit zu leben hat, wer will dann jemanden wie die Hannelore hindern, es zu tun. Ich meine, da greift doch keine Drohung mit einer Strafe mehr...“, sagte Wolf-Dieter

„Weder im Diesseits noch im Jenseits, wenn du nicht an einen Gott glaubst, der dich im Jenseits bestrafen wird“, ergänzte Hanna, „und Hannelore hat nicht geglaubt, wie sie ja schreibt, also war sie frei. Absolut frei. Zumindest zu frei für unsere Gesetze, denn sie wusste, selbst wenn sie gefasst werden würde, würde sie nie ins Gefängnis kommen. Sie würde einfach sowieso früher sterben, früher, als dass die Schergen des Gesetzes sie noch festsetzen könnten.“

„Na, na“, sagte eine Stimme, „Schergen würde ich da jetzt nicht sagen.“

„Was ist denn das: Ein Scherge?“, fragte Frau Plüschke aus dem Hintergrund, sie ging gerade in Richtung Klo.

„Ein Büttel, Häscher, Folterer, auf jeden Fall nichts Gutes. Jedenfalls sollte man die Vertreter der demokratisch gewählten Staatsmacht nicht als Schergen bezeichnen.“

„Gut“, sagte Hanna einlenkend, „ich revoziere.“

„Was macht sie?“, fragte die Plüschke immer noch aus dem Hintergrund, sie schien eine dehnbare Blase zu haben.

„Sie nimmt das zurück!“, das war Wolf-Dieter.

„Was?“

„Das mit dem Schergen.“

„Ach so. Ist das wichtig?“, Frau Plüschke erhielt keine Antwort auf diese Frage und suchte endlich die „Damen“ auf.

„Die Frage ist doch“, sagte Wolf-Dieter, „wenn jemand nur noch eine sehr überschaubare Zeit zu leben hat, sagen wir einmal, unter einem Jahr oder gar nur noch ein halbes Jahr, und er oder sie entschließt sich, jemanden umzubringen, wer soll ihn oder sie daran hindern – wenn nicht etwas in ihm oder ihr selber?“

„Aus welchem Grund soll überhaupt jemand umgebracht werden?“

„Das spielt in der Situation doch nun wirklich keine Rolle mehr... moralisch ist das auf jeden Fall zu verdammen, da sind wir uns ja wohl einig, oder? Das ist ja wohl gesellschaftlicher Konsens, oder? Aber wenn sich jemand außerhalb dieser Moral gestellt hat, entweder weil es für ihn oder sie keine Moral mehr gibt oder weil er oder sie Moral nicht mehr anerkennt, was soll ihn respektive sie stoppen?“

„Oder sie?“

„Richtig, oder sie, wer oder was soll ihn oder sie davon abhalten, irgendjemanden umzubringen?“

„Sie meinen also schlussendlich, dass es individuelle Situationen geben kann, in der die Gesellschaft nicht in der Lage ist, gesetzes- oder moralkonformes Verhalten zu erzwingen? Der Mord also denkbar und eine realistische Größe wird?“

„Ja, das liegt doch auf der Hand - und Hannelore hat es bewiesen!“

„Sie befürworten ihren Mord?“

„Nein, das tue ich nicht! Ich sage nur, dass es Situationen gibt, in denen Menschen sich nicht mehr davon abhalten lassen, einen Mord zu begehen... sonst würde es ja auch keine Morde geben. Aber es gibt sie. Unbezweifelbar. Also gibt es auch die Situationen. Nur wollen die meisten Mörder nicht gefasst werden – das können sie in jedem Krimi sehen oder lesen. Der Mörder begeht seine Tat (vermutlich in einer Ausnahmesituation) und versucht dann – mehr oder weniger verzweifelt – seine Täterschaft zu vertuschen, weil er nicht für fünfzehn oder mehr Jahre in den Knast will.“

„Und was bedeutet das jetzt für uns?“

„Naja, für uns ja wohl nichts, denke ich, aber jemand, die oder der nur noch kurz zu leben hat, dem könnte alles egal sein – zumindest, was die Bestrafung angeht, weil er oder sie die nicht mehr erleben wird.“

„Ich verstehe das alles nicht“, kam es wieder aus dem Hintergrund, Frau Plüschke war fertig, „wollen wir jemanden umbringen?“.

„Nein! Wollen wir nicht, sie etwa?! Ach, ist ja auch Unsinn“, sagte Udo energisch, „ich finde wir sollen es dabei bewenden lassen... Hannelore hat etwas Fürchterliches gemacht und damit basta... ist doch inzwischen völlig egal, warum!“, und damit schlug er mit der flachen Hand so auf den Tisch, dass die Tassen auf den Untertassen klirrten, „Ende der Diskussion, sage ich! Und sie bleibt uns eine liebe Erinnerung!“

Damit waren alle einverstanden, Mord hin oder her, und die einzelnen Gespräche an den Tischen begannen wieder. Unter anderem wurde besprochen, ob es den Schweinebraten immer am Mittwoch geben müsse oder vielleicht auch mal am Dienstag. Als das erschöpfend - aber ohne Ergebnis - diskutiert war, ging es darum, ob die Königsberger Klopse mit mehr oder weniger Kapern besser schmecken würden. Am anderen Tisch wurde herzhaft besprochen, warum es „nicht einmal zu einem richtigen Kranz mit Schleife“ gereicht hätte, „sondern nur zu diesem unsäglichen Gefummel von Blumengestrüpp, wie sah denn das aus, bitteschön?“. Einige wollten beim nächsten Mal wieder einen Kranz, einen klassischen, andere fanden aber den Blumenteppich besonders schön, „irgendwie, als ob die Hannelore damit geradewegs in den Himmel fliegen würde...“, was lautstarke Proteste hervorrief, denn „einen fliegenden Teppich würde es wohl eher bei den Islamisten oder wie die heißen, den Arabern halt geben, als bei uns guten Christen.“ Erst der Hinweis, dass Hannelore wohl erstens keine gute Christin gewesen sei und zweitens, selbst wenn, nach Mord und Selbstmord wohl eher in der Hölle schmoren werde, als im Himmel die Lyra (oder die Harfe, ist doch egal) schlüge, brachte diese Diskussion zu einem Ende.

Nach einer weiteren Tasse Kaffee (dem deutschen) erhob sich Udo und sagte, er würde jetzt mal schauen, ob das Taxi vor der Tür stünde, wenn nicht, würde er vielleicht fünf oder zehn Minuten brauchen, dann sollten sie mit Hanna herauskommen. Und leise fügte er hinzu, so, dass man das nur an ihrem Tisch verstand, dass sie ja zuhause weiterreden könnten, da seien vorhin ja einige interessante Aspekte dabei gewesen und die solle man doch nicht vergessen...

20. März. Die Debatte

19.00 Uhr. Sie hatten sich bei Hanna verabredet, weil sie die größte Wohnung hatte. Das „Treffen zuhause“ war insofern kein Problem, als Hanna, Sarah, Wolf-Dieter, Udo, Edgar, der Graf und nur nicht die alte Tante Greten, die nicht nur so gerufen wurde, sondern – wie schon gesagt – tatsächlich eine echte Tante von Hanna war, tatsächlich alle auch im selben Haus wohnten. Sie kannten sich seit Jahren, waren auch lange schon miteinander befreundet.

Nachdem seinerzeit Hannas Mann auf Mallorca gestorben (worden!) war, hatte Hanna die zwei Häuser in der Hübnerstraße an der Ecke Fuetererstraße geerbt und hatte später den anderen den Vorschlag gemacht, das ziemlich damals etwas heruntergekommene größere Haus zu einer Alten-WG umzubauen.

Die Kosten dafür hatte Hanna getragen, die das weitere Haus verkauft und mit dem Geld, „ihr“ Haus modernisiert hatte. Einige Mietparteien waren vor Umbaudreck und –lärm geflohen, andere hatten sich mit einer Prämie versehen froh in Vororte verabschiedet.

Jetzt hatten sie das Haus längst fast allein für sich. Im Erdgeschoss war noch eine Metzgerei und ein kleines italienisches Restaurant erhalten geblieben, im ersten Stock wohnten zwei Familien mit kleinen Kindern. In die anderen Stockwerke waren die Freunde eingezogen.

Die Familien hatten sich erst gefreut und sie hatten den Vorschlag gemacht, dass die Alten ja ab und zu auf die Kinder aufpassen könnten, so im Sinne eines „Mehrgenerationen-Hauses“ mit den Familien leben sollten. Die „Alten“ hatten ob dieses Ansinnens und dessen Implikationen innerlich aufgeschrien und den Jungen schnell klar gemacht, dass jedes Mietshaus apriori ein Mehrgenerationen-Haus sei, weil da eigentlich immer Alte und Junge zusammen lebten und zweitens wurde die Idee, sich um die fremden Schratzen zu kümmern, aber so etwas von rundheraus ohne Diskussionen abgelehnt, dass den Familien sehr deutlich wurde, aus ihren Plänen würde nichts werden.

Ganz im Gegenteil, die Jungen sollten, bitteschön, aufpassen, dass die „Blagen“, die Mittags- und sonstigen Ruhezeiten einhielten, denn dieses Haus sei schließlich ein Mehrgenerationenhaus. Heißt: Da wohnen auch ältere und alte Menschen, die zumindest ab und zu ihre Ruhe haben wollten und auch brauchten. Capito?

Nun, das Verhältnis war danach etwas abgekühlt, aber das machte den Alten nichts aus. Hanna hatte im Hof einen Fahrstuhl zu den oberen Etagen der Alters-WG bauen lassen, da damals auch schon abzusehen war, dass sie eines Tages zumindest zeitweise einen Rollstuhl brauchen würde – und Tante Greten war sowieso dankbar für jede Stufe, die sie bei ihren eher seltenen Besuchen bei Hanna nicht steigen musste.

Hannas Dachwohnung war die größte und schönste, schließlich war das Ganze ja eine Alters-WG und keine kommunistische Zelle. Hier war sie natürlich ein wenig gleicher als die anderen, aber das fanden alle irgendwie „Okay“ – schließlich war es Hannas Haus und Hannas Geld.

Hanna hatte sich auch eine Dachterrasse mit einem Wintergarten darauf bauen lassen, das war einfach cool, fand sie und sie konnte ihr Geld schließlich nicht „mitnehmen“, wenn sie einmal sterben würde. Und Geld hatte sie genug, fand sie gleichfalls. Selbst nach all den Investitionen noch, und sie war großzügig aber doch nicht blöd!

Jetzt saßen sie alle an Hannas Tisch im Wintergarten. Der kleine Italiener im Erdgeschoss hatte Antipasti, Pizzabrot und ein paar Sandwiches im „italienischen Stil“ geliefert, also viele Tomaten und Pesto.

Nachdem der größte Hunger gestillt war, wurden in der Runde ein paar Zigaretten angezündet und es wurde gemütlich. Tante Greten saß in einem tiefen Sessel und hatte sich zum Gläschen Rotwein („ist gut für die Gefäße...“) einen Zigarillo angesteckt („mein Körper ist so alt, das merkt die Lunge gar nicht mehr, dass ich an der kleinen Zigarre lutsche, mein Kind“, hatte sie zu Hanna gesagt, als die einmal zu ihr gesagt hatte, Rauchen sei jetzt in Bayern out...).

„Na, Mannder und Weiberleut“, sagte Hanna, „die Trauerfeier war nicht besonders schön, aber auch nicht scheußlich. Mehr hätte Hannelore, glaube ich, auch gar nicht gewollt – und ihr erbringt jetzt noch ein Rauchopfer, dann können wir ja zur Tagesordnung übergehen. Ach übrigens, ich finde, die Blumenbuben haben sich mal wieder selbst übertroffen.“

„Hat denn das gesammelte Geld gereicht?“, fragte Tante Greten, „ich will auch mal so etwas haben.“

„Hat ja noch Zeit, Tante Greten“, sagte Hanna liebevoll in Richtung der dichtesten Rauchwolken. Dann schüttelte sie den Kopf, „nein, es hat nicht gereicht, aber das muss ja keiner wissen“, sagte sie, „das war ja der einzige Blumenschmuck für die Arme.“

„Der Brief war schwer okay, fand ich“, ergänzte Udo, „vor allem der Satz, dass sie alles allein und ohne Hilfe gemacht hätte.“

„Hat sie doch auch“, sagte Wolf-Dieter, „naja, fast“.

„Das Entscheidende hat sie alleine gemacht“,gab der Graf zu Bedenken, „sie hat sich ganz alleine entschieden, ihn umzupusten, sie ist ausgestiegen, sie hat geschossen – und zur Not wäre sie auch alleine mit einem Taxi zur Salvatorkirche gekommen. Wir haben also keine signifikante Hilfestellung zur Tat geleistet, sondern waren eigentlich nur höflich zu einer alten Dame, finde ich.“

„Schon“, meinte Udo, „aber ich finde ihre Idee einfach Klasse... einfach einen alten Feind umzupusten - das hat doch ´was …, oder?“

„Willst du das jetzt auch?“, fragte Sarah und schmunzelte.

„Warum denn nicht?“, antworte Udo, „und ich meine das ganz ernst. Wer hier am Tisch hat den niemanden, dem er es noch gerne einmal zeigen würde?“

„Damit allein ist es ja nicht getan“, gab der Graf zu bedenken, „Hannelores Situation war doch schon sehr speziell: Nur noch kurze Zeit zu leben, sehr kurze.“

„Naja“, sagte Udo darauf nachdenklich, „weißt Du, ich kann mit meinem Aneurysma im Gehirn auf dem Klo beim Scheißen nicht mal richtig drücken, sonst zerfetzt es mir womöglich das Ding im Kopf. Wenn das man keine besondere Situation ist. Und Wolf-Dieter hier“, er deutete auf Wolf-Dieter, „wie lange hast du noch, du mit Deinem Lungenkrebs?“

Wolf-Dieter machte eine vage Geste, „ich weiß nicht genau, ein Jahr allerhöchstens, wahrscheinlich weniger, kommt darauf an, wie viele Zigaretten ich noch rauche...“, und dabei schaute er genüsslich auf den rauchenden Glimmstängel zwischen seinen Fingern und musste ein paarmal husten, „seht Ihr, geht eher in Richtung „weniger“, glaube ich.“

„Und du Edgar?“, fragte der Graf, „auch kurz vor dem großen Sprung?“

„Diabetes, Gicht und Rheuma und zwei Herzinfarkte... Reicht das?“

„Wie lange?“

„Ein Jahr noch, vielleicht, falls ich fleißig abnehme!“

„Was mich betrifft“, begann der Graf, „Ihr wisst es wahrscheinlich noch nicht, Prostatakrebs, inoperabel – noch ein paar wenige Jahre, höchstens...“

„Das nenne ich mal eine tolle Auswahl hier“, sagte Udo und lachte trocken, „wenn ich richtig mitgerechnet habe, dann überleben nur unsere Damen hier länger als ein Jahr.

„Wir sind eben das stärkere Geschlecht“, gab Sarah für die Fraktion Frauen zur Antwort.

„Wohl wahr“, bestätigte der Graf und fragte dann „und was bedeutet das jetzt?“

„Dass ihr Männer in Hannelores Situation seid“, sagte Hanna leise, „oder fast.“

„Und mich fragt niemand?“, gab Tante Greten laut aus der Rauchwolke, „Ihr glaubt wohl, ich sei zu alt dafür?“

„Nein“, sagte Hanna, „hier wird niemand ausgeschlossen, willst du denn dabei sein?“

„Und wie“, bestätigte Tante Greten „wobei?“.

„Willkommen im Club“, sagte Wolf-Dieter zu Tante Greten, die ihren Zigarillo inzwischen aufgeraucht hatte, „es stellt sich die Frage, wollen auch wir tun, was Hannelore getan hat?“, sagte Wolf-Dieter.

„Oder besser, wollen wir das in allen Konsequenzen?“

„Wie meinst du das?“

„Ich meine, mit Selbstmord.“

„Wenn sich`s vermeiden lässt, ohne...“, sagte Udo und schaute in die Runde.

„Sagt mal, meint ihr das ernst?“, fragte Sarah.

Alle schauten sich an. „Weiß nicht?“, sagte der Graf, „irgendwie schon... oder?“. Er schaute erst Wolf-Dieter und dann Udo an, dann auch Edgar, der gerade die Tagesfächer seiner Pillenschachtel kontrollierte.

Edgar schaute zu Boden, als ob er dort die Antwort finden könne, dann sagte er: „Man müsste es mal ausprobieren – ich meine, ob man es kann, also einen umzubringen, meine ich, man ist ja schließlich nicht als Mörder auf die Welt gekommen, oder... Und man sich die Frage beantworten, will ich so aus der Welt gehen? Nicht alleine? Aber die große Frage ist doch: Wen und wie? Und kann ich überhaupt jemanden um die Ecke bringen?“

„Wen?“, sagte der Graf, „Das findet sich, die andere Frage ist das Wie? Waffen gibt es nicht an der Ecke zu kaufen.“

„Man muss doch nicht immer schießen“, sagte Wolf-Dieter leise, „es gibt Gift, Messer, Eisenstangen, Strom, Unfälle... Man kann vom Balkon stürzen. Wahrscheinlich gibt es fast so viele Arten zu sterben, wie es Menschenleben gibt.“

„Naja schon, vielleicht. Aber jemanden zu erstechen, also, denkt nur mal, zum Beispiel dreimal zustechen, um sicher zu sein, dass man eine große Aorta oder so getroffen hat... all das Blut! Ekelhaft! Ich weiß nicht, ich glaube, das könnte ich nicht.“

„Ja, im Fernsehen werden auch fast alle erschossen, andererseits, neulich wurde eine Frau in der Badewanne ertränkt.“

„Nun komm erst mal an jemanden heran, der oder die nackt in der Badewanne sitzt, da musst du schon sehr eng mit der oder dem sein. Nee, das Erschießen scheint mir noch am einfachsten zu sein. Zielen, Finger krumm machen und... Bumm!“

„Ja, Finger krumm und bumm... das hört sich einfach an – aber du musst auch erst einmal eine Wumme haben.“

„Wumme?“, fragte Sarah, „Du meinst eine Pistole?“

„Pistole, Revolver, Gewehr.“

„Wo hatte Hannelore ihre denn her?“

„Von ihrem Vater, aus dem Krieg, hast ja gehört.“

„Und die hat noch funktioniert?“

„Offenbar, ganz offensichtlich.“

„Aber mit Pistole oder Revolver ist es ja nicht getan. Du brauchst Munition!“

„Hat denn nicht jemand eine?“, fragte Hanna.

Alle schauten sich an, dann schüttelte der Graf den Kopf: „Offenbar nicht.“ Tante Greten stand leise auf und murmelte, dass sie gleich wieder da sein würde.

„Warum habt ihr denn die von der Hannelore nicht mitgenommen, die hat sie doch nicht mehr gebraucht.“

„Weil die Bullen dann sofort gewusst hätten, dass da noch jemand am Tatort gewesen war.“

„Ach so, ja, klar - und dann hätten die natürlich gesucht.“

„Also brauchen, ich meine, im Falle eines Falles bräuchten wir Pistolen. Kennt sich denn jemand damit aus? Und woher kriegen wir die?“

„Kriegt man die nicht im Bahnhofsviertel?“, fragte Sarah, „ich meine, ich brauche ja keine, aber...“

„Ich weiß nicht so recht“, sagte der eher praktisch veranlagte Udo, „da kann man doch schlecht auf einen verdächtig aussehenden Typen im Hauptbahnhof zugehen und ihn fragen, ob er zufällig eine oder mehrere Pistolen zu verkaufen hat.“

„Ausprobieren?“, fragte Edgar.

