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Empfehlung
Klaus Bock by Klaus Bock

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GeierDie amerikanischen Geier-Fonds-Manager und ein US-Richter kommen nach Rügen. Das hätten sie nicht tun sollen. Binz ist nicht die Bronx. Her ist es richtig gefährlich! Das hätten sie wissen sollen. Wussten sie aber nicht. Ihr Pech. Dumm gelaufen! Für sie...

Sie suchen das Besondere? Sie haben´s gefunden: Eine neue skurrile Geschichte von den vier Auftragskillern Jens, Mari, Rudi und Ernst aus Ostholstein, die sich einen Kopf teilen. Ihr Auftrag: Eliminiert die Hedgefond-Manager (die Geier), die nicht nur Argentinien in die Pleite treiben wollen. Es spielen u.a. mit: Merkel, Obama, Putin, ein amerikanischer Trägerverband, diverse Rentner, ein berühmter Sänger. Und andere.

Prädikat: Lesenswert!


Es geht los:

Geiersturzflug.

Geier-Fonds auf Rügen

Als die Sache mit den Argentinien-Anleihen und den Geier-Fonds aus den USA so richtig hochkochte, waren wir gerade im Urlaub in Juliusruh auf Rügen. Die Insel zieht uns seit ein paar Jahren viel mehr an als das Mittelmeer (Sardinien und Mallorca waren bis dahin unsere Hauptziele gewesen). Jetzt also Rügen. Hört sich für viele wahrscheinlich komisch an, die Insel da oben im Norden, alte DDR, glauben viele Wessis immer noch… Ist aber nicht so.

Auch daheim, in Elsas Dörpkro, hatten sie mit den Ohren gewackelt, als ich ihnen vor ein paar Wochen davon erzählt hatte.

„Rügen?“, hatte Elsa gefragt und ihr wär fast der Zapfhahn aus der Hand geglitten, „Schon wieder, Jens? Warum das denn, Jens? Warum denn nicht mal Thailand oder Türkei oder so, wie alle anderen. Rügen, das ist doch diese olle Insel da oben rechts zwischen Lübeck und Polen, oder?“

„Nee, nee, Elsa“, hatte Henning Pogwisch gesagt und mit dem Kopf geschüttelt, „du meinst Usedom, Rügen ist ´nen büschen weiter links, liegt vor Stralsund… Aber da kannst doch gleich hierbleiben, Jens, sieht doch genauso aus da. Ich meine, Wald, Äcker und Strand… Wie hier!“

„Die haben da aber viel größere Äcker als wir hier“, hatte fachkundig Carsten eingeworfen, „man, ich sag´euch, die haben Landmaschinen da, also, Trecker, da sag´ ich nur wow! Die wollten mich schon nach dahin tran…, also, ihr wisst schon, wie bei die Fußballers…, mit Geld und so…“

„Meinst du „transferieren“?“, hatte Henning vorgeschlagen.

„Mag sein“, hatte Carsten zugestimmt, „hat sich jedenfalls so ähnlich angehört.“

„Und warum bist du denn nicht…?“, hatte Elsa von ihm wissen wollen. Carsten hatte nur abgewinkt, reden ist nicht so sein Ding, wissen Sie.

„Und wie lange, Jens?“, hatte Elsa dann von uns wissen wollen.

„Vier Wochen!“

„Ganze vier Wochen?“, hatte Henning gesagt, „In ein´ Stück? Man, von so´was träumt unserein ja nur von… Gleich vier Wochen! Könnte ich gar nicht. Da müsst ich euch ja allein hierlassen – allein, ganz ohne Kriminalpolizei. Da wär´ hier ja der Teufel los… Da musst du aber einen drauf ausgeben, Jens!“

Aus einem Bierchen waren mehrere Runden geworden, immer ´n Kleines und ein Korn.

„Ja, und ich habe uns mal wieder nach Hause schwanken dürfen…“, erinnerdachte Mari, „wie immer…“
„War doch Carsten dabei…“, wandtdachte Rudi ein
„Ja, genauso voll...“, Mari wollte nicht aufgeben. Ihr stank es einfach, wenn wir Männer den einen oder anderen Schluck tranken.

Und nun waren wir da. Auf Rügen. Schon eine Woche lang. Der Rüganer Dialekt, wenn man ihn denn von Einheimischen ab und zu noch hört, ähnelt stark dem, was bei uns in Ostholstein gesprochen wird – so eine Art „Platt“, aber in der ziemlich abgemilderten Form. Ich denke, es ist wie bei uns, „so richtig“ kann kaum noch einer Platt – die auf´m Dorf ja, vielleicht, aber auch nur, wenn sie unter sich sind. Versteht sonst ja keiner… Für unsere Ohren hört es sich hier „gut“ und „wie zuhause“ an. Kann sein, dass wir uns deshalb hier so wohl fühlen.

Dieser Juli war – für Rügener Verhältnisse – heiß. Um Ihnen ein Bild zu vermitteln, viel Sonne, so um die 25°C Lufttemperatur verhieß die Tafel der Rettungsschwimmer auf dem Weg zum Strand seit Tagen unverändert, und etwas mehr als 20°C Wassertemperatur. Bei solchen Temperaturen baden die hier… Vor allem die Frauen. Wirklich. Und zwar wie die Wilden! Ehrlich. Männer badeten deutlich seltener, die brauchen andere Temperaturen. Männer sind eben Frostköttel.

„20°C Wasser“ bedeutete, dass Mari, wenn sie unseren Körper hatte, ihn ununterbrochen ins Meer trieb, badete, während es uns Männern schlotterte…

„Mir reicht das Meer, wenn ich die See seh´ - oder so ähnlich. Wie findet ihr das?“. Das war mal wieder unser interner Schlaukopf Ernst. Er entwickelte sich zurzeit zum Hobby-Aphorismen-Macher. Er hatte Spaß daran gefunden, uns mit immer wieder neuen, selbst erfundenen schlauen Sprüchen zu verblüffen. Manche, hatte ich aber das Gefühl, klaute er auch einfach nur bei anderen und wandelte sie mehr oder wenig stark ab.
„Das meiste Gedachte ist eben schon gedacht, nur nicht von jedem!“, lachdachte er. Er fühlt nämlich, was ich denke.

Genug davon. Wir vier haben ja nur den einen Körper. Und wenn Mari als temporäre Körperführerin sich im Ostseewasser wohlfühlte, was sollte uns Männern da schlottern? Wie auch immer, wir haben bei 21°C „Wasser“ dennoch gefroren. Da half nur eines: Wir zogen uns in unsere virtuellen Zimmerchen in unserem gemeinsamen Gehirn zurück und schlossen die virtuellen Türen hinter uns – dann spürten wir den Körper und damit die Wassertemperatur nicht. Eine Heizung haben wir im Gehirn nicht, brauchen wir auch nicht. Mari konnte vom Wasser einfach nicht genug kriegen. Wenn Mari dann fünfzehn Minuten oder so geschwommen war, konnten wir uns langsam wieder heraustrauen, dann hatte sich unser (!) Körper an die Wassertemperatur gewöhnt und fühlte sich wohl. Wir auch.

Wir wohnten natürlich in Juliusruh, in einer Wohnung nur 150 Meter vom Strand entfernt und nur 350 Meter von „Max“. „Max“ war unser Strandkorb. Strandkörbe heißen hier nicht wie an anderen Stränden einfach „normal“ – also 103, 104 oder 105 und auch nicht „Strandmöwe“, „Seeschwalbe“ oder „Sprotte“ oder so etwas in der Art. Nein, hier in Juliusruh heißen sie „Max“, „Elise“, „Resi“ und „Alex“ oder „YIN“ und „Yang“ oder auch schon mal „Günther“. Auf manchen steht hinten noch ein Sinnspruch drauf. So in etwa: „Wenn du ein Boot bauen willst, schicke die Menschen nicht zum Holzsammeln! Sondern lehre sie, das Meer zu lieben“. Oder: „Um das Meer zu bezwingen, reicht es nicht, auf die See zu starren“. Sprüche in der Art. Kluge Sachen von klugen Männern stehen da. Ernst gefällt das. Manch ein seinen Strandkorb Suchender bleibt stehen und sinniert über den Spruch, den er gerade gelesen hat. Das fällt auf, man muss den Sinn (und Strandkorb) Suchenden nur ins Gesicht schauen…

Meist sind die zitierten Sinnspruch-Ersinner Männer, zum Beispiel häufig Herr Tagore oder so, wenn ich mich recht erinnere. Wahrscheinlich sind ihnen solche Sachen über das Meer eingefallen, wenn ihre Frauen von drinnen (im Wasser) gerufen haben: „Nun komm schon, ist schön warm…“. Ich bin sicher, da fällt einem so etwas ein, sonst eher nicht.

Die Sprüche sucht übrigens der hiesige „Kulturhändler“ aus. Er verteilt „Sinn“ dosiert auf Schildern in Juliusruh. In seinem kleinen Buchladen – Strandgut heißt er – gleich vor dem Strand erhält der Badegänger alles, was es für den Strandbesuch bedarf: Vom Sonnenschutz zum Einreiben oder -sprayen, die Zeit vertreibende Romane (gerne Krimi) oder Windschutzzäunen (16 – 25 €) und die in diesem Jahr offenbar unabdingbaren, komplizierter als sie sind aussehende Halbzelte – sie werden vornehmlich von Familienvätern neben dem Strandkorb aufgebaut, um den Kindern Platz zu bieten, die in den Strandkorb ja nicht auch noch reinpassen; aber auch gerne, um die Nachbarn auf Abstand zu halten –, die für 12,95 bis 19,95 € Schutz vor Sonne UND Wind bieten sollen.

Daneben bietet man im Strandgut Schaufeln und Sandförmchen für die Kleinsten, Muschel-etc.-Schmuck für die pubertierende Badende oder steuerbare Drachen und Bälle für die Jungen zwischen 12 und 17.

Für die Älteren und Alten gibt es weiterhin aufklappbare Strandsitze in diversen Formen und Formaten (dem Bauchumfang angepasst). Manche haben so gut wie keine Beine (die Stühle) – das kann schon mal „lustig“ aussehen, wenn dicke alte Herren im tiefen Strandsand aus so einem Sitzding aufzustehen versuchen…

Im Strandgut mietet man auch seinen Strandkorb, wir eben unseren „Max“. Für 8 € bekommt man ihn pro Tag. Wenn man später als 14.00 Uhr kommt, und noch einer frei ist, erhält man ihn eventuell auch für weniger – das ist etwas tagesformabhängig, also, von der Tagesform des Ladenbesitzers – oder vom Kassenstand. Von was genau, haben wir nie herausbekommen.

Wer den Strandkorb gleich länger mietet, erhält übrigens keinen Rabatt – kein Wunder, unser Strandwaren- und Buchhändler ist schließlich nicht doof, ganz im Gegenteil, und einen, sogar jeden Strandkorb wird er während der Hochsaison mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit allemal los. Auslastungsquote 100%! Naja, bei gutem Wetter, bei Wind und Regen natürlich nicht.

Aber ich verquatsche mich, also, wie war das nun? Lassen Sie mich kurz rekapitulieren: Auftragskiller mit vier Berufsmördern im Kopf macht Urlaub auf Rügen. Aha.

Genau, soweit waren wir – und es war einer von den ganz schönen Tagen: Sonne, blauer Himmel, keine Wolke weit und breit, 26°C (Luft) und 21°C (Wasser). Mari hatte uns schon dreimal gebadet. In Badehose. Sie würde ja einen Badeanzug vorgezogen haben – aber das würde schon komisch ausgesehen haben, das sah sogar Mari ein: „Oben“ – wo bei ihr als Frau ´was sein sollte – nix drin, „unten“ – wo bei ihr als Frau nix sein sollte – dann ´was drin. Nee, das sah sogar unsere Mari ein, das wäre komisch, das ginge gaanicht. Jedenfalls nicht im Badeanzug!

Max stand heute optimal: Schräg zur Sonneneinstrahlung und mit dem Rücken zum leichten Wind. Wir sind, d.h. unser Körper, ist knackig braun. Das Wetter – leicht bedeckt – ist gefährlich, dabei holt man sich anfangs fix einen Sonnenbrand. Aber nicht, wenn Mari den Körper hat – keiner salbt uns sorgfältiger mit dem richtigen Schutzfaktor ein als Mari. Da können wir uns drauf verlassen. Deshalb sind wir so schön braun, braun, aber nicht zu braun… (gerade recht, ganz lecker, glaube ich, „medium“ sozusagen).

Die Süddeutsche des Tages, unser Leserelikt aus unseren Münchner Tagen, war schon ausgelesen, geht ja auch schnell – wieder nix Neues, nur der übliche Quatsch: Putin war weiterhin persönlich an allem schuld, was östlich von Frankfurt (Oder) stattfand, in der Ukraine waren bisher insgesamt ca. 1.000 Menschen von den „Prorussen“ „hingemetzelt“ worden, in Ghaza waren dagegen bei israelischen Verteidigungsangriffen ca. 1000 Palästinenser nur „sanft gestorben“ – wahrscheinlich an Altersschwäche, trotz der israelischen 1.000 kg-Bomben, keinesfalls wegen oder durch…

Für die schreibende Zunft bestand da höchstens, wenn überhaupt, nur eine klitzekleine Koinzidenz in Ghaza, kein Zusammenhang mit den Bomben! Überall anders war es Putin persönlich. Wie gesagt, alles „normal“ in der Presse. Das Neue Deutschland sah es etwas anders, na gut, die stehen politisch in der linken Ecke und haben deshalb keine Auflage.

In der Berliner Zeitung stand ein Artikel (ein Solitär in der deutschen Presselandschaft dieses Tages) über einen Hedgefonds, der billig argentinische Schrottpapiere gekauft hatte, aus denen er nun RICHTIG Geld machen wollte… Kriminell aber clever, typisch Banker eben.

Wir dösten gelangweilt vor uns hin. Da klingelte das Telefon. Also, genauer gesagt, das andere von unseren beiden Mobiles, das, das nur sehr selten klingelt.

„Es klingelt… Wer geht ran?“, denkfragte Mari kopfintern.
„Wer ist dran?“, denkfragte Rudi denkfaul zurück.
„Ernst“, kam es von Mari, „nimm du mal…“.
„Nö, nicht ich, ich mag nicht… kann nicht wer anders?“, dachte Ernst zurück und machte keine Anstalten, den Körper zu übernehmen.
„Scheint wichtig zu sein!“, dachte ich an alle, „das ist das Handy von Der Agentur…“
„Wir haben aber Urlaub“, dachte Mari matt, „keine Aufträge jetzt…, also keine Agentur…, oder? Einfach nur mal Urlaub! No job! Gehen wir baden, dann haben wir auch nichts klingeln gehört…“
„Schon wieder?“, dachte Rudi, „wir sind doch noch nass von eben – außerdem ist´s kalt…!“
Ernst ist der Neugierigste von uns, er ist ja auch noch nicht lange da (in unserem Kopf). „Könnte doch wichtig sein, oder?“, denkfragte er, „Wenn es doch Die Agentur ist? Aber ich hab´ mit denen ja noch nie…, das sollte Jens machen, finde ich, ich mach´ da vielleicht nur Mist.“.
Ernst ist sehr bescheiden. Dabei ist er der Schlaueste von uns, naja, vielleicht nicht der Schlaueste im Sinne von Fuchs, aber der intellektuellste. Das allemal. Er ist unser Querdenker. Er ist auch der, der das Neue Deutschland bei uns eingeführt hat. Er liebt einfach Ideen, andere Gedanken, mal ´was Neues.

Nun müssen Sie wissen, dass wir unsere Aufträge nicht immer, aber seit längerem häufiger über Die Agentur bekommen. Einen Namen hat sie nicht – einfach Die Agentur. Wenn Sie einmal einen Mordauftrag zu vergeben haben, Sie, ich kann Ihnen nur raten, machen Sie es direkt bei uns – oder über Die Agentur! Die sind nicht gerade billig. Gut, aber wer bietet schon ein gutes Produkt billig an? Nur ein Dummkopf. Bei Der Agentur können Sie sicher sein, Sie bekommen ein gutes killing – also, nicht dass wir uns falsch verstehen, Ihr Opfer bekommt das, was Sie als Auftraggeber bezahlen: Tod! Absolut. Schnell, sauber, spurenlos! Natürlich können Sie auch so einen rumänischen Billigkiller beauftragen, das ist Ihre Sache… Da müssen Sie nur diese Kneipe in Cluj anrufen und dann Florin verlangen… Die machen Ihnen einen erstaunlich niedrigen Dumpingpreis (weit unter 5.000 €), Sie leisten Ihre Anzahlung, und wenn Sie Glück haben, machen es Florins Jungens, ohne dass SIE erwischt werden. Ich meine natürlich Sie als Auftraggeber. Dem rumänischen Mörder ist das fast egal – für den macht es fast keinen Unterschied, ob der nun bei Thoennies im Akkord unter Mindestlohn Schweine zerlegt, oder ob er irgendwo in Deutschland einen Mord begeht. Selbst wenn er erwischt wird, geht es ihm im deutschen Knast wahrscheinlich nicht viel schlechter als in der Sammelunterkunft in Rheda.

Aber das ist, das sagt die Erfahrung, Auftragsmord nach dem Motto „quick, dirty & risky“. Wir haben selber versucht, Aufträge nach Rumänien outzusourcen. Ist ja auch verlockend, Deutsches Honorar und rumänische Kosten. Ergebnis: Riskant für Sie, nicht für die. Nicht wie bei uns. In keiner Hinsicht.

„Sag´ ihnen aber, wir können auch dirty“, verlangdachte Rudi, „wenn es gewünscht wird, sogar ziemlich dirty, oder so richtig dreckig, also, wenn ich es mache… Manche wollen das so haben, Jens“, denkt Rudi noch hinterher, „nicht alle wollen das immer nur clean…, wie du immer behauptest. Nee, nee, es gibt auch andere, da soll es schon mal richtig weh tun und bluten. Manche wollen sogar ´ne richtige Sauerei angerichtet haben, glaub´ mir, Jens!“

Die Agentur wechselt alle paar Monate ihren Standort: Mal rufen die aus Bulgarien an, mal aus der Karibik, dann wieder aus Qatar und oder aus Moldawien, was für uns aber völlig egal ist, denn wir haben eh nur telefonisch Kontakt mit Der Agentur. Selten und dann kurz. Seitdem das von der NSA bekannt ist, meistens besonders kurz. Aber nicht immer. Man könnte auf die Idee kommen, die NSA hängt mit drin… Naja, ich will ja nichts gesagt haben.

Spätestens wenn wir einen Job für Die Agentur oder wichtige Schritte erledigt haben, entsorgen wir das Handy, besorgen uns ein neues und eine neue Prepaid-Karte bei NETTO oder ALDI, die wir anonymisieren. Anschließend rufen wir eine bestimmte Telefonnummer kurz unter Nennung unseres Tarnnamens an – dann wissen die, wie sie uns in Zukunft erreichen. Bis zum nächsten Handytausch.

„Na gut“, habe ich nach dem vierten Klingelton geseufzt, „dann gehe ich eben ran…“. Der vierte Klingelton ist der letzte, länger lassen die nicht klingeln. Nie.

„Ja? Hier …“. Ich gab unseren Tarnnamen an. Sie verstehen, dass ich ihn Ihnen hier nicht nennen kann, ja? Sonst wäre unsere Tarnung ja aufgeflogen.

„Kannst du einen Eilauftrag annehmen?“, fragte Jim. Immer ist bei uns Jim dran. Wir nennen ihn jedenfalls Jim. Seinen richtigen Namen kennen wir nicht. Wir wissen nicht einmal, ob er ihn noch kennt. Haha, sollte ein Witz sein…

Jim spricht mit einem leichten amerikanischen Akzent, da schien uns Jim angemessen. Jim wie Jim Beam. Ob er Amerikaner ist? Keine Ahnung, der Dialekt kann auch Tarnung sein.

„Du bist doch gerade auf Rügen, oder?“

„Ja.“

„Das passt gut, der Job wird auf Rügen stattfinden. Bald. Ist eilig. Ich weiß ja, dass du da gerade Urlaub machst. Sorry, aber ich kann niemand anders auf die Schnelle finden. Die anderen sind alle mit dieser Russland-Sache beschäftigt, du weißt, da geht es doch um diese 50 Milliarden…, yukos…, du verstehst, du bist der einzige Senior, der frei wäre.“.

Er bezeichnet mich als „Senior“, weil wir schon mehr als 50 Jobs für die Agentur erledigt haben, natürlich erfolgreich, kein drop out dabei! Der Status „Senior“ bedeutet, dass wir 10% Aufschlag aufs Honorar bekommen. Unseres Wissens gibt es nur eine Hand voll „Seniors“.

„Russland? 50 Milliarden? Keine Ahnung – um was geht es da?“

Wir hatten das natürlich in der Zeitung gelesen, ein wenig wussten wir also schon… Aber manchmal ist es besser, dumm zu tun, gerade in unserem business… Und wir hatten natürlich schon vermutet, dass das mit vielen interessanten „Jobs“ verbunden sein würde. Ernst hatte darauf wetten wollen, „weil“, hat er gedacht, „da geht es um so viel Geld, das schreit nach Tod! So eine Summe wird nie gezahlt werden, never…, die sind doch nicht blöd!“

„Wir haben den Auftrag erhalten, die umzustimmen, die die 50 Milliarden bekommen sollen, du verstehst?“

Ich verstand. Klar, ganz einfach: Man würde die Top-Leute, die, die in Den Haag geklagt hatten, angehen. Nicht, dass man sie umbringen würde, Gott bewahre! Viel zu auffällig. Außerdem würde das nur eine unüberschaubare Anzahl Erben ins Spiel bringen – und dann unberechenbar lange dauern. Nein, die Auftraggeber wollten schnell Ruhe und Sicherheit, vor allem Ruhe. Und zwar so schnell wie möglich. Keine unberechenbaren Erben, die um x Ecken herum auftauchen würden, und zwar verdammt geldgierige Erben, mit immer neuen noch gierigeren US-Anwälten, die dann aus welchen Gründen auch immer vor amerikanischen Gerichten klagen würden und – da es gegen Russland ging – natürlich auch Recht bekommen würden. Nein, um Gottes Willen, alles, bloß keine never ending story! Nein, da waren wir uns sicher, man würde sich an die anderen halten, die ganz Harten, die, die eben das Ding in Den Haag durchgezogen hatten. Die und ihre Anwälte. Aber Hartes bricht – irgendwann, das ist nur eine Frage der Zeit und der Kraft, die man aufzubringen bereit ist. Je härter, desto mehr Splitter. Der Plan wäre garantiert, ihnen – den Harten – das Liebste (und wenn es das nicht geben sollte, eben das Teuerste, das würde es garantiert geben, keine Sorge!) zu nehmen.

Die Agentur würde interessante und aussagekräftige Profile von den Den Haager Klägern anlegen oder hatte sie schon, da würde alles drinstehen: Eine Ehefrau oder eine Geliebte, Kinder, Geschwister, ein Golftrainer, ein Renn- oder Polopferd – so etwas. Eine sexuelle Abartigkeit. Zu junge Nutten. Irgendetwas. Jeder hatte so etwas. Die Agentur würde herausbekommen, was es war: Ein Ölfeld würde brennen, ein Chalet verwüstet werden, eine Yacht untergehen, eine Bank eine Kreditlinie kürzen, ein Gemälde oder eine Uhrensammlung gestohlen werden. Konnte auch ein Hund oder eine Katze sein, die plötzlich verreckt wären. Etwas, was den Harten wichtig wäre, würde man ihnen wegnehmen oder töten… Und zwar so lange und so oft, bis sie zer- oder gebrochen wären. Die Jungs von Der Agentur waren gut im Profiling! Dann würde man erneut über Geld reden, jetzt über viel weniger Geld als 50 Milliarden, garantiert! Aber das würde nicht unser Job sein.

„Um was geht es in dem anderen Job?“, fragte ich Jim.

„Sag´ mal, bist du blöd? Wir haben Urlaub…“. Das war natürlich Mari. Jim konnte sie nicht hören, wir dachten ja nur miteinander, leise natürlich.
„Ich will ja nur mal hören, um was es geht?“, gabdachte ich zurück.
„Wer´s glaubt, wird selig…“, war Mari irgendwie muffig.

„Argentinien“, sagte Jim, „es geht um so etwas Ähnliches wie die Russland-Sache, nur eine Nummer kleiner oder größer, wie man es nimmt... Da hat doch dieser Hedgefonds, die Argentinier sagen „Geierfond“, für 48 Millionen Dollar offenbar wertlose uralte argentinische Papiere aufgekauft, und der hat jetzt vor irgendeinem Gericht in den USA, in New York, einen Spruch bekommen, dass die Argentinier ihnen für eigentlich wertlose Papiere 1,5 Milliarden Dollar zahlen müssen, äh, sollen… Das Geld haben die Argentinier zwar, aber wenn sie diesen Anspruch der Geier bedienen, müssen sie in der Folge auch andere Gläubiger auszahlen, die eigentlich schon auf ihre Forderungen weitestgehend verzichtet hatten… Da geht es dann insgesamt um 400 Milliarden Dollar.“

„Muss ich das verstehen?“, fragte ich zurück.

„Nee“, lachte Jim, „musst du nicht, ist wohl eher Politik, wie bei den Russen – früher wäre so ein Spruch eines beknackten US-Richters ein Kriegsgrund gewesen, da wäre sofort die argentinische Marine ausgelaufen oder früher bei den Engländern die Freibeuter… Heute legen die Geier-Fonds einen argentinischen Ausbildungssegler irgendwo in einem afrikanischen Hafen in die Kette, und dann verdienen ein paar sowieso Superreiche und deren Anwälte daran. Aber uns kann es egal sein. Wir haben den Auftrag, die drei führenden Geier auszuschalten, fürs Erste, das ist alles…“

„Drei, gleich drei“, pfiff Rudi durch die Zähne. Er pfiff natürlich nicht wirklich, er machte das virtuelle Pendant dazu.
„Hört sich verlockend an“, interessierdachte Ernst.
„Wieso auf Rügen?“, fragdache Mari, „wenn es doch um Argentinien geht?“

„Wieso ausgerechnet auf Rügen?“, fragte ich Jim, „was hat denn das verschlafene Rügen damit zu tun?“

„Weil dieser Hedgefonds in Binz eine Informations- und Werbeveranstaltung durchführt – für interessierte europäische Banker und andere Verrückte mit sehr viel Geld… Lauter Leute, die soviel Spielgeld überhaben, dass sie sich an finanziellen Harikiri-Aktionen beteiligen können. Wenn´s nicht klappt, war´s ein spannendes Spiel mit irre viel Hormonausschüttungen, wenn´s klappt, sind die Margen enorm… Bei den Kondoren redet man von über 1600 Prozent…“

„Kondore?“

„Geier, also, Geierfonds…, auf Argentinisch oder so: „El Condor pasa“…, kennst du nicht? Simon & Garfunkel! Hatte ich doch gesagt, äh, gemeint…“

„In Binz?“, fragte ich wieder. Wir wunderten uns auch, dass Jim so redselig war. Vielleicht hatte Die Agentur eine Verschlüsselungs- oder andere Technik, die sie sich in Sicherheit wiegen ließ. Jedenfalls nahm sich Jim heute erstaunlich viel Zeit.

„Im Kurhaus. Teurer Schuppen für die Gegend. Ziemlich exklusiv. Wie gesagt, teuer. Sogar sauteuer. Aber die Jungens haben ja auch Geld zum Saufüttern, kein Problem für die, da passt das doch. Könnte aber ´ne relativ einfache Sache werden…“

„Drei Mann? Das ist nie eine einfache Sache… Nicht bei drei Toten!“

„Doch, kaum Polizei auf Rügen, die müssen erst aus Bergen kommen, und dann, wenn´s ernst wird, aus Stralsund. Die vor Ort sind…, naja, so wie euer Henning Pogwisch…“

„Woher kennt der uns´ Henning?“, denkfragte Mari misstrauisch.
„Die scheinen viel zu wissen…“, dachte Rudi, „die in Der Agentur…“.
„Für meinen Geschmack fast zu viel…“, denkgab Ernst hinzu.
„Die wissen eh alles, und die haben Beziehungen, davon träumen wir doch nur“, dachte ich, „damit müssen wir leben… In unserem Job! Und hoffen, dass die uns leben lassen.“
„Ja, schon“, dachte Mari, „aber trotzdem…“
„Was meinst du mit „leben lassen“?“, fragddachte Rudi.
„Man“, denkgab Ernst zurück, „denk´ doch mal nach, Rudi, was wir alles wissen, wen ihr, äh, wen wir schon alles umgebracht haben… Das ist doch auch alles politisch, sieh das doch mal so… Das waren doch nicht nur Jobs – dahinter steht doch wer… Und das ist doch meistens kein Enkel, der nur die Oma beerben will, die Auftraggeber waren doch Konzerne wie…“
„Keine Namen“, ging ich gedanklich schnell dazwischen, „viel zu riskant, daran auch nur zu denken!“
„… oder Banken…, denk doch nur mal an…“
„Ernst!“, werde ich gedanklich intensiver, bevor Ernst weiterdenken kann. Ernst scheint intern zu grinsen.
„… oder irgendwelche Dienste…“
„Ach so“, gibt Rudi langsam zurück, „ihr meint…?“
„Genau!“. Das war Mari, die sich eingemischt hatte. Erstaunlich, dass sie mit Rudi noch keinen internen Krach angefangen hat, wo die beiden sich doch sonst immer fetzen. „Das wäre gefährlich! Für uns.“

„Wir haben prophylaktisch schon einmal alles vorbereitet“, sagte Jim, „wir haben das Dossier fertig, wir haben dich bei der Veranstaltung angemeldet, Jens, und wir haben ein Apartment mit einem perfekten Schussfeld reserviert. Musst nur noch den richtigen Moment abwarten, zielen und abdrücken, dreimal.“

„Schussentfernung?“, fragte ich.

„Zweihundert Meter, vielleicht zweihundertfünfzig, ein Klacks für dich, Jens.“

„Mari?“, denkfragte ich, „das ist ein Job für dich…“
„Ich habe Urlaub“, erwiderdachte sie.

„Das Honorar?“, fragte ich.

„Du willst es machen?“, denkfragte Mari.

„Fürstlich“, sagte Jim, „ein Prozent der eingesparten Summe auf die 1,5 Milliarden, mindestens 500.000 €. Die halbe Million sofort nach Erledigung des Jobs, steuerfrei“, lachte er, „oder zahlst du etwa Steuern? Den Rest in circa einem Jahr auf ein Konto in der Karibik.“

„Hört sich doch gut an“, denkerwiderte Ernst. „Gemacht“, stimmte er zu.
„Lohnt sich“, dachte Rudi.
„Dafür kriege ich eine Wohnung für mich alleine in Kiel“, denkforderte Mari.
„Gebongt“, dachte ich.
„Von mir aus…“ maultdachte Mari, „wenn´s unbedingt sein muss und ich endlich meine Wohnung kriege…“

„Gebont“, sagte ich zu Jim, „wie kommen wir an die Unterlagen?“

„Wie immer, per Kurier, sollte schon vor Ort sein, seid morgen gegen 17.00 in Putgarten. Kennt ihr das?“

„Natürlich.“

„Kennt ihr die Kaffeerösterei Kap Arkona?“.

„Die ganz kleine?“

„Ja. Genau die. Unser Laden. Jedenfalls teilweise. Irgendwie müssen wir unser Geld ja auch anlegen. Sagt dem Kaffeeröster dort am Tresen als Passwort: „Ich hätte gerne einen Kaffee Angel de Maria“.

„Und dann?“

„Dann sagt der: „Haben wir nicht, das ist kein Kaffee, das ist der Rechtsaußen von Real Madrid!“

„Und dann?“

„Sagst du wieder: …und der argentinischen Nationalmannschaft… Und er sagt: Genau! Dann fragst du, ob er einen grünen Kaffee hätte – mit sehr viel Zucker!“

„Und dann?“

„Sagt er: Haben wir nicht, den Quatsch gibt´s nur in den USA…“

„Jim, halt mal eben, apropos Quatsch: Das meinst du doch nicht ernst, oder, Jim? Das kann und will ich mir nicht merken… Wer hat sich denn den Blödsinn ausgedacht? Ein Praktikant?“

„Na gut“, brummte Jim, „ dann sag´ ihm einfach, dass du den großen Umschlag mit der Argentinien-Mappe haben willst…“

„Und dann?“

„Gibt er sie dir.“

„Warum nicht gleich so?“

„Weil ich dein dummes Gesicht sehen wollte…“

„Kannst du doch gar nicht sehen, am Telefon…“

„Nee, hat sich aber nach verdammt dummem Gesicht angehört. Mach´s gut!“. Damit hatte er aufgelegt. Wahrscheinlich, um in der Russlandsache mit Kollegen von uns zu sprechen.

Gut, die Mappe würden wir also bekommen und dann hätten wir noch genug Zeit, uns in Binz umzusehen. Wir waren schon in Binz gewesen. Vor Jahren. War damals noch ein verschlafener Kurort an der Ostküste von Rügen, nahe Sellin. Uns war Sellin mit seiner Seebrücke lieber. Am liebsten war uns aber das klitzekleine Juliusruh mit seinem wunderschönen Strand an der Schaabe, einer dünnen Landzunge zwischen Großem Jasmunder Bodden und der Ostsee – schneeweiß und mit wunderbarem Badewasser. Genau da, wo wir jetzt im Strandkorb sassen und jetzt nicht mehr dösten.

Ich nahm den Akku aus dem Handy und pulte die Prepaid-SimCard aus der Halterung. Die SimCard steckte ich noch im Strandkorb mit einem Feuerzeug an und verschmorte sie. Sicher ist sicher. Die würde kein Labor mehr auslesen, soviel war klar. Bei solchen Aufträgen entsorgen wir unser Handy für Gespräche mit Der Agentur sofort. Sofort und restlos. Ich glaube, ich hatte das schon erwähnt. In dem Wind wollte das verdammte Plastikdingens nicht brennen, aber es ging dann doch schon. Verbotenerweise ließen wir die verschmorten Reste einfach in den Sand fallen. Siliziumoxid zu Siliziumoxid…

Den Akku würden wir im Müllcontainer bei Kathis Fischbude entsorgen. Unter den Fischresten wird ja wohl keiner rumfummeln. Und selbst wenn…

Die Reste des Handy würde dann Mari bei ihrem nächsten Schwimmgang an einer der weißen Bojen weit draußen vor dem Strand entsorgen, die anzeigen, wie weit man rausschwimmen darf, ohne dass die DLRGler in ihrem Kabäuschen am Strand nervös werden.

