Netter Kerl: Unser Tod. Kaum war er da, war er schon wieder fort

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Die letzten Tage hatte es geregnet, heute war es schön. Zu schön, um im Haus zu bleiben.

Maris Gewehre konnten wir auch im Garten putzen. Keiner konnte reinschauen und sich wundern, was wir da taten, da wir hinterm Haus saßen. Es würde auch niemand kommen – Henning vielleicht, aber der wusste eh um unsere Profession. Carsten würde so einen Lärm veranstalten, wenn er ums Haus käme, dass wir genügend Zeit hätten, die Waffen verschwinden zu lassen. Und selbst wenn nicht, es würde ihn nicht kümmern. Carsten interessierte sich für nix außer seinen Trecker, Geradeauspflügen und runde Weiber. Einmal hatte Mari vom fahrenden Trecker aus Möwen abgeschossen, die, wie Carsten sich beschwert hatte, immer wieder seinen frisch geputzten Trecker vollschissen... Wow, das waren Treffer vom feinsten gewesen. Haben Sie schon einmal eine Möwe im Flug getroffen? Vom fahrenden Trecker aus? Mit Carsten am Steuerknüppel? Siehste!

Unter dem alten Birnbaum – es sind die perfekten Birnen für Birnen, Bohnen und Speck. Kennen Sie? Nein? Müssen Sie probieren... - ist es wunderbar schattig, ruhig und einfach schön. Deshalb haben wir unsere alte Bank ja auch dort aufgestellt. Weil es ein so schönes Plätzchen ist.

Hier sitzen wir häufig – eine Person, vier Persönlichkeiten: Jens (ich), Mari (ich), Rudi (ich) und Erbst (ich). Dann kommen wir aus unseren Gehirnzimmeräquivalenten auf die gemeinsame Agora, den zentralen Platz in unserem gemeinsamen Gehirn, um miteinander zu plaudern, ausstehende Dinge zu regeln (zum Beispiel, wann wer den Körper bekommt) oder Streite vor allem zwischen Rudi und Mari zu schlichten. Manchmal dösen wir auch einfach vor uns hin oder schlafen hier. Hier sind wir allein, hier können wir es sein.

„Moin“, sagte der Typ neben mir, der eben noch nicht da gewesen war, und „Tach auch“ und „wie geht´s?“ – ein Schnackfatt aslo. Wenn er aus dem Nichts kommen konnte, warum konnte er nicht einfach dasitzen und nichts sagen, wie ein normaler Mensch. Nein, er musste ja mit dem Gequassel loslegen. Andererseits, wer war er, woher kam er, wie kam er hier rein und – last but not least –, was wollte er?

Die Situation erforderte, dass wir ihn das fragten. Ich hatte den Körper, würde ihn aber jederzeit an Mari abgeben, sollte das gewehrschussmäßig erforderlich werden.

„Wer bist Du?“, fragte ich also und „woher kommst Du?“, und „wie bist Du reingekommen?“, und „was willst Du?“.

Man, das war die reinste Suada, zumindest für die Verhältnisse in Ostholstein. Wahrscheinlich die meisten Fragen im längsten Satz, der hier in den letzten 500 Jahren einfach so gesprochen worden war. Ausgenommen unsere Pastoren, die neigen ja auch gerne zur Schwatzhaftigkeit, aber da geht ja auch keiner hin. Die Leute hier wissen, warum...

„Tja“, seufzte der Fremde, „das sind mindestens vier Fragen auf einmal, und wo soll ich beginnen zu antworten? Reingekommen bin ich von unten, er zeigte auf den Gartenboden, und daher komme ich auch, dort gibt es nämlich einen Highway to hell und wer ich bin? Ein Kollege, Kollegen... Hallo Mari, sagte er, wegen Ladies first, hallo Jens, hallo Rudi, hallo Ernst. Klar, ich kenne Euch! Ich muss nach Euch immer den Dreck beseitigen...“

Das nun war, fanden wir, der absolut passende Moment, um baff zu sein, wieso kannte er uns? Und dann noch jeden von uns?

„Dreck beseitigen?“, denkfragte Mari, „Wie meint er das denn? Was meint er mit nach uns? Und wieso er. Ich dachte, das machen Tatortreiniger...“

„Ganz einfach, liebe Kollegin Mari“, sagte er, Du erschießt einen, zwei oder mehr... Ja, glaubst Du denn, damit sei es getan? Klar, da ist das Körperliche – die Leiche und der ganze Rest, das ist einfach: Tatortreiniger, Zusammenkehren, Wasser marsch etc. Bald ist von Deiner Arbeit nichts mehr zu sehen, nur noch Erinnerung!