„Was? Jemanden fragen?“

„Nein. Ich meine, man müsste sich da mal ein bisschen rumtreiben und erst mal schauen.“

„Ich habe mal gehört, dass auf dem Flohmarkt in Riem…“

„Das ist doch dasselbe Problem. Wie erkennt man, ob jemand eine Waffe zu verkaufen hat. Da schreibt doch niemand auf sein Schild, dass es bei ihm Knarren gibt, wie neu, kaum gebraucht und auch sehr preiswert, wie stellst du dir das denn vor?“

„Also ich hätte immer Schiss, auf einen Undercover-Agenten zu treffen.“

„Gibt es so etwas in Riem?“

„Keine Ahnung, vielleicht?“

„Also was nun, Leute, ein großer Plan schnell beerdigt?“

„Nein, wir machen das wie die Politiker.“

„Hä?“

„Arbeitsgruppe! Wir bilden eine Arbeitsgruppe „Waffenbeschaffung.“

„Und was macht die dann?“

„Erst einmal die theoretischen Grundlagen schaffen.“

„Und die wären?“

„Erstens: Was gibt es für Waffen? Zweitens: Welche sind für uns geeignet? Drittens: Wo bekommen wir die her? Und viertens: Was kosten die?“

„Dafür braucht es doch keine Recherche: 22er Pistole. Steht in jedem vernünftigen Krimi. Die Waffe der Profikiller. Die Kugel geht in den Kopf rein aber nicht wieder heraus, sie prallt so lange von den Schädelknochen ab und flitzt dabei kreuz und quer durch das Gehirn, bis die Energie verbraucht ist. Absolut tödlich und sauber“, sagte Hanna, „das weiß doch jeder Krimileser!“

„Ach nee“, meinte der Graf, „dann bist du also das erste Arbeitsgruppenmitglied?“

„Nein, dazu braucht es Beine, die laufen könnten - und schau meine an... Ich käme nie weg, falls es einmal knapp werden sollte.“

„Mit dem Rennen tun wir uns alle schwer.“

„Nein, das meine ich ja nicht, bei mir ist es ja auch das Laufen im Sinne von Gehen; ich habe auch nicht die Nerven dafür. Und ich sehe euch schon durch Polen und durch die Ukraine fahren. Ich habe einen anderen Vorschlag: Ich mache den Finanzier! Diese Arbeit machen Udo und der Graf, schlage ich vor.“

„Per Akklamation angenommen“, sagte Wolf-Dieter, „dann legt mal los, ihr beiden! Ich schlage vor, ich mache erst ein paar Internetrecherchen in wechselnden Internet-Cafés natürlich, und dann sollte einer von uns in den Lesesaal der Staatsbibliothek gehen, da ist man ziemlich anonym. Ich habe da vor Jahren mal ein Buch gefunden, das ging über Rechtsmedizin – alle Arten zu morden waren darin beschrieben und wie die Polizei sie nachweist. Vielleicht finden wir es ja wieder?“

Er musste eine kurze Hustenpause einlegen und fuhr dann fort: „Ich meine, eigentlich könnten wir alten Zausel in unserer Situation ja sogar mit rauchender Pistole neben dem Opfer stehen bleiben, uns traut keiner was zu, aber was, wenn einer zwei oder drei Leute umnieten will – und man muss sich ja auch nicht gleich selber wegwerfen.“

„Sag mal“, sagte Sarah entgeistert, „sprichst du jetzt von Massenmord, oder was? Bist du krank? Ich meine, wir reden hier ernsthaft davon, dass und wie wir ein paar Leute umbringen, die uns früher mal etwas angetan haben, das ist ja schon krank genug, finde ich, aber jetzt jeder gleich mehrere bis viele vielleicht?“

„War nicht so gemeint“, lachte Wolf-Dieter sie an und dachte insgeheim, dass sie eigentlich ja Recht hätte.

„Nun mal halblang mit den jungen Pferden“, sagte der Graf, „noch machen wir gar nichts, weil wir gar nichts machen können.“

„Aber wenn, dann doch...“

„Aber erst dann!“

„Und wenn wir die Pistolen haben?“

„Dann?“

„Dann muss jeder für sich entscheiden, was er damit machen will. Keine Absprachen, kein Reingerede.“

„Aber man darf die anderen dabei nicht gefährden.“

„Nein, keinesfalls!“

„Fünfundneunzig Prozent der Morde werden aufgeklärt, weil enge Verwandte die Mörder waren, oder weil enge Beziehungen zwischen Opfer und Mörder bestanden“, sagte Hanna, „die findet die Polizei schnell.“

„Solche sind ausgeschlossen!“

„Und den Rest der Mörder kriegen sie, weil die dem Geld folgten. Unsere Opfer dürfen also keine Verwandten sein, zumindest keine nahen, und wir dürfen keinen Profit aus der Sache ziehen. Nur Befriedigung! Dann haben wir gute Chancen, davon zu kommen“, ergänzte Hanna.

„Obwohl das eigentlich nicht wichtig ist, das Davonkommen, meine ich“, gab der Graf zu bedenken, „aber gleich beim ersten Mal danach Selbstmord, nein danke!“

„Jetzt ist der schon wieder beim Massenmord“, stöhnte Sarah.

„Nein“, sagte der Graf, „aber ich bleibe auch nicht neben der Leiche stehen – oder vielleicht doch, wenn`s mich nämlich umhaut, moralisch oder so. Aber man kann`s doch auch sportlich sehen, oder?“

Sarah stöhnte nur lauter auf und sagte nichts.

„Naja“, sagte Hanna lächelnd in die Runde, „ich habe noch eine ganz besondere Flasche Champagner aufgehoben, vielleicht ist jetzt der Moment, sie zu köpfen? Sarah, wärest du so nett? Sie steht auf Eis in der Speis, und Wolf-Dieter, holst du die Gläser?“

Udo öffnete die Flasche ganz zart und goss die Gläser voll. Als er Tante Greten ihres geben wollte, schaute er suchend in die Runde: „Nanu, wo ist sie denn hin, unsere Alterspräsidentin?“

In dem Moment ging die Tür auf und Tante Greten kam herein. In ihrer Hand hielt sie einen in einen grauen Lappen eingewickelten Gegenstand, den sie auf den Tisch legte. „Hier“, kicherte sie, „ich bin bereit“, und damit wickelte sie eine alte Pistole aus, „was die Hannelore hatte, habe ich schon lange.“ Alle schauten sie verblüfft an. „Tante Greten“, sagte Hanna, „ich wusste ja gar nicht...“

„Ach, Kindchen“, sagte Tante Greten, „Du weißt so viel nicht! Von mir aus kann`s losgehen!“. Sie nahm ein Glas und sagte fröhlich in die Runde: „Prost! Habt ihr schon wen?“

„Was meinst Du?“, fragte Hanna.

„Ob ihr schon einen ausgeguckt habt? Ich bin bereit!“. Sie schaute jetzt listig in die Runde, „wisst Ihr, mit sechsundsechzig Jahren mag das Leben angefangen haben, sagt Udo, Udo Jürgens! Nicht Du, Udo. Aber mit achtundachtzig hat man nicht mehr viel Zeit. Da eilt das, alles, meine ich? Also wer?“

„So schnell schießen die Preußen nicht, Tante Greten“, sagte Udo lachend.

„Hab` ich mir doch gedacht, dass ihr nix gebacken kriegt!“, antwortete Tante Greten und wickelte die Pistole wieder ein, „naja, jedenfalls wisst Ihr, wo ihr eine herbekommen könnt.“ Drehte sich um, sagte „Gute Nacht!“, und verschwand.

Aber kaum war die Tür hinter ihr zu, öffnete sie sie wieder, schaute Udo an und fragte: „Udo, hast du morgen Vormittag mal Zeit, für mich – der Wasserhahn tropft, das nervt! Oder kommst du zum Frühstück? Dann bekomme ich auch mal Semmeln.“

„Klar“, sagte Udo, „ich hole Brötchen. Ich komme so gegen zehn.“

Jetzt verschwand Tante Greten endgültig.

Hanna schaute stolz in die stumme Runde, lachte laut auf und meinte: „Wer hätte das gedacht, meine Tante Greten...“

„Ab sofort: Unsere Tante Greten!“ sagte der Graf, der froh war, endlich zur Toilette gehen zu können „machen wir Schluss für heute.“ Und damit löste sich die Runde auf.

21. März. Bei Tante Greten

9.45 Uhr. Gegen viertel vor zehn erschien Udo im Laden, grüßte fröhlich mit „Moin Moin!“, und sah, dass er allein im Laden war. „Hallo“, rief er, „Frau Z.? Keiner da?“

Hinten in der Küche rumorte es eine Zeit lang, dann erschien die strahlende Frau Z., sich die Hände in einem Küchenhandtuch abtrocknend.

Sie mochte Udo und vor allem seinen norddeutschen Dialekt. Manchmal sagte sie „Udo, sagen sie doch mal was, das ist immer so lustig.“. Sie meinte aber nicht „witzig“, sie meinte eher, dass es sich für bayerische Ohren ungewohnt und damit irgendwie etwas lustig anhörte, wenn Udo auf „Hamburger-Hafen-Modus“ umschaltete und dann irgendwelche Döntjes aus seinen Hafen-Jahren zum Besten gab. Die mussten auch nicht wahr sein, wenn es nach Frau Z. ging, sie sollten sich nur „schee“ anhören – und sie waren ja auch nie „wahr“ - oder wenn doch, glaubte sie trotzdem niemand.

„Moin“, sagte Udo jetzt im halben „Hamburg-Modus“, um Frau Z. eine kleine Freunde zu machen, „ham´ sie noch Brötchen?“

Brötchen - das war in München so eine Sache, Brötchen gibt es in Norddeutschland (Udo betonte stets, dass es Brötchen in „Deutschland“ gäbe!), in München gibt es keine Brötchen, da sind das Semmeln.

Also lernte er gleich mal wieder, aber richtig: „Aber Udo, des san‘d doch Semmän!“

„Auch gut, ich nehme drei und eine Brezel.“

„Brezn. So an großen Hunger heut früh? Oder müssen sie eine Dame zum Frühstück bewirten, sie Schlimmer?“, fragte Frau Z.

„Nö“, sagte Udo, „nix da mit die Frunslüüd... Das ist lange her.“

„Nana, sie sind doch ein stattliches Mannsbild, Udo, wirklich, da wird doch scho no was gehn, oder?“

„Hhm“, machte Udo, „ach nö, wissen Sie, das ist so kompliziert mit die Frauen, nee, ich gehe nur zu Tante Greten zum Frühstück, da leckt der Wasserhahn!“

„Müssens mal wieder was reparieren, gell? Na, sie haben schon ein gutes Herz Wenn wir sie hier nicht hätten…“

„Ach“, sagte Udo, „da nicht für! Kann ich jetzt meine Brötchen haben, Tante Greten fällt sonst vor Hunger vom Hocker.“

„Ach Udo, sie aber immer, sie sagen solchene Sachen, die fällt doch nicht vom Hocker, weil, die hat doch gar keinen. Ja, natürlich“, beeilte sich Frau Z. daraufhin, „die Brötchen, oh, mein Gott, jetzt sage ich auch schon Brööötchen statt Semmeln, sie können eine arme Frau aber auch ganz schön durcheinander bringen, Udo“, lachte sie und reichte ihm dann die Tüte. „Brauchens auch an Aufschnitt oder einen Butter?“

„Nö, das wird Tante Greten schon haben, sonst gibt es Marmelade.“

„Ja, Marmelade hat sie gestern gekauft, Kirsche und Johannisbeere und an Butter müsste sie eigentlich auch noch daheim haben...“

„Na, denn kann ja nix schiefgehen“, lachte jetzt Udo, „gut, dass sie so etwas alles wissen.“

„Ach, das ist ja nur, weil sie gestern erst hier war. Sonst wüsste ich das ja nicht, ich bin ja auch nicht neugierig.“ Und als Udo sich schon umdrehen wollte, um zu gehen, sagte sie: „Ich krieg fei noch einen Euro achtzig.“

„Oh, Entschuldigung“, entgegnete Udo, „das kommt von das Palavern, nicht?“

„Das...was?“

„Das kommt von dem vielen Gerede“, er gab ihr zwei Euro, „passt schon, der Rest ist für die Wechselkasse!“. Frau Z. legte das Geld in die Kasse, entnahm der sorgfältig zwanzig Cent und warf sie in das Einweckglas auf dem Warmhalteofen für den warmen Leberkäs und fragte dann: „Das war schon eine schöne Trauerfeier gestern, netwahr?“

„Ja, war ganz nett.“

„Nett? Nur nett? Also ich weiß nicht, ich fand sie schön – und die Blumen waren so schön.“

„Ja, obwohl – ein paar von den anderen hätten wohl es wohl lieber klassisch gehabt, so mit einem richtigen Kranz mit Schleife, nicht?“

„Hat es Ihnen denn nicht gefallen? Der Blumenteppich von den Blumenbuben, meine ich.“

„Ich fand´s sehr gut.“

„Na, dann ist ja alles in Ordnung!“

„Den Brief haben sie sehr schön vorgelesen.“

„Ja? Danke, gell! Obwohl – ich musste an mehreren Stellen fast weinen.“

„Das mussten doch alle.“

„Naja, es war aber auch traurig, nicht? Einfach so den Vater von der eigenen Tochter erschießen...“

„Sie fand, sie hätte genügend Gründe.“

„Ja schon, aber es dann auch zu machen, also zu schießen, meine ich. Sie haben ihr scho a bissi g‘holfen, nicht?“

Jetzt wurde Udo aber aufmerksam und sehr vorsichtig: „Wie kommen sie denn darauf?“

„Ich dachte halt, ich hätte so etwas gehört.“

„Was denn?“

„Dass sie sie hingefahren hätten?“

„Unsinn! Wie denn, ich habe doch gar kein Auto, nee, Frau Z., da hat ein unverantwortliches Plappermaul Tüttelkram erzählt, wer denn?“

„Tüt...was?“

„Tüttelkram, Frau Z., Lügengeschichten!“

„Ach so, ja, die Frau Plüschke, die verzählt...“

„Ach so, die Plüschke, die kann`s Maul unter der Perücke mal wieder nicht halten, was? Und der ausgerechnet glauben Sie?

„Nein, natürlich nicht, der doch nicht, aber ich dachte, ich frage mal... bevor es jemand anderer tut, Udo!“

„Sie haben das doch gestern auch selber vorgelesen, dass sie es allein getan hat, ganz alleine.“

„Ja klar, Udo“, sagte Frau Z. bestimmt, „da hams recht, da sehen sie mal, was andere für einen Schmarrn rumerzählen. Na, die soll mir wieder unter die Augen kommen, die Plüschke, die bläde Amsel. Also nun gehns a mal zu, sonst wartet die Tante Greten bis zum Mittag auf ihre Frühstücks-Semmel. Wollen sie nicht noch zwei Eier mitnehmen? Die hat sie nämlich nicht, soviel ich weiß, halt.“

„Gute Idee! Zwei.“

„Weiße oder braune?“

„Ist egal, ach, lieber braune – das sieht mehr nach Heckenkratzer aus...“

Als Udo den Laden mit den Semmeln, der Brezn und zwei braunen Eiern in einer Papiertüte verließ, saß Herr F. auf einer umgedrehten Bierkiste neben der Ladentür, eine Zigarette rauchend, und hatte den Hübnerplatz „optisch voll im Griff“. Er grüßte Udo mit den Worten, dass sein Tag lang, segensreich und erfolgreich sein möge... Udo wünschte ihm dasselbe.

„Ach“, sagte Herr F. von unten herauf und qualmte, „ich habe da einen neuen Rotwein... vom Feinsten sage ich Ihnen, Udo, den müssen sie probieren. Ein Franzose. Super bewertet! Neun Euros die Flasche!“

„Na, dann legen sie mir eine Kiste zurück!“

„Höchstens fünf Flaschen, eine muss ich selber trinken.“

„Na gut“, sagte Udo, „ich schaue heute Nachmittag noch einmal rein. Der Sancerre von letzter Woche war übrigens S-pitze!“, und stolperte dabei gewollt „etwas über den spitzen Stein - von wegen dem Hamburger, den er heute Morgen im Laden gab.

„Ja, nicht?“, antwortete Herr F. „der ist richtig gut!“, und schmatzte leicht bei der schönen Erinnerung, die der Wein auf seiner Zunge hinterlassen hatte, „ich kriege davon noch ein paar Kisten.“

„Sagen sie mir Bescheid, wenn die da sind!“. Damit verabschiedete sich Udo und trottete zu Tante Greten, die ja nur ein paar Häuser weiter wohnte.

Er klingelte und Tante Greten betätigte nach geraumer Zeit den Summer. Udo lief die Treppen hinauf (also, um ehrlich zu sein, als „hinaufstürmen“, „hinaufrennen“ oder „hinauflaufen“ konnte man es nicht wirklich bezeichnen, aber er beeilte sich zumindest) und kam bei Tante Greten im zweiten Stock etwas atemlos an.

„Na“, fragte Tante Greten, „hast du dich im Laden festgeredet?“

„Bin ich zu spät?“

„Nein, aber ich habe Hunger, sonst frühstücke ich ja früher – es heißt doch nicht umsonst Frühstück“, lachte die alte Dame, die schon vollständig angezogen war: Schuhe, Rock, Pulli und daraus lugte ein Spitzenkragen. Die grauen Haare waren mit der Dauerwelle, der sie ab und zu mit der Brennschere nachhalf, immer adrett. Richtig flott sah sie aus mit ihren achtundachtzig Jahren!

„Was gibt es denn?“, fragte sie neugierig.

„Semmeln oder Brezn habe ich mitgebracht, was willst Du?“

„Hast du Eier mitgebracht? Frau Z. hat dir doch sicher gesagt, dass ich keine im Hause habe?“

„Jawohl! Zwei Stück.“

„Da ist der Eierpiekser und das Wasser habe ich schon aufgesetzt. Machst du das bitte?“

Udo war ohne weiteres in der Lage, nach solchen Vorgaben zwei weich gekochte Eier herbei zu zaubern.

„Ich habe im Wohnzimmer am Fenster gedeckt, da scheint die Sonne so schön rein um diese Zeit“, rief Tante Greten aus dem Zimmer über den Flur, „Kaffee ist auch schon fertig. Du trinkst doch Kaffee? Oder willst du lieber Tee? Tee steht oben rechts im Küchenschrank.“

Tante Greten hatte eine klassische alte Küche mit Gasherd, Küchentisch und Küchenschrank (der mit den zwei Glastürchen und dem Brotfach).

„Kaffee ist okay!“, rief Udo zurück.

„Wie bitte?“, rief Tante Greten, „ich höre in letzter Zeit etwas schlechter, weißt du“, und damit kam sie in die Küche.

„Kaffee ist genau das Richtige für mich“, sagte Udo also noch einmal und schaute sich um, „welcher Hahn tropft denn?“

„Der im Badezimmer, aber jetzt wollen wir erst einmal frühstücken, die Sonne scheint so schön!“

Der Küchenwecker, den Udo eingestellt hatte, klingelte, um anzuzeigen, dass die Eier weich sein müssten. Udo stellte also das Gas unter dem Topf aus und schreckte die Eier fachkundig unter kaltem Wasser ab.

„Perfekt!“, lobte ihn Tante Greten.

„Gelernt ist gelernt!“, meinte Udo nur und stellte die Eier in die Eierbecher aus Bakelit. „Echte Antiquitäten!“, bewunderte er die.

„Ja“, sagte Tante Greten, „die muss ich mir 1950 gekauft haben oder warte mal, das war wohl eher 55, glaube ich. Die halten ewig, das ist nicht so ein neumodisches Zeug, das gleich kaputt geht. Naja, ich bin eine alte Frau, da muss ich wohl die alten Zeiten besser finden als die neuen, oder?“. Sie fasste Udo am Arm „nun komm, sonst werden die Eier kalt – und ich esse nur selten ein Frühstücksei, ich freue mich schon darauf. Ansonsten habe ich noch zwei Marmeladen.“

„Kirsche und Johannisbeere…“

„Woher weißt du das, Udo?“, fragte Tante Greten, dann lachte sie, „ach so, klar, Frau Z. – die ist lieb, nicht? Die kümmert sich so rührend um uns, ihre Alten. Wenn ich mal ein paar Tage nicht bei ihr im Laden war, dann kommt sie und schaut nach, ob ich noch lebe. Sie hat natürlich immer einen guten anderen Grund reinzuschauen, sie kann ja nicht sagen, sie wollte nur wissen, ob ich noch lebe oder schon tot in der Wohnung vermodere... Nun schau nicht so! Dabei ist ihre Sorge doch berechtigt – in meinem Alter! Nein, ich mag sie und ihren Herrn F., was täten wir hier ohne die? Die müssten mal einen Orden bekommen für das, was die leisten – aber den geben sich die Politiker lieber selber.“

Sie schüttelt den Kopf. „Politiker!“, schimpfte sie noch einmal, „hast du gelesen, dass der Oberbürgermeister sich ein halbes Jahr lang aus seinem Amt hat beurlauben lassen, weil er Wahlkampf gegen den Ministerpräsidenten betreiben will, diesen Herrn Seehofer, den – naja – Wendehals? Also ich weiß nicht, gehört sich das?“

„Und die Eier von der Frau Z, die sind besonders gut“, wechselte sie wieder das Thema, „die hat einen Eiermann, der kommt einmal die Woche, glaube ich, und der hat noch so richtige Hühner, die frei herumlaufen.“

„Heckenkratzer!“, unterbrach Udo sie.

„Genau, so sagt man wohl, Heckenkratzer, die laufen frei rum und picken alles Mögliche auf, nicht so wie die armen Industriehühner... brr, ich habe das neulich im Fernsehen wieder gesehen, grauenhaft, sage ich Dir. Dass die Leute solche Eier überhaupt kaufen... und wenn du die brätst, diese scheußlichen Eier, da ist das Eigelb gar nicht richtig gelb und steht auch nicht so schön fest und hoch über dem Eiweiß“, und dabei schüttelte sie sich „weil, frisch sind die auch nicht, das sieht man am Dotter“.

„Du bist gut informiert, Tante Greten!“, lobte Udo die Eierkundige.

„Du meinst wohl, eine alte Frau interessiert sich nicht mehr? Da in der Ecke“, sie nickte in die Ecke hinter Udo, der sich umdrehte und einen sehr hohen Stapel Zeitschriften sah, „da hast du alle Spiegel-Ausgaben der letzten beiden Jahre... alle gelesen und die Tageszeitung lese ich auch. Und ich mach das Sokudu, ähm, Sodoku. Das hättest du nicht gedacht, was? Nimmst du eine Semmel oder die Brezn zum Ei?“. Nachdem Udo mit den Schultern gezuckt hatte, entschied sie sich für die Brezn.