Ich hatte schon erwähnt, dass Mari nicht nur eine begeisterte Baderin sondern auch noch eine begnadete Schwimmerin ist, oder? Naja, jetzt wissen Sie es auf alle Fälle. Wissen Sie, mit vier Typen in einem Kopf weiß man nicht immer, was nur intern gedacht wurde und was ich Ihnen schon vermittelt hatte.

„Einander kennenlernen, heißt lernen, wie fremd man einander ist“, schmunzeldachte Ernst.
„Was soll das denn nun wieder heißen?“, wollte ich wissen.
„Er spinnt in letzter Zeit“, warfdachte Mari ein, „unser Ernsti!“

Als nächstes beschlossen wir, zu Kathis Barfußrestaurant zu gehen – Barfußrestaurant deshalb, weil die meisten Gäste vom Strand aus die paar Meter barfuß dorthin gehen, um ein Fischbrötchen zu essen.

Kathis Auswahl an Speisen ist recht groß:

  • Brötchen mit Bratfisch
  • Brötchen mit Brathering
  • Brötchen mit Matjes
  • Brötchen mit Kräutermatjes
  • Brötchen mit Bismarckhering
  • oder alles ohne Brötchen
  • geräucherter Heilbutt, Makrele, Butterfisch oder Aal
  • Bockwurst mit Salat.

Kostet alles 3,50 € oder weniger. Alles wird für jeden Kunden in der Küche hinten frisch gemacht. Nie gibt es etwas, was von gestern übriggeblieben ist. Da schwört Kathi Stein und Bein drauf, keine Ahnung, was sie dann mit Zeige- und Mittelfinger hinterm Rücken macht.

Kathi selbst ist eine ehrfurchteinflößende Frau – groß und kräftig. Mit der legst du dich als Kunde besser nicht an. Wenn sie einen neuen Gast auf die Schippe nehmen will, erklärt sie gerne, dass der frische Brathering heute Nacht erst von ihr persönlich aus der Ostsee gezogen wurde: Sie sei noch vor Sonnenaufgang mit dem Ruderboot raus gerudert und habe dann die halbe Nacht das Schleppnetz hinter dem Bötchen hergezogen…

„Gaaanz frisch alles!“, sagt sie dann und guckt dabei totaaal unverdächtig, „hat vorhin noch alles gelebt…!“

Und dann ruft sie über die Schulter in die Küche: „Sag mal, Chantalle, tun da noch welche von den Fischen leben, ich meine ja nur, um sie vorzuführen?“.

Aus der Küche kommt dann zuverlässig zurück: „Nee, gerade eben den letzten die Augen zugedrückt, deid mi leyd, Kathi…“.

Sind eben gut eingespielt die Mädels… Kathi zuckt dann nur noch bedauernd die Schultern in Richtung Kunde. Nun ja, es gibt welche, die lachen und welche, die glauben das. Binnenländer.

Selber braten tut sie die Heringe schon. Aber nur, wenn die Windrichtung stimmt. Ansonsten verzichtet sie lieber auf das Geschäft, denn sie ist nicht nur groß und kräftig, sondern darüber hinaus überaus sensibel – unter anderem was die Nase angeht. Und grüne Heringe braten, man, Sie, das stinkt… sogar am Strand zum Himmel! Das geht eben nur mit der richtigen Windrichtung, weil der Wind den Geruch durch die Küche hinaus weht. Ohne den richtigen Wind aus der richtigen Richtung geht nicht, sagt Kathi. Und damit hat sie Recht. Dafür sind ihre Fischbrötchen weit und breit die besten, mindestens auf der Insel, wahrscheinlich auch auf den benachbarten Eilanden Usedom und Hiddensee.

Deshalb hat es sich bei uns ja auch eingebürgert, dass wir jeden Mittag ziemlich pünktlich um 13.30 unseren Max verlassen und zu Kathis Fischbude stapfen, um das tägliche Mussbrathering-Brötchen zu essen. Brathering bedeutet hier übrigens, dass der Hering erst gebraten und dann in Sauer eingelegt wurde. Lecker, sage ich Ihnen, superlecker, absolut.

Wahrscheinlich gibt es woanders auch ganz gute Fischbrötchen, kommen ja auch nicht alle Touristen zu Kathi, Gott sei Dank, sonst stünde man sich in der Schlange von Kathis Brathering-Jüngern ja die Beine in den Bauch. Wir bestellen das Brötchen „auffe Hand“, also gleich so, zum Sofortvertilgen. Andere lassen sich die Brötchen einpacken und futtern sie im Strandkorb. Würden wir ja nie machen. Viel zu kompliziert. Draußen vor der Bude hat Kathi genau vier Tische stehen, vier Tische mit jeweils vier Gartenstühlen – nichts Bequemes, verstehen Sie, die Leute würden ja zu lange sitzenbleiben… Kathi ist eben nicht nur groß und stark und sensibel, nein, sie ist auch klug. Die Stühle hält man mit Badehose oder –anzug nur wenig länger aus, als es dauert, sein Fischbrötchen zu essen.

Erste Dauergäste hatten wir schon dabei beobachtet, dass sie ein Handtuch mitbringen, um sich draufzusetzen… Sie, nicht mit uns´ Kathi, da wird sie fuchsteufelswild, da flucht sie gotteslästerlich auf Rüganer Platt – das versteht zwar keiner, aber das ist auch besser so… Aber die Körpersprache. Ausdrucksstark! Die reicht. Die Sache mit den Handtüchern hatte sich jedenfalls nach kurzer Zeit erledigt und damit die „Umschlagzeiten“ der Gäste verkürzt, was wiederum bedeutete, dass Kathi mehr Gästen Fischbrötchen verkaufen konnte.

Das macht ja auch Sinn, denn hier in Juliusruh müssen die Menschen das Geld für´s ganze Jahr in der nur circa zehnwöchigen Hauptsaison verdienen – oder den Winter über in der Fischfabrik in Sassnitz arbeiten, wo angeblich die Dosen aller großen Marken vom Band laufen – vom selben, wohlgemerkt. Und das mit der kurzen Saison betrifft natürlich insbesondere unseren Kulturhändler ebenso wie Kathie.

Manchmal braucht man so einen der raren Sitzplätze vor Kathis Barfußrestaurant einfach: Wenn Sie zum Beispiel ein Aalbrötchen bestellen, das ist zwar gar nicht auf der Karte, aber nehmen wir einmal an, Sie seien ein wagemutiger Neuling und hätten Appetit auf so´was.

Kriegen Sie schon – aber einzeln! Das bedeutet: Sie erhalten auf Ihre Bestellung ein Brötchen, ein leckeres Stück geräucherten Aal (den Aal und die Länge können Sie bestimmen, Kathi ist das egal, bezahlt wird nach Gewicht), einen Pappteller und ein biegsames Plastikbesteck. Wenn Sie wollen, auch ein paar Papier-Servietten.

Mit dem völlig ungeeigneten (das ist Kathi auch egal) Werkzeug setzen Sie sich dann an den Tisch und filetieren den Aal, d.h., Sie befreien ihn mit dem Witz von einem Messerchen von seiner Haut und die vier Filets von der Mittelgräte (andere Gräten hat der Aal nicht). Dann belegen Sie die Brötchenhälften mit je zwei Aalfilets und… „guten Appetit“! Sie, ist ein Genuss, ehrlich.

Aber bestellen Sie sich am besten gleich eine kleine Portionsbuddel Klaren mit. Das macht der kenntnisreiche Aalesser grundsätzlich, nicht nur bei Kathi. Nehmen Sie ruhig den billigsten Korn, den Sie kriegen können, der ist nämlich nicht zum Trinken bestimmt, sondern um sich die Hände darin zu waschen. Aalfett, das müssen Sie wissen, respektive seinen Geruch, kriegen Sie sonst tagelang nicht von den Fingern. Und je nach dem, was Sie mit den Fingern in den nächsten Tagen vorhaben, ist es eventuell besser, sie aalrauchfrei zu haben. Ihr/e Partner/in wird es Ihnen danken…, versprochen!

Also ist das jetzt klar geworden: Mittags mindestens ein Fischbrötchen bei Kathis Fischbude direkt am Strand in Juliusruh. Ist ein Muss. Gut, Sie können auch ein Stück Räucherfisch essen, Heilbutt zum Beispiel, aber den hat Kathi ja nicht selber gefangen, nicht wahr… Würde sie ja, kommt in der Ostsee aber nicht mehr vor.

Als ich jetzt gerade Kathis „Restaurant“ betrat, waren vier oder fünf Besteller vor mir dran – eigentlich. Als Kathi mich in der Tür sah, lachte sie mich an. „Wie immer, Jens?“, rief sie mir über die anderen in der Schlange hinweg zu.

„Ja, Kathi“.

„Zweimal Brathering für Jens“, rief sie, ohne sich umzudrehen in Richtung Küche, „aber von den guten…“, lachte sie noch hinterher.

Der Typ ganz vorne in der kurzen Fischbrötchen-Warteschlange gab sich empört: „He, hallo…“, protestierte er in seinem Borussia Dortmund Hemd.

„Verlierer“, dachte Rudi abfällig, „gut, dass wir unser Bayern-Hemd anhaben… Das mit Triple-Gewinner!“. Rudi würde das am liebsten gar nicht mehr ausziehen.

„… der ist doch noch gar nicht dran, wieso kriegt der denn erst was, der ist doch noch nicht einmal durch die Tür…, erst einmal“, der Tonfall des Borussen änderte sich ins Beamtenhafte, „bekomme ich doch fünfmal „Matjesbrötchen“ und dreimal „Bratfisch“ und dann noch …“

„Weil das Jens ist, und sie nicht Jens sind…“, sagte Kathi kurz. Sie fand, das müsste reichen.

„Und wieso bekommt der die „guten“ Heringe? Und was bekommen wir?“

„Matjes“, sagte Kathi, „gleich, wenn ich mit Jens fertig bin, nich´ wahr, denn… Denn kriegen sie fünfmal Matjes. Erst kriegt mein Jens was.“

Nun müssen Sie wissen, dass wir Stammkunden sind – immer mindestens drei Wochen, das seit ein paar Jahren. Und wir kommen ja auch an „schlechten Tagen“, wo es regnet oder stürmt und die anderen zuhause bleiben. Und wir haben das Trinkgeld hier eingeführt, nicht viel, wissen Sie, wir runden einfach nach oben auf, so fünfzig Cent, oder so, maximal. Außerdem nehmen wir ab und zu noch einen Aal mit, und zwar nicht einen von die kleinen, nee, schon so´n richtigen Kaventsmann…, einen, den man mit ´nem Pferdekopf gefangen hat (Sie kennen doch die Filmszene, oder? Blechtrommel, Grass…, Sie wissen schon). Da kommt einiges an Umsatz zusammen. Kathi hat das Trinkgeld ja gar nicht nötig, bei dem Umsatz, wirklich nicht, aber sie freut sich, weil sie dann das Gefühl hat, ein richtiges Restaurant zu betreiben und keine „Bude“…

„Ja“, habe ich gerufen, „moin, Kathi, mach mir man ´nen doppelten Bratheringsburger, mit den großen…, du weißt schon. Und ´was zu trinken, nich´…“.

Sie weiß, dass wir immer Apfelschorle trinken, kein Bier, nix mit Alkohol – einerseits wegen der Leber (da besteht Mari drauf, sie sagt, wir trinken genug Bier und Köm bei Elsa im Dörpkro, im Urlaub kriegt die Leber einfach mal ´ne Pause…) und andererseits wegen der Birne – bei dem Wetter, was hier herrschte – nur blauer Himmel und die pralle Sonne, den ganzen Tag… Das ganze Programm, würde Dittsche sagen, das ganze Programm, nur immer Sonne, immer nur Sonne. Da brauchst du keinen Alkohol dazu.

„… und jetzt kriegt der auch noch größere Heringe als wir, sie, das ist eine Unverschämtheit!“, schimpft der Dortmunder.

„Was denn?“, fragt Kathi kühl zurück, „Wenn ich sie richtig verstanden habe, kriegen sie fünfmal Matjes und dreimal Bratfisch, oder? Von Hering war bei ihnen doch gar nicht die Rede, oder, und schon gar nicht von besonders großen…“

„Äh, nein, nicht direkt, ich meinte nur… also, bisher… Und außerdem ich war zuerst dran.“

In dem Moment kam eine von Kathis Küchenmamsells aus der Küche und rief: „Hier sind Jens seine…, zweimal Brathering…, Tach, Jens, auch mal wieder da?“

Mit „mach du jetzt erst einmal fünfmal Matjes und dreimal Bratfisch“, scheuchte Kathi sie zurück in die Küche, „und mach schnell, dieser Herr hat´s offenbar eilig…“

„Ich will auch von den Guten“, rief der mit „Reus“ auf dem Rücken, „wie der da…“, und damit zeigte er auf mich.

„Nee, nee“, lachte die Küchenmamsell, „das geht nich´, das ist doch der Jens, der hat sein eigenes Fass hier, da kriegt nur er ´was draus… Und da sind ja auch gar keine Matjes drin!“. Damit war sie durch die Küchentür entschwunden.

„Denn nehme ich auch lieber Brathering“, wollte sich der Dortmund-Fan spontan umentscheiden.

„Ja, wat denn nu?“, fragte Kathi, „Matjes oder Hering? Aber ich hab´ schon Matjes gebont, dabei blievt dat jetzt. Schluss, Ende, Aus. Hier Jens, deine Bratheringbrötchen, nicht eingepackt zum Sofortverzehr und ein Schorle. Geht heute aufs Haus“. Damit reichte sie mir meine Brötchen – darauf die dicksten Bratheringe in Sauer, die ich in dieser Saison gehabt hatte. Draußen setzte ich mich auf einen freien Stuhl, legte meine Brötchen vor mir auf den Tisch, öffnete die Flasche und trank erst einmal einen Schluck.

Der im BVB-Hemd kam mit seiner Tüte voll Matjes-Brötchen durch die Tür heraus, schaute sich erst einmal um und stapfte dann offenbar ziel- oder planlos los. Dabei stieß er „zufällig“ gegen meinen Tisch. Meine Flasche fiel um und eines der Brötchen vom Tisch in den Sand. Das konnte ich vergessen…

„Oh, Verzeihung“, sagte das schwarz-gelbe Hemd honigsüß, „das tut mir aber sooo leid, aber sie bekommen drinnen bestimmt ein neues Brötchen – besonders dick belegt, oder?“. Damit wandte er sich ohne weiteres Wort ab und ging mit seiner Tüte mit Matjes-Brötchen in Richtung Strand.

„Man“, dachte Rudi, „so ein Arsch aber auch, haben wir eine Wumme im Strandkorb? Dann können wir ihn …“
„Hör auf“, strengdachte Mari, „hier so einen Blödsinn zu denken…“
„Wieso? Hört doch keiner!“
„Haben wir denn überhaupt eine Waffe dabei?“, wollte Ernst wissen, „ich meine, bevor wir uns ernsthaft Gedanken machen…“
„Wir könnten ihn ja auch beim Baden ersäufen“, schlug Rudi vor, „Mari taucht an ihn ran und schwubbs, ist er weg. Tragischer Fall von Ertrinken in knietiefem Wasser… Kommt immer wieder vor, glaube ich. Vielleicht nicht gerade hier, aber sonst schon, Australien! Ich sage nur Australien und Haie…“
„Hier gibt es aber höchstens Makrelen…“
„Naja…“
„Zu welchem Strandkorb geht er denn?“, wollte Ernst wissen, „hat das einer gesehen?“
„Renate“, leisedachte Mari, „ich habe den vorhin schon gesehen, die haben sich einen riesigen Strandbereich rund um ihren Strandkorb mit drei Windschutzzäunen abgesteckt, geradezu unverschämt, alle anderen haben viel weniger…“
„Sag´ ich doch“, stänkerdachte Rudi, „ist doch ´ne Kleinigkeit, der Arsch, oder? Wenn der absäuft, ist´s doch nicht schade…, also, finde ich…, da haben wir schon ganz andere…“
„Nix da“. Mir war nicht nach solchen Blödeleien zumute, „denkt lieber mal nach, wie wir das Ding in Binz machen wollen…“
„Dazu sollten wir uns erst einmal das Gelände anschauen und dann auf das Dossier warten… Das soll doch ziemlich gut ausgearbeitet sei, hat Jim doch gesagt. Er hat auch etwas von gut 200 Metern Schussweite gesagt…, mit gutem Schusswinkel und so.“
„Ja, hört sich nach Gewehr an…“. Das war Mari. „Aber wir haben weder eine Pistole noch ein Gewehr dabei…“
„Über Sassnitz kommen wir mit der Fähre schnell nach Trelleborg, und das ist nicht weit von da nach Göteborg, glaube ich“, denkfügte ich ein.

Ich sollte hier erklärend einfügen, dass wir unsere Waffen normalerweise bei Eric in Alingsas kaufen. Alingsas ist ein Weiler mitten im Wald in der Nähe von Göteborg in Schweden. Eric hat einen guten – was bedeutet, einen gut geschmierten – Draht nach Russland. Von ihm beziehen wir unter anderem unsere Dragunov-Scharfschützen­gewehre mit der Überschallmunition mit der hohen Durchschlagskraft, die Mari so liebt. Die hohe Durchschlagskraft würde sie in Binz vermutlich nicht brauchen. Na gut,…, das würden wir noch sehen.

Eric liefert - nur gegen bar - ausschließlich allererste Qualität, egal, ob es sich um Gewehre oder Pistolen handelt. Bargeld war nicht unser Problem, da hatten wir immer genug dabei respektive in Reichweite (hier am Strand natürlich nicht), in unserem Job weiß man schließlich nie, ob man nicht mal schnell verschwinden muss, ohne noch eben bei der Bank unseres Vertrauens zuhause reinschauen zu können, Sie verstehen?

Bei Eric kann man sich blind darauf verlassen, dass man gutes Handwerkszeug bekommt. In unserem Job ist es extrem wichtig, dass das Werkzeug einwandfrei funktioniert, wenn du abdrückst. Diesmal würden wir wohl ein Gewehr brauchen und nur sehr wenige Patronen. Jim hatte von drei Zielen gesprochen, also würde Mari drei Patronen benötigen – ein Gewehr, drei Patronen und zwei Sekunden – alles in allem. Mehr braucht unsere Mari nicht.

Vielleicht denken Sie jetzt, das sei ja schnell verdientes Geld? Naja, nicht unbedingt, da steckt unglaublich viel Übung drin, Konzentration und auch Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten. Drei tödliche Schüsse auf zweihundert Meter in drei Sekunden…, Sie, das bringen Sie erst einmal! Wenn ich Sie mal so fragen darf, wie viele Rosen treffen Sie auf der Kirmes? Nee, müssen Sie jetzt nicht sagen, aber… Na also.

Mari hatte als Scharfschützin alles. Jeder Schuss ein Treffer – das galt bei ihr unbedingt. „Daneben“ gab es nicht. Und auf „nur“ zweihundert Meter allemal. Egal, oder nicht egal, ich weiß auch nicht – aber das alles brauchten wir von Eric, nicht mehr und nicht weniger.

„Au fein, Fähre, wollte ich schon lange…“, freudachte sich Ernst.
„Hhm“, ich war skeptisch, „ich gönne dir die Fähre Ernst, ehrlich, aber ich kriege immer Bauchgrimmen dabei, ab und zu kontrollieren die schon. Und jetzt mit der Ukraine-Geschichte und so… Lieber nicht, wenn du mich fragst.“
„Wir kriegen wir dann ein Gewehr?“, denkfragte Rudi.
„Denkst du dasselbe wie ich?“, schmunzeldachte Mari mir zu.
„Vielleicht“, gab ich zurück, „du denkst an Henning?“
„Henning?“, denkfragte Rudi ratlos.
„Henning Pogwisch, genau, Henning, unser Dorfkriminaler, Henning, der Faulpelz, Henning , der Säufer, Henning, der mit dem Kutter…“, dachte Mari.
„Der Henning, der uns noch etwas schuldet…“. Das war ich, „und der Henning, der auch die Klappe halten kann...“

Sie müssen wissen, dass wir unserem Saufkumpan Henning vor nicht allzu langer Zeit einmal ein großes, sogar ein sehr großes Problem vom Hals geschafft hatten… Genauer, wir haben es gemeinsam mit Henning gemacht: Wir haben auf einer ausgedehnten Angeltour mit seinem Kutter, die zwei Kontrolleure, die Hennings „kreative“ Spesenabrechnungen und auch sonst noch einiges überprüfen wollten…, nun ja, … entsorgt…

Ganz einfach, also, draußen auf See haben wir ihnen erst einen mit dem Belegnagel auf den Hinterkopf… und dann in Haukes Fässern zusammen mit genügend Beton über Bord… Muss ich mehr sagen? Sicher nicht.

Seitdem schaut Henning bei uns nicht mehr so genau hin und Hauke hatte seinen Hof auch nur erben können, weil Rudi seinen Alten umgebracht hatte, der angekündigt hatte, seinen einzigen Sohn Hauke enterben zu wollen.

„Und was haben wir nun vor?“, fragdachte Ernst.
„Denk du es ihm“, rüberdachte ich zu Mari.
„Wir rufen ihn an, sagen ihm, er soll ein Gewehr und Munition aus dem Versteck nehmen und mit seinem Kutter ´rüberbrettern nach Binz? Hattest du dir das so vorgestellt, Jens?“, fragdachte Mari.
„In etwa…“
„Wir sollen Henning sagen, wo wir die Gewehre verstecken?“, wollte Rudi denkwissen.
„Mein Gott“, dachte an meiner Stelle Mari zurück, „der kann uns doch nie mehr an den Karren fahren Rudi,“ antwortdachte Mari, „der steckt so tief mit drin… Ein Mord oder zehn…, macht keinen Unterschied, juristisch gesehen…“
„Sicherungsverwahrung ist der Unterschied“, korrigierdachte Ernst.
„Ja, falls uns vorher nicht Die Agentur erwischt.“
„Ihr glaubt wirklich, dass die uns mal kalt machen würden?“, wollte Rudi erschreckt wissen.
„Auf jeden Fall, stell dir mal vor, was wir alles ausplaudern könnten…“
„In der Tat“, dachte Ernst, „das könnte für viele wichtige Leute dumm ausgehen, wenn wir anfangen würden, zu reden… Mafia, Vatikan, unsere liebe Regierung…, um nur einige zu nennen.“
„Nicht zu vergessen…,“ wollte Mari fortfahren. Ich fiel ihr aber in den Gedanken: „Lass gut sein, Mari, wir wissen es selber…“
„Also“, fasste Mari zusammen, „wir rufen Henning an und sagen ihm, was er wo aus dem Haus holen soll, und denn soll er sich mit seinem Kutter hierher aufmachen. Schafft er das in der Zeit?“
„Locker“, bestätigdachte ich, „das schafft der locker, muss halt gleich losfahren…“
„Und wenn er Dienst hat?“, gab Rudi zu bedenken.
„Denn soll er Überstunden abbummeln, er hat doch gesagt, er hat so viele, das schafft er gar nicht mehr, die wieder los zu werden“, meintdachte ich, „das wird schon gehen…“

Wenig später wusste Henning, was er wo in unserem Haus holen sollte – den Schlüssel hatte er sowieso… Erst musste er noch bunkern, aber dann würde er gleich losfahren, hatte er versichert.

Drei oder vier Stunden später hatte er alles erledigt und war mit seinem Kutter losgetuckert.

„Nee, Jens, keine Frage, das kriege ich schon hin, hab´ ja genug Überstunden zusammen, das geht schon“, hatte er nur gesagt. Er hatte sich überhaupt nicht sehr gewundert über das, was wir von ihm wollten. Aber Seemänner wundern sich seit Anbeginn der Seefahrt eh selten. Wer tagtäglich der unberechenbaren See ins Antlitz schauen muss, den wundert ja nix mehr…Und Henning hielt sich ja für einen richtigen Seemann.

„Ihr meint der schafft das, unser Henning, den ganzen weiten Weg? Ein ruhiges Meer macht nämlich noch keinen erfahrenen Seemann“, dachte Ernst.
„Ach was, der muss doch immer nur an der Küste entlangtuckern…“, antwortdachte Mari, „und die Küste immer auf der rechten Seite halten, das schafft sogar uns´ Henning, da bin ich mir sicher.“

Wie sagte Henning, wenn er den Seebären mimen wollte: „Wenn du das Meer bezwingen willst, Jens, reicht es nicht, nur auf die See zu starren“. Niemand wusste, was er damit sagen wollte, weder Elsa, die Wirtin vom Dörpkro, noch Carsten, unser leicht beschränkter Ostholstein-Meister im Geradeauspflügen, der es mit Kurven nicht so hatte – außer bei die Frunslüüd…, da konnten die für ihn ja gar nicht ausgeprägt genug sein.

Hennings anderer Lieblingsseespruch war auch nicht besser: „Wenn die Leute ein Boot bauen sollen, schick sie nicht zum Holzsammeln, Jens, lehre sie das Meer zu lieben…, tja“. Mit dem Spruch hätte er vielleicht auch bei unserem Juliusruher Kulturhändler aus dem Strandgut punkten können…, wenn der ihn nicht schon verwendet hätte – der zierte nämlich die Rückseite eines Strandkorbes in Juliusruh. Niemand von uns wollte ein Boot bauen und es wäre wahrscheinlich einfacher gewesen, Carsten einfach nur zu sagen, wo genau er die notwendigen Planken mit seinem Trecker „besorgen“ sollte und welche in welchen Maßen und wann – nämlich, wenn uns´ Henning mal wieder seine Überstunden abbummelte, Sie verstehen?

Aber Henning war einfach ein prima Kerl, ehrlich, seit unserem gemeinsamen Angelausflug waren wir sowieso „dicke“ miteinander. Henning gab uns seitdem auch deutlich mehr Biere im Dörpkro aus, das fiel schon auf. Naja, Freundschaft verbindet schließlich und Blut ist dicker als Bier, sagt man ja. Wenn Sie verstehen, was wir meinen…

„Bevor du hier ins Palavern kommst, Jens, lass uns man lieber zum Strandkorb zurück gehen. Guckt mal“ querdachte Mari zu uns anderen, „das Wasser sieht so gut aus. Ich möchte baden!“

Plötzlich fielen alle (virtuellen) Türen zu unseren (virtuellen) Zimmern in unserem Kopf zu und Mari hatte den Körper. Sollte sie doch schwimmen gehen. Das Wasser hatte schließlich 22°C. Für uns Männer sooo kalt, für Mari kuschelig warm. Wir würden dann später wieder rauskommen – wenn der Körper sich daran gewöhnt hatte und uns zurückmeldete: „Sehr angenehm…“. Aber bis dahin würden die Türen zu bleiben.

Am nächsten Tag gingen wir gegen 10 Uhr langsam die vierhundert Meter zu Kathis Fischbuden-Restaurant, ein zweites Frühstück war einzunehmen: Brathering-Brötchen und Kaffee.

Unterwegs stoppten wir kurz am Strandgut, um die Zeitungen des Tages zu holen – heute die SZ und die Berliner Zeitung. Der Kulturhändler lüftete höflich seinen Hut als er uns bemerkte. „Ah“, sagte er, als er die beiden Zeitungen sah, die wir aus dem Ständer vor der Tür genommen hatten, „eine gute Wahl, wenn ich das sagen darf…, da decken sie ein breites Spektrum ab, das finde ich persönlich ja gut. Die meisten hier nehmen ja nur BILD und die reicht ihnen dann für den ganzen Tag…“. Wir kamen kurz ins Gespräch – er hatte einen neuen Rügen-Krimi. „Ganz gut“, beurteilte er ihn, „aber wahrscheinlich nicht ihr Niveau…“. Er legte ihn wieder hin. „Sie lesen wahrscheinlich eher…“

„… wenig“, sagte Ernst, der gerade den Körper hatte, „eher Fachbücher, Physik, Astronomie, solche Sachen, verstehen sie, Quantenphysik…“

„Tatsächlich?“. Unser Kulturhändler war erstaunt.

„Ja“, ergänzte Ernst, „viel Stringtheorie, obwohl ich die eigentlich ablehne…, neun Dimensionen, sie verstehen…, da steige ich dann auch irgendwann aus.“

„Ja, das ist nichts für unsereinen“, gab der Kulturhändler zu und schaute sich zu seinen Bücherregalen um, „in der Richtung habe ich auch nichts da. Könnte ich aber bestellen…“

„Ach“, winkte Ernst großzügig ab, „lassen sie man, heute reichen mir die Zeitungen, die haben ja einen recht guten Wissenschaftsteil…“

Wir zahlten, gingen und ließen einen bass erstaunten Kulturhändler hinter uns zurück.

„Sag´ mal“, dachte Mari lachend, „was war das denn für eine Nummer, die du da abgezogen hast…, von wegen Quantenphysik und so…? Der arme Kerl, der ist jetzt total verwirrt.“
„Ach was“, dachte Ernst zurück, „war doch nicht so gemeint – und außerdem ist das wirklich interessant, Mari.“

Als wir in der Tür vom Strandgut waren, rief der Kulturhändler uns hinterher: „Sie, sie gehen doch zum Strandkorb, nicht wahr?“

„Nein“, sagte Ernst, „zur Fischbude.“

„Noch besser, ich habe ein Buch für die Kathi, ein Harry Hole-Krimi, kennen sie wahrscheinlich nicht, wo sie doch immer diesen Stringkrams lesen…“

„Doch, doch“, gab Ernst zurück, „Harry Hole, der saufende Kommissar aus Oslo…, ist doch von Nesbö, doch kenn´ich, nicht schlecht, gar nicht schlecht…!“

„Können sie ihr den wohl mitnehmen? In der Saison kommt hier zwar kaum jemand dazu, ein Buch abzuholen und geschweige denn, es zu lesen, aber dann hat sie es jedenfalls. Und das Wetter soll ja nicht so bleiben…, jedenfalls kurzzeitig.“

Das mit dem Brathering-Frühstück ist auch für uns nicht üblich, da wir zuhause meist ein Brötchen mit rotem Heringssalat zum Frühstück aßen – aber Rudi fand das irgendwie „richtig schön schräg“. Und nach dem ersten „süßen“ Frühstück morgens kam uns das mit dem Brathering und einer Gewürzgurke (Stichwort: „Gutes aus dem Osten“) gerade recht.

„Hallo Jens“, begrüßte uns Kathi, „unser erster Gast für heute, und denn gleich du – welche Ehre!“.

„Ich komm´ als reitender Bote vom Strandgut! Der Typ da hat mir ein Buch für dich mitgegeben. Wir gaben ihr das Paket.

„Das ist Das fünfte Zeichen, eigentlich ein alter Fall von Harry Hole, das ist so ein Kommissar aus Oslo…“

„Der Säufer…“

„Ach, du kennst den?“

„Klar.“

„Der hat mir jedenfalls noch gefehlt in meiner Sammlung. Jetzt habe ich alle von diesem…, wie heißt der noch? Ach ja, Nesbö. Naja, jetzt komm´ich ja eh nicht zum Lesen, viel zu viel los hier…“. Sie legte das Buch zur Seite und wurde professionell: „Brathering, Jens? Wie immer? Und einen Kaffee?“

Nachdem wir unsere Bestellung erhalten und ein wenig gequatscht hatten, erzählten wir ihr, wie der Typ uns gestern die Flasche ausgegossen und das Brötchen in den Sand katapultiert hatte.

„Na, warte“, schimpfte uns´ Kathi, „der soll mir unter die Augen kommen, der Kerl, der wird sich wundern…“

„Wieso?“

„Der isst doch immer Bratfisch, nich´…?“

„Weiß nich´.“

„Doch, tut der, Bratfisch, weißt du, bestellt der meistens, so wie du Brathering…“

„Ja und?“

„Ich hab´ da so´n grätiges Stück Seehecht, da kann der sich dran abarbeiten dran, da hat der keine Freude an, das versprech´ ich dir!“

„Ach, lass doch, Kathi, muss doch nich´ sein, ist doch schon gut, der ist ´n Arschloch und bleibt eines, das reicht doch, der is´ damit doch schon genug gestraft…“

„Sag mal, bist du blöd“, ärgerdachte sich Mari, „lass den doch schön spucken und pulen…, ist doch nur gerecht!“
„Genau“, ergänzdachte Rudi, „dumme Sau, der hat doch noch Glück, wenn wir den nicht ersäufen, oder?“
„Naja…“. Ernst sah die Sache offenbar nicht so schlimm, „ich glaube, es war der Dalai-Lama, der sagte: Ärger, Stolz und Neid sind unsere wahren Gegner.“
„War das nicht Tschu En Lai?“, zweifeldachte Mari, „damals als er eine Gräte auf dem Fischmarkt in Tianjin verschluckt hatte?“
„Echt?“, fragdachte Ernst, „Kann natürlich auch sein…! Ich wusste gar nicht, dass du dich für so´was interessierst…“
„Man“, stöhnte Rudi, „wo bin ich hier, holt mich hier raus…“
„Das ist das Dschungelcamp“, offenbarte Ernst sein breites Wissen, „hat aber nichts mit Fisch zu tun…!“

Merken Sie, was hier in unserem Kopf manchmal abgeht? Dabei soll ich Ihnen dann die Geschichte erzählen. Sie, das ist nicht immer einfach. Manchmal hätte ich da lieber ´ne stinknormale Klatsche, ehrlich…

„Nee“, lachte Kathi, „lass den man ruhig ordentlich spucken… Zur Not kriegt der anschließend ein Versöhnungsbrötchen mit ´nem Fisch aus deiner Spezialtonne.“

„Von mir aus… Du, Kathi, krieg´ ich noch´n Kaffee, der ist richtig gut!“

„Ja, nich´, der ist aus Putgarten, von dieser kleinen Rösterei da, kennst du die?“

„Kenn´ ich, war auch schon da, nachher muss ich da hin, oder besser: Ich will da noch hin…“

„Hast du da zu tun?“

„Nee, Kathi, wie denn, bin doch im Urlaub…“

„Ja, klar, ich dachte nur, nee, war ´ne dumme Idee von mir, Jens, weiß auch nich´.“

Wir haben dann noch ein wenig geplaudert – ja, das gute Wetter würde so bleiben oder sich nur wenig ändern, dass würde ihr das Rheuma ihrer Oma sagen, darauf können man sich einhundertprozentig verlassen, nee, stimmte schon, die Heringe wären auch nicht mehr das, was sie früher mal waren, viel weniger sowieso, aber auch kleiner und so, die EU-Fördergelder – ein Witz, die neuen Vorschriften für Räucheröfen hätten absolute Laien entwickelt, Bürokraten, da müsste mal einer so richtig dazwischenhauen, die hätten das verdient…, solche Sachen eben.

Dann sind wir satt an den Strand, Mari wollte (natürlich) baden. Rudi hatte Pech, der Typ mit dem Dortmund-Hemd baute gerade seine Strandbefestigung und es sah nicht so aus, als ob er über früher oder später ins Wasser kommen würde. So wurde er eben kein Fall für die Ostsee-Zeitung, die auf Schildern an der Strandpromenade mit dem Spruch warb: „Täglich mit neuem Inhalt!“.