Aber da ist ja noch das Seelische. Mit dem Körper allein ist es nämlich nicht getan. Da ist doch mehr... Und davon bleibt ein Teil an der Stelle des Todes und der Rest diffundiert gaaanz langsam. Da kommen wir dann ins Spiel.“

„Mehr?“, denkfragte Mari, „ich schieße dem Scheißkerl das Gehirn zwischen den Ohren weg und aus ist´s, oder? Was soll da noch mehr sein? Und was soll da noch bleiben. Will der uns sagen, von jedem Toten bleibt etwas am Tatort kleben?“

„Naja, ich möchte mich vorstellen: Gestatten, ich bin Ein Tod. Ich komme, wenn Ihr zugeschlagen habt. Zugegeben, Ihr macht das mit höchster Akkuratesse und Eleganz, das sehen wir selten...“

„Ein Tod? Ich denke, das ist Der Tod? Wir?“, denkfragte ich jetzt. Gibt es mehrere Tode?

„Natürlich gibt es viele Tode.Wir bevorzugen übrigens die Bezeichnung „ Todesarbeiter“. Und ich darf mit Stolz sagen, dass jeder von uns Todesarbeitern systemrelevant ist.

Ein Tod allein kann die Arbeit ja gar nicht machen. Stellen Sie sich uns im Ganzen als Todes-Holding vor. Und darunter viele Todes-Firmen. Es gibt, das müsst Ihr bedenken, ja nicht nur Euch, um die wir uns kümmern müssen. Es gibt Millionen bewohnte Planeten allein in Eurer Galaxis. Und Fantastilliarden Galaxien in Eurem Universum. Und immer und überall wird gestorben. Und überall muss hinterher aufgeräumt werden...

Das Beispiel mit den Firmen trifft es zwar nicht völlig, aber doch ziemlich gut. Wir haben eine Holdingleitung, viele Firmenleitungen, überall sehr erfahrene Manager des Todes, und mehrere Abteilungen. Eine beschäftigt sich mit Kriegsopfern, eine mit Flüchtlingen und so, eine mit Drogenopfern, eine mit Kranken und Lahmen... und so weiter.

Ich bin von einer Spezialgruppe, wir beschäftigen uns nur mit Anschlagsopfern und so. Interessant, sage ich Euch, echt interessant – was den Killern alles einfällt. Genial! Einerseits, andererseits aber auch Scheiße. Wenn Du, Mari, glaubst, Du hättest jemanden das Gehirn weggepustet, dann stimmt das nur bedingt. Klar hast Du das gehirn weggepustet. Aber das Leben ist, ob Du es glaubst oder nicht, tatsächlich mehr als nur Biologie und Biochemie. Nein, da ist auch Transzendentales. Ihr nennt es, glaube ich, die Seele.

Die hast Du nämlich auch in Fetzen geschossen. Und jeder Fetzen lebt noch, weil die Seele und ihre Fetzen unsterblich sind. Der Körper ist mehr oder weniger nur ein dreidimensionales Gefäß. Das ist sterblich. Das kennt ihr. Das bringt Ihr um. Das ist Euer Business. Aber da ist mehr. Und zwar in den Dimension jenseits der ersten drei oder vier, die vierte ist die Zeit, das wisst ihr doch. Ab der fünften sind es Dimensionen, die für Euch nie und nimmer zugänglich oder verstehbar sind. Die sind weder Raum noch Zeit, die sind auch nicht krumm oder gerade oder schief oder gerollt, nein, die sind einfach ... anders. Man kann es nicht anders sagen. Kein Analogon. Da im Unvorstellbaren kommt das Seelische zum Tragen. Ihr könnt es gar nicht sehen können. Dazu seid Ihr Menschen viel zu beengt, beschränkt in Euren Vorstellungen – äh, jetzt nicht böse sein, ist auch nicht böse gemeint, ist einfach so... Ich und meine Kollegen beherrschen diese Dimensionen schon. Für Euch ist die beste Annäherung die Religion. Die sind zwar meilenweit von der Realität entfernt, aber doch am nächsten dran. Und die im Vatikan arbeiten ja auch eng mit Euch und damit mit uns zusammen. Das Kardinalsrot ist übrigens ein Teilaspekt der sechsten Dimension, komisch nicht? Hat vielleicht iregndwann einmal abgefärbt...

Das was Ihr jetzt gerade von mir wahrnehmt, ist nur ein „Gefäß“, nur ein dreidimensionaler Schatten eines vieldimensionalen Wesen aus einem noch vieldimensionaleren Raum. Wenn Ihr meine wahre Gestalt in allen Dimension wahrnehmen könntet, würdet Ihr vermutlich verrückt werden. Also lasst es damit gut sein.