„Die sind auch von der Frau Z., naja, besser als manche andere. Du hattest wohl keine Lust, zum Bäcker in der Volkartstraße zu gehen?“

„Nee, hatte ich keine Lust zu.“

Dann saßen sie schweigend im Sonnenlicht, verputzten ihr Frühstück und ließen den lieben Gott einen guten Mann sein.

„Bist du nur zum Frühstücken gekommen oder willst du auch arbeiten?“, fragte die alte Dame nach einer geruhsamen Weile. „Eine Zange und einen Schraubenzieher habe ich dir hingelegt, wenn du etwas anderes brauchen solltest, kriegen wir Probleme.“

„Wird schon gehen“, murmelte Udo im Aufstehen,

„Was?“, sagte Tante Greten und hielt sich die Hand hinter ein Ohr, „ich bin eine alte Frau und höre nicht mehr gut. Du musst schon laut und deutlich mit mir reden und zu mir gewandt!“. Sie lachte Udo bei diesen Worten schelmisch an.

„Schon gut“, sagte der diesmal laut und deutlich und zu ihr hin, „ich schaue mal...“

„Brüllen musst du nun auch nicht, ich bin ja nicht taub!“

Udo lachte nur, ging ins Bad und kam nach fünf Minuten wieder ins Wohnzimmer.

„Alles klar“, sagte er, „War ´nen Klacks! Tropft nicht mehr!“

Tante Greten hatte in der Zwischenzeit das Frühstücksgeschirr abgeräumt, jetzt standen da zwei Likörgläser auf dem Tisch.

„Ein Likörchen?“, lächelte sie ihn an, „ist ja noch früh am Morgen, naja, nicht mehr ganz so früh, du hast ja so getrödelt... da kann eine alte Frau schon etwas zur Stärkung gebrauchen... Oder ist Likör nichts für dich , willst du was Stärkeres für den starken Mann? Ich hätte noch einen Doppelkorn, schön kalt.“

„Na denn nehme ich den Korn“, sagte Udo und schaute skeptisch auf die alten Likörgläser, die sich weit nach oben öffneten und die einen Schliff aufwiesen. So etwas sah man nicht mehr oft.

„Korn ist im Kühlfach“, sagte Tante Greten, „und weil ich eine so alte Dame bin...“

„...hol ich mir den selber!“, führte Udo ihren Satz zu Ende. Schmunzelnd kam er zurück und hielt eine Miniflasche in der Hand: „Was soll das denn sein? Soll das einmal eine richtige Flasche werden?“

„Eine Doppelportionsflasche Doppelkorn, gut gekühlt. Ich trinke das Zeug nicht, da muss man sich ja schütteln, brrr, das habe ich nur für dich geholt. Da bin ich extra zum Kiosk gegangen – weil, das mit dem Korn muss Frau Z. ja nicht wissen, finde ich, sonst denkt die noch, ich trinke so etwas.“

„Und weil der Wasserhahn so selten tropft, hast du gedacht, eine erwachsene Flasche wäre Verschwendung.“

„So in etwa“, bestätigte Tante Greten und goss sich einen ordentlichen Likör ein: „Prost, mein Junge!“, sagte sie und nuckelte das Glas langsam, aber ohne es zwischendurch abzusetzen, leer. „Lecker!“, sagte sie abschließend und stellte das Glas weg. „Als ich jung war, haben wir die Gläser noch ausgeschleckt. Gab ja nichts in der schlechten Zeit... Aber in meinem Alter gehört sich das ja nicht mehr, die Zunge so rauszustecken, meine ich! Oder“, fragte sie, „macht es dir nichts aus?“

Als Udo den Kopf schüttelte, nahm sie ihr Glas und leckte es aus, stellte sie es zufrieden wieder auf den Tisch. Dabei sah sie wie ein junges Mädchen aus, das einen frechen Streich ausgeheckt hatte. „So schmeckt es doppelt so gut!“, lächelte sie Udo an. „Schade, dass die schönen Zeiten so schnell vergehen... vergangen sind...“

„Du bist wann geboren?“, fragte Udo, „ich meine, ich will nicht unhöflich sein bei einer Dame...“

„Ach was“, winkte Tante Greten ab, „1920!“

„Dann warst du bei Kriegsausbruch 19 und 26 bei Kriegsende...“

„Ja, die ganze Jugend war vom Krieg versaut und die Jahre davor waren ja auch schon kein Zuckerschlecken.“

Udo deutete auf das Bild eines sehr jungen und sehr gut aussehenden Soldaten in schwarzer Uniform, das auf der Anrichte stand und fragte: „Wenn ich fragen darf, Tante Greten, wer ist das?“

Sie schaute auf das Bild, zuckte mit den Schultern, atmete tief durch und sagte: „Das ist der Hans, mein Mann...“

„Du warst verheiratet? Das wusste ich ja gar nicht.“

„Ja, naja, irgendwie schon...“

Udo schaute sie fragend an, sagte aber nichts. Er wartete, dass sie weitersprach – wenn sie es wollte.

„Er war der schönste junge Mann in der Straße, ach was, in der Stadt! Ich war damals auch sehr hübsch, musst du wissen... Wir gehörten zusammen... wir waren sehr jung. Er war gute zwanzig, ich war achtzehn als wir uns... verliebten.“

Sie schaute jetzt ins Nichts, holte wohl die Erinnerungen hervor – oder drängte einige zurück. Sie stand auf, nahm das Bild in beide Hände, schaute es lange an, küsste es und hielt es schließlich gegen den Busen gedrückt.

„Er hat sich 1940 freiwillig gemeldet. Zur SS, genauer zur Waffen-SS. Du weißt was das ist oder war? Sie haben ihn mit Kusshand genommen, er war so groß, so blond, so schön – und intelligent war er auch! Er ist nicht mehr zurückgekommen. Er wird wohl gefallen sein.“

Sie hatte Tränen in den Augen. „Ich habe ihn geliebt! Nie wieder habe ich so lieben können.“ Sie schnäuzte sich und tupfte sich die Tränen aus den Augenwinkeln. „Entschuldige bitte!“, sagte sie, „ich habe so lange nicht mehr geweint. Aber es kommt plötzlich alles so hoch... als ob es gestern wäre.“

Sie saß am Frühstückstisch, das Bild hatte sie jetzt vor sich auf den Tisch gestellt. Sie blickte durch die Tränen aus dem Fenster, sah in die Ferne, in eine andere Zeit... Dann begann sie zu erzählen.

„Es war eine sogenannte Ferntrauung. So etwas gab es damals. Man konnte sogar einen gefallenen Soldaten noch heiraten, denk nur mal! Aber meiner hat da noch gelebt, da war es eine Ferntrauung. Ich war auf dem Standesamt – mit weißem Kleid! - und zwei Trauzeugen. Im Standesamt lag auf dem Stuhl, auf dem Hans hätte sitzen sollen, ein Stahlhelm... und bei ihm war das ähnlich, nur dass da natürlich kein Standesbeamter war, sondern seine Vorgesetzten. Ja und dann waren wir verheiratet und haben uns trotzdem nie wiedergesehen! Und eine Hochzeitsnacht hat es also auch nie gegeben für uns. Ich war eine verheiratete Frau geworden und eine Jungfrau geblieben! Udo, das war und ist ein Scheißleben!“, entfuhr es ihr plötzlich – so einen Ausdruck hatte Udo von ihr noch nie gehört - und fuhr leise, fast flüsternd fort: „Ich weiß ja nicht einmal, ob er wirklich tot ist. Ich glaube es aber, ich fühle es... Und er hat sich dann irgendwann nicht mehr gemeldet. Erst kamen die Briefe ganz regelmäßig und dann plötzlich nicht mehr. Da habe ich es schon gewusst. Aber gehofft, gehofft habe ich immer, tue es noch, glaube ich. Als damals die Gefangentransporte aus Russland kamen, die letzten, weißt Du, da habe ich immer auf dem Bahnhof gestanden und nach ihm gesucht. So viele sind da noch gekommen, aber er? Er ist nie heimgekommen!“

Sie machte wieder eine lange Pause. Seufzte. Wischte sich die Tränen aus dem Gesicht.

„Und dann, viele, viele Jahre später, das muss schon in den Sechzigern gewesen sein, kam plötzlich eine Frau und fragte mich, ob ich die Grete sei, und wenn ja, dann habe sie einen Brief für mich, den ihr ihre verstorbene Mutter gegeben hätte, der sie versprechen musste, dass sie unbedingt nach mir suchen sollte, denn da war ein junger Soldat auf dem Treck über das Haff gewesen... Du weißt, wovon ich rede, Udo? Du hast von den Fluchttrecks gehört, die im Winter 1945 vor den anstürmenden Russen der Roten Armee über das zugefrorene Kurische Haff zogen? Die letzten kamen im Februar.“

Udo nickte.

„Und da sei ein Soldat gewesen, ein ganz junger, der den Bruder der jungen Frau unter Einsatz seines Lebens gerettet hätte, denn der hätte als Siebzehnjähriger aus dem Treck herausgeholt werden sollen, um noch im Volkssturm zu kämpfen. Dort wäre der vermutlich nur Kanonenfutter für die Rotarmisten gewesen. Der junge SS-Mann habe ihn aber laufen lassen und sogar noch in einem Pferdewagen versteckt, weil er das alles sattgehabt hätte, den unsinnigen Krieg und die unsinnigen Befehle. Und dieser SS-Mann habe ihr, also der Mutter von der jungen Frau, einen Brief für mich mitgegeben. Feldpost gab es da ja längst nicht mehr, und den Brief wollte sie mir jetzt, nach fast 25 Jahren Suche, geben, um das Versprechen ihrer Mutter einzulösen. Und dann hat sie mir den Brief gegeben. Der war schon ganz zerknüllt und das war ja auch kein gutes Papier damals im Krieg und dann noch an der Front. Er war aber noch zu lesen, schwierig... weil da waren Flecken und die Tinte war verschmiert. Aber er war wirklich von Hans und er war für mich. Und er hat geschrieben, dass er jetzt wohl nur noch Stunden zu leben haben würde, aber er könnte nicht einfach fliehen und die Zivilisten ihrem Schicksal überlassen. Er habe seine Ehre und den Eid auf den Führer, und das könne er nicht aufs Spiel setzen, nicht als SS-Mann, hat er geschrieben, und dass er mich immer geliebt hat und immer lieben werde, dass er nie an eine andere auch nur gedacht hatte, und er habe zu viel Schlimmes erlebt in Russland und wohl auch selber gemacht oder machen müssen, denke ich, ist ja letztlich auch egal, man hat ja später viel gehört, was die SS im Osten gemacht hat. Er, mein Hans, werde jetzt nicht weglaufen, hat er geschrieben, damit könne er nicht leben und deshalb würde er sterben. Der Russe sei nur noch ein paar Kilometer entfernt. Er könne sie schon hören! Die ersten russischen Panzer müssten jeden Moment auftauchen. Und dann hat er noch geschrieben, ich solle mich frei fühlen, ich sei ja noch so jung...“

Sie war eine ganze Zeit still, schaute nur aus dem Fenster und dann sagte sie: „In dem Brief hat er sich von mir verabschiedet, weil er noch an dem Tage sterben würde, das wusste er! Das konnte ich klar erkennen und das war sein letztes Lebenszeichen.“

„Mein Gott, Tante Greten, was für eine Geschichte, was für ein Schicksal.“

„Ach, mein Junge, da hat es ja Tausende von gegeben. Ich war beileibe nicht die einzige, die so etwas erlebt hat. Da kann dir jede Kriegerwitwe eine, ihre Geschichte erzählen... Eine schlimmer als die andere!

Und alle haben wir es ausgehalten, aushalten müssen. Aber sei mir nicht böse, bitte, ich möchte jetzt alleine sein... Trink Deinen Kaffee aber ruhig noch aus!“

Udo nahm den letzten Schluck aus seiner Tasse (Tante Greten hatte den Tisch mit den „guten“ Sammeltassen aus der Anrichte gedeckt, die sie ansonsten nur an Feiertagen verwendete), stand dann auf und verabschiedete sich von Tante Greten – er nahm sie in den Arm und sie war wie eine Feder, so leicht. Er spürte sie weinen und hielt sie deshalb noch eine Weile fest. Sie machte sich vorsichtig los von ihm und lächelte mit verweinten Augen zu ihm hoch: „Danke, Udo“, sagte sie.

„Wofür?“, fragte Udo, „das war doch ein Klacks mit dem Wasserhahn!“

„Nein, dafür dass und wie du mir zugehört hast – das hat mir richtig gutgetan. Und dass du nicht abfällig über meinen Hans gesprochen hast, weil er bei der SS war!“

„Weißt Du“, sagte Udo, „früher, als junger Mensch, da hätte ich bestimmt etwas gesagt, da kannte ich nur schwarz oder weiß. Aber inzwischen … inzwischen habe ich einige alte SSler persönlich kennen gelernt. Und weißt du was, die meisten waren alle irgendwie nette alte Männer. Diejenigen, die die Zeit aufgearbeitet haben!“

Sie schaute ihn an, Udo fuhr fort.

„Ich weiß nicht, was wäre, wenn es so etwas wie die Nazis und so etwas wie Elitetruppen, das war doch die SS, heute geben würde, ob wir es erkennen, ob wir gefeit wären. Die Zeiten sind so anders... Meine Familie, das waren damals Kommunisten, die waren wirklich gegen Hitler und haben viel riskiert, so bin ich auch erzogen worden. Das ist jetzt fast 70 Jahre her und, wie gesagt, die Menschen, die ich näher kennen gelernt habe, die sind nicht so viel anders als wir heute... Heute gibt’s andere Uniformen.“

Tante Greten nickte und sagte „Ja, Udo, so ist das wohl, ich war damals ja auch dabei, ich war ein deutsches Mädel. Und ich war begeistert , wie so viele. Ich weiß nicht, ob ich mir das heute vorwerfen muss, egal, ob man es musste oder nicht. Zum Widerstand hätte mir der Mut gefehlt. All das Schlimme, was damals passiert ist. Und ist das heute besser, was die Amis machen? Im Irak zum Beispiel, wie sie Vorwände für den Krieg erlogen haben? Aber ich bin ja nur eine alte Frau, interessiert doch keinen, was ich denke! Nun geh aber!“, und damit schob sie ihn aus der Tür.

Als er aus der Haustür trat, traf er Hanna und Sarah, die Hannas Rollstuhl schob.

„Hallo!“, grüße er, „wohin des Weges?“

„Ach, nur zum Kiosk – ich habe ein paar Comic-Bücher für Ernstl, die kennt er noch nicht... und vielleicht hat er ja auch was für mich?“

Sie hielt ihm einen Stoß Bücher hin. „Der Killer[7]“ las er. „Was ist das?“, fragte er Hanna. „Harte Kost!“, erwiderte die, „über das Innenleben eines Killers. Sollten die anderen von uns vielleicht auch mal lesen, ist interessant! Mir hat´s klasse gefallen – vor allem wenn der Kapitalismus bloßgestellt wird, sehr lesenswert. Und richtig gut gezeichnet.“

„Wenn Ernstl die durch hat, gerne“, sagte Udo.

„Machen wir uns auf den Weg?“, schlug Hanna Sarah vor. Damit packte sie Hannas Rollstuhl und begann zu schieben. Udo schaute ihnen hinterher – insbesondere Sarah. „man“, dachte er bei sich, „tolle Frau...“ Aber er schaute nur fünf oder sechs Schritte nach ihr, dann rief er ihnen nach: „Wartet, Mädels, ich komme mit bis zur Werkstatt, das ist ja ein Weg...“, und damit lief er hinter den Frauen her, die er gleich eingeholt hatte. „Soll ich Hanna schieben?“, lächelte er Sarah an, die so bezaubernd zurücklächelte, dass Udo fast das Herz stehen blieb. „Ach, mein Udo“, sagte sie, „das geht schon, ich bin eine starke Frau“.

An der Fasaneriestraße bogen sie nach rechts ab und Udo war wenige Schritte später am Hof des Metallhandels angekommen. „Besucht mich doch auf dem Rückweg“, lud er sie ein. Hanna schaute skeptisch in den Hof – da war kein Weg, alles lag voller Metallstangen und Rohre, über die man balancieren musste, wollte man Udos Werkstatt erreichen, aber nichts, wo ein Rollstuhl durchgekommen wäre. „Ach“, winkte Udo ab, „Ihr ruft mich und ich trage dich , Hanna, kein Problem!“

„Na, mal sehen“, sagte Hanna, „vielleicht, oder Sarah?“

Sarah nickte: „Interessieren würde mich Deine Werkstatt ja schon einmal wieder“, meinte sie, „ich war lange nicht mehr da, wie gesagt, mal sehen – oder ein anderes Mal. Aber dann sehr gerne.“

Und damit schob sie Hanna weiter. Udo schaute ihnen strahlend nach.

21. März. Am Kiosk in der Leonrodstraße

12.00 Uhr. Der Kiosk in der Leonrodstraße fast an der Ecke Fasaneriestraße ist ein kleiner Kiosk, völlig unspektakulär!

Wären nicht die großen Reklametafeln der verschiedenen Münchner Zeitungen und die vielen Strahler, die die Schilder in der Dunkelheit weithin sichtbar machten, auf dem Kioskdach gewesen, darunter am größten, buntesten und schrillsten das der mz, hätte man den Kiosk glatt übersehen können – er stand gegenüber den anderen Häusern in der Leonrodstraße ein paar Meter zurückgesetzt gleich neben der ehemaligen Tankstelle schräg gegenüber des Neubaus von AUDI.

Als Sarah mit Hanna um die Ecke bog, sahen sie schon, dass einiges los war an Ernstls Kiosk. Ernstl selber stand vor seinem „Laden“ unter der Markise und unterhielt sich mit drei Männern, die sie schon einige Male dort getroffen hatten, aber deren Namen Sarah und Hanna noch nicht geläufig waren, obwohl sie Stammkunden bei Ernstl waren.

Die beiden Frauen hatten sich den Respekt der Kunden, die keinesfalls Penner aber doch häufig Looser der Gesellschaft waren, erworben, indem sie ab und zu „praktische Lebenshilfe“ gaben – das konnte einfach nur ein guter Rat sein, das konnten im Winter ein paar selbst gestrickte Handschuhe sein oder auch mal ein spendiertes einfaches warmes Essen (mehr gab Ernstl´s Küche eh nicht her).

Hanna hatte bei Ernstl eine Art Sparschwein stehen, das sie ab und zu auffüllte – es war also eher ein kleiner Dukantenscheißer denn ein Sparschwein –, aus dem Ernstl ab und zu „die eine oder andere Mark“ entnahm, um sie unauffällig einem Kunden in Not zuzustecken.

Ernstls hervorstechendste Merkmale waren seine Größe von über zwei Metern und seine krumme und schiefe, auf jeden Fall aber enorm große Nase. Außerdem trug er meistens einen weißen Overall, wie ihn sonst Maler trugen und eine schwarze Wollmütze (ohne Troddel) auf dem großen Kopf. Wenn Ernstl in seinem kleinen Kiosk stand, hatte man als Kunde das Gefühl, dass er entweder eine bis zwei Nummern zu groß war für den Kiosk oder sein Kiosk eine oder zwei Nummern zu klein für seinen Besitzer.

Weil die Handwerker das kleine Verkaufsfenster zwar für seinen kleinen Vorgänger, der gerade einssechzig gemessen haben mochte, in bequemer Höhe eingebaut hatten, hätte Ernstl am besten hinter dem Fenster gekniet – er hatte das auch eine Zeit lang in Erwägung gezogen, den Gedanken dann aber schnell als zu albern verworfen. Und dann hatte er sich an die gebückte Haltung und die Rückenschmerzen gewöhnt. Inzwischen empfand er die Fensterhöhe fast als normal. Auch weil Helga, seine Freundin und Aushilfe, eine sehr kleine Person war…

Ab und zu stand Ernstl vor seinem Kiosk, „um die alten Knochen zu strecken“, wie er sagte. Er reckte und streckte sich dann. Wenn nichts los war, saß er neben seinem Kiosk in einem alten Sessel und las seine heiß geliebten Comics. Im Winter war er nie sehr lange draußen, denn das konnte doch ziemlich kalt werden da draußen auf der zugigen Straße.

Heute war so ein Tag: Strahlend blauer Himmel und knackige Kälte. Deshalb trug er über dem Overall einen riesigen selbst gestrickten Pullover. Den hatte nicht er gestrickt, sondern eine „Vorvorverflossene“. Und die musste Ernstl als noch eindrucksvollere Person im Kopf gehabt haben, als er in Wirklichkeit schon war, oder sie hatte sich wahnsinnig vermessen, denn die Ärmel waren so deutlich zu lang geraten, dass Ernstl die Ärmel ein Stück weit aufgerollt und dann mit einigen groben Stichen etwas zu hoch festgenäht hatte – man sah deutlich, dass Nähen „nicht sein Ding war“.

Sein Anblick war in diesem Aufzug, zugegeben, etwas albern… aber da war niemand, der auch nur zu lächeln gewagt hätte.

Denn Ernstl hatte Hände wie Kohlenschaufeln - und wenn er sie zu Fäusten ballte, waren das Fäuste wie Dampfhammer und er wusste sie auch einzusetzen… und dass wussten alle, die ihn auch nur halbwegs kannten.