Nach Maris zweitem Bad wurde es Zeit, sich auf den Weg nach Putgarten zu machen. Wir umfuhren den „Letzten Parkplatz vor Kap Arkona“, um die strandräuberisch-freibeuterische Parkgebühr in Höhe von 4 € zu umgehen.

4 € wohlgemerkt immer, egal, wie lang Sie zu parken gedenken. Für den ganzen Tag mag das ja vielleicht noch angemessen sein – vielleicht. Wir sind hier in Rügen, nicht in der Berliner Innenstadt oder in Münchens elitären Parkhäusern! Dafür kriegen Sie bei Kathi ein Brathering-Brötchen mit Trinkgeld. Aber auch, wenn Sie, wie wir, Ihr Auto nur für eine halbe Stunde abstellen wollen: 4 €! Und da wird aus der reinen Parkgebühr Piraterie oder Strandräuberei…

So sehr wir Rügen auch liebten, diesen angestellten Strandräuber mit Rentengarantie in seinem Strandräuberhäuschen mieden wir, wo wir konnten. Wir hatten nämlich einen Geheimparkplatz gleich neben der Kaffeerösterei entdeckt, die wir bei jedem Rügenurlaub mehrfach besucht hatten.

Dass diese kleine Rösterei, die vielleicht nur 16 m² groß war, wenn man den ebenfalls kleinen Außenbereich wegließ, wie wir nun erfahren hatten, ein Umschlagplatz für Dokumente Der Agentur sein sollte, hatte uns denn doch überrascht. Und dass ausgerechnet der nette Besitzer, Kaffeeröster Scheller, für die arbeiten sollte, noch mehr.

Der war so… normal, so … durchschnittlich, wissen Sie, also nicht negativ gemeint, nee, ganz und gar nicht, eher sympathisch, nett, vertrauensvoll, ein wenig knuddelig, wenn Sie mich verstehen. Und mit unglaublichen O-Beinen gesegnet…

Wir setzten uns in den Gartenbereich und warteten. „Hallo“, freute sich Scheller, als er uns wahrgenommen hatte, „sie auch mal wieder da?“

„Das Wetter war so schön…“

„Und da mochten sie den Strand nicht verlassen?“

„Ja, und denn die Hitze, da mag man ja gar keinen Kaffee…“

„Versteh´ ich doch“, winkte er ab, „das kenne ich schon, da kommt keiner…, Trotzdem oder gerade deshalb: Schön sie zu sehen. Womit kann ich dienen?“

„Erst mal einen Kaffee…“

„Welchen?“

„Sie, Herr Scheller, sie hatten da letztes Jahr einen neuen, den haben sie türkisch zubereitet, der war gut…“

„Ja, der war wirklich gut, habe ich aber nicht mehr, ich habe aber einen neuen aus Kenia, den habe ich direkt von der Farm zugeschickt bekommen, eine Mustersendung, wissen sie, da habe ich gerade eine Probe geröstet. Der ist auch sehr gut, glaube ich. Wollen Sie mal probieren?“

„Warum nicht?“

„Ja, denn…“, er machte sich auf den kurzen Weg in seinen kleinen Laden, „denn mach ich ihnen den mal, kommt sofort“.

Damit war der Mann, der dieses Jahr noch mehr an einen O-beinigen Teddybären erinnerte, in seiner Rösterei verschwunden, um den Kaffee, nein, nicht zu brühen, um ihn… zuzubereiten. Das war eine geradezu kultische Handlung, bei der er nicht gestört werden wollte.

Nebenan stritten sich lautstark zwei Dreijährige in einem kindergerecht verkleinerten Gefährt, dass für 50 Cent für eine erstaunlich lange Zeit polizeiwagenähnliche Sirenengeräusche erzeugte, ob es sich bei dieser „Grünen Spiel-Minna“ um ein Polizei- oder ein Feuerwehrauto handeln würde. Es stand POL ZEI drauf und es war grün. Aber die Fakten störten die kleinen Racker keinesfalls. Die Eltern schauten aus drei Meter Entfernung gebannt und begeistert zu, eine Erklärung lieferten sie den kleinen Kombattanten nicht.

Wenig später war der Maestro zurück. Er stelle die Tasse behutsam auf dem Tisch vor mir ab und setzte sich in den Strandkorb, der als Touristenfalle an unserem Tisch stand, und schaute mich gespannt und erwartungsvoll an.

„Sie müssen bitte einen Moment warten, ich habe den auf wirklich türkische Art zubereitet, wissen sie…“

Ich wartete etwa und probierte als er nickte, dass die Temperatur jetzt richtig sei…

„Na?“, fragte er, „wie ist er?“

„Klasse“, gab ich bewundernd zurück, „allererste Sahne…“

„Wirklich?“

„Ja.“

„Ich habe den selbst nämlich noch gar nicht probiert, ist ganz frisch geröstet. Neun Bohnen pro Tasse, mehr nicht, sonst wird er zu kräftig, aber auch keine weniger, das muss genau stimmen, wissen sie. Und dann brühendes Wasser drauf, nicht filtern, keinesfalls, wird ja sonst nicht türkisch…“

Ich sah ihn bewundernd an. „Das scheint eine echte Wissenschaft zu sein, das Kaffeemachen…?“

Er winkte bescheiden ab. „Ach, nee, das nun nicht gerade, aber man muss sich schon kümmern…, wie bei allem im Leben. Noch einen?“

„Gerne.“

Er verschwand für exakt viereinhalb Minuten, dann brachte er die nächste Tasse. „Das ist jetzt ein anderer, auch neu – Papua-Neuguinea. Müssen sie unbedingt auch mal probieren…“

Ich probierte. Er schaute mich an. Ich sagte nix.

„Na?“, fragte er, „Und? Schmeckt er? Müssen sie mir sagen, auch wenn nicht… Ich kann das ab… Sind ja alles Teströstungen, da kann schon mal einer dabei sein, der nicht so gelungen ist… Also, ganz ehrlich…“

„Ja“, sagte ich und lächelte, „hat aber einen leisen Nebengeschmack nach…“

„Kirsche?“, fragte er hoffnungsvoll.

Ich schüttelte verneinend den Kopf.

„Johannisbeere?“

„Nein, nicht so…“, ich machte eine kurze Pause, „nicht so fruchtig…“

Er schien enttäuscht.

„Nein, ganz anders, irgendwie nach …“

Er schaute mich gebannt an.

„Papua-Neuguinea, sagten sie“, fragte ich noch einmal.

Er nickte bestätigend. „Ja, Papua!“

„Irgendwie…“, (noch eine Pause), „naja, schon…, fleischiger…“

„Fleischiger?“. Er schien baff zu sein.

„Ja, Neuguinea, irgendwie nach … Missionar, oder?“, grinste ich, nahm noch einen Schluck und schob hinterher: „Katholisch?“.

Erst schaute er mich entgeistert dann, dann lachte er. „Ach sie“, lachte er zum Schluss, „einen alten Seemann so zu verarschen… Kann ich noch etwas für sie tun?“

„Ja“, sagte ich, „sie können mir den Umschlag geben…“

„Welchen Umschlag?“, stutzte er. Er plierte mich erstaunt an, irgendwie lauernd.

„Den großen, den über Argentinien…“

„Ach den…, ja“. Er schaute mich immer noch genau an, machte keine Anstalten, sich zu erheben, dann sagte er langsam, leise und vorsichtig: „Sie, sagen sie mal, kann es sein, dass wir uns schon einmal getroffen haben? Früher?“

„Ja, klar, kann das sein, natürlich, das wissen sie doch – letztes Jahr. Gleiche Zeit, gleicher Ort, hier beim Kaffeetrinken.“

„Nee, nee, das meine ich nicht, früher…, viel früher? Und auf jeden Fall woanders?“

„Kaum, nicht dass ich wüsste…, kann ich mir auch kaum vorstellen…“.

Bei solchen Fragen antworten wir immer sehr zurückhaltend, man weiß ja nie, Sie verstehen, also in unserem Job kann ein unerwartetes Wiedererkennen fatal sein.

„Ich meine, Sie haben doch früher in der DDR gelebt, ich im Westen… Ich war nie in der DDR. Wie sollen wir uns da getroffen haben?“

„Jaja, natürlich, aber doch, ich meine, wir kennen uns… Ich sage das nur, weil du diesen Umschlag bekommst…“. Er war übergangslos vom distanzierten Sie zum vertrauten Du übergegangen.

„Ich denke da ans Studium…“, meinte er dann, „kann das sein?“.

„Vorsicht, Jens!“, dachte Mari, „Ganz vorsichtig! Der meint Moskau glaube ich!“
„Ich pass´ schon auf!“
„Nö, kann ich mir nicht vorstellen…“. Innerlich war ich total auf Ablehnen eingestellt.

„Klar“, lachte er, „doch… Jetzt weiß ich… ich habe ein gutes Personengedächtnis! Du heißt Jens, glaube ich, oder hast dich damals so genannt, und du hast immer drei Teller Soljanka gegessen, wenn´s die gab… Oder?“

Das mit der Soljanka stimmte.

„Ist der von Der Agentur?“, fragdachte Rudi, „Kennt der uns? Scheiße – sind wir etwa am Ende des Weges angelangt?“.
Rudi denkt sonst nie so verschwollen, er hatte offenbar Angst.
„Mach bloß keinen Scheiß“, warndachte Ernst.
„Und jetzt?“. Es war das erste Mal, dass ich Mari ratlos erlebte. Das war es, was mich im Moment am meisten berührte.

„Soljanka?“, fragte ich harmlos.

„Ja, natürlich, auf der Akademie… Ich war da doch der Ausbilder! Hatte ich so gut wie vergessen… Und du hast damals das Praktikum in Kuba gemacht und hast diesen ultraorthodoxen Senator in Florida ausgeknipst, nicht wahr? Unglaublicher Schuss damals, das waren doch mehr als 1000 Meter, oder? Mit dem Dragunov-Gewehr.“

Er schaute mich an. „Siehst du, du beginnst dich zu erinnern, das sehe ich. Und ich war als dein Ausbilder dabei und habe dich nach der Sache aus Florida rausgeholt, um dich mit dem Segelboot rüber nach Tortuga zu segeln. Und du wolltest mitten in der Karibik Soljanka. Unbedingt Soljanka. Ausgerechnet. Irre! Na, Dosenfutter hatten wir genug an Bord… Da muss man sich doch dran erinnern, Jens. Mensch, Jens, ich bin´s, der Kalle, dein alter Käpt´n…“

„Mag sein“, antwortete ich, „aber ich kann nicht sagen, dass ich sie wiedererkenne, Kalle. Der Kalle, den ich vielleicht, VIELLEICHT, kannte, sah ganz anders aus…, hatte auch Akne, wenn ich mich recht erinnere…“

Ich war immer noch im „Skeptisch-Modus“.

„Man, Jens“, sagte Kalle und schlug mir auf die Schulter, „dass wir uns noch ´mal treffen, was? Das nenn´ ich mal einen Dusel, man o man!“

„Sag ihm, er soll das lassen!“, maultdachte Mari, „Der soll aufhören, uns zu hauen…“
„Ist doch nur die Freude, Mari“, dachte Ernst.

Kalle bekam von Maris und Ernst Bemerkungen ja nichts mit, stattdessen fuhr er ungerührt oder gerade sehr gerührt fort: „Wie mich das freut, Jens, dich wiederzusehen. Was ist aus deiner Freundin geworden, von der du immer erzählt hast, dieser…, warte mal, Maria, hieß sie wohl, glaube ich.“. Er meinte natürlich Mari.

„Du warst der beste Schütze, den wir je hatten, nicht wahr, geradezu unglaublich. Was du damals alles mit dem Gewehr angestellt hast… - unfassbar! So einen wie dich hatten wir nie wieder!“

„Mag alles sein, aber der Kalle hat anders ausgesehen als Sie, auch wenn das Jahre zurück liegt, da ist keine Ähnlichkeit.“

„Klar doch“, lachte Kalle Scheller, „schon mal ´was von Gesichts-Operationen gehört?“

„Sie sind operiert?“

„Natürlich. In Rio. War damals der einzige Mann in der Klinik, sonst lauter Frauen. Oder solche, die vorgaben, welche zu sein, also Frauen. Vorher hässlich wie die Nacht, nachher lauter kleine Stars… Nur gute Arbeiten. Genies, die Chirurgen da. Hab´ mich ordentlich verbessert, oder? War ja früher nicht so´n hübscher Junge, oder? Aber ich bin ja alt geworden inzwischen…, hab´ von der Hübschheit schon wieder ´was verloren, Jens, glaub´ mir…

Hab´ damals übrigens ein paar solche Jobs gemacht, damals, also Jungens reingebracht und rausgeholt. Von Kuba in die USA und zurück. Aber du warst eindeutig der Beste, ganz eindeutig, gar keine Frage! Und ich war verdammt gut mit den Booten, hab´ die Amis immer ausmanövriert…, war ´n Klacks, die von der Coast Guard hatten zwar dicke Motoren auf ihren Booten, aber keine Ahnung von der Seefahrt, man o man, fürchterliche Süßwassermatrosen, das… Keine Ahnung von der Seefahrt! Lauter Laien! Und du hast dir die Seele aus dem Leib gekotzt, so einen Seegang hatten wir kurz vor Tortuga. Man, du wolltest sterben… War aber auch schwere See, selbst der Bootskater hat gekotzt, das einzige Mal übrigens…“

„So langsam nehme ich ihm den Kalle ab“, dachte Mari schon fast nicht mehr skeptisch, „der weiß zu viel, wie es damals war, finde ich – also, von unseren ersten Gehversuchen, oder? Und das mit der Seekrankheit stimmt. Und er hatte einen Kater an Bord. Der hat in unsere Koje gekotzt.“

„Sympathischer Typ“, befand Rudi.
„Der Kater?“, wollte Mari wissen.
„Nee, Kalle!“
„Finde ich auch!“. Das war Ernst

„Aber irgendwann hatten die Amis das schließlich satt, da haben sie mich auf die Liste der 10 bestgehassten Männer oder, wie das offiziell heißt, der meistgesuchten Verbrecher gesetzt. Da habe ich mir gedacht, Kalle, habe ich mir damals gedacht, es wird Zeit, dass sich etwas ändert… Die hätten mit mir nicht lange gefackelt – erst hätten sie mich ein bisschen gefoltert, dann umgebracht und mit meinem Körper schließlich die Haie gefüttert. Garantiert. Hatte Kollegen, denen ist das so gegangen… Ich als Lebend-Haifutter, nee, das war nix für meiner Mutter Sohn! Da bin ich dann erst nach Rio. Und dann nach Nicaragua, war ja viel los damals, also politisch. Aber da haben die Amis ja auch voll mitgemischt, Jens, das sage ich dir… Mir ist der Boden da dann auch irgendwann zu heiß geworden. Also, ab nach Kuba. Raul, der andere Castro, weißt du, kennst du doch, oder? Also Raul und Che kamen damals mit den anderen Jungs gerade aus Angola zurück, mir boten sie an, ich sollte eine Zigarrenfabrik übernehmen…

„Jetzt nimmt er uns aber auf den Arm, wie?“, lächeldachte Mari, „aber der würde keine so´ne Märchengeschichten von den Castros erzählen, wenn er nicht er wäre, glaube ich.“

„Seemannsgarn, das erzählt nur ein Seemann“, schmunzeldachte Ernst.

„Naja, die Russen haben mich dann aus alter Dankbarkeit und wegen meiner Verdienste in der Akademie und weil ich ja Deutscher aus der DDR war, in der DDR untergebracht. Ich war erst bei der Deutschen Seerederei in Rostock. Als Kapitän. Und nach der Wende dann erst Stückgutfahrt, dann Schwergut und schließlich Container, das ganze Programm. Immer rund um die Welt, weißt du, immer irgendwie auch auf der Flucht vor diesen verdammten Amis. Die waren und sind ja immer noch ´ne echte Plage, wenn du mich fragst – wir hätten mehr von deinem Kaliber haben sollen, damals, da wäre das vielleicht alles anders gelaufen. Naja, wollen wir das, aus heutiger Sicht, meine ich?

Zum Schluss hatte ich sie endlich alle abgeschüttelt. Nix mehr Seefahrt, dafür diese Kaffeerösterei. Naja, fast alle war ich los, und denn erscheint plötzlich Die Agentur hier und hat mich wiedergefunden. Alte Verbindungen, glaube ich, oder wie sagt man: `Ne alte Seilschaft von „Horch und Kuck“? Nur jetzt als Privatfirma…, müssen jetzt ´ne Schweinekohle machen, die Jungs!

Die haben mir dann gesagt, dass sie alles über mich wissen – und über dich auch, Jens! Nicht, dass sie das von dir dezidiert gesagt hätten, Jens, nee, das nich´, aber die wissen wirklich alles über die Kadetten von damals, weißt du, alles… Aber die waren ja schon immer gut in Verwaltungsfragen, hatten die sicher alles auf kleinen Zetteln in großen Kästchen. Oder in ihren Robotron-Rechnern.

Ich konnte mich da gar nicht wehren… Jetzt schicken sie ab und zu einen Kurier, der Papiere bringt, die Jungens wie du hier abholen. Aber selten. Lange her, dass der letzte kam, dachte schon, dass sie mich vergessen haben… Ha´m sie aber nicht! Genauso wenig wie dich!“. Er hatte Tränen in den Augen.

„Jens“, sagte er, „ich freue mich wirklich, dich zu sehen, du warst der Beste, sagt man in Moskau… und nicht nur da! Man, was freut mich das, dass du überlebt hast, gerade du, Jens… und dass sie dich nie gekriegt haben… Denn hätten sie das, wärst du jetzt nicht hier.“

Kalle hielt in seiner Erzählung inne, blickte irgendwie nach innen… Es dauerte eine ganze Zeit. Dann sprach er plötzlich weiter:

„Weißt du was, jetzt mache ich dir einen Kaffee, den hast du noch nie gehabt und den kriegst du auch nie wieder. Absolut einmalig. Habe ich für einen solchen Moment, nur dafür. Ich hab genau 20 Bohnen, und die kosten schon ein Vermögen, glaub´ mir, Jens, die reichen für zwei Tassen, eine für dich, eine für mich. Besser als Champagner, glaube mir.“

Er wusste einfach zu viel, er musste mein alter Kalle sein.

„Vorsicht, Jens, verdammte Vorsicht!“, mahndachte Mari, „Auch wenn er so sympathisch ist… Er könnte es sein, aber er könnte auch nicht…“
„Wir haben keine Wahl, wir müssen ihm eh vertrauen, schon wegen des Dossiers…“, dachte ich zurück, „Ernst, was meinst du?“

„Damals war ich noch nicht da, eure Sache, finde ich, mehr kann ich dazu nicht sagen…“

„Genau, wir wissen ja von nix, also von damals…“, das war jetzt Rudi, „das müsst ihr unter euch ausmachen, du und die Mari!“
„Lass´ ihn den Umschlag holen und dann nix wie weg hier“, schlugdachte Mari vor. Sie war immer die pragmatischste von uns, gutes Mädchen.

„Na, da bin ich gespannt, wie bist du denn auf Kaffee gekommen, Kalle, der lag damals doch nicht auf deiner Linie, oder? Also, wenn ich mich recht erinnere…“

„Nee“, lachte er im Aufstehen, „damals hing ich mehr am Rum…“

„Wie hieß der noch?“, wollte ich hinterhältig wissen, so als Test, „Havanna Club, oder?“

„Nee, nee, musste schon Captain Morgan sein… Nur Captain Morgan. Nicht die andere Plörre!“

„Damit hat er gepunktet“, dachte Mari, „Aber ein Beweis war das noch nicht!“
„Schon klar“, gabdachte ich ihr Recht.

Er stand auf, etwas mühsam, hatte ich den Eindruck, dann ging er die paar Schritte in seine Kaffeerösterei. Er blieb stehen und drehte sich noch einmal um, sah uns an, kam zurück an den Tisch und beugte sich zu uns herab. Dann sagte er: „Jens, wenn ich du wäre, wäre ich verdammt vorsichtig, verdammt noch einmal, ist doch schon ein doller Zufall, dass wir uns hier wiedersehen, oder? Könnte ja auch ein Trick sein, oder? Aber lass es dir gesagt sein, Jens, ich bin zu alt für solche Tricks, da mache ich nicht mehr mit. Ich bin echt, Jens, total echt, wirklich, kein doppelter Boden, kein Spiegel, kein Trick. Seemannsehrenwort drauf!“. Zur Bestätigung spuckte er auf den Boden – er war und blieb offenkundig ein Seemann.

Er drehte sich wieder um, machte einen Schritt in Richtung Laden, dann verharrte er und kam noch einmal zu uns zurück, stützte sich mit beiden Armen auf unseren kleinen Tisch. „Weißt du, Jens“, sagte er leise, als ob er Angst hätte, dass jemand zuhören könnte, „das will ich dir sagen, wie ich auf den Kaffee gekommen bin. Lange Geschichte, aber ich mach´s kurz: Erst bin ich auf Kakao gekommen und dann auf Kaffee. Damals in Nicaragua“, sagte er, „in Nicaragua bin ich auf den Kaffee gekommen. Hat mir eine verdammt verhutzelte alte nicaraguanische Madam alles beigebracht, Jens, leider keine von den jungen Deerns von da, verdammt hübsche Mädels da, ist auch schon lange tot, die Gute… Die hat mir das Leben damals gerettet, irgendwo im Urwald, vor den Amis, die waren da ja voll drin in der ganz Scheiße in Nicaragua – Waffen gegen Drogen, du glaubst es nicht! Die CIA und die Drogenagentur der USA waren damals ja selbst die besten Drogenschmuggler. Die haben sich nicht mit Kleinkram abgegeben, nicht mit Kilos, die haben Tonnen geschmuggelt… Ach, was heißt da schon geschmuggelt, mussten die ja gar nicht, die haben es regelrecht importiert… War ja einfach, die haben sich ja selber kontrolliert! Naja, nicht so wichtig, wie und warum… Auf jeden Fall wimmelte es da vor US-Agenten, fast hinter jedem Baum war damals einer… Immer auf der Suche nach Linken! Und einer glaubte, mich erkannt zu haben. Naja, kurzer Schusswechsel und als meine Pistole klemmte, trat plötzlich eine alte Frau auf den Plan und pustet den Ami weg, einfach so… Egal. War aber knapp. Aber du wolltest ja wissen, wie ich zum Kaffee gekommen bin. War schon komisch, aber auf den Weg hat mich diese alte Frau gebracht… Hättest du auch nicht gedacht, was? Ich auch nicht… Naja, Captain Morgan gab´s da nicht. Nur Kakao und Kaffee. Und irgendwann musste ich mich ja auch mal an Land niederlassen, nicht, irgendwann geht jeder Seemann zum letzten Mal über die Gangway an Land. Bei mir war das vor zehn Jahren, oder so, ich war damals bei Dänen. Maersk. Containerschiffe! Die ganz großen… Immer pendeln immer hin und her zwischen Shanghai und Hamburg, Jens, nach Fahrplan, auf die Minute genau… Nach denen richten sich sogar die Konvois durch den Suez-Kanal. Hat nicht mehr viel mit der guten alten Seefahrt zu tun. Eher mit der Reichsbahn, die jetzt ja auch bei uns Bundesbahn heißt. Und von wegen, in jedem Hafen eine Braut… Du kommst ja nicht mal mehr richtig in´n Hafen, die liegen ja alle so weit draußen heute, diese Terminals, weißt du, die heißen ja nicht einmal mehr Hafen – Terminal nennen die sich. Hört sich mehr nach Bahnhof an als nach Hafen, finde ich. Passt auch besser zur Reichsbahn. Und mit die Bräute geht ja rein gar nichts mehr. Nach ein paar Stunden geht der Dampfer ja wieder raus, hast gar keine Zeit für ´ne Braut, Jens. Nee, damals ist es Zeit geworden für mich… Ich hab´ eben noch die guten Zeiten damals mitbekommen, als die Seefahrt noch Seefahrt war.

Aber ich heul dir hier ´was vor… Ich hör´ schon auf damit, Jens. Du willst deinen Umschlag, nicht wahr, dafür bist du doch gekommen – und nicht um mit ´nem ollen Kaptein Seemannsgarn zu spinnen, was? Wart´ nur mal eben, Jens, ich hol den Umschlag und mach´ den Kaffee für uns.“

„Ob das nun unser alter Kalle ist oder nicht“, dachte Mari langsam, „der Kerl gefällt mir irgendwie. Aber je mehr er redet, desto mehr Kalle ist da drin, finde ich. Was meinst du, Jens?“
„Ja, kommt mir auch so vor…“
„Toller Typ“, stimmdachte Ernst zu, „der muss Wahnsinns­geschichten draufhaben, bei der Vita…“
„Bei der was?“, fragdachte Rudi.
„Vita“, strengdachte Mari, „mensch Rudi, das muss man doch wissen: Vita! Das ist die Lebensgeschichte, der Lebenslauf…“
„Olle Schlaubergerin“, war alles, was Rudi zurückdachte.

Kalle verschwand kurz in seinem Laden und holte den Umschlag, den er uns übergab. „Hier“, sagte er, „das nächste Todesurteil, oder? Für wen denn diesmal? Naja, geht mich ja nix an, ich bin ja nur der, der den Umschlag übergibt… Und jetzt der Kaffee!“

Der Kaffee, den er stolz und mit Grandezza servierte, schmeckte irgendwie… streng, ein wenig seltsam, hatte einen leichten Beigeschmack.

„Na…?“, fragte Kalle und sah mich an.

„Ja“, sagte ich und schaute zurück.

„Und?“, fragte er.

„Naja“, sagte ich, „irgendwie gewöhnungsbedürftig, oder?“

„Nun ja“, schmunzelte er, „heißt Kopi Luwak…“

Ich nahm noch einen Schluck. „Ungefähr so schmeckt er auch… Und der ist teuer?“

„Ja. Die Bohnen haben Schleichkatzen im indonesischen Urwald gefressen und wieder ausgeschieden und dann werden die Bohnen gebrannt und… voilà, da ist er…“

„Das heißt“, sagte eine empörte Mari, die sich spontan den Körper genommen hatte, was sehr selten passierte, „du servierst uns hier Kaffee aus Katzscheiße…?“

„Wenn du so willst, Jens, wenn du so willst… Ja!“, lachte Kalle, „ist der teuerste Kaffee der Welt!“

Mari spuckte aus und machte ein dummes Gesicht – oder umgekehrt.

„Nee, nich´, das is´ jetzt nicht wahr, oder, serviert der uns hier Katzenpups“, strengdachte eine immer noch empörte Mari.

„Doch“, widerdachte ihr Ernst, „ich finde, der schmeckt…, hat sogar ´was… Ich weiß gar nicht, was du hast, Mari?“

„Aber typisch für unseren alten Käpt´n, Mari, finde ich, denk nur mal daran, was der damals in der Karibik alles in unser Soljanka verarbeitet hat…“, warfdachte ich ein.

„Ich gebe zu“, sagte Kalle, „ich habe da beim ersten Mal auch etwas anderes erwartet, irgendwie umfassender, göttlicher der Geschmack…, weißt du, nicht so… streng. Aber das kommt vom Rösten, Jens, von nix anderem! Trink aus, ist zu teuer, um ihn wegzuschütten…“

Wir tranken (Mari dachte sich weg). So schlecht war´s nun auch nicht, eher wie Filterkaffee von Melitta, fanden wir anderen. Aber total überteuert, wenn der denn wirklich so teuer war.

„Bist du gar nicht neugierig, Jens?“, fragte Kalle und deutete auf den Umschlag, „ich muss mich mal um mein anderen Gäste kümmern, die gucken schon muffig, dass sie nix kriegen… Hast Zeit, mal reinzuschauen…“. Damit verließ Kalle unseren Tisch.

Wir sahen uns um – nein, da war niemand, der sich für uns interessierte. Daher brachen wir das Siegel des großen Umschlags und entnahmen ihm eine dünne Mappe.

„Projekt Condor“ stand nüchtern drauf. Sie enthielt nur einige wenige Blätter. Keine Hintergrundinformationen, die gingen uns ja auch nichts an, wir sollten nicht urteilen, wir sollten töten. Und zwar möglichst effektiv. Warum? Ging uns nichts an. Nicht bei dem Honorar. Eigentlich sowieso nicht.

Das erste Blatt zeigte ein Foto eines ca. 60jährigen Mannes mit sehr hoher Stirn. Ein knallharter Typ. Auf der Rückseite stand ein Name: J. Neuman, Hedgefonds-Manager.

Das zweite Blatt war ein weiteres Foto. Der abgebildete Mann war etwas älter als der erste: Brille und Vollbart. Arroganter Blick. Auf der Rückseite stand als Name: P. Saenger, Hedgefond-Investor. Mehr als steinreich. Was sollte das denn? Beschäftigten die jetzt Witzbolde in Der Agentur?

Das dritte Blatt zeigte einen offenbar alten Mann mit ziemlich zerfurchtem Gesicht. Richter T. Milkrais, USA.

Das waren unsere Zielobjekte. Andere würden sagen „unsere Opfer“. Wieder andere, die uns gut kannten, würden sagen, dass sie schon tot seien, sie wüssten es nur noch nicht.

Wir sahen uns die Gesichter mit größtem Interesse an – und prägten sie uns noch ein. Denn wir würden sie erschießen. In ein paar Tagen. In Binz. Problemlos. Schließlich waren wir ein „Senior“.

Als nächstes blätterten wir in einem Ablaufplan der Veranstaltung in Binz: Das ganze Programm. Vorträge im Plenum, Gruppenarbeiten, wieder im Plenum usw. Sie kennen diese Art Veranstaltungen. Langweilig. Wichtig sind viele Kaffeepausen. Zum Ratschen. Die Reichen und Schönen haben es auch lieber eher lasch, sogar sehr lasch, wenn Sie mich fragen, jedenfalls sah das Programm so aus. Am dritten Tag war ein Open-Air-Konzert in der „Konzert-Muschel“ vorgesehen. Petrenko würde das Kleine Kiewer Staatsorchester „mit Gästen“ dirigieren, Starsänger Yonas Merchant würde für ein vermutlich horrendes Honorar einige Lieder schmettern (und dabei hoffentlich nicht zu sehr gegen den Wind anschreien müssen). Hörte sich nach viel Geld an – aber Geld war für die Veranstalter das allergeringste Problem, das hatten die zum Saufüttern, da waren die Honorare der Weltstars auf der kleinen Bühne der Muschel wahrlich Peanuts… und außerdem steuerlich absetzbar, natürlich.

Insgesamt würden 250 „Reiche und Schöne“ (das Letztere können sie ruhig weglassen) teilnehmen. Wahrlich eine exklusive Veranstaltung. Zweihundertfünfzig Zuschauer bei 12 Stühlen pro Reihe, das machte gut zwanzig Reihen aus. Unsere drei würden natürlich in der ersten Reihe sitzen.

Die Agentur hatte uns angemeldet. Natürlich unter einem NICHT frei erfundenem Namen, der sich nach viel Geld anhörte – wenn Sie es genau wissen wollen: Ich firmierte unter dem Namen Arnault, genau, DIE Champagner-Arnaults! Geld zum …, nun ja, Sie verstehen? Natürlich auch genug, um es als Risikokapital einzusetzen. Und die angekündigten 900% Gewinn waren schon ein schöner Köder gewesen, dafür bewegte sogar ein Arnault seinen Arsch. Allerdings würde ich als Arnault mich nicht mit läppischen 900% zufriedengeben, wenn ich auf mein Investment angesprochen werden würde. Nicht, wenn die anderen, die vom Hedgefond 1.600% verdienen würden. Jedenfalls nicht mit unserem Geld! Sie müssen bedenken, die Argentinien-Sache war ja so gut wie abgeschlossen, von der Finanzierung zumindest, jetzt warben die Herren Kondore vom Hedgefond damit, dass sie noch weitere Staaten ähnlich angehen würden. Die Renditen: Enorm. Die einzusetzenden Summen: Ein Klacks. Die Risiken: Sehr überschaubar, eher gegen Null gehend. Dafür würde der „Judge“ aus New York schon sorgen.

Der Name Arnault garantierte mir in diesen Kreisen genau die richtige Menge Aufmerksamkeit – nicht zu wenig und nicht zu viel. Und ich war eben das enfant terrible, das gerade reuevoll in den Schoß der Familie zurückgefunden hatte und sich hier das erste Mal als echter Arnault beweisen sollte. Kein Wunder, dass mich keiner hier kannte. Das Original, ich meine, der richtige Arnault, würde garantiert sehr kurzfristig verhindert sein – ein kleiner Autounfall, ein, zwei gebrochene Beine, ein dicker Verband um den Kopf reichten da aus. Überhaupt keine große Sache für Die Agentur. Ich war mir ganz sicher, dass ich sicher war.

Die Agentur schlug uns vor, die drei während der Benefiz-Veranstaltung (jeder Sitz kostete 10.000 $, aber nix für die Geladenen) aus einem günstig gelegenen Apartment im Nachbarhaus des Binzer Kurhauses zu erschießen. Einige Fotos der Lokalisation sowie eine Situationsskizze mit Schusswinkeln und –entfernung vervollständigten die Mappe.

„Die Jungs haben sich aber echt Gedanken gemacht, das sieht gut aus“, befanddachte Mari.

„Was sagst du, Mari, geht das?“, fragdachte ich.

„Wenn kein schlechtes Wetter ist und die deshalb kein Zelt aufbauen müssen“, nachdachte Mari für uns erdenkbar, „ist das problemlos. Gute zweihundert Meter Schussentfernung, nichts für das Dragunov…“

„Wie lange wirst du brauchen?“, wollte Ernst wissen.

„Keine drei Sekunden…“

„Also insgesamt zehn Sekunden…“

„Unsinn, drei Sekunden insgesamt. Schuss, Zielwechsel um zwei oder drei Grad, Schuss, Zielwechsel, Schuss. Drei Sekunden. Nicht mehr.“

„Puh“, dachte Ernst, „das ist schnell…“

„Ist ja auch unsere Mari!“, stolzdachte Rudi.

„Rudi? Was ist los?“, fragdachte Mari, „gar kein böser Kommentar…?“

„Nö“, gabdachte Rudi zurück, „beim Schießen bist du unglaublich Spitze!“

„Drei Sekunden“, bedachte ich überlegend, „da ist der dritte tot, bevor er auf den ersten Schuss reagieren kann.“

„Vor allem, wenn es ein alter Mann ist… Den Ältesten würde ich als letzten nehmen, schon deshalb – wenn er nicht in der Mitte sitzt, sonst dauert es länger und das wäre nicht gut!“

„Was ist da noch?“, wollte Ernst wissen.