Und ehrlich, Mari, das, was Du anrichtest, ist so eine so vieldimensionale Sauerei, das kannst Du Dir beim besten Willen nicht vorstellen. Echt. Manchmal könnte ich kotzen, wenn ich das sehe, was nachbleibt, wenn Du mal wieder getroffen hast. Ich muss das ganze x-dimensionale Geschmodder dann wieder zusammenkehren und irgendwie wieder zusammenführen. Also die Reste, vollständig war das bei keinem Deiner Opfer mehr. Das ist selbst für einen kompetenten Todesarbeiter wie mich oft eine echte Herausforderung!“

„Von meiner Arbeit redest Du gar nicht“, denkmischte sich Rudi ein, „was ist mit den Seelen, wenn ich fertig bin?“

„X-dimensional verdrehte Scheiße, mein lieber Rudi, um es korrekt zu beschreiben“, antwortete er, „der Schmerz verdreht die Seelen zu verdammt vieldimensionalen Seelenknoten, die wir dann entknoten müssen. Eine Scheißarbeit, das kann ich Dir sagen, Rudi. Und schmerzhaft für das Seelchen.“

„Geil“, war alles, was Rudi denkherausbringen konnte.

„Heißt das, es gibt einen Himmel und eine Hölle?“, denkwollte ich wissen.

„Himmel würde ich das nicht nennen wollen, jedenfalls nicht in Eurem Sinne, was man so liest. Ist auch ziemlich leer, die können dort Jahrtausende wandeln, ohne eine andere Seele zu treffen. Nicht schön. Die Hölle würde ich schon eher Hölle in Eurem Sinne nennen. Ja, da kann es unangenehm sein. Also zum Beispiel, wenn man keine Musik von AC/DC oder Meat Loaf mag... Die laufen wirklich ziemlich laut in einer Dauerschleife. Und wenn ich Dauerschleife sage, meine ich Dauerschleife – so mehrere Millionen Jahre pro Schleife – nach Euren Maßstäben. Aber die dürft Ihr da nicht anlegen. Ist schon alles ganz anders als hier. Höllisch. Aber irgendwie dann doch wieder nicht sooo schlimm! Obwohl... Und da sind die Seelen und Seelenreste auch nicht lange, das ist mehr so ein Durchgangslager. Nach vier oder fünf Schleifen sind die Seelen wieder raus.“

„Und dann“, denkwollte Ernst wissen, „was kommt dann? Seelenwanderung? Auferstehung?“

Der Tod lachte (dreckig). „Ernst, das bist Du doch, oder? Ernst, Du denkst zu vierdimensional... Nein, keine Seelenwanderung, keine Wiedergeburt als Wurm oder Reh oder Walfisch, keine Auferstehung, nichts von dem... Das mit der Auferstehung war allerdings eine richtig gute Geschichte, die in der Firma immer wieder erzählt wird. War aber Quatsch. Ehrlich gesagt, wen wir haben, den haben wir. Uns ist noch nicht einmal ein toter Regenwurm durch Auferstehung ausgekommen!

Wenn eine gewisse Menge Seelen zusammengekommen sind, werden sie zusammengepackt...“

„Zusammengepackt?“. Das denkwar Ernst. „Wie muss man sich das vorstellen? In Containern?“

„Viel zu vierdimensional, Ernst, nein anders...“

„Wie soll ich mehr als drei oder vier Dimensionen denken?“, denkwollte Ernst wissen, „das ist unmenschlich!“

„Genau“, antwortete der Tod, „lass es, Du kannst es doch nicht. Es ist ja nicht so, dass ich Dir nicht helfen wollte. Aber Mensch bleibt Mensch. Mensch bleib bei Deinen Leisten.

Die einzigen Menschen, die den Dimensionsvorhang jemals ein wenig lüften konnten, waren Einstein, Heisenberg und Hawkins. Alle anderen Denker und sog. Denker davor und danach sind gescheitert und werden scheitern. Ihr auch. Schade, denn Ihr sein eigentlich ganz nett!“

„Warum bist Du hier“, denkwollte Rudi jetzt wissen und ich fand es erstaunlich, dass es ausgerechnet Rudi war, der die Frage stellte, „willst Du uns holen, sollen wir sterben oder sind wir etwa schon tot?“