Seine Nase war in mehreren Rummel-Boxkämpfen, mit denen er sich als junger Mann einige Jahre lang (im wahrsten Sinne) durchs Leben geschlagen hatte, einige Male gebrochen gewesen und auch die Ohren hatten etwas abbekommen – das gab ihm ein gefährliches Aussehen.

Auf Hannas Frage, dass er ja wohl das eine oder andere Mal ordentlich Dresche bezogen haben müsse, so wie seine Nase und seine Ohren aussahen, hatte er geantwortet, normalerweise ja nicht, aber dass da ab und zu schon Jungs aus Boxclubs in den Boxzelten auf den Rummelplätzen aufzutauchen pflegten, die durchaus etwas drauf gehabt hätten, und dann sei es auch schon einmal richtig zur Sache gegangen … Normalerweise, hatte Ernstl erläutert, durften die da gar nicht boxen, aber wenn das Zelt voll war und die Menge johlte und so einer sich meldete – was solltest du da machen? Ab und zu musste der Chef der Menge ja auch etwas bieten, nicht? Und in seiner Gewichtsklasse, Schwergewicht, stecke schon ein ordentliches „Pfund“ dahinter, wenn einer zulangen könne oder aus Zufall träfe…

Die meisten Schläge hätte er natürlich vermeiden können, aber die Dramaturgie so eines Abends im Zelt verlangte eben auch, dass er auch einmal angeschlagen wirkte (oder auch wurde) und wankte, und dafür hätte er den einen oder anderen Schlag eben einstecken müssen – da gewöhnst du dich dran, hatte er der interessierten Hanna erzählt, ist nicht so schlimm.

Und manchmal wollte die rasende Menge im Zelt einfach Blut sehen, und das rinnt eben am schnellsten aus der Nase. Und die besten Kämpfe für das johlende Volk waren immer die comeback-Kämpfe gewesen, in denen er schon fast am Boden war („aber nicht wirklich, weißt Du! Das musst du in dem Job auch können, so platt auszusehen.“) und dann in der letzten Runde den Kampf gedreht hatte. „Das Dumme war ja“, hatte er erläutert, „ich durfte in solchen Kämpfen, wo es für den Sieg um 50 Mark ging, ja nie richtig zuschlagen. Den anderen k.o. zu schlagen, das war nicht drin! Das waren ja auch meist keine richtigen Boxer, fast immer waren es nur tapsige Schläger, die sich vor den Kumpels oder den Mädchen mal groß tun wollten. Da konnte ich nur ein bisschen stupsen, nicht richtig zuschlagen.“

Aber, hatte er einmal erzählt, da hätte es einen richtigen Fight gegeben, den Kampf seines Lebens! Gut, sein Gesicht zeige heute noch die Spuren der Jahre damals. Aber Hanna hätte mal den anderen sehen sollen, der sähe heute noch ganz anders aus als vorher – denn in dem Kampf, dem einen, dem großen, damals auf dem Dom in St. Pauli gleich neben der Reeperbahn, da wäre es echt zum Showdown gekommen, man o man. Da hätten sie vereinbart, dass die Runden jeweils drei statt der bei Rummelkämpfen üblichen zwei Minuten lang sein sollten, und dass auch nicht nach zwei oder drei Runden Schluss sein sollte, sondern sie hatten sich auf acht Runden geeinigt! Acht Runden, genau „wie bei Europameisterschaften.

Die Unterschiede mögen sich nicht groß anhören, waren für die Kämpfer aber gewaltig! Er hätte schon gemerkt, als der andere sich ausgezogen und sich im Ring ein wenig warm gemacht hatte, dass da kein Fallobst im Ring gestanden hätte, der hätte was drauf gehabt, das war zu sehen, sportlich sei der gewesen, durchtrainiert und mit guten Muskeln, nicht solche Backpulvermuskeln aus den Muskelbuden von heute!

Die ersten beiden Runden hätten sie sich abgetastet, Du, der andere konnte boxen, wirklich! Ernstl hatte beim Erzählen unbewusst seine Boxposition eingenommen, hatte etwas getänzelt und hatte Hanna dann ein paar Schläge angedeutet. Es hatte fast echt ausgesehen. Jeder hätte einige Treffer gelandet, hatte er erzählt, die echt weh getan hätten. Und dann hätte es eine richtige Ringschlacht gegeben, da würden die, die dabei waren, heute noch davon schwärmen, das Blut sei bis in die vierte oder fünfte Reihe gespritzt, also ganz bestimmt nicht nur seines, und die Zuhälter hätten gejohlt und die Nutten geschrien vor Begeisterung!

Er hatte geglaubt, sein Gegner sollte ein besonders kräftiger und mutiger Zuhälter vom Kiez sein... Woher hätte er denn wissen sollen, dass die Zuhälter extra einen aus Polen geholt hätten, der wohl sogar ein- oder zweimal um die polnische Meisterschaft geboxt hatte oder so – wegen der Wetten, verstehen Sie?

Naja, zum Schluss hätten beide nur noch gewankt im Ring und gewonnen hatte keiner. Unentschieden, das war klar, auch der Pole hatte das gewusst.

Bloß das Arschloch von Ringrichter, der natürlich wusste, dass da viel Geld auf dem Spiele stand, um nicht zu sagen mehr, sehr viel mehr …, der hatte den Polen zum Sieger erklärt! Man weiß ja nicht, was sie mit dem gemacht hätten, wenn er, Ernstl, gewonnen hätte? Der Ringrichter hätte den anderen einmal bis 16 angezählt, damit der wieder aufstehen konnte und … „Ach“, hatte er dann noch gesagt und dabei abgewinkt, „ist ja eh egal heute! Das ist ja alles so lange her!

Dann hatte er gelacht und gesagt, nach so einem Kampf sähe man eben aus wie er jetzt und abgewinkt – ist doch egal jetzt. Und eine Schönheit sei er vorher auch nicht gerade gewesen...

Aber ganz ehrlich, wenn er den Ringrichter heute erwischen würde, er würde ihm immer noch „die Birne vom Körper hauen“, so schnell könnte der gar nicht auf einen Baum kommen – genau so wie der Peter Müller damals, der hatte ja auch den Ringrichter „umgehauen“.

Als Ernstl sie jetzt sah, freute er sich: „Oh“, rief er, „Leute – hoher Besuch! Hallo Frau Doktor, guten Tag, meine Schöne!“. Mit letzterem begrüßte er Sarah. Dann schaute er wieder Hanna in ihrem Rollstuhl an und bemerkte das Paket auf ihrem Schoß: „Ich sehe, sie haben wieder Literatur mitgebracht! Und gleich so viel… Was ist es denn diesmal?“

Hanna hielt ein kleines Paket (etwas größer als DIN A4 und wohl zwanzig Zentimeter dick) auf ihrem Schoß. Mit den behandschuhten Fingern nestelte sie an dem Band, das das Paket zusammenhielt, bekam es aber nicht auf.

Mit einem Lächeln und den Worten „Darf ich?“, nahm Ernstl ihr das Paket aus den Händen und legte es auf die kleine Platte vor seinem Verkaufsfenster, Tresen nannte er das Stück von jahrelanger Benutzung blank polierte Holz. Er begann an dem Knoten herumzufummeln, bekam ihn aber auch nicht auf. „Verfluchte Scheiße“, murmelte er leise, „wer hat denn diesen verdammten gordischen Knoten geschlungen? Einer vom Fischdampfer?“

Hanna lächelte ihn an: „Ich!“

„Ach so, naja, wird schon gehen, Frau Doktor.“ Er griff in die Tasche seines Overalls und holte ein Taschenmesser heraus, das sich in der riesigen Faust zu verlieren drohte, und ruckzuck war das Band aufgeschnitten. Er wickelte die Bücher aus dem Papier, nahm einen Band hoch, schaute ihn an und begann zu strahlen: „Leute, endlich, ihr glaubt es nicht… „Der Killer“ von Jacamon und Matz – und zwar alle acht Bände, die bisher erschienen sind.“ Er blätterte das zuoberst liegende Buch durch und staunte: „Das ist ja auf Französisch… wie heißt das? „La Tueur“ (er sprach es aus wie la tu-euer). Seit wann lesen sie die in der Originalsprache, Frau Doktor? Sie beeindrucken mich…“. Er blätterte weiter durch das Buch und fand schließlich die Widmung und die Signatur auf der ersten Seite. Er pfiff leise und sagte: „Frau Doktor! Mit Widmung! Was heißt das? Hhm, auch Französisch.“

„Für meinen Freund Ernst“, klärte Sarah ihn auf.

„Sie können Französisch, Sarah?“

„Nicht so gut...aber ich komme durch... durch Frankreich!“, antwortete die bescheiden.

Ernstl schaute Hanna strahlend an: „Wie haben sie das denn wieder geschafft?“

Hanna lächelte nur und sagte nichts.

„Sie waren wieder auf einem Kongress, stimmt´s?“

Er blickte in die Runde der drei Stammgäste, die alle in ihrem Kaffee rührten, von dem ein leichter Weinbrandgeruch aufstieg: „Männer, mit Widmung von Luc Jacamon, das ist der Zeichner!“, erläuterte er sein Wissen etwas auspackend „und von Matz“, ergänzte er in die Runde schauend, „das ist der Storyschreiber. Wisst Ihr, was das unter Freunden wert ist? Man o man, das ist unbezahlbar. Wie sie das immer nur schaffen, Frau Doktor?“

Hanna lächelte ihn an.

Dann erst begriff Ernstl: „Das ist ja mir gewidmet... Ist das für mich?“. Er strahlte Hanna fragend an. Die nickte: „Ja, ist für dich , ein kleines Dankeschön für die vielen schönen Geschichten, die du erzählst, erzählt hast.“

„Mensch, Hanna, danke, ich bin ganz fertig...“ Fast hätte man glauben können, der riesige Mann hätte eine Träne im Augenwinkel, denn er blinzelte ein paar Mal und schnäuzte sich lautstark in ein Taschentuch, das er aus den Tiefen des Overalls gezaubert hatte.

„Können wir irgendwann auch einen Kaffee bekommen?“, fragte Sarah höflich.

„Kaffee… na klar, für sie immer Sarah, mein Mädchen, und natürlich für die Frau Doktor. Kaffee natur oder die Spezialmischung?“ und damit nickte er in Richtung der drei, die inzwischen einen Platz unter dem Wärmepilz seitlich vom Kiosk gefunden hatten, den der Kiosk eigentlich gar nicht haben durfte – „aber wo kein Richter, auch kein Urteil oder so ähnlich“, pflegte Ernstl zu sagen und die Bullen, also die Polizisten, wärmten sich manchmal auch ganz gerne auf, wenn es draußen so richtig kalt war. Und so stand der Wärmestrahler jetzt schon die vierte Wintersaison da.

„Nein, lieber ohne für mich“, sagte Sarah „und Du, Hanna?“

„Für mich mit einem klitzekleinen Schuss „Spezial““, bestellt Hanna und rieb sich die trotz Handschuhen kalt gewordenen Hände.

„Jungs“, sagte Ernstl, „macht mal Platz am Tisch für unsere Frau Doktor hier und die schönste Sarah, die wir je hatten.“ Er baggerte Sarah immer ein bisschen an – aber beide betrieben das als nicht ernst gemeintes Spiel. Und damit schob er Hannas Rollstuhl resolut unter dem Wärmepilz und für Sarah fand sich auch gleich ein Plätzchen, denn die Jungs rückten gerne für so eine schöne Frau zusammen.

Ernstl verschwand in seinem Kiosk, in dem der Kanonenofen bollerte, und kam nach einem Moment mit einem Kaffee für Sarah und einem „Spezial“ für Hanna in den Händen wieder heraus. Er servierte die Kaffees als wären sie in einem Sternelokal: Mit Keks. Wenn er wollte, konnte sich der grobe Mann ohne weiteres sehr fein bewegen, er strahlte dann so etwas wie Grandezza aus, naja fast.

„Hallo“, rief es plötzlich von vorne, „wer ist denn hier der Kioskinhaber?“

„Wer will das wissen?“, fragte Ernstl über die Schulter, denn er bewunderte immer noch die Widmung.

„Wir sind von der mz und machen eine Artikelreihe über Kioske in München, ich bin der Redakteur und das ist mein Fotograf“, sagte der Dicke der beiden. Der als Fotograf bezeichnete, machte mit seiner Canon[8] die ersten Fotos.

„Nun mal nicht so schnell mit die jungen Pferde“, sagte Ernstl und trat zu den beiden. „Wer sagt, dass ich das will und wer sagt, dass sie meine Gäste fotografieren dürfen?“

„Naja, das wird ja schließlich eine super Werbung für Ihre Bude hier und ein bisschen human touch brauchen wir auch und mit der Behinderten da im Rollstuhl“, er nickte auf Hanna, „kommt das besonders gut“, sagte der Dicke und nickte dem Fotografen zu, „mach du ein paar Bilder.“ Der Fotograf schoss wieder los, zweifach, denn zum einen lief er ein paar Meter zurück, zum zweiten, um dann weitere Bilder vom Kiosk und den fünf unter dem Wärmepilz zu machen.

„Hör auf mit dem Scheiß, sag ich“, sagte Ernstl, „oder muss ich erst direkt werden? Und „die Behinderte da“, sagst du kein zweites Mal zu unserer Frau Doktor hier, sag´ich Dir. Und fotografieren tut ihr sie schon gar nicht!“.

Damit richtete er sich zu seiner vollen Größe auf und stellte sich dem Fotografen in den Weg und dem Reporter auf den Fuß. „Schluss jetzt! Also was wollt Ihr?“

„Aua, Du stehst auf meinem Fuß, Du Trottel, komm da runter! Also, erst mal zwei Bier und zweimal Würstchen mit Kartoffelsalat, wenn Du das hast“, bestellte der Dicke.

„Bier ist hier nicht!“, beschied ihm Ernstl, „jedenfalls nicht zum am Kiosk trinken, das könnt ihr höchstens mitnehmen. Kaffee könnt ihr haben und die Würstchen muss ich warm machen, das dauert einen Moment.“

Hanna suchte seinen Blick, als er zur Kiosktür ging und schüttelte leicht den Kopf. Ernstl sah das, kam zu ihr und fragte „Ja?“

„Sei vorsichtig“, flüsterte Hanna, „die legen dich rein… Sei ganz vorsichtig! Ich habe kein gutes Gefühl dabei. Ernstl, schick sie weg, das ist besser, ganz bestimmt!“

„Ach“, entgegnete Ernstl locker, „mit den Schwuchteln werde ich dreimal fertig, bevor die pieps gesagt haben.“

„Nein“, sagte Hanna leise, aber bestimmt, „das glaube ich nicht, schick sie weg, bitte, das wird nichts Gutes…“

„Ein bisschen Reklame täte aber gut“, sagte Ernstl immer noch leise, „bei den Umsätzen“, und damit ging er in den Kiosk.

Der Dicke kam zu ihnen unter den Wärmepilz und grinste sie aus seinem drei Tage nicht rasierten Gesicht an: „Na, ist da noch ein Plätzchen für den lieben Redakteur?“, fragte er schmierig.

„Nein“, sagte Hanna, „leider nicht.“

„Doch“, sagte gleichzeitig einer der drei Kaffeetrinker, „ich geh dann mal.“

Schwupps, stand der Reporter zwischen ihnen und sprach Hanna an: „Sie wollen Doktor sein? Was denn für einer? Dann gehören Sie doch gar nicht hierher – oder der Pelz ist aus der Kleiderverteilung vom Roten Kreuz oder vom Laster gefallen?“. Er lachte laut über den Witz, den er gerade gerissen hatte. Hanna sagte nichts.

„Naja“, sagte der Dicke leichthin, „auch mit ´nem Doktortitel steht einem die Welt nicht mehr so weit offen, oder? Und dann behindert im Rollstuhl... Scheiße, was? Sag´mal, Mädchen, sollen wir eine richtig geile Story über sie machen? Eine Home-Story? Sie haben doch ein Zuhause, oder?“, grinste er sie wieder schmierig an.

„Nein danke“, sagte Hanna bestimmt, „kein Interesse“.

„Vielleicht die gefallene Akademikerin, die durchs Leben rollen muss – Rollstuhl statt Mercedes. Ist Dein Ehemann mit einer Jüngeren durchgebrannt, als Du die Beine nicht mehr richtig aufgekriegt hast? Ja, die Welt ist ungerecht... Man, das wäre doch ´was...!“, leckte er sich die Lippen, „richtig geil! Ich seh´die Story schon vor mir. Oder „Sex im Rollstuhl“, ich meine, Du siehst ja nicht sooo schlecht aus. Wie alt bist Du? 50plus? Da stehen die Kerle drauf. Und er“ – der Redakteur zeigte auf den Fotografen – „macht richtig geile Fotos, da steht der drauf...“

Hanna schaute durch ihn hindurch, sagte nichts. Durch handzeichen gab sie Sarah zu verstehen, sich ebenfalls ruhig zu verhalten.

Er nahm ihre Kaffeetasse und schnupperte daran. „Ein Weinbrand am Morgen macht den Tag für Dich leichter was?“, sagte er leichthin und stellte die Tasse wieder ab.

Von der Straße rief ein junger Mann im Hoodie: „Ernstl, hast du kurz Zeit? Ich brauche meine Drogen!“, grinste dabei und wedelte mit einer Zigarettenpackung, die er anschließend zerknüllte und dann gekonnt gezielt in den Papierkorb am Kiosk warf. „Moment! Komme!“, rief Ernstl, „wie immer?“

Kurz darauf schob der Typ mit einer Stange Gitanes unterm Arm wieder ab.

Der Dicke griff derweil nach dem Comic. „Mein Gott, wenn Sie nicht wollen“, sagte er zu Hanna, „da wäre schon ein Hunderter für Sie drin oder bei den Fotos auch zwei“.

Hanna reagierte wieder nicht, was sollte sie auch machen.

„Was ist das denn?“, fragte er, „Comics, finde ich geil, nicht Jens?“, rief er seinem Fotografen zu, der immer noch knipste. Er musste inzwischen zig Fotos geschossen haben. CANON, resp. dem Motor der CANON, sei Dank. Und wahrscheinlich alle perfekt scharf und belichtet, weil auch das die CANON automatisch erledigte. Der Fotograf musste seine CANON nur in die richtige Richtung halten und auf den Auslöser drücken, den Rest erledigte die Kamera.

„Seit wann das denn?“, gab der zurück, „höchstens, weil du doch gar nicht lesen, sondern nur Bilder begucken kannst, vom Schreiben ganz zu schweigen.“

„Blödmann!“, war die harsche Antwort. In dem Moment kam Ernstl mit zwei Tellern mit Würstchen und Kartoffelsalat. „Nimm mal die Bücher hoch“, wies er einen der beiden Kaffeetrinker an, „damit da keine Flecken drauf kommen!“, und zu dem Reporter sagte er: „Von mir selbst angemacht – ein Rezept meiner Großmutter, ganz besonders lecker und die Würstchen sind die besten in München, mein Wort drauf. Brauchen sie Senf?““

Einer der beiden verbliebenen Kaffeetrinker beeilte sich der Anweisung Folge zu leisten und sagte erklärend zum Reporter, dass die Bücher wahnsinnig teuer seien, schon wegen der Autogramme, aber auch sonst, geradezu unbezahlbar seien die.

„Ach nee“, sagte der Angesprochene, „das hätte ich nicht gedacht und schon gar nicht hier… Wie heißen die „Der Killer“? Na, Sie lesen Sachen hier, sind die denn eigentlich erlaubt?“

„Ach“, sagte der Informant arglos, „da drinnen hat der Ernstl noch ganz andere Sachen, ganz hartes und geheimes Zeug, und noch viel teurere…“, und damit schaute er sich stolz um, „und damit tut er richtig geheimnisvoll – die darf nicht jeder sehen! Nicht einmal wir. Die holt er nur raus, wenn die richtigen Leute da sind.“

Hanna schwante Böses und deshalb sagte sie: „Unsinn. Was erzählen sie denn da für einen Blödsinn! Das sind ganz normale Comics, nichts Besonderes, nichts Geheimnisvolles und schon gar nichts Wertvolles.“

Der Informant fühlte sich irgendwie auf den Schlips getreten und widersprach, nein, nein, da wären Sachen dabei, man, die wären so etwas von scharf und geheim... und auch noch richtig wertvolle Schwarten dabei, Erstausgaben und so und mit Sign…, naja Unterschriften halt!

„Tatsächlich?“, fragte der Dicke und lächelte seinen Informanten süffisant an, „naja, da verstehen Frauen ja wohl nichts davon, die sollen lieber nähen und waschen und was Frauen sonst halt so machen“, und fügte mit Blick auf Hanna hinzu, „wenn sie es können, sonst werden die komisch, oder? Und reden von Dingen, von denen sie nichts verstehen. Das kennt man ja.“

Sarah sah inzwischen stinkwütend aus und war drauf und dran, ihm entweder eine zu kleben oder ihm den Kaffeerest ins Gesicht zu kippen – aber der Fotograf hatte das wohl geahnt und schon wieder seine Canon in Schussbereitschaft gehalten, deshalb hatte Sarah sich zurück gehalten.