Ich blätterte um.

„Unsere Teilnahmeunterlagen, sonst nix.“

„Ich finde, wir sollten nach Binz fahren, um uns vor Ort umzuschauen“, schlug Mari vor, „ich würde das gerne im Original sehen…, das Umfeld und so, versteht ihr?“
„Gute Idee“, befanddachte ich, „gleich morgen!“

„Na, Jens“, fragte Kalle, der inzwischen die anderen Gäste bedient hatte, „alles klar? Darf man fragen, wer das Zielobjekt ist?“

„Nö“, sagte ich.

„Auch gut“, gab Kalle zu, „geht mich auch nichts an. Ich sag´s ja, du bist ein echter Profi, Jens, immer noch oder wahrscheinlich mehr denn je!“

„Wahrscheinlich“, stimmte ich zu und meinte, dass wir uns wahrscheinlich zu den professionellsten Profis entwickelt hatten, mit denen er es je zu tun gehabt hatte. Und das schloss Schwätzen einfach aus. Niemand musste mehr wissen als unbedingt nötig. Und eigentlich war schon die Kenntnis unserer Anwesenheit zu viel.

„Genau“, bedenkdachte Rudi, „vielleicht sollten wir Kalle hinterher auch…? Ich meine, nur zur Sicherheit…“

„Nee, lass man, drei Tote in Binz sind schon genug… und dann noch die… Da wird die Weltpresse abgehen wie Harry… Und wenn wir dann noch den alten Kalle… Nee, lieber nicht.“. Das waren meine Gedanken an alle, nicht nur an Rudi.

„Ja, finde ich auch“, gabdachte Ernst seinen Senf dazu, „ich hab´ zwar nicht eure Erfahrung, Jens und Mari, aber das leuchtet absolut ein!“

„Ja, aber es gibt noch einen Grund…“

„Welchen?“, fragdachte Mari.
„Wir wissen nicht, welche Position er in Der Agentur hat? Wenn wir ihn wegputzen würden, nähmen die das vielleicht übel…“
„Und?“, fragdachte Rudi.
„Dann setzen die einen Kollegen auf uns an!“, antwortdachte Mari an meiner Stelle.
„Ach so, ja, das wäre ja blöd“, gabdachte Rudi zu, „da hab´ ich nicht dran gedacht…“
„Ach, mein Rudilein“, das war alles, was von Mari dazu zu verdenknehmen war.
„Ja, ja“, beleidigdachte Rudi, „Rudi, der kleine Doofmann, ich weiß…“

„Weißt du eigentlich, dass diese Geierfond-Heinis demnächst hier auf Rügen sein werden? Die, die Argentinien in die Pleite treiben wollen – 48 Millionen Einsatz für alte, wertlose Papiere und 1,5 Milliarden Gewinn, weil die Papiere doch nicht wertlos waren, weil irgend so eine argentinische Schlafmütze damals vergessen hat, einen Absatz in die Ausschreibung zu schreiben…“

„In Binz, oder? Stand in der Ostsee Zeitung. Die machen da ´ne Werbeveranstaltung für die Oberen Zehntausend, oder?“

„Ja, das auch, nee, die kommen hierher nach Putgarten, genauer gesagt zu mir, um mal guten Kaffee zu trinken.“

„Ist nicht wahr?“

„Doch, Kap Arkona Kaffee kommt in alle Gazetten weltweit. Das ganze Gelände wird vorne am Parkplatz für diese Pappnasen abgesperrt, damit die unter sich sind, da kommt dann kein Tourist mehr rein, keiner… Sicherheit, weißt du.“

„Wie kommt das denn?“

„Da hat die Triefnase von Tourismusheini mal richtig gespurt. Keine Ahnung, wie der das eingetütet hat. Und weil dann ja in der Zeit kein Umsatz gemacht werden kann, bekommt jeder Händler und jede Kneipe hinter der Absperrung 1000 € bar auf die Kralle. Der Typ bringt sonst ja nix zustande hier, keine Veranstaltung, nix – aber diese verdammten Amis, die bringt der her, im Nullkommanix. Sag´ mal, Jens, könntest du den nicht mal, ich meine, irgendwo an der Steilküste…, vielleicht ein kleiner Schubs… Frei nach Armstrong: „Ein kleiner Schubs für einen Touriheini, ein großer Schubs für die Region…“ – oder so? Ich mein´ ja nur so, sozusagen ein Freundschaftsdienst… Vielleicht wegen der alten Tage…?“

Er sah mich an. „Nee, Jens, sag´ nix, ich weiß schon… Dachte ja auch nur, fragen kost´ ja nix. Vergiss es gleich wieder, war ´ne blödsinnige Idee.“

Er schaute mich jetzt verlegen lächelnd an.

„Aber vielleicht könntest du mir helfen? Ich meine, meine Kellnerin fällt da aus, hättest du vielleicht Lust…? Denen den Kaffee zu servieren?“

Er blinzelte mir zu.

„Kann doch nie schaden, so berühmte Menschen mal ganz aus der Nähe zu sehen, oder? Also dachte ich mir. Jens, man weiß ja nie, ob und wann man sich im Leben wiedersieht, nicht wahr?“

„Er ist garantiert unser Kalle“, dachte Mari, „das kann nur unser Kalle sein, so ein Schlitzohr, typisch Kalle!“
„Weiß der von unserem Auftrag?“, fragdachte Ernst.
„Glaube ich nicht“, dachte ich zurück, „aber doof ist er garantiert nicht, nicht als Kapitän, der alle Weltmeere besegelt hat, der kann drei und drei zusammenzählen… Überlegt doch einmal. Er erhält von Der Agentur wenige Tage, nachdem dieser bescheuerte Richter seinen bescheuerten Spruch aufgesagt hat, der Argentinien in die Staatspleite treibt, den Auftrag, uns einen Umschlag zu übergeben. Wenige Tage, bevor die größten Dreckspatzen der jüngeren Geschichte hier auf Rügen auftauchen. Das kann aus seiner Sicht nur eines bedeuten… Wir sind auf die angesetzt. Punkt.“
„Wenn man es so sieht, ist es verdammt logisch“, stimmtdachte mir Ernst zu. „Wird er reden?“
„Keinesfalls, er sieht uns als seine Babies an!“
„Er ist doch gar nicht älter als wir“, widerdachte Rudi.

„Aber er war unser Ausbilder, Rudi, und wir dürften die letzten Überlebenden sein – oder fast…“

Am nächsten Tag fuhren wir nach Binz. Das Wetter war umgeschlagen…, es war nicht wirklich schlecht, dafür regnete es zu wenig, aber auch nicht gut genug, als dass die Menschen in ihren Strandkörben gesessen hätten.

In Binz versucht man, den Autoverkehr „draußen“ zu halten – das klappt halbwegs, weshalb wir Glück hatten, als wir einen Parkplatz am Straßenrand in Strandnähe fanden.

Das Hotel Kurhaus ist in seiner Lage direkt an der Strandpromenade und aufgrund seiner beeindruckenden Größe und Architektur mit den zwei Ecktürmen in Binz wirklich nicht zu übersehen, es dominiert die „Skyline“ von Binz eindeutig. Dorthin spazierten wir entlang der Strandpromenade. Binz ist DAS Seebad auf Rügen…, sagen die Binzer und sie haben damit sicher Recht. Sellin kann zwar mit der viel schöneren Seebrücke punkten, aber in Binz ist deutlich mehr los. Sogar mehr als deutlich.

Auf der Kur- und Uferpromenade war echt ´was los – Menschen haufenweise, wohin wir blickten. In den Promenaden-Cafés, -Bars, -Restaurants und -Eisdielen war die Hölle los. Alles voller Windjacken mit Leuten drin. Überall. Meistens Familien. Daher auch viele Kinder, die durch die Massen rannten. Es herrschte ein ziemlich ausgeprägtes Gewurle. Uns konnte das nur recht sein. Wo so viele Menschen sind, fallen wir nicht auf, fanden wir.

Direkt vor dem (nur ein wenig) protzigen alten Kurhotel-Bau befindet sich die Konzertmuschel oder wie immer das Ding heißen mag. Hier würde sich der „Event“ abspielen und hier würde von uns „die Musik gemacht werden“. Vor der überdachten Muschel war auf vielen Bänken genügend Platz für sehr viele Kurkonzertfreunde. In der Mitte war zwischen den Bänken Platz freigelassen worden – sonst wahrscheinlich für Kurgäste vorgesehen, die sich zum Kurkonzert den Freuden des Tanzes hingeben wollten. Hier würden also die Stühle für die 250 Ehrengäste aufgebaut werden. Die von großen Fenstern durchbrochenen Wände links und rechts hinter den Bankreihen dienen als Windschutz für die Kulturbeflissenen, wobei die Kompaktheit des Baues was dafür sprach, dass es hier viel wehte…

Wir stellten uns vor die kleine Bühne, auf der die Kurorchester aufspielen, und schauten uns um. Es war gegen 14.00 Uhr, die Sonne stand (durch gerade aufbrechende Wolken) hinter dem Kurhotel. In einer Stunde würde sie noch ein Stückchen weitergewandert sein.

„Gut“, dachte Mari, „gutes Schusslicht, mehr oder weniger von hinten, etwas seitlich… Perfekt!“

Wir schauten weiter.

„Das da, links neben dem Kurhotel“, dachte Mari laut weiter, so dass wir ihre Überlegungen mitbekamen, „muss das Haus sein, in dem die Wohnung für uns reserviert ist. Oberster Stock, da die Fenster hinter der Terrasse. Nicht nur das Licht, auch der Schusswinkel sieht perfekt aus und total freies Schussfeld von da oben.“
„Geh mal zwei Schritte vor“, bat Ernst, „oder besser drei…“.
Rudi hatte den Körper und machte die drei Schritte.
„Hier werden sie sitzen, vermute ich“, präzisierte Ernst seine Überlegungen, „ziemlich genau hier. Als Gastgeber mit der Marie werden sie sich die besten Plätze reservieren – erste Reihe in der Mitte! Wenn sie dichter an der Bühne sitzen würden, müssten sie sich ja geradezu verrenken, um die Stars auf der Bühne ansehen zu können. Außerdem haben diese Sänger die Angewohnheit, über eine rechte feuchte Aussprache zu verfügen. Nee, ein bisschen Abstand wird schon eingeplant sein. Nach dem trapezförmigen freien Platz zwischen den Bänken zu urteilen, schätze ich, dass in der ersten Reihe fünf Leute sitzen werden und in den nächsten Reihen jeweils zwei oder vier mehr, je nachdem, wie dicht die die Stühle stellen werden.“
„Und die Bänke?“, fragdachte Mari.
„Werden die billigen Plätze sein, vielleicht für den Bürgermeister und den Hoteldirektor und solche Leute. Wahrscheinlich werden „als gute Tat“ die Bewohner von zwei Altersheimen eingeladen, dann können sie das als Spende absetzen… Aber nicht für die angemeldeten Teilnehmer der Veranstaltung, die sitzen in der Mitte, garantiert…“
„Stimmt“, stimmdachte Mari zu, „würde ich auch so sehen: Erste Reihe Mitte, das sind sie.“
„Probleme?“, fragdachte Ernst.
„Nee, aber ich muss mir einprägen, wie die Köpfe von hinten aussehen, sonst erschieße ich noch die falschen…“
„Bloß nicht“, dachte Rudi und ging etwas in die Knie, „guck mal, Mari, das wird ihre Kopfhöhe sein, wenn sie sitzen…“
„Kein Problem“, gabdachte Mari zurück.
„Und wenn hinter denen einer aufsteht?“, wollte Rudi wissen.
„Während des Konzertes steht keiner auf… Und wir haben ja Tickets, wir können uns vergewissern, wo die sitzen und dann erst gehen wir in die Wohnung… Dann wissen wir haargenau, ob und wo die sitzen.“
„Wie lange wirst du brauchen?“, fragdachte Ernst.
„Keine drei Sekunden, eher zweieinhalb… Geht schnell. Dreimal abdrücken und dazwischen zweimal Zielwechsel, da habe ich schon schwierigere Schusssituationen gehabt!“
„Schauen wir uns die Wohnung an?“, fragdachte ich.

Es waren nur (ich zählte) 215 Schritte. Unten im Haus war diese Fisch(burger)-Kette aus Sylt, die mit dem grünen Krebs als Logo, die man inzwischen in jedem gehobenen Bahnhof findet. Zugegeben, Fischburger ist jetzt etwas tiefgestapelt oder abfällig, aber das, was die anbieten, ist kurz davor. Das Lokal war riesig, viele Plätze im Freien. Ich überschlug schnell die Anzahl der Plätze draußen: So um die 300. Gut so, je mehr Gewurle nach den Schüssen, desto besser für uns. Und hier würde einiges los sein! Wahrscheinlich alles, von der panischen Zuschauern, die nur fortwollten, bis zu katastrophen-geilen Zuschauern, die zum Ort des Geschehens hin wollten.

Wir mussten nur vor einem vorsichtig sein: Vor den alles mit ihren Handys filmenden Touristen. Wir würden nicht vermeiden können, auf irgendeinem Filmchen erfasst zu werden – aber wir mussten unerkannt und unerkennbar bleiben. Na, wir hatten so unsere Mittelchen…

Der Eingang ins Haus lag im Hof. Dorthin gelangte man von der Straße über eine Einfahrt zur Tiefgarage. Kurz vor der Tiefgarage, die mit einem Fahrstuhl für Autos erschlossen wurde, lag der Hauseingang. Ziemlich uneinsehbar von der Straße – perfekt!

Von dort ging es im Fahrstuhl bis in den vierten Stock – „unser“ Stockwerk. Wir schauten uns nur unten im Treppenhaus um: Viel Platz, alles sehr geräumig, mit Fahrstuhl, wir stiegen nicht ein, fuhren nicht hoch, jetzt bloß keine genetischen Spuren hinterlassen: Ausgeatmete Luft oder vielleicht etwas Ausgehustetes…

Sie, als überlebenswilliger und freiheitsliebender Killer müssen Sie heute ja auf so vieles aufpassen, was vor ein paar Jahren noch völlig unerheblich war. Zum Beispiel kann Sie die Atemluft verraten, die Kriminaltechniker können heute so unglaublich viel nachweisen, Sie glauben es nicht. Wir schon. Deshalb unsere Vorsicht. Wir hatten genug gesehen: Ruhig, kein Gewurle, kein Zugang zum Restaurant, aus dem plötzlich jemand kommen würde, wenn wir ihn gar nicht brauchen konnten. Am Klingelschild waren nur 3 Ziffern verzeichnet. Das mussten die Wohnungen sein. Wenn wir Glück und gutes Wetter hätten, würde außer uns niemand im Haus sein. Alle würden am Strand oder bei dem „Event“ sein.

Danach gingen wir noch auf die Binzer Seebrücke. Sie, die kann sich keinesfalls an der Selliner Seebrücke messen. Die Selliner ist viel schöner, wirklich, schon mit dem Café auf der Seebrücke. Letzteres gibt es hier in Binz nicht, die Binzer Seebrücke ist sozusagen „Seebrücke pur“, kein Knick in der Brücke, kein Café, kein Riesenrad. Das gibt es in Sellin auch nicht – aber auf englischen Seebrücken, die sich sowieso als „Mütter aller Seebrücken“ bezeichnen dürfen. Was es da alles gibt – von riesigen Bingo-Sälen einmal abgesehen. In Binz gibt es nur „Seebrücke mit Anleger für die Touristendampfer“ sonst nix…, nicht mal Fischbrötchen oder Currywurst. Ganz draußen konnten kleinere Schiffe anlegen, so für „Rügen rund…“ oder so oder auch nach Usedom. Aber nix größeres.

„Hier kann Henning uns aufnehmen“, schlug ich vor, „da kann er kurz anlegen und wir springen an Bord von seinem Kutter und denn nix wie weg von hier. Flucht über die See, damit rechnet keiner, glaube ich, dürfte ziemlich sicher sein…“
„Na, da komme ich ja endlich mal zu meiner Seefahrt“, freudachte Ernst, „ist zwar keine Fähre, aber immerhin…“
„Und denn?“, wollte Rudi wissen, „wo dampfen wir denn hin?“
„Gar nicht, wir fahren ein paar Hundert Meter und denn dümpeln wir da rum, baden und so… Kein „nix wie weg“, das würde doch nur auffallen oder könnte auffallen…“, dachte ich überlegend, „oder?“
„Hört sich gut an…“, stimmte Ernst zu.
„Hört sich gut an…“, lachdachte Mari, „vor allem der Teil mit dem Baden…“.
„Und wie kommen wir her?“, fragdachte Rudi.
„Auch mit dem Boot“, schlug ich vor, „dann gibt es kein Auto, dass wir hinterher wegbringen müssten. Wir kommen mit dem Kutter, lassen uns hier absetzen, und zwar als Mari, haben das Gewehr und ein Stativ für das Gewehr als Strandmuschel verpackt dabei und lassen uns auch als Mari wieder abholen. Ganz einfach. Nix Kompliziertes!“
„Oder wir lassen uns von Kalle bringen“, überleglangsamdachte Ernst, „und zwar mit seinem Kaffeemobil. Mit dem Lieferwagen kommt der auf der Insel garantiert überall durch, auch durch alle Kontrollen, falls es überhaupt welche geben sollte, und wenn nicht, denn muss er das eine oder andere Pfund Kaffee verschenken, dann wird´s schon gehen... – glaub´ ich aber nicht, dass die da wirklich Kontrollen haben werden, das sind ja keine Politiker da in Binz oder so.“
„Und das Gewehr?“, wollte Rudi wissen, „Wie kriegen wir das?“
„In Glowe im Hafen“, sinnierdachte Mari, „da muss Henning sowieso dran vorbeituckern, das würde passen. Früh genug muss er eh da sein, ob nun in Binz oder in Glowe. Und der Hafen da ist so klein, da können wir uns gar nicht verpassen.“

Das war´s für heute. Wir wussten, was wir wissen mussten.

„Wie wär´s mit einem Fischbrötchen bei Kathi?“, schlug Mari vor.

Der Vorschlag wurde mit allen Stimmen vollinhaltlich angenommen. Also machten wir uns wieder auf den Weg nach Juliusruh. Noch fünf Tage bis zum Tag X. Die Amis würden sich so langsam auf den weiten Weg zu ihrer Verabredung mit Gevatter Tod, mit uns machen. Wir hatten Zeit. Viel Zeit. Alles war vorbereitet. Nervös waren wir nicht. Warum auch? Für uns war das business as usual

Die Fischbrötchen waren… wie immer: Sensationell. Natürlich wählten wir zweimal „Brathering“ – das sind nämlich die Besten, oder hatte ich das schon erwähnt? Und selbst wenn, eine Verdopplung des Lobes kann nicht schaden!

Am nächsten Morgen war das Wetter wieder prima: Sonne, ab und zu eine weiße Wolke, leichter Wind. Luft 25°C, Wasser 22°C. Mari würde uns wieder mehrfach ins Wasser treiben. Naja, dafür waren wir ja hier…

Wir frühstückten im Strandcafé schräg gegenüber vom Strandgut. Klar gibt es da ein „richtiges“ Frühstück mit Brötchen, Spiegelei, Wurstaufschnitt, Marmelade und Kaffee. Hätten wir auch bestellen können. Aber seit diesem Jahr hatte die Besitzerin auf Selbstbedienung umgestellt. Das war nichts für uns. Deshalb bestellten wir uns einen Teller Milchreis. Zugegeben, das ist nicht jedermanns Sache (als Frühstück), aber uns schmeckte es. Kostet 2,50 €.

Erst einmal haben wir den Milchreis bestellt und dann sind wir zum Strandgut rüber, um die Tageszeitungen zu holen.

„Haben Sie schon gelesen“, empfing uns der Kulturhändler, „da kommen diese Geierfond-Manager nach Rügen. Als ob die nicht überall anderswo hin könnten… Ausgerechnet hierher…“

„Haben sie ´was gegen die?“, fragten wir.

„Was heißt da, ´was gegen die haben…“, meinte der Zeitungshändler unseres Vertrauens, „das soll mal einer verstehen…“

„Was denn?“

„Dass ein New Yorker Gericht darüber urteilen kann, dass die Kerle ein ganzes Land in den Konkurs treiben können, ist doch ´ne Schweinerei, oder?“

„Ja, schon…“, antworteten wir vorsichtig.

„Das ist doch amoralisch, dass da ein paar Kerle erstens 48 Millionen Dollar für so ein Geschäft riskieren können, naja, ist ja nicht ihr Geld, ist ja so einer von diesen kriminellen Hedgefonds, das kriegen die ja von anderen Raffkes. Und dann finden die einen Richter, wahrscheinlich so einen erzkonservativen Ami, der glaubt, ihnen gehöre die Welt, also den Amis, und der erlässt so einen Urteilsspruch, nach dem die für ihre läppischen 48 Millionen Dollar Einsatz satte 1,5 Milliarden Dollar ausgezahlt bekommen müssen. Ist doch ´ne Schweinerei. Mal ganz davon abgesehen, dass die Argentinier so blöd waren, in irgendwelche Verträge eine bestimmte Klausel nicht einzubauen. Das haben die ausgenutzt, diese Kapitalisten.“

„Ist das so?“. Ich tat so, als ob wir noch nie von der Sache gehört hätten.

„So in etwa, in aller Kürze… Haben sie darüber noch nichts gelesen? War neulich ein super Artikel in der Berliner Zeitung. Wenn sie wollen…? Könnte sein, dass ich den noch irgendwo habe…“

Ich winkte ab. „Nee, lassen sie man, ich bin ja im Urlaub, da mach´ ich von so´was gar nichts hören, wissen sie…“

„Ja, verstehe ich, das verdirbt einem ja nur die Laune, nicht wahr, und dafür ist das Wetter ja viel zu schön. Was nehmen sie heute zur SZ?“

„Ach, ich glaube, Das Hamburger Abendblatt… Außerdem muss ich wieder rüber ins Strandcafé, mein Milchreis müsste heiß sein.“

„Guten Appetit! Könnte ich auch mal wieder essen – Milchreis, meine ich, habe ich ewig nicht mehr gehabt. Dabei hab´ ich das früher gerne gegessen, so mit viel Zucker und Zimt und ein paar Butterflocken und etwas kalter Milch dazu. Wirklich. Muss ich mir mal wieder machen. Das macht dann zwei Euro zu ihrem SZ-Gutschein oben drauf.“

Wir zahlten und holten unseren Milchreis – ohne Butterflocken und Milch, aber mit doppelt viel Zimtzucker. Lecker. Dann ging´s zum Strandkorb. Baden. Mari war da unerbittlich.

Nachmittags fuhren wir nach Putgarten. Unser geheimer Parkplatz war frei. Ich war gespannt, wie lange das noch gut gehen würde… Die Strandräuber würden irgendwann hinter irgendeinem Busch lauern und mich bluten lassen. Heute aber nicht.

Kalle servierte einen „El Injerto Guatemala“ (was immer das heißen mochte). War sehr belebend!

Beim zweiten Kaffee setzte er sich zu uns. Weil das Wetter wieder so gut gewesen war, blieben die meisten Menschen am Strand und mieden den Rügen-Hof. Hier ging das Geschäft am besten, wenn das Wetter „durchwachsen“ war. Zu kühl für den Strand, nicht schlecht genug, um in den Ferienwohnungen zu bleiben. Insofern war Kalle schon ein Opfer der Erderwärmung, die die Sommer an der Ostsee immer schöner machte. Außer uns hatten nur wenige Menschen den Weg hierhergefunden. Er hatte Zeit für ein Schwätzchen. Er erzählte aus seiner Zeit als Kapitän eines Seenot-Rettungskreuzers, von Möchtegern-Kapitänen auf Segeljachten, die das Meer immer wieder unterschätzten, von Kuttern, die ohne Besatzung auf See aufgefunden wurden – niemand wusste, wo die Männer geblieben waren.

„Sag´ mal“, begann Kalle nach einer längeren Pause (wir sind ja keine Schnackfatts), „hast du übermorgen am Nachmittag Zeit?“

„Kommt drauf an… Warum?“

„Da kommen diese US-Kerle, du weißt schon, diese Hedgefond-Heinis, Argentinien, weißt du, hierher…“

„Wie hierher?“

„Zu mir. Kaffeetrinken…, sag mal, hatte ich das nicht schon mal erzählt?“

„Mag sein, ist doch egal… Und das weißt du jetzt schon?“

„Hat unser Tourismus-Boss eingefädelt, ist er auch noch stolz drauf. Da wird hier alles abgesperrt, damit denen kein Normalo nahekommen kann – und denn wollen die hier den guten Kaffee trinken…“

„Ja und?“

„Ich dachte, das würde dich eventuell interessieren… Da würdest du denen ja auch mal ganz nahe kommen können… Du verstehst?“

Ich nickte. „Ich denke, da wird hier alles abgesperrt?“

„Wird es ja auch. Aber meine Bedienung hat ja an dem Tag frei…, hab´ ich für gesorgt, weißt du.“

„Das heißt?“

„Ich brauche eine Bedienung, einen Ersatz für sie, da würdest du einen speziellen Ausweis bekommen, mit dem du hier reinkommst. Schwarze Hose, weißes Hemd – hast du ja wohl, oder? Fertig ist der Kellner… Du servierst und kannst dir die Leute genau anschauen…“

„Warum sollte ich das?“

Er zuckte mit den Achseln. „Naja, ich dachte nur so… War ja nur eine Idee…“. Kalle schaute mich mit einem feinen Lächeln im Gesicht an. „Nicht, dass du noch glaubst, ich hätte deinen Umschlag geöffnet…“. Er machte eine Pause. „Aber ich kann durchaus noch drei und vier zusammenzählen, Jens. Das ist alles. Ich meine ja nur…“

Wir dachten kurz nach.

„Wäre nicht schlecht“, meinte Mari, „vor allem sehen wir sie von hinten aus der Nähe. Auf den Fotos sind sie nur von vorne zu sehen. Und ich werde sie von hinten erkennen müssen!“
„Dann sollten wir das machen“, dachte Ernst, „vielleicht gibt es auch ein gutes Trinkgeld?“
„Von denen?“, erregdachte Rudi, „von denen nehmen wir nix. Oder? Naja, kommt auf die Größe des Scheines an…“
„Hör auf zu träumen, Rudi, die Reichen geben nie ´was…“. Das war typisch Mari. Aber wahrscheinlich hatte sie Recht. Aber wir wollten es ja auch nicht für´s Geld machen. Das jedenfalls nicht.

„Gut“, sagte ich schließlich, „mache ich, könnte ja doch mal interessant sein, solche Leute kennen zu lernen. Ich meine, nur so, wann hat man schon einmal die Chance, solchen Typen nahe zu kommen, sozusagen auf Tuchfühlung.“

„Na, sag ich doch. Übermorgen um drei musst du hier sein. Den Ausweis habe ich schon. Warte, ich hole ihn.“

Es dauerte nur einen Moment, dann kam er mit einem in Plastik eingeschweißten Teil mit einem dieser unvermeidlichen langen Bändern daran, mit dem man es um den Hals tragen konnte.

„Wieso ist da schon unser Bild drauf?“, fragdachte Rudi.
„Denk´ gar nicht erst drüber nach“, gab Ernst zurück, „sonst glaubst du noch, dass die hier ein Spielchen mit uns spielen…“
„Ja, ist besser so“, dachte Mari.

Zwei Tage später Gegen 14.30 Uhr waren wir in Putgarten, zahlten zähneknirschend die Parkgebühr und stellten uns auf den fast leeren Strandräuberparkplatz, denn der allgemeine Verkehr war schon in Altenkirchen, knapp zehn Kilometer vorher, abgeleitet worden. Mein Ausweis, den Kalle mir gegeben hatte, war mein Passepartout, der mir alle Türen öffnete.

„Wer sind sie denn?“, fragte Kalle, als wir in sein Café traten, „Wie kommen sie denn hier herein, hier ist doch alles abgesperrt?“

Kalle erkannte uns tatsächlich nicht. Wir kamen aber auch nicht als Kellner, sondern als Kellnerin: Kurzer schwarzer Rock mit kleinem Schürzchen, weiße Bluse (mit wenig „drin“), blonde Perücke, mittelhohe Pumps, dezent geschminkt. Wir waren eine recht attraktive Kellnerin, wenn man auf diesen schlanken Typ mit schlanken Beinen steht, an dem „vörn und achtern nix dran“ ist.

„Jens schickt mich“, sagte Mari, „als Vertretung.“. Sie streckte ihm die Hand hin. „Ich bin die Maria, du verstehst…?“

Kalle schaute, schaute noch einmal, und schaute ein drittes Mal. Dann lächelte er. „Ich verstehe, ich freue mich sehr, sie endlich kennen zu lernen, Maria, ist mir eine Ehre, eine alte Freundin von Jens zu treffen…“. Er zögerte einen Moment, dann sprach er weiter: „Ich denke, wir kennen uns…, irgendwie…, naja, als Älterer darf ich ihnen das Du anbieten, ist besser, wenn die Gäste kommen, glaubwürdiger, finde ich.“

„Klar doch, Kalle“, lächelte Mari sehr weiblich. Mari drehte sich vor Kalle und hob dabei die Arme. „Alles in Ordnung mit mir?“

„Sogar sehr, soweit ich sehen kann, und mehr geht mich nix an – als… sozusagen… Arbeitgeber. Komm, Maria“, sagte er, „ich zeig´ dir alles…“.

Er zeigte uns, wo wir den Kaffee von ihm abholen würden, wo wir ihn servieren würden und wo das benutzte Geschirr abzustellen war, wo die Gästetoiletten waren. Für alle Fälle.

„Sprichst du englisch, Maria?“, fragte er dann.

„Naja…“

„Reicht, wenn du radebrechst, Maria, wir müssen die Arschlöcher nicht zu nett behandeln… Nicht frech, aber auch nicht zu nett! Ist doch sowieso ´ne blöde Idee unseres Tourismus-Chef. Keine Ahnung, was der sich davon verspricht. Macht hier alles wegen drei oder vier Leuten dicht und lässt die Touristen draußen versauern… Blödmann!“

Draußen auf der Straße nach Kap Arkona tat sich etwas. Das musste die kleine Kolonne sein.

Richtig. Drei gepanzerte Mercedes hielten. Zuerst sprangen diverse schwarz gekleidete muskelbepackte Security-Typen aus den Autos, sicherten, wo es nichts zu sichern gab, schauten finster in die Gegend, als ob sie hier das Böse höchstpersönlich oder mindestens Putin erwarteten, sprachen hektisch in versteckte Mikrofone und öffneten schließlich die Türen mit den verdunkelten Scheiben. Die Show war nicht schlecht, aber ziemlich sinnlos. Ich sah ja keiner. Außer uns. Und wir fanden sie lächerlich. Wenn wir gewollt hätten, wären sie jetzt schon tot. Wäre ganz einfach gewesen. Wollten wir aber nicht. Jedenfalls nicht im Moment.

Einer dieser überlebenden Anzugträger kam missmutig auf Kalle und mich zu.

„I will check you“, maulte er und begann erst Kalle, dann uns zu betatschen. Den künstlichen Busen (Größe B) fand er genauso wenig verdächtig, wie er den gut versteckten Schwanz in seinem Spezialhöschen nicht fand. Waffen fand er bei uns auch nicht. Heute nicht.

Er nickte zu einem Kollegen, der nickte zu einem anderen und dann kamen die drei endlich. Mister Saenger, Mister Neumann und Richter Milkrais waren kleiner und älter als von uns nach den Fotos erwartet. Da hatte eine Presseabteilung entweder alte Fotos verwendet oder neue mit Photoshop gut geschönt. In Wirklichkeit trottenten da mehr „arme Wichte“ als „reiche und schöne“ Männer herbei. Vom letzten hatten sie gar nichts an sich. Hemmungslose, vielleicht, sogar wahrscheinlich, ganz sicher harte Knochen und unbeugsame, rücksichtslose Kerle, ja, so sahen sie aus. Aber erstaunlich alt und klein. Irgendwie missmutig kamen sie zu uns geschlurft und setzten sich skeptisch in Kalles Außenbereich.

Einer von den Securities (ich bezeichnete ihn als Nummer 2) sagte „Coffee…“ und deute auf die drei Miesepeter.

„Welchen?“, fragte Kalle zurück.

„Häh?“, fragte Nummer 2, „do you speak English?“

„Which one“, fragte Kalle zurück, „we have some varieties…“

„The best! The most expensive.“

„No problem.“

Nach einer Weile rief Kalle: „Maria!“ und wies auf drei Tassen.

Ich servierte formvollendet.

„Eigentlich sind die von hinten gut zu unterscheiden, oder?“, dachte Ernst.
„Ja“, gabdachte Mari zurück, „die Frisuren, die Haarlängen, alles klar.“
„Aber die sind doch alle grau!“, wandte Rudi ein, „also ich finde…“
„Ich schieße, Rudi“, dachte Mari konzentriert in Richtung Rudi, „ich ziele und ich drücke ab – und mir reicht es! Klar?“

„Ja, ja, ich dachte ja nur…“

Einer der drei versuchte, Mari in den Po zu kneifen, hatte aber nur die Polster des formgebenden Höschens zwischen den Fingern. Er merkte es offenbar nicht. Mari schon. Sie schlug ihm leicht auf die freche Hand und drohte lächelnd mit den Zeigefinger. Er ließ sich nicht beirren und lächelte nur blöd zurück. Und so ein Arsch verantwortete diesen Wahnsinnsdeal, der ein Land wie Argentinien an den Rand des Ruins brachte und eventuell die halbe Weltwirtschaft bedrohen konnte. Lächerlich. Aber wahr.

„Ts, ts“, zischte Mari leise, „don´t try it again…“. Sie war stinkwütend.

Als sie die Tasse halb ausgetrunken hatten, winkte einer der drei, es war der US-Richter, einen, Security Number 3, heran und flüsterte mit ihm. Nummer drei wandte sich an Mari: „He prefers flavoured coffe, for example with some vanilla…“

„I´m so sorry, we don´t serve flavoured coffee. Tell him to try it at the next train station, my be, they have it…“, antwortete Mari und fügte auf Deutsch hinzu, „nicht so einen Scheiß!“

„Häh?“, machte Nummer 3 wieder. Mari lächelte ihn nur freundlich an. „I am so sorry“, flötete sie.

Dann standen die drei alten Männer auf und gingen zurück zu ihren Autos – irgendwie ein trauriger Tross. Als die Kolonne abgefahren war, kam der freudestrahlende Tourismus-Boss um die Ecke, rieb sich die Hände und meinte: „Kalle, klasse, das war erste Sahne, man, aber warum sind die denn so schnell wieder weg?“

„Die wollten Kaffee mit Geschmack…“

„Ja und?“

„Ha´m wir nich´, schmeckt auch nich´.“

„Sag mal, bist du wahnsinnig, Kalle? Die so zu verärgern? Mensch, die hätten wir doch melken können… Vielleicht hätten die sogar hier investiert… Die haben so viel Geld, die könnten ganz Rügen kaufen, wenn die wollten!“

„Willst du das etwa?“, fragte Kalle, „dass Rügen denen gehört?“. Der Tourismus-Chef reagierte nicht auf Kalles Zwischenfrage.

