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Lehren aus einem Bücher(telefon)zellen-Betrieb.

Klaus Bock by Klaus Bock

Wir – meine Frau und ich – betreuen oder betreiben eine Büchertauschzelle in Stralsund.

Interessierten potenziellen Auchbetreibern so einer Büchertauschzelle möchte ich im Folgenden ein paar Lehren aus zweijähriger Erfahrung mitgeben.

Telefonzellen sind inzwischen rar geworden. Gebrauchte und nicht mehr benötigte Zellen kann man aber noch bei der Telekom in einem Zentrallager bei Potsdam kaufen und abholen. Die gelben Zellen sind allerdings seit Jahren ausverkauft. Unsere Zelle hat die Stadt Stralsund auf unsere Anregung hin aus eigenem Bestand aufgestellt. Die Bücherzelle wurde gut angenommen, und wird von Lesern gerne als kostenlose Bücherquelle benutzt. In unmittelbarer Umgebung gibt es verschiedene Altenheime und Betreute-Wohnen-Einrichtungen. 

Jede Bücherzelle braucht (mindestens) einen Betreiber, der | die ab und zu die Scheiben putzt, den Boden fegt und den größten Mist an Büchern entsorgt – Sie glauben ja nicht, welchen Mist Menschen da reinstellen. Wir haben u.a. entsorgt:

  • Gefühlt „alle“ Duden-Ausgaben (Ost und West) ab 1950
  • Lexika (alt, aber nur wenige „ausgewählte Bände))
  • Atlanten (Vorkriegsware, noch mit Großdeutschland und mit deutschen Kolonien!)
  • IKEA-, Otto-, Conrad- und sonstige Kataloge
  • Selbsthilfe-Broschüren von Ministerien und diversen Organisationen (gerne Hartz-IV-Optimierung)
  • Medizinische Lehrbücher (>25 Jahre alt)
  • Lehrbücher diverser Studiengänge (>25 Jahre alt, mit dem Wissensstand fällst Du heute durch jede Prüfung)
  • Zeitschriften (10 Jahre alt)
  • Schulbücher (mindestens 10 Jahre alt)
  • Pornografie

So kann es schon einmal aussehen...

So kann es auch schon einmal aussehen...

Wir hatten die hübsche - aber sehr laienhafte - Vorstellung, Menschen würden sich einen Roman kaufen, ihn lesen und dann als fast neues Buch in die Bücherzelle einstellen. So ist es aber nicht gelaufen. Von der Sorte haben wir offenbar nur eine Einstellerin. Die anderen betrachten „unsere“ Bücherzelle offenbar als freies Entsorgungslager – gerne nach dem Tod der Oma, um deren Bücher, die den Krieg überlebt haben, loszuwerden. Sie glauben ja nicht, was für ein Krampf da zusammen kommt: Bücher die nass geworden sind und entsprechend stinken, völlig verdreckte Bücher aus Keller oder Boden. Son Zeug eben. Zeug, was zum Entsorgungshof gehört und nicht in „unsere“ Bücherzelle.

Offenbar betrachten manche Menschen ein Buch als etwas, was einen Ewigkeitswert hat: Einmal gedruckt und gebunden – das kann man doch nicht wegwerfen, das ist doch wertvoll. Das ist es eben nicht. Aber das ist doch ein Buch, oder? Das kann man doch nicht werfen. Das ist doch Kulturgut. Nein, nur ausgewählte Bücher sind Kulturgut. Die anderen sind Verbrauchsliteratur und irgendwann Müll.

Das mit dem gefühlten „Wert“ ist nur meine höflich formulierte Vermutung! Im Ernst, ich glaube, diese Müllentsorger wollen uns nur ärgern und ihr Zeug schnell und unkompliziert loswerden. Deshalb kommen sie auch nachts und kippen ihre Ladung einfach in die Zelle. Echt! Zu verhindern ist das nicht – wohl nur mit einer 24 Stunden 365 Tage Rundumüberwachung. Vielleicht mache ich das irgendwann sogar mit einer Videokamera. Ist mir völlig egal, ob das legal ist oder nicht. Ich will die Mistkerle erkennen und kennen lernen. Mal sehen, ob die stärker sind als ich. Davon mache ich abhängig, was ich dann unternehme.

Dass ein paar „Halbstarke“ sich nachts nach einer Taschenflasche Wodka und zwei Flaschen Bier auf dem Nachhauseweg vom Strand ab und zu an der Bücherzelle randalieren, muss man wohl hinnehmen, kommt auch nicht so häufig vor. Mein Gott, wenn ich daran danke, was ich damals in dem Alter gemacht habe... Na gut, ist alles verjährt! Nein, so schlimm war es auch wieder nicht. Aber ab und zu höre ich diese jungen Stimmen im Dunklen in der Nähe unser Zelle - sie sind sooo jung und irgendwie wollen sie ja auch ihren Mädchen mit Heldentaten imponieren, oder? Und was sollen sie denn sonst machen?

Neulich kam ein Nachbar, um mir mitzuteilen, dass die Halbstarken 300 Meter entfernt einige Bücher zerrissen und die Blätter verteilt haben. Offenbar vertrat er die Meinung, ich müsste die Reste einsammeln und wegwerfen. Ich habe nur gefragt, ob er den Müll denn entsorgt habe? Er hat dumm geschaut, echt. Und ich habe nicht eingesehen, dass ich da mit Schaufel und Besen hinrennen sollte – überhaupt nicht…

Stattdessen kaufen wir ab und zu ein paar "gute" Taschenbücher, um die Zelle aufzufüllen, wenn sie droht, leer zu laufen. Alle paar Wochen ist "großreinemachen" in der Zelle angezeigt. Dann kommen die Nachbarn (die zwischen 25 und 50 Jahre jünger sind als wir), um uns zu loben, und um zu betonen, wie toll sie finden, dass wir die ganze Arbeit machen und dass wir so viel und bewunderswerte "Sozialkompetenz" zeigten... Ist ja gut, aber glauben Sie nicht, dass sich einer einmal angeboten hat, mit Hand anzulegen.

Insgesamt macht die Sache aber Spaß.

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