Ernstl kam mit einer Tüte in der Hand und reichte sie dem Dicken: „Das Bier. Zum Mitnehmen. Und jetzt kriege ich zwölf Euro fünfzig.“

„Das ist doch nicht ihr Ernst“, sagte der Dicke und nahm die Tüte, „dass sie wahrhaftig Geld von uns haben wollen. Wir haben noch nie wo bezahlt, wenn wir so eine Story machen – egal wo, auch nicht in topp Restaurants - und hier am Kiosk, nein, ganz bestimmt nicht! Die anderen haben schnell begriffen, wie das Spiel läuft und wie man viel Reklame bekommt in der mz! Wir machen den Erfolg!“, betonte er zum Schluss, „oder die Bauchlandung... denk mal darüber nach, Lulatsch.“

In diesem Moment kippte Sarah ihm den Kaffee in ihrer Tasse über die Hose.

„Aua, eh, blöde Kuh, was soll die Scheiße?“, schrie der Dicke gleichzeitig, „Das war Absicht, das habe ich gesehen, Scheiße, das ist heiß, das Zeug. Ich bin verbrüht... Du bist mein Zeuge, Jens, die hat mich absichtlich verletzt... Hast Du das drauf?“. Er zeigte auf die Kamera.

„Oh, Entschuldigung“, sagte Sarah, „das tut mir aber leid. Ehrlich“. Sie gönnte dem Dicken ihr schönstes Lächeln, „soll ich das trocken reiben? Ich kann das“. Der Dicke hatte keine Ahnung, wie dicht Sarah damit an der Wahrheit war.

„Schluss jetzt. Papperlapapp“, sagte Ernstl jetzt, „das ist mir egal, zahlt ihr jetzt oder wollt ihr ein paar aufs Maul? Scheiß auf Deine Hose, Dicker. Ihr habt die Wahl!“. Er wurde jetzt richtig wütend, seine Meinung über die beiden war vollständig gekippt, und er ballte seine Fäuste und hielt dem Dicken eine davon vor die Nase: „Zahlen!“, sagte er tonlos, „oder...“.

„Du zahlst!“, sagte der Dicke zum Fotografen, „ich habe nicht so viel Geld dabei. Und wenn, ist es nass“.

Der Fotograf zahlte wortlos und die beiden verschwanden ohne ein weiteres Wort.

„Na, was habe ich gesagt, denen haben wir´s aber gegeben!“, strahlte Ernstl Hanna und sarah an, „Sarah-Mädchen, gut gemacht, eine neue Tasse Kaffee aufs Haus?“

„Ich weiß nicht“, sagte Hanna, „da bin ich mir gar nicht so sicher, Ernstl, wenn das mal nicht ins Auge geht, warte mal lieber die Zeitung von morgen ab.“

„Meinst Du, Hanna? Was soll denn schon passieren. Er hat doch gar nichts erfahren?“

„Na, ich glaube doch“, sagte Hanna, „oder besser, ich befürchte... Sarah, rollen wir?“

„Wartet, Frau Doktor“, rief Ernstl, „ich habe doch auch was für Sie“, und er verschwand im Kiosk, um gleich darauf wieder zu erscheinen: „Ist ja nicht mit Widmung oder so und auch nur auf deutsch und nicht französisch, aber habe ich ganz neu“, und damit reichte er Hanna zwei Bände: „ „Der Incal“ von Jodorowski und Moebius und und „Arzak“ von Moebius… Jodorowski ist der, der mit der Verfilmung von „Dune“ von Frank Herbert so grandios gescheitert ist.“

„Ach der?“, sagte Hanna, die das nicht gewusst hatte.

„Ja, habe ich heute erst gekriegt, der Typ vom Comicladen in der Fraunhoferstraße hat sie vorhin vorbeigebracht.“

„Dann haben Sie sie ja noch gar nicht gelesen?“, fragte Hanna.

„Nein, aber das ist ja nicht wichtig, ich habe ja „Der Killer“, da freue ich mich schon drauf, morgen können wir ja wieder tauschen… ist eh nichts los am Kiosk bei dem Wetter!“

Hanna bedankte sich und sagte noch einmal: „Ernstl, wenn das man nicht schief gegangen ist! Aber Danke für die Bücher, ich bringe sie morgen zurück. Nun lass uns man, Sarah. Tschüss, Ernstl“.

Damit schob Sarah Hanna wieder in Richtung Leonrodstraße und dann nach links in die Fasaneriestraße.

Sie passierten den Metallhandel mit Udos Werkstatt, Hanna hatte jetzt keine Lust mehr auf einen weiteren Besuch, obwohl es mit Udo immer sehr nett war. Als sie am Laden vorbeikamen, saß Herr F. auf seiner Bierkiste, rauchte eine Zigarette und hatte ansonsten den Hübnerplatz im Blick. Er winkte ihnen zu: „Möge der Tag ihnen positiv gesinnt nachschleichen“, sagte er.

Die beiden bedankten sich höflich und Sarah sagte, dass sie das irgendwie bezweifeln würde und fragte dann noch, was es morgen zu Mittag gäbe.

„Moment“, sagte Herr F. und erhob sich von seiner Kiste, „ich hole den Wochenplan“, sprach´s, verschwand und kam gleich darauf wieder mit einem Blatt in der Hand. Er hielt es den beiden entgegen und schaute Sarah und Hanna fragend an, wer von den beiden es haben wollte. Hanna griff zu, studierte die Angebote und entschied sich für Lauchgemüse mit Kalbfleisch-Pflanzl. Sarah meinte, sie habe morgen etwas vor und außerdem müsse sie mal wieder auf ihre Figur achten, also, nein danke, nichts für sie.

22. März. Staatsbibliothek

10.00 Uhr. Der Graf hatte mit Udo vereinbart, dass er sich zunächst einmal in der Staatsbibliothek umschauen würde, ob es denn dort überhaupt relevante Informationen für sie abzugreifen gäbe.

Deshalb war er mit Bus und Straßenbahn in Richtung Universität gefahren und hatte dann nur noch einen überschaubaren Fußweg zur Staatsbibliothek gehabt.

Er stand vor dem beeindruckenden Ziegelgebäude, das die Staatsbibliothek beherbergte und rauchte die fürs erste (so für zwei Stunden dachte er sich) letzte Zigarette.

An der Treppe vor dem Haupteingang grüßten ihn vier große Steinfiguren, die von einigen gebildeten Münchnern als "Die vier Heiligen Dreikönige" bezeichnet wurden: Thukydides, Homer, Aristoteles und Hippokrates. In ihrer Gesamtheit verweisen die vier auf die Vielfalt der Wissenschaften, deren Literatur die Königliche Hof- und Staatsbibliothek zu sammeln bestimmt war.

Er stand nicht alleine vor der Treppe, außer ihm standen viele junge Leute, kaum welche rauchten (bis auf ein paar junge Frauen), einige tranken das Getränk, das angeblich Flüüügel verleihen sollte und die meisten quatschten einfach nur. Fast jeder hielt einen Laptop unter dem Arm.

Der Graf nahm einen letzten langen Zug, schaute dem Rauch aus seinem Mund einen Moment hinterher und trat dann die Zigarette mit dem Fuß aus und nahm schließlich dann die Außentreppe in Angriff.

Er trat durch eine kleine Tür in den Vorraum der beeindruckenden Innentreppe, die zum Lesesaal hinauf führte. Diese Treppe hatte König Ludwig I. (der Großvater von Ludwig II. oder „mad Ludwig“) einst nur zur Nutzung einzig durch sich selbst vorgesehen – ein ziemliches Privileg, fand der Graf und ging die Treppe entsprechend würdevoll und langsam hinauf, um den königlichen Aufstieg zu genießen.

Ein paar junge Leute liefen mit ihren iPad oder Laptop unter dem Arm schnell an ihm vorbei – das war offenbar ein Privileg der Jugend, in Räumen wie diesen nicht staunen zu müssen

Der Graf wunderte sich ein bisschen über die vielen jungen Leute, denn als er die Staatsbibliothek das letzte Mal benutzt hatte, das muss so 1985 oder 86 gewesen sein, da hatte die Staatsbibliothek zwar bestimmungsgemäß jedem Bayerischen Bürger offen gestanden, aber dezidiert NICHT den Studenten! Die Zeiten ändern sich.

Im Eingangsbereich zum Lesesaal war ein Sicherheits- und Kontrollposten eingerichtet worden, die Besucher mussten sich einzeln durch ein Drehkreuz zwängen – Fotoapparate waren nicht erlaubt, Handys mit ihren eingebauten Kameras dagegen schon.

Als der Graf den Zerberus am Eingangsdrehtor neugierig fragte, warum denn Kameras verboten seien, die Handys aber nicht, zuckte der gelangweilt die Schultern und sagte ihm, dass das Vorschrift sei, und er sich um die Gründe nicht scheren würde, wo käme er denn dahin, wenn er die Regeln auch noch hinterfragen würde. Und dahinten sei die Direktion, dort könne er ja nachfragen, wenn es ihn tatsächlich so brennend interessiere...

Nein, das tat es nicht, und der Graf passierte Zerberus, der ihm noch einen skeptischen Blick nachsandte.

Neben ihm hatte ein handgeschriebenes Schild über den Fakt informiert, dass alle Plätze im Lesesaal besetzt seien. Und auch da verkniff sich der Graf die Frage, warum dann noch Leute eingelassen würden... Naja, lesen konnte man schließlich auch im Stehen.

Als er den Lesesaal betrat, staunte er nicht schlecht – sicherlich waren alle Arbeitsplätze belegt – und das waren wahrlich nicht wenige, gefühlt bestimmt achthundert. Allerdings darf man sich nun nicht vorstellen, dass an jedem Platz ein fleißiger Student saß, nein, mehr so wie im „all-inclusive“-Urlaubshotel, wo die Gäste noch vor dem Frühstück Handtücher auslegten, um ihren Platz zu beanspruchen, lagen hier auf jedem zweiten Platz Block und Kugelschreiber – offenbar die Handtücher der jüngsten Akademikergeneration.

Vermutlich waren die angeblich fleißig Arbeitenden in der Cafeteria oder in den benachbarten Cafés, dachte sich der Graf, schließlich gehört zum Leben ja nicht nur das Studium der diversen Wissenschaften, sondern auch das des anderen Geschlechts.

Er schaute sich um und fand ein Schild oder Plakat, auf dem in Stichworten vermerkt stand, wo in den unendlichen Regalreihen, seine Interessengebiete versteckt waren. Er suchte seine Stichworte: Rechtsmedizin oder Kriminologie – und fand sie nicht.

Also steuerte er einen der vier oder fünf Beratungsplätze an. Am ersten saß ein auszubildender Bibliothekar (oder wie der sich nennen mochte), der wusste schon mal gar nichts und verwies stumm nur mit Handzeichen mit seinem gefährlich spitzen Bleistift an seinen Kollegen auf dem Nachbarplatz, der einer Studentin intensiv und konzentriert das Suchsystem im Bibliotheks-PC erläuterte. Das schien zu dauern.

Der Graf verstand, das Mädel war eindeutig jünger und vor allem hübscher als er. Also schaute er sich um und fand auf der anderen Seite des Ganges eine weitere Beraterin. Sie sah schon aus der Ferne streng aus. Er erläuterte ihr seine Wünsche. Sie schaute ihn zweifelnd an, nahm sich eine verkleinerte Version des Plakats, das er schon vergeblich durchsucht hatte und meinte dann achselzuckend, dass sie fände, dass da nichts sei – Medizin stände „oben“ und Rechtswissenschaften auch. Der Graf dachte sich, dass das ein toller Service sei, aber da die Benutzung des Lesesaales kostenlos war, war eine bessere Dienstleistung irgendwie auch nicht zu erwarten, fand er. Er ging also die Freitreppe hinauf.

„Leise und langsam gehen“ bedeutete ihm ein weiteres Schild an der Treppe, die Anweisung wurde zumindest dahingehend erläutert, dass sich sonst Lesesaalbenutzer über den ungebührlichen Lärm, den schnelles Gehen verursachen würde, beschweren würden.

„Ganz schön empfindlich, die iPad-Generation“, dachte sich der Graf. Jedenfalls ging er leise und auf Zehenspitzen die Treppe hinauf, die trotzdem ziemlich in Schwingungen geriet und trotz seiner Vorsicht einiges Getöse von sich gab. Seine Beraterin am Fuß der Treppe schaute ihn böse an, und er zog die Schultern hoch und machte ihr sein unschuldigstes Gesicht. Leiser ging einfach nicht. Nicht auf dieser Treppe.

Oben angekommen suchte er zunächst „Medizin“. Seine Beraterin hatte ihm die Auskunft gegeben, dass er die unter „400“ finden würde, was immer das sein mochte. Er fand sie unter „900“, suchte den Fehler aber bei sich. Zwei lange Regalreihen begrenzten einen schmalen Gang, nichts für Leute mit Klaustrophobie. Die Hälfte der Regale war leer – aber nicht, weil die Bücher entnommen waren, sondern weil offenbar tatsächlich jemand „auf Zuwachs“ gebaut hatte!

Endlich, fast ganz am Ende, über Kopfhöhe fand er das Stichwort „Rechtsmedizin“, unter dem sich sechs einsame Bücher fanden. „Hhm“, dachte der Graf, „das scheint es zu sein...“.

Er nahm sich ein großes Lehrbuch und ein kleines Buch „Rechtsmedizin für die Kriminalpolizei“ aus dem Regal, schmökerte noch im Gang ein wenig darin herum und fand beide interessant genug, um sie unter den Arm zu nehmen und sich einen freien Arbeitsplatz zu suchen.

Von den ersten drei, auf denen weder Block noch Stift lagen, wurde er von den Platznachbarn mit dem Hinweis verjagt, dass da gleich jemand käme. Der Graf bezweifelte das zwar, wollte dem akademischen Nachwuchs aber auch kein Hindernis in der wissenschaftlichen Arbeit sein. Im Vorbeigehen sah er doch einige Jungakademiker, die sich mit ihren Laptops gerade von der anstrengenden Literaturarbeit entspannten – er sah Spielfilme und Schweinchen Dick-Comics laufen, andere spielten Patiencen oder Videospiele, das ganze Spektrum moderner Elektronik-basierter Entspannungsmedien eben.

Nun gut, sei es drum, er suchte weiter und fand endlich einen Bereich, in dem viele Plätze unbesetzt waren. Doch verdammt, ein Schild belehrte ihn, dass dieser Bereich für wissenschaftliche Mitarbeiter mit Codekarte reserviert war. Entsprechend war da eine verschlossene Tür, für die man offenbar die genannte Codekarte brauchte. Also auch nichts...

Schließlich fand er einen leeren Platz, dessen Nachbar ihn ob der Störung durch das leise Hinsetzen zwar böse ansah, sich dann aber wieder den Abenteuern Bugs Bunnys hingab.

Die Bücher, vor allem das dicke Lehrbuch, erwiesen sich als Volltreffer. Er fand auf Anhieb drei Schussgeräte, an die sie bisher nicht gedacht hatten: Pfeil und Bogen, eine hochmoderne Armbrust und eine Hochleistungszwille!

Da der Graf weder einen Laptop mitgebracht hatte noch einen Block, musste er sich die Informationen einfach merken. Allerdings fand er die Vorstellung, wie Robin Hood mit Pfeil und Bogen durch die Gegend zu schleichen, um sein „Wild“ zu schießen, eher erheiternd als anregend. Andererseits fand er es spannend, dass Rekordversuche mit modernen Hochleistungsbögen eine Schussweite von mehr als 1000 Metern gezeigt hatten.

Auch die moderne Armbrust fand er grundsätzlich interessant, las sich in dem Kapitel etwas fest (Auftreff- und Durchdringungsenergie etc.), entschied sich dann aber dagegen, die Armbrust den anderen als geeignete Waffe zu schildern, da sie ihm zu groß und mit nur jeweils einem Schuss zu unsicher erschien. Sie waren schließlich weder Robin Hood noch Jungfer Marian..., nicht in ihrem Alter!

Eine Hochleistungszwille deuchte ihm deutlich interessanter – vor allem, da sie sich leichter beschaffen lassen würde und Udo eventuell welche bauen könnte. Allerdings musste man damit gut umgehen können und das Zielen erschien ihm schon in der Theorie schwierig.

Er verwarf die Zwille letztlich aber endgültig, weil ihm der Kraftaufwand für seine Freunde doch zu hoch erschien. Aber interessant war das alles allemal...

Bei den Schießgeräten, so wurden die wirklich genannt, gab es eine interessante Einleitung über die verschiedenen Typen von „Schießprügeln“: Revolver und Pistolen als kurzläufige Waffen und Gewehre, Büchsen und Flinten und sonstiges Gerät mit langen Läufen.

Und dann fand er den interessanten Hinweis, dass der Erwerb von Langlaufwaffen viel einfacher sei, als der von Pistolen und Revolvern. Hhm, dachte er, darüber müssen wir nachdenken: Langwaffen. Bisher hatte zumindest er ja immer nur Pistolen und Revolver in Betracht gezogen, zur Not auch sogenannte Derringer, die nur eine Patrone pro Lauf boten und die nach dem Schuss nachgeladen werden mussten. Allerdings wie sollte man mit Langwaffen herumfuchteln? Das erschien ihm schwierig.

Und dann fand er den nächsten interessanten Hinweis, dass nämlich Morde auch mit selbst gebauten Schussapparaten geschahen, und in dem Moment erinnerte er sich an einen Film, den er vor sicher zwanzig Jahren gesehen hatte: „Der Schakal“.

Im „Schakal“ ging es um ein geplantes Attentat der OAS auf Charles de Gaulle, in dem sich der Attentäter extra ein zerlegbares Gewehr von einem Büchsenmacher bauen ließ! Er klappte das Buch langsam zu, und rief sich die Szene in das Gedächtnis zurück. Erstaunlich, was man sich alles merkte. Das Gewehr bestand nur aus einem Lauf und einem einfachen Schloss mit Abzug. Die Patronen hatte der Film-Büchsenmacher auch selber gemacht! Stopp, halt mal, Patronen!

Er schlug den Index des Buches auf und schaute unter Patrone nach – und siehe da, das war ja ganz einfach. Treibmittel war vor allem Schießbaumwolle und die hatte er schon mit vierzehn Jahren zusammen mit seinem Schulfreund Klaus hergestellt, das war ein Klacks gewesen, wenn er sich richtig erinnerte – und was sie mit vierzehn gekonnt hatten, konnte nicht wirklich schwierig sein, oder? Das Buch bot auch einige Schnittzeichnungen durch Patronentypen! Das musste sich Udo, ihr Techniker, mal anschauen!

Er hatte genug gesehen. Er trug die Bücher brav an ihren Standplatz zurück und verließ die Bibliothek. Wieder musste er am Zerberus vorbei, der ihn wieder skeptisch musterte, vermutlich, weil er in der Schlange der Auslass begehrenden der einzige ohne Laptop und, wie ihm auffiel, fast der einzige ohne Wasserflasche war.

Daran mussten sie denken, wenn Udo und er wieder Einlass begehrten: Laptop und Wasserflasche waren hier in der Staatsbibliothek offenbar ein Muss, ohne war man offenbar ein Niemand.

Entlang der Ludwigstraße ging er zur U-Bahn-Station am Odeonsplatz und fuhr mit der U4 zur Theresienhöhe. Dort befand sich sein Lieblings-Saturn-Hansa-Markt mit einer riesigen DVD-Abteilung. Hier wollte er sich den Film „Der Schakal“ und vor allem einen anderen Film, an den er sich erinnerte, nämlich „Der Eiskalte Engel“ mit Alain Delon besorgen.

Im „Eiskalten Engel“ spielt Alain Delon einen (natürlich) eiskalten Profikiller – den brauchte er unbedingt! Irgendwie fühlte er sich ein bisschen wie Alain Delon, der einsamste Killer von allen. Aber auch der beste, auch wenn der am Schluss starb. Das würde er zu vermeiden wissen. Ganz bestimmt.

Der Verkäufer hatte erstens Zeit für ihn und war zweitens recht nett. „Der Schakal“ hatte er schnell gefunden, aber „Der eiskalte Engel?“, sagte er kopfschüttelnd, „Glaube ich nicht...“

„Wie“, fragte der Graf, „das ist doch ein Klassiker, den muss es doch geben?“

Der Verkäufer bat ihn zu einem PC und suchte lange, schließlich sagte er, „Nein, gibt es wirklich nicht, auf französisch hat es ihn mal gegeben, ist aber auch nicht mehr lieferbar. Ich dachte, er sollte auf Blue Ray neu erscheinen, aber da ist bei der Pressung irgendetwas schief gegangen, habe ich gelesen, jedenfalls wurde die ganze Charge vernichtet oder so... Nein, nicht lieferbar!“.

Er schaute den Grafen bedauernd an. Dann sagte er, „mal sehen, vielleicht gibt es eine DVD-Kassette, wo der dabei ist, kommen sie bitte mal mit.“ Er ging durch ein paar Regale, griff sich eine dicke Kassette und las den Inhalt. „Nein“, sagte er schließlich, „da ist er auch nicht dabei“, und dann dachte er einen Moment lang nach und empfahl schließlich, dass der Graf doch mal auf Ebay oder bei Amazon suchen solle, vielleicht habe er da ja Glück mit einer gebrauchten DVD? Und damit wandte er sich entschuldigend lächelnd einem anderen schon unruhig wartenden Kunden zu.