Stattdessen sagte er: „Hättest du denen denn keinen Vanille-Zucker oder so´was in ihre Tassen rein tun können? Merken die doch eh nicht, diese Amis, die mit ihrer fürchterlichen Plörre… Hättest doch ein Riesengeschäft machen können…“

„Was denn? Wie denn das? Zwei Tassen Kaffee statt einer? Sag mal, hast du nicht mehr alle? Nee, nich´ bei mir… Nicht so´n Scheiß. Sollen die in San Francisco trinken, oder so, verstehst du? Nicht bei mir. Bei mir gibt das Kaffee, richtigen Kaffee, kein´ so´n Mist! Ende der Ansage. Und nun runter von mein´ Schiff…“

„Naja…, nun sei man nicht gleich so, Kalle, und hier ist kein Schiff, wir sind an Land Kalle… Und du bist kein Kapitän mehr. Begreif das mal. Hier tanzen die Leute nach meiner Pfeife, weißt du, nach meiner!“. Die beiden starrten sich an. Keiner gab nach. Das dauerte eine Weile. Jetzt bemerkte der Tourismus-Mensch uns, d.h., Mari. Er lächelte erst uns, dann Kalle an. Er wurde leise: „Mensch Kalle, wer ist denn diese Sahneschnitte… Deine neue Bedienung? Stellst du mich vor?“

„Nö!“

„Was heißt das: Nö?“

„Ganz einfach. Das heißt: Nö. Dieses „nö“, verstehst du, dass für Hochdeutsche „nein“ heißt! Kann doch nicht so schwer zu verstehen sein, oder?“

„Und warum nicht?“

„Darum nicht!“

Mari beendet das leise Gespräch, indem sie sagte: „Kalle, wenn´s das war, dann mache ich mich wieder auf den Weg. Mit etwas Glück kriege ich die nächste Schicht in der Fischfabrik gerade noch. Hat Spaß gemacht. Tschüss denn…“. Und damit ging sie. Sie, den Hüftschwung zum Abschluss hätten sie sehen sollen.

Als sie das Café verließ, hörte sie noch, wie der Tourismus-Chef zu Kalle sagte: „Sag´ mal, Kalle, was war das denn wieder für eine Nummer von dir…? Du kannst mich doch wohl vorstellen, oder…?“. Die Antwort bekamen wir nicht mehr mit.  

Wir fuhren natürlich nicht nach Sassnitz, sondern nach Juliusruh. Dort stiegen wir in den elegantesten Anzug, den wir im Schrank hängen hatten, und fuhren dann weiter nach Binz.

Im Kurhotel checkten wir ziemlich rotzig ein und registrierten uns gelangweilt für den Kongress. Als Monsieur Arnault, als was sonst? Man war entsprechend höflich zur Monsieur, ja unterwürfig. Erwartete das Personal etwa Trinkgeld? Doch nicht bei den Reichen und Schönen.

Im Vorraum des Zimmers zogen wir uns schnell „sicher“ um: Papieranzug, Handschuhe und Plastikfußlinge einfach über den Anzug. Wir bestellten telefonisch eine Flasche Champagner, fragten dann doch noch sicherheitshalber nach der Marke und schimpften gotteslästerlich, als sich herausstellte, dass es keiner aus einem unserer Häuser war: Diese Plörre, die sie hier anboten, sollten sie gefälligst alleine saufen, schimpften wir.

Wir gaben dem Kellner noch telefonisch den Auftrag, beim örtlichen Gourmet-Händler für uns Champagner zu bestellen – und zwar den richtigen, mindestens 12 Flaschen. Und den, bitte schön, auf die richtige Temperatur gekühlt (die musste ich ihm doch nicht auch noch sagen, oder?), auf mein Zimmer zu bringen. Damit ich in diesem Hause endlich mal etwas Vernünftiges zu trinken bekäme…

Wir würden einen größeren Schein auf dem Tisch hinterlassen, das würde die Bestellung hoffentlich beschleunigen, sagten wir noch. Dann verliessen wir das Zimmer, nachdem wir noch ein paar nagelneue Klamotten, die wir noch nie getragen hatten, verteilt und alles etwas in Unordnung gebracht hatten. Wichtig waren die benutzten Haar- und Zahnbürste, die wir gestern bei einem Kurzbesuch in der Therme Jasmund einfach geklaut hatten. Die um die Gegenstände bestohlene Dame hatte zwar einen Riesenaufstand in der Therme gemacht, aber wir waren nicht verdächtigt worden.

Dann nahmen wir – ohne Papieranzug – etwas am Kongressleben teil – natürlich mit mürrischer und/oder gelangweilter Miene. Niemand machte Anstalten uns anzusprechen. Die Reichen und Schönen hatten genug mit sich selber zu tun. Und die mitgebrachten Liebesdiener/innen erst recht. Ich ließ einige Bestellungen aufs Zimmer schreiben, ohne sie angerührt zu haben (wegen der Spuren, Sie verstehen) – Bargeld trug man in diesen Kreisen schließlich nicht bei sich... Ich ließ uns sehen, man nahm uns peripher wahr – das musste reichen. Dann verliessen wir das Hotel wieder.

Am nächsten Tag dasselbe Spielchen: „Monsieur“ war da, ganz eindeutig, war aber den anderen Reichen und Schönen gegenüber sehr ablehnend. Einen einzigen Ansprechversuch blockten wir locker ab. Wir gingen wir wieder kurz ins Zimmer, zogen wieder einen Papieranzug an, um einige Flaschen des tatsächlich gut temperierten Champagners in den Ausguss zu gießen, die anderen Flaschen ließen wir in der Kühlung, wir waren schließlich keine Säufer.

Dann – der dritte Tag dieses „Kongresses“: Heute war also der Tag. Heute würde es passieren. Heute würden die drei Geierfonds-Heinis einen kurzen Tag haben. Ihr Tag würde so gegen 15.30 Uhr enden. Und es würde für sie auch keine weiteren Tage mehr geben. Für sie würde es am frühen Nachmittag heißen: „Schluss, Ende, Aus! Hasta la vista, babies…“.

Ein kleines Stückchen Metall würde durch ihren Kopf fliegen, das würde es dann gewesen sein. Uns war es egal. Für uns war es job as usual. Ihnen würde es wahrscheinlich nicht egal sein (die Leute hängen ja doch am Leben, nicht wahr?) – oder doch, denn vorher wussten sie es ja nicht und hinterher konnten sie nichts mehr wissen, weil die ihnen verbleibenden Reste des Gehirnes einfach verkocht wären. Sie würden „habe fertig…“ haben.

Das würde Mari machen. Mari war unsere beste Schützin mit dem Gewehr. Mari ist verdammt gut! Sie trifft alles, was sie treffen will. Entfernung? Mehr oder weniger egal – wenn es unter 1,5 Kilometer ist. Bewegtes Ziel? Macht Mari nichts aus. Mari verschmilzt in dem Moment mit ihrem Gewehr, ihr Dragunov und sie – das ist dann eins. Ihr Opfer? Chancenlos! Drei Opfer? Dreimal chancenlos! Ich schätze, sie würde für die drei Opfer so zwei komma x Sekunden brauchen, also nicht lange, nicht viel länger, als Sie brauchen um „huch“ zu sagen.

Die Schussentfernung würde so zweihundert oder maximal zweihundertfünfzig Meter betragen. Für Mari nur ein Klacks, da hatte sie schon ganz andere Entfernungen mit Bravour gemeistert.

Mittags hatten wir mit Henning telefoniert. Er lag mit seinem Kutter im Hafen in Glowe.

„Ja“, meinte er, „tach, Jens, das Ge…, äh, ich mein´ die Angel hat einer abgeholt. Wie besprochen. Der hat aber irgendwie angebrannt gerochen…, ganz komisch, Jens, was macht denn der, dass der so riecht?“

„Der röstet Kaffee, daher…“

„Ach so, daher…, der tat aber so, als wüsste er was, Jens?“

„Wieso das denn?“

„Naja, zum Beispiel: Erstens, der war ja völlig cool, weißt du, also total. Als ich ihm denn den Korb mit der Angel vom Kutter aus ´rübergereicht hab´, da hat der bei dem Gewicht nicht einmal gezuckt, weißt du, Jens, rein gar nicht…, und das ist ja schon ein anderes Gewicht als ´ne Angel, nich´, will ich mal meinen, nich´, und denn…, weißt du, nach Ködern oder so hat der auch nicht gefragt, also Jens, man o man, ich weiß ja nun nich´…“

„Nee, Henning“, erwiderte ich, „lass man, is´ schon gut, der is´ ganz okay, der klaut die Angel nich´. Da musst du dir keine Sorgen machen. Ehrlich. Und, klar, der ist wirklich cool, das stimmt schon. Der Coolste überhaupt. Von dem können wir noch ´was lernen, ehrlich!“

„Meinst du?“, Henning war noch nicht überzeugt, „Der hat ja auch so eiskalte Augen, da fröstelt es einen ja, wenn der einen anguckt, o man… Und wenn der in den Korb reingucken tut?“

„Macht der nich´, garantiert, Henning. Das ist ein alter Bekannter von mir. Auf den kann ich mich verlassen. Und wenn der eines nich´ is, Henning, denn neugierig.““

„Na, wenn du meinst, Jens.“

„Ja, Henning, mein ich.“

„Na gut, jedenfalls hat der d…, also die Angel, mein´ ich, jetzt. Ich mach´ mich denn nun auf den Weg nach Binz, oder?“

„Ja, mach man…, tschüss denn, und sei pünktlich, Henning, bis nachher.“

„Ja, tschüss, Jens, mien Jung. Und immer schön vorsichtig sein!“

Damit war das Gespräch beendet, und ein weiteres Handy wurde – in seine Einzelteile zerlegt – vernichtet. Sicherheitshalber, Sie verstehen? Man weiß ja nie.

Als Jens schlenderten wir durch das Kurhaus in Binz, d.h., natürlich wieder nicht als Kalles oder Kathis oder Hennings Jens, sondern als angeblicher Arnault-Sprössling. Offenbar interessierte uns wieder nichts, was hier geredet und diskutiert wurde. Die Veranstalter schienen sich dabei echt Mühe zu geben, ihre Idee zu verkaufen, um an das Geld der Anwesenden zu kommen. Und die hatten ja allein durch ihr Kommen klar gemacht, dass sie sehr wohl interessiert waren, ihr Geld her zu geben.

Ich echt arroganter Schnösel nicht. Geld machen? Warum auch? Geld kam ja von ganz alleine zu uns, also der Familie Arnault. Da musste Onkelchen nur pfeifen… Geld generierte schließlich Geld. Dafür musste man doch nichts tun. Wir mussten uns irgendwann selber richtig klar machen, dass wir nur die Rolle des Monsieur Arnault spielten, nicht wirklich er waren. Fing an, Spaß zu machen! Unser Arnault war eine verdammt coole Socke, echt.

Wir gaben uns desinteressiert – waren wir ja auch. Was interessierten uns hochriskante Geldanlageformen, mehr Wette als Anlage, was high-end Renditen? Nein, wir trotteten offensichtlich gelangweilt herum, umgaben uns mit einer ablehnenden oder blasierten Aura – niemand sprach uns an, was uns nur recht war.

Dahinten standen unsere drei.

„Lasst uns da mal hingehen“, dachte Mari, „ich will mir die noch einmal anschauen. Am besten von hinten!“
„Warum das denn?“, fragdachte Rudi.
„Weil ich ihre Hinterköpfe sehen will“, antwortdachte Mari, „weil ich sie auch von hinten erschießen werde…“
„Ach so, ja, klar“, gabdachte Rudi zurück.
„Ernst?“, dachte ich in Richtung seines Zimmers (die Tür war offen), „was ist los? Warst den ganzen Morgen noch nicht draußen…“
„Kann so viel Geld auf einem Haufen nicht ab, lauter Verbrecher das…“. Ernst war wieder auf seinem intellektuellen Tripp – angewandte Kapitalismus-Kritik oder so… Ich verstand ihn. Nicht nur die Geier-Fond-Heinis gingen auch mir gewaltig auf den Sack, sondern alle Schönen und Reichen hier! Soviel Geld zu besitzen, war irgendwie amoralisch, fand ich. Soviel Geld konnte man mit ehrlicher Arbeit nicht verdient haben. Nicht einmal wir…

Mari studierte die Hinterköpfe der beiden Manager und den des alten Richters. Der Richter war mit seinen grauen kurzen Locken auch von hinten einfach zu erkennen. Die anderen auch, fand Mari.

„Wir können gehen“, dachte sie irgendwann, „hab´ sie im Kopf.“
„Gehen wir mal zur Konzertmuschel?“. schlugdachte ich vor. Mal schauen, ob die Bestuhlung schon fertig ist?“

In der Mittagspause checkten wir aus und zahlten unsere Rechnung – bar! Ist ja klar warum, nicht wahr? Aber der Concierge schaute ziemlich dumm aus der Wäsche: „Monsieur zahlen bar?“, wollte er sich vergewissern. Das war ungewöhnlich in diesen Kreisen.

„Ja, ich muss das Kleingeld schließlich irgendwie loswerden…“. Wir fanden uns gut in unserer Rolle. Wir gaben ein großzügiges Trinkgeld. Man würde sich erinnern, dass Monsieur Arnault hier gewesen war.

Auf dem Weg zum abgesperrten Bereich auf der anderen Seite der Kurpromenade von Binz mussten wir mindestens dreimal unseren fälschungssicheren Teilnehmerausweis bei Security-Mitarbeitern vorzeigen. Sie kennen diese Typen: Durchtrainiert, große Brust, dicke Arme, schwarzer Anzug, schwarzes Hemd, schwarze Krawatte, undurchschaubare Miene, Knopf im Ohr, Spiralkabel nach hinten unter die Jacke, Funkgerät in der Tasche… So dieser Typ. Die schienen uns zu durchleuchten mit ihren Augen. Was wir da wollten, wollte einer von uns wissen.

„Schauen, wo ich sitze“, antwortete ich, „oder besser, wer neben mir sitzt und wer nicht. Ich kann doch nicht neben Pöbel sitzen, Neureichen vielleicht, armen Pupern, verstehen Sie… Ich bin halt wer…, ein Arnault, ich muss darauf achten, dass man mich nicht mit den falschen Leuten sieht, verstehen Sie, und vor allem, dass man mich nicht mit den falschen Leute fotografiert, dieses Oligarchenpack, das glaubt, wenn man einen Fußballklub sponsort, ist man schon wer… Denen fehlen 500 Jahre Vermögen. Das kann man nicht einfach mit einer Fabrik in Russland – in Russland! – auffangen, mein Lieber. Und heute wird viel fotografiert werden, sehen Sie nur, wie dicht diese… Menschen, an uns herankommen werden. Und dann fotografieren sie mit ihren Telefonen und schwupps bin ich auf Twitter oder facebook!“

Er verstand mich endlich und ließ mich durch. Wir wussten ja schon vom Empfang, dass unser Platz in der vierten Reihe war. Wir gingen also zu unserem Platz, nickten zufrieden (für den Security-Menschen) und gingen langsam außen herum – auch an Reihe eins vorbei – und sahen zufrieden, dass „unsere drei“ in der Mitte der ersten Reihe, die aus fünf Plätzen bestand, sitzen würden.

„Wunderbar“, dachte Mari, „geradezu perfekt!“. Wir schauten zu dem Fenster hinauf, aus dem Mari schießen würde. „Guter Schusswinkel, geht nicht besser, haben die Jungs gut organisiert…“. Sie meinte natürlich die Jungs von Der Agentur.

Noch drei Stunden. Die Reichen und Schönen würden jetzt beim exklusiven Mittagsimbiss sitzen und natürlich über Geld reden. Über was sonst? Frauen? Männer? Ihre Geliebten, egal welchen Geschlechts? Alles lange, lange nicht so sexy wie GELD, viel Geld… Und natürlich noch mehr Geld. Das hatte am meisten sex appeal.

Unser für uns reserviertes Hotelzimmer hatten wir nur noch einmal betreten. Gleich hinter der Tür hatten wir wieder einen Papieranzug und Handschuhe angezogen und den Mundschutz aufgesetzt, wir wollten ja keine genetischen Spuren hinterlassen…, nicht einmal ungefilterte Atemluft. Für alle Fälle! Das heißt, wir wollten schon genetische Spuren hinterlassen, aber natürlich nicht unsere: Ein paar fremde Haare (inklusive Schuppen), eine gestohlene Zahnbürste hinter der Heizung (als ob sie dort hingefallen wäre) und ein gut gekautes Kaugummi (garantiert nicht von uns) unter dem Fensterbrett – fertig waren wir. Sollte irgendwer darauf kommen, dass der echte Herr Arnault ja im Krankenhaus lag, hätten die Laborjungs ein bisschen was zum Knabbern…

Für das Zimmermädchen deponierten wir in etwa einen Monatslohn in der Sassnitzer Fischfabrik als Trinkgeld im Zimmer. Sie würde sich hoffentlich freuen und sich an den großzügigen Monsieur Arnault erinnern. Mein Gott, wir konnten uns das leisten – bei dem Honorar, das uns versprochen war. Warum nicht ein wenig an die weitergeben, die es wirklich brauchen konnten?

Dann verließ Monsieur Arnault das Kurhotel durch den Haupteingang – wo sonst? Ein Arnault würde immer nur den Hauptausgang benutzen. Immer. Wir schlenderten langsam zum Parkhaus, das nur ein paar hundert Meter entfernt war. In einer dunklen Ecke, die garantiert nicht videoüberwacht wurde, das hatten wir geprüft, stand Kalles unauffälliger Lieferwagen mit der Kap Arkona-Kaffee Aufschrift.

Wir öffneten die Hintertür und Mari, die den Körper übernommen hatte, nahm die bunte Strandtasche mit dem Rügenaufdruck. Die konnte man auf der Insel überall kaufen. Auch bei unserem Kulturhändler in Juliusruh. Damit lief hier gefühlt jede Zweite herum. Wir Männer zogen uns in unsere Gehirnzimmerchen zurück und Mari übernahm den Körper.

Sie schlüpfte in ihre gepolsterten Schlüpfer, das kleine, aber nicht zu kleine Strandkleid und in die Pantoletten, die unsere Beine so fein modellierten und zog die weißblonde Kurzhaarperücke über den Schädel. Fertig war Mari. Gut, ein wenig Farbe fehlte noch im Gesicht. Aber sie war schon unverkennbar Mari. Unverkennbar weiblich. Attraktiv, sicherlich, aber nicht zu attraktiv, als dass man sie erinnern und beschreiben könnte. Auf der Damentoilette von dieser Fischburgerkette würde sie sich noch etwas Farbe ins Gesicht werfen. Dann war sie wirklich perfekt. Die harmlose schicke Frau von unschätzbarem Alter, irgendwo zwischen fünfunddreißig und achtundvierzig.

Zum Schluss nahmen wir den Korb für die Angelausrüstung, in dem aber unser Gewehr war, fertig war Mari, die Assassine…

Kalle startete den Motor und fuhr seinen Lieferwagen mit der riesengroßen lachenden Kaffeebohne außen drauf langsam aus der Parkgarage. Er hatte seinen Job gemacht. Als er aus der Garage fahren wollte, musste er zwei Busse passieren lassen.

Mari stöckelte inzwischen durch die August-Bebel-, die Herrmann- und Wilhelm-Straße zurück in Richtung der für unsere Schüsse reservierten Wohnung. Irgendwo tranken wir noch ein Glas Wasser, dann war es an der Zeit, unseren Platz in der Geschichte einzunehmen.

Vor dem Haus, in dem sich unser Schießplatz befand, standen die beiden Busse, die Kalle die Ausfahrt kurz versperrt hatten. Aus ihnen stiegen langsam, sehr langsam viele alte Menschen aus. Das waren die Bewohner und Bewohnerinnen von zwei Altersheimen, die eingeladen worden waren, am Konzert teilzunehmen. Als alle draußen waren, wurden sie (sich an der Hand haltend) in Richtung der Konzertmuschel geführt. Der zweite Bürgermeister begrüßte seine Wähler und Wählerinnen besonders herzlich und wies ihnen ihre Plätze auf den Bänken an den Seiten der abgesperrten Fläche an. Um diese Alten kümmerten sich die Security-Heinis nicht – was sollten diese Tattergreise und –innen schon für eine Gefahr ausstrahlen? Der zweite Bürgermeister musste für den ersten einspringen, weil der die Gelegenheit nutzen wollte, seine mehrjährige wirklich sehr propere Assistentin sehr befriedigend weiter in den Job einzuführen. Damit waren in der Person des zweiten Bürgermeisters gleich zwei lokale Honoratioren vertreten, denn er war gleichzeitig auch der Hauptmann der freiwilligen Feuerwehr.

Die Alten nahmen ihre Plätze auf den Bänken umständlich ein – die versprochenen Heizdecken, ohne deren Versprechen viele nicht gekommen wären, lagen auf den Bänken bereit. Die Reichen und Schönen schauten angewidert weg. Wer war nur auf die Idee gekommen, den Pöbel einzuladen.

Dabei war es klar, die Veranstaltungsagentur würde einen Steuerbonus einfahren, weil man ein kulturelles für Senioren im Programm angeboten hatte.

Naja, immerhin besser als kreischende Kinder! Wenn die Alten erst einmal saßen, kamen die ja eh nicht wieder hoch. Und außerdem saßen die ja außen, da musste man ja nicht hinsehen. Wie die aussahen… Eklig!

Frau Witt hätte zwar lieber doch das zwanzigteilige Kaffeeservice für sechs Personen gehabt, von dem es erst geheißen hatte, dass es das geben würde, denn ihre Urenkelin Nr. 12 hatte sich eines gewünscht. Aber nun würde sie eben mit einer Heizdecke vorliebnehmen müssen, denn im Café, wo man vorher gehalten hatte, hatten sie wie die Sperber auf Geschirr und Besteck aufgepasst. Die alte Jensen war erwischt worden, dass sie ihr Gedeck in der Handtasche rausschmuggeln wollte… Junge, die würde im Heim vielleicht ´was von der Heimleitung – der alten Ziege, was die sich immer einbildete, bloß, weil die aus dem Westen kam – zu hören bekommen.

Die zwei silbernen Zuckerlöffel, die Frau Witt im BH herausgetrickst hatte, waren Gott sei Dank nicht aufgefallen. Nun, dann würde Urenkelin Nr. 12 eben eine Heizdecke (die konnte man hier an der Küste zumindest im Winter immer brauchen) bekommen und die Zuckerlöffel zu Weihnachten. Wie sollte sie auch sonst bei der kleinen Rente alle Kinder und Urkinder beschenken. Außerdem war es spannend und machte deshalb Spaß. Sonst hatte frau ja nichts mehr…

Witwe Witt sah zu, dass sie neben Herrn Jung zu sitzen kam. Der konnte jedenfalls noch hören, was sie so gut wie gar nicht konnte, während sie dagegen noch sehr gut sah, was er nun wieder nicht mehr tat… Außerdem war er Ingenieur gewesen. Er konnte so gut wie alles reparieren – wenn er seine Brille aufhatte, die ihm das Aussehen einer Eule verpasste. Zusammen waren sie ein gut eingespieltes Team.

Obwohl die olle Fries dauernd versuchte, ihn ihr auszuspannen. „Was hat die, was ich nicht habe?“, hatte sie den Jung gefragt, und der hatte lachend geantwortet: „Parkinson!“. Die Fries hatte den durchaus sexuell angehauchten Witz nicht verstanden. Wie auch, wenn sie doch nicht hören konnte.

Da es kalt war, jedenfalls fanden das die Alten, wickelten sich alle in die Decken ein. Und selbst wenn jemand nicht fror, so hatte man die Decke jedenfalls gut im Griff, wo hier doch so viel diebisches Volk ´rumlief… Also zum Beispiel diese olle Krämer, in deren Zimmer sollte sich das Diebesgut ja stapeln…, hatte jedenfalls die Brähme gesagt, die es wiederum von der Kilius gehört hatte.

„Kann man die Decken denn nicht anschließen?“, hatte Frau Witt Herrn Jung gefragt, vornehmlich, um ihn zu beschäftigen, weil die Fries schon wieder so aufreizend durch die Gegend stakste – die konnte die hohen Schuhe doch auch nur tragen, weil sie als eine der wenigen im Heim keinen Halux hatte, die alte Kuh. Dafür hatte sie so gut wie keine Haare unter der Perücke, die beim Aussteigen aus dem Bus leicht verrutscht war.

„Doch“, hatte der Jung ihr geantwortet, „könnte man schon, grundsätzlich, wenn man Strom hätte, aber hier gibt es keine Steckdosen – und dann wird es schwierig, meine Liebe… Ohne Strom. Aber die Decke wärmt doch auch so schön.“

„Meine Liebe…“ hatte er gesagt? Der sabbernde Kerl sollte sich bloß nichts einbilden, so eine war sie schließlich nicht, da wäre er jetzt bei der Fries richtig gelegen, bei der alten Scharteke schon, die nahm ja, was nicht schnell genug fort kam – und wer war schon schnell von den alten Herren im Altersheim, von denen der eine andere besonders langsam schlurfte, wenn die Fries in der Nähe war.

„Ich habe eine Verlängerungsschnur dabei“, flötete die Fries von hinter ihnen (mit Betonung auf ICH). Wie war die dumme Kuh nur schon wieder in ihre und damit seine Nähe gekommen, saß die doch genau hinter ihnen. „Aber nur zwei Meter…, hilft das?“.

„Nein, leider nicht, meine Verehrteste…“, sagte Herr Jung, dreht sich zu der Fries um und lächelte sie an, „zwei Meter, besser als nix, aber um zu wirken, fehlt da doch noch ein bisschen was…“

„Nein, gar nicht“, zischte Frau Witt der Konkurrentin zu, „welche Idiotin hat denn „zufällig“ eine Verlängerungsschnur in der Tasche, wenn sie zum Konzert geht? Und denn noch eine, die zu kurz ist? Das muss doch ein Volltrottel sein!“

„Nun ja…“, versuchte Herr Jung zu vermitteln.

„Nix da“, zischte Frau Witt wieder, „da geht nix!“. Jetzt verstand Herr Jung nicht, was sie gemeint hatte. Die Fries schon, daher murmelte sie etwas von „das wollen wir doch ´mal sehen…“.

Worauf Frau Witt nur noch ein „pah“ herausbrachte.

„Wer singt denn?“, wollte die Fries von hinten wissen.

„Roland Kaiser jedenfalls nicht“, schnappte die Witt.

„Etwas Klassisches, glaube ich“, sagte Herr Jung.

„Wie schön“, charmierte die Fries von hinten, „dann stimmt das ja vielleicht doch, dass der Yonas Merchant singt, das wäre ja ein Ding, der sieht ja so gut aus, und singen kann der ja, der hat ja schon überall, also, wenn der das wirklich ist, nicht wahr, an der Met war der schon und an der Scala und überhaupt… Dann ist das ja nichts für sie, nicht wahr, liebe Frau Witt, also wenn der das ist, das ist ja ein Weltstar, sie haben´s ja lieber seichter, oder? Heino oder Heintje und solche, das ist ja ihre Klasse, ganz unten und sehr retro... Ich, für meine Person, liebe ja die Klassik… Bin ja früher mit meinem Galan, der später mein Mann wurde, Gott habe ihn selig, viel in Konzerte gegangen, überall, mein Gott, wo waren wir überall? Vor allem aber in Berlin, als die Stadt noch Hauptstadt war. Mein Gott, das waren noch Zeiten, was Herr Jung? Sie werden die Klassik ja auch lieber gehabt haben, oder? Sie sind ja schon rein äußerlich der Theatergänger, sie haben die Klasse, das sieht man doch gleich, wenn man ein Auge dafür hat. Ich sage nur Bayreuth und Wagner. Ein Himmel! Aber so etwas wie den Yonas habe ich ja noch nie gehört. Über den den steht ja so viel in der Gala, die les´ ich ja immer beim Friseur…“

„Ja, vermutlich als der Richard Tauber noch gesungen hat“, sagte Frau Witt wütend.

„Ach, der war ja lange vor meiner Zeit, den kenne ich ja gar nicht mehr, offenbar im Gegensatz zu ihnen, meine Liebe…!“. So ging es noch eine ganze Zeit.

Der Schlüssel glitt sanft in das Schloss der Tür zu dem Appartement. Er passte (was kein Wunder war, das wäre ja auch ein Ding gewesen, man o man). Hinter der Tür zog Mari einen Papieranzug über, wie ihn sonst die Kriminaltechniker in den Krimis tragen. Über die Füße zogen wir Plastiküberzüge, wie sie Chirurgen tragen, und die Hände bedeckten wir mit feinsten Baumwollhandschuhen mit gummierten Innenseiten. Dann legten wir noch das kleine Atemgerät an. So ausgestattet waren wir ziemlich sicher, dass wir keinerlei Spuren hinterlassen würden.

Mari rückte den Tisch in die Mitte des Zimmers und öffnete das Fenster, durch das sie schießen würde. Beim Schießen würde sie auf dem Tisch liegen. Von draußen unten konnte sie dort nicht gesehen werden. Und unsere Opfer war (dieses Mal) Gott sei Dank kein US-Präsident – da hätte man nicht nur kein Fenster öffnen dürfen, die wären sogar ebenso versiegelt worden wie die Gullies in den Straßen. Unsere Ziele waren „nur“ drei sehr reiche Männer, die sich viel Security kaufen konnten, aber eben keine Sicherheit! Unser Glück, ihr Pech.

Mari schraubte den Schalldämpfer auf den Lauf, setzte die Zieloptik in ihre Halterung und führte das Magazin mit den Weichmantelgeschossen ein.

Aus dem Fenster war schon zu sehen, dass sich hinter den Absperrungen auf der kleinen Bühne die Musiker bereit machen, der Dirigent unterhielt sich mit einem Mann im weißen Seidenanzug (das war wahrscheinlich der Sänger), die Ehrengäste trudelten langsam und uninteressiert ein, kämpften sich durch die Security- und Zuschauermengen. Man stand herum und unterhielt sich. Vor der Absperrung hatten sich sicherlich tausend Menschen eingefunden, die die Reichen und Schönen bewunderten. Handys wurde hochgehalten, um Fotos und Videos zu machen. Die Sonne stand hinter dem riesigen Kurhaus, am Himmel ballten sich ein paar weiße Wolken, kurz, es war eine wunderbare Sommeratmosphäre – 25°C Luft und 22°C Wasser. Auch auf der Seebrücke von Binz scharten sich Zuschauer. Wohl zwei- oder dreihundert Meter vom Anleger entfernt dümpelte ein Fischkutter im leichten Seegang: Henning Pogwisch.

„Ich glaube, gleich wird es losgehen“, sagte Frau Witt leise zum Herrn Jung, „da vorne tut sich ´was, mein Gott, ich glaube ich sehe nicht richtig, da kommt doch wahrhaftig der Störtebeker… Was will der denn hier? Kann der denn singen? Naja, dann werden es wohl doch eher Shanties werden, oder, also so Seemannslieder, Piraten, ohe! Oder so! Wir lagen vor Madagaskar. Das wäre ja schön. Der Max, welcher mein Mann war, der mochte Shanties ja so gerne, der konnte auch gut singen… Also, wenn der in Stimmung war…“

„Pssst!“, zischte die Fries von hinten, „Schnauze, das geht doch schon los…“. Hatte die wirklich „Schnauze!“ gesagt? Frau Witt wollte es nicht glauben, so ein Mist aber auch, dass die Batterien vom Hörgerät schon wieder alle waren. Dass die Fries eine blöde Kuh sei, wagte die Witt ihr nicht mehr zu sagen, wo es ringsum doch gerade ganz leise wurde.

Irgendwer musste ein Zeichen gegeben haben: Wahrscheinlich Klaus Störtebeker, der plötzlich lebendig auf der Bühne stand! Klaus Störtebeker, der Vitalienbruder, der Likedeeler – na, der passte ja nun gar nicht hierher zu den Schönen und Reihen. Früher, der echte Störtebeker hätte sie ausgeraubt und mehr oder weniger nackt nach Hause schwimmen lassen. Wenn überhaupt…

Aber das hier war ja nur der Schauspieler, der Klaus Störtebeker bei den gleichnamigen Festspielen in Ralswiek verkörperte. Nicht mehr jung, auch nicht schön und keinesfalls reich. Kein Liekedeeler, kein Gleichteiler! Auch kein Gödeke Michels, kein Hennig Wichmann, kein Klaus Scheld und kein Magister Wigbold. Die anderen Vitalienbrüder hatte er ja gar nicht erst mitgebracht. Auf Rügen war er ein Star, woanders eher nicht. Aber hier eben schon, sogar so sehr, dass man ihn als echt Rügener Element der Veranstaltung als Conférencier angeheuert hatte. Die Reichen und Schönen waren wahrscheinlich gar nicht auf der Naturbühne in Ralswiek gewesen – zu unbedeutend, zu wenig berühmt… Nichts, wo man sich sehen lassen musste. Unterhaltung fürs Volk eben, für die Plebs.

Klaus Störtebeker trug ein Piratenkostüm. Nicht das von Ralswiek. Das war zu brav, zu wenig „Pirat“. Sogar eine Augenklappe hatte man ihm für diesen Auftritt verpasst, wahrscheinlich, damit ihn wirklich jeder, auch der dümmste Reiche und Schöne, als Pirat erkannte – die Klappe brauchte er in Ralswiek nicht. Er machte seine Sache offenbar recht gut, denn die kleine, exquisit zusammengesetzte Menge begann ihre Plätze einzunehmen. Jetzt kamen von hinten auch die drei, auf die es uns ankam. Sie schüttelten erst Klaus Störtebeker, dann dem berühmten Dirigenten und Yonas Merchant und schließlich dem ersten Geiger die Hand.

Ein örtlicher Pressefotograf machte einige Aufnahmen – mit Blitz, als wenn die Sonne nicht scheinen würde! Noch eine Gruppenaufnahme, bitte…, und noch eine, alle mal lächeln, danke. Klaus Störtebeker gab noch etwas von sich. Das Lachen seiner Zuschauer war für uns nur zu sehen, nicht zu hören. Dann gab uns´ Klaus die Bühne frei und die wahren Stars genossen den Applaus. Ja, DIE Namen kannte man im Publikum!