„Erschlagen von einer harten Birne für Birnen, Bohnen und Speck (übrigens galaxisübergreifend lecker!)?“, lachte unser Tod, „von einer Birne, die tödlich vom eigenen Baum fiel? Nein, ich kann Euch beruhigen – Ihr habt noch viele erfolgreiche Jahre vor Euch! Und ich werde mich viel in Eurer Nähe rumtreiben, denn Ihr vier seid wirklich interessant. Da können sich die Straßenkriege Mexikos oder die Drogenkriege in Kolumbien und den USA verstecken. Maris Treffsicherheit ist verblüffend, Rudis Grausamkeit faszinierend, Jens Organisiertheit ist für einen Laien langweilig, für einen Profi aber absolut faszinierend und Ernst..., nun ja, er wird weiter an sich arbeiten, denke ich, und Großes leisten! Nein, es wäre viel zu schade, Eure Morde nicht aus der Nähe mitzuerleben!“

„Danke“, denkdachten wir vier in einem einzigen Gedanken.

„Was passiert mit den Seelen und Seelenteilen nach der Hölle“, denkwollte Ernst wissen.

„Gute Frage“, sagte unser Tod nachdenklich, „genau weiß ich es auch nicht. Aber es passiert etwas in der neunten Dimension, die korrekte Übersetzung ins Dreidimensionale lautet „Quarkstrudeln“...“

„Quarkstrudeln“, denkdachte Mari fassungslos, „quarkstrudeln?“

„Ja, so in etwa, nur anders betont... Weniger auf Quark und mehr auf strudeln. Mit einem Hauch neunte Dimension. Sagt Euch das was?“

„Quarkstrudeln“, denkdachte Ernst, „“das kann nicht Dein Ernst sein...“

„Naja, in der neunten Dimension, das ist schon etwas anderes. Da drehen sich die Seelenteile durch ein weißes Loch in ein anderes Universum... Das könnte Ihr Euch als eine Art multidimensionales Glory Hole für Seelen vorstellen. Das ist gleichzeitig eine Art Import-Export. Man sagt, wir kriegen deren Seelenmüll und die unseren. Da ist sehr, sehr viel Energie drin. Die soll die Ursache für die Expansion des Universums sein. Mehr weiß ich auch nicht. Ist in der Firma irgendwie geheim. Da ist dann auch Schluss für mich, müsst Ihr wissen...“

„Rudis Seelenknoten treiben die Expansion eines Paralleluniversums an. Das hätte ich nicht gedacht“, denksagte Ernst nachdenklich und denkfügte hinzu: „Rudi, das ist wirklich etwas Größeres. Darauf kannst Du stolz sein. DAS hätte ich Dir nicht zugetraut, ehrlich, Chapeau!“

„Tja“, denkantwortdachte Rudi, „typisch, mir traut hier ja eh keiner etwas zu!“

„Ich muss los“, sagte Unser Tod, „war schön, Euch mal persönlich kennengelernt zu haben, war wirklich nett bei Euch. Man sieht sich. Irgendwann... Aber bis dahin seid vorsichtig, mich dünkt, es gibt wage Ansätze, Euch auf die Spur zu kommen. Keiner weiß nichts Genaues. Nichts Konkretes. Aber Ihr habt viele ermordet... Aber ich kann und werde Euch schon helfen – vieldimensional. Also keine Sorgen.“

Weg war er. Es gab nicht einmal ein leises Plopp, als die Luft in des Vakuum einströmte, dass sein verschwinden hinterlassen hatte. Es war, als sei er nie da gewesen.

„Irgendwie ein netter Kerl, oder?“, dankfragte Mari, „Unser Tod. Sozusagen unser seelischer Tatortreiniger, oder? Und dreidimensional ein hübscher Bursche!“

„Ja, aber neundimensional kann das schon ganz anders aussehen“, denkmeinte Ernst, „denk an das, was er gesagt hat.“

„Man, und ich dreh am Universum“, danksagte stolz wie ein Spanier Rudi, Wer hätte das gedacht?“

„Ich jedenfalls nicht“, denkgab Mari schlagfertig zur Antwort.

„Blöde Kuh“, denkschimpfte Rudi beleidigt.

Mit einem lauten „Ist da wer?“, kam Carsten um die Ecke. Untern Arm hatte er einen Kasten Bier. „War da eben nicht noch einer? Ich dachte, ich hätte ´was gehört... Naja, wer nicht da ist, will auch kein Bier. Elsa kommt auch gleich, die hat den Dörpkro einfach mal zu gemacht, hatte keine Lust heute, ich bringe schon mal was zu trinken...“

„Oh nee“, denkschimpfte Mari, „da werde ich nicht gebraucht, von hier aus könnt ihr allein ins Bett schwanken.“ Damit war sie fort.

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6.2 WIDERSPRUCHSRECHT
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7. Speicherdauer personenbezogener Daten und Löschung
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