Im Hinausgehen fiel dem Grafen eine sehr rote Filmverpackung auf: „Leon der Profi“. Von dem hatte er neulich gelesen, dass das ein exzellenter Krimi um einen Killer und ein junges Mädchen sei, das zur Killerin ausgebildet werden wollte, weil sie den Mord an ihrem kleinen Bruder rächen wollte. 9,99 Euro las der Graf und nahm die DVD mit. Vielleicht war da ja eine Idee darin, die sie gebrauchen konnten.

Er nahm die U4 zum Hauptbahnhof, stieg dort in die U1 zum Rotkreuzplatz um, um dann die letzte Strecke mit der Straßenbahn bis zur Fasaneriestraße zu fahren.

22. März. Am Kiosk

Gegen 16.00 ging der Graf die paar Meter von der Straßenbahnhaltestelle schräg über die Leonrodstraße zu Ernstls Kiosk und bestellte sich einen Kaffee spezial.

Weil nichts los war, stellte sich Ernstl auch mit einer Tasse Kaffee zu ihm und fragte, ob Hanna und Sarah erzählt hätten, dass die mz da gewesen sei, und dass die jetzt wohl einen großen Bericht bringen würden über seinen Kiosk? Hoffentlich einen guten, denn Hanna befürchte ein Debakel, weil sie meinte, dass das schief gelaufen sein, bloß weil er zwei Würstchen mit Kartoffelsalat nicht verschenken wollte. Aber das sei doch schließlich auch Geld, oder? Der Graf verneinte, nein, Hanna hätte nichts gesagt und bejahte, doch, das sei sehr wohl geld und wo komme man dahin, wenn er, Ernstl, alles verschenkte. Und drittes, das sei jetzt das erste, was er höre...

„Brauchen könnte ich ein bisschen Werbung ja schon“, sagte Ernstl, „in den letzten Wochen ist hier so gut wie nichts los. Die Helga, die braucht gar nicht mehr zurück zu kommen, das kann ich alles alleine erledigen, was hier an Arbeit anfällt. Gut, dass die Gewinnspanne bei Kaffee so hoch ist“, lachte er, um fortzufahren „und manchmal schreiben die ja auch ganz tolle Artikel über Geheimtipps von Restaurants oder so, da brummt der Laden dann hinterher für eine Weile ganz schön!“

„Ich drück´ dir die Daumen, dass das was Gutes wird“, sagte der Graf, und trank seinen Kaffee aus, „was kriegst Du?“

„Nichts, eine Einladung des Hauses“, antwortete Ernstl.

„Nichts da“, wies der Graf die Einladung ab „erst nichts einnehmen und dann noch verschenken wollen, das kommt gar nicht in die Tüte! Also?“

„Mensch“, meinte Ernstl, „wenn ich euch nicht hätte – Stammkunden und dann noch so nette. Dreifünfzig.“

Der Graf gab ihm fünf Euro und meinte: „Stimmt so, den nächsten kannst du dann ausgeben, okay?“

„Gemacht, Alter, danke!“. Ernstl haute dem Grafen auf die Schulter, dass der etwas einknickte. „Oh, ´tschuldigung!“, sagte er, „das war wohl etwas zu dolle, was?“, und grinste den Grafen schief an, „naja, ihr seid ja alle mehr Kopfmenschen als unsereiner.“. Und nach einem Moment fügte er hinzu: „Du, Graf, sag´ mal, kannst du Zigaretten für Hanna mitnehmen, die hat vorhin angerufen und ich wollte sie eigentlich selber vorbeibringen, aber nun hat Helga angerufen, ob ich mit ihr ins Kino gehe.“

„Na klar, gib her, was seht ihr denn?“

„Es ist Eddi Constantin-Nacht im MAXIM an der Donnersberger Brücke.“

„Das ist aber ´was für Alte. Eddi Constantine, wie lange ist das her, den haben wir doch als Jugendliche gesehen und da waren die schon uralt? Was gibt es denn?“, fragte der Graf.

Ernstl wühlte in einer Tasche seines unvermeidlichen (nicht mehr ganz) weißen Overalls und zauberte schließlich einen Zettel hervor. „Es gibt“, las er vor, „also „Serenade für zwei Pistolen“ und „Rote Lippen, Blaue Bohnen“ und „Eddie geht aufs Ganze“.“

„Also keinen Lemmy Caution und nicht Alphaville?“

„Das sagt mir nichts“, gab Ernstl zu, „aber in denen geht es richtig rund, da langt Eddi richtig zu – fast wie ich damals im Zelt.“ Dann lachte er, „War ´ne tolle Zeit! Und Helga freut sich auch schon so, da machen wir den Laden hier“, er zeigte auf dem Kiosk, „früher zu und amüsieren uns.“

„Na dann viel Spaß!“, wünschte der Graf, „gib mir noch die Zigaretten für Hanna, bitte.“

Mit einem „Klar, doch!“, verschwand Ernstl im Kiosk und tauchte gleich darauf mit einer Stange Phillip Morris wieder auf. „Sag der Hanna, einmal kann ich ihre Marke noch bestellen, dann gibt es sie nicht mehr.“

„Was?“, sagte der Graf, „sind die pleite? Das gibt es doch gar nicht.“

„Nein, die werden dann „Marlboro Silver“ heißen, klärte ihn Ernstl auf, „das soll einer verstehen, oder? Ich habe aber gehört, in Spanien soll es Phillip Morris weiter geben, nur hier nicht.“

22. März. Am Bahnhof

18.00 Uhr. Udo und der Graf fuhren am späten Nachmittag mit der Tram 21 von der Heideckstraße zum Hauptbahnhof. Dort stiegen sie aus und schauten sich erst einmal um: Der Bahnhof lag schräg rechts vor ihnen, rund herum um sie pulsierte das Münchner Stadtleben der Hauptverkehrszeit. Viele Pendler strebten aus der Innenstadt und aus den Straßenbahnen zu den Zügen. Der Graf und Udo folgten dem Strom durch den Haupteingang in die große Bahnhofshalle. Rechter Hand waren sechs oder sieben Schalter, an denen Reisende in kurzen Schlangen standen, um Fahrkarten zu kaufen, die Schalter auf der gegenüberliegenden Seite waren für S- und U-Bahnkunden reserviert. Mitten in der Halle warb ein Stand für die Reisebank; was immer die jungen Mitarbeiter dort verkaufen mochten, Udo und den Grafen interessierte es nicht. Am Stand „Ditsch“ erwarteten sie Currywurst á la „Dittsche“ (aus Hamburg), sie wurden enttäuscht, denn es gab dort nur Brot. Da hatte wohl ein cleverer Unternehmer sich den aus Funk und Fernsehen bekannten Namen von Ditsche „fast“ unter den Nagel gerissen – fast, aber nicht ganz... Es fehlte ein „e“.

Sie schauten sich um. Nein, hier stand niemand herum, der aussah, als ob er Pistolen verkaufen würde. Auch in der italienischen Segafredo-Bar sahen sie keinen „Verdächtigen“, keinen Mafioso, weder aus Sizilien noch aus Moskau oder Tirana, nicht einmal jemanden, der auch nur im Entferntesten nach Waffenhändler aussah. Nur junge unschuldig aussehende Männer und Frauen, die im Vorbeigehen einen Espresso oder eine „Latte“ tranken.

Sie setzten sich mit einem Espresso dazu und tranken langsam. Dabei schauten sie sich das Publikum an. Nichts, nada, was ihren Vorstellungen von einem freischaffenden Waffenhändler am Bahnhof entsprach. Nach einer dreiviertel Stunde schauten sich sich enttäuscht an.

Gehen wir einmal nach oben auf den Balkon“, schlug der Graf vor, „da haben wir einen besseren Überblick, so von oben.“

Sie fuhren mit der Rolltreppe die eine Etage hoch, schauten dort in den „Burger King“, und die „Coffee Fellows“ – aber auch da nur junge Leute, viel zu jung, als dass die beiden ihnen den Waffeneinzelhändler abnehmen wollten. Keine ausgebeulten Jacken oder Mäntel oder auch nur Jacken- oder Manteltaschen. So ein oder zwei Pistolen, die würden ja Volumen und Gewicht haben, das würde man doch sehen, glaubten sie. Und Wechselgeld – ach nein, die würden runde Summen verlangen, die man mit Scheinen bezahlen könnte, oder?

Sie standen schließlich an der Brüstung und schauten hinab in die Gleishalle. Wo es früher ein bisschen dunkel und muffig zugegangen war, glitzerte jetzt eine lichtüberflutete moderne „take away“-Welt.

Alles zum „Awaytaken“, zum Mitnehmen: Das waren keine Bahnhofsbuden von früher mehr, die Udo und der Graf noch im Kopf hatten, als sie mit der Tram hierher gefahren waren. Nein, das war alles Edelstahl, Glas und Licht! Richtig elegante Bahnhofs-Boutiquen!

„Lich und Luf gib Saf und Kraf“, dachte Udo insgeheim auf seine Hamburger Art. Ganz rechts die Semmeln am Höflinger-Stand, daneben die Würstchen von Rubenbauer, in der Mitte die belegten Brote von Brioche Dorée. Am zentral in der Gleishalle gelegenen Auskunftsstand der Bundesbahn gab es nichts – außer, dass die auf Auskünfte harrenden Reisenden auf einem roten Teppich stehend die eine oder andere Verspätungserklärung erhielten... Aber die standen auch auf der großen Anzeigetafel direkt über dem Bundesbahnstand.

Linker Hand sahen Udo und der Graf die Edelstahlbuden von vinzenz murr (Würstchen), Pizza Panini und Dean&David. Allesamt viel zu hell erleuchtet und wohl auch zu zentral, als dass „dunkle Gestalten“ sich da rumtreiben würden.

„Du“, fragte Udo, „Graf, sag´ mal, wie stellst du dir denn so einen Heini vor, der hier mit Pistolen dealt?“

„Gute Frage“, antwortete der, „weiß ich auch nicht. Vielleicht dunkel, irgendwie zwielichtig, gemein, fies...“

„Mit einer Narbe im Gesicht?“

„Ja, vielleicht.“

„Den gibt es nicht, glaube ich“, sagte Udo, „hier nicht, aber da ist einer, der ist ganz dunkel.“

„Wo?“

„Da drüben.“ Udo nickte mit dem Kinn in die Richtung, „der Neger da.“

„Darf man nicht mehr sagen!“

„Was?“

„Neger!“

„Warum nicht?“

Der Graf zuckte mit den Schultern unter seinem eleganten Mantel, „das ist nicht mehr political correct.“

„Sagt wer?“

„Irgendwer? Jeder? Die!“

„Und was soll man stattdessen sagen?“

„Schwarzer?“, schlug der Graf vor.

„Und dann ist der Schwarze kein Neger mehr? Bloß weil ich Schwarzer sage?“

„Nein, der bleibt ja schwarz!“

„Und warum ist Schwarzer jetzt besser als Neger?“

„Weil das nicht diskriminiert!“

„Was diskriminiert am Wort: Neger?“, wollte Udo wissen.

„Vielleicht, weil das so dicht am Wort „nigger“ aus den USA ist?“, gab der Graf zu bedenken.

„Aber das habe ich doch gar nicht gesagt - und auf Englisch schon mal gar nicht! Bin ja auch kein Ami... Und schon gar nicht aus den Südstaaten, ich komm´ja aus Hamburg, das ist ein Nordstaat, wenn überhaupt.“

„Nein, hast du nicht, also Nigger gesagt. Und wo ist der Kerl jetzt?“

„Welcher?“

„Na, der... der Neger“, grinste der Graf.

„Du meinst den Schwarzen?“

„Ja!“

„Weiß nicht, weg!“

„Meinst du denn, der hätte eine Pistole gehabt?“, fragte der Graf.

„Nö, glaube ich nicht.“

„Warum hast du dann damit angefangen?“

„Weil du gesagt hast: Dunkel!“

„Wenn ich mich richtig erinnere habe ich gesagt: Dunkel, irgendwie zwielichtig, gemein, fies... war er das?“, gab der Graf zu bedenken.

„Nö, der hat eher recht nett ausgesehen“, lächelte Udo, „freundlich, eher so ein Onkel Tom Typ.“

„Mensch, Udo, hör auf!“, stöhnte der Graf, „Wir sind hier auf einer „mission“!“

„Auf einer was?“

„Mission! Wir haben eine Aufgabe!“

„Ja, klar, aber siehst du hier einen einzigen, der auch nur in Frage kommen könnte?“, fragte Udo jetzt ernsthaft.

„Nee, ehrlich gesagt, nein!“

„Gehen wir mal wieder runter und schauen uns unten um?“

„Ja“, aber erst einmal brauche ich ein Klo!“

„Schon wieder die Prostata?“, fragte Udo. Der Graf nickte.

Sie gingen die Treppe in die Gleishalle hinunter und hielten sich rechts, dort ging es zu dieser supersauberen Klo-Lounge, wo man erst einmal ein Fünfzigcentstück braucht, um den Automaten mit dem Drehkreuz passieren zu können, und wehe, man hat keines... Vor allem „mit Prostata“. Früher war das Klo nicht so schön, aber man „konnte“ jedenfalls, wenn es drängte.

Als der Graf wieder herauskam sah er erleichtert aus, dann gingen sie durch die Bahnhofshalle, sie passierten den internationalen Zeitschriftenladen, die Ess-&Fress-Glitzerwelt von Gosch Sylt, wo es auch in München die „ganz frischen Fische“ gab... und gingen auf den Seitenausgang der Bahnhofshalle an der Bayerstraße zu.

Rechts lockte die Leuchtreklame vom Starbucks Coffee. Sie schauten hinein: Nur Jungvolk! „Nee“, schüttelte Udo den Kopf, „da sind nur Kids drin, da würde kein Mafiosi, der etwas auf sich hält, je einen Fuß hineinsetzen. Wenn ich Dein „dunkel, irgendwie zwielichtig, gemein, fies“ jetzt korrekt interpretieren darf! Oder darf man Mafiosi jetzt auch schon nicht mehr sagen?“

„Doch, doch“, sagte der Graf, „ich glaube schon“, und dabei schaute er skeptisch durch die Scheibe auf das Schild, auf dem die verschieden „flavoured coffees“ angepriesen wurden. „I gitt“, schüttelte er den Kopf, „und selbst wenn..., da kriegen mich keine zehn Pferde hinein!“

Udo stieß den Grafen in die Seite, „schau mal da, ganz links“, sagte er halblaut, „aber gaaanz unauffällig!“

Der Graf schaute und sah ein paar junge Männer vor dem Eingang eines weiteren Schnellrestaurants herumlungern: Es waren sechs offenbar gut durchtrainierte Männer im Alter wohl unter dreißig Jahren. Jeder von ihnen brachte ein „Kampfgewicht“ von sicherlich 100 Kilogramm bei einsneunzig Körpergröße auf die Waage, falls es denn ernsthafte Kämpfer waren.

Sie trugen verschiedene Trainingsanzüge (meist mit den drei Adidas-Streifen) sowie Hoodies oder Strickmützen, die tief ins Gesicht und über die Ohren gezogen waren. Die Jacken spannten allesamt um die Oberkörper, so muskulös waren sie. Sie sahen aus wie durchtrainierte Kopien des Comedians Thorsten Sträter, der sich als Boxer oder „Vollkontaktkämpfer“ verkleidet hatte.

Die Männer dieser Gruppe waren ganz offensichtlich keine Reisenden, die hingen da „nur“ ab. In der Kälte trippelten sie auf den Füßen, die Hände hatten sie in Jacken- oder Hosentaschen.

Die kamen dem, was der Graf und Udo sich vorgestellt hatten, von allen anderen auf dem Bahnhof am nächsten. Gleichzeitig sahen sie so aus, als ob sie im Zweifel gar nicht erst auf eine höfliche Frage warten würden. Die würden gleich zuschlagen und zwar ordentlich. Sie sahen nicht so aus, als ob sie sich beim Kampf an Regeln halten würden, eher wie Straßenkämpfer. Bei denen hätte auch der Ernstl vom Kiosk keine Chance gehabt, glaubten Udo und der Graf.

Als Udo und der Graf sich ihnen langsam näherten und dann das Schnell-Restaurant betraten, hörten sie im Vorbeigehen an der Gruppe, dass die Männer russisch (oder so ähnlich) sprachen.

Ohne sich abzusprechen, waren Udo und der Graf straks an Ihnen vorbei gegangen, nicht etwa direkt auf die Gruppe zu. Das hätten die als Aggression verstehen können. Und dafür waren beide dann doch zu schlau!

„Hast du die gemeint?“, fragte Udo, als sie im Restaurant waren.

„So in etwa.“

„Aber die waren nicht dunkel.“

„Aber zwielichtig, gemein und fies...“

„Ja, fandest du? Und sehr kräftig!“, war da Bewunderung in Udos Stimme? „Und vor allem, haben die Waffen zu verkaufen?“

Der Graf zuckte mit den Schultern.

„Fragst du sie“, wollte Udo wissen, „wenn wir da wieder hinausgehen?“

„Bin ich blöd?“, fragte der Graf zurück, „meinst du ich will mir ein paar aufs Maul hauen lassen?“

„Ich dachte, dafür sind wir hier?“

„Dass ich ein paar aufs Maul kriege?“

„Nein, natürlich nicht, aber um zu fragen.“

„Fragst du sie denn?“, wollte der Graf wissen.

„Ich kann kein Wort russisch!“, wollte sich Udo herausreden.

„Die können schon deutsch, wenn sie wollen“, glaubte der Graf zu wissen.

„Dann können sie mich auch missverstehen... also, ich hole mir keine Klatsche ab.“

„Die werden schon nicht gleich zuschlagen.“

„Dann kannst du ja fragen“, meinte Udo, „oder?“

„Ich schlage vor, wir gehen zum anderen Eingang raus“, war die Erwiderung des Grafen.

Sie gingen durch das Schnellrestaurant. Der Graf war für dieses Etablissement eindeutig zu elegant gekleidet, von den Gästen wurde seine elegante Erscheinung neugierig angestarrt, wahrscheinlich hielten sie ihn für schwul. Allerdings passte sein Partner Udo mit seinem (für Münchner Augen) typischen „Kapitäns-Outfit“ so ganz und gar nicht in dieses Schema. Das mussten „die“ erst einmal verarbeiten.

Das Lokal selber fand der Graf einfach nur scheußlich: Alles war in Dunkelbraun und Ocker gehalten, sogar die Lampen strahlten trübes Licht in Ocker ab, ein paar an den Wänden auch karmesinrotes Licht – die Mischung war... nun ja, gewöhnungsbedürftig , die Sitze bestanden aus einem schlechten Lederimitat mit vielen Löchern, die Tische waren längere Zeit nicht abgeräumt, unter dem einen oder anderem Tisch standen verdächtige Lachen.

An den Wänden wurde für „besten Kaffeegenuss“ im Pappbecher oder für einen „Heißen Erdbeertraum“ für 2,19€ oder für die „leckeren Winterdesserts Caramel&Chocolate“ für 2,49€, geworben.

„Nichts wie raus hier“, zischte der Graf, der penibel darauf achtete, dass sein schwarzer Pique-Mantel keinem Tisch zu nahe kam, geschweige denn ihn berührte. Die Flecken hätte er nie wieder entfernen können, befürchtete er. „Puh“, sagte er, als sie draußen waren, „das ist nichts für uns, oder?“

„Nee“, bestätigte Udo aus vollem Herzen, „bestimmt nicht. Aber was sagen wir Hanna und Sarah?“

„Dass es hier nichts für uns zu holen gibt!“

„Und in den Kneipen rund um den Bahnhof?“

„Da hängen im Zweifel dieselben Typen rum, wie dahinten vor der anderen Tür!“

„Also keine Chance?“

„Keine Chance!“, bestätigte der Graf, „also, glaube ich... Komm lass uns gehen, Sarah wartet bestimmt auf Dich.“

Udo schaute ihn an: „Was soll das denn heißen, Sarah wartet auf Dich?“

„Nichts,“ lächelte der Graf, „aber sie ist eine tolle Frau, die auf Dich steht, glaube ich.“

„Ach was“, winkte Udo ab, „die wartet gerade auf mich, was? Man, ich bin Werftarbeiter. Und sie?“

„Eine Göttin.“

„Eben, die wartet gerade auf mich... Nee, lass die Kirche man schön im Dorf, Graf.“

„Ich würde mir an Deiner Stelle etwas Mühe um sie geben, könnte sich lohnen für Dich. Glaub´ mir Udo, sie mag Dich!“

„Ach was, Spinnkram“, winkte Udo ab, um nach einer Weile zu fragen: „sag mal, glaubst Du das wirklich?“

22. März. Im MAXIM

21.00 Uhr. Ernstl und Helga kamen etwas zu spät am Maxim an, weil zum Schluss doch noch ein paar Kunden am Kiosk gestanden hatten .

Als sie am Maxim ankamen, befürchteten sie, keine Karten mehr zu bekommen, denn das Maxim ist ein sehr kleines Kino mit vielleicht 100 Plätzen – aber es war gar kein Problem, denn gleichzeitig spielte Bayern München in der Champions League und die Leute saßen vor ihren Fernsehgeräten (die mit SKY) oder (die ohne SKY) in Sportbars, die das Spiel zeigten.