„Der Dirigent muss der Petrenko sein, oder wie der heißt, Kirilenko? Naja, für sie ist´s eh egal, Frau Witt“, kam es von hinten, „sie kennen den ja doch nicht. Sie glauben ja, das könnte der Putin sein, der ist es aber nicht. Der da vorne ist ein Weltstar. Ach, ich freue mich ja schon so. Wenn mein Gatte das doch nur hätte erleben dürfen…“

Eines Tages, dachte Frau Witt, eines Tages bringe ich sie um, diese dumme Kuh, die spielt sich hier auf wie Bolle. Und wenn ich sie beim Frühstück in ihrer Teetasse ersäufe. Ich werde sie umbringen. Irgendwann. Garantiert. Dann drehte sie sich zu der Fries um und sagte zuckersüß: „Dann ist es ja schön für sie, meine Liebe, und ihr Mann wird froh sein, dass er schon so lange tot ist, nicht wahr, ich meine ja nur: An ihrer Seite, da war sein Leben sicherlich kein Zuckerschlecken…, der arme.“

„Was wollen sie damit sagen, sie alte Zimtziege?“, wollte sich die Fries aufregen, wurde aber von vielen „zzzsscchhh“ gebremst.

Der Pressefutzi packte seine Nikon ein und verschwand. Er ahnte ja nicht, dass er ein Vermögen mit Fotos hätte verdienen können, wenn er jetzt geblieben wäre… (Er sollte Wochen später tot aufgefunden werden: Selbstmord. Da dürfte er respektive seine Frau verifiziert haben, welches Vermögen ihm durch die Lappen gegangen war…)

Zwei von den drei Auserwählten setzten sich, einer hielt noch eine kurze Rede, die über die Entfernung bis zu unserem Appartement nicht zu verstehen war. Der ablandige Wind hatte etwas aufgefrischt und wehte in Richtung See. Trotz Verstärker und Lautsprecher kam bei uns kein Ton an. Aber es schien eine witzige, launige Rede zu sein. Sie war kurz. Wir sahen höflichen Beifall – hören konnten wir ihn nicht.

Dann sassen unsere Drei und das Konzert konnte beginnen. Also nahm der Dirigent seinen Taktstock, schlug sich kurz mit einigen komplizierten Bewegungen ein, und stellte sich dann in die richtige Positur. Die Musiker beendeten ihr Stimmen der Instrumente. Yonas Merchant tupfte sich ein letztes Mal mit einem großen weißen Tuch die Lippen ab. Das Tuch war von solchen Ausmaßen, dass es für uns aussah, als winke er mit einer weißen Fahne, um sich zu ergeben. Nur wem? Klaus Störtebeker oder uns?

Die Konzentration und Ruhe war einen Moment lang auch für uns sichtbar. Sogar die Alten waren jetzt still.

Mari legte sich hinter ihrem Lieblingsscharfschützengewehr auf den Tisch. Gewehre der Marke Dragunov setzte sie am liebsten ein – sie war sozusagen total darauf „eingeschossen“. Das Gewehr, ein schönes Stück High-Tech-Mechanik lag auf der Strandtasche. Sie schaute durch die wunderbar klare Zieloptik. Der Schusswinkel war fast optimal. Sie rückte auf dem Tisch ein wenig hin und her, es passte noch nicht 100%ig. Wir standen noch einmal auf, um den Tisch ein wenig dichter ans Fenster zu ziehen. Dann legten wir uns wieder auf den Tisch.

Ein Blick durch die Zieloptik zeigte Mari, dass jetzt alles optimal passte. Das Fadenkreuz der Optik wanderte erst über den bewegten Rücken des Dirigenten, der körperlich alles gab, um sein immenses Honorar zu rechtfertigen, dann über das Gesicht des Sängers, der gerade konzentriert auf seinen ersten Einsatz wartete, um sich dann ein letztes Mal mit dem Tuch auf den Mund zu tupfen – Mari sah das alles in „Großaufnahme“ und superscharf. Was Mari durch ihr Spektiv nicht sah (weil es sie nicht interessierte), war, dass das Publikum vor und hinter der Absperrung gebannt an den weltberühmten Lippen des Opernstars (na gut, die von Mick Jagger mögen hier draußen doch noch ein gutes Stück bekannter gewesen sein) und den durch die Luft tobenden Armen des Dirigenten hing.

Letzte respektlose Schöne und Reiche, die noch – leise – zu reden wagten, wurden durch wütende Blicke, abwinkende Hände und Zischen zum Schweigen gebracht. Dann war innerhalb des mit Fenstern umfriedeten inneren Bereiches der Reichen und Schönen – nicht zuletzt wegen der unauffällig platzierten Lautsprecher – nur noch die Musik zu hören. Gebannt hing das Publikum in den Sitzen.

Draußen bei den nichtzahlenden Plebs mischte sich die Musik mit den Geräuschen der leichten Brandung. Es rauschte ganz schön. Was die Brandung unmusikalisch übertönte, wurde von den berühmten Namen, die leise weitergegeben wurden, mehr als ausgeglichen.

Einer der Plebs (draußen) sagte laut zu seiner Begleiterin: „Das ist der… Dingsda…, der…, du weißt schon, dieser Russe oder so…, weltberühmt, kennt man doch… Unglaublich…, kann man gar nicht verwechseln… zuhause haben wir eine CD von dem… Der war auch schon in Wetten Dass…, den musst du doch kennen… Den sieht man auch auf YouTube…“

„Nun seien sie doch mal still…, man versteht ja sein eigenes Wort nicht…“

„Sie ich hab´ nur meiner Frau…, ja gut, ja, mein Gott, wie kann man sich nur so aufregen, ich bin ja schon still…“. Und wieder er zu ihr: „Da siehst du mal, jetzt kriege ich deinetwegen Ärger, weil du den nicht kennst…“

Die „ganz drinnen“ begannen die Classic Open-Air-Darbietung stilvoll ruhig und still zu genießen, „draußen“ wurden diverse Fotoapparate, Videokameras und Handys hochgehalten, mit denen die zufälligen Passanten versuchten, diesen unerwarteten Moment der Hochkultur, den sie kostenlos teilen durften, festzuhalten.

Einige technisch ganz Fortgeschrittene streamten die Veranstaltung aus ihren Smartphones direkt ins Internet, ohne sich um irgendwelche „Rechte“ zu scheren… Weltweit konnte die Veranstaltung zum Beispiel via YouTube verfolgt werden.

Auch in Bergen, wo im Polizeihauptrevier in der Breitsprecherstraße Hauptkommissarin Süssholtz das Konzert auf ihrem PC bewachte. Neben ihr saßen die Wachtmeister Schütz und Lieberknecht. Süßholtz´ Schwager hatte ihr angekündigt, er werde „die ganze Sache da in Binz“ über sein neues „Eifon“ auf Twitter „striemen“ und hatte ihr die entsprechende Webadresse genannt.

„Das ist so schön…“, sagte die Hauptkommissarin nach den ersten Takten, „ich mag den Sänger so gerne, der ist so toll…, gut, dass mein Schwager das streamt, das ist schon doll, dass das geht, nich´, da wären wir sonst nie hingekommen. Haben ja Dienst!“

In diesem Moment richtete Mari das Gewehr auf den Hinterkopf des ersten Zuschauers (mit langen blonden Haaren) von rechts in der ersten Reihe. Das war garantiert kein Zielobjekt: Zu viele Haare, zu lang und dann auch noch die falsche Haarfarbe. Er nicht! Sie schwenkte auf den zweiten. Das war Neuman, das erste Zielobjekt, sie erkannte die kurz geschorenen grauen Haare und eine kleine Narbe wieder, die ihr schon in Putgarten aufgefallen war. Dann zielte sie auf den mittleren Kopf in der ersten Reihe. Das war Saenger, der Mann mit dem Geld, das zweite Zielobjekt: Mittellange graue Haare mit ein paar dunklen Strähnen – ein eitler Fatzke offenbar, denn die Strähnen waren garantiert nicht echt, sondern teuer hin­eingefärbt. Dann schwenkte sie auf den vierten in der Reihe, der eindeutig Judge Milkrais war, er war das dritte Zielobjekt: Kurze graue gelockte Haare – erkannt! Er wippte mit dem Kopf, offenbar im Takt der Musik. Schließlich wanderte das Zielkreuz auf den Kopf ganz links in der Reihe: Offenbar ein weiblicher Lockenkopf. Kein Opfer! Sie erkannte die markanten Köpfe ihrer männlichen Opfer genau wieder – sie saßen „richtig“ in der Mitte der ersten Reihe, so, wie die Platzkarten ausgelegt worden waren. Sie hatten die Plätze offenbar mit niemandem getauscht, aus welchen Gründen auch immer sie das auch hätten tun sollen. Aber als Killer wusste man ja nie. Auch nicht als Scharfschütze. Und Mari ging immer auf Nummer sicher. Beim Schießen erst recht. Sie war ein verantwortungsvoller Scharfschütze – so viele Menschen sie auch schon erschossen haben mochte, es war nie der falsche gewesen. Und dieser Fehler würde ihr auch diesmal nicht unterlaufen. Sie ließ sich Zeit. Sie hatte schließlich alle Zeit der Welt. Die Drei da unten nicht mehr, deren Uhr tickte immer schneller, immer lauter, ihre Zeit lief ab. Eindeutig.

Das Gewehr schwenkte zurück - zuerst auf das erste Ziel und dann noch einmal auf den Sänger. Der holte tief Luft und sang wieder.

Mari zielte erneut auf den Hinterkopf des ersten Zieles. Sie dachte: „Peng“… Mari zögerte nur einen kurzen Moment, aber nur so lange, wie es dauert „Peng“ zu denken.

Dann fand sie den Druckpunkt… und überwand ihn. Durch den Schalldämpfer verließ das erste Projektil fast lautlos den Lauf. Es folgte einer ballistischen Kurve, die ein Mathematiker mit einer wunderschönen Formel beschrieben und berechnet hätte. Auf die kurze Entfernung von nur 250 Metern war die Kurve fast eine absolute Gerade. Die Parameter, die die elegante dreidimensionale Kurve auf dem Weg vom Lauf zum Ziel ergeben hätten – Seitenwind, Entfernung, Luftwiderstand – gingen gegen Null. Die Ladung der Patrone war explodiert, als Mari abgedrückt hatte, die Explosion hatte die Kugel erst durch den Lauf beschleunigt und dann antriebsfrei durch die Luft getrieben.

Kaum hatte das fast 1000 Meter pro Sekunde (überschall)schnelle Projektil den Lauf verlassen, schlug es auch schon in den Hinterkopf von Mister Neuman ein. Die Distanz von zweihundertfünfzig Meter hatte es in weniger einer viertel Sekunde überwunden, gerade mal ein Wimpernschlag. Da Mari ein Weichmantelgeschoss verwendete, drang die Kugel in den Kopf ein und verformte sich blitzartig durch den Widerstand des Schädels und Gehirngewebes. Aus dem schlanken, eleganten Projektil wurde im Sekundenbruchteil eine unregelmäßige, irgendwie scheibenartige Form, die aufgrund ihrer kinetischen Energie durch das weiche Gehirngewebe brach, ohne ihre Richtung auch nur ein wenig zu verändern.

Durch die Verformung übertrug es einen Großteil seiner Energie unmittelbar auf das Gehirn und brachte dieses im Bruchteil einer Sekunde zum Kochen. Im Kopf entstand eine Explosion wie in einem defekten Überdruckkessel und sprengte einen Bruchteil einer Sekunde später den halben Vorderkopf ab.

Die blutige Mischung aus Gehirngewebe und Knochen spritzte in Fortsetzung der Bewegungsrichtung der Kugel in Richtung des Dirigenten, des Sängers und der Musiker.

Mari hätte das durch ihr Spektiv beobachten können – tat sie aber nicht, sie wusste um die Wirkung so eines Geschosses. Das musste sie nicht noch einmal sehen. Sie hatte stattdessen sofort nach dem ersten Schuss mit einer kleinen, flüssigen Bewegung des Laufes um wenige Grad nach links das Ziel gewechselt. Das Fadenkreuz ruhte kaum auf dem Hinterkopf von Mister Saenger, als sie auch schon wieder schoss.

Seit dem ersten Schuss war keine Sekunde vergangen, eher weniger. Die Menschen vor der Konzertmuschel hatten noch nicht die Zeit gehabt, um auf den ersten Treffer reagieren zu können, als die zweite Kugel schon in den Kopf des nächsten Opfers einschlug und ihr grausam-tödliches Werk wie beim ersten Opfer verrichtete. Also: Auftreffen, verformen, eindringen, Gehirn kochen, Schädel explodieren lassen, Blut- und Gewebefontäne erzeugen, Sänger, Dirigent und Musiker besudeln.

In Bergen, wo die Bilder etwas verspätet eintrafen, schauten die Polizisten noch gelassen auf den Bildschirm. Das Bild begann zu wackeln. Der Schwager hatte entweder schon begriffen, was da gerade in seinem Blickfeld passierte, oder er war angestoßen worden.

Süßholtz war schnell. „Was ist das denn für eine Scheiße“, sagte sie, „warum wackelt das denn so?“

„Wahrscheinlich ist deinem Schwager der Arm lahm geworden…“, vermutete Schütz.

Vor der Konzertmuschel spitzte gerade die zweite Fontäne von schaurig-blutigem Gewebe in Richtung der Musiker.

Der Richter Milkrais – er hatte noch einen einzigen Wimpernteilschlag zu leben – zeigte trotz seines Alters den ersten, nur vagen Beginn einer Reaktion. Er drehte langsam, wie in Zeitlupe, den Kopf nach rechts, um zu sehen, was da passiert war. Er kam aber nicht weit, denn Mari war wieder schnell – daher traf den Judge „seine“ Kugel nicht genau mittig in den Hinterkopf, sondern von schräg hinten rechts hinters Ohr in die Schläfe. Was für den New Yorker Richter, der das Urteil für den Hedgefond gefällt hatte, am Effekt nicht wirklich etwas änderte: Die Kugel verwandelte auch seinen Kopf in eine blutige Explosion. Er war zwar woanders in den Kopf getroffen worden, als die ersten beiden, aber er war sofort genauso tot wie die beiden leitenden Fondmanager, die rechts von ihm gesessen hatten – kopflos begannen sie unmittelbar nacheinander alle drei von den Sitzen zu gleiten.

„Ich glaube das nicht“, japste Schütz, der von den Bergener Polizisten am schnellsten realisiert hatte, was in Binz passierte, „das ist ein Attentat!“

„Wieso?“, wollte Süßholtz wissen, „Was ist denn los… verdammt, jetzt sieht man wieder nur den Himmel, was soll denn die Scheiße? Was treibt mein Schwager denn da?“

„Da hat einer geschossen…“, sagte Schütz atemlos, „oder mehrere, das ist ein Attentat, Al Quaida oder so, oder wie diese muselmanischen Terroraffen heißen, man o man, und das hier bei uns!“.

„Da müssen wir hin!“, schrie Lieberknecht, „Los, sofort, alle Mann! Wo ist meine Pistole?“

„Bist du blöd?“, sagte Süßholtz und blieb sitzen, „man, mensch, da wird geschossen, da sind Terroristen oder so am Werk, und da willst du freiwillig hin? Willst du dich da etwa abknallen lassen…?“

„Nein, ja, aber…“

„Nix aber…“, sagte Süßholtz und schaltete sofort den PC aus. „Wir wissen doch von nix, wir warten… Und zwar bis wir offiziell informiert und oder angefordert werden. Zum Beispiel von den Kollegen in Binz. Vorher nicht. Ich bin doch nicht bescheuert und stell´ mich da ins Feuer! Nicht ohne Befehl – und selbst denn nicht… Ich weiß nur eines: Ich weiß von nix!“

„Für so´was haben wir doch die Schlaumeier in Stralsund“, gab Schütz seinen Senf dazu, „die werden auch besser bezahlt, glaube ich. Oder diese…, wie heißen die noch, die Kerle mit den schusssicheren Westen und den dicken Helmen, und den Gewehren, die immer in den Fernsehkrimis auftreten, wenn´s brenzlig wird – haben wir alles nicht…“

„Und wenn´s interessant wird, sind wir ja doch wieder nur die Blöden aus der Provinz: Kaffee kochen, kopieren, so´n Scheiß, kein hartes Verhör oder so… Ist doch immer so, wenn bei uns mal ´was los ist: Wenn´s brenzlig wird, müssen wir ins zweite oder dritte Glied. Immer das gleiche Lied! Das können die man schön selber machen…“

„Mensch, da fällt mir ja ein, ich muss ja meine Oma zum Zahnarzt bringen…, man, dat ward ober Tied!“. Weg war Süßholtz, „Ihr erreicht mich übers Handy – aber nur, wenn´s unbedingt sein muss!“

„Ja, wenn das so ist, Schütz, komm man, wir haben da doch noch diese eine Vernehmung, die wegen dem weggen Fahrrad… Is´ wahnsinnig wichtig, war nämlich ein richtig teures Rad!“

Damit war das Polizeihauptrevier quasi leer. Nur noch zwei „Jungbullen“ (Polizisten im ersten Jahr nach der Schule) hielten Stallwache. Denen hatten unsere drei aber nix gesagt. Sollten die doch sehen, wie sie zu Rande kamen…

Yonas Merchant registrierte, nein, begann zu registrieren, dass etwas Unglaubliches passiert war. Er hatte ja auch den besten Blick auf die erste Reihe. Sein eleganter weißer Seidenanzug und sein Gesicht waren durch die drei Blut- und Gewebefontänen über und über dick mit irgendetwas Weichem, Rotem, Weißlichem bedeckt, was langsam an ihm herabzutropfen begann und das man offenbar schwer aus der teuren Seide seines Anzuges herausbekommen würde, so fühlte sich das jedenfalls an. Er blickte an sich herunter, er wischte sich mit der Hand durch das Gesicht. Er sah fassungslos in das schmierig Rote da in seiner Hand. Er schaute auf die inzwischen vor ihm am Boden liegenden Toten. Er sang noch. Ein wenig. Einen letzten Ton. Dann brach auch der ab, weil er sich plötzlich in hohem Bogen übergeben musste. Wegen des Windes, gegen den er ansingen musste, hatte er (unüblich für einen Opernsänger seiner Klasse) in ein Mikrofon gesungen. Die Würgegeräusche seines Übergebens wurden daher verstärkt laut und deutlich übertragen und bewirkten bei einigen Zuschauern, dass auch die sich unkontrolliert in die Rücken der vor ihnen Sitzenden übergeben mussten.

Inzwischen hatten auch die Musiker begriffen, was passiert war. Auch sie waren dicht besprenkelt, besudelt – die Geiger ganz vorne natürlich mehr als die Bläser weiter hinten. Der Dirigent dirigierte noch, doch die Musik brach mit seltsamen Geräuschen ab.

Der Dirigent, der dem Publikum ja den Rücken zugewandte, hatte nichts von dem mitbekommen, was in den letzten Sekunden hinter ihm geschehen war. Dass seine Musiker und der Sänger plötzlich anders aussahen, begann er zu realisieren… Die Schüsse waren in der Konzertmuschel ja auch nicht zu hören gewesen. Er spürte etwas Matschig-Feuchtes in seinem Genick, was da nicht hin gehörte, da war er sicher – er brach das Dirigieren ob der Störung fassungslos ab, fasste sich mit einer Hand (die ohne Taktstock) hinter den Kopf und hatte ein großes Gewebestück des Gehirnes vom Richter in der Hand, das er voller Ekel abzuschütteln versuchte. Wie schon gesagt, handelte es sich um einen Teil des Gehirnes des Richters. Wahrscheinlich das, das den Richtspruch zusammengedacht hatte. Egal was es früher gedacht hatte, es sah nicht mehr gut aus. Es sah sogar ziemlich eklig aus. Er würgte. Es brach aus ihm heraus. Mit Macht. Er übergab sich. Wie einige der Musiker. Es begann eine wahre Kotzorgie.

Inzwischen waren fast drei Sekunden seit dem ersten Schuss vergangen: „Peng, einundzwanzig, peng, zweiundzwanzig, peng.“

Die dreiundzwanzig braucht Mari nicht mehr.

Mari blickte noch einmal prüfend durch die Zieloptik und sah, dass es gut war, dass sie perfekt getroffen hatte, dass ihre Opfer tot waren. Sie musste keinen Schuss mehr abgeben. Sie setzte das Gewehr ab. „Fertig“, dachte sie, „ihr könnt wieder rauskommen…, sie sind tot.“

„Ja“, dachte Ernst, „da liegen sie nun. Tot. Ganz plötzlich. Für sie kam es wie aus heiterem Himmel. Aber wie heißt es: Das Schicksal nimmt nichts, was es nicht gegeben hat…“
Und Rudi ergänzte: „Sehen wir es einmal so: Wer stirbt, erwacht zum ewigen Leben, heißt es doch. Insofern haben wir ihnen ja nur weitergeholfen, nicht wahr…, in den nächsten Zustand, sozusagen. Hoffen wir nur, dass sie nicht als Würmer wiedergeboren werden.“
„Sagt mal“, fragdachte ich, „dreht ihr jetzt total durch – oder was soll der Quatsch? Mensch, das war unser täglich Brot! Business as usual!“
„Ich schlage vor, wir machen jetzt erst einmal mal folgendes: Wir machen uns auf die Socken. Und zwar dalli… denken können wir später.“

Drei Sekunden waren genug Zeit dafür, dass die Menschen inzwischen begriffen, dass etwas Unerwartetes, etwas Entsetzliches, etwas Unfassbares passiert war. Sie hatten Blut und Gewebe spritzen sehen, sie hatten die Opfer zucken und die halb kopflosen Körper zusammenbrechen sehen, einige konnten von ihren billigen (weil kostenlosen) Plätzen sogar die Leichen mit den nur noch halben Köpfen sehen, aus denen die Herzen in letzten, schlaffer werdenden Schlägen immer noch Blut auf den Boden pumpten. Die nass-rote Fläche vor der Bühne wurde immer größer.

Einige begriffen, dass Schüsse gefallen sein mussten, wussten aber nicht aus welcher Richtung, und warfen sich Schutz suchend zu Boden. Andere versuchten, sich durch schnelle Flucht in Sicherheit zu bringen. Die Männer der Security liessen Security Security sein und warfen sich zu Boden. Einige von ihnen hatten plötzlich völlig nutzlose Pistolen, mit denen sie ziellos herumfuchtelten, in den Händen, was die aufkommende Panik noch anheizte.

Klaus Störtebeker spürte, dass dies ein großer Moment für einen Schauspieler sein konnte. Er sprang auf die glitschige Bühne, wäre fast ausgeglitten, fuchtelte wild mit den Armen, hielt sich deshalb gerade noch aufrecht. Er versuchte die Menschenmenge zu beruhigen. Mit bester tiefer Störtebeker-Stimme rief er Sinnlos-Beruhigendes, irgend­etwas, was ihm gerade in den Sinn kam, in die Menge. Leider hatte der Techniker sein Mikrofon „off“ geschaltet und war außerdem zu sehr mit seinem Magen beschäftigt, als dass er auf Störtebekers gut gemeinten Versuch achtete.

Niemand hörte Klaus Störtebeker. Niemand kümmerte sich in seinem größten schauspielerischen Moment um ihn, als er doch viel mehr als ein Schauspieler war. Plötzlich bekam Störtebeker einen Stoß in den Rücken, und einer schrie Unverständliches auf Ukrainisch. Das war einer der Musiker. Ein Bläser. Störtebeker verstand kein Wort – er war noch nie in Kiew aufgetreten. Aber Tonfall und Lautstärke liessen ihn vermuten, dass der andere ihn gleich panisch überlaufen würde. Störtebeker trat schnell zur Seite – er war ja nicht kopflos. Der Bläser sprang von der Bühne und glitt, kaum, dass sein Fuß den Boden berührt hatte, auf dem Schmodder aus Blut, Hirngewebe und Kotze aus. Er strampelte einen erstaunlich langen Moment mit beiden Armen und Beinen und fiel dann auf sein wertvolles Instrument, das mit einem schrecklichen Geräusch sein musikalisches Leben aushauchte. Das Instrument sah plötzlich wie der zweidimensionale Schatten seiner Selbst aus. Jetzt hielt es die anderen Musiker auch nicht mehr auf der Bühne. Sie baten Störtebeker erst gar nicht, vorbeigelassen zu werden, sie rannten ihn einfach über den Haufen. Diverse unbezahlbare Instrumente gingen zu Bruch. Egal! Weg hier!

Störtebeker stürzte von der Bühne. Als seine Nase am Boden ungebremst in den roten Schmodder eintauchte und dort brach, wurde Störtebeker ohnmächtig. Ende eines Auftrittes, der ein großer hätte werden können.

Nur die Alten saßen relativ still in ihre auch ohne Strom wärmenden Decken eingewickelt da. Was war das denn? War das einer von diesem modernen Events, eine moderne Theaterinszenierung, die sowieso keiner verstand, weil es doch Kunst war?

„Was ist denn los?“, fragte Herr Jung, der nichts sah, sondern nur hörte, dass keiner mehr sang oder spielte. Stattdessen hörte er komische Geräusche.

„Sie sind tot…“, sagte Frau Witt leise, zu leise, als dass ihr Sitznachbar es verstehen konnte, „glaube ich…“

„Was ist? Sie müssen lauter sprechen, ich verstehe sie sonst nicht!“. Plötzlich konnte Herr Jung auch nicht mehr gut hören.

„Sie sind tot, glaube ich…“, sagte Frau Witt lauter.

„Sie sind tot!“. Jetzt hatte Jung verstanden.

„Ich seh´nix“, sagte er, „was ist denn los?“

„Ich glaube, man hat sie erschossen, jedenfalls liegen sie da… Und vor ihnen ist alles blutig!“

„Jedenfalls lebt der Sänger, das ist doch schon einmal ´was, nicht?“, sagte die Fries fassungslos. „Aber drei sind tot…“

„Wer denn?“, wollte Herr Jung wissen, „ausgerechnet heute habe ich meine Brille vergessen.“

„Keine Ahnung – die aus der ersten Reihe, drei von denen…“

„Ganz vorne sitzen immer die Wichtigen“, gab Herr Jung zu bedenken, „das war früher auch schon immer so, da saßen immer die von der Partei…“

„Aber die waren heute ja nicht da. Die sind doch auch schon tot, also der Honnecker, oder sitzen im Knast, oder?“

„Ach, die sind doch schon lange wieder draußen. Im Knast sitzt jetzt der Hoeneß…“

„Wer ist das denn?“

„Also, ich bleibe hier sitzen. Da passiert bestimmt noch ´was Spannendes, Polizei und so, wie im Krimi!“. Das war die Fries. Ausnahmsweise stimmte Frau Witt ihr zu.

Im restlichen Publikum hatten inzwischen immer mehr Menschen begonnen zu schreien und zu rennen, junge, nicht so abgebrühte, die auch nicht so verdammt scharf auf ihre Heizdecke aufpassen mussten. Väter, die ihre Kinder hochgehalten oder auf ihren Schultern getragen hatten, damit diese den berühmten Sänger und den genauso berühmten Dirigenten sehen konnten, holten die fassungslosen und hemmungslos brüllenden Kinder von den Schultern und versuchten, sie mit ihren Körpern vor weiteren Kugeln, die sie erwarteten, zu schützen.

Inzwischen waren vielleicht dreißig Sekunden seit dem ersten Schuss vergangen. Aber die Zeitspanne war egal. Subjektiv war für die meisten eine Ewigkeit vergangen.

Im abgesperrten Bereich der circa 250 Schönen und Reichen fielen die Schichten von Beherrschung und Kultur von denen deutlich und sehr schnell ab: „Weg, nur weg von hier“, war das allgemeine Motto, „und zwar sofort!“.

Rücksichtslos brachen die Brutalsten durch die nur Brutalen und die Schwächeren, die sich verstört und irgendwie blicklos umsahen, um zu begreifen, was denn, in Gottes Namen, nur geschehen sein mochte: Ein Anschlag? Krieg? Terroristen? Entführung? Eine Bombe? Ein Erdbeben? Ein roter Tsunami? Eine Invasion von roten Feuerquallen? Die Alten auf ihren Bänken schauten ihnen verständnislos zu: Hatten die etwa keine Heizdecken bekommen, auf die man aufpassen musste,…

Vom Schönen und Reichen der Schönen und Reichen blieb in diesen Momenten nichts als pure Angst und Panik. Panik hat keine Steigerung. Panik ist Panik – sonst wäre das hier die Mutter aller Paniken gewesen. Den Reichen und Schönen war für einen Moment Reichtum und Schönheit scheißegal, aber auch so´was von scheißegal – die wollten nur noch leben! Leben. Überleben. Hier wurde geschossen. Hier wurde erschossen. Wer würde der Nächste sein? Das konnte jeder sein. Also: Weg von hier! Um alles in der Welt. Um den Reichtum würde man sich später wieder kümmern. Und für die Schönheit würde es später immer noch Coiffeure, Visagisten und Couture gaben. Auf der „Titanic“ war es damals vergleichsweise stilvoll zugegangen. Aber das Schiff war nachts gesunken und man trug – zumindest in der ersten Klasse – Abendgarderobe zum Rettungsboot. Man ging gelangweilt – weil man immer gelangweilt war – im Smoking zum Rettungsboot. Frauen und Kinder zuerst! Natürlich. Mann war Gentleman. Nur gab es hier keine Rettungsboote… Und auch keine Gentlemen, nur Superreiche. Und die können keine Gentlemen sein, nicht, wenn es ernst wird, dazu sind sie sich viel zu wichtig. Und Stil haben sie auch nicht mehr. Das hat sich geändert.

Der Boden war inzwischen so glatt und glitschig geworden, dass immer mehr Gäste ausglitten und versuchten, auf allen Vieren möglichst schnell krabbelnd irgendwo irgendeine Sicherheit zu finden. Was vorhin noch Couture gewesen war, wandelte sich in Sekunden in Fetzen voll Blut und Kotze. Kleider für Tausende von Euros gingen in Fetzen, egal, hässliche Körper der Reichen und Schönen quollen aus den Fetzen. Egal. Nur weg, nur fort. Die meisten schrien was die Lungen hergaben – und wussten es nicht einmal. Männer genauso wie Frauen. Über der Fläche vor der Konzertmuschel waberte neben den Gerüchen von Blut, Gewebe und Kotze der Geruch von purer Angst.

Auch draußen vor der Absperrung hatte mit kurzer Verzögerung die panische Flucht eingesetzt. „Rette sich wer kann“, hieß es auch hier überall. Niemand sagte das, jeder dachte es. Frauen und Kinder zuerst? So ein Blödsinn! Jeder für sich, so gut er konnte, sollte Gott sich um die anderen kümmern, wozu war er sonst da? Die meisten schreiende Mütter rissen ihre kreischenden Kleinen an sich und rannten – wohin? Egal, nur fort von hier… Andere ließen ihre Blagen einfach da liegen, sollten die sich doch selber kümmern... So ein Balg ist schnell neu gemacht, da gehört nicht viel dazu. Nur erst einmal weg!

Aber nicht die Alten. Außerdem hatte ihnen bisher keiner gesagt, dass die Busse bereit waren und warten würden.

Im Publikum begannen trotz der allgemeinen Panik bereits einige wenige, besonders Abgebrühte, die das Konzert mit ihren Handys fotografiert oder gefilmt hatten, zu prüfen, ob die Geräte das Geschehen auch tatsächlich aufgenommen hatten. Mit den Bildern würde sich doch Geld verdienen lassen müssen… Wie in Gottes Namen bekam man die jetzt zu einer Presseagentur und welche würde am meisten zahlen?

Das auf Rügen eh dünn ausgebaute Handynetz begann zusammen zu brechen. Rien ne va plus, nichts ging mehr. Sogar die drei oder vier Streifenpolizisten vor Ort konnten keine Hilfe holen. Funkgeräte gab es auf Anweisung von oben schließlich nicht mehr…

Die verstörten Menschen rannten in alle Richtungen, Mütter suchten ihre Kinder, Väter die Mütter, Kinder die Eltern, Kellner von der Strandbar, die, die das Drunter und Drüber schnell entschlossen genutzt hatten, um nicht zu bezahlen.

Jeder überrannte jeden, alle fielen übereinander, viele zerrten andere zu Boden, es gab keine Rücksicht auf bereits am Boden Liegende. Knochen brachen, Sehnen rissen, Verletzte schrien – es war ein Tohuwabohu. Total. Nur die Alten saßen in ihre Decken eingehüllt und fanden das prima: Endlich mal ´was los in der Bude! Kostenlos.

Die allgemeine Flucht derer, die rennen konnten, ging in beide Richtungen: Entlang der Kurpromenade oder hinaus auf den Strand. An der Brüstung zum Strand wurden die ersten schwer gequetscht… na und, sollten die doch besser aufpassen, weg hier, ich komme…

Manche rannten kopflos ins Wasser. Das war zwar deutlich angenehmer temperiert als damals bei der „Titanic“, das Nass beruhigte allerdings trotzdem relativ flott. Die im Wasser drehten sich bald um und schauten blicklos zurück auf die, die da noch kamen.

Andere, die in den Strandkörben, begriffen jetzt erst, dass etwas passiert sein musste und begannen, sich neugierig entgegen der allgemeinen Fluchtrichtung zur Konzertmuschel durchzukämpfen: Da muss ´was los sein! Was ist da los? Es kam zu Gewurle und zu ersten Schlägereien zwischen Flüchtenden und Neugierigen, die einander entgegenkamen, und von denen die einen glaubten, etwas sensationell Wichtiges zu verpassen und die anderen, dass der Leibhaftige hinter ihnen her wäre.

Einige Musiker aus Kiew betrachteten inzwischen fassungslos ihre gerade noch geretteten Instrumente, die mit Blut und Gewebefetzen dicht an dicht übersprenkelt waren. Ob man die teuren Stücke je wieder würde spielen können? Etwas anderes interessierte sie nicht.

Zehn Sekunden, maximal, nach dem letzten Schuss hatten wir ganz ruhig den Tisch verlassen. Mari griff sich die Strandtasche, das Gewehr ließ sie liegen, wir würden es wie immer hier liegen lassen. Jede Waffe nur einmal zu benutzen, war ehernes Gesetz für uns. Sollten die Ballistiker doch etwas zum Spielen haben. Sie wüssten dann zwar, dass aus der Waffe geschossen worden war, aber das würde sie auch nicht weiterbringen. Sie hätten: Eine geschichtslose Waffe. Aussichtslos. Die Spur mochte nach Russland führen, na und? Dann war es eben die russische Mafia. Und wo kamen die Musiker her…? Genau! Viel Spaß!

Wir schauten uns noch einmal um. Außer einigen gewollten genetischen Spuren, mit denen die Kriminaltechniker wochenlang beschäftigt wären und die garantiert nicht auf uns verwiesen, hatten wir nichts hinterlassen, was uns belasten könnte. Mit ein paar Schritten waren wir an der Eingangstür zur Wohnung. Wir zogen mit wenigen Handgriffen den Papieranzug und die Plastiküberschuhe aus, nahmen das kleine Atemgerät ab, verstauten alles in der Strandtasche, griffen den „Angelkorb“, in dem wir das Gewehr mitgebracht hatten, und verließen die Wohnung. Leise zogen wir die Wohnungstür hinter uns zu und störten niemanden, der eventuell in den anderen Wohnungen sein könnte. Man hat ja Erziehung…

Im Treppenhaus nahmen wir die Stiege (Ein Tipp eines Profis: Benutzen Sie nach einem Mord niemals und unter keinen Umständen einen Fahrstuhl! Der kann im falschesten Moment stecken bleiben! Das kann dann ziemlich schnell ziemlich dumm für Sie ausgehen!). Im Stiegenhaus begegneten wir niemandem. Im Hof schaute jemand mit einer seltsamen Netzmütze auf dem Kopf aus der Küche von diesem Fischrestaurant mit dem grünen Krebs und fragte uns mit einem unbekannten Akzent neugierig, was denn da draußen nur los sei? Wir zuckten nur mit den Schultern – was wussten wir denn? Nichts. Nie nichts wissen ist die zweite eherne Grundregel, die wir immer befolgen.

An der Straße bogen wir nach links ab, um in Richtung der Seebrücke zu gehen. Flüchtende oder neugierige Menschen kamen uns aus allen Richtungen entgegen. Die Gäste des Fischrestaurants, die wirklich schlechte Sicht auf das Geschehen vor der Konzertmuschel gehabt hatten, hatten sich von ihren Plätzen erhoben und stierten mit langen Hälsen neugierig in die rennende Menge. Gott sei Dank war der erste Schwung der Flüchtenden offenbar schon weg, so konnten wir uns durch die immer noch aufgeregte Menschenmenge, die uns entgegen drängte, schieben. Niemand, wirklich niemand, kümmerte sich um die schlanke, groß gewachsene Frau in dem weißen Strandkleid mit der unauffälligen Perücke. Alle hatten genug mit sich zu tun. Gut so.

Die einen wollten immer noch nur fort von hier, und zogen schreiende Kinder hinter sich her oder trugen sie auf den Armen. Die anderen wollten unbedingt so schnell wie möglich nur dahin, wo offenbar etwas los war. Wir nicht. Aber die große Richtung stimmte auch für uns.

Trotzdem waren wir vorsichtig, schauten vor allem nach unten und falls wir doch einmal nach oben schauten, hielten wir stets die Hand mit der Strandtasche oder die freie Hand hoch – wegen derer, die immer und überall eine Kamera dabei haben… Sicher ist sicher Man weiß ja nie.

Die einzige Gruppe, die wir nicht sahen, war die Polizei. Zu Beginn der Veranstaltung hatten wir drei oder vier Streifenpolizisten gesehen, die die „Sause“ wohl überwachen und „absichern“ sollten – von denen war jetzt nicht mehr zu sehen. Doch, da stand einer da, wo vorher die inzwischen nicht mehr vorhandene Absperrung zwischen „drinnen“ und „draußen“ gewesen war. Der aber hatte genug mit sich zu tun. Er stand vorgebeugt und kotzte sich gerade „die Seele aus dem Leib“. Wahrscheinlich war er nahe genug an den Toten gewesen, um den Blutgeruch wahrzunehmen… Armer Kerl!

Und ganz dahinten bemühten sich offenbar doch zwei weitere, irgendeine Ordnung ins Chaos zu bekommen. Hoffnungslos. Zwei oder drei von den Securities sicherten mit Pistole in beiden Händen, völlig blödsinnig den Luftraum, als ob von dort weitere Angriffe kommen könnten.

Die Alten sicherten weiterhin ihre Heizdecken durch Draufsitzen.

Auf der Seebrücke kamen wir auf der rechten Seite recht gut voran, weil die Leute sich an der linken Seite drängten, um zu sehen, was an der Konzertmuschel los war – und das war immer noch einiges!

Ganz vorne am Anleger lag, einsam im leichtem Seegang schaukelnd, Hennings Kutter. Wir wollten gerade geschmeidig an Bord springen, als Henning uns abwehrend zurief: „Nee, nee, meine Dame, dat geit nun mal gaaanich´, ich bin ja nicht auf Gäste eingestellt… obwohl (und das sagte er etwas leiser aber noch laut genug, dass wir es verstehen konnten) ich normalerweise bei so einer Zuckerschnut´ ja gerne ´ne Ausnahme machen würde… Aber heute nicht – heute bin ich leider fest bestellt.“

Er machte auch eine entschieden abwehrende Geste mit beiden Händen, die wohl besagen sollte: „Hier nicht. Heute nicht. Nicht sie!“. Dabei grinste er aber frech, wohl, um der Ablehnung etwas von der Schärfe zu nehmen und zuckte bedauernd mit den Achseln.

„Nun mach´ dir mal nicht ins Hemd, Henning Pogwisch“, sagte Mari mit unser (= Jens´) Stimme, „ich komm´jetzt an Bord, ob du das nun wollen tust oder nich´, nich´!“.

„Jens?“, staunte Henning, „Na, junge, das nenn´ ich mal eine Überraschung, wie siehst du denn aus, mien Jong, oder muss ich jetzt sagen: Meine Dame?“.

Er grinste über alle vier Backen, als er weitersprach. „Soll ich Gnädigste an Bord helfen oder schaffen sie das alleine, meine Dame… Bei dem engen Rock…“

Wir schüttelten die Pantöffelchen, die Mari getragen hatte, mit zwei eleganten Bewegungen der Füße an Bord und sprangen dann ohne Hilfe von Henning über den einen Meter Wasser an Bord.

„Nun glotz nicht so blöd, Henning, sieh du man zu, dass du deinen Kutter in Bewegung bekommst. Mach zu, Junge…, schmeiß den Riemen auf die Orgel. Ich bin es nur – dein Jens!“

Henning blickte uns immer noch blöde grinsend an, ohne einen einzigen Handgriff zu machen, der uns von hier wegbewegen würde.

„Mensch, wach auf, du Pflaume, oder hast du noch nie ´ne Frau gesehen?“

„Doch, schon, klar… – aber keine, die unser Jens war…, ist…“. Endlich machte er die paar Schritte ins Steuerhaus von seinem Kutter und startete den Motor, der stotternd anlief. „Guter alter Diesel“, schickte ich ein Stoßgebet gen Himmel, „nun lauf schön, alter Junge!“

„Mach du man mal den Tampen los“, wies mich Henning an, und tat so, als ob ich der wäre, der gestaunt hatte, „sonst hängen wir hier doch ewig fest.“. Ich tat, wie mir geheißen, Henning gab langsam Gas und legte das Ruder. Langsam glitten wir von der Seebrücke weg. Weg von dem Chaos hinter uns.

Inzwischen waren vielleicht 15 Minuten seit dem letzten Schuss vergangen. Die Seebrücke in Binz ist wirklich sehr lang – und stöckeln Sie die mal in Pantöffelchen entlang! Das dauert… In der Ferne hörte man inzwischen doch die erste Sirene jaulen. Polizei? Egal. Zu spät. Wir waren erst einmal fort.

Es war aber nicht die Polizei, es war die freiwillige Feuerwehr. Der zweite Bürgermeister und Feuerwehr-Hauptmann hatte „seine Jungs“ gerufen. Die sicherten zuerst einmal den Platz, indem sie den glitschigen Schmodder mit einem C-Rohr gründlich wegspülten. Gegen das Gespritze der Mischung aus Löschwasser, Blut und Gewebe schützten sich die Alten, die immer noch niemand abgeholt hatte, indem sie sich tiefer in ihre Decken wickelten. Dass sie trotzdem nass wurden, machte ihnen gar nichts aus – es gab etwas zu sehen!

„Schmiet mal ´ne Schippe Kohlen drauf“, bat ich Henning, „je schneller wir hier wegkommen, desto besser!“

„Hast du das Chaos da hinten angerichtet?“, fragte er, um sich die Antwort gleich selber zu geben, „Na klar, wer denn sonst wohl, wenn nicht du? Was war es denn dieses Mal – oder besser: Wie viele?“

„Drei“, sagte Mari, „die, die diesen Hedgefond geleitet haben, der Argentinien in die Pleite treiben sollte, diese Geier-Fond-Leute aus den USA…“

„Ach die!“, war alles, was Henning dazu meinte, „Und jetzt? Wohin?“

„Glowe“, sagte Mari, die immer noch den Körper hatte, „das ist okay, glaube ich, ´nen klitzekleiner Hafen, genau richtig, um auszusteigen.“

„Okay“, brummte Henning, „sag´mal, Jens, würde es dir etwas ausmachen, diese Frauenfummel auszuziehen? Das macht mich ganz nervös, wie du aussiehst, weißt du… Außerdem, Frauen an Bord bringen bekanntlich Unglück!“

„Ich dachte, das war früher mal so, die Zeiten hätten wir überwunden…“

„Vielleicht für richtige Fruunslüüd, Jens, das mag ja sein, aber nicht für so´n Typ wie dich, du kommst mir wie irgendwie dazwischen vor… Und du bewegst dich auch ganz anders als sonst…, so… weiblich, weißt du, ist irgendwie komisch, macht mich nervös… Seit wann hast du denn solche Kurven?“

„Henning, halt´ endlich den Mund und gib man einfach Gas, was dein Kutter hergibt. Für´s erste!“

Mari übergab lachdenkend an mich (Jens): „Nun mach man, Jens, zieh dich um, sonst springt uns Henning noch über Bord…“

Ich begann mich auszuziehen.

„Neeeiiin…, Jens, verdammt, nich´ vor mir, du komische Tunte, ich will die Weiberklamotten gaaanich´ an dir sehen. Und erst recht nicht, die drunter! Mach das man lieber am Heck, da, wo ich dich nicht sehen tu…“

„Hast du Klamotten für mich?“, rief ich von achtern.

„Nur meinen Blaumann.“

„Her damit.“

Er warf ihn mir aus den kleinen Steuerhaus zu, ohne mich anzuschauen.

„Hier“, rief er und nach einer Weile fragte er: „Bist du endlich fertig?“

„Jawoll!“. Ich ging zu ihm. Er schaute mich vorsichtig prüfend an. „Machst du das öfters?“, wollte er wissen.

„Was denn?“

„So als Frau…?“

„Nee, war nur für den Job, da rechnet doch keine Sau mit, dass eine Frau sowas macht, oder?“

„Nee“, gab er langsam zu, „wohl kaum…“, um nach einem Moment des Nachdenkens zuzugeben: „Keine schlechte Idee, das, also ich meine, so als Frau… Kommt keiner drauf, nicht mal ein Bulle, wie ich, muss ich zugeben…“

„Sag´ mal, kann ich die Klamotten irgendwo verbrennen?“

„Höchstens in der Räuchertonne…“. In der Räuchertonne räucherte er sonst Aale und Makrelen, wenn er mal Gäste auf einen Törn mitnahm. Das letzte Mal hatte ich sie in Betrieb gesehen, als wir mit den beiden Kontrolleuren rausgefahren waren, die Hennings Spesen- und Zeitkonten überprüfen sollten. Die, die nur mit uns rausgefahren, aber nicht wieder mit zurückgekommen waren. Die, die wir in Haukes Tonnen mit etwas Zement da über Bord geschickt hatten, wo sie nach dem Krieg die Gasmunition versenkt hatten: Absolutes Fischereiverbot! Gut für uns.

Fünf Minuten später schüttete ich die spärlichen Aschereste über Bord. Dann war eine Weile nur das Tuckern des Motors und das Platschen der Wellen am Bug zu hören.

Dann fragte Henning: „Gleich drei? Auf einmal?“

„Ja – drei. Drei Schüsse…“

„Wie weit?“, wollte er wissen.

„Zweihundertfünfzig Meter, so ungefähr…“

„Wie lange?“

„Drei Sekunden, in etwa…, nicht ganz…“

„Und denn?“

„Chaos allüberall…“

„Ja, das denke ich mir…“, er nickte zustimmend mit dem Kopf. Dann fragte er: „Maximal drei Sekunden, hast du gesagt?“

„So ungefähr.“

„Nicht schlecht!“. Er pfiff bewundernd durch die Zähne.

Dann eine ganze Weile wieder nur der Motor und die Wellen. Backbord hatten wir die Rügener Küste. Gerade passierten wir Sassnitz und näherten uns den weißen Kreidefelsen.

„Schön nicht?“, fragte Henning.

„Ja.“

Als wir die Kreidefelsen passiert hatten und langsam Lohme in Sicht kam, sagte Henning: „Sag´ mal, Jens, ich war ja in deinem Haus, nich´, ich meine, ich sollte ja, nich´, weil ich ja die… Sachen, weißt du, holen musste…“

„Ja.“

„Und da…, also, ich hab´ mich ja nicht extra umgekuckt, nich´, Jens, also, nicht dass du denkst ich wäre neugierig…“

„Nee.“

„Also…, ich meine, da war ja nich´ nur EIN Gewehr, nich´, da waren ja einige…. Man o man, Jens. Und Munition. Lauter russisches Zeugs, also von der Schrift her, nicht etwa Spielzeug, nich´ Jens, sondern echt Gefährliches…“

„Ja.“

„Und das liegt da bei dir einfach so rum…“

„Ja.“

„Das ist nicht richtig…, finde ich.“

„Findest du?“

„Naja, ja…, schon…“

„Und?“

„Ich meine ja nur…“

„Was denn?“

„Naja, Jens, ich will ja nur sagen, wenn das mal jemand finden sollte, also, ich mein, könnte ja mal sein, oder, also irgendwie wäre das ja nicht gut, glaube ich, oder?“

„Wer soll das denn finden? Is´ doch im Haus…“

„Ja. Stimmt auch wieder! Aber, könnte doch mal einer…, also, wenn´s brennen täte, zum Beispiel, denn kommt ja wohl die Feuerwehr, nicht… Du verstehst?“

„Ja. Denn tu´ ich das weg…“

„Is´ besser, glaube ich…“. Er schien jetzt beruhigt, jedenfalls ruhiger als vorher. Bis wir Lohme passiert hatten, war wieder Ruhe: Der Motor tuckerte, die Wellen plätscherten…

„Drei Sekunden?“, fragte er dann irgendwann und schaute auf den Horizont vor ihm. Dann sagte er erst einmal wieder nichts. Dann: „Übrigens, willst du ´n Bier? Hab´ was da… In der Kiste da. Er wies auf die Kiste, auf der ich saß, die sich als Kühlkiste herausstellte. Ich nahm zwei Bierflaschen und öffnete sie mit einem Schlag auf den Kronkorken an der Bordkante, die aussah, als ob das Öffnen von Bierflaschen hier seit Anbeginn der Tage so gehandhabt wurde. Ich gab ihm seine. „Prost“, sagten wir und stießen an (oder andersherum).

„Keine schlechte Arbeit für ´ne Frau“, lachte er, „Kompliment, Jens!“

Dann war wieder Ruhe. Es gab ja auch nichts zu erzählen, war ja nichts weiter passiert.

Während wir die weißen Kreidefelsen passiert hatten, traf die Polizei aus Bergen am Tatort ein. Stolz berichtete der Feuerwehrhauptmann, dass die Kollegen das Gelände vor der Konzertmuschel jetzt ohne Gummistiefel betreten könnten: „Alles sauber – pico bello!“

Die Polizeifahrzeuge aus Stralsund standen inzwischen hoffnungslos eingekeilt im kilometerlangen Stau der Caravans und Wohnmobile vor der Ampel in Samtens. Da wo etwas los war, wollten schließlich alle hin. Blaulicht und Sirene konnten nicht helfen, wo kein Platz war, um den Polizeiwagen Platz zu schaffen, kam niemand voran. Schließlich schob ein großer Trecker einige der verkeilten Caravans auf Polizeibefehl einfach in den Graben.

Als wir schon gemütlich an Lohme vorbei tuckerten, traf die Stralsunder Eingreiftruppe endlich in Binz ein. Ihnen wurde ein vorbildlich geräumter und gesäuberter „blitz-blanker“ Tatort übergeben. Sogar die drei Leichen waren von den C-Rohren sauber gewaschen worden. Der Leiter der Einsatzgruppe fiel daher vor Schreck in Ohnmacht und musste notärztlich versorgt werden. Der zweite Bürgermeister verstand buchstäblich kein Wort, als er von den Ermittlern gotteslästerlich beschimpft und schließlich wegen der Behinderung der Ermittlung einer schweren Straftat verhaftet wurde.

„Das hier ist Kurgebiet“, verteidigte er sich, „was glauben sie denn, wie das hier gestunken hat, das kann man den zahlenden Kurgästen doch nicht zumuten. Das war ja schlimmer, als wenn hier der Tang angespült wird! Gar nicht zu vergleichen. Und dabei heißt es doch: Das Meer gibt es, das Meer nimmt es… Von den drei toten Typen sagt das keiner, da müssen wir uns selber ´um kümmern. Und wenn ihr nicht kommen tut? Wo habt ihr denn die ganze Zeit gesteckt? Wie sollen zum Bespiel die dahinten, also die von dem Fischrestaurant denn wohl Umsatz machen, wenn das hier so stinkt? Da stehe ich als zweiter Bürgermeister doch in der Verantwortung! Und denn die Alten, die da noch auf ihren Bänken hocken – wenn die aufstehen und hier rumlaufen, brechen die sich doch in dem zentimeterdickem Geschmiere aus Blut und Kotze, das da war, die Beine… Und wer ist denn schuld? Ich, natürlich, der Bürgermeister. “

Fast wäre es zu einer Schlägerei zwischen den obersten Polizisten und der Feuerwehr gekommen. Letztere stand schon mit „Wasser marsch“ bereit, um ihren Hauptmann da raus zu holen. Die Stralsunder hatten die Pistolentaschen geöffnet, falls es zum Äußersten kommen sollte. Allerdings nicht die aus Bergen. Die hatten die weitere Absicherung des Strandes und der Seebrücke übernommen. Damit waren sie erst einmal fein raus… Und geschossen wurde ja auch nicht mehr.

Inzwischen hatten wir Glowe erreicht. Im Hafen setzte Henning mich am Pier ab, ohne anzulegen. Ich sprang an Land und winkte ihm zu.

„Pass´ auf dich auf“, rief er mir zum Abschied zu und wendete den Kahn.

„Danke, Henning“, rief ich durch den langsam einsetzenden Nieselregen zurück, „du hast einen gut bei mir!“

Er winkte nur ab. „Nee“, rief er dann durch die offene Tür des Steuerhauses, „nicht dafür… war doch nix, höchstens ´nen Klacks. Gib mal wieder einen aus, wenn du wieder zuhause bist.“. Und als er schon wieder in der Hafeneinfahrt war, rief er noch einmal zu mir rüber: „Ich hab´ ´n Auge auf dein Haus, okay?“

„Is´ gut, Henning“, rief ich zurück, „denn mach das man…!“.

Dann war er schon wieder weiter draußen. Er winkte noch einmal herüber, ich winkte zurück. Ein echter Freund, fand ich, manchmal quatschte er vielleicht einfach ein bisschen viel, aber trotzdem…, er war einer, auf den man sich verlassen konnte.

Am Hafenmeistergebäude stand einer mit den krummsten O-Beinen, die man sich vorstellen kann, und suchte dort Schutz vor dem leichten Regen. Das war der Nächste, den ich kannte. Auch ein superguter Typ: Kalle, mein Kaffee röstender Seebär. Die Beine wären ihm auf See gewachsen, sie wären seine See-Beine, hatte er mir erklärt, kein Seegang könnte ihn damit umwerfen. Eigentlich sowieso nichts.

„Na“, sagte er, als ob nichts wäre, nachdem wir uns die Hand gegeben hatten, „alles klar, Jens? Job erledigt? Siehst ja fast aus wie ´n Seemann in deinen Klamotten. Naja, hast es erledigt, nich´. Hört man jedenfalls… War schon im Radio! Komm, ich hab´ mein Auto draußen vor dem Hafen stehen. Fahren wir zu mir, ich mach´ einen guten Kaffee…“

„Von mir aus, gerne“, sagte ich und legte meinen Arm um seine Schulter, „gehen wir, Seemann.“

In dem Moment begann es erst leise, dann schnell lauter werdend am Himmel zu brummen.

„Was is´ dat denn?“, fragte Kalle, als die Schemen von einigen schwarzen Hubschraubern ohne Licht und Hoheitszeichen, die mehr wie Kampfschweine als wie Hubschrauber aussahen, sehr tief über dem Wasser über uns in Richtung Binz flogen.

„Das?“, sagten wir, „das sind die Amis, die sind in Marsch gesetzt worden…, denke ich.“

„Warum das denn?“, war Kalle fassungslos, „Was wollen die denn hier? Und wieso so schnell, die Kerle sind doch erst ein paar Stunden tot, können die Gedanken lesen?“

„Weiß´ ich auch nicht“, sagte ich, „sicher, weil da Amis draufgegangen sind? Da reagieren die allergisch.“

„Aber deshalb können die hier doch nicht Krieg spielen…“

„Siehst du doch, dass die das können… Machen die doch überall.“

„Nun mal ehrlich, Jens, woher wissen die das? Also, dass da etwas los war…?“

„NSA“, sagte Ernst, der den Körper übernommen hatte, „irgendwer hat das Konzert ins Internet gestreamt, und die haben das gesehen. Das machen die automatisch, da muss gar kein Mensch hingucken, das machen Algorithmen, und denn gibt das Alarm und denn setzen die die Kavallerie in Marsch. Is´ egal, wo auf der Welt…“

„Ja, aber wo kommen die denn so schnell her?“

„Was weiß denn unsereiner? Von einem Flugzeugträger? Weil die doch das Baltikum vor den Russkies schützen wollen. Oder aus Polen, da haben die Geheimflugplätze, habe ich gelesen.“

„Polen ist aber da!“. Kalle zeigte in die Flugrichtung der Kampfhubschrauber.

„Denn vielleicht doch vom Flugzeugträger? Was wissen wir denn, was da draußen unterm Horizont alles ´rumschwabbelt?“

„Man, man, man“, das war alles, was Kalle noch sagte und nach einer Weile fügte er gedankenverloren hinzu: „Machen wir lieber, dass wir nach Hause kommen.“

Was natürlich keiner von uns beiden wusste, war, dass die Amerikaner vor kurzem eine Carrier Strike Group, kurz einen Trägerverband bestehend aus dem Flugzeugträger „Harry S. Truman“, zwei Lenkwaffenkreuzern, drei Lenkwaffenzerstörern, zwei Atom-U-Booten und einem Trossschiff aus dem Atlantik in die Ostsee verlegt hatten, um den baltischen Staaten zur Not gegen eine Invasion durch die Russen beizustehen. Die kleine Ostsee ist für so einen Kriegschiffverband, der so gut wie nie einen Hafen anläuft, eher eine mickrige Badewanne als ein Meer.

Von Glowe aus ging es in Kalles Auto schweigend entlang der Schaabe, das ist eine schmale, circa acht Kilometer lange Halbinsel zwischen Bodden und der See, die nur aus einem weißen Sandstrand, einem Kiefernwald und der Landstraße besteht. Wir passierten den Doppelort Breege/Juliusruh. Inzwischen war es fast dunkel. Kathis Fischbude liessen wir rechter Hand am Strand liegen. Die hatte den Laden schon lange geschlossen. Außerdem hatte ich keinen Appetit, mochten die Fischbrötchen sonst auch noch so lecker sein.

Während wir Juliusruh passierten, waren die Hubschrauber schon in Binz gelandet. Kurz darauf landeten Navy-Seals in den Uniformen russischer Marinesoldaten mit ihren Schnellbooten am Strand und trieben die letzten Schwimmer vor sich her zurück an Land.

Die schnelle Eingreiftruppe (und schnell war sie, das musste man im Vergleich mit den Polizisten aus Binz und Stralsund neidlos anerkennen) besetzte das Gelände rund um das Kurhotel, den Strand und die Seebrücke. Die meisten der Männer, die mit den Hubschraubern gekommen waren, trugen – wie die Navy-Seals – russisch aussehende Camouflage-Uniformen. Sie alle waren auf dem Weg in die Ukraine gewesen und waren während des Transportes vom Oberkommando kurzfristig umgeleitet worden, weshalb sie immer noch die Uniformen der Russen anhatten. Die Soldaten waren geschickt worden, um den Tatort zu sichern, bis die Jungs von der CIA und FBI eintreffen würden, die mit Air Force 17 und 18 schon unterwegs waren, um das Attentat aufzuklären, das die US-amerikanische Sicherheit angeblich massiv bedrohen würde. Leiter der Ermittler war übrigens ein FBI-Mann aus New York: J. Cotton III., der Enkel des bekannteren J. Cotton sen[1].

Der Flugzeugträgerkommandant nutzte die Gelegenheit, um mal richtig die Muskeln spielen zu lassen, er ließ fast alles in die Luft bringen, was sein Träger hergab: Über den Hubschraubern mit den Luftlandetruppen und den Seals in ihren Booten schwebten inzwischen noch weitere Maschinen, die den Luftraum sicherten: Zunächst weitere mit Luft-Boden- und Luft-Luft-Raketen sowie dem Nachfolger von Napalm bewaffnete Kampfhubschrauber Über diesen kreisten langsam Erdkampf-Flugzeuge vom Typ Thunderbolt II, die von den Amis auch „Warzenschweine“ genannt wurden, so hässlich und wehrhaft waren sie – hässlich, aber gemeingefährlich für alles, was den Piloten mit ihren Railguns beschießenswert vorkam. Und noch höher patrouillierten in der Dunkelheit über Rügen Kampfjets. Die waren zwar nicht zu sehen aber deutlich zu hören. Zwei F-16 hatten als potenzielle Angriffsziele die Rügenbrücke und den Rügendamm bei Stralsund in ihre Smart-Bombs einprogrammiert. Diese beiden einzigen festen Verbindungen zum Festland sollten mit Sub-Atom-Bomben (es handelte sich um Benzin-Aerosol-Bomben) zerstört werden, um den Terroristen (die Attentäter waren inzwischen zu höherwertigen Terroristen mutiert) die Rückzugsgebiete zu nehmen. Das Ganze durfte ohne weiteres als Invasion von Rügen bezeichnet werden.

Als die Invasion „der Russen“ von besorgten Sellinern (in Binz war das Kommunikationsnetz von der NSA per Fernbedienung abgeschaltet worden) nach Berlin gemeldet worden war, geriet die Bundeskanzlerin ernsthaft in Rage. Telefonisch schiss sie den Kollegen Obama gerade noch rechtzeitig zusammen, um den Bombardierungsbefehl für die Brücken, den er gerade geben wollte, im letzten Moment zu verhindern. Nicht verhindern konnte sie, dass der Oberbefehlshaber die Achse des Bösen von Nord-Korea, dem Iran und dem Isis-Teil des Iraks bis nach Rügen verlängerte. Schon, weil doch auch nine-eleven in Hamburg geplant worden war…

Präsident Putin telefonierte unmittelbar, nachdem sie das Gespräch nach Washington beendet hatte, mit der Kanzlerin und beteuerte auf alle Fälle erst einmal seine persönliche Unschuld. Denn, so sagte er glaubhaft, nie würde er den persönlichen Wahlkreis „seiner lieben Freundin Angela“ schon wegen der gemeinsamen Vergangenheit in der DDR angreifen, und selbstlos bot er an, die US-amerikanischen Aggressoren von der „wunderschönen Insel Rügen“ durch russische Antiterror-Einheiten zu vertreiben. Die Kanzlerin lehnte das großzügige Angebot dankend ab und bat den Präsidenten, doch bitteschön, die Aggression gegen die Ukraine zu beenden, was Putin gerne zusagte… nur leider, seien das ja gar keine russischen Truppen, die dort agierten, wie die Ereignisse in Rügen dochüberdeutlich bewiesen… Und deshalb könne er, so leid es ihm tue, nicht im Sinne „seiner Freundin Angela“ aktiv werden, das müsse sie doch verstehen, oder?

Dass in der Dunkelheit auch ein amerikanisches Atom-U-Boot vor der Küste aufgetaucht und gesichtet worden sein soll, wie die OstseeZeitung später berichtete, war wahrscheinlich nicht wahr. Wahr war aber, dass die Flugzeugträgergruppe, die in der Ostsee weiterhin zwischen Schweden und Polen kreuzte, um notfalls im Baltikum oder in der Ukraine einzugreifen, und zu der auch Atom-U-Boote gehören, sehr wohl Kurs auf Rügen nahm und einige Tage vor der Küste kreuzte.

Zwischen Fehmarn und Seeland versuchten schwedische und dänische Friedensaktivisten und solche aus aller Herren Länder mit Segelbooten eine „Friedenslinie“ zu ziehen, die den Verband stoppen sollte. Dumm war nur, dass einige der Aktivisten auch rote Flaggen gehisst hatten…

Das und die Friedenslinie an sich erwiesen sich aber als keine gute Idee, denn der Kommandant der „Harry S. Truman“ erkannte durch sein superklares Marineglas aus Oberkochen einige mitteldunkelhäutige Menschen, wahrscheinlich Iraker oder Iraner, an Bord einiger Boote und gab den Befehl „Go ahead“. Sein Rudergänger konnte die weit unter dem Flugdeck antriebslos dümpelnden Boote sowieso nicht sehen. Er fuhr befehlsgemäß weiter. Und selbst wenn er sie gesehen hätte, hätte er einen Teufel getan, sich seinem Kommandanten zu widersetzen. Der war schließlich Gott oder besser. Seit den Tagen von Käpt´n Bligh wurde das in den Marinen der Welt mindestens mit kielholen bestraft, mindestens. Es kam zu sogenannten Kollateralschäden. Nicht am Flugzeugträger… Die SOS-Rufe der Friedenssegler wurden durch amerikanische High-Tech-Geräte so gestört, dass sie nicht empfangen wurden.

Die schlechte Nachricht: Diverse Segler ertranken in der Ostsee, die gute Nachricht: Auf Bornholm wurden diverse begehrte Liegeplätze im Jachthafen frei.

Der erste Bürgermeister von Binz hatte inzwischen die Einführung seiner Assistentin beendet und kam mit einer weißen Flagge auf die Strandpromenade vor dem Kurhotel. Sein Pech.

Die gelandeten Bodentruppen trugen russische Uniformen ohne Rangabzeichen und verständigten sich im besetzten Binzer Gebiet vornehmlich durch Handzeichen. Sie trugen schwere Helme, schwarze Gesichtsmasken, die nur die Augen frei liessen und waren mit Sturmgewehren bewaffnet. Binzer Bürger, die ihnen Brot und Salz als Friedensgruß anbieten wollten, wurden mitsamt ihren Geschenken mit den Bajonetten der Gewehre verscheucht.

Der Bürgermeister, der aus dem Westen gekommen war und weder Englisch noch Russisch sprach, lag inzwischen von mehreren Soldaten bewacht und ohne sich rühren zu dürfen mit dem Gesicht nach unten auf seiner weißen Fahne und fragte sich, ob das sein Blut war, dass da so rot sickerte und warum er überhaupt „in den Osten gemacht“ hatte. Auch Bottrop kann im Sommer so schön sein, dachte er mit Wehmut.

„Die sprechen aber ein komisches Russisch“, sagte Herr Jung, „das hört sich ganz anders an.“. Denn er hatte russisch in der Schule gelernt und hatte einen der Männer in der sattsam bekannten Uniform gefragt: „Будете ли вы вернуться снова? Мы думали, что избавиться от вас навсегда[2].

Der „Russe“ hatte nichts geantwortet und außerdem Marlboro geraucht.

„Das sind doch nie im Leben Russen“, hatte ein anderer zustimmend festgestellt, „nur weil die kyrillische Buchstaben auf den Uniformen haben, sind das doch keine Russkies. Niemals!“

Auch die alten Damen stimmten zu, dass diese Russen ganz anders aussähen als die von früher, schon irgendwie hübscher, vor allem diese dunkelsamthäutigen mit den krausen Haaren. Das waren schokoladensahnige Schnittchen vom Feinsten. Die hätten die alten Damen, da waren sie sich schnell einig, „damals“ nicht so ohne weiteres davonkommen lassen, von denen hätte frau sich „damals“ widerspruchsfrei „nehmen“ lassen. Eine Schande, dass die Russen die damals zum Beispiel in der großen Schneekatastrophe von Rügen vor ihnen versteckt hätten – obwohl die, die „damals“ da gewesen waren, ja auch nicht „ohne“ gewesen waren. Jedenfalls einige.

Inzwischen waren dann endlich doch noch die Busse eingetroffen, um die Alten zurück in ihre Heime zu bringen. Die Busfahrer hatten sich vorher nebenbei eine kleine „Mark“ dazu verdient, indem sie erst eine Gruppe der Reichen und Schönen einige Kilometer vom Ort des Geschehens fortgebracht hatten. Auch die anderen Reichen und Schönen waren inzwischen so gut wie alle verduftet – mit genügend Geld lässt sich jedes Problem lösen, sogar der eine oder andere Feuerwehrwagen kaufen.

Die „Russen“ verweigerten nun allerdings den Abtransport dieser letzten am Tatort verbliebenen Zeugen. Irgendwen musste die CIA und FBI doch zum Verhör führen können! Sie übergaben an die inzwischen hungrig zeternden Alten als eine Good-Will-Aktion die Care-Pakete, die sie eigentlich in der Ost-Ukraine an die Bevölkerung verteilen sollten. Die Alten hatten auch keine Probleme damit, die Aufschriften zu lesen, weil sie doch in der Schule alle etwas russisch gelernt hatten. Frau Witt kam sogar mit der gebrauchten Makarow-Pistole klar, die sie unter den Burgern in der sich beim Aufreißen selbst erhitzenden Packung nebst Patronen in ihrem Paket gefunden hatte. „Na warte, du alte Zimtziege“, knurrte sie in Richtung der Fries, „damit kriege ich dich!“

Nur einige Alte wurden also in den nächsten Tagen von den inzwischen eingetroffenen Verhörspezialisten der CIA einer strengen Befragung unterzogen. Die Reichen und Schönen waren ja alle weg…

Frau Witt hatte alle Mühe gehabt, zu erklären, wie sie zu einer Pistole russischen Ursprungs kam. Die Wahrheit wollte (durfte?) ihr niemand glauben. Nach einem ausführlichen Waterboarding und anderen innovativen Verhörmethoden, die sie mit Interesse erlitten hatte, wurde sie schließlich entlassen – mitsamt ihrer neuen Pistole! Allerdings musste Frau Witt vor ihrer Entlassung eine Erklärung unterschreiben, dass sie nie einem Waterboarding unterzogen worden war, und dass sie überhaupt über alle Erlebnisse bis über den Tod hinaus schweigen würde.