Es lief eine alte Wochenschau, als sie den Kinoraum betraten. Beide hatten eine Flasche Bier in der Hand und sie mussten einen Moment in der Tür stehen bleiben, um sich an die Dunkelheit zu gewöhnen. Bald sahen sie, dass der Kinoraum ziemlich leer war, es waren vielleicht zwanzig Zuschauer da. Die meisten saßen in den hinteren Reihen.

„Komm“, sagte Ernstl und nahm Helga an der Hand, „wir gehen in die Mitte da und er zeigte auf die fünfte Reihe, „da ist keiner, der uns stört und wir stören auch keinen...“

Sie schlichen auf ihre Plätze und setzten sich. Helga verschwand fast in ihrem Kinosessel, so klein war sie, aber Ernstl ragte natürlich hoch auf – sogar so weit, dass seine Haarspitzen einen Schatten auf die Leinwand warfen. Er versuchte sich etwas kleiner zu machen, aber es ging nicht, weil die Stuhlreihen für ihn zu eng standen.

„Ey, Alter!“, rief eine junge Stimme von hinten, „nimm deinen Kopf runter!“

Ernstl versuchte es (ehrlich), aber es ging einfach nicht.

„Kopf runter, hab` ich gesagt!“

Ernstl versuchte es wieder, er hielt den Kopf schräg.

„Jetzt sehe ich nichts, du Affe“, rief eine andere Stimme von hinten, „nimm deine blöde Riesenbirne da weg!“

Ernstl sagte zu Helga, dass sie eine Reihe vor gehen sollten, dann wäre es vielleicht besser. Also standen sie auf, was aber nur den nächsten Proteststurm hervor rief.

„Weg da“, brüllten jetzt gleich mehrere Männerstimmen, „oder wir hauen dir die Birne runter, dir und deiner Missgeburt da neben dir. Hast du die aus dem Zoo oder aus dem Katalog?“. Es flog eine Bierflasche und die traf Helga am Kopf – nicht sehr genau und es tat auch nicht sehr weh, aber sie rief trotzdem „Autsch“.

„Lasst den Quatsch“, sagte Ernstl ganz ruhig, „Jungs, lasst uns in Ruhe und seht euch den Film an.“

„Ach nee, jetzt wird er zum Helden!“, spottete einer und die anderen brüllten vor Lachen. Ernstl hatte gesehen, dass es sechs junge Männer in Lederjacken waren, die irgendwie nach Möchtegern- oder Vorstadt-Motorradgang aussahen.

„Jungs“, sagte Ernstl betont ruhig, „ich sag´s euch noch einmal – lasst uns in Ruhe, sonst.…“

„Sonst was“, brüllte der Anführer jetzt offenbar ernsthaft wütend, „sonst was, du Affe?“

Helga zupfte Ernstl am Ärmel und sagte: „Komm, lass, Ernstl …“. Ernstl kümmerte ich nicht um ihren Einwand.

Satt dessen sagte Ernstl betont ruhig: „Sonst komme ich nach hinten und versohle dir den Hintern!“

Das konnte sich der Anführer nicht bieten lassen, er führte ein Ritual auf, in dem er sich die Jacke vom Leib riss und brüllte, wenn der Affe nicht gleich den Mund halte und mit seiner O-beinigen Schickse das Kino verlassen würde, dann könne er für nichts mehr garantieren.

„Für was denn?“, fragte Ernstl immer noch so ruhig, „für was kannst du nicht garantieren? Du hältst jetzt die Schnauze, du und Deine Kumpels, sonst garantiere ich dir mal was...“

„Was denn?“, fragte einer der anderen vorlaut, „sollen wir dich plattmachen, oder was?“

Das war jetzt zu viel für Ernstl, der schaltete innerlich automatisch auf „Rummelboxer-Modus“ und stieg über die erste Stuhlreihe nach hinten – und zwar so, dass er nicht direkt auf die Bande zuging, sondern ihnen den Weg zum einzigen Ausgang abschnitt. Dann nahm er die zweite Reihe mit seinen langen Beinen. „Andersherum“, sagte er ziemlich leise, „andersherum wird ein Schuh draus, ich mache euch platt!“

Die Bande lachte laut – war da ein unsicherer Unterton zu hören? -, wurde aber ganz schnell leiser, als Ernstl auch die nächste Reihe überquerte.

Der am weitesten außen sitzende der Lederjackenträger war der schmächtigste, er versuchte den Gang zum Ausgang zu gewinnen.

„Nichts da“, sagte Ernstl, „Du bleibst da!“. Dann brüllte er „Setz dich!“

Der Schmächtige saß sofort wieder auf seinen vier Buchstaben und versuchte einen Moment später, den Gang auf allen Vieren krabbelnd zu erreichen. Inzwischen hatte Ernstl, die letzte Reihe vor den sechs Großmäulern erreicht und langte blitzschnell zwei oder dreimal zu. Was bedeutete, dass drei aus der Bande mit blutenden Lippen und dick anschwellenden Augen in ihren Sesseln saßen und ihn staunend anschauten. Man sah auf ihren Gesichtern deutlich die Frage, mit welchem Verrückten sie sich denn da bloß angelegt haben könnten. Dabei hatte Ernstl gar nicht richtig zugeschlagen, eher nur mit halber Kraft, wenn überhaupt... Der Gangchef hielt plötzlich ein Messer in der Hand.

„Jetzt bist du dran“, zischte er Ernstl zu und schlug mit dem Messer einen Heumacher. Ernstl bog den Oberkörper blitzschnell zurück, das Messer fuhr ins Leere, der Schwung des Schlages ließ den Messerstecher straucheln. Da griff Ernstl mit einer Hand den Arm mit dem Messer und hielt ihn wie in einem Schraubstock fest, mit der anderen Faust schlug er zwei- oder dreimal eher mittelhart zu, dann sackte sein Gegner blutend und schluchzend zusammen und schrie: „Ich bin blind! Ich bin blind! Ich kann nicht mehr sehen!“

„Schnauze“, raunzte Ernstl ihn an, was den Messerhelden veranlasste still in seiner Reihe zu liegen, die Hände hielt er schützend um den Kopf: „Nicht mehr schlagen...“, wimmerte er.

Ernstl wandte sich dem letzten zu, der noch keine Prügel bezogen hatte und dachte laut nach: „Und Du? Was machen wir mit Dir?“

„Ni... nichts“, stotterte der, „ich gehöre da gar nicht dazu... zu denen da.“

Ernstl versetzte ihm prophylaktisch eine freundliche Ohrfeige, die den Stotterer zur Seite kippen ließ und sagte: „Und jetzt ist Ruhe im Kino – wir wollen den Film sehen, verstanden? Und jetzt setzt euch ordentlich hin und haltet die Klappen, ja! Seid so nett, bitte! Und saut hier nicht so rum, ist ja alles blutig hier... wie sieht denn das aus? Ich und die anderen hier sind gekommen um Eddi zu sehen, nicht um uns mit euch Schmarotzern zu prügeln. Und außerdem kämpft ihr Memmen erbärmlich, pfui Spinne, wie Mädchen.“

Damit drehte er sich wieder um, stieg die vier oder fünf Reihen wieder zurück und setzte sich neben Helga. „Tut der Kopf noch weh?“, fragte er. Sie schüttelte den Kopf und lehnte sich an ihn, ihren Helden! Die wenigen anderen Zuschauer spendeten erst vorsichtig, dann – als die Möchtegern-Hells Angels sich nicht rührten –, begeistert Applaus

In der Pause zwischen dem ersten und zweiten Film, fragte einer der Bande höflich und dabei nuschelte er etwas, ob sie jetzt, bitte, gehen könnten?

„Haut ab“, sagte Ernstl generös, „wenn ihr sauber gemacht habt und benehmt euch das nächste Mal, wenn ihr wieder ins Kino geht“. Das versprachen sie.

Mit ihnen verschwand ein Mann, den Ernstl nicht gesehen hatte, den er vielleicht auch gar nicht wiedererkannt hätte. Es war der Fotograf, der den Kiosk fotografiert hatte.

22. März In Sarahs Studio

21.00 Uhr. Sarah war eine besondere Frau. Sie war nicht so klug, wie Hanna war. Von vielen Dingen, die andere Menschen als Bildung oder gar höhere Bildung bezeichnen würden, wusste sie nichts. Sie war auch nicht das, was man früher als höhere Tochter bezeichnet hätte. Sie hatte „gerade“ die mittlere Reife geschafft, dann hatte sie Krankenschwester gelernt.

Aber sie war trotzdem irgendwie klug, anders als Hanna, die Akademikerin, verfügte sie über eine Klugheit, die ihr das Leben beigebracht hatte – das setzte auch eine Intelligenz voraus, aber eine ganz andere als die, über die Hanna verfügte. Hanna hatte Biologie studiert, Sarah das Leben.

Sarah war eine schöne Frau. Sie verfügte über ein hübsches Köpfchen und über einen sehr schönen üppigen Körper. Sie sah sehr fraulich aus. Und wenn sie sich schick gemacht hatte, dann war ein ein – „Hammer“.

Sie hatte als Endzwanzigerin irgendwie gelernt, dass sie mit jedem Pfund ihres Körpers wuchern konnte, denn diese Pfunde, von denen sie nicht zu wenige aber auch keinesfalls zu viele besaß, waren „ausgesprochen richtig verteilt“, der liebe Gott hatte, als er sie schuf, einen verdammt guten Job gemacht, das fand sie und, was noch wichtiger war, fanden die Männer.

Und er hatte ihr nicht nur eine üppige Figur geschenkt, sondern auch die hellblauesten Augen „südlich des Polarkreises“, die braunen Haare hatte sie mit Hilfe von Friseuren erblonden und manchmal auch erröten lassen… Noch ein schicker „Fummel“ mit großem Ausschnitt und fertig war die perfekte Frau. Viel Make-up brauchte es bei ihr nicht.

Am allerwichtigsten war, dass Sarah gerade früh genug kapiert hatte, mit welchem Kapital Gott sie ins Leben geschickt hatte. Dass sie Spaß daran hatte, dieses Kapital richtig einzusetzen, mit diesem Kapital zu wuchern, half ihr darüber hinaus, denn sie gehörte zu den Frauen, denen Sex richtig Spaß machte.

Für das Geschäftsfeld extrem spät, nämlich so gegen Dreißig, hatte sie begonnen, ihre Gunst nicht mehr zu verschenken, sondern zu verkaufen.

Als Selbstvermarkterin war sie gut! Sie wusste jedenfalls, dass eine rare Ware teuer sein musste und dass irgendwann der hohe Preis zum Reiz für den Käufer wird… insofern war sie eben doch eine kluge Frau!

Nicht, dass sie eine Nutte geworden wäre, Gott bewahre, sie hatte Stil. Sie hatte ihre Herren stilvoll begleitet – auf Bälle (in großer Abendrobe mit für den Tänzer deutlich fühlbar nichts drunter und einem Dekolleté, ja wow!), zu Herrenabenden oder aufs Hotelzimmer und ihre Wünsche erfüllt, alle und wirklich jeden! Und dabei waren ihre Preise stetig gestiegen…

Sie hatte geglaubt, nach 10 Jahren aussteigen zu müssen (wegen des Alters), aber es hatte sich gezeigt, dass es keine Frage des Alters sondern des Marketings war, ob und wie lange eine Frau in ihrem Geschäft tätig sein konnte. Es gab sehr wohl Herren, die ihr Alter schätzten…, die nichts Junges wollten. „Hanna“, hatte sie gesagt, „die Welt ist verrückt und die Männer erst…“

Sie hatte sich hochgearbeitet – ihre Geschäftspartner mochten erst Handelsvertreter, Bauunternehmer oder Chefs von Kleinbetrieben gewesen sein, die sich mal etwas gönnen wollten, später waren es Anlageberater, Banker und Direktoren von Konzernen und der eine oder andere Politiker. So hatte sie es als steuerehrliche Kleinunternehmerin zu einem gewissen Wohlstand gebracht, ihre Beziehungen hatte sie gepflegt und dafür einen gewissen Schutz erhalten. Es ging ihr gut.

Im Laufe eines Abends oder Wochenendes, hatte sie Hanna erzählt, die von ihrer Profession natürlich wusste, und die ihre beste Freundin, ihre Mentorin geworden war, würde man ja nicht „ununterbrochen rumficken“, die Herren hatten Stil und nur eine begrenzte Libido („da helfen auch die Austern nichts und der Champagner ist eher kontraproduktiv“), man lud die Dame, also sie, erst einmal zu einem Dinner oder so ein, man redete miteinander und weil Sarah klug genug war, nicht zu viel zu reden, hörte sie eher zu.

„Die Kerle wollen doch vor allem reden“, hatte sie erzählt, „du glaubst gar nicht, wie viele sogar nur reden wollen, eine liebevolle Zuhörerin wollen und vielleicht ein bisschen schmusen, „das Geficke“ käme erst ganz zum Schluss! Wenn überhaupt! Das können die zur Not auch zu Hause haben oder bei anderen billiger, du glaubst es nicht, aber die wollen vor allem eine schöne Frau, die sie bewundert, das hatten die nämlich schon lange nicht mehr… Und zuhause gar nicht.“

Und sie hatte bestimmten Kunden besonders gut zugehört und den einen oder anderen wertvollen Tipp bekommen. Ihre Chefbanker-Kunden, so hatte sie ihre Kunden aus den oberen Banketagen genannt, hätten so manche Information, die sie bei anderen aufgeschnappt hatte, erst mit Erstaunen und dann mit Interesse aufgenommen.

Mit einem ihrer Banker hatte sie sich ein wenig angefreundet („also nicht so als Freund, so wie du das verstehen würdest, aber Vertrauen kam schon auf“) und der hätte ihr den Vorschlag gemacht, dass er sie nicht bar bezahlen würde, sondern ihre Honorare für sie professionell anlegen würde… Sie hatte nicht lange nachgedacht und gesagt, das müsse sich für sie aber rechnen, „keine Gebühren oder so, den Profit will ich in bar und in Gänze auf die Kralle“.

Als er gefragt hätte, ob sie bereit sei, Risiken einzugehen, habe sie nur gelacht und gesagt, ihr ganzes Leben sei ein einziges Risiko… Er solle nur machen, die „Marie“ solle rumkommen, aber ordentlich!

Und dann habe sie ihn ein Jahr lang „in die Sparkasse gefickt“ (das war einer von den wenigen, der konnte und wollte immer), „und dann kam der eines Tages mit einem Koffer voll Geld und meinte, dass ich meinen Körper gut angelegt hätte… Riskant, aber gut.“

Das internationale Geschäft hatte Sarah irgendwann aufgegeben, „Die Schwerkraft“, hatte sie Hanna gesagt, „die Schwerkraft war schuld, irgendwann waren die BHs immer größer und immer weniger sexy geworden…“ und dabei hatte sie sich unter die immer noch fast vollkommenen Brüste gefasst und sie leicht angehoben und dann fallen lassen. Die Fallstrecke war zwar nur kurz, aber merkbar. „Siehst Du?“, hatte sie gesagt, „aber eine OP kam mir nicht Frage“.

Sie wollte aber nicht in Ruhestand, nicht mit Ende Vierzig und auch nicht mit Anfang Fünfzig, also hatte sie das Geschäftsmodell geändert, den Kundenkreis abgespeckt und sich im Haus gegenüber, wo ihre Kunden mit dem Auto in die Tiefgarage fahren konnten und so nicht gesehen wurden, wenn sie zu ihr kamen, ein „Studio“ eingerichtet: Sie hatte eine Dreizimmerwohnung gemietet, sie mit zwei Schlafzimmern („normal“ und „spezial“) und einem Fotostudio ausgestattet und betrieb ihr Geschäft auf kleiner Flamme mit diversen Stammkunden. Ganz selten noch nahm sie einen Auswärtstermin wahr.

Auf die Frage, warum sie das noch mache, hatte sie Hanna erklärt: „Ich bin doch kein altes Eisen, schau dir diesen Luxuskörper an…“ und dabei war Sarah aufgestanden, hatte sich vor Hanna wie eine Junge gedreht und gebogen und gelacht, „ich verdiene im Liegen, ganz bequem, an drei halben Tagen in der Woche zehnmal so viel wie ein Straßenbahnfahrer im Monat … Und ich muss nicht früh raus, ich kann bis Mittag liegen bleiben und ich habe Spaß dabei, naja, meistens – nicht immer, denn manchmal ist es auch schmerzhaft, aber da muss ich durch und am nächsten Tag kann ich auch wieder normal sitzen…“.

In ein paar Minuten würde wieder ein Kunde kommen, zweieinhalb Stunden im Studio bleiben und dann sehr befriedigt wieder gehen.

Sarah war schon im Studio und Hanna hatte den PC hochgefahren, um ab und zu die Bilder der beiden Webcams zu beobachten, die Sarah unauffällig installiert hatte, um zu prüfen, ob und dass drüben alles mit rechten Dingen zuging, und dass Sarah nichts passierte – was allerdings nicht zu erwarten war, da nur noch Stammkunden kamen.

Aber wenn, würde sie erst eine Sirene im Studio anschalten, dann den eventuellen Missetäter über Lautsprecher informieren, dass er gefilmt werde und Udo schließlich informieren, der noch der Kräftigste unter ihnen war…

Damit wäre zwar das Studio anschließend nicht mehr zu gebrauchen, weil sich herumgesprochen hätte, dass Sarah sich videoüberwachen ließ – aber sie würde einen eventuellen Notfall jedenfalls überleben, hatten sie sich gemeinsam überlegt.

Auf dem Bildschirm sah Hanna, dass Sarah unter einem Negligé MassimoX- Wäsche aus dem kleinen Wäschegeschäft am Dom trug, sicher hatte ihr Kunde sich das so bestellt… Jetzt stand sie vor dem Spiegel, überprüfte das Outfit und winkte Hanna in die Kamera.

Sie, die im gerade nicht Rollstuhl saß, sie war schließlich in ihrer Wohnung, musste zugeben, dass Sarah in ihrer Üppigkeit einen sehr schönen, sehr reifen Anblick abgab, auf den Männer ganz bestimmt fliegen würden und der, der jetzt kommen würde, garantiert!

24. März. Die mz berichtet

Am 24. März erschien der von Ernstl lang ersehnte und von Hanna befürchtete Artikel in der mz – und er war viel katastrophaler, als selbst die von Anfang skeptische Hanna erwartet hatte:

Brutale Schlägerei im Kino
Ex-Schwergewichtsboxer rastet aus. mz berichtet...

Wie diverse Zeigen bestätigen, hat der Ex-Schwergewichtsboxer E. (125 kg) eine Gruppe körperlich weit unterlegener Jugendlicher während einer Kinovorführung im Maxim brutal zusammengeschlagen und schwer verletzt. Drei Jugendliche mussten im Krankenhaus behandelt werden, einer wurde stationär aufgenommen. Wieder einmal zeigte sich, dass die Fäuste eines Profiboxers, auch eines Ex-Profiboxers, gefährliche Waffen sein können...

Ein mz-Reporter war dabei, als während einer sog. „Eddi-Constantine-Night“ im Maxim der mehrfach einschlägig vorbestrafte Boxer E. grundlos ausrastete und eine Gruppe friedlicher Jugendlicher zusammenschlug und dabei teilweise schwer verletzte. Vielleicht hatte er sich im „Blutrausch“ ja als „Eddi“ gesehen...

Nach der brutalen einseitigen Prügelei verhinderte E. wiederum mit körperlicher Gewalt, dass sich die von ihm verletzten Jugendlichen schnell der notwendigen notärztlichen Behandlung unterziehen konnten. „Wir wissen auch nicht, was in den Mann gefahren ist“, sagte eines der Opfer noch im Rot-Kreuz-Krankenhaus unserem Reporter, der zufällig vor Ort war, „der ist ja völlig ausgerastet, dabei hatten wir ihm sogar ein Bier spendiert!“

Kino-Besitzer A.B. (siehe Foto) war völlig fassungslos: „Hier ist alles voller Blut. Ich weiß gar nicht, wie ich das wegbekommen soll. Die Polizei hat mir sogar empfohlen, professionelle Tatortreiniger einzusetzen. Unglaublich...“ A.B. betonte gegenüber der Redaktion noch, so ein Vorfall sei ihm in dreißig Jahren, die er das Kino betreibe, noch nicht vorgekommen. Ja in ganz München sei so etwas in einem Kino noch nicht passiert. Und er wisse gar nicht, ob er noch einmal eine Eddi-Constantine-Nacht in seinem Kino veranstalten würde, wenn da solche Kampfmaschinen wie dieser Boxer kämen. Und das, obwohl er in den vorherigen Eddi-Constantin-Nächten mit am besten verdient hätte. Aber man hat ja auch eine soziale verpflichtung, nicht wahr?

Andere Kinobesucher standen nach den fürchterlichen Erlebnissen unter Schock, als sie das Maxim verließen und waren zu keinen Aussagen zu bewegen.