Auch andere Alte waren hochnotpeinlich verhört worden, waren geradezu inquisitorischen Methoden ausgesetzt gewesen. Ergebnis: Nada. Von einigen fehlenden Fingernägeln, gebrochenen Fingern und sonstigen mittleren Malaisen einmal abgesehen – aber die störten die Alten weniger. Wenn man eh schon nix mehr hört, ist der Schlag, der das Trommelfell platzen lässt, egal. Und von Arthritis und Rheuma ist im Speisesaal deutlich weniger spannend zu erzählen als von brutalen russischen Folterknechten, die noch nicht einmal richtig russisch – wenn überhaupt – konnten. Komische russische Folterknechte, die, wenn die Folter gewirkt hatte und man ihnen auf russisch alles erzählen wollte, plötzlich kein Russisch verstanden. Da sollte eine mitkommen?

Außer Frau Witt kehrten alle zu Fuß ins Altersheim zurück. Nur Frau Witt schaffte es, dass sie mit einem Krankenwagen vom Folter- ins Altersheim gefahren wurde. Sie war der Star!

„Ich glaube“, sagte sie, „dass das im Leben keine Russen waren, niemals. Bei den Russen gibt es nämlich keine Neger[3]!“ Und sie hielt sich natürlich nicht an das unterschriebene Formular, das sie zum Schweigen über den Tod hinaus verdonnerte, dafür waren die Erlebnisse einfach zu „gut“ gewesen. Aber sie erzählte nur „unter dem Siegel der Verschwiegenheit“. Dann aber richtig…

Und nach ein paar Tagen wollte sie nur noch wissen, wer, verdammt noch einmal, ihre Heizdecke und die beiden Löffel geklaut hätte, bestimmt die Fries, oder?

Einige Kilometer weiter bog Kalle mit uns in Richtung Kap Arkona ab. Zwischen Getreidefeldern und vielen Alleebäumen fuhr er langsam – immer sorgfältig auf den Gegenverkehr achtend, denn wenn einem hier einer der Camping- und Wohnwagen entgegenkam, wurde es ziemlich eng auf der alten Allee.

Nach weiteren acht mehr oder weniger schweigend zurückgelegten Kilometern erreichten wir den laut Schild “ Letzten Parkplatz vor Kap Arkona“. Für vier Euro parkt man – Sie wissen es noch? – hier 5 Minuten oder den ganzen Tag. „Blödsinn“, knurrte mein Kapitän, „machen mir das ganze Geschäft kaputt mit dem Tarif! Wer kommt schon auf einen Kaffee und zahlt vier Euro Parkgebühr drauf…?“.

Elegant fuhr er am Parkplatz und an den blauen Ferienhäusern vorbei bis zu seinem Café. Dort grinste er mich frech an und parkte dann verbotswidrig im Halteverbot hinter dem Rügen-Hof, der lokalen Touristenattraktion mit diversen Geschäften, einem Lokal und eben seinem Café. Und der Korbmacher hat da seinen Laden, der unseren „Angelkorb“ geflochten hatte, den wir übrigens auf See entsorgt haben – der würde irgendwann irgendwo angeschwemmt werden, keine Ahnung wo, aber bis dahin würden Seewasser und Sonne das ihrige dazu beigetragen haben, dass auch das beste Labor keine Spuren mehr von uns finden konnte.

Kalle holte einen Tisch und zwei Stühle und verschwand in seinem kleinen Laden und kam nach fünf Minuten mit zwei Tassen Kaffee zurück. Es war inzwischen stockdunkel. Licht brauchten wir nicht. „Eine Teströstung“, lachte er in die Dunkelheit, „ich nenne sie „Café Islas Malvinas[4]“, du verstehst?“.

Ich verstand. „Versuchungen sollte man nachgeben. Wer weiß, ob sie wiederkommen“, sagte ich und biss mir im gleichen Moment auf die Zunge, jetzt fing ich auch schon an mit den Zitaten.

Innerlich hörte ich die anderen lachen.

„Gut“, sagte Kalle, „ich sehe, du bist gebildet. Oscar Wilde, oder? Ich soll dir ausrichten, dass du morgen über das Geld verfügen kannst, das übliche Konto, oder besser, über die Garantiesumme, sozusagen als erste Tranche, auf den Rest wirst du noch warten müssen. Genauer, bis sich herausgestellt hat, wie sich das Attentat auf die argentinischen Finanzen auswirkt. Du verstehst?“

Ich verstand auch das.

„Als erstes kriege ich meine eigene Wohnung in Kiel“, triumphierdachte Mari uns zu, „ganz allein für mich. Und ihr bleibt in euren Zimmern! Und…, meine Herren, keine Widerrede!“

Ich hatte nicht das Gefühl, dass ihr einer von uns Männern widersprechen wollte, Mari hatte den Job schließlich perfekt ausgeführt. Ihr Ding, ihr Honorar!

Wir blieben noch ein paar Tage in Juliusruh, gingen an den Strand, badeten Mari und so… Wir tranken Kaffee bei Kalle in Putgarten, aßen Fischbrötchen bei Kathi und holten uns täglich die Zeitungen im Strandgut. Die lasen wir im Strandkorb Max.

Die Journalisten schrieben über unseren Job nur blanken Unsinn, sie wussten ja nichts Konkretes (woher auch), die Polizei verriet nichts (was hätten sie auch sagen können?), irgendwelche Trittbettfahrer gaben großkotzige Erklärungen via Internet ab… Die schreibende Zunft musste sich aus den Fingern saugen, was die News-geile Öffentlichkeit verlangte. Mit jedem Tag wurden die Spekulationen wilder. Schließlich verdrängten die Ukraine und Ghaza „uns“ wieder aus den Schlagzeilen – naja, uns konnte es nur recht sein.

„Haben sie das mal genauer gelesen?“, fragte der Kulturhändler eines Morgens ohne zu spezifieren, was er meinte. Musste er auch nicht.

„Das von dem Attentat?“

„Ja, das ist ja ein Ding, nicht? Einfach so… Haben die einfach diesen Geiern die Flügel gestutzt…“. Er sagte nichts. Wir auch nicht.

„Also, ich meine ja nur, also, gehören tut sich das ja nicht, oder? Die einfach abzuknallen…“, sagte er schließlich.

„Nee, stimmt, ist irgendwie unhöflich… Und denn noch in Deutschland!“

„Aber trotzdem…“, wandte er ein und blickte sinnend zum Horizont.

„Ja?“

„Nun ja, man darf es wahrscheinlich eigentlich gar nicht denken, geschweige denn laut sagen…“

„Was denn?“

„Nun ja, hhm, aber irgendwo…, also ganz tief drinnen…“, er zögerte weiterzusprechen.

„Fühlen sie eine Befriedigung? So etwas wie eine Schadenfreude?“

„Man könnte es fast so beschreiben.“. Er schaute sich um, aber wir waren allein im Strandgut, dann sprach er zunächst zurückhaltend und etwas zögerlich, dann aber zunehmend entschieden weiter: „Doch, ja! Sie nicht?“

„Das wäre dann so etwas wie 1977 der Göttinger Mescalero, erinnern sie sich, damals, nach dem Buback-Mord…?“

„Nee, keine Ahnung, kenn´ ich nicht…“

„Ach ja, klar, sie waren in der DDR. War im Westen ein Skandal. Da hat einer in einer Göttinger Studentenzeitung nach dem RAF-Mord an, ich glaube, es war der an Buback, diesem Banker, in etwa geschrieben… „Ich konnte und wollte eine klammheimliche Freude nicht verhehlen“. So in etwa.“

„Nee, von solchen Hintergründen haben wir kaum etwas mitbekommen bei uns in der DDR. Mescalero, hhm, Indianer? Kämpfer? Ja, schon, könnte man so sagen… Fast. Aber darf man ja immer noch nicht. Und was sagen sie dazu? Ich meine, dem Anschlag in Binz.“

„Sie, ich habe mich da nicht sehr drum gekümmert, was in den Zeitungen so stand: Al Quaida schlägt in Binz zu. Naja. Oder, dass die Argentinier das waren… Oder die Chilenen, die den Argies das anhängen wollen. Oder die Russen, die von der Ukraine ablenken wollen… Eines so schwachsinnig wie das andere, wenn sie mich fragen. Nee, ich sehe das irgendwie…, nüchterner. Ich schätze, man wird die Attentäter nie fassen… Bei so viel Leuten vor Ort, werden die in der Masse untergetaucht sein, wenn sie klug waren. Aber, ich denke mir, bei so viel Geld gibt es wohl auch immer ein Geschäftsrisiko, nicht wahr?“

„Ja“, lachte er, „so könnte man das auch sehen. Geschäftsrisiko.“. Er musste laut lachen. „Sie, das ist gut: Geschäftsrisiko!“

„Und das Geschäftsrisiko hat sich dann mit den Attentat realisiert, meinen sie? Vielleicht ist ja auch das ganze Geschäftsmodell damit gestorben?“, gaben wir noch zu bedenken, „obwohl die das ja schon erfolgreich mit dem Kongo und mit Enron und MCI gemacht haben. Aber jetzt ist das Risiko für diese Aasgeier eben deutlich größer geworden!“

„Tja“, sagte er, „vielleicht, zu hoffen wäre es ja, dass so etwas aufhört. Aber ich befürchte, es wird immer Leute geben, die für so viel Geld alles machen. Naja, vielleicht sollte mal einer mit denen über Geschäftsrisiken sprechen, damit sie kapieren, meine ich, was da stattgefunden hat und warum…“. Er lachte immer noch.

Nach dem im Großen und Ganzen doch sehr erholsamen Urlaub fuhren wir heim nach Ostholstein. Henning hatte Wort gehalten: Unser Haus stand noch und die Feuerwehr war nicht da gewesen.

Am ersten Abend gingen wir in Elsas Dörpkro.

„Naaa, Jens“, sagte sie zur Begrüßung, „auch mal wieder da? Wie war´s? War ja ordentlich was los auf Rügen, nich´, hast du da was von mitbekommen?“

„Nö“, sagten wir, „nix, das war ja auch in Binz, nicht wahr, und wir waren ja in Juliusruh, das ist ´ne ganz schöne Strecke voneinander weg… Und da am Strand, weißt du, Elsa, da ist ja nur Sommer, Sonne und See, sonst gaaanix. Kein Radio oder so. Niemand. Ich hab´ das erst am nächsten Tag in der Zeitung gelesen… Aber da war das ja schon alles vorbei.“

„Is´ ja ´nen Ding, was? Ich meine, die Kerle einfach so zu erschießen… Ich meine, das muss doch ein Profi gewesen sein, Jens, oder? Was meinst du denn dazu, Jens? Du bist doch rumgekommen in der Welt, also natürlich vielmehr als unsereiner hier. Oder waren das sogar mehrere? Henning Pogwisch tippt ja auf ´ne ganze Terrorgruppe oder so – übrigens aus Argentinien… Von wegen, weil die Werft in Kiel doch damals diese U-Boote für Argentinien gebaut hat, nich´ wahr? Und da sind die vielleicht – sagt Henning – mit ´nem U-Boot da nach Binz hin und sind da raus und haben die dann…, einfach so…“. Elsa schnippte mit den Fingern. „Und wie siehst du das, Jens?“

„Naja“, sagte ich, „es redet sich ja viel besser mit ´nem Bier, also, finde ich… Ich mein´ ja nur, Elsa. Also wenn du eines für mich hättest…“

„Mein Gott, Jens, ja klar, kriegst du, ´türlich, sofort, Jens, wo ich aber auch nur immer meinen Kopf hab´… Wie sagte Humphrey Bogart: Man muss dem Leben immer um mindestens einen Whisky voraus sein, oder so, ungefähr jedenfalls. Bei uns hier isses ja eher Bier, nich´, Whisky geht hier ja kaum.“

„Nee, Elsa, jetzt fang du nicht auch noch mit solchen Sprüchen an… Das halt´ ich nich´ aus, ehrlich…“

„Wieso? Wer hat die denn noch drauf?“

Ich winkte ab: „Lass man, Elsa, ist schon gut, mach du mir man ein Bier, einfach nur ein Bier…“

„Fand´st du den nich´ gut? Stand auf´m Kalenderblatt von unserem Getränkelieferanten, hat mir einfach gefallen, klingt so klug, finde ich“, sagte sie, zapfte mein Bier und schaute mich dabei über die Zapfanlage hinweg schelmisch an: „Dafür kommst du ja her, für das Bier, nich´…“. Sie stellte mir das Bier hin.

„Naja, Elsa, ja nicht nur dafür, das ja nun nich´, weißt du, is´ ja auch wegen dir, mien dralle Deern… Mach man gleich noch eines, und für dich auch eins, hab´ ja lange kein richtiges Bier mehr bekommen…“

„Haben die da immer noch kein richtiges Bier in der Ostzone, also da, wo du warst?“, wollte Elsa wissen, „müssten die doch aber inzwischen… Wie lange is´ die Grenze jetzt weg? Müssen doch schon ein paar Jahre sein…“

„Doch, doch, Elsa, ham´ die, ham´ die schon, keine Sorge! Nicht nur gutes Bier, keine Frage. Weißt du, es gibt da vieles Gute, was wir gar nicht kennen, auch andere Marken, weißt du. Gutes aus dem Osten, heißt es dann im Supermarkt. Aber zuhause, weißt du Elsa, zuhause ist es doch am schönsten, also das Bier, und wenn du das denn gezapft hast…, mit Betonung auf „du“.“

„Ach, Jens“, sagte Elsa und wurde ein klein wenig rot im Gesicht, „was du aber auch immer so sagen tust, so… scharmand, Jens, das kannst nur du hier… Und dass du auch wegen mir kommst, is´ das denn auch wahr, Jens? Da freut man sich als Frau ja auch drüber. Auch wenn das ja nicht so gemeint ist, oder, Jens? Das sagst du doch nur so… Bist ja auch ´nen Mann von Welt. Da können sich die anderen ja hinter verstecken, also hinter dir, Jens. Hier, trink´ man noch ´nen Bier oder willst du lieber ´nen Korn?“

„Ach, ´n Korn wär´ ja auch nicht schlecht, Elsa. U-Boot, hat Henning gesagt, hast du gesagt? Ja, das könnte doch sein, wenn die so untergetaucht bis an´nen Strand sind… Das möchte doch schon sein… Und Elsa, vor allem wenn Henning das sagt, der sitzt ja genau an der Quelle, also, ich mein´, der kommt ja an all den Geheimkram und so ran, in seiner Position! Da könnte ja doch ´was dran sein… Ja, glaube ich auch, Prost, Elsa! U-Boot…“.

Wir schüttelten ungläubig den Kopf und uns innerlich vor Lachen.

„Prost, Jens“, sagte sie, „also ich hab´ ja erst gedacht, der Henning Pogwisch, der verarscht mich da ja, nich´, als Frau hat man da ja wenig Ahnung von, aber wenn du das auch sagen tust, Jens, also denn leuchtet mir das auch ein. Klar, U-Boot! Dass da aber auch keiner drauf kommt…,  man, dassis ja ´nen Ding! Weißt du, da hab´ ich mal ´nen Buch drüber gelesen. Hieß irgendwie… also, das war was mit „Tod an der Förde“ oder „in der Förde“ oder so, glaube ich, da ging das auch um die Werft und die Argentinien-U-Boote. Waren aber denn, glaube ich, doch die Chilenen.., die leben ja auch da unten, nich´, naja, egal… Aber damals da hab´ ich mir schon gedacht, wenn das man alles mit rechten Dingen zugeht, Elsa, das mit den U-Booten. Genau. Und denn, wenn das so war, denn haben die das ja schon Jahre im Voraus geplant, diese Argentinier, weil, die U-Boote haben die ja schon lange… Das sind ja Hunde, das denkst du ja nicht… Naja, leben ja auch viele alte Deutsche da, habe ich gehört. Ich hab´ da auch entfernte Verwandte, die sind alle nach dem zweiten Weltkrieg da rüber, weil es denen hier dann so schlecht ging, glaube ich, muss ich mich mal drum kümmern, nachher wartet da noch ´ne Erbschaft auf mich. Was meinst du, Jens, könnte doch sein, oder? Und die Deutschen da, das sollen ja nicht die dümmsten gewesen sein, die werden den Argentiniern da schon geholfen haben, denke ich mir, schon wegen der Sprache… Und die kennen ja auch Rügen, nich´, also einige zumindest, denke ich mir. Vielleicht haben die ja auch Landkarten mitgenommen.“

„Genau“, sagte ich, „wahrscheinlich sogar. Du sag´ mal, kommen die anderen U-Bootfahrer heute auch noch?“

„Apropos U-Boot, Jens, der Henning, der spinnt die letzten Tage total, weißt du, behauptet der doch glatt, dass er fast ein amerikanisches U-Boot versenkt hätte, so ein Atom-Dingens, weißt du, eines von diesen Oschies, bloß, weil das direkt vor ihm aufgetaucht ist, sagt er. Dabei gibt es die hier doch gar nicht, ist doch viel zu flach hier, oder, Jens?“

„Naja“, sagten wir, „Elsa, das ist ja so eine Sache, das mit den U-Booten, die einen sagen nämlich so und die anderen so.“

„Meinst du“, fragte Elsa, „dass der Henning denn gar nicht gelogen hat?“

„Nö. Und was ist nun mit die anderen?“

„Klar“, bestätigte Elsa, „Henning und Hauke und unser Treckerfreak, alle, die kommen schon noch, keine Sorge, die wollen doch mit dir anstoßen, weil du jetzt doch wieder zuhause bist! Die rechnen fest damit, dass du ihnen einen ausgibst. Ich auch, hab´ zur Feier des Tages extra ein neues Fass angestochen…, Jens.“

Ja. Wir waren zuhause. Einwandfrei.

Die „komischen Russen“ zogen nach ein paar Tagen wieder von Rügen ab, einige schwedische Witwen wurden klammheimlich finanziell großzügig in Dollar entschädigt und Frau Merkel mutierte zum Gegner des Freihandelsabkommens.

Ach so, ja, Ernst bat mich, Ihnen noch auszurichten: Geld allein mache nicht glücklich, hätte er bei Danny Kaye gehört, es gehörten auch noch Aktien, Gold und Grundstücke dazu…

 


[1] Die Abenteuer des alten Jerry Cotton können die jüngeren Leser noch in den Publikationen des Bastei-Lübbe-Verlages nachlesen.

[2] „Kommt ihr wieder zurück? Wir dachten, wir wären euch für immer los…“

[3] Frau Witt hat es so gesagt, der Autor zitiert sie wörtlich, sehr wohl wissend, dass die Bezeichnung heute nicht mehr korrekt ist. Aber Frau Witt ist eben sehr alt, sie weiß es nicht besser.

[4] Die argentinischen Falkland-Inseln, Sie verstehen?

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Verantwortlich für den Inhalt (gem. § 55 Abs. 2 RStV): Klaus Bock, Adresse wie oben


Weil hier absolut nichts "Wirtschaftliches" stattfindet und ich als Websitebetreiber keine juristische Person/Firma bin, habe ich von einer Angabe von Steuer(Ident)nummer und Bankverbindung abgesehen. Ich hoffe, das ist für Sie okay - ansonsten können Sie mich ja fragen... (wenn es Sinn macht). Es handelt sich bei VEBQUERSTROM um eine sehr private Website, die Ihrer Unterhaltung dienen und - manchmal mit unsäglichen Kommentaren - auch zum Nachdenken anregen will. Irgendwelche wirtschaftlichen Interessen stehen an keinem Punkt dahinter! Sie können die Artikel und Bilderserien nur konsumieren, nicht kommentieren, also können Sie sich auch nicht als User registrieren. Ein Email-Versand findet nicht statt, das wäre mir viel zu viel Arbeit...

Ob die Website Cookies verwendet oder irgendwelche Daten von Ihnen speichert? Ob irgendwelche Google-Tools im Hintergrund laufen? Ehrlich, liebe User, ich weiss es nicht - und wenn, dann komme ich an diese - Ihre - Daten nicht heran. Ihre Daten interessieren mich auch nicht. Und andere kommen auch nicht an Ihre Daten, hoffe ich. Ich weiß allerdings nicht, ob irgendwelche UK-/US-Geheimdienste mitlesen!!! Also seien Sie lieber vorsichtig...


DATENSCHUTZERKLÄRUNG

Wir freuen uns, dass Sie unsere Internetpräsenz besuchen und bedanken uns für Ihr Interesse. Im Folgenden informieren wir Sie über den Umgang mit Ihren personenbezogenen Daten bei Nutzung unserer Website. Personenbezogene Daten sind hierbei alle Daten, mit denen Sie persönlich identifiziert werden können. Ihre Daten werden im Rahmen der gesetzlichen Vorschriften, insbesondere der Datenschutzgrundverordnung (DSGVO) und des Bundesdatenschutzgesetzes (BDSG) geschützt. Nachfolgend finden Sie Informationen, welche Daten während Ihres Besuchs auf der Homepage erfasst und wie diese genutzt werden:

1. Information über die Erhebung personenbezogener Daten und Kontaktdaten des Verantwortlichen
1.1 Verantwortlicher für die Datenverarbeitung auf dieser Website im Sinne der Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) ist

Klaus Bock, Küstenring 25 in 18439 Stralsund
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Der für die Verarbeitung von personenbezogenen Daten Verantwortliche ist diejenige natürliche oder juristische Person, die allein oder gemeinsam mit anderen über die Zwecke und Mittel der Verarbeitung von personenbezogenen Daten entscheidet.

1.2 Der Verantwortliche hat für sein Unternehmen keinen Datenschutzbeauftragten bestellt.
1.3 Wir verwenden auf unserer Internetpräsenz aus Sicherheitsgründen und zum Schutz der Übertragung personenbezogene Daten und anderer vertraulicher Inhalte (z.B. Bestellungen oder Anfragen an den Verantwortlichen) eine SSL-bzw. TLS-Verschlüsselung. Sie können eine verschlüsselte Verbindung an der Zeichenfolge „https://“ und dem Schloss-Symbol in Ihrer Browserzeile erkennen.

2. Datenerfassung beim Besuch unserer Internetpräsenz
Besuchen Sie unsere Internetpräsenz ohne sich zu registrieren oder uns anderweitig Informationen zu übermitteln, erheben wir nur solche Daten, die Ihr Browser an unseren Server übermittelt (sog. „Server-Logfiles“). Wenn Sie unsere Website aufrufen, erheben wir die folgenden Daten, die für uns technisch erforderlich sind, um Ihnen die einzelnen Webseiten anzuzeigen:

• Die einzelnen Seiten unserer Internetpräsenz (URL)

• Datum und Uhrzeit zum Zeitpunkt des Zugriffes

• Menge der gesendeten Daten in Byte

• Quelle/Verweis, von welchem Sie auf die Seite gelangten

• Verwendeter Browser

• Verwendetes Betriebssystem

• Verwendete IP-Adresse

Die Verarbeitung erfolgt gemäß Art. 6 Abs. 1 lit. f DSGVO auf Basis unseres berechtigten Interesses an der Verbesserung der Stabilität und Funktionalität unserer Internetpräsenz. Wir behalten uns allerdings vor, die Server-Logfiles nachträglich zu überprüfen, sollten konkrete Anhaltspunkte auf eine rechtswidrige Nutzung hinweisen. Nicht anonymisierte Server-Logfiles werden spätestens nach 30 Tagen automatisch wieder gelöscht.

Unsere Internetpräsenz wird bei einem Hosting-Dienstleister gespeichert, der für uns Infrastruktur- und Plattformdienstleistungen, Rechenkapazität, Speicherplatz und Datenbankdienste, Sicherheitsleistungen sowie technische Wartungsleistungen bereitstellt. Mit diesem haben wir einen Auftragsverarbeitungsvertrag geschlossen haben. Die Datenverarbeitung erfolgt zum Zweck der Gewährleistung der Betriebsbereitschaft unserer Internetpräsenz, an der wir ein berechtigtes Interesse haben, Art. 6 Abs. 1 lit. f DSGVO.

Darüber hinaus werden die Server-Logfile-Daten auch von Drittanbietern erhoben (siehe weiter unten).

3. Cookies
Auf unserer Internetpräsenz setzen wir sogenannte Cookies ein. Hierbei handelt es sich um kleine Textdateien, die auf Ihrem Endgerät abgelegt werden. Werden Cookies gesetzt, erheben und verarbeiten diese im individuellen Umfang bestimmte Nutzerinformationen wie Browser- und Standortdaten sowie IP-Adresswerte. Teilweise dienen die Cookies dazu, durch Speicherung von Einstellungen den Bestellprozess zu vereinfachen (z.B. Merken des Inhalts eines virtuellen Warenkorbs für einen späteren Besuch auf der Website).

Die von uns gesetzten Session-Cookies werden nach dem Ende der Browser-Sitzung, also nach Schließen Ihres Browsers, wieder gelöscht.
Sofern durch einzelne von uns implementierte Cookies auch personenbezogene Daten verarbeitet werden, erfolgt die Verarbeitung gemäß Art. 6 Abs. 1 lit. b DSGVO entweder zur Durchführung des Vertrages oder gemäß Art. 6 Abs. 1 lit. f DSGVO zur Wahrung unserer berechtigten Interessen an der bestmöglichen Funktionalität der Website sowie einer kundenfreundlichen und effektiven Ausgestaltung des Seitenbesuchs.

Bitte beachten Sie, dass Sie Ihren Browser so einstellen können, dass Sie über das Setzen von Cookies informiert werden und einzeln über deren Annahme entscheiden oder die Annahme von Cookies für bestimmte Fälle oder generell ausschließen können. Jeder Browser unterscheidet sich in der Art, wie er die Cookie-Einstellungen verwaltet. Diese ist in dem Hilfemenü jedes Browsers beschrieben, welches Ihnen erläutert, wie Sie Ihre Cookie-Einstellungen ändern können. Diese finden Sie für die jeweiligen Browser unter den folgenden Links:

• Internet Explorer: http://windows.microsoft.com/de-DE/windows-vista/Block-or-allow-cookies

• Firefox: https://support.mozilla.org/de/kb/cookies-erlauben-und-ablehnen

• Chrome: http://support.google.com/chrome/bin/answer.py?hl=de&hlrm=en&answer=95647

• Safari: https://support.apple.com/kb/ph21411?locale=de_DE

• Opera: http://help.opera.com/Windows/10.20/de/cookies.html

Ein genereller Widerspruch gegen den Einsatz der zu Zwecken des Onlinemarketing eingesetzten Cookies kann bei einer Vielzahl der Dienste, vor allem im Fall des Trackings, über die US-amerikanische Seite http://www.aboutads.info/choices/oder die EU-Seite http://www.youronlinechoices.com/ erklärt werden.

4. Elektronische Kontaktaufnahme
Im Falle Ihrer elektronischen Kontaktaufnahme mit uns (z.B. per E-Mail) werden personenbezogene Daten erhoben. Welche Daten im Falle eines Kontaktformulars erhoben werden, ist aus dem jeweiligen Kontaktformular ersichtlich. Diese Daten werden ausschließlich zum Zweck der Beantwortung Ihres Anliegens bzw. für die Kontaktaufnahme und die damit verbundene technische Administration gespeichert und verwendet. Ohne diese Pflichtangaben können wir Ihre Anfrage nicht bearbeiten. Alle weiteren Angaben sind freiwillig.

Rechtsgrundlage für die Verarbeitung der Daten ist unser berechtigtes Interesse an der Beantwortung Ihres Anliegens gemäß Art. 6 Abs. 1 lit. f DSGVO. Zielt Ihre Kontaktierung auf den Abschluss eines Vertrages ab, so ist zusätzliche Rechtsgrundlage für die Verarbeitung Art. 6 Abs. 1 lit. b DSGVO. Für Ihre freiwilligen Angaben ist Rechtsgrundlage Art. 6 Abs. 1 lit. a DSGVO.

Ihre Daten werden nach abschließender Bearbeitung Ihrer Anfrage gelöscht. Dies ist der Fall, wenn sich aus den Umständen entnehmen lässt, dass der betroffene Sachverhalt abschließend geklärt ist und sofern keine gesetzlichen Aufbewahrungspflichten entgegenstehen.

Für die Durchführung unserer E-Mail-Kommunikation haben wir einen Dienstleister beauftragt, der für uns Infrastruktur- und Plattformdienstleistungen, Rechenkapazität, Speicherplatz und Datenbankdienste, Sicherheitsleistungen sowie technische Wartungsleistungen bereitstellt. Mit diesem haben wir einen Auftragsverarbeitungsvertrag geschlossen haben. Die Datenverarbeitung erfolgt zum Zweck der Gewährleistung der Betriebsbereitschaft unserer E-Mail-Kommunikation, an der wir ein berechtigtes Interesse haben, Art. 6 Abs. 1 lit. f DSGVO.

5. Einbindung weiterer Tools

Adobe Typekit
Unsere Internetpräsenz verwendet zur einheitlichen Darstellung von Schriftarten so genannte Web Fonts die von der Adobe Systems Inc, 345 Park Avenue, San Jose, California 95110-2704, USA („Adobe“) bereitgestellt werden. Beim Aufruf einer Seite lädt Ihr Browser die benötigten Web Fonts in ihren Browser-Cache, um Texte und Schriftarten korrekt anzuzeigen.

Zu diesem Zweck muss der von Ihnen verwendete Browser Verbindung zu den Servern von Adobe aufnehmen. Hierdurch erlangt Adobe Kenntnis darüber, dass über Ihre IP-Adresse unsere Website aufgerufen wurde. Die Nutzung von Adobe Typekit erfolgt im Interesse einer einheitlichen und ansprechenden Darstellung unserer Online-Angebote. Dies stellt ein berechtigtes Interesse im Sinne von Art. 6 Abs. 1 lit. f DSGVO dar. Wenn Ihr Browser Web Fonts nicht unterstützt, wird eine Standardschrift von Ihrem Computer genutzt.

Weitere Informationen zu Adobe Typekit finden Sie in der Datenschutzerklärung von Adobe:
https://www.adobe.com/privacy/policies/typekit.html

6. Betroffenenrechte
6.1 Als betroffene Person haben Sie folgende Rechte:

• Bestätigung der Datenverarbeitung: Sie haben das Recht, von uns eine Bestätigung darüber zu verlangen, ob Ihre personenbezogenen Daten verarbeitet werden. Die Voraussetzungen hierzu finden Sie in Art. 15 DSGVO;

• Auskunft: Sie haben das Recht, Auskunft über Ihre von uns verarbeiteten personenbezogenen Daten verlangen. Die Voraussetzungen hierzu finden Sie in Art. 15 DSGVO;

• Berichtigung: Sie haben das Recht, unverzüglich die Berichtigung Sie betreffender unrichtiger personenbezogener Daten zu verlangen. Die Voraussetzungen hierzu finden Sie in Art. 16 DSGVO;

• Löschung: Sie haben das Recht, die unverzügliche Löschung Sie betreffender personenbezogener Daten zu verlangen. Die Voraussetzungen hierzu finden Sie in Art. 17 DSGVO;

• Einschränkung der Verarbeitung: Sie haben das Recht, die Einschränkung der Verarbeitung Ihrer personenbezogenen Daten zu verlangen. Die Voraussetzungen hierzu finden Sie in Art. 18 DSGVO;

• Datenübertragbarkeit: Sie haben das Recht, die Sie betreffenden personenbezogenen Daten, die Sie uns bereitgestellt haben, in einem strukturierten, gängigen und maschinenlesbaren Format zu erhalten. Weiter haben Sie das Recht, diese Daten einem anderen Verantwortlichen durch uns übermitteln zu lassen. Die Voraussetzungen hierzu finden Sie in Art. 20 DSGVO;

• Widerruf von Einwilligungen: Sie haben das Recht, Ihre erteile Einwilligung jederzeit zu widerrufen, wenn die Verarbeitung auf Art. 6 (1) lit. a oder Art. 9 (2) lit. a DSGVO beruht. Die Datenverarbeitung bis zum Widerruf bleibt dabei rechtmäßig. Der Widerruf gilt nur für die Zukunft. Die Voraussetzungen hierzu finden Sie in Art. 7 (3) DSGVO;

• Beschwerde: Sie haben das Recht, unbeschadet eines anderweitigen verwaltungsrechtlichen oder gerichtlichen Rechtsbehelfs, auf Beschwerde bei einer Aufsichtsbehörde, wenn Sie der Ansicht sind, dass die Verarbeitung der Sie betreffenden personenbezogenen Daten gegen die DSGVO verstößt. Die Voraussetzungen hierzu finden Sie in Art. 77 DSGVO.

6.2 WIDERSPRUCHSRECHT
SIE HABEN DAS RECHT, AUS GRÜNDEN, DIE SICH AUS IHRER BESONDEREN SITUATION ERGEBEN, JEDERZEIT GEGEN DIE VERARBEITUNG SIE BETREFFENDER PERSONENBEZOGENER DATEN, DIE WIR AUFGRUND UNSERES ÜBERWIEGENDEN BERECHTIGTEN INTERESSES VERARBEITEN (ART. 6 (1) LIT. E ODER F DSGVO), WIDERSPRUCH MIT WIRKUNG FÜR DIE ZUKUNFT EINZULEGEN. DIE VORAUSSETZUNGEN HIERZU FINDEN SIE IN ART. 21 DSGVO.

7. Speicherdauer personenbezogener Daten und Löschung
Sofern nicht vorgenannt eine abweichende Speicherdauer genannt wird speichern wir die Daten so lange sie für ihre Zweckbestimmung erforderlich sind und gesetzlichen Aufbewahrungspflichten bestehen. Nach gesetzlichen Vorgaben erfolgt die Aufbewahrung für 6 Jahre gemäß § 257 Abs. 1 HGB (Handelsbücher, Inventare, Eröffnungsbilanzen, Jahresabschlüsse, Handelsbriefe, Buchungsbelege, etc.) sowie für 10 Jahre gemäß § 147 Abs. 1 AO (Bücher, Aufzeichnungen, Lageberichte, Buchungsbelege, Handels- und Geschäftsbriefe, für Besteuerung relevante Unterlagen, etc.).

Nach Ablauf der Aufbewahrungsfrist werden die entsprechenden Daten routinemäßig gelöscht, sofern sie nicht mehr zur Vertragserfüllung oder Vertragsanbahnung erforderlich sind und/oder unsererseits kein berechtigtes Interesse an der Weiterspeicherung fortbesteht.

8. Änderung dieser Datenschutzerklärung
Diese Datenschutzerklärung ist aktuell gültig und hat den Stand Januar 2021.

Durch die Weiterentwicklung unserer Website und Angebote darüber oder aufgrund geänderter gesetzlicher beziehungsweise behördlicher Vorgaben kann es notwendig werden, diese Datenschutzerklärung zu ändern. Die jeweils aktuelle Datenschutzerklärung kann jederzeit auf der Website von Ihnen abgerufen und ausgedruckt werden.