Weitere Recherchen der mz ergaben, dass der (es fällt schwer zu sagen) „vermeintliche“ Täter, der nach der Filmnacht seelenruhig am Arm seiner rumänischen Geliebten H. das Kino verließ, einen Kiosk in der Leonrodstraße betreibt. H. turnte in den Achtzigern kurz in der rumänischen Nationalmannschaft - ihr war die Einnahme von Dopingmitteln trotz mancher Gerüchte nie nachgewiesen worden – aber man ahne ja, was damals in Rumänien mit den Turnküken alles angestellt worden sei, um sie zum Erfolg zu prügeln.

Wie der Zufall manchmal so spielt, war ein Reporterteam der mz wenige Tage zuvor an eben diesem Kiosk, um den aus gegebenem Anlass in Augenschein zu nehmen (siehe Kasten auf S. 12). Unseren Reportern fiel auf, das sich am Kiosk verdächtige Typen treffen, an die in großem Umfange Alkohol ausgeschenkt wird, obwohl – wie das KVR auf Nachfrage der Redaktion bestätigte – keine Ausschankerlaubnis vorliegt. Auch Essen wurde verkauft, obwohl dafür natürlich die hygienischen Voraussetzungen nicht gegeben seien. Der KVR-Chef auf Nachfrage: „Da werden wir sehr schnell prüfen und gegebenenfalls hart durchgreifen müssen – wir lassen uns von solchen obskuren Typen doch nicht auf der Nase herumtanzen!“.

Die mz wird im Sinne ihrer Leser ganz dicht am Thema bleiben!

Und auch Drogen scheinen dort in Umlauf zu gelangen, wie unsere Reporter live beobachteten. Inwieweit kriminelle Dinge stattfinden, muss die Staatsanwaltschaft noch ermitteln, die von der Redaktion sofort vollumfänglich in Kenntnis gesetzt wurde.

Unter anderem konnten die mz-Reporter, die anlässlich der Reportage vom Pächter – eben jenem Schwergewichtsprofi E. – bei der Recherche körperlich nicht nur bedroht, sondern auch verletzt wurden, beobachten, dass an dem Kiosk verbotene Bücher gehortet und offenbar zu Höchstpreisen an Sammler (?) unter dem Tisch verkauft werden (siehe Foto) – ein Verdacht der Hehlerei liegt auf der Hand. Auch hier werden Ermittlungen eingeleitet werden, wie die Staatsanwaltschaft bestätigte.

Schließlich konnten die Redakteure beobachten, wie am Kiosk schriftliche Anweisungen für schwerkriminelle Aktivitäten zirkulierten. Da stelle sich dem kritischen Beobachter die Frage, um was handelt es sich bei dem Kiosk in Wirklichkeit? Ist der Kiosk eine Tarnung für eine kriminelle oder gar terroristische Organisation? Was passiert hier wirklich? Welche Rolle spielen der Ex-Boxer E., die rumänische Turnerin mit der dubiosen Vergangenheit und die angeblich behinderte Frau im Rollstuhl, die sich im Gäu als nur „Frau Doktor“ ansprechen lässt? Sogar als Engel vom Hübnerplatz!

Die mz wird weiter recherchieren und in den nächsten Tagen berichten!

25. März. Die mz berichtet wieder

Am 25. März erschien in der mz ein Interview mit der Mutter des noch im Krankenhaus liegenden Anführers der Vorstadt-Gang.

Warum wurde er so misshandelt?

Während die drei anderen von Ex-Berufsboxer und Ex-Champion E. tätlich angegriffenen jungen Männer das Schwabinger Krankenhaus mit den erlittenen Blessuren wieder verlassen konnten, muss einer der jungen Leute, die sich dem ausrastenden Exboxer so mutig in den Weg stellten, als der drohte, das Kino zu verwüsten (mz berichtete), immer noch in der Klinik bleiben (Foto des jungen Mannes im Krankenhausbett).

Die mz sprach mit seiner Mutter Erika M.

„Ich kann das gar nicht verstehen“, jammerte Erika M., „er ist doch ein so braver Junge, er kann doch keiner Seele etwas zuleide tun, sogar Hunde mag er!

Natürlich ist das heute schwer für die Jungen, einen Job zu kriegen – aber die Grundschule hat er doch erfolgreich abgeschlossen, obwohl die anderen ihn immer gehänselt hatten, weil er ein Lego..., also weil er nicht so gut schreiben und rechnen konnte.

Als sein Vater damals von jetzt auf gleich verschwunden war, habe ich Tag und Nacht gearbeitet, um dem Jungen eine gute Ausbildung mitgeben zu können. Aber die Lehrer haben ihn ja nie verstanden!

Ich bin so froh, dass er seine netten Freunde hat. Die hängen ja auch bei uns in der kleinen Wohnung ab. Die ist doch viel zu klein für fünf solche Kerle. Aber wo sollen die denn hin hier in der Messestadt, da gibt es für die Jungs doch nichts außer dem Jugendtreff Quax und McDonalds – und für das Quax ist er doch zu groß – die haben ihn schon rausgeworfen! Zu alt, haben die gesagt.

Die Leute sollen doch nicht immer so auf den Jungen rumhacken, bloß weil die abends an der Bushaltestelle in „Ost“ rumhängen, die tun doch niemandem etwas, die passen eher auf, dass da nichts passiert!“

Auf die Frage, was sie dem Profiboxer E. sagen würde, sagte Erika M.: „ich? Ich weiss nicht. Aber das ist ein ganz ungehobelter Klotz, dem sollte mal jemand ganz fürchterlich die Meinung geigen! Nicht so eine schwache alte Frau wie ich.“

Recht gesprochen, Frau M., findet die Redaktion. Was ist Ihre Meinung, liebe Leser? Schreiben sie uns! Oder sagen sie uns Ihre Meinung auf twitter (#muenchnerzeitung) oder Facebook (facebook.muenchner­zeitung) – wir sind immer für sie da. Die mz ist immer auf Ihrer Seite, liebe Leser.

26. März. Die mz berichtet wieder

Am 26. März erschien in der mz eine ganze Seite: „Bilder aus dem Leben des Boxers“ lautete die Überschrift. Es waren eindeutig private Bilder, fast könnten sie aus einem Fotoalbum eines Bekannten von Ernstl stammen!

Gegen neun Uhr läutete das Telefon von Hanna. Die Spätaufsteherin schimpfte ein wenig über die frühe Störung und nahm, als das Klingeln gar nicht aufhören wollte, doch den Hörer ab. „Ja, bitte?“, sagte sie ungnädig und kurz angebunden. Sollte der Gesprächspartner doch gleich merken, dass er (noch) nicht willkommen war!

„Hanna“, stammelte auf der anderen Seite der Leitung ein offenbar völlig verstörter Ernstl, „entschuldige bitte, aber ich muss dich sprechen... Bitte.“

„Was ist denn Ernstl“, fragte Hanna schon sehr viel sanfter, „ist etwas passiert? So früh rufst du doch sonst nie an...“

„Nein oder ja“, sagte Ernstl, „also ich meine, ich rufe sonst nicht so früh an, ich weiß doch, dass du länger schläfst, aber, ja, es ist etwas passiert!“.

Er holte tief Luft und sagte dann „Die haben meine Bilder..., ich meine, die haben Bilder von mir, die können die gar nicht haben, weil, die habe nur ich, die können die gar nicht haben! Ich weiß auch nicht, wie sie daran gekommen sind...“

„Ernstl“, sagte Hanna, die durch Ernstls verzweifeltes Gestammel ganz schnell wach geworden war, „gib mir eine halbe Stunde! Ich muss aufwachen, mich waschen, mich anziehen und dann komme ich zu Dir. Okay?“

„Danke, Hanna!“. Beide legten auf.

Fünfundvierzig Minuten später schob Wolf-Dieter Hannas Rollstuhl vor den Kiosk.

„Hallo Hanna, Tag, Wolf-Dieter!“, schallte es aus dem Kiosk, „wartet, ich komme raus.“

Ernstl musste sich bücken, um durch die kleine Tür zu kommen. „Lasst uns reingehen“, sagte Wolf-Dieter, „muss uns ja nicht jeder hier sehen!“

„Hhm“, machte Ernstl, „gerne, wird aber eng werden in der kleinen Bude.“

„Wird schon gehen“, sagte Hanna, „die paar Meter kann ich auch gehen, dann können wir den Rollstuhl draußen stehen lassen.“

„Na dann, „, sagte Ernstl, „dann mal rein in die gute Stube – ich gehe voraus, okay?“

Sie gingen hinein. Es war wirklich eng, da hatte Ernstl Recht gehabt.

„Ich habe mal nachgedacht“, meinte Ernstl, „übrigens, ´tschuldigung, ich bin unhöflich! Wollt ihr Kaffee?“, fügte er dann ein, sich an seine durchaus vorhandenen Manieren erinnernd.

„Danke, gerne – aber heute ohne Schuss für mich“, sagte Wolf-Dieter, „ist zu früh dafür.“

„Für mich auch pur“, ergänzte Hanna.

Ernstl wurschtelte sich durch den voll besetzten Kiosk und füllte zwei Kaffeepötte, Milch und Zucker standen zur Selbstbedienung auf einem Regal.

„Und was ist rausgekommen beim Nachdenken?“, fragte Wolf-Dieter schließlich nach den ersten Schlucken.

„Die müssen mein Fotoalbum geklaut haben, anders ist das nicht möglich, die Bilder hatte ich in einem alten Album, da habe ich jahrelang nicht reingeschaut.“

„Und wo haben die das her?“, fragte Hanna. Mit „die“ war natürlich die Redaktion der mz gemeint.

„Die müssen hier eingebrochen sein... ich hatte das Album immer hier und jetzt es ist weg! Einfach futsch!“

„Ach du Scheiße“, sagte Hanna ganz damenhaft und meinte damit einerseits den Einbruch und andererseits den heißen Kaffee, mit dem sie sich die Zunge etwas verbrüht hatte.

„Ja“, sagte Wolf-Dieter, „damit werden die genügend Stoff für die nächsten Tage haben. Das kann schlimm werden. was sind das denn für Bilder?“

„Ach, solche vom Rummelboxen, nichts Besonderes, meine ich, Kampfszenen. Naja, und welche von Helga, wir beim Bummeln durch St. Pauli und so, wir haben uns damals ja kennen gelernt.“

„Ach Du Scheiße“, murmelte Hanna, „oh je, solche, auf denen Du boxt? Und solche mit Dir und Helga, Arm in Arm?“

„Ja, klar..., lauter privates Zeug. Was soll ich denn machen?“, fragte ein sehr bekümmerter Ernstl.

„Weißt Du“, sagte Hanna, „Du kannst die Polizei rufen, du kannst dich bei der Chefredaktion beschweren, du könntest den Presserat anrufen – passieren wird nichts, gar nichts! Und die beiden Schmierfinken werden alles abstreiten und wahrscheinlich werden sie behaupten, habe ihnen das Album anonym zugesteckt.“

Wolf-Dieter schaute sie fragend an.

„Ich würde gar nichts tun und den Sturm abreiten, Ernstl, und in Deckung gehen, den Kiosk für vier Wochen schließen! Kannst du dir das leisten?“

Ernstl wiegte den Kopf. „Naja, das wird knapp... die Kosten laufen ja weiter. Und die Kunden? Wenn die einmal woanders eingekauft haben? Kommen die dann wieder?“

„Ich helfe dir“, sagte Hanna, „fehlt sonst noch etwas?“

„Der Comic von dir, der mit der Widmung!“

„Naja, ist schade“, meinte Hanna, „aber nicht so wichtig!“

„Aber das ist das schönste Geschenk, das ich je bekommen habe.“

„Tatsächlich? Dann ist es natürlich sehr schade – aber es gibt Wichtigeres, Ernstl.“

Wolf-Dieter war inzwischen hinausgegangen und hatte sich die Tür und das Schloss angeschaut. „Nach meiner unmaßgeblichen Meinung hat da jemand am Schloss rumgefummelt, es gibt da Kratzspuren, die da nicht hingehören, finde ich“, rief er herein.

„Siehst Du?“, sagte Hanna, „das hört sich für mich gar nicht gut an. Ich würde den Laden wirklich für ein paar Tage schließen und wegfahren, mindestens eine Woche. A pro pos wegfahren, Hast du noch eine Stange Zigaretten für mich?“.

„Ja klar“, meinte Ernstl, „da hinter dir im Regal, zwei Stangen, reicht das erst einmal?“

„Aber klar!“, sagte Hanna und fummelte das Geld aus ihrer Jackentasche und legte es auf den Tisch. Als Ernstl ihr das Wechselgeld geben wollte, winkte sie ab, „der erste Beitrag zum Fortfahren!“, lachte sie Ernstl an. Der lächelte dankbar zurück – aber eher für die moralische Unterstützung als für die paar Euros.

Dann gingen sie hinaus. Wolf-Dieter hatte den Rollstuhl drei Meter zur Seite geschoben. „Soll ich ihn holen?“, fragte er und nickte in Richtung ihres Rollstuhles.

Hanna schüttelte den Kopf: „Die paar Meter, wird schon gehen“, und damit ging sie langsam und vorsichtig zum Rollstuhl.

Den grinsenden mz-Fotografen, der sich auf der anderen Seite der Leonrodstraße in einem Lieferwagen in Schussposition gesetzt hatte, sahen sie nicht. Und auch nicht, dass er seine Canon „mit Motor“ fleißig laufen ließ – 10 Bilder pro Sekunde. „Das ist Bares wert“, flüsterte er, als er die Bilder auf dem Kameramonitor anschaute. Dann informierte er seinen Redakteur vom jüngsten Coup.

27. März. Am Kiosk

10.00 Uhr. Wieder hatte Ernstl Hanna früh angerufen. Diesmal hatte er sogar geweintvor Wut. „Alles ist beschmiert“, hatte er geschluchzt, „die haben alles vollgeschmiert. Was habe ich denen denn getan? Und wem? Kannst du kommen? Bitte!“.

Dieses Schluchzen des Bären von einem Mann hatte etwas ganz tief drinnen in Hanna berührt. Wenn so ein Mann, der sich durch sein Leben im wahrsten Sinne des Wortes gekämpft hatte, weinte, dann war er absolut hilflos – weil er keinen Gegner hatte, gegen den er kämpfen konnte. Er war wehrlos, hilflos, paralysiert!

Natürlich hatte er einen Gegner, nämlich dieses dicke Arschloch, das sich mz-Journalist nennen ließ, der mit ihm spielte. Aber der war nicht greifbar für Ernstl, dachte Hanna; als sie mit Wolf-Dieter und Udo zum Kiosk rollte. Ernstl würde nicht einmal die Regeln begreifen, nach denen der Dicke sein Spiel spielte! Dem ging es um „Auflage“ – und um Macht!

In seiner Position war er – zumindest für Ernstl und weitestgehend auch für sie – unangreifbar. Das war der Kick, den der Dicke genoss. Der Deckmantel der Pressefreiheit, die Unverfrorenheit der Chefredaktion und die Dummheit der Leser gaben ihm seine Macht. Schließlich befriedigte er ja nur das Informationsbedürfnis seiner Leser – dafür ist die Presse ja da. Und um Kreisverwaltungsreferat und Polizei in den Arsch zu treten. Die musste Anselm Pfeiferle ja zum Jagen tragen, um der Bevölkerung den ihr zustehenden Schutz vor dem „internationalen Pack“ zu verhelfen, das sich im schönen München sammelte. Ja, das war sein tagtägliches mühsames Brot, eine wahre Plackerei! Aber er würde für das Gute kämpfen, immer. So dachte er wirklich. Und die von der CSU, die ihre schützende Hand über ihn hielten, auch.

Tatsächlich, der Kiosk sah schlimm aus. Das Verkaufsfenster war eingeschlagen oder mit einem Stein eingeworfen worden. Die Seitenwände waren beschmiert mit „Schwein“, „Raus hier“ oder „Boxersau“ waren die harmloseren Beschimpfungen. Sie gipfelten in einem hirnlosen „Kinderficker“.

Die drei standen stumm vor Wut und Entsetzen vor dem Kiosk. Von Ernstl war nichts zu sehen. Sie fanden ihn wie ein Häufchen Elend in seiner Bude. „Sie haben mir sogar Scheiße durchs kaputte Fenster geworfen“, stammelte er, „und habt ihr gesehen, was sie draußen dran geschrieben haben?“

„Ja, klar“, sagte Udo, „ist ja nicht zu übersehen. Schweinebande!“

„Weißt du wer`s war?“, fragte Wolf-Dieter überflüssigerweise.

Ernstl schüttelte nur den Kopf. „Keine Ahnung!“

„Ist doch im Moment auch nicht wichtig“, sagte Hanna ganz ruhig, „wichtig ist, dass du und Helga, dass ihr beiden verschwindet! Ihr müsst hier fort, sonst passiert noch Schlimmeres. Hast du mich verstanden, Ernstl? Ihr macht den Laden hier zu und verschwindet!“

Ernstl nickte.

„Gleich!“, sagte Udo, „Hanna hat Recht! Ihr müsst hier weg! Weit weg! Habt ihr jemanden, wo ihr hin könnt?“

Ernstl schüttelte wieder stumm den Kopf. Er saß weit vorgebeugt auf einem Hocker, den Kopf in den Händen fast schon zwischen den Beinen. Der Mann bot ein Bild des Jammers.

Er schaute mit Tränen in den Augen hoch. „Helga hat schon vorgeschlagen, ihren Bruder in Cluj anzurufen, der kennt da angeblich ein paar ganz böse Jungs, die würden für eine kleine Mark herkommen. um den Kiosk zu bewachen und so...“

„Bist Du blöd,“ sagte Hanna, „die Bullen haben Euch dann ganz schnell an den Hammelbeinen. Das ist das nicht wert. Nein, Ihr fahrt weg, aber nicht nach Rumänien, in die entgegengesetzte Richtung, schlage ich vor, in den Norden. Da könnt Ihr schön abkühlen. Und Du sagst Helga, dass sie ihren Bruder erst einmal nicht anrufen soll.“

„Aber ich habe kein Geld, um zu verreisen, Hanna,“ murmelte Ernstl leise, „nichts, wir hatten in den letzten Wochen kaum Umsatz.“

„Ich mache das schon!“, sagte Hanna, „wir gehen bei der Bank vorbei und holen Geld für dich , kein Problem!“

„Ja, aber, ich kann doch nicht einfach Geld von Dir...“

„Papperlapapp“, wies Hanna ihn ab, „du kannst! Schluss, Ende, aus!“

Ernstl nickte ihr dankbar zu und fragte dann „Und wo sollen wir hin?“

„Bayerischer Wald oder Rügen oder Mallorca“, schlug Hanna vor, „ganz egal! Nur weg von hier. Am besten in den Norden.“

„Gib mir mal den Schlüssel vom Kiosk“, sagte der praktisch denkende Udo, „wir machen das hier schon - ich und Edgar! Wenn du wiederkommst, erkennst du das nicht wieder. Alles wird schöner, besser und ganz neu. Das wird vom Feinsten, sag ich dir!“

Ernstl lächelte ihn unfroh an: „Mach nur ..., tu´ dir keinen Zwang an! Geld hab´ich eh nicht. Hier ist der Schlüssel.“

„Komm, Ernstl“, sagte Hanna, „da vorne in der Volkartstraße ist ein Geldautomat. Ich habe zwei Karten dabei, da kriegen wir 2000 Euro, das muss fürs Erste reichen.“

„Mensch Hanna“, sagte Ernstl, „ich weiß gar nicht, was ich sagen soll?“

„Denn halte doch einfach den Mund“, schlug die vor.

 


[1] mz = Meine Zeitung. Ein echtes Schmierenblatt. Unterstes Niveau. Billigst hergestellt. Politisch dem rechten Flügel der CSU nahestehend. Wird in München von bestimmten Leuten gerade deshalb gerne gelesen.

[2] Prof. Dr. Dr. Dr. h.c. mult. – 2mal Doktor selbst gemacht (Doktor der Chemie und Doktor der Medizin) + mehrere Doktortitel ehrenhalber (ehrenhalber?) eingesammelt

[3] Einige ehemalige wissenschaftliche Assistenten und Kollegen des Prof. Dr.Dr. Dr. h.c. mult. sollen vor Wut in den nächsten Teppich gebissen haben

[4] Günther Grass, Nobelpreis 1999. Gemeint ist sein Gedicht „Was gesagt werden muss“ von 2012

[5] Wenn Sie einmal nach München kommen sollten: Der U-Bahnhof ist schon wegen seines Lichtkonzeptes sehenswert

[6] Wurde er auch nicht, inzwischen hat die Geschichte ihn weggespült und ein anderer ist jetzt OB

[7] „Der Killer“ – eine geniale Serie von Comic-Bänden von Storyteller Alexis Nolent alias Matz und Zeichner Luc Jacamon. Diese Reihe zutiefst zynischer und antikapitalistischer Weltsicht gehörte einige Jahre zum Besten, was der Albenmarkt an zeitgenössischer Krimi-Noir-Kost zu bieten hatte.

[8] Japanische Edel-Kameramarke für Profis und seit einigen Jahren auch für semiprofessionelle Fotografen und Möchte-gerne-Profis. Das ursprüngliche Ziel des 1935 gegründeten Unternehmens war es, preisgünstige Nachbauten der damals technisch führenden Kleinbildkameras von Leica und Contax herzustellen.

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